Barth, Klaus: Funktionelle postoperative Befunde bei Patienten mit oropharyngealen Tumoren

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Kapitel 4. DISKUSSION

Der größte Teil (63,1%) der oropharyngealen Karzinome war primär im Bereich der Tonsilla palatina lokalisiert. Insgesamt entsprachen die Lokalisationen der oropharyngealen Primärtumoren nahezu der von Mak-Kregar et al. (1995)[ 62 ] bei einer landesweiten Untersuchung in den Niederlanden festgestellten Verteilung. Die Tumorstadien, der in der vorliegenden Arbeit untersuchten Patienten, unterscheiden sich jedoch von den Literaturangaben (Berg 1992[ 8 ] und Mek-Kregar et al. 1996[ 61 ]). Der prozentuale Anteil des Tumorstadiums IV war mit 57% (29-47%) deutlich höher, der prozentuale Anteil der übrigen Tumorstadien III mit 28% (36-44%), II mit 13% (16-17%) und I mit 2% (6-7%) niedriger im Vergleich zu den Literaturangaben (Werte in Klammern). Diese Verschiebung resultiert wahrscheinlich aus der Tendenz, Patienten mit ausgedehnten Befunden eher in ein Klinikum der Maximalversorgung einzuweisen, während Tumoren geringerer Ausdehnung in fast allen Krankenhäusern behandelt werden.

Die postoperativen Untersuchungsergebnisse zeigten teilweise erhebliche funktionelle Beeinträchtigungen. Tendenziell waren die Patienten nach Tumortonsillektomien mit sekundärer Wundheilung (TTE/SW) geringer beeinträchtigt als die Patienten nach Oropharynxteilresektionen mit primärem Wundverschluß (OPT/PW) und nach Oropharynxteilresektionen mit plastischer Rekonstruktion (OPT/PR). Diese Ergebnisse stimmen mit den Beobachtungen von Conley (1960)[ 22 ], Logemann et al. (1979)[ 57 ] und Pauloski et al. (1994)[ 74 ] überein, daß mit einer Zunahme der Defektgröße zunehmende funktionelle Beeinträchtigungen verbunden sind. Dies gilt sowohl hinsichtlich der Schluckfunktion als auch hinsichtlich der Sprachverständlichkeit. Pauloski et al. (1998)[ 75 ] wiesen außerdem nach, daß ein nicht unerheblicher Teil der posttherapeutischen, funktionellen Beeinträchtigungen durch die adjuvante Radiatio verursacht werden (fibrotische Gewebeumwandlung, Hyposalivation). Auch bei den Patienten dieser Untersuchung wurden entsprechende Beschwerden bzw. Befunde festgestellt.

Fast die Hälfte der Patienten nach OPT/PW gab geringgradige, der größte Teil der Patienten nach OPT/PR mittelgradige Beschwerden beim Kauen an. Der größte Teil aller Patienten hatte keine Probleme beim Trinken, bei immerhin 41,7% der Patienten nach OPT/PR traten jedoch geringgradige Trinkschwierigkeiten auf. Fast alle Patienten nach TTE/SW konnten Normalkost zu sich nehmen, während die meisten Patienten nach OPT/PW und OPT/PR auf weiche oder seltener breiige Kost angewiesen waren.


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Die Beeinträchtigung der Schluckfunktion wurde von den meisten Patienten nach OPT/PW und nach OPT/PR mit geringgradig angegeben, nach TTE/SW waren die meisten Patienten beschwerdefrei. Boluskontrolle und Mundhöhlenentleerung waren röntgenkinematographisch bei den Patienten nach OPT/PW deutlich häufiger eingeschränkt als nach OPT/PR, fast alle Patienten nach TTE/SW waren diesbezüglich unauffällig. Ein nasopharyngealer Reflux trat häufiger bei Patienten nach OPT/PR als nach OPT/PW auf, jedoch nach Angaben der Patienten nur bei unkonzentriertem und hastigem Schlucken. Endoskopisch fand sich bei jeweils etwa 35% der Patienten nach OPT/PW und OPT/PR, sowie bei 12% der Patienten nach TTE/SW, ein insuffizienter Nasenrachenabschluß beim Schluckakt. Nachweisen ließ sich ein nasopharyngaler Reflux röntgenkinematographisch jedoch nur bei einer Patientin nach OPT/PR. Einige Patienten gaben an, bei unkonzentriertem und hastigem Schlucken gelegentlich zu aspirieren (nach OPT/PR etwas häufiger als nach OPT/PW), nur zwei Patienten aspirieren nach eigenen Angaben häufiger. Vom größten Teil der Patienten wird jedoch keine Aspiration berichtet. Im Gegensatz zu diesen Angaben war aber röntgenkinematographisch bei 14% der Patienten nach OPT/PW und 8% der Patienten nach OPT/PR eine Aspiration 3. Grades [konstantes Aspirationsvolumen >10% des Bolus bzw. gestörter Hustenreflex] nachweisbar. Bei 8% der Patienten nach OPT/PR wurde eine Aspiration 2. Grades [konstantes Aspirationsvolumen <10% des Bolus und erhaltener Hustenreflex] festgestellt (Einteilung nach Hannig et al. 1993[ 36 ]). Eine Aspiration 1. Grades [Aspiration des im Vestibulum und Ventriculus laryngis retinierten Materials bei erhaltenem Hustenreflex] fand sich nach TTE/SW bei 13,3%, nach OPT/PW bei 19% und nach OPT/PR bei 16,7% der Patienten. Mittel- bis hochgradige Beschwerden durch die hauptsächlich radiogen bedingte Xerostomie wurden von 78% der untersuchten Patienten beklagt, die Unterscheidung der Patienten nach den Operationsmethoden bzw. nach der Gesamtdosis der Bestrahlung ergab nur geringe Unterschiede zwischen den gebildeten Gruppen.

Die vorliegenden Ergebnisse zur Schluckfunktion zeigen einen deutlichen Unterschied im Grad der Beeinträchtigung zwischen den Patienten nach Tumortonsillektomien mit sekundärer Wundheilung und den Patienten nach Oropharynxteilresektionen mit primärem Wundverschluß bzw. mit plastischer Rekonstruktion. Zwischen den beiden letztgenannten Patientengruppen bestanden hinsichtlich der festgestellten Beeinträchtigung nur geringe Unterschiede. Aufgrund der fehlenden prätherapeutischen Randomisierung der Patienten bezüglich der Operationsmethode können diese Resultate jedoch nicht durch statistische Tests untermauert werden. Einen Vergleich der unterschiedlichen Rekonstruktionsmethoden nach


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der Resektion oropharyngealer Karzinome durch eine röntgenkinematographische Analyse der Schluckfunktion führten auch Colangelo et al. (1996)[ 21 ], McConnel et al. (1998)[ 68 ] und Martini et al. (1997)[ 65 ] durch. Colangelo et al. (1996)[ 21 ] stellten durch Untersuchung von 34 Patienten eine geringere Beeinträchtigung der Schluckfunktion nach primärem Wundverschluß als nach plastischer Rekonstruktion fest. Zum gleichen Ergebnis kamen McConnel et al. (1998)[ 68 ], die 27 Patienten, unterteilt in drei Gruppen (primärer Wundverschluß / lokale Lappenplastik / freie Lappenplastik) zu je 9 Patienten untersuchten. Die wenigsten Schwierigkeiten traten nach primärem Wundverschluß auf, nach lokaler bzw. nach freier Lappenplastik waren die Schluckprobleme ähnlich stark ausgeprägt. Im Gegensatz hierzu fanden Martini et al. (1997)[ 65 ] bei der Untersuchung von 21 Patienten keine signifikanten Unterschiede beim Vergleich des Grades der Beeinträchtigung der Schluckfunktion nach primärem Wundverschluß bzw. nach plastischer Rekonstruktion. Im untersuchten Patientenkollektiv der vorliegenden Arbeit fanden sich für diese beiden Gruppen gleichwertige funktionelle Ergebnisse, dies entspricht den Resultaten der Untersuchung von Martini et al. (1997)[ 65 ].

Als Folge der operativen und strahlentherapeutischen Behandlung gab der größte Teil der Patienten eine eingeschränkte allgemeine Belastbarkeit an. Viele der zum Zeitpunkt der Erkrankung noch berufstätigen Patienten schieden nach Abschluß der Primärtumorbehandlung aus dem Arbeitsleben aus. Dabei spielten sowohl physische als auch psychische Ursachen eine Rolle, außerdem wurde fast allen, wohl auch vor dem Hintergrund der besonders im Gebiet der ehemaligen DDR noch immer angespannten Arbeitsmarktlage, eine Frühberentung angeboten. Jüngere Patienten, die weiterhin berufstätig waren, klagten kaum über Belastbarkeitsprobleme im Beruf und in der Freizeit. Insbesondere alkoholkranke Patienten gaben eine erheblich geminderte Belastbarkeit an, die jedoch zu einem nicht unwesentlichen Anteil auf den fortgesetzten Alkoholabusus zurückzuführen sein dürfte. Die Einschränkung der allgemeinen Belastbarkeit war bei Patienten nach TTE/SW weniger stark ausgeprägt als bei den Patienten nach OPT/PW und nach OPT/PR; zwischen den beiden letztgenannten Gruppen bestanden nur geringfügige Unterschiede.

Schmerzen, vor allem im Schulter-Nacken-Bereichs, gaben 37% der Patienten mit geringgradig und 13% mit mittelgradig an, 50% der Patienten waren völlig schmerzfrei. Die Beeinträchtigung durch Schmerzen wurde von den Patienten der drei Therapiegruppen sehr ähnlich beurteilt. Die Primärtumorgröße und die verwendeten Operationsmethoden haben nur einen geringen Einfluß auf die Schmerzsymptomatik. Diese wird stärker durch die Radikalität der


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Neck dissection und den Ausprägungsgrad der Strahlenfibrose beeinflußt, die Patienten beschrieben hauptsächlich schmerzhafte Verspannungen, eine eingeschränkte Beweglichkeit und Narbenschmerzen im Schulter-Hals-Bereich. Betrachtet man hingegen die Häufigkeit der Schmerzmitteleinnahme als Gradmesser für die Beeinträchtigung durch Schmerzen, kann man folgern, daß bei Patienten nach TTE/SW weniger Schmerzen als bei Patienten nach OPT/PW bzw. OPT/PR auftreten.

61,7% der Patienten gaben keinerlei Beschneidung der Aktivitäten in der Öffentlichkeit an, weitere 32,4% der Patienten berichteten eine nur geringgradige Einschränkung, sie nennen hier vor allem den Verzicht auf Restaurantbesuche. Ein unverändertes Verhältnis zu den Familienangehörigen beschreiben 89,3% der Patienten, auch im Verhältnis zu Freunden und Fremden sehen die meisten Patienten (jeweils 93,4%) keine Veränderung. Lediglich drei Patienten gaben an, den Kontakt zu Freunden als Folge der Tumorerkrankung weitestgehend bzw. ganz abgebrochen zu haben.

Stimmliche Veränderungen stellen für den größten Teil der Patienten kein bzw. nur ein geringgradiges Problem dar. 56,9% der Patienten nehmen keine und 38,5% der Patienten nur eine geringgradige Veränderung des Stimmklangs wahr. Eine meist geringgradige Wetterabhängigkeit der Stimmklangsveränderungen stellen 20,9% der Patienten fest, während der größte Teil der Patienten (79,1%) keine derartigen Probleme angibt. Zwischen den drei Operationsgruppen zeigten sich bezüglich des Stimmklangs und der Wetterabängigkeit der Stimmklangsveränderungen nur geringe Unterschiede. Eine normale Belastbarkeit der Stimme gaben 64,7% der Patienten nach TTE/SW an, während 60% der Patienten nach OPT/PW und 58,3% der Patienten nach OPT/PR eine geringgradige Einschränkung berichteten. Die Probleme beim Sprechen werden von den Patienten selbst als schwerwiegender eingeschätzt. Während nach TTE/SW 47,1% der Patienten keine und 41,2% eine geringgradige Beeinträchtigung beschrieben, wurden nach OPT/PW von 40% geringgradige und von 36% mittelgradige, nach OPT/PR von 58,3% geringgradige und von 25% mittelgradige Schwierigkeiten angegeben. Die Sprechfunktion wird demnach von den Patienten nach OPT/PW etwas schlechter als nach OPT/PR beurteilt. Trotz der subjektiv teilweise deutlichen Probleme beim Sprechen, treten nach eigener Einschätzung beim größten Teil der untersuchten Patienten in der Familie (91,4%), unter Freunden (79,6%) und unter Fremden (69,5%) keine Verständlichkeitsprobleme auf. Die Abnahme der Verständlichkeit (FamilierarrFreunderarrFremde) läßt sich haupsächlich auf die unterschiedlich starke Sprechgewöhnung der jeweiligen Umgebung zurückführen. Am Telefon werden nach TTE/SW


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100%, nach OPT/PW nur 52% und nach OPT/PW 83,3% der Patienten problemlos verstanden. Von den Patienten nach OPT/PW geben immerhin 40% geringgradige Verständlichkeitsprobleme (vor allem häufigere Nachfragen) am Telefon an. Mittelgradige oder hochgradige Verständlichkeitsprobleme unter Freunden, unter Fremden und am Telefon (7,4% aller Patienten), traten nur nach OPT/PW und OPT/PR auf, zwischen den beiden Gruppen bestanden jedoch keine Häufigkeitsunterschiede. Der hohe Zufriedenheitsgrad der Patienten mit der postoperativen Sprachverständlichkeit ist einer der Gründe, daß nach Abschluß der Primärtherapie nur 9,3% der Patienten an einer logopädischen Sprechübungsbehandlung teilnahmen. Die Patienten gaben als Verzichtsgründe auch eine verminderte physische und psychische Belastbarkeit und die häufig sehr weiten Anfahrtswege an. Kritisch muß hier jedoch festgestellt werden, daß den Patienten teilweise die Sprechübungsbehandlung gar nicht erst angeboten wurde und die Anschlußheilbehandlung nicht regelmäßig für eine logopädische Therapie genutzt wird.

Ein Vergleich der vorliegenden Ergebnisse dieser Arbeit „A“ mit Angaben in der Literatur kann über die Ermittlung der Mittelwerte erfolgen, die für jede der Fragen errechnet wurden. Zum Vergleich lassen sich die Arbeiten von Rogers et al. (1998)[ 84 ] „R“ und Bjordal et al. (1999)[ 10 ] „B“ heranziehen, die die Lebensqualität bei insgesamt über 500 Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren mit dem EORTC-H&N 35 untersuchten. Die beiden Autoren nahmen keine Unterscheidung bezüglich des TNM-Stadiums oder der Operationsmethoden vor, deshalb ist nur ein Vergleich der Gesamtheit der hier untersuchten Patienten mit den Ergebnissen dieser Arbeiten möglich. Der Vergleich der Mittelwerte hinsichtlich einer Beeinträchtigung durch Schmerzen (A: 1,62 / R: 1,55 / B: 1,16) zeigen sich nur geringe Unterschiede. Da die Frage nach Schmerzmitteln bei Rogers et al. und Bjordal et al. nur dichotom (ja bzw. nein) beantwortet werden kann und sich ausschließlich auf die letzten 7 Tage bezieht, ergeben sich ebenfalls nur geringe Unterschiede, wenn man aus der vorliegenden Arbeit nur die Patienten mit häufiger und regelmäßiger Schmerzmitteleinnahme einbezieht (A: 0,74 / R: 1,08 / B: 0,72). Bjordal et al. fassen fünf Fragen zur Beeinträchtigung der Sozialkontakte unter einem Punkt zusammen, zieht man die entsprechenden Fragen der vorliegenden Arbeit bzw. bei Rogers et al. ebenfalls unter einem Punkt zusammen, ist wieder ein Vergleich der Arbeiten möglich. Die Mittelwerte zur Beeinträchtigung der Sozialkontakte aus den beiden letztgenannten Arbeiten weichen nur gering voneinander ab, Bjordal et al. stellen hingegen eine deutlich geringere Einschränkung der Sozialkontakte fest (A: 1,3 / R: 1,38 / B: 0,36). Auch zur Beurteilung des Sprechens und der Stimme werden von Bjordal et al. drei Fragen


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zusammengezogen, verfährt man wiederum ebenso mit den entsprechenden Fragen aus der vorliegenden Arbeit bzw. bei Rogers et al. kann ein Vergleich erfolgen. Die Mittelwerte zur Beeinträchtigung des Sprechens und der Stimme der beiden letztgenannten Arbeiten liegen wieder nahe beieinander, während Bjordal et al. eine etwas geringere Beeinträchtigung berichten (A: 1,28 / R: 1,4 / B: 0,76). Die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit zu Schmerzen, zur Einschränkung der Sozialkontakte und zur Beeinträchtigung der Stimme und des Sprechens entsprechen weitgehend denen der Arbeiten von Rogers et al. und Bjordal et al..

Die Untersuchung der Sprachverständlichkeit mit dem Inversen Freiburger Sprachverständnistest (iFST), dem Göttinger Satzverständlichkeitstest (GST) und dem Textverständlichkeitstest (TVT) ergab teilweise deutliche Verständlichkeitsunerschiede zwischen den untersuchten Gruppen. Die Ergebnisse des iFST zeigten die deutlichsten Unterschiede, die prozentuale, mediane Verständlichkeit lag in der Kontrollgruppe (KG) bei 89,5%, bei den Patienten nach TTE/SW bei 81%, nach OPT/PW bei 61% und nach OPT/PR bei 70,5%. Die Verständlichkeit für Einsilber war also nach plastischer Rekonstruktion deutlich besser als nach primärem Wundverschluß. Die Unterschiede zwischen den prozentualen, medianen Verständlichkeiten waren beim GST geringer ausgeprägt. Die Patienten nach TTE/SW erreichten eine Verständlichkeit von 95%, nach OPT/PR von 89,5% und nach OPT/PW von 89% (Kontrollgruppe 96,5%). Auch bei Anwendung des TVT waren die Verständlichkeitsunterschiede geringer ausgeprägt. Die mediane Verständlichkeit wurde nach TTE/SW mit 4,9, nach OPT/PW mit 4,4 und nach OPT/PR mit 4,3 Punkten beurteilt (Kontrollgruppe 5,0 Punkte; Skala von 1 [=schlechtester Wert] bis 5 [=bester Wert] Punkten). Erwartungsgemäß war bei Patienten nach Tumortonsillektomien mit sekundärer Wundheilung die Verständlichkeit am Besten, da die Operationsmethode nur einen relativ geringen Gewebedefekt verursacht und fast ausschließlich bei gut resektablen T1- und T2-Tumoren angewandt wurde. Beim Vergleich von plastischer Rekonstruktion und primärem Wundverschluß nach Oropharynxteilresektionen erreichen die Patienten nach plastischer Rekonstruktion eine bessere (iFST) bzw. gleichwertige (GST, TVT) Verständlichkeit. Diese Ergebnisse stehen im Widerspruch zu einigen Literaturangaben, die eine bessere Verständlichkeit bei Patienten mit primärem Wundverschluß als mit plastischer Rekonstruktion angeben. Logemann et al. (1993)[ 58 ] stellten durch den Vergleich ihrer Ergebnisse mit denen von Pauloski et al. (1993)[ 73 ] eine „durchgehend bessere Sprachverständlichkeit nach Tonsillen- und Zungengrundtumorresektionen mit primärem Wundverschluß gegenüber Zungen- und Mundbodenresektionen mit plastischer Rekonstruktion“ fest, „wobei in beiden Gruppen die gleichen


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Phoneme betroffen waren“. Schönweiler et al. (1996)[ 91 ] berichten, daß „lokale Defektdeckungen die Artikulation am geringsten beeinträchtigen“, hingegen „Dünndarmtransplantate und myo- oder fasziokutane Transplantate postoperativ eine viel stärkere Beeinträchtigung der Wortverständlichkeit zeigen“. Auch McConnel et al. (1998)[ 68 ] stellten die Behauptung auf, daß „aus dem primären Wundverschluß eine gleiche oder bessere Funktion als aus Lappenrekonstruktionen resultiert, bei Patienten mit vergleichbarem Resektionsort und vergleichbarem resezierten Zungen- und Zungengrundanteil“. Eine schlechtere Verständlichkeit bei Patienten nach plastischer Rekonstruktion gegenüber Patienten nach primärem Wundverschluß stellten auch Colangelo et al. (1996)[ 21 ] und Pauloski et al. (1998)[ 72 ] fest, sie betonen dabei jedoch die Bedeutung des erzeugten Gewebedefekts. In beiden Studien lag das resezierte Gewebevolumen bei Patienten nach plastischer Rekonstruktion deutlich über dem bei Patienten mit primärem Wundverschluß (Verhältnis bis zu 2,2:1), zusätzlich war der resezierte Zungenanteil größer.

Die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit zeigen, auch wenn aufgrund der Gruppengrößen Vorsicht vor einer Verallgemeinerung geboten ist, daß nach Resektion oropharyngealer Tumoren durch die plastische Rekonstruktion zumindest gleichwertige funktionelle Resultate im Vergleich zum primären Wundverschluß erzielt werden können. Diese Ergebnisse werden trotz meist deutlich größerer Gewebedefekte erreicht, so liegt bei den Patienten dieser Arbeit das durschnittliche Resektionsvolumen im Bereich des Zungengrundes (TTE/SW: 0,97% / OPT/PW: 19,28% / OPT/PR: 27,72%) und des Velums (TTE/SW: 11,72% / OPT/PW: 22,63% / OPT/PR: 38,86%) bei plastischer Rekonstruktion deutlich höher als bei primärem Wundverschluß. Gebietet die Lokalisation und Ausdehnung des Primärtumors die Resektion größerer Teile der funktionell wichtigen Strukturen des Oropharynx (vor allem Zunge, Zungengrund und Velum), sollte die Rekonstruktion durch ein adäquat ausgewähltes Transplantat erfolgen. Das Spektrum der plastisch-rekonstruktiven Chirurgie bleibt somit auch weiterhin ein unverzichtbarer Bestandteil des operativen Repertoires der Kopf-Hals-Chirurgie.

Mit dem inversen Freiburger Sprachverständnistest (iFST), dem Göttinger Satzverständlichkeitstest (GST) und dem Textverständlichkeitstest (TVT) wurde die Verständlichkeit der Sprache untersucht. Der inverse Freiburger Sprachverständnistest wurde ausgewählt, weil er sich nach Einführung durch Zenner et al. (1986)[ 108 ] in mehreren Studien zur Messung der Sprachverständlichkeit bewährt hat (Schmelzeisen et al. 1996[ 89 ], Schönweiler et al. 1996[ 91 ], Schliephake et al. 1998[ 88 ]). Der Göttinger Satzverständlichkeitstest (Wessel


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kamp et al. 1992[ 106 ]) hat sich bei der Messung der Sprachübertragungsgüte in der Fernmeldetechnik bewährt und wurde bereits erfolgreich für sprachaudiometrische Untersuchungen eingesetzt (Kollmeier et al. 1997[ 52 ]). Der Textverständlichkeitstest verwendet den zur Dokumentation von Stimm- und Sprachbefunden in der Charité etablierten Text „Gleich am Walde....“. Die aufgezeichneten Sprachbefunde wurden in Anlehnung an die Empfehlung von Preminger et al. (1995)[ 77 ] zur Beurteilung der Konversations-verständlichkeit ausgewertet, die eine Bewertung anhand der Dimensionen Verständlichkeit, Klang, Höranstrengung, Lautstärke und Gesamteindruck vorschlägt. Die Beurteilung der Konversationsverständlichkeit hat sich neben der Satz-Version des Fisher-Logemann Tests of Articulation Competence unter anderem in den bereits erwähnten Studien von Logemann et al. (1993)[ 58 ], Pauloski et al. (1993)[ 73 ], Colangelo et al. (1996)[ 21 ] und McConnel et al. (1998)[ 68 ] bewährt.

Durch graphische Ergebnisdarstellung in Q-Q-Plots und Anwendung des Kolmogorov-Smirnov-Tests auf Normalverteilung konnten für alle drei Tests normalverteilte Werte nachgewiesen werden. Die statistische Analyse der angewandten drei Tests durch graphische Darstellung in Streudiagrammen und Berechnung der Korrelationskoeffizienten nach Spearman und Pearson zeigte eine positive Korrelation der Ergebnisse untereinander. Die Verständlichkeitsunterschiede wurden jeweils adäquat wiedergegeben. Die geringeren Verständlichkeitsunterschiede bei den Untersuchungen mit dem GST und dem TVT gegenüber dem iFST sind auf den Kontexteffekt bei der Spracherkennung von Sätzen zurückzuführen (Züst et al. 1993)[ 110 ]. Dies entspricht auch den Untersuchungen von Miller et al. (1951)[ 69 ], die eine bis zu 30%-ige Verständlichkeitsverbesserung feststellten, wenn isolierte Wörter in einen Textzusammenhang eingefügt werden. Die geringeren Verständlichkeitsunterschiede bei der Verwendung von Sätzen statt Einsilbern, führten auch Zenner et al. (1986)[ 108 ] auf den Kontexteffekt zurück. Der inverse Freiburger Sprachverständnistest arbeitet zwar die Verständlichkeitsunterschiede zwischen den Patienten am deutlichsten heraus, seine Konzeption entspricht aber am wenigsten einer alltäglichen Gesprächssituation. Die Verständlichkeit in Alltagssituationen spiegeln der Göttinger Satzverständlichkeitstest und der Textverständlichkeitstest besser wider, dies geht jedoch zu Lasten deutlicherer Verständlichkeitsunterschiede. Gemeinsam ergeben die Tests ein vollständiges Bild zur Beurteilung der Sprachverständlichkeit. Dabei ist der iFST beispielsweise zur Kontrolle von Fortschritten in der Sprechrehabilitation besser geeignet, während GST und TVT ein genaueres Bild der tatsächlichen Verständlichkeit im Alltag wiedergeben.


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Durch die vorliegende Untersuchung konnten bei den untersuchten Patienten gleichwertige funktionelle Ergebnisse nach Oropharynxteilresektionen mit primärem Wundverschluß bzw. mit plastischer Rekonstruktion festgestellt werden. Diese Ergebnisse stehen im Widerspruch zu einem Teil der Literaturangaben, die nach plastischen Rekonstruktionen schlechtere funktionelle Ergebnisse fanden. Die Untersuchung konnte außerdem nachweisen, daß die angewandten drei Sprachverständlichkeitstest für die Beurteilung der Verständlichkeit nach tumorchirurgischen Eingriffen im Oropharynx geeignet sind.

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Thu Mar 29 14:16:22 2001