Bittermann, Heike: Jodversorgung deutscher Wehrpflichtiger im Alter von 17,5 bis 21 Jahren

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Kapitel 5. Diskussion

Jodmangel ist trotz der eingesetzten Prophylaxemaßnahmen ein gesundheitsschädliches und kostenträchtiges Problem in Deutschland [59] , [101] . Dies liegt an dem Prinzip der Freiwilligkeit, dem die Durchführung der Prophylaxe unterliegt, und weniger an der Art der eingesetzten Maßnahmen. Eine Quantifizierung des Ausmaßes der Jodunterversorgung ist notwendig, um bessere Strategien entwickeln zu können. Darüber hinaus wurden Verständnisfragen über Jod gestellt, da die Freiwilligkeit der Anwendung der Prophylaxemaßnahmen Einsicht und Aktivität der Bevölkerung erfordert.

5.1. Diskussion der Methodik

Ziel der Studie war es, repräsentative Daten zur Jodversorgung von jungen wehrpflichtigen Männern im Alter von 17,5 bis 21 Jahren zu erheben. Die vorliegende Untersuchung erfüllt die Kriterien der Repräsentativität, sowohl in Bezug auf die Anzahl als auch auf die Auswahl der untersuchten Probanden. Die erfaßten 26 Regionen wurden nach dem Zufallsprinzip aus Deutschland ausgewählt. Die Auswahl der Probanden erfolgte ebenfalls zufällig.

Darüber hinaus wurden Daten für den Jodgehalt und die Konzentration der gelösten organisch gebundenen Kohlenstoffe im Trinkwasser der ausgewählten Regionen ermittelt.

5.1.1. Ausgewähltes Kollektiv

Im Rahmen der Erstmusterung der Bundeswehr konnte eine repräsentative Gruppe der 17,5 bis 21 jährigen deutschen Männer erfaßt werden. Dabei entspricht die Verteilung der Schulbildung auf die Probanden annähernd den Schulabschlüssen in ganz Deutschland im Jahr 1995/96. Im untersuchten Kollektiv befinden sich 27% Abiturienten oder Fachabiturienten und 72% Real-/Hauptschüler bzw. Schüler ohne Abschluß. In ganz Deutschland finden sich 22% Abiturienten und 78% Real-/Hauptschüler bzw. Schüler ohne Abschluß [113] . Daher können die Probanden auch in Bezug auf die Schulbildung als repräsentative Gruppe angesehen werden.


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5.1.2. Messung der Jodausscheidung

Die Messung der Jodausscheidung gilt als Standardverfahren zur Erfassung des aktuellen Jodversorgungszustandes einer Bevölkerung [78] . Die Bestimmung des Jodgehaltes in Spontanurinproben ermöglicht die Durchführung von größeren Studien [119] . Für das Jod-Monitoring wurden die Jod- und Kreatininkonzentrationen der Urinproben nach den üblichen Methoden unter standardisierten Bedingungen gemessen [90] , [66] . Die Kreatininkonzentration kann durch verschiedene Faktoren wie z. B. Alter und Eiweißmangelernährung beeinflußt werden, was zu großen Schwankungen führt. Zudem gibt es inter- und intraindividuelle Schwankungen der Kreatininausscheidung. Bourdoux beschreibt bei Angabe der Jodausscheidung in µg/g Kreatinin eine Unterschätzung der Jodzufuhr von 10 bis 20% gegenüber der Angabe der Jodkonzentration in µg/dl [18] . Der Bezug der Jodausscheidung auf Kreatinin zur Beschreibung der Jodzufuhr wird als mögliche Fehlerquelle angesehen. Bei der Messung der Jodkonzentration im Spontanurin sollte nach Bourdoux die Angabe in µg/dl bevorzugt werden, da durch die vielfältige Beeinflußbarkeit der Kreatininausscheidung die Aussagekraft der Jodgehalte verringert wird [18] .

5.1.3. Jodzufuhrberechnung

Die Schätzung der individuellen Jodzufuhr erfolgte semiquantitativ. Anhand eines ”food frequency“ Fragebogens wurde nur die Zufuhr jodreicher Lebensmittel erfaßt. Daher können die Portionsgrößen nur näherungsweise ermittelt werden. Für die Zuordnung des Jodgehaltes zu den einzelnen Portionen der Lebensmittelgruppen wurden die üblichen Nährwerttabellen (Bundeslebensmittelschlüssel und die Nährwerttabelle Souci, Fachmann, Kraut) herangezogen. Die Bestimmung des Jodgehaltes der Portionen wurde dadurch erschwert, daß der Jodgehalt der Lebensmittel in Abhängigkeit von Region und Saison erheblich schwankt und durch die Art der Zubereitung zusätzlich beeinflußt werden kann [103] , [57] , [27] , [52] . Bei der Berechnung wurde über Korrekturfaktoren berücksichtigt, ob die Nahrungsmittel bzw. Speisen mit Jodsalz hergestellt wurden, wodurch die Jodzufuhr positiv beeinflußt würde oder ob gewöhnliches Speisesalz verwendet wurde. Dennoch sind die Angaben zur individuellen Jodzufuhr der Probanden nur als Näherungswerte aufzufassen.


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Eine genauere Methodik unter Verwendung von mehrtägigen Protokollen der Nahrungsaufnahme (total diet study) mit Analyse des Jodgehaltes in Nahrungsduplikaten war jedoch aus finanziellen und organisatorischen Gründen nicht möglich.

Generell ist zu berücksichtigen, daß das untersuchte Kollektiv (junge Männer im Alter von 17,5 bis 21 Jahren) Ernährungsfragen ein begrenztes Interesse entgegenbringt, da sie überwiegend weder selbst einkaufen noch die Speisen zubereiten. Dies ist auch eine Erklärung dafür, daß ein relativ großer Anteil der Personen verschiedene Fragen mit ”weiß nicht“ beantwortet hat. Auf der anderen Seite zeigt die hohe Ausschöpfung der Stichprobe (83,3%), daß die jungen Männer im Rahmen der Erstmusterung gern bereit waren, Auskunft zu erteilen, so daß man in der Tat von einem Informationsdefizit ausgehen kann.

5.1.4. Trinkwasseranalyse

Die Analyse der Trinkwasserproben der Regionen erfolgte nach standardisierten Verfahren. Der Jodgehalt wurde nach dem Sandell-Kolthoff-Verfahren [36] gemessen. Die gelösten organisch gebundenen Kohlenstoffe wurden nach den Richtlinien des Deutschen Einheitsverfahrens zur Wasser-, Abwasser- und Schlammuntersuchung DIN 38409 bestimmt [89] . Die gelösten organisch gebundenen Kohlenstoffe gelten als indirektes Maß für den Gehalt der Huminsäuren, da davon ausgegangen wird, daß mehr als 65% der gelösten organischen Kohlenstoffe von den Huminsäuren stammen [104] , [114] . Bisher ist kein Verfahren zur direkten Bestimmung der Huminsäuren bekannt.

5.2. Diskussion der Ergebnisse

5.2.1. Jodausscheidung

Bei den Wehrpflichtigen liegt der Median der Jodausscheidung im Urin bei 57,0 µg/g Kreatinin und weist eine Spannweite von 13,7 bis 592,4 µg/g Kreatinin auf ( Tabelle A 31 ). Als ausreichend versorgt, gilt ein Individuum nach den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erst mit Werten von größer als 100 µg/g Kreatinin. Von den 780 untersuchten jungen Männern waren danach nur 12% ausreichend mit Jod versorgt. 50,5%


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wiesen einen geringfügigen (Grad I der WHO), 33,1% einen mittleren (Grad II) und immerhin 4,4% einen erheblichen Jodmangel (Grad III) auf ( Abbildung 5 , auf Seite 51).

Der Medianwert von 8,4 µg Jod/dl Urin liegt ebenfalls unter dem von der WHO geforderten Grenzwert von 10 µg/dl. 60,7% der Einzelwerte unterschreiten den Wert von 10 µg Jod/dl. 19,6% der Werte befinden sich unter 5 µg/dl. Eine ausreichende Jodversorgung der männlichen Bevölkerung zwischen 17,5 und 21 Jahren wird damit auch nach den vereinfachten Kriterien der WHO nicht erreicht [119] .

Zwar zeigt sich gegenüber früheren Untersuchungen wie z.B. von Meng et al. [72] (27,9 µg/g Kreatinin) und der Nationalen Verzehrsstudie [61] (36,5 µg/g Kreatinin), die bei der Mehrzahl der Untersuchten einen Jodmangel Grad II feststellten, eine deutliche Besserung, dennoch ist die momentane Jodversorgung noch nicht als ausreichend anzusehen. Das Vorhandensein eines mittleren Jodmangels I. Grades wird auch von Metges [76]
(59,1 µg/g Kreatinin), Gutekunst [40] (66 µg/g Kreatinin) sowie Hampel [45] (72 µg/g Kreatinin) in ihren neueren Studien bestätigt.

5.2.2. Jodzufuhr

Für die geschätzte individuelle Jodzufuhr finden sich bei den Probanden Werte zwischen 33,4 und 507,5 µg pro Tag. Der Median liegt bei 125,2 µg Jod pro Tag ( Tabelle A 32 ), womit die von der DGE empfohlene tägliche Jodzufuhr für Jugendliche und Erwachsene von 200 µg nicht erreicht wird [27] .

Zum Vergleich für zeitliche Veränderungen bieten sich im wesentlichen die repräsentativen Daten aus den alten Bundesländern der Nationalen Verzehrsstudie an [1] . Damals wurde für Männer im Alter von 18-24 Jahren eine tägliche Jodzufuhr von 125 µg angegeben. In der Neuauswertung dieser Studie wird dieser Wert auf 87,9 µg/d korrigiert [81] . Demgegenüber stellen die berechneten Werte dieser Studie eine deutliche Verbesserung dar.

Auch gegenüber den Untersuchungen von Anke et al., die 1988 eine mittlere Jodzufuhr von 57 ± 36 µg/d und 1991 eine mittlere Jodzufuhr von 66,0 ± 52 µg/d nachwiesen, zeigen die berechneten Werte deutlich eine weitere Zunahme der Jodzufuhr [4] . Neuere Untersuchungen beschreiben sogar einen Anstieg der täglichen Jodzufuhr auf 139 µg für Männer [2] .


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Die verbesserten Jodzufuhrwerte sind erfreulich. Es darf aber nicht übersehen werden, daß bei den jungen Männern im Alter von 17,5 bis 21 Jahren der Medianwert unterhalb der von der DGE empfohlenen Zufuhr von 200 µg Jod pro Tag liegt und überdies sehr große Unterschiede in der individuellen Jodzufuhr bestehen. Befürchtungen, daß die bestehenden Maßnahmen zur Verbesserung der Jodversorgung bereits in Einzelfällen zu einer unerwünscht hohen Jodzufuhr geführt haben könnten, lassen sich zumindest für das untersuchte Kollektiv nicht bestätigen.

5.2.3. Lebensmittel als Quelle der Jodzufuhr

Die Jodzufuhr wird durch die Nahrung und das Trinkwasser beeinflußt [85] . Zur Berechnung der Jodzufuhr werden Lebensmittel mit einem hohen Jodgehalt (wie z.B. Seefisch) und Lebensmittel, deren Jodgehalt von einer bestimmten Bearbeitung beeinflußt wird (Brot, Wurst), wie z.B. die Verwendung von jodiertem Salz bei der Herstellung, herangezogen.

Die Zunahme der geschätzten Jodzufuhr der Probanden gegenüber den früheren Untersuchungen könnte auf den verstärkten Einsatz von Jodsalz bei der Herstellung von Lebensmitteln zurückzuführen sein. Nach einer 1995 durchgeführten schriftlichen Anfrage verwenden 80% der Bäcker und 81% der Metzger Jodsalz [81] . Backwaren und Wurst werden von nahezu allen Probanden täglich verzehrt. In der vorliegenden Studie werden im Median 4 Scheiben Brot und 2 Portionen Wurst pro Tag gegessen ( Tabelle A 1 und Tabelle A 2 ). Für eine Scheibe Brot wird ein Jodgehalt von 12 µg, für eine Portion Wurst ein Jodgehalt von 12 µg angenommen, wenn die Produkte mit Jodsalz hergestellt werden. Unter diesen Bedingungen kann im Median über den Verzehr von Brot und Wurst eine Jodzufuhr von 72 µg pro Tag erreicht werden.

Auch der Milchverzehr wird bei der Berechnung der Jodzufuhr berücksichtigt. Der Jodgehalt der Milch ist abhängig vom Futter der Tiere. Die Werte schwanken saisonbedingt [124] , [24] , [122] , [5] , [87] . 67% der Probanden trinken täglich Milch, im Median 1 Tasse pro Tag. Für den Jodgehalt der Milch werden 14 µg pro Tasse (200 ml) angenommen.


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5.2.3.1. Seefischverzehr

Seefisch spielt als Quelle des Spurenelements Jod bei diesem untersuchten Kollektiv eine untergeordnete Rolle, da 62% nie oder selten Fisch essen ( Abbildung 12 und Abbildung 13 , Seite61). Es zeigen sich keine regionalen Unterschiede. Zur Deckung des Jodbedarfs wären aber wöchentlich mehrere Fischmahlzeiten notwendig [52] . Nur 2 % der Probanden geben an, zweimal wöchentlich Fisch zu essen ( Tabelle A 7 ).

Auch in der Nationalen Verzehrsstudie wird von 69,2% der Männer angegeben, selten oder nie Fisch zu essen [60] . Dies bestätigt auch eine regionale Studie an fünf Universitäten in Süddeutschland (n = 1040). 57% dieser Probanden geben an, keinen Fisch zu essen [76] . Insgesamt scheint Fisch in Deutschland als Jodquelle nicht ausreichend genutzt zu werden.

5.2.3.2. Gebrauch von jodiertem Speisesalz

Durchschnittlich werden in Deutschland 2 g Salz pro Tag zugesalzen, davon wird etwa
1 g aufgenommen. So kann die Verwendung von Jodsalz im Haushalt mit nur 20 µg zur täglichen Jodversorgung beitragen [69] .

Die Akzeptanz von Jodsalz steigt zunehmend an. 1989 waren noch 63 % der Bevölkerung der Meinung, daß Jodsalz nur für ”Kranke“ notwendig sei [116] . 1994 gaben in einer repräsentativen Befragung zur ”Akzeptanz von Jodsalz in der Bevölkerung“ 53% an, jodiertes Speisesalz zu benutzen [81] . Nach Daten des Arbeitskreises Jodmangel von 1995 benutzten bereits knapp 80% der Haushalte bundesweit Jodsalz [6] .

Im Gegensatz dazu geben nur 46 % der Teilnehmer dieser Studie an, jodiertes Speisesalz als Haushaltssalz zu verwenden ( Tabelle A 13 ). Der Widerspruch wird durch das besondere Kollektiv begründet. Dies sind junge Männer, von denen jeder zweite an der Mahlzeitenzubereitung nicht beteiligt ist und jeder Dritte nicht selbst einkauft ( Tabelle A 12 und Tabelle A 13 ). 17% kennen die Salzqualität ihres Haushaltssalzes gar nicht ( Tabelle A 13 ). Ob das untersuchte Kollektiv das Ziel der WHO [119] , den Jodsalzverbrauch in den Haushalten auf mehr als 90% anzuheben, erreicht, läßt sich anhand der Daten nicht beantworten.

Zur Beurteilung des Einflusses von Jodsalzgebrauch im Haushalt auf die Jodausscheidung wurden die Probanden mit langfristig und kurzfristig erhöhter Jodzufuhr ausgeschlossen. Unter diesen Bedingungen zeigt sich eine signifikant höhere Jodausscheidung bei den


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Probanden, die jodiertes Speisesalz im Haushalt verwenden ( Tabelle 31 ). Eine erhöhte Jodausscheidung durch Verwendung von Jodsalz bestätigen auch regionale Untersuchungen [44] , [76] .

Für die Mahlzeiten außer Haus ergibt sich eine zusätzliche Jodzufuhr nur dann, wenn das Restaurant, die Kantine oder Imbißstube jodiertes Salz zur Speisenzubereitung benutzt. Die Probanden, die regelmäßig Mahlzeiten außer Haus essen, können aber nur zu 3% angeben, ob Jodsalz zur Speisenzubereitung eingesetzt wird. Zu 90% wissen sie nicht, welche Qualität das verwendete Salz besitzt ( Tabelle 23 , Seite 54). Wegen der fehlenden Angaben kann der Nachweis einer höheren Jodausscheidung durch Verwendung von Jodsalz in Kantinen, wie er in einer regionalen Studie gezeigt wird, für die Wehrpflichtigen nicht geführt werden [32] .

5.2.3.3. Jodtabletten

Die Auswirkungen der Einnahme von Jodtabletten auf die Jodversorgung kann in dieser Studie nicht beurteilt werden, da zu wenig Probanden (n = 4) regelmäßig Jodtabletten einnehmen ( Tabelle A 17 ) und eine statistische Auswertung somit nicht sinnvoll ist.

5.2.4. Wissen zum Thema Jod

Es zeigt sich, daß die momentane Verbraucheraufklärung bei dieser Bevölkerungsgruppe (junge Männer zwischen 17,5 und 21 Jahren) nicht ausreichend ist, da 52% der Befragten die Bedeutung von Jod für den Menschen nicht kennen ( Tabelle A 17 ). 43,4% wissen nicht, wie ihre persönliche Jodversorgung einzuschätzen ist und 62% wissen nicht, ob ihre Jodversorgung verbessert werden sollte ( Tabelle A 16 ). Auch halten immerhin 21% einen hohen Konsum von Jodsalz sogar für gefährlich ( Tabelle A 16 ). Eine Überversorgung mit Jod kann bei keinem der Probanden festgestellt werden. Die höchste berechnete Jodzufuhr beträgt 507,5 µg pro Tag. Von der WHO wird eine täglich Jodzufuhr von 1 mg für ungefährlich angesehen. Um diese Jodmenge über jodiertes Speisesalz aufzunehmen, müßten bei einer durchschnittlichen Anreicherung des Salzes mit Jod in einer Größenordnung von 20 µg Jod/g Kochsalz 50g Speisesalz pro Tag gegessen werden. Es ist nicht möglich, soviel Salz zu essen. Eine Überdosierung durch jodiertes Speisesalz ist deshalb selbst unter der Berücksichtigung von extremen Verzehrsgewohnheiten nicht zu erwarten [71] , [38] .


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5.2.5. Korrelation zwischen Jodzufuhr und Jodausscheidung

Die Korrelation zwischen Jodzufuhr und Jodausscheidung des untersuchten Kollektivs ist mit r = 0,15 (r2 = 0,024) gering (siehe Abschnitt ? , auf Seite 67). Eine mögliche Ursache für die geringe Korrelation könnte die semiquantitative Erfassung der Jodzufuhr durch das Schätzverfahren sein. Durch die Schwankungen des Jodgehaltes der Lebensmittel und den unterschiedlichen Verlust je nach Art der Zubereitung summieren sich in der Berechnung Ungenauigkeiten, so daß die Jodzufuhr in dieser Untersuchung nur näherungsweise bestimmt werden kann [103] , [57] , [27] , [52] .

In der Nationalen Verzehrsstudie konnte zwischen der Jodzufuhr, bestimmt anhand von 7 Tage Verzehrsprotokollen, und der Jodausscheidung auch nur ein niedriger Korrelationskoeffizient von r2 = 0,185 ermittelt werden [60] .

Während die Jodausscheidung im Urin als zuverlässiger Parameter zur Bestimmung der Jodversorgung angesehen wird [78] , zeigt sich, daß mit dem zur Verfügung stehenden Material in Deutschland die Bestimmung der Jodzufuhr nur näherungsweise möglich ist. Weitere Untersuchungen zum Jodgehalt der Lebensmittel (mit gewöhnlichem und jodiertem Speisesalz hergestellt), zur Häufigkeit der Benutzung des Jodsalzes im Haushalt und in der Lebensmittelherstellung (Bäcker, Metzger) sowie bei der Speisenzubereitung (Restaurant, Kantine, Imbißstube) sind erforderlich.

5.3. Regionaler Vergleich der Jodversorgung in Deutschland

Ein weiteres Ziel der Studie war es, zu prüfen, ob weiterhin ein Nord-Süd-Gefälle bezüglich der Jodversorgung besteht, wie es in früheren Studien beschrieben wurde [42] , [73] .


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5.3.1. Vergleich der Regionen Nord, Mitte Süd

Zu diesem Zweck wurde Deutschland horizontal in drei Großräume eingeteilt. Die entsprechenden Großräume wurden Nord, Mitte und Süd benannt. Anthropometrisch finden sich vergleichbare Probanden in den drei Großräumen. Das Körpergewicht liegt im Median zwischen 71 und 73 kg, die Körpergröße im Median zwischen 178 und 180 cm, der Body-Mass-Index aller drei Großräume weist einen Medianwert von 22 kg/m2 auf ( Tabelle A 29 und Tabelle A 30 ).

Die Mediane der Jodausscheidung sind praktisch gleich: Nord 58,5, Mitte 56,7 und Süd
59,7 µg/g Kreatinin ( Tabelle A 31 ). Das früher beschriebene Nord-Süd-Gefälle [42] , [73] kann für die Jodausscheidung der wehrpflichtigen Männer nicht bestätigt werden.

Bezüglich der Jodzufuhr (Median) finden sich von Nord (129,6 µg/d) nach Süd
(113,2 µg/d) absinkende Werte, die aber nicht statistisch signifikant unterschiedlich sind ( Tabelle A 32 ). Die Ursache könnte die unterschiedlichen Ernährungsgewohnheiten beim Konsum von Milch und Milchprodukten sein. Während in Nord im Median 2 Tassen Milch pro Tag (dies entspricht einer geschätzten Jodzufuhr von 28 µg) getrunken werden ( Tabelle A 2 ), meiden in Süd 44% Milch ( Tabelle A 7 ). Auch wird Joghurt von 59% der Probanden in Süd nicht verzehrt und kann somit nicht zur Jodaufnahme beitragen ( Tabelle A 6 ). Auf der anderen Seite verwenden in Süd mehr Probanden (55%) jodiertes Speisesalz im Haushalt als in Nord und Mitte ( Abbildung 14 , Seite 62).

Das Wissen der Studienteilnehmer zum Thema Jod ist in allen drei Regionen gleich schlecht ( Tabelle A 16 und Tabelle A 17 ). Das läßt erwarten, daß diese Bevölkerungsgruppe die Verwendung von Jodsalz im Haushalt oder den Verzehr von jodreichen Lebensmitteln nicht gezielt steigern werden wird, um ihren täglichen Jodbedarf zu decken.

Für das Trinkwasser der Regionen werden Jodwerte zwischen 0,2 und 15,5 µg/l, im Median 2,6 µg/l, gemessen. Es zeigen sich in Nord signifikant höhere Werte (5,9 µg/l) als in Mitte (2,5 µg/l) und Süd (1,55 µg/l) ( Tabelle 24 ). Die Jodgehalte stimmen annähernd mit den in der VERA-Studie gemessenen Daten (Medianwerte der Regionen 1,2 bis 13,4 µg/l) und den von Felgenträger et al. ermittelten Werten (1,6 bis 11,6 µg/l) überein [60] , [28] . Das dort beschriebene Nord-Süd-Gefälle für den Jodgehalte des Trinkwassers kann bestätigt werden.


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Eine Korrelation zwischen den Trinkwasserwerten der Regionen und den Jodausscheidungswerten der Probanden läßt sich erwartungsgemäß nicht feststellen.

Wenn man von einer durchschnittlichen Wasserzufuhr von 2 Litern pro Tag [80] und einem Jodgehalt von 2,6 µg/l ausgeht, beträgt die Jodzufuhr über das Trinkwasser 5,2 µg. Bezogen auf die empfohlene tägliche Jodzufuhrmenge eines Erwachsenen von 200 µg, hat das Trinkwasser nur einen geringen Einfluß auf die Jodversorgung.

Die Zufuhr potentiell kropfbildender Substanzen ist von der Region abhängig. Wenn in Europa überhaupt ein Einfluß strumigener Substanzen auf die Schilddrüsenhormonbildung nachzuweisen wäre, ist es wahrscheinlicher, daß die strumigenen Substanzen nicht mit der Nahrung, sondern mit dem Trinkwasser zugeführt werden. Trinkwasser wird generell nur regional verbraucht, während Lebensmittel weiträumig bezogen werden. Die Messungen der gelösten organisch gebundenen Kohlenstoffe liefern Werte von 0,8 bis 6,4 mg C/l, im Median 1,5 mg C/l ( Tabelle 26 , Seite 71). Es zeigen sich regionale Unterschiede mit sinkendem Median von Nord nach Süd. Die gelösten organisch gebundenen Kohlenstoffe gelten als indirektes Maß für die Konzentration der Huminsäuren, für die eine strumigene Wirkung diskutiert wird [104] , [35] , [31] . Quantitative Angaben, ab welchen Trinkwassergehalten an Huminsäuren negative Auswirkungen auf die Schilddrüsenhormonproduktion zu erwarten sind, liegen nicht vor. Aussagen zur Bedeutung der gemessenen Werte sind nicht möglich. Dazu bedürfte es Untersuchungen der Schilddrüsenfunktion und -größe von Probanden mit gleicher Jodzufuhr und signifikant unterschiedlicher Aufnahme von Huminsäuren durch das Trinkwasser.

5.3.2. Regionaler Vergleich der neuen und alten Bundesländer

Die Studie sollte auch klären, ob sich die Jodversorgung in den neuen und alten Bundesländern mehr als 6 Jahre nach der Wiedervereinigung unterscheidet.

Wie aufgezeigt, sind die anthropometrischen Daten in beiden Teilen des Landes vergleichbar. Das Körpergewicht der Probanden in den neuen Bundesländern schwankt zwischen 50 und 109 kg, (Median 73 kg). Für die Größe dieser Probanden werden Werte zwischen 160 und 200cm (Median 180 cm) gemessen. In den alten Bundesländern wiegen die Studienteilnehmer 46 bis 160 kg, (Median 72 kg). Die Körpergröße schwankt zwischen 159 und 204 cm, (Median 179 cm). Für beide Großräume wird im Median ein Body-Mass-Index


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von 22 kg/m2 ermittelt. Der Body-Mass-Index der neuen Bundesländer hat eine Spannweite von 18 bis 37 kg/m2, der der alten Bundesländer schwankt zwischen 16 und 48 kg/m2 ( Tabelle A 29 und Tabelle A 30 ).

Für die Jodausscheidung wurden Medianwerte von 58,8 µg/g Kreatinin für die neuen Bundesländer und 56,7 µg/g Kreatinin für die alten Bundesländer ermittelt ( Tabelle A 31 ). In den alten Bundesländern zeigt sich somit gegenüber der repräsentativen Nationalen Verzehrstudie, die eine Jodausscheidung von 36,5 µg/g Kreatinin feststellte [61] , eine Besserung der Jodversorgung. Für die neuen Bundesländer weisen Studien von Meng et al. [73] vor der Wiedervereinigung Werte von 27,9 µg/g Kreatinin, nach der Wiedervereinigung Werte von 47,0 µg/g Kreatinin nach. Für die Wehrpflichtigen aus den neuen und alten Bundesländern lassen sich keine Unterschiede in der Urinjodausscheidung feststellen.

Die Jodzufuhr in den neuen Bundesländern ist statistisch signifikant höher (Median 132,7 µg/d) als in den alten Bundesländern (Median 122,1 µg/d) ( Tabelle A 32 ). Beide Großräume liegen im Median weit unter der empfohlenen Jodzufuhrmenge der DGE von 200 µg/d. Der Median der individuellen Jodzufuhr in den neuen Bundesländern entspricht 66% der von der DGE empfohlenen Menge, der der alten Bundesländer 61%.

Verglichen mit Studien aus den neuen Bundesländern von 1988 und 1991 liegt die hier ermittelte Jodzufuhr höher [4] . Legt man für die alten Bundesländer die neue Auswertung der Nationalen Verzehrsstudie zugrunde, die eine Jodzufuhr von 87,9 µg/d für Männer zwischen 18 und 24 Jahren angibt, so ist ein deutlicher Anstieg der Jodzufuhr zu konstatieren [81] .

Für die Lebensmittelauswahl, den Gebrauch von Jodsalz im Haushalt und das Wissen zum Thema Jod lassen sich keine Unterschiede zwischen den neuen und alten Bundesländern feststellen.

Auch die Jodgehalte des Trinkwassers der neuen und alten Bundesländer unterscheiden sich nicht.

Die Konzentration der gelösten organisch gebundenen Kohlenstoffe im Trinkwasser liegt mit einem Medianwert von 2,5 mg C/l in den neuen Bundesländern höher als in den alten Bundesländern (1,4 mg C/l) ( Tabelle 27 , Seite 72). Über die Relevanz dieses Unterschiedes können keine Aussagen gemacht werden.


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Zusammengefaßt bestehen in den Großräumen Nord-Mitte-Süd und West-Ost keine nennenswerten Unterschiede in der Jodversorgung der Probanden und gleichermaßen unzureichende Kenntnisse über die Bedeutung von Jod für den Menschen. Daraus kann man folgern, daß in ganz Deutschland nach der Wiedervereinigung praktisch gleiche Bedingungen herrschen. Eine flächendeckende ausreichende Jodversorgung der Bevölkerung ist noch nicht erreicht.

5.4. Mögliche Einflüsse auf die Jodversorgung

Es wurde untersucht, ob bestimmte Faktoren die Jodversorgung der Studienteilnehmer beeinflussen. Wohnlage (Stadt/Land) und Body-Mass-Index haben keinen Einfluß auf die Jodausscheidung und die Jodzufuhr.

Es wurde ferner geprüft, ob Raucher gegenüber Nichtrauchern eine andere Jodversorgung haben, da bei Frauen Einflüsse des Rauchens auf die Schilddrüsenfunktion beschrieben sind, wenn die Schilddrüse bereits beeinträchtigt ist [77] . Es zeigen sich keine signifikanten Unterschiede ( Tabelle 31 , Seite 73). Eine schlechtere Jodversorgung der Raucher unter den Studienteilnehmern findet sich nicht. Aussagen über die Schilddrüsenfunktion bei Rauchern sind aber nicht möglich.

5.4.1. Schulbildung

Die Schulbildung der Probanden hat keinen signifikanten Einfluß auf deren Jodzufuhr und Jodausscheidung ( Tabelle 30 , Seite 73 und Tabelle 34 , Seite 75). Es zeigt sich jedoch, daß signifikant mehr Abiturienten (48%) mindestens einmal pro Monat Fisch essen, obwohl sowohl bei den Abiturienten (52%) als auch bei den Haupt-/Realschülern (65%) diejenigen überwiegen, die selten oder nie Fisch verzehren ( Tabelle 39 , Seite 79). Die Schulbildung beeinflußt signifikant den Gebrauch von Jodsalz im Haushalt. So nehmen 65% der Abiturienten jodiertes Speisesalz, bei den Haupt-/Realschülern sind es dagegen nur 50% ( Tabelle 40 , Seite 79). Eine häufigere Verwendung von Jodsalz mit zunehmender Schulbildung wird auch von Oltersdorf et al. beschrieben [81] .

Erfreulicherweise können zwei Drittel der Abiturienten zu dem Begriff Jod eine sinnvolle Aussage machen. Darin unterscheiden sie sich ebenfalls signifikant von den Haupt-/Real-


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schülern, die zu 59% keine Vorstellung von der Bedeutung des Elements Jod für den Körper haben ( Tabelle 36 , Seite 77). Demgegenüber halten unabhängig von der Schulbildung immer noch 21% einen hohen Konsum an Jodsalz für gefährlich, obwohl laut WHO eine Jodaufnahme bis zu 1 mg täglich als ungefährlich angesehen wird, was 50 g Speisesalz entsprechen würde. Ein Salzverzehr dieser Höhe ist extrem unwahrscheinlich [71] , [38] . Die Ergebnisse machen deutlich, daß weiterhin ein dringender Bedarf an Aufklärung vorhanden ist.

Bezüglich der Schulbildung erhebt sich die Frage, ob die Schulbildung der Probanden als Parameter richtig gewählt wurde oder ob als Einflußgröße nicht eher die Schulbildung der Eltern entscheidender wäre. Wie oben angeführt, bereitet gut jeder zweite Wehrpflichtige seine Mahlzeiten nicht selbst zu und 31% kaufen gar nicht selbst ein. Somit haben diese Männer nur wenig Einfluß auf ihr Ernährungsverhalten und damit auch auf ihre Jodzufuhr. Um einen Einfluß der Schulbildung auf die Ernährung zu erfassen, hätte deshalb der Bildungsgrad der Personen, die die Mahlzeiten zubereiten und einkaufen, eine größere Aussagekraft.

5.4.2. Erhöhte Jodzufuhr

Ein Einfluß einer übermäßigen Jodzufuhr (Jodkontamination), z.B. durch jodhaltige Röntgenkonstrastmittel oder regelmäßige Einnahme jodhaltiger Medikamente, auf die Jodausscheidung läßt sich bei den jungen Männern nicht nachweisen ( Tabelle 31 , Seite 73). Es ist anzunehmen, daß ein großer Anteil der Probanden die Frage nach einer Untersuchung mit Röntgenkontrastmittel (Frage 22) falsch positiv beantwortet hat. Möglicherweise wurde die Frage nach einer Röntgenkontrastmitteluntersuchung mit einer gewöhnlichen Röntgenaufnahme verwechselt. Daten über die Häufigkeit der durchgeführten Röntgenuntersuchungen mit Kontrastmittel für Männer im Alter von 17,5 bis 21 Jahren sind nicht zu ermitteln. Eine Röntgenkontrastmitteluntersuchung ist in der Routinediagnostik jedoch nicht das Mittel der ersten Wahl. Bevor eine solche Untersuchung eingeleitet wird, werden in der Regel für den Patienten weniger belastende Möglichkeiten der Diagnostik, wie z.B. die Sonographie, ausgeschöpft, so daß eine durchgeführte Röntgenkontrastmitteluntersuchung auf eine ernstere Erkrankung hinweist. Es ist sehr unwahrscheinlich, daß bei 14% des Kollektivs gesunder Männer im Alter von 17,5 bis 21 Jahren, eine Röntgenkontrastmitteluntersuchung innerhalb der letzten 6 Monate durchgeführt worden ist, so daß diese


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Angaben als falsch positiv gewertet werden müssen. Dies belegen auch die normalen Werte für die Jodausscheidung.

Für die kurzfristig erhöhte Jodzufuhr, z.B. durch Seefischverzehr oder asiatisches Essen zwei Tage vor der Erhebung, läßt sich ebenfalls keine signifikante Zunahme der Jodausscheidung im Urin nachweisen ( Tabelle 31 , Seite 73). Somit kann davon ausgegangen werden, daß dieser Einfluß nicht groß genug war bzw. infolge der erhöhten Jod-Clearance der Schilddrüse bei Jodmangel weniger Jod über die Nieren im Urin ausgeschieden wurde. Auch ein Einfluß des Seefischverzehrs auf die Höhe der Jodausscheidung im Urin ließ sich offensichtlich aufgrund des seltenen Verzehrs bzw. der geringen Probandenzahl nicht feststellen.

5.5. Prophylaxemaßnahmen

Die individuelle Jodmangelprophylaxe nach dem Freiwilligkeitsprinzip hat immerhin dazu geführt, daß knapp 80% der deutschen Bevölkerung jodiertes Speisesalz im Haushalt verwenden [6] . Die Probanden dieser Studie bestätigen eine Verwendung von jodiertem Speisesalz im Haushalt zu 46%. Damit scheint eine breite Akzeptanz des jodierten Speisesalzes in der Bevölkerung vorhanden zu sein. Entscheidend ist aber die Benutzung von jodiertem Speisesalz für die Herstellung von Brot und Backwaren sowie Wurst, da ein wesentlicher Teil der gesamten Kochsalzaufnahme in diesen vom Einzelnen nicht zu beeinflussenden Lebensmitteln steckt [71] . Bäcker und Metzger verwenden nach einer Umfrage bereits zu 79,6 bzw. 80,7% Jodsalz [81] . Wesentlich schlechter ist die Situation in der Lebensmittelindustrie, wo nur knapp jeder zweite Betrieb bisher Jodsalz einsetzt [81] . Diese Angaben können mit den vorliegenden Daten nicht belegt werden, da etwa 90% der Probanden nicht wissen, mit welcher Salzqualität die von ihnen verzehrten Lebensmittel hergestellt wurden.

Die Auswirkungen der Einnahme von Jodtabletten auf die Jodversorgung kann in dieser Studie nicht beurteilt werden.

Das Jod-Monitoring an Wehrpflichtigen belegt, daß die bislang durchgeführten lebensmittelrechtlichen Änderungen der Vorschriften über jodiertes Speisesalz auf der Basis der Freiwilligkeit gewisse Erfolge bei der Beseitigung des Jodmangels gebracht haben. Eine flächendeckende Optimierung der Jodversorgung der Bevölkerung liegt noch in weiter


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Ferne, so daß das Ziel der WHO, bis zum Jahr 2000 weltweit die Jodmangelkrankheiten zu eliminieren, in Deutschland nicht erreicht werden kann. Weitere Anstrengungen sind erforderlich, um vor allem durch die Harmonisierung der lebensmittelrechtlichen Vorschriften in Europa (unterschiedliche Zulassung von Jodid/Jodat und Höchstmengen) Handelshemmnisse abzubauen, die einer breiteren Verwendung von Jodsalz in der Lebensmittelindustrie im Wege stehen. Außer einer verstärkten Aufklärung sollte aber auch über die Möglichkeit einer generellen Jodsalzprophylaxe nach dem Vorbild der Schweiz oder Österreichs nachgedacht werden.

Die durchgeführte Studie stellt zudem eine gute Basis für spätere prospektive Erhebungen zur Jodversorgung der Bevölkerung in Deutschland dar. Eine Untersuchung in den Kreiswehrersatzämtern im Rahmen der Erstmusterung bietet sich an, um ohne großen organisatorischen Aufwand eine repräsentative Stichprobe deutscher junger Männer zu erfassen.

Für die Ermittlung der Jodzufuhr sollte überlegt werden, ob das Schätzverfahren noch feiner abgestimmt werden kann, oder ob darauf ganz verzichtet wird. Die geringe Korrelation zwischen Jodzufuhr und Jodausscheidung in dieser Studie zeigt, daß die Jodzufuhr nur ungenau bestimmt werden kann, so daß sich die Frage stellt, ob der Aufwand und die Kosten dafür nicht eingespart werden können. Dadurch ließe sich auch der Fragebogen erheblich verkürzen. Weiterhin erfragt werden sollten der Verzehr jodreicher Lebensmittel, der Gebrauch von jodiertem Speisesalz im Haushalt, sowie die Einnahme von Jodtabletten, um die Akzeptanz der momentan eingesetzten Prophylaxemaßnahmen einschätzen zu können. Dazu wäre die Durchführung eines vereinfachten Jod-Monitorings in regelmäßigen Abständen wünschenswert.

5.6. Antworten auf die Fragestellungen, die mit dieser Studie beantwortet werden sollten

1. Sind die wehrpflichtigen Männer im Alter von 17,5-21 Jahren in Deutschland ausreichend mit Jod versorgt ?

Es besteht keine ausreichende Jodversorgung der Probanden, Männer im Alter von 17,5 bis 21 Jahren. Gemessen an der Jodausscheidung (Median 57,0 µg/g Kreatinin) existiert weiterhin im Mittel ein Jodmangel Grad I. Von den 780 untersuchten jungen Männern


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waren nur 12% ausreichend mit Jod versorgt. 50,5% wiesen einen geringfügigen (Grad I der WHO), 33,1% einen mittleren (Grad II) und immerhin 4,4% einen erheblichen Jodmangel (Grad III) auf.

Auch die Jodzufuhr ist unzureichend, der Median liegt bei 125,2 µg pro Tag, womit die von der DGE empfohlene tägliche Jodzufuhr für Jugendliche und Erwachsene von 200 µg nicht erreicht wird. Etwa 25% der untersuchten Bevölkerungsgruppe weisen eine Zufuhr von 100 µg Jod und weniger pro Tag auf.

2. Besteht ein Nord-Süd-Gefälle bezüglich der Jodausscheidung der jungen Männer ?

Das früher beschriebene Nord-Süd-Gefälle kann für das untersuchte Kollektiv nicht bestätigt werden, der Jodmangel erstreckt sich über alle Regionen gleichermaßen.

Gibt es Unterschiede in der Jodversorgung der Probanden der neuen und alten Bundesländer ?

Die Jodausscheidung der Probanden der neuen (58,8 µg/g Kreatinin) und alten (56,7 µg/g Kreatinin) Bundesländer sind gleichermaßen niedrig. Für die Jodzufuhr läßt sich kein relevanter Unterschied feststellen. Beide Regionen liegen im Median (neue Bundesländer (132,7 µg/d) und alte Bundesländer (122,1 µg/d)) weit unter der empfohlenen Jodzufuhrmenge der DGE von 200 µg/d.

4. Welche Werte findet man für den Jodgehalt des Trinkwassers in Deutschland ? Gibt es regionale Unterschiede ?

Für das Trinkwasser der Regionen werden Jodwerte zwischen 0,2 und 15,5 µg/l, im Median 2,6 µg/l, gemessen. Es zeigen sich in Nord signifikant höhere Werte (5,9 µg/l) als in Mitte (2,5 µg/l) und Süd (1,55 µg/l). Der Jodgehalt des Trinkwassers der neuen und alten Bundesländer unterscheidet sich nicht.

Wenn man von einer durchschnittlichen Wasserzufuhr von 2 Litern pro Tag und einem mittleren Jodgehalt von 2,6 µg/l ausgeht, wird über das Trinkwasser eine mittlere Jodzufuhr von 5,2 µg erreicht. Bezogen auf die empfohlene tägliche Jodzufuhrmenge eines Erwachsenen von 200 µg, hat das Trinkwasser nur einen geringen Einfluß auf die Jod-


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versorgung. Eine Korrelation zwischen den Trinkwasserwerten der Regionen und den Jodausscheidungswerten der Probanden läßt sich nicht feststellen.

In welchem Bereich liegt der Gehalt der gelösten organisch gebundenen Kohlenstoffe im Trinkwasser ? Lassen sich regionale Unterschiede feststellen ?

Die Messungen der gelösten organisch gebundenen Kohlenstoffe als indirektes Maß für den Gehalt an Huminsäuren, ergeben Werte von 0,8 bis 6,4 mg C/l, im Median 1,5 mg C/l. Es zeigen sich regionale Unterschiede mit sinkendem Median von Nord (3,2 mg C/l) nach Süd (1,25 mg C/l). In den neuen Bundesländern liegt der Median mit 2,5 mg C/l höher als in den alten Bundesländern mit 1,4 mg C/l.

Ein strumigener Einfluß der Huminsäuren kann durch die Untersuchung dieser Studie weder belegt noch ausgeschlossen werden. Dazu wären Untersuchungen der Schilddrüsenfunktion unter streng kontrollierten Bedingungen notwendig.


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