Zusammenfassung

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Es ist bekannt, dass Fehlgeburten nachhaltige seelische Folgen für die Betroffenen haben und sich auf den Verlauf einer neuen Schwangerschaft auswirken können. Die psychischen und körperlichen Belastungen von Schwangeren mit zurückliegenden Fehlgeburten sind bislang jedoch nur vereinzelt untersucht worden. In der vorliegenden Untersuchung werden 342 Frauen nach Frühaborten jeweils wenige Wochen, ein halbes und ein Jahr nach dem Ereignis der Fehlgeburt schriftlich befragt. 108 dieser Frauen wurden innerhalb des Untersuchungszeitraums erneut schwanger und beantworteten in jedem Schwangerschaftstrimenon einen weiteren Fragebogen. Parallel werden Daten einer Vergleichsgruppe von 248 anamnestisch nicht belasteten Gravidae erhoben. Die Symptomatik in der neuen Schwangerschaft wird über standardisierte Erhebungsinstrumente (Depressivitätsskala und Beschwerdenliste von von Zerssen, 1976; State-Trait-Angstinventar, Laux et al., 1989) und spezifische Verfahren zur Erhebung von schwangerschaftsspezifischen Ängsten, subjektiven Schwangerschaftsbeschwer-den und Komplikationen im Schwangerschaftsverlauf erfasst. Knapp ein Fünftel aller Teilneh-merinnen der Untersuchung (17,4%) entwickelt nach dem Schwangerschaftsverlust eine pathologische Trauer mit noch sechs Monate nach der Fehlgeburt anhaltenden depressiven und Trauersymptomen. Im ersten Trimenon einer neuen Schwangerschaft sind Frauen nach Fehlgeburten stärker durch schwangerschaftsbezogene und – vor Überschreiten des kritischen Zeitpunktes der zurückliegenden Fehlgeburt(en) – situative (State-) Ängste belastet als Schwangere ohne Fehlgeburtsanamnese. Sie haben ein erhöhtes Risiko für das Auftreten von Blutungen und klagen häufiger über Schwangerschaftsbeschwerden. Das Befinden der Frauen im ersten Trimenon einer neuen Schwangerschaft lässt sich durch Verarbeitungsprozesse nach der Fehlgeburt und Bewältigungsmuster in der neuen Schwangerschaft vorhersagen. Frauen, die nach einer Fehlgeburt Verarbeitungsmuster in Form einer depressiven oder pessimistisch-traurigen Verarbeitung zeigen, haben ein erhöhtes Risiko, eine pathologische Trauer mit sich etablierender chronischer Symptomatik zu entwickeln, und sind auch in einer neuen Schwan-gerschaft hinsichtlich Ängsten und depressiven Störungen gefährdet. Eine aktive Auseinander-setzung mit der Schwangerschaft hingegen hat eine protektive Wirkung hinsichtlich des Befindens der Frauen in einer neuen Schwangerschaft. Vermeidendes Verhalten in der Schwangerschaft steht bei den befragten Frauen in engem Zusammenhang mit einer ausgepräg-ten psychischen und körperlichen Symptomatik. Die Ergebnisse werden im Hinblick auf die Betreuung der Frauen nach dem Abort und in einer neuen Schwangerschaft diskutiert.


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24.07.2006