Barth, Klaus: Funktionelle postoperative Befunde bei Patienten mit oropharyngealen Tumoren

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Kapitel 1. EINLEITUNG

Tumoren im Bereich der oberen Luft- und Speisewege weisen seit Jahren eine erhöhte Inzidenz und Mortalität auf, insbesondere die Häufigkeit der Karzinome im Bereich von Oropharynx und Mundhöhle nimmt kontinuierlich zu (Ambrosch 1996[ 3 ], Plesko et al. 1997[ 76 ]). Dieser Häufigkeitsanstieg wird hauptsächlich auf den zunehmenden Alkohol- und Nikotinabusus zurückgeführt. Die Therapie der Wahl ist die primäre Resektion der Tumoren, meist mit anschließender adjuvanter Radiatio (Shaha et al. 1997[ 93 ], Bier 1997[ 9 ]). Erstes Therapieziel ist die Resektion des Tumors mit einem ausreichendem Sicherheitsabstand im Gesunden. Insbesondere im Oropharynx, der Schnittstelle des Respirations- und Digestivtraktes, ist eine Tumorresektion im Gesunden teilweise nur durch Inkaufnahme funktioneller Einbußen zu erreichen. Die adjuvante Radiatio, die der Operation in fast allen Fällen folgt, führt häufig zu weiteren Funktionseinschränkungen. Aus diesen Einschränkungen können sich wiederum Probleme im sozialen Bereich mit teilweise erheblicher Minderung der Lebensqualität ergeben.

In der vorliegenden Arbeit wurden die operativ und radiogen bedingten Funktionsstörungen der Komplexe Schlucken und Sprechen untersucht. Ziel der Untersuchung war die Überprüfung der postoperativen funktionellen Ergebnisse bei Patienten, die in der Hals-Nasen-Ohren-Klinik der Charité wegen oropharyngealer Karzinome im Zeitraum März 1990 bis Mai 1998 behandelt worden waren. Mögliche Abhängigkeiten der funktionellen Befunde von der Tumorausdehnung und vor allem von der Operationsmethode wurden überprüft. Die Bewertung der Sprachverständlichkeit erfolgte anhand dreier unterschiedlicher Tests, die hinsichtlich der Vergleichbarkeit ihrer Ergebnisse untersucht wurden.

1.1 Oropharyngeale Karzinome

Weltweit stehen die Malignome der Mundhöhle und des Oropharynx mit 6% an der 6. Stelle aller Tumorerkrankungen, bei Männern mit 7,9% sogar an der 4. Stelle (Rudert 1992[ 87 ]). Von den Malignomen des Oropharynx sind nach einer in den Niederlanden durchgeführten Multi-Center-Studie (Mak-Kregar et al. 1995[ 62 ]) 58% in der Tonsillenregion, 28% im Zungengrund, 10% am weichen Gaumen bzw. an der Uvula und 4% an der Oropharynx-Hinterwand lokalisiert. Im Kopf-Hals-Bereich stellen die Tonsillenkarzinome die dritthäufigste


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Tumorentität nach den Schilddrüsen- und Kehlkopfmalignomen dar (Guay et al. 1995[ 35 ]). Bei Stellung der Erstdiagnose werden gemäß der TNM-Klassifikation (Hermanek et al. 1992[ 40 ]) die prognostisch ungünstigen Stadien III bei 30-44% und IV bei 29-47% der Patienten diagnostiziert, die prognostisch günstigeren Stadien I bei 6-7% und II bei 16-17% (Prozentangaben nach Berg 1992[ 8 ] und Mak-Kregar et al. 1996[ 61 ]). Die meisten Patienten stellen sich demnach mit Tumoren vor, die eine ausgedehnte Resektion notwendig machen. Nach Pugliano et al. (1997)[ 78 ] liegt für Patienten mit oropharyngealen Karzinomen die 5 Jahres-Gesamtüberlebenswahrscheinlichkeit bei etwa 38%; werden die Patienten nach den Stadien der TNM-Klassifikation unterschieden, liegt die 5 Jahres-Überlebenswahrscheinlichkeit für das Stadium I um 67%, für das Stadium II um 46% und für die Stadien III und IV je um 31%.

1.2 Operative Therapie

Für die operative Therapie stehen dem Kopf-Hals-Chirurgen heute eine Vielzahl von Möglichkeiten zur Verfügung, die selbst die Deckung sehr ausgedehnter Defekte möglich machen. Insbesondere die Fortschritte der plastisch rekonstruktiven Chirurgie haben zu einer größeren Variabilität der chirurgischen Möglichkeiten beigetragen. Zu nennen sind einerseits die gestielten Insellappen, wie beispielsweise der Pectoralis major-Lappen (Ariyan 1979[ 4 ]), der Latissimus dorsi-Lappen (Quillen 1979[ 79 ], Barton et al. 1989[ 6 ]), der Temporalis-Lappen (Bradly et al. 1981[ 16 ], Hüttenbrink 1986[ 44 ], Thomson et al. 1997[ 100 ]) oder der Masseter- und Wangenschleimhaut-Transpositionslappen (Maier et al. 1991[ 60 ]). Eine andere Variante stellen die freien, mikrovaskulär reanastomosierten Gewebetransplantate dar, wie beispielsweise der radiale Unterarmlappen (Soutar et al. 1986[95], Bootz et al. 1989[ 15 ], Bodin et al. 1994[ 12 ]), der Latissimus dorsi-Lappen (Watson et al. 1979[ 104 ], Bootz et al. 1992[ 14 ]), der myocutane Rectus abdominis-Lappen (Urken et al. 1991[ 101 ], Matsui et al. 1995[ 66 ]) oder das Jejunumtransplantat (Hester et al. 1980[ 41 ], Schulz-Coulon et al. 1985[ 92 ]). Eine große Zahl weiterer möglicher Transplantate, sowohl freier als auch gestielter, steht theoretisch zur Auswahl. Die Deckung der teilweise sehr ausgedehnten Resektionsdefekte ist demnach in fast allen Fällen technisch realisierbar, die Primärtumorgröße stellt also seltener als bisher einen limitierenden Faktor für eine chirurgische Therapie dar. Da bisher keine entscheidende Prognoseverbesserung im Sinne einer Überlebenszeitverlängerung durch die ausgedehnteren chirurgischen Resektionen mit plastischer Rekonstruktion nachgewiesen werden konnte (Coebergh et al. 1995[ 20 ], Bier 1997[ 9 ]), rücken die


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funktionellen Ergebnisse, respektive die Verbesserung der Lebens-qualität, in den Vordergrund.

1.3 Aero-Digestiv-Trakt

Beim Menschen dient der Aero-Digestiv-Trakt (Pharynx) der Atmung, der Nahrungsaufnahme und der Kommunikation. Mit der ökonomisch sinnvollen Entstehung eines Truncus communis bei den höheren Säugetieren wurden jedoch sehr differenzierte und leistungsfähige Mechanismen notwendig, um die zuverlässige Trennung der für das Leben unverzichtbaren Grundfunktionen Atmung und Nahrungsaufnahme sicherzustellen. Hierzu ist ein Ventilsystem erforderlich, welches das Öffnen und Schließen, Kopplung und Trennung von Teilräumen sehr exakt ermöglicht. Zufällig vermögen diese sehr komplexen Mechanismen auch Geräusche und Klänge zu erzeugen, die eine Voraussetzungen für die Entwicklung der Fähigkeit zur Kommunikation und später zu den Ausdruckscodes der Sprache lieferten (Wendler et al. 1996[ 105 ]). Den primären Funktionen des Pharynx wurde demnach im Laufe der phylogenetischen Entwicklung die sekundäre Funktion der Lautbildung hinzugefügt (Martin 1992[ 63 ]).

1.4 Schluckfunktion

Das Schlucken ist eine hochkomplexe Primärfunktion, die nach Neumann (1993)[ 70 ] täglich 580- bis 2000-mal erfolgt und zu den häufigsten Bewegungen des menschlichen Organismus zählt. Allein im oropharyngealen Bereich sind 26 Muskelgruppen, die über 5 Hirnnerven (N. trigeminus, N facialis, N. glossopharyngeus, N. vagus und N. hypoglossus) und 3 cervikale Nerven (C1 bis C3) innerviert werden, am Schluckvorgang beteiligt (Donner et al. 1985[ 29 ]). Der Schluckvorgang läßt sich in Anlehnung an Logemann (1988)[ 59 ] in 4 Phasen unterteilen: willkürlich beeinflußbar sind die orale Vorbereitungsphase (Aufnahme und Zerkleinerung der Nahrung, Bolusformung) und die orale Phase (Transport des Bolus in den Pharynx), als reflektorische Bewegungskette laufen die pharyngeale Phase (Bolustransport durch den Pharynx in den Oesophagus) und die oesophageale Phase (Bolustransport durch den Oesophagus in den Magen) ab. Grundsätzlich ist zur Gewährleistung eines perfekten Zusammenspiels aller Funktionen die strukturelle Intaktheit des gesamten beteiligten Organsystems erforderlich. Die Patienten sind jedoch in der Lage, funktionelle und substanzielle Defekte in unterschiedlichem Maße zu kompensieren und zu tolerieren.


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Bereits Anfang der 60er Jahre wurde durch Conley (1960)[ 22 ] der Zusammenhang zwischen der Ausdehnung der chirurgischen Resektion und Störungen der Schluckfunktion beschrieben. Aguilar et al. (1979)[ 1 ] berichten über 44 Patienten mit postoperativen Schluckstörungen nach oralen, pharyngealen und laryngealen tumorchirurgischen Eingriffen und die häufig erlernten, unterschiedlichen Tricks und Manöver zur Verbesserung der gestörten Schluckfunktion. Sie heben ebenfalls den Zasammenhang zwischen Resektions-ausdehnung und Grad der Schluckstörung hervor. Wächter et al. (1993)[ 102 ] führten bei gesunden Probanden mit Kunststoffplatten Immobilisationsversuche an Zunge und Mundboden durch. Sie betonen die Bedeutung der freien Beweglichkeit der Reststrukturen sowie der Vermeidung von Volumendefekten im Bereich des anterioren Mundbodens, um gute funktionelle Ergebnisse zu erzielen. Denk (1996)[27] faßte die neurologisch, operativ und radiogen bedingten Störungen zusammen, die zu einer oropharyngealen Dysphagie führen können, und zeigt Kompensations- und Trainingsmöglichkeiten für die Therapie auf. Kausal werden hierbei vor allem Mobilisations- und Faszilitationsübungen sowie die thermische Stimulation eingesetzt, kompensatorisch die Körper- und Kopfhaltung beeinflußt und spezielle Schluckmanöver erlernt.

Das Interesse der postoperativen Funktionsstudien gilt schon seit geraumer Zeit der Untersuchung möglicher Zusammenhänge zwischen funktionellem Behandlungsergebnis und Tumorgröße, TNM-Stadium, Resektions- und Rekonstruktionsmethode. Eine schwere Beeinträchtigung der Schluckfunktion nach Hemiglossektomien stellten Doberneck et al. (1974)[ 28 ] fest. Allison et al. (1987)[ 2 ] untersuchten 20 Patienten nach kombinierter Zungen- und Unterkieferteilresektion, die mit einem osteokutanen Leistenlappen plastisch-rekonstruktiv versorgt wurden, und fanden größtenteils zufriedenstellende Ergebnisse für die Ernährung mit flüssiger und breiiger Kost. Auch Hüttenbrink (1989)[ 43 ] fand bei 26 Patienten größtenteils gute funktionelle Ergebnisse nach Rekonstruktion oropharyngealer Resektionsdefekte mit dem Temporalis-Lappen. Bodin et al. (1994)[ 12 ] berichten über 100 Patienten, die nach Tumorresektionen in Mundhöhle und Pharynx mit Hilfe eines radialen Unterarmlappens plastisch-rekonstruktiv versorgt worden waren. Sie stellten eine Beziehung zwischen der Tumorgröße und dem Grad der postoperativen Beeinträchtigung der Schluck- und Sprechfunktion fest. Auch Colangelo et al. (1996)[ 21 ] beschrieben diesen Zusammen-hang zwischen funktioneller Beeinträchtigung und dem T-Stadium sowie dem Resektionsort anhand einer Studie, die 68 Patienten mit oralen und oropharyngealen Tumoren einschloß. Logemann et al. (1979)[ 57 ] und Pauloski et al. (1994)[ 74 ] fanden ebenfalls eine Zunahme der Schluckstörungen mit der Größe des Resektionsdefekt bei Patienten mit Tumoren der Mund


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höhle und des Oropharynx. Diese Untersuchungen zeigten außerdem eine Zunahme der Beeinträchtigung mit zunehmender Konsistenz (flüssig/breiig/fest) des Kontrastmittelbolus. Martini et al. (1997)[ 65 ] verglichen die postoperativen funktionellen Ergebnisse von 21 Patienten mit Oro- und Hypopharynxtumoren. Sie fanden keine signifikanten Unterschiede des Schweregrades der Schluckstörungen beim Vergleich der Operationsmethoden (plastische Rekonstruktion versus primärer Wundverschluß). Im Gegensatz hierzu gaben Schönweiler et al. (1996)[ 91 ], Pauloski et al. (1998)[ 75 ] und McConnel et al. (1998)[ 68 ] schlechtere funktionelle Ergebnisse nach plastischer Rekonstruktion als nach primärem Wundverschluß an. Unter den genannten Autoren herrscht weitgehender Konsens über den negativen Einfluß der zunehmenden Tumorgröße und des höheren T-Stadiums auf die postoperative Schluckfunktion. Zum Einfluß des Rekonstruktionsverfahrens (primärer Wundverschluß versus plastische Rekonstruktion) finden sich jedoch widersprüchliche Angaben.

Zur diagnostischen Klärung der postoperativen Schluckstörungen verwendete der größere Teil der Arbeiten die Röntgenkinematographie. Diese Wahl liegt darin begründet, daß nur röntgenkinematographisch aller vier Phasen des Schluckvorgangs beurteilt werden können (Wuttge-Hannig et al. 1993)[ 107 ]. Ein zusammenfassendes Maß für die Beurteilung der Schluckfunktion, die „oropharyngeale Schluckeffizienz“, beschrieben Rademaker et al. (1994)[ 80 ]. Anhand röntgenkinematographischer Studien konnten sie einen signifikanten Zusammenhang zwischen der oralen und pharyngealen Bolus-Transitzeit und dem Grad der Schluckstörung feststellen. Krappen et al. (1997)[ 53 ] beschreiben den Einsatz der Hochfrequenzkinematographie (mindestens 50 Bildern pro Sekunde) bei Patienten mit oropharyngealer Dysphagie nach tumorchirurgischen Eingriffen. Sie fanden größtenteils nur geringe Beeinträchtigungen der Schluckfunktion nach plastischer Rekonstruktion von Velum- und Zungengrunddefekten.

Alternativ zur Dysphagiediagnostik mit den unterschiedlichen kinematographischen Techniken, hat sich vor allem in der Verlaufskontrolle und Therapie die videoendoskopische, transnasale Schluckdiagnostik etabliert, die Anfang der 90er Jahre von Bastian (1991)[ 7 ] erstmals vorgestellt wurde. Durch Untersuchungen von Langmore et al. (1991)[ 54 ] und Rosevear et al. (1991)[ 86 ] konnte die Validität der mittels Videoendoskopie erhobenen Befunde, gemessen an den Ergebnissen der Röntgenkinematographie, nachgewiesen werden. Brehmer et al. (1999)[ 17 ] beschrieben gute Erfahrungen beim Einsatz der videoendoskopischen Schluckdiagnostik zur Erkennung einer Aspiration bei Patienten nach ausgedehnten laserchirurgischen Eingriffen in Larynx und Pharynx. Denk et al. (1997)[26] weisen jedoch nach


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drücklich darauf hin, daß die videoendoskopische, transnasale Schluckdiagnostik keine Beurteilung der intradeglutitiven Phase zuläßt. Sie befürworten deshalb eine primäre röntgenkinematographische Beurteilung und anschließende videoendoskopische Befund- bzw. Therapiekontrollen.

1.5 Sprechfunktion

Neben der Beeinträchtigung der Schluckfunktion kommt es infolge der tumorchirurgischen Eingriffe im Vokaltrakt (Ansatzrohr) fast immer auch zu Veränderungen des Stimmklangs und des Sprechens. Im Ansatzrohr (supraglottischer Larynx, Hypopharynx, Oropharynx, Nasopharynx, Mundhöhle und Nasenhaupthöhle) erfolgt die Modulation des durch Schwingungen der Stimmlippen hervorgerufenen, reinen Kehlkopftons in stimmhafte Konsonanten und Vokale. Eine ausschlaggebende Bedeutung für den Stimmklang und die Artikulationsfähigkeit besitzen dabei die raschen Bewegungsfolgen der Lippen, des Unterkiefers, der Zunge und des Gaumensegels (Böhme 1997[ 13 ]). Erst das genau aufeinander abgestimmte Zusammenspiel einer ganzen Reihe von Ventilen (Lippensphinkter, linguovelarer Sphinkter, velopharyngealer Sphinkter, glottischer Sphinkter und modifizierbarer linguo-dentoalveolopalataler Sphinkter) ermöglicht die Produktion der drei akustischen Grundphänomene Ruhe, Klang und Geräusch (Wendler et al. 1996[ 105 ]).

Der Stimm- und Sprechrehabilitation nach operativen Eingriffen am Larynx widmeten sich bereits seit geraumer Zeit eine Vielzahl von Publikationen (Hyman 1955[ 45 ], McChoskey 1963[ 67 ], Hommerich et al. 1965[ 42 ], Curry 1977[ 23 ], Brusis et al. 1984[ 18 ]). Das Interesse der Funktionsstudien nach oralen und oropharyngealen Eingriffen wandte sich erst spät auch der Beeinträchtigung des Sprechens zu.

Durch die Resektion oropharyngealer Tumoren werden, in unterschiedlichem Ausmaß, vor allem die Beweglichkeit des Gaumensegels und der Zunge eingeschränkt. Logemann et al. (1993)[ 58 ] führten bei Patienten mit primärem Wundverschluß nach Resektion von Tonsillen- und Zungengrundtumoren eine Konversationsbeurteilung durch. Dabei wiesen sie insgesamt eine Verschlechterung der Sprachverständlichkeit nach, beim Vergleich zwischen erstem und drittem posterativen Monat kam es jedoch wieder zu einer Verbesserung der Sprachverständlichkeit. Auch Pauloski et al. (1993)[ 73 ] stellten eine signifikante postoperative Verschlechterung der Sprachverständlichkeit bei Patienten fest, die nach der Resektion von Zungenkörper- und Mundbodentumoren plastisch-rekonstruktiv versorgt wurden. Eine Verbesserung der Sprachverständlichkeit beim Vergleich zwischen erstem und drittem posterativen


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Monat ließ sich in dieser Patientengruppe nicht nachweisen, verwendet wurden eine Konversationsbeurteilung und der Fisher-Logemann Test of Articulation Competence (Fisher et al. 1971[ 32 ]). Ebenfalls anhand einer Konversationsbeurteilung und durch Verwendung des Fisher-Logemann Tests stellten McConnel et al. (1998)[ 68 ] bei plastisch-rekonstruktiv versorgten Patienten gegenüber Patienten nach primärem Wundverschluß eine größere Einschränkung der Artikulationsfähigkeit und Sprach-verständlichkeit fest. Schönweiler et al. (1996)[ 91 ] kamen zum gleichen Ergebnis, zur Beurteilung der Sprachverständlichkeit verwendeten sie den inversen Freiburger Sprachverständnistest. Das TNM-Stadium als Basis für einen Vergleich der postoperativen Sprachverständlichkeiten verwendeten Colangelo et al. (1996)[ 21 ]. Durch eine Konversationsbeurteilung konnten sie eine signifikant schlechtere Sprachverständlichkeit bei T4- gegenüber T1/2- und T4- gegenüber T3-Tumoren des Oropharynx feststellen. Wiederum anhand einer Konversationsbeurteilung und durch Verwendung des Fisher-Logemann Tests beschrieben Deleyiannis et al. (1997)[ 25 ] eine deutlich schlechtere Sprachverständlichkeit bei operierten im Vergleich zu primär bestrahlten Patienten mit oropharyngealen Karzinomen der Stadien III und IV. Die genannten Autoren geben übereinstimmend eine Verschlechterung der Sprachverständlichkeit mit zunehmender Tumorgröße bzw. TNM-Stadium an. Zum Einfluß des Resektions- und Rekonstruktionsverfahrens existieren bisher nur wenige Arbeiten, teilweise werden jedoch bessere Resultate für die primäre gegenüber der plastischen Rekonstruktion angegeben.

Zur Untersuchung der Sprachverständlichkeit kamen zunächst die klassischen, phoniatrischen Untersuchungen mit standardisierten Texten und Artikulationsprüfungen zur Anwendung (Teichgraeber et al. 1985[97], Allison et al. 1987[ 2 ], Flisek 1994[ 33 ]). Teilweise wurden Einschätzungen der Sprechbeeinträchtigung anhand der geführten Konversation vorgenommen (Logemann et al. 1993[ 58 ], Knapke 1995[ 49 ], Preminger et al. 1995[ 77 ]). Ein Problem dieser Untersuchungsmethoden liegt häufig in der subjektiven Bewertung des Testmaterials, die in der Regel nur durch einen, meist hochqualifizierten Hörer (Phoniater oder Logopäde) erfolgte. Diese Art der Auswertung gestattet nur eine eingeschränkte Reproduzierbarkeit und Vergleichbarkeit der Studien, zusätzlich entstehen Probleme im klinischen Alltag durch die Fokusierung auf eine oder wenige auswertende Personen. Deshalb versuchte man zunächst, bewährte audiologische Tests zu modifizieren, die zur Untersuchung des Sprechens in inverser Form angewendet wurden. So wurde beispielsweise der Freiburger Sprachverständnistest durch die Verwendung ähnlicher Phoneme erweitert, um Lerneffekte beim Hörer zu reduzieren, und der Blickkontakt zwischen Sprecher und Hörer verhindert (Zenner et al.


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1986[ 108 ]). Die zusätzliche Einbeziehung von Laienhörergruppen und die Präsentation der Sprechbefunde vom Tonband waren weitere eingeführte Veränderungen (Schönweiler et al. 1996[ 91 ], Schmelzeisen et al. 1996[ 89 ], Schliephake et al. 1998[ 88 ]). Zwei weitere Sprachverständnistests unter Störschall testeten Döring et al. (1992)[ 30 ] in der Klinik: Der Aachener Logatomtest ist ein speziell für die Hörgeräteanpassung und die Therapiekontrolle bei Cochlea-Implant-Patienten entwickelter Test, der die analytische Hörfähigkeit auf Phonemebene untersuchen soll; der „Dreinsilbertest“ stellt eine Modifikation des Freiburger Sprachverständnistests zum Nachweis von Störungen der auditiven Selektionsfähigkeit und der binauralen Hörverarbeitung dar. Im Bereich der Telekommunikationstechnologie wurden qualitativ hochwertige Tests zur Messung der Sprachübertragungsgüte verwendet, diese zeichnen sich durch eine verbesserte Reproduzierbarkeit und Vergleichbarkeit aus. Während der letzten Jahre wurden große Anstrengungen unternommen, diese Tests für medizinische Zwecke nutzbar zu machen (Kollmeier et al. 1988[ 5 1] und 1992[ 5 0], Jekosch 1992[ 46 ], Kliem et al. 1992[ 48 ], Sotschek 1992[ 94 ], Wesselkamp et al. 1992[ 106 ]). Während jedoch in der Audiologie bei der Anwendung der Tests bereits große Fortschritte erzielt wurden, befinden sie sich bezüglich des Nachweises einer sinnvollen Verwendbarkeit im Bereich der Diagnostik von Sprechstörungen noch in der Erprobung. Mit dem „Münchner Verständlichkeits-Profil“ steht ein weiteres Testverfahren für den Bereich der Dysarthriediagnostik zur Verfügung (Ziegler et al. 1992)[ 109 ], das jedoch aufgrund der hohen Anschaffungskosten der Anwendung in wenigen Zentren vorbehalten bleibt.

1.6 Fragebögen

Die subjektive Bewertung der Lebensqualität nach tumorchirurgischen Eingriffen durch den Patienten, stellt einen weiteren Schwerpunkt in der Literatur dar. Zur Beurteilung der Lebensqualität wurden diverse Frage- und Erhebungsbögen entwickelt, die bei Tumorerkrankungen im Allgemeinen und auch speziell bei Kopf-Hals-Tumoren eingesetzt werden. Alle bei Kopf-Hals-Tumorpatienten eingesetzten Fragebögen haben eine ähnliche Grundstruktur, erfragt werden vor allem Ernährungs- und Schluckschwierigkeiten, Sprech- und Stimmschwierigkeiten, Schmerzen sowie emotionale, soziale und physische Probleme. Bereits Mitte der achtziger Jahre entwickelten Teichgraeber et al. (1985[97] und 1986[ 96 ]) einen auf die funktionelle Analyse der Behandlung von Mundhöhlentumoren zugeschnittenen Fragebogen, sie fanden dabei eine gute Korrelation zu den erhobenen klinischen Befunden. Bjordal et al. (1992)[ 11 ] untersuchten 126 Patienten und Jones et al. (1992)[ 47 ] 48 Patienten mit dem um


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einen speziellen Kopf-Hals-Teil erweiterten EORTC (European Organization for Research into the Treatment of Cancer) - Fragebogen, der eine gute Beurteilbarkeit von Funktionsbeeinträchtigung und Lebensqualität erlaubt. Den Patienten werden 35 Fragen gestellt, diese sind anhand einer vierstufigen Skala zu beantworten. Auch in anderen Zentren wurden standardisierte Fragebögen entwickelt, wie der FACT-H&N (Functional Assessment of Cancer Therapy-Head and Neck subscale) - Fragebogen durch Cella et al. (1993)[ 19 ], der UW-QOL (University of Washington-Quality of Life) - Fragebogen durch Hassan et al. (1993)[ 39 ] oder der HN-QOL (Head and Neck-Quality of Life) - Fragebogen durch Terrell et al. (1997)[ 98 ]. Die Fragebögen unterscheiden sich hauptsächlich in der Anzahl der Fragen (FACT-H&N: 45, UW-QOL: 12, HN-QOL: 19), alle Tests sehen eine vier- bzw. fünfstufige Skala zur Bewertung der Fragen vor und werden von den Patienten beantwortet. List et al. (1990)[ 56 ] stellten mit dem PSS-HN (Performance Status Scale for Head and Neck Cancer) eine Befundskala vor, nach der sie die funktionellen Befunde von 181 Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren mit guten Ergebnissen auswerten konnten. Der PSS-HN bewertet drei Aspekte (Essen in der Öffentlichkeit, Sprachverständlichkeit und bevorzugte Nahrungsmittel) anhand mehrstufiger Skalen, die Beurteilung erfolgt durch den behandelnden Arzt.

D´Antonio et al. (1996)[ 24 ] verglichen drei Fragebögen (PSS-HN, FACT-H&N und UW-QOL) und List et al. (1996)[ 55 ] zwei Fragebögen (PSS-HN und FACT-H&N) zur Beurteilung der Lebensqualität und des Funktionsstatus, beide Gruppen fanden verläßliche und valide Ergebnisse bei Anwendung der untersuchten Fragebögen.

In der Literatur finden sich somit einige gut validierte Frage- und Erhebungsbögen zur Beurteilung der Lebensqualität und der funktionellen Befunde nach Tumorbehandlungen im Kopf-Hals-Bereich. Die umfangreichsten Daten mit über 500 untersuchten Patienten liegen dabei zum EORTC-H&N 35 vor (Rogers et al. 1998[ 85 ], Bjordal et al. 1999[ 10 ]).

In der vorliegenden Arbeit wurden die funktionellen Befunde nach operativer und adjuvanter strahlentherapeutischer Behandlung oropharyngealer Karzinome untersucht. Hierzu wurde ein hno-ärztlicher Status erhoben, eine Röntgenkinematographie des Schluckaktes angefertigt und ein Fragebogen sowie drei Tests zur Beurteilung der Sprachverständlichkeit verwendet.


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Thu Mar 29 14:16:22 2001