Zehdenick. Das Bürgerhaus um 1800

„[…] daß es jetzt selbst eine Art Modeton ist, schön wohnen zu wollen“. Haus, Stadt und bürgerliche Gemeinschaft im öffentlichen Diskurs der Jahre um 1800

Die „negativen Pflichten des Staates“ und die dauerhafte Melioration der Städte

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Seit Friedrich Wilhelm I. war es in Preußen mehr und mehr üblich geworden, den Bürgern die Umsetzung feuerpolizeilich und hygienisch begründeter städtebaulicher, aber auch ästhetischer Forderungen durch die Gewährung von Bauhilfsgeldern gewissermaßen abzukaufen. Gerade dieses Verhältnis zwischen dem allgemein anerkannten Prinzip, Gemeinwohl hätte den Vorrang vor Einzelinteressen, und dem ebenso gültigen Grundsatz der Billigkeit, der bei staatlichen Eingriffen in das private Eigentum, die zugunsten des Gemeinwohls vorgenommenen werden, eine angemessene Entschädigung fordert, wird seit den 1780er Jahren öffentlich diskutiert.

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Der Wiederaufbau Neuruppins, das letzte großflächig umgesetzte Projekt einer absolutistischen Retablissements- und Stadtverschönerungspolitik, ist auch in dieser Hinsicht exemplarisch. Wie Reinisch gezeigt hat, geriet man bei Anwendung der alten, über 100 Jahre erarbeiteten und vervollkommneten Instrumentarien gerade im Bezug auf die grundlegenden Fragen von Privateigentum und Gemeinwohl, in Schwierigkeiten. Reinisch konstatiert, daß dabei „die mehr oder weniger regellose, wenigstens unsymmetrische Verteilung der Bodenstücke, daher dann auch die Gruppierung der Häuser mit ihren Höhendifferenzen und den unterschiedlichen Fassaden vom Gesellschaftsmodell her begründet“ wurde.337 Für Neuruppin gewinnt dieses Gesellschaftsmodell in einem rechtlichen Gutachten zum Wiederaufbaureglement Konturen, das der Justizminister Johann Heinrich Kasimir Graf von Carmer im Februar 1788 erstellt.338 Dessen zentrale Fragestellung ist, inwieweit es mit der Theorie des Rechts vollkommen bestehen kann, daß durch die obrigkeitlichen Planungen Eingriffe in die Eigenthums-Rechte der Privatorum verbunden würden. Als Voraussetzung für diese als problematisch angesehenen Eingriffe benennt von Carmer die Absicht zum Besten des Ganzen und die Verknüpfung mit den vom König gewährten großen, den abgebrannten Einwohnern zu erweisende beneficia. Die Bürger sollen durch finanzielle Unterstützung und die Zusicherung, es geschehe zum Besten der ganzen Stadt, zur Hinnahme der Eingriffe in ihr Eigentumsrecht bewegt werden.

Stellung und Wertung des Privateigentums war auch im Rahmen der großen preußischen Gesetzesreform, an der Carmer als Hauptautor des 1794 in Kraft getretenen Allgemeinen Landrecht maßgeblich beteiligt war, ein Thema, das in den aufklärerischen Zeitschriften (Berlinische Monatsschrift) und Zirkeln (Mittwochsgesellschaft) heftig diskutiert wurde. Nicht zuletzt wegen der Französischen Revolution blieb man bei der Unterscheidung zwischen dem Eingriff des absoluten Herrschers, der, zum Gemeinen Besten vorgenommen, ohne Rechtsschutzmöglichkeit zu akzeptieren sei, und der aus solchen Eingriffen rechtmäßig zu fordernden Entschädigung, über deren Höhe durchaus ein Rechtsstreit geführt werden könne.339 In der Realität hieß dies, daß es deutlich schwerer wurde, großflächige Eingriffe der Obrigkeit in die Sphäre des Privateigentums zu verwirklichen. In Neuruppin war dies nur mit einem gewaltigen finanziellen und planerischen Aufwand möglich gewesen. Wenn dem Staat zudem, wie spätestens seit Mitte der 1790er Jahre in Preußen, das Geld für großzügige Entschädigungen fehlte, war auch das eigentlich verbriefte Recht der Enteignung durch den Herrscher und seine Vertreter zugunsten des Gemeinwohls nicht mehr ohne weiteres durchzusetzen.

Im Zuge der Diskussion des Allgemeinen Landrechts wurde auch der Staatszweck einer eingehenden Prüfung unterzogen. Dabei gab es Ansätze zu eine grundlegend neuen Wertung: In dem Versuch einer Critik des Allgemeinen Gesetzbuches, der 1792 in der Berlinischen Monatsschrift erschien, wird beispielsweise gefordert, daß mit Gewalt nur der Zweck der öffentlichen Sicherheit verfolgt werden dürfe, zu seinem Glück dürfe hingegen niemand gezwungen werden. Ausschließlicher Staatszweck sei die gröstmögliche Sicherstellung des Lebens [...] und des erworbenen Eigenthums aller Bürger und Einwohner des Staats gegen Gewalt und Beeinträchtigung.340 Ganz ähnliche, von Matthias Bohlender als „Geburtstunde der neuen liberalen Regierungskunst“ verstandene Gedanken formuliert Wilhelm von Humboldt 1792 in seinen Ideen zu einem Versuch, die Gränzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen. Darin fordert er kategorisch:

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Der Staat enthalte sich aller Sorgfalt für den positiven Wohlstand der Bürger und gehe keinen Schritt weiter, als zu ihrer Sicherstellung gegen sich selbst und gegen auswärtige Feinde notwendig ist; zu keinem andern Endzweck beschränke er ihre Freiheit.341

Bohlender hat diese „neue Kunst des Regierens“, die ihr Aufgabenfeld in der „Sorge um die Freiheit der Bürger“ fand, anhand zweier maßgeblicher Kritiken des aufgeklärten Absolutismus erläutert.342 Wie Adam Smith’ Wohlstand der Nationen(1776) eine Kritik der ökonomischen Staatsvernunft gewesen sei, so seien Kants in den 1790er Jahren entwickelte Gedanken zu Gemeinwohl, öffentlichem Recht und Freiheit nicht zuletzt eine Kritik an der herrschenden politischen Staatsvernunft gewesen. Das Ziel der politischen Ökonomie Smith’ und des Vernunftrechts Kants sei es gewesen, die „überkommene merkantilistisch-kameralistische und polizeylich-paternalistische Staatsvernunft anzugreifen“. Vor dem Hintergrund der sich ändernden sozialen und ökonomischen Verhältnisse und der drohenden gesellschaftspolitischen Verwerfungen (Revolution einerseits, Zensur und Reaktion andererseits), hätten beide die Freiheit als wesentliches Prinzip in das Verhältnis zwischen Regierenden und Regierten einbringen wollen. Bohlender faßt dies folgendermaßen zusammen:

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Die Einbeziehung der Freiheit in das Regierungsverhältnis zwischen Souverän und Bevölkerung entbindet den Herrscher von einer alten Pflicht, die zur Last geworden ist: die Sorge um das Wohl der Bevölkerung. Dabei bleibt aber das alte Regierungsziel bestehen: nämlich die Erhaltung und Stärkung der Kräfte des Staates, oder – in der neuen Sprache der politischen Ökonomie – die Erhaltung und Stärkung des Wealth of Nations. Die neue Pflicht des Staates heißt nun zu allererst, die Freiheit der Bürger zu fördern und zu sichern.343

Wie sehr derartige Ansichten über die Bedeutung der Freiheit für die wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Zielsetzungen des Regierens um 1800 verbreitet waren, zeigt sich beispielsweise im Werk des Berliner Statistikers Leopold Krug. In den 1805 veröffentlichten Betrachtungen über den National-Reichthum des preußischen Staats, und über den Wohlstand seiner Bewohner findet sich eine direkte Übertragung dieser neuen Werte auf den Bereich des Bauens, speziell den Bürgerhausbau. In der Einleitung konstatiert Krug zunächst rückblickend:

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Der größte Theil unserer theoretischen Staatswirthschaftslehrer wolte ein positives Prinzip der Wissenschaft aufstellen – und wirklich hätte Justi mit seinem Grundsatz: daß die Beförderung der allgemeinen Glückseeligkeit das oberste Prinzip aller Staatswirthschaft sey [...] noch unter allen positiven Grundsätzen den besten Weg eingeschlagen, wenn der Begriff Glückseeligkeit in unserer Sprache überhaupt bestimmbar wäre.344

Auch die seit dem 17. Jahrhundert gültige Bestimmung des Staatszwecks in der Vergrößerung der bürgerlichen Gesellschaft durch Beförderung der Bevölkerung lehnt Krug entschieden ab. Vor allem mit Blick auf die hygienischen und sittlich-moralischen Zustände in den größeren Städten, in welchen große Theile des Nationalschatzes Preußens verzehrt würden, seien zu viele Einschränkungen nötig. Entsprechend den neuen Vorstellungen, wie sie von Smith, Kant, Humboldt und anderen formuliert worden waren, stellt er seine eigene Sichtweise gegen diese alten Staatszweckdefinitionen:

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Ich habe bei meinen Betrachtungen über das Wesen der Staaten und der Staatsregierungen einen andern Weg gewählt, und ich stelle das Prinzip auf, das dem Staate nur negative Pflichten auferlegt, nemlich: die Hinwegräumung aller Hindernisse, welche der Kultur des physischen und ökonomischen, des moralischen und intellektuellen Wohlstandes einer Nation im Wege stehen.345

Krug legt Wert darauf, die Auswirkungen der alten Staatswirtschaft und Möglichkeiten der neuen bild- und zahlenreich zu veranschaulichen. Dies gilt auch für seinen zentralen Gedanken von den ausschließlich negativen Pflichten des Staates:

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Wenn die staatswirthschaftliche Verwaltung eines Staates nach positiven Prinzipien verfährt; wenn sie durch ihre Veranstaltungen den Wohlstand ihrer Bürger b e f ö r d e r n zu können glaubt; wenn sie über das Prinzip: die Hinwegräumung aller Hindernisse [...], hinausgeht, so werden viele ausserdem sichere Kennzeichen des Wohlstandes unsicher und der Beobachter, der Reisende, der theoretische Staatswirth bauen auf Sand, wenn sie einzelne Kennzeichen des Wohlstands, welche sie hier und da finden, zu einem allgemeinen Urtheil über die ökonomische Lage der Nation gebrauchen wollen.346

So seien, fährt Krug mit einem Bild fort, schöne, kräftige Pferde, die ein Feld beackern, nicht nur ein schöner Anblick, sondern sie würden üblicherweise auch auf den Wohlstand des Gutsbesitzers und den Ertrag seiner Wirtschaft verweisen. Wenn nun aber zur Aufzucht der Pferde des Gutsbesitzers kostbare Stuttereien und Beschälanstalten mit Geld aus dem Staatshaushalt unterstützt und künstlich erhalten würden, so wäre der gesamtgesellschaftliche Erfolg und der wahre Wohlstand des Gutsbesitzers durchaus nicht an den schönen Pferden ablesbar. Diesem Beispiel, in dem offen Kritik an der kostspieligen Wirtschaftspolitik Friedrich Wilhelms II. geübt wird,347 stellt Krug in seinem umfangreichen Werk zahlreiche Exempel zur Seite, die derselben Überlegung folgen.

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Da die wirtschaftliche Situation der Städte, vor allem der kleinen Landstädte, einen Schwerpunkt seiner Betrachtungen ausmacht, beschäftigt sich Krug intensiv mit der Gewerbepolitik, den Handelsbeschränkungen und den Folgen der kommunalen Schulden in Form von jährlichen Zinsen. In diesem Zusammenhang verwirft er ein Instrument staatlicher Baupolitik, das seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert in Preußen sowohl zur Hebung der Bevölkerungszahl als auch der Wirtschaftskraft in großem Umfang angewandt worden war – die Förderung des privaten Wohnhausbaus durch Bauhilfsgelder:

Es werden jährlich beträchtliche Summen Baubenefizgelder an die Neubauenden in den Städten bezahlt, und ich lege daher die Frage zur Beurtheilung vor: ob es nicht für den Wohlstand der Städte vortheilhafter seyn würde, diese Fonds zur Abzahlung der Kämmereischulden zu bestimmen?348

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Als Statistiker fällt es Krug nicht schwer nachzuweisen, daß, wenn man die Bauhilfsgelder der letzten fünf Jahre zur Tilgung der Schulden aller kurmärkischen Kämmereien benutzt hätte, diese vollständig beglichen worden wären. Durch den Wegfall der jährlich zu bezahlenden Zinsen der Schulden hätte man den Wohlstand der Städte längerfristig befördert, ohne die geringste Belästigung der Einwohner, ohne irgend eine auch nur scheinbare Unbilligkeit oder Ungerechtigkeit. Für Krug ist die Auszahlung der Bauhilfsgelder keine Fördermaßnahme mehr, die dem allgemeinen Besten dient. Darüber hinaus aber hält er das dahinter stehende Prinzip absolutistischer Wirtschaftsförderung schon im Kern für falsch und moralisch verwerflich:

Unmittelbare Geschenke aus dieser Kasse [dem Bauhilfsgelderfond, C.B.] an einzelne Bürger können zwar die äussere Verschönerung der Städte durch neue Gebäude bewirken, aber sie können auch leicht ein Mißverhältniß zwischen dem äussern Glanz und dem innern Wohlstande der Städte hervorbringen; sie treffen in der Regel nicht den Bedürftigen, der schon wegen seines eingeschränkten Vermögens nichts auf einen Bau verwenden kann, bei welchem ihm dann aus der Kasse nur Hilfsgelder gegeben werden. Wenn der steigende Wohlstand des Ganzen die Verschönerung der Städte und der Gebäude herbei führt, so ist dies die dauerhafteste Melioration, und der Beobachter wird dann nicht falsch schließen, wenn er aus der Zunahme der äusseren Schönheit unserer Städte die Zunahme des wirklichen Wohlstandes derselben beweiset.349

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Das Bauhilfsgeld, das alte, von der staatlichen Verwaltung ebenso gerne gebrauchte wie von den bauwilligen oder ‘abgebrannten’ Bürgern als selbstverständlich angesehene Förderinstrument der absolutistischen Wirtschafts- und Baupolitik, belegt Krug pauschal mit dem Vorwurf, es fördere nur die Entstehung eines unwahren, kulissenhaften Bildes von Wohlstand, sei lediglich kurzfristig wirksam und zudem ungerecht, da das Geld nur an zum Bau fähige Bürger ausgezahlt werde. Krug selbst schlägt zur Beförderung des Wohlstands andere, langfristig wirksame, finanz- und wirtschaftspolitische Maßnahmen wie die Entschuldung der Kommunen vor, die auf ‘natürlichem’ Wege zu einer ehrlichen äußeren Schönheit der Städte führen sollen. Die scharfe Analyse des Statistikers Krug offenbart nicht zuletzt ein neues Verständnis vom Bild der Stadt und des Hauses und von der Art und Weise, wie sich darin der National-Reichthum des preußischen Staatsund derWohlstand seiner Bürgerausdrücken soll. Zum Charakter des Gebäudes, der Stadt und des Staates, welchem das jeweilige äußere Erscheinungsbild entsprechen muß, gehören nun auch, so ließen sich Krugs Überlegungen in die Begrifflichkeit der zeitgenössischen Architekturtheorie übertragen, die tatsächlichen wirtschaftlichen Voraussetzungen des Einzelnen, der Kommune und des Staates. Lügenhafte Geziertheit und unnatürliche Schminke unwahrer architektonischer ‘Wohlstandsbilder’ gelten als frevelhaft und verwerflich, sie entsprechen nicht der neuen wirtschaftlichen Logik und dem neuen moralischen Wertekanon.

„Auseinanderbau“ und „Mannigfaltigkeit“. Städtebauliche Leitbilder

Die Regulierung und Aufweitung der verschachtelten Stadtgrundrisse, Parzellenstrukturen und Hofbebauungen, um 1800 mit dem Schlagwort Auseinanderbau umschrieben, beruhte auf einer langen Tradition europäischer Planstadtvorstellungen.350 Schon als Johann Friedrich Penther 1744 einige Grundrisse von Stadtanlagen mit nahezu quadratischen Baublöcken und sich rechtwinklig schneidenden Straßen empfahl, traf er dabei ausdrücklich eine Auswahl vorbildlicher Lösungen der vorangegangenen zwei Jahrhunderte.351 Die nahezu identischen, geometrisierenden Stadtgrundrisse, die Franz Ludwig von Cancrin fast 50 Jahre später vorstellte, waren keineswegs die letzten Vorschläge dieser Art.

Abb. 32: Franz Ludwig von Cancrin: Stadtgrundrisse, aus: Cancrin 1792

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Beim genauen Hinsehen fällt auf, wie überaus groß Cancrin seine Straßen und Plätze bemißt und welch einseitige Begründung er sowohl für die Regularität an sich als auch für die Weite der Straßen und Plätze anführt. Für Nebenstraßen fordert er bei einer angenommenen Bebauung mit zweigeschossigen Häusern eine Breite von mindestens 60 Fuß (18,8 m), für Hauptstraßen bei dreigeschossiger Bebauung sogar bis zu 100 Fuß (31,4 m). Die Höfe der quadratischen Baublöcke sollen begrünt sein. Hinter der beispielhaft im Neuruppiner Retablissement verwirklichten „Weite der städtischen Räume“352 steht bei Cancrin eine argumentativ zugespitzte Vorstellung von Hygiene: Die gerade Führung und Breite der Straßen soll das Durchstreichen der Luft und so die Zerstörung der schädlichen Dünste ermöglichen.353 Eine gewisse Breite der Straßen soll zudem Licht in die Häuser bringen und verhindern, daß sich Winkel bilden, die, weil sie weder Luft noch Sonne haben, die Feuchtigkeit, die Kälte und die bösesten Dünste beherbergen.354 Neben der Hygiene treten andere traditionelle Erklärungsmuster wie das Gesetz der Schönheit – das Quadrat ist immer eine sehr schöne Figur355 – deutlich in den Hintergrund. Die Feuersicherheit wird in Cancrins Text gar nicht mehr mit der Ausformung des Stadtgrundrisses, sondern ausschließlich mit dem feuerfesten Baumaterial in Verbindung gebracht.

Den städtebaulichen Diskurs des ausgehenden 18. Jahrhunderts bestimmt neben dem Auseinanderbau auch die seit Marc-Antoine Laugiers Essai sur l’architecture (1753, dt. 1756) allgemein gültige Forderung nach Mannigfaltigkeit. Begründet wird die damit verknüpfte Ablehnung der hohen Regelungsdichte älterer Planstädte zunächst vorwiegend ästhetisch. Auch wenn das Konzept der Mannigfaltigkeit in das planerische Leitbild der rechtwinkligen Rasterstadt eingebettet bleibt, gelten die einförmigen Planstädte des 17. und 18. Jahrhunderts als ästhetisch unbefriedigend. Dieses Unbehagen hatte schon Penther verbildlicht, dessen Sympathie aber noch der stark reguliert wirkenden Komposition in fig. 1 galt.

Abb. 33: Johann Friedrich Penther: Stocken und Viertel von einem Eck b is zum andern, aus: Penther 1745

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Für Friedrich Christian Schmidt ist in den 1790er Jahren der alte Grundsatz, alle Gebäude gleich hoch anzulegen, und wie man sagt, unter ein Dach zu bringen, mit der beispielhaften Erfahrung der Einförmigkeit Mannheims für immer desavouiert.356 Christian Ludwig Stieglitz betont, Laugier weiterführend, man müsse bei aller zu fordernden Regelmäßigkeit des Stadtplans eine allzugroße Genauigkeit vermeiden, die jeden Theil der Stadt dem andern so ähnlich macht, daß man sich darin verirrt, die alle Gegenstände bis zum Ekel wiederhohlt und dadurch in eine so frostige Einförmigkeit ausartet und Langeweile erzeuge.357 Er fordert eine regelmäßige Figur und ordentliche Einrichtung, zugleich aber auch Abwechslung, Contrast, gute Wahl und zuweilen etwas anscheindende Unordnung. Cancrin empfiehlt bei der Bebauung der Platz- und Straßenkanten mit Wohnhäusern eine geschickte Abwechslung und wol angebrachte, nicht überhäufte Mannichfaltigkeit.358 Zwar solle man darauf achten, daß keine Straße der anderen völlig gleich sei, sondern stark, und wenig, oder gar nicht verzierte Häuser immer miteinander abwechseln, doch müsse man andererseits jede Seite eines Quartiers nach einer gewissen Symmetrie mit höheren und niedrigeren Häusern bebauen, so daß nur an gleichnahmigen Orten gleich hohe Häuser [...] zu stehen kommen.

Abb. 34: Friedrich Christian Schmidt: Gestaltung einer Straßenseite bzw. Blockkante, aus: Schmidt 1790-99, Bd. IV/2, Tab. 1e

Die um 1800 aktuelle Vorstellung von einer vorbildlichen Straßenfront illustriert Schmidts Plan zur Anlage einer Vorstadt. In der symmetrischen Verteilung und Komposition der Baukörper durchaus noch mit Penther vergleichbar, bemüht sich Schmidt, die Häuser durch räumliche Separierung und abwechslungsreiche Fassadengestaltung in ihrem individuellen Erscheinungsbild zu steigern. Symmetrisch geordnete Mannigfaltigkeit innerhalb eines möglichst regelmäßigen Rasterplans – mithin nach planungstechnischen und künstlerischen Gesichtspunkten geordnete Individualität – so soll man nun die Straßen- und Platzkanten gestalten.

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Auseinanderbau und Mannigfaltigkeit sind im ausgehenden 18. Jahrhundert Teil des aufklärerischen Diskurses um Natur, Individualität, Sittlichkeit und Vernunft. Die in Johann Peter Franks System einer vollständigen medicinischen Policeyzu findende Vorstellung einer direkten Verbindung von übermäßiger Zusammenrottung der Menschen, dem dadurch bedingten Sittenverfall und der so begründeten erhöhten Sterblichkeit,359 führt beispielsweise Cancrin zu der Einsicht, daß die schmalen, dunklen und feuchten Gassen zwangsläufig auch Winkel der Unzucht seien. Hinter diesen Vorstellungen steht jetzt mehr als die alte Zielsetzung, die bürgerliche Gesellschaft durch städtebauliche Regulierung sozial, rechtlich und wirtschaftlich zu ordnen. Die räumlich-sozialen Ordnungsintentionen des neuzeitlichen europäischen Städtebaus wurden umgedeutet. Den geistesgeschichtlichen Hintergrund des neuen Unbehagens an städtischer Enge, das sich bis zur Stadtfeindlichkeit steigern konnte, hat Ulrich Reinisch skizziert. Wie Reinisch gezeigt hat, ist dieser geistesgeschichtliche Umbruch nicht unerheblich mit den durch das große Erdbeben von Lissabon (1755) ausgelösten europaweiten, kulturkritischen „Debatten über die beste aller Welten, den gerechten Gott, die Gesetze der Natur und den Ursprung des Übels“ verbunden.360 Zentral sind hier wie dort die Ideen der aufklärerischen Kulturkritik, welche um die von Rousseau formulierte Vorstellung kreisen, nicht die unberechenbare, unregulierte Natur, sondern die Gedrängtheit städtischen Lebens berge die größere Gefahr für die Menschen. Als Folge dieser veränderten Sichtweise auf Stadt und Natur macht Reinisch eine Veränderung der städtebaulichen Leitbilder aus:

Die Weite der städtischen Räume und die Reduktion der Dichte schien deshalb aus der kulturkritischen, der aufklärerischen Sicht notwendig zu sein, um die Eigenschaften jeder einzelnen Person sichtbar zu machen. Erst in weiten, großen Räumen gelangten die Menschen und die Dinge zu verbindlicher Eindeutigkeit. [...] Eindeutigkeit setze ausreichende Abstände voraus, erst Distanziertheit ermöglichte die Herausbildung einer unverwechselbaren Individualität jedes einzelnen Menschen, die Grundlage einer wahrhaft sittlichen Gesellschaft.361

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Der geometrisierenden Regulierung der städtischen und damit auch der sozialen Räume wird die Auflockerung der Bebauungsdichte kulturbefördernd zur Seite gestellt. Die städtebauliche Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft ist nun nicht mehr in erster Linie an der Einordnung des Individuums in das möglichst gleichförmige, geschlossene Erscheinungsbild seines Standes und an der Unterordnung unter eine strenge Hierarchie orientiert. Vielmehr steht auch bei städtebaulichen Planungen die Gesundheit, Entwicklungsmöglichkeit und Wahrnehmbarkeit des Einzelnen und damit sein im doppelten Wortsinn ‘naturnäheres’ Dasein im Focus. Auf der Grundlage einer solchen kulturkritischen und letztlich gesellschaftspolitischen Neubewertung des Lebensraums Stadt wird die negative Bewertung der städtebaulichen Qualitäten älterer Planstädte bald nicht mehr nur ästhetisch begründet. In scharfer Zuspitzung faßt Eberhard dies 1804 in das Bild von den Bürgern als charakterlosen MaschinenundSklaven, die in den nun als überreguliert angesehenen Planstädten in den für sie gebauten Einheitshäusern eingesperrt würden.362 Der Staat sieht sich hier mit dem Vorwurf der Willkür konfrontiert, die Bürgern mit der Anschuldigung, sich gegen den natürlichen Drang nach individueller Freiheit als bloße Werkzeuge behandeln zu lassen.

Vor diesem Hintergrund wird das bestehende Idealbild des zweigeschossigen, für eine bis maximal zwei Familien eingerichteten Wohnhauses und seiner städtebaulichen Einbindung in der deutschsprachigen Architekturtheorie neu formuliert. Nicht mehr Unterordnung und absolute Gleichheit mit den anderen baulichen Gliedern der städtischen Gemeinschaft sind nun gefordert, sondern Betonung des individuellen Charakters durch möglichste Freistellung des Hauses, Wahrnehmbarkeit seines prägnanten Umrisses und eine eigenständige, immer auf eine eigene Symmetrieachse hin komponierte Fassadengestaltung. Die ältere, ästhetisch und gesellschaftspolitisch begründete Idee, nach der ein Bürgerhaus immer nur im engen Verband mit seinen Nachbarhäusern als homogene Blockrandbebauung auf regulierter, exakt rechteckiger Parzelle vorgestellt und diskutiert wurde, ist obsolet. Dies zeigt sich auch daran, daß die konkreten baulichen Voraussetzungen in den alten Städten größere Bedeutung für die theoretische Auseinandersetzung mit der städtebaulichen Einbindung des bürgerlichen Wohnhauses erlangen. So ist die grundsätzliche Entscheidung Schmidts, bei seinen Entwürfen nicht von regulierten, exakt rechteckigen Parzellenformen, sondern von „innerstädtisch gebundenen Situationen“ auszugehen, ein in diesem Sinne wichtiger Beitrag zur städtebaulichen Theoriebildung.363 Diese neue Maxime, Parzelle und Haus des Bürgers zum Dreh- und Angelpunkt auch stadtplanerischer Überlegungen zu machen, formuliert David Gilly in seiner Besprechung von François Philipp Bersons Instruktion:

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Nur hätten wir gewünscht, dass der Herr Verfasser auch einige Beispiele von stumpf- und spitzwinkligen oder andern irregulären Gebäuden gegeben hätte, die doch in den Städten auch oft vorkommen.364

Architekturtheoretische Vorstellungen über das bürgerliche Wohnhaus

1815 überblickt der Berliner Baumeister Ludwig Catel die zurückliegenden Jahrzehnte und resümiert, der Mittelstandhätte seit Mitte des 18. Jahrhunderts immer mehr Festigkeit und Wohlstand unter geordneter Staatsverfassunggewonnen. Im Gegenzug wäre der Privatreichthum der Fürsten [...] in dem Meere von Bedürfnissen des Staates versiegt. Das bürgerliche Leben, an Freyheit und Umfang gewinnend, so Catel weiter,benutzte seinen Wohlstand zum Bau und zur Einrichtung bequemer und luxuriöser Stadt- und Landhäuser.365

Auch Christian Ludwig Stieglitz vermittelt in dem 1798 erschienenen fünften Band seiner Encyklopädie das Bewußtsein, in einer neuen Zeit zu leben, deren neue Ansprüche sich in hohem Maße gerade an das bürgerliche Wohnhaus richteten:

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Die Veränderung der Sitten und der Lebensart machen Veränderungen der Wohnhäuser nöthig. In den Zeiten, da die alten Häuser unserer Städte gebauet wurden, lebte man einfacher und häuslicher als jetzt. [...] In der bürgerlichen Familie [...] saßen Mann, Frau und Kinder gern beysammen, und es war schon ein bequemes Haus, wenn es nur Ein geräumiges Wohnzimmer und dann Gemächer hatte, in welche die Familie sich des Nachts vertheilen konnte. Erforderte das Gewerbe des Herrn einen beträchtlichen Raum, so baute man zwar das Haus groß und weitläufig, aber mit wenigem Gelaß für dessen Bewohner. Die Wohnstube wurde der Hausthür ganz nahe gelegt, und nur selten wurde an ein Besucherzimmer gedacht, weil man keine Bedenken trug, auch den fremdesten Menschen mitten in die Familie zu führen. [...] Seitdem sich nun die Sitten und die Lebensart sehr geändert haben, so hat man sich auch bemüht, die Wohnhäuser mit mehr Bequemlichkeit und dem Wunsch nach Wohlleben gemäßer einzurichten. Der Mann, welcher sein Haus nicht bloß als seine Schlafstätte und Werkstelle für seinen Broderwerb braucht, verbindet mit dem Worte w o h n e n, den Begriff von vielerley Bedürfnissen. Sein Haus soll ihn nicht nur von Wind und Wetter schützen [...]. Er will auch mit Reinlichkeit und Ordnung leben, die nicht anders bestehen kann, als daß man schickliche, größere oder kleinere Behältnisse hat, um jedem Ding, das für ihn in Absicht auf seine Lebensweise oder seine Geschäfte zum Bedürfniß wird, seinen Ort anzuweisen.366

Die Zeitgenossen reflektierten, daß sich die bis dahin gültige Hierarchie der Baugattungen gegen Ende des 18. Jahrhunderts aufzulösen begann. Vor dem Hintergrund geänderter gesellschaftlicher Verhältnisse, dem Aufkommen neuer und der Neubewertung einst niederer Bauaufgaben änderte sich jedoch nicht nur die Architekturtheorie. Architekturhistoriographie, Charakterlehre, neue Vorstellungen von Wohnen und Luxus sowie bautechnische Verbesserungen, verbreitet in zahlreichen spezialisierten Baulehrbüchern, Fachzeitschriften und Enzyklopädien, begleiteten eine Veränderung des praktischen Bauens, die sich auch in der Bauweise der provinzialstädtischen Bürgerhäuser niederschlagen sollte.

Neue Themen: Das Bürgerhaus des Mittelstands als Gegenstand der Theorie

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Die architekturtheoretische Beschäftigung mit dem bürgerlichen Wohnhaus gewann vor allem durch Friedrich Christian Schmidts vierbändiges, mit fast 400 Kupfertafeln ausgestattetes Werk Der bürgerliche Baumeister, das von1790-1799 in Gotha erschien, eine neue, für das 19. Jahrhundert richtungweisende Qualität. Neu ist nicht nur der Umfang, in dem hier die Bauaufgabe Bürgerhaus in Folioformat präsentiert wird, neu ist vor allem die Zielgruppe: der bürgerliche Mittelstand. Das Buchprojekt selbst begründet Schmidt, indem er, hierin Stieglitz und Catel vorausgehend, den Entwicklungen seiner Zeit neue Aufgaben gegenüberstellt:

So wie die Cultur steigt, die Sitten und Denkungsarten sich verändert haben, so erfordert auch ein Wohngebäude jetzt mehr Zierlichkeit und Bequemlichkeit als vor Zeiten. Der Luxus hat sich vermehrt, und mit diesem die Bedürfnisse, welche einen gewissen Raum zu ihrem Aufenthalt brauchen, und für diesen zu sorgen, muß der Baumeister heutiges Tages bedacht seyn, wenn das Gebäude seinem Zeitalter angemessen seyn soll.367

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Schmidt hofft, sein kostspieliges Werk werde als ein Buch, welches einer ganzen Gemeinde zugehört, nicht nur bei Baufachleuten und betuchten Bürgern, sondern auch bei den Magistraten der Mittelstädte Absatz finden. Seine Rechnung ging wenigstens teilweise auf. In der Liste der Subskribenten tauchen beispielsweise die Magistratskollegien von Malchin, Zittau und Uelzen auf. Aus dem brandenburgischen Raum sind neben Adeligen und Baufachleuten wie dem königlichen Bauinspektor Brasch aus Neuruppin auch die Magistratskollegien der Städte Brandenburg und Treuenbrietzen vertreten.

Auch in Berlin entdeckt man fast zeitgleich mit Schmidt das bürgerliche Wohnhaus als ebenso bedeutsamen wie lohnenden Gegenstand der architekturtheoretischen Reflexion und baufachlichen Belehrung. Der Bürger selbst, der Mann vom Mittelstand, soll durch gutes Beispiel und Belehrung dazu befähigt werden, ein fundiertes Urteil über die innere und äußere Gestalt seines Wohnhauses abgeben und, unterstützt von gut ausgebildeten Baufachleuten, die bauliche Verbesserung und Verschönerung seines Hauses selbst in Angriff nehmen zu können. Mit dieser Zielsetzung produzieren die Mitglieder der preußischen Bauverwaltung in den 1790er Jahren nicht nur zahlreiche Normalentwürfe für Häuser von Domänenpächtern, Förstern oder Lehrern, die dann als Kupferstiche vervielfältigt und vor allem an die Bausachverständigen und Verwaltungen weitergegeben werden.368 Die Oberbauräte belehren auch in ihren zahllosen Revisionen und versuchen, mittels einer eigenen Zeitschrift, die Sammlung nützlicher Aufsätze die Baukunst betreffend, und mit einzelnen Publikationen am öffentlichen Diskurs über das Bauen teilzunehmen und diesen zu steuern.

Der Geheime Oberbaurat im Oberbaudepartement Heinrich August Riedel wählt in seinem Aufsatz Etwas über die Schickliche Verzierung der Gebäude, der 1797 in der Sammlung nützlicher Aufsätze erscheint, programmatisch die Fassade eines Wohnhauses für durch Stand und Reichthum ausgezeichnete Personen in mittelmäßigen Städten, um daran die äußere Gestaltung von Gebäuden zu erläutern. (Vgl. Abb. 38) Sein jüngerer Bruder Heinrich Karl Riedel, ebenfalls Oberbaurat im Oberbaudepartement, gibt von 1803 bis 1810 die Sammlung architektonischer äußerer und innerer Verzierungen für angehende Baumeister und Liebhaber der Baukunst heraus. Er wendet sich in Konkurrenz zu anderen architektonischen Modejournalen, etwa Grohmanns Ideenmagazin,369 an ein gebildetes, wohlhabendes Publikum, um diesem die neuesten Errungenschaften des Berliner Wohnhausbaus in vorbildlichen Fassaden und Innenausstattungen vorzuführen. Auch dieses ambitionierte Projekt stellt das private, bürgerliche Wohnhaus in den Fokus der öffentlichen Diskussion.

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Wie groß die Wertschätzung des Bürgerhausbaus selbst in den höchsten Rängen der preußischen Verwaltung ist, offenbart ein Schreiben des Staatsministers und Direktors des Oberbaudepartements Friedrich Leopold von Schroetter, welches dieser im Sommer 1801 infolge einer Reise in die ihm unterstellten Provinzen Ostpreußen und Neuostpreußen an die Oberbauräte Gilly und Eytelwein adressiert. Schockiert berichtet er darin von den zweckwidrigen, theils ganz ermüdend einförmigen, theils mit Verzierungen überladenen, burlesquen Façaden der provinzialstädtischen Bürgerhäuser, welche das Auge des Durchreisenden beleidigen.370 Zur Behebung dieses unerfreulichen Zustands ordnet der Minister von Schroetter an, von ein Paar geschickten Bau-Eleven einige vorbildliche Zeichnungen und beispielhafte Vorlagen anfertigen zu lassen. So groß ist das Prestige dieser Aufgabe, daß sich Berson, ebenfalls Oberbaurat im Oberbaudepartement, ihrer begierig annimmt. Die daraus entstehende Sammlung von Fassaden und Einrichtungen städtischer Wohngebäude stellt Berson 1802 auf eigene Kosten her. Wie bei Schmidts Der Bürgerliche Baumeister sind die Adressaten neben den Baubedienten und staatlichen Verwaltungen auch die Magistrate der ostpreußischen Provinzialstädte, wo die Sammlung für jeden bauwilligen Bürger zur Belehrung und Anregung angeschafft werden soll.371

Vor dem Hintergrund der Neugewichtung des städtischen Wohnhausbaus diskutiert man ab 1796 in den zuständigen Kriegs- und Domänenkammern und im Oberbaudepartement auch ein Bau-Reglement für die Provinzen Magdeburg und Halberstadt.372 Auf Veranlassung des Oberbaudepartements, in erster Linie des für diese Provinzen zuständigen Bearbeiters Berson, entscheidet man sich, einem neu zu erarbeiteten Bauhilfgelder-Reglement zur Erläuterung eine detailliertere Vorschrift zur Regelung der Bürgerhaus-Bauten in den Städtenbeizufügen. Von Berson wiederum auf eigene Kosten außerhalb seiner Dienstgeschäfte betrieben, verselbständigt sich das Projekt bald zu einer eigenständigen Veröffentlichung. Schließlich wird die Instruktion mit Genehmigung und Unterstützung des Staatsministers Ferdinand Ludwig Friedrich von Angern in einer zugesicherten Stückzahl von 200 Exemplaren in mehreren Provinzen als Magdeburg und Halberstadt verbreitet. Die zunächst als amtliche Vorschrift – eben als Instruktion – geplante Schrift wird fast zwangsläufig zu einer halbprivaten Publikation des Autors und kommt somit samt Rezension in den öffentlichen Diskurs. 1804 publiziert, muß die Instruktion für Bau- und Werkmeister über die Einrichtung und Anlage der bürgerlichen Wohnhäuser in den Provinzstädten als zwar weniger umfangreiches, in der thematischen Ausrichtung aber ebenso innovatives Pendant zu David Gillys Handbuch der Landbaukunst und als Reaktion auf Schmidts mehrbändiges Werk angesehen werden. Mit deutlicher Bezugnahme auf Schmidt schrieb Gilly in seiner Rezension zu Bersons Instruktion, daß diese, gerade weil sie sich mit dem Haus des geringen, oder öfter verhältnismäßig unbemittelten Bürgers und dessen speziellen Bedürfnissen beschäftige, in Wahrheit den Titel führen könnte: „der bürgerliche Baumeister“.373

Grundsätzlich läßt sich feststellen, daß die Bauaufgabe bürgerliches Wohnhaus in den aus Berlin stammenden Bauzeitschriften und Architekturbüchern weitaus stärker beachtet und unter anderen Gesichtspunkten betrachtet wird als andernorts in Deutschland. Mit diesem Schwerpunkt führt man eine in Berlin und Potsdam im Umfeld der königlichen Baupolitik entstandene Tradition fort. Seit Friedrich Wilhelm I. den Bürgerhausbau in den Berliner und Potsdamer Stadterweiterungsgebieten so hartnäckig gefördert hatte, war diese Bauaufgabe als legitime und hochrangige Aufgabe in der staatlichen Baupolitik fest verankert. Die Baumeister des königlichen Bau-Comptoirs hatten unter Friedrich II. Hunderte von Fassadenentwürfen für die Verschönerung der beiden Residenzen anfertigen müssen.374 Während aber die Fassaden der Potsdamer Bauten Carl von Gontards und Georg Christian Ungers oft den Vorgaben Friedrich des II. folgten und häufig reine ‘Bau-Compoirs-Architektur’ geblieben waren, müssen sich die Fassadenschöpfungen der Jahre um 1800 mehr und mehr nach der Mode und nach den Ansprüchen und dem Geschmack der bürgerlichen Mittelschicht richten. Auch die im Staatsdienst stehenden Architekten sehen sich mit ihren Bürgerhausentwürfen unausweichlich in die öffentliche Diskussion gestellt und müssen deren Kriterien beachten. Nicht die hohe Wertschätzung des Gegenstands – des städtischen Bürgerhauses – an sich ist neu, sondern der erweiterte Anspruch auf Mitgestaltung von Seiten der bürgerlichen Bauherren und die Einbindung in einen öffentlich geführten Diskurs über den guten Geschmack und angemessenes bürgerliches Wohnen.

Neue Inhalte: Bequemlichkeit und „Wohlleben“ – „Charakter“, Symmetrie und Einfachheit

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Die Vielfalt der bereits in einem bürgerlichen Wohnhaus der Mittelschicht versammelten Funktionen und die dementsprechend auszubildende Differenziertheit des Raumangebots ist ein Schwerpunkt der architekturtheoretischen Schriften. Schmidt faßt diese neue Herausforderung für den Architekten seiner Zeit in folgende Worte:

Die gegenwärtige erhöhte Cultur der Menschen, und der dadurch entstandene Luxus hat eine Menge Sachen zu Bedürfnissen, und unentbehrlich gemacht, welche einen gewissen Raum erfordern, und die jetzige Art der anständigen Beschäftigung und Zerstreuung sind schon beym Mittelstande so verschieden von den vorigen, daß auch die Wohngebäude eine verschiedene Einrichtung erfordern. Dazu kommt, daß es jetzt selbst eine Art Modeton ist, schön wohnen zu wollen, [...].375

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Dieser neu entdeckten Vielgestaltigkeit bürgerlicher Lebenswelten versucht Schmidt durch die schiere Menge seiner Entwürfe, Entwurfsvarianten und detailreichen Erläuterungen beizukommen.

Abb. 35: Friedrich Christian Schmidt: Wohnhausentwurf Plan VIII, aus: Schmidt 1790-99, Bd. 2, Tab. 6d

Auf Hunderten von Kupfertafeln bildet er Fassaden und vor allem Grundrisse von zwei- und dreigeschossigen Bürgerhäusern ab, die entweder in den Vorstädten oder in den Städten stehen. Die Häuser sind massiv oder von Fachwerk; sie sind für kleine bürgerliche Familien, mittelmäßige bürgerliche Familien oder Familien von Stand beziehungsweise angesehene Familien eingerichtet.376 Der neuen Lebensart und Wirtschaftsweise der Bürger dienen neben den Stuben, Küchen, Schlaf- und Speisekammern zahlreiche Studier- und Expeditionsstuben, Bibliotheken, Audienzzimmer, Garderoben, Speisesäle, Gast- und Besucherstuben, Werkstuben, Kinder- und Gesindestuben, Stuben für Kammerdiener und -frauen, Gerätekammern. Es werden nicht nur die geschäftlichen, repräsentativen und privaten Bereiche streng voneinander getrennt, auch der räumlichen Separierung von Kind, Frau und Mann wird mehr Aufmerksamkeit geschenkt.

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Berson versucht der neuen Vielteiligkeit und Fülle des bürgerlichen Wohnens in seiner Instruktion auf dem Wege einer strengen Klassifizierung Herr zu werden.

Abb. 36: Francois Philipp Berson, I. Kupfertafel, Kleines, für einen Stuhlarbeiter bestimmtes Haus, aus: Ders.: Instruktion 1804

Erläuternd schreibt er:

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Bei der Verschiedenheit der bürgerlichen Wohngebäude, in Rücksicht ihrer Größe und innern Abtheilung zu einem bestimmten Gewerbe, können zwar, für alle möglich vorkommenden Fälle, keine solchen Vorschriften ertheilt werden, [...] indessen kann man doch im Allgemeinen die Wohnhäuser, was ihre Größe und Hauptabtheilung anbetrifft, unter bestimmte Klassen bringen; daher denn wenige Vorschriften schon hinreichend sind, um bei dem Entwerfen der Grundrisse eines Wohnhauses den hier bezweckten Gebrauch zu machen.377

Welche Herausforderung die neuen bürgerlichen Bedürfnisse für ihn darstellten, beschreibt Berson in einem Brief an das Oberbaudepartement:

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Ich unternahm dieses Geschäft, fand aber bei der Bearbeitung dieser Sache viele Schwierigkeiten, die ich anfänglich nicht vorhergesehen hatte und zweifelte fast, daß es möglich seyn würde, ohne eine große Anzahl von Einrichtungen den beabsichtigten Zweck zu erreichen. Ich ließ mich indessen durch diese Schwierigkeiten nicht abschrecken, sondern bearbeitete den Gegenstand zu wiederholtenmalen, kam dadurch endlich auf einen Weg, der mich zum vorgesetzten Ziele führte und glaube nunmehr, daß die von mir entworfenen Vorschriften, Behufs zweckmäßiger Einrichtung der Wohngebäude zu bürgerlichen Gewerben zum allgemeinen Leitfaden dienen können.378

Um seinen Untersuchungsgegenstand zu ordnen, bringt Berson zwei Klassifikationskriterien zur Deckung: Er klassifiziert die Häuser nach ihrer Größe und die städtischen Gewerbe nach ihrem Raumbedarf. Für das Kriterium der Hausgröße nimmt er die Breite der Straßenfront zur Grundlage, die er wiederum über die Anzahl der Fensterachsen definiert.379

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Abb. 37: Francois Philipp Berson, VI. Kupfertafel, Wohnung für einen Bäcker nebst Miethswohnung, aus: Ders.: Instruktion 1804

Auf dieser Grundlage unterscheidet er drei Klassen von Häusern. Es gehören die Häuser von 3 bis 4 Fenster Fronte zur Klasse der kleinen, von 5 bis 7 Fenster zu den mittleren und die von 8 und mehreren Fensteröffnungen zu den größern Häusern.380 Mit eindeutiger Zielrichtung auf die Provinzialstädte mittlerer Größe leitet Berson nun die notwendige Größe der Häuser von dem Gewerbe der Bewohner ab. Einziges Klassifizierungskriterium sind die zu den verschiedenen Gewerben und Handthierungen notwendigen Vorrichtungen, Gerüste, Treibewerke, Gerätschaften und Werkzeuge.381 Grundlage der Zuordnung zu einer der drei von der Hausgröße abgeleiteten Klassen sind weiterhin die benötigten Behältnisse für Materialien und Räume zum Absatz der fertigen Waare, also die Ladenräume.382 Für jede der nach Fassadenbreite und Platzbedarf der Bewohner und ihres Gewerbes festgelegten Klassen bildet Berson ein oder mehrere beispielhafte Grund- und Aufrisse ab.

Obwohl Schmidt und Berson das Wohnhaus der mittleren bürgerlichen Schichten in bis dahin im deutschsprachigen Raum nicht gekannter Genauigkeit bearbeiten, ist ihre Darstellungsweise sehr unterschiedlich. Während Schmidt die neue Fülle und Vielfältigkeit der Bauaufgabe Bürgerhaus in einer Art Musterbuch oder Katalog für Grund- und Aufrißlösungen darzustellen versucht, ist Berson bestrebt, eine stärker abstrahierte Orientierungshilfe zu liefern, nach der es dem jeweiligen Baumeister möglich sein soll, entsprechend den neuesten Regeln bequem, solide und angemessen geschmackvoll zu bauen. Beiden gemeinsam ist der Ausgangs- und Zielpunkt ihrer Überlegungen: die Vielgestaltigkeit des bürgerlichen Lebens selbst in kleineren Städten. Im Ergebnis entstehen Entwürfe, die dem gestiegenen und spezialisierten Raumbedarf der bürgerlichen Mittelschicht, d. h. der räumlichen Ausstattung und der Bequemlichkeit des Bürgers, auf neuartige Weise Rechnung tragen.

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In dem Maße, in dem Bequemlichkeit und Wohlleben zum Ende des 18. Jahrhunderts auch in Preußen aus dem Kompetenzbereich der staatlichen Bauverwaltung herausgelöst und als Domäne des bürgerlichen Privatlebens definiert werden, gewinnen sie in den theoretischen Werken an Bedeutung. Vor allem Grundrißgestalt und Inneneinrichtung der bürgerlichen Stadt- und Landhäuser werden zu Leitgedanken des öffentlichen Diskurses über Architektur, Wohnen und Luxus.

Betrachtet man den architekturtheoretischen Diskurs genauer, stößt man immer wieder auf den Begriff des Charakters. Mit dem Charakter eines Gebäudes kann um 1800 einerseits die Vorstellung verbunden sein, daß ein Gebäude zuverlässig Auskunft über seinen Bauherrn und Bewohner gibt.383 Angewendet auf den Bürgerhausbau spricht beispielsweise Schmidt davon, daß der Rock oft dem Mann den Werth geben muss, und fährt fort:

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Die Fassade oder Vorderseite eines Gebäudes ist dem Gesicht eines Menschen ähnlich – sie ist das erste was man zu sehen bekömmt, und bestimmt daher unser erstes Urtheil vom ganzen Gebäude.384

Andererseits wird in den ab etwa 1790 erschienenen Schriften auch eine wirkungsästhetische Bestimmung des Charakters der Gebäude versucht. Im Anschluß an die französische charaktère-Lehre und die Assoziationstheorien der englischen Sensualisten stehen hier die subjektiven Empfindungen des Betrachters im Zentrum des Interesses. Die durch die Gestaltung des Gebäudes hervorgerufenen Empfindungen müssen dem Charakter des Gebäudes entsprechen, seien dies nun, wie Gottlieb Huth 1794 schreibt, Bewunderung, oder Ehrfurcht, oder Andacht, oder feierliche Rührung, oder Wollust und Jovialität.385 Aufgabe der Architektur ist in diesem Verständnis nicht nur die angemessene Behausung des Menschen und seiner Bedürfnisse. Huth betont vielmehr,

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daß die Baukunst zur Erregung moralischer Eindrücke fähig ist, und daß sie folglich eine mächtige Wirkung auf die Veredelung des Menschen haben kann [...], daß sie als vollkommene Kunst es mit zum Zweck machen müsse, den Menschen zum Bestreben nach Vollkommenheit zu reizen und zu rühren.386

Nach dieser Vorstellung kann die Baukunst über die Charakterisierung der Gebäude und die dadurch erzeugten Empfindungen nicht nur den Wohlstand eines Volkes befördern, sondern sie besitzt auch moralischen und pädagogischen Einfluß.

In Berlin, unter dem Einfluß der aufklärerischen Diskussionen und im Umfeld des im Oberbaudepartement und Oberhofbauamt versammelten baufachlichen Wissens, scheint man die Diskussion um den Charakter der Gebäude grundsätzlich stärker mit der Bauaufgabe Wohnhaus verknüpft zu haben als anderswo. Schon in der Untersuchung über den Charakter der Gebäude, die in Berlin wohl von einem hohen preußischen Beamten verfaßt wird, ist das städtische Wohnhaus neben dem Landhaus bevorzugter Untersuchungsgegenstand.387 Heinrich August Riedel nimmt die Idee vom moralischen Einfluß und letztlich sozialen Auftrag der Baukunst 1797 in seinem Aufsatz Etwas über die schickliche Verzierung der Fassaden auf und bezieht sie auf das Bürgerhaus. Mit hohem theoretischem Anspruch beschreibt er damit den Hintergrund, vor dem im Berlin der Jahre um 1800 jede Beschäftigung mit dem Thema Bürgerhaus gewertet werden muß. Riedel sieht eine wirtschaftliche Bedeutung der Bürgerhausfassaden, wenn er schreibt:

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Ebenso tragen die Fassaden einer gantzen Stadt bey, dass sie mit Vergnügen bewohnt wird, dass die Fremden sie besuchen und darin verweilen, dass also die Stadt an Nahrung und Aufnahme durch sie gewinnen und verlieren kann.

Die Fassaden der städtischen Wohnhäuser sind ihm aber auch Mittel zur allgemeinen Geschmacksbildung:

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Sie thun noch mehr, denn indem ihre Figuren, Verhältnisse, Zusammenordnung, ihr Anstrich u.s.w. öffentlich ausgestellt sind, gewöhnen sich die Augen der Künstler und Handwerker daran, und tragen solche auf ihre Arbeiten über, wodurch guter oder schlechter Geschmack allgemein werden kann.

Eng verknüpft mit der Idee des guten Geschmacks sieht Riedel den sittlich-moralischen Einfluß der äußeren Gestalt der Häuser:

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Die Verzierung der Aussenseite ist zwar bey einem Hause nicht eigentlich nothwendig, aber sie ist gleichsam der Anzug desselben, von welchem man auf dessen Inneres ungefähr so schließt, wie von einem Anzuge eines Menschen auf dessen Wohlstand, Liebe zur Ordnung, oder Hang zur Nachlässigkeit.

Es gelte daher als ausgemacht, daß derjenige, welcher Ordnung und Regelmäßigkeit im Äußern liebt, sie endlich zu allen seinen Handlungen nehmen wird. Über die gute Gestaltung der Fassaden meinte Riedel den Charakter und die Sittenhaftigkeit der Bewohner verbessern zu können. Bessere Fassaden versprechen bessere Bürger.

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Dergestalt mit grundlegenden gesellschaftspolitischen Funktionen aufgeladen, muß der Bauaufgabe Bürgerhaus ein gesteigertes öffentliches und staatliches Interesse zuwachsen. Das Mißbehagen des Ministers von Schroetter angesichts ostpreußischer Bürgerhausfassaden erscheint damit ebenso in einem anderen Licht wie die Aktivitäten des Oberbaudepartements. Sind die Fassaden schlecht, d. h. unordentlich, unregelmäßig oder unangemessen gestaltet, so empfindet man dies nicht nur als ästhetisches, sondern auch als gravierendes gesellschaftspolitisches Problem.

Als wichtigste gestalterische Ausdrucksmittel des treffend charakterisierten und angemessen geschmückten bürgerlichen Wohnhauses werden um 1800 Symmetrie und Einfachheit angesehen. Der besondere Stellenwert von Symmetrie, gemeint ist dabei immer die einfache Spiegelsymmetrie, als grundlegendes Entwurfs- und Gestaltungsprinzip bei Bürgerhäusern beruht zunächst auf der intensiveren Verknüpfung zweier Forderungen: der Forderung nach Festigkeit einerseits und der Forderung nach Regelmäßigkeit und letztlich Schönheit andererseits. In einem Kapitel zur äußerlichen Schönheit bürgerlicher Wohngebäude stellt Schmidt den Grundsatz auf, die Regelmäßigkeit, der Grund der äußeren Schönheit an einem Gebäude, entstehe durch symmetrische Verteilung und gute Verhältnisse der einzelnen Theile.388 Direkt im Anschluß betont er: Die Wände müssen den Charakter der Festigkeit haben. Es dürften daher keine großen Wandflächen über Öffnungen aufragen, und die Fenster- und Eckschäfte müssen genügend breit sein. Das Verhältnis von Fenster zu Fensterschaft solle mindestens zwei zu drei oder wenn möglich eins zu zwei betragen, nur dies würde zureichend Festigkeitanzeigen. Auch der Anstrich soll den Häusern, indem er den natürlichen Farbton von Hausteinen nachahmt, äußerlich den Schein von Festigkeit geben.389 Wie selbstverständlich gehört für Schmidt zur charaktergemäßen äußeren Schönheit eines Wohngebäudes auch eine vom Betrachter wahrnehmbare Festigkeit, die sich in einer regelmäßigen Verteilung der Fenster und funktionstüchtigen Breite der Pfeiler ausdrückt. Die Schönheit einer Bürgerhausfassade setzt zu allererst eine auf Festigkeit beruhende anschauliche Regelmäßigkeit voraus. Ebenso grundlegend und mit der ‘festen Regelmäßigkeit’ unlösbar verbunden ist die Forderung nach Symmetrie:

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Die äußere Schönheit eines Gebäudes besteht ferner in der symmetrischen Vertheilung aller Theile, das ist in beständig gleicher Entfernung aller ähnlichen Theile von dem Mittelstrich des ganzen Gebäudes und von dem Mittelstrich aller Hauptteile, in welche das Gebäude unterschieden ist [...].390

Dieser Aussage Schmidts hätte Berson ohne Zögern zugestimmt. Seine Auffassung von Symmetrie ist sogar noch genauer; noch enger verbindet er die Forderung nach ‘fester Regelmäßigkeit’ mit der nach symmetrischer Aufteilung:

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Die Vorderfront eines jeden Hauses muß regelmäßig oder symmetrisch, das heißt, die Fensteröffnungen müssen so eingetheilt werden, daß auf jeder Seite der Hausthür (wenn selbige in der Mitte ist) eine gleiche Anzahl Fenster kommt, oder wenn auf einer Seite, ein Fenster mehr einzutheilen ist, so muß dasselbe in einem Zurücksprunge oder Abschnitt der Façade angebracht werden.391

Anders als bei Schmidt, wo Grundsätze der Festigkeit im Kapitel über die äußere Schönheit der Bürgerhäuser auftauchen, behandelt Berson die symmetrische Eintheilung der Vorderfront programmatisch in einem Abschnitt über allgemeine Grundregeln [...], welche bei neuen Bauten in Rücksicht der Solidität zu beachten sind.392 Symmetrie ist nicht in erster Linie für die Schönheit eines Gebäudes von Nöten, sondern sie gewährleistet dessen Festigkeit und Dauer. Konsequent folgt Berson diesem so wichtigen Grundprinzip sowohl in seiner Beschreibung als auch in der Gestaltung der Fassaden. Im dritten Paragraph schreibt er:

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Die Fensteröffnungen in einem massiven Hause, besonders in massiven Vorderfronten, müssen symmetrisch eingetheilt werden, so daß auf jeder Seite der Hausthür, und auch in gleicher Entfernung von einem Mittel zum andern, eine gleiche Anzahl angebracht wird. Bei Wohnhäusern, wo die Hausthür in der Mitte steht und zu beiden Seiten eine gerade Anzahl Fenster [...] sich befindet, hat diese Eintheilung auch keine Schwierigkeit; wenn aber die Länge des Hauses oder die inneren Einrichtung desselben eine ungerade Anzahl, nämlich 3, 5, 7 Fenster zu beiden Seiten der Hausthür anzubringen erfordert, so muß die Hausthür oder der Thorweg entweder am Ende des Hauses angebracht, oder bei 5 und 7 Fenstern das 5te und 7te durch einen Zurücksprung von 2 bis 5 Zoll abgeschnitten werden, um dadurch die Symmetrie zu erhalten, in welchem Fall sodann die Hausthür in der Mitte des Wandvorlages oder Vorsprungs, und zu jeder Seite derselben 2 oder 3 Fenster zu stehen kommen.393

Die Bedeutung des Prinzips Symmetrie für den statisch richtigen Aufbau und die angemessene Charakterisierung der Bürgerhausfassade kann also in einigen Fällen zu einer unsymmetrischen Aufteilung der gesamten Straßenfront des Bürgerhauses führen. (Vgl. Abb. 37) Die gestalterisch abgesetzten Wandrücksprünge und nahezu ungestalteten vertikalen Wandstreifen in Bersons Fassadenentwürfen sind die Folge dieser konsequenten Auslegung der theoretischen Prämissen.

Schmidt, Berson und anderen geht es in ihren Anweisungen und Entwürfen um anschauliche Festigkeit, Regelmäßigkeit und Symmetrie. Letztendlich versuchen sie den vitruvianischen Kategorien Festigkeit (firmitas) und Bequemlichkeit (utilitas) an der Bürgerhausfassade gestalterische Qualitäten abzugewinnen. Um 1800 begrenzt die allgemein anerkannte Charakterlehre die traditionellen Gestaltungsmöglichkeiten eines Bürgerhauses. Das städtische Wohnhaus wird dem schönen Charakter zugeordnet, welcher Anmut und Reiz ausstrahlen sowie angenehme und sanfte Empfindungen bewirken soll. Eberhard faßt diese Vorstellung 1804 in folgende Worte:

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Soll uns ein Gebäude in sanfte Rührung versetzen durch den Anblick des Wohlstandes und eines zufriedenen und sorgenfreien Lebens, so wird sein Aeußeres und Inneres heiter und munter, ungeschmückt und einfach, aber reinlich und bequem seyn, [...].394

Wie selbstverständlich verbietet es sich daher also nicht nur für Stieglitz, ein Bürgerhaus mit Säulen, Pilastern oder gar Festons, Kränzen, aufgehangenen Tüchern, Cartouschen und ähnlichen Dingen zu verzieren. Auch Schmidt kommt zu der Feststellung, daß sich über den guten Geschmack von Bürgerhausfassaden lediglich die Aussage machen lasse:

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Ein Gebäude von wirklich gutem Verhältniß ohne alle Verzierung ist nach dem Geschmack einiger Personen schön, und ein Gebäude mit Verzierungen, welche noch genug ebene Fläche übrig lassen, worauf das Auge ausruhen kann, und die zu besserer Vergleichung und leichterer Übersicht der Verzierung dienen, ist nach dem Geschmack anderer schön.395

Die Pfeiler zwischen den symmetrisch verteilten Fenstern sollen mit einer angemessenen Breite jedoch nicht nur das statische Gefühl des Betrachters beruhigen. Derart ungeschmückte Wandflächen, von denen auch Berson und seine Berliner Kollegen sprechen, sollen außerdem die charaktergemäße Verzierung der Fassade erst richtig zur Geltung bringen, sie sind gleichsam Teil derselben. Nur innerhalb einer wohl geordneten, übersichtlichen und einfach gestalteten Fläche dienten Verzierungen dem Schmuck der Fassade, denn alle Überladung der Zierathe ist fehlerhaft, weil eine Verwirrung dadurch entsteht.396

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Bei der Beschreibung ihrer Entwürfe für Bürgerhäuser benutzen die Autoren immer wieder und fast stereotyp den Begriff der Simplizität: Sieglitz zeigt ein ganz einfaches Haus; 397Schmidt bildet Fassaden ab, die zwar sehr einfach, aber doch gut in die Augen fallend verziert sind,398 und Bersons Fassaden sind, wie er immer wieder betont, ganz einfach verziert.399 Zu dieser Einfachheit gehören nicht nur die Geschlossenheit und Flächigkeit der Wand, sondern auch die einfache geometrische Figur, die kubische Form und die gerade Linie. Die dementsprechend blockhaften Verdachungen und Sohlbänke, geraden Fenster- und Türstürze oder breiten glatten Bänder sollten zu Erkennungsmerkmale der um 1800 entstandenen Bürgerhäuser werden. Umständlich, aber ohne dies zu begründen, erläutern Berson, wie man an den Fassaden krumme Linien etwa bei den Stürzen über den Fenster-, Tür- und Toröffnungen verhindert. Zu seiner dritten Kupfertafel schreibt er:

In diesem Aufriss ist zwar über dem Thorweg kein gewölbter Bogen, sondern ein gerader Sturz angedeutet, welches jedoch in der Art zu verstehen, dass hinter diesem Sturz die Oeffnung überwölbt wird.

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Krumme Linien und Bögen, die wie Segment- oder gar Korbbögen keinen exakten Halbkreis beschreiben, werden an der Fassade vermieden. Wenn nötig, täuscht man die geraden Stürze durch Kaschierung der statisch notwendigen Bogenform vor.400

Wie die Forderung nach Ordnung, Regelmäßigkeit und Festigkeit der Fassade letztlich auf ein geordnetes bürgerliches Leben zielt, so ist auch das Streben nach Simplizität, schlichter Flächigkeit, gerader Linie und klarer kubischer Form in der Regel mit moralisch-tugendhaften Vorstellungen über bürgerliches Leben verbunden. Nur selten jedoch wird dieser Zusammenhang so deutlich angesprochen wie von Joseph Friedrich Freiherr von Racknitz. In seinen Briefen über die Kunst findet sich 1792 die vergleichende Abbildung zweier Wohnhäuser: Oben erkennt man das streng regelmäßige Bürgerhaus wieder, wie es auch von Schmidt, Berson und Riedel gefordert wurde. Darunter gibt Racknitz jenem altväterisch, kraus und burlesque verzierten Bürgerhaus eine gültige Gestalt, das alle Architekturschriftsteller des ausgehenden 18. Jahrhunderts so leidenschaftlich bekämpft haben. Ausdrücklich will Racknitz mit dieser entlarvenden Gegenüberstellung die moralisch-tugendhafte Bedeutung der geraden Linie begründen, denn nur die gerade Linie könne die Ideen der Regelmäßigkeit und Dauer erwecken.401 Alles Krummlinige erscheint flatterhaft, unstet und ungeordnet. Unweigerlich muß man bei dieser Gegenüberstellung an Daniel Chodowieckis Zyklus über Natürliche und affectirte Handlungen des Lebens denken, der 1778 entsteht. Gleich im ersten Bildpaar, Natur und Affection, bringt Chodowiecki den auch von Racknitz verbildlichten aufklärerischen Wertekanon zum Ausdruck, der unausgesprochen hinter all der Simplicität der um 1800 entworfenen Bürgerhäuser steht.

Doch liegt der Einfachheit der Form nicht immer ausschließlich der moralisch-edukative Impetus der neuen Architektur zugrunde. Bei zwei Autoren aus dem Oberbaudepartement, Heinrich August Riedel und Berson, findet sich die charaktergemäße Bestimmung des einfach, ernst und angenehm zu gestaltenden Bürgerhauses zu einer Kargheit gesteigert, die ausdrücklich dem provinzialstädtischen Umfeld entsprechen soll.402 So empfielt Riedel den Bürgerhausentwurf, den er seinem Aufsatz über die Schickliche Verzierung der Gebäude beigefügt, ausdrücklich zur Nachahmung in der Provinz.

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Abb. 38: Heinrich August Riedel: Hausentwurf für durch Stand und Reichthum ausgezeichneter Personen […] in mittelmäßigen Städten, aus: Sammlung Nützlicher Aufsätze, Heft 2, 1797

Auf einen provinzialstädtischen Adressatenkreis bezugnehmend, erläutert Riedel, er habe daran mit Calcül nur wenige, kleine und einfache Verzierungen angebracht, damit die Arbeit nicht sehr schwierig sey. 403 Noch deutlicher formuliert Berson diesen Gedanken in seiner Instruktion, richtet sich diese doch an die Provinzialstädte, besonders von der geringern Klasse.404 Im § 54 legt er daher fest: Indessen bedürfen die Häuser in den Provinzialstädten auch nur ganz einfacher Verzierungen.405 Zwar verziere man Bürgerhausfassaden generell auch mit Stukkatur- und Bildhauer-Arbeiten, so Berson weiter,

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allein da in Provinzialstädten nur selten Künstler zu erhalten sind, die dergleichen Verzierungen verfertigen, so muss man sich ohne sie behelfen, oder nur solche anbringen, welche die Maurer nach einer Zeichnung im Grossen anfertigen können, und diese bestehen in einzelnen oder fortlaufenden, auf der glatten Wand vertieften, in den Putz eingeschnittenen Verzierungen [...]. Dergleichen eingeschnittene Verzierungen [...] schicken sich vorzüglich für Häuser in den Provinzialstädten, weil sie mit wenigen Kosten vom Maurer angefertigt werden, so wie selbige auch die geradlinichten Konsols unter den Fenster- und Thürverdachungen, imgleichen Sohlbänke, Modillons unter den Hauptgesimsen, ebenfalls nach Vorschrift aus Stuck, oder Gips verfertigen oder in Form gießen.

Offensichtlich strebt man in Preußens höchster Bauverwaltung gemeinschaftlich nach einer Formensprache, die den Charakter eines provinzialstädtischen Bürgerhauses auszudrücken vermag, die dem Stand, Vermögen und gewerblichen Platzbedarf seiner Bewohner angemessen ist und darüber hinaus modern, d. h. durchaus individuell gestaltet sein soll. Nicht zuletzt muß sie sich durch eine besondere Einfachheit auch der Verzierungen auszeichnen, damit diese auch von den weniger geübten Handwerkern der Provinz richtig umgesetzt werden können. Der aufklärungsoptimistische Glaube an die moralisch-sittliche Kraft der Architektur und an den durch Differenzierung der obrigkeitlichen Regulierungsmethoden zu erreichenden Grad an baulich bestimmter Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft ist hier auf den Höhepunkt getrieben.

Die von Krug und Humboldt formulierte Vorstellung, die Wirksamkeit des Staats auf seine negativen Pflichten zu beschränken, war grundsätzlich mit einer größeren Wertschätzung des Individuums und seiner wirtschaftlichen und kulturellen Bedeutung im Staatsverband verknüpft. Die städtebautheoretischen Forderungen nach Mannigfaltigkeit und gestalterischer Hervorhebung des einzelnen Hauses scheinen dieser Aufwertung Rechnung zu tragen. Durch die Forderung, jede einzelne Bürgerhausfassade in sich symmetrisch zu gestalten und in ihrem Aufbau und Schmuck möglichst exakt auf Stand, Gewerbe, Wohlstand und Ansehen des Hauseigentümers zu beziehen, diesen damit so genau wie möglich zu charakterisieren, wurde das einzelne Bürgerhaus zwangsläufig aus seiner rigiden städtebaulichen Einbindung gelöst. Für die städtebaulichen Konzepte bedeutete die Höherwertung des individuellen, charaktergemäßen Ausdrucks jeder einzelnen Bürgerhausfassade eine besondere Herausforderung, war damit doch die bisher den Stadtraum konstituierende geschlossene Blockrandbebauung in Frage gestellt. Freistehende, nur mittels Tordurchfahrten verbundene Häuser, die entsprechend ihrer Größe und ihres künstlerischen Anspruchs angeordnet sind, waren das vorherrschende städtebauliche Konzept zur gestalterischen Bewältigung der Forderung nach Individualisierung. Auch Umfang und Art und Weise der theoretischen Beschäftigung mit dem Bürgerhaus sind von der veränderten Beurteilung des Individuums getragen. Das bürgerliche Wohnhaus wird gerade in der Vielfältigkeit seiner Gestalt zum Gegenstand der Theorie, muß es doch den fast unendlich verschiedenartigen, sich ständig vermehrenden und differenzierenden Ansprüchen der Bürger genügen.

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Die um 1800 im Zusammenhang mit der Idee eines auf seine negativen Pflichten reduzierten Staates formulierten Forderungen stellten das Bürgerhaus jedoch nur auf den ersten Blick von obrigkeitlichen Zwängen frei.Zur Verwirklichung der feuerpolizeilichen, hygienischen, ästhetischen und städtebaulichen Anforderungen an ein privates Wohnhaus forderte Stieglitz in Übereinstimmung mit der Mehrzahl seiner Zeitgenossen weiterhin eine gut funktionierende Bau-Policey, welche die Umsetzung der in den Bau-Ordnungen und Bau-Reglements festgehaltenen Vorschriften zum dauerhaften, feuerfesten, ordentlichen und schönen Bau scharf überwachen sollte. Verantwortlich für eine guthe Bau-Policey war immer noch die Obrigkeit, hier nicht die bürgerliche Selbstverwaltung, sondern die regionalen und örtlichen Vertreter der Zentralmacht. In dem 1794 nach jahrelanger öffentlicher Diskussion publizierten Allgemeinen Landrecht für die preußischen Staaten wurde diese Praxis nochmals bestätigt.406 Die Obrigkeit hatte demnach auch für die ästhetisch befriedigende Gestaltung der Häuser zu sorgen. Es gehörte zu ihren verbrieften Aufgaben, die Forderungen der zeitgenössischen Theorie nach Mannigfaltigkeit sowie nach charakterentsprechender und individueller Gestaltung der Bürgerhäuser umzusetzen. Das gewünschte Ergebnis formulierte Stieglitz so:

Sollen Straßen schön ins Auge fallen, so dürfen Zierrathen nicht verschwendet werden. Simplicität, hin und wieder etwas Vernachlässigung, Zierlichkeit und Pracht, müssen verknüpft werden. Von Vernachlässigung soll man zur Simplicität, von dieser zur Zierlichkeit, und von dieser zur Pracht fortschreiten.407

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Doch wie kann ein Hausbesitzer dazu gebracht werden, sich ein Haus zu bauen, und es absichtlich weniger zierlich und prachtvoll als seine Nachbarn zu gestalten, sich in der Öffentlichkeit der Straße selbst ein ärmlicheres Ansehen zu geben, oder geben zu lassen? Muß er sich nicht, so mit einer individuellen Erscheinung 'versorgt', weiterhin als Sklave und charakterlose Maschine (Eberhard) vorkommen?

Das dem Charakter seiner Bewohner entsprechende, individualisierte Bürgerhaus war, dies wird hier deutlich, auch um 1800 ein Instrument obrigkeitlicher Ordnungspolitik. Die ordnungspolitisch relevante Schicklichkeit einer Bürgerhausfassade wurde nicht mehr aus der Entsprechung zur Standeszugehörigkeit des Bewohners abgeleitet. Anhalspunkte waren nun wirtschaftlichen und finanziellen Möglichkeiten des Bewohners, sein Gewerbe, sein Anspruch an Bequemlichkeit und die Übereinstimmung mit dem herrschenden "guten Geschmack". Die aus der Charakterlehre und den Ideen der Wirkungsästhetik abgeleitete obrigkeitliche Zuweisung formaler Eigenschaften an ein Bürgerhaus war engstens mit dem moralisch sittlichen Idealbild eines guten Bürgers verbunden. Der Bürger sollte sich ein Haus bauen, das heiter und munter, ungeschmückt und einfach, aber reinlich und bequem (Eberhard) ist, damit dieses ihn nicht nur angemessen beherbergen und in der Öffentlichkeit repräsentieren, sondern auch seine eigene und die Lebensweise seiner Nachbarn positiv beeinflussen könne. Bürger und Haus, so das Konzept, sollten sich in ihren moralisch-sittlichen Werten wechselseitig unterstützen.

Wohlstand als Ausdruck ordentlichen bürgerlichen Wirtschaftens und "guter Geschmack" als Ausweis der Zugehörigkeit zur neuen Elite der gebildeten Privatleute wurden zum allgemein gültigen Ideal und zum notwendigen Unterscheidungs- und Ordnungsmerkmal innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft. Auf der Suche nach neuen Ordnungskriterien für die sich auflösende feudale und sich herausbildende bürgerliche Gesellschaft, sah die Verwaltungselite Preußens in der individualisierten Bürgerhausfassade zugleich den Ausdruck einer neuen Zeit und das Mittel zur ästhetischen und sozialen Ordnung der sich verändernden Gesellschaft.

Das provinzialstädtische Bürgerhaus im Wiederaufbau Zehdenicks 1801-1806.

Die bauliche Beschaffenheit Zehdenicks vor dem Brand

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Im 16. und 17. Jahrhundert war Zehdenick bei mehreren großen Bränden jedesmal fast gänzlich abgebrannt.408 Über all diese Katastrophen hinweg bewahrte der Stadtgrundriß jene Form, die sich im Mittelalter ausgebildet hatte. 1801 hielt der Kondukteur Wöhner diesen Stadtgrundriß in einer detaillierten Zeichnung fest.409

Abb. 39: Baukondukteur Wöhner: Plan der Stadt Zehdenick und der Dörfer Kamp, Damm und Hast sowie selbige am 27. May 1801 abgebrannt sind

Die wesentlichen Merkmale beschrieb Bratring folgendermaßen:

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Die Stadt hatte drei Thore [...]. Sie hatte einen ziemlich großen Marktplatz, eine Hauptstraße und 8 Nebenstraßen. Die Hauptstraße ward die Berliner Straße genannt, und war die Einzige in dem ganzen Ort, die noch so ziemlich breit war. Die übrigen aber waren größtentheils sehr schmal.410

Die vom Berliner zum Templiner Tor verlaufende, ca. 4 Ruten (etwa 15,00 m) breite Berliner Straße beherrschte folglich als Hauptstraße den Grundriß. Doch führte sie nicht geradlinig durch die Stadt. Am Marktplatz, genau am Gebäude der Apotheke, unterteilte eine Richtungsänderung die Straße in zwei Abschnitte. Auch die mit Bürgermeisterstraße (Marktstraße) und Klosterstraße angedeutete, von Ost nach West verlaufende Querachse versprang an dieser Ecke des Marktes um etwa zwei Meter. Fast in der Mitte der Stadt war an die Berliner Straße links und rechts je ein Platz angegliedert. Westlich lag der Marktplatz, östlich, durch eine Gruppe von Bürgerhäusern abgetrennt, der Kirchplatz. Auf dem Marktplatz stand quer zur Berliner Straße und mit der Giebelseite bis fast an die Straße gerückt das alte Rathaus, das größer war als das nach dem Brand erbaute. Um einiges weitläufiger als der Marktplatz war der die Kirche umgebende Platz, der noch 1801 als Friedhof genutzt wurde. Beide Plätze hatten, obwohl sie annähernd rechteckig waren, keine wirklich regelmäßige Form. Nahezu parallel zur Berliner Straße verlief im Osten die Mühlenstraße. Nur auf dieser Seite war das sonst in den Städten des ostelbischen Kolonisationsgebietes vorherrschende Straßenraster in Ansätzen erkennbar: Poststraße, Bürgermeisterstraße, Kapellenstraße und Herrenstraße verliefen geradlinig zwischen Berliner und Mühlenstraße, so daß sich annähernd rechteckige Baublöcke bildeten. Östlich der Berliner Straße gab es keine parallel zur Hauptstraße verlaufende Straße und kein Straßenraster. Außer der Klosterstraße und der Schulstraße existierten hier nur schmale Gassen: Hospitalstraße, Hirtenstraße und Kathagen. Die beiden letzteren orientierten sich in ihrem stark gekrümmten Verlauf deutlich an den Außengrenzen der Stadt. Der mittelalterliche Stadtgrundriß zeigte durchaus Ansätze einer planmäßigen Anlage. Insgesamt aber war er mehr durch die zahlreichen Unregelmäßigkeiten geprägt.

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Neben Kirche und Rathaus gab es nur wenige öffentliche Gebäude. Das alte Hospital lag in der Flucht der Berliner Straße, unmittelbar am Templiner Tor. Inspektorats-, Diakonats- und Schulgebäude befanden sich am Kirchplatz. Außer dem Friedhof um die Kirche bestand ein weiterer, der Armenkirchhof, in der nordöstlichen Ecke der Stadt. Es gab keine Stadtmauer, wohl aber Tore mit massiven Pfeilern, einige sehr starke, aus Feldsteinen bestehende Türme411 und einen schmalen Wassergraben.

Merians 1631 veröffentlichte Ansicht Zehdenicks zeigt eine weit auseinander gezogene, ländlich anmutende Siedlung mit den dominierenden Schwerpunkten Ambt, Jungfraw Closter, Statt Kirche und Schloss. Die in zahlreiche Bäume eingebetteten und von einem Palisadenzaun und mehreren Wasserläufen eingeschlossenen Fachwerkhäuser der Stadt erscheinen überwiegend eingeschossig und sowohl giebel- als auch traufständig, sind aber nicht näher charakterisiert.

Nach einer Quartier-Liste des Jahres 1809 gab es etwa 120 halbe Erben, auch als Buden-Hauß-Stellen bezeichnet, und rund 150 ganze Erben oder Erb-Hauß-Stellen.412 Im Gegensatz zum Stadtgrundriß und den grundsätzlichen Qualitäten der Bürgerstellen hatte kaum ein älteres Bürgerhaus die dichte Folge großer Feuerkatastrophen im 16. und 17. Jahrhundert überstanden. Die 1801 abgebrannten Häuser waren daher überwiegend wenig älter als 100 Jahre. Selbstverständlich gab es vor dem Brand Giebelhäuser. Der Bauinspektor Sensse und der Baukondukteur Wöhner betonten im Juni 1801, daß die mehrsten großen Häuser mit dem Giebel an die Straße gestanden haben, und mit der Länge nach hinter raus gegangen sind.413Während vor allem viele der großen Häuser der Kaufleute und wohlhabenden Bürger mehrgeschossige Giebelhäuser waren, zeigte sich ein Großteil der kleineren Häuser traufständig. Nach Bratring zählte man im Jahre 1800, kurz vor dem Brand, 279 Häuser.414 Er berichtet weiter:

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Das Städtchen war, als eine Landstadt betrachtet, ziemlich gut gebauet; zwar ganz und gar von Holtz, mit steinernem Fachwerk, aber den Gewerben der Bewohner angemessen.415

Die Zehdenicker Bürgerhäuser waren demnach ausschließlich Fachwerkbauten, die meisten mit einer Ziegel-, nicht wenige aber noch mit einer Lehmstakenausfachung. Über die Hälfte der Häuser hatte noch Stroh- beziehungsweise Holzschindeldächer und fast ebenso viele waren nur eingeschossig.416 Dieses im ganzen wenig städtische Bild runden die mehrfachen Hinweise auf eingehegte Vorgärten direkt vor den Häusern ab. Nicht nur vor dem Haus der wohlhabenden Amtmännin Lufft direkt am Markt gab es ein von einemEstaquet umgebenen Gartenfleck.417Diese Vorgärten waren so verbreitet und beliebt, daß beim Wiederaufbau vorgeschrieben werden mußte, keine Gärten wieder vor den Häusern anzulegen.418

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Im übrigen unterschied sich der Bestand an Bürgerhäusern nicht wesentlich von dem Zustand Templins vor dem Brand von 1735. Dies gilt bis hin zu den Gängen zwischen den Häusern.419 Dennoch ist die bauliche Ausgangslage in Zehdenick nur eingeschränkt mit der 65 Jahre zuvor in Templin gegebenen vergleichbar, vor allem die städtebaulichen Vorgaben waren weitaus schlechter. Das Straßenraster war weniger ausgeprägt, die Straßen und Gassen waren verwinkelter und enger. Zudem gab es, was die Feuergefährlichkeit weiter erhöhte, noch eine große Zahl strohgedeckter Gebäude und hölzerner Zäune vor den Häusern. Vielfach wurde gerade in den engen Gassen Arbeits- und Brennmaterial direkt auf der Straße gelagert. Immerhin aber versperrte keine Stadtmauer den Weg für eine beim Wiederaufbau eventuell zur Regulierung notwendige Stadterweiterung.

Der „totale Brand“ vom 27. Mai 1801 und die ersten Spenden

Der 27ste May 1801 war der schreckenvolle Tag der das Schicksal von 3123 Personen, mit Inbegriff von 790 Kindern, auf eine so drückende Art entschied [...] Bei diesem großen Brande verloren zugleich 7 Menschen [...] ihr Leben und 792 Gebäude wurden an diesem unglücklichen Tage völlig in die Asche gelegt.

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So beginnt ein längerer Bericht über das Zehdenicker Unglück.420 Tragische Todesfälle werden darin ebenso mitfühlend geschildert wie die bewunderungswürdige Rettung eines unschuldigen, mitten in den Flammen erhaltenen Kindes. Aber auch die Gründe der Feuerkatastrophe – die engen, zudem mit brennbaren Materialien verstellten Gassen, die leicht brennbaren Fachwerkhäuser und besonders die mit Holzschindeln gedeckten Dächer – werden benannt. Der Report endet mit den Worten:

Dies traurige Schicksal traf diese sonst blühende Stadt. – In noch nicht vollen 10 Stunden war sie gänzlich vernichtet, und nur traurige Überbleibsel ehemaliger Wohnungen, ragen anjetzt über Schutthaufen, zur schaudervollen Rückerinnerung hervor.421

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Wie schon 1787 der Neuruppiner Brand fand auch der Zehdenicker vor allem in Berlin sofort größtes Mitgefühl.422 Die hier zitierte Schrift wurde zusammen mit einem schematischen Stadtgrundriß und einer Ansicht von der Abendseite wenige Wochen nach dem Brand in Berlin von einigen Menschenfreunden [...] zum Besten der durch den totalen Brand so unglücklich gewordenen Einwohner Zehdenicks herausgegeben. Sie offenbart den romantischen Geist der bürgerlichen Solidarität, der den gesamten Spendenprozeß kennzeichnete. Nicht nur die Spendensammlung organisierten die Berliner Bürger privat, sie bestanden auch darauf, die Verteilung dieser milden Gaben in Zehdenick nach den von ihnen entworfenen, gerechten Maßgaben selbst durchzuführen und darüber in der Berliner Öffentlichkeit eine umständliche Rechnung abzulegen.423 Selbst der König sah sich in dem allgemeinen Gefühl des menschenfreundlichen Mitleids gedrängt, diese bürgerlich-selbstbestimmte, vor allem über die Zeitschriften, Zeitungen und bürgerliche Gesellschaften initiierte Spendenaktion mit immerhin 2000 Thalern in Friedrichsd’or persönlich zu unterstützen.424 Selbstverständlich kam die Hilfe nicht nur aus Berlin. Vor allem die in der Nähe Zehdenicks liegenden Dörfer, Städte und Gutsherrschaften halfen in den ersten Tagen mit Lebensmitteln und Kleidern, später auch mit Geldspenden.425

Obwohl das Spendenergebnis ohne Frage beachtlich war, gerüchteweise war von über 30.000 Talern die Rede, spielte es für den Wiederaufbau kaum eine Rolle. Bei einem Gesamtschaden von 509.617 Talern konnten durch solche milden Gaben nur die allernötigsten ersten Bedürfnisse befriedigt werden.426

Der Wiederaufbau

Wie seit Ende des 17. Jahrhunderts üblich, wurden abgebrannte Städte in Preußen auch noch um 1800 mit teilweise beträchtlicher staatlicher Unterstützung wieder aufgebaut. Ob den Zehdenickern und den beteiligten Beamten der Wiederaufbau der benachbarten Städte Gransee (nach 1711) oder Templin (nach 1735) noch gegenwärtig war, ist fraglich. Präsent war aber allen Beteiligten neben den zahlreichen zeitnahen Wiederaufbauprozessen in Seelow (nach 1788), Altruppin (nach 1792) oder Lebus (nach 1801) vor allem das Neuruppiner Retablissement, bei dem nach 1787 mit immenser finanzieller Unterstützung ein Muster geschaffen worden war, an dem sich alle künftigen Wiederaufbauprojekte messen lassen mußten.427 Folgerichtig war es eine der ersten Handlungen des zuständigen Steuerrats Georg Friedrich Laue, sich bei seinem für Neuruppin zuständigen Amtskollegen von Lindenau zu erkundigen, wie man einen solchen Wiederaufbau am erfolgversprechendsten angehen müsse.428 Dabei interessierten ihn vor allem Fragen der Finanzierung und des Bürgerhausbaus.

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Von Beginn an stand fest, daß nicht nur die städtebauliche Disposition der wiederaufgebauten Stadt, sondern auch der Bau jedes einzelnen Bürgerhauses grundlegend von den Modalitäten und dem Verlauf des gesamten Retablissements geprägt sein würde. Doch konnten diese bei aller Routine der Verwaltung im Umgang mit derartigen Ereignissen nur in einer Diskussion zwischen Bürgerschaft und Magistrat, Steuerrat, Kurmärkischer Kammer und Kurmärkischem Departement festgelegt werden. Die politische und wirtschaftliche Situation Zehdenicks, der Uckermark und Preußens insgesamt waren hierbei von grundlegender Bedeutung.

Politische und wirtschaftliche Voraussetzungen

Anders als die zielgerichtete und konsequente Vorgehensweise ihrer Vorgänger, besonders Friedrich Wilhelms I., war die Städtepolitik Friedrich Wilhelms II. und mindestens bis 1806 auch die Friedrich Wilhelms III. zögerlich, lavierend und mehr das Alte bewahrend als bewußt Neues formend. Die Gewißheit, mit der man zuvor das Glück des Staates und seiner Bewohner in straffer Organisation, möglichst weitgehender Subordination und staatswirtschaftlicher Lenkung gesehen hatte, war wenigstens teilweise dahin. Stetig zunehmend mit der Erstarrung und Verhärtung der Politik in den letzten Jahren der Regierung Friedrichs II., wurde die Notwendigkeit von Reformen spätestens nach den Ereignissen der Französischen Revolution unübersehbar, das Beharren auf dem Alten immer gefährlicher und schwieriger. Sowohl innerhalb der staatlichen Verwaltung, als auch in den Bürgerschaften der Städte gab es in dieser Situation zwei Grundpositionen: Suchten die einen nach Neuordnung und Veränderung der alten Strukturen, so waren die anderen bestrebt, mit aller Macht an der überkommenen Ordnung festzuhalten.

Ausgangspunkt der Entwicklung im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts war auch in der Uckermark das im Sinne absolutistischer Machtausübung eingespielte Zusammenwirken von Kurmärkischer Kammer, Steuerrat und Magistrat. Die Amtswege waren etabliert, die Statistik auf hohem Niveau und selbst für Katastrophen, wie die totale Zerstörung einer Stadt durch Brand, hatte man innerhalb der Verwaltung wirksame und effektive Strategien entwickelt. So festgefügt aber diese Verwaltungshierarchie auch scheinen mag, sie war immer wieder vor allem von der lokalen Ebene her bedroht. Die Magistrate strebten in den Immediatstädten nicht selten zu „unumschränkter Selbstherrschaft“, und die Stadtverordneten waren oft zu bloßen Handlangern des Magistrats geworden.429 Dies rief regelmäßig den Widerstand der Bürgerschaften hervor. Wie Liselott Enders betont, war der „bürgerliche Selbstbehauptungswille“ auch im absolutistischen Staat nie ganz verloren gegangen. In den 1790er Jahren erhielten die auf Mitbestimmung und Selbstkontrolle zielenden Aktionen der Bürgerschaften auch der uckermärkischen Städte einen beachtlichen Auftrieb. Der größte Konflikt dieser Art spielte sich zwischen 1794 und 1801 in Prenzlau ab. Zwar ging diese Streitsache letztlich in wichtigen Punkten zugunsten des Magistrats aus, doch kommt Enders insgesamt zu dem Schluß, daß „die Bürgerschaft ihre Forderungen in Richtung auf eine Demokratisierung der Stadtverwaltung durch Abbau oligarchischer Strukturen“ Schritt für Schritt durchsetzen konnte.430 Die Prenzlauer Vorgänge führten auch in anderen Städten der Uckermark zu ähnlichen Entwicklungen. Die Templiner Bürgerschaft etwa forderte 1799 gegen die Gepflogenheit ihres Magistrats, daß in Zukunft die Stadtverordneten gantz allein von die gesamte Bürgerschafft wahlmäßig angesetzt werden sollten.431 Die Bürgerschaften der Provinzialstädte drängten im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts verstärkt nach politischer Mitbestimmung in ihren Gemeinwesen. Dabei setzten sie auf die bestehenden Machtstrukturen, definierten aber die Aufgaben etwa der Stadtverordneten und des Magistrats in ihrem Sinne neu.

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Eine 1797 von dem junger Kammerreferendar Vollrath bei der Magdeburger Kammer eingereichte Denkschrift zur Beförderung des Wohlstands der preußschen Städte zeigt, wie dringlich grundlegende Veränderungen in den Augen vieler Praktiker, Gelehrter, Politiker und Ökonomen waren.432 Sie offenbart so einerseits eine zunehmende Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen, die in die Forderung nach Reformen gerade im Städtewesen und in ein noch vorsichtiges Tasten nach Alternativen zur bestehenden Ordnung mündete. Andererseits legen die Reaktionen auf die Denkschrift ein starres Festhalten an überkommenen Strukturen und Werten offen. Um den als besonders kritisch eingeschätzten sinkenden Nahrungsstand der Preußischen Provinzial Städte zu heben, macht Vollrath verschiedene Vorschläge. Seine Forderung nach einer strikteren Trennung ländlicher und städtischer Gewerbe (besonders Handwerk und Brauwesen) mutet noch traditionell an. Indem er aber die Aufhebung der gutsherrlichen und der Amtsbrauerei fordert, wagt er sich bei der zweckmäßigeren Einrichtung des Brauwesens weit vor. Auch die Zwangskrüge sollen abgeschafft werden, da eine derartige Beschränkung dienatürliche Freiheit hemme. Auch bei der zweckmäßigeren Einrichtung des Gewerks- und Innungswesens will er weder die Zahl der Meister, noch die der Gesellen eingeschränkt wissen. Die Geschicklichkeit der Meister und Gesellen sowie die Qualität der Produkte zu heben, sei hier vor allem Aufgabe der Obrigkeit. Neben dem Vorschlag, weiterer Fabriken und Manufakturen in den kleineren Städten zu etablieren, entwickelt Vollrath eine Strategie, um den Absatz der Produkte durch Preissenkungen zu steigern. Dafür will er die Consumtions-Accise abschaffen. Dies würde seiner Meinung nach zu einer Verringerung der Lebenshaltungskosten der Arbeiter und damit schließlich zu einer Senkung der Löhne führen. Der Verlust für den Staat werde durch Bevölkerungswachstum, vermehrte Warenproduktion und florierenden Handel bei weitem aufgewogen. Ein weiteres Hauptmittel sieht Vollrath darin, Gelegenheit zum vorteilhaften Absatz der Waarenzu schaffen. Hier formuliert er mit dem Verweis auf die in dieser Hinsicht als vorbildlich dargestellte Regelung in England einen beachtlichen Grundsatz:

Die Handlung verträgt nicht gern Zwang und Einschränkung und die Freiheit ist das Leben und die Seele derselben. Die Concurrenz entwickelt die Industrie und giebt ihr alles Triebwerk [...].

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Eine Abschaffung oder wesentliche Verringerung der Importzölle, also die Öffnung des inländischen Marktes für fremde Produkte ist ihm eines der wesentlichsten Mittel zur Hebung auch der provinzialstädtischen Nahrung. Durch Konkurrenz würden die einheimischen Produkte verbessert und durch ihren dann vermehrten Absatz im Ausland könnten sich Handel und Handwerk zu einer einträglicheren Nahrungsquelle entwickeln.

Ohne Zweifel kann man in Vollraths Denkschrift, die immerhin vom Generaldirektorium auf Weisung des Königs zur Begutachtung an die Kammern, Ämter, Land- und Steuerräte gesandt wurde, neue Töne vernehmen, die mit Liselotte Enders als „durchaus antifeudal“ zu betrachten sind.433 Die Schrift verweist auf die in der Theorie etwa zeitgleich formulierten Forderungen nach einer Beschränkung der Aufgaben des Staates auf die negativen Pflichten. Die Reaktionen waren vielfältig und reichten von herablassender Geringschätzung etwa durch den Steuerrat von Lindenau434 bis hin zur überschwenglichen Begrüßung durch den Landrat von Bornstedt.435 Die grundsätzliche Position vieler mittlerer Beamter wird in der Person des auch für den Zehdenicker Wiederaufbau verantwortlichen Steuerrats Laue deutlich. Er hatte die Magistrate einiger ihm unterstellter Städte um Gutachten über Vollraths Schrift gebeten und selbst ein geringfügiges Sentiment erarbeitet.436 Darin zeigt er sich zwar für Reformen offen und legt besonderen Wert auf eine Erhöhung des Bildungsstandes, vor allem der gewerblichen Bildung. Ideen, welche die Verfassung Preußens in Frage stellen, sind ihm aber suspekt. So urteilt er über den Bericht des Angermünder Magistrats, in dem Enders den fortschrittlichsten, unkonventionellsten und die kommenden großen Reformen vorwegnehmenden Geist sieht,437 es sei ein willkührliches Raisonnement.

Über zehn Jahre später sandte Laue Seiner Majestät im Zusammenhang mit den Stein-Hardenbergschen Reformen 1809 eine 77 Seiten starke Abhandlung, in welcher er die Folgen der Einführung der Städteordnung in den schwärzesten Farben malt.438 Über die Bürger, denen nach der Städteordnung mehr Mitspracherecht und Eigenverwaltung zugedacht war, urteilt er durchweg negativ. Die gemeine Bürgerklasse sei ungebildet und unaufgeklärt, die Stadtverordneten und neuen Ratsherren hätten von der Verwaltung keine Ahnung, ihnen fehle die jahrelange Erfahrung und spezielle Kenntnis, und überhaupt würden die kenntnislosen Bürger und beschränkten Eigenthümer in kürzester Zeit Chaos, Unruhe und wirtschaftlichen Niedergang in den Städten herbeiführen. Diese Ansichten scheinen in der Person Laues und in der gesellschaftlichen Stellung seines Amtes so tief verwurzelt, daß sie seinen Umgang mit den Bürgern sicherlich schon vor 1809 prägten. Auch zu Beginn des Wiederaufbaus sah Laue in den Zehdenickern abschätzig nur halbgebildete, aus purem Eigennutz zu Korruption, Unruhe und Ungehorsam neigende Untertanen, die lediglich durch die geschickte Durchsetzung der staatlichen Vorschriften zu geordnetem Leben und Gewerbefleiß zu bringen seien.

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Insgesamt vermitteln die in der Forschung bisher gesammelten Fallbeispiele und allgemeineren Einschätzungen ein Bild, das die Mitglieder der Bürgerschaften als die Agierenden und Veränderungen, Reformen beziehungsweise alte Rechte neu Einfordernden zeigt. Sie strebten offensiv nach Ausweitung oder Wiederbelebung ihres Mitspracherechts und ihrer Mitgestaltungsmöglichkeiten, wobei sie sich selbstbewußt auf örtlich tradiertes Recht und Herkommen oder das Allgemeine Landrecht beriefen und auch längere Rechtsstreitigkeiten nicht scheuten. Die Beamten der staatlichen Verwaltung erscheinen dagegen überwiegend als Reagierende und den Status quo Sichernde.439 Weniger klaren politischen und wirtschaftlichen Konzepten folgend, sondern zumeist ausgleichend und abwägend, versuchten sie Übersicht und Kontrolle zu behaupten. Die Beamten der mittleren Verwaltungsebene und besonders die Steuerräte verteidigten dabei die bestehende Herrschaftsstruktur und das altbewährte Wirtschaftssystem. Sie waren bestrebt, diese wenigstens in ihren wesentlichen Punkten aufrecht zu erhalten.

Über die konkreten rechtlichen und verwaltungsmäßigen Zuständigkeiten in der zum königlichen Domänenamt Zehdenick gehörenden Mediatstadt Zehdenick berichtet Bratring:

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Der Stadt-Magistrat besteht aus zwei Bürgermeistern, einem Kämmerer und zwei Senatoren. Vier Stadtverordnete, als Deputirte der Bürgerschaft, werden zu den rathhäuslichen Sitzungen zugezogen. In Absicht der Kriminal-Gerichtsbarkeit stehet die Stadt unter dem hiesigen Domainen-Amte. Die Civil-Gerichtsbarkeit hingegen verwaltet der Stadtricher, der zugleich Stadt-Sekretair ist.440

Zehdenick gehörte demnach zu den wenigen Mediatstädten, welche die niedere Gerichtsbarkeit selbst verwalteten.441 Zum Zeitpunkt des Brandes war Johann Gottfried Adolph Haeger Bürgermeister und königlicher Stadtrichter. Der beachtliche Einfluß der Stadtverordneten, den schon Bratring angedeutet hat, zeigte sich auch in ihrem selbstbewußten Auftreten in den wesentlichen Phasen des Wiederaufbaus.442 Die Zuständigkeit des Domänenamts Zehdenick beschränkte sich in der Stadt vor allem auf die Kriminalgerichtsbarkeit.443 Für die meisten anderen, über den Einflußbereich des Magistrats hinausgehenden polizeilichen, finanziellen und wirtschaftlichen Aufgaben, welche direkt die Stadt Zehdenick betrafen, war der Steuerrat Laue aus Eberswalde zuständig.

Immer wieder berichten die königlichen Beamten in den Wiederaufbauakten von der Renitenz der Bürger, der schlechten Policey in den Vorstädten und dem generellen Mangel an Subordination. Das Kräfteverhältnis zwischen staatlicher Verwaltung und Bürgerschaft hatte sich vor Ort deutlich zugunsten der letzteren verändert. Beachtenswert ist in diesem Zusammenhang das Verhalten des Bürgermeisters Haeger. Nicht ohne Grund wurde er von den königlichen Beamten als schlechter Politei Bürgermeister bezeichnet, der in seinen Entscheidungen von der Bürgerschaft abhängig sei. Tatsächlich verteidigte Haeger die Mitspracherechte der Zehdenicker gegen alle Versuche des Amts, diese zu schmälern. Dabei führte er gegen die Anmaßung des Amts den gesetzlich vorgeschriebenen Gang an.444 In seiner deutlich den Interessen der Bürgerschaft verpflichteten Haltung blieb Haeger auch dann noch standhaft, als er wegen dieses Verhaltens mit Strafe belegt wurde. Überhaupt hielten sich Bürgermeister und Magistrat aus allen im Verlauf des Retablissements entstehenden Konflikten zwischen Bürgerschaft und staatlichen Behörden entweder gänzlich heraus, oder sie stellten sich offen auf die Seite der Bürger.

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Noch aufschlußreicher ist eine Ausnahmesituation, in welcher Haeger deutlich Partei für die Bürger ergriff. Die Unzufriedenheit mit den vom Staat gesetzten Prämissen der Spendenverteilung und der Wiederaufbauförderung führte die Bürger zu einem Aufstande, einem strafbaren Auflauf auf die Straße.445 Die Zehdenicker beschieden sich nicht mehr mit dem traditionellen Mittel bürgerlicher Widerständigkeit im absolutistischen Preußen, der Eingabe an den König, welches sie dennoch ausgiebig und redundant anwandten. Sie wählten darüber hinaus eine wesentlich schärfere Form der Auseinandersetzung, die öffentliche Demonstration. Dieser ungeheuerliche Vorgang und die sehr nachsichtige Reaktion der Behörden lassen keinen Zweifel daran, daß die Bürgerschaft vor Ort eine politische Kraft von erheblichem Einfluß war und daß sie dieses Kräfteverhältnis konsequent ausnutzte. Während die Bürger die Konfrontation zur Durchsetzung ihrer Forderungen nicht scheuten, versuchten die Behörden immer wieder durch Entgegenkommen zu besänftigen, größere Auseinandersetzungen zu verhindern und die bestehende Ordnung durch Kompromisse aufrecht zu erhalten.446

Die wirtschaftlichen Verhältnisse Zehdenicks um 1800 beschreibt wiederum Bratring:

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Die Haupt-Nahrungszweige der Einwohner sind Ackerbau, Viehzucht, Brauerei, Brennerei, einige Manufakturen und andere bürgerliche Gewerbe. Auch ernähren das Hüttenwerk, der Fischfang und die Flösserei auf der Havel und den damit zusammenhängenden Seen viele Menschen.447

Für diese Haupt-Nahrungszweige besaß die Stadt 60 Hufen Ackerland, etwa 300 Morgen Wiesenwachs und 191 Bürgergärten sowie eine ziemlich gut bestandene Stadt-Bürgerheide von 2825 Morgen 20 Quadratruten.448 1801 gab es in der Stadt 186 Pferde, 63 Ochsen, 295 Kühe, 93 Stück Jungvieh, 67 Kälber, 52 Hammel, 412 Schafe, 330 Schweine. Die von Ackerbau und Viehzucht lebenden Einwohner machten einschließlich der Branntweinbrenner und Brauer den größten Teil der Bevölkerung aus.449 Der Handel war wie in den meisten kurmärkischen Provinzialstädten nur mäßig entwickelt.450 Vor allem Schifferei, Schiffbau, Eisenhütte und eisenverarbeitende Gewerbe gaben der sonst typischen kleinstädtischen Wirtschaft ein besonderes Gepräge.451 Ein weiteres Charakteristikum ist der vergleichsweise hohe Prozentsatz an Verwaltungsbeamten und Hilfskräften der Verwaltung, der in erster Linie daraus resultierte, daß Zehdenick eine dem königlichen Domänenamt unterstellte Mediatstadt war. Neben städtischen, kirchlichen und militärischen Amtsträgern lebten daher auch die Bediensteten des Amts in der Stadt.452 Zusammen mit den Vertretern des Militärs spielte diese Bevölkerungsgruppe eine nicht zu unterschätzende Rolle im wirtschaftlichen und geistig-kulturellen Leben der Stadt. Der für eine kleine Provinzialstadt auffallenden Vielfalt der Erwerbsformen entsprach eine hohe Differenzierung der Handwerke, die neben dem Textilgewerbe auch eine Anzahl metallbe- und metallverarbeitender Gewerbe umfaßte.453 Nicht zuletzt wegen der zwar außerhalb der Stadt, aber in deren unmittelbarer Nähe gelegenen Eisenhütte und der umfangreichen, größtenteils zum Amt gehörenden Mühlenanlagen muß man Zehdenick als zwar bescheidenen, aber im Maßstab der kurmärkischen Provinz durchaus wichtigen industriellen und gewerblichen Standort charakterisieren.

Die städtischen und bürgerlichen Vermögensverhältnisse sind nicht einfach einzuschätzen. Vielfach und in verschiedenen Zusammenhängen finden sich Äußerungen wie die des Justizbeamten Kortum, die Zehdenicker seien vor dem Brand in ziemlichem Wohlstandgewesen.454 Diese generalisierende Aussage, oft verhandlungstaktisch eingesetzt, um die Höhe der Verluste und die Notwendigkeit der finanziellen Unterstützung zu untermauern, bedarf der Klärung. Mit 6.701 Talern war die im Jahre 1770 erbrachte Akzise, die bis 1800 auf jährlich immerhin etwa 7.000 Taler anstieg, nicht unbeträchtlich.455 Die wirtschaftliche und finanzielle Kraft der Stadt war demnach durchaus von einiger Bedeutung und lag deutlich über der durchschnittlichen Potenz einer Mediat- und auch so mancher Immediatstadt. Die Einwohner aber lebten überwiegend in bescheidenen Verhältnissen. So waren zum Zeitpunkt des Brandes viele Grundstücke mit Hypotheken belastet. Auch die Verlustlisten zeigen kaum bedeutende Werte an Hausrat oder Geldern. Daß aber die Oberschicht durchaus über einigen Wohlstand verfügte, offenbart die Verlustanzeige des Justizbeamten Kortum, der einer der wohlhabendsten Zehdenicker war. Er berichtete, er müsse seinen Verlustan Mobilien, Bibliotheque und übrigen Effecten zum mindesten auf 3000 rtl. rechnen.456

Finanzierung, Organisation und Verlauf

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Bereits einen Tag nach der Katastrophe gingen beim Kurmärkischen Departement die ersten Meldungen über den verheerenden Brand ein. In den nächsten Tagen folgten ausführliche Berichte mit ersten Schadensschätzungen.457 Sofort war das Ausmaß der Zerstörung offenbar: Innerhalb der Stadt waren alle Gebäude, einschließlich Kirche, Rathaus und Schule, bis auf eine Kaserne und Fischerhütteeingeäschert. Auch außerhalb der Stadt waren fast alle Wohnhäuser der Dörfer Damm, Hast und Kamp, sämtliche Gebäude des Amts bis auf die Amtsscheune, die Gebäude des Klosters und sogar die etwas entfernt liegende Amtsschäferei abgebrannt. Neben der nüchternen Schilderung der Schäden zeigen die behördlichen Berichte der Augenzeugen und der eilig nach Zehdenick gereisten Beamten auch den Schock dieser Katastrophe, das Entsetzen und die hilflose Orientierungslosigkeit der Zehdenicker. Der Kriegs- und Domänenrat Bonsery, der unmittelbar nach dem Brand in Zehdenick eingetroffen war, berichtete, viele der Einwohner hätten sich in den benachbarten Städten und Dörfern einquartirt, viele aber sind zurückgeblieben, und bauen sich jetzt kleine Hütten, zum Theil liegen sie in den noch stehen gebliebenen Scheunen, sowie auf dem Felde umher.458 Überall, so der spürbar betroffene Bonsery weiter, beruht das größte Elend auf den Gesichtern dieser unglücklichen Leute, die ihre Haab und Gut verloren haben und welche lediglich nur durch Ewr. Königl. Majestät allerhöchste Gnade aufgeholfen werden können.

Während die ersten Hilfsaktionen der umliegenden Städte, Dörfer und Adelssitze anliefen, erhielt der Steuerrat Laue von der Kurmärkischen Kammer den Befehl, schleunigst Notunterkünfte zu errichten. Das Curassür Regiment von Malschitz wurde vorübergehend nach Gransee verlegt; nur fünf Mann verblieben in Zehdenick, um Räuberei zu verhindern. Zu den ersten Maßnahmen des Kurmärkischen Departements gehörte es, noch im Juni 1801 eine Retablissementskommission zu gründen, damit die zunächst zwischen Amt und Steuerrat geteilte Bearbeitung vor Ort in eine Hand komme. Die Aufsicht vor Ort und die Leitung der Kommission wurde dem Cammerassessor Ludolf zu übertragen. Der Kommission gehörten außerdem der Steuerrat Laue, ein Vertreter des Amts (Kortum), des Magistrats (Haeger), der Bürgerschaft (Stadtverordnete) und der Bauverwaltung (Lietzmann) an.

Den ersten Schritt zur Finanzierung des Wiederaufbaus unternahmen die Zehdenicker Bürger. Eine Deputation aus Vertretern von Magistrat und Bürgerschaft überbrachte dem König am 1. Juni 1801, also nur drei Tage nach dem Brand, eine allerunterthänigste Immediat Vorstellung.459 Zunächst wurde darin von der einst blühenden kleinen Stadt, von ihrer Industrie und Betriebsamkeit und von den ansehnlichen Accise-Geldern berichtet, die sie bisher eingebrachte hatte. Doch nicht nur um diese blühende Einnahmequelle wieder herzustellen, sondern vor allem um die verarmten Einwohner vom gänzlichen Untergang zu retten, flehten die Zehdenicker um Hilfe. Am Neuruppiner Muster orientiert, baten sie, ihnen gegen Abtragung sämtlicher Feuer Kaßen Gelder ihre Häuser wieder erbauen zu laßen und das fehlende aus Allerhöchst Dero Caßen zuzuschießen.

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Auch die oberste Staatsverwaltung ging von Beginn an davon aus, daß man um eine Unterstützung des Wiederaufbaus von Seiten des Staates nicht umhin kommen würde. Wie ein Bericht des Steuerrats Laue zeigt, befürchtete man, daß es ohne einen großzügigen finanziellen Zuschuß eine lang andauernde wirtschaftliche Stagnation geben werde, die zwingend mit einer langfristigen Verfestigung der städtebaulich-architektonischen Wüstung und einer generellen, nicht nur baulichen Verelendung verbunden sein würde.460 Obwohl auch Minister von Voß von der Notwendigkeit einer beträchtlichen Unterstützung überzeugt war, agierte er in dieser heiklen Angelegenheit sehr viel vorsichtiger als die Deputation der Bürgerschaft. Er bereitete den König nur ganz allgemein darauf vor, daß er im Laufe des [...] Etats Jahres allerhöchst dieselben [...] wegen Unterstützung der unglücklichen Abgebrandten mit extraordinairen Geld Anträgen zu behelligen genöthigt seynwerde.461 Ganz richtig hatte Voß erkannt, daß Friedrich Wilhelm III., anders als sein Vater 1787 beim Wiederaufbau Neuruppins, nicht gewillt sein würde, auf die Forderung der Zehdenicker einzugehen. Dementsprechend fiel auch die Antwort des Königs auf das Hilfsgesuch der Bürgerschaft aus. Vor allem auf den Wunsch, daß dieabgebrannten Gebäude, gegen die Feuer Cassen Gelder auf Rechnung des Staats wieder aufgebaut werden mögten, konnte und wollte der König nicht eingehen. Immerhin wurde aber verfügt, die Abgebrannten so kräftig zu unterstützen, daß Sie in den Stand gesetzt werden, das Retablissement bald möglichst zu bewirken und ihr gestöhrtes Gewerbe wieder zu betreiben.462

Auf der Grundlage der Forderungen der Bürgerschaft und der Antwort des Königs wurden die Prämissen für den Wiederaufbau am 11. Juni 1801 auf einer Konferenz in Zehdenick zwischen den Repräsentanten der königlichen Zentralgewalt und den Vertretern der Bürgerschaft verhandelt. Außer dem Steuerrat Laue waren als Vertreter des Amts der Amtsassistent Kriele, vom Magistrat der Bürgermeister Haeger, der Kämmerer Tramnitz und der Ratmann Pape, als Vertreter der Bürgerschaft die Stadtverordneten Gerdesius, Feltner, Ulrich und Köhn sowie als Bausachverständige der Bauinspektor Sensse und der Kondukteur Wöhner beteiligt. In der Folge dieser Wiederaufbaukonferenz ließen die Zehdenicker von ihren anfänglichen hohen Erwartungen ab. In Absprache mit dem Steuerrat Laue und dem Kammerassessor Ludolff erklärten sie sich bereit, dann massiv bauen zu wollen, wenn 50 pro Cent Bau Hülfs Gelder von der ganzen Anschlagssumme ohne vorherigen Abzug der Feuer Cassen Gelder bewilligt werden.463Das zu erbittende Quantum hätte so allein für die Bürgerhäuser immer noch über 500.000 Taler betragen und die in Aussicht gestellten staatlichen Zuschüsse mit Sicherheit überschritten.

Die Kurmärkische Kammer bemühte sich nun, die Ansprüche der Bürger und die Vorstellungen beziehungsweise Möglichkeiten des Staates einander anzunähern. Umfangreiche statistische Erhebungen sollten die Grundlage für ein tragbares, den Interessen des Staates entsprechendes, aber auch gerechtes Finanzierungsmodell bilden. Als Voraussetzung dafür wurde allgemein die detaillierte Erfassung und Klassifizierung der Verluste jedes einzelnen Bürgers angesehen. So entstanden in den Wochen nach dem Brand mit großer Routine zahlreiche General-Nachweisungen und Liquidationen. Erfaßt wurde durch Magistrat, Kammerassessor und Steuerrat der Verlust an Gebäuden, Materialien, Producten und Effecten, die Hypothecarischen Schulden, der Vermögensstand und der gegenwärtige Aufenthaltsortaller Zehdenicker. Unterteilt und klassifiziert wurde nach Häuser Besitzern, Mieth Bürgern und Einliegern, nach der Größe der Häuser und der Höhe des Verlusts. Weiter wurde ermittelt, wie hoch jedes einzelne Gebäude in der Feuersocietät versichert war. Dieses statistische Material ergab sich zum Teil durch die Auswertung der vorhandenen Akten. Dagegen wurden die Aussagen über die Höhe des Verlustes und den Vermögensstand der Bürger durch die Vernehmung jedes einzelnen Einwohners durch den Magistrat gewonnen. Auf der Grundlage dieser Erhebungen und aufgrund der Durchsetzung drastischer Einsparungen, wie der Korrektur der zu hoch angesetzten Normalanschläge, dem Verzicht auf eine Förderung des Baus von Wirtschaftsgebäuden und dem Abzug der Feuerkassengelder von der Gesamtsumme, moderierteKammer die zur Förderung des Bürgerhausbaus notwendige Summe auf 325.103 Taler.

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Minister von Voß, der letztlich beim König um die Unterstützung nachsuchen mußte, empfand auch diese Summe noch als so unangemessen hoch, daß er sie nicht in Vorschlag bringen mochte. Statt dessen traf er eine für den gesamten Wiederaufbau folgenschwere Entscheidung:

Um solche (die Retablissementskosten, C.B.) mit den übrigen Bedürfnissen des Staats und den Kräften der Dispositions Fonds mehr in Verhältnis zu bringen, tragen Wir Euch auf, [...] die zweyten Etagen ganz absetzen, und hiernach [...] die Anschläge und Nachweisungen unter Aufsicht des Kriegs- und Domainen Raths Wittke umarbeiten zu lassen.464

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Erst nachdem daraufhin die Normal- und Spezialanschläge für die privaten und öffentlichen Bauten beim Kurmärkischen Departement eingegangen und durch das Oberbaudepartement revidiert waren, konnten die Gesamtkosten abgeschätzt und die Höhe der Unterstützung festgelegt werden. Für den massiven Bau von 292 einstöckigen Wohnhäusern waren nun nach Abzug der Feuerkassengelder nur noch 392.399 Taler veranschlagt. Bei einer Beihilfe von 50% würde die vom König zu bewilligende Unterstützung nur knapp 200.000 Taler betragen. Auf dieser Grundlage konnte von Voß im Januar 1802 endlich um Unterstützung beim König nachsuchen. In Anbetracht der Notlage der Bürger betonte er aber, er könne nicht umhin, sie wegen einer höhern extraordinairen Brand-Bonification zu Eurer Königl. Majesät Gnade [...] zu empfehlen.

Friedrich Wilhelm III. verfügte daraufhin, er wolle denjenigen,

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welche massiv bauen wollen 50proC. und wenn eine zweyte Etage erbauet wird, dafür noch 25proC. bewilligen, indem Ich dadurch am besten die Mittelstraße zwischen dem außerordentlichen Bedürfniße und dem Keitze der aus einer stärkern Bewilligung für andere entstehen könnte zu halten gedenke.465

Für den Wiederaufbau der öffentlichen und privaten Gebäude wurde insgesamt ein Bau-Unterstützungs-Fond von 300.000 Talern eingerichtet. Der zeitliche Rahmen wurde auf drei Jahre festgesetzt, das heißt, Ende 1804 sollte der Förderzeitraum enden. Später, als sich herausstellte, wie wenig Zehdenicker massiv bauten und als der Widerstand gegen die ausschließliche Förderung des Massivbaus immer größer wurde und schließlich in den strafbaren Auflauf vom Mai 1802 mündete, wurden die Unterstützungsgelder für den Massivbau auf 60% und 30% erhöht, und man gewährte nun auch eine Unterstützung von 12% auf Fachwerkhäuser mit massivem Giebel.466 Da die Eingaben, Gesuche und Bittschriften der Bürger, auch eine Unterstützung des Fachwerkbaus zu gewähren, nicht abrissen und sich trotz der Erhöhung und Ausweitung der Unterstützung zeigte, daß wenige mehr als 78 massiv bauen wollen, genehmigte der König im Dezember 1803, daß der Fachwerkbau mit massiven Giebeln mit 18% unterstützt wird. Eine 12%ige Beihilfe zum Fachwerkbau wurde für den Fall in Aussicht gestellt, daß nach Abschluß des regulären Retablissements noch Geld in dem dafür bereitgestellten Fonds verbleiben sollte.467

Die kontrollierte Verteilung der Unterstützungsgelder wurde vom Staat als wesentliches Mittel zur Durchsetzung baupolizeilicher Prämissen, vor allem der Feuersicherheit, benutzt und mußte dementsprechend gut organisiert werden. Grundsätzlich gab es für den Wiederaufbau der Bürgerhäuser zwei große Summen auszuzahlen: Feuerkassengelder und Bauhilfsgelder. Erstere, welche immerhin 149.290 Taler betrugen,468 mußten aus der Kasse der Städtischen Feuersozietät gezahlt werden.469 Zunächst nahm man eine Drittelung der Summe vor. Bereits im April 1802 war das erste Drittel, 70.000 Taler, verbaut oder zum Materialankauf ausgegeben. Die Auszahlung der Feuerkassengelder war in nicht genau rekonstruierbarer Weise an die Erfüllung feuerpolizeilicher Bauvorschriften und nachvollziehbare Baufortschritte gebunden. Besser sind die Modalitäten für die Auszahlung der Bauhilfsgelder belegt, der man ebenfalls eine Drittelung zugrunde legte. Bei einer generellen Laufzeit des Retablissements von drei Jahren war festgelegt, daß das erste Drittheil erst am 1. Jul. oder Aug., das zweite zu eben der Zeit im künftigen Jahre und der Rest 1804 auszuzahlen sei.470 Für die Auszahlung der ersten zwei Drittel benötigte der Bürger eine Bescheinigung des Conducteurs Lietzmann, daß entweder die zur Sicherung des Geldes notwendige Menge Baumaterial angeschafft sei oder aber entsprechende Baufortschritte gemacht worden seien.471 Das letzte Drittel wurde erst ausgezahlt, wenn der Bau vollständig beendet war und eine Abschlußrevision ergeben hatte, daß anschlagsgemäß und entsprechend den baupolizeilichen Vorschriften gebaut worden war.

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Wohl auf Drängen der Bürgerschaft hatte der Kammerassessor Ludolf zunächst beantragt, die Führung der Rechnung über die Feuerkassengelder und die Auszahlung der Bauhilfsgelder dem Magistrat zu überlassen. Die Kammer lehnte dies aber entschieden ab. Man sah generell eine ermangelnde hinlängliche Sicherheit und befand zudem, die Wohnung des Bürgermeisters Haeger sei nicht sicher genug. Die Kammer mißtraute dem Magistrat, besonders dem Bürgermeister Haeger; man war sich nicht sicher, ob dieser die mit der Auszahlung der Gelder verbundenen baulichen Forderungen auch wirklich umsetzen würde. Wie für die Auszahlung der Feuerkassengelder zog die Kammer daher auch für die Auszahlung und Verrechnung der Bauhilfsgelder das königliche Amt Zehdenick heran. Wie wichtig es für die staatliche Verwaltung war, das Druckmittel der Bauhilfsgeldauszahlung nicht aus der Hand gegeben zu haben, zeigen die zahlreichen, bei Revisionen offengelegten baulichen Mängel, die zumeist nur mit dem Verweis auf den drohenden Entzug der noch nicht ausgezahlten Unterstützung zu beheben waren.

Die endgültige Regelung der Modalitäten des Wiederaufbaus, vor allem der Höhe und Verteilung der Unterstützungsgelder, hatte bis zum Frühjahr 1802 gedauert, weshalb es 1801 nicht mehr zum Bau von Bürgerhäusern gekommen war. Doch wurde noch im Herbst und Winter die schwierige Frage der Baumaterialbeschaffung geklärt, man erarbeitete Anschläge für Bürgerhäuser und öffentliche Bauten. Die ersten ausgezahlten Gelder benutzte man zum Bau von Notunterkünften für die Abgebrannten und Scheunen für die nahende Ernte. Auch eine provisorische Havelbrücke wurde noch 1801 fertig. Neben dem Bürgerhausbau begann im Frühjahr 1802 auch der Aufbau der großen Amtsmühle, der Schule und des Rathauses. Im Juli 1802 berichtete die Kurmärkische Kammer, der Wiederaufbau sei jezt im vollen Gange.472 Im Juli 1803 waren von den 284 abgebrannten Privat Häusern 153 aufgeführt, 45 noch im Bau und 86 noch zu erbauen.473 Auch an Rathaus, Schule, Hospital, Inspektorats- und Diakonatsgebäude, Klostergebäude und den Hirtenhäusern wurde noch gearbeitet. Ein Jahr später, im Mai 1804, waren 254 Häuser fertig oder im Bau.474 Außerdem gab es sieben Seitengebäude an der Straße, 77 massive Hintergebäude (zumeist die Notwohnungen) und 248 hölzerne Hintergebäude als Notwohnungen und Wirtschaftsgebäude. Insgesamt waren also in den drei Jahren 586 private Gebäude errichtet worden. Die öffentlichen Gebäude waren ebenfalls fast fertiggestellt.475 Erst jetzt, zum Ende des Retablissements, ging man daran, auch die Stadtkirche wieder aufzubauen, wofür der Bauinspektor Sensse Ende 1804 Entwürfe und Anschläge lieferte. Nach grundlegenden Abänderungen durch die Oberbaudeputation in Berlin, vermutlich durch Berson, kam der Wiederaufbau der Kirche im Frühjahr 1805 mit dem Teilabriß der Ruine der alten Kirche in Gang.

Im März 1806 übergab der Kriegs- und Domänenrat Bonsery dem Departement den General Abschluß der sämmtlichen Kosten, welche der Wiederaufbau verursacht hatte. Bis auf die Kirche, welche in diesem Jahr unter Dach kommen soll, waren alle öffentlichen Gebäude wieder aufgebaut. Von den Privat Häusern waren alle bis auf sieben fertig und nur noch 23 im Bau. Der Bau der Tore wurde ebenso wie die Ausbesserung des Pflasters in einigen Stadttheilen auf die Zeit nach dem Ende des Retablissements verschoben.476 Den Kirchhof hatte man verlegt und mit einer Einfriedungsmauer sowie einem Leichenhaus versehen. Insgesamt hatte der Wiederaufbau aus dem Unterstützungsfond 255.623 Taler 21 Groschen und drei Pfennige verbraucht. Es waren also noch knapp 45.000 Taler in dem mit 300.000 Talern ausgestatteten Fond. Da die Reiterställe die Voraussetzung für den Wiedereinzug der Garnison waren und bis zur diesjährigen Revue Zeit fertig sein sollten, wurden im Sommer 1806 von den Resten des Retablissementsfonds zunächst Zuschüsse für den Bau von 67 Pferdeställen an die Bürger gezahlt.477 Eine der letzten aktenkundigen Meldungen der Kurmärkischen Kammer stammt vom 2. September. Zu diesem Zeitpunkt waren noch 22.912 Taler, vier Groschen und zwei Pfennige in dem Bau-Unterstützungs-Fond, und die Erbauer der Fachwerkhäuser konnten sich nun doch noch Hoffnungen auf eine nachträgliche, wenn auch geringfügige, Unterstützung machen. Der letzte Eintrag in den Akten vom 9. Oktober 1806 stammt von dem Geheimen Oberfinanzrat August Heinrich Borgstede. Fünf Tage später wurde das preußische Heer bei Jena und Auerstedt vernichtend geschlagen. Kurz darauf rückten die Franzosen in die Mark Brandenburg ein und setzten dem Zehdenicker Wiederaufbau ein rasches Ende.478

„Massivbau“, Zweigeschossigkeit und „Auseinanderbau“. Formulierung baulicher und städtebaulicher Leitbilder

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Von Beginn an hatten die königlichen Beamten deutlich gemacht, daß Bauhilfsgelder nur dann gewährt werden würden, wenn sich die Bürger zum massiven Bau ihrer Häuser bereit erklärten. Erweiterung der Straßen und Auseinanderbau der Gebäude waren ebenso als Bedingungen vorgesehen.479 Die finanzielle Unterstützung mit staatlichen Geldern sah man nur dann als gerechtfertigt an, wenn damit eine grundlegende Verbesserung der baulichen und vor allem feuerpolizeilichen Situation in der Stadt und so ein erheblicher Zugewinn für das Wohl der Gemeinschaft in Aussicht gestellt war. Zu diesem Ergebnis kamen auch die Teilnehmer der Zehdenicker Wiederaufbaukonferenz vom Juli 1801:

Alle waren der Meynung, daß in Absicht der zu wählenden Bauart der massive Bau allen andern Arten vorzuziehen, weil dadurch die Feuergefährlichkeit am besten verhindert, der außerordentliche Mangel an Holz ihn nothwendig machte und der unglückliche Vorfall selbst diese Bauart, welche in den Städten durch ansehnliche Procente von Bauhülfs Geldern verfaßungs mäßig unterstüzt zu werden pflegt, um so mehr anzurathen schien, als ohne Zweifel die Stadt Vereinigung aller wiedrigen Umstände ohnerachtet, nicht abgebrandt sein würde, wenn sie anstatt der hölzernen Gebäude mit Stroh Dach mehrere massive Häuser gehabt hätte.480

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Die Forderung nach dem massiven Bau beziehungsweise Wiederaufbau von Bürgerhäusern war in Preußen nahezu so alt wie die staatliche Retablissementspolitik selbst. In Crossen (1708ff.) und in Neuruppin (1787ff.) hatte man dieser Forderung in weithin bewunderter Gründlichkeit Rechnung getragen. In kleineren Städten, wie in Gransee, Wittstock, Lindow, Templin oder Rheinsberg, aber auch in den unter Friedrich Wilhelm I. entstandenen Stadterweiterungen von Potsdam, hatte man aufgrund mangelnder Fertigkeit und materieller Möglichkeit zur Ziegelproduktion sowie zugunsten der Baugeschwindigkeit und der Herstellung eines einheitlichen Erscheinungsbildes auch den Fachwerkbau staatlich gefördert. In Zehdenick aber stand die mit dem Massivbau verknüpfte Feuersicherheit so sehr im Interesse der Obrigkeit, daß alle Gründe, die früher bisweilen zugunsten des Fachwerkbaus gesprochen hatten, nichtig wurden. Ein Grund dafür war der zunehmende Holzmangel. Die Situation war so angespannt, daß man, um das Retablissement nicht zu verzögern, sogar den Import von Bauholz und Ziegelsteinen aus dem Mecklenburgisch Strelitzschen gestatten mußte.481 Im Verein mit dem angestrebten Lehmpatzen- und Lehmziegelbau für die nicht tragenden Innenwände und der Anwendung neuer, holzsparender Ziegelbrennöfen (Mehrkammeröfen, Torfbrand) sollte der so rigoros angestrebte Massivbau neben der Feuersicherheit auch der Behebung des volkswirtschaftlich relevanten Bau- und Brennstoffproblems dienen.

Wie das Zitat aus dem Bericht von der Wiederaufbaukonferenz belegt, akzeptierte die Bürgerschaft die Forderung nach Massivbau im Kern. Dennoch protestierte sie gemeinsam mit dem Magistrat bis zum Ende des Retablissements gegen den Grundsatz, nur den massiven und nicht auch den für sie kurzfristig günstigeren und schnelleren Fachwerkbau zu unterstützen.482 Offensichtlich war die anfänglich von der Bürgerschaft für den massiven Bau geforderte 50%ige Förderung beider Etagen ohne Abzug der Feuerkassengelder in sehr viel stärkerem Maße an den tatsächlichen Vermögensumständen orientiert, als dies die königliche Verwaltung wahrhaben wollte. Weniger aus Traditionsverbundenheit, sondern aus wirtschaftlicher und finanzieller Notwendigkeit favorisierten zahlreiche Bürger den Fachwerkbau.

Dem Staat aber war der massive Wiederaufbau der Bürgerhäuser so wichtig, daß er dafür sogar Abstriche in der städtebaulichen Qualität hinzunehmen bereit war. Die Zweigeschossigkeit von städtischer und selbst kleinstädtischer Bebauung, schon als Unterscheidungsmerkmal vom ländlichen Wohnbau, war eine in der Architekturtheorie, der absolutistischen Baupraxis und der preußischen Retablissements- und Baupolitik tradierte Vorstellung. Eine möglichst homogene und mindestens zweigeschossige Bebauung gehörte im allgemeinen Verständnis konstitutiv zum Bild eines städtischen Gemeinwesens. Die bauliche Umsetzung dieser Erwartung mußte nun in Zehdenick hinter der Forderung nach dem Massivbau zurückstehen. Die Entscheidung des Ministers von Voß, den Bau der zweiten Etagen zunächst überhaupt nicht und später nur sehr eingeschränkt zu fördern, überließ die bauliche Ausgestaltung des städtischen Erscheinungsbildes ganz den Möglichkeiten und dem Bedarf der Bürger. Dies entsprach auffallend den im Protokoll der Wiederaufbaukonferenz festgehaltenen Forderungen der Bürgerschaft:

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Die innere Einrichtung der massiven Wohnhäuser und ob sie von 2. oder 1. Etage bauen wollen, hängt blos von der Willkühr der abgebrandten ab.483

Sicher aber hoffte man, das in demselben Protokoll festgehaltene Ziel, die Hauptstraßen durchgehends 2 Stockwerke hoch zu bebauen, würde von den dort wohnenden Bürger auch mit der geringeren Beihilfe erreicht werden können. Man formulierte also vage das Ziel der Zweigeschossigkeit, schrieb es aber weder fest, noch legte man die planerischen und finanziellen Grundlagen dafür.

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Die maßgeblichen städtebaulichen Ziele hatte der Minister von Voß schon in seinem ersten Schreiben an den König eindeutig formuliert: Aufweitung der Straßen und Auseinanderbau der Häuser.484 Dementsprechend sah auch der Steuerrat Laue zunächst die Möglichkeit, eine großzügige Neuplanung der Stadt zu realisieren. Bei seinen diesbezüglichen Aktivitäten stützte er sich auf das innerhalb der Kurmärkischen Kammer und auf der Ebene der Steuerräte in Jahrzehnten behördlicher Arbeit gesammelte Wissen. Schon einen Tag nach dem Brand erinnerte er sich einer Schrift des Kriegs- und Domänenrats Carl Friedrich Wiesiger.485 Laue schrieb Wiesiger, er habe von dessen Arbeit über die Anlegung und Umfriedung von Städten gehört und da er kein Werk zur Hand hätte, daß den allgemeinen Grundsatz über die Anlegung einer zu erbauenden Stadt und zweckmäßige Bauart derselbenenthalte, werde er vielleicht bey Unterlegung des Retablissements Plan der Stadt Zehdenickvon Wiesigers Arbeit Gebrauch machen können. Dies sei umso notwendiger, da sich immer wieder gezeigt habe, wie wenig Verlaß bey solcher Gelegenheit auf die [...] Kenntniß der Bau Inspector Berichte ist.486Laue bat Wiesiger, ihm die Schrift kurzzeitig auszuleihen. Dieser, um Verbreitung seiner Ideen bemüht, beeilte sich, dem Steuerrat zu antworten und ihm seine Schrift von den Grüngärten worin pag. 68 seqq. etwas von der Einschließung derselben vorkommtzuzusenden. Dabei hob Wiesiger hervor, daß

der Plan ausser einer Ersparung der Mauer auch auf mehreren Auseinanderbau der Häuser abzweckt, und im Innern der Stadt mehr Platz schafft, um regulair bauen zu können, ohne jemanden wegen seines Hofraumes verkürzen zu dürfen.487

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Ebenfalls nur wenige Tage nach dem Brand bat Laue seinen für Neuruppin zuständigen Amtskollegen, den Steuerrat von Lindenau, ihm den dort verwendeten Retablissementsplan und die zugehörigen Akten zu überlassen, da er selbst vorzüglich von dem Ruppiner Retablissements Plan Gebrauch zu machen gedenke.488 Laue war vor allem an den in Neuruppin erfolgreich angewandten Methoden der Bemessung und Verteilung der neuen Parzellen interessiert. In beiden Fällen zeigt sich die grundlegende Bedeutung, welche der innerbehördlichen, verwaltungsinternen Diskussion auch von städtebaulichen Problemen zukam. Zur Planung des Wiederaufbaus zog Laue nicht in erster Linie architekturtheoretische Werke heran, sondern griff auf publiziertes und unveröffentlichtes „Dienstwissen“ zurück.489 Betont skeptisch stand er dagegen dem Wissen und der Erfahrung der Bausachverständigen, wohl nicht nur der Bauinspektoren, gegenüber. Weder den Kammerbaudirektor Wittke, noch das Oberbaudepartement bezog er während der ersten Planungsphase in seine Überlegungen ein.

Auch die Kurmärkische Kammer regte schon in ihrer ersten Anweisung eine Veränderung des alten, feuergefährlichen und wenig regelmäßigen Stadtgrundrisses an. Auf der Wiederaufbaukonferenz sollte nach ihrem Willen auch verhandelt werden, in welcher Art der Wiederaufbau, und ein zweckmäßiger Auseinanderbau der sämmtlichen abgebrandten Gebäude regulirt werden könne.490 Die Möglichkeiten für eine Regulierung des Stadtgrundrisses wurden ein wichtiges Thema dieser entscheidenden Konferenz. In seinem Bericht unterbreitete Laue zunächst den wohl von ihm und den Bausachverständigen Sensse und Wöhner eingebrachten Idealvorschlag, die Maximalforderung der Obrigkeit.491

Abb. 40: Stadtplan von Zehdenick nach dem Vermessungsplan von 1956 mit Einzeichnung der Regulierungs- und Erweiterungsabsichten vom Juni 1801, Umzeichnung C. Baier

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Bezugnehmend auf die Gesamtanlage der Stadt stellte man fest, daß

es viel zur Verschönerung und äußeren Zierde derselben beitragen würde, wenn breitere Straßen und völlig gerade Straßen angelegt, die Stadt in gleiche Quarrees und Viertheile eingetheilet und ihr eine länglich viereckige Figur gegeben würde.

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Um diese Vorstellung umzusetzen müsse der Stadtgrundriß ohne Rücksicht auf bestehende Eigentumsverhältnisse und unter Hinzunahme eines Erweiterungsgebietes vor dem Templiner Tor

zu einem länglichen Viereck gebildet, in völlig gleiche Reviere abgetheilt, die Straßen in geraden Richtungen abgestochen, und jeden Abgebrandten nach Beschaffenheit seines Nahrungsstandes, Profeßions Betrieb, und der Größe seines eingeäscherten Hauses die Baustelle angewiesen und zugemeßen werden.492

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Leicht lässt sich, dieses von Laue als Wunschbild dargestellte Verfahren auf den Wiederaufbau Neuruppins nach 1786 zurückführen. Nicht nur die angestrebte Form des neuen Stadtgrundrisses, sondern unter anderem auch die Modalitäten der Grundstücksübertragungen zeigen deutlich die Spuren des Neuruppiner Vorbildes. Daß eine solche Umgestaltung der Stadt, ihre vollkommen regelmäßige Anlage, in erster Linie der Verschönerung und äußeren Zierdedienen soll, ist erstaunlich, hätte man doch erwartet, daß feuerpolizeiliche und auch hygienische Gedanken bei der Begründung einer so umfassenden Veränderung im Vordergrund stehen. Diese Zuspitzung auf das Ästhetische geschah indes durchaus bewußt. Ohne Unterbrechung folgen in Laues Bericht nun die tatsächlich vereinbarten Vorschläge zum Wiederaufbau in Form von 17 näheren Bestimmungen und Vorschlägen zur Ausführung des Retablissements der Stadt Zehdenick. Dabei scheint es zunehmend weniger gewiß, ob die eingangs dargelegte radikale Umgestaltung vor Ort jemals wirklich in Betracht gezogen worden ist.

Wie ernst dagegen die Kurmärkische Kammer diese Vorschläge nahm, zeigt sich in ihrer Antwort auf den Konferenzbericht. Aus ihr geht hervor, daß man sogar bereit war, für die nötige Erweiterung der Stadt selbst [...] von dem die Stadt sonst überall einschließenden amtsfundo etwas aufzuopfern [...]. 493

In Laues Bericht jedoch wird nur das aus einem Kompromiß mit Magistrat und Bürgerschaft entstandene Minimalprogramm eines Retablissements ausführlich vorgestellt. Um einen nach seinen Worten völligen Umsturz der gegenwärtigen Situation der Stadtzu vermeiden, stellt man den entgegengesetzten Grundsatz auf,

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so viel möglich die alten Bau-Stellen beizubehalten, und dem Eigenthümer zu conserviren auch nur dahin zu sehen, daß auffallende Irregularite und Haupt-Fehler ingl. zu befürchtende Feuer Gefährlichkeit vermieden werde.494

Die nun folgende Begründung für derartig minimale Veränderungen offenbart, daß die Zehdenicker Bürgerschaft dem Steuerrat Laue auf der Konferenz die Grenzen staatlicher Eingriffsmöglichkeiten sehr deutlich gemacht hatte. Ängstlich und um Entschuldigung bemüht, berichtet Laue über herculische Arbeiten, unerschütterliche Standhaftigkeit und eisernen Fleiß, welche den königlichen Behörden bei Umsetzung der Maximalforderungen abverlangt würden. Und auch dies wäre letztlich nicht ausreichend, um die Bürger zur Aufgabe ihrer alten Baustellen zu bewegen. Dafür würde die Anwendung der äußersten Zwangs Mittelnotwenig sein. Schließlich kommt Laue zur Verteidigung des Kompromisses auf seine Hauptargumentationslinie zurück. Feuersicherheit und andere baupolizeiliche Grundregeln seien auch ohne vollständige Neuordnung zu erreichen. Weiter sei es allgemein anerkannt, daß das

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äußere Ansehen eines wieder aufzubauenden Orts immer der Nützlichkeit und Bequemlichkeit der Einwohner, so wie einer durch den Drang der Umstände erzeugten Nothwenigkeit nachstehen müßte.

Überaus geschickt handhabt Laue die traditionellen architekturtheoretischen Kategorien und ergänzt sie, dies ist der zentrale Punkt seiner Argumentation, um einen Verweis auf die machtpolitischen, wirtschaftlichen und finanziellen Umstände, die eine Umsetzung der obrigkeitlichen Maximalforderung auf keinen Fall zuließen. Eher ungewollt bewegt er sich so auf einer Linie mit Leopold Krug und dessen Vorstellungen vom inneren Wohlstand und der Verschönerung der Städte.

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Dieses klarsichtige und resignative Urteil Laues brachte das Dilemma noch vor Beginn des Wiederaufbaus auf den Punkt. Da die Zehdenicker Bürger ihre angestammten Parzellen um keinen Preis hergeben wollten, war jeder Gedanke an eine großzügige Neukonzipierung des Stadtgrundrisses vergeblich. Auch die Provinzialverwaltung ging nach kurzer Zeit, die ihr die unüberwindliche Widersetzlichkeit der Bürgerschaft deutlich gemacht hatte, von jeglicher Form größerer Veränderung ab und versuchte, wenigstens das Notwendigste an Verbesserungen durchzusetzen. Dabei mußte sie nicht nur bei der künstlerischen Gestaltung, sondern, etwa beim Auseinanderbau, auch in zentralen Bereichen der Feuersicherheit und Hygiene Zugeständnisse machen. Zusammenfassend charakterisierte der Kriegs- und Domänenart Bonsery schon Ende Juni 1801 die stark begrenzten städtebaulichen Richtlinien des Wiederaufbaus: Zwar müßten die vormaligen Straßen der Stadt größtentheils in derselben Art wieder hergestellt werden, jedoch sollten die zu engen Straßen, wobei allenfalls eine Normal Breite bestimmt werden muss, breiter gemacht, die Reihen der Häuser aber in schnurgerade Linie wieder aufgeführt werden.495 Die Abschätzung der politischen, wirtschaftlichen und finanziellen Verhältnisse des Staates und des allgemeinen Machtgefüges brachte Steuerrat und Kammer von Beginn an zu einer Art Beschränkung auf das Machbare.

Anders Minister von Voß, der im Juni 1801 folgendes an die Kammer schrieb:

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Daß die Eigenthümer der in Rücksicht auf künftige Unglücksfälle nach aller Wahrscheinlichkeit nöthigen Erweiterung der Stadt selbst Schwierigkeiten entgegensetzen, ist nicht zu billigen und wird es dem Steuer Rath und Baubedienten noch mal gelingen, sie hierzu bar eines beßern zu belehren.496

Als man sich auf den unteren Verwaltungsebenen längst auf weitreichende Zugeständnisse eingelassen hatte, hoffte Voß, eingedenk der Erfolge in Neuruppin, noch auf eine großzügige Erweiterung und Umgestaltung der Stadt.

Auf der Basis des in Zehdenick vereinbarten Kompomisses, legte Laue schließlich einen Retablissementsplan vor, der die städtebaulichen Belange des Wiederaufbaus wesentlich prägte.497

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Abb. 41: Stadtplan von Zehdenick nach dem Vermessungsplan von 1956, Umzeichnung C. Baier

Die grundsätzliche Beibehaltung der alten Parzellenstruktur wurde darin als Hauptforderung der Bürgerschaft ebenso festgelegt wie die wenigen, auf Regulierung und Auseinanderbau zielenden Maßnahmen, welche die staatliche Verwaltung hatte durchsetzen können. Dazu gehörten vor allem Straßenaufweitungen und -begradigungen. Die vier Projekte, die über die üblichen Begradigungen nach einer Fluchtlinie hinausgehen sollten, wurden im Protokoll der Wiederaufbaukonferenz ausdrücklich benannt. Der Kathagen, eine krumme und enge, vom Kirchplatz abzweigende Straße sollte auf die Breite der übrigen Straßen gebracht und begradigt werden.498 Die Herrenstraße, die als genügend breit erachtet wurde, sollte so begradigt werden, daß ein nahe der Mühlenstraße hervorragender Bauch verschwindet und eine möglichst rechtwinklige Einmündung in die Mühlenstraße entsteht.499 Die Hirtenstraße sollte wie der Kathagen auf 2 bis 3 Ruthen Breite aufgeweitet werden.500 Schließlich war vorgesehen, die Flucht der östlichen Kante der Hauptstraße im Bereich des Marktes derart zu ändern, daß durch Zurücksetzen des Apothekengebäudes und entsprechendes Vorziehen der Häuser gegenüber dem Rathaus eine schnurgerade durchgehende Linie entsteht.501

Massivbau und Auseinanderbau standen im Zentrum der vom Staat für den Wiederaufbau festgelegten baulichen und städtebaulichen Ziele. Dazu kam die zweigeschossige Bebauung mindestens des Stadtzentrums. Ferner wurde bestimmt:

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IV. Die Giebel Häuser nach der Straße zu, können bei dem massiven Aufbau ferner nicht statt finden, [...].

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V. Die bisher zwischen zwei Häusern mehrentheils statt gefundenen Lücken und zwischen Räume fallen gänzlich weg, und die Häuser werden so viel möglich dicht aneinander gebauet, [...].

IX. Die beiden wieder alle Polizey Vorschriften noch in der Stadt befindlichen Kirchhöfe der Stadt und Armen Kirchhof müßen schlechterdings aus der Stadt geschafft werden [...].

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Diesen auf Feuersicherheit, Hygiene, Regulierung und qualitative Verbesserung der baulichen Situation der Bürger gerichteten Verfügungen standen die Wünsche der Bürger oft entgegen. Das Weiterbestehen ihrer angestammten Parzellen in Lage und Größe war ihnen eine fundamentale Forderung an das Retablissement. Sie strebten ferner danach, ihre Häuser möglichst schnell, preiswert und in angemessener Größe und Gestalt errichten zu können.

Das „Reglement wornach beim dem Wiederaufbau der Stadt Zehdenick verfahren werden soll“ – ein Kompromiß

Erst nach dem Beginn des Bürgerhausbaus im Frühjahr 1802 sahen sich die vor Ort verantwortlichen königlichen Beamten durch den Ungehorsam der Bürger genötigt, zur Einhaltung den Seiten des Staates gewünschten Verfahrenswege und zur Durchsetzung der grundlegenden baupolizeilichen Standards beim Bürgerhausbau ein Baureglement zu erarbeiten.502 Neben der Kurmärkischen Kammer waren auch Magistrat und Bürgerschaft Zehdenicks maßgeblich an der Entstehung des Baureglements beteiligt. Die Grundlage bildeten die im Verhandlungsprotokoll der Wiederaufbaukonferenz festgehaltenen 17 näheren Bestimmungen und Vorschläge zur Ausführung des Retablissements der Stadt Zehdenick.503 In umfangreichen Stellungnahmen wurde jeder Punkt ausführlich diskutiert und zumeist im Einvernehmen aufgenommen oder ganz weggelassen. Als Vorsteher der Retablissementskommission übernahm der Assessor Ludolff die schriftliche Ausarbeitung, die im April 1802 beendet wurde. Das im Juli förmlich ausgefertigte und vollzogene Reglement wurde in 300 gedruckten Exemplaren an die Bürger verteilt.504

Das Reglement setzt sich aus einem sechs Paragraphen umfassenden Einleitungsteil zu den allgemeinen Grundsätzen des Retablissements, einem 17 Paragraphen starken Hauptteil A mit dem TitelIn Absicht der Bauart, besonders von massiven Gebäuden und schließlich einem Teil B mit dem TitelIn Absicht der Meister und Gesellen, imgleichen der Arbeitszeit und des Tageslohns zusammen. Zunächst wird klar unterschieden zwischen denjenigen Hauseigenthümern, die massiv bauen und so an weitergehende Vorschriften gebunden werden können, und jenen, die in Fachwerk bauen und sich nur an die bereits bestehenden Polizeigesetzte halten müssen.505 Erstaunlich ist vor allem der § 6, der ausdrücklich feststellt, daß sowohl die innere Einrichtung als auch die Stockwerkshöhe und die äußere Form letztlich dem Eigentümer, seinem Geschmack, und seinen häuslichen, auch wirthschaftlichen Bedürfnissen überlassen sei. Zwar werden in den folgenden Unterpunkten Einschränkungen formuliert, doch allein die Tatsache, daß die generelle alleinige Verfügungsgewalt des Bürgers über äußere Form und innere Gestalt seines Hauses so ausdrücklich hervorgehoben wird, unterscheidet dieses Reglement grundsätzlich von seinen Vorgängern.506 Auch das in vielem vergleichbare Reglement der städtischen Feuersozietät, dessen von 1719 stammende Erstfassung im Jahr 1800 aktualisiert wurde, enthielt vor allem hinsichtlich der Verfügungsgewalt des Eigentümers entscheidende Neuerungen.507 Diese Parallele legt nahe, daß es sich hierbei um eine Erscheinung der Zeit handelt, die von den aufgeklärten Diskursen und nicht zuletzt von der großen, im Allgemeinen Landrecht mündende Gesetzesreform getragen wurde. Schließlich ging es auch in den langwierigen Erörterungen zum Landrecht nicht zuletzt um Freyheit und Eigenthum.508

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Einzig in § 2 des Wiederaufbaureglements, der einen schicklichen äußeren Putz auch für die Seitengebäude an den Straßen verlangt und die Bauenden dabei ganz allgemein an die Anweisungen der Bauverständigen bindet, werden die Grundsätze der Kunst angesprochen. In den weiteren Ausführungen wird nur noch die Angabe einer Mindesthöhe der Stockwerke (9 Fuß) konkret auf das äußere Ansehen bezogen.

Neben einigen organisatorischen Grundsätzen, wie etwa Festlegungen zu Baugenehmigungen, enthält das Reglement zudem erstaunlich detaillierte Festlegungen für die Bauhandwerker. Genauestens werden Arbeitszeit, Arbeitslohn und die Beschäftigung auswärtiger Meister und Gesellen aus der Kurmark geregelt. Auch hier konnte die Festlegung der Aufsichtspflicht durch einen Baukondukteur nicht aufgenommen werden, ohne zugleich ausdrücklich auf die Möglichkeit der Bürger zu verweisen, sich über diesen Baukondukteur bei der Kammer zu beschweren.509

Das Reglement macht keinerlei Angaben über die Veränderung von Straßenführungen, eventuelle Entschädigungsregelungen oder über die Höhe und Beschaffenheit der staatlichen Unterstützungsleistungen. Es findet sich lediglich der für die bauenden Bürger sicherlich schwer verständliche Verweis auf den dem Reglement zum Grunde gelegten Plan zum Wiederaufbau.510 Dieser Plan selbst erschien absichtlich nicht in der Öffentlichkeit. Ganz eindeutig war die dies von Seiten der Verwaltung so gewollt. Bei der Begutachtung des von Ludolff erarbeiteten und vom Magistrat ergänzten Reglemententwurfs bemerkte die Kammer an mehreren Stellen, derartige Festlegungen gehörten nicht in ein Baureglement. Konkrete Angaben über die Unterstützungsgelder und die Modalität der Auszahlung fehlten beispielsweise, um sich nicht in einem Reglement die Hände zu binden.511 Die generelle Befürchtung, die hinter einer solchen Selbstbeschränkung der königlichen Behörden stand, formulierte in Bezug auf das Baureglement der Staatsminister von Voß. Nachdem er an dem von der Kammer vorgelegten Entwurf nichts mehr zu erinnern gefunden hatte, riet er dringlich: nur müßt Ihr solches mit Vorsicht publiciren laßen, daß dadurch nicht abermahls eine unangenehme Sensation unter der Bürgerschaft erregt wird.512

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Obwohl es in der Reihe der überlieferten Wiederaufbaureglements in Brandenburg-Preußen das letzte vor der Zäsur der Jahre nach 1806 ist und obwohl es in seiner an Gesetzestexten geschulten Strukturierung und seinem klaren sprachlichen Duktus auf den ersten Blick modern und zukunftsweisend wirkt, ist das Zehdenicker Reglement doch mehr von Kompromissen und Zugeständnissen geprägt, als von einer klaren Strategie der Verfasser. Es finden sich darin nur jene Bestimmungen versammelt, die aus den allgemeinen baupolizeilichen Verordnungen abgeleitet sind, wie konstruktive, materialtechnische und vor allem feuerschutztechnische Grundregeln. Der in früheren Reglements erkennbare Umfang der Regulierungen ist hier deutlich eingeschränkt. Hatte man noch in Neuruppin nur das Hausinnere, nicht aber die Fassade den Wünschen der Bürger überlassen, so legt man nun auch die äußere Gestaltung des Hauses grundsätzlich in die Hände der Hauseigentümer. Bezeichnenderweise ist zum Ende des Reglements immer öfter von öffentlichen Ruhestörern, widerspenstigen Unterthanen, Warnungen, Bestrafungen, Geldstrafe, Gefängniß-Strafe und Leibesstrafe die Rede. Der letzte Paragraph greift den gehorsamheischenden Schluß des Neuruppiner Reglements auf und droht:

Dagegen aber wird auch von den Zehdenickschen Bürgern erwartet, daß sie zunächst dem Magistrate, und dem Bau-Condukteur, bey Ausübung ihrer Pflicht, keine Hindernisse in den Weg legen, sondern sich ihren Anordnungen unterwerfen, widrigenfalls solches strenge geahndet, und die widerspenstigen und ungehorsamen Bürger, nach den Umständen, von der ihnen zugedachten Wohlthat nicht allein ganz ausgeschlossen, sondern überdem auch mit harter Leibesstrafe belegt werden sollen.513

Oberbauräte, Kondukteure und fremde Gesellen. Entwurf und Bauausführung zwischen Zuständigkeit und Konkurrenzregulierung

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Anläßlich der Revision der Normalanschläge bemerkte das Oberbaudepartement,

daß sich die Bearbeitung dieser Sache nicht bis hierher verzögert haben würde, wenn die Kammer über diese Angelegenheit, wegen Anfertigung der Normal-Anschläge, Festsetzung der Grundsätze zu selbigen und Entwürfen zu Gebäuden mit uns convertirt hätte [...].514

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War man in Preußens oberster Baubehörde einerseits verärgert über die zu geringe Einbindung während der Planungsphase, so bemühte man sich andererseits, das lästige Revisionsgeschäft so weit wie möglich abzugeben. Immerhin hatte man nicht nur jeden Spezialanschlag zu revidieren und so die Höhe der Unterstützungsgelder festzulegen, sondern auch die Protokolle von den Lokalrevisionen der einzelnen Bürgerhäuser zu kontrollieren. Im Dezember 1803, als die ersten Protokolle von Abschlußrevisionen eingingen, weigerte sich das Oberbaudepartement, diese Sache weiterhin zu bearbeiten. Die Geheimen Oberbauräte betonten, um zu prüfen, ob die Gebäude feuersicher undüberhaupt solide erbauet sind, komme es letztlich allein auf die Lokalrevision an, die rein rechnerische Auswertung der Protokolle in Berlin wäre überflüssig. Nach ihren Vorstellungen sollte der Baudirektor der Kurmärkischen Kammer Wittke diese Aufgabe übernehmen. Die Kammer aber stellte sich nun ihrerseits vor ihren Baudirektor und argumentierte, da das Oberbaudepartement die Höhe der Unterstützungsgelder festsetze, müsse es auch die von dem Baukondukteur Lietzmann angefertigten Revisionsprotokolle bearbeiten.515 Dieser Meinung schloß sich Minister von Voß an,516 und damit blieben diese umfangreichen Routinearbeiten beim Oberbaudepartement, wo der Geheime Oberbaurat François Philipp Berson für die Retablissementsgeschäfte in Zehdenick verantwortlich war.517 Vor allem auf die Gestaltung der öffentlichen Bauten (Schule, Rathaus, Kirche) hatte das Oberbaudepartement entscheidenden Einfluß. Bei den Bürgerhäusern beschränkte sich dieser auf Kostensenkungen sowie vereinzelte Grundriß- und Fassadenkorrekturen bei den Revisionen. Neben Berson waren mit dem Revisionsgeschäft zeitweilig auch August Ludwig Ferdinand Triest, David Gilly, Heinrich Karl und Heinrich August Riedel beschäftigt.

Die Kontrollaufgaben und in stärkerem Maße die grundsätzlichen Planungsaufgaben teilte sich der Baudirektor der Kurmärkischen Kammer Wittke mit dem Oberbaudepartement. Wittke bestimmte entscheidend die Normalanschläge, gab bei der Festsetzung des Wiederaufbaureglements wichtige Hinweise und führte einige wenige Revisionen vor Ort durch. Nur eine sehr kurze Zeit zu Beginn war auch der für Zehdenick zuständige Bauinspektor Sensse bei einigen Arbeiten zugegen, doch übte er weder auf die Gesamtkonzeption, noch auf die einzelnen Hausbauten wesentlichen Einfluß aus. Seine Normalanschläge wurden größtenteils verworfen, keiner seiner Entwürfe für öffentliche Bauten wurde akzeptiert, und erst beim Bau der Stadtkirche scheint er wieder eine größere Rolle gespielt zu haben, doch wurde auch dieser Entwurf vom Oberbaudepartement abgeändert.

Die eigentliche Entwurfstätigkeit für die Bürgerhäuser lag vor allem in der Hand des von der Kammer zum Zweck der baufachlichen Betreuung und Steuerung des Wiederaufbaus dort angestellten Baukondukteurs Lietzmann.518 Er war über längere Zeit vor Ort, steckte Fluchtlinien ab, fertigte die Entwürfe und Anschläge für die Bürgerhäuser an, überwachte durch Revisionen die Bauausführung und führte schließlich die Abschlußrevisionen durch.519 Mit den Nöten und Ansprüchen der Bürger direkt konfrontiert, scheute er die Auseinandersetzung mit dem Oberbaudepartement nicht. Immer wieder stießen seine Anschläge dort auf Widerstand, weil die Höhe der von ihm aufgrund der Verhältnisse in Zehdenick vorgesehenen Arbeits- und Materialkosten von den Voranschlägen abwich.520 Lietzmann folgte bei seinen Entwürfen konsequent der eigenen Methode, ließ sich nur sehr widerwillig auf Korrekturen des Oberbaudepartements ein und entschied im Zweifelsfall immer zugunsten der Zehdenicker. Er prägte mit seinen Entwürfen die Gestalt der massiven Bürgerhäuser. Einige Male versuchte er, sich die Entwurfs-, Anschlags- und Revisionsarbeiten von den Bürgern extra bezahlen zu lassen. Im Mai 1802 scheiterten diese Bemühungen endgültig. Die Kammer entschied, da Lietzmann neben seinem Feldmessergehalt auch Diäten von 16 Groschen für jeden in Zehdenick verbrachten Tag bekomme, dürfe er von den Hauseigentümern keine Gebühren für die Erstellung der Spezialanschläge fordern.521

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In der ersten Phase des Retablissements erarbeitete auch der Baukondukteur Wöhner einige Entwürfe.522 Anschlag und Entwurf für das Haus des Kaufmanns Daniel Hertzer (Berliner Straße 20) ließ er sich mit 26 Talern und 9 Groschen bezahlen. Der Kaufmann Johann Gottfried Protzen aus Wusterhausen an der Dosse, dessen Schwager Hertzer war und bei dem dieser vorübergehend wohnte, beschwerte sich bei der Kammer über Wöhners Arbeit:

Der Verfertiger hätte billig für diese Summa eine reinliche und richtig berechnete Arbeit abliefern müssen, [...] und billig müßte der H. B. C. Woehner für diese schlechte und unsaubere Arbeit zur Strafe, daß dafür empfangene Geld, an seinen Unglücklichen durch den Brand gewordenen Mitmenschen wieder zurück bezahlen.523

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Auch der Kammer kam diese Summe eigenartig vor und sie fragte nach, worauf Wöhner seine Liquidation gründet und wodurch er deren hohen Betrag rechtfertigen kann. Leider ist Wöhners Entgegnung nicht überliefert. Der Vorgang zeigt aber, daß zumindest die gehobene Schicht der Bürgerschaft sehr wohl einen schlechten Entwurf erkannte und ihre Vorstellungen von der baulichen Gestalt der Häuser mit in den Entwurf einzubringen vermochte.

Weitere Entwürfe im Umfeld des Zehdenicker Retablissements stammen von dem Baukondukteur Brasch junior524 und dem Liebenwalder Baumeister Müller.525 Neben diesen im Umfeld des Oberbaudepartements ausgebildeten Bauinspektoren und Baukondukteuren lieferten auch die örtlichen Maurermeister Lindtner, Taubold, Gültzow senior und Gültzow junior, die Zimmermeister Koehn senior, Koehn junior und Heubel sowie einige auswärtige Meister Entwürfe für Hausbauten.526 Die Bauausführung der meisten Häuser lag in den Händen der Zehdenicker Bauhandwerksmeister. Fremde Meister spielten eine deutlich geringere Rolle als fremde Gesellen. Letztere dürften in einigen Fällen, sozusagen in Schwarzarbeit, kleinere Fachwerkhäuser aufgeführt haben. Überhaupt herrschte in der Stadt diesbezüglich einige Unruhe, da, wie der Kammerassesor Decker berichtete, der Magistrat eine schlechte Bau- und Gewercks Polizey leistete. Vor allem bei den Fachwerkhäusern ist damit zu rechnen, daß nicht nur Zehdenicker oder auswärtige Meister aus der Kurmark, sondern vereinzelt sogar Gesellen den Bau entwarfen, veranschlagten und ausführten. Wie aufrührerisch und schwer zu disziplinieren die Zimmer- und Maurergesellen waren, zeigte ihre Rolle bei den Unruhen vom Mai 1802.527

Exkurs: Staatliche Unterstützung, private Kredite und „Speculations-Geist“

Die meisten Bürger Zehdenicks hatten durch die Brandkatastrophe einen derart großen Schaden erlitten, daß sie nur mit größter Mühe wieder eine neue Existenz gründen und ihr Haus aufbauen konnten. Die auf möglichst umfassende staatliche Kontrolle der Bauqualität zielenden Auszahlungsmodalitäten, die zu einer schleppenden und stückweisen Auszahlung der Feuerkassen- und Bauhilfsgelder führten, bedeuteten für die Zehdenicker, daß sie die Material- und Lohnkosten in jedem Fall zunächst allein aufbringen mußten, was ihnen zumeist schwer fiel. Die bauwilligen Bürger waren also nicht nur wegen ihrer beim Brand entstandenen Verluste, sondern auch wegen der Modalitäten der staatlichen Förderpolitik gezwungen, private Kredite in größerem Umfang aufzunehmen. Die zäh fließenden Unterstützungsgelder waren dafür neben den Grundstücken die einzige ‘belastbare’ Sicherheit der Bauenden, was diese oft in äußerst bedrängte Lage brachte.528 Es ist daher nicht verwunderlich, daß sich die Mehrzahl der Konflikte zwischen Bauenden und Obrigkeit, die im Verlauf des Retablissements aufflammten, an Fragen der finanziellen Unterstützung entzündete.

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Am häufigsten traten beim Leihen des Geldes für den nicht unbeträchtlichen Eigenanteil am Hausbau die Honoratioren, Kaufleute und Maurer- beziehungsweise Zimmermeister Zehdenicks in Erscheinung. Sie zeigten sich hier als nicht nur geschäftlich eng verbundene Gruppe. In den privaten Kreditgeschäften vor allem der wohlhabenderen oder im Baugewerbe tätigen Bürger wird ein bürgerliches, vom Staat unabhängiges Beziehungsgeflecht greifbar: die relativ geschlossene bürgerliche Honorationenschicht. Jedoch lieh man das Geld für den Wiederaufbau nicht nur in Zehdenick. Geborgt wurde auch, je nach geschäftlicher beziehungsweise privater Beziehung, bei Amtmann Schreyer aus Liebenberg (Kupferschmied Zillmann), Oberförster Behrend (Zinngießer Feltner), Bauer Schultz aus Groß-Schönebeck (Lohgerber Schreiber), bei Bauer Michel aus Falckenthal und Baron von Hertefeld (Sattler Döring), oder bei Weißgerbermeister Scharling aus Gransee (Handschuhmacher Müller).529

Die Verluste durch den Brand und die hohen Baukosten führten bei über 10 % der Häuser in den Jahren 1801 bis 1806 zu einem oder mehreren Besitzerwechseln. Der in den Hypothekenbüchern nachvollziehbare Kauf und Verkauf von Häusern nimmt in diesen Jahren deutlich zu. Mitunter kamen die Grundstücke aufgrund der Zahlungsunfähigkeit ihrer verschuldeten Besitzer im Rahmen einer öffentlichen Versteigerung an den neuen Besitzer.530 In den Jahren 1810-1813 kam es vermehrt zu derartigen Subhastationen: Schon durch den Brand und den Wiederaufbau in ihrer bürgerlichen Existenz gefährdet, konnten viele Hausbesitzer die nochmalige Belastung durch die französische Besatzung ab 1806 nicht überstehen.

Andere Zehdenicker entfalteten in den Jahren des Wiederaufbaus eine rege Geschäftigkeit. Eine in mehrfacher Hinsicht zentrale Person war die Amtmännin Lufft. Von Seiten der Kurmärkischen Kammer hatte man sie wegen ihres Wohlstands und ihres guten Rufs zunächst sogar für die Aufbewahrung und Auszahlung der Bauhilfsgelder vorgesehen.531 Die wohlhabende Witwe Lufft gewährte einigen Zehdenickern umfangreiche Credite.532 Ihre herausragende gesellschaftliche Stellung dokumentiert auch ihr alle Nachbarn überragendes Haus am Markt.533 Doch die Beamtin war nicht nur wohlhabend, sondern sie war auch überaus geschäftstüchtig. 1802 erwarb sie eine Konzession zum Kalkbrennen und noch im Herbst 1801 richtete sie in der Saltzkoppel bei Zehdenick eine eigene Ziegelei ein.534

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Als tüchtiger Geschäftsmann erwies sich auch der Bürgermeister Haeger. Mit den Modalitäten des Wiederaufbaus, den Fördermöglichkeiten und den maßgeblichen Personen bestens vertraut, war er einer der eifrigsten Käufer und Verkäufer von Grundstücken. Sein eigenes altes Haus, heute Berliner Straße 50, baute er sofort nach dem Brand mit allen staatlichen Unterstützungen modern und anspruchsvoll wieder auf. Entweder von vornherein geplant oder eine günstige Gelegenheit nutzend, verkaufte er das Haus 1805 an den Major Carl Christoph Joachim von Arnim für den stolzen Preis von 5.000 Talern.535 Daraufhin kaufte er dem Kaufmann Heinrici,eineBrandstelle mit dem darauf liegenden Feuerkassengeldfür 2.000 Taler ab und baute sich dort sein eigenes, kaum weniger anspruchsvolles Haus.536 In mehreren Fällen trat Haeger überdies als Zwischenhändler auf, indem er die Grundstücke mit den daran haftenden Ansprüchen auf Feuerkassen- und Unterstützungsgelder von den zum Bau unfähigen Vorbesitzern kaufte, um sie dann mit Gewinn an einen andere Bauwillige weiterzuveräußern.

Aus der schwierigen Situation war bei aller Belastung also auch kräftig Geld zu schlagen. Gerade die staatlichen Unterstützungen zog bürgerliche Geschäftigkeit jeder Art unwiderstehlich an. Selbst auswärtige Bürger, wie der aus Lychen stammende Müllermeister Hoffschmidt und der ebenfalls in Lychen wohnende Zimmermeister Rothermund versuchten, in Zehdenick Geschäfte zu machen. Sie betrieben nicht nur eine Ziegelei, die Dach- und Mauerziegel für den Wiederaufbau lieferte, sondern erwarben 1802 noch dazu ein Grundstück in bester Lage.537 In einigen der in dieser Zeit verkauften Häuser wohnten nach dem Wiederaufbau ausschließlich Mieter, das heißt, die vollständig vermieteten Häuser dienten ausschließlich der Geldanlage.

Diese unkontrollierbare Geschäftstüchtigkeit stellte die Obrigkeit, die stets um die Durchsetzung ihrer Vorstellungen und um möglichst gleichmäßige und gerechte Verteilung der staatlichen Unterstützungen bemüht war, vor große Schwierigkeiten. Speculation hieß das vielbenannte Schreckgespenst. Ein besonders schwerwiegendes Problem stellte sich den Verantwortlichen mit einigen schlecht gebauten Fachwerkhäusern. Der Maurermeister Johann Friedrich Barck hatte sein Haus in der Kapellenstraße (heute Nr. 17) mit einem eingeschossigen Fachwerkhaus bebaut. Im August 1805 reichte er bei der Kammer das Gesuch ein, ihm dafür, daß er sein schlecht gebautes Fachwerkhaus nunmehr durch ein massives ersetze, die üblichen 60% Bauhilfsgelder zu gewähren. Kammer wie auch Departement stimmten dem Ansinnen zu, da das alte Haus schon jetzt baufällig sei und Barck zudem kein weiteres Haus besitze, somit keine Gefahr der Spekulation bestünde. Einen Monat später meldeten sich zwei weitere Bürger, um auf diese Art zu einem massiven Haus zu kommen. Als sich dann kurze Zeit später noch der Ackerbürger Werdermann meldete und auf staatliche Kosten sein hölzernes gegen ein massives Haus tauschen wollte, schob das Departement dieser Entwicklung einen Riegel vor.538 Wohl zu Recht vermutete der unterzeichnende Borgstede, daß die Bürger, nachdem die drei Baujahre verstrichen waren, darauf spekulierten, die ganzen 60% in einem Bau-Jahre ausgezahlt zu bekommen. Borgstede befürchtete weitere Nachahmer und verwies darauf, daß für derartige Umbauvorhaben seit Ende der drei Baujahre eigentlich der normale städtische Bauhilfsgelderfond zuständig sei. Schließlich wurde die Kammer beauftragt, zu untersuchen, wieviele derartige Fälle noch zu erwarten waren. Da es, wie sich herausstellte, nur noch zwei bis drei ähnliche Anträge gab, befürwortete die Kammer diese mit der Begründung, die Besitzer der restlichen schlecht gebauten hölzernen Häuser seien zu arm, um selbst mit einem Zuschuß bauen zu können.539 Gerade hier aber sah das Departement eine Gefahr:

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Das Unvermögen der Eigenthümer schließt aber nicht aus, daß jene hölzernen Häuser von den vermögenden gekauft und so ein Gegenstand der Speculation werden könnten, wozu die hohen Procente einen starken Reiz geben.540

Auch könne man nicht jetzt weiter zustimmen und in Zukunft ablehnen, da dies von keiner Gleichförmigkeit der Grundsätzezeugen würde; im übrigen sei für solche Baumaßnahmen die gewöhnliche verfassungsmäßige Bauhülfe aus dem städtischen Bauhülfsgelderfond möglich.

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In der Tat wurden bald die ersten Fälle von Spekulation aktenkundig. So beabsichtigten der Zimmermeister Köhn senior und der Maurermeister Lindener, die beim Wiederaufbau so gut verdient hatten, daß sie sich selbst in kurzer Zeit große massive Häuser541 leisten konnten, zusätzlich die Brandstelle des entwichenen Bürgers Michaelis in der Kapellenstraße/Ecke Mühlenstraße zu kaufen und mit einem Wohnhaus und anschließendem Seitenflügel zu bebauten.542 Obwohl der Kammer bewußt war, daß beide nicht in dem Haus wohnen würden, unterstützte sie den Antrag auf 60% Bauhilfsgeld für das geplante eingeschossige Haus.543 Zur Begründung führte man an, die Stelle sei auch vor dem Brand bebaut gewesen. Auch den Seitenflügelbau wollte man finanziell unterstützen, wobei die Schaffung von Wohnraum höher bewertet wurde als die Gefahr der Spekulation. Das Departement hingegen befürwortete nur die Unterstützung des durch einen Vorgängerbau gedeckten Baus des Vorderhauses und lehnte aber den Seitenflügel ab, da Köhn senior und Lindener ja das gesamte Haus nur auf Speculation bauen würden. Auch im des CoffetiersMartin Ludwig Hoer vertraten Kammer und Departement verschiedene Auffassungen. Hoer hatte sein altes Haus in der Poststraße nach dem Brand mit Hilfe der Feuerkassen- und Bauhilfsgelder sehr schnell wieder zweigeschossig und massiv aufgebaut.544 Schon 1804 verkaufte er dieses Haus mit beachtlichem Gewinn,545 um daraufhin von dem als Zwischenhändler agierenden Bürgermeister Haeger das Grundstück Klosterstraße 6 am Kirchplatz zu erwerben.546 Das von dem Vorbesitzer begonnene eingeschossige Fachwerkhaus wollte Hoer abreißen und durch ein zweigeschossiges massives Wohnhaus ersetzen, wenn ihm nochmals die Bauhilfsgelder in voller Höhe erstattet würden. Für die Obrigkeit stellte sich hier die Frage, ob Hoers Bauvorhaben als völliger Neubau auf quasi leerer Stelle angesehen und somit außerordentlich mit 60% und 30% bezuschußt werden sollte oder ob, da die Stelle schon bebaut war, nur die gewöhnlichen Bauhülfsgelderanzusetzen seien. Die Kammer war der Meinung, daß damit der Massivbau befördert würde und darüber hinaus das Ansehen der Stadt durch ein solches allerdings schönes 2stöckiges massives Haus erheblich gewinnen könnte.547 Man meinte sogar, daß in solchen Fällen das zu bauende Haus immer gewissermaßen so anzusehen ist, als wenn eine Baustelle wiederbebauet wird. Die Argumentation der Provinzialbehörde spielt hier mit dem Gedanken, den spekulativen Hausbau der Bürger zur erfolgreicheren Gestaltung des Wiederaufbaus einzusetzen. Wie unzeitgemäß solche Vorstellungen, die dann den Städtebau des 19. Jahrhunderts prägen sollten, im Zusammenspiel mit den um 1800 angewandten Fördermaßnahmen waren, zeigt die Reaktion des Departements. Dort hieß es, man könne dem positiven Bescheid der Kammer unmöglich zustimmen, weil die Stelle bereits mit Hilfe der Feuerkassengelder bebaut worden sei. Wichtiger aber war den hohen Beamten,

daß die Bewilligung des Gesuchs des p. Hoer den Speculations-Geist rege machen und einzelne vermögende Eigenthümer reitzen würde, ihre massiven Häuser zu verkaufen und dagegen hölzerne zu wohlfeilen an sich zu bringen um selbige abzubrechen und dafür gegen den Empfang der beträchtlichen Prozentgelder massiv zu bauen [...].548

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Wie in diesem Fall standen die staatlichen Behörden der doch in beträchtlichem Umfang nachweisbaren Spekulation zumeist mehr als skeptisch gegenüber. Man sah darin fast ausschließlich den aus purem Eigennutz geborenen Betrugsversuch. Durch Spekulation, so meinte man, drohe die Gefahr, daß die staatliche Kontrolle über den Bauvorgang und mit dieser die Orientierung auf das Gemeinwohl verloren ginge. Damit aber wäre auch die Legitimation für die finanzielle Unterstützung durch den Staat weggefallen. Die aus dem 18. Jahrhundert übernommenen Leitbilder und Regelungsmechanismen für Städtebau und Stadtentwicklung, die zeitgleich von Leopold Krug so grundsätzlich in Frage gestellt wurden, stießen beim Wiederaufbau Zehdenicks auch in der Praxis deutlich an ihre Grenzen.

Das neue Bürgerhaus

„Classification“, „Normal-Anschlag“, „Spezial-Anschlag“ – Entwurf der Bürgerhäuser

Der Umgang mit einer Brandkatastrophe erforderte an erster Stelle eine klare Vorstellung von Ordnungsmustern, nach denen die Schäden analysiert, die staatliche Unterstützung verteilt und die Ziele des Wiederaufbaus festgesetzt werden konnten. Ein charakteristisches Merkmal des Zehdenicker Wiederaufbaus ist die allen Überlegungen zugrunde gelegte möglichst detaillierte Klassifizierung: Dies betraf die exakte Ermittlung des insgesamt entstandenen Schadens wie die Erfassung des jedem einzelnen Zehdenicker entstandenen Verlusts an Immobilien und Mobilien; klassifiziert wurde, um die Spenden und Hilfsleistungen gerecht zu verteilen und um die Bedürftigkeit festzulegen; klassifiziert wurde schließlich auch, um die Kosten für den Wiederaufbau zu ermitteln und den Finanz- und Baumaterialbedarf der Bürger beim Wiederaufbau verschieden großer Häuser abzuschätzen. Die um 1800 für die verschiedensten Bereiche von der Wirtschaft über die Politik bis hin zur Naturwissenschaft so charakteristische Methode der Klassifizierung ist beim Wiederaufbau Zehdenicks nicht nur ein verwaltungstechnisches Mittel zur Kalkulation des Finanz- und Materialbedarfs. Sie erscheint aus Sicht der Obrigkeit auch als die adäquate Methode, um der Haltung der Bürger, die auf Individualisierung ihrer Ansprüche und ihrer Bauvorhaben drängten, unter Wahrung objektiver Rechtmäßigkeit zu entsprechen.

Um die Belange des Wiederaufbaus gerecht ordnen zu können, wurde die Einwohnerschaft Zehdenicks nach verschiedenen Kriterien klassifiziert. Beispielhaft ist dies anhand der Verteilung der in Berlin unter den wachsamen Augen der Öffentlichkeit gesammelten Spenden nachvollziehbar. Alle in Zehdenick und in den Vororten vom Feuer Betroffenen sollten, so der ausdrückliche Wunsch der Initiatoren der Spendensammlung, ohne Ansehen von Stand und Glauben verhältnismäßig unterstützt werden.549 Da man hierfür eine möglichst detaillierte Klassifizierung der Zehdenicker Einwohner als unerläßlich ansah, machten die juristisch und kameralistisch gebildeten und aus dem Kreis der Berliner Aufklärer stammenden Organisatoren der Spendenaktion folgende Vorgaben. Zunächst unterteilten sie die Zehdenicker Bürgerschaft ganz allgemein in den Bauer- oder Bürger-Civil und Militair Stand. Ohne auf Standesgrenzen Rücksicht zu nehmen, gliederten sie alle Abgebrannten in vier allgemeine Classen. Kennzeichen jeder dieserClassenwar neben dem gesellschaftlichen Rang der Person vor allem die Qualität und Quantität ihrer berufsbedingten Beziehung zu den Produktionsmitteln. Der gesellschaftliche, an althergebrachter ständischer Hierarchie orientierte Rang entschied bei allen königlichen Civilisten, bei Prediger, Rektor, Kantor und bei den Offizieren die Zuordnung zur höchsten, ersten Klasse. Beim Militär gehörten die Wachtmeister in die zweite, die Unteroffiziere in die dritte und alle Gemeinen, insofern sie kein Gewerbe treiben, in die vierte, unterste Klasse. In die erste Klasse kamen noch diejenigen Bürger wie Kauf- und Handelsleute, Brauer und Bäcker, deren Gewerbe viel Vorlag an Gerätschaften, Materialien pp. erforderte. In der zweiten Klasse fanden sich diejenigen Handwerker und Gewerbetreibenden, die weniger zu ihren Einrichtungen brauchen. Handel und Gewerbe waren somit in den ersten zwei Klassen vertreten. Erst danach folgten in der dritten Klasse die Ackerbürger und jene Bauern, die sich als Fuhrleute den Ackerbürgern nähern. In der untersten Klasse, mit den gemeinen Soldaten zusammen, versammelte man die Handarbeiter folglich Schiffer, Tagelöhner, Dienstboten.550 Jede dieser vier allgemeinen Classenunterteilte man dann nochmals in drei Unterabtheilungen, welche einzig und allein von der Höhe des im Brand erlittenen Verlustes bestimmt wurden.

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Diese Klassifizierung beeindruckt durch die verhältnismäßig große Differenzierung der kleinstädtischen Gesellschaft. Möglichst genau sollten die Einwohner Zehdenicks erfasst werden. Dafür genügte die traditionelle Unterteilung entlang von Standesgrenzen nicht mehr. Als übergreifende, wertfreie Kategorie nahm man die Ordnung nach Klassen zur Hilfe. Diesen Klassen wurden dann die Einwohner nach ihrem gesellschaftlichen Rang und ihrem Gewerbe zugeordnet. Charakteristisch für die Klassifikation einer städtischen Gesellschaft ist dabei die Dominanz des Klassifikationsmerkmals Gewerbe: Sowohl Bauern als auch Hüttenarbeiter und Soldaten wurden, wenn sie solches betrieben, nach Qualität und Quantität ihres Gewerbes eingeordnet. Besonders in diesem Punkt sind die Ähnlichkeiten zu Bersons Klassifizierung der provinzialstädtischen Bürger und ihrer Häuser in der Instruktion unübersehbar. Wie wichtig man in den Kreisen der gebildeten Verwaltungsbeamten eine exakte, effektive und gerechte Klassifizierung und Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft nahm, zeigt der Umstand, daß Bersons Kollegen an dessen Instruktion gerade den der Klassifizierung zugrunde liegenden Plan lobten und diesen als beachtenswerte speculations Arbeit und als Erfindung einer neuen Sache bezeichneten.551

Neben der speziellen, wenigstens zum Teil den außergewöhnlichen Bedingungen einer Spendensammlung geschuldeten Klassifizierung finden sich in den Akten zu Zehdenick weitere, der normalen Verwaltungspraxis der Zeit entsprechende Ordnungsmuster der städtischen Gesellschaft. Grundsätzlich wurde zwischen den Haus Eigenthümern auf der einen und Miethbürgern sowie Einliegern auf der anderen Seite unterschieden. Während die Spenden gleichmäßig unter alle Zehdenicker verteilt wurden, betraf die Unterstützung durch Bauhilfsgelder selbstverständlich nur die Hauseigentümer. Die Unterscheidung zwischen Ackerbürgern, Mittelbürgern und Kleinbürgern, wie sie auch in Mediatstädten am Ende des 18. Jahrhunderts noch zu finden war552, spielte ebenso wie die unterschiedliche Qualität der Grundstücke (Erb-Hauß, Buden-Hauß) beim Zehdenicker Wiederaufbau keine Rolle.553 Diese traditionellen Gliederungsmuster der städtischen Gesellschaft traten eindeutig hinter quantifizierbaren Größen wie Gewerbe, Umfang des Verlusts oder Länge, Breite und Höhe des Hauses zurück.

Als übliches Verfahren, um die zu erwartenden Kosten eines größeren Retablissementsprojektes zu ermitteln, hatte sich in Preußen im 18. Jahrhundert die Anfertigung von Normal-Anschlägen durchgesetzt. In Zehdenick nahm man dafür von Beginn an die bestehenden bürgerlichen Besitzverhältnisse zum Maßstab. Auf der Wiederaufbaukonferenz wurde folgendes festgelegt: Um möglichst genau ermitteln zu können, wie groß die vom König zu erbittende außerordentliche Beihilfesein mußte, sollte der Magistrat feststellen, wieviel Stockwerke und welche Frontlänge an der Straße die einzelnen Häuser vor dem Brand gehabt hatten. Bauinspektor Sensse wurde aufgetragen, auf der Grundlage dieses Nachweises Bauanschläge zu erstellen. Wie üblich stellte man sich hier folgende Verfahrensweise vor:

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Weil es aber die Sache zu lange aufhalten würde, wenn von jedem einzelnen Hause ein besonderer Anschlag angefertigt werden sollte, so wird derselbe nach Verschiedenheit der Größe und der Lage die sämtlichen Häuser in gemäße Classen bringen, und für jede Classe einen Anschlag von einem Hause anfertigen, wonach der Kosten Bedarf für sämtliche Häuser berechnet werden kann, [...].554

In Zusammenarbeit mit dem Magistrat unterzog sich Sensse dieser Aufgabe, und bald konnte man die Normalanschläge überreichen. Erläuternd schrieb der Magistrat:

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In Ansehung der Classification der Häuser haben wir den Umfang derselben zum Maaßstab genommen; so daß in der ersten Classe das kleinste etwa wenn Fronte und Tiefe zusammen addirt werden beides 90 Fuß, in der 2. Classe 70 Fuß, in der 3ten der kleinsten 55 Fuß, von 1 stökigen aber solche die einen sehr großen Umfang haben, in der 4ten endlich mehrentheils die übrigen 1 stökigen Häuser, und die jenigen 2 stökigen Häuser, welche weniger als 55 Fuß mit Front und Tiefe zusammen gerechnet haben, aufgenommen sind. 555

Der Magistrat hatte errechnet, daß 73 Häuser der ersten, 72 Häuser der zweiten, 56 Häuser der dritten und 82 Häuser der vierten Klasse gebaut werden müßten. Nachdem sich die daraufhin von Sensse und Wöhner erarbeiteten Normalanschläge als zu kostspielig erwiesen hatten, wurde der Kriegs- und Domänenrat Wittke damit beauftragt, neue Normal-Anschläge zum Bau der Bürgerhäuser in Zehdenickanzufertigen.556 Er nahm die Unterteilung in vier Klassen auf und erarbeitete danach Normalanschläge jeweils für den massiven oder hölzernen Bau. Die Klassen hießen nun großes Wohnhaus zwey Etagen hoch, Wohnhaus mittlerer Durchschnittsgröße zwey Etagen hoch, Wohnhaus mittlerer Durchschnittsgröße 1. Etage hoch und kleines Wohnhaus zwey Etagen hoch.

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Mit Hilfe der traditionellen Methode der Normalanschläge schätzte man so die Gesamtkosten ab und berechnete die insgesamt zu vergebenden Bauhilfsgelder. Noch im März 1802 ging die Kurmärkische Kammer davon aus, daß die ProCent Gelder nur nach den Normal Anschlägen bewilligt werden, und es der Anfertigung besonderer Anschläge für jedes Haus nicht bedürfte.557 Als sich wenig später aber die ersten Schwierigkeiten bei der Überwachung des Hausbaus zeigten, sah sich die Kammer gezwungen, von dieser traditionellen Methode abzugehen. Ausschlaggeben hierfür war ein ausführlicher Bericht des Leiter der Retablissementskommission Ludolff an die Kammer im April 1802, in dem dieser die Schwierigkeiten schilderte, die einem ordnungsgemäßen massiven Wiederaufbau im Wege standen. Ludolff hob hervor, daß die demnächst im Wiederaufbaureglement festgelegten Vorschriften zum massiven Bau nicht ausreichten, um Verstöße gegen eine gute dauerhafte feuersichere Bauart zu verhindern.558 Er schlug vor,

zur Erreichung einer dauerhaften feuersichern Bauart, jedem, der zum massiven Bau schreiten will, einen Special Anschlag in die Hände zu geben, worauf er unter der Bedingung bauen müste, daß dadurch die Unterstützung erfolgen werde, und eine Abweichung ohne besondere Genehmigung oder Zuziehung des Bau-Officianten durchaus nicht vornehmen dürfe, und wenn sich solches bey der Revision dennoch finden sollte, der bauende des letzen Drittheils der Unterstützung verlustig gehen werde.

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Es sollte also für jedes einzelne Haus ein Kostenvoranschlag erarbeitet werden, dessen Grundlage jeweils ein spezieller zeichnerischer Entwurf war. Kostenvoranschlag sowie Grund- und Aufriß konnten nun individuell geprüft und mit dem tatsächlich Gebauten verglichen werden. Nur unter diesen Bedingungen erscheint Ludolffeine Beyhülfe zur massiven Bauart bey den dort sehr verwilderten Bürgern, die keinen vernünfthigen Vorstellungen Gehör geben, angebracht zu sein.

Trotz großzügiger finanzieller Förderung und trotz Wiederaufbaureglement, das immerhin eine rechtlich verbindliche Vorschrift war, gelang es demnach nicht, die massiv bauenden Bürger auf diesem Wege dazu zu bewegen, die baupolizeilichen Anforderungen zu erfüllen. Zwar waren zur Durchsetzung vor allem der feuerpolizeilichen Grundbedingungen bei allen Neubauten Visitationen vorgesehen, doch scheint dieses Mittel der Kontrolle nicht sehr effektiv gewesen zu sein. Nicht ohne zwingenden Grund werden sich Kammer und Departement entschlossen haben, Spezialanschläge durch den Baukondukteur Lietzmann anfertigen zu lassen. Immerhin kostete diese aufwendige Prozedur doch nicht nur Zeit, sondern auch Gehalt und Diäten für den Baukondukteur. Der drohende Verlust der baupolizeilichen Oberhoheit war demnach ein wesentlicher Grund für die Anfertigung von Spezialanschlägen. An die Stelle einer pauschalen Vergütung dafür, daß die Bürger nach obrigkeitlichen Vorstellungen bauten, trat die exakt berechnete und individuell zugeschnittene Unterstützung, die sowohl den Vermögensstand jedes einzelnen Bauenden als auch den baulichen Zustand jedes neu erbauten Hauses berücksichtigte.

Mußte einerseits die königliche Verwaltung ihre pauschalisierende, ständischen Traditionen verhaftete Vorgehensweise dem erstarkten bürgerlichen Selbstbewußtsein der einzelnen Bauenden anpassen, so war andererseits das behördliche Handeln selbst von neuen Prämissen geleitet. Der Kriegs Rath Carow betonte, als er die Neuregelung der Handhabung der Anschläge an das Departement meldete, die Spezialanschläge seien notwendig gewesen, weil die Bauenden besonders in Ansehung der Tiefen, und oft auch in Ansehung der Längen der Gebäudevon den Normalanschlägen abgewichen wären. Es sei zur Wahrung der Gerechtigkeit sogar notwendig, nachträglich Spezialanschläge zu erstellen,damit die, die gut gebauet haben, nicht zu wenig und die, die schlecht bauten, nicht zu viel erhielten.559 Als der Chef des Kurmärkischen Departements, Minister von Voß, diese Vorgehensweise bestätigte, betonte auch er, es käme vor allem darauf an, sämtliche massiv bauenden Bürger nach gleichen Grundsätzen zu unterstützen.560

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Die Entwürfe für die Bürgerhäuser waren in der Folge stark individualisiert. Sowohl die Bürger als auch die staatliche Verwaltung drängten darauf, daß für jedes Haus ein eigener Entwurf angefertigt werde und jedes aufgebaute Haus diesem einen Entwurf entsprechen solle. Dabei wurden die direkten obrigkeitlichen Regulierungsmöglichkeiten auf den baupolizeilich brisanten Bereich der Feuersicherheit (Feuerstätten, Schornstein, Baumaterial) begrenzt. Sowohl die Aufteilung der Grundrisse als auch die Gestaltung der Fassaden wurde im Dialog zwischen den entwerfenden Baumeistern Lietzmann und Wöhner und dem Bauherren realisiert. Zwar war Lietzmann als Baukondukteur in die Hierarchie der staatlichen Verwaltung eingebunden, doch fühlte er sich in vielen Fragen nicht an die Hinweise und Weisungen etwa des Oberbaudepartements gebunden. Vielmehr brachte er, vermutlich in Berlin ausgebildet, die in der preußischen Bauverwaltung erarbeiteten, propagierten und gelehrten Standards der Grundrißaufteilung und Fassadengestaltung, mithin den baulichen Sachverstand, selbständig in den Entwurf ein. Bei diesen Voraussetzungen stand es dem Zehdenicker Bürger – wenn dieser sich das finanziell und wirtschaftlich leisten konnte – offen, seine individuellen Bedürfnisse an Wohn- und Arbeitsräumen und seinen persönlichen Geschmack in den Entwurf einfließen zu lassen.

Äußeres Erscheinungsbild

Es ist unter diesen Voraussetzungen nicht verwunderlich, daß sich die Fassadengestaltung der Zehdenicker Bürgerhäuser im Unterschied zu Templin nicht ausschließlich generalisierend beschreiben läßt. Die genaue Betrachtung der einzelnen Fassaden ist hier die unumgängliche Voraussetzung dafür, verallgemeinerbare Aussagen treffen zu können.

Der Entwurf für das kleine Haus der Wittwe Schultz561 zeigt eingeschossiges Haus mit drei Achsen562. Neben einer mittig plazierten Tür mit zweistufigem Antritt ist links und rechts jeweils ein Fenster angeordnet. Alle Öffnungen sind, nur durch eine einfache Nut gerahmt, in die Wandfläche eingelassen. Über einem dunkel abgesetzten Sockel trägt die lichte, graugrüne Fassade eine waagerechte Putznutung. Das abschließende Hauptgesims ist in seiner Formgebung einfach und vergleichsweise zierlich, ebenso die Sohlbänke der Fenster. Die Fassade dieses wohl bescheidensten massiven Hauses ist betont schlicht gestaltet: Sie ist nicht durch Vor- oder Rücksprünge gegliedert und nicht durch Ornamente verziert. Dennoch ist sie exakt symmetrisch und wohl proportioniert.

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Das für den Zimmermeister Heubel563 an der Ostseite des Kirchplatzes zu errichtende Haus ist in Lietzmanns Entwurf eingeschossig, jedoch immerhin sechs Achsen breit.

Abb. 42: Zehdenick, Am Kirchplatz 4 (ehem. Haus des Zimmermeisters Heubel), links Aufnahme Mai 2000; rechts Entwurfszeichnung von Lietzmann, März 1804

Um bei sechs Fensterachsen die Möglichkeit zur symmetrischen, um die Durchfahrt gruppierten Gestaltung zu erlangen, ist die Wandfläche der äußersten linken Achse durch einen leichten Rücksprung und eine einfachere Gestaltung abgesetzt. In der verbleibenden Fassadenfläche sind die übrigen vier Fenster exakt symmetrisch um die Durchfahrt gruppiert. Der Eingangsbereich ist durch eine einige Zoll vorspringende Wandvorlage betont. Die Wandvorlage und der Bereich unter dem Sohlbankgesims sind durch eine Putzquaderung geschmückt. Über den rahmenlos und mit umlaufender Nut in die Wandfläche geschnittenen Fenstern verläuft ein flaches Putzband, darüber das kräftig ausgebildete Hauptgesims. Indem sie direkt unter beziehungsweise über den Fenstern liegen und diese wie in ein waagerechtes Band einspannen, unterstreichen Sohlbankgesims und Putzband die lagernde, betont horizontale Proportionierung der Fassade. Die mittlere Wandvorlage, die als vertikales Gegengewicht dient, wird in dieser Funktion auch durch ihre Farbgebung unterstützt. Sie ist wie die übrigen gequaderten Flächen, die Gesimse und das Putzband im Ton leicht heller gehalten als der steingraue Putzton der Wandflächen. Der Sockel ist violett gefärbt.

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Deutlich opulenter ist das ebenfalls eingeschossige Haus desMajors von Armin564 gestaltet.

Abb. 43: Zehdenick, Berliner Straße 41 (ehem. Haus des Majors von Arnim), Aufnahm März 2003

Auch wenn sich hier kein originaler Entwurf erhalten hat, kann es aufgrund seiner Gestaltung Lietzmann zugeschrieben werden. Das stattliche Haus, dessen Hauptgeschoss sich über einem hohen Souterrain erhebt, ist eines der breitesten der wiederaufgebauten Häuser. Da es nur sieben Fensterachsen besitzt, verbleiben zwischen den Fenstern entsprechend große Wandflächen. Die Dominanz der geschlossenen Wandflächen ist ein wesentliches Merkmal der in einen dreiachsigen Mittelteil und zwei jeweils zweiachsige Seitenteile gegliederten Fassade. Die Seitenteile springen als flache Wandvorlagen leicht vor, so daß der Mittelteil mit der Haustür leicht zurückgezogen erscheint. Hier befindet sich die zweiläufige Freitreppe, die zur Haustür hinaufführt. Der Souterrainbereich war an den vorspringenden Seitenteilen mit einer Putzquaderung verziert und nach oben durch ein blockhaftes Gesims abgesetzt, darüber folgte ein ebenso gestaltetes Sohlbankgesims und waagerechte Fensterverdachungen, die von zierlichen Konsolen getragen wurden. Unter den Fenstern des Mittelteils, die wie alle anderen nur von einer einfachen Nutung umgeben waren, befanden sich klobig wirkende Sohlbänke, die auf denselben zierlichen Konsolen ruhten wir die Verdachungen. Ein breites Putzband betonte wie ein Fries die Fläche unterhalb des Hauptgesimses. Auch an dieser ausgewogen komponierten Fassade erhöhte Lietzmann die eigentlich geringe Plastizität durch den von unten nach oben und von den zurückliegenden zu den vorspringenden Fassadenteilen lichter werdenden Anstrich.

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Die Hauptfassade des zweigeschossigen, für den Apotheker Wittke565 am Markt projektierten Wohnhauses ist ebenfalls sieben Achsen breit.

Abb. 44: Zehdenick, Klosterstraße 1 (ehem. Haus des Apothekers Wittke), links Aufnahme März 2003; rechts Entwurfszeichnung von Lietzmann, März 1804

Obwohl die ungerade Anzahl von Fensterachsen beste Voraussetzungen für eine symmetrische Gestaltung bot, setzte Lietzmann rechts wieder eine ungegliederte, vom Sockel bis zur Traufe reichende Wandfläche von etwa 30 cm Breite ab. Die verbleibende Fassade ist exakt symmetrisch in eine dreiachsige, nur wenige Zoll vorspringende mittlere Wandvorlage und zweiachsige, zur Mittelachse orientierte Seitenteile gegliedert. Die Fenster im Mittelteil stehen deutlich dichter zusammen als die in den Seitenteilen, was eine zusätzliche Betonung der Mittelachse mit dem Haupteingang bewirkt. Über der Tür setzt eine in blockhaft-einfachen Formen gehaltene, massige Verdachung gemeinsam mit einer halbrund vertieften Nische einen weiteren Akzent. Über einem leicht vortretenden karminroten Sockel erhebt sich zunächst das über eine breite, waagerechte Putznutung charakterisierte Erdgeschoß. Die ohne Rahmen in die Wand geschnittenen Fenster besitzen hier ungegliederte, blockartige Sohlbänke. Als Zwischengesims dient ein flächiges Putzband. Die von einer schmalen Nut umgebenen Obergeschoßfenster sind zwischen einem dünnen, von einfachen Konsolen getragenen Sohlbankgesims und einem flachen Putzband unter dem Hautgesims eingespannt. Das Grüngrau der Wandflächen ist an allen vortretenden Gliederungselementen (Wandvorlage, Gesimse, Putzbänder, Sohlbänke und Verdachung) aufgehellt. Der vertikalen Dreiteilung der Fassade, die durch die mittlere Wandvorlage bedingt ist, stellt Lietzmann mit der Putznutung, den Putzbändern und dem Sohlbankgesims eine durch die Farbgebung verstärkte Horizontalität entgegen. Neben diesem Spiel von Vertikalen und Horizontalen und dem geschickten Einsatz der Farbe wird eine weitere ornamentale Verzierung nicht für nötig gehalten. Lediglich der in der Nische aufgestellte Adler ist Schmuck und zugleich Geschäftszeichen der Apotheke.

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Eine der auffälligsten und künstlerisch anspruchsvollsten Fassaden schmückt das ebenfalls am Markt gelegene zweigeschossige Wohnhaus des Kupferschmieds Zillmann566.

Abb. 45: Zehdenick, Berliner Straße 17 (ehem. Haus des Kupferschmieds Zillmann), links Aufnahme Febr. 2001; rechts Entwurfszeichnung von Lietzmann, März 1804

Wieder benutzt Lietzmann die Separierung einer störenden Wandfläche, um für die verbleibende Fassadenfläche eine exakte Symmetrie zu erreichen. Er bringt an dieser Stelle die Durchfahrt unter. Die Fassadenfläche ist, wie am Haus des Apothekers, in einen dreiachsigen Mittelteil und zweiachsige Seitenteile gegliedert. Jedoch sind die Fensterabstände in der mittleren Wandvorlage deutlich größer, so daß der Haupteingang in der Mittelachse nicht wie am Haus des Apothekers Wittke durch Verringerung der Fensterabstände, sondern durch Aufweitung zusätzlich hervorgehoben wird. Dem Schmuck des Mittelteils dienen blockhafte Sohlbankgesimse unter den Erdgeschoßfenstern und ein Gesimsband, welches mit dem antiken Motiv des "laufenden Hundes" verziert ist. Die rundbogige, mit einer umlaufenden Kehle und filigranem Oberlicht geschmückte Türöffnung rahmen zwei gedrungene, mit schmalem "Eierstabkapitel" versehene Pilaster, welche eine blockhafte Dreiecksverdachung tragen. Die Seitenteile weisen im Erdgeschoß eine aufwendige Putzquaderung auf. Diese deutet verschieden starke "Steinlagen", blockhafte Fensterstürze und Sohlbänke sowie als Basis eine Schicht größerer, annähernd quadratischer "Steinblöcke" an. Darüber folgt ein breites flächiges Bandgesims, welches unter den Obergeschoßfenstern eine dünne Sohlbank trägt. Den oberen Fassadenabschluss bildet wieder ein flächiges Putzband, über welchem das Hauptgesims vorspringt. Die auf einer graubraunen bis moosgrünen Grundfarbe aufgebaute Farbigkeit gewinnt von unten nach oben und von den zurückliegenden zu den vorspringenden Fassadenteilen an Helligkeit. Obwohl sie mit einer vergleichsweise differenzierten Gliederung und Verzierung ausgestattet ist, besitzt auch diese Fassade kaum eine wirklich plastische Tiefe. Selbst der "Portikus", welcher die Haustür rahmt, tritt nur ein bis zwei Zoll hervor.

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Eines der qualitativ auffälligsten, noch heute erhaltenen Häuser ist das des Sattlermeisters Döhring.567 Es ist fünf Achsen breit und zwei Geschosse hoch. Eine breite, wiederum nur wenig vortretende Wandvorlage akzentuiert den Haupteingang. Der leicht vorspringende Sockel endet mit einem feinen, fast zarten Profil. Darüber erhebt sich die glatte Wandfläche des Erdgeschosses. Hier fehlt bei den in die Wand geschnittenen Fenstern jede begleitende Nutung. Einziger Schmuck sind wiederum recht feingliedrige Sohlbänke und vergleichsweise aufwendige Verdachungen. Von winzigen Konsolen getragen, sind diese aus einem waagerechten, fein profilierten Block und einem Dreiecksgiebel mit begleitenden Eckakroterien zusammengesetzt. Unter den Obergeschoßfenstern verläuft ein dünnes Sohlbankgesims, darüber ein breites Putzband, über dem das Hauptgesims die Fassade zum Dach hin abschließt. Der Mittelteil ist im Obergeschoss durch vermutlich nur ganz dünn aufgeputzte senkrechte Streifen, wie durch Ecklisenen gefaßt. Das Hauptgesims schmücken im Bereich der Wandvorlage kleine dünne Klötzchen.

Das 1804 von dem Liebenwalder Baumeister Müller entworfene Haus für das vor der Stadt gelegene Haus für den Herrn Landjäger Wartenberg besitzt ein Sockel- und ein Hauptgeschoß. Die neun Fensterachsen breite Fassade ist exakt symmetrisch eingeteilt, allerdings fehlen hier die bei Lietzmanns Entwürfen für die städtischen Häuser so charakteristischen, gestalterisch abgesetzten Wandflächen. Wieder teilt sich die Fassade in zwei seitliche und ein leicht vorspringendes mittleres Kompartiment. Jedoch ist hier die Mittelachse mit der Eingangstür wiederum zurückgesetzt, so daß zwei Wandvorlagen entstehen, die jeweils nur eine Fensterachse breit sind. Dieser vertikalen Gliederung stehen in der Horizontalen der gequaderte Sockel und ein breites Putzband unter dem Hauptgesims ausgleichend gegenüber. Die flächig wirkende Fassade mit ihren ohne Rahmung in die Wand geschnittenen Öffnungen besitzt einige wenige Verzierungen. Hierzu gehören die dünnen, im Bereich der Wandvorlagen von flachen Konsolen getragenen Sohlbänke, die ebenfalls auf die Risalite beschränkte charakteristische ‘etrurische’ Putzritzung und die von klobigen Konsolen getragene, zweifach abgestufte und mit einer Eierstableiste verzierte Verdachung der Haustür. Der von den Wandvorlagen gerahmte mittlere Wandabschnitt wird zusätzlich durch eine Verzierung betont, die im zugehörigen Anschlag als Haupt Gesimß in der vorder Fronte mit Zahn Schnitte568 bezeichnet ist. Bei der Farbigkeit folgt Müller demselben Prinzip wie Lietzmann. Von der dunklen, steingrauen Plinthe hellt sich die Fassade über den Sockel und das Hauptgesims bis zum Putzband und Hauptgesims zu einem hellen Grau auf. Ebenso hellgrau treten die beiden Wandvorlagen, die Sohlbänke und die Verdachung der Haustür hervor.

Die beim Wiederaufbau Zehdenicks errichteten Fachwerkhäuser unterscheiden sich in ihrem äußeren Erscheinungsbild von Grund auf von den massiven Wohnhäusern.

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Abb. 46: Zehdenick, Fachwerkhaus Berliner Strasse 50 (ehem. Haus des Schuhmachermeister Finzelberg), links Aufnahme Febr. 2001; rechts Zeichnung von 1932 (Ausschnitt)

Proportionierung, Stockwerkshöhe und Größe der Fenster machen sie, auch wenn sie gründlich geschlemmt, verputzt oder gestrichen sind, auf den ersten Blick kenntlich. DieFassaden der Fachwerkhäuser zeigen sich in überaus schlichten traditionellen Formen: So ist beispielsweise das mit kleinen Fenstern notdürftig belichtete Obergeschoß zumeist deutlich niedriger als das Erdgeschoß und vereinzelt springt es sogar vor.569 Immer noch ist einer Kammer ein einzelnes und einer Stube ein Paar Fenster zugeordnet. Jedoch wird dieses Schema nicht wie gut 60 Jahre zuvor in Templin zur symmetrischen und rhythmischen Gestaltung der Fassade genutzt, sondern die Fenster werden ohne Rücksicht auf ästhetische Ansprüche angeordnet – manchmal fehlt sogar die konsequente Axialität der Fensterstellung. Auch die traditionellen Schmuckformen an den Gesimsen, Wandöffnungen und Giebeldreiecken lassen sich nicht finden. Diese aus der Not geborenen Fachwerkhäuser waren zudem oft von mangelhafter baulicher Qualität, dies bezeugen Berichte, die bereits 1803 auftauchten. Danach waren die Gefache oft nur gestackt und gelehmt, andere Häuser hatten nur 8 bis 9 Fuß Etagen Höhe und wieder andere waren nur einmal verriegelt.570 Über das Haus des Bäckers Schnell heißt es 1805, es sei

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noch nicht ganz aufgebauet, und schon gänzlich vom Schwamm angegriffen, ausserdem ist fast das ganze Gebäude [...] nur von Brandtholz, der Keller ist nicht gewölbt und das Fundament ist nur mit Lehm gemauert, und schon so weit gesunken, daß besonders an der Giebelseite die Schwellen auf der Erde liegen.

Wie im Fall des Tischlers Feuerhenn, dessen Haus ebenfalls allenthalben vom Schwamm durchdrungen sei, befürchtet man, daß die Häuser, da sie schon nach so kurzer Zeit derart beschädigt seien, bald ganz verfallen würden.571 Insgesamt vermitteln die erhaltenen Häuser ebenso wie die überlieferten Fotos und die Zustandsbeschreibungen des frühen 19. Jahrhunderts ein wenig ansprechendes Bild von den nach dem Brand errichteten Fachwerkhäusern.

Ganz anders die Fassaden der eingangs exemplarisch vorgestellten massiven Wohnhäuser. Diese müssen zunächst in zwei Gruppen geteilt werden. Die Mehrzahl der in den Jahren des Wiederaufbaus zwischen 1802 und 1806 entstandenen Fassaden wurde von den Baukondukteuren Lietzmann und Wöhner gestaltet. Die zweite Gruppe von massiven Fassaden weist vor allem im ornamentalen Detail eine abweichende Gestaltung auf. Heute sind von den Fassaden des frühen 19. Jahrhunderts vor allem die Beispiele Gruppe noch in der Stadt wahrnehmbar.

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Ohne Zweifel prägten die von Lietzmann direkt vor Ort entworfenen, qualitätvollen Entwürfe bis um 1900 die äußere Gestalt des neuen Zehdenicker Bürgerhauses.572 Von eingeschossigen kleinen (Witwe Schultz), mittelgroßen (Zimmermeister Heubel, Schiffbauermeister Streichhahn) und großen (Major v. Arnim) Häusern bis hin zu prächtigen zweigeschossigen Eckhäusern mit Seitengebäude (Apotheker Wittke, Kupferschmied Zillmann) entwarf Lietzmann Wohnhäuser jeder Größe. Die wenigen von Wöhner entworfenen Häuser (Kaufmann Hertzer, vgl. Abb. 49) unterscheiden sich in der Fassadengestaltung kaum von denen, die Lietzmann entworfen hat. Die nähere Untersuchung und detaillierte Beschreibung einiger exemplarischer Fassaden von massiven Häusern hat einige grundlegende Gestaltungsmerkmale offenbart, die letztlich auf alle während des Wiederaufbaus entstandenen Hausfassaden übertragen werden können. Die Fassaden lassen sich durch vier Hauptmerkmale beschreiben: Sie sind erstens ausgewogen, jedoch mit markanter Betonung der Horizontalen proportioniert und zweitens exakt symmetrisch angelegt. Drittens ist eine Vorliebe für glatte, ungegliederte Oberflächen zu beobachten, und viertens sind sie betonteinfach verziert.

Die Rhythmisierung und die architektonische Gliederung der Fassaden werden durch vertikale Vor- und Rücksprünge hergestellt. Den meisten massiven Fassaden liegt dabei eine symmetrische Dreiteilung zugrunde, gebildet aus einer zentralen oder zwei seitlichen Wandvorlagen. Dieser vertikal gliedernden Grunddisposition sind dann zum waagerechten Ausgleich breite Putzbänder und Gesimse entgegengesetzt. Besonders bei den weniger aufwendig gestalteten Fassaden hat die Waagerechte oft ein deutliches Übergewicht. Auffallend sind die durch Sohlbänke und Putzbänder zu waagerechten „Fensterbändern“ zusammengeschlossenen Fenster.573

Symmetrie ist das augenfälligste Merkmal fast aller Fassaden der massiven Häuser. Häufig wird der nutzungsbedingt asymmetrisch platzierte Eingang durch die Anordnung zweier seitlicher Wandvorlagen korrigiert.574 Die exakte Symmetrie der Fassade wird oft durch die Absetzung eines ganzen Wandabschnitts hervorgehoben. An mehreren Häusern findet sich diese leicht abgesetzte, ungegliederte Wandfläche neben einer exakt symmetrischen Fassadenfläche.

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Abb. 47: Wandfläche & Fassadenfläche, Beispiele: links Berliner Straße 20; rechts , Klosterstraße 6 (vgl. auch Abb. 42, 44, 45)

Zugunsten einer so symmetrisch wie möglich angelegten Fassadenfläche wird dabei auf die Symmetrie der gesamten von der Straße sichtbaren Hauswand verzichtet. Wie eine Maske liegt dann der symmetrische Fassadenschmuck auf der Wandfläche des Hauses – dieses scheint mit der flachen, fassadebildenden Fläche nur bekleidet zu sein. Das Streben nach der absolut exakten Symmetrie jeder einzelnen Fassade ist ein eindrucksvoller Beleg für die in Zehdenick zu beobachtende Individualisierung des einzelnen Hauses. Jede Fassade ist nicht etwa im Zusammenspiel mit dem Nachbarhaus, sondern vielmehr für sich allein ausgewogen gestaltet. Jede hat ihre eigene, individuelle Symmetrieachse und ist darin nur auf sich, zumeist auf ihren Eingangsbereich bezogen. Die von architektonischer Gestaltung und Verzierung nahezu freie Wandfläche an der linken Ecke des Hauses des Kupferschmieds Zillmann beispielsweise separiert die aufwendig gestaltete, wohlproportionierte und auf den Haupteingang hin komponierte Fassadenfläche des Hauses von dem links anschließenden Nachbarhaus. Die betonte Schlichtheit dieser Wandflächen unterstreicht aber nicht nur die Symmetrie der Fassade und die Absonderung vom Nachbarhaus. Durch den Kontrast verstärkt sie auch die Wirkung der einfachen Gliederung und Verzierung der eigentlichen Fassadenflächen. Anschaulich stehen ‚ungeschmückte’ und ‚geschmückte’ Flächen nebeneinander.

Auffallend ist weiterhin die starke Betonung geschlossener, glatter Wandflächen. Fenster, Türen und Tore sind die einzigen, oft lochartig wirkenden Vertiefungen in den Flächen. Die Fenster sind ohne Rahmung in die Wände geschnitten. Die Wandpfeiler zwischen und die Brüstungsfelder unter den Fenstern bleiben ebenfalls unverziert. Die Wandvorlagen sind nur wenige Zentimeter stark, aber dennoch schon im Mauerwerk angelegt. Letzteres gilt auch für die einfachen Gesimse, die klobig wirkenden Verdachungen und Sohlbänke sowie für die meisten der waagerechten Putzbänder. Sie besitzen keine aufwendige Binnengliederung oder Profilierung, sondern schlichte, glatte Oberflächen. Diese betonte Einfachheit der architektonischen Glieder gilt sowohl für die Grundformen (Dreiecke oder schlichte waagerechte Blöcke) und deren Einbindung in die Fassadenstruktur als auch für die Gestaltung der Verzierungen selbst. Jede Gliederung und Verzierung ist aus der Fläche entwickelt.

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Das gilt auch für die ehemals zahlreich vorhandenen Putzritzungen und ornamentalen Verzierungen, die reine ‚Putzkunst’ waren. (Vgl. Abb. 45) Dieser ornamentale Schmuck der neuen Zehdenicker Bürgerhäuser ist heute fast ebenso vollständig verschwunden wie die einst reichen Putzritzungen, Putzstreifungen und Putzquaderungen, welche die Sockelbereiche und Erdgeschosse markierten. Diese Putzritzungen waren differenziert gestaltet. Auffälligste Eigenheit ist die Detailgenauigkeit, mit der man versucht, Hausteinmauern vorzutäuschen: Die angedeuteten Steinlagen sind verschieden stark, die „Steine“ über den Fensterstürzen „richtig“ versetzt, und mitunter gibt es auch eine extra ausgewiesene Lage von Sockelsteinen wie in Lietzmanns Entwurf für Zillmanns Haus. An diesem oder am Haus des Coffetiers Hoer (Klosterstraße 6) fanden sich zudem die charakteristischen ornamentalen Verzierungen, die, wie von Berson beschrieben, mittels Schablonen einfach in den feuchten Putz geritzt waren. An Zillmanns Haus zeigt diese friesartige Verzierung das antike Motiv des ‚laufenden Hundes’, an Hoers Haus hatte sie die Form der damals als etrurisch bezeichneten stilisierten Palmetten.

Die Fassaden der zweiten Gruppe, für die jene am Haus des Landjägers Wartenberg und an dem des Sattlermeisters Döhring exemplarisch stehen, weichen in der Grunddisposition nicht von den Entwürfen Lietzmanns oder Wöhners ab: Symmetrie, Flächigkeit, Betonung der Waagerechten, Gliederung durch zwei jeweils nur eine Fensterachse breite Wandvorlagen und breite Putzbänder – selbst die charakteristische etrurische Putzritzung (stilistierte Palmettenfriese) findet sich wieder. Die Verzierungen dieser Fassaden sind insgesamt jedoch differenzierter, die Gesimse feiner gezogen, die Verdachungen, Sohlbankgesimse und Konsolen kleiner, dünner und mehrfach profiliert. Das Hauptmerkmal der zweiten Gruppe von massiven Fassaden ist jedoch der von Müller in seinem Kostenvoranschlag für das Haus Wartenberg so bezeichnete Zahn Schnitt, der sich an den Hauptgesimsen aller zu dieser Gruppe zu zählenden Fassaden finden läßt.

Abb. 48: Zehdenick, Kapellenstraße 17, Aufnahme März 2003

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Die weit auseinander gezogenen, kleinen Klötzchen erinnern jedoch mehr an die Mutuli der klassischen dorischen Ordnung als an einen Zahnschnitt. Zumeist tritt der Zahn Schnitt in Verbindung mit betont einfachen Mäanderbändern oder auch ornamentalen Putzritzungen auf; mitunter waren die Kanten des Gebäudes oder seiner Wandvorlagen durch eine flächige ‚Bossierung’ betont. Am Haus des Sattlermeisters Döhring schmücken zusätzlich auffällige Verdachungen mit Dreiecksgiebel und begleitenden Eckakroterien die Fassade.575 Unübersehbar gehören der Zahn Schnitt, das immer gleiche Mäandermotiv und die feingliedrigen Konsolen und Gesimse zu einer eng umgrenzten Gruppe. Trotz der teilweisen Übereinstimmung mit dem Entwurf Müllers ist es schwierig, diese markanten Verzierungen zeitlich einzuordnen. Sehr wahrscheinlich fällt die Fertigstellung der fraglichen Häuser in die Jahre nach 1805. Nach Angabe des Ende 1805 erstellten Feuersozietätskatasters sind sowohl die Häuser der Maurermeister Barck (heute Kapellenstraße 17 und Gültzow als auch das Haus des Nagelschmieds Weilmann zu diesem Zeitpunkt noch nicht fertig.576 In der Bürgerliste von 1812 gilt Gültzows Haus als fertiggestellt, während zu den Häusern von Barck und Weilmann vermerkt wird, daß sie nicht gebautseien.577 Noch in der Bürgerliste von 1822 wird Barcks Grundstück als wüste Stellegeführt.578 Erst 1828 wechselt es in den Besitz des Zimmermeisters Heubel und wird dann zügig bebaut.579 Heubels eigenes Wohnhaus ist zu diesem Zeitpunkt nach dem oben vorgestellten Entwurf Lietzmanns eingeschossig ausgeführt und wird erst später aufgestockt und mit dem charakteristischen Zahn Schnitt und der Pilasterrahmung des Eingangs verziert. (Vgl. Abb. 42)Auch am Haus des Apothekers Wittke wird diese Verzierung, die es in Lietzmanns Entwurf noch nicht gibt, nachträglich angebracht. (Vgl. Abb. 44) Von Müllers Entwurf aus dem Jahr 1804 läßt sich die Spur des Zahn Schnitts und der durch antikisierende Putzritzornamente (Palmetten) oder Mäander verzierten Putzbänder demnach bis mindestens Ende der 1820er Jahre verfolgen. Offensichtlich waren die örtlichen Maurer- und Zimmermeister die Vermittler und Bewahrer dieser Mode.

Innere Gestalt

Bratring hatte den alten Zehdenicker Häusern 1801 bescheinigt, sie seien den Gewerben der Bewohner angemessengewesen.580 Ganz anders schätzten die am Wiederaufbau beteiligten Bausachverständigen die durch den Brand vernichtete Bausubstanz ein. Bezugnehmend auf die alten Giebelhäuser und deren Umwandlung in traufständige Häuser schrieben Sensse und Wöhner im Juni 1801:

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bey den alten großen Häusern war doch immer nur wenig Raum oder Platz, weil alles auf eine ungeschickte Art verbauet und unnütze angeleget war. Bey der jetzigen neuen Bauart wird der Raum wirthschaftlicher genutzet und alles bequemer eingerichtet, daß also in einem kleinerm Hause eben so gut und bequemer Wirthschaft geführet werden kann. Auch kann eine Tiefe über 40 Fuß bey dem neuen Aufbau schon aus der Ursache, daß bei einer größeren Tiefe dunkele Kammern und Winkeln entstehen und dieses der Feuersicherheit nicht angemessen ist, nicht statt finden, [...].581

Die neuen Hausgrundrisse galten demnach als effizienter und wirtschaftlicher in der Raumausnutzung, als bequemer, heller und feuersicherer. Die Argumente gegen das veraltete Giebelhaus werden von Sensse und Wöhner mit einem solchen Engagement vorgetragen, daß man meinen könnte, dessen Bekämpfung habe gerade erst eingesetzt. Doch sind dieser Kampf und die mit ihm verbundenen Argumentationsmuster in Brandenburg-Preußen schon älter als die moderne staatliche Bauverwaltung selbst. Ebenso wenig sind die im neuen Zehdenick vorherrschenden Grundrißlösungen neu.

Wie bei den Fassaden muss auch bei den Grundrissen in Zehdenick stärker als in Templin von der Untersuchung und Beschreibung des einzelnen Hauses ausgegangen werden, um dann zu Verallgemeinerungen kommen zu können.

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Das von dem Schuhmachermeister Finzelberg582 erbaute Fachwerkhaus nimmt in Erd- und Obergeschoß jeweils eine separate Wohnung auf.583 (vgl. Abb. 46) Es wird in der Tiefe durch eine deutlich zum Hof hin verschobene firstparallele Mittelwand in zwei entsprechend der Bedeutung der Räume ungleich große Hälften geteilt. Die Erschließung von Haus und Hofraum erfolgt durch eine in der zweiten Achse von rechts angeordnete Durchfahrt. Die an der Hofseite liegende Treppe zum Obergeschoß ist vollkommen in den hinteren der beiden rechten Räume eingezogen. Diese separierten schmalen Räume wurden 1932 als Laden und Küche bezeichnet und könnten auch von Finzelberg als Werkstatt oder Laden, eventuell aber auch als Gesindestube oder Altenteil genutzt worden sein. Links der Durchfahrt befindet sich eine Wohnung von mittelgroßem Zuschnitt. An der Straße gibt es eine große, fast quadratische Stube und daneben eine Kammer; an der Hofseite liegt der kleinere Raum (Küche) an der Durchfahrt und darauf folgt eine Stube, die allerdings kleiner als die straßenseitige und nur durch ein Fenster beleuchtet ist.

Die Grundrisse der kleineren massiven Häuser gleichen denen der Fachwerkhäuser in allen wesentlichen Bereichen. Vor allem bei den ärmeren Hauseigentümern ist an eine Ausdifferenzierung von Arbeiten und Wohnen nicht zu denken. Das Haus derWitwe Schultz beherbergt die kleinste in Zehdenick anzutreffende Wohneinheit. Auf jeder Seite des Durchgangs sind an der Straßenseite eine annähernd quadratische Stube und dahinter zum Hof hin je eine Kammer und eine Küche angeordnet. Stube, Küche, Kammer, dieses räumlich-funktionale Trio befriedigte auch in Zehdenick die Grundbedürfnisse des Wohnens.584

Das Haus desZimmermeisters Heubel am Kirchplatz ist ein Beispiel für ein mittelgroßes eingeschossiges Wohnhaus, das für zwei Wohnungen eingerichtet ist.585 (Vgl. Abb. 42) Im Entwurf von Lietzmann bildet die Durchfahrt zugleich den Flur des Hauses. Auf der Hofseite liegt rechts eingezogen die Treppe zum Bodenraum. In diesem Haus sind die zwei Wohnungsgrundtypen vereint: Links der Durchfahrt der größere Typ mit Stube und Kammer an der Straße und Küche und Stube zum Hof, rechts der kleinere Typ mit straßenseitiger Stube und dahinter Kammer und Küche.

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Der differenzierteste in Zehdenick anzutreffende Grundrißtyp des großen eingeschossigen Wohnhauses mit Souterrain ist in Entwürfen aus den Vorstädten überliefert. Der von Brasch jun. stammende Entwurf für das Forstdiensthaus586 zeigt in Souterrain und Hauptgeschoß eine nahezu identische Aufteilung. Im Souterrain sind die hofseitigen Räume Keller, zur Straße liegen links eine Gesinde Stube und rechts Küche und Speise Kammer. Beide Geschosse werden durch einen Mittelflur erschlossen. Im Hauptgeschoß ist die straßenseitige Hälfte des Flurs, in der sich die einläufige Treppe zum Boden befindet, zu einem geräumigen Entree aufgeweitet. Besonders herausgehoben ist eine dreifenstrige Stube mit einem angegliederten rückwärtigen Raum. Wie schon im Vorgängerbau diente diese saalartige Stube als Commissions Stube. Sie besitzt neben dem Ofen einen in der Mitte der Rückwand angeordneten Kamin. Die Tür zum Nebenraum, der Kamin und der Ofen sind symmetrisch an der Rückwand verteilt. Auch in der rechts des Flurs gelegenen straßenseitigen Stube ist der Ofen in der Symmetrieachse der Rückwand angeordnet. Die Heizung der Räume erfolgt grundsätzlich von außen über schmale, vom Flur abzweigende Heizungskorridore. Unter den zahlreichen weiterer Kammern und Stuben fällt die im Entwurf als solche eigens hervorgehobene Kinder Stube in der rechten hinteren Ecke auf. Wahrscheinlich gab es eine nutzungsbedingte Zweiteilung des Grundrisses zwischen einer eher öffentlich genutzten linken und einer eher privat genutzten rechten Haushälfte. Diese Grundrißaufteilung, die sich ganz ähnlich auch in den vorstädtischen Häusern des Landjägers Wartenberg und des Oberjägers Bartikow wiederfindet, orientiert sich ganz offensichtlich an den Musterentwürfen des Oberbaudepartements, etwa Johann Albrecht Eytelweins Normalentwurf für das Haus eines Domänenpächters in Neuostpreußen, der 1800 in der Sammlung Nützlicher Aufsätze publiziert wurde.587

In der Poststraße gab es zwei in Grund- und Aufriß nahezu identische zweigeschossige Häuser, erbaut für den Rittmeister von Oertzen und den Schuhmachermeister Burmeister.588 Die Grundrisse sind jeweils um eine große, straßenseitig liegende Stube symmetrisch aufgebaut. Links beziehungsweise rechts dieser Stube befindet sich ein Durchgang zum Hof, gegenüber eine Kammer. An der Hofseite gibt es wie üblich die am Durchgang gelegene Küche und eine Kammer. Bemerkenswerterweise ist für das Haus des Rittmeisters überliefert, daß es eine Küche auf dem Hofe rechtsgab. Rittmeister und Schuhmacher hatten also nur auf den ersten Blick identische Häuser. Bei näherem Hinsehen erweist sich das des Adeligen als das breitere, tiefere und wegen der ausgelagerten Küche deutlich bequemere.

Das Haus des Apothekers Wittke ist eines der größten in Zehdenick.589 (Vgl. Abb. 44)Im Erdgeschoß führt der Flur nicht in voller Breite durch das Haus. Er verengt sich nach der Hausmitte um fast die Hälfte. Im vorderen, geräumigeren und durch ein Fenster belichteten, entreeartigen Teil liegt links die zweiläufige Treppe. Links und rechts des Entrees befinden sich zwei annähernd quadratische Stuben, von denen die rechte aufgrund der besonderen Eingangsgestaltung (zwei Türöffnungen zum Entree) wohl der Verkaufsraum war. Hofseitig links, durch ein kleines Fenster nur mäßig beleuchtet, liegt die Küche. Im Seitenflügel folgen eine weitere Stube und verschiedene Kammern. Auffällig ist der gewölbte, vom Hof aus ebenerdig zugängliche Raum, der als Laboratorium des Apothekers diente. Im Obergeschoß gibt es vier beheizbare Stuben und zwei Kammern. Sowohl hier als auch im Seitengebäude sind die straßenseitigen Räume durch eine enfiladeartige Zimmerflucht verbunden. Auffällig sind die große Zahl der beheizbaren Stuben und die Menge an Räumen insgesamt, die der Familie und ihren Bediensteten zur Verfügung stand. Eine Ausdifferenzierung und räumliche Separierung der Wohnfunktionen war so leicht zu realisieren.

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Im Gegensatz zu Wittke ließ der Kupferschmied Zillmann die beiden Etagen seines Vorderhauses als jeweils eigenständige Wohnungen einrichten.590 (Vgl. Abb. 45) Links und rechts des Durchgangs gibt es straßenseitig jeweils einen großen, dreifenstrigen Saal und eine Stube, beide mit Ofen und Kamin ausgestattet, die von außen zu befeuern sind. Am Hof liegen die große Küche, eine weitere Stube und zwei Kammern. Die Familie Zillmann hatte in diesem großen Haus viel Platz, um die verschiedenen Lebensbereiche wie Repräsentation, Buchhaltung und andere geschäftliche Funktionen einerseits, sowie privates Wohnen bis hin zu Kindererziehung, Kochen oder Vorratshaltung andererseits gut getrennt voneinander unterzubringen. Geld wurde im Seitengebäude verdient. Hier gibt es am hinteren Ende die Werkstatt des Kupferschmieds. Mehr Raum nimmt die Brauerei und Brennerei auf (dem) Fluhr ein, wozu im Obergeschoß noch eine Darre gehört. In dem gut belichteten und leicht zugänglichen Seitengebäude konnte Zillmann die Bereiche der handwerklichen Arbeit aus dem eigentlichen Wohnhaus auslagern und in einem nahezu vollständig separierten Werkstattgebäude unterbringen.

Das große Haus desKaufmanns Hertzer591 besitzt hinter der Haustür, zu der einige Stufen hinaufführen, einen sehr geräumigen, gut proportionierten Flur.

Abb. 49: Zehdenick, Berliner Straße 20 (ehem. Haus des Kaufmanns Hertzer, nach Entwurf von Wöhner); oben Aufnahme März 2003; unten Zeichnung von 1912

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Darin befindet sich an der Hofseite eine aufwendig gestaltete, mehrläufige, gewendelte und bis zum Dachboden reich geschmückte Treppe.592 Flur und Treppe werden durch die Oberlichter von Haus- und Hoftür, sowie durch ein hinter der Treppe befindliches, großes Fenster gut beleuchtet. Unter der Treppe führt eine zweiflügelige, verglaste Tür sehr bequem zu den umfangreichen Kelleranlagen. Von diesem breiten, entreeartigen Flur gehen an verschiedenen Punkten die Türen zu den benachbarten Räumen sowie rechts eine Öffnung zum bequemen und sauberen Befeuern der rechten Stubenöfen ab. Links dürfte sich hofseitig ehemals die Küche befunden haben, straßenseitig gab es hier mehrere Stuben, in denen auch die 1824 erwähnten Ladenutensilien in einem speziellen Verkaufsraum untergebracht waren. Der Seitengebäudeanbau in der Poststraße beherbergte 1912 mehrere Küchen, Stuben und Kammern. Er dürfte zur Erbauungszeit teilweise als Wirtschaftsgebäude (Waschküche, Lager) und teilweise als Wohnstätte für Bedienstete oder niedriger gestellte Mieter gedient haben. Das Obergeschoß zeigt noch in der Zeichnung von 1912 eine Wohnung von repräsentativem Zuschnitt. Nach der in einem geräumigen Ruheplatz endenden Treppe gelangte man in ein von einem straßenseitigen Fenster belichtetes Entree. Von dort betrat man rechts in den großen, von drei Fenstern gut erhellten Saal. Hinter diesem beheizbaren Saal befand sich noch eine in der Hausecke liegende und von drei Fenstern übereck beleuchtete Stube, wohl ehemals das Kabinett des Hausherrn. Daran schloß sich zur Hofseite ein 1912 als Schlafzimmer bezeichneter Raum an, der sein Licht von zwei Fenstern an der Poststraße erhielt. Daneben befand sich die geräumige, von einem Fenster belichtete Küche. Diente diese Seite des Obergeschosses dem Wohnen und Repräsentieren, so nutzte etwa der Bürgermeister Pape, der spätestens ab 1814 in dem Haus wohnte, die andere, kleinere Seite zu Geschäftszwecken, wie dies noch 1912 üblich war. Von dem beschriebenen Ruhepodest vor dem Entree, das auf der anderen Seite in die Küche führte, gelangte der geschäftliche Besucher in die beiden Geschäftszimmer, ohne durch die privaten Wohnräume gehen zu müssen.

Die nähere Untersuchung exemplarischer Grundrisse zeigt, daß die Fachwerkhäuser und zahlreiche kleinere massive Häuser noch traditionelle Grundrisse besitzen, die sich an den Häusern des 17. und beginnenden 18. Jahrhundert orientieren. Nur bei den größeren massiven Wohnhäusern sind deutliche Veränderungen ablesbar. Die für Templin erläuterten Grundwohneinheiten, die kleine mit Stube, Kammer, Küche und die große mit 2 Stuben, 2 Kammern und Küche, werden vielgestaltig kombiniert, variiert oder erweitert. Ob in den zweigeschossigen Fachwerkhäusern des Schusters Finzelberg und des Weißgerbers Urban (Poststraße 14) oder in den eingeschossigen massiven Häusern der Witwe Schultz und des Zimmermeisters Heubel, man bleibt dieser Grundgestalt im Grunde treu. Differenzierter und moderner sind die auf Normal-Anschlägen des Oberbaudepartements basierenden Grundrisse der Häuser des Landjägers Wartenberg und des Oberjägers Bartikow oder des Forstdiensthauses, welche in den Vorstädten stehen. Hier, besonders aber in den großen zweigeschossigen massiven Eckhäusern beeindruckt die Vielzahl und die Größe der beheizbaren Stuben und der Kammern. Jedes Haus besitzt neben den Außenwänden eine weitere tragende, das Haus in der Tiefe gliedernde Mittelwand. Diese ist zumeist leicht in Richtung Hof verschoben, wodurch die straßenseitigen Räume entsprechend ihrer Wertigkeit an Größe gewinnen. Zur Straße liegen mindestens eine Stube mit zwei Fenstern, mitunter auch ein Saal mit drei Fenstern oder – bei größeren Häusern – mehrere Stuben, die oft von Kammern mit nur einem Fenster begleitet werden. Die Gliederung der hofseitigen Räume ist kleinteiliger, wobei die Küche immer direkt am Flur liegt. Bei kleineren Häusern gibt es an der Rückseite nur Küche und Kammer, bei größeren auch eine Stube. Durchgänge zwischen der hofseitig gelegenen Küche und einer straßenseitigen Stube gibt es selten. Hier waren Feuergefahr und hygienische Bedenken zu groß. Grundsätzlich ist aber über die Verbindung von hof- und straßenseitigen Räumen die Möglichkeit zur Querlüftung gegeben. Erdgeschoß und Obergeschoß sind weitestgehend übereinstimmend unterteilt. Oft sind beide als eigenständige Wohnungen angelegt. Es fällt auf, daß in einigen, zu mehreren Wohnungen angelegten Häusern bis 1822 nur eine Familie wohnte – man plante für spätere Zeiten und dann eventuell notwendige Vermietungen mit. Abgesehen davon ist schon in den mittelgroßen, vor allem aber in den großen eingeschossigen und zweigeschossigen massiven Häusern das Raumangebot erstaunlich groß. Die Vielzahl der Stuben und ihre Verteilung im Haus folgen dem Bedürfnis nach räumlicher Separierung der Funktionen, nach Trennung von privater und (halb-) öffentlicher Sphäre. Auch der Bereich der Arbeit wird deutlicher vom Wohnen getrennt und vielfach in die Seiten- und Hintergebäude verlagert. Beachtlich ist die verhältnismäßig große Zahl der Läden, die, wie im Haus des Kaufmanns Hertzer, schon im Entwurf mitgeplant wurden. Zumeist besitzen diese Läden eigene Zugänge von außen, wodurch der "Publikumsverkehr" vollständig von der Privatsphäre des Hauses getrennt bleibt.593

Für die Erschließungssysteme und die funktionale Raumaufteilung gilt grundsätzlich dasselbe wie 65 Jahre zuvor in Templin. Die Erschließung der parallel zur Straße gelegenen, zumeist querrechteckigen Wohnhäuser erfolgt fast ohne Ausnahme (z. B. kleine Budenhäuser) über einen von der Straße zum Hofraum durchgehenden Flur und/oder eine Durchfahrt. Die Wohnräume sind dann links und rechts dieses Flurs angeordnet. Obwohl zumeist wenigstens annähernd in der Symmetrieachse gelegen, erfolgt die Erschließung in einigen Häuser auch nur von einer Seite, so daß mehrere Stuben und Kammern als Durchgangsräume dienen müssen. Neben Durchgang und Durchfahrt gibt es keine weiteren Erschließungsräume wie etwa Korridore. Die Stuben- und Kammertüren liegen sich nicht immer gegenüber, mitunter bilden sie aber, gerade bei größeren Häusern wie dem des Apothekers Wittke, enfiladeartige Fluchten.

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Die Treppen liegen an der Hofseite oder vor der Hausmitte und steigen entweder vom Eingang her oder vom Hof her hinauf. Durch die nicht selten an der Straßenseite angeordneten Treppen wird ein hofseitiger, der Hauswirtschaft zugedachter Bereich von einem halböffentlichen, repräsentativeren vorderen Bereich getrennt. Die Treppen sind in den kleineren Häusern meist gerade, teilweise mit leicht gezogenem Anfang oder Ende. Einfache Brettbaluster gestalten die meisten Geländer. In größeren Häusern gibt es mitunter auch gewendelte Treppenanlagen, die mit feinerer Balustergliederung und modernerer Verzierung geschmückt sind und als Blickfang im Eingangsbereich dienen. So ist für das Haus des Landjägers Wartenberg eine Treppe mit Trollien Geländer überliefert.594 Auch die Gestaltung der Haus- und Zimmertüren mit ihren Beschlägen entspricht der zeittypischen Formensprache.

Die Keller der Fachwerkhäuser sind nach dem Feuersozietätskataster von 1806 zumeist noch einfache Balkenkeller. Nur unter den massiven Häusern sind die Keller gemäß dem Reglement als gewölbte Räume ausgebildet.595 Charakteristisch sind die auf den Seitenwänden und auf korbbogenförmigen Unterzügen aufliegenden flachen Kappen. In den Wänden gibt es fast immer eine oder mehrere Vorratsnischen.

Wie in der äußeren Erscheinung, im Grundriß und bei den Kellern sind die Fachwerkhäuser auch bezüglich der Raumhöhen traditioneller als die massiven Häuser. Das Wiederaufbaureglement hatte für kleinere Häuser festgelegt, sie sollten mindestens 9 Fuß (= 2,82m) Stockwerkshöhe haben. Größere Häuser sollen dagegen je Stockwerk 9,5 bis 10 Fuß (2,98m bis 3,18m) hoch sein. Die meisten Fachwerkhäuser und zahlreiche kleineren massiven Gebäude haben aber trotz dieser Vorgaben im Erdgeschoß nur 2,75m beziehungsweise 2,45m und im Obergeschoß sogar nur 2,45m beziehungsweise 2,20m Raumhöhe.596. Die größeren massiven Häuser weisen dagegen Raumhöhen von mindestens 2,85m (Klosterstraße 19) und bis zu 3,50m (Poststraße 20) oder sogar 3,60m (Poststraße 16) auf. Im Durchschnitt sind hier die Räume deutlich über 3,00m hoch und mit zahlreichen großen Fenstern hell erleuchtet, weisen also auch in dieser Hinsicht eine Tendenz zu größerer Bequemlichkeit auf.

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Im Inneren der Zehdenicker Häuser, vor allem in den größeren, wie dem des Kupferschmieds Zillmann oder des Apothekers Wittke, kann man die neuen Maßstäbe der amtlichen Musterentwürfe und der architekturtheoretischen Schriften wiederfinden. Sie besaßen zahlreiche Stuben und Kammern und ermöglichten so eine räumlich differenzierte, individuelle Entfaltung des bürgerlichen Lebens. Die Stuben waren hoch und geräumig, mit einem von außen beheizbaren Ofen und manchmal zusätzlich mit einem offenen Kamin ausgestattet, durch mindestens zwei hohe Fenster gut belichtet und sie besaßen jede mindestens zwei Türen, welche eine sinnvolle Kommunikation und darüber hinaus eine effektive Querlüftung ermöglichten. Erhaltene Ausstattungsstücke wie Haus- und Wohnungstüren, Türbeschläge und vor allem Treppen zeigen bei den großen Häusern der Zehdenicker Oberschicht einen hohen Anspruch an handwerkliche und nach Möglichkeit auch künstlerische, dem neuesten Geschmack nacheifernde Gestaltung.597

Besondere Aufmerksamkeit wurde in der Anfangsphase des Wiederaufbaus der Einführung moderner, sicherer und holzsparender Feuerungen entgegengebracht. Die als extrem feuergefährlich eingestufte Ausgangssituation, mithin die noch übliche Bauweise der Feuerungen, offenbart ein Revisionsprotokoll vom November 1801.598 Darin stellen die Revisoren bei zahlreichen wiederaufgebauten Häusern gröbste Verstöße gegen die Feuersicherheit fest. Die Schornsteine seien viel zu eng oder zu niedrig, die notwendigen massiven Feuermauern in der Küche fehlten, in einigen Backstuben und Darren fänden sich unverkleidete Holzwände, und immer wieder gäbe es Rauchhölzer in den Schornsteinen, also Hölzer, an denen Räucherwaren aufgehängt würden. Vor allem die Fachwerkhäuser wiesen derartige Verstöße in großer Menge auf. Wie einige weitere Hinweise nahelegen, war sogar die schwarze Küche noch verbreitet. Als Reaktion auf diese alarmierenden Ergebnisse forderte das Kurmärkische Departement Ludolff im März 1802 auf, sich mit dem ausgewiesenen Fachmann auf dem Gebiet der Feuerungen, dem Feuer Bau Inspektor Heinrich Jachtmann, in Verbindung zu setzen. Auf eine Anfrage Ludolffs zur Anlegung zweckmäßiger Feuerungen in denen zu Zehdenick neu zu erbauenden Häusern antwortete Jachtmann mit einem Verweis auf seine Hefte die Anlegung holzersparender Feuerungen betreffend.599 Er schlug vor, nach den dort gegebenen Anleitungen Modelle anfertigen und diese nach Zehdenick bringen zu lassen. Nach diesen Modellen, so Jachtmann weiter, werde dann der Condukteur Herr Lietzmann die Einrichtung der Feuerungen gewiß recht gut besorgen können. Weiter regte Jachtmann an, auch bezüglich der Brauereyen, Malzdarren, Brantweinbrennereyen, Backoefen und Stubenoefen worin zugleich gekocht werden kann und das Lichte-Feuer des Abends eine warme Stube macht auf seine publizierten Entwürfe zurückzugreifen und dabei gegebenenfalls den Torfbrand zu berücksichtigen. Schließlich meinte er, die durch den so umfangreichen Fachwerkbau eingesparten staatlichen Unterstützungsgelder sollten für die Förderung sicherer und holzsparender Feuerungen verwendet werden.

Ludolff griff diesen Vorschlag auf und betonte gegenüber der Kammer, daß die Bürger nicht das Geld hätten, die Mehrkosten für holzsparende Feuerungen aufzubringen und daher unterstützt werden müßten. Mit dem Verweis auf Armut und Ungehorsam meinte Ludolff einige Wochen später, daß sogar zur Durchsetzung der Feuersicherheit der Fachwerkhäuser eine besondere Beihülfe notwendig sei:

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Nur dieses Mittel allein könne zur Erreichung mehrerer Feuersicherheit von Würckung seyn, und die bauenden würden sich gewiß den Bau Polizei-Vorschriften willig unterwerfen, ja sie würden sogar mit Strenge dazu anzuhalten seyn, sobald man ihnen die Mittel zur Erreichung des Zwecks in die Hände giebt, die ihnen bisher gefehlt haben und ohne welche von ihnen nichts mehrers als in ihren Kräften steht, verlangt werden kann.600

Dieser erstaunlich bürgerfreundlichen Auslegung der rechtlichen Situation konnte und wollte die Kammer nicht zustimmen. Für deren Mitglieder war die Durchsetzung allgemeingültiger Anforderungen der Baupolizei keineswegs an zusätzliche finanzielle Unterstützungen gebunden. Vielmehr bezogen diese Bestimmungen ihre Gültigkeit aus dem öffentlichen Interesse an Feuersicherheit. So bemerkte die Kammer besorgt:

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auch jetzt schon muß jeder mit Strenge angehalten werden, daß er den feststehenden Bau- und Feuerordnungen gemäß baue, und müssen zweckwidrige Anlagen deshalb auch sogleich gehemmet, und von Polizei wegen eingerissen werden, als worauf Ihr die Unterbehörden anzuweisen, und worauf Ihr auch selbst möglichst Acht zu geben habt.601

Das im Sommer 1802 erlassene Wiederaufbaureglement enthielt dann einige Vorschriften bezüglich der Feuersicherheit.602 Vorgeschrieben war die Beschaffenheit der Vorgelege und Küchenfeuerungen, die Weite der Schornsteinröhren und die Dicke der Brandmauern. Verboten war das Schleifen der Schornsteine, das Lagern derselben auf Holz und das nahe Heran- oder gar Hineinführen von hölzernen Bauteilen an beziehungsweise in den Schornstein. Abschließend vermerkte das Reglement zu dieser zentralen Thematik preußischer Bauregulierung:

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Jeder Bauende, der noch die gute Absicht heget, seine Feuerungen besonders auf den Torfbrand und auf Holzersparung einrichten zu lassen, kann sich dieserhalb zur unentgeldlichen Unterweisung an den Bau-Condukteur wenden, der dieserhalb mit besonderen Vorschriften versehen worden ist.

Eine Untersuchung der Zehdenicker Bürgerhausentwürfe zeigt, daß nahezu alle Stubenöfen nicht in der Stube selbst, sondern von außen, zumeist von der Küche oder vom Durchgang aus, mitunter aber auch von rückwärtigen Kammern oder sogar von speziell dafür angelegten Heizkorridoren aus beheizt wurden. Die Wohnstuben besaßen bei größeren Häusern zusätzlich einen offenen Kamin zur Heizung und abendlichen Beleuchtung. Die aktenkundigen Bemühungen zeigen zusammen mit den in den originalen Entwürfen verzeichneten Feuerungen, daß diese Problematik nicht nur bei der Obrigkeit höchste Priorität besaß. Auch den wohlhabenderen Bürgern scheint es ein Bedürfnis gewesen zu sein, die Bequemlichkeit ihrer Häuser in dieser Hinsicht zu erhöhen.

Das Zehdenicker Bürgerhaus im Vergleich mit zeitgleichen Bauten in Berlin und der Mark Brandenburg

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Als Ausgangspunkt der modernen Fassadengestalt, wie sie Lietzmann in Zehdenick einführte, müssen die in den 1770er und 1780er Jahren auf Weisung und oft nach Angaben Friedrichs des II. in den Residenzen Potsdam und Berlin und bald darauf in den größeren Provinzialstädten entstandenen Fassaden angesehen werden. Die Vorbildwirkung dieser Bauten drang weit über die Grenzen Preußens hinaus. Johann Peter Willebrand etwa bewunderte 1775 in seinem Grundriß einer schönen Stadt die überaus prachtvolle äußere Erscheinung dieser bürgerlichen Bauten.603 Die Fassaden dieser Bürgerpalais, die oft mehr kleinen Palästen ähnelten als Bürgerhäusern, waren mit ihrer ‚großen Ordnung’, ihren vielgestaltigen und kräftigen Fensterrahmungen, Verdachungen und Puttenreliefs nicht wirklich Bürgerhausfassaden. Sie hatten nicht den Anspruch, Auskunft über den Bewohner zu geben oder ihrem ‚Charakter’ nach bürgerlich zu sein, sondern sie sollten in absolutistischer Tradition in erster Linie vom Ruhm des Königs, vom Erfolg seiner Politik und von seinem guten Geschmack zeugen.

Ab Ende der 1780er Jahre kann man zunächst in den Residenzstädten, bald aber auch in den Provinzialstädten eine beginnende Reduzierung der Plastizität der Fassaden sowie einen Rückgang der Verwendung von Säulen und Pilastern beobachten. Man bevorzugte nun klarere Formen und gerade verlaufende Linien. Die über 400 Bürgerhausfassaden der Stadt Neuruppin, die von Berson in den Jahren um 1790 entworfen wurden, stehen mit ihrer Fülle an Variationen beispielhaft für diesen beginnenden Stilwandel. Berson versuchte, den barock-klassizistischen Formenapparat, den er aus Potsdam und Berlin von Georg Christian Unger und Carl von Gontard kannte, dem neuen Geschmack gemäß zu reduzieren. Dabei gelangte er zu einer mitunter etwas leer wirkenden Flächigkeit und kantigen Starre, die in ihrer Reduktion zwar schon auf den neuen, strengen Klassizismus Friedrich Gillys verwies, aber dennoch älteren klassizistischen Traditionen verpflichtet blieb. Vor allem überrascht die Selbstverständlichkeit, mit welcher Berson der Formenkanon fast aller wesentlichen klassizistischen Strömungen seit der Renaissance „wie in einem Baukastensystem“ zur „beliebigen und freien Verfügung“ stand.604

Eben diese Entwurfshaltung, die aus unterschiedlichsten klassizistischen Strömungen schöpfte und verschiedene „Reduktionsformen des barock-klassizistischen Gestaltungsansatzes“ variiert,605 findet sich auch in den von Carl Gotthard Langhans um 1790 entworfenen Bürgerhausfassaden in Berlin, etwa jener für das Haus Jägerstraße 15. Zugleich eröffnete sich hier eine neue Möglichkeit der Fassadengestaltung, die in den 1790er Jahren, nun weitgehend unabhängig von der direkten Einflußnahme des Königs, zu einem nach Klaus Jan Philipp „eigenständigen Fassadentypus“ weiterentwickelt wurde. Diesen neuen Typ, so Philipp, prägte „blockhafte Einfachheit und ausgesuchte Feinheit in der Gestaltung einzelner Glieder von den Wandvorlagen bis hin zum Fugenschnitt der meist rustizierten Erdgeschosse“.606 Nur zwei Jahre nach Langhans präsentierte Friedrich Gilly in seinem Entwurf für das Haus Jägerstraße 14, das die Hauptmerkmale des von seinem Lehrer gestalteten Nachbarhauses übernahm, jene radikal neue Formensprache, die in den folgenden Jahren zur Grundlage der Gestaltung von Bürgerhausfassaden nicht nur in Berlin werden sollte. Alste Oncken bestimmt dieses „neue Formgefühl“ 1935 mit dem Verweis auf die „Zurückhaltung in den Wandvorlagen, die strenge Sondierung und Charakterisierung der Geschosse, die Bindung der Fläche in die Horizontale, die Kargheit der Dekoration“.607

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Auch der Seitenflügel des seit 1796 geplanten „Neuen Münzgebäudes“ am Werderschen Markt in Berlin, der die Officianten-Wohnungen aufnehmen sollte, war nach den Worten des Architekten Heinrich Gentz seiner Bestimmung gemäß im Styl eines Wohnhauses aufgeführt und als solches auch im Aeussern charakterisirt.608 Wiederum wird ein, hier siebenachsiger, Mittelteil von einer flachen Wandvorlage rechts und dem Hauptgebäude links flankiert. Das Erdgeschoß ist bossiert, eine gedrungene Tür mit „geböschten“ Laibungen und wuchtiger Dreiecksverdachung führt in der Mittelachse ins Haus. Fehlende Fensterrahmungen, einfachste Gesimse und Sohlbänke, ein breites flaches Band zwischen dem ersten und zweiten Obergeschoß, daß mit einem grobformigen Mäanderfries geschmückt ist, dazu ein mutuligeschmücktes Hauptgesims und die entsprechende Farbgebung – auch Gentz’ Wohnhausfassade besticht ganz im Sinn der Architekturtheorie durch Horizontalität, Flächigkeit und betonte Einfachheit der Formen.609

Bei den Berliner Bürgerhausfassaden dieser Jahre wird die Fassadenfläche häufig aus kompositorischen Gründen durch flache Wandvorlagen oder Rücksprünge in drei Kompartimente geteilt. Breite und flache Putzbänder und Gesimse, die über alle vertikalen Gliederungselemente hinweglaufen, sorgen für eine deutliche Dominanz der Waagerechten. Die gut proportionierten Fensteröffnungen sind ohne Rahmung in die Wandfläche geschnitten. Auffällig ist ferner die Flächigkeit, Einfachheit und geradlinige Blockhaftigkeit nicht nur des Gesamteindrucks, sondern auch der Gliederungs- und Dekorationselemente. Die Bänder und Gesimse, Verdachungen und Sohlbänke besitzen glatte und ungegliederte Oberflächen. Wenn die Haustüren und Tore stark geböschte Laibungen aufweisen, werden die blockhaften Verdachungen mitunter von zwei Eckakroterien flankiert. Selbst die sparsam eingesetzten Verzierungen zeichnen sich durch einen neuen, simplifizierenden Rückgriff auf die Antike aus. Die etruskisch-antikisierenden Putzritzungen und Friese, welche die Putzbänder schmücken, sind in den einfachsten Formen des Laufenden Hunds, Mäanders, Palmettenfrieses, Eierstabs und der Akanthusranke gehalten, und die Hauptgesimse tragen häufig in Anlehnung an die Mutuli der dorischen Ordnung schmalere oder breitere Klötzchen, die weit auseinandergezogen angeordnet sind. Große Bedeutung gewinnt an diesen reliefarmen, flächigen und sparsam verzierten Fassaden die Farbgebung. Zumeist in steinfarbenen Tönen gehalten, verleiht der Anstrich dem Haus durch die Aufhellung des jeweiligen Grundtons vom Sockel zum Hauptgesims und von der Wandfläche zu den vorspringenden Gliederungselementen den gewünschten ‚Reichtum der Anschauung’.

Dieser neue, in seinem Antikenbezug und seinen Formen radikal simplifizierende Stil der Berliner Baubehörden und Baufachleute findet immer dort erstaunlich schnell Eingang in die Gestaltungsweise provinzialstädtischer Bürgerhäuser, wo der jeweils verwaltungsmäßig zuständige Bauinspektor, Landbaumeister oder Baukondukteur mit diesen Formen vertraut ist. In Zehdenick sorgte der Baukondukteur Lietzmann für die Übernahme der grundlegenden Gestaltungsmerkmale der neuen Berliner Bürgerhausfassaden: die Dominanz der Waagerechten, die vertikale Unterteilung in drei Kompartimente mittels flacher Wandvorlagen, Einfachheit und Flächigkeit der Gliederung und des Dekors sowie der Einsatz bewußt vereinfachter antiker Ornamentik wie Mäander- und Palmettenfries. Die charakteristischen Klötzchen am Hauptgesims werden ebenso übernommen wie die klobig wirkenden Fensterverdachungen und die aufwendigen Rustizierungen der Sockel- beziehungsweise Erdgeschosse. Bei aller Schlichtheit und oft plumpen Umsetzung sind die mutulibesetzten Hauptgesimse und Mäanderfriese auch Ausweis einer gehobenen Bildung. Mit der Applizierung derartiger Zeichen des guten Geschmacks an der Straßenseite ihrer Häuser versicherten sich die Zehdenicker der Zugehörigkeit zur neuen bürgerlichen Elite.610

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Ein ähnliches Bild bietet sich im benachbarten Lindow, wo 1803 fast 80 Bürgerhäuser abbrannten.611 Da zeitgleich die Retablissements von Zehdenick und Posen noch im Gang waren, mußten sich die Lindower beim Wiederaufbau mit den normalen 25%, wahrscheinlich aber nur 12% Bauhilfsgeldern aus dem Bauhilfsgelderfond der kurmärkischen Kammer begnügen. Zusätzlich erhielten sie vom König privatissimo 1000 Taler. Dennoch findet man nur wenige Fachwerkhäuser. Die wiederaufgebauten massiven Häuser zeigen sich zudem von einer erstaunlich hohen Qualität und Modernität. Das betrifft sowohl die bautechnische Ausführung, ein Haus trägt zum Beispiel eines der damals so innovativen Bohlendächer, als auch die Fassadengestaltung. Neben Fassaden, die in der Reihung von flachen, lisenengleichen Pilastern oder Rundbogenöffnungen an die Häuser des Neuruppiner Retablissements erinnern, finden sich auch die Gestaltungsmerkmale des neuen Stils. Ein wesentlicher Grund für diese hohe Qualität war auch in Lindow ein vom Kurmärkischen Departement und der Oberbaudeputation mehrfach als geschickt empfohlener und von der Kammer für den Wiederaufbau eingesetzter Baubeamter, der Baukondukteur Brasch jun. Der mehrmals als Eleve Bersons auftretende Brasch jun. hatte in der Endphase des Neuruppiner Retablissements die Geschäfte der dortigen Retablissementskommission in der Nachfolge seines Vaters bauchfachlich betreut und war nun in Lindow unter anderem für die Entwürfe der Bürgerhäuser zuständig.612 Durch die Beziehung zu Berson und seine Erfahrungen im Neuruppiner Bürgerhausbau kannte er die neusten Entwicklungen der Baukunst und konnte sie in die kleine Provinzialstadt übertragen.

Auch das Beispiel der damals westpreußischen Stadt Marienwerder (Grudziadz) zeigt, wie sehr die Verbreitung der neuen Gestaltmerkmale auch des Bürgerhausbaus trotz der zunehmenden Bedeutung der Bürger von einer direkten Einflußnahme der obersten Baubehörden abhing. Nachdem die Stadt bei der ersten Polnischen Teilung 1772 an Preußen gekommen war, hatte Friedrich II. sie zum Sitz zweier wichtiger Behörden des neuen Verwaltungsdistrikts Westpreußen gemacht. Die westpreußische Kriegs- und Domänenkammer und das Justizkollegium für Westpreußen wurden zunächst in bestehenden Gebäuden untergebracht. 1797 begann man dann, für diese und weitere Institutionen Neubauten und Erweiterungen zu errichten. Die zahlreichen Entwürfe und Gegenentwürfe sowie die umfangreiche Einbindung des Oberbaudepartements, vornehmlich David Gillys, offenbaren, wie hoch man diese Bauaufgabe einschätzte.613 Im Zuge dieses Ausbaus entstanden auch einige neue Wohnhäuser. Die auffallend häufig nur eingeschossigen, massiven Häuser weisen sich durch die Verwendung der Bohlenbinderkonstruktion für ihre Dächer und die Gestaltung ihrer Fassade demonstrativ als moderne, zeitgemäße Bauten aus. Wieder dienen die nur einige Jahre zuvor in Berlin entwickelten Gestaltungselemente zur ästhetischen Modernisierung des provinzialstädtischen Wohnhausbaus.

Bürgerlicher Ungehorsam und Rückzugspunkte der staatlichen Baupolizei. Die Ergebnisse des Wiederaufbaus.

Beim Wiederaufbau Zehdenicks konnte die Obrigkeit ihre Vorstellungen einer feuerpolizeilich, hygienisch und baukünstlerisch verbesserten Stadt nur teilweise gegen das gewachsene Selbst- und Eigentumsbewußtsein der Bürger durchsetzen. Während die königlichen Behörden bestrebt waren, die Ausgaben des Staates zu begrenzen und trotzdem wenigstens die Wahrung der grundsätzlichen baulichen Ansprüche zu erreichen, forderten die Zehdenicker, die staatlichen Zuschüsse auszuweiten und zugleich die ihnen zugemuteten baupolizeilichen Auflagen herabzusetzen. Sie strebten danach, den Bau ihrer Häuser so eigenständig wie möglich und trotzdem mit größter staatlicher Unterstützung gestalten zu können. Dieses von realem Bedeutungszuwachs getragene Streben wurde von der staatlichen Verwaltung als aufsässiges Verhalten empfunden. Immer wieder beklagte man, wie wenig die dortigen Einwohner geneigt sind, sich in Güte zur Ordnung zu bequemen.614

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Die im Eigentum des Bürgers befindliche Parzelle widerstand allen Änderungsabsichten der Obrigkeit. Dieses unbedingte Festhalten an Lage, Größe und Form der alten Parzellen ließ fast alle städtebaulichen Umgestaltungs- und Verbesserungsabsichten scheitern, die entsprechend der Theorie vor allem Auseinanderbau und regulierte Mannigfaltigkeit zum Ziel hatten. Selbst die auffällige Gruppe von Parzellen, die, zwischen Markt und Kirchplatz liegend, zur Berliner Straße mit Wohnhäusern bebaut war und daher dem Kirchplatz nur die unregelmäßig oder gar nicht bebaute Parzellenrückseite zuwandte, blieb erhalten. Da dieser gravierende städtebauliche Mißstand nicht behoben werden konnte, fehlte der westlichen Kirchplatzseite auch nach dem Wiederaufbau eine angemessene Bebauung – bis heute stehen hier lediglich unscheinbare Wirtschaftsgebäude.

Nur mit größter Mühe konnten die Beamten einige größere Regulierungen des Stadtgrundrisses durchsetzen. Schon die begrenzte Regulierung des Kathagens erforderte größte Ausdauer und viel Engagement, denn der Schneidermeister Schläwicke wollte seine alte Stelle, in der noch ein brauchbarer Balkenkeller steckte, nicht kampflos verlassen.615 Das nach vielen Mühen erzielte Ergebnis wird als städtebauliche Maßnahme kaum überzeugt haben. Zwar konnte man die Straßenflucht begradigen, die Straße zum Kirchplatz hin aufweiten und in annähernd rechtem Winkel zur Klosterstraße führen, doch bildet die Kathagenstraße weder die exakte Verlängerung der östlichen Kirchplatzwand, noch konnte ihr gekrümmter Verlauf verändert werden. Zudem ist sie sehr lückenhaft und unregelmäßig bebaut. Auch die für eine Aufweitung und Regulierung vorgesehene Hirtenstraße blieb in ihrem Verlauf und ihrer Breite größtenteils unverändert.616 In der Herrenstraße konnte man zwar die Einmündung in die Berliner Straße verbessern, den hervorragenden Bauchzur Mühlenstraße hin konnte man aber wegen des aktiven Widerstands der Eigentümer nicht regulieren, so daß die Straße noch heute einen leicht geschwungenen Verlauf hat.617Auch die im Retablissementsplan vorgesehene Begradigung der Berliner Straße am Marktplatz, wo Apotheke und östliche Marktplatzseite in eine Flucht gebracht werden sollten, kam nicht zur Ausführung. Kleinere Regulierungen durch schnurgerade abgesteckte Fluchtlinien sind dagegen im gesamten Stadtraum deutlich wahrzunehmen. Mühlen-, Kapellen- und Poststraße beispielsweise besitzen unauffällige, schnurgerade Baufluchten. Selbst diese eher geringfügigen Verbesserungen kosteten die obrigkeitlichen Aufsichtspersonen vor Ort einige Überzeugungsarbeit. So vorsichtig waren die Verwaltungs- und Baubeamten bei der Regulierung des Stadtgrundrisses zu Werke gegangen, und so zäh hatten die Bürger an ihren Parzellen festgehalten, daß für alle im Retablissementsplan angestrebten städtebaulichen Maßnahmen letztendlich nur zwei Umquartierungen vorgenommen werden mußten.618

Im Ergebnis der machtpolitischen Pattsituation, die auch in der Umsetzung der städtebaulichen Regulierungspläne ablesbar war, entstand ein eigentümliches Straßenbild. Die engsten Straßen sind etwas aufgeweitet, und bis auf wenige Ausnahmen fehlen Bauwiche ebenso wie Giebelhäuser. Die Häuser der neuen Stadt stehen fast ohne Ausnahme auf ihrem alten Standort, doch sind sie nun größtenteils entlang einer schnurgeraden Fluchtlinie ausgerichtet. Da es dazu einer wesentlich stärkeren obrigkeitlichen Einflußnahme bedurft hätte, gibt es weder eine Betonung der Blockecken oder der Blockmitte noch symmetrische Bezüge der Fassaden zueinander oder kleine, zu gemeinsamen Fassaden zusammen gezogene Hausfronten. Durchlaufende oder auch nur annähernd gleich hohe Trauf- oder Firstlinien finden sich ebensowenig wie einheitliche Dachneigungen oder gleichmäßiger Fassadenschmuck. Jedes Haus steht – selbst wenn es sich in den geschlossenen Verband der Blockkanten einreiht – ganz für sich allein. Die Orientierung an der mehr oder weniger geraden Linie der Straßenflucht stellt das einzige verbindende und ordnende Element dar.

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Trotzdem die Straßenkanten durch den Wegfall der Giebelhäuser und Bauwiche und die Ausrichtung an einer Fluchtlinie an Regelmäßigkeit gewonnen haben, ist die Höhe der einzelnen Häuser sowie deren Baumaterial und Fassadengestaltung mindestens so vielgestaltig wie vor dem Brand. Auch das auf der Wiederaufbaukonferenz formulierte Ziel, den Zentrumsbereich durch zweigeschossige Bebauung städtebaulich herauszuheben, wurde nur ansatzweise umgesetzt.619 Wohl weisen zentrale Straßen wie Berliner Straße und Poststraße tatsächlich einen höheren Anteil an zweigeschossigen Häusern auf als abgelegene Straßen wie der Mühlen-, Herren- oder Kapellenstraße, wo sich fast ausschließlich eingeschossige Häuser befinden.620 Doch gibt es entlang der Hauptstraße und sogar am zentralen Ort der Stadt, dem Marktplatz, mehrere große, nur ein Geschoß hohe Bürgerhäuser. Selbst Bemühungen um eine nachträgliche Aufstockung von zwei städtebaulich besonders bedeutsamen Eckhäusern am Markt scheiterten, und die Häuser Berliner Straße 35621 und Marktstraße 12622 blieben bis Ende des 19. Jahrhunderts eingeschossig.

Nachdem das Retablissement 1806 abgeschlossen war, gab es laut Feuersozietätskataster 138 eingeschossige und 107 zweigeschossige Häuser. Aus der Sicht des 18. Jahrhunderts muß eine derartige Dominanz eingeschossiger Wohnhäuser für eine mit erheblicher staatlicher Einflußnahme wiederaufgebaute Provinzialstadt überraschen. Von den eingeschossigen Häusern waren immerhin 82 (59,4 %), von den zweigeschossigen aber nur 25 (23,4 %) massiv. Setzt man Massivbau gleich modern und Fachwerkbau gleich traditionell, so sind die eingeschossigen Häuser als modern und neu anzusehen. Beachtet man zudem, daß so einflußreiche und wohlhabende Bürger wie Bürgermeister Haeger, Major von Arnim, Kaufmann und Viktualienhändler Grübel oder Rentier Zindar eingeschossige Häuser bauten, so lässt sich von der Anzahl der Geschosse keineswegs auf die Qualität eines Hauses oder auf das Ansehen seiner Bewohner schließen. Im Gegenteil: es waren eingeschossige Wohnhäuser die den Anschluß an die zeitgenössische Entwicklung des Wohnhauses hielten. Als Beispiel sei das eingeschossige Haus des Majors von Arnim genannt, das annähernd so hoch ist wie das benachbarte zweigeschossige Fachwerkhaus. Anders als viele zweigeschossige Fachwerkhäuser, bei denen sich auf einem niedrigen Sockel in der Regel ein mäßig hohes Erdgeschoß und darüber ein niedriges Obergeschoß erhebt, sitzt bei diesem und anderen massiven eingeschossigen Häusern ein hohes Hauptgeschoß auf einem auffallend hohen Sockel auf, der in den Akten nicht zu Unrecht als Souterrain bezeichnet wird. Ausgestattet mit einem derart großzügig bemessenen Souterrain, konnte ein eingeschossiges Haus selbst den Ansprüchen der Zehdenicker Obrigkeit genügen.

Der Grund für die große Zahl eingeschossiger massiver Wohnhäuser und die zum Teil auffallend hohen Keller und Souterrains war ohne Frage die durch den Minister von Voß vorgenommene weitgehende Beschränkung der staatlichen Unterstützung auf das erste Geschoß. Obwohl alle Beteiligten, sowohl die Verwaltungs- und Baubeamten als auch die Bürger, noch das Leitbild der zweigeschossig und massiv bebauten Straßen vor Augen hatten, entschieden sich beide Seiten, auf dessen Realisierung zu verzichten. Nicht wenige Bürger sahen sich aus finanziellen Gründen dazu gezwungen. Für die meisten aber gab erst die Förderpolitik des Staates den Ausschlag zum eingeschossigen Bau oder zur Errichtung eines Fachwerkhauses. Die staatliche Baupolitik war nicht mehr in erster Linie an der Regulierung der baulichen Gestalt der geförderten Bauvorhaben orientiert, dies ist neben dem politischen Kräfteverhältnis vor Ort die wesentliche Voraussetzung für den Verlauf und die Ergebnisse des Retablissements.623 Entsprechend der Forderung des Statistikers Krug stand stattdessen die finanz- und wirtschaftspolitische Notwendigkeit jeder einzelnen Unterstützungsmaßnahme im Rahmen der gesamten Staatswirtschaft im Zentrum des obrigkeitlichen Interesses. Nicht der augenfällig überzeugende bauliche Erfolg, der äußere Glanz, wurde angestrebt, sondern eine rechnerisch meßbare Wirtschaftlichkeit, aus der sich bei steigendem Wohlstand des Ganzen die Verschönerung der Städte und der Gebäude von selbst ergeben sollte.624

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Mit dieser von den fiskalischen und wirtschaftlichen Interessen des Staates diktierten Festlegung, ferner mit dem Zugeständnis, die bestehende Parzellenstruktur und damit den alten Stadtgrundriß beizubehalten und schließlich auch mit der von neuen rechtlichen Prämissen und einem geänderten Kräfteverhältnis vor Ort bestimmten Überlassung der grundsätzlichen Verfügungsgewalt über das Innere und Äußere der Häuser an deren Eigentümer, verzichtete der Staat weitgehend auf eines der bisherigen Hauptziele absolutistischer Baupolitik – die städtebauliche und ästhetische Regulierung des Stadt- und Straßenbildes. Der staatlichen Einflußnahme und finanziellen Förderung ist daher insgesamt lediglich das hohe Tempo des Wiederaufbaus, die große Zahl massiver Häuser, sowie die Einhaltung der wichtigsten feuerpolizeilichen, hygienischen und statisch-bautechnischen Standards zu verdanken.

Neben der geänderten Zielrichtung der staatlichen Retablissementspolitik wirkten sich vor allem die politischen Kräfteverhältnisse vor Ort auf die Ergebnisse des Retablissements aus. Schon bei der Gestaltung des Stadtgrundrisses hatten sich nicht die einzig nach feuerpolizeilichen, hygienischen und städtebaulichen Richtlinien erarbeiteten, nur in Konfrontation mit der Bürgerschaft realisierbaren Vorstellungen des Ministers von Voß durchgesetzt, sondern jene sehr viel moderateren Regulierungsabsichten, die auf der Wiederaufbaukonferenz unter maßgeblichem Einfluß von Magistrat und Bürgerschaft festgesetzt und von der Kammer sofort akzeptiert worden waren. Im Verlauf des Wiederaufbaus zeigte sich, daß auch der eigentliche Hausbau von einer Dominanz des individuellen Wohnanspruchs gegenüber den staatlichen Ordnungsvorstellungen geprägt war. Mehrfach mußten die Fördermodalitäten den teilweise sogar von handgreiflichen Ausschreitungen begleiteten Forderungen der Bürger angepaßt werden. Größe, Material und Aussehen der Häuser waren grundsätzlich von den Wünschen und finanziellen Möglichkeiten der Bürger abhängig.

Die vom Staat und seinen Verwaltungsbehörden, aber zum Beispiel auch von den Berliner Spendern mit so viel Aufwand betriebene, überaus detaillierte Klassifizierung und Unterteilung der bürgerlichen Gesellschaft Zehdenicks entsprach letztlich den Forderungen der Bürgerschaft ebenso wie den neuen gesellschaftspolitischen Leitbildern der Zeit. Sie fand im Wiederaufbau in der Ausarbeitung von individuellen Entwürfen und Spezialanschlägen für die massiven Bürgerhäuser ihren Niederschlag. Die massiven Häuser waren daher durch Spezialanschläge und verschiedene Revisionen stärker der staatlichen Kontrolle und Beeinflussung ausgesetzt. Neben der technischen Qualität der Bauausführung waren davon mit Sicherheit die Bereiche der Feuerungen und die wesentlichen statischen Eigenschaften betroffen. Auch wenn die innere Einrichtung eindeutig den Interessen und dem Gestaltungswillen der Bürger unterstellt worden war und wenn gerade die massiven Häuser in ihrer Grundrißgestaltung, der Höhe der Etagen und des ganzen Hauses, aber auch der Auswahl der Verzierung des Inneren (Treppen) und Äußeren (ornamentaler Fassadenschmuck) in besonderem Maße zur individuellen Repräsentation des Eigentümers genutzt wurde, sind die routinemäßigen Einflüsse der entwerfenden staatlichen Baubeamten noch nachweisbar.

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Zwei Strategien der königlichen Bauverwaltung, eine ältere und eine hochmoderne, führten in Zehdenick, was die Fassaden der massiven Wohnhäuser betrifft, zum Erfolg. Der älteren obrigkeitlichen Verwaltungspraxis folgten die direkten Eingriffe der Geheimen Oberbauräte im Zuge ihrer obligatorischen Revisionen der Anschläge und Entwurfszeichnungen. Regelmäßig versuchten die Bauräte hier auch die äußere Gestalt der Häuser im Sinne der von ihnen erarbeiteten und propagierten baukünstlerischen Standards zu verbessern – oft mit nur mäßigem Erfolg.625Sehr viel mehr Einfluß gewann das Oberbaudepartement darüber, daß man die Baufachleute besser ausbildete und gute Vorbilder in Form von Musterentwürfen, Zeitschriftenartikeln und Büchern verbreitete. Lietzmann, Wöhner und Brasch jun. hatten als Baukondukteure eine vom Oberbaudepartement betreute Fachausbildung erhalten. Sie waren durch ihre Ausbildung, aber ebenso durch das Studium der von den Mitgliedern des Oberbaudepartements verbreiteten Normal Zeichnungen und Musterentwürfe bestens mit den in Berlin diskutierten architektonischen Vorstellungen vertraut. Ähnlich wie Brasch sen. beim Wiederaufbau von Neuruppin626 wurden dem vor Ort zuständigen, der vorangegangenen Generation angehörenden Bauinspektor Sensse die Zehdenicker Retablissementssachen schon in der ersten Planungsphase aus den Händen genommen. Der junge, bestens ausgebildete Baukondukteur Lietzmann schuf dann Fassaden, die in der Beachtung der Forderungen nach Symmetrie, ausgewogener Proportionierung und Einfachheit dem in der Theorie entworfenen Idealbild eines Bürgerhauses weitgehend entsprachen. Auch im Detail, etwa der Blockhaftigkeit der Sohlbänke und Gesimse, der Rahmenlosigkeit der Fensteröffnungen und der differenzierten Farbgebung627, können die Zehdenicker Fassaden den prägenden Einfluß der Berliner Baukunst dieser Jahre nicht verbergen. Trotz aller zeitweiligen Differenzen Lietzmanns mit dem Oberbaudepartement erkennt man sogar die von Heinrich August Riedel und Berson thematisierte spezifisch provinzialstädtische Gestaltung: Abgesehen von dem Adler des Apothekers gab es keine einzige Relieftafel an den Bürgerhäusern und der Schmuck der flächigen Fassaden wurde, wie von Berson fast gleichzeitig in seiner Instruktion gefordert, nach Vorlagen und mittels einfacher Schablonen in den feuchten Putz geritzt.

Während die massiven Häuser sich insgesamt durch vergleichsweise hohe bautechnische und künstlerische Qualität auszeichneten, zeigte sich bei den Fachwerkbauten ein anderes Bild. Sie lagen von Beginn an außerhalb des staatlichen Interesses. Der Verzicht auf finanzielle Unterstützung bedeutete hier auch eine starke Einschränkung der Möglichkeit zur Einflußnahme. Selbst der Bau der Feuerungen, der traditionell die besten Möglichkeiten der Kontrolle bot, war in Zehdenick schwer zu regeln. Die somit von den Bürgern in Eigenregie erbauten, größtenteils von Zimmermeistern entworfenen Fachwerkhäuser boten sowohl in der bautechnischen und künstlerischen Qualität des Entwurfs als auch in der Ausführung zumeist ein schlechtes und altertümliches Bild.

Bezogen auf den Hausbau führte die Klassifizierung demnach zu keiner ‘künstlichen’, d. h. nach einem übergreifenden Gesellschaftsmodell durchgesetzten Ordnung oder Regulierung des Stadtbildes. Die jeweils möglichst genaue Orientierung an den individuellen Voraussetzungen und Wünschen jedes einzelnen Wiederaufbauenden, worin die von den Machtverhältnissen vor Ort geprägte Wiederaufbaupraxis in Zehdenick den Vorstellungen der zeitgenössischen Architekturtheorie entsprach, führte im Gegenteil zu beträchtlichen Unterschieden bei den wiederaufgebauten Bürgerhäusern. In diesem vielgestaltigen, alle Facetten vom schlecht gezimmerten, altertümlichen zweigeschossigen Fachwerkhaus mit schwarzer Küche bis zum hochmodernen eingeschossigen Massivbau mit Souterrain und ausgeklügelter Feuerung samt Holzsparofen umfassenden Bild der wiederaufgebauten Stadt kommt die Vielschichtigkeit der sozialen Verhältnisse direkt zum Ausdruck. Der wohlhabende, einflußreiche und zur bürgerlichen Elite gehörende Hausbesitzer baute unter vollständiger Ausschöpfung der staatlichen Beihilfen so groß und so modern wie möglich und spekulierte womöglich noch mit der Beteiligung an weiteren Hausbauten. Wer weniger reich war und zur eigenen Wirtschaft schnell ein Haus benötigte, der baute eingeschossig massiv oder zweigeschossig in Fachwerk. Viele der ärmeren Zehdenicker brachten mit Mühe das Geld auf, das ihnen die verlockende Unterstützung für einen kleinen eingeschossigen Massivbau sicherte. Die Ärmsten dagegen besaßen nicht einmal das nötige Eigenkapital oder auch nur den Kredit, um diese staatlichen Zuschüsse zum Massivbau abrufen zu können. Sie bauten ärmliche kleine Fachwerkhäuser. Die qualitativen und quantitativen Unterschiede der erbauten Wohnhäuser spiegeln die Hierarchie, das Wohlstands- und das Ansehensgefüge der bürgerlichen Gesellschaft Zehdenicks. Der Staat, der nur die grundsätzlichsten Anforderungen an Feuersicherheit und Hygiene durchsetzen konnte, war darüber hinaus kaum in der Lage, ausgleichend und gestaltend Einfluß zu nehmen – gezwungenermaßen beschränkte er sich weitgehend auf seine negativen Pflichten.

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Vergleicht man die Ergebnisse des Wiederaufbaus mit den Zielen der staatlichen Retablissementspolitik, so stellte vor allem die Geschwindigkeit des Wiederaufbaus und damit die schnelle Wiederherstellung der Wirtschaftskraft als Grundlage der staatlichen Steuereinnahmen durchaus einen Erfolg dar. Auch die Fassaden der massiven Bürgerhäuser, die den in Berlin gebauten modernen Häusern und dem in theoretischen Schriften verbreiteten Formenkanon eines bürgerlichen Wohnhauses auf hohen Niveau folgten, sind als Erfolg der staatlichen Baupolitik anzusehen. Andererseits ist es aber durchaus fraglich, ob sich die Wohnbedingungen v. a. der ärmeren Bevölkerungsschichten nach dem Wiederaufbau verbesserten. Mit Blick auf die zahlreichen schlecht gebauten Fachwerkhäuser scheint es vielmehr nicht vollständig gelungen, den Verlust an Wohnraum durch einen qualitativ höherwertigen Neubau aufzuwiegen. Sogar hinsichtlich der reinen Quantität blieb man weit hinter dem Bestand vor dem Brand zurück. Als am Ende des Retablissements der Bau separater Reiterwohnungen und -ställe diskutiert wurde, mußte der Kriegs- und Domänenrat Bonsery feststellen,

daß der Bau dieser Wohnungen auch noch in der Rücksicht für die Stadt vortheilhaft sey, daß dadurch für die bürgerlichen Einwohner mehr Wohnungen in den Bürgerhäusern übrig bleiben, woran es sonst in der Folge fehlen würde, weil viele Häuser, welche vormals in Holz 2. Stockwerk hoch gebauet waren, jezt massiv, aber nur 1. Stockwerk hoch gebauet worden sind.628

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Der Erfolg des starren Festhaltens des Staates am Massivbau, welches erst zum vermehrten Bau eingeschossiger Bürgerhäuser geführt hatte, scheint vor diesem Hintergrund zumindest fraglich. Die längerfristig die Gemeinde schädigende Verringerung des Wohnraumangebots steht der Gemeinnützigkeit der erreichten höheren Feuersicherheit gegenüber. Auch die fortlaufenden Forderungen der Bürgerschaft nach Bezuschussung des Fachwerkbaus erhalten vor diesem Hintergrund ein anderes Gewicht. Die Verantwortlichen nahmen dieses schwerwiegende Problem durchaus wahr. So wollte die Kurmärkische Kammer in dem oben geschilderten Spekulationsfall Koehn sen./Lindener auch den Bau des Seitenflügels finanziell unterstützen, da sonst einige Wohnungen für die Stadt verlohren gehen würden.629

In den Fällen der Speculation deuten sich die Möglichkeiten des kommenden bürgerlichen Zeitalters an; doch war die staatliche Verwaltung grundsätzlich nicht gewillt und aufgrund der Zielsetzung und Handhabung der Fördermodalitäten nicht in der Lage, dem Speculations-Geist, d. h. der bürgerlichen Eigeninitiative, einen Einfluß auf den Wiederaufbau zuzugestehen. Vielmehr klagte man über die Disziplinlosigkeit der provinzialstädtischen Bürger, in denen man wie der Steuerrat Laue nur kenntnisslose Bürger und beschränkte Eigenthümer sah.

Somit blieb der Zehdenicker Wiederaufbau ein Kompromiß. Von der Tradition der absolutistischen Retablissementspolitik des 18. Jahrhunderts sind die Materialität (Massivbau, Ziegeldächer), die Feuersicherheit (Feuerungen, Schornsteine) und die Hygiene (Raumhöhen, Fenstergröße) der Häuser sowie der schnurgerade Verlauf einiger Straßenabschnitte (Bauflucht) geprägt. Auch die Qualität der Grundrisse und Fassaden der massiven Häuser folgt grundsätzlich den Vorstellungen der staatlichen Baubehörden. Der erstarkten Position der Bürgerschaft verdankt Zehdenick dagegen die Vielgestaltigkeit des Straßenbildes und die individuelle Erscheinung der Häuser im städtebaulichen Zusammenhang.


Fußnoten und Endnoten

337  Reinisch 2001, S. 150.

338  Reinisch 2001, S. 24ff. Dort im Anhang auch das Rechtsgutachten von Carmers vollständig wiedergegeben.

339  Schwennicke 1993, S. 265.

340  Christian Daniel Erhard, Versuch einer Critik des Allgemeinen Gesetzbuches (1792), zitiert nach: Schwennicke 1993, S. 313.

341  Humboldt 1947, S. 45.

342  Bohlender 2001, S. 263ff.

343  Bohlender 2001, S. 267.

344  Krug 1805, Bd. 1, S. 1f.

345  Ebenda.

346  Ebenda, S. 5.

347  Zu denken wäre hier an die umfangreichen und überaus kostspieligen Anlagen zur Pferdezucht bei Neustadt/Dosse. Vgl. dazu Gries 2001.

348  Krug 1805, Bd. 2, S. 169.

349  Ebenda, S. 171.

350  Vgl. dazu: Himmelein 1990.

351  Penther, Erster Theil, 1744.

352  Vgl. das Kapitel „Weite der städtischen Räume“ bei Reinisch 2001, S. 79-93.

353  Cancrin 1792, S. 302f.

354  Ebenda, S. 309f. Cancrin folgt hier wie viele seiner Zeitgenossen der einflußreichen Formulierung derartiger Gedanken von Johann Peter Frank. Vgl. Frank 1783, besonders S. 380ff.

355  Cancrin 1792, S. 307. Geäußert im Zusammenhang des §14: Eintheilung einer Stadt in Quartiere.

356  Schmidt 1790-99, 4. Teil, S. 1.

357  Stieglitz, 1792-98, Bd. 5 (1798), S. 97, 100, 105.

358  Cancrin 1792, S. 332f.

359  Frank 1783, Bd. 3, S. 883.

360  Reinisch 2001, S. 85.

361  Reinisch 2001, S. 84.

362  Vgl. das ausführliche Zitat in der Einleitung.

363  Philipp 1997, S. 147.

364  Sammlung nützlicher Aufsätze, 6. Jg., 1. Bd. (1805), S. 105.

365  Ludwig Catel: Grundzüge einer Theorie der Bauart protestantischer Kirchen, Berlin 1815. Hier zitiert nach Philipp 1997, S. 11.

366  Stieglitz 1792-98, Bd. 5, S. 491ff.

367  Schmidt 1790-99, 1. Teil, S. 5. Weiterhin schreibt Schmidt: Die gegenwärtig erhöhte Cultur der Menschen, und der dadurch enstandene Luxus hat eine Menge Sachen zu Bedürfnissen, und unentbehrlich gemacht, welche einen gewissen Raum erfordern, und die jetzige Art der anständigen Beschäftigung und Zerstreuung sind schon bey dem Mittelstande so verschieden von den vorigen, daß auch die Wohngebäude eine verschiedene Einrichtung erfordern. Dazu kommt, daß es jetzt selbst eine Art Modeton ist, schön wohnen zu wollen [...]. Ebenda, S. 8.

368  Vgl. zu den Normalentwürfen den Beitrag von Reinhart Strecke Normierung der Standardaufgaben, in: Mathematisches Calcül, S. 124ff.

369  Johann Heinrich Grohmann, Ideenmagazin für Liebhaber von Gärten, englischen Anlagen, und für Besitzer von Landgütern [...], Leipzig 1796-1806.

370  GStA PK, II. HA GD, Ostpreußen II, Nr. 577, Bl. 1-2. Vgl. auch Christof Baier: Verbesserte Bürgerhäuser, in: Mathematisches Calcül, S. 200f.

371  Zum behördlichen Entstehungszusammenhang der Schriften Bersons vgl. Baier 2000, S. 44f., 200f.; Strecke 2000, S. 103ff.

372  Dies und die folgenden Angaben und Zitate aus: GStA PK, II. HA GD, Abt. 30 I, Oberbaudepartement, Tit. 26, Nr. 4.

373  Das Haus des geringen, oder öfter verhältnismäßig unbemittelten Bürgers erfordert, dass jeder Winkel gehörig benutzt werde, und dies bedarf öfters weit mehrerer Ueberlegung als da, wo man für die blosse Bequemlichkeit und auch wohl für den Luxus, in Absicht des Raums, freier disponieren kann. Man muss daher dem Herrn Geh. Ob. Baurath Berson danken, dass er sein Augenmerk in diesem Buche, welches mit Wahrheit den Titel führen könnte: „der bürgerliche Baumeister“, bloss auf jene bürgerlichen Nahrungen und Gewerbe richtete und zeigte, wie man, bey zum Theil eingeschränkten Baustellen dennoch eine zweckmäßige innere Einrichtung treffen könne. Sammlung nützlicher Aufsätze, 6. Jg., 1. Bd. (1805), S. 105.

374  Bekannterweise war die Prüfungsaufgabe David Gillys 1770 beim Oberbaudepartement eben der Entwurf eines Bürgerhauses.

375  Schmidt 1790-99, 1. Teil, S. 8.

376  Weiterhin nimmt er eine große Zahl von Land- und Lusthäusern auf und subsumiert diese Gebäudegattung wie selbstverständlich unter die bürgerlichen Bauaufgaben.

377  Berson 1804, S. 1.

378  Auch Bersons Kollegen aus dem OBD betonen die Schwierigkeiten, die mit der großen Verschiedenheit der Wohnhäuser in Ansehung ihrer Größe und Einrichtung verbunden waren. GStA PK, II. HA GD, Abt. 30 I Oberbaudepartement, Tit. 26, Nr. 4, Schreiben des OBD vom 14. März 1801. Carl Ludwig Engel, der an dem Projekt vielleicht als Zeichner beteiligt war, erinnert sich noch 1820 an die Wehen [...] welche diese Produktion ihm [Berson, C. B.] gekostet hat. Engel 1989, S. 376.

379  Berson begründet diese Entscheidung mit der Aussage, daß es im gemeinen Leben gebräuchlich und für Jedermann verständlich sei, die Größe eines Hauses nach der Anzahl der Fensteröffnungen zu schätzen. Berson 1804, S. 2.

380  Ebenda, S. 3.

381  Ebenda.

382  Der ersten Klasse, d. h. den Häusern von 3 bis 4 Fenstern Breite, sind Tuchmacher, Strumpfwirker, Leinweber, Kleider- und Handschuhmacher, Siebmacher, Täschner, Tabacksspinner, Tischler, Drechsler, Schlösser, Huf-, Nagel- und Zeugschmiede etc. zugeordnet. Die zweite Klasse (5-7 Fenster) unterteilt sich in a) Gewerbe mit Ladenraum (Huthmacher, Posamentirer, Nadler, Gürtler, Kürschner, Seiler, Buchbinder), b) Gewerbe wozu besondere Feuerungs-Anlagen gehören (Bäcker, Schlächter, Seidensieder, Kupferschmiede, Zinn- und Gelbgießer, Töpfer, Klempner etc.), c) Gewerbe, welche Durchfahrten in den Häusern gebrauchen (Stellmacher, Sattler, Riemer, Böttcher, Ackerbürger, Fuhrleute etc.) und Gewerbe wozu Kesselfeuerungen gehören (Tuchscheerer, Raschmacher, Färber, Weißgerber etc.). Schließlich rechnet Berson zur dritten Klasse der über siebenachsigen Häuser Kaufleute von Material-, Tuch- und Leinen-Handlung, Apotheker, Brauer, Branteweinbrenner, Gastwirthe, auch vermögende Privatleute, welche Wohnhäuser zu Mithswohnungen erbauen. Ebenda.

383  Johann Caspar Lavaters Physiognomische Fragmente (1775-78) wurden hier auf die Architekturtheorie übertragen. Vgl. hierzu und zum Folgenden Philipp 1990, S. 44f.

384  Schmidt 1790-99, 1. Teil, S. 131.

385  Allgemeines Magazin für die bürgerliche Baukunst I, 1, 1789, S. 69.

386  Ebenda.

387  Zu dieser Vermutung der Urheberschaft vgl. Hanno Walter Kruft in seiner Einführung zum Reprint der Untersuchungen. In: Untersuchungen 1986, S. Vf.

388  Mit deutlicher Betonung des funktionellen Aspekts fährt Schmidt fort: Gute Verhältnisse entstehen, wenn die Theile das leisten können, wozu sie bestimmt sind, und ihre Größen in solchen Zahlen bestehen, welche man leicht überschauen und gegen einander vergleichen kann. Schmidt 1790-99, 1. Teil, S. 131.

389  Schmidt 1790-99, 1. Teil, S. 158.

390  Schmidt 1790-99, 1. Teil, S. 133.

391  Berson 1804, S. 18.

392  Berson 1804, Vorbericht.

393  Berson 1804, S. 44.

394  Eberhard, 3. Teil (1804), S. 198.

395  Schmidt 1790-99, 1. Teil, S. 137.

396  Ebenda.

397  Stieglitz 1792-98, Bd. 5, Tafel XIX.

398  Schmidt 1790-99, 2. Teil, S. 73.

399  Berson 1804, S. 22 (Erläuterung zu Kupfertafel 1), S. 26 (Kupfertafel 3) usw..

400  Ähnlich verfährt Heinrich Karl Riedel, an einem von ihm modernisierten alten Haus, wo er den halben Bogen der Einfahrt heraushauen und durch einen geraden Sturz ersetzen läßt, der nun aufwendig durch eiserne Stangen und Hänge-Anker gegen die Sackung der darauf ruhenden Last gesichert werden muß. Riedel 1803-10, 7. Heft, Erläuterung zur IV. Tafel. Vgl. auch Baier 2002, S. 80f.

401  Racknitz (1792), I, S. 42ff. Hier zitiert nach Philipp 1997, S. 145. Auch in den Untersuchungen wird der flache Bogen der gewölbten Fenster und Türen als äusserst matt und als belachenswerther Bettelstolz beschrieben. Untersuchungen 1986, S. 84.

402  Vgl. dazu auch Baier 2002.

403  Riedel 1797, S. 50.

404  Berson 1804, Vorbericht.

405  Ebenda, S. 82ff.

406  Der achte Titel des ersten Teils, der Vom Eigenthum handelt, legt im Abschnitt Einschränkungen des Eigenthümers bey dem Bauen fest: § 65. In der Regel ist jeder Eigenthümer seinen Grund und Boden mit Gebäuden zu besetzen oder sein Gebäude zu verändern wohl befugt. § 66. Doch soll zum Schaden und zur Unsicherheit des gemeinen Wesens, oder zur Verunstaltung der Städte und öffentlichen Plätze, kein Bau und keine Veränderung vorgenommen werden. § 67. Wer also einen neuen Bau in Städten anlegen will, muß davon zuvor der Obrigkeit zur Beurtheilung Anzeige machen. [...] § 71. In allen Fällen, wo sich findet, daß ein ohne vorherige Anzeige unternommener Bau schädlich oder gefährlich für das Publikum sey, oder zur groben Verunstaltung einer Straße oder eines Platzes gereiche, muß derselbe nach der Anweisung der Obrigkeit geändert werden. Hattenhauer 1996, S. 106.

407  Stieglitz 1792-1798, Teil 5 (1798), S. 112.

408  Nach Bratring brannte es 1553, 1569, 1631, 1687 und 1704. Bratring 1801, S. 786.

409  GStA PK, XI. HA Karten, Plankammer der Regierung Potsdam, E 821.

410  Bratring 1801, S. 777f.

411  Vgl. dazu Müller 1996.

412  Nach den 1801 neu angelegten Hypothekenbüchern gehörte zu einem Buden-Hauß nur ab und zu ein Garten hinter dem Haus, während zu einem Erb-Hauß regelmäßig mindestens Ein Land- und zwey Graß Kaveln gerechnet wurden. BLHA Bornim, AG Zehdenick, Hb Zehdenick, Bd. 1ff.

413  Schreiben an den Steuerrat Laue vom 1. Juni 1801. Zehdenick Stadtarchiv, Archivnummer 78, Bl. 268f.

414  Bratring 1801, S. 777.

415  Ebenda.

416  Spezial-Nachweisung [...] in Classen nach Normal-Anschlägen, Zehdenick Stadtarchiv, Archivnummer 78, Bl. 251-263.

417  Immer wieder wurde nach dem Brand davon gesprochen, die alten Häuser seien mit hölzernem Gitterwerk umgeben. Bratring 1801, S. 777.

418  GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. I, Bl. 188f.

419  Zu diesen wurde beim Wiederaufbau bemerkt: Die bisher zwischen zwei Häusern mehrentheils statt gefundenen Lücken und zwischen Räume fallen gänzlich weg.Abschrift des Berichts Laues von der Konferenz an die Kurmärkische Kammer vom 11. Juni 1801. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. I, Bl. 82.

420  Einige Nachrichten von dem großen Brande zu Zehdenick am 27sten May 1801. Gesammelt und mit einem Plane zum Besten der daselbst Abgebrannten herausgegeben von einigen Menschenfreunden in Berlin, Berlin 1801. U. a. erhalten in: Stadtarchiv Zehdenick, Archivnummer 474.

421  Stadtarchiv Zehdenick, Archivnummer 474, Bl. 1ff.

422  Zur Haus- und Kirchenkollekte für Neuruppin, die maßgeblich vom König und seiner Verwaltung initiiert war, vgl. Reinisch 2001, S. 13.

423  Die Berlinischen Nachrichten von Staats- und Gelehrten Sachen [...] veröffentlichten am 4. Juni eine erste Liste mit Spendern und ihrer Spende und riefen auf, weiterhin Spenden in den angegebenen Häusern der Herren Gerresheim, Hartung, Koppen, Sander usw. abzugeben. Am 19. Juni, als in derselben Zeitung die Verteilung der Gelder angekündigt wird, versichern die Initiatoren, über die gesammelte Summe und deren Verteilung eine umständliche Rechnung abzulegen.

424  Ein Mitglied der jüdischen Gemeinde Berlin stand dem König wenig nach und spendete 500 Taler. Dies und die folgende Zahlenangabe aus: Berlinischen Nachrichten von Staats- und Gelehrten Sachen [...], Ausgabe vom 19. Juni 1801.

425  Mehrfach genannte Spender waren etwa Prinz Heinrich aus Rheinsberg und die Städte Lindow, Neuruppin, Templin, Prenzlau usw..

426  Zur Schadensaufrechnung: General Nachweisung [...], einem Schreiben des Steuerrats Laue an den Minister von Voß vom 14. Juni 1801 anliegend. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. I, Bl. 76ff.

427  Zur Finanzierung des Neuruppiner Retablissements von 1786-1803 vgl. Reinisch 2001, S. 208ff. und Jaeckel 1999, S. 308-314.

428  Schreiben Laues an von Lindenau vom 1. Juni und dessen Antwort vom 8. Juni 1801. Zehdenick Stadtarchiv, Archivnummer 78, Bl. 22f.; Bl. 32ff.

429  Dies und das Folgende: Enders 1992, S. 620f.

430  Enders 1992, S. 626.

431  Zitiert nach Enders 1992, S. 627. Über weitere städtische Gravamina- und Oppositionsbewegungen, Unruhen und Beschwerden in kleinen kurmärkischen Immediat- und Mediatstädten in den Jahren um 1800 verweist auch Evamaria Engel. Engel 1998, S. 43-55.

432  BLHA, Pr. Br. Rep. 2, S. 123, lose eingelegtes, unfoliiertes Faszikel.

433  Folgendes nach Enders 1990, S. 112ff.

434  Der Steuerrat des Ruppiner Landes von Lindenau zweifelte die Kompetenz des in der Praxis nicht erfahrenen Referendarius an und hielt die meisten Vorschläge nach der bestehenden Verfassung Preußens, die selbst doch gut und vorbildlich sei, für unausführbar. Über die doch eigentlich radikalen Forderungen Vollraths zum Handel ging von Lindenau mit der Bemerkung hinweg, die bekannten Gemeinsprüche [...] über den Handel verdienten keine Zeit kostende Beantwortung. BLHA, Pr. Br. Rep. 2, S. 123, lose eingelegtes, unfoliiertes Faszikel, Bl. 127.

435  Bornstedt begrüßte gerade die Passagen zur Freiheit des Handels: Ein richtigerer Grundsatz kann nicht aufgestellt werden! und wenn er erst in dem Finanz Wesen der Staaten den ersten Platz behauptet, so wird das goldene Zeitalter des Handels mit allen seinen beglückenden Folgen für Regenten und Unterthanen nicht fern sein. Ebenda, Bl. 104.

436  Ebenda, Bl. 131f.

437  Enders 1990, S. 114.

438  Meier 2001, S. 141f. Laue betonte, er und seine Mitstreiter würden Betriebsamkeit und Fleiß unnützen und wiederlichen Grübeleien vorziehen, sich nicht unberufen in Regierungs Geschäfte und deren Beurteilung einlaßen, und das gekannte gewohnte Alte so lange beizubehalten wünschen, als sie nicht vollkommen überzeugt sind, daß eine vorhabende Neuerung besser ist, und ihr wahres Wohl unzweifelhaft befördert.

439  Brigitte Meier betont in diesem Zusammenhang im Hinblick auf die Verwaltung, daß zwar einige höhere preußische Beamte die Zeichen der Zeit erkannt hatten, daß aber „die Mehrzahl ihrer Kollegen und in besonderem Maße die auf der mittleren Verwaltungsebene sehr traditionell dachten und handelten“. Meier 1994, S. 231.

440  Bratring 1801, S. 779.

441  Vgl. dazu Vetter 1996, S. 19ff.

442  Die Stadtverordneten von Zehdenick übten, was ungewöhnlich war, im Ergänzungsfall selbst ein Präsentationsrecht aus. Vgl. Neugebauer 1995, S. 379.

443  Bratring selbst schreibt 1805: Zehdenick ist eine Mediatstadt, in welcher die Kriminalgerichtsbarkeit von dem Justizamte Zehdenick verwaltet wird. Der Magistrat hingegen, welcher aus einem Stadtdirektor und Richter, einem Kämmerer und einem Rathmann besteht, verwaltet die Civilgerichtsbarkeit und Kämmerei-Angelegenheiten. Bratring 1805, Bd. 2, S. 507.

444  Haeger schreibt: In Ansehung der Aufforderung Er. Wohlgeboren, daß ich diese Leute sofort durch den Gerichtsdiener in dero Wohnung auf dem Amte gestellen, mich auch selbst einfinden, und sie dort zu Verantwortung ziehen solte; bemerke ich gehorsamst, daß dieses den gesetzlich vorgeschriebenen Gang nicht angemeßen sein dürfte; weil sowohl diese jetzige Sache, als auch die erstere wegen des Zusammenlaufs am Sontage gegenwertig Justitz Sache sein zum Resort des Stadtgerichts gehören und solche von mir als Richter in loco judicii würde vorgenommen werden müßen. Stadtarchiv Zehdenick, Archivnummer 47, Bl. 3f.

445  Die Ereignisse dieses Zusammenlaufs sind im Anhang# dokumentiert.

446  Ein weiteres Beispiel für die Konfrontation ist das Verhalten des Schneidermeisters Schlaewicke, das im Anhang# dokumentiert ist. Ohne Angst vor negativen Konsequenzen hatte dieser auf seinem Eigentumsrecht beharrt und selbst einen Rechtsstreit nicht gescheut.

447  Bratring 1801, S. 780.

448  Bratring 1805, Bd. 2, S. 507.

449  Es gab 64 Ackerbürger, 54 Branntweinbrenner und 16 Brauer. Bratring 1801, S. 4.

450  6 Kaufleute, 1 Lederhändler, 4 Messerhändler, 6 Materialisten und 6 Weinhändler, dazu Gastwirte, 1 Apotheker, 3 Nadler und 4 Höker.

451  In der Stadt wohnten neben 28 Schiffern und 8 Steuerleuten auch 1 Schiffbauer sowie der Faktor und die Arbeiter des Hüttenwerks. Dazu kamen weitere Schiffer und Schiffbauer in den Vorstädten.

452  Nach Bratring 1805, Bd. 2, S. 506: 8 Accisebediente, 1 Aktuarius, 1 Amtmann, 3 Assessoren, 1 Bürgermeister, 1 Kantor, 2 Controlleurs, 1 Kämmerer, 1 Gerichtsdiener, 2 Heidebediente, 2 Küster, 1 Stadtmusikus, 1 Organist, 2 Proviantbeamte, 1 Postmeister, 1 Postschreiber, 2 Postillions, 2 Prediger, 3 Präzeptoren und Schullehrer, 1 Richter, 1 Rathmann, 1 Salzfaktor, 1 Sekretär, 1 Serviseinnehmer, 3 Schulmeister, 4 Stadtdeputierte, 3 Torschreiber, 1 Wagebedienter, 1 Visitirer, 1 Zollverwalter, 1 Zollbereiter, 1 Ziesemeister.

453  Im Textilgewerbe waren tätig: 16 Tuchmacher, 10 Leinweber und 30 Wollspinner, 1 Zeugmacher, 1 Strumpfstricker, 6 Handschuhmacher und 2 Hutmacher. An metallbe- und metallverarbeitenden Gewerben gab es: 1 Gelbgießer und 1 Zinngießer, daneben 4 Hufschmiede, 1 Bohr und Zeugschmidt, 1 Kupferschmied, 3 Nadler, 3 Nagelschmiede, 1 Zirkelschmidt und schließlich auch 1 Uhrmacher.

454  GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. I, Bl. 4f. So stellte auch Bratring überrascht fest: So klein der Ort war, so volkreich und nahrhaft war er doch. Bratring 1801, S. 779.

455  Zahlenangaben nach Bratring 1805, Bd. 2, S. 492, 508 und Bratring 1801, S. 5.

456  Bericht des Justizbeamten Kortum und des Amtsassistenten Kriele an die Kurmärkische Kammer vom 28. Mai 1801. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. I, Bl. 4.

457  GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. I, Bl. 1, 4f, 10-12.

458  Bericht der Kurmärkischen Kammer an das Departement vom 30. Mai auf der Grundlage der Untersuchung vor Ort durch Bonsery. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. I, Bl. 10.

459  Allerunterthänigste Immediat Vorstellung der unglücklichen Bürgerschaft zu Zehdenick vom 1. Juni 1801. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. I, Bl. 24.

460  daß wenn der Bürgerschaft keine Unterstützung zu dem Wiederaufbau ihrer Wohnhäuser bewilligt werden sollte, zu befürchten stehe, daß sowohl der massive als der gänzliche Wiederaufbau der Stadt bey ihren elenden Vermögens Umständen sich sehr lange verzögern dürfte, der letztere hat noch besonders angezeigt: daß die meisten der Haus Eigenthümer ihre Hintergebäude mit Hülfe der Feuercassen Gelder aufbauen [...]. Viele derselben wären schon mit dem Bau dieser interrimmistischen Wohnungen zu Stande gekommen, und da sie niedergebeugt und abgehärtet von ihrem Unglück die kleinen Unbequemlichkeiten nicht fühlen, welche sie in diesen engen Wohnungen dulden müßen, vielmehr nur froh wären, daß sie ein Unterkommen erhalten haben, womit die Wiederaufnahme ihres Gewerbes verknüpft ist, so sey ihnen die entfernte Aussicht zum Wiederaufbau ihrer Vorderhäuser weniger empfindlich, und diejenigen, welche kein Vermögen haben, aus eigenen Mitteln den Wiederaufbau zu bewürken, würden mit Geduld in ihren Hütten abwarten, bis ihr Gewerbe es zuläßt, den Bau nach und nach zu unternehmen. Bericht der Kurmärkischen Kammer an das Kurmärkische Departement vom 5. September 1801. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. I, Bl. 202.

461  Schreiben von Voß Citissime an des Königs Majestät vom 4. Juni 1801. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. I, Bl. 14. Zu dem vergleichbar taktierenden, geschickt politische Stimmungslagen nutzenden Verhalten von Voß beim Neuruppiner Wiederaufbau vgl. Reinisch 2001, S. 214ff.

462  Geschrieben am 6. Juni 1801 in Charlottenburg. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. I, Bl. 23.

463  Bericht Laues an die Kurmärkische Kammer vom 3. August 1801. Zehdenick Stadtarchiv, Archivnummer 78, Bl. 219.

464  Schreiben des Kurmärkischen Departements an die Kurmärkische Kammer vom 21. September 1801, GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. I, Bl. 204ff.

465  Verfügung des Königs an den Minister v. Voß vom 4. Februar 1802. Ebenda, Bl. 109.

466  Den Vorschlag des Departements (Voß und Borgstede) bewilligt der König in einem Schreiben an Voß vom 23. Mai 1802. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. IV, Bl. 10.

467  Schreiben Minister von Voß an den König vom 6. Dezember 1803. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. V, Bl. 249ff.

468  Schreiben der Kurmärkischen Kammer an das Kurmärkische Department vom 5. September 1801. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. I, Bl. 201.

469  Allgemein zum Instrumentarium der Feuersozietäten vgl. Jaeckel 1999, S. 330-340.

470  Schreiben des Ministers Voß an die Kurmärkische Kammer vom 1. März 1802. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. II, Bl. 112.

471  Schreiben der Kurmärkischen Kammer an das Kurmärkische Departement vom 14. März 1802. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. II, Bl. 168f.

472  GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. IV, Bl. 109.

473  GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. V, Bl. 186-189.

474  Summarische Nachweisung, dem Schreiben der Kurmärkischen Kammer an das Kurmärkische Departement vom 26. Juli 1804 beiliegend. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. VI, Bl. 108-113.

475  Zum Schulbau vgl. Christof Baier, Entwurf und Gegenentwurf. Das Beispiel der Zehdenicker Stadtschule, in: Mathematisches Calcül 2000, S. 121f.

476  Zum Bau der Tore, für die es schon Entwürfe und Anschläge gab, kam es daher bis heute nicht. In Damm, Hast und Camp waren von den 104 abgebrannten Büdnerstellen 93 bebaut und fünf im Bau. Die 14 Kossätenhöfe waren schon 1803 fertig gewesen.

477  Schreiben des Kurmärkischen Departements an die Kammer vom 21. Mai 1806. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. VII, Bl. 195.

478  Beim Einmarsch der französischen Truppen wird Zehdenick nach Quellenangaben völlig ausgeplündert und bleibt während der Besatzungszeit Etappenort mit einer hohen Zahl von Einquartierungen. BLHA, Pr. Br. Rep. 23 A Kurmärkische Stände, C 185.

479  Schreiben Minister von Voß an den König vom 6. Dezember 1803. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. V, Bl. 249ff.

480  Aus dem Bericht von der Konferenz am 11. Juni 1801. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. 1 (1801), Bl. 80f.

481  GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. 1 (1801), Bl. 97f., 107, 157. Ebenso BLHA, Pr. Br. Rep. 2, S. 8531.

482  Den Höhepunkt erreichten diese Proteste in den tumultartigen Zusammenstößen, Beschimpfungen und Handgreiflichkeiten vom Mai 1802. Vgl. die Schilderung im Anhang ZanlageX1##?

483  Aus dem Bericht von der Konferenz am 11. Juni 1801. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. 1 (1801), Bl. 82.

484  Schreiben Minister von Voß an den König vom 6. Dezember 1803. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. V, Bl. 249ff.

485  Wiesiger 1796.

486  Schreiben Laues an Wiesiger vom 28. Mai 1801. Zehdenick, Stadtarchiv, Archivnummer 78, Bl. 24f.

487  Schreiben Wiesingers an Laue. Zehdenick, Stadtarchiv, Archivnummer 78, Bl. 30.

488  Zehdenick Stadtarchiv, Archivnummer 78, Bl. 22.

489  „Dienstwissen“ definierte Max Weber als „die durch Dienstverkehr erworbenen oder ‘aktenkundigen’ Tatsachenkenntnisse“. Weber 1980, S. 129.

490  Ein Schreiben der Kurmärkischen Kammer an den Steuerrat Laue vom 30. Mai 1801, das sich auf einen Bericht Bonserys bezieht. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. I, Bl. 11.

491  GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. I, Bl. 80-87. Zum genauen Wortlaut dieses wichtigen Berichts und des Wiederaufbauungs Plans oder auch Retablissements Plans sowie zum Nachweis der folgenden Zitate vgl. Anhang # (ZanlageR1)

492  Gleichzeitig erwog man, die vier in der Stadt ansässigen Töpfer mit ihren Wohnhäusern und Brenn Ofen wegen der Feuergefahr ihres Gewerbes aus der Stadt zu verweisen. Ebenda.

493  Schreiben der Kurmärkischen Kammer an den Steuerrat Laue vom 15. Juni 1801. Zehdenick Stadtarchiv, Archivnummer 78, Bl. 148.

494  Bericht über die Zehdenicker Konferenz, verfaßt von Laue am 11. Juni 1801. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. I, Bl. 81f.

495  Schreiben der Kurmärkischen Kammer an den Steuerrat Laue vom 17. Juni 1801. Zehdenick Stadtarchiv, Archivnummer 78, Bl. 161f. Der letztere Punkt heißt in demselben Schreiben bezeichnender Weise auch Verhütung der Irregularität der Häuser nach der Straße zu.

496  Schreiben des Ministers von Voß an die Kurmärkische Kammer vom 10. Juni 1801. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. I, Bl. 28.

497  Laue nannte die 17 Paragraphen nähere Bestimmungen und Vorschläge zur Ausführung des Retablissements. Nur wenige dieser Vorschläge gingen dann in das Wiederaufbaureglement ein. In späteren Berichten heißt dieses Schriftstück dann aber richtig: von dem Kriegs- und Steuerrat Laue entworfener Wiederaufbauungs Plan der Stadt Zehdenick oder auch Retablissements Plan. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. III, Bl. 135.

498  XI. Die enge Straße, der Katagen genannt, wo die Häuser auf beiden Seiten sehr dichte und so feuergefährlich in einander gebaut, daß nicht gut 2. Wagen sich ausbiegen auch bei Feuer Gefahr, mit einer Sprütze nicht wohl anzukommen, ist in Absicht der Breite denen übrigen Straßen gleich zu machen, und ihr eine solche gerade Richtung zu geben, der sie am Ende nach der so genannten grünen Straße zu einen rechten Winkel bildet, wodurch jene Straße zugleich ebenfalls völlig gerade gerichtet wird. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. I, Bl. 85ff.

499  XII. Auf gleiche Weise ist die sonst mit gehöriger Breite versehene Herrenstraße durch Einrückung der nach der Mühlenstraßen Ecke zu befindlichen Wohnhäuser, welche dort einen hervorragenden Bauch formiren eine solche gerade Richtung zu geben, daß sie an der Mühlenstraßen Ecke einen geraden Winkel formirt, und dagegen die auf der anderen Seite befindlichen Wohnhäuser um soviel heraus zurücken, zumal der dort hinreichende Raum keine Aushebung und Verlegung einer Brandstelle nothwendig macht. Ebenda, Bl. 85ff.

500  XIII. Die Hirtenstraße ist wie der Katagen zu 2. bis 3. Ruthen Breite zu erweitern, und in sofern eine oder 2. Häuser dort weggenommen werden müßen, sind vorzüglich die Hirten Häuser dazu zu wählen, und nach dem Armen Kirchhof zu verlegen. Ebenda, Bl. 85ff.

501  XIV. Die in der Hauptstraße durch Vorbauung der Apotheque und Zurückweichung der übrigen nach dem Markte zu, auf der nemlichen Seite befindlichen Gebäude entstehende Irregulitat würde dadurch vermieden werden können, wenn die Apotheque eines Theils zurück gebauet, andern Theils die darüber befindlichen Gebäude nach dem Marckte zu etwas vorgerückt werden könnten, [...]. Ebenda, Bl. 85ff.

502  Eine detaillierte Analyse dieses Reglements, die den Vergleich zu den mustergültigen Reglements von Crossen und Neuruppin herstellt, bei Jaeckel 1999, S. 424ff.

503  Bericht Laues vom 11. Juni 1801 an die Kurmärkische Kammer. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. I, Bl. 80-87. Anhang#, S.

504  Schreiben der Kurmärkischen Kammer an den Assessor und Vorsteher der Retablissementskomission Nagel vom 8. Juli 1802. Stadtarchiv Zehdenick, Archivnummer 118.

505  Um auch den nichtgeförderten Fachwerkbau beeinflussen zu können, werden die meisten dieser Vorschriften in Ansehung der Fundamente, Keller, Brandmauern, Feuerungen und Dächer auf allgemeine Polizei-Vorschriften zurückgeführt.

506  Vgl. etwa den § 5 des Neuruppiner Wiederaufbaureglements von 1788, worin zwar auch festgelegt wurde, es bleibe jedem Eingenthümer überlassen, aus eigenen Mitteln mehr, als respective eine oder zwey Etagen zu erbauen, diese Entscheidungsfreiheit jedoch, die an sich schon eine „Aufweichung“ älterer absolutistischer Stadtbau- und Retablissementsgrundsätze war, noch nicht so explizit auf die gesamte äußere Form ausgedehnt und auf den Geschmack des Hauseigentümers gegründet wird. Das Neuruppiner Reglement abgedruckt bei Reinisch 2001, S. 275ff.

507  Die zeitgemäßere Version des Reglements vom Mai 1800 wurde für Zehdenick fast wörtlich übernommen. In der Vorlage, dem Feuersozietätsregelemt heißt es, daß es jedem Haus-Eigenthümer frey stehen soll, seinen neuen Gebäuden, wofern nur nicht feuergefährlich und überhaupt polizeywidrig gebauet wird, sowohl in Ansehung der Etagenhöhe, Grundfläche äußerer Form und innerer Einrichtung eine solche Gestalt zu geben, wie er solche, nach seinem Geschmack oder mit Rücksicht auf seine häuslichen und wirthschaftlichen Bedürfnisse, für gut findet [...]. NCCM, Bd. 10 (1801), Sp. 2969.

508  Freyheit und Eigenthum ist der Titel eines 1790 von Ernst Ferdinand Klein publizierten Gesprächs aus der Mittwochsgesellschaft über den Staatszweck, Gemeinwohl und Freiheit. Den Kern der hier angedeuteten Problematik trifft der § 56 des gedruckten Entwurfs eines Allgemeinen Gesetzbuchs: Der Staat ist aber nur in so fern berechtigt, die natürliche Freyheit seiner Bürger durch Gesetze einzuschränken, als das Wohl der gesellschaftlichen Verbindung solches erfordert. Zitiert nach: Schwennick 1993, S. 339.

509  Uebrigens bleibt es jedem Eigenthümer unbenommen, im Fall er über den Bau-Condukteur Beschwerden zu haben glaubt, entweder selbst, oder durchden Magistrat seine Beschwerde bey der Königl. Kammer anzubringen. Wiederaufbau-Reglement Zehdenick, Abschnitt B, § 6. Vgl. Anhang #, S. 6.

510  Die drei Stufen der Regulierung von dem Verhandlungsprotokoll von der Konferenz am 11. Juli 1801 über Laues Wiederaufbauungs Plan bis zum Wiederaufbaureglement sind im Anhang # dokumentiert.

511  Schreiben der Kurmärkischen Kammer an den Assessor Nagel in Zehdenick vom 8. Juli 1802. Zehdenick Stadtarchiv, Archivnummer 118.

512  GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. IV, Bl. 48.

513  Wiederaufbau-Reglement Zehdenick, Abschnitt B, § 9. Vgl. Anhang #, S. 7.

514  Revisionsbericht des Oberbaudepartements an das Kurmärkische Departement vom 21. Januar 1802. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. II, Bl. 49.

515  GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. VI, Bl. 25ff..

516  Leicht verärgert fügte Voß hinzu, daß die Oberbauräte doch schon durch die Anstellung zweyer Bau-Direktoren bey der Kurmärkischen Kammer gegen vorige Zeiten eine bedeutende Erleichterung in ihren Dienstgeschäften erhalten hätten. Ebenda, Bl. 29

517  Berson selbst benennt in anderem Zusammenhang diese Verantwortlichkeit. Schreiben der Oberbaudeputation (gez. Berson, Boumann) an das Magdeburgische Departement vom 1. Juli 1802. GStA PK, II. HA GD, Abt. 30 I Oberbaudepartement, Tit. 26, No. 4.

518  Über Lietzmann ist bisher so gut wie nichts bekannt. Nach einigen Karten in der Plankammer der Regierung Potsdam im GStA PK, die vornehmlich Vermessungen und Nivellements im Zeitraum von 1802-1805 betreffen, hat Lietzmann seine Ausbildung wohl in den 1790er Jahren in Berlin erhalten. Das größte Projekt Lietzmann neben Zehdenick scheint das Retablissement des zwischen Joachmisthal und Angermünde gelegenen Ortes Alt Hüttendorf im Jahre 1803 zu sein. Vielleicht stammt von ihm auch der Entwurf für die dortige Kirche, die 1803-10 entstand. Vgl. GStA PK, XI. HA Karten, Plankammer der Regierung Potsdam, C 606, F 897 bis 899.

519  Ausdrücklich als Entwürfe Lietzmanns mit Plänen und t. w. mit Anschlägen überliefert sind das Haus des Kupferschmieds Zillmann (Berliner Straße 17), des Apothekers Wittke (Klosterstraße 1), des Zimmermeisters Heubel (Am Kirchplatz 4), der Witwe Schultz, des Galanterie Händlers Maschner (Poststraße, nicht ausgeführt) und des Schiffbauers Streichhahn (Dammhast Straße 37).

520  In einem Fall schrieb die Baubehörde erbost an die Kammer: Er (Lietzmann, C.B.) giebt das Taschenbuch des Geheimen Ober Baurath Riedel jun. als seinen Leitfaden bey Berechnung der Materialien an, dieses kann aber hier nichts entscheiden, da die Sätze zu dieser Materialien-Berechnung ebenfalls aus den ersten Normalanschlägen hervorgehen. Er will uns Fehler bey der Revision andichten, z.B. daß wir seinen Anschlag in Rücksicht der Maaße heruntergesetzt, daß wir die Steine zu den Gesimsen in Rechnung zu bringen vergeßen, und dgl. Was die Verminderung der Maaße anlanget, so ist nichts darinnen gestrichen als 1/2 Fuß von der Plinte, wie die Bemerkung auf der Zeichnung darthut, da eine 1 1/2 Füßige Plinte statt einer 2 füßigen hinreichend ist, welches der Lietzmann bald nachher für eine Verringerung der Fundament Tiefe ausgiebt, und uns auf den Grund dieser falschen Vorgaben über längst bekannte Sachen eines bessern belehren will. Schreiben des Oberbaudepartements (gez. Morgenländer, Berson, van Alten) an die Kurmärkische Kammer vom 11. Juli 1803. Zehdenick Stadtarchiv, Archivnummer 108, Bl. 99.

521  Kurmärkische Kammer an das Kurmärkische Departement vom 14. Mai 1802, GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. IV, Bl. 38. Die Diäten Lietzmanns waren schon im Februar 1802 festgelegt worden. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. II, Bl. 107f.

522  Wöhner ist wie Lietzmann bisher nur über erhaltene Pläne in der Plankammer der Regierung Potsdam im GStA PK namhaft zu machen. Neben den Arbeiten in Zehdenick ist z. B. der Entwurf für das Dorf Klobbicke bei Oranienburg zu nennen. Vgl. Vgl. GStA PK, XI. HA Karten, Plankammer der Regierung Potsdam, A 667, A668. Die Häuser des Bürgers und Tuchmachers auch ehemaligen Reuters Christian Schröder (Klosterstraße 7) und des Kaufmanns Daniel Hertzer (Berliner Straße 20) sind als Arbeiten Wöhners aus dem Jahre 1801 aktenkundlich gesichert. Weiterhin dürfte wegen der zeitlichen Nähe das Haus des Postmeisters von Zbikowski (Poststraße 17), welches nach dessen Aussage 1801 ohne Anschlag erbaut worden war, ein Entwurf Wöhners sein.

523  Schreiben der Kurmärkischen Kammer an den Kammerassessor Ludolff vom 28. Juli 1801, dem die Beschwerde des Kaufmanns Protzen vom 22. Juli als Kopie beiliegt. Stadtarchiv Zehdenick, Archivnummer 517.

524  Brasch fertigte die Entwürfe und Anschläge für die von der Stadt weg in den Forst am Templiner Weg verlegte Oberförsterei wohl nach Entwürfen des Geheimen Oberbaurats Berson an und nimmt mit diesem auch die Lokalrevision vor. GStA PK, II. HA Forst-Departement, Kurmark, Tit. I, Nr. 130, Vol. II. Brasch jun. ist der Sohn des Neuruppiner Bauinspektors Bernhard Matthias Brasch und wohl Schüler Bersons. Er leitete gleichzeitig das Retablissement Lindows ab 1804. Vgl. dazu Schwarz/Metzler 2004, S. 62f.

525  Müller lieferte den qualitätvollen Entwurf für das in der Vorstadt Damm erbaute Wohnhaus des Landjägers Wartenberg.

526  Der Kammerassessor Decker spricht im Zusammenhang mit dem Hausbau des Kaufmanns Schnackenburg in der Herrenstraße von Schnackenburg und seinem Baumeister Mauermeister Lindner, wobei unklar bleiben muß, was Baumeister bedeuten soll – ausführender oder auch entwerfender Bauverantwortlicher. Bericht Deckers an die Kurmärkische Kammer vom 8. September 1805. Zehdenick Stadtarchiv, Archivnummer 118.

527  Vgl. Anhang#, Seite#

528  So berichtete der Kammerassessor Ludolff, die Bauenden benötigten dringend die längst fällige Rate der Feuerkassengelder, da die Materialien zum Wiederaufbau der Wohnhäuser bereits besprochen worden sind, und die Käufer Handgeld bis zu einem bestimmten Zeitpunct gegeben haben, nach dessen Verlauf solches verlohren geht, wenn die Zahlung nicht innerhalb dem gesetzten Termin erfolgt. Schreiben der Kurmärkischen Kammer an das Kurmärkische Departement vom 4. April 1802. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. III, Bl. 140. In einem weiteren Schreiben an das Kurmärkische Departement vom 20. März 1802 muß die Kurmärkische Kammer feststellen: Auf den Häusern der Zehdenicker haften so viel Hypothek Schulden, daß es ihnen unmöglich ist, mehr geliehen zu erhalten. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. IV, Bl. 168f.

529  Vgl. die Zehdenicker Hypothekenbücher. BLHA, Bornim, Hypothekenbücher Zehdenick, Bd. 2.

530  So ein Grundstück in der Poststraße, das als Subhast. Sache des Handelsmanns Maschner an den neuen Besitzer, den Schönfärber, versteigert wurde. BLHA, Bornim, Hypothekenbücher Zehdenick, Bd. 2, Bl. 457.

531  Zur Begründung heißt es: Die Beamtin hat das beste Gelaß zur sichern Aufbewahrung des Geldes, sie ist eine wohlhabende Frau die uns hinreichende Sicherheit gewährt und wegen der damit verbundenen Arbeiten am sichersten wird Rath zu schaffen wissen. Schreiben der Kurmärkischen Kammer an das Kurmärkische Departement vom 14. März 1802. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. II, Bl. 168f.

532  So lieh Demoselle Caroline Lufft dem Lederhändler Martin Friedrich Jungnickel 1806 die beträchtliche Summe von 2500 Talern für seinen Hausbau. BLHA, Bornim, Hypothekenbücher Zehdenick, Bd. 2, Bl. 509f. 1805 borgte sie dem Maurermeister Lindener 1000 Taler (Bl. 260), 1806 der Schlächterwittwe Jacobs 1500 Taler (Bl. 304).

533  Als ihr Mann das Grundstück mit dem alten Haus 1791 erwarb war es nur 1500 Taler wert. Die Investitionen beim Neubau waren derart groß, daß Grundstück und neues Haus 1817, als die Amtmännin starb, auf 5500 Taler geschätzt wurde. BLHA, Bornim, Hypothekenbücher Zehdenick, Bd. 2, Bl.139ff.

534  Nachweisung der von den Ziegeleien bey Zehdenick zu liefernden Steine [...], angefertigt vom Amt Zehdenick am 19. Jan. 1802. GSta PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. II, Bl. 91f..

535  Als von Arnim das Haus 1816 veräußern musste, brachte es dann nur noch knapp die Hälfte, 2275 Taler ein. BLHA, Bornim, Hypothekenbücher Zehdenick, Bd. 2, Bl. 68f und Bl. 326f.

536  BLHA, Bornim, Hypothekenbücher Zehdenick, Bd. 2, Bl. 36f.

537  Sie kauften die Eckparzelle Berliner Straße 15 als Brandstelle inclus. Vergütungs-Gelder von dem Coffetier Hoer. BLHA, Bornim, Hypothekenbücher Zehdenick, Bd. 2, Bl. 128f.

538  Kurmärkisches Departement (Borgstede) an die Kurmärkische Kammer vom 14. November 1805. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. VII, Bl. 139ff.

539  Schreiben der Kurmärkischen Kammer an das Kurmärkische Departement vom 6. März 1806, basierend auf einem Bericht des Kammerassessors Decker. Ebenda, Bl. 163f.

540  Kurmärkisches Departement an Kurmärkische Kammer vom 2. April 1806. Ebenda, Bl. 165.

541  Köhn sen.: Poststraße 20 (zweigeschossig); Lindtner: Kirchplatz 7 (1806 eingeschossig mit Mansarddach, bald aufgestockt).

542  Köhn sen. hatte außerdem zusammen mit dem Maurermeister Gültzow kurz nach dem Brand das Haus Berliner Straße 36 erworben, es aufgebaut und 1809 an den Bäckermeister Feltner für 2250 Taler verkauft. BLHA, Bornim, AG Zehdenick, Hb Zehdenick, Bd. 1, Bl. 306f..

543  GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. VII, Bl. 45.

544  Feuerkassen- und Bauhilfsgelder beliefen sich auf 1.318 Taler und 11 Groschen. BLHA, Bornim, AG Zehdenick, Hb Zehdenick, Bd. 1, Bl. 509f. Das übrige Geld dürfte wenigstens teilweise aus den Gewinnen der noch im Herbst 1801 gemeinsam mit dem Kaufmann und Viktualienhändler Caspar Grübel nahe Röddelin eingerichteten Ziegelein gekommen sein. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. II, Bl. 91f..

545  Wenn man die staatlichen Zuschüsse mit 50% ansetzt, so hatte das Haus Hoer keine 1.500 Taler gekostet. Der Lederhändler Jungnickel musste ihm dafür 4.000 Taler bezahlen! BLHA Abteilung Bornim, AG Zehdenick, Hb Zehdenick, Bd. 1, Bl. 509f.

546  BLHA Abteilung Bornim, AG Zehdenick, Hb Zehdenick, Bd. 1, Bl. 56. Wie die Hypothekenbücher der Stadt Zehdenick belegen, kaufte Hoer kurz nach dem Brand noch mindestens drei weitere Brandstellen auf.

547  Schreiben der Kurmärkischen Kammer an das Kurmärkische Departement vom 15. September 1804. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. VI, Bl. 134ff.

548  Ebenda, Bl. 136.

549  Schreiben des Geheimen Justizrats Gerresheim, des Professors Hartung, des Kaufmanns Köppen und des Buchhändlers Sander vom 8. Juni 1801. Stadtarchiv Zehdenick, Archivnummer 70.

550  Aufschlußreich ist die Zuordnung der Belegschaft der Zehdenicker Eisenhütte: Sofern die Hüttenleute als Meister und Gesellen, also nicht als Tagelöhner behandelt wurden, gehörten sie zur zweiten Klasse, andernfalls zur letzten, vierten Klasse.

551  GStA PK, II. HA Abt. 30 I Oberbaudepartement, Tit. 26, Nr. 4, unfoliiert. Schreiben des Oberbaudepartements vom 14. März 1801.

552  Z. B. noch 1797 in Seelow. Vgl. Vetter 1996, S. 50.

553  Daß die Qualität der Grundstücke in manch anderer Hinsicht relevant blieb, zeigt die Zehdenicker Bürgerliste von 1809, in der für jedes Grundstück festgehalten wird, ob es sich um ein halbes oder ganzes Erbe handele. Zehdenick Stadtarchiv, Archivnummer 51.

554  Zehdenick Stadtarchiv, Archivnummer 78, Bl. 136.

555  Schreiben von Haeger, Tramnitz und Pape vom 12. Juli 1801 an Laue. Zehdenick Stadtarchiv, Archivnummer 78, Bl. 203.

556  So die Kammer in einem Bericht an das Kurmärkische Departement vom 5. September 1801, mit dem zugleich Wittkes Normalanschläge übergeben wurden. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. I, Bl. 199-203.

557  Schreiben der Kurmärkischen Kammer an das Kurmärkische Departement vom 14. März 1802. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. II, Bl. 168.

558  Ludolfs Bericht ist nur in Ausschnitten im Bericht der Kurmärkischen Kammer (Bonsery) an das Kurmärkische Department vom 20. April 1802 erhalten. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. IV, Bl. 6.

559  Beispiele für ein derartiges Verhalten der Bürger: Der Schuhmacher Nickel hatte nach Normalanschlag 1.204 Taler verbaut, nach Spezialanschlag aber nur 949 Taler benötigt. Andererseits hatte der Maurermeister Taubold einen Normalanschlag über 1.690 Taler, laut Spezialanschlag hatte er aber 2.272 Taler verbaut. Kurmärkische Kammer an Kurmärkisches Departement vom April 1803. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. V, Bl. 97f.

560  Schreiben von Voß an die Kammer vom 6. April 1803. Ebenda, Bl. 101.

561  Entwurf Lietzmanns: Zehdenick, Stadtarchiv, Archivnummer 965, unfoliiert.

562  Auch wenn bei einem eingeschossigen Haus die Bezeichnung Achse wenig angebracht erscheint, soll sie hier der Einfachheit halber gebraucht werden. Immerhin sind den Fenstern die Kellerluken axial zugeordnet.

563  Am Kirchplatz 4. Entwurf Lietzmanns: Zehdenick, Stadtarchiv, Archivnummer 965, unfoliiert.

564  Berliner Str. 41.

565  Klosterstraße 1. Entwurf Lietzmanns: Zehdenick, Stadtarchiv, Archivnummer 965, unfoliiert.

566  Berliner Str. 17. Entwurf Lietzmanns: Zehdenick, Stadtarchiv, Archivnummer 965, unfoliiert.

567  Poststraße 4.

568  BLHA, Pr. Br. Rep. 2A Regierung Potsdam, III D 22749, Bl. 12.

569  Eine historische Abbildung des heute zerstörten Hauses Klosterstraße 16 zeigt beispielsweise ein vorspringendes Obergeschoß mit lukenartigen Fensteröffnungen. Stadtarchiv Zehdenick, Fotosammlung.

570  So der Baurat Wittke in seinem Bericht vom 25. Okt. 1803. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. V, Bl. 245f.

571  Bericht der Kurmräkischen Kammer ans Kurmärkische Departement vom 17. Sept. 1805. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. VII, Bl. 127.

572  Zehdenick, Stadtarchiv, Archivnummer 965, unfoliiert.

573  Beispiele dafür Kapellenstraße 5, 19, Marktstraße 8, Kirchplatz 11, Berliner Str. 36.

574  Beispiele dafür Mühlenstraße 48, Poststraße 6, 16, Dammhast Straße 25.

575  Vgl. das haus Straße des Friedens 53 in Lindow (Abb. 233), das ganz ähnliche Formen zeigt.

576  BLHA, Pr. Br. Rep. 3 Neumärkische Kriegs- und Domänenkammer, Feuersocietätssachen, Nr. 11840.

577  Stadtarchiv Zehdenick, Archivnummer 51.

578  Stadtarchiv Zehdenick, Archivnummer 55.

579  Nach dem Hypothekenbuch der Stadt Zehdenick. BLHA, Abt. Bornim, AG Zehdenick, Hb Zehdenick, Bd. 1 (Bl. 1-150), Bl. 179.

580  Bratring 1801, S. 777.

581  Sensse und Wöhner am 1. Juni 1801 an Laue. Zehdenick, Stadtarchiv, Archivnummer 78, Bl. 268f.

582  Berliner Str. 50. Nach einer Zeichnung von 1932, Stadtarchiv Zehdenick, Hausakte. Der Grundriß des Erdgeschosses entspricht in der grundsätzlichen Raumaufteilung dem des Obergeschosses. Dies konnte bei einer Begehung des 2002 abgetragenen Hauses durch den Autor festgestellt werden.

583  Die Familie des Schuhmachers lebt 1809 allein in dem Haus, 1822 kommt, neben zwei Gesellen und einem Dienstmädchen, noch Emanuel Finzelberg als Altsitzer hinzu. Bürgerliste 1809, Bürgerrolle 1822, in: Stadtarchiv Zehdenick, Archivnummer 51.

584  Dies gilt für die Hausbesitzer. Wie die Unterschichten wohnten kann hier nicht untersucht werden.

585  Es ist jedoch zu beachten, daß die Familie Heubel das Haus 1809 allein bewohnte. Bürgerliste 1809, in: Stadtarchiv Zehdenick, Archivnummer 51. Heubels Mutter stand laut Hypothekenbuch eine separate Stube als Wohnung zu. BLHA, AG Zehdencik, Hb Zehdenick, Bd. 1, Bl. 249. 1822 wohnten neben dem Zimmermeister und seiner Frau nur deren 2 Söhne und 4 Töchter im Haus. Bürgerrolle 1822, in: Stadtarchiv Zehdenick, Archivnummer 51.

586  GStA PK, II. HA Forst-Departement, Kurmark, Tit. I, Nr. 130, Vol. 2.

587  Als weiteres Beispiel sei auch auf die Normal Zeichnung Zu einem Förster Hause verwiesen, die 1795 im Druck verbreitet wurde, Vgl. Mathematisches Calcul 2000, S. 125f.

588  Poststraße 6 und 16. Stadtarchiv Zehdenick, Hausakten. Hatten wohl ursprünglich beide Familien allein in ihrem Haus gewohnt, so lebten in von Oertzens Haus 1809 bereits zwei Familien: Schreiber und Seipt; 1822 wohnte hier der Sattlermeister Döhring allein mit seiner Mutter. Burmeister wohnte 1809 allein mit seiner Familie in dem Haus. 1822 lebte außer ihm, seiner Frau, einer Tochter nur ein Geselle im Haus. Bürgerliste 1809, Bürgerrolle 1822, in: Stadtarchiv Zehdenick, Archivnummer 51.

589  1809 wohnte Wittke mit seiner Familie hier allein und noch 1822 lebten in dem Haus neben dem Apotheker, dessen Frau und drei Töchtern nur ein Prof.(essionist), wohl ein in der Apotheke Angestellter, zwei Medchen und eine Kinderfrau. Bürgerliste1809, Bürgerrolle 1822, in: Stadtarchiv Zehdenick, Archivnummer 51.

590  Dennoch wohnte er sowohl 1809 als auch 1822 nur mit seiner Familie, einem Lehrjungen, einem Knecht und einem Dienstmädchen in dem Haus. Bürgerliste1809, Bürgerrolle 1822, in: Stadtarchiv Zehdenick, Archivnummer 51.

591  Berliner Str. 20. Zeichnung von 1912, Stadtarchiv Zehdenick, Hausakte.

592  Als Blickfang und hochwertiges Ausstattungsstück des Hauses verweist die Treppe noch heute auf den „guten Geschmack“ und den hohen gesellschaftlichen Anspruch des Erbauers. Mit einem geschwungenen Antrittspfosten mit Schnecke beginnend, zeigen sowohl die rechteckigen, durchbrochenen Brettbaluster als auch die mit einem einfachen Mäanderband geschmückte Treppenwange dezidiert moderne, klassizistische Formen.

593  Daß sie auch eine spezielle Einrichtung besaßen, geht aus einem Vermerk im Hypothekenbuch hervor. 1824 übergibt die Witwe des Kaufmanns Hertzer ihrem Sohn das Haus (Berliner Straße 20) samt den dazugehörenden Pertinenzien und den darin befindlichen Laden-Utensilien. BLHA, Bornim, Hypothekenbücher Zehdenick, Bd. 2, Bl. 540. Auch auf der Entwurfszeichnung von Lietzmann für das Haus des Galanteriewaren Händlers Maschner in der Poststraße ist ein separater Raum ausdrücklich als Laden bezeichnet. Zehdenick, Stadtarchiv, Archivnummer 965, unfoliiert.

594  BLHA, Pr. Br. Rep. 2A Regierung Potsdam III D, 22749, Bl. 17.

595  Ob es noch ältere Keller gibt ist nicht unwahrscheinlich, konnte aber im Rahmen der Ortsbegehungen nicht nachgewiesen werden.

596  Diese und die folgenden Maße stammen aus den in den Hausakten zu den Häusern Berliner Straße 50, Poststraße 14 und Klosterstraße 14 überlieferten, häufig erst aus dem frühen 20. Jahrhundert stammenden Bauzeichnungen. Stadtarchiv Zehdenick, Hausakten.

597  Wie die Zehdenicker Häuser im Inneren ausgestattet waren, wie Wände, Fußböden und Decken gestaltet und wie die Räume möbliert waren, ließ sich wegen fehlender Untersuchungen nicht feststellen.

598  Das Verhandlungsprotokoll über Besichtigung der Feuerungen in Zehdenick vom 27. Nov. 1801 nennt als Revisoren: Kammerassessor Ludolff, Stadtverordneter Ullrich, Ratszimmermeister Köhn, Ratsmaurermeister Gültzow, Schornsteinfegermeister Bräunlich. Zehdenick, Stadtarchiv, Archivnummer 118.

599  Schreiben Jachtmanns vom 26. März 1802. Ebenda. Gemeint sind die Schriften Jachtmann 1794 und Jachtmann 1803.

600  Ludolffs Konzept für ein Schreiben an die Kurmärkische Kammer vom 3. Mai 1802. Ebenda.

601  Schreiben der Kammer vom 11. Mai 1802. Ebenda.

602  Anlage#? S. 4f.#

603  In Berlin und Potsdam, so Willebrand, gebe es viele neue prächtige Gebäude, die der jetzige bewunderungswürdige König hier in so vielen Gassen, und dort an der Linden-Allee bisher jährlich aus seiner eigenen Casse, beydes zur Verschönerng der Stadt, als auch zu Herbeyziehung und zum Unterhalt vieler hundert fleißiger Menschen, und zum Vergnügen und Nutzen hat erbauen lassen. Bald sind diese Häuser im ersten Stockwerk auf Rustick-Art gebauet, wenn die übrigen Etagen mit Corinthischen, bald mit Ionischen Pilastern geschmückt sind. Oft sind schon im ersten Stockwerk Ionische, und im zweyten Corinthische Säulen angebracht. Bald sieht man Frontons, woran Guirlanden über den Fenstern hängen, bald sind Bildsäulen, bald Vasen oder andere Figuren über die Attika. Willebrand 1775, S. 139.

604  So charakterisiert U. Reinisch die seltsame Mannigfaltigkeit der Neuruppiner Bürgerhausfassaden, Reinisch 2001, S. 198.

605  2001, S. 198.

606  Philipp 1997, S. 158.

607  Oncken 1935, S. 79.

608  Gentz 1800.

609  Gentz meinte, dem Seitenflügel eindeutig den Charakter eines Wohnhauses gegeben zu haben. Daher brachte ihn eine nach Baubeginn beschlossene Nutzungsänderung – in den geplanten Wohntraktr zog das Oberbaudepartement ein – in große Schwierigkeiten und Erklärungsnöte. Vgl. Philipp 1997, S. 53f.

610  Wie wichtig man in Zehdenick eine zeitgemäße Gestaltung der Fassaden nahm, zeigt der Reparaturbericht vom Diakonatsgebäude am Kirchplatz. Bereits 1811 wurden dort umfangreiche wohl modernisierende Veränderungen an der Fassade notwendig. 1825 forderte der im Diakonatshaus wohnende Prediger Winkler erneut, daß die Anfärbung des Hauses noch bewilliget werde, da es nicht von mir verlangt werden kann, daß ich in einem so unrümlich aussehenden Hause wohne und da dasselbe zwischen zweien so sauber angefärbten Häusern einen sehr schlechten Anblick gewähren würde. Der ärmste und der geringste mann sucht es ja von Zeit zu Zeit möglich zu machen, seinem Hause ein sauberes Ansehen geben lassen zu können. Zehdenick Stadtarchiv, Archivnummer 131, Bl. 53.

611  Akten zum Wiederaufbau Lindows: GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXLI, Nr. 6; vgl. jetzt auch Schwarz/Metzler 2004, S. 61ff..

612  Brasch jun. war von der Oberbaudeputation im April 1803 als Gehülfe für Lietzmann beim Zehdenicker Retablissement vorgeschlagen worden, konnte dies aber nicht übernehmen, da er nach einer königlichen Ordre (Rescript vom 13. Nov. 1802) anstelle seines Vaters das Neuruppiner Retablissement beaufsichtigen mußte. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. V., Bl. 105f.

613  Vgl. Mathematisches Calcul 2000, S. 196ff.

614  Bericht der Kurmärkischen Kammer an das Kurmärkische Departement über die Befürchtungen des Kammerassessors Nagel vom 29. Mai 1802. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. IV, Bl. 64f. Vgl. Anhang #?

615  Vgl. Anhang#.

616  Einem Bericht des Kammerassessors Ludolff zufolge dürften an dieser Gasse gar keine Veränderungen vorgenommen worden sein. Kurmärkische Kammer an Kurmärkisches Departement vom 8. April 1801. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. III, Bl. 135.

617  Für das Grundstück Herrenstraße 18 besorgten sich die Kaufleute Schnackenburg und Meyer die Baugenehmigung des Amtsassessors Kriele und steckten mit diesem zusammen die Flucht im alten Verlauf der Straße ab. Man muß annehmen, daß sie sich Kriele bewußt für die Genehmigung auswählten und so die verschiedenen Verwaltungsebenen geschickt gegeneinander ausspielten. Als der Kammerassessor Decker die Verunstaltung der angestrebten geraden Fluchtlinie wenig später bemerkte, war es für eine einfache Korrektur zu spät – es blieb bei dem Bauch. Zehdenick Stadtarchiv, Archivnummer 118.

618  Aus dem Kathagen wurde der Schneidermeister Gerhardi und aus der Hirtenstraße, zur Erweiterung des Platzes am Berliner Thor, der Schuster Schallehne umquartiert. Sie erhielten ihre exakt den alten Maßen entsprechenden neuen Stellen auf dem ehemaligen Grundstück des Hospitals am Templiner Tor, welches seinerseits auf den alten Standort des nun vor die Stadt verlegten Armenfriedhofs versetzt wurde. Kurmärkische Kammer an das Kurmärkische Departement vom 19. September 1802. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. IV, Bl. 193f.

619  Laue erwähnt dieses Ziel beiläufig im weiteren Protokoll der Verhandlung vom 11. Juni 1801. In dem Protokoll Laues ist formuliert, daß für die Hauptstraßen durchgehends 2 Stockwerke zu rechnen sein werden. Stadtarchiv Zehdenick, Archivnummer 78, Bl. 136.

620  Nach dem Feuersozietätskataster von 1806 waren in der Poststraße 11 von 19 Häusern und in der Berliner Straße 33 von ca. 50 Häusern zweigeschossig. In der Kappellenstraße waren nur 5 von 22 und in der Herrenstraße nur 7 von 31 Häusern zweigeschossig.

621  Als die Wittwe des Schlächtermeisters Jacob Bauhilfsgelder für einen eingeschossigen Seitenflügelanbau an ihrem ebenfalls eingeschossigen, direkt am Markt gelegenen Wohnhaus (heute Berliner Straße 35) beantragte, merkte der revidierene Geheime Oberbaurat David Gilly an: Die Anschläge habe ich zwar revidirt und nichts dabey zu erinnern gefunden, halte aber dafür, daß es wohl unschicklich sey ein Eckhaus am Markt nur zu einem Stockwerk aufzuführen, da die mehrsten Häuser in Zehdenick 2. Stockwercke erhalten; stelle also anheim, ob der Eigenthümer dieses Hauses nicht dahin zu disponiren seyn dürfte, wenigstens das am Markt belegene Vorder Haus von 2. Stockwerck aufzuführen. Diese Äußerung Gillys belegt zwar die allgemeine Gültigkeit der Forderung nach Zweigeschossigkeit im provinzialstädtischen Wohnhausbau, sie zeigt aber auch deutlich, wie sehr Gilly die realen Verhältnisse einer kurmärkischen Kleinstadt verkannte. Der Kammerassessor Carow vermerkte daher auf Gillys Schreiben nur ganz kurz an, daß man die Anregung wegen der schlechten Vermögens-Umstände des Eigentümers nicht beachten könne. Revisionsvermerk David Gillys vom 11. Juni 1804. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. VI, Bl. 81.

622  Auch der Töpfermeister Haase wußte um die Vorliebe der Obrigkeit für zweigeschossige Bebauung im Zentrum der Stadt. Daher begründete er seinen Antrag auf erhöhte Bauhilfsgelder für die Aufstockungs seines am Markt gelegenen Wohnhauses (heute Marktstraße 12) geschickt, wenn auch erfolglos, mit dem städtebaulichen Übelstand, den sein eingeschossiges Haus verursachen würde. Copia eines Briefs vom 11. April 1806, in: Zehdenick Stadtarchiv, Archivnummer 119.

623  Wie sehr sich das Interesse des Staates auch vom Bürgerhaus, bisher als „Realisierungsort stadtbürgerlicher Existenz“ (U. Reinisch) Grundlage und Ziel jeder Fördermaßnahme, schon enfernt hatte, zeigt die Forderung Friedrich Wilhelms III., die Unterstützung auf alle Classen der Nothleidenden mit Gründlichkeit auszudehnen. Nicht die an das Wohnhaus gebundene stadtbürgerliche Existenz, sondern die Gewerbe treibenden Abgebrannten sollten unterstützt werden. Schreiben des Königs an Voß vom 6. Juni 1801. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. 1 (1801), Bl. 23.

624  Krug 1805, Bd. 2, S. 171. Entsprechend dieser Vorstellung rechtfertigte Voß die Begrenzung der Förderung auf die erste Etage folgendermaßen: Über diese Einschränkung können sich die abgebrannten Besitzer der zweystöckigen Häuser mit Billigkeit nicht beschweren, da bey einem solchen (zweigeschossigen, C.B.) Bau die gewisse Aussicht, aus dem Hause Revenuen zu ziehen zum Grunde liegt, und sich also voraussetzen läßt, daß sie in Ermangelung des eigenen Vermögens die dazu erforderlichen Kosten auf Credit zu verschaffen im Stande sein werden, wogegen von Seiten des Staats schon genug für sie geschieht, wenn derselbe ihnen die zu ihrer eigenen Unterbringung nöthige Unterstützung gewähret. Schreiben des Kurmärkischen Departements an die Kurmärkische Kammer vom 21. September 1801, GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. I, Bl. 204ff.

625  Beispielsweise versuchten Bersons vergeblich, Lietzmanns Fassadenentwurf für das Haus des Kupferschmieds Zillmann im Eingangsbereich zu verändern. Vgl. meinen Katalogbeitrag in: Mathematisches Calcül, S. 123f.

626  Vgl. zur Rüge Braschs durch das Oberbaudepartement wegen seiner unförmlichen Zierathen und zu seiner Suspendierung vom Entwurf der Bürgerhausfassaden Reinisch 2001, S. 184ff.

627  Auffällig ist die Ähnlichkeit der Lietzmannschen Farbgebung mit den von Riedel d. J. 1805 ausführlich beschriebenen Grundsätzen einer guten Farbgestaltung an Bürgerhäusern. Riedel (1803-10), V. Heft, Tafel II.

628  Schreiben der Kurmärkischen Kammer (Bonsery) an das Kurmräkische Departement vom 6. März 1806. GStA PK, II. HA GD, Kurmark, Städtesachen, Tit. CXC Stadt Zehdenick, Nr. 11, Vol. VII, Bl. 170.

629  Ebenda, Bl. 45



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23.01.2007