Resümee

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Das bürgerliche Wohnhaus beanspruchte in Brandenburg-Preußen vom ausgehenden 17. bis ins frühe 19. Jahrhundert das besondere Interesse des Staates. Als Ort der handwerklichen Produktion und des Handels war es ein Grundpfeiler der merkantilen Wirtschaftsordnung. Als Realisierungsort stadtbürgerlicher Existenz und als räumliche Hülle der Familie bildete es zugleich den Bezugspunkt der sozialen und sittlich-moralischen Regulierungs- und Fürsorgebestrebungen der Obrigkeit. Die Minister im Generaldirektorium, die Kriegs- und Domänenräte der Kammern, die Steuerräte und die Mitglieder der städtischen Magistrate sorgten sich in zahllosen Verordnungen um den Bau neuer Bürgerhäuser, um eine feuersichere und hygienische Bauweise, um die regulierte Einbindung des einzelnen Hauses und seiner Parzelle in den Stadtgrundriß sowie um die angemessene Gestaltung von Grundriß und Fassade. Als Teil dieses streng geordneten Verwaltungsapparates agierten auch die königlichen Baumeister. Sie waren seit Beginn des 17. Jahrhunderts mehr und mehr zu „qualifizierten Beamten einer kontinuierlichen Provinzialbauverwaltung“ innerhalb der Kriegs- und Domänenkammern geworden.630 Ihre Beschäftigung mit dem Bürgerhausbau war seitdem von denselben Prinzipien, Arbeitsmethoden und Idealvorstellungen geprägt wie die gesamte königliche Verwaltung. Das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit und Gerechtigkeit von Ordnung und Regulierung prägte die Oberbaudirektoren ebenso wie die Kriegs- und Domänenräte. Die Umsetzung der obrigkeitlichen Forderungen erfolgte durch eine tief gestaffelte Hierarchie mit klar umrissenen Aufgabenbereichen. Auch in der Bauverwaltung machten sich typisch behördliche Arbeitsmethoden wie etwa das Prinzip der Schriftlichkeit und die konsequente Anwendung mathematischer Methoden bemerkbar. Sie finden sich nicht nur in Aufbau und Arbeitsweise der Bauverwaltung oder in der streng geometrischen Entwurfspraxis der Baumeister, sondern auch in den allgemeinen Bauordnungen und Wiederaufbaureglements. Diese rational aufgebauten und mathematisch geordneten Schriftstücke hatten einen erheblichen Einfluß auf die bauliche Gestalt der Städte und der Bürgerhäuser. Die Stadt wurde in diesem Zusammenhang als System mathematisch definierter Beziehungen begriffen und nach geometrischen Regeln geordnet. Das einzelne Bürgerhaus war darin ein konstitutiver Baustein des Ganzen, immer unlösbar eingebunden in das Gesamtsystem Stadt.

Stärker als im Ämterbauwesen, also im Bauwesen der königlichen Domänenämter, machten sich bei der Regulierung des städtischen Bauwesens die Traditionen des Militärbauwesens bemerkbar, das bis weit ins 18. Jahrhundert die Ausbildung der Baumeister und Baubeamten prägte. Dies betrifft in erster Linie die Rationalität des gesamten Stadtgrundrisses und die Anordnung des einzelnen Hauses innerhalb eines hierarchisch aufgebauten städtebaulichen Bezugssystems. Wie sich gezeigt hat, weisen aber auch die untersuchten brandenburgischen Bürgerhäusern des 18. Jahrhunderts deutlich die Spuren jener normierten Unterkünfte und Wohnhäuser auf, die seit Ende des 15. Jahrhunderts für die Feldlager, Garnisons- und Festungsstädte entwickelt worden sind. Das standardisierte Bürgerhaus, das in dieser Arbeit aus den theoretischen Schriften zur Militär- und Zivilbaukunst sowie aus der Bausubstanz der untersuchten Städte abgeleitet wurde, ist ein Resultat dieser Entwicklung.

Viel weitgehender und langfristiger als bisher angenommen bestimmte die obrigkeitliche Prägung der Bauaufgabe Bürgerhaus die äußere und innere Gestalt der Häuser in den brandenburgischen Provinzialstädten. Dabei wirkten sich die bürokratische Prägung der Gesellschaft und vor allem die Innovationskraft der staatlichen Verwaltung im Verlauf des 18. Jahrhunderts sehr unterschiedlich auf die Gestalt der Bürgerhäuser aus.

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Eine Phase besonders intensiver obrigkeitlicher Beeinflussung stellten in Brandenburg ohne Zweifel die ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts dar. Neben dem Ausbau der Residenzen Berlin und Potsdam kam es in dieser Zeit auch in den kleineren Städten zu Erweiterungen, großangelegten Wiederaufbauprojekten, zahlreichen kleineren Regulierungen und zu einer systematischen Verbesserung und Verdichtung der Bausubstanz. Der Wiederaufbau Templins nach 1735 ist auf der Ebene der brandenburgischen Provinzialstädte sowohl in quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht als Höhepunkt dieser Phase anzusehen. Die hier entstandenen Bürgerhäuser stehen für einen Maximum an Regulierung und Normierung der Bauaufgabe Bürgerhaus im Dienste der Wirtschafts-, Gesellschafts- und Schönheitsvorstellungen des preußischen Staates unter König Friedrich Wilhelm I. Sie sind zugleich Instrument der königlichen Politik und repräsentativer bildlicher Ausdruck von deren Erfolg.

In Templin steht das Bürgerhaus auf einer exakt rechteckigen Parzelle. Durch ihre Breite an der Straße und durch ihren Zuschnitt ist diese Parzelle in das System des neuen Stadtgrundrisses eingebunden, welches streng rational geordnet und mittels geometrischer Verfahren entworfen ist. In enger Verknüpfung prägen baupolizeiliche, ästhetische sowie wirtschafts- und gesellschaftspolitische Vorstellungen diesen charakteristischen Stadtgrundriß. Forderungen nach übersichtlicher und rechtlich eindeutiger Anordnung, nach Feuersicherheit und Hygiene sind untrennbar mit dem Bild eines provinzialstädtischen bürgerlichen Gemeinwesens verknüpft. Die Bürgerhäuser in ihrer äußeren, das heißt in ihrer straßenseitigen Erscheinungsform sind für dieses wohlkalkulierte System von konstitutiver Bedeutung. Die einheitlich zweigeschossigen Häuser stehen traufseitig und lückenlos in einer Flucht aneinander wie ein einziges zusammenhängendes Gebäude. Sie konstituieren so den erwünschten Straßenraum, der auf einem zuvor genau festgelegten, einer Immediatstadt angemessenen repräsentativen und wirtschaftlichen Niveau nivelliert ist. Die Höhe von Zwischen-, Hauptgesims und Dachfirst, die Neigung des Dachs sowie die Größe und die Anordnung der Fenster, Türen und Tore sind zu diesem Zweck nach einheitlichen Vorgaben gestaltet. Innerhalb dieser Vorgaben sind die einzelnen Bürgerhausfassaden mit hoher Rationalität nach den Ordnungsmustern des zeitgenössischen Massivbaus entworfen. Die Modalitäten des Wiederaufbaus erzeugen dabei zusammen mit den formalen Eigenschaften des modifizierten Fachwerkbaus sehr einheitliche, immer wiederkehrende Fassadenlösungen. Die strenge Axialität der Fenster, Türen und der Ständer der Fachwerkkonstruktion, der rechte Winkel und die mitunter mehrere Häuser zusammenfassende Symmetrie sind die wesentlichen Gestaltungsmittel der Fassaden. Bei aller Schlichtheit, bei aller der Not geschuldeten Sparsamkeit und bei aller dem Planungsansatz folgenden Rationalität geben diese Entwurfsprinzipien sowohl dem Stadtgrundriß und dem Straßenraum als auch den Fassaden und Grundrissen der Häuser auch eine mathematische Schönheit.

Der auf einigen wenigen Grundbausteinen beruhende Grundriß der Häuser wurde dabei ebenso wie die Breite der Parzellen und die äußere Gestalt der Häuser so weit an die jeweiligen individuellen Bedürfnisse der Eigentümer angepaßt, wie dies innerhalb des vorgegebenen Rahmens möglich war. Diese von den obrigkeitlichen Planern bewußt eingeräumten Möglichkeiten zur Anpassung beschränkten sich zumeist auf die Tiefe der Häuser, die Größe und Konstruktion der Keller sowie auf die Anordnung der Küchen und Schornsteine. In Templin scheint man darüber hinaus bei der exakten Breite des Hauses, der Farbigkeit der Fassade und sogar in der Frage der Brandgiebel zwischen den Häusern Zugeständnisse gemacht zu haben. Wichtiger waren die Durchsetzung eines übergreifenden Ordnungssystems und die Herstellung eines einheitlichen äußeren Erscheinungsbildes sowie der schnell sichtbare und spürbare wirtschaftlich Erfolg des Wiederaufbaus. Darüber hinaus zeigt sich in der grundsätzlichen Anerkennung und Wertschätzung der konstitutiven Bedeutung, die der einzelne hausbesitzende Stadtbürgers für das Funktionieren des Gesamtsystems Stadt besitzt, ein Charakteristikum brandenburg-preußischer Baupolitik, das dieser erst ihre große und langanhaltende Wirkung ermöglichte.

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Das unter derart einengenden Vorgaben entstandene Templiner Bürgerhaus ist zweigeschossig und erhebt sich über einer exakt querrechteckigen Grundfläche. Haustür und Durchgangsflur sind in der Symmetrieachse des Hauses angeordnet und teilen Fassade und Grundriß in zwei gleichgroße, sich axialsymmetrisch entsprechende Teile. Straßenseitig befindet sich links und rechts des Flurs eine annähernd quadratische Stube. Diese wird von zwei Fenstern belichtet, die an der Fassade zu einer Gruppe zusammengezogen sind. Die in Achsen angeordneten Gruppen der Stubenfenster und die durch mehrere rechteckige Gefache separierten Türen und Kammerfenster geben der Fassade einen Rhythmus, der an eine Gliederung durch Risalite erinnert. Die an der Hofseite angeordneten Kammern und Küchen besitzen nur jeweils ein Fenster. Hier wird auf eine symmetrische oder axiale Anordnung der Fenster verzichtet.

In diesem idealtypisch nachgezeichneten Templiner Bürgerhaus lassen sich die wichtigsten ‚Angriffspunkte’ für die obrigkeitliche Einflußnahme leicht ausmachen. Es sind zunächst und vor allem das äußere Erscheinungsbild des traufständigen Hauses, das von der städtebaulichen Einbindung, der Fassade und dem Dach gebildet wird, sowie die Feuerstellen und Schornsteine. Daneben zeigt sich der regulierende obrigkeitliche Einfluß aber auch in der rechteckigen Grundform des Grundrisses und in der Rechtwinkligkeit, symmetrischen Aufteilung, Belichtung und Belüftung der Räume. Selbst die Größe des Hauses richtete sich weniger nach den Bedürfnissen und Möglichkeiten des Bürgers als nach städtebaulichen und wirtschaftspolitischen Vorstellungen des Staates. Die am Beispiel Templins beschriebene Hausform, die weit über das 18. Jahrhundert hinaus ein Grundmuster bürgerlichen Wohnhausbaus in Brandenburg bleiben sollte, ist nicht in der Region gewachsen. Die Übereinstimmungen mit dem standardisierten Bürgerhaus belegen vielmehr die Einbindung in eine europaweite Entwicklung, die ihren Ausgangspunkt und ihre Verbreitung dem Militärbauwesen und ihre weitere Ausformung und Übertragung in die Zivilbaukunst dem Anforderungen des neuzeitlichen, modernen Staates verdankt.

Auch beim Wiederaufbau Zehdenicks wirkten sich die gesellschaftlichen Leitbilder und Machtverhältnisse auf die nach dem Brand von 1801 ausgebildete städtebauliche Gestalt und die bauliche Form der wiederaufgebauten Bürgerhäuser aus. Da sich jedoch die Rahmenbedingungen grundlegend geändert hatten, führte der Wiederaufbau zu ganz anderen Ergebnissen. Abgesehen von einigen wenigen Regulierungen der Straßenfluchten blieb in Zehdenick der alte Stadtgrundriß erhalten. Auf der einen Seite war der Widerstand der Bürger gegen den Verlust der alten Parzellen zu groß, auf der anderen Seite hatten sich auch die Grundsätze der staatlichen Baupolitik geändert. Nicht mehr der Bürgerstand im Ganzen und sein einheitliches äußeres Erscheinungsbild standen im Zentrum der obrigkeitlichen Bemühungen, sondern der einzelne Bürger und der rechnerisch nachweisbare wirtschaftliche Erfolg der staatlichen Maßnahmen. Die zahllosen Klassifizierungsbemühungen und die aufwendig erarbeiteten Spezialanschläge entsprachen dieser Situation. Am deutlichsten jedoch zeigen sich die Folgen dieses Paradigmenwechsels im Straßenbild der wiederaufgebauten Stadt und in der Gestalt jedes einzelnen Hauses. Zwar stehen die Häuser zumeist mit ihrer Traufe in schnurgerader Flucht an der Straße, doch darüber hinaus gibt es keine übergreifenden und vereinheitlichenden Ordnungsmuster. Es gibt keine symmetrischen Bezugnahmen, und selbst am Marktplatz stehen große zweigeschossige, massiv aufgeführte Häuser neben kleineren zweigeschossigen Fachwerkhäusern und eingeschossigen Häuser. Entstanden ist so ein unruhiges, vielgestaltiges und mannigfaltiges Straßenbild. Jedes Haus ist darin auf die Bedürfnisse und Lebensumstände seines Besitzers ausgerichtet. Im Erscheinungsbild äußert sich in der Anzahl der Geschosse ebenso wie im Aufbau der Fassade, der Neigung des Dachs oder der Wahl des Baumaterials.

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In diesem Zusammenhang kommt den gestalterisch abgesetzten Wandflächen eine besondere Bedeutung zu. Diese Wandflächen unterscheiden sich zumeist durch einen verringerten gestalterischen Aufwand und durch die Farbigkeit von der eigentlichen Fassade. Sie unterstreichen die symmetrische Komposition der Fassadenfläche und ermöglichen es, die geschlossene Blockrandbebauung beizubehalten und einzelne Häuser trotzdem in ihrem individuellen Erscheinungsbild hervorzuheben. Derartige Wandflächen finden sich sowohl an den um 1800 in Zehdenick, Lindow und anderen Städten Brandenburgs errichteten Häusern als auch in den Schriften und Entwürfen Bersons. Diese charakteristische Aufteilung der straßenseitigen Hauswand tritt so auffallend im Umkreis Bersons auf, daß man sie wohl als dessen Schöpfung ansehen muß. Doch findet Berson mit diesem Motiv nur eine weitere Lösung für ein offensichtlich virulentes Problem der Fassadengestaltung des bürgerlichen Wohnhauses. Überblickt man die im Umkreis der Berliner Baubehörden um 1800 entstandenen Entwürfe und ausgeführten Bauten, so fällt gerade bei den Bürgerhäusern die gestiegene Anwendung der Symmetrie auf. Beispielhaft sei an die enorme Bedeutung der Risalite erinnert, für die Heinrich Karl Riedel in seiner Sammlung architektonischer […] Verzierungen eine auffallend große Zahl von Vorbildern liefert. Über die mitunter etwas mühsam wirkende, betont symmetrische Gestaltung jeder einzelnen Fassade versuchten die Baumeister der königlichen Bauverwaltung das Streben nach einem individuelleren Ausdruck des einzelnen Hauses umzusetzen und dabei zugleich die geschlossene Blockrandbebauung beizubehalten. So zeigen die abgesetzten Wandflächen Bersons letztlich besonders deutlich, wie sehr dieser Individualisierungsschub im Bürgerhausbau noch von der staatlichen Bauverwaltung bestimmt und von den gesellschaftspolitischen Vorstellungen des Staates geprägt blieb. Diese obrigkeitlich verordnete Individualisierung prägt auch den Fassadenschmuck der Zehdenicker Häuser. Letztlich ist deren Gestaltung, die auf vergleichsweise hohem Niveau den in Berlin entwickelten neuen klassizistischen Formenapparat in die Provinzialstadt überträgt, als Erfolg der königlichen Bauverwaltung anzusehen. Die Fassaden der Zehdenicker Bürgerhäuser stehen damit exemplarisch für einen im Oberbaudepartement um 1800 entwickelten ‚Provinzialklassizismus’. Mit diesen auf die Verhältnisse der provinzialstädtischen Bürgerschaft und die handwerklichen Fertigkeiten der dortigen Bauhandwerker abgestimmten Fassaden wollte man über die Baukultur schließlich auch Geschmack und Cultur der Bewohner der kleineren Städte heben.

Bei den Grundrissen fällt zunächst die Zunahme von Größe und Anzahl der Räume und die beginnende Separierung der Verkaufs- und Arbeitsbereiche vom eigentlichen, mehr und mehr als privat angesehenen Wohnbereich auf. Dennoch bleiben auch die Grundrisse von der über 150 Jahre eingeübten Entwurfsroutine der königlichen Baubeamten bestimmt. Wie Lietzmann und Wöhner folgen auch Brasch junior und der Liebenwalder Baumeister Müller nach wie vor den in der Bauverwaltung üblichen Entwurfsprinzipien, die schon die Templiner Bürgerhausgrundrisse prägten.

Im Überblick über die Entwicklung des Bürgerhauses in Brandenburg vom Ende des 17. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts zeigt sich eine gleichbleibende Prägung durch obrigkeitliche Einflußnahme. Die Feuersicherheit der Baumaterialien steht dabei gemeinsam mit der Durchsetzung rationaler Ordnungsstrukturen an erster Stelle. An der Fassade äußert sich der obrigkeitliche Einfluß vor allem in Traufständigkeit, Symmetrie, Axialität und Reduzierung der Verzierungen. Im Grundriß bewirkt er eine auf Funktionstrennung und Luftzirkulation ausgerichtete Anordnung rechteckiger Räume. Diese Feststellung gilt nicht nur für die im Zentrum dieser Untersuchung stehende Ausnahmesituation des Wiederaufbaus nach einem großen Flächenbrand. Die bürokratische Verfaßtheit der preußischen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts sicherte den obrigkeitlichen Vorstellungen vom stadtbürgerlichen Wohnhausbau über den gesamten Untersuchungszeitraum und auch jenseits der großen Retablissements eine große Durchsetzungskraft. Der Erfolg der zunächst obrigkeitlich eingeführten neuen Bauformen des Bürgerhauses läßt sich auf Seiten der Bürger im wesentlichen auf die tatsächlichen Vorzüge der neuen Häuser und den geringen Spezialisierungs- und Technisierungsgrad der provinzialstädtischen Wirtschaft in der Kurmark zurückführen. Das völlige Fehlen von nachweisbaren Protesten gegen die bauliche Gestalt der neuen Häuser läßt darauf schließen, daß die Bürger die Verbesserungen auf dem Gebiet der Hygiene (Belichtung und Durchlüftung der Räume), der Feuerung (Feuersicherheit, Lage und Funktionstüchtigkeit) und auch der Raumaufteilung akzeptierten. Auch gegen die Einordnung des einzelnen Hauses in übergreifende städtebauliche Gestaltungsmuster und die dadurch fremdbestimmte Gestaltung der Fassaden regte sich kein Widerspruch. Da die neuen Häuser zudem groß genug bemessen waren, um den wenigen Utensilien provinzialstädtischer Wirtschaft angemessenen Raum zu geben, hatten die Bürger auch von dieser Seite keinen Grund, sie abzulehnen. Bis weit ins 19. Jahrhundert wurde die Übernahme regionaler Bauformen oder die unabhängige Ausprägung neuer Bauformen somit vom obrigkeitlichen Einfluß überlagert. Die dabei entstanden Grundmuster bürgerlichen Wohnhausbaus wurden spätestens zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch unabhängig von staatlicher Einflußnahme tradiert.

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Abschließend bleibt festzuhalten, daß die einfachen Grundformen des im 18. Jahrhundert in der Kurmark etablierten provinzialstädtischen Bürgerhauses noch heute eine grundlegende Bedeutung für die Kulturlandschaft Brandenburg besitzen. Sie sind in mehrfacher Hinsicht der konstitutive Baustein der für so viele märkische Städte stadtbildprägenden Modernisierungsphase des Zeitalters des Barock. Mit ihren grundlegenden Gestaltungsprinzipien sind sie dabei Bestandteil einer seit dem 16. Jahrhundert ganz Europa überziehenden städtebaulichen und architektonischen Modernisierungswelle. In ihrer spezifischen Ausprägung stehen sie für die vom preußischen Staat geprägte Bautradition. Durch ihre Bindung an den einzelnen Stadtbürger, dessen unverzichtbarer Besitz Haus und Parzelle über Jahrhunderte blieben, sind die Bürgerhäuser mit all ihren baulichen Veränderungen schließlich das umfassendste ‚Archiv’ der Geschichte jeder einzelnen Stadt. Im derzeitigen, von der Schrumpfung gerade der kleineren Städte geprägten fundamentalen Umstrukturierungsprozeß auch der brandenburgischen Städtelandschaft wird dem kleinstädtischen Bürgerhaus eine Schlüsselrolle zufallen.


Fußnoten und Endnoten

630  Strecke 2000, S. 29ff, hier S. 39.



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23.01.2007