1. Einführung

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Therapeutisch genutzte Reizmodalitäten haben die Besonderheit, daß das ihnen entsprechende Adaptationsniveau beim zivilisierten Menschen sehr niedrig ist. Daher können auch begrenzte therapeutische Reizexpositionen bereits adaptive Prozesse auslösen (HILDEBRANDT et al. 1998). Charakteristisch für die Lebensführung der meisten Menschen hochzivilisierter Industriestaaten ist ein Mangel an natürlichen Reizen (z. B. Bewegungsarmut, thermische Verweichlichung). Eine häufig diskutierte Möglichkeit, den sich daraus entwickelnden Folgen entgegenzuwirken, ist neben dem Sport die Abhärtung.

Die Adaptation des Stoffwechsels junger Männer, die 6 Wochen leicht bekleidet im norwegischen Hochland gelebt und die Nächte bei Temperaturen um +3° C in leichten Schlafsäcken verbracht hatten, führt zu einer deutlichen Stoffwechselerhöhung unter Rückgang des Kältezitterns und ermöglicht ein subjektiv angenehmeres höheres Hauttemperaturniveau (SCHOLANDER et al. 1958).

Der wissenschaftliche Nachweis von Abhärtung setzt eine klare Definition des Begriffs voraus, die zunächst Schwierigkeiten bereitet. Nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch in Publikationen kommen unscharfe Vorstellungen über die Abhärtung zum Ausdruck. Dazu kommt noch die teilweise synonyme Verwendung der Termini „spezifische und unspezifische Adaptation, Akklimatisation, Anpassung, Gewöhnung, Habituation, Konditionierung, Modifikation, Resistenz“ oder „Training“. Insbesondere die spezifische und unspezifische Adaptation, zu deutsch Anpassung, steht mit dem Begriff der Abhärtung im Zusammenhang.

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BRÜCK charakterisierte 1964 die spezifische physiologische Adaptation als Spezialisierung von Einstellungen des Organismus auf ungewohnte Umwelteinwirkungen. Dies erfolgt sowohl durch Modifikationen von Funktionsabläufen als auch durch morphologische Veränderungen. Demgegenüber ist die Abhärtung eine unspezifische Adaptation, die nahezu universelle Steigerung der Resistenz des Menschen gegenüber verschiedenartigsten Reizeinwirkungen!

Diese unspezifischen Reaktionen laufen nach Einwirkung eines beliebigen sogenannten "Stressors" gleichförmig ab. Stressoren sind Umwelteinwirkungen im weitesten Sinne, wie Kälte, Hitze, Arbeitsbelastung, Sauerstoffmangel, Schmerz etc. Eine „dosierte Stressorintensität“ ist Voraussetzung für die Abhärtung, andernfalls wäre ein blockierender Effekt bezüglich der Abhärtung die Folge (ADOLPH 1956).

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„Weil das Barfußgehen ein so vorzügliches Mittel ist, die Füße abzuhärten, sind Diejenigen glücklich, welche vermöge ihres Berufes im Sommer häufig barfuß gehen, wie die Landleute, weil sie dadurch ihrer Gesundheit sehr nützen.“ [Zitiert aus: So sollt ihr leben! Winke und Rathschläge für Gesunde und Kranke zu einer einfachen, vernünftigen Lebensweise und einer naturgemäßen Heilmethode von Sebastian Kneipp, Pfarrer in Wörishofen (Bayern). Kempten 1889 (1) zitiert nach Pracht-Ausgabe 1891.] Internetquelle: Samuel Schick

Der Begriff der Abhärtung beinhaltet nach BRENKE und SIEMS (1996) die wiederholte, bewußte oder unbewußte Exposition des Menschen gegenüber natürlichen Reizen mit der Folge einer allgemeinen Erhöhung der Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten. Diese Definition geht von der Vorstellung einer insgesamt höheren gesundheitlichen Stabilität aus. Betrachtet man das System der Thermoregulation, ist noch relativ unklar, auf welchen Mechanismen diese Abhärtung insgesamt beruht. Sicher kommt der akralen Durchblutungsregulation große Bedeutung zu. Zum Nachweis stressorunspezifischer Modifikationen durch wiederholte Reizeinwirkungen bieten sich viele Verfahren der Balneologie und Klimatologie an. Durch Studien an gewohnheitsmäßigen Winterschwimmern - im Kapitel 5. auch Eisbader genannt -(wöchentlich von September bis Mai) sowie Saunagängern (wöchentlich und ganzjährig) wurden in den letzten Jahren zwei Extremformen der Abhärtung wissenschaftlich untersucht.

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Objektive Auswirkungen sind dabei insbesondere eine sinkende Infektanfälligkeit, vegetative Stabilisierung, immunologische Veränderungen und auch biochemische Anpassungen nach einem Kaltreiz durch verbesserte Durchblutungsadaptation. Jeder HNO- oder auch Kinderarzt weiß, daß die Durchblutung der Akren in engem reflektorischen Zusammenhang zur Durchblutung der Schleimhaut im Nasen-Rachen-Raum steht und somit eine große Bedeutung bei der Infektabwehr hat. Es stellt sich die Frage nach den Wirkungswegen dieser Anpassungen. Nach neueren Untersuchungen scheint hier die akrale Mikrozirkulation und dabei speziell die spontane Vasomotion eine zentrale Rolle zu spielen.

Die spontane arterielle Vasomotion beruht auf autorhythmischen Kontraktionen im Bereich der Arteriolen, Metarteriolen und präkapillären Sphinkteren. Frequenz und Intensität dieser Vorgänge nehmen mit abnehmendem Gefäßdurchmesser zu (INTAGLIETTA 1991). Als Vasomotorik werden dagegen die nicht autorhythmischen vegetativ vermittelten Gefäßkaliberschwankungen insgesamt definiert.

In der vorliegenden Arbeit sollen Durchblutungsregulationen - insbesondere die spontane Vasomotion - von Schleimhaut- und Hautgefäßen in Ruhe und nach einem standardisierten Kaltreiz untersucht werden. Verglichen werden dabei Personen, die entweder regelmäßig an wechselwarme Reize (Sauna), an intensive Kaltreize (Winterschwimmen) oder an keine der beiden hydrotherapeutischen Verfahren gewöhnt sind. Die Untersuchungen verstehen sich als Beitrag zur Objektivierung therapeutischer Physiologie.


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20.03.2006