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6. Zusammenfassung

Ausgehend von bisher eher widersprüchlichen Ergebnissen bei Studien, die den Einfluss neuroleptischer Medikation auf kognitive Funktionen schizophrener Patienten untersuchten (Bilder et al., 1992; Kahn, 1996; Meltzer und McGurk, 1999; Purdon, 1999), sollte in dieser Arbeit geprüft werden, ob eine nachweisbare Beeinträchtigung kognitiver Funktionen sowohl bei unbehandelten als auch mit konventionellen bzw. atypischen Neuroleptika behandelten schizophrenen Patienten im Vergleich zu gesunden Probanden auftritt. Ausserdem sollte die Abhängigkeit kognitiver Defizite von der Höhe der Neuroleptikadosis untersucht werden.

Dazu wurde in modifizierter Form eine neuropsychologische Testbatterie verwendet, die zuvor bei Patienten mit Epilepsie und Depression angewandt und validiert wurde (Ruser, 1988; Montag, 2000). Es wurden exekutive Funktionen, Persevationstendenz, Kurz- und Langzeitgedächtnis, Aufmerksamkeit und Konzentration testpsychologisch erfasst.

Im Zeitraum von Mai 1998 bis August 2000 wurden 44 stationäre schizophrene Patienten der Psychiatrischen Universitätsklinik der Humboldt-Universität zu Berlin (Charité) und 51 psychisch gesunde Kontrollprobanden untersucht. Alle Patienten erfüllten die ICD-10-Kriterien der Schizophrenie. Komorbide psychische oder körperliche Erkrankungen waren Ausschlusskriterien. Nach einem ausführlichen klinischen Interview mit psychopathologischer Befunderhebung wurden alle Patienten und gesunden Kontrollpersonen mit einer umfassenden neuropsychologischen Testbatterie untersucht. Die Durchführung der Untersuchung dauerte insgesamt 2-3 h.

Es wurden zwei Untersuchungen im Abstand von 8-11 Wochen durchgeführt, die mit der gleichen Testbatterie erfolgten. Bei gesunden Probanden sollte damit der Testwiederholungseffekt auf kognitive Funktionen gemessen werden, um die Wirkung der Neuroleptika bei Patienten besser bewerten zu können. Bei 22 schizophrenen Patienten und allen 51 Kontrollpersonen konnte eine Folgeuntersuchung durchgeführt werden.

In der vorliegenden Arbeit konnte eine generalisierte kognitive Störung in der Gesamtgruppe der schizophrenen Patienten bestätigt werden. Es gab jedoch Unterschiede in einzelnen kognitiven Bereichen, wenn die Patienten in unbehandelte, konventionell und atypisch medizierte Patienten eingeteilt wurden. Günstige Effekte der atypischen Neuroleptika betreffen exekutive Funktionen und die Perseverationstendenz. Bei den kognitiven Funktionen des Kurzzeitgedächtnisses (Zahlennachsprechen), des spatialen Gedächtnisses (Corsi-Block-Span Test) und motorischer [Seite 80↓]Fähigkeiten (BET, Tapping, TMT-A, d2-Summe) fanden sich in der vorliegenden Untersuchung bei schizophrenen Patienten keine signifikanten Unterschiede zwischen der Behandlung mit konventionellen Neuroleptika oder Atypika.

Zur Analyse eines Messwiederholungseffektes und Darstellung von Lern- und Gewöhnungseffekten wurden die Veränderungen bei Wiederholung der Messungen erfasst. Trotz der hier gemessenen besseren Ergebnisse in den Tests der exekutiven Funktionen und Perseveration für atypisch medizierte Patienten kann nicht von einer generellen Reduzierung der kognitiven Defizite durch Atypika-Behandlung ausgegangen werden. Der Vergleich des Behandlungseffektes der Atypika mit der Veränderung der Testleistung bei den gesunden Kontrollen ergab, dass der „Behandlungserfolg“ durch die Atypika kleiner als die Verbesserung der kognitiven Defizite bei den gesunden Kontrollen bei Wiederholungsmessung (TZP 2) ist. Die günstigen Effekte der Atypika auf die kognitiven Fähigkeiten bei schizophrenen Patienten sind zwar vorhanden, aber im Vergleich zu den „Lerneffekten“ bei gesunden Probanden eher klein.

Durch einen Vergleich individueller Testergebnisse mit dem Referenzbereich parallel untersuchter gesunder Probanden konnte festgestellt werden, dass nur etwa ein Drittel der schizophrenen Patienten schwere kognitive Defizite zeigte. Ein Grossteil der Patienten (30-50 %) hatte ähnliche kognitive Fähigkeiten wie die gesunden Kontrollen. Diese Unterschiedlichkeit der gefundenen kognitiven Defizite bestätigt die heterogene Phänomenologie der Gruppe der Schizophrenien und zeigt, dass die Verwendung von Mittelwerten als Auswertevariablen kognitiver Funktionen nur bedingt aussagekräftig ist.

Es wurde eine Dosisabhängigkeit bestimmter kognitiver Funktionen (Perseveration, Umstellfähigkeit, motorische Fähigkeiten) bei Patienten, die mit konventionellen Neuroleptika behandelt wurden, gefunden. Bei Atypika konnte dieser Zusammenhang nicht beobachtet werden. In der Literatur wurden bisher differentielle Dosiseffekte der Neuroleptika auf kognitive Funktionen bisher nur wenig untersucht. Diese Untersuchung zeigte aber, dass bestimmte neuropsychologische Funktionen von der Höhe der neuroleptischen Dosis abhängig sind. Dieser Effekt liess sich nur bei den mit konventionellen Neuroleptika medizierten Patienten zeigen. Bei den atypisch medizierten Patienten liess sich keine Dosisabhängigkeit feststellen. Dies impliziert, dass atypische Neuroleptika für schizophrene Patienten, die eine hohe Neuroleptikadosis benötigen, besser verträglich sein könnten. Insbesondere Patienten, die bisher nur suboptimal auf konventionelle Neuroleptika respondiert haben, könnten bezüglich der Behandlung der kognitiven Defizite von einer Atypika-[Seite 81↓]Behandlung profitieren.

Das gewählte Studiendesign (keine Komedikation, keine komorbiden Störungen) und die geringe Gruppengrösse der Medikationsgruppen erlaubt nur begrenzte Aussagen über die Unterschiede zwischen konventionellen Neuroleptika und Atypika. Auch der Selektionsbias, der schwerer beeinträchtigte Patienten in dieser Untersuchung unterrepräsentiert, muss in die Bewertung der Resultate einbezogen werden.

Die vorliegenden Ergebnisse können nur als vorläufig verstanden werden und bedürfen einer Evaluation mit grösseren Untersuchungsgruppen.


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11.05.2004