Behrend, , Anke: Kinetik des Ingestaflusses bei Rehen (Capreolus capreolus) und Mufflons (Ovis ammon musimon) im saisonalen Verlauf

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Kapitel 5. Zusammenfassung

Die Verdaulichkeit langsam abbaubarer Pflanzenbestandteile steigt mit zunehmender Partikelverweilzeit im Vormagen von Wiederkäuern. Die Ingestaverweilzeit im Gastro-Intestinal-Trakt ist abhängig von der Größe der Fermentationskammern, der Nahrungsaufnahme, vom Speichelfluß und von der selektiven Retention von Futterpartikeln. Die mittlere Retentionszeit (MRT) von Flüssigkeit und Partikeln müßte sich zwischen den Tierarten unterscheiden und saisonbedingt in Abhängigkeit von der Qualität und des Angebotes der Nahrung verändern. Mit der Messung der Ingestapassage an Rehen als Konzentratselektierer im Vergleich zu Mufflons als Grasfresser werden Faktoren der Anpassung an das jahreszeitlich wechselnde Nahrungsangebot dieser verschiedenen Wildtierarten untersucht.

Voraussetzung für die Durchführung der Versuche war die Gewöhnung der Wildtiere an den Menschen. Vier Rehkitze und fünf Mufflonlämmer wurden mit dem Milchaustauscher Salvana Lämmermilch handaufgezogen. Den Tieren wurde zum dorsalen Pansensack eine Vormagenkanüle implantiert. Die Haltung der Tiere erfolgte in tierartgerechten Gehegen mit natürlicher Vegetation. Den Rehkitzen und Mufflonlämmern wurde in zwei Altersstufen über eine Flaschenfütterung ein Flüssigkeitsmarker (Cr-EDTA) und den adulten Rehen und Mufflons monatlich innerhalb eines Versuchszeitraumes von 15 Monaten über die Vormagenfistel ein Marker für Flüssigkeit (Co-EDTA) sowie Partikel (Cr-markiertes Heu) verabreicht und anschließend 5 Tage regelmäßig alle 4 h Kot gesammelt. Die Co- und Cr-Konzentrationen der in einem neu entwickelten Säureaufschluß aufbereiteten Proben wurden atomabsorptionsspektrometrisch bestimmt. Die Berechnung der Retentionszeit der Flüssigkeit und Partikel im Gastro-Intestinal-Trakt und im Ruminoretikulum erfolgte nach Thielemans et al. (1978), Grovum und Williams (1973) und Lechner-Doll (1990).

Derartige Untersuchungen wurden erstmals unter annähernd natürlichen Bedingungen vergleichend an Rehen (n = 2) und Mufflons (n = 5) durchgeführt und lieferten folgende Ergebnisse:

  1. Bei Jungtieren wurde mit zunehmendem Alter bis zum Absetzen der Flaschenfütterung die Aufnahme von pflanzlicher Nahrung und die täglich ausgeschiedene Kotmenge größer, was zu einer Verkürzung der Retentionszeit der Ingesta distal des Ruminoretikulums führte.
  2. Die Gesamtverweildauer von Flüssigkeit und Partikeln im Gastro-Intestinal-Trakt war beim Reh (MRTFlüss.GIT = 18,1 ± 2,4 h, MRTPart.GIT = 23,6 ± 3,8 h) im gesamten Jahresverlauf kürzer als beim Mufflon (MRTFlüss.GIT = 22,5 ± 3,9 h, MRTPart.GIT = 36,0 ± 4,2 h). Die Partikelverweilzeit im Ruminoretikulum beim Reh betrug MRTPart.RR = 13,9 ± 3,1 h und beim Mufflon MRTPart.RR = 24,8 ± 3,0 h. Flüssigkeit verweilte im Ruminoretikulum beim Reh MRTFlüss.RR = 8,0 ± 1,0 h und beim Mufflon MRTFlüss.RR = 11,5 ± 2,0 h.
  3. Bei beiden Tierarten waren die Retentionszeiten der Ingesta im Gastro-Intestinal-Trakt erheblichen jahreszeitlichen Schwankungen

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    unterworfen. Sie waren im Herbst bei erhöhter Nahrungsaufnahme verkürzt und im Winter durch eine Reduzierung des Stoffwechsels und der Aufnahme von Pflanzen mit geringerer Verdaulichkeit verlängert.
  4. Es wurde ein kleinerer Selektivitätsfaktor (Verhältnis zwischen Partikel- und Flüssigkeitsverweilzeit im Ruminoretikulum) beim Reh (SF = 1,55 ± 0,16) als beim Mufflon (SF = 2,1 ± 0,29) ermittelt. Das deutet darauf hin, daß Rehe beim ersten Kauen Futterpartikel stärker zerkleinern als Mufflons und die Retention im Vormagen aufgrund verminderter (oder fehlender) Schichtung der Partikel weniger selektiv nach Partikelgröße erfolgt.
  5. Das Flüssigkeitsvolumen des Ruminoretikulums war beim Reh kleiner als beim Mufflon.
  6. Der Gehalt an unverdaulichem Material im Magen-Darm-Kanal und die täglich ausgeschiedenen Kotmengen erhöhte sich bei Rehen und Mufflons nur im Spätsommer/Herbst zur Feistzeit und waren im übrigen Jahresverlauf weitgehend konstant.
  7. Die Konzentrationen an kurzkettigen Fettsäuren veränderten sich tageszeitlich und saisonal in Abhängigkeit von Aufnahme und Zusammensetzung der Nahrung. Die für Konzentratselektierer und Grasfresser typische molare Verteilung der Fettsäuren konnte bei beiden Tierarten bestätigt werden.

Das Reh hat im Gegensatz zum Mufflon aufgrund der kürzeren Verweilzeit der Partikel im Ruminoretikulum schlechtere Voraussetzungen für die Verwertung von cellulosehaltigen Pflanzen. Der geringe Celluloseabbau beim Reh in der Vegetationszeit beruht auf der ungenügend zur Verfügung stehenden Zeit zur Fermentation, obwohl die cellulolytischen Enzyme ausreichend vorhanden sind. Im Winter hingegen wird die geringe Celluloseverwertung vorwiegend durch eine reduzierte Cellulaseaktivität trotz Verlängerung der Verweildauer der Futterpartikel im Vormagen verursacht. Lange Verweilzeiten von Futterpartikeln im Ruminoretikulum beim Mufflon schaffen immer günstige Bedingungen für die Einbeziehung der Cellulose in die energetische Nutzung. Die sich saisonal verändernden Retentionszeiten der Ingesta im Gastro-Intestinal-Trakt machen die Anpassungsfähigkeit beider Tierarten an das jahreszeitlich wechselnde Nahrungsangebot deutlich.


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