3 Fragestellung und Hypothesen der vorliegenden Untersuchung

▼ 53 Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett sind nach der Pubertät und Partnerfindung ein weiterer Reifungsschritt der Entwicklung der weiblichen Identität. Im Falle einer Fehlgeburt erlebt die Frau bei diesem Schritt mehr oder minder starke Frustrationen, welche zu starken Schuld- und Versagensgefühlen führen können. Störungen des seelischen Gleichgewichts bis hin zu klinisch auffälligen Symptomen in Form von Trauer, Depressivität und ausgeprägten Ängsten sind nach Fehlgeburten zu beobachten und empirisch gut dokumentiert. Auch zu Trauer- und Bewältigungsprozessen nach Spontanaborten liegt bereits eine Reihe empirischer Befunde vor.

Eine nachfolgende Schwangerschaft stellt für die Frauen eine besondere Belastungssituation dar, auf die sie häufig sehr ängstlich und depressiv reagieren. Der Frage nach Auswirkungen des Abortgeschehens auf das körperliche und psychische Befinden der Frauen in einer nachfolgenden Schwangerschaft sowie auf deren Verlauf und Ausgang ist bislang in nur wenigen Studien nachgegangen worden. Die Befundlage ist noch uneindeutig und z.T. widersprüchlich. Diese Frage ist jedoch für eine adäquate Betreuung der anamnestisch belasteten Schwangeren von größter Relevanz. Es ist zu vermuten, dass die psychische Anpassung an eine nachfolgende Schwangerschaft stark von nach der Fehlgeburt eingesetzten Verarbeitungsprozessen abhängig ist. Hierzu liegen unserer Kenntnis nach noch keine empirischen Studien vor. Die Prüfung dieser Annahme soll im Mittelpunkt der vorliegenden Untersuchung stehen.

Ziel der vorliegenden Studie ist es zum einen, das Erleben, Befinden und (Bewältigungs-) Verhalten von anamnestisch durch Fehlgeburten belasteten Gravidae in einem kontrollierten Studiendesign umfassend zu diagnostizieren und Wechselbeziehungen zu weiteren psychosozialen und personengebundenen Merkmalen der Schwangeren zu untersuchen. Zum anderen handelt es sich um einen prospektiven Untersuchungsansatz, der Aussagen darüber erlauben soll, inwieweit Verarbeitungsprozesse nach einer Fehlgeburt das Befinden der Frauen in einer neuen Schwangerschaft mitbestimmen. Kann ein Einfluss von Verarbeitungsprozessen nach der Fehlgeburt auf die Symptomatik in einer neuen Schwangerschaft nachgewiesen werden, so sind hieraus Indikationen für eine angemessene Betreuung der Frauen schon unmittelbar nach dem Schwangerschaftsverlust abzuleiten, die neben einer Unterstützung der Trauerarbeit der betroffenen Frauen auch präventiv-prophylaktisch auf eine neue Schwangerschaft gerichtet sind.

▼ 54 

Die Untersuchung gliedert sich entsprechend der Fragestellungen in drei Teile:

  1. Welche Verarbeitungsmuster können unmittelbar nach einer Fehlgeburt beobachtet werden? Wie sind sie hinsichtlich einer längerfristigen psychischen Anpassung zu beurteilen? Welchen Einfluss üben personengebundene und psychosoziale Merkmale auf den Verarbeitungsprozess nach einer Fehlgeburt aus?
  2. Hat das Ereignis eines bzw. mehrerer Spontanaborte Auswirkungen auf das Befinden der betroffenen Frauen in einer neuen Schwangerschaft? Lassen sich personengebundene oder psychosoziale Merkmale in der neuen Schwangerschaft nachweisen, die einen protektiven oder pathogenen Einfluss auf das Befinden der Schwangeren und den Verlauf der Gravidität ausüben?
  3. Ist das Befinden der anamnestisch belasteten Frauen in einer neuen Schwangerschaft abhängig von Verarbeitungsprozessen nach der (letzten) Fehlgeburt?

Aus theoretischen Überlegungen und dem bisherigen Forschungsstand werden dazu folgende Hypothesen abgeleitet:

Hypothese 1

▼ 55 

Nach einer Fehlgeburt lassen sich Verarbeitungsmuster der aktiven und chronischen Trauer beobac h ten. Während einer aktiven Trauer eine adaptive Funktion zugeschrieben werden kann, geht eine chronische Trauer mit der Etablierung einer länger anhaltenden Symptom a tik einher. Es können psychische und soziodemographische Merkmale identif i ziert werden, die einen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit einzelner Verarbeitungsstrategien au s üben.

Wir vermuten, dass sich bei den von uns befragten Frauen ähnliche Verarbeitungsprozesse finden lassen, wie sie von anderen Autoren beschrieben wurden (Beutel et al., 1992, Lasker & Toedter, 1991; Lin & Lasker, 1996):

Aktive Trauer: ausgeprägte Traurigkeit und Auseinandersetzung mit dem eingetretenen Verlust, Verringerung der psychischen und körperlichen Symptomatik (psychovegetative Beschwerden, Ängste, Depression) nach spätestens einem halben Jahr,

▼ 56 

Chronische Trauer: gekennzeichnet durch schuldhafte Verarbeitung des Verlustes, übermäßigen Ärger oder Verzweiflung, Vermeidung einer Auseinandersetzung mit dem Verlust (Verleugnung und Bagatellisierung), Anhalten der Symptomatik (ein halbes Jahr nach der Fehlgeburt und länger).

Verarbeitungsmuster nach der Fehlgeburt werden differenziert über die Konstrukte Trauer, Bewältigung und Attribution der Fehlgeburt erfasst, welche in enger Wechselwirkung zueinander stehen. Mit dem Begriff Verarbeitungsprozess soll ein Bezug zur Adaptivität der einzelnen Verarbeitungsmuster hergestellt werden. Adaptive Verarbeitungsmuster sind in Anlehnung an die Veröffentlichungen von Madden (1994) und Beutel (1996) durch ein Absinken der Symptomatik innerhalb eines halben Jahres nach der Fehlgeburt definiert. Die postulierten Verarbeitungsprozesse sind sehr allgemein gehalten. Da in dieser Untersuchung Verarbeitungsprozesse nach Fehlgeburten aus unserer Sicht erstmals aus Ansätzen der Trauerforschung und Copingtheorien abgeleitet werden und der Forschungsstand ohnehin noch widersprüchlich scheint, soll diese Hypothese mit explorativen Verfahren, mit welchen sich in der Untersuchungsstichprobe vorkommende Verarbeitungsmuster beschreiben lassen, spezifiziert werden. Diese empirisch gewonnenen Verarbeitungsmuster bilden die Grundlage der Hypothese 3.

Zusatzannahmen:

Wie eine Fehlgeburt verarbeitet wird, ist abhängig von psychosozialen und kognitiven Merkmalen der Betroffenen. Es wird vermutet, dass eine gute (subjektiv wahrgenommene) Unterstützung durch den Partner, eine Erwerbstätigkeit der Frauen, ein höheres Lebensalter, Kinder, die Geplantheit der Schwangerschaft und das Fehlen von früheren Schwangerschaftsverlusten oder -abbrüchen, psychischen Vorerkrankungen und belastenden Lebensereignissen mit adaptiven Verarbeitungsprozessen (aktive Trauer) assoziiert sind.

Hypothese 2a

▼ 57 

Schwangere mit einer bzw. mehreren vorangegangenen Fehlgeburt(en) weisen in den er s ten W o chen einer erneuten Schwangerschaft eine gegenüber anamnestisch nicht belasteten Schwang e ren erhöhte körperliche und psychische Symptomatik auf. Sie äußert sich in Form eines häufigeren Auftretens von Schwangerschaftskomplikationen und schwangerschaftsb e dingten Befindensstörungen, allgemeinen Körperbeschwerden und psychovegetativen Sy m ptomen, ausgeprägten schwangerschaftsbezogenen Ängste und/ oder erhöhter Depress i vität.

Hypothese 2b

Die beobachtete Symptomatik ist bei Schwangeren mit rezidivierenden und habituellen Abo r ten stärker ausgeprägt als bei Schwangeren mit „nur“ einer vorangegangenen Fehlgeburt.

Frauen, die mehrmals eine Fehlgeburt erlitten haben, mussten wiederholt einen Kontrollverlust bezüglich der eigenen Reproduktionsfähigkeit erleben. Folgt man der Theorie der gelernten Hilflosigkeit (Abramson et al., 1978), so kann ein wiederholt erlebter Kontrollverlust zu Gefühlen von Hilf- und Hoffnungslosigkeit bis hin zur Ausbildung depressiver Symptome führen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die Betroffenen maladaptive Ursachezuschreibungen in Form internaler, stabiler Attributionen für die als unkontrollierbar erlebte Situation der Fehlgeburt vornehmen. Internale, zeitlich stabile Attributionen werden bei Frauen mit wiederholten Schwangerschaftsverlusten häufiger erwartet, da durch die Wiederholung der Fehlgeburt zeitlich instabile Attributionen (Zufall, Regulativ Natur) subjektiv unwahrscheinlicher werden.

Hypothese 2c

▼ 58 

Es besteht ein Zusammenhang zwischen psychosozialen und kognitiven Merkmalen der Schwangeren einerseits und der Ausprägung der psychischen und körperlichen Symptom a tik im ersten Tr i menon der neuen Schwangerschaft auf der anderen Seite.

Auf psychischer Ebene werden die Einstellung zur neuen Schwangerschaft, schwangerschaftsbezogene Kontrollüberzeugungen, das Bewältigungsverhalten der Schwangeren und die psychische Repräsentation des Kindes (Bindungsbereitschaft, vgl. Kapitel 2.2.3) erfasst, die mit den in der Schwangerschaft auftretenden körperlichen und psychischen Symptomen ein Bedingungsgefüge bilden. So kann ein eher vermeidendes Verhalten der Schwangeren in Zusammenhang mit ausgeprägten Schwangerschaftsängsten stehen, während eine Auseinandersetzung mit der Schwangerschaft mit stärkerem Wohlbefinden einhergeht (vgl. Läpple & Krumbacher, 1988). Das Gefühl, kaum Einfluss auf den weiteren Schwangerschaftsverlauf ausüben zu können (externale Kontrollüberzeugungen, vgl. Kapitel 2.3.7), führt vermutlich zu starken Ängsten und Depressivität und einer stärkeren Meidung der Auseinandersetzung mit der Schwangerschaft. Vermeidendes Verhalten bedeutet zugleich ein Nichteinlassen auf die Schwangerschaft und das Kind (psychische Repräsentation des Kindes). Negative Einstellungen zur Schwangerschaft gehen vermutlich mit vermeidendem Bewältigungsverhalten einher.

Zusatzannahmen:

Es wird vermutet, dass eine gute (subjektiv wahrgenommene) Unterstützung durch den Partner, eine Erwerbstätigkeit der Frauen, die Geplantheit der Schwangerschaft und das Fehlen von früheren Schwangerschaftsverlusten oder -abbrüchen, psychischen Vorerkrankungen und belastenden Lebensereignissen mit adaptiven Bewältigungsmustern in der Schwangerschaft verbunden sind.

Hypothese 3

▼ 59 

Der Verarbeitungsprozess nach der (letzten) Feh l geburt hat einen moderierenden Einfluss auf die Ausprägung der Symptomatik der Frauen im ersten Trimenon einer neuen Schwa n gerschaft. Unterschiede der Beschwerdeprofile in einer neuen Gravidität können durch den Verarbeitungspr o zess nach der Fehlgeburt vorhergesagt werden. Schwangere, die nach der letzten Fehlgeburt einen Ver arbeitungsprozess ähnlich der aktiven Trauer durchlaufen h a ben, weisen in den ersten Wochen einer neuen Schwangerschaft weniger stark ausgeprägte Befindensstörungen auf als diejenigen, deren Verarbeitungsprozess durch chronische Tra u er gekennzeic h net ist.

Ein unverarbeiteter Verlust als Folge von chronischer oder ausbleibender Trauer kann durch eine neu eingetretene Schwangerschaft wieder wachgerufen werden, was mit schmerzlichen Gefühlen, starken Ängsten und nicht selten vermehrten Schuld- und Versagensgefühlen einher geht (Beutel, 1996). Diese finden ihren Ausdruck in einer depressiven Symptomatik und häufig auch in einer ambivalenten Einstellung gegenüber der Schwangerschaft in Form des „Sich-Nicht-Einlassen-Könnens“ bis hin zum völligen Ignorieren des eigenen Zustandes.

Abbildung 1 gibt die Fragestellungen der vorliegenden Untersuchung zusammenfassend wieder. Aus den Resultaten der Untersuchung sollen diagnostische Kriterien abgeleitet werden, die eine Identifizierung von bezüglich des Schwangerschaftsverlaufs besonders gefährdeten Frauen mit vorangegangenem/-en Spontanabort(en) in einem möglichst frühen Stadium der Schwangerschaft ermöglichen. Ferner sollen konkrete Interventionen für die Betreuung dieser Risikogruppe nach der Fehlgeburt und in einer neuen Schwangerschaft vorgeschlagen werden, die zu einem frühestmöglichen Zeitpunkt angewandt werden können und primär auf die Prävention möglicher Befindensstörungen und Komplikationen in einer neuen Schwangerschaft gerichtet sind.

▼ 60 

Abbildung 1: Untersuchungsmodell


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
XDiML DTD Version 4.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
24.07.2006