Plath, Kathrin: Zum Mechanismus der Translokation von Proteinen in das Endoplasmatische Retikulum der Hefe

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Kapitel 1. EINLEITUNG

Eukaryontische Zellen unterscheiden sich von prokaryontischen Zellen in ihrer intrazellulären Organisation. Im Gegensatz zu der prokaryontischen Zelle, die nur aus einem einzigen, von der Plasmamembran umgebenen intrazellulären Kompartiment besteht, ist die eukaryontische Zelle in viele, sich funktionell unterscheidende membranumschlossene Kompartimente, wie den Zellkern, das Endoplasmatische Retikulum (ER), den Golgi-Apparat, die Lysosomen, Peroxisomen, Mitochondrien und andere, unterteilt. Die Plasmamembran muß eine entscheidende Voraus-setzung für die Entstehung des Lebens gewesen sein, dagegen war die Kompartimentierung von Zellfunktionen in membranumschlossenen Organellen offensichtlich erst für die Entwicklung komplexer multizellulärer Organismen notwendig.

Die durch die Lipiddoppelschicht der Membranen erfolgende Abgrenzung des Zellinneren vom extrazellulären Raum sowie der intrazellullären Kompartimente voneinander ermöglicht die Speicherung und Konzentrierung von Stoffen und erlaubt den Ablauf von Stoffwechsel-prozessen in einem geeigneten Millieu. Um Leben zu ermöglichen, dürfen Membranen jedoch nicht nur eine Barriere darstellen, sondern müssen auch einen selektiven und gerichteten Stoffaustausch mit der Umgebung erlauben. Dieser Austausch wird durch spezifische Transportsysteme vermittelt, die von Membranproteinen gebildet werden.

In der eukaryontischen Zelle hat sich ein komplexes Proteintransport- und Sekretionssystem entwickelt. Alle Proteine der eukaryontischen Zelle, die über den sekretorischen Transportweg an ihren Bestimmungsort gebracht werden, müssen zunächst durch die Membran des Endoplasmatischen Retikulum transportiert oder im Falle von integralen Membranproteinen in diese inseriert werden (Palade, 1975). Anschließend können sie durch Transportvesikel in die verschiedenen Kompartimente des exo- und endocytotischen Transportweges oder in den extrazellulären Raum gelangen. Proteine durchqueren die Membran des Endoplasmatischen Retikulum in einem entfalteten Zustand und werden im Lumen dieser Organelle gefaltet. Außerdem können dort Untereinheiten miteinander assembliert, Disulfidbrücken ausgebildet, Oligosaccharide auf die Aminogruppen bestimmter Asparaginseitenketten übertragen und bestimmte Proteine der Plasmamembran an ihrem C-Terminus kovalent mit einem Glycosyl-Phosphatidylinositol-Molekül verknüpft werden.

Einige elementare Prinzipien des Transports von Proteinen durch die Membran des Endoplasmatischen Retikulums sowie einige an diesem Prozeß beteiligte Komponenten sind evolutionär konserviert und lassen sich von dem Proteinexport durch die


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Plasmamembran von Bakterien ableiten. Dieses Phänomen läßt sich möglicherweise dadurch erklären, daß das Lumen des Endoplasmatischen Retikulum topologisch dem extrazellulären Raum einer prokaryontischen Zelle entspricht. Der Transport von sekretorischen Proteinen durch die Membran hat sich offensichtlich von der Plasmamembran der Prokaryonten in das Endoplasmatische Retikulum der Eukaryonten verlagert. Der Transport von Proteinen durch eine Membran stellt die Zelle generell vor das Problem, sehr große Moleküle unter Erhalt der Permeabilitätsbarriere der Membran zu befördern.

In den beiden verwandten Transportprozessen wird das Targeting eines Proteins aus dem Cytosol zur Membran sowie der anschließende Transport durch die Membran durch ein Signal in dem Protein, die sogenannte Signalsequenz, ausgelöst (Blobel und Dobberstein, 1975; zur Übersicht: Gierasch, 1989 und Martoglio und Dobberstein, 1998). Signalsequenzen befinden sich im Allgemeinen am N-Terminus der zu transportierenden Proteine (die auch als Preproteine oder Precursoren bezeichnet werden) und haben eine Länge von 15-30 Aminosäuren. Sie werden noch während der Membranpassage auf der trans-Seite der Membran durch die membran-gebundene Signalpeptidase abgespalten. Obwohl die Primärstruktur der Signalsequenzen nicht konserviert ist, können drei charakteristische Bereiche unterschieden werden: ein positiv geladener N-Terminus, ein 7-16 Aminosäuren langer zentraler hydrophober Bereich und eine polare C-terminale Region, die die Signalpeptidaseschnittstelle definiert (von Heijne, 1985). Die Gesamthydrophobizität ist für die Funktion einer Signalsequenz von entscheidender Bedeutung (Chou und Kendall, 1990, von Heijne, 1985). Im Falle von Membranproteinen, die keine Signalsequenzen besitzen, übernimmt gewöhnlich die erste Transmembrandomäne die Funktion der Signalsequenz. Transmembrandomänen unterscheiden sich von Signalsequenzen vor allem durch den längeren hydrophoben Bereich (20-30 Aminosäuren) und das Fehlen einer Signalpeptidaseschnittstelle. Offensichtlich sind die Komponenten der Transportmaschinerie in der Lage, hydrophobe Signalsequenzen variabler Länge und Aminosäurezusammensetzung in spezifischer Weise zu erkennen. Wie dieses Prinzip in der Zelle realisiert wird, ist weitgehend unverstanden (siehe unten, auch Zheng und Gierasch, 1996).

Der durch die Signalsequenz initiierte Transportprozeß kann auf zwei unterschiedliche Weisen erfolgen. Man spricht von einem cotranslationalen Mechanismus, wenn Proteine während ihrer Synthese an membrangebundenen Ribosomen durch die Membran gelangen. Dagegen werden Proteine beim posttranslationalen Transport erst nach ihrer Fertigstellung im Cytosol zur Membran gebracht. In der Hefe Saccharomyces cerevisiae kommen beide Mechanismen in großem Ausmaß vor. Einige Proteine werden nur cotranslational (z.B. Dipeptidylamino-Transferase B), andere dagegen nur posttranslational (z.B. Prepro- Alphafaktor), und wiederum andere auf beiden Wegen (z. B. Kar2p)


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transportiert (Hansen und Walter, 1988; Ng et al., 1996). Studien, in denen die Signalsequenzen von Proteinen gegeneinander ausgetauscht wurden, zeigten, daß allein die Signalsequenz darüber entscheidet, welcher Weg gewählt wird (Feldheim und Schekman, 1994; Ng et al., 1996). Cotranslational transportierte Proteine besitzen offensichtlich hydrophobere Signalsequenzen als posttranslationale Transportsubstrate (Ng et al., 1996). Während in höheren Eukaryonten Proteine vor allem cotranslational in das Endoplasmatische Retikulum gelangen, werden Proteine in dem Bakterium Escherichia coli überwiegend posttranslational transportiert. Der cotranslationale Mechanismus könnte in E.coli allerdings für die Integration von Membranproteinen von Bedeutung sein (Ulbrandt et al., 1997).

Signalsequenzen bringen Proteine entweder zu dem co- oder zu dem posttranslationalen Translokationsapparat in der Membran. Die zentrale Komponente sowohl des co- als auch des posttranslationalen Translokationsapparates ist ein aus drei integralen Membranproteinen bestehender Komplex, der in der ER-Membran der Eukaryonten als Sec61p-Komplex und in der Plasmamembran von E.coli als SecYEG-Komplex bezeichnet wird (zur Übersicht: Ito, 1995 und Rapoport et al., 1996; Abbildungen 1 und 3). Die alpha-Untereinheiten (Sec61alpha in Säugern, Sec61p in S. cerevisiae und SecY in E.coli) weisen deutliche Sequenzhomologien auf und besitzen zehn Transmembrandomänen gleicher Topologie (Akiyama und Ito, 1987; Görlich et al., 1992; Wilkinson et al., 1996). Auch die kleinen gamma- Untereinheiten (Sec61gamma in Säugern, Sss1p in S. cerevisiae und SecE in E.coli) sind miteinander verwandt. Das Sss1p der Hefezellen kann funktionell durch das Säugerhomologe Sec61gamma ersetzt werden (Hartmann et al., 1994). Beide Proteine und SecE der meisten Bakterien durchspannen die Membran mit einem Segment nahe dem C-Terminus einmal

Abbildung 1 Übersicht über die Komponenten des Sec61p/SecYEG-Komplexes in den verschiedenen Organismen

Die alpha-und gamma-Untereinheiten der trimeren Komplexe sind in allen Organismen konserviert, die zueinander homologen beta-Untereinheiten der Eukaryonten besitzen keine Ähnlichkeit zu dem SecG von E.coli.


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Das SecE von E.coli besitzt dagegen drei Transmembrandomänen. Die für die Funktion essentielle Region besteht allerdings auch nur aus einem Transmembransegment sowie einigen umgebenden Aminosäuren und ist in ihrer Sequenz den gamma-Untereinheiten der Eukaryonten homolog (Schatz et al., 1991; Hartmann et al., 1994; Murphy und Beckwith, 1994). Die dritte Untereinheit der heterotrimeren Komplexe wird in Säugern als Sec61beta, in S. cerevisiae als Sbh1p und in E.coli als SecG bezeichnet. Die zueinander homologen Proteine Sec61beta und Sbh1p der Eukaryonten sind durch eine Transmembrandomäne in der Membran verankert und besitzen keine Ähnlichkeit zu der prokaryontischen Untereinheit SecG, die die Membran zweimal durchspannt (Nishiyama et al., 1993; Panzner et al., 1995; Toikannen et al., 1996).

Eine Funktion der Untereinheiten der heterotrimeren Komplexe beim Transport von Proteinen konnte unter anderem durch genetische Studien in E.coli und in S.cerevisiae gezeigt werden. Die alpha- und gamma-Untereinheiten, d.h. Sec61p und Sss1p bzw. SecY und SecE, sind essentielle Proteine dieser Organismen (Schatz et al., 1991; Stirling et al., 1992; Esnault et al., 1993; Duong und Wickner, 1997). Mutationen in den Genen dieser Proteine oder die Depletion von Sss1p führen zur Akkumulation von Translokationssubstraten im Cytosol (Deshaies und Schekman, 1987; Schatz et al., 1989; Stirling et al., 1992; Esnault et al., 1993). Darüber hinaus kann der Translokationsdefekt einer sec61 Mutante und der Exportdefekt einer dominant-negativen secY Mutante durch die Überexpression von Sss1p bzw. SecE aufgehoben werden (Shimoike et al., 1992; Esnault et al., 1993). SecG, die dritte Untereinheit des SecYEG-Komplexes, ist nicht essentiell in E.coli. Die Deletion des secG Gens führt jedoch zu einer starken Wachstums-hemmung und deutlichen Translokationsdefekten bei tiefen Temperaturen (Nishiyama et al., 1994). Sbh1p, die dritte Untereinheit des Sec61p-Komplexes der Hefe, wurde biochemisch als Bestandteil des heterotrimeren Komplexes identifiziert, aber nicht in genetischen Screens gefunden. Die Rolle dieser Untereinheit beim Proteintransport ist bisher in vivo nicht untersucht worden.

In einem in vitro System, das den Signalsequenz-abhängigen Proteintransport mit gereinigten Komponenten rekonstituiert, ist der Sec61p/SecYEG-Komplex die einzige Proteinkomponente in der Membran, die allen Transportwegen gemein ist und für den Membrantransfer aller Proteine benötigt wird (Brundage et al., 1990; Görlich und Rapoport, 1993; Panzner et al., 1995). Ein weiterer ubiquitärer Bestandteil aller Translokationsorte sind Lipidmoleküle. Sowohl für den Sec61p/SecYEG-Komplex als auch für Lipide gibt es Hinweise auf eine mögliche Interaktion mit Signalsequenzen: Es konnte gezeigt werden, daß Signalsequenzen beim cotranslationalen Transport von Proteinen in das Endoplasmatische Retikulum der Säuger innerhalb der Membran erkannt werden (Jungnickel und Rapoport, 1995). Für diesen Schritt ist im Falle des Modellproteins Preprolaktin


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der Sec61p-Komplex in der Lipidmembran notwendig und hinreichend (Jungnickel und Rapoport, 1995; siehe unten). In E.coli wurden Mutationen, die die Sekretion von Proteinen mit defekten oder sogar fehlenden Signalsequenzen erlauben (sogenannte prl Mutationen; prl für pr otein l ocalization), in den Genen der drei Untereinheiten des SecYEG-Komplexes gefunden (Emr et al., 1981; Osborne und Silhavy, 1993; Stader et al., 1989; Bost und Belin, 1997). Experimente mit synthetischen Signalpeptiden zeigten, daß funktionelle Signalsequenzen, im Gegensatz zu nicht-funktionellen, mit künstlichen Lipiddoppelschichten interagieren und lokale Änderungen in der Lipidstruktur induzieren können (Briggs et al., 1985; Killian et al., 1990).

Man nimmt an, daß der heterotrimere Sec61p/SecYEG-Komplex den Kanal in der Membran bildet, durch den Proteine transportiert werden (siehe unten). Der Kanal interagiert in den verschiedenen Transportprozessen mit verschiedenen Faktoren, die unter anderem die Proteine zum Kanal führen oder die Energie für den gerichteten Transport von Proteinen liefern.

Der cotranslationale Proteintransport in das Endoplasmatische Retikulum

Der cotranslationale Transport von Proteinen in das Endoplasmatische Retikulum ist am besten in einem in vitro Säugersystem untersucht. Eine wichtige Voraussetzung für die Untersuchung von Transportwegen ist die Schaffung definierter Translokationsintermediate. Im Falle des cotranslationalen Transports können verkürzte mRNAs, denen das Terminationskodon fehlt, benutzt werden, um Ribosomen-gebundene naszierende Polypeptidketten definierter Längen zu erzeugen, da die Ketten als Peptidyl-tRNA mit dem Ribosom verbunden bleiben (Gilmore et al., 1991). Führt man die Synthese in Gegenwart von Membranen des Endoplasmatischen Retikulum durch, stellt das Translationsintermediat auch ein Translokationsintermediat dar.

Das nachfolgend beschriebene Modell des cotranslationalen Proteintransports in das ER leitet sich vor allem von Daten aus dem Säugersystem ab (Abbildung 2). Der Transportprozeß wird im Cytosol durch das Signalsequenz-Erkennungspartikel SRP (engl. s ignal r ecognition p article) eingeleitet (zur Übersicht: Walter und Johnson, 1994; Millman und Andrews, 1997). Es bindet an die Signalsequenz der naszierenden Kette sobald diese aus der großen Untereinheit des Ribosoms heraustritt (Walter et al., 1981; Bernabeu et al., 1983). Diese Interaktion führt gleich-zeitig zu einer hochaffinen Bindung des SRP an das Ribosom und zu einem Translationsarrest (Walter et al., 1981; Walter und Blobel, 1981). SRP ist ein längliches Ribonukleoproteinpartikel aus einer 7S RNA und sechs unterschiedlichen Polypeptiduntereinheiten (Walter und Blobel, 1980; 1982). Die 9kD- und 14kD-Untereinheiten an einem Ende des SRP-Moleküls sind für den Elongationsarrest verantwortlich (Siegel und Walter, 1986). Die eigentliche Erkennung und


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Bindung der Signalsequenz wird durch die Methionin-reiche Domäne der 54kD-Untereinheit (SRP54) am anderen Ende des Partikels vermittelt (Krieg et al., 1986; Kurzchalia et al., 1986; Zopf et al., 1990; High und Dobberstein, 1991; Lütcke et al., 1992). Man nimmt an, daß die Signalsequenzbindungsstelle von einer hydrophoben Tasche gebildet wird, in die die Seitenketten der auf den hydrophoben Seiten amphipathischer Helices liegenden Methionine hineinragen (Bernstein et al., 1989; Keenan et al., 1998). Die Seitenketten der Methionine sind im Gegensatz zu den verzweigten Seitenketten vergleichbar hydrophober Aminosäuren relativ flexibel. Sie könnten eine hydrophobe Oberfläche ausreichender Formbarkeit schaffen, die sich den variablen Signalsequenzstrukturen anpassen kann.

Im nächsten Schritt des Targetingprozesses gelangt der aus Ribosom, naszierender Kette und SRP gebildete Komplex an die ER-Membran, indem er auf zweifache Weise mit ihr interagiert: Zum einen bindet SRP an seinen aus den zwei Untereinheiten SRalpha und SRbeta bestehenden Membranrezeptor (Gilmore et al., 1982, Meyer et al., 1982), zum anderen das Ribosom an den Sec61p-Komplex (Görlich et al., 1992; Kalies et al., 1994; Jungnickel und Rapoport, 1995). Die Funktion des Sec61p-Komplexes als Ribosomenrezeptor erfordert einen Mechanismus, der die Signalsequenz-abhängige Bindung von Ribosomen an den Translokationsort in der Membran sichert. Es wurde gezeigt, daß Ribosomen, die naszierende Ketten mit funktionellen Signalsequenzen synthetisieren, bei der Bindung an den Translokationsort in der Membran durch den SRP-abhängigen Targetingprozeß einen selektiven Vorteil gegenüber solchen Ribosomen besitzen, die nicht über SRP zur Membran geleitet werden (Neuhof et al., 1998; Raden und Gilmore, 1998).

Der SRP-Targetingzyklus ist an mehreren Stellen reguliert. Beide Untereinheiten des SRP-Rezeptors und die 54kD-Untereinheit des SRP sind GTPasen (Bernstein et al., 1989; Connolly und Gilmore, 1989; Römisch et al., 1989; Miller et al., 1995). Sobald SRP an seinen Membranrezeptor bindet, wird es durch die kooperative Bindung von GTP an SRP54 und SRalpha von der Signalsequenz und dem Ribosom freigesetzt und damit der Translationsarrest aufgehoben (Connolly und Gilmore, 1989; Rapiejko und Gilmore, 1997). Die naszierende Kette kann nun in den Translokationsort der Membran inserieren und in den eigentlichen Transportprozeß eintreten. Die anschließende Hydrolyse von GTP führt zur Dissoziation des SRP von seinem Rezeptor, womit beide für einen neuen Targetingzyklus bereitstehen (Connolly et al., 1991; Rapiejko und Gilmore, 1997). SRP54 und SRalpha sind vermutlich GTPase- aktivierende Proteine füreinander (Powers und Walter, 1995).


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Abbildung 2 Modell des cotranslationalen Proteintransports durch die ER-Membran der Säuger

Die Signalsequenz eines sekretorischen Proteins wird im Cytosol durch SRP erkannt, sobald sie aus dem Ribosom heraustritt (Schritt 1). Der Komplex aus Ribosom, naszierender Kette und SRP gelangt über zwei Affinitäten zur ER-Membran: Zum einen bindet SRP an seinen Membranrezeptor, zum anderen das Ribosom an den Sec61p-Komplex (Schritt 2). Durch die kooperative Bindung von GTP an SRP54 und die alpha-Untereinheit des SRP-Rezeptors (Schritt 3) wird SRP von der Signalsequenz und dem Ribosom freigesetzt (Schritt 4). Die GTP-Hydrolyse führt zur Dissoziation des SRP von seinem Rezeptor, womit beide für einen neuen Targetingzyklus bereitstehen (Schritt 5). Mit einem zweiten Signalsequenzerkennungsschritt inseriert die naszierende Kette produktiv in den Translokationskanal, der vermutlich von dem Sec61p-Komplex gebildet wird. Gleichzeitig erfolgt die Öffnung des Kanals zum ER-Lumen (Schritt 6). Der N-Terminus der naszierenden Kette liegt nun in einer Haarnadelkonformation vor. Ein Teil der Schleife wird von der Signalsequenz gebildet, der andere von dem C-terminal nachfolgenden Abschnitt der Polypeptidkette (Shaw et al., 1988, Mothes et al., 1994, Martoglio et al., 1995). Die Signalsequenz kontaktiert in dieser Konformation Sec61alpha und TRAM sowie Membranlipide, der nachfolgende Abschnitt nur Sec61alpha (High et al., 1993; Mothes et al., 1994; Martoglio et al., 1995; Mothes et al., 1998). Mit der weiteren Elongation der Polypeptidkette wird der C-terminale Bereich der Schleife durch die Membran geschoben, bis die Signalpeptidaseschnittstelle auf der luminalen Seite der ER-Membran für die Signalpeptidase zugänglich wird und die Signalsequenz abgespalten werden kann (Schritt 7). Der Rest der Polypeptidkette wird mit der fortlaufenden Synthese direkt aus einem Kanal im Ribosom durch die Membran in das Lumen des ER transportiert. Die naszierende Kette wird dabei in der Membran ausschließlich von Sec61alpha umgeben.


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Im Anschluß an die Targetingphase wird die naszierende Kette während ihrer Synthese an membrangebundenen Ribosomen durch einen hydrophilen Kanal in der Membran in das Lumen des ER transportiert. Die Tatsache, daß naszierende Ketten sekretorischer Proteine mit Harnstoff aus der ER-Membran extrahiert werden können, war ein erster Hinweise darauf, daß sich naszierende Ketten während ihres Transports durch die Membran in einer polaren Umgebung befinden (Gilmore und Blobel, 1985). Darüber hinaus konnte gezeigt werden, daß Fluoreszenz-sonden, die in naszierende Ketten eingebaut sind, während der Membranpassage in einer hydrophilen Umgebung sind (Crowley et al., 1993; 1994). Die Existenz eines hydrophilen, proteinleitenden Kanals wurde später direkt mit zwei unterschiedlichen experimentellen Ansätzen demonstriert. Zum einen konnten in elektrophysiologischen Experimenten große ionenleitende Kanäle in der ER-Membran nachgewiesen werden, nachdem naszierende Polypeptidketten durch Puromycin von den membrangebundenen Ribosomen entlassen wurden (Simon und Blobel, 1991). Zum anderen wurde die Zugänglichkeit von Fluoreszenzsonden in langen naszierenden Ketten membrangebundener Ribosomen untersucht. Diese Sonden sind sogar wenn sie sich noch innerhalb des Ribosoms befinden von der luminalen Seite der ER-Membran aus für relativ große fluoreszenzlöschende Moleküle wie Jodid- oder NAD+-Ionen zugänglich, jedoch nicht vom Cytosol her erreichbar (Crowley et al., 1993; 1994; Hamman et al., 1997). Die naszierende Polypeptidkette befindet sich demnach in einem kontinuierlichen hydrophilen Kanal, der vom Ribosom durch die Membran bis in das Lumen des ER reicht.

Die Insertion der naszierenden Kette in den Translokationskanal verläuft in zwei Schritten (Jungnickel und Rapoport, 1995). Ribosomen mit kurzen naszierenden Ketten (für das Modellprotein Preprolaktin Fragmente <64 Aminosäuren) binden zunächst nur schwach an die Membran. Sie sind durch hohe Salzkonzentrationen von der Membran ablösbar und ihre Ketten sind noch nicht proteaseresistent in den Translokationskanal inseriert. Nach Verlängerung der Kette um einige Aminosäuren wird die Bindung des Ribosoms an die Membran hochsalzresistent. Die naszierenden Ketten sind jetzt durch die Proteine des Translokationskanals vor Proteasen geschützt. Der Übergang von einer schwachen zu einer festen Bindung des Ribosoms an die Membran und die proteaseresistente Insertion der Kette in den Translokationskanal erfordern eine funktionelle Signalsequenz (Jungnickel und Rapoport, 1995). Signalsequenzen werden demnach beim cotranslationalen Transport von Proteinen nicht nur während des Targetings im Cytosol durch SRP erkannt, sondern ein zweites Mal während der Insertion der Kette in den Translokationskanal. Bei derselben Kettenlänge, bei der die Erkennung der Signalsequenz in der Membran erfolgt, öffnet sich der Translokationskanal zum Lumen des ER (Crowley et al., 1994). Fluoreszenzsonden in kürzeren naszierenden Ketten befinden sich in einer hydrophile Umgebung, sind aber weder vom Cytosol noch vom ER-Lumen für fluoreszenz-


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löschende Moleküle zugänglich (Crowley et al., 1994).

Die feste Bindung des Ribosoms an den Translokationskanal ist von besonderer Bedeutung für den Ablauf des cotranslationalen Transportprozesses. Da die naszierende Kette direkt aus dem Kanal im Ribosom in den Translokationskanal in der ER-Membran übertragen wird, ist der vektorielle Transport der Polypeptidkette in das ER-Lumen gewährleistet. Die Energie der Proteinbiosynthese liefert automatisch die Energie für den cotranslationalen Transportprozeß. Darüber hinaus wird der Durchtritt kleiner Moleküle durch die Membran und die Exposition der Kette zum Cytosol und damit ihre Faltung im Cytosol verhindert (Crowley et al., 1993; 1994; Hamman et al., 1997). Die Dissoziation des Ribosoms in seine Untereinheiten ist wahrscheinlich ein wichtiges Signal für das Schließen des Translokationskanals am Ende der Translokation (Simon und Blobel, 1991; Hamman et al., 1998).

Zahlreiche Experimente weisen darauf hin, daß der Sec61p-Komplex den Kanal in der ER-Membran bildet, durch den Proteine cotranslational transportiert werden. Eine systematische Quervernetzungsstudie zeigte, daß der reife Teil der naszierenden Kette nach dem Austritt aus dem Ribosom durch eine Umgebung in der Membran transportiert wird, die ausschließlich von der großen Untereinheit des Sec61p-Komplexes gebildet wird (Mothes et al., 1994). Der reife Teil der Kette konnte über einen Bereich von etwa 40 Aminosäuren zu Sec61alpha vernetzt werden. Dieser Bereich schloß sich unmittelbar dem Teil der Kette an, der sich noch im Ribosom befand, und ist lang genug, die Membran zu durchspannen (Mothes et al., 1994). Eine Rolle des Sec61p-Komplexes als Kanalbildner deckt sich mit den Daten, die seine Notwendigkeit für den Transport von Proteinen in Proteoliposomen (Görlich und Rapoport, 1993; siehe unten) und seine Funktion als Ribosomenrezeptor beschreiben (Görlich et al., 1992; Kalies et al., 1994). Wie der Sec61p-Komplex den proteinleitenden Kanal in der ER-Membran bildet, ist allerdings unverstanden.

Durch Rekonstitutionsexperimente sind alle für den cotranslationalen Transportprozeß essentiellen Membrankomponenten der ER-Membran der Säuger bekannt (Görlich und Rapoport, 1993). Der Transport des Modellproteins Preprolaktin erfordert nur zwei gereinigte Proteinkomplexe in der Lipidmembran: den SRP-Rezeptor und den Sec61p-Komplex. Es wurde gezeigt, daß der Sec61p-Komplex in der Lipidmembran im Falle des Preprolaktins für die Erkennung der Signalsequenz, die proteaseresitente Insertion der naszierenden Kette in den Kanal und die hochsalzresistente Bindung der translatierenden Ribosomen an die Membran ausreichend ist (Jungnickel und Rapoport, 1995). Der cotranslationale Transport anderer Modellproteine, wie zum Beispiel der des Prepro-Alphafaktors,


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erfordert neben dem SRP-Rezeptor und dem Sec61p-Komplex die Anwesenheit eines dritten Proteins in der Membran, des TRAM (für tr anslocating chain a ssociating m embrane protein). TRAM ist ein Glykoprotein (Görlich et al., 1992a), das die ER-Membran vermutlich sechsmal durchspannt. Die strukturellen Eigenschaften, die die TRAM-Abhängigkeit der Translokation für ein sekretorisches Protein bestimmen, liegen allein in der Signalsequenz (Voigt et al., 1996). TRAM wird zusätzlich zum Sec61p-Komplex im Schritt der proteaseresistenten Insertion der naszierenden Kette in den Kanal und der Erkennung der Signalsequenz benötigt, jedoch nicht in dem vorausgehenden Schritt des Insertionsprozesses, der zur schwachen Bindung der Ribosomen an die Membran führt (Voigt et al., 1996). Die produktive Insertion der naszierenden Kette in den Translokations-kanal geht in nativen Membranen mit einer Änderung der Umgebung der Signalsequenz einher: Signalsequenzen kurzer Ketten befinden sich nur in der Nachbarschaft zu Sec61alpha, nach ihrer Erkennung kontaktieren sie zusätzlich TRAM (Jungnickel und Rapoport, 1995; Mothes et al., 1998). TRAM konnte generell nur in der Nähe von Signalsequenzen sekretorischer Proteine nachgewiesen werden; nach deren Abspaltung ist kein Kontakt der naszierenden Kette zu TRAM detektierbar (High et al., 1993; Mothes et al., 1994).

Bisher ist kein in vitro System etabliert, das den SRP-abhängigen cotranslationalen Transport von Proteinen in das Endoplasmatische Retikulum der Hefe nachvollzieht. Die Hefe S.cerevisiae besitzt jedoch sowohl SRP (Hann und Walter, 1991) als auch den SRP-Rezeptor (Ogg et al., 1992). Darüber hinaus ist der Sec61p-Komplex der Hefe wie der Säugerkomplex mit membrangebundenen Ribosomen assoziiert (Görlich et al., 1992; Panzner et al., 1995). Zur Ablösung dieser Ribosomen vom Sec61p-Komplex ist das Entlassen der naszierenden Ketten mit Puromycin unter Hochsalzbedingungen erforderlich. Man nimmt daher an, daß der Sec61p-Komplex der Hefe ebenso wie der Säugerkomplex den SRP-abhängigen, cotranslationalen Transport von Proteinen vermittelt (Panzner et al., 1995). Überraschenderweise ist die Hefe S.cerevisiae ohne SRP oder den SRP-Rezeptor lebensfähig, obwohl starke Wachstumsdefekte auftreten (Hann und Walter, 1991; Stirling und Hewitt, 1992; Ogg et al., 1992; Brown et al., 1994). Nur ein Teil der untersuchten Preproteine akkumulieren im Cytosol der mutierten Hefezellen (Ng et al., 1996). Eine Vielzahl von Proteinen wird in diesem Organismus über einen SRP-unabhängigen Weg in das Endoplasmatische Retikulum transportiert. Dieser SRP-unabhängige Transport erfolgt posttranslational. Es ist zu beachten, daß das Hefeprotein Prepro-Alphafaktor, das cotrans-lational in das ER der Säuger transportiert wird, ausschließlich posttranslational in das ER der Hefe gelangt (Garcia und Walter, 1988).


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Der posttranslationale Proteintransport in das Endoplasmatische Retikulum

Der Mechanismus des posttranslationalen Transports unterscheidet sich von dem des cotranslationalen Transports (zur Übersicht: Corsi und Schekman, 1996; Rapoport et al., 1996). Das Ribosom wird beim posttransIationalen Transport nicht benötigt, da Proteine erst nach ihrer Fertigstellung im Cytosol und Ablösung vom Ribosom in das Lumen des Endoplasmatischen Retikulum transportiert werden. Andere Komponenten müssen daher die Funktionen des Ribsoms übernehmen und unter anderem die Energie für den Transport liefern, die Permeabilitätsbarriere der Membran während des Transportprozesses aufrechterhalten und dafür sorgen, daß der Proteintransport gerichtet abläuft. Obwohl der posttranslationale Proteintransport in das Endoplasmatische Retikulum der Hefe S.cerevisiae in vitro nachvollzogen werden kann (zuerst gezeigt von Hansen et al., 1986; Rothblatt und Meyer; 1986; Waters und Blobel, 1986; Hansen und Walter, 1988) und die den Transport vermittelnden Komponenten der Membran bekannt sind (Panzner et al., 1995), ist der Mechanismus des posttranslationalen Transports weniger verstanden als der des cotranslationalen Transports, vor allem da es schwieriger ist, definierte Translokationsintermediate zu erzeugen.

Wie bereits weiter oben erwähnt wurde, bestimmt die Signalsequenz, ob ein Protein co- oder posttranslational in das Endoplasmatische Retikulum gelangt (Feldheim und Schekman, 1994; Ng et al., 1996). Man stellt sich vor, daß SRP die aus dem Ribosom heraustretende naszierende Kette nach einer Signalsequenz abtastet, indem es mit geringer Affinität in einem bestimmten Schritt des Elongationszyklus an das Ribosom bindet (Walter et al., 1981; Ogg und Walter, 1995). Eigenschaften der Signalsequenz, wie ihre Hydrophobizität (Walter et al., 1981; Bird et al., 1987; Ng et al., 1996), könnten darüber entscheiden, ob SRP effektiv mit der Signalsequenz der wachsenden Polypeptidkette interagieren kann. Darüber hinaus könnten kinetische Parameter, wie die Geschwindigkeit der Elongation, eine Rolle spielen, denn die Affinität des SRP zur Signalsequenz nimmt mit steigender Kettenlänge ab (Wiedmann et al., 1987; Siegel und Walter, 1988). Außerdem könnte die Faltung der zu transportierenden Polypeptidkette die Bindung des SRP an die Signalsequenz verhindern. Erkennt SRP die Signalsequenz der naszierenden Kette nicht, wird das Protein vollständig im Cytosol synthetisiert und posttranslational und SRP-unabhängig zur Membran geleitet.

Proteine durchqueren die Membran des Endoplasmatischen Retikulum in einem entfalteten Zustand. Beim cotranslationalen Transport wird die Faltung der naszierenden Kette im Cytosol durch die Kopplung von Synthese und Translokation vermieden. Beim posttranslationalen Transport sind vermutlich cytosolische Chaperone dafür verantwortlich, das Transportsubstrat


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im Cytosol in einer teilweise oder vollständig entfalteten Konformation zu halten und gleichzeitig seine Aggregation zu verhindern. Mutationen in Ydj1p, einem DnaJ-Homologen, das zum Teil durch eine Farnesylgruppe auf der cytosolischen Seite der ER-Membran verankert ist, oder die Depletion von verschiedenen cytosolischen Hsp70-Proteinen führen in vivo zur Akkumulation von Preproteinen im Cytosol (Deshaies et al., 1988, Caplan et al., 1992). Darüber hinaus konnte gezeigt werden, daß Hsp70 und ein bisher nicht identifizierter NEM-sensitiver Faktor des Hefecytosols in vitro den posttranslationalen Transport des Modellproteins Prepro-Alphafaktor stimulieren (Waters et al., 1986; Deshaies et al., 1988; Chirico et al., 1988).

Cytosolische Faktoren sind für den posttranslationalen Translokationsprozeß an sich nicht erforderlich. Harnstoff-denaturierter Prepro-Alphafaktor wird ebenso effizient transportiert wie das native Protein (Chirico et al., 1988). Die genannten cytosolischen Chaperone besitzen daher vermutlich keine translokationsspezifische und notwendige Funktion beim posttranslationalen Targeting, sondern halten das Preprotein lediglich in einer translokationskompetenten Konformation. In Übereinstimmung damit beeinflussen Hsp70 und Ydj1p nicht nur den posttranslationalen Transport von Proteinen in das Endoplasmatische Retikulum, sondern auch den Transport von Proteinen in Mitochondrien, der ein ganz anderes Targetingsignal erfordert (Deshaies et al. 1988; Caplan et al., 1992). Durch Coimmunopräzipitation konnte gezeigt werden, daß Hsp70 direkt mit dem Prepro-Alphafaktor interagiert (Chirico, 1992). Wie die Freisetzung der Chaperone vom Substrat mit der Translokation durch die Membran gekoppelt ist, ist allerdings unverstanden. Außerdem ist unbekannt, ob cytosolische Faktoren existieren, die spezifisch das posttranslationale Targeting zur Membran des Endoplasmatischen Retikulum vermitteln. Im Falle des Imports von Proteinen in Mitochondrien ist ein solcher Faktor beschrieben worden (Hachiya et al., 1993).

Der posttranslationale Proteintransport durch die ER-Membran erfordert die Assoziation des Sec61p-Komplexes mit einem weiteren Membranproteinkomplex, dem tetrameren Sec62/63p-Komplex (Deshaies et al., 1991; Panzner et al., 1995; Abbildung 3). Beide Komplexe zusammen bilden den sogenannten Sec-Komplex, der sich als eine stabile Einheit reinigen läßt (Panzner et al., 1995). Der Sec62/63p-Komplex enthält neben den drei integralen Membranproteinen Sec62p, Sec63p und Sec71p das periphere Membranprotein Sec72p, das wahrscheinlich durch seine Bindung an Sec71p auf der cytosolischen Seite der Membran verankert ist (Fang und Green, 1994; Feldheim und Schekman, 1994). Das Glykoprotein Sec71p durchspannt die Membran einmal, Sec62p zweimal und Sec63p dreimal. Die Proteine des Sec62/63p-Komplex wurden ebenso wie Sec61p und Sss1p in genetischen Screens nach Hefemutanten, die in der Sekretion von Proteinen gestört sind, identifiziert. Sec62p und Sec63p sind essentielle Proteine der Hefe


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Abbildung 3 Schematische Darstellung wichtiger Komponenten des Translokationsapparates in der ER-Membran von S.cerevis

Sec62p und Sec63p interagieren vermutlich über ihre stark geladenen C-terminalen Domänen miteinander. Sec72p ist ein peripheres Membranprotein, das wahrscheinlich über seine Bindung an das Glykoprotein Sec71p in der ER-Membran verankert ist (CHO-bezeichnet eine Glykosylierung). Das luminale Chaperone Kar2p interagiert mit der J-Domäne des Sec63p.

(Deshaies und Schekman, 1989; Sadler et al., 1989). Mutationen in Sec62p oder Sec63p oder die Deletion des SEC71 oder SEC72 Gens führen zur Akkumulation von Preproteinen in vivo (Deshaies und Schekman, 1989; Rothblatt et al., 1989; Feldheim et al., 1993; Kurihara und Silver, 1993; Feldheim und Schekman, 1994). Die Beziehung zwischen post- und cotranslationalem Transport in der Hefe ist klar: Mutationen in den Proteinen des Sec62/63p-Komplexes verhindern den Transport von posttranslationalen Substraten, Mutationen in SRP oder dem SRP-Rezeptor den von cotranslationalen Substraten (Ng et al., 1996).

Sec63p besitzt eine J-Domäne auf der luminalen Seite der ER-Membran (Sadler et al., 1989), über die es mit dem luminalen Kar2p, einem Protein der Hsp70-Familie, interagiert (Scidmore et al., 1993; Brodsky und Schekman, 1993; Lyman und Schekman, 1995; Corsi und Schekman, 1997). Die Interaktion dieser beiden Proteine gleicht der der homologen Proteine DnaJ und DnaK von E.coli. Kar2p ist ein essentielles Protein der Hefe, das für den posttranslationalen Transport von Proteinen in das ER in vitro und in vivo erforderlich ist (Vogel et al., 1990; Sanders et al., 1992;


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Brodsky und Schekman, 1993; Panzner et al., 1995). Der posttranslationale Transport von Proteinen in das Endoplasmatische Retikulum der Hefe kann in vitro mit rekonstituierten Proteoliposomen, die den Sec-Komplex in der Membran und Kar2p und ATP im Lumen enthalten, nachvollzogen werden (Panzner et al., 1995). Proteoliposomen, die neben Kar2p und ATP nur einen der beiden Teilkomplexe des Sec-Komplexes enthalten, sind nicht in der Lage, Proteine posttranslational zu binden (siehe unten) und zu transportieren (Panzner et al., 1995; Matlack et al., 1997). Homologe des Kar2p, Sec62p und Sec63p existieren in höheren Eukaryonten (Normington et al., 1989; Noel und Cartwright, 1994; Brightman et al., 1995). Möglicherweise vermitteln diese Proteine auch in höheren Eukaryonten zusammen mit dem Sec61p-Komplex den posttranslationalen Transport von Proteinen. Im Säugersystem wurde ein posttranslationaler Transport vor allem für Proteine beschrieben, die zu kurz sind, um während ihrer Synthese am Ribosom mit SRP interagieren zu können (Schlenstedt und Zimmermann, 1987; Müller und Zimmermann, 1988).

Der posttranslationale Transport von Proteinen durch die Membran des Endoplasmatischen Retikulum der Hefe erfolgt in zwei Schritten (Sanz und Meyer, 1989; Müsch et al., 1992; Sanders et al., 1992; Lyman und Schekman, 1997; Matlack et al., 1997): Zunächst bindet das Translokationssubstrat in einer Kar2p- und ATP- unabhängigen Weise an die cytosolische Seite des Sec-Komplexes in der Membran. Anschließend sind Kar2p und ATP erforderlich, um die Polypeptidkette durch den Translokationskanal in das Lumen des Endoplasmatischen Retikulum zu transportieren (Abbildung 4).

Im ersten Schritt des posttranslationalen Proteintransports wird die Signalsequenz des Translokationssubstrats erkannt. Dieser Schritt erfordert eine funktionelle Signalsequenz; Proteine mit defekten Signalsequenzen werden nicht an den Sec-Komplex gebunden (Lyman und Schekman, 1997; Matlack et al., 1997). Die Unterscheidung funktioneller von nicht-funktionellen Signalsequenzen könnte bereits durch cytosolische Faktoren während des posttranslationalen Targetings erfolgen. Gegen diese Annahme spricht jedoch die Tatsache, daß Prepro-Alphafaktor nach seiner Denaturierung mit Harnstoff an den Sec-Komplex bindet, eine Signalsequenzmutante allerdings nicht (Lyman und Schekman, 1997). Durch welche Untereinheiten des Sec-Komplexes Signalsequenzen beim posttranslationalen Transportprozeß erkannt werden, ist unverstanden. Quervernetzungsexperimente zeigten, daß die C-terminale Hälfte des an den Sec-Komplex gebundenen Prepro-Alphafaktors Signalsequenz-abhängig die Proteine Sec62p, Sec71p und Sec72p kontaktiert (Müsch et al., 1992; Lyman und Schekman, 1997). Diese Proteine des Sec62/63p-Komplexes bilden daher möglicherweise den posttranslationalen Signalsequenz-rezeptor in der Membran (Lyman und Schekman, 1997). Die Umgebung der


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Abbildung 4 Modell des posttranslationalen Proteintransports durch die ER-Membran der Hefe S.cerevisiae

Die Polypeptidkette wird nach ihrer vollständigen Synthese am Ribosom durch cytosolische Chaperone in einer translokationskompetenten Konformation gehalten und bindet in einer Kar2p- und ATP- unabhängigen Weise an die cytosolische Seite des Sec-Komplexes (Schritt 1). Während des Bindungsschrittes wird die Signalsequenz in der Membran erkannt. Der N-Terminus der Polypeptidkette inseriert vermutlich wie beim cotranslationalen Transport in einer Haarnadelkonformation in die Membran. Der C-terminale Teil der an den Sec-Komplex gebundenen Polypeptidkette befindet sich in Nachbarschaft zu Sec62p, Sec71p und Sec72p. Im zweiten Schritt des Transportprozesses sind Kar2p und ATP auf der luminalen Seite der ER-Membran erforderlich, um die Polypeptidkette in das Lumen des ER zu transportieren. Während der Membranpassage kontaktiert der reife Teil der Polypeptidkette die große Untereinheit des Sec61p-Komplexes. Man nimmt daher in Analogie zum cotranslationalen Transport an, daß das Translokationssubstrat auch beim posttranslationalen Transport durch einen hydrophilen Kanal in der Membran, der vom Sec61p-Komplex gebildet wird, in das ER gelangt. Kar2p wird durch die Interaktion mit der J-Domäne des Sec63p zur Bindung von Peptiden aktiviert. In dem hier dargestellten Modell der molekularen Ratsche bindet Kar2p die Polypeptidkette sobald diese durch Diffusionsprozesse auf der luminalen Seite aus dem Translokationskanal heraustritt und verhindert damit ein Zurückgleiten des Proteins. Die wiederholte Bindung von Kar2p wandelt die Diffusion in einen gerichteten Transportprozeß um. In einem alternativen Modell würde Kar2p gleichzeitig an die J-Domäne und das Translokationssubstrat binden und durch eine Konformationsänderung die Polypeptidkette aktiv durch den Kanal ziehen (Motormodell). Es ist außerdem vorstellbar, daß Kar2p gleichzeitig als molekulare Ratsche und Motor wirkt. Im Verlauf der Translokation wird die Signalsequenz durch die Signalpeptidase auf der luminalen Seite der ER-Membran abgespalten.


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Signalsequenz wurde jedoch in diesen Experimenten nicht untersucht. In Analogie zu den verwandten Transportprozessen könnten auch der Sec61p-Komplex oder die Lipidmoleküle der Membran an der Erkennung von Signalsequenzen beteiligt sein (siehe oben). Das etablierte rekonstituierte System aus dem gereinigten Sec-Komplex und Lipiden bietet optimale Voraussetzungen für die Untersuchung der Signalsequenzerkennung in diesem Transportweg.

Im zweiten Schritt des Transportprozesses wird die gebundene Polypeptidkette vermutlich wie beim cotranslationalen Transport durch einen Kanal in der Membran, der von dem Sec61p-Komplex gebildet wird, in das Lumen des Endoplasmatischen Retikulum transportiert. Unterstützt wird dies dadurch, daß sich der reife Teil der Polypeptidkette während der Membranpassage in der Nachbarschaft der großen Untereinheit des Sec61p-Komplexes befindet (Müsch et al., 1992; Sanders et al., 1992; Lyman und Schekman, 1995; 1997; Matlack et al., 1997). Der vektorielle Transport von Proteinen durch den Translokationskanal wird durch Kar2p vermittelt. Dieser Prozeß erfordert die Hydrolyse von ATP durch Kar2p und die Interaktion von Kar2p mit der J-Domäne des Sec63p (Lyman und Schekman, 1997; Matlack et al., 1997).

Es wurden zwei Modelle vorgeschlagen, um die Wirkungsweise des Kar2p im posttrans-lationalen Transportprozeß zu beschreiben: In dem sogenannten Motormodell bindet Kar2p gleichzeitig an das Translokationssubstrat und die J-Domäne und zieht durch eine Konformationsänderung die Polypeptidkette aktiv durch den Kanal (Glick, 1995). In dem Modell der molekularen Ratsche wird die Diffusion der Polypeptidkette in einen gerichteten Transportprozeß umgewandelt (Simon et al., 1992; Schneider et al., 1994). Dabei bindet Kar2p auf der luminalen Seite des Translokationskanals an die Polypeptidkette und verhindert so ein Zurückgleiten der Kette durch den Kanal. Durch Diffusion der Polypeptidkette und die Bindung weiterer Kar2p-Moleküle resultiert der Transport in das ER-Lumen. Darüber hinaus könnte Kar2p gleichzeitig als Motor und molekulare Ratsche wirken. Kürzlich konnte gezeigt werden, daß eine molekulare Ratsche in vitro für den posttranslationalen Transport des Modellproteins Prepro-Alphafaktor ausreichend ist (Matlack et al., 1999).

Beide Modelle erfordern die Bindung von Kar2p an die zu transportierende Polypeptidkette. Durch chemische Quervernetzung wurde eine Nachbarschaft des Translokationssubtrats zu Kar2p während des Transportprozesses nachgewiesen (Sanders et al., 1992). Kar2p bindet Peptide in seiner C-terminalen Substratbindungstasche. Diese ist geöffnet, wenn ATP an die N-terminale ATPase-Domäne gebunden ist, und geschlossen, wenn ADP gebunden ist (zur Übersicht: Bukau und Horwich, 1998). In Experimenten mit rekombinanten Proteinen konnte gezeigt werden, daß Kar2p durch die J-Domäne des Sec63p für die Bindung von Peptiden aktiviert wird (Misselwitz et al., 1998). Die J-Domäne interagiert dabei mit der ATP-Form des Kar2p und stimuliert dessen ATP-Hydrolyse, wodurch Kar2p mit nur geringer Substratspezifität unmittelbar benachbarte Peptide in seiner Peptidbindungstasche einschließen kann (Misselwitz et al., 1998). Beim Translokations-prozeß könnte die


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räumliche Nähe der J-Domäne des Sec63p zur luminalen Öffnung des Kanals gewährleisten, daß Kar2p an die aus dem Translokationskanal heraustretende Polypeptidkette bindet.

Der Transport von Proteinen durch die Plasmamembran von E.coli

Proteine können posttranslational durch die Plasmamembran von E.coli transportiert werden (zur Übersicht: Ito, 1995; Duong et al., 1997). Da bisher keine membrangebundenen Ribosomen nachgewiesen werden konnten, ist unklar, ob ein cotranslationaler Transportmechanismus in diesem Organismus existiert. Allerdings besitzt E.coli Homologe des SRP54, der alpha-Untereinheit des SRP-Rezeptors und der SRP-RNA (Poritz et al., 1988; Struck et al., 1988; Bernstein et al., 1989; Römisch et al., 1989). Während das SRP von E.coli vermutlich eine Rolle bei der Integration von stark hydrophoben Membranproteinen spielt (Ulbrandt et al., 1997), ist es für den Export der meisten extrazellulären Proteine nicht erforderlich (Phillips und Silhavy, 1992). Letztere können durch das cytosolische Chaperon SecB posttranslational zur Plasmamembran geleitet werden. SecB hält das Translokationssubstrat in einer transportkompetenten Konformation, indem es mit dem reifen Teil des Translokationssubstrats interagiert (Randall et al., 1990).

Der Mechanismus des posttranslationalen Porteintransports durch den vermutlich vom SecYEG-Komplex gebildeten Kanal in der Plasmamembran von E.coli (Joly und Wickner, 1993) muß sich von dem des posttranslationalen Transports in das Endoplasmatische Retikulum der Hefe unterscheiden, da kein ATP auf der trans-Seite der Membran zur Verfügung steht. Der posttranslationale Transport von Proteinen in E.coli erfordert eine Interaktion zwischen dem SecYEG-Komplex und der cytosolischen ATPase SecA. SecA, ein essentielles Protein in E.coli, bindet nicht nur an den SecYEG-Komplex, sondern auch an Lipide, an das cytosolische Chaperon SecB, sowie an die Signalsequenz und den reifen Teil des Translokationssubstrats. Das Translokationssubstrat wird von SecB auf das membrangebundene SecA übertragen (Hartl et al., 1990; Lill et al., 1990; Hendrick und Wickner, 1991). Man nimmt an, daß die anschließende Bindung von ATP an SecA eine Konformationsänderung des Proteins induziert, die zu dessen Insertion in die Membran führt (Economou und Wickner, 1994; Economou et al., 1995). Gleichzeitig wird dabei der N-Terminus des Translokationssubstrats in den Kanal transferiert (Schiebel et al., 1991). SecA ist in diesem Zustand von der extrazellulären Seite der Membran aus für Proteasen und modifizierende Reagenzien zugänglich (Kim et al., 1994).


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Die Freisetzung des partiell translozierten Substrats und Deinsertion des SecA erfordern die Hydrolyse von ATP (Economou und Wickner, 1994; Economou et al., 1995). Die mehrfache Wiederholung des beschriebenen ATP- abhängigen Insertions- und Deinsertionszyklus des SecA führt schließlich zur vollständigen Translokation der Polypeptidkette. Die Effizienz des Transportprozesses wird durch das elektrochemische Membranpotential deutlich erhöht (Schiebel et al., 1991). Möglicher-weise verhindert das Membranpotential ein Zurückgleiten der vom SecA freigesetzten partiell translozierten Polypeptidkette.

Der SecYEG-Komplex ist mit einem weiteren Membranproteinkomplex assoziiert, der die Proteine SecD, SecF und YajC enthält (Duong und Wickner, 1997). Der SecDFyajC-Komplex stabilisiert den membraninserierten Zustand des SecA (Economou et al., 1995; Duong und Wickner, 1997a), ist aber für die Translokation von Proteinen in vivo und in vitro nicht essentiell.

Aufgabenstellung

Die vorliegende Arbeit untersucht den Transport von Proteinen durch die Membran des Endoplasmatischen Retikulum der Hefe mit biochemischen, genetischen und strukturanalytischen Methoden. Sie unterteilt sich in vier Schwerpunkte:

  1. Zahlreiche Experimente deuteten darauf hin, daß der heterotrimere Sec61p-Komplex einen hydrophilen Kanal in der ER-Membran bildet, durch den Proteine entweder co- oder posttranslational in das ER gelangen. Mit Hilfe der Elektronenmikroskopie untersuchten wir, in welcher Struktur der Sec61p-Komplex in Detergenzlösung und in Membranen vorliegt, welche Rolle Ribosomen und der Sec62/63p-Komplex bei der Bildung dieser Strukturen in Membranen spielen, und wo der Sec61p-Komplex an das Ribosom bindet.
  2. In der ER-Membran der Hefe existieren homologe Proteine von zwei Untereinheiten des heterotrimeren Sec61pKomplexes. Die als Ssh1p und Sbh2p bezeichneten Proteine sind homolog zu Sec61p bzw. Sbh1p.Die vorliegende Arbeit ging der Frage nach, ob die beiden neu-entdeckten Proteine Ssh1p und Sbh2p an der Translokation von Proteinen in das Endoplasmatische Retikulum der Hefe beteiligt sind. Dabei wurde außerdem die Funktion der Sbh1p-Untereinheit des heterotrimeren Sec61p-Komplexes in vivo untersucht.
  3. Im posttranslationalen Transportprozeß wird die Signalsequenz des Translokationssubstrats im Bindungsschrittes durch den Sec-Komplex in der Membran erkannt. Der Mechanismus der Signalsequenzerkennung ist bisher weitgehend unverstanden. Wir wählten einen

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    Photoquervernetzungsansatz und eine neue “mapping“-Technik, um den Bindungsort der SignalsequenzdesModellsubstrats Prepro-Alphafaktor in der Membran genau zu charakterisieren und damit Hinweise auf den Mechanismus der Signalsequenzerkennung durch den Sec-Komplex zu erhalten. Gleichzeitig wurde untersucht, in welcher Umgebung sich der reife Teil des Prepro-Alphafaktors nach der Bindung an den Sec-Komplex befindet.
  4. Beim posttranslationalen Transport sind vermutlich cytosolische Proteine dafür verantwortlich, das Translokationssubstrat in einer translokationskompetenten Konformation zu halten. Wir wählten einen Photoquervernetzungsansatz, um Interaktionen zwischen dem vollständig synthetisierten Prepro-Alphafaktor und cytosolischen Proteinen nachzuweisen, und um zu untersuchen, wie die Freisetzung der cytosolischen Interaktionspartner mit der posttranslationalen Translokation des Prepro-Alphafaktors durch die Membran gekoppelt ist.

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