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3.  Zur Geschichte der Heimatmuseen

Für das 19. und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die Geschichte der Institution Heimatmuseum vor allem vor dem Hintergrund der Heimatbewegung und verwandter Strömungen untersucht. Die Veränderungen in der Konzeption von Heimatmuseen seit den fünfziger Jahren können jedoch nicht mehr auf den Heimatbegriff allein zurückgeführt werden, sondern müssen auch bezüglich der Diskussionen in der gesamten Museumslandschaft betrachtet werden.

3.1. Heimatbewegung und Heimatmuseen

Die Geschichte der Heimatmuseen beginnt mit dem Aufkommen einer Heimatideologie im 19. Jahrhundert, die zumeist mit der Erforschung der eigenen nationalen Vergangenheit parallel verlief.21

Um die Jahrhundertwende war die Gründung von Heimatmuseen vor allem mit der damaligen Heimatbewegung verbunden. Vor allem bei lokal orientierten Heimatvereinen und –bünden spielte der Aufbau eines Heimatmuseums eine große Rolle, der teilweise mit der Erhaltung eines Gebäudes zusammenhing.22 Das Gebäude selbst stellte also oft schon einen der Gegenstände dar, die man für bedeutsam hielt und deshalb bewahren wollte. Es wurden vor allem bäuerliche Gegenstände gesammelt; dies ist vor dem Hintergrund des Wandels vom Agrar- zum Industriestaat zu sehen, der eine Selbstversicherung bäuerlicher Werte erforderlich machte.

Die Benennung der Museen in Heimatmuseen erfolgte erstmals in der Zeit um die Jahr­hundertwende, zuvor wurden diese Institutionen „Vaterländisches Museum“, „Altertums­museum“ oder „Geschichtsmuseum“ genannt; der Begriff Heimatmuseum fasste die Vielfalt kleiner regionaler Museen zusammen.23

Eng mit der Heimatbewegung war auch eine Volksbildungsbewegung verbunden; diese war vor allem eine Initiative des Bürgertums und hatte angesichts der sich verändernden bäuerlichen Lebensweise das Ziel, die vorindustrielle Kultur zu bewahren. Die Bewegung förderte vor allem die Verbreitung von popularisierter Landeskunde, Regionalforschung und Volkskunde, wozu auch die Museen in großem Maße beitrugen. Auf diese Weise sollten soziale Unterschiede zwischen gesellschaftlichen Klassen ausgeglichen werden.24

Im Gegensatz dazu sahen Vertreter der Heimatschutzbewegung, die sich in einem „Bund Heimatschutz“ organisiert hatten und ebenfalls um die Jahrhundertwende die Einrichtung von Heimatmuseen verlangten, die Aufgabe dieser Museen anders gelagert: sie sollten durch die [Seite 13↓]Präsentation von Geschichte die gesellschaftlichen Verhältnisse bewahren und nicht zu einer Emanzipation der Arbeiter beitragen.25

Neben dieser Forderung der Heimatschutzbewegung, die regionale Kultur in ihrem gegenwärtigen Zustand zu erhalten, kam auch der Gedanke des Naturschutzes zum Tragen. Diese beiden Ideen standen oft auch im Vordergrund bei der Gründung von Heimatmuseen, die Natur und regionale Kultur vor der Vernichtung bewahren sollten. Dieser Gedanke ging teilweise so weit, dass utopische Vorstellungen entwickelt wurden, nach denen die Gefühle der Menschen durch die Museen bestimmt würden; selbst Trachten- und Heimatfeste seien nicht geeignet, regionale Kultur zu bewahren, der Mensch müsse zu einem „homo musealis“ werden.26

Daneben spielten auch andere gesellschaftliche Strömungen bei der Gründung von Heimatmuseen eine Rolle, wie die Volkskunstbewegung und der Denkmal- und Naturschutz. So dienten Heimatmuseen nicht nur der Verbreitung bürgerlicher Ideen, sondern auch der Kritik der als artifiziell empfundenen bürgerlichen Kultur. Insgesamt sind für die Museen um die Jahrhundertwende drei Ausrichtungen typisch: die Präsentation lokaler oder regionaler Geschichte, die Darstellung von Tradition und die Betonung der Ästhetik von Exponaten.27

Der Gedanke der Bewahrung oder Rettung von Objekten bzw. historischen Gebäuden innerhalb der Heimat- bzw. Volkskunstbewegung spiegelte sich auch in der Gestaltung der Ausstellungen wider. Die Präsentation beschränkte sich zunächst darauf, die bewahrten Objekte zu zeigen; dabei wurden historische, volks-, heimat- und naturkundliche und auch ethnographische Objekte häufig nebeneinander gezeigt. Typisch für die Zeit kurz nach der Jahrhundertwende war dabei die ethnographische Inszenierung, die der Wirklichkeit möglichst nahe kommen sollte.28 Das Besondere an der Arbeit der Heimatmuseen war das Sammeln und Bewahren einer möglichst großen Anzahl von Objekten aus allen Bereichen des täglichen Lebens, wobei der Sammlungstätigkeit meist eine durchgehende Systematik fehlte.29

Typisch für die Konzeption von Heimatmuseen vor dem Ersten Weltkrieg war eine Unterteilung der Sammlung in eine kulturhistorische und eine naturkundliche Abteilung. Die Ortsgeschichte wurde so auf der einen Seite anhand von Urkunden, Plänen, Bild­dokumenten und Münzen dargestellt, wobei volkskundliche Themen durch Trachten, Haus­haltsgeräte und Arbeitswerkzeuge gezeigt wurden; auf der anderen Seite wurden geologische Verhältnisse sowie Tier- und Pflanzenwelt durch naturkundliche Exponate präsentiert.30 Später ging man dazu über, Inszenierungen zu zeigen, die historische Lebensweisen möglichst umfassend darstellen sollten.31


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In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bis in die zwanziger Jahre hinein schlossen sich Heimatmuseen zu Museumsverbänden zusammen, wobei ihre Anerkennung von staatlicher und wissenschaftlicher Seite her stieg. In Fragen der Präsentation von Themen orientierte man sich in dieser Zeit an der Gestaltung traditioneller Industrie- und Gewerbeausstellungen sowie an großen Warenhäusern; diese stellten Produkte in kleiner Anzahl aus, um deren Ästhetik zu betonen, und vermieden große Inszenierungen. Während viele Heimatmuseen in der Darstellungsweise noch unstrukturiert arbeiteten, gestalteten andere Museen ihre Ausstellungen nach funktionalistischen Gesichtspunkten. Dabei waren zwei Arten der Darstellungspraxis führend: zum einen eine Orientierung an der Ästhetik der Neuen Sachlichkeit und des Bauhauses, zum anderen die Montage, die ihre Anregungen von den russischen Konstruktivisten der Revolutionskunst bekam.32

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde das Museumswesen staatlich reglementiert und kontrolliert. Die Museumsverbände waren als Organisationsgefüge während der Zeit des Nationalsozialismus ein willkommenes Instrument, um die ideologisch wertvollen Heimatmuseen im Zuge der Gleichschaltung zu sichern und auszubauen; da die Initiativen zur Gründung von Heimatmuseen oft von konservativen und deutschnationalen Kreisen ausgegangen waren, identifizierten sich diese oft problemlos mit der Gleichschaltung der Museen.33

Heimatmuseen dienten also der Erziehung im Sinne des Nationalsozialismus; trotzdem wird in der Literatur zwischen politischen und unpolitischen Museen in dieser Zeit unterschieden.34 Diese Unterteilung bedeutet, dass im ersten Typ die nationalsozialistische Propaganda deutlich in den Ausstellungen thematisiert wurde; im zweiten Typ wurde die Zielsetzung des NS-Regimes zwar inhaltlich unterstützt, die ästhetische Gestaltung der Ausstellungen jedoch drängte die ideologischen Ziele in den Hintergrund.

Die Darstellungspraxis orientierte sich während der NS-Zeit vor allem an der „Sachlichkeit“, die hier durch zwei scheinbar gegensätzliche Charakteristika gekennzeichnet war: zum einen zeigten die Ausstellungen den deutlichen Bezug zu Präsentationsformen, die in einer technik-fixierten Industriegesellschaft entwickelt wurden, zum anderen wurden Inhalte propagiert, die sich durch „Altertümlichkeiten der völkischen Germanen-Orientierung“ auszeichneten, so dass schließlich ein „Amalgam aus Avantgarde-Design und Germanenkult“ entstand.35

Die Präsentationstechniken in den Heimatmuseen hatte sich also seit der Jahrhundertwende bis in die dreißiger Jahre hinein stark gewandelt, was allgemein auch mit der Professionalisierung der Museumslandschaft zusammenhing. Ein weiteres Kennzeichen dieser Entwicklung war die Trennung von Studien- und Schausammlung, die sich schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts abzeichnete. Diese Trennung bedeutete, dass sowohl eine Schausammlung wissenschaftliche Arbeit popularisierte und didaktisch aufbereitet präsentierte als auch eine Studiensammlung wissenschaftliche Arbeit selbst ermöglichte. Diese Trennung wurde später im Rahmen der Volksbildungsbewegung kontrovers diskutiert, da nicht alle mit der Einteilung des Publikums in Wissenschaftler und Laien einverstanden waren. Dennoch behielt man in den Museen dieses Verfahren bei und griff in den zwanziger Jahren sogar eine Methode auf, die in Kunstgewerbemuseen bereits am Ende des 19. Jahrhunderts wieder verworfen worden war: die Ordnung der Objekte nach „Werkstoffen“, [Seite 15↓]d.h. nach den Materialien der Exponate. Die „Werkstoff“-Konzeption wurde während der NS-Zeit häufig angewandt, da die entwicklungsgeschichtliche Betrachtungsweise, die traditionell in den Heimatmuseen zu finden war, der nationalsozialistischen Rassentheorie widersprach.36

Insgesamt lässt sich für die Entwicklung der Darstellungsweisen in Heimatmuseen sagen, dass die Ausstellungen übersichtlicher gestaltet wurden: weniger Exponate wurden in der Ausstellung, dafür ein Teil in einer Studiensammlung gezeigt; gleichzeitig wurden die Ausstellungen didaktisch aufbereitet. Teilweise orientierte man sich an der Darstellungspraxis von Kaufhäusern: hier wurde das Prinzip übernommen, Objekte in Vitrinen zu präsentieren, wodurch sowohl die Wirkung der einzelnen Objekte als auch deren Zusammenstellung hervorgehoben wurde.37 Dieser Stil der Präsentation hat bis in die Gegenwart seine Auswirkungen auf die Museumsarbeit, was sich auch in einigen Ausstellungen der Berliner Bezirksmuseen erkennen lässt.

3.2. Zur Museumsgeschichte der DDR

Da der Heimatbegriff nach der Zeit des Nationalsozialismus ideologisch belastet und fragwürdig geworden war, sollte in der SBZ bzw. DDR in den ersten Nachkriegsjahren auf der einen Seite die Verwendung des Heimatbegriffes in der Vergangenheit analysiert und gleichzeitig ein neuer Begriff gefunden werden, der sich aus der Geschichte ableiten ließ und politisch genutzt werden konnte: so wurde bereits im Juni ein neugegründeter Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands damit beauftragt, einen solchen Heimatbegriff zu formulieren. In den fünfziger Jahren setzte dann eine breite Diskussion um einen sozialistischen Heimatbegriff ein; dabei lag der Fokus auf der Bedeutung des Klassenkampfes für die Durchsetzung eines historischen Fortschritts. Konkret sollte die lokale Geschichte erforscht und dabei, stärker als in der bürgerlichen Heimatgeschichte, agrar-, wirtschafts- und sozialgeschichtliche Aspekte betont werden; Ortschroniken sollten die Voraussetzung für eine gegenwartsbezogene Heimatgeschichte schaffen. Obwohl die Partei- und Staatsführung gerade in den fünfziger Jahren auf die Einführung einer nationalen Betrachtungsweise in das Geschichtsbild der DDR achtete, wurde die Heimatgeschichte parallel dazu offiziell anerkannt und gefördert; offenbar bestand, gemessen am Interesse an heimatgeschichtlicher Literatur, ein großes Bedürfnis in der Bevölkerung, sich mit dem Thema Heimat auseinander zu setzen; die Führung der DDR nutzte dies für ihre Politik des sozialistischen Aufbaus und der nationalen Konzeption.

Bis zu Beginn der sechziger Jahre wurde darüber diskutiert, wie ein sozialistischer Heimatbegriff genau definiert werden müsse; diese Diskussionen, die vom Ministerium für Kultur ausgingen, wurden vor allem wegen des Heimatkunde-Unterrichts geführt, in dessen Rahmen der Heimatgedanke vermittelt werden sollte. Grundsätzlich war man sich darüber einig, dass sich ein sozialistischer Heimatbegriff von bürgerlich-romantischen Klischees distanzieren und auf dem marxistisch-leninistischen Geschichtsverständnis aufbauen müsse. Heimat wurde schließlich als der soziale Lebensbereich eines Menschen verstanden, der nicht unbedingt mit seinem Geburtsort zusammenfallen muss. Heimat wird in dieser Sichtweise durch Arbeit und gesellschaftliche Tätigkeit gestaltet, die „Heimatliebe“ äußert sich „in der [Seite 16↓]Mitarbeit beim Aufbau des Sozialismus der Deutschen Demokratischen Republik und in der Bereitschaft, unseren Arbeiter- und Bauern-Staat zu verteidigen“.38 In den siebziger Jahren wurde dieser Heimatbegriff noch umfassender angelegt im Bemühen, die marxistisch-leninistische Ideologie fundierter auszubauen und darauf auch eine systematische Geschichtstheorie zu begründen.39

Parallel zu diesen Diskussionen, die über den Heimatbegriff für den entsprechenden Schulunterricht geführt wurden, etablierte sich die Heimat- und Regionalgeschichtsforschung innerhalb der Geschichtswissenschaft nach entsprechenden Erklärungen bzw. Beschlüssen des ZK der SED, diese Forschungsrichtung zu fördern. Die Heimat- und Regionalgeschichtsforschung orientierte sich dabei an Theorien des Marxismus bzw. des historischen Materialismus; bis in die Mitte der siebziger Jahre hinein galt die zentrale Fragestellung dabei der Bedeutung regionaler Besonderheiten für die Erforschung der nationalen Geschichte. Seit Mitte der siebziger Jahre wurde die Region selbst zum Forschungsgegenstand.

Die Geschichte und Entwicklung der Heimatmuseen war eng mit den Diskussionen um den Heimatbegriff verbunden. In den fünfziger Jahren wurden die verbliebenen Sammlungen in neuen oder erneuerten Ausstellungsräumen wieder der Öffentlichkeit gezeigt. Einige Museen konnten ihre Sammlungen erweitern, indem sie z.B. Bestände aus ehemaligen Fürstenhäusern übernahmen. Auch profitierten sie von der Bodenreform, in deren Verlauf Kulturgut aus Schlössern, Guts- und Herrenhäusern beschlagnahmt wurde.40 In den fünfziger Jahren wurden neben zahlreichen Gedenkstätten für Repräsentanten der Arbeiterbewegung und Persönlichkeiten des Geisteslebens auch Museen neu aufgebaut.

Vor allem der Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands förderte die Neugründung von Museen überwiegend im Bereich der Heimatmuseen und Heimatstuben; die fachliche Betreuung der Heimatmuseen wurde von einer Dienststelle des Ministeriums für Kultur, der Fachstelle für Heimatmuseen, geleitet. Diese stellte vor allem Grundsätze für die Ausrichtung von Heimatmuseen auf, die „sozialistisch“ umgestaltet werden sollten. Das bedeutete vor allem, dass sich Ausstellungen nach Jahrestagen der DDR- oder SED- Gründung oder anderer Jahrestage richteten. Bis in die siebziger Jahre hinein wurden Ausstellungen von Heimatmuseen vor allem mit Texten und Dokumenten gestaltet; erst seit dem Ende der siebziger Jahre wurden auch Ausstellungen konzipiert, die Jahrestage und Jubiläen nicht nur zum Inhalt hatten, sondern diese zum Anlass wählten, um andere Inhalte, wie z.B. Kunst, zu zeigen. Für die etablierten großen Kunst-, Natur-, Technik- oder wissen­schaft­lichen Museen gab es entsprechende Arbeitsprogramme nicht; diese befanden sich außerhalb dieser Entwicklung und arbeiteten akademisch und im Bereich von Ausstellungen auch nach internationalem Maßstab.41

Die zentralistische Struktur des Museumswesens in der DDR sollte der Staats- und Parteiführung eine sichere politische Einflussnahme garantieren. Gleichzeitig wurde durch [Seite 17↓]diese Struktur ein hohes Maß an Kommunikation unter den Museen sowie eine zielgerichtete Ausbildung des Museumspersonals gewährleistet.42

Die Bemühungen des Ministeriums für Kultur, eine wissenschaftliche Grundkonzeption für alle Museen durchzusetzen, stießen seitens der Museen auf geringes Interesse; besonders die Heimatstuben, die zum großen Teil ehrenamtlich geführt wurden, versuchten sich staatlichen Lenkungsmaßnahmen zu entziehen, die vor allem in den sechziger und siebziger Jahren angestrengt wurden. Da mit den Grundsätzen für die wissenschaftliche Gestaltung von Heimatmuseen unterschiedlich umgegangen wurde und die Museumslandschaft in den einzelnen Bezirken unterschiedlich ausgerichtet war, wurden zwar Konzeptionen für Profilierungen dieser Museen erarbeitet, die durch das Ministerium für Kultur initiiert worden waren. Dieser Versuch, von oben ein homogenes Museumsnetz durchzusetzen, scheiterte jedoch.43

Als charakteristisch für die Konzeption der Museen insgesamt wird der marxistische Ansatz und später die Berücksichtigung von Forschungsansätzen zur Kultur und Lebensweise in der Volkskunde angesehen; es gab Phasen der Stagnation, aber auch Phasen der Innovation während der Entwicklung der ostdeutschen Museologie.44

Es traten unterschiedliche Widersprüche auf zwischen den klassischen Aufgaben der Museen und den inhaltlichen Zielen, die durch den Staat vorgegeben wurden. Während bei den Kunstmuseen eine große politische Einmischung zu beobachten war, die die Museen oft in ihrem selbstständigen Handeln beschränkte, bestand bei kunst- und kulturgeschichtlichen Museen der staatlich verordnete Grundsatz, dass Pflege, Bewahrung und Erschließung des kulturellen Erbes die wichtigsten kulturpolitischen Aufgaben seien; in dieser Hinsicht bestanden also keine großen Widersprüche zwischen den staatlich verordneten und den klassischen Aufgaben der Museen.45 Die Geschichtsmuseen dagegen wurden der Vermittlung der marxistisch-leninistischen Weltanschauung verpflichtet; zudem spielten Stadtmuseen eine wichtige Rolle innerhalb der Stadtgeschichtsforschung; hier wurde vor allem die Arbeiterbewegung ausführlich untersucht.46

Außer in Museen wurden auch in Traditionskabinetten Ausstellungen gezeigt; die Kabinette entstanden nach einem Beschluss des ZK der SED seit Beginn der siebziger Jahre und wurden überwiegend plakativ gestaltet.47. Traditionskabinette wurden in Betrieben, staatlichen und politischen Institutionen sowie in Schulen eingerichtet und verstanden sich als Stätten der ideologischen Erziehung. Die Inhalte und die Gestaltung richteten sich meist nach der Ästhetik von Wandzeitungen.48 Ausstellungsstücke waren Ehrenbanner, Orden, Urkunden, Pokale und andere Auszeichnungen des jeweiligen Betriebes.49

Trotz aller Unterschiede zwischen den Museumslandschaften der DDR und der alten BRD werden diese im Nachhinein nicht als unterschiedliche Museumskulturen beurteilt; während [Seite 18↓]der Teilung Deutschlands haben sich unter den verschiedenen gesellschaftlichen Systemen keine grundlegend anderen Museumsstrukturen herausgebildet, zumindest was das Verhältnis der Museumstypen untereinander und die klassischen Aufgaben von Museen angeht.50

3.3. Ostdeutsche Museen nach der Wende

Vor einer doppelten Schwierigkeit sahen sich nach der Wende die Museen in Ostdeutschland: die Museologen in Westdeutschland konzentrierten sich in ihrer Beurteilung der DDR-Museologie nicht nur auf den Einfluss staatlicher Ideologien auf die Museumsarbeit, sondern auch auf die Errungenschaften dieser Wissenschaft; somit erwarteten sie von den ostdeutschen Kollegen ein Bekenntnis zu den positiven Ergebnissen der Museologie der DDR. Gegenüber der Bevölkerung, insbesondere der ostdeutschen, mussten sich die ost­deutschen Museologen vom alten System distanzieren, um nicht in den Ruf zu geraten, sich in ihrer Arbeit noch immer an den Ideologien der DDR zu orientieren.51 Bei der Musealisierung der DDR-Geschichte, insbesondere der Alltagsgeschichte, zeigten sich spezifische Probleme: mit den Erinnerungen an den DDR-Alltag sind viele Emotionen verbunden; Bürger der ehemaligen DDR fürchten daher, dass Ausstellungen über ihren ehemaligen Alltag ihre Biographien falsch oder sogar denunzierend darstellen.52

Trotz dieser Schwierigkeiten wurden vor allem die Chancen der besonderen historischen Situation nach der Wende betont, die sich den Museen, insbesondere den ostdeutschen, boten.

Unter anderem wurde die Forderung an die ostdeutschen Museologen geäußert, sich mit der Vergangenheit der eigenen Arbeit kritisch auseinander zu setzen und daraus ein neues Verantwortungsgefühl zu entwickeln; dabei sei vor allem ein Misstrauen gegenüber Geschichtsbildern jeder Art wichtig.53 In diesem Zusammenhang wurden auch Diskussionen um die Museen geführt, die die Geschichte des gesamten Deutschland präsentieren sollten: das Deutsche Historische Museum in Berlin und das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn.

Unter anderem lautete eine Forderung, die Ausstellungsformen ostdeutscher Museen selbst zum Ausstellungsgegenstand zu machen.54 Insgesamt wurde nach einer ersten Betrachtung der Museumslandschaft in Ostdeutschland jedoch festgestellt, dass die Möglichkeit, über problematische Ausstellungsteile in DDR-Museen zu reflektieren, kaum genutzt wurde; stattdessen sind Trends Richtung Nostalgie, Heimattümelei und Historisierung beobachtet worden.55

Teilweise wurden die Diskussionen um Museen und Musealisierung der DDR im Zusammenhang mit der Erforschung der Arbeiterkultur und ihrer musealen Präsentation geführt. Allgemein wurde festgestellt, dass durch den marxistischen Ansatz Arbeiter und [Seite 19↓]andere soziale Gruppen, die im Rahmen traditioneller historischer Forschung nur wenig beachtet wurden, in den Präsentationen ostdeutscher Museen ihren Platz fanden.56Vorschläge wurden gemacht, bei der musealen Präsentation des DDR-Alltags den Schwerpunkt auf die Arbeitsgesellschaft zu legen.57

Vor dem Hintergrund der Diskussion, dass die Arbeiterkultur bzw. die Arbeiterbewegungs-kultur einen Schwerpunkt bei der Präsentation des Alltags in der DDR bilden sollte, wurden auch konkrete Vorschläge für Ausstellungskonzepte gemacht: so erschien es wichtig, Exponate in entsprechenden Kontexten zu präsentieren und auf diese Weise Produkt-Biographien zu erstellen; hervorgehoben wurden hier der wirtschaftliche, der soziale und der ideologische-mentale Kontext.58

Eine andere Frage bei der möglichen Musealisierung der DDR stellte sich hinsichtlich der Geschichte von Museen und anderen Ausstellungsinstitutionen der DDR. So wurde beispielsweise der Vorschlag gemacht, an die Erbe- und Traditionsdiskussionen anzuknüpfen, die in der Geschichtswissenschaft der DDR, vor allem im Zusammenhang mit historischen Ausstellungen, eine große Rolle gespielt haben.59 Eine andere Tradition historischer Ausstellungen der DDR ist der wirtschaftsgeschichtliche Ansatz. Die Chance, diese Tradition produktiv zu nutzen und als Schwerpunkt Wirtschaftsgeschichte darzustellen, wurde nach der Wende, so das Fazit einer Untersuchung mehrerer regionalgeschichtlicher Museen in Brandenburg Anfang der neunziger Jahre, kaum genutzt.60

Die Chance, über eine gemeinsame Museumslandschaft nachzudenken, die aus beiden Teilen Deutschlands Anregungen bekommt, wurde nach der Wende nicht wahrgenommen: die sicherlich notwendige Neuorientierung des Museumswesens in Ostdeutschland mündete darin, dass eine möglichst schnelle Annäherung an das Museumswesen der Bundesrepublik gesucht wurde, während Charakteristika wie Traditionskabinette oder Gedenkstätten der Geschichtskultur der DDR aufgegeben wurden.61

Die Diskussion um die Musealisierung der DDR bezog sich nicht nur auf die Museumslandschaft und deren weitere Gestaltung oder Kommentierung. Es wurde auch in Frage gestellt, ob überhaupt der zeitliche Abstand groß genug sei, um sich ein vollständiges Bild von der Alltagskultur der DDR machen zu können; in den neunziger Jahren wurde zumindest angesichts vieler Forschungsprojekte und intensiver Medienberichtserstattung deutlich, dass ein großes Interesse an der Geschichte der DDR bestand.62

Ähnlich wie in Westdeutschland in den siebziger und achtziger Jahren setzte in Ostdeutschland nach der Wende ein Museumsboom ein; vor allem in den Jahren 1991 bis 1995 stieg die Zahl der Museumsgründungen stark an. Gleichzeitig wurde auch eine Reihe [Seite 20↓]von Museen geschlossen, so z.B. das Museum für Deutsche Geschichte in Berlin und die meisten der „Gedenkstätten der Arbeiterbewegung“ sowie zahlreiche Ausstellungsabteilungen zur DDR-Geschichte der größeren städtischen Museen.63

Der Schwerpunkt der neugegründeten Museen in Ostdeutschland liegt in der Präsentation von Alltagskultur des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Die Museen wurden häufig aus politischen und kommunalen Interessen heraus gegründet, eine Auseinandersetzung mit dem Heimatbegriff bildete nur selten den Hintergrund für Museumsgründungen. Die jüngste Vergangenheit wird ebenfalls selten berücksichtigt, so dass die Museen nicht als gesellschaftskritische Einrichtungen beurteilt werden, wobei es hier auch einzelne Ausnahmen gibt.

Dennoch sind einige Parallelen zwischen der Entwicklung der Heimatmuseen in den Alten Bundesländern in den 70er und 80er Jahren und in den Neuen Bundesländern seit der Wende festzustellen: die wachsende Beschäftigung mit der Ortsgeschichte, das verstärkte Sammeln von Objekten der Alltagskultur aus einem Nostalgieempfinden heraus, die Nutzung sanierter historischer Gebäude als Museum, kommunalpolitische Interessen und damit verbunden der Wunsch nach einer Steigerung der Attraktivität der Gemeinde.64

An den zwei Beispielen Ostberliner Heimatmuseen, die weiter unten besprochen werden, wird deutlich, wie unterschiedlich lokalhistorische Museen in Ostdeutschland vor dem Hintergrund ihrer Geschichte und der Geschichte des Heimatbegriffes in der DDR ausgerichtet sein können. Neben der Geschichte der Museumslandschaft und des Heimatbegriffes ist auch die spezifische materielle Kultur der DDR für eine Analyse heutiger ostdeutscher Museen wichtig. Die Produkte der Alltagskultur bekamen durch Verstaatlichungen der Betriebe und Kombinatsbildungen ein spezifisches Äußeres, das sie von vergleichbaren westdeutschen Alltagsprodukten unterschied; die starke Konzentration und Vereinheitlichung der Güterproduktion sowie technologische Neuerungen und Übernahmen aus anderen osteuro­päischen Staaten wirkten sich auf die gesamte Objektkultur aus.65

Anhand der Alltagskultur können also politische Rahmenbedingungen abgelesen werden; eine Frage bei der Erforschung der Ostberliner Museen muss deshalb sein, inwiefern überhaupt Alltagskultur der DDR zum Sammlungsbestand der Museen gehört und wie diese erforscht und ausgestellt wird.

3.4. Nachkriegsgeschichte westdeutscher Heimatmuseen

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Arbeit in den Heimatmuseen fast vollständig zum Erliegen gekommen. Teilweise waren Museen als Wohnstätten beschlagnahmt worden, andere Gebäude waren zerstört. Die Sammlungsbestände waren durch Auslagerungen und Rohstoffsammlungen auseinandergerissen; zudem fehlten die nötigen Mittel, um die Museumsarbeit wieder aufzubauen. Heimatmuseen waren kulturpolitisch bedeutungslos geworden, sie wurden als liebenswürdige Einrichtungen angesehen, die jedoch nicht unbedingt ernst genommen werden mussten.66


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Seit den fünfziger Jahren ist die Entwicklung der Heimatmuseen eng mit derjenigen historischer bzw. kulturhistorischer Museen verbunden. Heimatmuseen wurden und werden vor allem als historische Museen wahrgenommen, ihre Konzeption richtete sich daher meist an den Diskussionen aus, die um die großen Geschichtsmuseen und Ausstellungen geführt wurden. Ausnahmen bildeten Heimatmuseen, die in den fünfziger Jahren in Folge des Bundesvertriebenengesetzes sich als ostdeutsche Häuser, Heimatstuben oder Heimatarchive gegründet hatten und das Bild vom Heimatmuseum als Pflegestelle konservativer, nationalistischer und revanchistischer Gedanken prägten und festigten.67

In den fünfziger Jahren gestaltete man historische Ausstellungen vor allem als Kunst­ausstellungen, die wertvolle Einzelstücke in den Mittelpunkt stellten.68 Einzig die documenta-Ausstellungen in dieser Zeit waren Beispiele für professionelles Ausstellungs­management, was sich nicht nur auf die Organisation, sondern auch auf die Präsentation der Kunstwerke bezog. Hier wurden z.B. auch neue Medien in die Ausstellung mit einbezogen.

In den sechziger Jahren dienten mehr und mehr auch regionale und länderbezogene Themen als Ausgangspunkt für Konzeption und Präsentation von Ausstellungen. Diese hatten auch Einfluss auf die Gestaltung von Großausstellungen: insgesamt stehen Kunstausstellungen in dieser Zeit nicht mehr im Vordergrund der Museumslandschaft. Kunstwerke werden zunehmend auch in einem historisch-politischen Kontext präsentiert, auch wenn sie nicht explizit als historische Objekte, sondern als Meisterwerke der Kunstgeschichte gezeigt werden.69 Das Zielpublikum bleibt in dieser Zeit das traditionelle Bildungsbürgertum. Unter diesem Einfluss von Ausstellungen mit regionaler Themenstellung wurden auch Heimatmuseen in dieser Zeit wieder stärker als Teil einer örtlichen und regionalen Kulturarbeit verstanden; Kreise und Kommunen übernahmen bis dahin privat getragene Museen, auch hinsichtlich personeller und technischer Ausstattung traten teilweise Verbesserungen ein.70

Die siebziger Jahre sind vor allem durch die Neugründungen zahlreicher Museen gekennzeichnet, vor allem auch lokal- und regionalgeschichtlicher Museen. Auf der einen Seite wurden Museen insgesamt in der Bevölkerung immer beliebter, so dass sich das traditionelle Zielpublikum von Museen ausweitete, zum anderen auch immer mehr Samm­lungen angelegt und entsprechend ausgestellt, die sich mit dem Stichwort Alltagskultur zusammen­fassen lassen.71

Auf die inhaltliche Diskussion historischer Museen hatte in den siebziger Jahren die Bildungsreform einen großen Einfluss; der Museumspädagogik wurde ein immer wichtigerer Platz innerhalb der Museumsarbeit eingeräumt, gleichzeitig wurden neue Ausstellungs­konzepte diskutiert, die sich an didaktischen Überlegungen orientierten.72 So wurden im Rahmen der Diskussion um das Museum als „Lernort“ (contra „Musentempel“)73 wieder [Seite 22↓]andere Präsentationstechniken entwickelt, die sich stärker an Texten orientierten und somit den Objekten wieder einen inhaltlichen Kontext gaben. Diese Art der Präsentation war in anderen Museumstypen nicht neu, in den kunst- und kulturhistorischen Museen setzte sie sich erst in dieser Zeit durch.74 Bis dahin wollte man die Exponate vor allem für sich sprechen lassen.75 Diese Form der fachwissenschaftlich und didaktisch begründeten kommentierenden Präsentation etablierte sich in vielen historischen Museen.76

Im Rahmen dieser Diskussion wurde für die kulturgeschichtlichen Museen eine inhaltliche Demokratisierung gefordert: Geschichte sollte nicht nur aus der Perspektive der Herrschenden präsentiert werden, sondern zu einem demokratischen Geschichtsverständnis beitragen, das auch klassen- und schichtspezifische Besonderheiten einer Gesellschaft zeigte. Als Grundlage für die Demokratisierung der Museen sollte eine Kulturtheorie dienen, die die besonderen Formen der kulturellen Entwicklung der einzelnen Klassen und Schichten verfolgte.77

Die Forderungen in den siebziger Jahren an inhaltliche Erneuerungen der Museen richteten sich auch ganz konkret auf das Problem der Objektpräsentation. Ausgangspunkt war die Feststellung, dass eine wertfreie Ausstellungsform nicht möglich sei. Da es unmöglich sei, Objekte isoliert von der Geschichte ihrer Umwelt auszustellen, sollten stets die Zusammenhänge, in denen das Objekt stand und stehe, reflektiert und benannt werden. Die ideale Ausstellungsform ist nach diesen Prämissen eine Lernausstellung, die durch gemeinsame Präsentation von Informationen und Objekten eine reflektierte Wahrnehmung ermöglicht.78

Insgesamt ging es bei all diesen Bemühungen um Erneuerungen vor allem darum, die Schwellenangst der Besucher zu verringern; das Museum sollte nicht mehr als fremde Institution wirken, sondern schon durch eine veränderte Gestaltung vertraut wirken. Designer der Ausstellungen bemühten sich daher, Museen nicht mehr als Tempel wirken zu lassen.79 Die Entwicklung der Ausstellungspraxisin dieser Zeit wird auch mit dem Begriff emphatische Aufklärung charakterisiert.80 Der Grundgedanke ist, dass sich gute Argumente durchsetzen und diese Argumente Menschen in ihren Handlungen beeinflussen. Dieser Aufklärung entsprach in den Museen die Textargumentation in den Ausstellungen, für die das Historische Museum in Frankfurt eine Vorreiterrolle spielte; dabei werden die Exponate mit Hilfe von Texttafeln in einen historischen Kontext gestellt.81

In einer zweiten Phase während der siebziger Jahre wurde das Konzept der Inszenierung für kulturhistorische Museen diskutiert. Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre kam [Seite 23↓]diese Art der Präsentation immer häufiger zur Anwendung.82 Hier wurde nicht mehr auf einen direkten Lernerfolg wie in textzentrierten Ausstellungen Wert gelegt, sondern auf eine visuelle Argumentation. Die Einflüsse beider Präsentationstechniken sind bis heute deutlich zu sehen.83

Seit den achtziger Jahren werden zudem Konzepte historischer Museen diskutiert, die neben der Inszenierung als Präsentationsform auch das Objekt als „historischen Sachzeugen“ in den Mittelpunkt der Ausstellung stellen.84 Diese Konzentration auf das einzelne Objekt in der Ausstellung hatte unmittelbar damit zu tun, dass sich Museen und Ausstellungen immer mehr als ästhetische Medien begriffen. Auf der einen Seite wurden die Erkenntnisse aus den Diskussionen um Museen als Lernorte aufgegriffen, auf der anderen Seite wurden mittels neuer Präsentationstechniken versucht, Wissen zu vermitteln. So wurde die Ästhetik der Aus­stellung insgesamt, die auch andere Sinne als den Sehsinn ansprechen sollte, immer wichtiger. Die Konzentration auf Originale in der Ausstellung verlief parallel mit dem schon in den siebziger Jahren begonnenen Trend, vermehrt Alltagsobjekte zu zeigen; da diese aufgrund ihrer äußeren Form isoliert betrachtet wenig aussagen, wurden neue Konzepte für Installationen entwickelt, die Alltagsgegenstände nicht nur präsentieren, sondern auch Wissen über den jeweiligen Kontext vermitteln.85 Die besondere Herausforderung für kulturhisto­rische Museen bestand darin, dass sie Alltagsobjekte nicht als Kunstwerke präsentieren können, sondern Exponate als Zeichen- und Bedeutungsträger innerhalb einer informativen Inszenierung

Ausstellungen als Inszenierungen sollten nicht lückenlos die Geschichte oder Geschichten von Orten präsentieren, sondern vielmehr eine Begegnung zwischen Vergangenheit und Gegenwart ermöglichen. Es ging nicht um die Vermittlung von spezifischen Daten und Fakten, sondern darum, die Neugier des Publikums auf bestimmte Themen zu wecken und die Diskussion einzelner Probleme anzuregen.86

3.5. Musealisierung

Der Museumsboom der siebziger Jahre setzte sich in den achtziger und neunziger Jahren fort, vor allem die zahlreichen Neugründungen lokal- und regionalhistorischer Museen waren bemerkenswert. Da diese Museen sich vor allem der Bewahrung und Präsentation von Alltagskultur widmen, wurde dieser Trend auch mit „Musealisierung des Popularen“ beschrieben.87 Die Konzeption der Heimatmuseen ging und geht meist von einem breiten Verständnis von Kultur aus; materielle Alltagskultur wurde, oft unterstützt von regionalen Geschichtsinitiativen und im Rahmen von Oral-History-Forschungen, gesammelt und erforscht. Dieses Phänomen wurde auch unter dem Stichwort Musealisierung diskutiert.88


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Unter Musealisierung wird im allgemeinen das Phänomen verstanden, dass regionale Geschichte immer häufiger in Museen dargestellt und wahrgenommen wird.89 Diese Musealisierung von Geschichte wird zum einen mit Begriffen wie Historismus, Folklorismus und Traditionalismus erklärt: die Gesellschaft habe ein starkes Bedürfnis, sich mit der eigenen Vergangenheit zu beschäftigen, die vielen Neugründungen regionalhistorischer Museen sei ein Ausdruck dieses Bedürfnisses.90 Zum anderen wird die Musealisierung mit der These der Kompensation erklärt: die Museen kompensierten die Verunsicherungen und Irritationen, die durch die zunehmende Industrialisierung und Technisierung unserer Gesellschaft ausgelöst werden.91

Die Ausstellungspraxis der neunziger Jahre ist durch eine nüchterne Aufklärung geprägt, die nicht mehr an die Überzeugungskraft von Argumenten glaubt und davon ausgeht, dass menschliche Handlungen nur bedingt argumentativ zu beeinflussen sind. Die entsprechende Ausstellungsform, die sich an dieser Aufklärung orientiert, verzichtet auf Text; dadurch wird eine größere Risikobereitschaft im visuellen Bereich ermöglicht.92

Diese Ernüchterung resultiert teilweise auch aus Untersuchungen des Besucherverhaltens. So wurde festgestellt, dass Besucher in den seltensten Fällen umfangreiches Vorwissen über das präsentierte Thema mitbringen. Das zusätzliche Wissen, das in der Ausstellung auf verschiedene Weise dem Publikum vermittelt wird, wird kaum aufgenommen; die Auswahl der Objekte erfolgte in den Augen der Besucher aufgrund eines hohen Fachwissens. Diese Auswahl und damit die fachliche Bewertung muss das Publikum akzeptieren. Nach den Untersuchungen wird dieser Tatsache meist dadurch begegnet, dass man Objekte nach privatem Gefallen zur Betrachtung auswählt. Zudem wird das zusätzlich angebotene Wissen kaum angenommen; das Ziel eines Museumsbesuches ist es nicht, sich weiter zu bilden, sondern seine Neugier zu befriedigen, was dazu führt, dass der Besucher vor den einzelnen Objekten nur kurze Zeit verweilt, um möglichst alle Exponate besichtigen zu können. Diese kurze Verweildauer reicht nur selten dazu aus, den Zusammenhang zwischen Exponaten, der didaktisch präsentiert wird, zu erkennen.93

Verglichen mit der Inszenierungswelle Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre wird in den neunziger Jahren eine Trendwende beobachtet: die Ausstellungstexte werden [Seite 25↓]teilweise intellektuell-abstrakt formuliert; gleichzeitig werden Inszenierungen weniger didaktisch konzipiert, man stellt stattdessen einzelne Exponate in den Mittelpunkt der Ausstellungen.94 Diese Überlegungen wurden schon innerhalb der Diskussionen um die Ästhetisierung von Ausstellungen in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre angestellt und später fortgeführt.Die Entwicklung der Ausstellungspraxis, mehr auf visuelle Effekte zu setzen und weniger Text zu verwenden, erklärt ein Museumswissenschaftler auch durch den Einfluss der Postmoderne.95

3.6. Jüngste Geschichte der Heimatmuseen

Seit den achtziger Jahren wurden eine Reihe von neuen Konzepten verschiedener regional­historischer Museen entwickelt. Viele dieser Konzepte entstanden unter dem Einfluss der Diskussionen um Alltagskultur und Musealisierung, wie sie oben skizziert wurden. Selten wurde in diesem Zusammenhang auch der Versuch unternommen, den Heimatbegriff neu zu überdenken und in eine museale Konzeption einzubinden. Konzeptionen, die museale Sammlungen oder Sammlungsmöglichkeiten berücksichtigen, sind in der Literatur nicht zu finden, abgesehen von wenigen Anregungen, Forschungserkenntnisse über materielle Kultur in Konzepte einzuarbeiten.96

Fast schon als programmatische Schrift der achtziger Jahre für Neukonzeptionen regionalhistorischer Museen kann der von Bätz und Gößwald herausgegebene Band „Experiment Heimatmuseum“ gelten.97 Ausgangspunkte für die Konzeption des Heimatmuseums Neukölln in Berlin sind zum einen die Kritik an der Forschung zur Alltagsgeschichte, wie sie in der Geschichtswissenschaft betrieben wird, und zum anderen ein neues Heimatverständnis.98Die Konzeption geht von einem Heimatmuseum als einem Ort aus, an dem wissenschaftliche Analyse und Alltagserleben zusammengeführt werden sollen. Wichtig ist dabei die Präsentation eines Themas in einem inszenatorischen Zusammenhang, der den Mikrokosmos – d.h. Neukölln - in ein größeres Gesamtbild einbettet und damit Hinweise auf gegenseitige Abhängigkeiten gibt. Geschichte soll dabei so vertraut gemacht werden, dass sie Rückschlüsse auf Gegenwart und Ausblicke auf Zukunft ermöglicht.99 Insgesamt steht der Mensch im Mittelpunkt der Museumsarbeit: diese anthropologische Perspektive stellt nicht die Objekte in den Vordergrund der Ausstellung, sondern das Verhältnis des Menschen zu den Gegenständen; das Museum soll auf diese Weise als soziales Gedächtnis des Bezirkes Neukölln dienen.100

Teilweise wird dieses neue Verständnis von Heimat auch in anderen musealen Konzeptionen aufgegriffen. So wird die Förderung und Pflege von Heimatbewusstsein als wichtiges Ziel eines historischen Museums formuliert; Heimat wird hier als ganzheitliches Verständnis der geschichtlich gewordenen Umwelt verstanden. Mit dieser Zielsetzung soll ein enger Bezug [Seite 26↓]zum Publikum hergestellt werden.101 Umgekehrt wird besonders für Museen in der Provinz festgestellt, dass diese ihre zahlreichen Neugründungen einem neuen Heimatverständnis verdanken, das auch mit einer Neubewertung der Provinz zusammenhängt: Menschen ziehen bewusst in die Provinz, um dem Stadtleben zu entgehen.102

Andere Konzeptionen greifen den Gedanken einer Verknüpfung lokaler und überregionaler Geschichte und Gegenwart auf, vermeiden aber dabei den Begriff Heimat. So soll beispielsweise die Bezeichnung Stadtmuseum statt Heimatmuseum verdeutlichen, dass es bei der musealen Präsentation von Objekten nicht nur um deren Beziehung zu Ortsansässigen geht, sondern zu allen Besuchern. Der Begriff Heimat zeigt nach dieser Auffassung nicht den „offenen“ Charakter der Ausstellungen.103

Überlegungen, die in den neunziger Jahren zu regionalhistorischen Museen angestellt wurden, orientieren sich nicht nur an den weiter oben angeführten Diskussionen anderer Wissenschaftsbereiche, sondern weisen auch auf den Punkt hin, dass Modelle und Publikumsansprüche größerer Museen auch auf kleinere Museen wirken; dabei bestehe bei den regionalhistorischen Museen die Chance, geschichtliche Zusammenhänge durch das Ausstellen unscheinbarer Objekte sichtbar zu machen und so eine Ergänzung zu „großen“ Ausstellungen zu bieten.104

Regionale und lokale Museen haben gegenüber überregionalen Museen den Vorteil, dass sie zu den Spendern oder Leihgebern von Objekten oft direkten Kontakt haben und so über Geschichten zu einem Gegenstand informiert werden, die eine zusätzliche Bedeutungsebene erschließen können. Auf diese Weise können Gegenstände auf eine andere Weise interpretiert werden, die Museen können die Inhalte der Ausstellungen unmittelbar mit Lebensgeschichten einzelner Menschen verbinden.105 Hier besteht also die Möglichkeit, den oft einseitigen Informationsfluss vom Museum zum Besucher auch in umgekehrter Richtung fließen zu lassen.106

Eng mit diesem Thema verknüpft ist die Frage nach der Vermittlung von Wissen innerhalb eines Museums. Hier werden unter anderem neue museumspädagogische Konzepte vorgeschlagen, die nicht nur über Texte, Bild- und Tonmaterial Inhalte vermitteln, sondern auch andere Sinne der Besucher wie den Tast- oder Geruchssinn mit einbeziehen.107 Vermittlungsformen, die auf die Einbindung aller menschlichen Sinne in der Museumsdidaktik zielen, lassen sich, so wird argumentiert, gerade in kulturhistorischen [Seite 27↓]Museen gut umsetzen, da hier die Sammlungen erstens umfangreich sind und zweitens um Objekte erweitert werden können, die andere Sinne des Besuchers als den Sehsinn ansprechen können.108

Diese Diskussionen wurden teilweise auch für die Berliner Bezirksmuseen aufgegriffen. Die Situation und Zukunft der Berliner historischen Museen wurde bereits kurz nach dem Mauerfall im Juni 1990 diskutiert; neben Fragen nach Wandlungsimpulsen der modernen Stadt- und Urbanisierungsgeschichtsforschung, der Entwicklung der Stadtgeschichtsforschung in der DDR, der Berliner Stadt- und Regionalgeschichtsforschung und der berlin­geschichtlichen Arbeiten Ostberliner Forschungseinrichtungen ging es hier auch um die mögliche dezentrale historische Arbeit durch lokale Museen.109 Eine der umstrittenen Thesen lautete, dass ein Zusammenhang zwischen dem Bildungsstand von möglichen Museumsbesuchern und ihrer Auswahl von Museen besteht und dass die Konzeption eines Museums Einfluss auf die Besucherstruktur nimmt. Es wurde festgestellt, dass die Heimatmuseen Berlins eine führende Rolle in der lokalen Stadtgeschichtsforschung einnehmen und darüber hinaus stadtpolitisches Engagement zeigen und fördern; die Museen legen u.a. den Schwerpunkt auf zeitgeschichtliche Arbeit und ermöglichen damit auch die Beteiligung von Besuchern an der Museumsarbeit. Das Risiko dieser Ausrichtung ist, so wurde festgestellt, eine verengte inhaltliche Ausrichtung der Heimatmuseen.

In jüngster Zeit wird der Heimatbegriff (wieder) innerhalb der Museumslandschaft diskutiert, beispielsweise innerhalb der Tagung der Fachgruppe Stadt- und Heimatgeschichtliche Museen im Deutschen Museumsbund zum Thema „Die Welt als Heimat – Die Heimat als Welt“ im Jahr 2000. 110 Wie die Vorträge und Diskussionen im Rahmen dieser Tagung gezeigt haben, wird der Heimatbegriff kontrovers erörtert und beispielsweise anderen Begriffen wie Fremde oder Welt gegenübergestellt. Der Begriff wurde nicht genau definiert, aber als weiterhin wichtiger Bestandteil von Konzepten regionalhistorischer Museen wahrgenommen. 111

3.7. Alltagskultur

Zwei Begriffe haben die Diskussion um die Ausrichtung dieses Museumstyps besonders beeinflusst. Alltag oder Alltagskultur wurde und wird als Konzept nicht nur für lokalhistorische, sondern für alle historischen Museen diskutiert. Der Begriff der Lebenswelt dagegen spielt nur im Kontext stadt- und heimatgeschichtlicher Ausstellungen eine Rolle.

Alltag wird seit den siebziger Jahren innerhalb der Geschichtswissenschaft als historisches Phänomen diskutiert. Alltagsgeschichte spielt in der Forschung zu Mikrohistorie und Sozialgeschichte sowie in den Studien der Geschichtswerkstätten eine Rolle.

Eine Forderung der späten achtziger Jahre beispielsweise lautete, man solle die Erforschung der Alltagsgeschichte mit der der Strukturgeschichte kombinieren, um so der Gefahr einer Trivialisierung des Forschungsgegenstandes zu begegnen. Insgesamt solle es in der [Seite 28↓]Alltagsgeschichte um die Rekonstruktion von Deutungs-, Wahrnehmungs- und Orientierungsweisen in ihrem jeweiligen historischen und sozialen Kontext gehen.112

Diese neue Sichtweise auf Alltagsgeschichte entstand teilweise auch unter Einfluss analytischer Methoden der Ethnologie. Die Erforschung des Alltags soll sich auf die „Innenseite“ gesamtgesellschaftlicher Veränderungsprozesse beziehen und dabei Alltag als kulturell geprägten Handlungs- und Interpretationszusammenhang verstehen.113

Insgesamt bedeutete das neue Forschungsinteresse an Alltags- und Erfahrungsgeschichte, dass neue Schwerpunkte gesetzt wurden: so interessierte man sich stärker für die Geschichte einzelner Menschen, definierte das Verhältnis zwischen Ereignis und Struktur sowie zwischen Macht und Politik neu und wendete sich von festgefügten Erklärungshierarchien ab.114

Zu Beginn der neunziger Jahre ergab sich so das Bild einer Geschichtswissenschaft, die ein starkes Interesse an der kulturellen Dimension von Geschichte hat. Die Perspektive richtet sich jetzt nicht mehr nur auf die Erforschung der Alltagsgeschichte, sondern auch auf allgemeinere Fragestellungen, um die Erforschung lokaler Geschichte in den Zusammenhang größerer politischer und wirtschaftlicher Prozesse zu stellen.115

Die Alltagsgeschichtsforschung beeinflusste die Diskussionen um neue Ausstellungskonzepte in den achtziger Jahren. Festgestellt wurde damals, dass sich nicht viele Ausstellungen dem Thema ortsspezifischer Alltagskultur widmen, was u.a. auf die Sammlungspraxis zurück geführt wurde, die sich zu selten auf industrielle und städtische Kultur konzentrierte. So lieferten die Heimatmuseen Westberlins nach Einschätzung eines Autors damals kein geschlossenes Gesamtbild der Stadt. Vor allem der Bereich „Wohnen“ wurde in den Ausstellungen nicht thematisiert; vor dem Hintergrund der schlechten Überlieferungslage bei Objekten aus der Alltagskultur und der Geldknappheit der Museen lautete daher ein Vorschlag, Originalschauplätze in die Ausstellungsprojekte mit einzubeziehen.116

In den neunziger Jahren begann man sich in Bezug auf Museumsarbeit differenzierter mit der Alltagsgeschichtsforschung auseinander zu setzen. So bezog man die Diskussionen innerhalb der Geschichtswissenschaft teilweise auch auf die Konzeptionen historischer Museen. Dabei sollte allerdings nicht die Alltagsgeschichte allein, sondern Erkenntnisse der Sozialgeschichte insgesamt der Ausgangspunkt für die Museumsarbeit sein, deren Aufgabe es sei, zwischen den Quellen bzw. Objekten und der sozialgeschichtlichen Forschung zu vermitteln.117

Der Alltagsbegriff erwies sich als alleiniges Konzept für lokalhistorische Museen als problematisch; der historische Alltag wurde wissenschaftlich nur teilweise aufgearbeitet, so [Seite 29↓]dass als Quelle oft nur die Objekte selbst zur Verfügung stehen, die ohne ausreichende Dokumentation keine große Aussagekraft besitzen.

Der Alltagsbegriff wurde nicht nur für lokal- oder regionalhistorische Museen diskutiert; auch größere Museen wie das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn beziehen die Alltagsgeschichte ausdrücklich in ihre Konzeption mit ein. Dabei definiert man Alltag, um einer Unschärfe oder Ungenauigkeit des Begriffes zu entgehen, als eine Beschreibung der Verwobenheit von Mikro- und Makroebene.118 Es geht bei dieser Konzeption also nicht um die Darstellung verschiedener gesellschaftlicher Schichten und deren Alltag, sondern darum, allgemeine politische und historische Entwicklungen im täglichen Leben zu zeigen.

Die Präsentation von Alltagsleben war in den letzten Jahrzehnten nicht nur ein Thema bei Museen in Deutschland, sondern in vielen europäischen Ländern. Im Englischen als heritage museums bezeichnet, zeigen seit den achtziger Jahren immer mehr europäische Museen die Geschichte „einfacher Leute“ auf lokalem Gebiet. Diese Museen haben unter anderem dazu beigetragen, dass Diskussionen über Themen wie lokale Identitäten, Zugehörigkeit und lokale Gemeinschaften gegen Ende des 20. Jahrhunderts verstärkt geführt wurden.119

Mit der Diskussion um die Alltagsgeschichte und ihre Darstellung im Museum hängt eine andere Diskussion zusammen, die sich auf Arbeiterkultur, ihre Erforschung und ihre museale Präsentation konzentriert.120 Der Begriff Arbeiterkultur wird unterschiedlich betrachtet, abhängig vom Museumstyp und vom politischen Hintergrund. Auch in der Geschichte der musealen Präsentation wurde Arbeiterkultur verschieden definiert und entsprechend präsentiert.121

Aufgrund der inhaltlichen Breite des Begriffs Arbeiterkultur wurde zunächst die Notwendigkeit einer ausführlichen Erforschung dieser Kulturgeschichte festgestellt. Die vielfältigen Inhalte des Begriffes Arbeiterkultur sprechen dafür, sie insbesondere in regionalen und lokalen Museen auszustellen, da es um unterschiedliche Ausprägungen von Kulturen des Arbeitsplatzes, des Wohnbereichs und der Arbeiterbewegung geht.122

Eine andere These innerhalb dieser Diskussion lautet, dass der Begriff Arbeiterkultur historisiert werden müsse, da es in den musealen Darstellungen dieses Themas vor allem um die Zeit zwischen 1890 und 1933 ginge. Um der Gefahr einer statischen Präsentation zu entgehen, wird der Vorschlag gemacht, den Begriff Arbeiterkultur durch Arbeitswelt bzw. Arbeitswelten zu ersetzen.123 Dieser Begriff wird weniger mit einer bestimmten Epoche verbunden und eignet sich daher besser zur Darstellung von Veränderungen im Arbeitsleben, insbesondere solche, die durch die Industrialisierung herbeigeführt wurden. Egal, welcher Begriff bevorzugt wird und in welchen historischen Epochen und gesellschaftlichen [Seite 30↓]Bereichen Arbeiterkultur angesiedelt wird, festzuhalten bleibt, dass die museale Präsentation mit Hilfe dieses Themas zur Entwicklung regionaler und lokaler Identitäten beitragen kann.124

Bei Überlegungen zur Darstellung von Alltagsleben im Museum wurde auch deutlich, dass der Anspruch, den gesamten Alltag darzustellen, sehr groß ist, da z.B. auch menschliche Gefühle den Alltag mitprägen, die aber nicht ausgestellt werden können.125 Andere Autoren verbinden mit dem Begriff Alltagskultur eine schlechte Alternative zu einer Ausstellung mit Exponaten, die historischen oder materiellen Wert besitzen. Da Regionalmuseen solche bedeutenden Werke nicht besitzen, müssten sie sich, so das Argument, mit der Präsentation von Alltagsgegenständen begnügen.126 Insgesamt ist der Begriff Alltagskultur bei Museumswissenschaftlern jedoch positiv besetzt und spielt bei der Konzeption von Heimatmuseen eine große Rolle.

3.8. Lebenswelt und Fragmente

Der Begriff Lebenswelt wurde innerhalb der Fachgruppe Stadt- und Heimatgeschichtliche Museen im Deutschen Museumsbund im Rahmen einer Tagung 1996 diskutiert.127 Die Diskussionen dieser Tagung zur Struktur von Dauerausstellungen beziehen sich ganz konkret auf Ausstellungen stadt- und heimatgeschichtlicher Museen und stellen so eine Verbindung zwischen Theorie und Praxis von Museumsarbeit her.128 Innerhalb dieser Tagung wurde bewusst der Begriff Heimat vermieden, um Schwierigkeiten bei der Definition des Begriffes zu vermeiden.129 Stattdessen wurde der Begriff der Lebenswelt als eine Leitkategorie neben den Begriffen Historische Zeit, Perspektivität, Konstruktivität und Präsentation gewählt.

Der Begriff der Lebenswelt umfasst alles, was zur Beschreibung menschlichen Lebens dienen kann. Ihm liegt also ein ganzheitliches Verständnis vom menschlichen Leben zugrunde.130 Dabei ist es nicht wichtig, ob die Menschen sich in dieser Lebenswelt zuhause fühlen; entscheidend ist der Kontext, der den Menschen vertraut ist.131 Lebenswelt schließt somit auch das Museum als einen Teil davon mit ein.

Um eine Verbindung zwischen theoretischen Überlegungen zur Erforschung materieller Kultur und der Museumsarbeit herzustellen, werden innerhalb der Diskussion um Lebensweisen Objekte erst einmal als Fragmente bezeichnet, wobei Fragmente aus [Seite 31↓]vergangenen Lebensweisen stammen.132 Zu Exponaten in einem Museum mit einer bestimmten Bedeutung werden Objekte erst durch ihre wissenschaftliche Deutung. Bei dieser Deutung, so die Feststellung der Arbeitsgruppe, werden jedoch die Dimensionen der Fragmente, die sich aus ihrer materiellen, formalen und ästhetischen sowie intentionalen oder pragmatischen Beschaffenheit ergeben, nicht berücksichtigt.

Fragmente besitzen also Eigenschaften, die sich aus ihrer bloßen Existenz ergeben: sie sind aus bestimmten Materialien gefertigt, sie haben ein bestimmtes Äußeres und wurden für einen bestimmten Zweck geschaffen. Diese Eigenschaften oder Dimensionen bedürfen keiner Interpretation. Werden die Fragmente im Rahmen bestimmter Fachwissenschaften interpretiert, so werden ihnen Bedeutungen zugeschrieben, die mit ihren Eigenschaften nichts mehr zu tun haben. Die Arbeitsgruppe spricht hier von einer „Entdimensionalisierung“ durch die Wissenschaften. Anders ausgedrückt besitzen Objekte, nachdem sie interpretiert worden sind und entsprechend präsentiert werden, nur noch eine Dimension. Diese Eindimensionalität ist eine Folge der wissenschaftlichen Interpretation, die Fragmente in Objekte verwandelt.

Die Musealisierung von Fragmenten und damit ihre Verwandlung in wissenschaftliche Objekte betrachtet die Arbeitsgruppe als legitim, wenn dies im Bewusstsein geschieht, dass Wissenschaft nur begrenzten Fragestellungen folgt, d.h. die Dimensionen von Fragmenten nicht berücksichtigt.

Diese Erkenntnis wird vor allem bezüglich der Darstellung von Geschichte diskutiert mit dem Ergebnis, dass reale Geschichte, d.h. die Geschichte, die durch Fragmente repräsentiert wird, in diesem Verständnis nicht musealisierbar ist. Gleichzeitig wird festgestellt, dass Lebenswelt, die ja nach ihrer Definition anschaulich sein muss, real und somit auch nicht musealisierbar ist. Erst ihre wissenschaftliche Interpretation schafft dafür die Voraussetzung. Gleiches gilt für die Geschichte der Lebenswelt; Fragmente zeigen die reale Geschichte. Somit lässt sich reale Geschichte nicht musealisieren.

Der Begriff des Fragments ist sehr hilfreich, wenn es darum geht, zwischen Objekten an sich und interpretierten, gedeuteten Objekten zu unterscheiden. In diesem Sinne dient die Forschung über materielle Kultur, wie sie später im Museumsmodell vorgestellt wird, nicht nur der Verwandlung von Fragmenten in Objekte, sondern auch der Erschließung von Fragmenten, also den Dimensionen oder Bedeutungen, die sich aus dem Gegenstand selbst ergeben.133


Fußnoten und Endnoten

21 Für eine ausführliche Darstellung der Geschichte der kulturgeschichtlichen Museen insgesamt siehe Döring 1977: S. 2-59. Eine institutions- und ideologiegeschichtliche Erforschung der Heimatmuseen vor allem für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts bietet Roth (1990).

22 Reeken 1999: S. 73 u. 77. Siehe auch das Kapitel über die Geschichte der Heimatbewegung.

23 Roth 1990: S. 30.

24 Döring 1977: S. 65. Die Volksbildungsbewegung versprach sich von der pädagogischen Arbeit in den Museen „die Überwindung von feudalen und klerikalen Strukturen“ und wertete die Museumsarbeit „als Beitrag zur Emanzipation der Arbeiterschaft“ (Ringbeck 1991: S. 289).

25 Nach der Vorstellung der Heimatschutzbewegung sollten die Museen „bei dem aus den unteren Schichten stammenden Besucher nicht zu einem Erkenntnisprozess und einer möglicherweise daraus resultierenden Forderung nach Gleichberechtigung und Beseitigung sozialer Unterschiede führen“ (Ringbeck 1991: S. 289).

26 Dieser Ausdruck zur Charakterisierung der Gedanken einiger Vertreter des Heimatschutzes zur Bedeutung von Heimatmuseen gebraucht Hartung (1991: S. 114).

27 Siehe für diese Charakterisierung des Heimatmuseums um 1900 Korff 1999.

28 Meiners bezeichnet dieses Konzept als die Idee einer „authentischen, historisch-ethnographischen Inszenierung“ und weist darauf hin, dass ethnographische Konzepte schon auf der Weltausstellung 1867 in Paris durch die Abteilungen Schweden und Norwegens erfolgreich gezeigt worden waren (Meiners 2002: S. 283f.).

29 Die gesammelten Objekte wurden „im großen Überblick zu Marginalien“, präsentierten „aber auch die kulturelle Diversifikation“ (Roth 1990: S. 30).

30 Ringbeck 1991: S. 289.

31 Das Ziel war, „räumliche Ensembles“ zu bilden, die ein „Gesamtbild einer vergangenen Lebenswelt“ ver­mitteln sollten (Fuchs u.a. 1998: S.36); siehe für einen Überblick über die Entwicklung der Präsentationsweisen in Heimatmuseen Fuchs u.a.: S. 36f., für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts Roth 1990: S. 191-225.

32 Siehe hierzu Roth 1990: S. 191-193.

33 Ringbeck 1991: S. 299f.

34 Siehe für diese Unterteilung Roth 1990: S. 130ff.; für ein Beispiel des ersten Typs von Heimatmuseum siehe Ringbeck 1991: S. 301-306, für den zweiten Typ S. 306-311.

35 Roth 1990: S. 205.

36 Siehe zur Diskussion der Trennung von Schau- und Studiensammlung sowie für ein Beispiel der Ordnung nach Werkstoffen Roth 1990: S. 211f.

37 Roth (1990: S. 213-223) stellt neben dieser Bilanz traditionelle und in den zwanziger Jahren neu hinzu­ge­kommene Darstellungstechniken vor: zu den ersten gehören Puppen, Stuben, Schrift und Dioramen, zu den letzten Licht, Fotografien, Filme und Schallplatten. Während der NS-Zeit lieferte die Werbung mit ihrer Hervor­hebung der Warenästhetik Gestaltungsideen für die politische Propaganda (S. 224).

38 Anweisung zur Einführung des Faches Heimatgeschichte vom 30. Juni 1955, zitiert nach: Riesenberger 1991: S. 329.

39 Siehe dazu ausführlich Riesenberger 1991: S. 329-332.

40 Zur Geschichte der Museumslandschaft in der SBZ und DDR siehe Karge 1996, hier S. 178. Die Gründung vor allem der Gedenkstätten für Vertreter der Arbeiterbewegung bewertet er als „frühe Beispiele für die Suche nach einer eigenen Identität der politischen Führung in der DDR“, bei denen „Aspekte der SED-Ideologie durchaus im Vordergrund“ standen (S. 179).

41 Karge 1996: S. 180-183.

42 Schade 1996: S. 167.

43 Zu diesem Ergebnis kommt Karge (1996: S. 185f.).

44 Siehe für eine Übersicht über die Entwicklung der Museologie der DDR Hofmann 1992: S. 21-23.

45 Schade 1996: S. 168.

46 Schultz 1991: S. 15 u.19.

47 Die Traditionskabinette stellten nach Einschätzung von Karge (1996) „Huldigungsstätten für die Politik der SED“ dar (S. 189).

48 Zu einer Kritik der Traditionskabinette siehe Flierl 1992: Er beurteilt diese als ideologische Staatsapparate, die der Ritualisierung von Diskursen dienten (S. 15).

49 Ein Beispiel eines außerbetrieblichen Traditionskabinettes war dasjenige im Prenzlauer Berg von Berlin; siehe dazu das Kapitel über das Prenzlauer Berg Museum für Heimatgeschichte und Stadtkultur.

50 Siehe zu dieser Einschätzung Schade (1996).

51 Diese „double bind“-Verstrickung beschreibt Ernst (1992: S. 12).

52 Böhm/ von Oertzen 1995; Hübner 1996. Flacke (1993: S. 59) hat einen Widerspruch zwischen Verdrängen und Aneignen bei Objekten festgestellt, die Lebensläufe repräsentieren: auf der einen Seite wollen Menschen einen Teil ihrer Biographie in Form von Objekten loswerden, auf der anderen Seite wollen sie auch nicht, dass diese Erinnerungen völlig verschwinden, und wenden sich daher an Museen.

53 Hofmann 1992: S. 20.

54 Ernst 1992: S. 14.

55 Ludwig 1993: S. 98-100. Eine Ausnahme bildete das Traditionskabinett „Antifaschistischer Widerstand 1933-1945“ in Berlin-Prenzlauer Berg, dessen Ausstellung nach der Wende zunächst bestehen blieb, zusätzlich aber durch kritische Kommentare ergänzt wurde. Siehe dazu das Kapitel zur Geschichte des Prenzlauer Berg Museums für Heimatgeschichte und Stadtkultur.

56 Hofmann 1992: S. 21.

57 Hübner 1996: S. 64. Hübner bezieht dies nicht nur auf die DDR, sondern allgemein auf moderne Gesell­schaften, die „besonders stark über Arbeit integriert werden“ (ibid.).

58 Hübner 1996: S. 67.

59 So die Forderung von Teilnehmern an einem Kolloquium über die Entwicklungen der Berliner Stadtge­schichte, siehe dazu Grzywatz 1990.

60 Ludwig 1993: S. 96. Ludwig beurteilt die Darstellung von Wirtschaftsgeschichte jenseits der Selbst­inszenierung lokaler Industrie, wie in DDR-Museen üblich, auch als Chance für bundesdeutsche Museen, in denen dieser Ansatz bisher nur selten verfolgt wird.

61 Schade 1996: S. 165f. u. 171. Einige Ansätze der Musealisierung der DDR nennt Ernst (1992: S. 14-18) und plädiert (Anfang der neunziger Jahre) dafür, den „Charme der gegenwärtig noch deutsch-deutschen Museums­landschaft“ zu bewahren, der vor allem durch „Bizarrerien im Spannungsfeld von Historio- und Museographie“ gekennzeichnet ist (S. 18).

62 Ludwig 1996: S. 11.

63 Siehe für genauere Zahlen Dittmar 1999: S.208f.

64 Dittmar 1999: S. 217.

65 Darauf weist Ludwig (1996: S. 8) hin.

66 Döring 1977: S. 75.

67 So waren Heimatmuseen oft Veranstaltungsort von Heimattagen, die von den Vertriebenenverbänden organi­siert wurden (Ringbeck 1991: S. 315).

68 Korff 1996: S. 55ff.

69 Nach Korff (1996) wurden in dieser Zeit Kunstwerke in Ausstellungen „nicht primär als historische Zeug­nisse, sondern als Emanationen des Wahren, Guten und Schönen“ betrachtet (S. 60).

70 Ringbeck 1991: S. 315.

71 Da die Diskussion um Alltagskultur in den Museen auch mit der Diskussion um den Heimatbegriff zusam­men­hing, wird diese an anderer Stelle vorgestellt, wenn es explizit um den Heimatbegriff in Museen geht. Siehe zu diesem Punkt auch Hoffmann 1996: S. 15.

72 Zahlen, die diesen Trend belegen, liefert Graf (1996: S. 31ff.).

73 Die „spektakulärste Publikation“ (Korff 1996: S. 63) der siebziger Jahre trug den programmatischen Titel „Lernort contra Musentempel“ (siehe hierfür Spickernagel / Walbe 1976): die bis dahin als elitär empfundene Position der Museen sollte überwunden werden, gleichzeitig sollte der Schwerpunkt auf der Wissensvermittlung liegen. Objekte sollten nicht nur als reine Anschauungsobjekte präsentiert werden, mit ihrer Hilfe sollte auch konkretes Wissen vermittelt werden.

74 In den Kunstmuseen galt die Devise, „Leben in die Museen zu bringen“; siehe für eine Kritik der Ausstel­lungen in Kunstmuseen Mai (1986, hier S. 52).

75 Als Vorreiter für textzentrierte Ausstellungen bei kulturhistorischen Museen gelten das Historische Museum in Frankfurt a. Main und das Römisch-Germanische Museum in Köln, die als Konkurrenzmuseen galten, aber viele Gemeinsamkeiten hatten; vor allem versuchten beide, den wissenschaftlichen Text zu popularisieren. Siehe hierfür Hoffmann 1996: S. 14f.

76 Fuchs u.a. 1998: S. 37.

77 Siehe hierfür Kramer 1976, dessen Artikel deutlich den Einfluss der Geschichtswissenschaft zeigt, die sich auf die Erforschung von Alltagskultur konzentriert.

78 Hoffmann 1976.

79 Hoffmann 1996: S. 15.

80 Siehe hierzu einen Redebeitrag von Detlef Hoffmann im Rahmen einer Podiumsdiskussion zur Moderne und Postmoderne in Geschichtsmuseen, in: Hölscher u.a. 1993: S. 111-116.

81 Hölscher u.a. 1993: S. 112.

82 Nach Graf (1996) wurden in dieser Zeit Inszenierungen zum „beliebtesten Gestaltungsmittel in Museums­ausstellungen“ (S. 34).

83 Hoffmann 1996: S. 18.

84 Fuchs u.a. 1998: S. 37. In diesem Zusammenhang wird auch die „Redimensionierung“ von Objekten dis­kutiert, die auch auf die Eigenschaft von Exponaten als Fragmente zielt.

85 Siehe hierzu Korff (1996): die Alltagsgegenstände sind „ästhetisch ohne Eigenwert“ und wurden daher in „gestaltenden Arrangements“ gezeigt (S. 71).

86 Diese Überlegungen waren so auch Antworten auf einen Trend in dieser Zeit, dem „Argumentationskultus“, dem „Imperativ der intellektuellen Lektion“ kritisch zu begegnen (Korff 1988: S. 18).

87 Korff (1988) beobachtet nicht nur diese Musealisierung des Popularen, sondern fordert auch eine Popula­risierung des Musealen, also eine Informations- oder Wissensvermittlung über Museen und Ausstellungen, die an breite Bevölkerungskreise gerichtet ist. Diese Möglichkeit sieht er insbesondere in lokalen und regionalen Museen gegeben.

88 Korff 1988: S. 12.

89 Im Zeitraum zwischen Herbst 1989 und Oktober 1990 wurden Objekte der Alltagskultur in der DDR gesammelt, von denen man annahm, dass sie bald verschwinden würden; in diesem Fall könnte man also sogar von einer Musealisierung der Gegenwart sprechen. Vergleiche dazu Flacke 1993.

90 Siehe zu diesem“ Verlangen nach Geschichte“, das durch Museen gestillt wird, auch Flügel 1992: S. 8. In diesem Zusammenhang wird auch Heimat hinsichtlich ihrer Geschichte definiert; in Museen führt dies oft zur Präsentation von Alltagsgegenständen, die durch diesen Ansatz historisch aufgewertet werden; man spricht hier auch von einer „Auratisierung des Banalen“. Siehe dazu Köstlin 1996b: S. 323.

91 Siehe zu den Begriffen Historismus und Traditionalismus Assion 1986; zum Phänomen der Musealisierung Korff 1988, der auf die Kritiken dieses Phänomens durch Lübbe, Luhmann und Jeudy eingeht und insgesamt wegen der „aufklärerischen Potentiale der Popularisierung“ (S. 19) zu einer positiven Beurteilung kommt; siehe außerdem Zacharias 1990. Zur Kritik an der Kompensationsthese siehe Scharfe 1992.

92 Hölscher u.a. 1993: S. 112f. Hoffmann (1976) schlägt hier vor, nicht mehr das geplante Lernen in einer Aus­stellung anzuvisieren, sondern vielmehr die Freude an Assoziationen und Querverbindungen zu wecken ver­suchen; statt davon auszugehen, dass es einen richtigen Weg zur Erkenntnis gibt, sollten sich Museen der „Lust der Überinformation“ hingeben (S. 115).

93 Siehe zu solchen Untersuchungen und ihrer Bewertung Treinen 1996, der meint, dass „selbst das aufmerksame Lesen objektbegleitender Texte [...] für den Großteil der Betrachter in der dafür aufgewendeten Zeit kaum mög­lich“ ist (S. 117). Das Fazit dieser Erkenntnisse besteht für Treinen darin, dass Museumsbesuche zu einem „symbolischen Bezugspunkt für Unterhaltungen und Gespräche“ werden müssen, damit ein Lerneffekt durch mehrfaches Besprechen mit anderen Interessierten eintritt; dies ist jedoch nur denkbar, wenn „Diskussionen über Museumsbesuche einen hohen Prestigewert haben“ (S. 120).

94 Siehe Graf (1996) zu dieser Rückkehr „zum Original als dem eigentlichen Kernstück jeder Museumsausstel­lung“ (S. 36).

95 Die „Potentiale der sinnlichen Erkenntnis“ wurden erst durch den postmodernen Diskurs entdeckt, wodurch die „Ästhetik als Vermittlungsform“ in den Mittelpunkt von Ausstellungskonzeptionen geriet. (Hölscher u.a. 1993: S. 119).

96 Siehe Bönisch 1997; Göttsch 1992; Korff 1992.

97 Bätz / Gößwald 1988.

98 Bätz (1988) wirft der Alltagsgeschichtsforschung u.a. eine begriffliche Unschärfe vor; Heimat versteht er als einen konkreten Lebensraum, der ständig neu geschaffen und im alltäglichen Umgang angeeignet wird.

99 Siehe hierzu Kolland 1988.

100 Zur Rolle des Menschen in der Ausstellungsarbeit siehe Gößwald 1993; zum Begriff des sozialen Gedächt­nisses Gößwald 1991.

101 Foerster 1993a.

102 Siehe zur Aufwertung der Provinz Loibl (1999), der die Museen in diesem Zusammenhang als „Reliquien­schrein der Lokalüberlieferung“ bezeichnet (S. 125).

103 Lakämper-Lührs 1993.

104 Siehe für eine „Verteidigung“ kleinerer Museen und ein Plädoyer für eine gründliche Analyse bestehender Konzepte Burckhardt-Seebass 1993; die Autorin weist außerdem darauf hin, dass es bei der Diskussion von Neukonzeptionen wichtig sei, empirische Erfahrungen bereits bestehender Konzeptionen zu analysieren und zu berücksichtigen.

105 Zu diesem Argument siehe Beutelspacher (1993): Regionalmuseen können „sehr viel näher an den Leuten argumentieren“ (S. 80).

106 Dies kann, je nach Definition von Museum, auch bedeuten, vom Konzept eines Museums, wenn dies eine eher statische Einrichtung assoziiert, abzurücken und eher von einer demokratischen Stadtteilarbeit oder Geschichtswerkstatt zu sprechen. Siehe hierzu Nikitsch 1992: S. 105f.

107 So wird „eine längst überfällige intensive Auseinandersetzung und Umsetzung von handlungsorientierten ganzkörperlichen Vermittlungsformen“ gefordert als ein „neues gesellschaftsrelevantes didaktisches Prinzip“ in Museen; siehe dazu Wiese (1999, hier S.91f.), die darauf hinweist, dass eine solche Auseinandersetzung auch innerhalb der Diskussion um das „marktorientiert[e] und wettbewerbsfähige“ Museum in der heutigen Freizeit­gesellschaft notwendig ist.

108 Wiese 1999: S. 96.

109 Siehe für eine Zusammenfassung des Colloquiums „Stadtgeschichte und Entwicklung des neuen Berlin – Stand und Funktion der Stadtgeschichtsforschung“ Grzywatz 1990.

110 Siehe dazu die Dokumentation dieser Tagung, herausgegeben von der Fachgruppe Stadt- und Heimatgeschichtliche Museen im Deutschen Museumsbund 2001.

111 Steen 2001; siehe zur Diskussion des Heimatbegriffs vor allem Auer / Steen 2001 sowie die Dokumentation der anschließenden Diskussion.

112 Fülberth 1988. Die Methodik der „neuen“ Alltagsgeschichte solle sich an der Methodik der Mikrohistorie orientieren: historische Details sollen rekonstruktiv vernetzt werden, um so Zusammenhänge und Brüche zwischen Denkbildern und Deutungsweisen aus der Geschichte zu zeigen. Siehe dazu Lüdtke 1989.

113 Dieser historische Ansatz zielt vor allem auf die Erforschung schichten- und klassenspezifischer historischer Lebensweisen, die innerhalb der Ethnologie nicht immer eine zentrale Rolle spielt; der wichtigste Einfluss der Ethnologie auf die Geschichtswissenschaft ist hier der „genaue Blick“, der die Logik des (alltäglichen) Lebens zeigen soll. Siehe dazu Medick 1989. Auf den Einfluss der Ethnologie und Sozialanthropologie, vor allem deren Verständnis von Kultur, auf neue analytische Schwerpunkte innerhalb der Alltagsgeschichtsforschung weist auch Hardtwig hin (1994: S. 20).

114 Siehe für eine Besprechung dieser Punkte Hardtwig 1994: S. 21-24.

115 Siehe hierzu Kocka 1994.

116 Lauterbach 1985: S. 267.

117 Foerster 1993a.

118 Siehe zur Konzeption des Hauses der Geschichte Schäfer 1993, zum Alltagsbegriff insbes. S.48-50.

119 Dicks 2000: S. 61f.

120 Siehe zum Zusammenhang Arbeiterkultur und Alltagsgeschichte Mühlberg 1990: S. 127 sowie Wirtz 1990: S. 127. Eine Zusammenfassung einer internationalen Fachtagung in Berlin 1990, die sich mit diesem Thema beschäftigte, liefert Gröschel (1990). Siehe zur Forschung über Arbeiterkultur auch Ansorg 1990: S. 56f.

121 Einen Überblick über diese Geschichte gibt Mühlberg (1990: S. 11ff.), der ausführlich auf die Arbeiterkultur- bzw. Arbeiterbewegungskulturforschung in der DDR und ihre Darstellung in Museen eingeht. Auf eine beson­dere Schwierigkeit bei der Darstellung von Arbeiterkultur weist Böhm (1990) hin: da Arbeiter ihre Gegenstände meist so nutzen, dass sie nach dem Gebrauch nicht aufbewahrt werden, sei es schwierig, Objekte der Arbeiter­kultur zu sammeln.

122 Faulenbach 1990: S. 36.

123 Wirtz 1990: S. 128f.

124 Faulenbach 1990: S. 39. Faulenbach trennt z.B. zwischen Arbeiter- und Volkskultur und geht dabei auch von verschiedenen Identitäten aus, die miteinander konkurrieren und sich wandeln können.

125 Beutelspacher 1993: S. 79.

126 Loibl (1999) meint gar, dass Provinzmuseen „in die Aufbereitung von Alltagskultur flüchten“ (S. 135) Korff (1993b, hier S. 159) stellt dazu fest, dass der Alltagsbegriff Mitte der siebziger Jahre „zunächst aus guten Gründen“ zu einer der wirksamsten Leitideen der Museumsarbeit geworden ist, da er „an die Stelle des teils korrumpierten, teils abgenützten Prinzips Heimat treten konnte“ (S. 158). Siehe zur Kritik am Alltagsbegriff auch Korff 1993c.

127 Siehe für einen Überblick Steen 1998, für die Ergebnisse einzelner Arbeitsgruppen Berger u.a. 1998, insbesondere S. 39-43.

128 Siehe für eine Dokumentation dieser Tagung: Fachgruppe Stadt- und Heimatgeschichtliche Museen im Deutschen Museumsbund 1998.

129 Berger u.a. 1998; die Fachgruppe wollte „gesellschaftlich sanktionierten Generalisierungen und Deutungs­konflikten“ entgehen ( S. 39).

130 Lebenswelt bedeutet „das Leben in seiner Gesamtheit und Vielfältigkeit“ (Berger u.a. 1998: S. 39).

131 Nach der Definition der Fachgruppe bedeutet Lebenswelt die „uns umgebende, unmittelbar präsente, aus vertrauten Situationen und Konstellationen bestehende Welt. Die Lebenswelt ist durch ihre Präsenz gültig, unabhängig davon, ob wir uns heimisch fühlen oder nicht“ (Fuchs u.a. 1998: S. 23).

132 Fragmente stammen aus „Vorwelten gegenwärtiger Lebenswelt“ (Berger u.a. 1998: S. 40).

133 Innerhalb des Museumsmodells wird die Erforschung der Eigenschaften von Fragmenten ebenso wichtig sein wie ihre spätere Interpretation. Nur durch Forschung über materielle Kultur, die sich auf die Materialität, die Form oder Ästhetik der Gegenstände sowie die Intentionen des Produzenten richtet, werden die Eigenschaften von Fragmenten erst erschlossen und können bei der folgenden Interpretation bzw. bei der Präsentation von Objekten berücksichtigt werden.



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31.08.2004