[Seite 9↓]

2.  Konzeption: Heimat, materielle Kultur und Globalisierung

Im ersten Teil wird ein theoretischer Heimatbegriff mit dem Ziel diskutiert, die Grundlage zu schaffen, um die inhaltliche Ausrichtung regionalhistorischer Museen zu beschreiben und neu zu formulieren. Ausgangspunkt sind hier Forschungen unterschiedlicher Fachrichtungen wie der Geschichts­wissenschaft, Volkskunde, Ethnologie und Soziologie. Dieser interdisziplinäre Ansatz stellt sicher, dass Heimat als zeitgemäßer Begriff verstanden wird, der heutige gesellschaftliche Situationen und Prozesse berücksichtigt. Insbesondere kulturelle Ver­änderungen vor dem Hintergrund der Globalisierung werden bei der Diskussion des Heimatbegriffes beachtet. Auf diese Weise bekommt Heimat als lokaler Kulturraum auch einen transnationalen und internationalen Bezug. Heimat ist zwar geographisch an einen oder auch mehrere Orte gebunden, wird auf kultureller Ebene jedoch überregional gebildet. Gleichzeitig bestehen Verbindungen und gegenseitige Einflüsse zwischen verschiedenen Heimaten. Aus diesem Grund zeigen Heimatmuseen nicht nur rein lokal geprägte und geformte Themen, sondern auch überregionale Bezüge. Dieser „globale“ Aspekt von Heimat, wie er in den Museen präsentiert wird, findet in dieser Arbeit besondere Beachtung. Auf diese Weise setzen sich Museen, so sie einen wie hier diskutierten Heimatbegriff als Ausgangs­punkt ihrer Arbeit wählen, mit aktuellen gesellschaftlichen Prozessen und Problem­en auseinander und begegnen auf diese Weise auch veränderten Erwartungen an Heimatmuseen.9

Dieser Teil der Arbeit berücksichtigt also den gesellschaftlichen Kontext von Museen und ihrer Arbeit und kann daher einer philosophisch-kritischen Auffassung innerhalb der Museologie, die auch Neue Museologie genannt wird, zugeordnet werden.10

Die Analyse der Museen im zweiten Teil konzentriert sich neben den allgemeinen Konzeptionen und Sammlungsstrategien vor allem auf die Ausstellungen. Da sich Museen von allen anderen kulturvermittelnden Einrichtungen dadurch unterscheiden, dass sie mit Objekten arbeiten, liegt der besondere Schwerpunkt der Analyse auf der Rolle der materiellen Kultur in der Museumsarbeit.11 Museen stehen heute einer großen Konkurrenz anderer Institutionen der Bildung und Unterhaltung gegenüber. Sinkende Besucherzahlen und Probleme bei der Lagerung und Konservierung immer größer werdender Sammlungen tragen außerdem dazu bei, dass das traditionelle Bild des Museums immer wieder in Frage gestellt wird. Gleichzeitig werden neue Museen gegründet, die immer vielfältigere Sammlungen und Themen präsentieren und dabei auch in ihrer Ausstellungsgestaltung neue Wege beschreiten.12


[Seite 10↓]

Bei Diskussionen über die aktuelle Situation von Museen orientiert man sich teilweise an Untersuchungen über Museumsbesucher. Mitte der neunziger Jahre stellte man fest, dass der „Alltagsmensch“ mehr und mehr den typischen Museumsbesucher darstellt: dieser orientiert sich nicht an vorgegebenen Rundgängen oder nimmt das Museum als Ort der Stille und Besinnung dar, sondern ist in seinem Besuch von Ausstellungen spontan, stellt Fragen und möchte Distanzen überwinden. Dementsprechend müssen sich Museen, so die Aussage, neuen Erwartungen stellen, sich weder als Lernort oder Musentempel, sondern als Teil der Freizeitgesellschaft verstehen.13 Die Konsequenz aus der Auseinandersetzung mit konkurrie­ren­den Institutionen und veränderten Erwartungen seitens des Publikums ist häufig, die musealen Objekte in den Mittelpunkt der Museumsarbeit zu stellen.14 Im Hinblick auf die Erforschung musealer Arbeit mit Sammlungen wird am Beispiel der hier vorgestellten Museen gezeigt, auf welche Weise Objekte eine Rolle in der Museumsarbeit spielen und wie diese in ein Konzept eingebunden werden können.

Für Analysen von Ausstellungen hinsichtlich ihrer Auswahl und Präsen­tation von Objekten gibt es keine Vorbilder. Ausstellungen werden zumeist nach ihrer inhalt­lichen Aussage beurteilt; sind Exponate Gegenstand der Kritik, geht es um deren materiellen Wert oder historische Bedeutung.15 Die Ausstellungsanalyse berücksichtigt daher neben der thema­tischen Ausrichtung auch die Auswahl der Exponate und die entsprechenden Ausstellungs­techniken. Um einen ersten Eindruck von den Ausstellungen zu vermitteln, werden diese zunächst aus der Sicht des Besuchers vorgestellt. Anschließend orientiert sich die Analyse an der Darstellung der jeweiligen Regionalkulturen und der Funktion der Objekte. Dabei geht es nicht nur um die ästhetische Wirkung der Exponate, sondern auch deren Eigenschaft als Träger von Bedeutungen.

Um die Sammlungs­arbeit und Einbindung musealer Objekte in Ausstellungen beurteilen zu können, werden Forschungen über materielle Kultur beachtet. Die material culture studies werden innerhalb verschiedener Fachrichtungen wie Archäologie, Ethnologie, Kunst­geschichte, Museologie und Volkskunde betrieben.16 In der deutschsprachigen Forschung wird diese Forschungsrichtung auch Sachkulturforschung genannt.17 Eine ein­deutige Ein­ordnung in Fachdisziplinen ist aufgrund der vielfältigen Forschungsrichtungen nicht möglich, es wird daher im folgenden allgemein von Forschungen über materielle Kultur die Rede sein. Die Analyse kann einer objekt-orientierten Methodologie innerhalb der Museologie zugeord­net werden, die sich auf die Forschung über materielle Kultur gründet. Ausgangspunkt hierbei ist die These, dass die Sammlung die Basis einer Museumsarbeit bildet.18


[Seite 11↓]

Im dritten Teil der Arbeit wird ein Museumsmodell formuliert, das den Heimatbegriff und die Erkenntnisse aus der Untersuchung der Museumsarbeit integriert. Das Modell berücksichtigt zwei Verantwortlichkeiten des Museums: die Verantwortung für die Erhaltung des kulturellen und natürlichen Erbes und die Verant­wortung für die weitere Entwicklung der Gesellschaft. Der erste Punkt drückt sich in der Betonung der materiellen Kultur aus, genauer in der Beschreibung und Analyse der Museen und insbesondere ihrer Ausstellungen, die nachdrücklich auf die Rolle von musealen Sammlungen bzw. Exponaten eingeht. Der zweite Punkt zeigt sich im vorgestellten Heimatbegriff, der aktuelle gesellschaftliche Prozesse und Probleme thematisiert. Beide Punkte werden in das Museumsmodell am Ende der Arbeit integriert. Das Modell betrachtet außerdem Heimatmuseen vor dem Hintergrund der Globali­sierung, nämlich als Bestandteil eines globalen Netzwerkes von Institutionen, in denen Lebens­weisen interpretiert und vermittelt werden. Museen nehmen damit an der globalen Verbreitung von Ideen und Vorstellungen teil.19

Heimatmuseen eignen sich für die Untersuchung der oben genannten Punkte besonders gut, da hier oft eine enge Beziehung zwischen den Museen und der Bevölkerung und damit möglichen Spendern oder Leihgebern von Objekten besteht. Dadurch kann einerseits ein Zusammenhang zwischen der Themenwahl bzw. Ausstellungsgestaltung und der lokalen Kultur, die präsentiert wird, entstehen: die Perspektive der Bevölkerung auf ihren eigenen kulturellen Lebensraum kann recherchiert und entsprechend berücksichtigt werden. Inwieweit dies bei den einzelnen Museen verfolgt und verwirklicht wurde, wird die Analyse der Ausstellungen zeigen. Andererseits besteht durch den Kontakt mit der Bevölkerung die Chance, den Kontext der gespendeten Objekte ausführlich zu erfassen und zu dokumentieren. Auf diese Weise können bei Exponaten verschiedene Bedeutungsebenen erschlossen und präsentiert werden, die sich aus ihrer Geschichte und ihrem Weg in das Museum ergeben. Dieser Punkt spielt im Museumsmodell eine wichtige Rolle.20 Das Modell zeigt, auf welch vielfältige Weise in Heimatmuseen materielle Kultur erforscht und präsentiert wird und auf welche Weise diese Erfahrungen die Diskussionen um die zukünftige Ausrichtung von Museen bereichern können.


Fußnoten und Endnoten

9 Waidacher schreibt zu diesem Punkt, dass das Museum „seine vornehmlichen Aufgaben, nämlich das Bewahren von Bedeutungen in Form von Sammlungen und die Präsentation authentischer Objekte“ nur dann erfüllen kann, wenn es sich „synchron zur Gesellschaft ändert, aus der, von der und für die es geschaffen ist und betrieben wird“ (Waidacher 1998, S. 40 u. 45).

10 

Die Einordnung der Arbeit in die Museologie fällt jedoch schwer, da diese Wissenschaft recht jung ist, wobei die Auffassungen über Aufgaben und Inhalte der Museologie weit auseinandergehen. So wird sie z.B. nach idealtypischen Ausgangspositionen oder nach Erkenntnisintentionen beschrieben und eingeteilt (Van Mensch 1989: S. 48f.).

Der Begriff Neue Museologie wurde von Peter Vergo geprägt, der an der „alten“ Museologie vor allem kritisiert, dass sie sich zu sehr auf die Methoden und zu wenig auf die Ziele von Museumsarbeit konzentriert. Notwendig ist seiner Meinung nach „a radical re-examination of the rôle of museums within society“ (Vergo 1989: S. 3). Siehe zur Geschichte dieser Forschungsrichtung Ganslmayr 1989. Die philosophisch-kritische Auffassung steht neben der empirisch-theoretischen und der praxeologischen oder praxisorientierten Auffassung, die vor allem heuristischen bzw. praktischen Nutzen haben. Siehe hierzu ausführlicher van Mensch (1989: S. 49f.). Siehe für Schwerpunkte der philosophisch-kritischen Auffassung Macdonald 1996: S. 8-13.

11 Siehe zur Bedeutung von Museen als Einrichtungen, die Objekte als Bedeutungsträger nutzen, Waidacher 2000b.

12 Macdonald 1996: S. 1-2.

13 Schäfer (1995) fordert in diesem Zusammenhang, „an den Dingbestand neue Fragen zu stellen im Hinblick auf seine Bedeutsamkeit“ (S. 32).

14 Tschofen 1994a: S. 275.

15 Waidacher bemerkt dazu, dass es keine nennenswerte Kultur der Ausstellungkritik gebe (2000a, S. 22).

16 Kingery 1996a.

17 Innerhalb der Sachkulturforschung werden wie in den material culture studies unterschiedliche Schwerpunkte wie physisch-mechanische, räumlich-zeitliche, ökonomische oder geschlechtsspezifische Eigenschaften von Objekten gesetzt. Es gibt daher „keinen allgemeinen Konsens darüber, auf welchem Theoriehintergrund und mit welcher Zielrichtung Sachkulturforschung zu betreiben sei“ (Heidrich 2000, S. 12). Siehe zu einer Kritik der Sachkulturforschung auch Meiners 1993, S. 63ff. Für einen Überblick über Ansätze der Sachkulturforschung siehe auch Mohrmann 2000, die u.a. feststellt, dass eine stärkere Interdisziplinarität notwendig ist, um die viel­fältigen Bedeutungsebenen von Objekten zu erfassen (S. 293).

18 Zur objektorientierten Museologie siehe Van Mensch 1989: S. 53f. Siehe für eine Konzeption eines Volks­kundemuseums nach einer objektorientierten Museologie, die „zu recht“ wieder verstärkt darauf beharrt, „Prä­sentationen auf die Überlieferungslage abzustimmen“, Tschofen 1994b (hier S. 32).

19 „[...] the museum was, and remains, epistemologically a space in which the world is ordered […]. In this way museums form a significant part of the global diffusion of ideas and images” ( Prösler 1996 : S. 22). Prösler bezieht in seiner Betrachtung auch Museen der sogenannten dritten Welt mit ein; das verbindende Element von Museen sieht er in den „universalized categories of globalization process“, nach denen die jeweilige Nation oder Region interpretiert und dargestellt wird (S. 40).

20 Grasskamp (1981) weist darauf hin, dass die Geschichte von Museen neu geschrieben werden kann, wenn man die „Geschichte der Lieferanten“ berücksichtigt (S. 74); er hat solch eine Geschichte der Kunstmuseen geschrieben und gezeigt, dass sich „die Geschichte des Gebrauchs hinter den Objekten verbirgt“ und deswegen „die Geschichtsschreibung in Sachen Museum [...]manchmal so unergiebig [ist], weil sie auf diese Mimikry hereinfällt, bei der sich der Lieferant hinter der Überlieferung versteckt und seine Spuren tilgt“ (S. 73, Hervor­hebung im Original).



© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 3.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
31.08.2004