2. Literaturanalyse

2.1. Die Mikrozirkulation als Funktion des Wärmehaushaltes

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Unter Mikrozirkulation versteht man nach SCHNIZER et al. (1985) Blutgefäße mit Durchmessern unter 300 Mikrometern (Präkapillaren, Kapillaren und postkapilläre Venolen) sowie das diese Gefäße durchströmende Blut. Die Funktion der Mikrozirkulation besteht im bedarfsgerechten Antransport von Sauerstoff und Substraten zum Gewebe sowie im Abtransport der aus dem Gewebestoffwechsel anfallenden Metabolite.

WITZLEB (1985) sieht in den Kapillaren den funktionell wichtigsten Teil des Kreislaufs. Hier hat das Blut relativ lange Kontaktzeiten mit einer sehr großen Oberfläche. Zusammen mit den vorgeschalteten Arteriolen und Metarteriolen sowie den Venolen bilden die Kapillaren die sogenannte „terminale Strombahn“. Als Hauptstrombahn werden die Metarteriolen bezeichnet, die von den Arteriolen abzweigen und einen etwas größeren Durchmesser als die Kapillaren haben. Glatte Muskelfasern finden sich noch im Anfangsteil der Metarteriolen als präkapilläre Sphinkteren sowie in den arteriovenösen Anastomosen.

WADE und BISHOP faßten 1962 die Durchblutung und Sauerstoffaufnahme verschiedener Organe des Menschen unter Ruhebedingungen zusammen. Für die Haut eines Probanden mit einem Körpergewicht von 70 kg und einer Körperoberfläche von 1,7 m² geben sie eine Durchblutung von 500 ml / min an.

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Nach MELLANDER und JOHANSSON (1968) sind in den einzelnen Organkreisläufen die theoretisch möglichen Durchblutungssteigerungen verschieden stark ausgeprägt. Die lebenswichtigen Organe wie Gehirn und Nieren erfordern eine konstant hohe Durchblutung, die innerhalb bestimmter Grenzen sogar durch starke Veränderungen von arteriellem Druck sowie des Herzzeitvolumens nur wenig beeinflußt wird (s. auch BAUEREISEN 1971, JOHNSON 1978).

In den Gefäßgebieten mit stark wechselnden funktionellen Anforderungen (Haut, Skelettmuskulatur, Leber, Gastrointestinaltrakt) können dagegen die relativ größten Durchblutungsänderungen auftreten. Die Regulation der Hautdurchblutung z. B. erfolgt durch zwei unterschiedliche Mechanismen, die regional verschieden stark ausgeprägt sind: In den distalen akralen Hautgebieten (Nase, Ohr, Hand, Fuß) finden sich zahlreiche sympathisch adrenerge vasokonstriktorische Fasern, die bereits unter umgebungsthermisch indifferenten Ruhebedingungen eine relativ starke tonische Aktivität entfalten (dilatatorische Reaktionen gehen daher von einer zentralen Hemmung dieser Aktivität aus.) Dagegen werden in der Haut des Rumpfes und der proximalen Abschnitte der Extremitäten die Vasodilatationen überwiegend indirekt durch Freisetzung von Bradykinin mittels Erregung sudomotorischer cholinerger Fasern ausgelöst (WITZLEB 1985).

Die Hautdurchblutung steht überwiegend im Dienste der Thermoregulation, deren Mechanismus nach CORDES (1972) und BARTSCH (1973) von den vegetativen Regelkreisen am höchsten in der zentralnervösen Hierarchie steht; zum Beispiel führt beim Hitzekollaps das Aufrechterhalten der Thermoregulation bis zum Kreislaufversagen. Nach HILDEBRANDT et al. (1998) sind die beiden Regelkreise für Blutdruck und Kerntemperatur „vermascht“: In Konkurrenzsituationen unterliegen die gefäßverengenden Impulse der Blutdruckregulation den gefäßerweiternden der Thermoregulation. Bei ungenügender Entwärmung, z. B. bei Behinderung der Verdunstung durch fehlende Ventilation bei hohem Wasserdampfgehalt der Luft, durch unangepaßte Kleidung und Aktivität oder durch Wärmegewinn bei Sonneneinstrahlung, steigt trotz im Regelkreis maximal arbeitender Stellglieder die Körpertemperatur an.

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Es kommt nun insbesondere bei älteren kreislauflabilen Menschen zum Hitzekollaps durch Blutdruckabfall und entsprechender Unterschreitung eines bestimmten Schwellenwertes für die Gehirndurchblutung, weil infolge der starken Vasodilatation der Hautgefäße ein Mißverhältnis zwischen zirkulierender Blutmenge und Gefäßkapazität entsteht. Mit zunehmender Hyperthermie verliert der Hypothalamus seine Fähigkeit zur Thermoregulation. Die Schweißrate sinkt drastisch, und damit auch die Wärmeabgabe. Hohe Körperkerntemperaturen von 41-43° C im Gehirn führen zur irreversiblen Zerstörung der Neuronen. Delirium, Krämpfe und Bewußtseinsschwund kennzeichnen das Erscheinungsbild dieser als Hitzschlag oder Sonnenstich bezeichneten Krankheit. Unter starker Abkühlung kommt es ebenfalls zu Bewußtseinsstörungen und Irregularitäten bei der Herzarbeit. Bei 27° C Körpertemperatur tritt der Kältetod durch Kammerflimmern ein.

Bei der thermoregulatorischen Beeinflussung der Durchblutung unterscheiden HENSEL et al. (1973) drei funktionell verschiedenartige Regionen: Erstens als Hauptstellglied der Thermoregulation die Akren (Fuß, Hand, Lippen, Nase, Ohren), bei denen die Durchblutung der Arteriolen über noradrenerge sympathische Nerven geregelt wird. Ebenso wie bei den arteriovenösen Anastomosen führt die Ausschaltung des Sympathikus zu einer nahezu maximalen Dilatation. Am Rumpf und den proximalen Extremitäten - dem zweiten Abschnitt wird mit dem Schweiß das gefäßerweiternde Bradykinin abgesondert. Die ermöglichte Vasodilatation bei Hitzebelastung ist weit größer als die nach Sympathikusausschaltung. Die dritte Region bildet der Kopf mit Ausnahme der Akren, speziell die Stirn. Hier zeigen vasomotorische Nerven kaum Einfluß, so daß bei einer Kältebelastung keine Vasokonstriktion auftritt. Vielmehr führt Wärme über die allgemein cholinergen sympathischen Nervenfasern zur Schweißsekretion und zugleich zur Gefäßerweiterung (zitiert in SCHMIDT und THEWS 1985).

Neben der nervalen Kontrolle reagieren die Blutgefäße der Haut auch unmittelbar auf Temperaturänderungen. Die von LEWIS beschriebene Kältevasodilatation ist ein Beispiel dafür. Bei starker Kälteeinwirkung kommt es zunächst durch maximale Gefäßverengung zur Blässe und Kälte der Akren, die schmerzhaft sein kann. Nach einiger Zeit werden die Akren durch plötzlichen Bluteinstrom gerötet und warm. Dieser Vorgang wiederholt sich bei fortbestehender Kälteeinwirkung periodisch (LEWIS 1930).

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Die genannten Mechanismen der Gefäßregulation entsprechend den thermischen Erfordernissen, also der Vasomotorik, sichern die Konstanz der Körperkerntemperatur. Nach den physikalischen Gesetzen der Wärmeströmung müssen die oberflächennahen Teile des Körpers eine niedrigere Temperatur haben als die zentralen, da die im Organismus produzierte Wärme bei ausgeglichener Wärmebilanz über die Körperoberfläche zur Umgebung abströmt (BRÜCK 1985).

Gemäß der unregelmäßigen geometrischen Gestaltung des Körpers ergibt sich ein Temperaturfeld mit einem homöothermen Körperkern und einer poikilothermen Körperschale. Das Temperaturfeld ändert sich mit der Umgebungstemperatur (ASCHOFF 1958). Diese Einstellung des Temperaturfeldes wird vornehmlich durch Durchblutungsänderungen der Haut vermittelt. Beispielsweise kann eine starke Kältevasokonstriktion fast die Unterbrechung des Blutstroms bedeuten. Bei kühler Umgebungstemperatur beträgt der Blutstrom etwa 200 ml / min, während er in warmer Umgebung bis auf 3 l / min gesteigert wird! Gleichzeitig kommt damit die große Spielbreite des peripheren Kreislaufwiderstandes zur Einstellung des Blutdrucks zum Ausdruck (SCHNIZER et al. 1985).

Abgesehen von der Vasomotorik steht die Wirksamkeit mikrozirkulatorischer Regulation in Abhängigkeit zum Kehrwert der Viskosität, der Fluidität. Diese Fließeigenschaften werden neben der Verformbarkeit der Erythrozyten und der Herzfunktion entscheidend bestimmt durch die spontane arterielle Vasomotion: Schon 1852 wurden von JONES am Fledermausflügel erstmals in-vivo-Untersuchungen der Mikrozirkulation durchgeführt. SCHIFF beschrieb 1854 bei Gefäßuntersuchungen am Ohr wacher Kaninchen, daß sich arterielle rhythmische Kontraktionen und Erschlaffungen in Form peristaltischer Wellen ausbreiten. Er verglich die Arterien mit einem „akzessorischen Herzen“, deren Pumpmechanismus die Herzaktion unterstützt. Diese arterielle Vasomotion manifestiert sich im Kapillargebiet nach INTAGLIETTA (1989) als „Flow motion“ und „Flux motion“. Das Netzwerk der terminalen Gefäße unterliegt periodischen Änderungen des Blutflusses. Dabei folgen auf Intervalle mit hohen Blutfluß- und Hämatokritwerten Perioden, während derer diese beiden hämodynamischen Größen vermindert sind.

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Der Ausgangspunkt für die periodischen Kontraktionen im Bereich der terminalen Strombahn sind nach Untersuchungen von COLANTUONI et al. (1990) die Bifurkationen der Gefäße, die einer Schrittmacherfunktion entsprechen. Die Kontraktions- und Relaxationswellen pflanzen sich entlang der Mikrogefäße fort. Die Vasomotion soll auch bei Zuständen gestörter Homöostase aktiviert werden. Ihr charakteristisches Muster, in Abhängigkeit vom Kaliber der Mikrogefäße, liefert Informationen darüber, auf welchem Niveau die Mikrozirkulation gestört ist (INTAGLIETTA 1989). Dies ist allerdings nicht Thema der vorliegenden Untersuchung.

Es wurde schon erwähnt, daß die Thermoregulation ein phylogenetisch alter Mechanismus ist, der von den vegetativen Regelkreisen in der zentralnervösen Hierarchie am höchsten steht (CORDES 1972, BARTSCH 1973). Demzufolge wird durch Anpassung thermoregulativer Vorgänge auch die Leistungsfähigkeit des Kreislaufs sehr beeinflußt. Die Eigenschaften des Zeitverhaltens entsprechen wegen der Schwingungsfähigkeit der Regelkreise unterschiedlichen Eigenfrequenzen, so daß der hierarchischen Anordnung der Funktionskreise ein ganzes Spektrum rhythmisch-oszillierender Funktionen zugeordnet ist, deren Periodendauer mit den höheren Integrationsstufen zunimmt (HILDEBRANDT et al. 1998).

Die vegetativ-autonomen Funktionskreise werden nicht nur nach Reizbelastung und Störung des Ruhegleichgewichtes tätig, sondern sind größtenteils bereits spontan in Form selbsterregter rhythmischer Schwankungen bereits aktiv. Die dabei mehr oder weniger streng eingehaltenen Periodendauern verteilen sich über ein breites Spektrum, das von Bruchteilen einer Sekunde bis zur Größenordnung von Jahren reicht (HILDEBRANDT 1955, ASCHOFF 1958, HALBERG 1969, RENSING 1973 u. a.). Das Spektrum der rhythmischen Funktionen des Menschen ist, der Struktur des autonomen Systems entsprechend, hierarchisch gegliedert. Die rhythmischen Vorgänge werden mit zunehmender Periodendauer immer umfassender und integrieren immer mehr Teilfunktionen zu gemeinsamen rhythmischen Aktionen. Dem zunehmenden Zeitbedarf für die Antworten der höheren Integrationsstufen entspricht eine längerwellige Spontanrhythmik. Lediglich die nervalen Aktionsrhythmen, die als Informationsträger dienen, erscheinen als eine besondere Funktionsebene im Spektrum.

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Nach Meinung von ROHEN (1971) stellt die periphere Autonomie die unterste Stufe der hierarchischen Organisation des autonomen Systems dar. Hier sind zunächst nur lokale Reaktionen möglich, die überwiegend trophisch-nutritive Funktionen erfüllen (z.B. Axonreflexe). Die funktionelle Bedeutung dieser Mechanismen ist trotz der Überlagerung durch höhere nervale und humorale Steuerungen sehr groß. Dies belegt auch die Prävalenz der lokalchemischen Durchblutungsregelung gegenüber allen anderen Steuerungsfaktoren der Gefäßweite (REIN 1941, GOLENHOFEN 1962).

Die o. g. Vasomotorik ist neben Pilomotorik und Schweißsekretion der nächsthöheren, der spinosegmentalen Integrationsstufe zuzuordnen. Sie schließt bereits konsensuelle Beteiligungen sowie intersegmentale und kutaneoviszerale Koordinationen mit ein, jedoch funktionieren diese spinalen Mechanismen außerhalb des Einflusses höherer Regionen mehr akut für den lokalen Bedarf. Allerdings lassen sich nach INGRAM (1960) Projektionen der spinalen Reflexkreise bis zum zerebralen Kortex nachweisen.

Wenngleich die Ansichten der verschiedenen Autoren unterschiedliche Erklärungsmodelle hinsichtlich der Thermoregulation erkennen lassen, ist deren Stellung als Bestandteil bereits der unteren Integrationsstufen innerhalb der hierarchischen Organisation des autonomen Systems unbestritten. Wie dagegen die Regelkreise des Wärmehaushaltes durch Reize beeinflußt werden können, um damit die im Kapitel 1 definierte Abhärtung herbeizuführen, geht aus der Literatur nur fragmentarisch hervor.

2.2. Zum Stand der Auswertung von Abhärtungsmaßnahmen

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Der Abhärtungsbegriff wird in der Literatur vor allem deshalb kontrovers diskutiert, weil die isolierte Einwirkung einzelner Stressoren im Experiment an sich nicht den natürlichen Gegebenheiten entspricht. Aber auch dem näher kommende Versuchsbedingungen mit weniger intensiven Stressoren könnten nur die Ausbildung einer größeren Anzahl spezifischer Adaptate fördern, also spezifischer Phänomene funktioneller oder morphologischer Natur, die sich nach längerer oder wiederholter Einwirkung eines Stressors einstellen (ADOLPH 1956). Eine ausreichende Begründung für die unspezifische Resistenzsteigerung gegenüber verschiedenen Reizen wäre dies jedoch nicht (BRÜCK 1964).

Daher sind für das Abhärtungsproblem von größerem Interesse die unspezifischen Reaktionen, die nach Einwirkung eines beliebigen Stressors gleichförmig verlaufen! In seiner Lehre vom allgemeinen Adapationssyndrom formuliert SELYE, daß die akute Einwirkung von verschiedenartigsten Stressoren in den Organsystemen ein phasenhaftes Reaktionsmuster hervorrufen kann. Zunächst bedeutet eine erste Alarmreaktion die hochgradige Störung der Homöostase, worauf dann die Phase der Gegenregulation folgt. Der Ablauf stellt einen "systemic stress" dar (SELYE 1953). Nach PFANNENSTIEL (1964) erzeugt die Anwendung eines stärkeren thermischen Reizes zunächst immer Gegenregulationen, die mehr oder weniger rasch zur Norm "zurückpendeln" und deshalb kaum wesentlich abhärtend wirken dürften. Weit nachhaltiger wäre ein Wechsel zwischen kräftigen Wärme- und Kältereizen, wie z. B. bei Wechselbädern oder der Sauna. Hier sei der Organismus gezwungen, rasch und wiederholt auf zwei entgegengesetzte physikalische Reize zu reagieren, und auch unphysiologische Dauerzustände könnten rückgängig gemacht werden.

PFLEIDERER (1964) spricht sich gegen die gängige Meinung bezüglich des Wesens der Abhärtung aus, derzufolge die Wärmeregulation durch zivilisationsbedingte Verweichlichung verkümmert: So habe beispielsweise der sehr infektanfällige neurovegetative Dystoniker alles andere als ein inaktives Neurovegetativum. Vielmehr zeigten Hauttemperatur und Energieumsatz im Vergleich von abgehärteten und nicht abgehärteten Versuchspersonen wenig charakteristische Veränderungen im Gegensatz zur Umstellung der Perspiration, also der Hautatmung. Während der "Verweichlichung" bestehe offenbar eine Luxusperspiration unter kühlen Bedingungen als Zeichen einer unkoordinierten neurovegetativen Erregung. Während der Abhärtungsphase ginge diese Übererregbarkeit zurück! Diese Verbesserung der Wärmeregulation sei nicht aktiv, sondern durch die Vermeidung einer aktiven Störung erreicht. In Hinblick auf Behandlungsmechanismen der physikalischen Medizin ist die Schlußfolgerung PFLEIDERERS interessant, die Nichtinanspruchnahme neurovegetativer Funktionen im Dienste der Wärmeregulation würde nicht zur Dämpfung, sondern zur Übererregbarkeit führen!

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Nach SLONIM (1963) und YOSHIMURA (1964) ist die Kältegewöhnung als ein phasenhaftes Geschehen aufzufassen. In der Anfangsphase besteht eine erhöhte Erregbarkeit der Thermoregulationszentren, die sich in einer verstärkten peripheren Vasokonstriktion auf applizierte Kaltreize zeigten. Nach längerer Abhärtung läßt diese verstärkte Reaktion allmählich nach, und der Organismus reagiert mit dem geringsten Aufwand auf den Kaltreiz.

In diesem fortgeschrittenen Stadium der Kälteanpassung werden auch strukturelle Veränderungen wie die Zunahme der arteriovenösen Anastomosen beschrieben: Nach NELMS (1963) gewinnt der kälteadaptierte Organismus durch Vermehrung der parallel verlaufenden arteriellen und venösen Strombahnen in der Peripherie einen wichtigen Schutzmechanismus vor zu großen Wärmeverlusten. Da das vom distalen Ende zurückströmende Blut beträchtlich kälter ist, entsteht ein "transversales Temperaturgefälle zwischen Venen und Arterien, so daß beträchtliche Wärmemengen vom arteriellen zum venösen Schenkel fließen, ohne die Peripherie zu erreichen". Dieser Gegenstromwärmeaustausch ist nach ASCHOFF (1958) umso wirksamer, je tiefer die Umgebungstemperatur liegt und je langsamer das Blut fließt.

Am Beispiel des Saunabadens als intensiver thermischer Einwirkung auf den Organismus beschrieb CONRADI (1985) die Therapiewirkungen in der Physiotherapie als Teilergebnis eines langfristigen Adaptationsprozesses. Neben einer Tonusänderung der vegetativen Steuerung des Herzens sowie einer bleibenden Blutdrucksenkung konnte eine Verbesserung der peripheren Zirkulation nachgewiesen werden. Die aufgetretene Abschwächung des Sympathikotonus und die Anhebung der Vaguswirkung wurden als unspezifische Modifikationen gewertet, während die Optimierung der peripheren Zirkulation eine spezifische Antwort des Organismus darstellen würde, da sie in den Prozess der Thermoregulation einzuordnen sei.

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KELLETER führte 1968 Studien zur Kälteanpassung bei Kurgästen und Winterschwimmern durch. Der Klimareiz einer Seekur wird als geeignetes Mittel zum Training des peripheren Kreislauf interpretiert, da durch systematisch dosierte Reizanwendung das Kreislaufsystem seine Überregbarkeit und Labilität verliert. Nach der Kur rufe ein lokaler Kaltreiz eine verstärkte periphere Vasokonstriktion hervor sowie eine schwächere Reaktion von Kreislaufgrößen wie Pulsfrequenz, Blutdruck und Herzminutenvolumen. Dagegen wären die Winterschwimmer über diese erste Phase der Akklimatisation hinaus. Sie zeigten nur noch minimale vasomotorische Reaktionen, was durch die Vermutung eines Spezialisierungsvorgangs mit funktionellen und morphologischen Veränderungen erklärt wird (KELLETER 1968).

Bei der Beobachtung an Winterschwimmern stellt FRANKE (1973) fest, daß thermoregulatorisch sinnvolle Reaktionen, wie z. B. die periphere Vasokonstriktion, mit zunehmender Abhärtung kräftiger werden. Dies würde einer Ökonomisierung gleichkommen, wenn dabei gleichzeitig andere Reaktionsmechanismen - wie zum Beispiel ein plötzlicher Blutdruckanstieg - im Verlauf der Abhärtung entfielen.

Ein aussagekräftiges Verfahren zur Beurteilung der peripheren Zirkulation ist die akrale Wiedererwärmungsreaktion. Nach HOFFMANN (1978) erfährt der Tagesgang der akralen Wiedererwärmung durch eine Saunaserie eine qualitative und quantitative Veränderung. Die Parameter der Reaktionszeiten nehmen ab, wogegen die der Reaktionsgeschwindigkeiten mit der Behandlung ansteigen. Es konnte gezeigt werden, dass eine zehnwöchige Saunaserie mit einer Anwendung pro Woche den Organismus zu adaptiven Leistungen veranlaßt. Die Körperkerntemperatur nimmt ab, während die Akraltemperatur steige. Keine Abhängigkeit der Wiedererwärmungsreaktion bestehe vom Körperbautyp, wogegen sich signifikante Unterschiede bei der Analyse nach verschiedenem Gewichtsindex und nach subjektiven Wärmehaushaltsstörungen ergäben.

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CONRADI (1980) prüfte bei 40 Probanden die akrale Wiedererwärmung als ein Maß zur Bestimmung der Funktion des peripheren Kreislaufs im Verlauf einer Saunaserie. Es ergab sich eine signifikante Zunahme der akralen Hauttemperatur sowie der Temperaturänderungsgeschwindigkeit. Für die periphere Vasomotorik konnte aus der Analyse der Temperaturzeitkurven der akralen Wiedererwärmung eine veränderte Reaktionsweise abgeleitet werden: Das Saunabaden trage dazu bei, daß lokale Kältereize frühzeitiger und schneller beantwortet würden. In einer Langzeitstudie regelmäßigen Saunabadens einer Kindergruppe unterscheidet EISERMANN (1985) zwischen der Immediatwirkung des Saunabades und dem Prozess der Anpassung bei wiederholtem Saunabesuch. Im Vordergrund steht auch hier die Optimierung der peripheren Zirkulation. Im Verlauf der Beobachtungen über 7 Monate regelmäßigen Saunabadens zeigten sich beachtliche Veränderungen der akralen Hautdurchblutung. Die Reagibilität der Arteriolen an den Akren nimmt unter der Saunareizserie um fast das Doppelte zu.

LINDNER untersuchte 1990 die akrale Wiedererwärmungsreaktion von gewohnheitsmäßigen Kaltduschern, Saunagängern und Kontrollpersonen auf einen kalten Fußguß von 15° C über 90 Sekunden. An dessen Ende liegt die Hauttemperatur in der Gruppe der Saunagänger bei 22,6° C, in der Gruppe der Kaltduscher sowie in der Kontrollgruppe bei 22,3° C. Die Wiedererwärmung verläuft innerhalb der ersten 4 bis 5 Minuten mit unterschiedlicher Steilheit (Saunagänger < Kaltduscher < Kontrollgruppe), danach mit ähnlicher Steilheit. Über den gesamten Beobachtungszeitraum hinweg erfolgt die akrale Wiedererwärmung mit durchschnittlich 0,8° C pro Minute. Zehn Minuten nach Gußende ist die Hauttemperatur in allen drei Gruppen gegenüber der eigenen gruppenspezifischen Ausgangstemperatur noch signifikant erniedrigt. Die schnellere Wiedererwärmung während der ersten fünf Minuten bei Saunagängern und Kaltduschern wird als Trainingseffekt gedeutet, wobei Ausgangslage und Reizantwort bei den Saunagängern thermophysiologisch günstiger sind, obwohl sie nur ein- bis zweimal pro Woche dem Reiz unterzogen werden, die Kaltduscher dagegen täglich (LINDNER 1990).

Neben dem vielfach diskutierten wechselwarmen Reiz der Sauna führt erfahrungsgemäß auch die wiederholte Kälteexposition, speziell der Akren, ebenfalls zu Anpassungserscheinungen der akralen Durchblutungsregulation. Man führte an „Eisbadesportlern“ Messungen der akralen Temperatur durch und zeigte, daß ein signifikanter Zusammenhang besteht zwischen Temperaturdifferenz der vor und nach dem Eisbad ermittelten Temperaturen einerseits und Dauer, seit der Sport betrieben wird, andererseits. Sportler, die länger als fünf Jahre das Winterschwimmen betreiben, weisen 30 Minuten nach dem Bad stets höhere akrale Temperaturen als vor dem Eisbad auf! Mit Hilfe des Tests der akrale Wiedererwärmung konnte weiter nachgewiesen werden, daß die Kälteanpassung von Winterschwimmern verbunden ist mit einer verzögerten akralen Wiedererwärmungsreaktion unter warmen Umgebungsbedingungen im Frühjahr, während das Optimum dieser Anpassung sich unter den Kältebedingungen des Winters zeigt (BRENKE und BRENKE 1991).

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Es gibt also vielfältige Untersuchungen, wie sich abhärtende Maßnahmen auf die Vasomotorik auswirken, speziell auch im Bereich der Mikrozirkulation. Die für deren Fließbedingungen wichtige Vasomotion kann bislang hingegen im Zusammenhang mit dem Begriff der Abhärtung noch nicht klar eingeordnet werden. Die Differenzierung von Vasomotorik und Vasomotion nehmen SCHNIZER et al. vor. In einer Studie zu Wirkungsmechanismen von Kohlensäurebädern vermuten sie, daß sich dabei zwei Wirkkomponenten realisieren: Einmal eine Steigerung der mikrozirkulatorischen Gesamtströmung und zum anderen eine Aktivierung der Vasomotion. Beide Vorgänge scheinen unabhängig voneinander beeinflußt und angestoßen werden zu können (SCHNIZER et al. 1985).

Die Vasomotion bringt LINDNER in Zusammenhang mit der Abhärtung. Im Vergleich zu nicht abgehärteten Personen wurde als Trend eine größere Flexibilität des Tonisations- und Relaxationsspieles der Gefäße sowohl bei gewohnheitsmäßigen Kaltduschern als auch bei Saunagängern beobachtet. Meßstellen waren der Rumpf an der rechten Medioklavikularlinie, der Mittelfinger, das Hypothenar und die Nasenscheidewand. Die Versuchspersonen der Kontrollgruppe zeigten generell eine verzögerte Dilatation während und nach thermischen Reizen in Form von jeweils warmen und kalten Fuß- sowie Schenkelgüssen (LINDNER 1990). Eine andere Arbeitsgruppe untersuchte konsensuelle Gefäßreaktionen bei einem kalten Fußbad zur Überprüfung der Wirksamkeit einer Kneippkur. Die Messungen ergaben die deutliche Zunahme der Vasomotionsamplitude im Verlauf der Kühlung bei 33 % der Registrierungen an der Handinnenfläche, während an der Nasenschleimhaut die Amplitude nur in 9 % anstieg. Die Änderungen der Vasomotionsamplitude werden nicht über Temperaturveränderungen erklärt, sondern es könne sich dabei um einen Sympathikuseinfluß handeln (FENDT 1990).

Insgesamt sind die wenigen Arbeiten über Vasomotion in Hinblick auf den Abhärtungskomplex sehr interpretationsbedürftig. Im schon erwähnten Konzept von SELYE wurde der "systemic stress" im Zusammenhang mit Adaptationsmechanismen genannt. Das Adaptationssyndrom verläuft in den Stadien Alarmreaktion, Erschöpfung und Resistenz. Nach CLASSEN (1976) muß das Stadium der Resistenz, in dem die Widerstandsfähigkeit gegenüber Streß allgemein angehoben ist, durch dauerndes Training gehalten werden.

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In Auswertung der Literatur hat sich gezeigt, daß dieser systemic stress unspezifisch abgeschwächt werden kann durch die Einwirkung von unterschiedlichen Stressoren. Wenn für die Mikrozirkulation entscheidende „Stressparameter“ gleichermaßen durch die Gewöhnung sowohl an wechselwarme Reize als auch an Kaltreize in ihrem Reaktionsumfang über die Zeitachse abgeschwächt würden, wäre eine Form von Abhärtung bewiesen.


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20.03.2006