Bartels, Anna-Maria : Durchflußzytometrische Untersuchungen zur zellulären Pharmakokinetik von freiem und liposomal verkapseltem Daunorubicin

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Kapitel 6. Zusammenfassung

Das Anthrazyklin Daunorubicin ist ein häufig angewandtes Zytostatikum in der Behandlung von hämatologischen Erkrankungen. Das Auftreten von schwerwiegenden Nebenwirkungen wie der Kardiotoxizität und zunehmende Resistenzentwicklung bei der Therapie mit freiem Daunorubicin führte zur Entwicklung des liposomal verkapselten Daunorubicins, genannt Daunoxome. Von einigen Autoren werden weniger Nebenwirkungen, besonders vermindertes Auftreten der Kardiotoxizität, und ein verbessertes Wirksamkeitsprofil für dieses liposomal verkapselte Daunorubicin beschrieben.

Dies wäre für die zytostatische Therapie maligner Erkrankungen von zentraler Bedeutung. Um neuere Erkenntnisse über die Wirksamkeit der beiden Anthrazykline zu erlangen, spielt es eine große Rolle, deren Grundlage, die zelluläre Pharmakokinetik, zu verstehen. Aus diesem Grund wird in dieser Arbeit die zelluläre Pharmakokinetik mit Invasion, Evasion, intrazellulärer Verteilung, einschließlich der Apoptoseinduktion von freiem und liposomal verkapseltem Daunorubicin, ermittelt und miteinander verglichen. Der Vergleich erfolgt in vitro mittels durchflußzytometrischer Messungen zur Invasion, Evasion und der Apoptoseinduktion bei suspendierten CEM-Zellen nach Inkubation mit freiem oder liposomal verkapseltem Daunorubicin über einen Zeitraum von 9 Stunden. Hierbei wird die Konzentration am Wirkort ermittelt, die durch die intrazelluläre Konzentration (Fluoreszenzintensität) determiniert wird. Die untersuchten extrazellulären Konzentrationen liegen bei 1 µg/ml, 5 µg/ml und 10 µg/ml. Zusätzlich werden die morphologischen Veränderungen während des Apoptoseprozesses lichtmikroskopisch festgehalten.

Der Vergleich der intrazellulären Verteilung der beiden Substanzen erfolgt durch lasermikroskopische Aufnahmen von CEM-Zellen, die der Exposition von Daunorubicin oder Daunoxome in der Endkonzentration 5 µg/ml bis zu 24 Stunden ausgesetzt sind.

Bei den Messungen zur Invasion der beiden Substanzen zeigt sich, dass freies Daunorubicin in allen drei Konzentrationen rasch in die Zellen einströmt und nach 180 min ein Plateau erreicht. Dabei folgt die Invasion einer Sättigungskinetik (negative e-Funktion).

Liposomal verkapseltes Daunorubicin strömt deutlich langsamer in die Zellen ein und erreicht in der gewählten Versuchszeit kein Plateau. Nach 540 min kommt es allerdings zur Angleichung der maximal erreichten Konzentration beider Substanzen. Die Invasionskinetik von Daunoxome beschreibt einen sigmoiden Verlauf, weshalb auf eine zweiphasige Aufnahme der Substanz geschlossen werden könnte. Erst nach einer


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lockeren Bindung von Daunoxome an die Zellmembran könnte es zur vollständigen Aufnahme und dadurch zur messbaren intrazellulären Anreicherung kommen.

Für beide Substanzen stellt sich eine deutliche Konzentrationsabhängigkeit der Einstromgeschwindigkeiten und ein linearer Zusammenhang dar. Die hohen extrazellulären Konzentrationen beider Substanzen erreichen im Vergleich zu den niedrigeren Konzentrationen die schnellsten Invasionsgeschwindigkeiten und die höchsten intrazellulären Konzentrationen.

Diese Ergebnisse werden durch die lasermikroskopischen Untersuchungen zur intrazellulären Verteilung unterstützt. Freies Daunorubicin reichert sich rascher intrazellulär an, auch die Fluoreszenz im Kern nimmt deutlich schneller zu. Liposomal verkapseltes Daunorubicin reichert sich verzögert nukleär an, erreicht aber über die Zeit von 24 Stunden ebenso hohe Fluoreszenzwerte wie freies Daunorubicin. Diese unterschiedlichen Daten könnten durch die verschiedenen Aufnahmemechanismen erklärt werden, wobei Daunorubicin mittels passiver Diffusion einströmt und Daunoxome durch einen Endozytoseprozess intrazellulär aufgenommen werden könnte.

Im Vergleich dieser Daten der Invasion und der intrazellulären Verteilung zu den Ergebnissen anderer Autoren besteht Einigkeit darin, dass freies Daunorubicin anfangs rascher in die Zellen einströmt, intrazellulär akkumuliert und damit potenter ist als liposomal verkapseltes Daunorubicin. Einige Autoren weisen allerdings nach einer längeren Versuchsdauer höhere intrazelluläre Konzentrationen von Daunoxome nach und damit eine Umkehr der Zytotoxitität über die Zeit. In dieser Arbeit kommt es lediglich zu einer Angleichung der maximal erreichten Konzentrationen. Diese Differenzen sollten anhand von weiterführenden Versuchen überprüft werden.

Bei den Versuchen zur Evasion zeigt sich, dass freies Daunorubicin biphasisch ausströmt und liposomal verkapseltes Daunorubicin monophasisch. Dies lässt sich vermutlich durch unterschiedliche Verteilungsmodelle der Substanzen erklären. Während für Daunorubicin ein offenes 2-Kompartiment-Modell sprechen könnte, scheint Daunoxome sich in einem offenen 1-Kompartiment-Modell zu verteilen, wodurch die unterschiedlichen Evasionskinetiken zu erklären sind. In anderen vergleichbaren Arbeiten konnten ebenfalls ein biphasischer Ausstrom für freies Daunorubicin und eine monophasische Evasion für liposomal verkapseltes Daunorubicin nachgewiesen werden.

Für die zelluläre Pharmakokinetik ist auch die Apoptoseinduktion durch die Substanzen als Parameter der Pharmakodynamik und damit der Wirksamkeit von großem Interesse. Es zeigt sich, dass die Inkubation mit freiem Daunorubicin deutlich früher zur Apoptoseinduktion führt als die Exposition mit liposomal verkapseltem Daunorubicin. Nach einer längeren Versuchszeit kommt es aber zu einer Angleichung der


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Apoptoseraten. Für beide Substanzen ist damit eine Konzentrationsabhängigkeit nachzuweisen. Die hohen extrazellulären Konzentrationen induzieren vermehrt und vor allem rascher Apoptose im Vergleich zu den niedrigeren.

Dies lässt sich erklären, wenn die Apoptoseinduktion im Zusammenhang mit der Invasion und der intrazellulären Verteilung der beiden Substanzen gesehen wird. Freies Daunorubicin invadiert die Zellen schneller und verteilt sich rasch intrazellulär. Dadurch kann auch die Apoptoseinduktion durch Daunorubicin rasch erfolgen.

Liposomal verkapseltes Daunorubicin strömt dahingegen verzögert in die Zellen ein und auch die Fluoreszenzintensität im Kern nimmt langsamer zu. Dadurch induziert Daunoxome anfangs weniger Apoptose. Über die Zeit erfolgt aber eine Angleichung sowohl der maximal erreichten Konzentrationen, als auch der Apoptoseraten beider Substanzen. Lichtmikroskopische Darstellungen der morphologischen Veränderungen während der Apoptose bestätigen, dass Apoptose stattgefunden hat.

Anhand der Daten dieser Arbeit zeigt sich, dass die Konsistenz der Invasionsergebnisse mit den Daten der Apoptoseexperimente dafür sprechen, dass die durchflußzytometrischen Messungen tatsächlich die pharmakologischen Parameter richtig darstellen. Daraus ergibt sich, dass die Kombination von Durchflußzytometrie und Mikroskopie eine geeignete Methode zur Bestimmung der Pharmakokinetik darstellen.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass liposomal verkapseltes Daunorubicin im Vergleich zu freiem Daunorubicin initial langsamer einströmt, akkumuliert und verzögert Apoptose induziert. Es erreicht aber nach einer längeren Expositionsdauer ebenso hohe maximale Konzentrationen und Apoptoseraten wie freies Daunorubicin. Um diese verzögerten Effekte auszugleichen, sind eine längere Halbwertzeit und anhaltend hohe extrazelluläre Konzentrationen von Daunoxome notwendig, welche von anderen Autoren bereits beschrieben wurden.

Daraus lässt sich die Schlussfolgerung ableiten, dass liposomal verkapseltes Daunorubicin auf zellulärer Ebene mindestens genauso wirksam ist wie freies Daunorubicin.


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Tue Nov 19 12:41:05 2002