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1.  Einleitung

Die meisten Bewohner Berlins sowie Touristen besuchen, wenn sie sich über die Geschichte Berlins informieren wollen, das Märkische Museum. Hier finden sie einen Über­blick über die historische Entwicklung der Großstadt, dokumentiert mit Hilfe einer über 125jährigen Sammlung.1 Geschichte und Gegenwart Berlins werden jedoch auch in zahl­reichen weiteren Museen präsentiert. Dabei geht es in den 21 Bezirksmuseen weniger um die Darstellung einer Großstadt, sondern vielmehr um Berlin als Heimat.2 Diese Bilder von Heimat, die in den Museen präsentiert werden, gründen sich auf unterschiedliche Bezirks-, Museums- und Sammlungsgeschichten. Auch wenn nicht alle dieser Museen die Eigenbezeichnung Heimat­museum wählen, spielt der Heimatbegriff bei der thematischen Ausrichtung eine wichtige Rolle.3

Die Heimatmuseen Berlins dienen beispielhaft als Ausgangspunkt für eine Diskussion regionalhistorischer Museen. Ziel einer solchen Diskussion ist die Formulierung eines Museumsmodells, das sowohl die unterschiedlichen Konzepte berücksichtigt als auch Vorschläge für Ergänzungen der Museumsarbeit macht. Gleichzeitig werden Diskussionen über Museen, die vor allem seit den siebziger Jahren geführt werden, aufgenommen. Dabei geht es weniger um die Geschichte von Museen, sondern vielmehr um ihre gegenwärtige und zukünftige Position innerhalb der Gesellschaft. Stichworte dieser Diskussionen sind beispiels­weise das Problem der Musealisierung von Geschichte und Gegenwart und die Ausrichtung von Museen als Forschungs-, Bildungs- oder Freizeiteinrichtungen.

Das Ziel ist, nicht nur auf theoretischer Ebene eine Diskussion über regionalhistorische Museen zu führen, sondern sich auch an der aktuellen Praxis der Museumsarbeit zu orientieren. Daher greift ein erster Teil die Diskussionen über Museen auf, ein zweiter Teil analysiert einzelne Museen. In einem dritten Teil werden dann Theorie und Empirie zusammengeführt, um zu einem neuen Modell für Museen zu gelangen. Das Museumsmodell berücksichtigt also sowohl theoretische Diskussionen über Museumskonzepte, den Heimatbegriff und die Erforschung materieller Kultur als auch die empirischen Untersuchungen der einzelnen Museen. Das besondere Merkmal dieses Modells ist, dass der materiellen Kultur, genauer den musealen Sammlungen, ein besonderer Stellenwert eingeräumt wird.

Im ersten Teil spielt der Heimatbegriff eine wichtige Rolle. Dieser Heimatbegriff wird unterschiedlich diskutiert, sowohl unabhängig von Museen als auch konkret auf Museumsarbeit bezogen. Die Geschichte des Heimatbegriffes und seiner Diskussion wird aufgegriffen und um eine ethnologische Perspektive erweitert, die Heimat als ein kulturelles Phänomen begreift. In der anschließenden Analyse der Museumsarbeit wird neben dem Heimatbegriff die museale materielle Kultur berücksichtigt. Die Ausstellungen werden nicht nur auf ihre thematische Ausrichtung hin untersucht, wobei der Heimatbegriff eine Orientierung bietet, sondern auch hinsichtlich ihrer Auswahl und Präsentation von Exponaten.


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Für die Analyse wurden vier Museen ausgewählt, die alle Bezirksmuseen innerhalb Berlins sind.4 Dies hat mehrere Gründe: durch die Repräsentation der Berliner Bezirke in 21 Museen ergibt sich ein breit gefächertes Bild musealisierter Großstadtkultur, das sich in dieser Weise in keiner anderen großen Stadt bietet. Zwar besitzt auch Wien in jedem seiner 23 Bezirke ein Museum, doch ist diese Museumslandschaft mit der Berlins nicht vergleichbar: die Museen entstanden alle etwa zur gleichen Zeit auf Initiative von Lehrer­arbeitsgemeinschaften nach dem Ersten Weltkrieg und werden seit dem Zweiten Weltkrieg ehrenamtlich und ohne tiefgehende Spezialisierung geleitet.5 Die Berliner Bezirksmuseen dagegen unterscheiden sich in ihrer Geschichte und Ausprägung stärker voneinander und werden professionell geführt.

Zweitens verbindet sich mit einem „traditionellen“ Heimatbegriff meist eine ländliche oder dörfliche Umgebung, selten aber eine Stadt, noch weniger eine Großstadt. Da aber gezeigt werden soll, dass ein zeitgemäßer Heimatbegriff gegenwärtige gesellschaftliche Formen und Prozesse berücksichtigt, also auch das kulturelle und soziale Leben innerhalb einer Großstadt, wurden Museen ausgewählt, die auf die eine oder andere Weise Großstadtkultur präsentieren.

Drittens kommt in Berlin die einmalige Situation dazu, dass sich hier ost- und westdeutsche Geschichte innerhalb einer Stadt zeigt; besonders interessant ist hierbei, wie sich diese historische Zweiteilung der Stadt in den einzelnen Museen wiederfindet. Aus diesem Grund wurden zwei ost- und zwei westdeutsche Museen ausgewählt.6

Viertens befinden sich die Museen innerhalb einer Stadt und stehen damit vor der gemeinsamen Aufgabe, jeweils einen Bezirk derselben Stadt zu präsentieren. Diese gemeinsame Ausgangslage steht den jeweils unterschiedlichen Ausrichtungen der Museen gegenüber, die zum Teil in ihrer unterschiedlichen Geschichte begründet liegt. Auch dieses Spannungsfeld bildet einen besonderen Teil der Untersuchung.

Fünftens zeichnet alle Berliner Bezirksmuseen aus, dass sie eng mit der Bevölkerung des jeweiligen Bezirkes zusammenarbeiten. Dies hat unter anderem Auswirkungen auf den Heimat­begriff der Museen und die Quellenlage der Sammlungen, also zwei Themen, die im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen. Der Heimatbegriff der einzelnen Museen lässt sich zum großen Teil schwer empirisch überprüfen, da meist wenig zu diesem Thema publiziert wurde und der Begriff Heimat innerhalb der Ausstellungen auch nicht immer verwendet wird. Darum wurden die Museumsleiter darauf und auf andere Charakteristika des Museums, die sich nicht über Publikationen oder Ausstellungen erschließen lassen, hin befragt. Ganz allgemein lässt sich sagen, dass der Heimatbegriff in diesen Museen nach eigener Darstellung verschiedene volkskundliche, ethnologische und ökologische Themen aufgreift und mitein­ander verbindet.7


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Sechstens schließlich stehen die Bezirksmuseen im Schatten der großen (staatlichen) Museen Berlins. Zudem besitzt Berlin insgesamt ca. 150 Museen bzw. Gedenkstätten, die sich über ein großes Stadtgebiet verteilen. Im Hinblick auf die städtischen Museen wird daher auch gefordert, die Verbindungen zwischen den Stadtteilen deutlich zu machen.8 Die vorliegende Arbeit trägt dazu bei, über eine Analyse der Sammlungs- und Ausstellungsarbeit der Bezirksmuseen vor dem Hintergrund eines neu diskutierten Heimatbegriffes die Zusammenhänge zumindest zwischen den Heimatmuseen Berlins herauszuarbeiten und so ihrer Position innerhalb der Museumslandschaft mehr Geltung zu verschaffen.


Fußnoten und Endnoten

1 Siehe für die Sammlungsgeschichte und heutige Konzeption des Märkischen Museums Kuhrau / Winkler 1999.

2 Nach der Bezirksfusion 2001 wurden die 23 Bezirke Berlins zu 12 zusammengelegt. Bis zum Jahr 2003 fusionierten daraufhin vier Heimatmuseen zum Bezirksmuseum Marzahn-Hellersdorf bzw. zum Heimatmuseum Charlottenburg-Wilmersdorf. Diese Museumslandschaft von 21 Bezirksmuseen wird sich durch Fusionen bzw. neue Museumsverbände in Zukunft noch verändern.

3 Der Begriff Heimatmuseum ist ebenso wie die Begriffe regional-, lokal- oder kulturhistorische Museen nicht genau, da es teilweise den Museen auch darum geht, nicht nur Geschichte, sondern auch Gegenwart darzustellen und darüber hinaus Zukunftsperspektiven zu bieten. Innerhalb dieser Arbeit werden alle Bezeichnungen synonym gebraucht.

4 Eine Erforschung Ost- und Westberliner Bezirksmuseen wurde bisher nicht unternommen. Die Westberliner Museen wurden im Rahmen einer Studie im Zeitraum 1988-90 beispielhaft an vier Museen untersucht; der Schwerpunkt lag hier jedoch auf einer Analyse der Bezirksmuseen als kulturelle Institutionen unter Einbe­ziehung kulturpolitischer, finanzieller, personeller und organisatorischer Rahmenbedingungen; eine Analyse der damaligen Ausstellungen wurde dabei hinsichtlich ihrer Planung, der organisatorischen und personellen Durch­führung sowie der zugehörigen Öffentlichkeitsarbeit vorgenommen (Heinze / Ludwig 1992).

5 Zudem wird die Museumsarbeit stark durch die Persönlichkeit des Leiters geprägt, weswegen hier auch eine „eigenbrötlerische, liebhaberisch-dilettantische Vorgangsweise in den Bezirksmuseen“ festgestellt wird. Siehe hierzu Nikitsch 1992, insbesondere S. 97-99.

6 Die unterschiedliche Entwicklung und Konzeption von Bezirksmuseen in Ost- und Westberlin bis 1990/91 lässt sich insbesondere an den Sammlungen der heutigen Museen ablesen. Es spielt jedoch nicht nur diese berlin­spezifische Geschichte eine Rolle, da auch in Ost- bzw. Westberlin die Museen zu unterschiedlicher Zeit gegründet wurden und eigene Schwerpunkte setzten. Siehe hierzu auch Dörrier 1991.

7 Arbeitskreis Berliner Regionalmuseen 1997: S. 6. Allen Museen gemeinsam ist ebenfalls das „Konzept einer intensiven Zusammenarbeit mit den Bürgerinnen und Bürgern“ (S. 7).

8 Siehe zur Forderung, „das Bewusstsein für stadträumliche Zusammenhänge“ immer wieder neu zu wecken, und einer allgemeinen Kritik der Berliner Museumslandschaft Schulz 1994 (hier S. 19). Für eine kurze Geschichte der Berliner Museumslandschaft siehe Cobbers 2001 (S. 5-9).



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31.08.2004