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4.  Diskussion des Heimatbegriffs

Der Heimatbegriff wird vor allem innerhalb der Volkskunde / Europäischen Ethnologie und der Geschichtswissenschaft diskutiert. Dabei geht es sowohl um die historische Entwicklung des Verständnisses von Heimat als auch um die Beschreibung des Begriffs in der heutigen Gesellschaft. Vor dem Hintergrund der Globalisierung werden innerhalb der Ethnologie und Soziologie theoretische Modelle entwickelt, die den Begriff Heimat nicht explizit erwähnen, aber dessen Diskussion ergänzen und erweitern.

Der interdisziplinäre Ansatz ist notwendig, weil die Berliner Heimatmuseen sich in ihrer inhaltlichen Ausrichtung und in ihrer historischen Entwicklung sehr voneinander unterscheiden. Einige der Museen thematisieren Heimat explizit, andere vermeiden bewusst diesen Begriff. Dementsprechend muss auch der Begriff Heimat in seiner inhaltlichen Breite diskutiert und nicht einseitig ausgerichtet werden.

4.1. Geschichte der Heimatforschung

Die Geschichte des Heimatbegriffes und damit die Geschichte der Heimatbewegung ist nicht nur ein Thema der europäischen Ethnologie oder Soziologie, sondern auch der Geschichtswissenschaft. Gerade in den neunziger Jahren erschienen eine Reihe historischer Studien, die Heimat als einen zentralen Aspekt der deutschen Geschichte verstehen.134 Historische Studien machen außerdem deutlich, dass der Begriff Heimat unterschiedlich definiert und instrumentalisiert wurde. Dies hat auch für die Analyse des heutigen Begriffs eine große Bedeutung, da das heutige Heimatverständnis immer auch eine Interpretation seiner Geschichte ist.135

Eng mit dem Begriff Heimat verbunden war im 18. und 19. Jahrhundert der Begriff Heimatrecht. Dieses Recht bezog sich zunächst auf einzelne Gemeinden und gewährte die Ausübung eines Gewerbes bzw. die Unterstützung aus örtlichen Kassen; allgemein gesprochen bedeutete das Heimatrecht das Recht, sich an einem bestimmten Ort niederzulassen. Der Versorgungsanspruch, den das Heimatrecht also darstellte, war allerdings auf bestimmte Teile der Bevölkerung beschränkt, nämlich auf diejenigen, die einen gewissen Besitz vorzuweisen hatten und Steuern und Abgaben zahlen konnten. So waren z.B. Tagelöhner und andere Besitzlose vom Heimatrecht ausgeschlossen.136

Das Heimatrecht war zunächst eng verbunden mit einem festen Wohn- und Arbeitsort, der in den meisten Fällen mit dem Geburtsort zusammenfiel. Im Laufe des 19. Jahrhunderts erforderte die wirtschaftliche Entwicklung jedoch eine immer größere Mobilität; das alte Heimatrecht entsprach immer weniger der gesellschaftlichen Realität. Es wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch das Prinzip des Unterstützungswohnsitzes abgelöst, nach dem man von der Wohngemeinde, in der man sich mehr als zwei Jahre aufgehalten hatte, unterstützt wurde und nicht mehr von der Gemeinde des Geburtsorts.

Dieser Aspekt von Heimat, nämlich die sozialen und sozialpolitischen Rahmenbedingungen, unter denen Menschen überhaupt erst eine Heimat zusteht, spielt in den heutigen [Seite 33↓]Diskussionen um den Begriff kaum eine Rolle. Ein Heimatbegriff, der die gegenwärtige gesellschaftliche Situation berücksichtigt und beschreibt, spiegelt auch Wohn- und Arbeitsbedingungen von Menschen wider. Die erhöhte Mobilität, die im 19. Jahrhundert im Zuge der Industrialisierung einsetzte und heute das gesellschaftliche Leben stark prägt, bringt es z.B. mit sich, dass Menschen zwei oder mehr Heimaten für sich definieren. Voraussetzung dafür, das macht der Blick auf die Geschichte des Heimatrechts deutlich, sind politische Rahmenbedingungen, die solch eine Bildung mehrerer Heimaten erst ermöglichen. Auch heute ist dies mit der wirtschaftlichen Situation von Menschen verbunden, hängt aber auch von anderen Faktoren ab.

Die Erforschung der Geschichte des Heimatrechts spielt innerhalb der Volkskunde auch eine Rolle bei der Analyse des heutigen Heimatbegriffes; hier sucht man teilweise Parallelen in der Geschichte. So wird das Heimatbewusstsein, das sich in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gebildet hat und mit „Demokratie vor Ort“ beschrieben werden kann, als eine Neuformulierung des Heimatrechts interpretiert, wie es im 18. und 19. Jahrhundert bestand. Der Begriff Heimat wurde u.a. innerhalb verschiedener gesellschaftskritischer Bewegungen populär; Heimat wurde als Aufgabe, als Anspruch und als Heimatrecht neu verstanden.137

Nach der Umformulierung des Heimatrechts wurde dieses im Laufe des 19. Jahrhunderts immer mehr Menschen zugesprochen und bildete kein Privileg mehr für bestimmte Bevölkerungsgruppen. Der Begriff Heimat wurde so immer weniger mit einem bestimmten Recht assoziiert, sondern immer mehr mit einer Idee, einem Bild. Parallel zu der Entwicklung des Heimatrechts werden in der Forschung für das 19. Jahrhundert verschiedene Heimatbilder festgestellt. Zum einen diente der Heimatbegriff innerhalb der Heimatbewegung Ende des 19. Jahrhunderts als Begründung, eine Landflucht zu vermeiden; der Begriff wertete das Leben auf dem Lande auf. Zum anderen bestand eine zweite Motivation der Heimatbewegung in einer Gegenbewegung zum Internationalismus; Vorstellungen über Heimat waren mit einer Orientierung an der eigenen Nation verbunden und standen im engen Zusammenhang mit dem Begriff des Vaterlandes. Diese nationale Ausrichtung bedeutete auch, dass soziale Gegensätze in der Gesellschaft durch ein übergreifendes Identifikationsmuster überdeckt wurden; Heimat diente somit auch zur Konfliktvermeidung.138

Die Heimatbewegung, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ihren Anfang nahm, war vor allem eine Bewegung des Bürgertums und widmete sich verschiedenen Themen im Zusammenhang mit dem eigenen regionalen und lokalen Lebensumfeld. Ein solches Thema war auch der Naturschutz, dessen Ursprung in der Heimatschutzbewegung liegt.139 Das wichtigste Anliegen der Heimatschutzbewegung war die Erhaltung der deutschen Landschaft für das deutsche Volk. In der Ideologie dieser Bewegung sind sowohl deutschnationale als auch völkische Gedanken zu erkennen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Ideologie der Heimatschutzbewegung problemlos von den Nationalsozialisten vereinnahmt werden konnte: sowohl der Natur- als auch der Heimatschutz hatten sich selber „nazifiziert“, so dass eine Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten eher einen formalen Akt darstellte.140

Der Heimatbegriff spielte auch innerhalb der völkischen Bewegung eine Rolle, die ihren Anfang im letzten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts hatte. Die Schlüsselbegriffe dieser Bewegung wie Volk, Rasse und Religion, spiegelten sich in antisemitischen oder an [Seite 34↓]Rassenideen orientierten Publikationen und Gedanken zur Reinheit der deutschen Sprache wider.141 Mit dem Begriff Heimat wurde innerhalb dieser Bewegung das Zusammenleben eines Volkes bzw. einer Rasse mit der Natur verstanden.142 Dabei stand Natur für eine bestimmte Landschaft, in der das Volk seine Wurzeln hat und somit seine Identität besitzt. Dieser Heimatbegriff richtete sich dabei auch gegen die Großstadt, in der nach der völkischen Ideologie eine natürliche Lebensweise unmöglich war.

Die Heimatschutzbewegung als ein Teil der Heimatbewegung wird in der Literatur jedoch nicht nur als eine durch deutschnationale und völkische Gedanken geprägte Bewegung bewertet. Eine Analyse des Heimatbegriffes innerhalb der Heimatschutzbewegung zeigt ein Verständnis von Heimat, das nicht nur auf eine Volkstums-, Deutschtums- oder Germanen­ideologie verweist.143Zudem wird in der neueren Forschung darauf hingewiesen, dass der Heimatschutz nicht allein als reaktionäre Verteidigung der bestehenden gesell­schafts­politischen Ordnung bewertet werden kann; so haben Anhänger der Heimatschutzbewegung auch die negativen Folgen der Industrialisierung und des Kapitalismus kritisiert.144

Zwar repräsentiert die Heimatschutzbewegung nur eine von vielen Heimatkonzepten in der Zeit um die Jahrhundertwende, doch wird sie als eine der wichtigsten und kohärentesten Bewegungen bewertet, die ein Heimatkonzept entwickelte.145 Der Heimatbegriff dieser Bewegung, die offiziell im Jahr 1904 mit der Gründung des Heimat­schutzbundes ihren Anfang nahm, gründete in idealistischen und ästhetischen Traditionen der Bourgeoisie des 19.Jahrhunderts, von denen zwei besonders prägend waren: die romantische Tradition der Begeisterung für die Natur und ethische Vorstellungen über Nation. In der Praxis äußerte sich dieses Heimatverständnis in dem Engagement, größere Ensembles zu schützen, seien es historische Stadtansichten und Straßenzüge oder bestimmte Landschaften. Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit lag in der Bildungsarbeit, die sich an die gesamte Bevölkerung richtete.146 Erstmals wurden so in der Heimatschutzbewegung Naturschutz, Denkmalpflege und Volkstumspflege zusammengeführt.147

Vom Naturschutz unterschied sich die Heimatschutzbewegung insofern, dass nicht nur einzelne herausragende Landschaften geschützt werden sollten, sondern im Prinzip alle Landschaften.148 Im Hintergrund stand dabei die Idee einer größeren Gemeinschaft; auf der einen Seite sollte der einzelne Mensch ermutigt werden, seine unmittelbare Umgebung mitzugestalten, auf der anderen Seite sollte sich das Individuum in eine nach bestimmten ästhetischen Gesichtspunkten gestaltete Gemeinschaft integrieren.149


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Ein weiteres Kennzeichen der Heimatbewegung war das Bild vom Landleben, das gegenüber dem Leben in der Stadt als ideal angesehen wurde. Dabei spielten nicht nur Vorstellungen über eine ideale Landschaft eine Rolle, sondern auch ein spezifisches Gesellschaftsbild, das den Bauern als den Bewahrer wichtiger Traditionen ansah. Angesichts der zunehmenden Modernisierung des Agrarsektors waren diese Vorstellungen einer idyllischen bäuerlichen Gemeinschaft jedoch realitätsfern und stellten eher eine Utopie als ein Spiegelbild der Wirklichkeit dar.150 Aus einem bürgerlichen, gebildeten Blickwinkel heraus entstand eine Vorstellung vom Leben eines Bauern, das als ideale Gesellschaftsform interpretiert wurde.151

Eine kritische Betrachtung der Heimatbewegung kommt zu folgenden Charakteristika des Heimatbegriffes: der Begriff wird von jeder Generation aufgrund ihrer Bedürfnisse neu definiert; dies macht deutlich, dass Heimat ein subjektiver und individueller Begriff ist; er wird vor allem mit Sehnsucht und Geborgenheit verbunden und ist damit auch sehr emotional geprägt. Aufgrund der Geschichte des Heimatbegriffes stellt dieser auch eine Herausforderung an aktuelles Handeln dar, das sich in historischen Strukturen bewegt, dabei aber auch zukunftsgerichtet ist.152

Die Entwicklung des Heimatbegriffes nach 1900, insbesondere während und nach der Zeit des Nationalsozialismus, wurde auch anhand der Heimatfilme untersucht, die vor allem in den fünfziger Jahren sehr populär waren und in großer Zahl gedreht wurden. Während des Nationalsozialismus wurde die Agrarromantik, die den Heimatbegriff in der Zeit um die Jahrhundertwende charakterisierte, weiter geführt. Das bäuerliche Leben wurde als der Inbegriff des traditionellen Lebensstils idealisiert; gleichzeitig wurde das fremde und städtische Leben als der Ursprung moralischen Verfalls dargestellt. Die Blut und Boden-Mythologie der Nationalsozialisten wurde in Filmen wie „Die goldene Stadt“ (1942) durch eine starke Bindung zwischen den einzelnen Menschen und einem bestimmten geo­graphischen Ort deutlich; diese Verbindung und das damit verbundene Gefühlt der Sicherheit wurde oft auch „Heimatbindung“ genannt.153

In den Heimatfilmen der fünfziger Jahre wurde diese Bindung des Menschen an seine Umwelt auf andere Weise dargestellt und spiegelte so auch ein verändertes Verständnis von Heimat wider. Die Beziehung des Menschen zu seiner Heimat wird hier nicht mehr primär als eine Bindung an einen geographischen Ort, sondern an eine soziale Umwelt dargestellt. Das Gefühl der Sicherheit, das mit dem Heimatbegriff immer noch stark assoziiert wird, drückt sich nicht mehr in der Beziehung zwischen Mensch und Ort, sondern zwischen Mensch und Mensch aus. Auf diese Weise werden z.B. im Film „Grün ist die Heide“ (1951) auch Obdachlose im Heimatfilm als Menschen mit einer Heimat, also keineswegs heimatlos dargestellt.154 Hier sind also die sozialen Bindungen wichtig, der geographische Ort bietet lediglich die Möglichkeit für das Eingehen neuer Beziehungen.


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Gleichzeitig wird Heimat in den fünfziger Jahren als ein Kompromiss zwischen Tradition und Moderne, zwischen dem Vertrauten und dem Fremden, verstanden. Das oder der Fremde steht nicht mehr der Heimat gegenüber, sondern wird in die Gemeinschaft integriert. Diese Inte­gration setzt jedoch voraus, dass sich Menschen in ein bestehendes System sozialer Beziehungen einfügen; die Integrität der bestehenden sozialen Gemeinschaft wird von neu hinzugekommenen Menschen nicht nur respektiert; eigene, persönliche Gefühle werden als zweitrangig betrachtet, die Integration in die Gemeinschaft, die eine neue Heimat darstellt, verlangt die Unterordnung in ein bestehendes System sozialer hierarchischer Beziehungen, das nicht in Frage gestellt wird und nicht veränderbar ist. Dieses Ideal der Integration spiegelt die konservativen sozialen Normen dieser Zeit wider.155 Die Darstellung der Heimat als „heile Welt“ wird auch dadurch ermöglicht, dass in den Heimatfilmen keine Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte stattfindet.

4.2. Jüngste Diskussionen des Heimatbegriffs

Die in den achtziger und neunziger Jahren erschienen Studien zu Heimat, seien es historische oder kulturwissenschaftliche Analysen, lassen erkennen, dass Heimat insgesamt als ein viel­schichtiges Phänomen verstanden wird; der Begriff wird entweder aus historischer Perspektive betrachtet, wobei vor allem eine zeitliche Kontinuität des Begriffes, allerdings mit wechselnden Bedeutungen, festgestellt wird, oder als ein gegenwärtiger kultureller Prozess bewertet, der vor allem mit Identitätsfragen zu tun hat, sowohl auf lokaler Ebene als auch im Rahmen von Nationalstaaten.156

In den letzten zwei Jahrzehnten begann man vor allem innerhalb der Volkskunde, den Heimatbegriff historisch aufzuarbeiten und auch auf gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungen einzugehen.157 So wurde Heimat in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts nicht als Identifikationsmuster mit nationaler Ausrichtung verstanden, sondern als ein Lebenszusammenhang im regionalen Bereich.158 Heimat wurde nicht mehr als Kulisse gesellschaftlichen Handelns interpretiert, d.h. Heimat wurde nicht mehr festgemacht an Äußerlichkeiten; vielmehr wurde Heimat als ein Element aktiver Auseinandersetzung, als Beschreibung einer Identität begriffen. Deutlich wurde festgestellt, dass der Heimatbegriff aktuell ist und sich auf alltägliche Lebensmöglichkeiten bezieht.

Diese aktive Auseinandersetzung in Verbindung mit einem neuen Heimatbegriff wurde in den achtziger Jahren vor allem als Reaktion auf gesellschaftliche Veränderungen angesehen. Die nachindustrielle Entwicklungsphase brachte einen Wandel der Wertordnungen mit sich, der auf verschiedene politische und wirtschaftliche Veränderungen zurückgeführt wurde: die Regionalisierung von Nationalstaaten, d.h. der Trend zu einer Politik des kleinen Raumes; der Strukturwandel der Gesellschaft vor allem durch das Anwachsen des Dienstleistungssektors; eine Suche nach ökologisch tragbaren Lösungen in Wirtschaft, Raumordnung und Städtebau; ein wachsendes Umweltbewusstsein in der Bevölkerung und andere Faktoren. All diese Entwicklungen trugen zu einem neuen Heimatgefühl bei. Dies zeigte sich auch z.B. in einer [Seite 37↓]wachsenden Kritik am Städtebau und dem Bestreben, die eigene Stadt als Heimat zu definieren;159 es wurde festgestellt, dass auch urbane Räume und Großstädte Heimat werden können.

Die schon oben erwähnte wachsende Mobilität der Gesellschaft wurde in den achtziger Jahren als eine Ursache dafür erkannt, dass Heimat immer seltener mit dem Geburtsort zusammenfällt. Vielmehr sprach man von einer Wahlheimat oder auch von mehreren Heimaten; diese sind oft Urlaubsorte, die regelmäßig aufgesucht werden, oder auch Kleingärten, Wochenendhäuser und Campingparzellen.160

Betont wurde auch oft die Möglichkeit, dass nicht nur Dörfer oder bestimmte Landstriche, sondern insbesondere auch Städte eine Heimat für Menschen darstellen können. Dabei spielen sowohl Erinnerungen an Ereignisse aus der eigenen Biographie für die Stadtbewohner eine große Rolle als auch Ortssymbole wie prominente Gebäude, die Forschungen als notwendige Markierungen der Identität eines Ortes erkannten.161

Heute wird innerhalb der Volkskunde Heimat unter zwei Gesichtspunkten diskutiert: zum einen stellt man fest, dass Heimat mit Lokalem assoziiert wird; Heimat ist somit auch Ausdruck territorialer Identitäten unterschiedlicher Ausrichtung und integriert diese verschiedenen Identitäten. Zum anderen verbinden viele Menschen Heimat mit Begriffen wie Vaterland und Nation, wobei Heimat Intimität ausdrückt.162 Eine dritte Möglichkeit, Heimat zu verstehen, wird ebenfalls in jüngster Zeit wissenschaftlich betrachtet: dabei wird auf der einen Seite die Region, in der man lebt, als Heimat bezeichnet, wodurch die Region als Bezugspunkt eine Aufwertung erfährt. Auf der anderen Seite sammeln Menschen ebenso wichtige Erfahrungen außerhalb dieser Region und integrieren diese Erfahrungen in das Leben in der Heimat. Heimat ist somit auch Ausdruck einer Spannung zwischen dem Wunsch, innerhalb festgelegter Grenzen zu leben, und dem Wunsch, diese Grenzen zu überschreiten.163

Dabei ist Heimat in jedem Fall Ausdruck einer aktiven Auseinandersetzung mit lokalen oder überregionalen Themen; Heimat besteht nicht von selbst, sondern muss erst geschaffen oder angeeignet werden. Der Heimatbegriff steht damit auch für ein Zukunftsprojekt.164

Innerhalb der Volkskunde / Europäischen Ethnologie wurde auch festgestellt, dass Heimat seit den siebziger Jahren vor allem mit einer bestimmten Region, einer überschaubaren Nahwelt assoziiert wird. Regionale Kulturen wurden zu einem wichtigen Forschungsfeld. Dabei wurde festgestellt, dass die Regionalisierung von Kultur nicht immer historisch zu betrachten ist; vielmehr wird ein kultureller Raum durch Menschen künstlich begrenzt, wobei einzelne kulturelle Phänomene des Raumes als typisch für die Region interpretiert werden.165


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Auch wenn innerhalb dieser Forschungen das Thema Heimat nicht explizit erwähnt wird, so wird doch deutlich, dass der neue Heimatbegriff, wie er seit den achtziger Jahren in der Volkskunde und Geschichtswissenschaft definiert wird, im Rahmen der Regionalisierung von Kultur zu betrachten ist, da es in beiden Fällen um eine aktive Auseinandersetzung mit Kultur und Geschichte des eigenen, regional begrenzten Lebensraums geht. Ein anderer Aspekt der Regionalisierung ist der Wunsch, innerhalb einer immer unübersichtlich werdenden Welt eine Orientierung zu finden, oft die Suche nach einem Ort der Vertrautheit.166

Betrachtet man die Heimatforschung insgesamt, so wird deutlich, dass Heimat heute unterschiedlich definiert und gebraucht wird, im wesentlichen aber mit einem bestimmten geographischen Raum verbunden wird. Dieser Raum wird aktiv gestaltet bzw. sich angeeignet und wird damit zu einem Ort der Vertrautheit. Angesichts einer unübersichtlichen Lebenswelt dient dieses Gestalten einer Heimat der Orientierung und der Identitätsfindung.

Um die Kultur einer Region, also eine bestimmte Heimat, die durch ein entsprechendes regionales Museum repräsentiert wird, beschreiben zu können, müssen die verschiedenen Möglichkeiten der Gestaltung und Aneignung eines geographischen Raums genauer betrachtet werden. Eine Heimat zeichnet sich u.a. dadurch aus, dass verschiedene Lebensweisen vieler Menschen Einfluss auf die Gestaltung von Heimat nehmen. Zudem müssen auch mögliche äußere Einflüsse berücksichtigt werden, wie sie vor dem Hintergrund der Globalisierung zu beobachten sind.

4.3. Heimat vor dem Hintergrund der Globalisierung

Seit den achtziger Jahren wird das Phänomen der Globalisierung im Zusammenhang mit der Entstehung und Veränderungen verschiedener lokaler Kulturen analysiert. Dabei wird der Versuch unternommen, globale Strukturen und lokale Phänomene gleichzeitig zu unter­suchen, so dass der gegenseitige Einfluss globaler und lokaler Prozesse deutlich wird.

Innerhalb der Diskussion über Globalisierung werden eine Reihe von alten Konzepten und Begriffen aus der Soziologie und Ethnologie überdacht bzw. neue Begriffe geprägt; es soll im Folgenden nicht ausführlich auf alle Aspekte der Diskussionen eingegangen werden, weil das Phänomen der Globalisierung nicht Thema dieser Arbeit ist. Vielmehr sollen einige wenige Begriffe herausgearbeitet werden, die für das Verständnis von Heimat in der heutigen Zeit hilfreich sind. Es sind dies die Begriffe glocality bzw. locality sowie socioscape bzw. sociosphere .

Für den Heimatbegriff hat die Diskussion von glocality, locality, socioscape bzw. sociosphere eine fundamentale Bedeutung aus mehreren Gründen: Erstens kann das Phänomen Heimat innerhalb einer Großstadt schon aufgrund des hohen Anteils von Migranten an der Bevölkerung nicht als ein rein lokales Phänomen betrachtet werden; zweitens geht es hier um eine theoretische Diskussion des Begriffes Heimat; da dabei ein interdisziplinärer Ansatz verfolgt wird, werden auch Überlegungen innerhalb der Ethnologie und Soziologie, die sich nicht explizit mit dem Heimatbegriff, aber mit vergleichbaren kulturellen und sozialen Phänomenen auseinandersetzen, berücksichtigt; drittens wird auch die Bedeutung der Museen selbst innerhalb eines lokalen kulturellen Raumes analysiert; hierbei geht es um die Frage nach der Institution­ali­sierung kultureller Prozesse, die innerhalb der Erforschung von [Seite 39↓]Globalisierung eine Rolle spielt. Zunächst werden jedoch die Diskussionen um Globalisierung zusammengefasst, um den theoretischen Hintergrund dieser Begriffe zu zeigen.

So sehr die Auffassungen über die Geschichte und die Funktion der Globalisierung auch auseinanderlaufen, in einem Punkt ist man sich weitgehend einig: Globalisierung führt nicht zu einer Vereinheitlichung der soziokulturellen Welt, sondern im Gegenteil zur Herausbildung vieler verschiedener Lebensweisen. Genauer gesagt bestehen heute nicht nur die Möglichkeiten (z.B. durch moderne Kommunikationsmittel oder global operierende Institutionen und Organisationen), sich eigene Lebensweisen an jedem beliebigen Ort zu schaffen, sondern es lässt sich auch der Wunsch nach einer solchen kulturellen Vielfalt beobachten. Darüber hinaus gehen die meisten Theoretiker davon aus, dass man bei allen sozialen und kulturellen Tätigkeiten die Welt als eine (soziale) Einheit betrachtet, d.h. die Menschen sind sich ihrer Position und Bedeutung innerhalb der „globalen Gesellschaft“ bewusst; gleichzeitig werden andere Kulturen wahrgenommen und toleriert. Man geht also davon aus, dass heute nicht mehr die (alte) Sichtweise einer „Einheitswelt“, die durch westliche Werte bestimmt wird, im Vordergrund steht, sondern die Gleichheit verschiedener Kulturen. Die Welt wird als ein zusammenhängendes soziokulturelles System betrachtet, das aus einer großen Anzahl verschiedener Kulturen besteht; diese Verschiedenheit ist dabei das Ergebnis der Globalisierung.167

4.3.1. Definition des Begriffs Globalisierung

Seit Beginn der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts spricht man von einer Globalisierungsdebatte vor allem innerhalb der Soziologie; sie wird als Nachfolgerin der Debatten um die Moderne und Postmoderne gesehen und bezieht sich v.a. auf den sozio-kulturellen Wandel der Gesellschaft. Auch in anderen wissenschaftlichen Bereichen wird das Thema Globalisierung je nach Ausrichtung als wirtschaftliches, politisches oder ökologisches Phänomen thematisiert. So ist von der Globalisierung auch als einem multidimensionalen Prozess die Rede, wobei verschiedene Arten der Globalisierung unterschieden werden. Diese reichen von Handelsbeziehungen über religiöse Organisationen und Informationsnetzwerke zu transnationalen Banken, internationalen Institutionen und sozialen Bewegungen.168

Innerhalb der Debatte werden nicht nur verschiedene gesellschaftliche Bereiche untersucht, sondern auch unterschiedliche Begriffe verwendet, um das Phänomen Globalisierung zu beschreiben. Im Englischen werden die Termini globalization, globality und globalism unterschieden, die hier mit Globalisierung, Globalität und Globalismus übersetzt werden. Der Begriff Globalisierung beinhaltet globale Prozesse unterschiedlichster Art auf politischer, ökonomischer oder soziokultureller Ebene. Eine Definition dieses Begriffes von einem der wichtigsten Theoretiker, Martin Albrow, zu diesem Thema umfasst sowohl individuelle als auch generelle Prozesse: demnach beschreibt Globalisierung erstens die Verbreitung von Praktiken, Werten und Technologien auf globaler Ebene, zweitens den Einfluss dieser Verbreitungen auf das Leben von Menschen, drittens die Veränderungen aufgrund dieser Einflüsse sowie viertens Aktivitäten, bei denen die Welt als Ganzes als Referenzpunkt dient; zudem umfasst der Begriff auch die Verallgemeinerung all dieser Punkte; außerdem kann der [Seite 40↓]Begriff auch einen globalen oder globalisierenden Prozess selber bedeuten oder die historischen Veränderungen beschreiben, die durch globale Prozesse ausgelöst wurden.169

Der Begriff Globalität dagegen beschreibt die Qualität von politischen, wirtschaftlichen oder soziokulturellen Prozessen, wobei hier der geographische Aspekt im Mittelpunkt steht: wichtig ist, dass die beschriebenen Phänomene sich über einen weltweiten geographischen Raum erstrecken. Globalismus schließlich bezeichnet die konkreten Aktivitäten von Menschen, die als Referenz- oder Ausgangspunkt für ihre Handlungen die gesamte Welt wählen.170

Die Debatte innerhalb der Soziologie dreht sich um zwei Hauptthemen, die beide für eine Diskussion des Heimatbegriffes interessant sind: zum einen die zentrale Bedeutung des realen und virtuellen Raumes innerhalb der Theorien, zum anderen die Erkenntnis, dass in der Anfangsphase der Globalisierung Nationalstaaten eine zentrale Bedeutung hatten bzw. bekamen, heute jedoch nicht mehr der Nationalstaat den bestimmenden Rahmen für soziales Leben setzt; vielmehr strukturieren globale Bewegungen das soziale Leben.171 Im Rahmen der Moderne- und Postmoderne-Debatten standen noch die zeitliche Abfolge bestimmter gesellschaftlicher Phänomene im Vordergrund, die sich innerhalb von Nationalstaaten beobachten lassen; jetzt bemüht man sich mehr um das Problem der (realen und virtuellen) Räume, innerhalb derer sich soziokulturelle Bewegungen vollziehen und die nicht mehr an nationale Grenzen gebunden sind.

Einer der bekanntesten Theoretiker der Globalisierung, Roland Robertson, diskutiert dieses Phänomen vor allem im Zusammenhang mit Institutionalisierung. Ein Kennzeichen der Globalisierung ist die Zunahme an Organisationen, sowohl was die Anzahl als auch deren Ausrichtungen betrifft. Man unterscheidet zwischen transnationalen, internationalen, makroregionalen, nationalen, mikroregionalen, städtischen und lokalen Organisationsformen; diese administrative Ebene wird ergänzt durch entsprechende funktionale Netzwerke von internationalen staatlichen und Nichtregierungs-Organisationen.172 Eine Institutionalisierung beobachtet Robertson in zwei Bereichen, der Universalisierung und der Partikularisierung, also gesellschaftlicher Prinzipien, die sich im ersten Fall global verbreiten und im zweiten Fall auf ein bestimmtes Gebiet beschränkt bleiben. Beide Bereiche sind eng miteinander verbunden und beeinflussen sich gegenseitig; so spricht Robertson von einer Partikularisierung des Universalismus und der Universalisierung des Partikularismus.173 Mit ersterem meint er das Phänomen, dass universelle Prinzipien konkret in einem Gebiet verfolgt werden; Ideen oder Wertvorstellungen, die eine globale Verbreitung gefunden haben, werden an einem Ort konkret verfolgt; im zweiten Fall werden lokale Ideen weltweit verbreitet. Als Beispiel nennt Robertson den Nationalismus, der also einerseits eine lokale (in diesem Falle oft staatliche) Idee ist und sich weltweit verbreitet; andererseits kann man aber laut Robertson auch argumentieren, dass der Nationalismus als allgemeine Idee weltweit existiert und durch einzelne gesellschaftliche Gruppen konkret in einem Gebiet angewendet wird. Danach sind also universalistische und partikularistische Phänomene komplementär. Damit wendet sich Robertson gegen andere theoretische Modelle, die diese als inkongruent und nicht [Seite 41↓]zusammenhängend betrachten.174 Unser heutiges Zeitalter der Globalisierung zeichnet sich nach diesem Modell dadurch aus, dass diese gegenseitige Beeinflussung von Universalismus und Partikularismus institutionalisiert ist, also in strukturierten Bahnen verläuft, die durch viele verschiedene Organisationen und Institutionen vorgegeben werden.

Für die Diskussion eines Heimatbegriffes eignet sich das Modell von Robertson nur sehr eingeschränkt, da es sich als soziologische Theorie auf gesellschaftliche Phänomene bezieht, die sich in einem größeren Rahmen abspielen als solche in einer einzelnen Stadt oder gar Stadtteilen. Interessant bei Robertson ist jedoch seine Betonung der wechselseitigen Beeinflussung von Partikularem und Universalem. Diese Tatsache verdeutlicht er anhand eines von ihm neu eingeführten Begriffes der glocality, der weiter unten aufgegriffen wird und der sich für einen theoretischen Hintergrund eines Heimatbegriffes im Zeitalter der Globalisierung eignet.

4.3.2. Locality und Glocality

Der Begriff locality dient innerhalb der Ethnologie und Soziologie zur Beschreibung kultureller Phänomene auf lokaler und regionaler Ebene. Locality wird verstanden als ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und wird innerhalb von Nachbarschaften oder Gemeinschaften erzeugt. Verschiedene Tätigkeiten wie auch Rituale innerhalb der Gemeinschaft werden so als Techniken interpretiert, die zur Produktion von locality dienen.175 Am ehesten lässt sich dieser Begriff ins Deutsche mit lokale Kultur übersetzen.

Als Beleg für das Phänomen der locality werden gesellschaftliche Veränderungen auf lokaler Ebene angeführt, die als new localism bezeichnet werden; diese lassen sich u.a. im ökonomischen, politischen und ethnischen Bereich beobachten. Diese neuen lokalen gesellschaftlichen Bewegungen unterscheiden sich von bisher bekannten Bewegungen vor allem dadurch, dass sie nicht nur auf sich selber (im geographischen Sinne) fixiert sind, sondern sich anderer Bewegungen außerhalb ihres eigenen Bereiches bewusst sind und die Interaktion mit diesen suchen, was vor allem durch die Einführung moderner Kommunikationsmittel möglich geworden ist. Der geographische Raum ist also für solche gesellschaftlichen Bewegungen nicht von entscheidender Bedeutung, vielmehr wird ein sozialer Raum geschaffen, der frei strukturiert werden kann und oft nicht eindeutig als privat oder öffentlich bezeichnet werden kann.176

Der Begriff glocality wurde von Robertson in die Debatte um Globalisierung eingeführt. Wie schon beschrieben, betrachtet Robertson lokale und globale Phänomene nicht voneinander getrennt, sondern als zwei Aspekte, die eng miteinander zusammenhängen; das Lokale ist kein Gegenpol des Globalen, sondern ein Aspekt des Globalen und umgekehrt. Er betont, dass lokale Phänomene, die unter globalem Einfluss entstehen, dadurch nicht vereinheitlicht, sondern im Gegenteil sehr verschieden ausgeprägt werden. Die Verbundenheit der Kulturen durch Kommunikation und Interaktion führt also nach Robertson nicht zu einer Homo­genisierung aller Kulturen.177


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Mit dem Konzept der glocality wendet sich Robertson gegen viele Theoretiker der Globalisierungsdebatte, deren Beiträge er in zwei Richtungen einteilt: die Anhänger der Idee eines Weltsystems („homogenizer“) und den „Interkulturalisten“ („heterogenizers“); erstere betrachten die sozial-kulturelle Welt als ein geschlossenes System, in dem sie hauptsächlich universalistische Tendenzen in lokalen Prozessen beobachten und insgesamt von einer konvergenten Entwicklung ausgehen, die dazu führt, dass sich Kulturen immer mehr einander angleichen. Die zweite Gruppe von Theoretikern verneint diese Konvergenz und die Existenz eines vereinheitlichenden Systems und betont im Gegenteil die Verschiedenheit der Kulturen und die Trennung von partikularistischen und universalen Phänomenen.178

Das Modell Robertsons dient insgesamt nur als Hintergrund für eine Betrachtung des Heimatbegriffes. Das Konzept der glocality macht deutlich, wie lokale und globale sozio­kulturelle Phänomene miteinander zusammenhängen; diesen Aspekt darf bei einer Diskussion eines zeitgemäßen Heimatbegriffes nicht vernachlässigt werden. Heimat kann heute nicht als isolierter lokaler Lebensraum betrachtet werden; vielmehr müssen die verschiedenartigen Zusammenhänge des Lokalen mit anderen Lebensräumen berücksichtigt werden. Diese Verbindungen ergeben sich aus Migrationen der Einwohner eines lokalen Raumes ebenso wie aus der Kommunikation dieser mit anderen Menschen mittels verschiedener Medien.

Eine Kritik an Robertsons Modell bemängelt, dass er Globalisierung als ein strukturelles Phänomen betrachtet; zentral stehen bei ihm die gegenseitige Abhängigkeit zwischen Gesellschaften und/oder einzelnen Menschen, die durch globale Strukturen und in verschiedenen Institutionen gebildet wird; das Bewusstsein über diese Institutionalisierung ist bei Robertson das eigentlich Charakteristische des Phänomens der Globalisierung. Dabei sagt er nichts über die Art dieser Abhängigkeiten bzw. deren Entstehung aus.179

Das Modell von Robertson ist für eine Diskussion des Heimatbegriffes hilfreich, da es nicht nur, wie gerade gezeigt, auf die Beziehungen zwischen lokalen und globalen Phänomenen, sondern auch auf die Rolle der Institutionen aufmerksam macht. Museen als kulturelle Institutionen sind also auch unter dem Gesichtspunkt globaler Beziehungen und ihrer Wechselwirkung mit lokalen Kulturen zu betrachten. Dieser Punkt ist deshalb wichtig, weil das Selbstverständnis oder die Konzeption eines Museums im Zusammenhang mindestens überregionaler Diskussionen entsteht. Ein Museum bildet nicht nur eine Institution innerhalb einer bestimmten Region und beeinflusst diese, sondern befindet sich auch innerhalb einer Museumslandschaft eines Landes bzw. der Welt insgesamt und wird dadurch beeinflusst. Die wechselseitigen Beziehungen, die Robertson mit Hilfe des Konzeptes der glocality analysiert, haben nicht nur für eine Diskussion des Heimatbegriffes, sondern auch für eine Analyse der Position von Museen innerhalb einer institutionellen Landschaft Bedeutung.

4.3.3. Socioscape

Dient das Konzept Robertsons der glocality zum Verständnis der Zusammenhänge zwischen lokalen und globalen Phänomenen, geben andere Konzepte innerhalb der Globalisierungs­[Seite 43↓]debatte Aufschluss über die Formen des soziokulturellen Zusammenlebens in einem lokalen Raum. Mehrere Theoretiker nehmen bei der Diskussion Bezug auf ein Modell von Appadurai, der unter Verwendung des Suffixes -scape die Veränderbarkeit von Kultur unter globalen Einflüssen beschreibt.180

Appadurai hat bereits in den achtziger Jahren auf die Bedeutung von Raum in der Theoriebildung innerhalb der Ethnologie und Geschichtswissenschaft hingewiesen.181 Der geographische Raum wurde in der Analyse kultureller und historischer Phänomene lange Zeit vernachlässigt. Appadurai beobachtet die Tendenz, dass bestimmte Räume innerhalb der Forschung für immer gleiche Themen bevorzugt werden.182 Um diese Einseitigkeit zu vermeiden, fordert er die stärkere Beachtung des geographischen Raumes in der ethnologischen Forschung; dabei stellte den Begriff der locality in den Mittelpunkt seiner Theorie.

Appadurai beachtet in seiner Theorie vor allem ökonomische globale Phänomene. Er spricht von einer globalen kulturellen Ökonomie, die durch Kultur, Wirtschaft und Politik geprägt wird. Das Charakteristische dieses kulturellen Wirtschaftssystems ist seine Komplexität, die sich daraus ergibt, dass die Bereiche von Ökonomie, Kultur und Politik nicht miteinander in Einklang funktionieren; sie „überlappen“ sich zwar, sind aber von Ort zu Ort unterschiedlich ausgeprägt.183 Das Konzept der landscapes entwickelt Appadurai vor dem Hintergrund dieses komplexen Zusammenspiels von Ökonomie, Kultur und Politik. Er berücksichtigt einzelne Personen, Familien, Dörfer, Nachbarschaften bis hin zu Nationalstaaten als Handelnde innerhalb des globalen kulturellen Wirtschaftssystem; um die verschiedenen gesellschaft­lichen Bereiche, in denen sich diese Akteure bewegen können, zu beschreiben, unterscheidet Appadurai zwischen fünf kulturellen Bereichen: den ethno-, media-, techno-, finan- und ideoscapes.184

Einzelne Menschen oder Gruppen von Personen werden im Rahmen dieses Modells in den ethnoscapes erfasst, wobei diese Migranten (Touristen, Einwanderer, Flüchtlinge, Exilanten u.a.) einschließen. Da das Modell den Schwerpunkt auf ökonomische Phänomene legt, werden vor allem die verschiedenen Formen von Technologie, die zur Produktion und Verbreitung von Gütern und Informationen dienen, und die damit verbundenen wirtschaftlichen Institutionen berücksichtigt, als techno- bzw. finanscapes. Die darauf beruhende Verbreitung von Informationen und das Produzieren entsprechender Vorstellungen über die Welt werden durch mediascapes beschrieben; in ideoscapes werden diese „Weltbilder“ besonders von Staaten als Ideologien genutzt.

Dieses Modell Appadurais ist für eine Diskussion des Heimatbegriffes aus zwei Gründen hilfreich. Zum ersten macht es auf die Komplexität und Internationalität ökonomischer, politischer und kultureller Phänomene im Zeitalter der Globalisierung aufmerksam, die auch für den Heimatbegriff relevant sind. Deutlicher wird dieser Bezug durch die Begriffe [Seite 44↓] socioscape und sociosphere, die weiter unten beschrieben werden und auf diesem Modell beruhen.

Zweitens kann man die Bedeutung von Museen für lokale Kulturen neu betrachten, wenn man sie als eine Institution innerhalb von mediascapes interpretiert. Museen verbreiten durch Ausstellungen und andere Aktivitäten bestimmte Vorstellungen über einen lokalen Raum, indem sie beispielsweise einzelne Perioden der Geschichte oder gesellschaftliche Themen betonen.

Dieses Konzept Appadurais wird von einigen Theoretikern dem (eingrenzenden) Konzept einer Kultur vorgezogen; der Vorteil der Einteilung in landscapes ist die Möglichkeit, die globalen Bewegungen von Menschen, Geld, Technologien, Repräsentationen und politischen Identitäten genauer betrachten zu können.185

Das Konzept der ethnoscapes, mediascapes, technoscapes, finanscapes und ideoscapes, in die Appadurai die Gesellschaft einteilt, wird von Albrow aufgenommen und weiterverfolgt.186

Der Vorteil des Ansatzes von Appadurai ist laut Albrow, dass landscapes auch die Perspektive der Kulturschaffenden mit einbeziehen. Albrow hält allerdings das Konzept der community oder neighbourhood, das Appadurai außerdem gelten lässt, für eine Beschreibung von Gesellschaften unter Bedingungen der Globalisierung für unzureichend. Nach Appadurai existieren neben den ethnoscapes und anderen Formationen auch Gemeinschaften, die relativ stabil bleiben und von den verschiedenen landscapes durchdrungen und beeinflusst werden. Solche stabilen Gemeinschaften oder Nachbarschaften beobachtet Albrow dagegen nicht, sondern entwickelt stattdessen, in Anlehnung an Appadurais Begriffe, das Konzept des socioscape. Dies bezeichnet keine feste Gemeinschaft, sondern eine theoretische Vorstellung von einer sozialen Gemeinschaft, zu der er nicht nur die Menschen zählt, die diesen socioscape zur gleichen Zeit bewohnen, sondern auch Menschen, die sich außerhalb des socioscape befinden.187 Ein socioscape bezeichnet also den soziokulturellen Lebensraum an einem bestimmten geographischen Ort. Diesen Lebensraum beschreibt Albrow wie eine Landschaft, die aus verschiedenen Einzelteilen besteht und je nach Perspektive einzelner Menschen verschieden wahrgenommen wird; die Prinzipien, nach denen diese Landschaft zusammengesetzt sind, sind dabei den Menschen nicht bewusst.188

Ein geographischer Raum zeichnet sich nicht dadurch aus, dass seine Kultur durch eine feste Anzahl von Menschen, nämlich dessen dauerhafte Bewohner geprägt wird; vielmehr bewohnen diejenigen, die die locality prägen, entweder dauerhaft oder auch nur zeitweise oder sogar überhaupt nicht diesen Raum. Das Konzept des socioscape orientiert sich also nicht nur an einer geographischen, sondern auch einer zeitlichen Größe: entscheidend ist, welche Menschen in einem bestimmten Zeitraum die Kultur eines Raumes prägen; ob diese Menschen dauerhaft dort leben, nur zeitweise in diesem Raum wohnen oder ihren Lebensmittelpunkt womöglich an einem anderen Ort sehen und dabei durch Besuche oder lediglich durch Kommunikation mit den Einwohnern „von außen“ in Verbindung stehen, ist dabei zweitrangig.


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Albrow erweitert das Konzept durch den Begriff sociosphere, worunter er das soziale Leben einzelner oder mehrerer Menschen versteht.189 Eine sociosphere umfasst soziale Aktivitäten und Netzwerke von sozialen Beziehungen; dabei ist es nicht wichtig, an welchem geo­graphischen Ort diese Aktivitäten stattfinden.190 Eine sociosphere bezeichnet alle sozial relevanten sozialen Aktivitäten einzelner Menschen oder Gruppen, wie Familien, Freund­schaftskreise oder anderer Gemeinschaften; im Gegensatz zu einem socioscape ist also eine sociosphere nicht an einen bestimmten geographischen Ort gebunden.

Das „Überlappen“, die Schnittmenge von sociospheres an einem bestimmten Ort bildet dann einen socioscape. Wichtig ist dabei nur, dass es zu einem temporären Zusammenleben an einem Ort kommt, das durch Toleranz und verschieden starke gegenseitige Beeinflussung der Lebensweisen geprägt ist. Ein socioscape zeichnet sich nach der Beobachtung Albrows vor allem durch Routine und pragmatische gegenseitige Anpassungen aus.191

Albrow trennt also analytisch zwischen einem lokalen Kulturraum (locality) und dem sozialen Leben (sociosphere) einzelner Menschen oder Gruppen bzw. dem gemeinsamen sozialen Lebensraum (socioscape) mehrerer Gruppen oder Gemeinschaften. Dadurch macht er deutlich, dass Kultur auf lokaler Ebene nicht nur durch eine feste Gemeinschaft von Einwohnern geprägt wird. Ein kultureller Raum zeichnet sich vielmehr dadurch aus, dass er als Ort für bestimmte gemeinsame soziokulturelle Aktivitäten genutzt wird, die je nach sozialer Aktivität der Beteiligten sehr unterschiedlich ausfallen können. Dabei können Menschen oder Gruppen durch ihre Aktivitäten mehrere Kulturräume gleichzeitig beeinflussen, je nach (geographischer) Verbreitung ihres Soziallebens. Dieses Phänomen ist ein Kennzeichen der Globalisierung: das soziale Leben ist nicht mehr an einen bestimmten Ort gebunden. Das Konzept von Albrow berücksichtigt die Auswirkungen der Globalisierung auf localities, indem es zwischen den gesamten sozialen Aktivitäten von Menschen und deren Sozialleben an einem bestimmten Ort unterscheidet und so deutlich macht, dass lokale Kultur nicht immer nur durch die jeweiligen Einwohner geprägt wird bzw. dass einzelne Menschen mehrere Kulturräume beeinflussen können.

4.4. Heimat als Lokalkultur in der Großstadt

Die breite interdisziplinäre Perspektive auf den Heimatbegriff wird hier zusammengefasst und auf die lokalhistorischen Museen in Berlin, die im Zentrum der anschließenden Analyse stehen, bezogen. Ziel ist es, eine ethnologische Perspektive zu entwickeln, die Heimat als Gegenstand von Museumsarbeit innerhalb einer Großstadt beschreibt.

Die ethnologische Perspektive auf Heimat bedeutet, dass diese als kulturelles Phänomen verstanden werden soll; Kultur umfasst dabei im ethnologischen Sinne alle Bereiche des täglichen Lebens. Anders formuliert soll Heimat als Beschreibung einer lokalen Kultur verstanden werden, d.h. im Vordergrund steht der (geographische) Raum, in dem diese Kultur geschaffen und verändert wird. Die ethnologische Perspektive auf Heimat greift dabei die ethnologisch-soziologischen Modelle auf, die zur Beschreibung der Globalisierung entwickelt wurden.


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Bezogen auf die Berliner Heimatmuseen bedeutet dies, dass die Heimat, die in den Museen erforscht und dargestellt wird, sich nicht über einzelne Menschen oder Gruppen definiert, sondern über den jeweiligen Stadtbezirk, dessen Kultur beschrieben werden soll. Heimat wird als lokale Kultur innerhalb der einzelnen Stadtbezirke von Menschen geschaffen. Heimat ist damit die jeweilige locality der Bezirke.

Die Bezirke bilden dabei den socioscape, also den soziokulturellen Lebensraum, in dem Heimat geschaffen wird. Die geographischen Grenzen eines Bezirks legen fest, wo Heimat geschaffen wird; dabei können die an der Bildung von Heimat beteiligten Menschen Bewohner des Bezirks sein, müssen es aber nicht. Entscheidend für die Bildung von Heimat ist das Zusammentreffen von sozialen Aktionen einzelner Menschen im Bezirk bzw. im socioscape. Die sozialen Aktionen oder Lebensweisen von Menschen entsprechen dabei den sociospheres. Die Lebensweisen verschiedener Menschen, die in einem Bezirk zusammenkommen und sich gegenseitig beeinflussen, bilden zusammen die Heimat dieses Bezirks. Dabei sind nicht alle Lebensweisen eines Menschen an einen Bezirk gebunden, der Mensch kann auch gleichzeitig andere Heimaten beeinflussen.

Die volkskundliche Forschung hat u.a. festgestellt, dass Heimat eine gleichzeitige Auseinandersetzung mit lokalen und überregionalen Themen bedeutet; betont wurde dabei auch das aktive Element von Heimat. Wenn wie in der vorliegenden Arbeit Heimat als locality betrachtet wird, werden weitere Charakteristika deutlich: Heimat wird von stets wechselnden Menschen und Gruppen geschaffen und verändert. Heimat beschreibt zwar die Kultur an einem konkreten geographischen Ort, lässt aber gleichzeitig zu, dass z.B. auch Menschen diese Heimat schaffen, die nicht dauerhaft an diesem Ort wohnen. Auf diese Weise ist es auch möglich, dass Menschen mehrere Heimaten kennen und beeinflussen.

Heimat unter dem Einfluss der Globalisierung beinhaltet noch einen weiteren Aspekt: gesellschaftliche Phänomene, die innerhalb einer Heimat gebildet werden, können sich global verbreiten; umgekehrt nehmen globale Prozesse auf einzelne Heimaten Einfluss. Wenn Heimat als locality betrachtet wird, wird auch dieser Aspekt berücksichtigt, da mit locality unmittelbar auch der Begriff glocality verbunden ist. Um die Motivation, an der Bildung von Heimat teilzunehmen, zu beschreiben, ist der Begriff der Identität bzw. der Identitätsbildung hilfreich, der ebenfalls in den theoretischen Modellen zur Globalisierung eine wichtige Rolle spielt. Das Schaffen von Heimat ist auch Ausdruck einer Identitätssuche in einem bestimmten geographischen Raum.192

Die Bedingungen dieser Identitätssuche, beispielsweise das Wachsen der Städte und die Industrialisierung, sind globale Prozesse, die eine Identitätssuche erschweren. Der Grund dafür liegt darin, dass Heimat stark an einen geographischen Raum gebunden ist; gerade innerhalb von Großstädten ist die Identifizierung mit einem Raum aber schwierig, weil solch eine Identifizierung mit Hilfe von Symbolen erfolgt; besitzt ein Ort keine spezifische Symbolik, gestaltet sich eine Identitätssuche über diesen Ort als schwierig.193

Die Konzepte um die Begriffe glocality und socioscape beschäftigen sich vor allem mit Fragen des sozialen Zusammenlebens bzw. dessen Strukturierung. Es geht hier also um die Bedingungen, unter denen Heimat gebildet oder verändert werden kann. Für die Erforschung materieller musealisierter Kultur ist jedoch auch der Fokus auf konkrete Prozesse interessant, [Seite 47↓]die erst zur Bildung oder Veränderung einer Heimat oder lokalen Kultur führen. Dies sind die kulturellen Handlungen, die unter den oben beschriebenen strukturellen Bedingungen der Globalisierung von Menschen unter bestimmten Zielsetzungen und Motivationen durchgeführt werden. Im Mittelpunkt stehen hier Handlungen, die zur Bildung einer Identität führen.

Wichtig für eine Diskussion des Heimatbegriffes unter den Bedingungen der Globalisierung ist in jedem Falle, dass das soziokulturelle Leben an bestimmten geographischen Orten studiert und anschließend in einen globalen Zusammenhang gestellt wird. Aufschlussreich ist dabei die Analyse der Identität lokaler Kulturen; es geht dabei sowohl um die Frage, welche Bedeutung kulturelle Handlungen hinsichtlich einer Identitätsfindung haben, als auch um die Frage, inwieweit bestimmte lokale kulturelle Phänomene nur aus einem globalen Kontext heraus erklärt werden können.

Am Beispiel des Konsums bestimmter Güter zeigt ein weiterer Theoretiker der Globalisierung, Friedman, dass kulturelle Strategien der Identitätsfindung zwar lokalen Charakter haben, aber nur vor dem Hintergrund globaler historischer Prozesse analysiert werden können.194 Als Beispiel wählt er die Einführung der Pasta in die italienische Küche. Die Einfuhr von Pasta durch Marco Polo ist ein Phänomen der Globalisierung; interessanter für Friedman ist jedoch die anschließende Herausbildung der italienischen Küche, also der kulturelle Umgang mit der eingeführten Pasta. Die italienische Küche wurde erst durch kulturelle Handlungen, also die Integration neuer Lebensmittel in eine bestehende Tradition der Zubereitung von Speisen, gebildet. Die Globalisierung war in diesem Fall zwar die Voraussetzung für die Identitätsbildung der italienischen Küche; jedoch führte erst die kulturelle Weiterverarbeitung der eingeführten Pasta zu dieser Identitätsbildung.

Friedman macht so deutlich, dass Globalisierung nicht nur als ein Phänomen von Institutionen betrachtet werden kann, sondern auch in Verbindung kultureller Prozesse. Menschen gehen auf unterschiedliche Weise mit den Auswirkungen der Globalisierung um und gestalten eventuell ihren kulturellen Lebensraum neu. Genau um diesen Punkt geht es bei der Betrachtung von Heimat vor dem Hintergrund der Globalisierung. Heimat als lokale Kultur wird auch unter Einfluss globaler Phänomene geschaffen und verändert. Dabei geht es um die Bildung einer lokalen Identität.

Andere Begriffe, wie sie im Zusammenhang mit Konzeptionen regionalhistorischer Museen diskutiert wurden und werden, eigen sich zur Beschreibung solch eines Heimatbegriffes nur teilweise. Die Begriffe Alltagskultur und Alltagsgeschichte beispielsweise betonen die historische Perspektive einer Museumsarbeit; betrachtet man dagegen Heimat als locality, findet auch der Blick auf die Gegenwart und in die Zukunft Berücksichtigung.Gleichzeitig ist der Begriff Alltagskultur zu eng gefasst, um die Perspektive einzelner Museen beschreiben zu können. Insgesamt können die Diskussionen um Alltag und dessen Darstellung im Museum jedoch einen Ausgangspunkt für die Formulierung eines Heimatbegriffes für entsprechende Museen bieten. Dies hat vor allem seinen Grund in der materiellen Kultur, die bei Alltagsforschung im Mittelpunkt steht. Hier sind es die alltäglichen, scheinbar wertlosen Objekte, die den Ausgangspunkt für die Darstellung unterschiedlicher Themen bilden.195


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Auch wenn der Begriff Alltagskultur bei der Formulierung eines Heimatbegriffes vermieden wird, ergeben sich Parallelen zwischen Alltags(geschichts-)-Forschung und einer ethnologischen Perspektive auf Heimat als Lokalkultur. Der Schwerpunkt beim Heimatbegriff liegt bei den alltäglichen Lebensumständen, die sich in der entsprechenden materiellen Kultur zeigen. Gleichzeitig jedoch zeigt der Heimatbegriff auch den Bezug zwischen „kleinen“ und „großen“ Strukturen, nämlich die Verbindung und gegenseitige Beeinflussung von lokal oder regional begrenzten kulturellen Phänomenen und Ereignissen und Prozessen auf globaler Ebene. Diese Verbindungen würden bei einer Betrachtung von Heimat als Alltagskultur nicht berücksichtigt werden.

Heimat umfasst also mehr als Arbeiterkultur oder Arbeitswelten, wie sie in manchen Museumskonzepten formuliert werden. Die ethnologische Perspektive auf Heimat unterstreicht das Neben- und Miteinander verschiedener Lebensweisen. Auf diese Weise werden auch Trennungen zwischen Forschungsbereichen sowie zwischen musealen Sammlungen oder Museumstypen und Schwerpunkten vermieden. Gleichzeitig wird so der Heimatbegriff der Kultur innerhalb einer Großstadt wie Berlin gerecht, die sich durch eine große Vielfalt unterschiedlicher Lebensweisen auszeichnet.

Zusammengefasst werden in dieser Arbeit zwei Aspekte des Heimatbegriffes hervorgehoben: zum einen geht es – angelehnt an die von Appadurai beschriebenen landscapes bzw. die von Albrow definierten sociospheres - um die verschiedenen Lebensmöglichkeiten oder Lebensweisen, die von Menschen innerhalb eines geographischen Raumes gewählt werden können; zum anderen geht es um die wechselseitige Beeinflussung lokaler und globaler kultureller Phänomene, was bedeutet, dass Heimat nur in geographischer, nicht jedoch in sozialer und kultureller Hinsicht als lokales Phänomen betrachtet wird. Wichtig für die spätere Analyse der Museen sind also zwei Begrifflichkeiten, die diesen Heimatbegriff umreißen: zum einen der topographische Bezug, der sich auf die Beschreibung von Heimat als geographisch begrenzten Raum bezieht, wobei gleichzeitig soziale und kulturelle Beziehungen mit der „Außenwelt“ eine wichtige Rolle spielen, und zum anderen Lebens­weisen oder Lebensmöglichkeiten, die sich auf verschiedene kulturelle Bereiche des gesell­schaftlichen Lebens beziehen können.

Der Heimatbegriff kann somit auf die zwei Begriffe Topographie und Lebensweise verdichtet werden, die in der folgenden Analyse von vier Bezirksmuseen aufgegriffen werden. Der Heimat­begriff dient dazu, die inhaltliche Ausrichtung der Museen zu beschreiben. Die Analyse konzentriert sich zunächst auf die Rolle der materiellen Kultur innerhalb der Museumsarbeit und greift danach die Begriffe Topographie und Lebensweise wieder auf. Dabei wird überprüft, inwieweit Heimat hinsichtlich dieser Begriffe erforscht und dargestellt wird.


Fußnoten und Endnoten

134 Siehe für eine kurze Übersicht Applegate 2000: S. 110.

135 Die heutige Nutzung und Definition des Heimatbegriffs stellt somit auch eine „Geschichte von Deutungen“ dar (Köstlin 1996b: S. 321.)

136 Siehe für einen Überblick über die Geschichte des Heimatrechts Bausinger 1984: S. 12ff.

137 Siehe für diese Einschätzung Köstlin 1996b: S. 335.

138 Siehe für einen Überblick über die Geschichte der Heimatbewegung Bausinger 1980, 1984: S. 17ff.; Köstlin 1996b; Reeken 1999.

139 Siehe hierzu Zucchi 1999.

140 Zucchi 1999: S. 148.

141 Siehe zu dieser Einschätzung der völkischen Bewegung Puschner 1999.

142 Puschner (1999) weist diesen Heimatbegriff im völkischen Roman oder Drama nach, wo er eine „organische, kulturschöpferische Symbiose von rassisch geschlossenem Volk mit Natur“ beschreibt (S. 28).

143 Siehe für solch eine Analyse Rollins (1996). Rollins argumentiert gegen eine ganze Reihe von Beurteilungen der Heimatschutzbewegungen; diese Kritiken orientieren sich u.a. an dem Vokabular (der Begriff Heimatschutz stammt aus der Militärsprache und verweist auf die Verteidigung des Heimatlandes), wogegen Rollins anführt, dass einer der Begründer der Heimatschutzbewegung, Rudorff, „was in fact creatively twisting the meaning of `Heimatschutz`, appealing to national sentiments only in order to redirect them“ (S. 92).

144 Knaut 1996: S. 36.

145 Nach Rollins (1996) war die Heimatschutzbewegung „certainly the most coherent and most engaged proponent of Heimat ideas” (S. 89).

146 Rollins 1996: S. 95.

147 Knaut 1996: S. 34. Knaut sieht die Eigenständigkeit der Heimatschutzbewegung erst in dieser Zusammen­führung von Grundgedanken, deren Kernaussagen schon eher propagiert wurden. Siehe für einen Vergleich von Heimatschutzbewegung und Denkmalschutz auch Koshar 1996.

148 Die Heimatschutzbewegung hatte in diesem Sinne einen globalen Anspruch (Rollins 1996: S. 96).

149 Rollins 1996: S. 98.

150 Reeken 1999: S. 76. Reeken weist hier auf den Unterschied zwischen diesem Alltag einer regional orientierten Heimatbewegung und einer lokal orientierten hin: die Arbeit lokaler Vereine integrierte teils auch Bauern und orientierte sich nicht an den geschilderten Konzepten der Heimatbewegung, sondern am realen Alltag (S. 77f.).

151 Wobei „Wunschvorstellungen von einer intakten Gesellschaft auf den Bauernstand“ projiziert wurden (Meiners 2002a: S. 277).

152 Zu dieser Einschätzung kommt Reulecke (1999: S. 19), der außerdem auf die Pervertierung des Heimat­begriffes in der Geschichte hinweist und auf die daraus folgende Verantwortung, die man übernimmt, wenn man diesen Begriff benutzt. Er plädiert für eine bewusste und vorurteilsfreie Gratwanderung zwischen der Heimat und der Gemeinschaft aller, der communio omnium (S. 20).

153 Siehe zu dieser Bewertung mit Beispielen Rippey u.a. 1996: S. 139f.

154 Rippey u.a. 1996: S. 142.

155 Rippey u.a. 1996: S.140-144. Dieses Ideal der Integration lässt sich auch anhand der Darstellung von Ge­schlech­ter­rollen, die ebenfalls konservativen Vorstellungen folgte, zeigen (S.146-50).

156 Siehe zur Bewertung jüngerer Heimatforschungen Applegate 2000.

157 Johler (1997: S.94-96) gibt eine kurze Übersicht über die Fachgeschichte bezüglich der Erforschung von Heimat. Darin betont er, dass die Volkskunde nie exklusive Deutungsinstanz der Heimat war, jedoch von Anfang an sehr eng mit dem Heimatgedanken verbunden war.

158 Dieser Lebenszusammenhang wird nicht an Äußerlichkeiten festgemacht, sondern ist Ausdruck einer aktiven Auseinandersetzung, einer Lebensmöglichkeit innerhalb einer „überschaubaren Nahwelt“, eines wohlvertrauten sozialen Milieus. Siehe dazu Bausinger 1980; Buchwald 1984: S. 37; Köstlin 1996b: S.335f.

159 Stadt als Heimat sollte sich durch eine unverwechselbare städtische Umwelt, eine „zeitgemäße Urbanität“ auszeichnen (Buchwald 1984: S. 40).

160 Buchwald (1984) spricht hier von „Ausgleichsräumen“ (S. 42) bzw. „Ersatzheimaten“ (S. 48).

161 Lehmann 1984: S. 81. Zu diesen Aussagen kommt Lehmann aufgrund einer biographischen Unter­suchung in Hamburg; auch prominente Menschengruppen und Einzelpersonen können zur emotionalen Bindung an eine Stadt beitragen.

162 Johler 1997: S. 90.

163 Siehe dazu Kramer (1997), der zunächst drei Heimatmodelle unterscheidet: erstens Heimat als Privileg einer gesellschaftlichen Minderheit, zweitens das Konzept einer positiven Version der Heimatlosigkeit und drittens der Versuch, diese beiden Modelle zu vereinen.

164 Dieses Zukunftsprojekt soll „Gestalt- und Verstehbarkeit der Nahwelt in einem aktiven, demokratischen Anspruch verwirklichen“ (Johler 1997: S. 97).

165 Siehe zur Diskussion der Regionalisierung von Kultur in den achtziger Jahren Köstlin 1980; zur Debatte in den neunziger Jahren Lindner 1994.

166 Köstlin 1996b: S. 334.

167 Dabei wird auch auf die Probleme eines solchen relativistischen Weltbildes hingewiesen: eine vollständige Toleranz gegenüber anderen Kulturen bedeutet den Mangel an moralischen Prinzipien, und kultureller Relativis­mus kann leicht in einem „moralischen Nihilismus“ enden. Siehe dazu Strassoldo 1992, S. 38f; Wolff 1991, S. 165.

168 Nederveen Pieterse 1995: S.45f.

169 Siehe für diese Definition Albrow 1996: S. 88. Albrow selber gebraucht den Begriff für die Beschreibung einer bestimmten historischen Periode des Übergangs vom Zeitalter der Moderne in das globale Zeitalter (S. 93ff.).

170 Albrow 1996: S. 81 u. 83.

171 Siehe für eine Beurteilung der Globalisierungsdebatte und eine Kritik ihrer wichtigsten Vertreter Featherstone / Lash 1995.

172 Nederveen Pieterse 1995: S. 50.

173 Robertson 1991: S. 73.

174 So z.B. Arjun Appadurai, auf dessen Modell später eingegangen werden soll; s. Robertson 1991: S. 78.

175 Appadurai 1996.

176 Strassoldo 1992: S. 43-47; für Beispiele des new localism siehe S. 40ff.

177 Robertson 1995, hier S. 28ff.; siehe zur Kritik an Robertsons Konzept: Featherstone/ Lash 1995: S. 3f.; Friedman 1995: S. 70 ff.; Wolff 1991: S. 164

178 Zu den homogenizers zählt Robertson z.B. Anthony Giddens, zu den heterogenizers beispielsweise Homi K. Bhahba, Edward Said und Stuart Hall ( Featherstone / Lash 1995: S. 4).

179 Siehe für eine Kritik an Robertson unter diesem Gesichtspunkt Friedman 1995: S. 70ff. Für Friedman ist gerade das Entstehen von Abhängigkeiten und Institutionen interessant; er unterscheidet daher zwischen einem Globalsystem, das die Vorbedingung für Globalisierung bildet, und dem Globalisierungsprozess selber. Auf diesen Punkt wird weiter unten im Zusammenhang von Identitätsbildung näher eingegangen. Siehe zur Be­sprechung der Institutionalisierung in Robertsons Konzept: Featherstone / Lash 1995: S. 4f.

180 Siehe zum Konzept der land scapes Appadurai 1990. Siehe zur Kritik an Appadurai: Albrow 1997: S. 38f.; Albrow u.a. 1990: S. 28f.; Friedmann 1995: S. 84f.; Robertson 1991: S. 78f.

181 Appadurai 1986.

182 So nennt er als Beispiele u.a. Afrika, wo hauptsächlich soziale Phänomene wie Lineage untersucht werden, Südamerika, das als Ausgangspunkt für Diskurse über duale Gesellschaften dient, und Australien als Beispiel für die Spannung zwischen struktureller Einfachheit und klassifikatorischer Komplexität (Appadurai 1986: S. 357f.).

183 Appadurai stellt fest, dass „certain fundamental disjunctures between economy, culture and politics“ bisher kaum in Theorien berücksichtigt wurden (Appadurai 1990: S. 296).

184 Siehe für eine nähere Beschreibung dieser landscapes Appadurai 1990: S. 297-300, für Beispiele von deren Zusammenspiel S. 305.

185 Siehe zu dieser Einschätzung Friedman 1995: S.84. Auf Friedmans Kritik am Kulturkonzept wird an anderer Stelle ausführlicher eingegangen.

186 Albrow 1997.

187 Ein socioscape ist “[t]he vision of social formations which are more than the people who occupy them at any one time” ( Albrow 1997: S.38 ). Zur Kritik am Konzept der community, die sich unter Einfluss der Globali­sie­rung zu einer nicht lokal oder räumlichen Einheit wandelt, siehe Albrow u.a. 1997: S. 24f.

188 Siehe zu diesem Bild der Landschaft auch Albrow 1996: S. 157f.

189 Albrow spricht hier von „sozialen Formationen“.

190 Als „social formations“ bezeichnet Albrow „distinct patterns of social activities belonging to networks of social relations of very different intensity“; diese nennt er „´sociospheres´, evoking a common use of the term ´sphere´ to mean a field of concern or relevance which does not have in any geometrical sense to be spherical” (Albrow 1997: S. 51).

191 Albrow 1997: S.52.

192 Köstlin 1996b: S. 321f.

193 Auf den Stellenwert der Symbolik eines Raumes bei der Identitätssuche weist Kleinspehn (1999: S: 59) hin.

194 Friedman zeigt dies anhand von Beispielen des kulturellen Umgangs mit Objekten in der Volksrepublik Kongo, in Japan und auf Hawaii. Siehe hierzu Friedman 1990.

195 In diesem Zusammenhang ist die Beschäftigung mit dem Alltag auch als „ethnographische Vorgehensweise“ bezeichnet worden: die Aufmerksamkeit gilt dabei „dem Beobachtbaren [...], von dem aus sich Themen und Erkenntniswege öffnen“ (Ludwig 1996: S. 10).



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31.08.2004