1 Einführung

▼ 1 (fortgesetzt)

Gynäkologen und Gynäkologinnen sehen sich in ihrer Praxis relativ häufig mit frühen, ungewollten Schwangerschaftsverlusten in Form von Fehlgeburten konfrontiert, denn ungefähr jede fünfte bis sechste Schwangere ist davon betroffen. Obwohl bekannt ist, dass auch so frühe Schwangerschaftsverluste nachhaltige seelische Folgen für die Betroffenen haben können, steht bislang keine ausreichende Betreuung zur Verfügung, die auch die emotionale Situation der Frauen aufgreift. Das gilt vor allem für die Betreuung und Behandlung der Frauen in einer nachfolgenden Schwangerschaft, auf die sie weitaus häufiger als andere Schwangere mit Störungen des psychischen Gleichgewichts reagieren.

In Hinblick auf die Folgen von Fehlgeburten für das seelische und körperliche Befinden der Frauen in einer neuen Schwangerschaft und deren Verlauf besteht großer Forschungsbedarf. Um Schwangeren mit früheren Fehlgeburten neben der rein somatisch ausgerichteten Behandlung eine ausreichend gute psychologische Begleitung mit gezielten Interventionen anbieten zu können, ist es wichtig, die psychische Situation dieser Frauen genauer zu erfassen und Faktoren zu bestimmen, die wesentlichen Einfluss auf das psychische Befinden der Frauen in einer neuen Schwangerschaft ausüben. Dies ist ein wesentliches Ziel der vorliegenden Arbeit. Dabei werden neben anamnestischen und soziodemographischen Merkmalen der Schwangeren auch ihre Bewältigungsmuster und inneren Einstellungen zur Schwangerschaft untersucht.

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Der frühe Verlust der Schwangerschaft durch eine Fehlgeburt kann bei den betroffenen Frauen eine starke emotionale Krise auslösen, die hohe Anforderungen an ihre psychischen Anpassungsleistungen stellt. So kann die Verarbeitung einer Fehlgeburt in Abhängigkeit verfügbarer Anpassungsmechanismen mehr oder weniger gut gelingen. Wenngleich Verarbeitungs- und Trauerprozesse nach frühen Schwangerschaftsverlusten empirisch in großer Zahl dokumentiert sind, wurde ihr Einfluss auf eine neue Schwangerschaft bislang in keiner der uns bekannten Studien berücksichtigt. Es ist jedoch davon auszugehen, dass der Erfolg solcher Anpassungs- und Verarbeitungsstrategien nach einer Fehlgeburt eine große Bedeutung für das Erleben und das psychische Gleichgewicht der Frauen in einer neuen Schwangerschaft hat. Im Rahmen der vorliegenden Untersuchung wird daher auch der Frage nachgegangen, inwieweit die psychische und körperliche Symptomatik von Schwangeren mit vorausgegangenen Fehlgeburten abhängig ist von Merkmalen des Verarbeitungsprozesses nach der Fehlgeburt.

Unter Kenntnis von Risikofaktoren und protektiven Faktoren lassen sich Interventionen ableiten, die schon unmittelbar nach der Fehlgeburt wirksam werden können und präventiv-prophylaktisch auf den Verlauf einer neuen Schwangerschaft gerichtet sind. Zudem können schon sehr früh Risikogruppen von Schwangeren festgestellt werden, die aufgrund maladaptiver Bewältigungsversuche hinsichtlich ihres psychischen und körperlichen Befindens in einer nachfolgenden Schwangerschaft besonders gefährdet sind.

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in einen theoretischen und einen empirischen Teil. Im Rahmen der theoretischen Abhandlungen werden wir einen Überblick über den derzeitigen Forschungsstand zu Schwangerschaft und Fehlgeburten geben und versuchen, dem Leser einen Einblick in die spezifische Situation der Frauen nach einer Fehlgeburt zu vermitteln (Abschnitt 2.3).

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Die Darstellung der von uns durchgeführten empirischen Untersuchung wird den größeren Teil der vorliegenden Arbeit einnehmen. Nach der Ausführung von Hypothesen (Abschnitt 3), eingesetzten Untersuchungsmethoden (Abschnitt 4) und Ergebnissen (Abschnitt 5) unserer Studie werden diese unter verschiedenen Gesichtspunkten diskutiert und in den bisherigen Forschungsstand eingeordnet (Abschnitt 6). Vorschläge für eine adäquate Betreuung der Frauen nach dem Abort und in einer neuen Schwangerschaft werden erarbeitet (Abschnitt 6.4).

Personenbezeichnungen wie Ärzte, Gynäkologen oder Betreuer sollen im Folgenden geschlechtsneutral verstanden werden und schließen die weibliche Form mit ein.


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24.07.2006