| Born, Martin Ludovico: Identifikation von SNARE-Proteinen im Urothel der Ratte |
7
Die Erforschung molekularer Strukturen ist seit Jahrzehnten eine Aufgabe der modernen Anatomie und Zellbiologie. Die Analysen und Entdeckungen bilden die morphologischen Grundlagen, um fachübergreifende Zusammenhänge subzellulärer Strukturen zu verstehen. So wurde ein enormer Wissenszuwachs auf dem Gebiet verschiedener zellbiologischer Funktionen erreicht. Einen wichtigen Fundus stellt dabei die Grundlagenforschung dar, die für klinische Anwendungen und breite medizinische Neuerungen Nutzen bringt. Durch die immer detaillierteren Erkenntnisse wurde die Blickrichtung der molekularen Zellbiologie beeinflusst.
Die Beschreibung der Mechanismen der exozytotischen Transmitterfreisetzung in Neuronen stand bisher im Interesse der neuroanatomischen Forschung. Das besondere Interesse galt der dabei erforderlichen Membranverschmelzung, die eine Transmitterfreisetzung erst ermöglicht. Es konnten Modelle entwickelt werden, welche einen Einblick in die Prinzipien der Verschmelzung von Membranen erlauben. Neuerdings werden diese Modelle modifiziert auch bei nicht-neuronalen Zellen diskutiert. So wurden Hepatozyten (Fujita et al., 1998), Sammelrohrzellen der Niere (Jo et al., 1995) oder Parietalzellen des Magens (Jöns et al., 1999; Peng et al., 1997) hinsichtlich dieser Aspekte betrachtet. Vor diesem Hintergrund werden in der vorliegenden Arbeit die Mechanismen in Epithelzellen des Urothels der Ratte untersucht.
Beim Menschen befindet sich die Harnblase zum Teil extraperitoneal im kleinen Becken, zum Teil subperitoneal bzw. präperitoneal hinter der Symphyse. Ventral gelangen die dem Levatorschenkel anliegenden Ligamenta pubovesicalia zum Blasenhals, dorsal ist die Harnblase über das Ligamentum rectovesicale verbunden. Beim Mann ist die Harnblase fest mit der Prostata verwachsen. Bei der Frau ist die Harnblase an der Vorderwand der Vagina und der Cervix uteri gelegen, wobei eine weit weniger starke Fixierung der Harnblase ausgebildet ist. Über die Ligg. vesicosacralia ist die Harnblase zusätzlich an der Vorderfläche des
8
Kreuzbeines fixiert.9
lumbalen Lendenmark und parasympathische Fasern aus dem Sakralmark. Der Blasenwand liegt ein vegetativer Plexus an; die Reflexzentren für die Füllung und Entleerung der Harnblase liegen im Lumbal- bzw. Sakralmark. Die übergeordneten Zentren befinden sich im Hirnstamm. Der sympathische Teil regelt durch ein Nachlassen der Wandspannung die Füllung, der parasympathische Teil, aufgrund der Kontraktion des M. detrusor vesicae, die Entleerung.Nach innen ist die Tunica muscularis durch eine lockere Tela submucosa mit der Schleimhaut, der Tunica mucosa, verbunden (Abb. 1). Im Bereich des
10
Blasengrundes, dem Trigonum vesicae, kommt keine Submukosa vor. Die harnleitenden Organe sind von einem hochdifferenzierten Epithelgewebe, dem Übergangsepithel, ausgekleidet. Hierbei handelt es sich um ein mehrreihiges bis mehrschichtiges Epithel (Drenckhahn, 1994). Verschiedene Autoren rechnen das Harnblasenepithel zur Gruppe der mehrreihigen Epithelien (Leonhardt, 1986). Eine allgemeingültige Klassifizierung ist bisher noch nicht erfolgt. Das Übergangsepithel besteht aus Basalzellen, Intermediärzellen und Deckzellen. Die zum Harnblasenlumen weisenden Deckzellen sind die größten Zellen dieses Epithels und besitzen stielförmige basale Ausziehungen, die bis zur Basallamina herunterreichen können. Diese Eigenschaft wird als partielle Mehrreihigeit beschrieben. Aufgrund der großen Füllungsunterschiede der Harnblase werden die Deckzellen temporär stark gedehnt und dabei abgeflacht. Die Deckzellen entwickeln sich aus den Basalzellen. Durch Teilung dieser oder Verschmelzung von zwei Zellen bilden sich über Intermediärzellen letztendlich die ausdifferenzierten Deckzellen. Diese Entwicklung ist in etwa elf Wochen abgeschlossen. Die Deckzelle kann sich im gedehnten Zustand über einer Fläche bis zu ca. 7500 µm² ausbreiten und hat dann einen Durchmesser von ca. 100 µm. Aus autoradiographischen Untersuchungen ist bekannt, dass die Deckzellen eine durchschnittliche Lebensspanne von etwa 200 Tagen haben (Leonhardt, H., 1990).11
Abb. 1: Harnblase - Übersicht (mod. n. Krstiæ)

|
E |
Epithel (gefaltet) |
12
Abb. 2: Harnblase - Urothel (mod. n. Krstiæ)

Die apikale Plasmamembran wird durch zahlreiche dichtgepackte Urothel-Plaques gebildet (Abb. 2). Diese enthalten in einer sehr hohen Konzentration Uroplakin als integrales Membranprotein. Bisher wurden drei Subtypen isoliert. Die Uroplakinmoleküle bilden hexagonale Strukturen aus, die anscheinend durch ihre symmetrische, fast parakristalline Anordnung den Plaques und damit auch der apikalen Membran der Deckzellen ihre Rigidität und hohe chemische Resistenz verleihen. Das asymmetrische Bild der Plasmamembran lässt sich der unterschiedlichen Verteilung des Uroplakins in der Membran zuschreiben, da die extrazelluläre Domäne des Uroplakins wesentlich größer ist als die intrazelluläre (Liang et al., 2001). Von den bisher bekannten Subtypen haben nur die Uroplakinsubtypen I und III zytoplasmatische Domänen (Wu und Sun, 1993). Neben dieser einzigartigen Modifikation der apikalen Plasmamembran weisen Deckzellen eine weitere Besonderheit auf. Intrazellulär befinden sich zahlreiche vesikuläre Strukturen mit einem teils fusiformen, teils diskoiden Aussehen. Diese können als eine Art apikale Reservemembran angesehen werden, da auch diese Vesikel den asymmetrischen Membranaufbau zeigen und aus Urothel-Plaques bestehen. Durch einen, in seinem Mechanismus noch nicht verstandenen Fusionsvorgang verschmelzen diese Vesikel mit der apikalen Membran und erlauben so möglicherweise eine schnelle Anpassung an eine vermehrte Blasenfüllung. Eventuell verlangt aber auch die Zusammensetzung des Urins mit einem sauren oder basischen pH-Wert eine beschleunigte Erneuerung von angegriffenen Membranabschnitten.Die asymmetrische Membran bildet somit
13
zusammen mit den Zonulae occludentes die effektive Blut-Urin-Schranke (Jezernik et al., 1993; Chang et al., 1994). Da es sich bei den Uroplakinen, insbesondere Uroplakin III, um spezifische, nur in Deckzellen des Urothels vorkommende Membranglykoproteine handelt, wird Uroplakin als morphologischer Tumormarker für metastasierende Urothelzellkarzinome eingesetzt (Moll et al., 1993). Die Identifizierung der Uroplakine findet darüber hinaus auch in der immunohistochemischen Differentialdiagnostik bei urothelialen Karzinomen Anwendung (Kaufmann et al., 2000).
In Epithelzellen stehen zwei Möglichkeiten einer polaren Verteilung der Membranproteine zur Verfügung (Caplan 1997). Ein vektorieller Transport, bei dem Membranproteine in trans-Golgi Netzwerke sortiert werden, um dann in Transportvesikeln zielgerichtet zur apikalen oder basolateralen Plasmamembran transportiert zu werden (Simons et al., 1990; Drubin et al., 1996). Die zweite Möglichkeit wird durch die transzytotische Steuerung beschrieben. Bei diesem
14
Transport werden Membranproteine nach dem Zufallsprinzip in die basolaterale oder apikale Plasmamembran eingebaut. Falsch eingebaute Proteine werden als solche erkannt und durch den Prozess der Transzytose zur korrekten Membrandomäne oder zum lysosomalen Kompartiment transportiert (Drubin et al., 1996; Weimbs et al., 1997). Dabei ist es von Bedeutung, dass bei der Fusion von Vesikeln die Lumenseite der Vesikelmembran zur Außenseite der Plasmamembran wird. Dadurch befinden sich transmembranale Glykoproteine mit ihren Kohlenhydratgruppen auf der extrazellulären Seite der Membran.
Die molekularen Mechanismen, die den Fusionsvorgängen zugrunde liegen, sind insbesondere an Hefezellen und Neuronen untersucht worden. In der von Rothman aufgestellten SNARE-Hypothese (Rothman, 1994) werden SNAP-Rezeptor-Proteine angenommen, die für die Membranfusionen erforderlich sind. Diese SNARE-Hypothese erlaubt es eine bestimmte Art von Fusionsvorgängen
15
zu beschreiben wie sie z.B. bei der exozytotischen Freisetzung von Neurotransmittern durch Fusion der synaptischen Vesikel mit der präsynaptischen Membran vorkommt. Sie stellt mit der Assoziation verschiedener Membranproteine, sowie zytosolischer Proteine untereinander, als einleitender und wichtiger Schritt der nachfolgenden Membranfusion eine gute Modellvorstellung dar. Nach dieser Hypothese werden Proteinrezeptorpaare der Vesikel (v-SNARE-Proteine) und der Ziel-(target)membran (t-SNARE-Proteine) unterschieden. Die v-SNAREs umfassen die Familie der Synaptobrevine; sie werden auch als vesikel-assoziierte Membranproteine (VAMPs) bezeichnet. Die Familie der Syntaxine und SNAP 25 gehören zu den t-SNARE- Proteinen. Diese SNAP-Rezeptor-Proteine bilden miteinander einen initialen Haftkomplex aus. Dieser Komplex bildet sich nicht nur in vivo, sondern auch spontan in vitro und ist gegen starkes Erhitzen und SDS-Behandlung resistent (Söllner et al., 1993; Calakos et al., 1994). Neben den SNARE-Proteinen spielen nach dem Modell der SNARE-Hypothese auch die zytosolischen Proteine NSF (N-ethylamid-sensitive factor), eine ATPase, und die
,
,
-SNAPs eine wichtige Rolle (Wilson et al., 1989). In vivo löst NSF als Chaperonemolekül den SNARE-Komplex. NSF selbst wird durch SNAP (soluble NSF attachment protein) an die Vesikelmembran gebunden. Mit der ATP-Hydrolyse durch NSF wird der SNARE-Komplex dissoziiert und damit die eigentliche Fusion der Lipidmembranen eingeleitet.In neueren kristallographischen Untersuchungen wurde bei den Syntaxinen die Aminosäure Glutamin (Q) und bei den Synaptobrevinen ein Argenin (R) an zentraler, funktionell bedeutender, Position lokalisiert (Jahn und Südhoff, 1999). Diese Beobachtung führte zu einer neuen Terminologie für die SNARE-Proteine. Danach werden die SNARE-Proteine, deren Mitglieder im Verteilungsmuster nicht streng nach Vesikel- und Zielmembran getrennt werden können (Jahn et al., 1999), nach ihren molekularen Eigenschaften bezeichnet. Es werden Q-SNAREs und R-SNAREs unterschieden.16
Proteine auch bei der Membranerkennung und der initialen Anheftung mit (Cao et al., 1998, Ungermann et al., 1998a). Eine abschließende Bedeutung der Rab-Proteine für den Fusionsprozess konnte bisher noch nicht gefunden werden (Chavrier et al., 1990; Rothman et al., 1997). Für weitere Proteine, wie den Munc 18-Isoformen, wurden ebenfalls regulatorische Funktionen beschrieben. Munc 18 bindet an Syntaxin. Dadurch wird die Komplexbildung mit SNAP 25 oder Synaptobrevin verhindert (Hata et al., 1993). In Neuronen begünstigt ein weiteres Regulatorprotein als Kalziumsensor den Übergang in den vollfusionierten Zustand der Membranen.
© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
|
DiML DTD Version 2.0 |
Zertifizierter Dokumentenserver der Humboldt-Universität zu Berlin |
HTML - Version erstellt am: Fri Feb 7 11:50:51 2003 |