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5.  Diskussion

5.1 Einordnung der Ergebnisse

Bei Verdacht einer entzündlich-rheumatischen Gelenkerkrankung wird im klinischen Alltag eine Standarddiagnostik durchgeführt. Der Erhebung der Patientenanamnese und des klinischen Status folgt die Laboruntersuchung mit Entzündungsparameter- und Autoantikörperdiagnostik. Daran schließt sich die apparative, bildgebende Diagnostik an. Zur Auswahl stehen heute neben der konventionellen Röntgendiagnostik die modernen diagnostischen Verfahren: die Arthrosonographie und Magnetresonanztomographie. Bei ausgewählten Fragestellungen wird eine Arthroskopie veranlasst, zusätzlich kommen Computertomographie bzw. Szintigraphie zum Einsatz.

Den Anspruch die Rheumatoide Arthritis im Frühstadium sicher und kostengünstig zu diagnostizieren, erfüllt die zum Einsatz kommende Bildgebung nur mit Einschränkung. Das Ziel ein Verfahren für die rheumatologische Praxis zu entwickeln, das Aufschluss über Entzündungsgrad und -volumen der Synovialis zu diagnostischen Zwecken oder der Therapiekontrolle gibt, ist bis heute nicht erreicht.

Der bisherige Referenzstandard für Diagnose und Verlaufskontrolle arthritischer Erkrankungen ist bis heute das konventionelle Röntgen. Als einziges bildgebendes Verfahren ist es integrativer Bestandteil der revidierten ACR-Klassifikationskriterien von 1987 zur Diagnostik der RA [Arnett /1988]. Es ist kostengünstig, und ermöglicht eine serielle Dokumentation. Jährliche Aufnahmen der Hände und Füße sind in den späteren Stadien einer Rheumatoiden Arthritis eine wesentliche Orientierungshilfe zur Einordnung der Aggressivität des Krankheitsverlaufs und zum Festlegen einer Prognose. Beurteilt wird hier in der Hauptsache das Fortschreiten der Gelenkveränderung. Erfasst werden gelenknahe Demineralisation, Erosionen und die Gelenkspaltverschmälerung. So wird die Summe der abgelaufenen Prozesse optimal mit dem Röntgenbild abgebildet. Dem Auftreten dieser irreversiblen Knochenschädigung geht aber ein Frühstadium voraus, dessen Aufdeckung entscheidend für die Prognose der Patienten ist. Da bei über zwei Dritteln der Patienten schon im ersten Jahr Erosionen auftreten, ist dieser sensible Zeitraum recht kurz und entgeht leicht der Entdeckung [Heijde /1995]. Zahlreiche Studien stützen die [Seite 59↓]Notwendigkeit eines frühestmöglichen, hochdosierten Therapiebeginns, der ein Fortschreiten der Synovitis zu verlangsamen und sogar aufzuhalten vermag [Irvine /1999, St.Clair /2002]. Eine Therapie mit den neuen Biologicals (anti-TNF alpha) als Mono- oder Kombinationstherapie mit MTX ist in dieser Phase in der Lage aggressive Krankheitsverläufe abzumildern und das Auftreten von Knochenerosionen abzuwenden [Bankhurst /1999, Genovese /2002]. In dieser Zeitspanne zeigt sich die Entzündung im Röntgenbild nur indirekt durch Weichteilverbreiterung, Gelenkspaltverschmälerung und Demineralisation, die sogenannten Kollateralphänomene. Beginnende und kleinere Erosionen stellen sich im Röntgenbild weniger gut dar als beispielweise in der MRT [Alasaarela /1998, Backhaus /1999, Klarlund /2000]. Daraus ergibt sich ein Nachteil des Röntgens: Eine Besserung des Entzündungsprozesses auf Therapie ist nicht unmittelbar ersichtlich. Das Bild zeigt mit einer zeitlichen Verzögerung von 6 ‑ 12 Monaten die Summe der abgelaufenen Entzündungsschübe [Leeuwen /1993].

In dieser Arbeit wurden bei Gruppe 1 und 2 Standardröntgenbilder der Hände angefertigt. Diese dienten als Referenz, um das SAL-Verfahren zu evaluieren. Die Fingergelenke wurden nach arthritischen Weichteilzeichen, Kollateralphänomenen und arthritischen Direktzeichen sortiert, mit der Absicht sukzessive Veränderungen des Streulichtbildes festzustellen.

Für die besonderen Anforderungen der Frühdiagnostik, sowie bei unauffälligem Röntgenbefund bei klinischen Beschwerden, steht dem Rheumatologen heute die Ultraschalldiagnostik mit Hochfrequenzschallköpfen als Ergänzung zur Verfügung. Die Vorteile der Sonographie liegen in ihrer universellen Verfügbarkeit, geringen Kosten und der Möglichkeit der „bed-side“-Untersuchung. Anders als bei den übrigen Verfahren ist eine dynamische Untersuchung des Gelenkes möglich, die Rückschlüsse auf seine Funktion zulässt. Sie ist nicht mit Strahlenbelastung verbunden und kann deshalb gefahrlos zur Verlaufsbeobachtung dienen. Voraussetzung ist ein erfahrener Untersucher. Die Arthrosonographie erlaubt eine gute Differenzierung von Weichteilläsionen wie Erguss und synovialer Proliferation [Fornage /1989, Grassi /1993], daher sind unmittelbar Rückschlüsse auf die Krankheitsaktivität möglich [Hau /1999]. Werden hochauflösende Schallköpfe eingesetzt, eignet sie sich ebenfalls zur frühen Detektion von Knochendefekten, allerdings fehlen zur Zeit noch standardisierte Kriterien zur Beurteilung des Befundes [Grassi /2001]. Erosionen stellen sich im Ultraschall frühzeitiger dar als im Röntgenbild. Oberflächlich legende Erosionen können [Seite 60↓]besser detektiert werden, Erosionen in größerer Schichttiefe lassen sich aber mittels MRT genauer abbilden [Backhaus /2002]. Ein anderer Nachteil ist, dass die dargestellten Weichteilveränderungen nicht pathognomonisch für die Rheumatoide Arthritis sind. Um die Erstdiagnose RA zu stellen, kann die Sonographie lediglich Anhaltspunkte liefern. Darüber hinaus gestaltet sich die Differenzierung zwischen Ödem, Erguss, Pannus oder kartilaginäre Erosion schwierig, auch hier ist die Magnetresonanztomographie überlegen [Backhaus /1999]. In der hier vorliegenden Studie wurde bei Gruppe 1 eine Ultraschalluntersuchung der Hände durchgeführt. Vorherigen Untersuchungen zufolge sind für die optimale Darstellung der kleinen Fingergelenke Schallköpfe mit mindestens 7.5 Hz und die Verwendung einer Vorlaufstrecke empfohlen [Milbradt /1990]. Dementsprechend wurde ein Schallkopf mit einer Frequenz von 7,5 Hz mit Vorlaufstrecke eingesetzt, zudem war die Beurteilung durch eine erfahrene Untersucherin gewährleistet. Die Klassifizierung der PIP-Gelenke diente als Maßstab, um die SAL-Bilder einem Entzündungsgrad zuordnen zu können.

Eine andere Methode, die heute in der Frühdiagnostik der Rheumatoiden Arthritis eine immer größere Rolle spielt, ist die Magnetresonanztomographie. Fehlen auf dem Röntgenbild bei typischer Klinik arthritische Direktzeichen, kann ein Magnetresonanztomogramm der Hand die Diagnostik vorantreiben. Knochen und Weichteilgewebe bilden sich überlagerungsfrei ab. Dynamische Untersuchungssequenzen sind bei Gabe eine paramagnetischen Kontrastmittels möglich. Je nach Gewichtung stellen sich Erguss oder proliferative Synovialitis mit hoher Signalintensität dar [Foley-Nolan /1991, Jorgensen /1993, Viermetz /1992], durch unterschiedlich schnelle Anreicherung des Kontrastmittels können sie differenziert werden. Aufgrund der Vaskularisierung kann zwischen verschiedenen Formen des Pannus unterschieden werden. Aktiver, hypervaskulisierter Pannuns zeigt ein deutlich intensiveres Enhancement als inaktiver, fibröser Pannus [König /1990, Jevtic /1996], daher eignet sich die MRT sehr gut, um die Entzündungsaktivität zu erruieren. Die erhöhte Signalintensität ist ein diagnostisches Merkmal, ein anderes ist die Bestimmung des Synovialvolumens, beide stimmen weitgehend mit der klinischen Symptomatik überein [Bacon /1991, Polisson /1995]. Eine größere Sensitivität bei der Entdeckung von Frühzeichen der RA im MRT als durch die klinische Untersuchung ist belegt [Goupille /2001]. Pathologische Knochenveränderungen äußern sich in einer Signalverminderung. Das MRT ist, was die Diagnostik von Erosionen betrifft, das [Seite 61↓]sensitivste bildgebende Verfahren [Backhaus /1999]. Kleine Erosionen und Knochenzysten werden gut dargestellt und reichern bei Patienten mit Rheumatoider Arthritis häufig Kontrastmittel an, was einen Hinweis zur meist recht schwierigen Differenzierung der verschiedenen entzündlich-rheumatischen Erkrankungen liefert [Tonolli-Serabian /1996]. Da ein entzündliches Geschehen sehr unmittelbar ersichtlich ist, würde sich die MRT prinzipiell zur Therapiekontrolle und zur Definition einer Remission eignen [Lee /1997]. Bisher wird eine Remission aber noch rein klinisch festgelegt [Pinals /1981]. Als Nachteile der Untersuchung sind der hohe Zeit- und Untersuchungsaufwand zu nennen, die für einen in der Beweglichkeit eingeschränkten Patienten nicht unerheblich sind. Kleinere Spulen mindern das Problem für die Darstellung der Hände. Als Routineuntersuchung der Fingergelenke in der rheumatologischen Praxis eignet sich die MRT bedingt durch eine aufwendige, zeitintensive Durchführung und Auswertung und einen hohen Kostenaufwand kaum.

Die im Rahmen dieser Studie angefertigten MRT-Bilder der PIP-Gelenke ermöglichten, den Entzündungsgrad jedes Gelenks zunächst zu bestimmen. Damit wurde eine Referenz geschaffen, die neue SAL-Methode am heutigen Standard zu messen.

Die 3-Phasenszintigraphie ist eine weitere Möglichkeit bei Verdacht auf eine entzündlich-rheumatische Erkrankung, betroffene Gelenke darzustellen. Nach Gabe eines Radiopharmakons wird die Anreicherung über drei Phasen betrachtet. Sie eignet sich in erster Linie um den Gelenkbefall des gesamten Körpers zu erruieren, für die Untersuchung der Hände ist der Einsatz der ROI-Technik empfohlen. Hierbei werden entzündliche Prozesse mit hoher Sensitivität erfasst, sie ist bei früharthritischen Veränderungen der Sensitivität und Spezifität der MRT vergleichbar [Hopfner /2002].

Lichtoptische Verfahren haben in den letzten Jahren eine Renaissance erlebt, die in einem besseren Verständnis der Ausbreitung von Licht in biologischem Gewebe begründet ist. Sie werden beispielsweise für die Diagnostik und Grundlagenforschung von Mammakarzinomen entwickelt [Hawrysz /2000, Ntziachristos /2001], außerdem werden sie zur Beurteilung von Gehirnfunktionen eingesetzt [Boas /2001]. Bei der diffusen optischen Tomographie (DOT) wird Gewebe von nah-infrarotem Licht durchstrahlt und anhand der gemessenen Lichtschwächungswerte ein Bild rekonstruiert. Die Absorption und Streuung des Lichts durch oxygeniertes und desoxygeniertes Hämoglobin sind im Gewebe insbesondere bei Tumoren und [Seite 62↓]Blutungen verändert. Neben strukturellen Bildern können zusätzlich physiologische Informationen über den Blutfluss, das Blutvolumen oder die Sauerstoffsättigung gewonnen werden. Ein verwandtes Verfahren ist die Nah-Infrarot Spektroskopie (NIRS): Hier wird die Photonendichte diffusen, transmittierten Lichts gemessen und zur Veränderung des Absorptionskoeffizienten proportional in Beziehung gesetzt, um Konzentrationsveränderungen von Hämoglobin zu bestimmen. Bei beiden Verfahren wird in Studien der zusätzliche Effekt von Kontrastmitteln, sowie der Koppelung an Marker oder Sound geprüft [Frydrychowski /2002]. Die erfolgreiche Entwicklung dieser Methoden begründet ein Verfolgen neuer Ansätze der bildgebenden Diagnostik mittels lichtoptischer tomographischer Verfahren.

Die vom LMTB wieder aufgegriffene diaphanoskopische SAL-Technik birgt von ihrer Idee her die Möglichkeiten eine Bedarfslücke in der allgemeinärztlichen und rheumatologischen Diagnostik zu schließen. Sie beruht ebenfalls auf dem Prinzip, dass sich die durch Synovitis bedingte Mehrdurchblutung, begleitet von einer Verdichtung der Entzündungszellen und einem Ödem auf die lichtoptischen Eigenschaften des Gewebes auswirkt. Streuungs- und Absorptionskoeffizient verändern sich durch den erhöhten Hämoglobingehalt, die Trübung der Synovialflüssigkeit und die Proliferation des Kapselgewebes. Prapavat et al. entwickelten den Rheuma-Explorer als kostengünstige und leicht zu evaluierende Methode diese Streustrahlungsveränderungen zu erfassen [Prapavat /1997b]. Was die Handhabung für die tägliche klinische Praxis betrifft, erfüllt der Rheuma-Explorer durch einen geringen Zeitaufwand der Untersuchung und minimale Belastung des Patienten die Anforderungen an ein Routineuntersuchungsverfahren für die rheumatologische Praxis. Die Fingergelenke sind repräsentativ für den allgemeinen Gelenkstatus des RA-Patienten und der Messung leicht zugänglich. Die Untersuchungsdauer von durchschnittlich 10 Minuten für 8 Fingergelenke stieß auf hohe Akzeptanz bei den Patienten, die sowohl Schmerzen als auch Nebenwirkungen wie beispielsweise Strahlenbelastung fürchten.

Ziel dieser Studie war die von Prapavat vorgeschlagenen Kennwerte zur Berechnung der Streulichtverteilungskurve auf ein großes Patientenkollektiv anzuwenden und auf ihre Signifikanz zu überprüfen. Dafür wurden Patienten mit klinischen Verdacht auf eine frühe Arthritis und gesunde Probanden in einer Querschnittstudie untersucht. Jedes Fingergelenk wurde klinisch beurteilt und im “Klinikscore“, sowie in Scores für [Seite 63↓]“Röntgen“, “Ultraschall“ und “MRT“ in einer Kategorie seines Krankheitsstadiums eingeordnet. Diese dienten zunächst einzeln, danach in Kombination als Referenz zur Bewertung der Streulichtverteilungen.

In Clusterdiagrammen ordneten sich die gemessenen Kennwerte Breite, Asymmetrie und Steilheit links nicht wie erwartet nach ihrer Klinik an. Nach Prapavats Voruntersuchungen wäre ein farbliche Gruppierung im Clusterdiagramm nach klinisch gesunden Gelenken, Gelenken mit Schmerzen, mit Schwellung und nach Schmerz und Schwellung zu erwarten gewesen. Jeder Parameter hätte sich mit zunehmender Entzündung tendenziell in eine Richtung verändern sollen. Die Breite (Standardabweichung der Funktion) hätte zunehmen sollen, ebenso wie die Steilheit links (proximaler Übergangsbereich) und die Asymmetrie (relative Skewness) [Prapavat /1997b]. Nicht nur die Kennwertspanne der klinischen Grade mischte sich, sondern sie überschnitt sich auch mit der Spanne der gesunden und beschwerdefreien Kontrollgruppe.

Im nächsten Schritt wurde der “Röntgenscore“ über die Parameter Breite, Asymmetrie und Steilheit links aufgetragen. Dass auch in diesem Achsenkreuz die Röntgenscores von 1 bis 4 mit dem Score 0 die gleichen Kennwertbereiche belegen, zeigt dass sich die Streulichtkurven der Fingergelenke mit Normalbefund im Röntgenbild nicht signifikant von denen mit Weichteilschwellung oder Demineralisierung unterscheiden.

Auch die für Magnetresonanztomographie- und Sonographiebefund erstellten Clusterdiagramme zeigen für die Streulichtkurven-Breite, -Asymmetrie und die Steilheit linkskeine Clusterung der Punktmarkierungen eines Entzündungsgrades oder der Normalbefunde in einem Kennwertbereich. Da Prapavat auch die Parameter Intensität und Steilheit rechts als tendenzielle Kennwertveränderung von gesund zu entzündlich-rheumatisch verändert propagierte, wurden im folgenden Schritt Klinik-, Röntgen-, MRT- und Ultraschallscores über diese Achsen dargestellt. Auch der Parameter Steilheit rechts verändert sich nicht in Korrelation mit dem Entzündungsstadium, lediglich die Intensität stand mit dem Fingerumfang in Korrelation.

Diese bei der ersten Auswertung gewonnenen Ergebnisse machten eine Reduktion der [Seite 64↓]Datenmenge erforderlich, um die Ursache der nicht wie in den Voruntersuchungen korrelierenden Streulichtveränderungen zu eruieren. Neben der Kontrollgruppe wurden aus dem Pool der klassifizierten Fingergelenke diejenigen herausgefiltert, die sowohl klinisch als auch mittels Sonographie und Magnetresonanztomographie als akut entzündet eingestuft worden waren. Somit reduzierte sich der Fehler der bewerteten Entzündungsaktivität jeder einzelnen Methode, der bei allen bildgebenden Verfahren eine mehr oder minder große Rolle spielt.

Stadium 0 (gesunde PIP-Gelenke beschwerdefreier Probanden) und Stadium 3 (Entzündung der PIP-Gelenke klinisch, sowie röntgenologisch, sonographisch und im MRT diagnostiziert) wurden nochmals in Clusterdiagrammen über die Breite, Asymmetrie,Steilheit rechtsundSteilheit links und über die Intensität abgebildet. Dabei fiel eine Clusterung der mit Stadium 3 bewerteten Fingergelenke im Kennwertbereich des Parameters Leistung auf (Abb.18 und 22). Diese tendenzielle Intensitätsminderung (Intensität) der akut entzündeten Gelenke ist vermutlich auf ihre Schwellung zurückzuführen. Unterstützt wird diese These dadurch, dass sich die PIP-Gelenke mit Stadium 3, trägt man Leistunggegen Umfang auf, sich vom Umfang her größtenteils zwischen 6.0 E und 7.5 E gruppieren, während die gesunden Fingergelenke bei 5.0 E bis 6.0 E liegen. Dass die von der Kamera detektierte Intensität des Lasers mit Zunahme der durchleuchteten Gewebeschichten abnimmt, kann nicht als Indiz für eine entzündliche Veränderung gewertet werden.

Da beide Stadiengruppen 0 und 3 über die übrigen Kennwertbereiche streuen und keine Tendenz festzustellen ist, lässt sich mit Sicherheit sagen, dass der Rheuma-Explorer zum jetzigen Stand der Entwicklung in der Diagnosefindung der RA keinen Fortschritt erbringt. Die ermittelten Kennwerte lassen sich am großen Patientenkollektiv nicht nachvollziehen, gesunde Gelenke können von floride entzündeten nicht differenziert werden. Diese Ergebnisse legen nahe, dass die Ursache für die fehlende Signifikanz der Streulichtveränderungen in der interindividuellen Variation der Fingergelenkstruktur begründet ist. Um diesen Faktor von anatomischer Seite einzuschränken, wurden isoliert die PIP‑III‑Gelenke der dritten Patientengruppe (Kontrollgruppe) und Stadium 3-Patienten ausgewertet. Breite und Asymmetrie von gesunden und entzündlich-rheumatisch veränderten Mittelfingern gleichen sich in ihrer [Seite 65↓]Variationsbreite, folglich scheint schon eine gemeinsame Auswertung eines Gelenks ein zu grobes Raster zu sein. Interessant ist auch der Vergleich der gewählten Meßlinien: Für gesunde und entzündete PIP‑III‑Gelenke wurden zur Berechnung von Breite und Asymmetrie die verschiedenen Pixelbereiche Maximum Integral, Center Line und Projection ausgewählt. Die Frage welcher von ihnen informationstragend ist, kann anhand der Daten nicht entschlüsselt werden. Keiner der berücksichtigten Messzeilenbereiche erlaubt eine Trennung von gesund und entzündet, wichtig ist aber, dass auch sie die Streuung der Daten beeinflußt. Zwar lagen die Werte der Patienten in etwa im gleichen Bereich, es entstanden aber drei unterschiedliche Clusterbilder.

5.2 Methodenkritik

Warum hat die Anwendung von Prapavats vorgegebenen Streulichtberechnungen auf ein großes Patientenkollektiv nicht die gewünschten Ergebnisse erbracht? Die Gründe dafür sind sicher in den zahlreichen Variablen, die auf das System der Streulichtanalyse einwirken, zu suchen. Im folgenden sollen die interindividuelle Varianz und die Positionierung der Finger ausführlich diskutiert werden.

5.2.1 Interindividuelle Varianz

Betrachtet man die Parameterveränderungen der Streulichverteilungskurve von gesund nach krank, so stellt man fest, dass sie sich zum Beispiel für die Asymmetrie (relative Skewness) im Bereich von 0.1 bewegen (Tab B). Die Grenze von “normal“ und “pathologisch“ ist ein schmaler Grat, der aber nach Prapavats Studie signifikant größer ist als die theoretisch berechnete interindividuelle Varianz. In der Praxis unterscheiden sich die Fingergelenke schon optisch erheblich voneinander, so dass es nur eingeschränkt sinnvoll erscheint ein Fingergelenk mit den Umfang von 45 mm mit einem von 60 mm vergleichen zu wollen. In die interindividuelle Varianz spielt neben der Fingerdicke und den damit verbundenen, durchleuchteten Gewebeschichten auch die Hautfaltenstruktur und nicht zuletzt die Hautfarbe mit hinein. Bilder einer dunkelhäutige Probandin, die keine klinischen Entzündungszeichen aufwies, erbrachten ein ungewöhnliches Strukturbild, das höchstwahrscheinlich auf den Einfluss der Hautfaltenpigmentierung zurückzuführen ist. Auf anderen Streulichtabbildungen fanden sich streifige Strukturen, die mit dem der Kamera aufliegenden Hautrelief übereinstimmen und wahrscheinlich durch eine rauhe Hautoberfläche verursacht [Seite 66↓]wurden.

5.2.2 Positionierung

Wiederholungsmessungen an wenigen beschwerdefreien Gelenken, angefertigt mit der Absicht interindividuelle Verschiedenheiten auszublenden, ergaben keine einheitlichen Streulichtbilder. Die Struktur des mutmaßlichen Gelenkspalts hatte auf jedem Bild einen geringgradig variierten Verlauf (siehe Abb. 23). Dies ist mit hoher Wahrscheinlichkeit durch eine leichte Beugung im Gelenk und axiales Abweichen des Fingers innerhalb der Positionierungsvorrichtung entstanden. So muss angenommen werden, dass jedes mit dem Rheuma-Explorer untersuchte Gelenk in einer minimal differierenden Position durchleuchtet wurde und dass dieser Bewegungsspielraum auch während der Messung zu Verwacklungen hat führen können. Der Fingerkuppen-Hautfaltenabstand, gemessen mit einer Schieblehre, ist als einzige Orientierungshilfe zur exakten Repositionierung offensichtlich zu ungenau. Ein Mangel der technischen Umsetzung der Methode liegt somit in der fehlenden Kontrolle der Positionierung. Als Konsequenz ist eine Reproduzierbarkeit der Bilder nicht gegeben, was als Voraussetzung zum Einsatz als Therapiekontrollverfahren unabdingbar ist.

5.3 Ausblick

Diese Fehlermöglichkeiten addiert, ist für die Zukunft der Streulichtanalyse in der rheumatologischen Diagnostik eine isolierte Betrachtung jedes einzelnen Fingergelenks im Verlauf die einzig sinnvolle Perspektive. In einer Längsschnittstudie mit Messungen desselben Gelenks über 6 Monate in unterschiedlicher Akuität der Entzündung, wurden 2002 an der Universität Göttingen 72 PIP-Gelenke mit dem Rheuma-Explorer untersucht. Das vom LMTB entwickelte Nachfolgemodell beinhaltet die sinnvolle Neuerung, die Positionierung des Gelenkspalts unter Kamerakontrolle überwachen zu können. Darüber hinaus sind alte Streulichtaufnahmen während der Positionierung eingeblendet, so dass der Finger an die exakt gleiche Stelle platziert werden kann. Dies ermöglicht eine Serie von Streulichtmessungen zu erstellen, deren einzige Variable der Entzündungszustand des Gelenks ist. Unter diesen Voraussetzungen erreichte die SAL-Methode eine Sensitivität von 80%, eine Spezifität von 89% und eine Genauigkeit von 83 % für die Detektion von entzündlichen Veränderungen bei betroffenen PIP-Gelenken [Scheel /2002].


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Damit erübrigt sich derzeit die Einsatztauglichkeit der SAL-Methode als diagnostisches Screening, da auf Referenzbilder zurückgegriffen werden muss, die bei einer Erstuntersuchung selbstverständlich nicht vorhanden sind. Offen bliebe aber die Möglichkeit sie zukünftig als kostengünstiges, nicht-invasives und schnelles Verfahren zur Therapiekontrolle einsetzen zu können. Die Domäne der Frühdiagnostik der entzündlich-rheumatischen Erkrankungen wird in nächster Zukunft sicher auf dem Gebiet der Sonographie und Magnetresonanztomographie liegen, die bei unauffälligem Röntgenbefund Klarheit bringen.


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07.05.2004