HAACKE , HEIKE: “Limnologische Charakterisierung ausgewählter Ackerhohlformen (Sölle) des nordostdeutschen Jungmoränengebietes als Grundlage von Schutzmaßnahmen“

Kapitel 5. Schlußfolgerungen zum Erhalt der Sölle

Die vorgelegten Ergebnisse zeigen, daß jedes der untersuchten Sölle ganz eigene Charakterzüge aufweist, es aber darüber hinaus durchaus Gemeinsamkeiten gibt, die eine Gruppierung der Untersuchungsgewässer ermöglichte. Für KONOLD (1983) und GLANDT (1989) ist gerade die große ”ökologische Individualität“ eine Besonderheit von Kleingewässern. So kann auf einen ganzen Landschaftsraum bezogen ein dichtes Netz sehr unterschiedlicher Kleingewässer ein besonders hohes Maß an Vielfalt des Biotopangebotes und damit auch potentieller Artenvielfalt ermöglichen. Die Untersuchungsgebiete in denen die Sölle liegen, sind u.a. durch eine relativ hohe Kleingewässerdichte charakterisiert (vgl. 2.1.1.; 2.1.2.) und besitzen somit ein deutliches Potential an verschiedensten Biotopausprägungen. In solchen Regionen sollte daher eine Vielfalt an Ausprägungsformen der Feuchtbiotope als wichtiges Entwicklungsziel angestrebt werden (GLANDT 1989; FRIELINGHAUS, M. 1998). Bezieht man dieses Entwicklungsziel auf die vorgelegten Ergebnisse so kann für die Untersuchungsgewässer folgendes abgeleitet werden (Tab. 24).

Die trophischen Verhältnisse der untersuchten Sölle lassen nur in sehr geringem Maße Abstufungen erkennen. Lediglich der Barschpfuhl und der Klare Pfuhl tendieren zu einem mesotrophen Gewässerzustand (vgl. 3.5.6.). In den übrigen Söllen sind eutrophe Verhältnisse (S 203), eutrophe-polytrophe Verhältnisse (S II/8, S 205; S 17F*) und polytrophe Verhältnisse (S


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20*) zu verzeichnen. Bezieht man in die Diskussion die Ergebnisse der Nährstoff/ Biomasse Modelle ein so zeigt sich, daß lediglich für den Barschpfuhl und Klaren Pfuhl Phosphat noch einen produktionsbegrenzenden Faktor darstellt (vgl. 3.8. Abb. 63 A, B; 4.11.). In diesen Kleingewässern wurde ein sehr vielfältiges Plankton vorgefunden (vgl. 3.5.1., Tab. 16, Tab. 17). Die Einbettung des Barschpfuhls in ein Forstgebiet sowie der sehr breite und reich strukturierte Vegetationsgürtel um den Klaren Pfuhl führten im Vergleich zu den übrigen Untersuchungsgewässern zu einer deutlichen Verringerung der Nährstoffeinträge (vgl. 2.1.1.). Im Sinne des o.g. Entwicklungszieles müssen diese Pufferzonen in ihrer jetzigen Ausprägung erhalten bleiben. In den anderen Untersuchungsgewässern stellt Phosphat nicht den Minimumfaktor dar. Außer für das Soll 20* wäre in den andern Kleingewässern eine Reduzierung

Tab. 24: Vorschläge zur Erhaltung, dem Schutz und der Integration der untersuchten Sölle in die Agrarlandschaft

Maßnahme

Kleingewässer (KG)

innerhalb des KG

im Einzugsgebiet des KG

Barschpfuhl

keine

keine

Klarer Pfuhl

keine

keine

S 203

Biomasseentzug durch Entnahme submerser Makrophyten und evtl. Schilffschnitt im Herbst

Anlage von Gewässerrandstreifen (>10 m) und Bewirtschaftung durch Biomasseentzug (Mahd, Entholzung, evtl. extensive Beweidung)

S II/8

Biomasseentzug durch evtl. Abschöpfung der Lemna-Decken im Herbst

Anlage von Gewässerrandstreifen (>10 m) und Bewirtschaftung durch Biomasseentzug (Mahd, Entholzung, evtl. extensive Beweidung

S 205

keine

Anlage von Gewässerrandstreifen (>10 m) und Bewirtschaftung durch Biomasseentzug (Mahd, Entholzung, evtl. extensive Beweidung

S 17F*

Biomasseentzug durch Entnahme submerser Makrophyten im Herbst

Bewirtschaftung des Gewässerrandstreifens und Biomasseentzug (Mahd, Entholzung, evtl. extensive Beweidung)

S 20*

Untersuchung der Sedimentbeschaffenheit danach

I: Entnahme der obersten Sedimentschichten oder

II: keine Maßnahmen

Umwidmung des Ackerlandes im Einzugsgebiet in Grünland, Mahd mgl. keine Beweidung; Bewirtschaftung des Randstreifens durch Mahd, Entholzung und Laubentnahme

der Gesamtphosphatfracht durch die drastische Verminderung der externen Einträge auf Grund der Schaffung bzw. Verbreiterung von Schutzstreifen (> 10 m) sowie eventuelle Entnahme von Biomasse (z.B. abgestorbene Makrophyten, Laub, Holz im Herbst) noch am ehesten eine deutliche Trophieverminderung zu erwarten. Die dadurch veränderten Konkurrenzverhältnisse im Gewässer könnten sowohl neue Entwicklungschancen für submerse Makrophyten schaffen (vgl. 4.5.) bzw. innerhalb der Mikroalgen die Dominanzverhältnisse verändern und letztlich zu einer höheren Artendiversität im Plankton und der höheren trophischen Ebenen innerhalb und


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außerhalb der Kleingewässer führen. So zeigt das Beispiel des Schleinsees im Alpenvorland, daß durch die alleinige Extensivierung von Grünland auf einem Teileinzugsgebiet mit kritischer Hanglage innerhalb kürzester Zeit (3 Jahre) eine Verringerung des Nährstoffeintrages und tiefgreifende Veränderungen im Planktongefüge des Gewässers (Rückgang der Blaualgenblüte, verbesserte Sauerstoffverhältnisse, verminderte Phosphatrücklösung aus dem Sediment und Erhöhung der Sichttiefe) zu verzeichnen waren (GÜDE et al. 1995). Allerdings gibt es weitaus Rahmenbedingungen, die zu einem stark verminderten Anbau wassererosionsverstärkender Fruchtarten (vgl. 3.1.2., Tab. 7, Tab. 8) sowie dem Rückgang der Tierbestände und damit deutlich mehr Beispiele bei denen eine alleinige Reduktion der externen Nährstoffzufuhr auf Grund der hohen internen Phosphatlast der Sedimente die Rückkehr in eine niedrigere Trophiestufe erheblich verzögerte bzw. verhinderte (BENGTSSON et al. 1975; BJÖRK et al. 1979; LORENZ 1990; KASPRZAK 1995; SCHAUMBURG 1995; BAUER et al. 1997). Für die genannten Kleingewässer sollte daher nach Anlage der Schutzstreifen und deren Bewirtschaftung interne Maßnahmen (vornehmlich Biomasseentzug durch Entkrautung und Abschöpfung der Makrophyten bzw. Schilfschnitt im Herbst) zur Verminderung der Nährstoffkonzentration durchgeführt werden. Die vorgeschlagene Maßnahmen können als ökologische Leistungen im Rahmen des Vertragsnaturschutzes sowie des Kulturlandschaftsprogrammes (KULAP) des Landes Brandenburg angemessen vergütet werden und durch langfristige Verträge für den Bewirtschafter zu einem gesicherten und kalkulierbaren Anteil am Betriebseinkommen beitragen.

Für das polytrophe Soll 20* sind in erster Linie die Ursachen des sehr niedrigen Primärproduzentenaufkommens genauer zu untersuchen, da dies weitreichende Konsequenzen für das Nahrungsnetz (u.a. vermindertes Zooplanktonaufkommen vgl. 3.6.1.; 3.6.2., stark vermindertes Amphibienaufkommen, mdl. Mttl. Landbewirtschafter und KALETTKA) des Gewässers hatte und damit die Funktion dieses Solls als Lebens- und Refugialraum (HAMEL 1988) in erheblichem Maße eingeschränkt war bzw. ist. Als Hauptursache ist eine erhöhte Akkumulation von Agrochemikalien und Schwermetallen in diesem Kleingewässer, die die Entwicklung der Primärproduzenten in größerem Umfang hemmen (vgl. 4.6.), zu vermuten. Würde sich diese Vermutung bestätigen, wäre für eine Verbesserung des trophischen Zustandes des Kleingewässers in erster Linie interne Maßnahmen z.B. die teilweise Entnahme der kontaminierten Sedimentschichten zu veranlassen, um verbesserte Bedingungen für die Entwicklung der Primärproduzenten zu schaffen. Eine vermehrte Primärproduktion würde wiederum das Sauerstoffdargebot im Gewässer erhöhen, Verbesserung der Denitrifikationsbedingungen und Entwicklungsmöglichkeiten für verschiedenste Zooplankter schaffen sowie zu veränderten Konkurrenzbedingungen (z.B. Algen/ Bakterien) führen und somit auch die höheren trophischen Ebenen beeinflussen. Gleichzeitig wäre mit der Sedimententnahme aus dem Kleingewässer ein erheblicher Nährstoffentzug (insbesondere Phosphat) verbunden und es könnte somit gleichzeitig der internen Phosphatlast begegnet


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werden, wie zahlreiche erfolgreiche Sanierungsbeispiele verschiedener Seen zeigten (u.a. BJÖRK 1985; HAMM 1975; STRUNTZ 1979; van der DOES et al. 1992; MOSS et al. 1986). Aus ökonomischen Gründen und der z.T. unvorhersehbaren Reaktionen des Ökosystems hat allerdings zu allererst die Sanierung des Einzugsgebietes (Verminderung der externen Nährstofffracht im Gewässer) gegenüber seeinternen Maßnahmen oberste Priorität. Auch BESCH et al. (1984) und STEHLE & WÖRNER (1990) hoben dies für die Bewertung und Durchführung möglicher Sanierungsmaßnahmen an Seen besonders hervor. Als erste Maßnahmen zur Verminderung des Nährstoffeintrages in das Flächennaturdenkmal Lietzen-Döbberiner Söllekette und damit auch in das Soll 20* können zum einen die veränderten agrarpolitischen Rahmenbedingungen, die zu stark vermindertem Anbau wassererosionsverstärkender Fruchtarten sowie zum Rückgang der Tierbestände und damit deutlich verminderter Gülledüngung führten, gewertet werden. Zum andern die Schaffung von 10 m breiten Schutzstreifen um alle Sölle im Rahmen einer Vertragsnaturschutzmaßnahme im Jahre 1994 in diesem Gebiet. Allerdings schätzt FRIELINGHAUS (1996) die Wirkung der Pufferzonen hinsichtlich der Nährstoffrückhaltung und Erosionsbremsung auf Grund der hohen Reliefenergie in diese Region als begrenzt ein. Dies bestätigten auch Untersuchungen von KNAUER & MANDER (1989) zur Filterwirkung verschiedener Saumbiotope um Kleingewässer in der ostholsteinischen Hügellandschaft deutlich. Außerdem zeigte sich während der Untersuchungen vor Ort, daß trotz der Anlage der Randstreifen über Abflußbahnen punktuell erosive Einträge von den Hängen in das Kleingewässser zu verzeichnen waren. Diese Tatsachen sind hinsichtlich der stark verminderten Primärproduzentenentwicklung im Soll 20* als besonders kritisch einzuschätzen, da die Untersuchungen von AUERSWALD & HAIDER (1992) deutlich eine geringe Filterung von Agrochemikalien durch schmale Gewässerrandstreifen (Grünland von 5-10 m Breite) feststellten. Sie vermuteten außerdem, daß besonders bei konzentriertem Oberflächenabfluß, die Filterleistung gegenüber solchen Stoffen noch wesentlich geringer sein dürfte. Es ist daher notwendig, die bisherigen Schutz- und Extensivierungsmaßnahmen am Soll 20* auf das Einzugsgebiet auszudehnen, um den Nährstoffeintrag (insbesondere von wachstumshemmenden Stoffen) in hohem Maße einzudämmen. Bisherige Untersuchungen von FRIELINGHAUS (1996) an einem Soll in diesem Gebiet zeigten, daß eine effektive Verminderung des Eintragspotentials nur durch die Umstellung der Einzugsfläche auf Dauergrünland möglich ist. Im Fall des Kleingewässers S 20* ist somit als entscheidende Maßnahme zur deutlichen Verminderung der externen Nährstofffracht die Umwidmung von Ackerland in Dauergrünland anzustreben.

Inwieweit die hier vorgestellten Ergebnisse und daraus abgeleiteten Vorschläge für Maßnahmen zur Verbesserung des trophischen Zustandes der Sölle in die Praxis umgesetzt werden, ist allerdings von dem regionalen und überregionalen Entwicklungszielen, die sich aus der Erarbeitung einer Konzeption zur nachhaltigen Landschaftsnutzung der Region Nordmitteleuropa ergeben, im entscheidenden Maße abhängig (vgl. 1.).


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