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5.  Beschreibung und Analyse ausgewählter Bezirksmuseen

Die Erforschung und Präsentation materieller Kultur wird von Museologen als zentrale Aufgabe von Museen betrachtet. Der Grund dafür liegt in der besonderen Eigenschaft von Museums­objekten als Bedeutungsträgern.196 Der Umgang mit unterschiedlichen, meist drei­dimen­sionalen, Gegenständen macht die Einzig­artigkeit von Museen unter den Institutionen aus, deren Aufgabe es ist, Dinge zu bewahren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.197 Sammlungen stehen im Mittelpunkt der Museums­arbeit: Museen sind Orte der Auf­be­wahrung, der Interpretation und Präsen­tation musealer Objekte. Die Aufmerksamkeit von Museums­­wissenschaftlern und Öffentlichkeit gilt in der Regel nicht den Depots der Museen, sondern den Aus­stellungen.198

Eine Analyse der Museumsarbeit muss daher den Fokus auf die Sammlungs- und Aus­stellungstätigkeit legen. Für die Analyse wurden die Bezirksmuseen in Köpenick, Prenz­lauer Berg, Kreuzberg und Neukölln ausgewählt. Die Beschreibungen der Museen basieren auf Ausstellungen, die im Jahr 2001 gezeigt wurden, und auf Interviews mit den Museumsleitern im selben Jahr. Durch Erfahrungen mit der Sammlungs- und Ausstellungsarbeit sowie aufgrund der Zusammenlegung der Berliner Bezirke entwickeln sich die Museen in ihrer Konzeption ständig weiter. Es kann hier daher nur eine Momentaufnahme geboten werden: eine Dokumentation und Interpretation der Arbeit der Museen in einer bestimmten Phase ihrer Entwicklung.

Alle Berliner Bezirksmuseen weisen unterschiedliche Entstehungsgeschichten auf, weshalb sich die Sammlungsbestände stark voneinander unterscheiden. Zwei der ausgewählten Museen können auf einen Fundus zurückgreifen, der über mehrere Jahrzehnte gesammelt wurde. Diese Sammlungen werden sehr unterschiedlich in die Museumsarbeit eingebunden. Das Museum in Köpenick besteht seit mehr als siebzig Jahren und thematisiert in der Dauerausstellung die lange Geschichte Köpenicks, die bis in die Steinzeit zurückreicht. Weitere Ausstellungen widmen sich u.a. dem Fischereiwesen und der Landwirtschaft, also Themen, die man nicht sofort mit einem großstädtischen Museum verbindet. Das Museum in Neukölln blickt auf eine fast hundertjährige Geschichte zurück und ist durch seine innovativen Ausstellungen auch international bekannt geworden.

Die Museen in Prenzlauer Berg und Kreuzberg dagegen sind erst nach der Wende gegründet worden. Sie präsentieren nach unterschiedlichen Konzepten nicht nur thematische Ausstellungen, sondern auch eine Auswahl ihrer eigenen Sammlung, die im Rahmen von Ausstellungsprojekten stets erweitert wird.


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Es wurden zwei Museen aus Ost- und zwei aus Westberlin ausgewählt, um u.a. zu überprüfen, inwiefern sich die unterschiedliche politische Geschichte beider Stadtteile auf die Entwicklung und heutige Konzeption der Museen ausgewirkt hat.

Alle vorgestellten Museen arbeiten auch als Archive des jeweiligen Bezirks. Ihre Sammlungen umfassen nicht nur Objekte, sondern auch Fotografien und Dokumente unterschiedlicher Art, die von Besuchern eingesehen werden können. Außerdem bieten alle Museen zusätzlich zu den Ausstellungen weitere Möglichkeiten an, sich über die Kultur und Geschichte des Bezirks in Form von Publikationen, Stadtteilführungen, Workshops für Schulklassen und anderen museumspädagogischen Angeboten zu informieren.

5.1. Heimatmuseum Köpenick

Hervorgegangen ist das heutige Heimatmuseum Köpenick aus dem Heimatschulmuseum Cöpenick, das 1929 gegründet wurde.199 Seine Entstehung verdankt es vielfältigen Initiativen und Aktivitäten, die besonders durch den Rektor Otto Heinrich und den Lehrer Arno Jaster geprägt wurden. Die frühesten Gedanken zur Gründung lassen sich bis zur Jahrhundertwende zurückverfolgen: Jaster setzte sich für Heimatkunde als besonderes Lehrfach ein, auf seine Anregung hin eröffnete 1926 im damaligen Müggelturm eine „Kulturschutzstelle auf den Müggelbergen“, die neben regionalen archäologischen Funden zahlreiche Ergebnisse geologischer Forschungen präsentierte. Heinrich und Jaster hielten hier Vorträge, Letzterer publizierte auch zur Geschichte Köpenicks.

In dieser Zeit wurde eine heimatkundliche Sammlung aufgebaut, deren Grundstock vor allem aus Urkunden, Karten, Plänen und Büchern bestand. Nach dem Krieg verblieben die Reste der Sammlung, die nicht als Kriegsverluste zu beklagen waren, zunächst im Rathaus Köpenick, später wurden sie zusammen mit dem Material des Stadtarchivs auf die Schlossinsel verlagert. 1966 wurde durch den Rat des Stadtbezirks auf vielfachen Wunsch der Bevölkerung hin das Heimatgeschichtliche Kabinett gegründet. Dies bedeutete gleichzeitig den Wechsel von ehrenamtlicher zu hauptamtlicher Arbeit.200

Das Kabinett befand sich in einem Nebengebäude des Schlosses und präsentierte in einer Ausstellung die Ur- und Frühgeschichte sowie die Feudalgeschichte des Köpenicker Raums, die Entwicklung des Köpenicker Handwerks, der Wohnbezirke und der Industrie sowie die Geschichte der Köpenicker Arbeiterbewegung und die Entwicklung seit 1945.201 Es diente als Informations- und Lehreinrichtung und umfasste die Ortschronik sowie ein Archiv und veranstaltete Vorträge und Führungen zur Geschichte Köpenicks.202

Die heutige Sammlung baut auf dem Bestand dieses Heimatgeschichtlichen Kabinetts auf. Zusätzlich wurden alte Archive übernommen, so z.B. die Archive ehemaliger VEB sowie des Rats des Stadtbezirks. Bis 1991 wurde eine Dauerausstellung zur Geschichte Köpenicks bis 1914 sowie Wechselausstellungen in einer großen Bürgerwohnung gezeigt.203 Seit 1991 [Seite 51↓]befindet sich das Museum im jetzigen Gebäude, wodurch die räumlichen Möglichkeiten der Sammlungserweiterung und Ausstellungstätigkeit erheblich verbessert werden konnten.

Die alten Sammlungsbestände bestehen hauptsächlich aus Dokumenten und Fotos. Da das Museum früher ein Heimatschulmuseum war, wurden beispielsweise Objekte zur Industriegeschichte nicht gesammelt. Da es keine Inventarverzeichnisse aus früherer Zeit gibt, ist wenig darüber bekannt, wie viele Objekte verloren gegangen sind.

Die Sammlung wurde seit dem Mauerfall erweitert und umfasst heute die Schwerpunkte Fischerei, Wäscherei, Industriegeschichte sowie eine umfangreiche Sammlung zum Thema Hauptmann von Köpenick. Diese wird nur zum Teil im Museum gezeigt, eine umfangreichere Ausstellung ist im Rathaus Köpenick zu sehen. Seit 1990 ist die museale Sammlung stark gewachsen, da in dieser Zeit viele Häuser ausgebaut wurden und damit zahlreiche Dachböden und Kellerräume leer geräumt werden mussten; auf diese Weise gelangten viele Objekte in das Museum. Die Sammlung wächst zum großen Teil über Spenden aus der Bevölkerung, so dass der Sammlungsbestand eher zufällig erweitert wird.

Nach der Maxime des Museums204 müssen die Objekte nicht unbedingt aus dem Bezirk stammen, wenn sie in die Sammlung integriert werden. Die Wäschemangeln beispielsweise stammen nicht alle aus der Region.

Durch die Museumsmitarbeiter selber wird die Sammlung im Rahmen von Ausstellungsvorbereitungen erweitert. Aufrufe in Zeitungen nach Objekten sind nach der Erfahrung der Mitarbeiter erfolgreicher, wenn nach speziellen Dingen und Themen gesucht wird. Der Impuls für die Bereitschaft, Dinge dem Museum zu spenden oder zu leihen, entsteht sehr oft durch die Eröffnung einer neuen Sonderausstellung.

Die Sammlungs- und Museumskonzeption ergibt sich aus der Geschichte Köpenicks. Dabei spielt die Geschichte Köpenicks als Bezirk Berlins nur eine kleine Rolle, da Köpenick über einen viel längeren Zeitraum (1209-1920) eigenständige Stadt war. Die wichtigsten Ereignisse aus dieser Geschichte werden exemplarisch bearbeitet und vermittelt. Die inhaltlichen Schwerpunkte bildet dabei z.B. die Darstellung der Industriegeschichte.205 Die jetzige Ausstellung endet im Jahr 1990, die erste Überarbeitung wird sich mit den strukturellen und politischen Veränderungen nach 1990 beschäftigen.206 Darüber hinaus bilden Wäscherei und Fischerei als typische hauptsächliche Gewerbe Köpenicks einen Schwerpunkt. Ferner ist der „Hauptmann von Köpenick“ ein wichtiges Thema innerhalb der Dauerausstellung. Vom Museum wird auch die Gedenkstätte zur Köpenicker Blutwoche geleitet.207

Der Raum zur Kücheneinrichtung um 1900 entspricht der klassischen Definition von Heimatmuseum, wonach beispielsweise ein altes Klassenzimmer, eine Küche oder eine Wohneinrichtung um 1900 gezeigt werden sollte. Dieser Raum bildet gewissermaßen eine Hommage oder eine Reminiszenz an eine überholte - auch für die Museumsmitarbeiter überholte - Auffassung von der Arbeit von Heimatmuseen. Gleichzeitig kommt man damit [Seite 52↓]den Erwartungen vor allem älterer Besucher an ein Heimatmuseum entgegen. Die Inszenierung der Küche befindet sich im alten Küchenraum des Hauses, in einem anderen Raum des Hauses sollte nach Ansicht des Museumsleiters diese Inszenierung nicht gezeigt werden.

Der Anspruch des Museums drückt sich im Titel der Ausstellung aus: „Köpenick von den Anfängen bis zur Gegenwart“. Dies bedeutet, dass das Heimatmuseum Köpenick sich nicht nur als Bezirksmuseum Berlins versteht, sondern auch als Stadtmuseum. Daher beginnt die Ausstellung mit der Darstellung der Besiedlungsgeschichte in der Stein- und Bronzezeit und einem recht großen archäologischen Teil. Das Museum will damit eine Ausstellung zeigen, die sich über einen sehr großen Zeitraum erstreckt, weil solch eine Dauerausstellung in Berlin sonst nicht existiert. Dies ist nur deshalb möglich, weil das Museum über eine große Ausstellungsfläche von 450 qm verfügt.

Der archäologische Teil ist aus einem weiteren Grund sehr wichtig: Geschichte soll schon zu Beginn der Ausstellung auch die Emotionen der Besucher ansprechen. Wichtig ist hier zum Beispiel auch die Vermittlung der Tatsache, dass der einzelne Mensch nur vorübergehend existiert. Die Fotos über die Ausgrabungen sollen nicht nur auf aktuelle Veränderungen im Bezirk aufmerksam machen, sondern auch auf die Methoden der Archäologen.

Die Auswahl der Themen für die Wechselausstellungen hat immer mit der aktuellen Situation im Bezirk zu tun, die oft nur auf den zweiten Blick zu erkennen ist. Darüber hinaus orientiert man sich an Jahreszahlen. Die Wechselausstellung zur „Kuhlen Wampe“ wurde deshalb gezeigt, weil der Film vor 70 Jahren gedreht worden war.

Auch bildende Kunst bildet ein Thema für Wechselausstellungen. Das Museum will z.B. zeigen, dass Denkmäler im Bezirk eine bestimmte Entstehungsgeschichte haben, die mit konkreten Menschen zusammenhängt. Das Museum sieht diesen Aspekt als einen der Schwerpunkte seiner Arbeit.

Das Selbstverständnis des Museums gegenüber anderen Kultureinrichtungen leitet sich u.a. aus der Tatsache ab, dass die Ausstellungen ausführlich recherchiert werden müssen; damit stellt jede Ausstellung auch ein Stück Forschung dar. Auf diese Weise sind die Museumsmitarbeiter den Themen der Ausstellungen auch immer stark verbunden. Die Forschungsergebnisse im Rahmen einer Ausstellungsvorbereitung erweitern jeweils den Archivbestand. Als Nebenprodukte der Ausstellung entstehen dabei z.B. ein Drehbuch oder Manuskript; diese erweitern das Archiv des Museums.

Die Ergebnisse der Forschung sind sichtbar im Gästebuch und in Zeitungsartikeln, die wiederum Menschen dazu anregen, das Museum zu besuchen. Typisch für das Museum (wie für alle Berliner Bezirksmuseen) ist ein enger Kontakt mit der Bevölkerung; dieser zeigt sich auch in den vielen Objekten, die gespendet werden.

Die Bezeichnung Heimatmuseum ist nach dem Verständnis des Museumsleiters auch Programm des Museums. Das Museum will sich von einem historisch vorbelasteten Heimatbegriff lösen: unter Heimat versteht das Museum den Ort, an dem Leute zusammengehören, der sie verbindet und wo sie hingehören. Damit ist der Heimatbegriff eher mit dem Geburtsort und der Kindheit verbunden.


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Charakteristisch für Köpenick ist der geringe Anteil von Migranten an der Bevölkerung; damit ist der Heimatbegriff in Köpenick leichter in Begriffen wie Herkunft und Kindheit zu fassen als z.B. derjenige Kreuzbergs.

Der Heimatbegriff des Museums hängt demnach stark mit den Eigenheiten des Bezirks zusammen und prägt die Museumsarbeit deutlich. Er hat auch viel mit Identität zu tun: über die Hälfte der Bevölkerung ist über 50 Jahre alt. Der Bezirk kann viele lange Familientraditionen vorweisen, die teilweise bis in das 13. Jahrhundert zurück reichen. Für den Museumsleiter ist es wichtig zu betonen, dass Heimat nicht immer da ist, wo es „einem gut geht“: Es sind auch die Probleme, die Menschen in der Heimat bewältigt haben und die diese an die Heimat binden.

Vor dem Hintergrund der Globalisierung bedeutet dies: Je mehr Leute sich nach außen orientieren, desto mehr brauchen sie eine Mitte, wo sie sich aufgehoben, geborgen und zu Hause fühlen. Der Museumsleiter ist der festen Überzeugung, dass das Museum hier eine wichtige Funktion erfüllt, nämlich die Vermittlung einer Heimat. Zu dieser Heimat gehört die Geschichte, vor allem auch die eigene Geschichte der unmittelbaren Wohnumgebung. Das Museum zeigt den Menschen, dass sie nicht die ersten sind, die an diesem Ort existieren; vor ihnen gab es schon viele Generationen, die notwendig und richtig nach ihrer Auffassung jeweils in einer spezifischen Situation gehandelt haben. Das Museum möchte alle Seiten dieses Handelns, positive und negative, in der Ausstellung präsentieren.

Ferner will das Museum zeigen, dass jeder Mensch seinen Teil zur Geschichte beitragen kann; damit soll die rein konsumierende Haltung in Frage gestellt werden. Der Heimatbegriff betont damit ein aktives Element: man nimmt nicht nur in Anspruch, was die Stadt bietet, es besteht auch ein Handlungsgebot gegenüber der Stadt. Dabei gilt es, das Bewusstsein für Traditionen, für Geschichte, die das eigene Lebensalter überschreitet, zu beleben. Dazu gehört z.B. der Respekt vor den Familien, die eine lange Tradition in Köpenick z.B. in einem bestimmten Gewerbe haben. Für diese Perspektive ist eine Auseinandersetzung mit der Geschichte notwendig.

Insgesamt hat das Museum eher eine traditionelle als eine experimentelle Auffassung von Geschichte und Heimatgeschichte. Dies hat auch mit den Erwartungen der Besuchergruppen zu tun, die von einem Heimatmuseum bestimmte Vorstellungen haben.

Im Sommer 2002 wurde eine Konzeption mit dem Museum in Treptow zusammen entwickelt, da sich das Museum mit der Zusammenlegung der Bezirke auseinandersetzen muss und will. Geplant sind eine Zusammenlegung der Archive und gemeinsame Ausstellungen.


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5.1.1.  Von den Anfängen bis zur Gegenwart

Die Ausstellungen werden zunächst so beschrieben, wie sie aus der Sicht eines Besuchers wahrgenommen werden. Auf diese Weise sollen die räumlichen Einteilungen und die thematischen Schwerpunkte der Dauer- und Wechselausstellungen deutlich werden.

Die Ausstellungen sind in mehrere Bereiche gegliedert: im Eingangsfoyer hat der Besucher die Möglichkeit, sich für die Besichtigung verschiedener Teile der Dauerausstellung sowie der Wechselausstellung zu entscheiden.

An zentraler Stelle des Foyers wird der Besucher zunächst in die Geschichte des Museums und seines Gebäudes eingeführt. Das Museum betont hier die eigene Tradition: so wird deutlich, dass das heutige Museum aus einem Heimatschulmuseum hervorgegangen ist. Dadurch wird auch gezeigt, dass sich nicht erst in jüngster Zeit Einwohner Köpenicks mit der eigenen Geschichte beschäftigen und diese auch öffentlich vermitteln. Präsentiert wird diese Geschichte auch anhand zweier Biographien, nämlich des Mitbegründers des Heimatschulmuseums Otto Heinrich und des Lehrers Arno Jaster.

Wendet man sich nun dem übrigen Teil des Foyers zu, so erfährt man, das seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts Köpenick im Ruf stand, die „Waschküche Berlins“ zu sein. Im Foyer kann man sich über die Anfänge und weitere Entwicklung der Wäscherei informieren. Der Besucher bekommt anhand von Fotos und Dokumenten Einblicke in den Arbeitsalltag von Wäschereibetrieben und den ersten Köpenicker Wäschertag 1935. Außerdem zeigt eine mehrteilige Inszenierung zahlreiche Arbeitsgeräte des Wäschereiunternehmens Wilhelm Spindler.

Vom Foyer aus können mehrere Räume betreten werden. In einem der Räume kann man einen weiteren Teil der Dauerausstellung betrachten: der Raum ist wie eine Küche um die Jahrhundertwende eingerichtet.

Entscheidet man sich für die Besichtigung des Rundgangs zur Geschichte Köpenicks, eines weiteren Teils der Dauerausstellung, so wird man zunächst in die Besiedlungsgeschichte der Region in der Stein-, Bronze-, Eisen- und Slawenzeit sowie im Spätmittelalter eingeführt. Eine Karte Berlins veranschaulicht die Siedlungen in diesen historischen Perioden in Berlin.

In diesem ersten Raum fallen vor allem zwei Inszenierungen auf; die erste zeigt eine Rekonstruktion der mittelsteinzeitlichen Teilbestattung eines Mannes aus Schmöckwick aus dem achten Jahrtausend v.u.Z. Daneben präsentiert eine zweite Inszenierung eine Urne mit Deckschale und Leichenbrand. Sie stammt ursprünglich aus einem bronzezeitlichen Gräber­feld in Rahnsdorf um 1000 v.u.Z. Außerdem sind zahlreiche Funde aus der Stein- und Bronzezeit zu sehen.

Neben dieser Übersicht über die archäologischen Ausgrabungen und Forschungen wird der Besucher über die Entwicklung Köpenicks zur Stadt informiert. Angesprochen werden hier die slawische Besiedlung der Köpenicker Schlossinsel und die wirtschaftliche Entstehung der Stadt Köpenick im 13., 14. und 15. Jahrhundert. Der Besucher kann sich außerdem mit Bestattungsweisen im 15. Jahrhundert und über die Geschichte des Fachwerkbaus beschäftigen; diese Themen werden durch ein Grabsteinfragment und ein Fachwerkaufbau veranschaulicht.


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Der zweite Ausstellungsraum führt in das 16. und 17. Jahrhundert ein. Im Mittelpunkt dieses Ausstellungsteils stehen die Geschichte zweier Schlösser und die Einwanderung der Hugenotten.

Zunächst wird man über die Geschichte eines Renaissance-Jagdschlosses informiert, das für ca. 100 Jahre existierte; Bauherr des Schlosses war Joachim II., der damalige Kurfürst von Brandenburg. Außerdem kann man sich ein Bild von der Inneneinrichtung des Schlosses machen. Ausführlicher werden das Barockschloss, dessen Schlosskirche sowie deren Gemeinde vorgestellt. Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm beauftragte den Niederländer van Langevelt mit dem Bau des Schlosses, das den Mittelpunkt der Stadt bildete und als Residenz des Kurprinzen und späteren Kurfürst und König von Preußen Friedrich diente. Das Schloss und dessen Kirche werden sehr anschaulich präsentiert, da man nicht nur Teile der Inneneinrichtung und der Ausstattung betrachten, sondern sich anhand eines großen Modells auch einen Überblick über die Architektur verschaffen kann. Die Nachbildung einer Tracht schließlich illustriert die Geschichte der Einwanderung der Hugenotten; sie begründeten u.a. durch ihre Kenntnisse in der Seidenweberei die Textilfabrikation in der Stadt.

Durch einen Flur gelangt man zum dritten Ausstellungsraum, in dem man die preußische Geschichte Köpenicks thematisiert wird; im Flur selbst veranschaulichen Karten aus dem 17. bis 20. Jahrhundert die Entwicklung der Stadt.

Ein Modell bietet hier zunächst eine Übersicht über die Stadt im 18. Jahrhundert. Der Besucher wird durch auffällige Exponate in der Mitte des Raums auf zwei Themen aufmerksam gemacht: eine Uniform eines preußischen Grenadiers repräsentiert den Sieben­jährigen Krieg, Wolle und Geräte zu deren Verarbeitung verweisen auf die Maßnahme König Friedrich I., den im Textilgewerbe Tätigen Bauland abgabenfrei zu überlassen.

Die Entwicklung der Stadt kann man ausführlich in mehreren Stationen verfolgen: eine Texttafel schildert die Fortsetzung des Wiederaufbaus der Mark Brandenburg mit Berlin als Mittelpunkt des neuen Königreichs. Ein Kupferstich Friedrich I. unterstreicht dessen Rolle bei der Einführung einer zentralistischen Verwaltung. In weiteren Stationen erfährt der Besucher, dass Friedrich II. ab 1747 die Einwanderung und Ansiedlung von Arbeitskräften aus dem Ausland förderte, wobei u.a. eine Anzahl von neuen Manufakturgebäuden entstanden. Neben Texten und Dokumenten wird hier auch ein Ölgemälde Friedrich II. präsentiert. Im folgenden Ausstellungsteil erfährt man, dass sich Berlin zur Textilstadt durch die Förderung der Textilindustrie wandelte; Ausschnitte aus Messtischblättern dokumentieren die Entstehung neuer Siedlungen wie Müggelheim, Grünau, Schönerlinde und Friedrichshagen. Eine weitere Station beschreibt, dass der Siebenjährige Krieg den wirtschaftlichen Niedergang Köpenicks bedeutete; mehrere Dokumente wie z.B. ein Situationsplan und ein Tagungsbefehl veranschaulichen diese Zeit. Das Ausstellungskapitel endet mit der Darstellung des Schlosses Bellevue, das in der Zeit zwischen Besetzung und Befreiung von den französischen Truppen erbaut und wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg stark beschädigt abgerissen wurde.

Im folgenden Ausstellungsraum wird der Besucher in die Entwicklung Köpenicks im 19. Jahrhundert eingeführt. Zwei Laden und ein Kinderpult auf einem niedrigen Podest deuten schon beim Betreten des Raums die Themen Bäckerei, Schuhmacherei und Schulwesen an. Über die Geschichte der Schulhäuser kann man sich ausführlich informieren, der Schulalltag wird über Dokumente und Utensilien näher gebracht. Man kann die Stadtentwicklung in dieser Zeit anhand mehrerer Kapitel verfolgen: so spielte neben dem Ausbau von Schienennetz und Wasserwegen und dem Bau von Kirchen bzw. dem Anlegen von Friedhöfen vor allem die Amts- und Verwaltungsgeschichte eine wichtige Rolle. Unter [Seite 56↓]anderem bekommt man hier das Titelblatt des Bürgerbuchs von 1537-1821 und einen Ausschnitt aus einem Bürgerbrief von 1829 zu sehen. Werbeschilder von Fabriken verweisen außerdem auf die Industrialisierung und die Entwicklung der Arbeiterschaft.

Der letzte Raum schließlich widmet sich dem 20. Jahrhundert in Köpenick. Wiederum wird man anhand auffälliger Exponate in der Raummitte auf zwei Themen dieses Ausstellungsteils aufmerksam gemacht. Ein Modell des 1959 abgebrannten alten Müggelturms deutet die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung im Erholungsgebiet Köpenick an. In einer Vitrine kann man neben Schiffsmodellen Produkte verschiedener Industriebetriebe (des Funkwerks, der Fotochemischen Werk, des Werkes für Fernsehelektronik und des Kabelwerkes Oberspree) betrachten.

Rund um das Modell und die Vitrine wird die Möglichkeit geboten, sich über ausgewählte Themen des 20. Jahrhunderts zu informieren. Die Entwicklung der Infrastruktur zu Beginn des 20.Jahrhunderts machte Köpenick zur Zentrale des Ostens. Zeugen dieser Geschichte sind die elektrische Straßenbahn, das 1905 fertiggestellte Rathaus sowie das städtische Klär- und Elektrizitätswerk, die auf zahlreichen Fotos aus deren Gründungszeit zu sehen sind. In diese Zeit fällt auch die Geschichte des Hauptmanns von Köpenick, die u.a. durch die Personalakte des Bürgermeister Langerhans, der durch Wilhelm Voigt „verhaftet“ worden war, veran­schaulicht wird. Weitere Stationen sind der Erste Weltkrieg und der Kapp-Putsch von 1920, die politische Entwicklung in Köpenick nach 1933, insbesondere die „Köpenicker Blutwoche“ (der Misshandlung und Ermordung von politischen Gegnern durch SA-Sturmtruppen im Juni 1933), die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs und die Nachkriegsgeschichte in Köpenick. Die Kriegszeit und ihre Folgen werden dem Besucher u.a. durch. Gefallenenanzeigen, ein Merkblatt für den Luftschutz sowie Fotos von der Zerstörung von Teilen Köpenicks nahegebracht.

Weitere Stationen sind die Entwicklung Köpenicks zum Industriezentrum im Südosten Berlins und der innerstädtische Wohnungsbau, der in Köpenick Neubaugebiete entstehen ließ. Hier geht es auch um den Verfall von Altstadtbauten wegen mangelnder Sanierung. Der Rundgang endet mit der Darstellung von politischer Opposition in den achtziger Jahren und dem Runden Tisch in Köpenick. Neben dem Ausgang zum Eingangsfoyer hängt schließlich eine Deutschland-Fahne, in deren Mitte ein Loch ausgeschnitten ist; der Besucher liest darin die Daten „9.11.89 Fall der Berliner Mauer, 1.7.90 Währungsunion, 3.10.90 Deutsche Einheit“.

Nach der Besichtigung dieser Dauerausstellungen im Hauptgebäude des Museums kann eine weitere Dauerausstellung zur Landschaft, Vegetation, Tierwelt und Fischerei in Köpenick in einem angrenzenden Pavillon besucht werden.

Hier kann der Besucher einen Rundgang entlang der Wände des Pavillons wählen. Dieser Rundgang führt um eine größere Inszenierung in der Mitte des Raums herum, die Geräte aus der Landwirtschaft und der Fischerei zeigt. Damit wird man auf den ersten Blick mit den beiden thematischen Schwerpunkten dieses Ausstellungsteils vertraut gemacht.

Der Rundgang stellt zunächst einen Brauch bei den Fischern in den Jahren 1451-1874, den Grenzenzug, und damit verbundene Feierlichkeiten sowie die historische Entwicklung der Fischerdörfer Köpenicks vor. Der Besucher kann sich anhand verschiedener Geräte ein Bild von der Arbeit im Fischereiwesen machen: zu sehen sind ein Fischbehälter, weitere Fischereigeräte und ein Bodenplankboot mit Zubehör. Ein Großfoto einer Seenlandschaft und [Seite 57↓]Gegenstände zur Eisfischerei sowie eine Puppe, die einen Fischers darstellt, illustrieren das Fischen im Winter.

Der Rundgang wird fortgesetzt mit der Darstellung der Vegetation, der Tierwelt und der Landschaft Köpenicks. Forstwirtschaftliche und landwirtschaftliche Geräte führen einzelne Arbeitsabläufe vor Augen; schließlich wird man in die Seenlandschaft und das Naturschutzgebiet in Köpenick eingeführt. Auch die Forstbetriebe werden hier dargestellt.

5.1.2. Die Zeltstadt Kuhle Wampe

Der letzte Raum, der vom Foyer aus betreten werden kann, zeigt eine Wechselausstellung zur Geschichte eines Zeltplatzes, der seit 1976 den offiziellen Namen „Kuhle Wampe“ trägt.208

Beim Betreten des Raums trifft man zunächst auf eine größere Inszenierung, die eine Zeltstadt andeutet. An den Wänden rings um diese Inszenierung wird der Besucher über die Geschichte der Zeltstadt informiert. Geht man im Uhrzeigersinn an den einzelnen Ausstellungskapiteln entlang, erfährt man zunächst, dass die Geschichte des Zeltplatzes eng mit der Geschichte des Arbeitersports verbunden ist. Als Teil der Arbeiterbewegung verstanden sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts Arbeiterwandervereine, von denen einige sich zur Idee des Sozialismus bekannten.

Nach dem Ersten Weltkrieg bildeten sich verschiedene politische Ausrichtungen dieser Vereine; die überwiegend kommunistisch orientierten Fichte-Sportler konnten vor allem junge Arbeitslose in Berlin für ihre Bewegung gewinnen und gründeten unter anderem den Zeltplatz Kuhle Wampe am Müggelsee. Der Platz beherbergte bereits 1913 ein Zeltdorf, das sich zunehmend ausbreitete und die Gründung weiterer Zeltstädte nach sich zog, die sich in einer der ältesten, 1935 aufgelösten Zeltkolonien Deutschlands zusammenschlossen. Die Aus­stellung zeigt, dass dieser Ort noch heute besteht und einige Überreste der Zeltstadt erhalten sind.

Die folgenden Stationen gehen auf die Kleingärten- und Laubenkolonien in dieser Gegend und die Anfänge der Arbeitersportbewegung ein. Vorgestellt werden diese am Beispiel vom Berliner Turnverein Fichte, dessen ideologische Auseinandersetzungen nach dem Ersten Weltkrieg unter anderem in die Gründung der Freien Turnerschaft Groß-Berlin und später in die Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit mündeten. Verhaftungen, Beschlagnahmungen, die Illegalität und die Zerschlagung der Arbeitersportbewegung während der NS-Zeit werden ebenfalls beschrieben. Der Zeltplatz Kuhle Wampe wurde bis 1936 neben den meisten anderen Plätzen aufgelöst. Man bekommt in diesem Teil der Ausstellung u.a. zahlreiche Abzeichen und Zeitschriften verschiedener Arbeitersportvereine zu sehen.

Der Besucher muss an dieser Stelle den Rundgang unterbrechen, um an dem inszenierten Zeltplatz vorbeizugehen. Auf der anderen Seite des Raums erfährt man, dass auch ein Film über die Zeltstadt mit dem Titel „Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?“ (Deutschland 1931) gedreht wurde; zunächst kann man sich Ausschnitte des Films ansehen, in weiteren Stationen der Ausstellung werden die Entstehung und der Inhalt des Films erläutert. Es handelt sich um den ersten proletarischen Tonfilms, der in Deutschland gedreht wurde, und war gleichzeitig der einzige offen zur Veränderung aufrufende Film der Weimarer Republik. Die Szenen in der Zeltstadt wurden nicht am Originalschauplatz, sondern wegen der [Seite 58↓]schlechten Lichtverhältnisse in einer nachgebauten Zeltstadt gedreht, wobei die Laienschauspieler aus der Kuhlen Wampe kamen. Der Regisseur war Slatan Dudow, die Filmmusik wurde von Hanns Eisler komponiert. Wegen angeblicher kommunistischer Agitation wurde der Film 1932 durch die Filmprüfstelle verboten. Nach Protesten und Änderungen des Films wurde das Verbot wieder aufgehoben. Nach der Freigabe wurde der Film schließlich durch die Nationalsozialisten noch im selben Jahr erneut verboten.

Am Ende des Rundgangs kommt die Ausstellung noch einmal auf die Geschichte des Zeltplatzes zurück: die letzte Station informiert den Besucher über das erste Gebäude der Kuhlen Wampe, eine Fischerhütte, die 1924 durch den Arbeiter-Touristenverein in Köpenick zu einem Wanderstützpunkt ausgebaut wurde; der Verein wurde 1935 durch den gleichgeschalteten Verband der Märkischen Wandervereine vereinnahmt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Hütte wieder hergerichtet, die schließlich durch den Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands übernommen wurde. Dieser geriet mit den DDR-Behörden in Konflikt, worauf ihm 1956 der Mietvertrag entzogen wurde; die FDJ wurde als Nachfolgerin benannt. 1976 erhielt der Campingplatz den offiziellen Namen Kuhle Wampe, 1968 ging ein gleichnamiges Hotel- und Wohnschiff an der Alten Spree vor Anker.


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5.1.3.  Sammlungsschwerpunkte und eine lange Geschichte

Für einen großen Teil der Ausstellungen im Köpenicker Museum wurden Exponate aus der eigenen Sammlung ausgewählt. Dies gilt für sämtliche Objekte im Foyer und die Rekon­struktion der Kücheneinrichtung sowie für Teile der Ausstellungen im Pavillon, des Rund­gangs zur Geschichte Köpenicks und der Wechselausstellung. Werden Leihgaben gezeigt, so handelt es sich beim Rundgang zur Geschichte Köpenicks in der Regel um Reproduktionen von Objekten anderer Museen; die Objekte stammen in diesem Ausstellungs­teil in der Regel aus dem Museum für Vor- und Frühgeschichte bzw. aus dem Märkischen Museum.209 Im Pavillon dagegen werden vor allem Leihgaben aus dem Museum Europä­ischer Kulturen gezeigt. In der Wechselausstellung werden zudem viele Reproduktionen als Vergrößerung präsentiert. Dies verdeutlicht, dass die illustrierende Funktion der Exponate in dieser Ausstellung wichtig ist und nicht einzelne Fotos oder Dokumente im Vordergrund stehen.

Sammlungsschwerpunkte sind in zwei Fällen zu sehen: in der Ausstellung über Wäschereiunternehmen und der Ausstellungsteil im Pavillon zur Fischerei; im letzten Fall werden museumseigene Objekte durch Leihgaben ergänzt. Das Thema der Wechsel­aus­stellung hängt nicht mit einem bestimmten Sammlungsschwerpunkt des Museums zusammen, viele Exponate sind Leihgaben bzw. deren Reproduktionen. Jedoch wird deutlich, dass ohne das Archiv des Museums die Darstellung des Themas in dieser Form nicht möglich gewesen wäre, da z.B. Fotos aus dem eigenen Bestand bestimmte historische Entwicklungen dokumen­tieren. Die Geschichte der Sammlung oder des Museums spielt bei der Themendarstellung jedoch keine Rolle.

Die Objekte in den Ausstellungen können in zwei Kategorien unterteilt werden: zweidimensionale Exponate, die in den meisten Fällen in den Texttafeln integriert sind, und dreidimensionale Objekte, die einzeln oder innerhalb von Inszenierungen gezeigt werden. Die zweidimensionalen Exponate werden in der Analyse noch einmal unterteilt in Fotos und andere Dokumente wie Karten, Stiche u.a. Außerdem bilden Modelle und Zeichnungen eine eigene Kategorie innerhalb der Ausstellungen: sie stellen keine Exponate dar, sondern unterstützen die Gestaltung der Ausstellungen.

Die Fotos spielen hinsichtlich ihrer Funktion in den Ausstellungen eine besondere Rolle. In der Regel illustrieren sie die Inhalte der Ausstellungen, die über Texttafeln vermittelt werden. Beispiele dafür sind Fotos, die die Geschichte des Gebäudes veranschaulichen: sie zeigen u.a. das Gebäude als Kindertagesheim im Jahr 1930. Weitere Fotos dokumentieren die Geschichte von Wäschereiunternehmen. Die Texttafeln zur Geschichte Köpenicks im 19. Jahrhundert werden durch Fotos illustriert; sie zeigen u.a. Ansichten eines ehemaligen Verwaltungsgebäudes, des alten Rathauses, verschiedener Kirchen, Fabriken und Bahnhöfe.

Teilweise werden über Fotos Inhalte der Texttafeln mit einzelnen Personen in Verbindung gebracht: Auf einem Foto ist der Rektor a.D. Otto Heinrich, der Mitbegründer des Heimatschulmuseums Cöpenick, zu sehen. Zwei weitere Fotos zeigen die Betreiber von Unternehmen bzw. in einem Fall die Belegschaft eines Wäschereiunternehmens. Andere Beispiele sind Fotos auf den Texttafeln zur Geschichte der Fischerdörfer Köpenicks und zur [Seite 60↓]Vegetation und Tierwelt. Präsentiert werden Fotos eines Fischers mit seiner Frau vor einer Fischerhütte, eines weiteren Fischerpaars, eines Fischers beim Eisfischen sowie eines Gedenksteins für den Stadtrat und Forstverwalter Rühl. Der Bezug zu den Personen bleibt jedoch in allen Fällen undeutlich, da die Texte nicht auf die Biographien der einzelnen Personen eingehen.

Fotos, die in Kapiteln zur Geschichte Köpenicks zu sehen sind, illustrieren ebenfalls Texttafeln, können aber nicht als Exponate bezeichnet werden, da es sich nicht um historische Fotos handelt. Gezeigt werden beispielsweise Fotos eines Grabungsschnittes auf der Schlossinsel und der Freilegung eines mittelalterlichen Hauses im Jahr 1995. Beide Fotos stellen außerdem einen Bezug zu neueren archäologischen Forschungen her. Die Fotos aus dem Besitz des Museums thematisieren und dokumentieren damit Ausgrabungen im Raum Köpenick. In diesen beiden Fällen wird also der Hinweis auf archäologische Forschungen nicht über Objekte aus der jeweiligen Zeit bzw. deren Reproduktionen gegeben.

Hier besteht ein enger Zusammenhang mit dem Archiv des Museums und der Ausstellung. Die Besonderheit liegt darin, dass nicht Dokumente oder andere Objekte aus der thematisierten historischen Periode ausgestellt werden, sondern Fotos, die erst in jüngster Zeit gemacht wurden, um Aktivitäten, in diesem Falle Ausgrabungen, im Bezirk zu präsentieren. Diese Tätigkeiten sind ein Zeichen dafür, dass die Erforschung des Bezirks noch nicht abgeschlossen ist bzw. noch immer neue Erkenntnisse zu erwarten sind. Diese werden durch das Museum dokumentiert und gezeigt und betonen damit die Aktualität der historischen Forschung. Hier wird also nicht nur ein Bezug zur Gegenwart hergestellt, sondern auch darauf hingewiesen, dass das historische Köpenick weiterhin Gegenstand der Forschung ist. Indirekt ist diese Dokumentation der Ausgrabungen ein Hinweis darauf, dass sich das Bild von Köpenick in der Wissenschaft (vor allem der Archäologie und der Geschichtswissenschaft) und damit das Bild dieses Bezirks in der Öffentlichkeit noch immer verändert. Das bedeutet, dass das Bild Köpenicks, das im Museum gezeichnet wird, ohne diese Ausgrabungen und Forschungen ein anderes wäre. Die Fotos als Dokumentation der Ausgrabungen sind somit ein Mittel, die „Quellen“ des musealisierten Bildes des Bezirks anzudeuten. Schließlich wird der Bezirk auf diese Weise auch als Arbeitsort einer bestimmten Berufsgruppe (Archäologen) gezeigt.

Auch bei anderen Fotos werden mehrere Bedeutungsebenen genutzt: ein Foto zeigt die Freilegung von Resten des Jagdschlosses in jüngster Zeit. In diesem Fall stammt das Foto allerdings nicht aus dem Besitz des Museums, sondern aus dem Landesdenkmalamt Berlin. Es dokumentiert nicht nur die Geschichte des Schlosses, sondern auch seine archäologische Erforschung. Ein weiteres Beispiel für die Nutzung mehrerer Bedeutungsebenen ist ein Foto von Treppenresten des Barockschlosses, die 1998 freigelegt wurden. Es informiert nicht nur über jüngere Ausgrabungen, sondern verweist – ergänzt durch einen kurzen Text – auf andere Exponate der Ausstellung, nämlich die Kachelreste, die ebenfalls auf dem Foto zu sehen sind. In diesem Fall wird also über einen Text ein Querverweis zwischen zwei Exponaten hergestellt.

Großfotos schließlich bilden den Hintergrund für Inszenierungen im Pavillon zu den Themen Fischerei und Landwirtschaft. Hier werden Fotos auf zweifache Weise benutzt: sie dokumentieren historische Arbeitswelten oder Landschaften und bilden gleichzeitig einen Teil der Gestaltung von Inszenierungen.

Die Karten aus der museumseigenen Sammlung, die die Entwicklung der Stadt zum Bezirk veranschaulichen, illustrieren kein spezifisches Thema, da kein Text oder andere Präsen­[Seite 61↓]tationstechniken näher auf diesen Teil der Geschichte Köpenicks eingehen. Es geht hier also um die bloße Veranschaulichung der Veränderung der Stadt- bzw. Bezirksgrenzen, wie sie anhand der Karten erkennbar ist. Dadurch, dass erläuternde Texte fehlen, stehen hier die Exponate im Vordergrund des Ausstellungsteil. Im gesamten Zusammenhang der Präsentation der Geschichte Köpenicks kann man jedoch auch hier von keinem objektorientierten Ausstellungsteil reden. Indirekt weisen die Karten auf die Sammlung des Museums hin, das eine große Anzahl von Karten aus dieser Zeit besitzt. Das Gleiche gilt für mehrere Exponate, die einzelne Texttafeln zur preußischen Geschichte Köpenicks illustrieren: eine Königlich Preußische Posttaxe von 1712, ein Edikt von König Friedrich Wilhelm I. zur Ansiedlung von Seidenspinnern und Ausschnitte aus Messtischblättern, Abbildungen, Stiche, Steindrucke, eine Postkarte, eine Kartenskizze, ein Situationsplan, ein Tagungsbefehl sowie eine Liste von Gefallenen einer Schlacht. Hier zeigt sich indirekt, dass das Museum aus dem 18. und 19. Jahrhundert zahlreiche Dokumente besitzt, die die Geschichte Köpenicks in dieser Zeit illustrieren können. Ein Zusammenhang zwischen Sammlungsschwerpunkten und Ausstellung ist aber auch hier nicht zu erkennen: wie in den übrigen Ausstellungskapiteln auch steht die Präsentation einzelner historischer Epochen in der Geschichte Köpenicks im Mittelpunkt; die Exponate illustrieren diese Geschichte oder bleiben im Hintergrund der Ausstellung.

Die übrigen ausgestellten Dokumente unterschiedlicher Artillustrieren Texttafeln: beispielsweise veranschaulichen Werbeprospekte, Briefköpfe oder ein Firmenplakat die Geschichte von Wäschereiunternehmen. Verschiedene Schriften des Wäschereiunternehmens Spindler werden in einer Vitrine gezeigt; sie gehören inhaltlich zur Inszenierung, werden aber durch die Vitrine von dieser getrennt sind und nicht näher erläutert. Gemälde, Stiche und andere Dokumente mit Außen- und Innenansichten des Jagdschlosses dienen lediglich dazu, die Außenansicht des Schlosses zu veranschaulichen; Lagepläne und Architektenskizzen des Barockschlosses dagegen zeigen auch die Entstehung und ursprüngliche Planung des Gebäudes.

Für die Darstellung der Schlosskirche und deren Gemeinde gilt, dass die Dokumente (u.a. ein Stich, ein Gemälde und ein Eintrag des Kirchenbuches) Ansichten des Gebäudes sowie einzelne Personen herausstellen, die in der Geschichte der Kirche eine besondere Rolle spielten. Hier wird also ähnlich wie bei einigen Fotos die Bedeutung einzelner Menschen für die Geschichte Köpenicks betont.

Teilweise illustrieren Dokumente nicht nur Texttafeln, sondern liefern zusätzliche Informationen. Die Vitrine zur Geschichte des Heimatmuseums zeigt u.a. ein Vortragsmanuskript von Otto Heinrich und „Bücher und Karten aus dem Heimatschulmuseum Cöpenick“. In den Dokumenten ist nachzulesen, dass es sich um ein Protokoll einer Tagung der Arbeitsgemeinschaft für Heimatkunde, in deren Rahmen Heinrich einen Vortrag über die Geschichte der Stadt gehalten hatte, sowie um einen Text über „Geologische Verhältnisse Cöpenicks“, der durch handgemalte Karten ergänzt wird, handelt.

Im Kapitel der Wechselausstellung über das Ende der Arbeitersportbewegung in der NS-Zeit sind zwei Exponate zu sehen, die zusätzliche Informationen zu den Texttafeln liefern: ein Schreiben des Geheimen Staatpolizeiamtes von 1933, in dem es um die Beschlagnahmung des Eigentums eines Kanufahrer-Vereins geht, und ein Ausschnitt aus dem Völkischen Beobachter von 1932, der über eine Bootsversteigerung berichtet. Beide Exponate liefern also zusätzliche Informationen zum Thema dieses Ausstellungskapitels. In den Ausstellungsteilen über die Zensur und die Freigabe und das erneute Verbot des Films durch die [Seite 62↓]Nationalsozialisten über die Zeltstadt vertiefen Zeitungsausschnitte und Rezensionen die Argumente für und wider das Verbot des Films.

Im Kapitel zur Geschichte des Jagdschlosses kommt eine Präsentationsweise eines zwei­dimensionalen Exponates zur Anwendung, die sich in keinem anderen Ausstellungsteil wiederfindet. Ein Kupferstich, der das Jagdschloss zeigt, ergänzt zum einen die Texttafel. Zum anderen wird hier auch über den Verleger Merian und das Werk informiert, in dem der Stich herausgegeben wurde. In diesem Fall wird über die Geschichte eines Exponates berichtet, die nicht unmittelbar mit dem Ausstellungsthema in Verbindung steht: der einzige Fall, in dem eine weitere Bedeutungsebene eines Exponates dem Besucher unabhängig vom präsentierten Thema vorgestellt wird.

Zweidimensionale Exponate erfüllen also meistens illustrierende Funktionen, wobei teilweise mehrere Bedeutungsebenen genutzt und zusätzliche Informationen zu den Texten gegeben werden. Die Intention dieser Ausstellungsteile ist die Dokumentation einzelner Perioden der Geschichte Köpenicks mit Hilfe der Exponate, ohne weitere Geschichten zu präsentieren, die sich aus eventuellen weiteren Bedeutungsebenen der Objekte ergeben könnten. Entscheidend für die Auswahl der Exponate ist deren Funktion als Zeitdokument; weitere Bedeutungsebenen wurden nicht recherchiert.

Bei dreidimensionalen Objekten dagegen werden nicht nur illustrierende Präsentationsweisen genutzt; dabei werden teilweise andere Bedeutungsebenen erschlossen als bei Fotos und Dokumenten. In den meisten Fällen werden sie innerhalb von Inszenierungen gezeigt.

Zwei Inszenierungen im ersten Teil des Rundgangs zur Geschichte Köpenicks stellen die archäologischen Funde zweier Grabstätten aus der Stein- bzw. Bronzezeit nach; zwei Großfotos im Hintergrund veranschaulichen zusätzlich diese Rekonstruktionen. Zwei Vitrinen unmittelbar vor den Inszenierungen zeigen mehrere Fundstücke dieser Ausgrabungen, die wie alle Objekte der Inszenierungen nicht näher erläutert werden. In Verbindung mit den Texttafeln und den Hintergrundfotos dienen die Exponate hier sowohl der Veranschaulichung archäologischer Grabungen als auch der Thematisierung von Bestattungsarten und anderer Sitten der Stein- und Bronzezeit. Die Texttafeln der Inszenierungen informieren über steinzeitliche Sitten wie das dargestellte Begräbnis, über das Spindlersfelder Urnengräberfeld und über die Funde der Archäologen. Durch den einführenden Text mit Karte werden die Funde im heutigen Köpenick in den geographischen Kontext des gesamten heutigen Berlin gestellt. Dadurch wird die Bedeutung Köpenicks für die archäologische Erforschung dieser Zeit verdeutlicht.

Die illustrierenden Funktionen von Exponaten, in diesem Falle Grabungsfunde aus der Stein- und Bronzezeit, werden hier auf zweifache Weise genutzt. Es werden zwei Bedeutungsebenen dieser Objekte erschlossen, die auf unterschiedliche Arten gezeigt werden: entweder bei der Veranschaulichung spezieller Themen aus der Geschichte Köpenicks (Bestattungsweisen in dieser Zeit) oder bei der Präsentation archäologischer Arbeitsweisen. Teilweise werden diese beiden Bedeutungsebenen eines Exponates zugleich genutzt: dies ist der Fall, wenn die Objekte innerhalb der Inszenierung gezeigt werden.

Eine dritte Inszenierung im ersten Raum des Rundgangs präsentiert die Architektur eines Hauses aus dem 13. Jahrhundert anhand originaler Baumaterialien und Gegenstände der Inneneinrichtung wie Daubenfass, Kugeltopf, Keramikfragmente und Kienspäne. Diese Objekte befinden sich innerhalb der Inszenierung, weitere werden in einer Vitrine gezeigt (Eisenobjekte aus dem Haus); diese Einteilung der Exponate ähnelt den beiden ersten [Seite 63↓]Inszenierungen. In Verbindung mit Texttafeln stehen hier die Exponate ebenfalls nicht nur für ein historisches Thema, in diesem Fall die Geschichte eines um 1215 erbauten Hauses, sondern auch für die Geschichte seiner Entdeckung im Jahr 1995.

In der Wechselausstellung zur „Kuhlen Wampe“ veranschaulicht an zentraler Stelle eine Inszenierung das Thema. Die gezeigten Exponate werden nicht erläutert oder datiert, es ist jedoch zu erkennen, dass sie aus dem in der Ausstellung vorgestellten Zeitraum stammen. Ein Kanu mit Paddel, in dem sich Trinkflaschen und andere Gegenstände befinden, liegt neben einem niedrigen Podest, das mit Sand gefüllt ist und auf dem ein Zelt aufgebaut ist. Das Zelt ist zur Hälfte geöffnet und lässt darin einen Liegestuhl, einen Rucksack, eine Gitarre, Schuhe, einen Kocher, Flaschen, einen Campingkocher, eine Lampe und andere Gegenstände sehen. Die Inszenierung vermittelt die Atmosphäre eines Zeltplatzes und deutet die Aktivitäten an, die solch einen Ort prägen: Wassersport, Musizieren, Kochen, Entspannen und Übernachtung. Da die Exponate alle innerhalb der Inszenierung zu sehen sind, kann man in diesem Fall von keiner objektorientierten Präsentation sprechen. Vielmehr wird das Thema illustriert, wobei diese Veranschaulichung sehr allgemein gehalten ist und eher eine bestimmte Atmosphäre vermitteln soll.

Die meisten Objekte in der Rekonstruktion der Kücheneinrichtung werden wie die Objekte in der Wechselausstellung nicht bezeichnet. So ergibt sich auch hier ein allgemein gehaltenes Bild des Themas. Die Exponate können zudem, da der Ausstellungsraum nicht zugänglich ist, nicht einzeln betrachtet werden, wodurch der allgemein gehaltene Eindruck verstärkt wird: die Objekte besitzen nur im Gesamtzusammenhang ihre illustrierende Funktion.

Fast alle Exponate der Inszenierung im Foyer werden hingegen bezeichnet: zu sehen sind u.a. Wäschemangeln, Waschbretter, eine Wäscherolle, Bügeleisen und die Kleidung eines Wäschermädchens. Alle Exponate stammen vom Anfang des 20. Jahrhunderts; ihre Funktion oder andere Aspekte ihrer Geschichte werden nicht thematisiert.

Die Inszenierung in der Mitte des Pavillons wird räumlich den einzelnen Texttafeln nicht eindeutig zugeordnet; der Bezug ist jedoch aufgrund der dargestellten Themen leicht zu erschließen. Die Texte der Inszenierung beschränken sich auf kurze Erläuterungen der Funktionsweisen der Exponate und gehen nicht noch einmal auf die Texttafeln ein. Die Inszenierung besteht aus zwei Reusen, einem Transportkarren mit verschiedenen Körben sowie einem Schubkarren für den Transport von Säcken; die Exponate stammen ausnahmslos aus dem Museum Europäischer Kulturen. Die Zusammenstellung thematisiert also in der Hauptsache die Möglichkeiten des Transportes mit Geräten in der Landwirtschaft und der Fischerei. Alle Exponate ergänzen die Texttafeln über die Fischerei, ein weiterer Bezug besteht zur Texttafel zum Thema „Vegetation und Tierwelt“, da auf dieser ein Foto die Feldarbeit im selben Zeitraum zeigt und die übrigen Exponate offenbar aus diesem Arbeitsbereich stammen. Diese inhaltlichen Bezüge sind jedoch nicht deutlich, da auch keine Texte darauf hinweisen. Im Mittelpunkt der Inszenierung stehen hier also die Exponate selbst, deren Ästhetik zusätzlich durch die zentrale Präsentation in der Mitte des Ausstellungsraumes besonders betont wird. Dieser Eindruck der Inszenierung wird noch durch die Tatsache verstärkt, dass die Exponate nicht aus der museumseigenen Sammlung stammen, es hier also nicht um die Präsentation eines Sammlungsschwerpunktes geht.

In der Mehrzahl der Inszenierungen erfüllen Exponate also illustrierende Funktion, nur in einem Fall wird außerdem die Ästhetik der Objekte betont. Die Intention der Inszenierungen ist bis auf das zuletzt beschriebene Beispiel die Veranschaulichung von Charakteristika der Köpenicker Geschichte. Der Besucher kann sich auf diese Weise ein Bild von verschiedenen [Seite 64↓]alltäglichen Tätigkeiten machen; dabei wird sein Blick bis auf die Inszenierung in der Mitte des Pavillons nicht auf einzelne Exponate gelenkt; entscheidend ist der Gesamteindruck dieser Ausstellungsteile.

Weitere dreidimensionale Objekte werden außerhalb von Inszenierungen gezeigt. Je nach Präsentationsweise erfüllen die Exponate unterschiedliche Funktionen. In einigen Ausstel­lungs­kapiteln werden dreidimensionale Objekte außerhalb der beschriebenen Insze­nierun­gen (zur Geschichte der Wäschereiunternehmen, der Fischerei und der Landwirtschaft sowie in der Wechselausstellung) in kleineren Inszenierungen gezeigt. Ein Beispiel dafür sind im Kapitel zur preußischen Geschichte Spinnrad, Handspindel, Wockenband, Wollhaspel sowie Leinen und Wolle in verschiedenen Verarbeitungsstufen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, die die Verarbeitung von Wolle zeigen. Diese Exponate verweisen auf ein Thema, des Ausbaus der Textilindustrie in dieser Zeit, das auf Texttafeln vorgestellt wird.

Ein weiteres Beispiel sind Exponate zur Eisfischerei aus der museumseigenen Sammlung in einer Inszenierung vor einem Großfoto; u.a. sind ein Fischerschlitten zu sehen, auf dem sich Setzhäscher, Eisäxte und andere Gegenstände befinden. Weitere Exponate befinden sich neben dem Schlitten. Hier wird der topographische Bezug der Objekte zu Köpenick deutlich gemacht, da als Herkunftsorte Dörfer in Köpenick genannt werden. Sonst werden hier keine näheren Erläuterungen gegeben, auch das Hintergrundfoto dieser Inszenierung gibt über die Kurzbezeichnung der Objekte hinaus keine genaueren Hinweise auf deren Gebrauch.

Zwei weitere Inszenierungen im Pavillon zeigen ein Fischerboot mit Riemen, Stakstangen, Takelage, Zubehör und Holzanker sowie Fälläxte, Schrotsägen, Schäl- und Schabeisen und andere Arbeitsgeräte aus der Forstwirtschaft. Bei der zweiten Inszenierung werden zusätzlich Holzstämme verwendet, die keine Exponate bilden, sondern als Kulisse oder Hintergrund dienen. Das Gleiche gilt für eine dritte Inszenierung, bei der Strohballen diese Funktion erfüllen. Hier werden Sense, Sichel, Dreschflegel, Rechen und andere Geräte gezeigt.

Die Intention dieser kleineren Inszenierungen ist dieselbe wie bei den zuerst besprochenen. Sie vermitteln einen Eindruck von Arbeitsabläufen, ohne Einzelobjekte in den Mittelpunkt zu stellen und auf weitere Bedeutungsebenen einzugehen.

Zum Teil werden mehrere Gegenstände in Vitrinen gezeigt. In einer Vitrine zu Beginn des Rundgangs zur Geschichte Köpenicks, die sich neben den beiden ersten Inszenierungen befindet, werden weitere Funde aus einem der beiden Grabungsstätten näher bezeichnet. Hier wird jedes Exponat zumindest in seiner ursprünglichen Funktion erläutert: man erfährt über entsprechende Beschriftungen, dass eine Schmucknadel, ein Halsring, ein Fingerring, Spiralröllchen und ein Stabdolch zu sehen sind. Hier stehen die Objekte im Vordergrund der Präsentation, anders als die Exponate in den beiden Vitrinen vor den Inszenierungen. Zwei weitere Vitrinen zeigen Objekte anderer Fundorte in Köpenick aus der Bronze- und Steinzeit sowie Funde aus dem 13. und 14.Jahrhundert und dem 9. bis 12. Jahrhundert. Alle diese Objekte werden nicht näher erläutert; sie illustrieren also weder die Inszenierungen, noch stehen hier die einzelnen Exponate im Vordergrund. Vielmehr zeigen die Objekte in ihrer Gesamtheit die Vielzahl archäologischer Funde aus verschiedenen Perioden in Köpenick. Sie illustrieren damit also nicht einzelne Inszenierungen oder Themen, sondern die Zeit im Raum Köpenick von der Steinzeit bis zum 14. Jahrhundert, ohne sich dabei auf einzelne Themen zu beziehen.

Zwei weitere Stationen dieses Kapitels informieren über weitere archäologische Forschungsmöglichkeiten anhand eines Grabungsaufschlusses sowie Holz-, Knochen- und [Seite 65↓]Lehmfunde, die in einer Vitrine zu sehen sind. In diesen Fällen besteht die Funktion der Exponate lediglich in der Illustration dieser Analysemöglichkeiten, da sie kein spezielles Thema veranschaulichen.

Weitere Beispiele für die Illustration von Themen durch dreidimensionale Objekte in Vitrinen sind Schiffsmodelle, ein Funksprechgerät und Mischpult, Verpackungen und Reklameschilder, eine Produktpalette aus der Fernsehelektronik sowie Kabelquerschnitte und Kabelmuster im Ausstellungskapitel zur Industriegeschichte Köpenicks. Hier werden die Exponate nur kurz erläutert, bilden aber insgesamt eine Ergänzung zu einer Texttafel und Fotos an anderer Stelle, die Köpenick als Industriezentrum im Südosten Berlins darstellen.

Auch in Vitrinen stehen Exponate also nur selten im Vordergrund der Präsentation, in den meisten Fällen veranschaulichen sie Themen auf allgemeine Weise. Einige dreidimensionale Exponate werden außerdem als Einzelobjekte gezeigt, wobei unterschiedliche Bedeutungs­ebenen genutzt werden.

Mehrere Objekte sind keiner der bisher beschriebenen Präsentationsweisen zuzuordnen. Ein Exponat im Kapitel über das 16. und 17. Jahrhundert in Köpenick hat nicht die Funktion, die vorgestellten Themen zu illustrieren, d.h. dass es keinen direkten Bezug zwischen Objekt und Texttafel gibt. Dies ist der Fall bei der Nachbildung eines Rockanzugs aus dem Spätbarock aus der Sammlung des Museums. Diese Nachbildung eines Anzugs dient hier als Veranschaulichung der Kleidermode einer bestimmten Zeit, auf die nicht näher eingegangen wird. Bei allen anderen Exponaten in diesem Ausstellungsteil besteht eine direkte inhaltliche Verbindung zwischen Exponat und Text bzw. dem vorgestellten Thema. Im Ausstellungsteil zur preußischen Geschichte werden ebenfalls Exponate gezeigt, die kurz erläutert werden, aber keine Themen illustrieren, die auf Texttafeln vorgestellt werden: eine Kaminplatte mit kurfürstlichem Wappen sowie eine Ausstattungstruhe stammen aus der in diesem Ausstel­lungs­teil vorgestellten Zeit, zeigen ansonsten aber keine inhaltlichen Bezüge. Ein weiteres Beispiel ist ein Ölgemälde mit einer Stadtansicht Köpenicks um 1900 im Ausstellungskapitel zur Geschichte Köpenicks im 19. Jahrhundert. Es zeigt keine direkten inhaltlichen Bezüge zum Thema dieses Ausstellungsteils, sondern präsentiert Köpenick im hier vorgestellten Zeitraum. Da das Bild in keinem direkten Zusammenhang mit einer der Texttafeln steht und auch nicht näher erläutert wird, steht es ähnlich im Hintergrund wie die oben beschriebenen Exponate. Alle diese Exponate illustrieren also weder ein Thema noch sind sie Teil einer Inszenierung; zudem werden sie nicht im Mittelpunkt des Ausstellungsteils präsentiert. Sie erfüllen damit keine eindeutige Funktion, da sie weder einer illustrierenden noch einer objektorientierten Präsentation zugeordnet werden können und auch nicht Teil einer Inszenierung bilden.

Dem Besucher werden in diesen Fällen also mit Hilfe der Exponate keine weiteren Informationen vermittelt. Die Objekte sorgen lediglich für eine Abwechslung in der optischen Gestaltung der Ausstellungsräume.

Andere Einzelobjekte veranschaulichen Texttafeln. Neben den illustrierenden Objekten, Zeichnungen und Fotos zeigt das Kapitel zur Stadtwerdung Köpenicks auch eine Rekon­struktion eines Fachwerkbaus. Diese Rekonstruktion stellt keine Inszenierung dar, da hier nicht mehrere unterschiedliche Objekte zusammengestellt wurden. Sie illustriert daher als einzelnes Exponat die Fachwerkbauweise und deren Geschichte. Eine Repräsentationsbank ist ein weiteres Beispiel dafür, wie ein einzeln präsentiertes Objekt eine Texttafel illustriert; in diesem Fall gibt das Exponat einen Eindruck von der Inneneinrichtung eines Rathauses, dessen Geschichte geschildert wird. Im Ausstellungsteil, der die Geschichte der [Seite 66↓]Einwanderung der Hugenotten schildert, illustriert die Nachbildung eines Kleidungsstückes das Thema; hier besteht jedoch, im Gegensatz zu dem oben beschriebenen Anzug aus dem Spätbarock, ein enger Zusammenhang mit dem präsentierten Thema, da es sich um die Stadttracht eines Hugenottenpaares Ende des 17. Jahrhunderts handelt, deren Einwanderung vorgestellt wird. Der Zusammenhang zwischen Exponat und Ausstellungsthema besteht also nicht nur im historischen Rahmen, sondern auch in der vorgestellten Bevölkerungsgruppe. Ähnliches gilt für eine Uniform eines Preußischen Grenadiers, die im Kapitel zur preußischen Geschichte zu sehen ist. Zwei weitere Exponate ergänzen Texttafeln: im Ausstellungsteil zum 19. Jahrhundert veranschaulicht ein verstellbares Kinderpult für den häuslichen Gebrauch eine der Texttafeln über die Geschichte der Schulhäuser; ein Fischbehälter illustriert den Ausstellungsteil zur Fischerei. Dabei werden außerdem die Funktionsweisen von Kinderpult und Fischbehälter näher erläutert. Für alle diese Exponate gilt, dass sie nicht nur ein Ausstellungsthema veranschaulichen, sondern durch ihre Platzierung in der Raummitte oder an auffälliger Stelle im Mittelpunkt des jeweiligen Kapitels stehen. Auf diese Weise werden zwei Präsentationsweisen miteinander kombiniert, eine illustrierende und eine objektorientierte.

Zwei Exponate präsentieren zusätzlich zu den Texttafeln weitere Unterthemen. Im Kapitel über das 19.Jahrhundert wird die Lade einer Köpenicker Bäckerinnung durch eine kleine Texttafel ergänzt und veranschaulicht auf diese Weise die Geschichte der Bäckerinnung. Die Lade einer Schuhmacherinnung aus der selben Zeit wird nicht durch einen Text über die Entwicklung dieser Innung ergänzt, sondern informiert über die Funktionsweise dieses Exponates. Diese beiden Gegenstände und die durch sie präsentierten Themen werden auf den großen Texttafeln nicht aufgegriffen. Die Exponate stehen also für sich und haben somit keine illustrierende Funktion. Sie werden jedoch nicht nur kurz erläutert wie die oben beschriebenen Objekte, sondern informieren den Besucher mit Hilfe kleiner Texttafeln über Unterthemen, die die Texttafeln in diesem Ausstellungsteil ergänzen. Auch wenn diese Unterthemen nicht ausführlich geschildert werden, kommen sie zur Geltung, da die entsprechenden Exponate auffällig in der Mitte des Raums gezeigt werden.

Bei den Exponaten im Ausstellungsraum zum 19.Jahrhundert (Bäcker- und Schusterlade sowie ein Kinderpult) werden mehrere Bedeutungsebenen erschlossen: die Gegenstände werden nicht nur als historische Objekte aus dem thematisierten Zeitraum präsentiert, sondern stehen auch für einzelne Themen (Geschichte der Bäckerinnung, Funktionsweise einer Schusterlade und eines Pults) bzw. für die Ergänzung eines an anderer Stelle vorgestellten Themas (Geschichte des Schulwesens). Außerdem wird bei zwei Exponaten auf deren Funktionsweise eingegangen. Durch die Präsentation in der Mitte des Raums wird die Aufmerksamkeit der Besucher zunächst auf diese Objekte gelenkt; man kann in diesem Fall also von einer Präsentation sprechen, die sowohl auf die Exponate und deren Funktion selbst gerichtet ist als auch diese Objekte zur Illustration anderer Themen gebraucht.

Im Rundgang zur Geschichte Köpenicks werden an einigen Stellen auch Modelle eingesetzt, um Themen zu veranschaulichen. Ein Modell illustriert das Barockschloss und die Schlosskirche und hat damit die gleiche Funktion wie die meisten Exponate. Da es sich jedoch weder um ein historisches Objekt aus dem direkten thematisierten Zusammenhang noch um die Dokumentation der Erforschung von Gebäuden im Bezirk handelt, nimmt es eine Sonderstellung ein. Es wurde eigens zur Illustration geschaffen und ist somit ein Hinweis auf die dokumentarische Arbeit des Museums, wie es auch bei einigen Fotos der Fall ist. Für ein Modell des Müggelturms gilt das gleiche: es zeigt einen Aussichtsturm als Ausflugsziel in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wird durch Ansichtskarten, einen Kartenausschnitt und einen Text ergänzt und präsentiert auf diese Weise ausführlich die Bedeutung Köpenicks als [Seite 67↓]Freizeit- und Erholungsort in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Ein weiteres Beispiel ist ein Modell der Stadt Köpenick im Jahr 1776.

Ergänzt werden Objekte im Kapitel zur Stadtwerdung Köpenicks durch Zeichnungen, z.B. vom Querschnitt eines slawischen Burgwalls. Diese Zeichnungen dienen der Veranschau­lichung von Themen, ohne dass sie als Exponate gelten können, da sie keine Objekte aus der jeweiligen Zeit bzw. deren Reproduktionen darstellen. In dieselbe Kategorie fällt eine Zeichnung, die neben einer Fachwerkkonstruktion diese Bauweise illustriert.

ZUSAMMENFASSUNG

Die Einteilung der Ausstellungen richtet sich nach den Charakteristika der Köpenicker Geschichte. Teilweise fallen diese mit Sammlungsschwerpunkten (Wäschereiwesen, Fischerei) zusammen, entscheidend ist jedoch immer die Darstellung historischer Perioden aus unterschiedlichen Perspektiven: die Themen Fischerei und Wäschereiunternehmen ergeben sich nicht aus Sammlungsschwerpunkten, sondern auch aus der spezifischen Geschichte Köpenicks. Aufgrund der Besiedlungsgeschichte, die in der Steinzeit beginnt, behandeln die Ausstellungen also einen großen Zeitraum. Je nach historischer Periode werden so unterschiedliche Aspekte wie Siedlungs-, Wirtschafts-, Bau-, Herrschafts-, Migrations-, Gewerbe-, Industrie-, Verkehrs-, Verwaltungs- und Schulgeschichte thematisiert.

Selten wird die Geschichte mit einzelnen Personen in Verbindung gebracht, am auffälligsten noch im Kapitel zum Hauptmann von Köpenick. Durch die Präsentation eines Schutzhaftbefehls gegen einen Bürger von 1944 werden im Kapitel über die Zeit während des Zweiten Weltkriegs auch die Auswirkungen historischer Entwicklungen auf das Leben einzelner Einwohner Köpenicks geschildert. Hier wird Geschichte nicht nur anhand der allgemeinen historischen Entwicklung geschildert, sondern teilweise auch mit den Folgen für das Alltagsleben verbunden, vor allem durch die Präsentation von persönlichen Exponaten wie ein Inventarverzeichnis für Notfälle, eine Grabkarte und andere. In diesem Kapitel finden sich also Hinweise auf die Alltagsgeschichte Köpenicks, die in den übrigen Stationen des Rundgangs zur Geschichte nicht thematisiert wurde.

Die Ausstellungen zeigen drei Arten der Präsentation: Illustrationen, Inszenierungen und objektorientierte Präsentationsweisen. Die beiden letzteren werden immer in Kombination mit der Illustration eines Themas kombiniert, so dass die Aufmerksamkeit des Besuchers zwar kurzzeitig auf einzelne Exponate oder Objektgruppen gelenkt wird, insgesamt jedoch die Präsentation der jeweiligen Themen die Ausstellung beherrscht. Anders formuliert steht bei der Konzeption der Ausstellung die Festlegung der Themen im Vordergrund, die Auswahl der Exponate richtet sich nach der Themenvorgabe.

Bei der Präsentation der Exponate werden vielfältige Möglichkeiten genutzt. Sowohl bei Fotos und Dokumenten als auch bei dreidimensionalen Objekten werden teilweise mehrere Bedeutungsebenen gezeigt; auf diese Weise werden Hinweise auf die dokumentarische Arbeit des Museums, sein Archiv bzw. seine Sammlung und Quellen des musealisierten Bildes von Köpenick gegeben. Fotos verdeutlichen den Zusammenhang zwischen Ausstellungsthemen und Personen und gestalten Inszenierungen. Objekte werden innerhalb großer und kleiner Inszenierungen präsentiert, in Vitrinen zusammengestellt oder einzeln gezeigt. Dabei kommen illustrierende oder objektorientierte Präsentationsweisen zur Anwendung, teilweise werden diese miteinander kombiniert. Modelle und Zeichnungen schließlich unterstützen die Gestaltung der Ausstellungen.


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5.2. Prenzlauer Berg Museum für Heimatgeschichte und Stadtkultur

Die Geschichte der Sammlung des Museums lässt sich auf zwei Institutionen zurückführen: das Heimatgeschichtliche Kabinett und das Traditionskabinett „Antifaschistischer Widerstand 1933-1945“. 1992 wurden diese zum heutigen Prenzlauer Berg Museum für Heimatgeschichte und Stadtkultur zusammengeführt. Über beide Kabinette ist wenig publiziert worden, so dass sich ihre Geschichte, insbesondere die Sammlungsgeschichte, über Veröffentlichungen nur teilweise rekonstruieren lässt.

In den fünfziger Jahren begannen ehrenamtliche Ortschronisten Zeitungen, einzelne Zeitungsartikel, Fotografien und andere Dokumente über die Geschichte des Bezirks zu sammeln210; besonderer Wert wurde auf die Dokumentation der Arbeiterbewegung gelegt.211 Zum Bestand der Ortschronik gehörten 1975 auch Briefe und Grundrisse von Häusern. Die geistige Grundlage für diese Ortschronik, die vom Rat des Stadtbezirks, Abteilung Kultur, verwaltet wurde, war ein Band „Auf dem Prenzlauer Berg“ von 1928, für den zwei Lehrer Dokumente über die Geschichte des Prenzlauer Bergs gesammelt und zu einer Geschichte des Bezirks zusammengestellt hatten.212

Mit der Aufarbeitung dieser heimatgeschichtlichen Sammlung wurde 1985 begonnen. Ein Jahr später wurde dann das Heimatgeschichtliche Kabinett im damaligen Kulturhaus des Ernst-Thälmann-Parks, in den Räumen eines restaurierten Gasmesshauses des ehemaligen Gaswerkes, mit einer Ausstellung über die Geschichte des Bezirks eröffnet; gleichzeitig entstand im selben Gebäude das Traditionskabinett „Antifaschistischer Widerstand 1933-1945“.213 Nach einem Umzug in die Kapelle eines ehemaligen Städtischen Hospitals und Siechenhauses im Jahr 1987 ergaben sich für das Heimatgeschichtliche Kabinett Möglichkeiten für größere Ausstellungen: so wurden Ausstellungen zu regional- und alltagsgeschichtlichen Themen sowie zu Persönlichkeiten des Bezirks gezeigt. Dabei wurden Bürger, Sammler und Heimatforscher und Vereine aus dem Prenzlauer Berg in die Vorbereitung und Durchführung der Ausstellungen mit einbezogen.214

Zum Sammlungsbestand, der in der ständigen Ausstellung seit 1987 gezeigt wurde, gehörten u.a. Steinbeile und Amphoren aus der jüngeren Steinzeit. Leihgaben aus anderen Museen oder von Privatpersonen in diesen Ausstellungen waren u.a. ein 20-Billionen-Mark-Geldschein aus der Inflationszeit, Lebensmittelkarten und eine Schaffnertasche von 1920.215 Ergänzt wurde diese Ausstellung durch eine ebenfalls durchgängig präsentierte Ausstellung von Stadtplänen und historischen Karten aus dem Zeitraum 1760-1954, die die städtebauliche Entwicklung des Bezirks dokumentierte.216

Die Exponate der Ausstellungen stammten teilweise auch vom Kulturbund, mit dem das Kabinett zusammenarbeitete. Weitere Exponate kamen von Betrieben, die teils eigene Sammlungen bzw. Kabinette hatten, wie das Fleischkombinat, und zu deren [Seite 69↓]Betriebschronisten Kontakt bestand. Es gab auch eine Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege; über diesen Kontakt wurden manchmal auch Objekte erschlossen.217

Dem Traditionskabinett „Antifaschistischer Widerstandskampf 1933-1945“ ging eine kleine dokumentarische Ausstellung zum antifaschistischen Widerstand im Prenzlauer Berg voraus, die von 1979 an zunächst in Schulen, später in der Geschäftsstelle des Kreiskomitees der Antifaschistischen Widerstandskämpfer gezeigt wurde, dessen Geschichtskommission die Ausstellung erarbeitet hatte.218 Die Ausstellung erinnerte an die Opfer der NS-Diktatur, die mit dem Bezirk verbunden und wegen ihres politischen Widerstands hingerichtet worden waren. Mit der Entstehung des Thälmann-Parks wurde 1986, wie schon erwähnt, das Traditionskabinett im Kulturhaus eröffnet. Da in den 20er und 30er Jahren viele aktive Mitglieder der KPD im Prenzlauer Berg wohnten und im Widerstand aktiv waren, wurde in den achtziger Jahren dem Bezirk Prenzlauer Berg eine besondere historische Rolle zugeschrieben, nämlich die Präsentation des kommunistischen Widerstands. Das Traditions­kabinett widmete sich somit insbesondere der Person Thälmanns. Neben dem Kabinett wurde 1986 auch ein Denkmal enthüllt, das dem ehemaligen Vorsitzenden der KPD gewidmet war.219 Die Dauerausstellung wurde von einer Autorengruppe unter der Leitung des Vorsitzenden des Kreiskomitees erarbeitet. Dabei hatte das Kabinett den Anspruch, museales Niveau zu erlangen, und bezog auch Originaldokumente und Sachzeugnisse in die Ausstellung mit ein.

Nach dem Herbst 1989 wurde zunächst wenig an der Ausstellung geändert, lediglich Abbildungen des aus der SED ausgeschlossenen Erich Honecker wurden entfernt.220 Der Name des Kabinetts wurde in „Mahn- und Gedenkstätte“ geändert, bis zum Sommer 1990 wurden weiterhin Sonderausstellungen gezeigt. Danach entwickelte das Kulturamt ein Konzept für die Geschichtsarbeit im Bezirk, was darin resultierte, dass im Juli 1991 das Bezirksamt beschloss, das Heimatgeschichtliche Kabinett, das inzwischen in Heimatmuseum umbenannt worden war, mit der Mahn- und Gedenkstätte zusammenzulegen.221 Kurz zuvor war daneben noch eine Museumswerkstatt entstanden, die die alte Dauerausstellung des ehemaligen Traditionskabinetts in Form einer „Ausstellung in einer Ausstellung“ kommentierte.222 Die Ausstellung präsentierte neben Zeitungsausschnitten, Plakaten und Fotos auch Gemälde, eine Nachbildung einer Grabplatte, eine Büste von Thälmann, Fahnen, Uniformen, Embleme, Mitgliedsbücher der KPD, Abzeichen der Roten Armee, Orden, Tagebücher, Folterwerkzeuge, Gedenkstelen, Kleidung zweier Zuchthausgefangener und Waffen.223

1992 erhielt das Museum seinen heutigen Namen und zeigt seitdem Sonderausstellungen zu verschiedenen Themen aus der Geschichte des Bezirks. Die heutige Sammlung bzw. das Archiv wird vor allem durch diese Wechselausstellungen erweitert; im Rahmen der [Seite 70↓]Vorbereitung der Ausstellungen werden Objekte zu einzelnen Themen erschlossen.224 Daneben ergänzen Schenkungen aus der Bevölkerung sowie einzelne Ankäufe des Museums dessen Sammlung. Kriterium für einen Neuzugang ist, dass er eine Geschichte besitzt und diese in Verbindung mit dem Bezirk steht. Die heutige Sammlung ist in drei Teile gegliedert: dreidimensionale Objekte sind in einem Ausstellungsmagazin zu sehen bzw. in Depots gelagert; daneben bestehen ein Foto- und ein Dokumentenarchiv sowie eine Bibliothek. Die Sammlung kann nicht nach einzelnen Schwerpunkten beschrieben werden; das Ausstellungsmagazin wurde u.a. nach einzelnen Themen geordnet, die sich zum großen Teil aus vergangenen Wechselausstellungen ergeben.

Bisher wurde keine genaue Sammlungskonzeption für das Museum erstellt. Die Bezirksfusion bietet die Chance, jetzt eine solche zu entwickeln. Eine Sammlungskonzeption sollte sich nach Meinung des Museumsleiters vor allem an den Charakteristika der Bezirksgeschichte orientieren; eine Besonderheit der Wirtschaftsgeschichte des Prenzlauer Bergs ist beispielsweise die Industrie- und Handelsgeschichte sowie das Kleingewerbe.

Da die Sammlung und die Forschungslage eine Dauerausstellung zur Geschichte des Bezirks nicht ermöglichen, zeigt das Museum einmal im Jahr eine thematische Sonderausstellung, die eine der Facetten der Bezirksgeschichte präsentiert. Diese Ausstellungsprojekte dienen auch der Erschließung von Quellen, wobei es sowohl um Originalquellen, wie z.B. Nachlässe, Dokumente und Objekte geht als auch um sekundäre Quellen, nämlich Kopien anderer Archivbestände, die in das eigene Archiv aufgenommen werden. Auf diese Weise soll der Archivbestand vergrößert und so aufbereitet werden, dass möglichst alle Anfragen aus dem Bezirk beantwortet werden können. Ausstellungsthemen entstehen zufällig und oft über Kontakte mit Menschen, die auf ein Thema spezialisiert sind, oder über die Entdeckung und Erschließung neuer Quellen. Die Initiative geht sowohl vom Museumsleiter als auch von Menschen außerhalb des Museums aus, die ein Thema vorschlagen.

Das Ausstellungsmagazin gewährleistet dem Publikum den Zugang zu einem Teil der Sammlung, gleichzeitig werden hier Objekte aus dem Depot ausgelagert und in konservatorischer Hinsicht gelagert; hierbei spielt auch der Raummangel des Museums eine Rolle.

Das Museum fühlt sich verantwortlich für die lokalhistorische Forschung und deren Vermittlung, dabei bilden die Bewohner des Bezirks die Hauptklientel, wobei auch von außerhalb des Bezirks bzw. Berlins ein großes Interesse an der Geschichte des Prenzlauer Bergs besteht.

Der Name des Museums deutet die inhaltliche Ausrichtung an: Heimatgeschichte als Lokalgeschichte verbindet sich aus der Perspektive des Museumsleiters auch immer mit (Berliner) Stadtgeschichte und deutscher Geschichte. Der Fokus einer Ausstellung kann über die konkrete Geschichte vor Ort bzw. das Verorten von Geschichten erweitert werden, orientiert an Biographien, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Architektur und anderen Themen.


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Diesem Ansatz des Museumsleiters stehen andere Auffassungen über die Museumsarbeit gegenüber, mit denen sich das Museum insbesondere im Zuge der Zusammenlegung der drei Bezirke Prenzlauer Berg, Pankow und Weißensee, auseinandersetzen muss. Danach sollte Heimatgeschichte in einem engeren Sinne erarbeitet werden, ohne diese Geschichte vor Ort ins Verhältnis zu anderen Orten zu setzen.

Dieses Spannungsfeld der beiden Begriffe Heimatgeschichte und Stadtkultur bedeutet nicht nur, dass Geschichte an einem konkreten geographischen Raum und an Personen oder Themen festgemacht und dabei in Bezug zu anderen Orten gesetzt wird. Stadtkultur bedeutet hier auch die Erprobung neuer Vermittlungsformen. So werden Methoden der Museums­pädagogik z.B. durch Theaterpädagogik erweitert und zur Geschichtsvermittlung eingesetzt, was auch durch das kreative Milieu des Bezirks ermöglicht wird.

Der Heimatbegriff der Bevölkerung wird teilweise durch die Interessen der Bewohner und auch Auswärtiger an bestimmten Themen deutlich; diese Themen dienen auch als Anregung für das Museum, sich mit bestimmten Fragestellungen zu beschäftigen. Zum anderen wächst das Archiv des Museums durch Nutzer des Museums, die beispielsweise eigene Arbeiten oder Kopien von Dokumenten anderer Archive einbringen.

Die Herausforderung der Bezirksfusion besteht unter anderem darin, an verschiedenen Orten historische Themen darzustellen, da sich nicht alle Bewohner für die Lokalgeschichte anderer Ortsteile interessieren. Dies bedeutet für den Museumsleiter jedoch keine Neuformulierung des Heimatbegriffes. Der Heimatbegriff wird auch im Bezirk Prenzlauer Berg kontrovers diskutiert und kann nach Meinung des Leiters auch nicht abschließend definiert werden. Wegen der Orientierungsprobleme vieler Menschen ist es auch Aufgabe des Museums, die Entwicklung des Bezirkes über Veröffentlichungen, Stadtrundgänge und andere Mittel zu vermitteln.

Eine Identitätsvermittlung ist jedoch schwierig in Prenzlauer Berg, da der Bezirk zur Innenstadt Berlins zählt und die Bezüge der Bewohner zum Bezirk sehr unterschiedlich sind. Der Bezirk wird eher als Wohn- und nicht als Arbeitsstadtbezirk wahrgenommen, obwohl auch hier Wohnen und Arbeiten enger zusammenrückt, z.B. im Bereich der New Economy.

Zur eher konservativen oder klassischen Vermittlungsarbeit des Museums gehört die Vermittlung der Geschichte des Bezirkes; auf der anderen Seite möchte das Museum auch, wie oben beschrieben, diese Geschichte in einem größeren historischen und geographischen Zusammenhang darstellen.

Die Geschichte des Museums soll auch bei der Arbeit berücksichtigt werden, da sie einen Teil der Bezirksgeschichte bildet. Durch die Fusion besteht die Chance, die Geschichte aller Häuser zu zeigen. Überlegungen bestehen, z.B. die Geschichte des Traditionskabinetts in Form einer Dauerausstellung zu zeigen.


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5.2.1.  Film- und Kinogeschichte in der Wechselausstellung

Die Wechselausstellung „Komm in den Garten. Kino in Prenzlauer Berg – Prenzlauer Berg im Film“ lädt den Besucher dazu ein, einem Rundgang zu folgen: zwei schräg dem Eingang zugewandte Stellwände lassen einen Durchgang frei, hinter dem die Hängung von Bildern und Texten einen Rundgang nach rechts entlang der Wände des Ausstellungsraums vorgibt, so dass man am Ende der Besichtigung an diesem Ausgangspunkt wieder ankommt.225 Die beiden Stellwände, die gewissermaßen ein Eingangstor zur Ausstellung bilden, dienen jeweils als Projektionsfläche für Diareihen, die Szenenfotos aus Filmen zeigen, die im Prenzlauer Berg spielen.

Unter den projizierten Dias führen zwei Texte in das Thema der Ausstellung ein. Auf der linken Stellwand wird der Titel der Ausstellung erklärt, der einerseits der Titel eines Dokumentarfilms über den Bezirk ist, andererseits als Einladung in einen imaginären oder realen Filmraum Prenzlauer Berg zu verstehen ist; die Ausstellung präsentiert Drehorte, Bewohner des Bezirks mit ihren Geschichten sowie Kinos. Ferner wird ein Abriss der filmgeschichtlichen Entwicklung in Prenzlauer Berg skizziert: angefangen bei den Kurbelkasten-Experimenten der Gebrüder Skladanowsky war der Bezirk nicht nur ein prominenter Drehort, sondern auch schon früh Ort von Filmvorführungen; heute finden sich in Prenzlauer Berg zwei große Kinozentren, und im Bezirk werden mehr Filme als je zuvor gedreht. Unter diesen Texten kann man sich mit Hilfe einer Bezirkskarte auf einem Podest eine Übersicht über die historischen Kinos in Prenzlauer Berg verschaffen, deren jeweiliger Standort mit nummerierten Fähnchen und entsprechenden Fotos angezeigt wird.226

Auf der rechten Seite gibt der Text unter der Diaprojektion Auskunft über drei Grundlinien im Umgang mit der filmischen Topographie des Bezirks: zum ersten gibt es Prenzlauer Berg-Filmen, die mit dem Wiedererkennungseffekt arbeiten, Ort und Schauplätze nennen und das Milieu einfangen; zum zweiten dient der Prenzlauer Berg nur als Drehort, nicht als Schauplatz und steht stellvertretend für die gesamte Stadt; zum dritten werden historische Filme genannt, in denen der Bezirk als Kulisse für Filme über Berlin in der Vorkriegszeit dient. Auf einer Karte auf einem Podest vor dieser Texttafel kann man sich ein Bild von ausgewählten Filmszenen machen, deren Standort wiederum mit Hilfe von Fähnchen und illustriert durch Fotos illustriert wird.

Geht man zwischen den beiden einführenden Stellwänden hindurch, so wird man zunächst in die Geschichte der ersten Filmaufnahmen in Deutschland eingeführt, die an der Ecke Schönhauser Allee/ Kastanienallee 1892 von den Gebrüdern Skladanowsky gedreht wurden. Zwei vergrößerte Kontaktabzüge von Filmrollen zeigen jeweils vier Filmbilder dieser ersten Aufnahmen: einer der Brüder hatte den anderen auf dem Dach eines Hauses an der Kreuzung gefilmt; vier Jahre später drehte einer der Brüder wieder auf dem Dach des Hauses, diesmal die Straßenkreuzung. Ferner erfährt man von der Erfindung eines Filmprojektors, der sich nicht durchsetzen konnte; anhand einer Konstruktionszeichnung bekommt man ein Bild von diesem Kurbelkasten. Später wurden mit Filmaufnahmen der Skladanowskys Daumenkinos produziert; die Brüder experimentierten weiter mit Film und Fotografie und gründeten eine [Seite 73↓]Firma mit dem Namen „Projektion für alle“, die Stereofotografien und Weltbilder vertrieb. Man sieht in einer Vitrine u.a. ein Album „Plastische Weltbilder“ aus den Jahren 1910-1920 und einen Briefkopf der Firma.

Nach rechts kann man nun dem Rundgang weiter folgen, der Filme der 50er Jahre vorstellt. Der Bezirk blieb von Kriegsschäden relativ verschont und war dadurch für Filmaufnahmen optisch reizvoll. Im Mittelpunkt dieses Kapitels steht der Film „Berlin – Ecke Schönhauser“ (1957), der diese Straßenecke als ein filmisches Wiedererkennungszeichen etablierte. Wie bei allen Präsentationen der Filme hat man hier die Möglichkeit, Szenen- bzw. Werkfotos sowie Plakate zu betrachten.

Der Besucher hat nun die erste Inszenierung der Ausstellung erreicht, die optisch und akustisch eine Szene aus dem Film „Berlin – Ecke Schönhauser“ nachstellt: ein großformatiges Szenenfoto, das die Straßenecke mit Darstellern zeigt, dient als Hintergrund, davor wurde Kopfsteinpflaster nachgebildet, auf dem ein Fahrrad, ein das Bild beleuchtender Scheinwerfer, ein Regiestuhl sowie eine Kamera auf einem Stativ stehen. Aus einem versteckt aufgestelltem Lautsprecher sind die Dialoge und Hintergrundgeräusche der Filmszene zu hören.

Unter dem Titel „Sommerlicht in den Straßen. Traumwandlerische Leichtigkeit in den 60er Jahren“ wird man rechts von der Inszenierung in das folgende Jahrzehnt eingeführt. Der Titel bezieht sich auf einen der vorgestellten Filme, „Jahrgang 45“, der durch die besondere Atmosphäre auffällt, die im Film durch Schauspieler und Lichtstimmungen erzeugt wird.227 Viele DEFA-Filme, so erfährt man in diesem Kapitel, wurden nach einem Plenum des ZK der SED 1965 verboten; neben „Jahrgang 45“ werden zwei weitere der verbotenen Filme vorgestellt. „Berlin um die Ecke“ gilt als Fortsetzung des Films „Berlin – Ecke Schönhauser“; die Rolle des Bezirks in diesem Film wird als ein positiv besetztes Gegenmodell zur offiziellen sozialistischen Lebenswelt beschrieben. Als dritter Film wird „Fräulein Schmetterling“ präsentiert; dieser Film wurde nicht wie die anderen nach dem Fall der Mauer aufgeführt, sondern ging bis eine unvertonte Filmrolle verloren.

Der Rundgang wird fortgesetzt mit der Vorstellung eines Films aus dem Jahr 1979. Auf einer Texttafel mit szenografischen Entwürfen (übermalte Fotos) und Fotos wird der Film „Solo Sunny“ präsentiert, der als der international erfolgreichste und meist beachtete Film gilt, der im Bezirk spielt. Die Handlung des Films wird kurz vorgestellt und dabei mit den Filmen aus den 50er und 60er Jahren verglichen. „Solo Sunny“ zeichnet das Milieu des Bezirks im Übergang von den 70er zu den 80er Jahren, wobei die Protagonisten diesmal nicht einfache Leute im Konflikt mit gesellschaftlichen Normen sind, sondern Künstler und Intellektuelle, die versuchen, eine eigene Lebensphilosophie zu verwirklichen. Neben der Handlung stellt der Text auch die Hauptdarsteller und die Arbeitsweise des Chefszenebildners vor.

Eine zweite Inszenierung stellt eine Szene des Films „Solo Sunny“ ist in einer kleinen Kammer neben der Stellwand nach. Die Tür dieser Kammer steht offen und gibt den Blick frei auf ein vergrößertes Szenenfoto an der Rückwand; zu sehen sind zwei Protagonisten des Films auf einem Bett, das Zimmer ist u.a. mit Kerzen auf dem Boden und einem Hocker dekoriert. Vor dem Foto stehen, der Szene nachempfunden, Kerzen auf dem Boden und auf einem Hocker. Im Hintergrund sind aus einem verborgenen Lautsprecher die [Seite 74↓]Hintergrundgeräusche der Szene zu hören. Auf einer Drehbuchseite kann man die dargestellte Szene nachlesen.

Das nächste Kapitel auf dem Rundgang durch die Ausstellung wird „Prenzlauer Berg als historische Kulisse. Exkurs“ genannt. Ein einführender Text erläutert, dass beim Film „Königskinder“ (1961) der Bezirk als historische Kulisse diente; ferner wird die Arbeitsmethode des Filmarchitekten erklärt, der optische Drehbücher entwarf, für die er Fotos des Bezirks verwendete. Illustriert wird diese Arbeitsweise mit mehreren Fotos und Skizzen sowie einem Storyboard.

Die folgende Station geht noch einmal auf die 70er Jahre ein und stellt mehrere Filme aus dieser Zeit vor. Der Film „Mein lieber Robinson“ wird als ein Echo auf den Film „Jahrgang 45“ interpretiert. Man kann sich außerdem über die Filme „P.S.“, „Bis daß der Tod euch scheidet“ und „Das Versteck“ informieren.

Der Rundgang durch die Ausstellung wird fortgesetzt durch zwei Plakate der Filme „Zurück auf Los“ und „Coming Out“. Eine Stellwand geht auf diese und andere Filme ein: der einführende Text trägt den Titel „Aufbruch und Etablierung. Wandlungen seit den frühen 80er Jahren“ und zeigt am Beispiel mehrerer Filme die Entwicklung der Prenzlauer Berg-Filme in den letzten zwei Jahrzehnten: von DEFA-Filmen, die immer wieder die Schönhauser Allee zeigen, über eine Komödie, die schon westliche Vorbilder erkennen lässt, bis hin zu Filmen wie „Coming Out“, in dem erstmals die Schwulenszene in Ostberlin thematisiert wird. Danach folgte eine Phase der unmittelbaren Nachwendefilme, die als stilistisch unsicher kritisiert werden und meist die schnelle Veränderung zeigen. Später wurde der Bezirk als pittoreske großstädtische Szenerie für Drehorte genutzt. Außerdem erwähnt der Text eine Filmproduktionsfirma, deren Büro in Prenzlauer Berg liegt und die mehrere Filme, die im Bezirk spielen, gedreht hat.

Das Thema der folgenden Station sind die Entwicklung der Dokumentarfilme in Prenzlauer Berg von den sechziger bis neunziger Jahren. Beschrieben werden die Inhalte von vier Dokumentarfilmen; der Besucher hat hier die Gelegenheit, sich Ausschnitte aus zwei dieser Filme, „Komm in den Garten“ und „Der Irrgarten“, anzusehen; als Sitzgelegenheiten dienen zwei Kinostühle aus Holz.

In einem durch Stellwände abgetrennten Raum schließt sich eine Inszenierung mit verschiedenen Exponaten aus dem Nachlass Horst Klein aus dem Filmmuseum Potsdam an. Zu sehen sind Möbel und filmtechnische Geräte der 50er und 60er Jahre aus dem Atelier des Filmemachers Klein, der im Bezirk gearbeitet hat. In dem Raum sind außerdem an zwei Wänden Werkfotos verschiedener Filme zu sehen, die teils durch kleine Texte des Filmemachers kommentiert werden; der Raum ist zudem mit einer Lampe und an den übrigen Wänden mit einer Tapete aus der Zeit dekoriert.

Eine Texttafel neben diesem Raum schildert unter dem Titel „Ich beschloss, mein Leben dem Film zu widmen – Horst Klein, 1920-1994“ die Biographie des Filmemachers und erläutert den Nachlass, der sechzig Jahre deutsche Alltags- und Zeitgeschichte wiederspiegelt. Zu sehen sind hier von Klein aufgenommene Fotos, die meist politische Veranstaltungen in Berlin dokumentieren.

Der folgende Ausstellungsteil stellt unter der Überschrift „Vom Gartenkino zum Filmpalast 1898-1919“ die Entwicklung der öffentlichen Filmvorführungen im Bezirk in dieser Zeit vor.


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Der Besucher kann sich anhand einer Reproduktion eines Plans eine Übersicht über alle Kinos Berlins im Jahr 1919 verschaffen. Außerdem kann man sich eine Liste der vorhandenen Kinematographen von 1898, einen Bestuhlungsplan eines Kinos von 1912 sowie Postkarten aus der Fotosammlung des Prenzlauer Berg Museums anschauen, die drei Kinos des Bezirks um die Jahrhundertwende zeigen. Ein weiteres Kapitel thematisiert die Entwicklung der Kinolandschaft des Bezirks bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Auch hier kann man sich anhand mehrerer Dokumente in das Thema vertiefen.

Folgt man dem Rundgang weiter, begibt man sich in einen kleinen Kinosaal, der mit mehreren älteren Kinostühlen ausgestattet ist. Zu sehen ist ein Zusammenschnitt einer Auswahl der in der Ausstellung vorgestellten Filme, wobei die Ausschnitte in chronologischer Reihenfolge gezeigt werden. Untertitel weisen jeweils auf die zu sehenden Straßen oder Plätze des Bezirks hin. Eine Ankündigungstafel mit mehreren Szenenfotos und entsprechenden Filmtiteln macht auf die Filmvorführung aufmerksam.

Der Überblick über die Entwicklung der Kinolandschaft im Bezirk wird unter dem Titel „Tradition, Totalvision 1946-1989“ fortgesetzt. Hier wird man unter anderem über die Geschichte des traditionsreichen Kinos Colosseum informiert. Die Anzahl der Kinos stieg nach Ende des Zweiten Weltkriegs bis 1957 auf 15 an, danach mussten bis 1989 bis auf zwei alle Kinos wieder schließen. Zeugen dieser wechselvollen Geschichte sind zum Beispiel ein Kinokartenautomat aus den 50er Jahren, Eintrittskarten und ein Bestuhlungsplan eines Kinos aus den 30er Jahren sowie ein Ehrendiplom eines Kinos aus Anlass des Festes „Roter Oktober“ 1977. Zahlreiche Dokumente und Programmhefte sowie Fotos und Broschüren bringen dem Besucher die Geschichte nahe.

Der Rundgang endet mit der Entwicklung der Kinolandschaft im Bezirk seit 1989. Im Mittelpunkt stehen hier die Multiplexe, deren Konkurrenzkampf in zwei Videos geschildert wird. Eines der Multiplexe schließlich bildet das Motiv eines Ölgemäldes. Die letzte Vitrine der Ausstellung wird „offene Vitrine“ genannt: hier wird der Besucher nach Material über die Kinogeschichte gefragt. Erstaufführungsplakate von Filmen, die im Laufe der Ausstellung vorgestellt werden, ein gemaltes Kinotransparent und Kopien von Presseausschnitten aus den neunziger Jahren, vor allem über die Multiplexe, schließen den Rundgang.

5.2.2. Ausstellungsmagazin

Das Ausstellungsmagazin dient dazu, einerseits aufzubewahren und andererseits diese auszustellen. Es befindet sich im Hauptgebäude des Museums und umfasst zwei Räume. Betritt man den ersten Raum, so fällt zunächst einmal auf, dass an den Wänden oder an den Objekten keine Texttafel die Ausstellung erläutert: alle Exponate sind nur nummeriert und ohne weitere Beschriftung ausgestellt. Nähere Informationen erhält man zunächst über zwei Karteikästen, die auf einem bewegbaren Tisch stehen. Die Karteikarten beschreiben alle ausgestellten Gegenstände. Jede Karte ist doppelt vorhanden und entweder nach Objektnummer oder nach einem Thema eingeordnet, so dass die Exponate auf zwei verschiedene Weisen erschlossen werden können. Geplant ist, eine solche Ausstellung für alle drei jetzt zusammengelegten Bezirke (Prenzlauer Berg, Pankow, Weißensee) zu erstellen.228

Die Themen, nach denen die eine Hälfte der Karten eingeordnet sind und von denen aus nach Objekten recherchiert werden kann, sind „Windmühlen“, „Brauereien“, „Schlachthof“, [Seite 76↓]„Gaswerk“, „Friedhof“, „Handel und Gewerbe“, „Verkehr“, „Freizeit“, „Nationalsozialismus“, „DDR“ und „Alltag“. Insgesamt sind 372 Objektkarten eingeordnet, die zum Teil auch mehrere Gegenstände zusammenfassend beschreiben. Die Karten nennen jeweils, soweit bekannt, folgende Punkte: Objektnummer, Objektbezeichnung, Thema, Zustand, Hersteller, Entstehungsjahr/ -ort, Material/ Technik/ Farbe, Maße, und auf der Rückseite Kurzbeschreibung, Herkunft und Standort; der letzte Punkt wird mittels einer kleinen Lageskizze des Magazins angegeben.

Außer den Karteikarten bietet sich dem Besucher die Möglichkeit, sich anhand dreier Texttafeln über einzelne Themen der Ausstellung zu informieren. Die Tafeln befinden sich hintereinander in einer Halterung und können zum Lesen herausgenommen werden. Unter dem Titel „´Der Bauch der Stadt´. Berliner Zentralvieh- und Schlachthof“ wird die Geschichte dieses Schlachthofes erzählt. Die Überschrift „´Licht und Energie aus Prenzlauer Berg´. IV. Städtische Gasanstalt“ leitet einen Text über die historische Entwicklung der Gasanstalt ein. Schließlich wird unter „´Erst kam das Bier, dann der Bezirk´. Brauereistandort Prenzlauer Berg“ die Geschichte der Brauereien im Bezirk erzählt. Auf allen Tafeln kann man sich außerdem anhand von historischen Fotos und Dokumenten ein genaueres Bild vom jeweiligen Thema machen.229

Weder die Karteikarten noch die Texttafeln geben dem Besucher Hinweise darauf, in welcher Reihenfolge er sich die Objekte anschauen sollte. So wird man dazu angehalten, sich frei in den beiden Ausstellungsräumen zu bewegen und nach eigenem Interesse Hintergrundgeschichten zu den Exponaten anhand ihrer Nummerierung über die Karten zu recherchieren bzw. umgekehrt eines der Themen als Ausgangspunkt zu wählen und nach den entsprechenden Objekten zu suchen.

Im ersten Raum fallen die einzeln präsentierten Exponate zuerst auf, da sie am größten sind und an exponierter Stelle im Raum stehen oder an der Wand hängen. Beim Betreten des Raums stößt man zuerst auf eine große Stuckfigur, die Atlas darstellt. Weiter hinten im Raum stehen nebeneinander eine Wäschemangel, ein Brötchenteiler und eine Buchpresse. An der Wand dahinter hängen zwei Brotschieber.

Zwei Wände des ersten Ausstellungsraumes werden schließlich durch die Ladeneinrichtung einer Drogerie eingenommen, die ihrerseits Exponate enthält. An einer Wand stehen zwei Vitrinenunterschränke mit jeweils einem Regalaufsatz, dazwischen befindet sich eine Tür mit Glaseinsatz und einer Uhr. An der zweiten Wand steht ein Unterschrank mit einzelnen Schubladen und einem Regalaufsatz, davor steht ein Verkaufstresen mit Marmorplatte und einem flachen Vitrinenaufsatz. Alle Regale, Schränke und Schubladen sind vom Besucher einzusehen und zeigen eine große Anzahl unterschiedlichster Gegenstände. An der ersten Wand sind im rechten Regalaufsatz bzw. im Vitrinenunterschrank drei Reihen Bügeleisen, verschiedene Flaschen, Verschlüsse, zwei Trinkgefäße und eine Reihe von Alltagsgegenständen, darunter Küchengeräte und Telefone, zu sehen. Auf dem linken Regalaufsatz werden auf drei Regalböden Werbeschilder, Produkte und Geräte eines Hutmachers gezeigt. Weitere Werbeschilder des selben Seidenhutmachers befinden sich links von der Schubladenvitrine an der Wand. Der linke Vitrinenunterschrank enthält neben einer Steinplatte zum Lithographieren und zwei Tragegriffen drei Kleiderbügel, verschiedene Kartons sowie eine Anzahl von Küchengeräten.


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An der zweiten Wand werden in dem Regalaufsatz auf der Schubladenvitrine mehrere Dosen, vier Werbeschilder verschiedener Produkte, aneinandergereihte Packungen für Scheuermittel und Seifen sowie Damenstrümpfe ausgestellt. Die Schubladen der Vitrine sind halb ausgezogen und enthalten Alltagsgegenstände aus dem Küchenbereich wie z.B. Besteck; es fällt auf, dass diese Objekte nach ihrer äußeren Form zusammengestellt worden sind. In weiteren Schubladen der Vitrine sind vor allem Medaillen, Abzeichen und Anstecknadeln zu sehen.

Wendet man sich nun dem zweiten Raum zu, erkennt man an der Wand des Durchgangs ein Firmenschild einer Musikinstrumentenmanufaktur, ein Emblem einer Brauerei und drei Straßenbahnschilder. Im Durchgang selbst kann man einen Fahrkartenautomaten und einen Fahrscheinentwerter betrachten. Im zweiten Raum kann man sich zunächst auch wieder an den einzeln präsentierten Exponaten orientieren. Zu sehen sind hier ein Holzstuhl, eine Zellentür, ein Handwagen, eine Sitzbank und eine Friedhofsplastik. An einer Wand ist außerdem ein Feuermelder aus der DDR-Zeit angebracht.

Auffallend sind im vorderen Teil des Raums vor allem ein Glasschrank und ein Holzregal, die eine Fülle von Gegenständen enthalten. Man kann den Schrank von beiden Seiten einsehen; auf der einen Seite, die man als erstes zu Gesicht bekommt, wenn man aus dem ersten Raum kommt, sind unterschiedlichste Objekte zur Freizeitgestaltung und aus Küche und Bad zu sehen; darunter befinden sich Spielzeuge, Gesellschaftsspiele, Küchengeräte, Lebensmitteldosen sowie Wäschezange und Waschbrett. Auf der anderen Seite des Glasschranks werden Exponate in unterschiedlichsten Zusammenstellungen präsentiert. Neben Alltagsgegenständen wie einer Trompete, einer Schreibunterlage und einer Zimmerantenne sind hier beispielsweise auch ein Urkundenbuch sowie eine Dokumentationsmappe über das Traditionskabinett „Antifaschistischer Widerstand“ ausgestellt, die vom Museum erstellt wurde. Das Holzregal enthält ebenfalls Zusammenstellungen verschiedenster Objekte wie eine Wurstschneidemaschine, Ofenkacheln und Teppichklopfer.

Neben dem Regal kann man eine Anzahl von Objekten anschauen, die alle dem Thema Schlachthof zuzuordnen sind. Über einer Neigungswaage hängt ein Träger für Fleischerhaken an der Wand, an dem verschiedene Arbeitsgeräte aus einer Schlachterei befestigt sind.

Geht man nun in den hinteren Teil des zweiten Raumes, so kann man sich zwischen drei im Raum stehenden Gitterwänden bewegen, an denen mit Hilfe von Fleischerhaken Tafeln, Schilder und Bilder aufgehängt sind. Zu sehen sind an der ersten Gitterwand u.a. ein Gemälde, das einen Blick vom ehemaligen Mühlenberg auf das Stadtzentrum zeigt, ein Modell des ehemaligen Gaswerks und zahlreiche Schilder, darunter auch Straßennamensschilder aus der DDR-Zeit.

Schließlich gelangt man zu einem weiteren Schrank mit Glastüren, in dem man u.a. ein Transparent mit der Aufschrift „Keine Gewalt“, ein Paar Schuhe und eine Militärmütze betrachten kann.


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5.2.3.  Kinogeschichte, Filmszenen und die Vielfalt der Sammlung

Die Präsentation des Themas orientiert sich chronologisch an den thematischen Schwerpunkten der Filme im und über den Prenzlauer Berg bzw. an der historischen Entwicklung des Bezirks als Standort der Filmbranche und als Kinostandort. Lediglich an zwei Stellen der Ausstellung werden die Biographien und Arbeiten von Filmemachern vorgestellt, die auf die Entwicklung der Filmbranche einen großen Einfluss hatten.

Das wichtigste Element, das sich durchgängig in der Ausstellung beobachten lässt, ist der topographische Bezug zum Bezirk. Sowohl Filmszenen und Drehorte als auch Produktionsstätten und Kinostandorte werden jeweils genau topographisch zugeordnet. Dies wird in der Präsentation unterschiedlich gelöst: durch Karten des Bezirks wird zu Beginn der Ausstellung ein Überblick über die Topographie der Film- und Kinobranche gegeben; während des chronologischen Rundgangs werden stets die Adressen von Filmszenen bzw. Drehorten sowie Standorten von Kinos und Filmproduktionsstätten genannt. Diese Topographie in der Ausstellung betrifft im ersten Ausstellungsteil immer nur den Bezirk Prenzlauer Berg; hier werden Bezüge zur gesamten Berliner oder deutschen Geschichte nicht hergestellt. Im zweiten Ausstellungsteil, der die Entwicklung der öffentlichen Filmvor­führungen nachzeichnet, werden vereinzelt auch Bezüge zur Berliner Geschichte gezeigt, beispielsweise anhand einer Liste aller Kinematographen in Berlin.

Die Charakteristika der Film- und Kinogeschichte werden jeweils in den Überschriften benannt; sie sind entweder personenbezogen („Die Brüder Skladanowsky“), benennen markante Szenen einzelner Filme („Die fünfziger Jahre. Eine ´Ecke´ wird zum filmischen Wiedererkennungszeichen“) oder die in den Filmen erzeugte Atmosphäre bzw. dargestellte Thematik und deren Veränderungen („Sommerlicht in den Straßen. Traumwandlerische Leichtigkeit in den 60er Jahren“; „Solo Sunny. Subkultur in Prenzlauer Berg“, „Zwischen Plattenbau und Hinterhof. Realismus und Emanzipation in den 70er Jahren“; „Aufbruch und Etablierung. Wandlungen seit den frühen 80er Jahren“). Ein Exkurs geht auf den „Prenzlauer Berg als historische Kulisse“, ein weiteres Kapitel auf den „Prenzlauer Berg im Dokumentarfilm“ ein. Die Texttafeln thematisieren jedoch nicht nur diese Charakteristika, sondern teilweise auch die politischen Bedingungen, unter denen die Filme entstanden und auch verboten wurden. Auf diese Weise wird die Kulturpolitik der DDR an einigen Stellen angesprochen; insgesamt liegt der Schwerpunkt der Ausstellung jedoch auf der Darstellung der Entwicklung der Branchen Film bzw. Kino. Ein Überblick über die politische Geschichte des Bezirks wird nicht geboten. Das Thema Filmgeschichte im ersten Teil der Ausstellung wird damit aus zwei Perspektiven heraus entwickelt, die sich in der Präsentation insgesamt wiederfinden: zum einen geht es um die Inhalte der Filme und die Rolle oder das Bild des Bezirks, zum anderen geht es um die Geschichte und die Bedingungen der Filmproduktion.

In weiteren Kapitel wird die Geschichte der öffentlichen Filmvorführungen thematisiert. Die Einteilung dieser Kapitel richtet sich nach der politischen Geschichte des Bezirks bzw. Berlins (1898-1919; 1920-1945; 1946-1989, 1989 bis heute). Eine Inszenierung verdeutlicht auch hier teilweise das Thema, in diesem Fall die Arbeit eines Filmemachers. Außerdem werden in einem kleinen Kinosaal durch Filmausschnitte die im ersten Ausstellungsteil vorgestellten Filme noch einmal aufgegriffen und erneut mit der Topographie des Bezirkes verbunden, diesmal mit Hilfe von Untertiteln, die über die Adressen der gezeigten Filmszenen Auskunft geben.


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Das Thema der Wechselausstellung steht in keinem Zusammenhang mit der musealen Sammlung oder dem Archiv; es bestehen keine Schwerpunke in der Sammlung oder den Beständen des Archivs, die der Filmgeschichte im Bezirk bzw. der Geschichte des Bezirks als Drehort zugeordnet werden können. Ebenso wenig steht das Thema der Ausstellung in Beziehung mit der Geschichte der Sammlung oder des Museums insgesamt. Vielmehr ist die Wechselausstel­lung ein Beispiel dafür, wie durch Recherchen für eine Ausstellung neue Objekte erschlossen werden und damit auch neue Sammlungsschwerpunkte entstehen. Lediglich drei Postkarten, ein Handzettel eines Kinos, ein weiterer Handzettel einer NSDAP-Ortsgruppe, Ausgaben der Zeitschrift „Unser Prenzlauer Berg“ aus den Jahren 1961 und 1963 sowie mehrere Fotos von Kinos im Bezirk stammen aus der museumseigenen Sammlung, alle übrigen Exponate aus anderen Archiven und Museen, vor allem den Filmmuseen in Berlin und Potsdam. Auch die Geschichte der Sammlung oder des Archivs spielt bei der Auswahl der präsentierten Objekte keine Rolle. Vielmehr wurden die Exponate als Leihgaben nach der Themenvorgabe ausgewählt: sie dienen der Illustration des Themas bzw. sind Teile von Inszenierungen, die die Präsentation des Themas ergänzen.

Die Exponate außerhalb der Inszenierungen haben in den meisten Fällen ausschließlich illustrierende Funktion, das heißt die Objekte stehen selbst nicht im Mittelpunkt, sondern ergänzen die Aussagen der Texttafeln. Die einzelnen Exponate werden unterschiedlich bezeichnet oder beschriftet. Im ersten Ausstellungsteil über die Filmgeschichte dienen die Exponate bis auf wenige Ausnahmen der Veranschaulichung vorgestellter Filme bzw. deren Entstehung, wobei vor allem Szenen- und Werk-Fotos sowie Drehbücher oder szeno­graphische Entwürfe und Filmplakate gezeigt werden. Weitere Bedeutungsebenen der Exponate werden nicht präsentiert. So wird lediglich ihre Herkunft, also in den meisten Fällen der Leihgeber, angegeben. Durch die topographische Zuordnung erhalten viele Exponate, insbesondere Fotos verschiedener Art, einen deutlichen Bezug zum Bezirk, der aus der bloßen Ansicht heraus nicht immer erschlossen werden kann. Dies gilt für die gesamte Ausstellung. Im zweiten Teil der Ausstellungergänzen Fotos, Postkarten und einzelne Dokumente die Geschichte der öffentlichen Filmvorführungen. Wann immer möglich, werden auch diese Exponate durch Angabe der Straßennamen oder Plätze mit der Topographie des Bezirks in Verbindung gebracht.

Die illustrierende Funktion der Exponate im ersten Teil der Ausstellung lässt bei differenzierter Betrachtung unterschiedliche bzw. zusätzliche Funktionen der Exponate erkennen. Eine rein illustrierende Funktion erfüllen beispielsweise die Exponate zu Beginn des ersten Ausstellungsteils, in dem das Schaffen der Brüder Skladanowsky vorgestellt wird. Zu sehen sind hier u.a. die Reproduktion eines Entwurfs des Kurbelkastens von 1892, ein Foto von Max Skladanowsky von 1895, seine Visitenkarte sowie zwei weitere Szenenfotos der Aufnahmen von 1892; in einer Vitrine vor der Texttafel befinden sich u.a. ein Album „Plastische Weltbilder“ aus dem zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts und ein Briefkopf der Firma „Projektion für alle“.

Eine Ausnahme von der rein illustrierenden Funktion bildet die Ausgabe der Zeitschrift „Filmspiegel“: sie ist so aufgeschlagen, dass ein Vorbericht und Stellungnahmen von DDR-Bürgern zur Problematik des Films „Berlin – Ecke Schönhauser“ (der Alltag von Halbstarken im Bezirk) zu lesen ist. In diesem Fall ergänzt das Exponat also einerseits die Texttafel, andererseits stellt es ein historisches Dokument über die Berichterstattung über Filme in entsprechenden Zeitschriften in den 50er Jahren dar.

Weitere Beispiele für diese doppelte Funktion eines Exponates sind eine aufgeschlagene Zeitschrift, die den Drehbericht des Films „Mein lieber Robinson“ sehen lässt, und ein [Seite 80↓]Filmspiegel mit einem Bericht über die Premiere des Films „Bis daß der Tod euch scheidet“. In die selbe Kategorie fällt ein Erstaufführungsplakat des Films „Berlin um die Ecke“, das durch die Angabe des Herstellungsjahrs (1990) noch einmal die im Text gegebene Information verdeutlicht, dass die Aufführung des Films aus den 60er Jahren verboten und erst nach dem Mauerfall möglich war.

Die illustrierende Funktion der Exponate bezieht sich nicht nur auf die entsprechenden Texttafeln, sondern teilweise auch auf die Inszenierungen. Die Inszenierung, die eine Szene aus dem Film „Solo Sunny“ nachstellt, wird durch eine Drehbuchseite ergänzt; diese ist mit Anmerkungen des Kameramanns versehen und beschreibt die dargestellte Szene; sie gibt damit zusätzliche Informationen zur Inszenierung. Auch hier also ergänzt ein Exponat die im Text wiedergegebenen Informationen und illustriert diesen nicht nur. Die Exponate in der zugehörigen Vitrine dieser Inszenierung veranschaulichen nicht nur den vorgestellten Film insgesamt, sondern auch speziell die nachgestellte Szene: zu sehen sind eine Zeichnung vom Grundriss der gezeigten Wohnung, Drehbuchseiten mit Annotationen, Motivrecherche- und Szenenfotos.

In einem anderen Fall illustrieren Exponate nicht nur den vorgestellten Film „Königskinder“, sondern im Zusammenhang mit einem entsprechenden Text auch die Arbeitsmethode des Filmarchitekten: gezeigt wird dies mit Hilfe eines Storyboards, das mit übermalten Fotos und Skizzen Straßenszenen des Bezirks zeigt, sowie mit Skizzen zu diesem Storyboard und Szenenfotos. Bei anderen Filmen wird die Arbeitsweise von Regisseuren oder Szenographen auch durch Werkfotos oder szenographische Entwürfe illustriert; in diesen Fällen wird diese Arbeitsweise jedoch nicht explizit im Text erläutert, so dass der Schwerpunkt bei der Funktion der Exponate bei der Illustration des Films insgesamt und nicht seiner Entstehung liegt.

In einem einzigen Fall dient ein Foto nicht der Illustration eines Films, sondern der Verstandortung eines anderen Exponates. Das Foto zeigt eine Drehankündigung eines Films („Nele“) am Schaukasten eines ehemaligen Kinos im Bezirk, die ebenfalls in der selben Vitrine zu sehen ist. Dadurch wird die Authentizität eines Exponates (der Drehankündigung) durch ein anderes Exponat belegt; zusätzlich wird, zusammen mit dem entsprechenden Informationstext, der topographische Bezug des Exponates zum Bezirk gezeigt.

Auch für den zweiten Ausstellungsteil muss die illustrierende Funktion der Exponate differenziert betrachtet werden. Nicht immer werden die Aussagen der Texte durch Exponate nur verdeutlicht; vereinzelt werden auch zusätzliche Informationen geliefert. So geht aus einem Schreiben des Kinobesitzers, das im Kapitel „Licht und Schatten 1920-1945“ zu sehen ist, hervor, dass in den 30er Jahren die Zahl jüdischer Besucher zurückgegangen ist, wodurch sinkende Einnahmen verbucht werden mussten. Diese wirtschaftlichen Auswirkungen der politischen Situation in dieser Zeit werden in den Texten nicht erwähnt und ergeben sich nur aus der Lektüre dieses Schreibens. Das Exponat stellt also nicht nur ein historisches Dokument, sondern auch eine direkte Informationsquelle dar.

Ausgaben der Zeitschrift „Unser Prenzlauer Berg“ aus den Jahren 1961 und 1963 geben Auskunft über Umbau bzw. Schließung eines Kinos im Bezirk und zeigen damit nicht nur Beispiele der Berichterstattung über die Kinolandschaft in den 60er Jahren, sondern geben auch Auskunft über die Entwicklung der Kinogeschichte in Prenzlauer Berg. Ein weiteres Beispiel für eine solche doppelte Funktion von Exponaten, die einerseits zeitgeschichtliche Dokumente darstellen und andererseits Aspekte des präsentierten Themas näher erläutern, ist eine Broschüre der Bezirksfilmdirektion aus den siebziger Jahren, die einen Überblick über [Seite 81↓]die Kinos des Bezirks in dieser Zeit verschafft. Einen Einblick in kontroverse Diskussionen und Auseinandersetzungen in den Kinos kurz nach dem Mauerfall bietet ein Schreiben eines Kinos an den Magistrat von Berlin aus dem Jahr 1989, in dem Unruhen nach einer falschen Vorankündigung eines Films beschrieben werden. Auch diese Informationen werden nicht auf einer Texttafel, sondern nur durch die Einsicht in das Dokument geboten.

Für die Ausstellungsteile außerhalb der Inszenierungen wurden in den meisten Fällen Fotos, Dokumente oder Plakate ausgewählt. Schon diese Auswahl lässt keine andere Art der Ausstellungstechnik zu, als die jeweiligen Texttafeln zu ergänzen. Geben Zeitschriften oder andere Dokumente zusätzliche Informationen zum Ausstellungsthema, werden diese auch genutzt; andere Bedeutungsebenen wurden nicht erschlossen und werden demnach auch nicht präsentiert. Damit wird die Konzeption der Ausstellung deutlich: zuerst wurden die Themen der Kapitel festgelegt, danach wurden die Exponate in Archiven recherchiert. Dabei wurde wenig Wert darauf gelegt, dreidimensionale Objekte zu zeigen, die nicht nur Filme und Kinogeschichte veranschaulichen, sondern auch beispielsweise die Arbeitsweise von Filmschaffenden oder Kinobesitzern zeigen können. Dieser letzte Punkt wird lediglich innerhalb der Inszenierungen dargestellt.

Die Exponate innerhalb der Inszenierungen unterscheiden sich in ihrer Funktion von den bisher analysierten Objekten. Die Exponate der beiden ersten Inszenierungen, die einzelne Filmszenen nachstellen, werden nicht näher bezeichnet. Im ersten Fall wird eine durch Kamera und Beleuchtung angedeutete Drehszene präsentiert; es geht hier also genau genom­men nicht um die Rekonstruktion einer Filmszene (die als Hintergrundfoto gezeigt wird), sondern um die Darstellung des Drehortes. Hier wird also der Prozess des Filmens veranschaulicht, in diesem Fall an einer bekannten Straßenkreuzung im Bezirk, die auch so im Film („Ecke Schönhauser“) thematisiert wird. In der zweiten Inszenierung geht es um die Nachstellung einer Filmszene innerhalb eines Hauses; hier weisen keine Exponate auf den Prozess des Filmens. Die Hauptaussage dieser Inszenierung liegt in der Darstellung der bestimmten Atmosphäre der Filmszene bzw. des Films insgesamt. Der topographische Bezug zum Bezirk wird auch hier durch die Angabe der Adresse des Hauses deutlich, in dem die Szene spielt.

Beide Inszenierungen werden durch Hintergrundgeräusche bzw. Stimmen ergänzt und lenken dadurch die Aufmerksamkeit des Besuchers auf sich, weil nicht nur der Seh-, sondern auch der Hörsinn angesprochen wird. Die Herkunft der Objekte in diesen Inszenierungen wird nicht angegeben, da es um die optische Nachbildung von Dreh- bzw. Filmszenen geht; die topographische Zuordnung der Exponate, wie sie sonst in der Ausstellung auffällt, ist hier nicht wichtig.

Anders verhält es sich bei der dritten Inszenierung, der Nachstellung des Ateliers eines Filmemachers. Hier ist die Herkunft der Objekte, der Nachlass des Filmemachers, angegeben, die in diesem Falle auch wichtig ist, da es um die Präsentation authentischer Objekte geht. Die Exponate illustrieren nicht nur ein Thema, sondern stehen selbst im Mittelpunkt der Präsen­tation. Sie werden in einem Ensemble innerhalb eines abgetrennten Raumes gezeigt, der nicht betreten werden kann: auf diese Weise können die Objekte nicht einzeln betrachtet werden. Ihre Ästhetik wird dadurch nicht betont, die Wirkung der Inszenierung entsteht durch die gemeinsame Präsentation mehrerer zusammengestellter Exponate. Hier wird also eine weitere Bedeutungsebene der Objekte erschlossen und präsentiert, nämlich ihre historische Herkunft bzw. ihre Bedeutung als Arbeitsgeräte einer bestimmten Person.


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Die Inszenierungen unterbrechen die illustrativ gehaltene Darstellung der Film- und Kinogeschichte und gestalten die Ausstellung optisch abwechslungsreicher. Lediglich bei der Nachbildung des Filmateliers wurden dabei authentische Objekte eingesetzt. Die Herkunft der Exponate der ersten beiden Inszenierungen bleibt unklar; ihre Funktion liegt lediglich darin, die dargestellte Szene zu illustrieren. So wurden auch hier, wie auch außerhalb der Inszenierungen, weitere Bedeutungsebenen der Objekte bzw. Exponate mit weiteren Bedeutungsebenen (beispielsweise Arbeitsgeräte der in der Ausstellung vorgestellten Regisseure oder Schauspieler) nicht recherchiert.

Eine besondere Kategorie von Exponaten bilden schließlich die gezeigten Dias, Filmausschnitte und Dokumentationen über Multiplexe und Programmkinos. Die auf den beiden Eingangstafeln gezeigten Diaserien zeigen offensichtlich Filmszenen, sie werden aber nicht näher erläutert. Erst nach dem Rundgang durch die Ausstellung und der Besichtigung des Kinosaals erkennt man Szenen der in der Ausstellung vorgestellten Filme wieder. Zu Beginn des Rundgangs dienen diese Dias also lediglich der Erzeugung erster Eindrücke der präsentierten Filme, erst am Ende des Rundgangs stellt sich ein Wiedererkennungseffekt ein.

Die Filmausschnitte zweier Dokumentarfilme vertiefen die Darstellung dieser Filme im selben Teil der Ausstellung. Durch die beiden Kinostühle als Sitzgelegenheiten wird die Filmvorführung in einem Kino angedeutet; hier wird der Bezug zwischen den beiden Hauptthemen der Ausstellung, der Filmproduktion und der öffentlichen Filmvorführung im Bezirk, verdeutlicht.

Die Filmausschnitte, die im Kinosaal gezeigt werden, greifen die zuvor durch Text und Bild vor­gestellten Filme wieder auf und stellen durch die Untertitel noch einmal den topo­graphischen Bezug zum Bezirk her. Auch hier wird durch die Bestuhlung und die Filmankündigungen am Eingang des Saals eine öffentliche Filmvorführung angedeutet. Die zwei Videos über Multiplexe und Programmkinos im Bezirk ergänzen den Ausstellungsteil über den „Kampf der Multiplexe“; sie geben Auskunft über die gegenwärtige Situation der Kinolandschaft und stellen damit einen deutlichen Bezug des Ausstellungsthemas zur Gegenwart her.

Im Ausstellungsmagazin übernehmen die Exponate andere Funktionen als in der Wechsel­ausstellung. Zunächst einmal präsentiert das Ausstellungsmagazin kein spezifisches Thema, sondern stellt die Geschichte des Bezirkes Prenzlauer Berg anhand ausgewählter Exponate vor. Hier besteht ein direkter Zusammenhang zwischen der Sammlung des Museums und der Ausstellung. Das Ausstellungsmagazin präsentiert eine Auswahl von Sammlungsobjekten des Museums; die Größe und Beschaffenheit der Exponate bestimmt auch die Einteilung der Räume. Die Dokumentation der Sammlung spielt hier eine wichtige Rolle, da der Inhalt der Ausstellung sich aus Hintergrundinformationen über die Objekte ergibt. Ausstellungstexte befinden sich außer auf den Karten nur auf einzelnen Texttafeln in einem Halter, die einzelne Themen, nach denen die eine Hälfte der Karten eingeteilt ist, erläutern. Diese Tafeln stehen nicht im Mittelpunkt der Ausstellung, sondern ergänzen diese lediglich. Die einzelnen Themen werden also in der Hauptsache über die Karteikarten dargestellt. Diese Präsentation orientiert sich ausschließlich an Informationen, die über die einzelnen Objekte bekannt sind; bis auf die Texttafeln wurden keine weiteren Themen, die nicht unmittelbar mit den Exponaten zusammenhängen, recherchiert.

Die Geschichte der Sammlung wird nicht thematisiert und lässt sich anhand der Ausstellung nicht recherchieren. Teilweise wird bei den Exponaten angegeben, seit wann sie sich im Besitz des Museums befinden; aus diesen Informationen lässt sich jedoch keine [Seite 83↓]Sammlungsgeschichte erschließen. Die Präsentation der Exponate richtet sich nicht nach thematischen Vorgaben. Vielmehr folgt die Aufstellung der Objekte ihrer Größe und Beschaffenheit. Größere Exponate stehen isoliert im Raum, kleinere Gegenstände werden oft zusammen in einem Ensemble präsentiert. Dabei folgt diese Zusammenstellung meist der äußeren Beschaffenheit der Objekte, inhaltliche Zusammenhänge spielen dabei nicht immer eine Rolle.

Die Ausstellungsthemen werden auf den einzelnen Karteikarten unterschiedlich vorgestellt. Teilweise handelt es sich um Informationen zur Geschichte einer bestimmten Institution, teilweise werden auch Biographien erzählt, die beispielsweise mit einem Gewerbe verbunden sind. Im Folgenden wird zwischen Haupt- und Unterthemen der Ausstellung unterschieden: die Hauptthemen unterteilen die Exponate in 11 Kategorien, nach denen auch eine Hälfte der Karteikarten geordnet ist. Die Unterthemen werden auf einzelnen Karten vorgestellt und beziehen sich teils auf einzelne, teils auf mehrere Objekte.

Innerhalb des Ausstellungsmagazins werden verschiedene Bedeutungsebenen der Exponate erschlossen; sie ergeben sich teilweise aus ihrer Zusammenstellung, teilweise aus den Informationen, die über die Karteikarten vermittelt werden. Für alle Exponate gilt, dass sie nur durch entsprechende Objektnummern gekennzeichnet sind, nähere Informationen liefern die Karteikarten, die herausgesucht werden müssen. Durch diese Präsentationsart wird der Blick auf das Äußere der Exponate gelenkt, jeglicher inhaltlicher Zusammenhang bleibt zunächst unwichtig. Die Zusammenstellung der Objekte lässt nur teilweise Rückschlüsse auf mögliche Bedeutungen der Exponate zu.

Die größeren Objekte stehen isoliert im Raum und sind meist von allen Seiten einsehbar, was die Ästhetik der Exponate besonders betont. Die Kurzbeschreibungen geben dabei nicht nur Aufschluss über die Funktion, sondern auch über die Herkunft der Gegenstände. Die Hintergrundinformationen über die Herkunft der Exponate wiederum thematisieren weitere Geschichten, vor allem über einzelne Geschäfte oder Gewerbe im Bezirk. Die Objekte stehen dadurch stellvertretend für einzelne Unterthemen, die über die Karteikarten erschlossen werden können.

Bei der Stuckfigur wird auf der Karteikarte auf ihren ursprünglichen Standort und ihre frühere Funktion hingewiesen: sie stellt Atlas dar und war Teil einer Schmuckfassade eines Wohnhauses und wurde im Zuge von Sanierungsmaßnahmen entfernt. Bei anderen Einzelobjekten werden einzelne Firmengeschichten dokumentiert: die Wäschemangel zeigt die Firmengeschichte eines Seifenladens, in dessen Hinterzimmer die Mangel stand. Damit wird gleichzeitig das besondere Dienstleistungsangebot des Ladens angesprochen. Für die Geschichte einer Buchbinderei steht eine Buchpresse. Eine weitere Firmengeschichte, nämlich die einer Musikinstrumentenmanufaktur, wird durch ein Firmenschild repräsentiert.

Ebenfalls einzeln wird ein Emblem einer Brauerei präsentiert; auf der Karte wird hier nicht die Geschichte dieser Brauerei, sondern der Siebenjahresplan thematisiert, der den Anlass für die Aufhängung des Emblems gab. Das Objekt steht also stellvertretend für ein Charakteristikum der Wirtschaftspolitik der DDR. Man erfährt ebenfalls etwas über die Umstände, unter denen das Exponat in das Museum gelangte: 1992 wurde es durch ein Werbeschild ersetzt und dem Museum übergeben. Damit wird auch der Werdegang eines musealen Sammlungsgegenstandes verdeutlicht und somit eine weitere Bedeutungsebene erschlossen: das Emblem hatte nicht nur eine bestimmte Funktion zu Zeiten der DDR, sondern wurde später als ein Gegenstand bewertet, der im Museum aufbewahrt und gezeigt werden sollte. Hier wird auch das Thema der Musealisierung der DDR angesprochen: nicht [Seite 84↓]Mitarbeiter eines Museums, sondern andere Bewohner des Bezirks (die nicht näher genannt werden) wollten ein Stück DDR-Geschichte bewahren.

In den Kontext des Themas Musealisierung der DDR gehört auch die Zellentür. Der entsprechende Kartentext beschreibt den ehemaligen Standort der Tür und die Nutzung der dahinter liegenden Räume: die Tür befand sich im Keller eines Gebäudes des heutigen Bezirks­amtes, der u.a. als Haft- und Verhörort des Volkskommissariats für innere Angelegenheiten und als Gefängnis des MfS genutzt wurde. Nachdem Anfang der neunziger Jahre hinter dieser Tür eine Abhöreinrichtung des MfS entdeckt worden war, trat der damalige Stadtbezirksbürgermeister aus der SED-PDS aus. Durch diese Geschichte wird auch eine Problematik im Umgang mit der DDR-Geschichte deutlich. Auch hier wird eine weitere Bedeutungsebene des Exponates gezeigt, die sich nicht unmittelbar aus seiner ursprünglichen Funktion erklären lässt: die Zellentür steht nicht nur für das Thema Innen- und Sicherheitspolitik im Bezirk zu Zeiten der DDR, sondern auch für die Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte eines einzelnen Bürgers bzw. Politikers.

Ebenfalls mehrere Bedeutungsebenen werden bei einem Handwagen gezeigt, der für die Geschichte einer Flucht während des Zweiten Weltkrieges steht: eine Berliner Familie benutzte den Wagen während der Flucht aus einem sowjetisch besetzten Dorf nach Prenzlauer Berg. Auch hier wird zudem der Weg des Objektes in das Museum erzählt. Mit einer Sitzbank aus dem Keller einer Kirche verbinden sich ebenfalls persönliche Geschichten, in diesem Falle die eines Pfarrers, der Menschen vor der nationalsozialistischen Verfolgung versteckte.

Neben den Unterthemen können über die Karteikarten die Hauptthemen erschlossen werden; jedes Exponat wird mindestens einem Hauptthema zugeordnet. Da sämtliche Exponate in diese Themen unterteilt sind, ergibt sich hier ein Zusammenhang aller präsentierten Objekte: sie stellen die nach bestimmten Themen strukturierte Geschichte des Bezirks dar, die auf entsprechenden Texttafeln näher erläutert wird. Bei den einzeln ausgestellten Objekten ergeben sich so eine oder mehrere zusätzliche Bedeutungsebenen. Diese resultieren wie auch die Unterthemen aus ihrer spezifischen Geschichte, die in diesem Fall jedoch interpretiert wird: die Zuordnung zu einem oder mehreren Hauptthemen spiegelt eine Interpretation durch die Ausstellungsgestalter wider. Gleichzeitig wird durch diese Zuordnung deutlich, in wie weit die Geschichte der einzelnen Gegenstände recherchiert werden konnte; die einzelnen Unterthemen werden durch die Zuordnung zu einem oder mehreren der elf Hauptthemen in einen größeren Zusammenhang gebracht.

Die meisten einzeln ausgestellten Exponate werden dem Thema Alltag zugeordnet; dies bedeutet im Falle der Stuckfigur, dass nach der Interpretation der Ausstellungsgestalter das Sanieren von Wohnhäusern und damit einhergehende Veränderungen im Straßenbild zum Alltag im Bezirk gehörten (und noch immer gehören); derartige Sanierungsmaßnahmen sind und waren also einerseits so verbreitet, dass sie zum alltäglichen Geschehen zählen, andererseits sind sie anscheinend nicht nur für den Bezirk Prenzlauer Berg charakteristisch. In diesem Fall hätte man das Thema Sanierungsmaßnahmen auch als Hauptthema wählen können.

Anders verhält es sich mit den Exponaten wie Wäschemangel, Brötchenteiler, Brotschieber, Buchpresse und Firmenschild, die dem Thema Handel und Gewerbe zugeordnet werden. Diese stellen über ihre Unterthemen Firmengeschichten (z.B. eines Seifenladens oder einer Musik­instrumenten­­manufaktur) vor. Hier wird durch das Hauptthema verdeutlicht, dass die einzelnen Firmengeschichten Beispiele für den Wandel in Handel und Gewerbe des Bezirks sind.


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Eine zeitliche und thematische Zuordnung erfolgte bei dem Brauereiemblem. Das Haupt­thema Brauerei macht deutlich, dass die Geschichte der Brauereien charakteristisch für den Bezirk ist und deshalb besonders betont wird; neben dem Emblem werden alle Exponate, die aus dem Brauerei-Milieu stammen, diesem Hauptthema zugeordnet. Zusätzlich wird das Emblem unter dem Thema DDR geführt; so wird darauf hingewiesen, dass Brauereien vor allem zur Zeit der DDR im Bezirk eine wichtige wirtschaftliche Rolle spielten. Über dieses Exponat wird also ein Bezug zwischen den Themen DDR und Brauereien gezeigt.

Die Zellentür wird ebenfalls dem Hauptthema DDR zugeordnet. In diesem Fall werden keine weiteren Bedeutungsebenen des Exponates über das Hauptthema erschlossen, das Unterthema wird nicht erweitert, lediglich in den gesamten Zusammenhang des Themas DDR gestellt. Eine vergleichbare Bedeutung haben die Hauptthemen beim Handwagen und der Sitzbank; deren Unterthemen, jeweils Biographien bzw. Episoden einzelner Lebensgeschichten, werden noch einmal in eine bestimmte historische Periode, in dem Fall die Zeit des Nationalsozialismus, eingeordnet. Auch hier werden keine Verbindungen mit anderen Themen hergestellt und damit neue Bedeutungsebenen erschlossen.

Bei allen übrigen Exponaten, die einzeln präsentiert werden, werden über die Karteikarten keine Unterthemen vorgestellt. Hier erfolgt eine thematische oder zeitliche Einordnung also ausschließlich über die Hauptthemen. Einige Objekte repräsentieren Beispiele für die Geschichte von Handel und Gewerbe im Bezirk. Andere stehen für die Themen Verkehr und DDR: Fahrkartenautomat, Fahrscheinentwerter und Straßenbahnschilder werden damit also sowohl thematisch als auch zeitlich eingeordnet. Der Feuermelder wird lediglich zeitlich eingeordnet, während die Friedhofsplastik als einziges Exponat das Thema Friedhof repräsentiert. Dadurch, dass dieses Thema als Hauptthema gewählt wurde, wird auf dessen Bedeutung für die Geschichte und Charakteristik des Bezirks hingewiesen: obwohl nur ein Objekt zu diesem Thema im Museum vorhanden ist, wird es neben den anderen zehn Hauptthemen genannt und soll auch wie all diese anderen Themen über eine Texttafel näher erläutert werden.

Bei diesen zuletzt genannten Einzelobjekten, deren Karteikarten keine Unterthemen dokumentieren, wird dem Besucher bei der Interpretation der Objekte keine Hilfestellung geboten. Lediglich das Hauptthema bietet einen ersten Ansatzpunkt. Die bloße Betrachtung der Exponate wird erst dann interessant, wenn man sich über die historische oder kulturelle Bedeutung des Gegenstands informieren kann. Wenn entsprechende Hintergründe wie Firmengeschichten oder Biographien recherchiert und dokumentiert werden können, überzeugt das Konzept der Ausstellung; der Besucher wird durch die Ausstellungstechnik zunächst auf die Ästhetik der Objekte aufmerksam gemacht und bekommt dann die Gelegenheit, sich mit dem jeweiligen historisch-kulturellen Kontext auseinander zu setzen. Wenn jedoch wie bei den soeben besprochenen Einzelexponaten keine Hintergründe recher­chiert werden können, machen diese Ausstellungsteile einen unvollständigen Eindruck.

Bei den im Ensemble gezeigten Exponaten ergeben sich aus ihrer Präsentation heraus, verglichen mit den isoliert ausgestellten Objekten, teilweise zusätzliche Bedeutungsebenen. Sie stehen im Zusammenhang mit anderen Gegenständen bzw. werden durch ihre Präsentation in diesen Zusammenhang gebracht. Für die nicht einzeln präsentierten Exponate gilt einerseits, dass sie wie die anderen Objekte auch ohne erklärende Texttafeln ausgestellt werden und nähere Informationen über die Karteikarten erschlossen werden müssen; dadurch stehen zunächst die Exponate selbst im Mittelpunkt der Präsentation. Andererseits haben hier die Unterthemen eine andere Funktion als bei den einzeln präsentierten Objekten. Die [Seite 86↓]Unterthemen der Einzelobjekte rücken diese jeweils in den Mittelpunkt einer bestimmten Geschichte, indem sie auf die speziellen Funktionen oder Bedeutungen der Exponate eingehen. Dies ist bei den Unterthemen der im Ensemble gezeigten Objekte nicht der Fall: diese Themen nehmen keinen direkten Bezug auf die jeweiligen Exponate, sondern schildern z.B. Firmengeschichten, ohne dass die Rolle der Gegenstände dabei erwähnt wird. Vor dem Hintergrund der Unterthemen haben die Exponate also lediglich eine illustrierende Funktion. Das bedeutet, dass bei den Objekten im Ensemble zwei Präsentationsarten zu beobachten sind: eine objektzentrierte Präsentation und die Illustration einzelner Unterthemen. Dadurch werden mehrere Bedeutungsebenen der Exponate erschlossen und gezeigt.

Im ersten Ausstellungsraum werden innerhalb einer Ladeneinrichtung einer ehemaligen Drogerie verschiedene kleinere Objekte in Vitrinen und Schubladen präsentiert. Auf der entsprechenden Karte wird darüber informiert, dass die Ladeneinrichtung 1998 vom Museum angekauft wurde. Die Fotos auf der Glastür geben einen Eindruck vom Inneren der Drogerie kurz vor der Schließung. In diesem Fall kann das Exponat in seiner ursprünglichen Umgebung betrachtet werden; man bekommt einen Eindruck von der ursprünglichen Funktion der Einrichtung. Da die Schließung der Drogerie nur einige Jahre zurückliegt, wird hier der noch anhaltende Wandel im Einzelhandel des Bezirkes sehr deutlich; die Fotos demonstrieren vor dem Hintergrund der musealen Objekte ihren Werdegang und damit ihren Bedeutungswandel optisch und damit eindrücklicher als die Texte auf Karteikarten. In der Ladeneinrichtung werden sowohl Artikel, die in der Drogerie zum Verkauf angeboten wurden, als auch andere Objekte ausgestellt, die mit der ursprünglichen Funktion der Einrichtung nichts zu tun haben. Auf diese Weise wird eine weitere Bedeutung gezeigt; die Ladeneinrichtung steht nicht nur für einen historischen Gegenstand, sondern auch für eine neue Funktion innerhalb des Museums bzw. des Ausstellungsmagazins als Ausstellungsvitrine bzw. –schrank.

Bei der Ladeneinrichtung kann man von einer Inszenierung sprechen; die Drogerieprodukte in einer Vitrine weisen direkt auf die ehemalige Funktion dieses Exponates hin, die übrigen Objekte innerhalb der Ladeneinrichtung deuten zumindest an, dass sie zur Aufbewahrung und zum Anbieten verschiedener Produkte diente. Die Präsentation der Objekte innerhalb der Ladeneinrichtung richtet sich nach der Größe bzw. der äußerlichen Ähnlichkeit und teilweise nach den Funktionen der Exponate.

Im rechten Regalaufsatz an der ersten Wand werden Objekte gezeigt, die sich äußerlich ähneln; bis auf die Bügeleisen und die Trinkgefäße, die nur aufgrund ihrer äußeren Ähnlichkeit bzw. Funktion zusammengestellt wurden, ergibt sich bei den übrigen Exponaten in diesem Regalaufsatz ein thematischer Zusammenhang. Sie werden dem Thema Brauereien zugeordnet. Dabei werden der größte Teil der Exponate mit Ausnahme der Keramik­verschlüsse gleichzeitig als Alltagsgegenstand interpretiert sowie drei Objekte außerdem zeitlich eingeordnet: die Glasflaschen werden nicht nur unter den Themen Brauerei und Alltag, sondern auch unter dem Thema DDR präsentiert. Es wird also ein Zusammenhang zwischen den Themen Brauereien und Alltag hergestellt, der durch Exponate gezeigt wird, die dem einen oder anderen oder auch beiden Themen zugeordnet werden.

Die Exponate im zugehörigen Vitrinenunterschrank lassen solch einen Zusammenhang zwischen einzelnen Hauptthemen nicht erkennen. Die Zusammenstellung erfolgte auch hier teilweise nach der Funktion der Objekte (drei Telefone, zwei Diaprojektoren und verschiedene Küchengeräte); die übrigen Gegenstände passen von ihrer Größe her in den Schrank und dokumentieren in den meisten Fällen das Thema Alltag: Haarfön, Heizgerät, Rasierapparat, Tauchsieder. Die beiden letztgenannten Objekte sowie die Küchengeräte [Seite 87↓]werden außerdem der DDR-Zeit zugeordnet. Zwei Diaprojektoren und ein Diabetrachter stehen für das Thema Freizeit. Vergleicht man diese in ihrer Funktion bzw. ihrem ehemaligen Gebrauch mit den übrigen Objekten dieses Schranks, so wird deutlich, worin sich alltägliche Gegenstände von denen der Freizeit unterscheiden: sie werden nur zu bestimmten Gelegenheiten außerhalb des Arbeitslebens und nicht jeden Tag gebraucht. Hier werden also durch die Zusammenstellung von Exponaten verschiedener Hauptthemen diese voneinander abgegrenzt: bei genauer gemeinsamer Betrachtung der Objekte werden die Hauptthemen näher erschlossen.

Im linken Regalaufsatz wird durch die Exponate nicht nur ein übergreifendes Hauptthema (Handel und Gewerbe), sondern auch ein gemeinsames Unterthema vorgestellt: insgesamt dreizehn Werbeschilder stehen für die Geschichte eines Seidenhutmachers, über die auf den entsprechenden Karten informiert wird. Dieselbe Geschichte wird durch verschiedene Produkte und Arbeitsmaterialien des Hutmachers gezeigt: eine Hutschachtel, zwei Hüte, Hutbänder, Dekorationsständer und andere Objekte. Die Zusammenstellung all dieser Exponate orientiert sich also nicht nur an der äußeren Form – die Hüte werden nebeneinander präsentiert, die übrigen Objekte daneben oder auf den nächstliegenden Regalböden -, sondern auch an deren Funktion und Herkunft: sie gehören alle zum ehemaligen Betrieb eines Hutmachers.

Die Präsentation der Exponate im linken Vitrinenunterschrank erfolgt vor allem nach den Hauptthemen, die die Objekte repräsentieren. Zunächst werden Gegenstände aus dem Thema Handel und Gewerbe ausgestellt: eine Steinplatte zum Lithographieren, zwei Tragegriffe und ein Kleiderbügel. Zwei weitere Kleiderbügel werden dem Thema Alltag zugeordnet. Nur einer der Bügel beschreibt ein Unterthema: die Geschichte eines Schneiders, dessen Konfektions- und Schneidergeschäft eine Aufschrift des Bügels nennt. Der Bügel ist eine Schenkung des Sohnes dieses Schneiders, der in Tel Aviv lebt, wohin sein Vater übergesiedelt war und dort in einem „Verein ehemaliger Berliner in Israel“ aktiv ist. Hier wird also eine weitere Biographie durch ein Exponat dokumentiert.

An dieser Stelle wird das Konzept des Ausstellungsmagazins besonders deutlich: an erster Stelle stehen die Exponate, deren Präsentation sich an deren Äußerlichkeiten richtet; erst auf einer zweiten Ebene, die durch die Karteikartentexte verdeckt ist und erst vom Besucher erschlossen werden muss, werden inhaltliche Zusammenhänge deutlich, die nicht immer Einfluss auf die Präsentation haben. Im Falle der Gegenstände des Hutmachers erfolgte die zusammenhängende Präsentation auch aufgrund des inhaltlichen Zusammenhangs, im Falle der Kleiderbügel entschieden ausschließlich die äußerlichen Ähnlichkeiten der Exponate über die Zusammenstellung. Der zuletzt beschriebene Kleiderbügel wird zusammen mit zwei anderen Bügeln gezeigt, die einem anderen Hauptthema zugeordnet sind und deren Karten kein weiteres Thema beschreiben. Die Zusammenstellung dreier Kleiderbügel richtet sich also hier nur nach der Funktion und nicht nach dem Hauptthema. Durch die Zusammenstellung der drei ähnlichen Gegenstände wird gezeigt, dass nur ein Teil der ausgestellten Objekte Unterthemen repräsentiert, je nach dem, ob entsprechende Hintergrundinformationen bekannt sind; dies ist ein Hinweis auf die Quellenlage der musealen Sammlung. Außerdem werden hier zwei Prinzipien der Aufstellung parallel angewendet: zum einen die Zusammenstellung nach gemeinsamen Themen, zum anderen die gemeinsame Präsentation ähnlicher Gegen­stände.

Nach dem gleichen Prinzip wie die Kleiderbügel sind auf einer weiteren Ebene des Vitrinenunterschranks auch Kartons zusammengestellt: sie werden aufgrund ihres Äußeren zusammen präsentiert und werden dabei unterschiedlichen Themen zugeordnet (Alltag, [Seite 88↓]Handel und Gewerbe sowie DDR); der Karton aus der DDR-Zeit repräsentiert die Geschichte eines VEB für Schuhherstellung; die zugehörige Karte schildert außerdem die Baugeschichte des Fabrikgebäudes. Die übrigen Kartons bzw. Versandpackungen stehen für kein Unterthema.

Ohne inhaltlichen oder formalen Zusammenhang wird außerdem eine Rechenmaschine gezeigt, die nur aufgrund ihrer Größe in dieses Ensemble eingeordnet wurde. Hier wird ein Problem bei der Ordnung der musealen Sammlung deutlich; die Heterogenität der Objekte lässt nicht immer eine inhaltliche Zusammenstellung zu.

Der Regalaufsatz auf der Schubladenvitrine lässt eine bisher nicht beschriebene Ausstellungs­technik erkennen: neben Alltagsgegenständen (u.a. mehrere Gefäße) sind Werbeschilder und Packungen sowie Damenstrümpfe auf Modellen zu sehen, die nicht über eine Karteikarte erschlossen werden können. Diese Exponate verweisen auf die ursprüngliche Funktion der Ladeneinrichtung der Drogerie und damit auf den Bedeutungswandel dieser Objektgruppe, der weiter oben schon beschrieben wurde. Das gleiche gilt für Exponate wie Arzneipackungen, Haushalts- und Kosmetikartikel in der Aufsatzvitrine, die zudem teilweise noch die Preisschilder aus der Drogerie tragen.

Die Zuordnung zu einem bzw. zwei Hauptthemen ist, neben den Ähnlichkeiten in Aussehen und Funktion, auch in der Schubladenvitrine ein bestimmendes Element. Im rechten und linken Teil der Vitrine wird kein weiteres Unterthema vorgestellt; im rechten Teil sind u.a. Eierbecher, Butterdosen und eine Vielzahl von Besteckteilen zu sehen, die alle dem Thema Alltag und teilweise auch dem Thema DDR zugeordnet werden. Im linken Teil werden Abzeichen, Anstecknadeln und Medaillen aus der DDR-Zeit präsentiert. Im mittleren Schubladenteil wird durch Aufnäher, Anstecknadeln und Stempelmatrizen sowie eine Trillerpfeife die Geschichte verschiedener Jugendverbände der DDR dokumentiert. Hier bestimmt in einer Schublade auch nicht ein gemeinsames Hauptthema, sondern die äußere Ähnlichkeit der Gegenstände ihre Zusammenstellung: Biermarken, Medaillen, Knöpfe und Wechselmarken werden verschiedenen Themen (Brauereien, Verkehr, DDR) zugeordnet. Sie sind also ein weiteres Beispiel dafür, dass Themen nur ein nachgeordnetes Ordnungsprinzip der Exponate sind.

Die Exponate in den beiden Schränken des zweiten Ausstellungsraumes sind vor allem nach ihrer Funktion zusammengestellt, wobei sie teilweise gleichzeitig für unterschiedliche Hauptthemen stehen. Objekte werden so im ersten Schrank nach Größe und ursprünglicher Funktion zusammengestellt und den Themen Alltag oder Freizeit zugeordnet, teilweise auch zeitlich in die DDR-Zeit. So sind beispielsweise Spielzeuge nebeneinander zu sehen (Puppe, Kreisel, Puppenstube; Medizinball, Gesellschaftsspiele, Kindertelefone) sowie in ver­schiedenen Zusammenstellungen Bad- und Küchenutensilien. Im zweiten Schrank werden noch unterschiedlichere Objekte gemeinsam gezeigt.

Die Zusammenstellung der Objekte auf dem Holzregal orientiert sich ebenfalls an der Größe der Gegenstände, da auch hier keine gemeinsamen Themen präsentiert werden. Im Gegensatz dazu gehören die Exponate über einer Neigungswaage alle zum Thema Schachthof, in den meisten Fällen Arbeitsgeräte eines Schlachters. Die Schilder und die Modelle an und neben den Gitterwänden schließlich sind ebenfalls aufgrund ihrer Größe bzw. äußeren Beschaffenheit zusammengestellt worden. Teilweise werden an einzelnen Exponaten Unterthemen vorgestellt: beispielsweise stand eine Schautafel des ehemaligen Schlachthofes im Eingangsbereich zum Maschinenraum des Schlachthofes; neben Anweisungen und Ermahnungen für die Arbeiter wurde hier auch der Schichtplan eingetragen. Auf der Tafel [Seite 89↓]sind außerdem zwei Fotos zu sehen, die eine Außenansicht und eine Innenansicht des Schlachthofes zeigen.

ZUSAMMENFASSUNG

Die Exponate in der Wechselausstellung haben durchgängig illustrierende Funktion, andere Bedeutungsebenen der Objekte werden nicht erschlossen. Bei genauer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass die Exponate auf unterschiedliche Weise das Thema illustrieren. Zum einen veranschaulichen Exponate das vorgestellte Thema und geben dabei eventuell durch eine entsprechende Beschriftung des Exponates einen Hinweis auf die topographische Beziehung zum Bezirk; zum anderen liefern Exponate, vor allem Zeitschriften oder andere Textdokumente, zusätzliche Informationen zu den Texttafeln.

Im ersten Ausstellungsteil über die Geschichte der Filme im und über den Bezirk vertiefen die Exponate die Informationen, die über die Texttafeln geboten werden. Im zweiten Teil über die Entwicklung der Kinolandschaft werden zusätzliche Geschichten erzählt, die sich aus der allgemeinen Themenpräsentation nicht ergeben, so z.B. die unmittelbaren Auswirkungen der politischen Situation in den dreißiger Jahren oder die Diskussionen über Filmvorführungen nach dem Mauerfall. Hier liefern die Exponate zusätzliche Aspekte des Alltagslebens innerhalb der Kinolandschaft.

Die Inszenierungen ergänzen auf unterschiedliche Weise die Themenpräsentation: im ersten Fall wird nicht nur die Atmosphäre einer Filmszene durch Bild, Ton und Exponate nach­gestellt, sondern auch die Situation des Filmens dieser Szene angedeutet. In der zweiten Inszenierung wird eine bestimmte Filmszene präsentiert, ohne dass der Prozess des Filmens gezeigt wird. Einen Hinweis darauf bekommt man allerdings durch eine Drehbuchseite, die die Inszenierung ergänzt und erläutert. Im zweiten Ausstellungsteil über die Geschichte der öffentlichen Filmvorführungen im Bezirk ergänzt eine weitere Inszenierung die Präsentation. Hier wird der Arbeitsalltag eines Filmemachers, der im Text vorgestellt wird, durch Originale aus seinem Nachlass rekonstruiert. Auch in diesem Fall illustrieren die Exponate das vorgestellte Thema, jedoch ist hier ihre Authentizität wichtig. Zusätzliche Informationen werden durch alle drei Inszenierungen nicht geboten, es geht vielmehr darum, die Atmosphäre einer Dreh- und Filmszene bzw. eines Arbeitsplatzes zu vermitteln.

Im Ausstellungsmagazin steht die museumseigene Sammlung im Vordergrund, Leihgaben wurden nicht gemacht; der Zusammenhang zwischen der Erforschung bzw. Dokumentation der Sammlung mit der Ausstellung wird bei genauer Analyse deutlich: durch die Präsentation weitgehend ohne Texttafeln und mit Karteikarten werden, zumindest bei einem Teil der Exponate, zwei Arten der Präsentation miteinander verbunden. Die einzeln ausgestellten Exponate stehen für sich und werden durch die Karteikartentexte in ihrer ursprünglichen Funktion erläutert; hier kann man daher von einer objektzentrierten Präsentation sprechen. Bei den im Ensemble ausgestellten Objekten kommt eine illustrierende Präsentationstechnik dazu. Da erklärende Texte durch Karteikarten erst erschlossen werden müssen, steht auch hier eine objektzentrierte Präsentation im Vordergrund. Die Karteikarten gehen in diesem Fall jedoch nicht auf die Funktion und selten auf die Herkunft der Gegenstände ein, so dass vor dem Hintergrund der Themen, die auf den Karten erläutert werden – den Unterthemen – die Exponate jeweils ein Thema illustrieren. Im Falle der Inneneinrichtung der Drogerie kommt mit der Inszenierung eine weitere Präsentationstechnik hinzu, die eine Interpretationshilfe anbietet; sie deutet die ursprüngliche Funktion der Ladeneinrichtung an.


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Neben den Hauptthemen werden bei den Einzelexponaten eine Reihe von Unterthemen dokumentiert; teilweise ergibt sich daraus eine Vertiefung der jeweiligen Hauptthemen. Während die Unterthemen Aspekte der Baugeschichte, der Wirtschafts- und Sicherheitspolitik der DDR, einzelne Firmengeschichten und Biographien von Familien oder Einzelpersonen vorstellen, teilen die Hauptthemen die Karteikarten und damit die Ausstellung insgesamt in mehrere Kapitel, die teilweise durch Einzeltafeln näher erläutert werden.

Einzelne Unterthemen werden ebenfalls bei den im Ensemble präsentierten Exponaten erschlossen; Hauptthemen werden dadurch näher erläutert. Zusätzlich ergibt sich bei der Laden­einrichtung der Hinweis auf den Bedeutungswandel dieser Objektgruppe. Durch die Präsentation mit anderen Exponaten zusammen werden weitere Bedeutungsebenen dieser Objekte gezeigt: entweder wird auf die Ähnlichkeit in Aussehen und Funktion oder auf die Heterogenität der musealen Sammlung insgesamt hingewiesen. Zudem wird gerade bei diesen Exponaten das Konzept des Ausstellungsmagazins noch einmal besonders betont: die Ordnung nach Hauptthemen ist zweitrangig, entscheidend für die Zusammenstellung sind die Ähnlichkeiten der Exponate in Größe und Funktion.

Die einzelnen Zusammenhänge zwischen Haupt- und Unterthemen sowie den Ausstellungstechniken werden erst bei genauer Analyse deutlich. Die Aufmerksamkeit des Besuchers wird zunächst auf die Ästhetik der Exponate gelenkt. Erst unter Zuhilfenahme der Karteikarten können historische oder kulturelle Hintergründe der Objekte recherchiert werden. Bei den Einzelobjekten ist dies nicht immer möglich; bei den im Ensemble gezeigten Gegenständen wiederholen sich die Unterthemen häufig, da beispielsweise Firmengeschichten oft durch eine größere Objektgruppe repräsentiert werden. So bieten die Karteikarten nicht in jedem Fall die Möglichkeit, sich zu informieren, oder konfrontieren den Besucher mit den gleichen Hintergrundtexten. Dies trifft allerdings nur auf eine geringe Anzahl von Exponaten zu, deren Kontext nicht recherchiert werden kann.


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5.3.  Köpenick und Prenzlauer Berg: Musealisierung der DDR?

An dieser Stelle der Analyse stellt sich die Frage, ob die Ostberliner Museen im Hinblick auf ihre Geschichte in der DDR Charakteristika aufweisen und wie sich diese in der Museumsarbeit wiederfinden lassen.

Zunächst muss man feststellen, dass die Geschichte beider Museen sehr unterschiedlich ist. Das Köpenicker Museum bestand als Heimatschulmuseum schon vor der Zeit der DDR; als Heimatgeschichtliches Kabinett in der DDR widmete es sich vor allem der Darstellung der langen Geschichte Köpenicks seit der Steinzeit. Diese Tradition wird in einem großen Teil der Dauerausstellung aufgegriffen. Hier spielt die Zeit der DDR jedoch keine größere Rolle als andere historische Perioden auch. Die Darstellung der Museumsgeschichte im Foyer legt den Schwerpunkt auf die Gründungsphase in den zwanziger Jahren; die DDR-Geschichte wird also nicht besonders hervorgehoben. Dasselbe gilt für die Wechselausstellung. Auch die Sammlung, die zu einem großen Teil nach dem Mauerfall angelegt wurde, weist keinen besonderen Bestand zur DDR-Geschichte auf.

Das Prenzlauer Berg Museum wurde erst nach der Wende gegründet und lässt ebenfalls wenig Bezüge zu den Vorgängern des Museums, dem Heimatgeschichtlichen Kabinett und dem Traditionskabinett, erkennen. Das Museum thematisiert nicht wie das Köpenicker Museum in einer Dauerausstellung seine Geschichte. Es werden jedoch Überlegungen angestellt, die Geschichte des Traditionskabinetts in einer Dauerausstellung zu zeigen.230

Im Ausstellungsmagazin lässt sich die Geschichte der Sammlung nur erahnen. Hier bildet die DDR eines der Hauptthemen, so dass zumindest deutlich wird, dass viele Exponate aus dieser Zeit stammen. Gelegentlich wird diese historische Periode durch Unterthemen näher erläutert. Die Dokumentation der letzten Ausstellung des Traditionskabinetts bildet eines der Exponate, kann jedoch vom Besucher nicht eingesehen werden. Vereinzelte Hinweise auf die Musealisierung der DDR finden sich bei zwei Exponaten (einem Emblem einer Brauerei sowie eine Zellentür), deren Karteikarten Unterthemen zu diesem Thema dokumentieren.

Die Wechselausstellung thematisiert die DDR-Zeit nur als eine historische Periode innerhalb der Film- und Kinogeschichte des Bezirks. Die Kulturpolitik der DDR wird in einzelnen Ausstellungsteilen angerissen, wenn es um das Verbot bestimmter Filme und deren späte Uraufführung nach 1989 geht, steht aber nicht im Vordergrund.

In beiden Museen ist also weder eine Auseinandersetzung mit möglicherweise politisch beeinflussten Ausstellungen in der DDR-Zeit noch eine Museumsarbeit in Richtung Nostalgie oder Heimattümelei zu beobachten. Das Thema Musealisierung der DDR lässt sich nur versteckt im Ausstellungsmagazin des Prenzlauer Berg Museums wiederfinden.

Eine Ausnahme bildete eine Wechselausstellung des Prenzlauer Berg Museums 1999/ 2000 mit dem Titel „Die Zeit ist reif... Prenzlauer Berg 1989/90“.231 Die Ausstellung wurde anlässlich des 10. Jahrestags der Wende in Zusammenarbeit mit der Robert-Havemann-Gesellschaft und der Universität Potsdam gezeigt. Die Ausstellung hatte das Ziel, nicht nur die bereits über die Massenmedien bekannten Bilder zum Mauerfall zu zeigen, sondern den Blick vor allem auf konkrete Geschehnisse der Wendezeit in Prenzlauer Berg zu lenken. Viele [Seite 92↓]Einzelgeschichten aus den Bereichen Politik, Wirtschaft, Bildungswesen, Kunst und anderen gesellschaftlichen Themen dokumentierten die Veränderungen durch den Mauerfall. Diese Geschichten mussten zum größten Teil erst über Interviews mit Zeitzeugen recherchiert werden. Das Gleiche galt für die Exponate, die sich nicht nur in Archiven, sondern vor allem im Privatbesitz befanden. Das Ausstellungsprojekt war ein Beispiel dafür, wie Objekte und die damit verbundenen Geschichten erst im Zuge der Vorbereitung einer Ausstellung erschlossen werden und nach Ende der Ausstellung das Archiv bzw. die Sammlung des Museums ergänzen.

Durch die Einbeziehung von Zeitzeugen des politischen Umbruchs in Prenzlauer Berg bildete die Ausstellung ein Kaleidoskop verschiedener Einzelgeschichten, die aus dem Alltag des Bezirks in dieser Zeit berichten. Die Exponate waren zum Teil private Erinnerungsstücke und damit Zeichen individueller Erlebnisse zu Zeiten des Mauerfalls. So wurden nicht nur die offizielle politische und wirtschaftliche Seite der Veränderungen, sondern auch die Auswirkungen der gesellschaftlichen Umbrüche auf einzelne Personen oder Gruppen wie Schüler, Pädagogen, Künstler und Politiker gezeigt. Von der Vielfalt der individuellen Erlebnisse und Erinnerungen zeugten die präsentierten Objekte, die oft erst durch ihre Darstellung im jeweiligen Kontext für den Besucher eine Bedeutung erhielten. Eine verrostete Blechdose beispielsweise stellte als symbolischer Grundstein den Baubeginn eines Abenteuerspielplatzes dar, dessen Bau zwar lange geplant und gefordert, aber erst nach der Wende möglich geworden war. Ein anderes Beispiel waren handgeschriebene Wandzeitungen einer Schule, die von den Diskussionen unter Lehrern und Schülern über die zukünftige Ausrichtung von Schulfächern zeugten.

Die Ausstellung regte zu vielen Diskussionen innerhalb und außerhalb des Museums an. Die Aufsicht wurde zeitweise von Autoren der Ausstellung übernommen, um für Rückfragen zur Verfügung zu stehen und weitere Geschichten aus der Zeit der politischen Wende im Bezirk durch Zeitzeugeninterviews zu recherchieren. Die Betonung der Alltagsgeschichte und die Präsentation des Themas mit Hilfe verschiedenster persönlicher Gegenstände sprach sowohl Bewohner des Bezirks, deren Erinnerungen an die eigenen Erlebnisse geweckt wurden, als auch Hinzugezogene bzw. Bewohner anderer Bezirke oder Städte an, die auf diese Weise auch die alltägliche und inoffizielle Seite des politischen Umbruchs in einem Berliner Bezirk kennen lernen konnten.

Andere vergangene Wechselausstellungen beider Museen thematisierten die Zeit der DDR jedoch nicht. Die spezifische Gestaltung von DDR-Produkten wird in keiner der Ausstel­lun­gen herausgestellt; lediglich im Ausstellungsmagazin des Prenzlauer Berg Museums kann der Besucher anhand des Unterthemas DDR Produkte aus dieser Zeit erschließen; die Ausstellung gibt hier aber keine Hinweise, inwieweit sich politische Rahmenbedingungen an der Gestal­tung und Beschaffenheit von Objekten ablesen lassen. So zeigt die Analyse, dass sich die beiden untersuchten Ostberliner Museen in ihrer Konzeption und Ausstellungsarbeit kaum von den Westberliner Museen unterscheiden. Diskussionen innerhalb der Museumslandschaft, wie sie Anfang der neunziger Jahre beispielsweise über die Musealisierung der DDR geführt wurden, lassen sich in der heutigen Museumsarbeit nicht wiederfinden.

Ähnliches gilt auch für die anderen Ostberliner Bezirksmuseen. So wurde die Geschichte und Kultur der DDR beispielsweise im Bezirksmuseum Marzahn-Hellersdorf lediglich in der Ausstellung „20 Jahre Marzahn. Geschichte – Bauen - Wohnen“ im Jahr 1999 thematisiert.232 Anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Stadtbezirks Marzahn zeigte das Museum in einer [Seite 93↓]Ausstellung einen historischen Überblick über die jüngste Geschichte mit zwei thematischen Schwerpunkten: der Wohnungsbau in diesem Bezirk, der aufgrund eines Beschlusses des Zentralkomitees der SED 1973 zur Errichtung großer Wohngebiete in Marzahn führte, und das alltägliche Leben im Bezirk vor und nach der Wende. Der Alltag in der DDR wurde in der Ausstellung aus mehreren Perspektiven betrachtet. Zum einen wurde der Ausbau der Infrastruktur wie Einkaufsmöglichkeiten, Verkehrswege, Kinderbetreuungen, Gastronomie und medizinische Versorgung beschrieben. Zum anderen dokumentierte die Ausstellung mit Hilfe von Zeitzeugen-Interviews das Leben einzelner Bewohner zu Hause, als Mitglied eines Vereins oder der Kirche sowie einer Hausgemeinschaft.233

Das Heimatmuseum Treptow zeigte im selben Jahr eine Wechselausstellung zum Leben im Grenzgebiet und geht in seiner Dauerausstellung (2003) auch auf die Industriegeschichte der DDR ein.234 Das Thema DDR-Geschichte bzw. DDR-Alltag steht in der Dauerausstellung jedoch nicht im Vordergrund.

Das Heimatmuseum Friedrichshain widmete sich lediglich von Februar bis April 2003 dem Thema DDR-Alltag im Rahmen einer Leihausstellung, die vom „Dokumentationszentrum Alltags­kultur der DDR“ in Eisenhüttenstadt erstellt wurde.235 Die Ausstellung mit dem Titel „ABC des Ostens“ zeigte für jeden Buchstaben des Alphabets einen Alltagsgegenstand.236 Die Objekte boten eine breite Übersicht über die Produktkultur der DDR und vermittelten vom einzelnen Gegenstand ausgehend Einblicke in Geschichte und Gebrauch der Dinge. Dabei kamen unterschiedliche Bedeutungsebenen wie Design, Nutzung und Produktion zur Geltung. Das Friedrichshainer Museum selbst hat bisher keine Ausstellung zum Thema DDR-Geschichte bzw. –Alltag erarbeitet.

Das Heimatmuseum Lichtenberg besitzt zwar einen Sammlungsbestand zur DDR-Geschichte, zeigte diese Objekte aber nur zum Teil im Rahmen von Wechselausstellungen. Die Ausstellungen „Fabrikstadt Lichtenberg. Bergauf und Bergab im Berliner Osten“ (1997/98) zur Industriegeschichte des Bezirks und „Karlshorst: Zwischen Erinnerung und Nachdenken“, anlässlich des hundertjährigen Bestehens von Karlshorst im Jahr 1996 gezeigt, präsentierten DDR-Geschichte lediglich als Kapitel innerhalb einer längeren historischen Periode. Im Jahr 2003 zeigte das Museum außerdem unter dem Titel „Depotfenster. Bilder aus dem Museumsfundus“ Kunstwerke aus DDR-Zeiten, die über die Motive einen lokalen Bezug zum Bezirk aufweisen. In allen drei Ausstellungen stand die DDR-Geschichte Lichtenbergs nicht im Mittelpunkt. Für das Jahr 2004 wird allerdings eine Ausstellung zum Spielzeug in der DDR geplant, die sich mit Gestaltung und materieller Beschaffenheit von DDR-Produkten befassen wird.

Das Heimatmuseum Hohenschönhausen zeigte 1997 die Ausstellung „Wartenberg im Rampenlicht. Bitterfelder Wege übers Land“.237 Der Untertitel spielt auf eine Phase der Kultur­politik der DDR an, die nach zwei Kulturkonferenzen 1959 und 1964 in Bitterfeld benannt wurde. Diese Politik beinhaltete zwei Aufträge: zum einen an Schriftsteller und Künstler, in Betriebe zu gehen, um gesellschaftliche Veränderungen kennen zu lernen, und zum anderen an Arbeiter und Bauern, künstlerisch aktiv zu werden. Die Ausstellung präsen­[Seite 94↓]tierte vor diesem Hintergrund eine Laienspielgruppe und ein daraus entstandenes Bauern­theater in Bitterfeld. Außer in dieser Ausstellung wurde jedoch auch im Hohenschönhausener Museum die DDR-Geschichte nicht thematisiert.

Das Panke Museum in Pankow stellt die DDR-Geschichte an keiner Stelle der Dauer­ausstellung dar und hat dies auch innerhalb früherer Wechselausstellungen nicht getan. Das Gleiche gilt für das Stadtgeschichtliche Museum Weißensee und das Museum Mitte von Berlin.

Die Geschichte und der Alltag der DDR bzw. die Geschichte der Bezirksmuseen zu dieser Zeit spielen in allen Ostberliner Museen also nur eine unbedeutende Rolle. Die Bezirks­museen Ostberlins orientieren sich bei der Erforschung und Darstellung der jeweiligen Regional­kultur nicht an der DDR-Geschichte, sondern an Themen, die unabhängig von historischen Perioden die Bezirke kennzeichnen. Eine Auseinandersetzung der politischen Vorgeschichte der heutigen Museen fand bisher nicht oder nur am Rande von Ausstellungen statt. Ebenso wenig erforschten und thematisierten die Museen Ästhetik und Beschaffenheit von DDR-Produkten, obwohl sie auf einen entsprechenden Sammlungsbestand zurückgreifen könnten. Diskussionen, auf welche Weise die materielle Kultur der DDR für eine Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte und Gesellschaft genutzt werden kann, wurden von anderen Museen bereits geführt. 238


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5.4.  Kreuzberg Museum für Stadtentwicklung und Sozialgeschichte

Die jetzige Sammlung des Kreuzberg Museums hat ihren Ursprung in einer Heimat­ausstellung, die 1951 vom Kreuzberger Kunstamt gegründet wurde und vor allem von älteren Bewohner besucht wurde.239

Die Sammlung wurde u.a. über Aufrufe in der Zeitung an die Bevölkerung angelegt. Es sollten vor allem im Krieg zerstörte historische Gebäude und Denkmäler dokumentiert werden. Dabei wurden auch Dokumente und Bilder zur Geschichte der gesamten Berliner Innenstadt gesammelt. Diese Sammlungstätigkeit wurde damit begründet, dass Kreuzberg der letzte im Westteil verbliebene Bezirk war, der früher unmittelbar zum Stadtkern des alten Berlin gehörte: Teile Kreuzbergs lagen innerhalb der alten Zollmauerumfassung. Daher fühlte sich das Kunstamt dazu berufen, im Berliner Westen die Geschichte der alten Berliner Innenstadt zu präsentieren und damit auch einen kleinen Ersatz für das Märkische Museum zu bieten, das durch die Teilung der Stadt den Westberliner Bürgern nicht mehr zugänglich war.240

Das Kunstamt verfolgte bei der Anlegung der Sammlung für die Heimatausstellung in den fünfziger bis siebziger Jahren drei Ziele: die Ausstellung sollte, auch im Rahmen von Veranstaltungen, die gesamte Bevölkerung des Bezirks, also auch unterprivilegierte Gruppen, unterhalten, historische Bildungsarbeit ermöglichen sowie zeitgenössische Kunst fördern. Düspohl teilt die Chronologie der Heimatausstellung in folgende Perioden ein: 1951-56 war die Phase des Aufbaus in der Halleschen Straße; danach wurde für kurze Zeit eine Sonderschau „Kreuzberg – Dein Heimatbezirk“ im Rathaus gezeigt, bevor die Heimatausstellung bis1959 in wechselnden Klassenräumen in Schulen, danach bis 1964 mit eingeschränkten Öffnungszeiten in Räumen am Mehringdamm gezeigt wurde; 1967 begann die Präsentation erneut in der Graefestraße, ab 1973 bis 1977 schließlich in eigenen Räumen im Haus am Mariannenplatz (Bethanien). 1977 wurde die Ausstellung dann in Kisten verpackt.

Die Sammlung bestand zu Anfang aus Ankäufen, Schenkungen und Leihgaben unterschiedlicher Objekte: ein Apothekenbesitzer schenkte dem Bürgermeister einige Stiche, die in die Heimatausstellung gelangten. Der Bürgermeister selber erwarb mit Mitteln des Bezirksamtes eine KPM-Vase mit einer Ansicht von Kreuzberg. Die Leiterin des Kunstamtes ließ zwei Terrakotta-Reliefs eines Hauses bergen; eine Brauerei stellte mehrere erste Originalplakate zur Verfügung. Dazu kamen als Leihgaben ein Gemälde, Photographien, Familienandenken, ein Bürgerbrief sowie ein Gesindebuch. Als immer mehr Spenden eingingen, wurde es notwendig, die Sammlung zu systematisieren und katalogisieren. Hierfür wurde ein „Heimatpfleger“ engagiert, der ehrenamtlicher Leiter des Heimatzirkels der Kreuzberger VHS war und den Bezirk sehr gut kannte. Unter den Spenden befanden sich u.a. Fotosammlungen, Straßenbahnbillets, Familienzeitschriften, historische Bücher, silberne Leuchter und Scherben, die bei Ausschachtungsarbeiten gefunden worden waren.

1954 wurde erstmals ein Verzeichnis der Sammelstücke erstellt. Die 154 Objekte waren nach keiner durchgehenden Ordnung systematisiert, sondern teils nach Themen, teils nach Art der Gegenstände, teils nach Art der Aufbewahrung geordnet. 1956 war die Sammlung auf 256 [Seite 96↓]Objekte angewachsen, die in einem neuen Katalog erfasst wurden. Unter den Neuzugängen waren u.a. siebzehn Skizzen eines Kreuzberger Heimatmalers und eine Sammlung von Kritiken und Zeitungsberichten über das Berliner Kulturleben. Drei Jahre später wurde ein dritter Katalog erstellt, der erstmals eine einheitliche Systematik aufwies: die Objekte wurden nur nach formalen Kriterien (wie Plänen, Bildern, Kunstgegenständen, Photos, Büchern usw.) geordnet. 1967 schließlich wurde zur Eröffnung der Ausstellung in der Graefestraße ein vierter neuer Katalog herausgegeben, der systematische und chronologische Ordnungskriterien verband.

1977 wurde diese Ausstellung für die Öffentlichkeit geschlossen, weil inzwischen andere Anforderungen an stadtgeschichtliche Präsentationen gestellt wurden, denen die Ausstellung nicht entsprach. Ein Jahr später entstand beim Kunstamt die Idee, ein stadtteilgeschichtliches Museum zu gründen, das die ökonomische, städtebauliche, politische und soziokulturelle Geschichte des Bezirks zeigen sollte; betont wurde dabei die pädagogische und bildungs­politische Zielsetzung. Den Bewohnern sollte die Möglichkeit gegeben werden, sich mit ihrer unmittelbaren Umgebung und der eigenen Gegenwart auseinander zu setzen; dabei sollte man aus der Entstehungsgeschichte für die zukünftige Gestaltung dieser Umgebung lernen. Dieser Anspruch war Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre ungewöhnlich, da Museen in erster Linie Institutionen der gebildeten Mittel- und Oberschicht waren. Das Kreuzberger Museum suchte aber bewusst den Dialog mit der Kreuzberger Bevölkerung, die traditionell einen hohen Arbeiteranteil aufweist, und verstand sich als Ort der Diskussion über aktuelle Entwicklungen und Probleme des Bezirks.

Bis 1991 das heutige Kreuzberg Museum für Stadtentwicklung und Sozialgeschichte als letztes der Berliner Bezirksmuseen gegründet werden konnte, gab es ein Archiv mit dem gleichen Namen. Dieses befand sich bis 1989 in einer historischen Apotheke und anderen Räumen eines ehemaligen Krankenhauses, das heute als Künstlerhaus dient. In dieser Zeit wurden temporäre Ausstellungen an verschiedenen Orten gezeigt.241

Das Kreuzberg Museum setzt sich wie alle anderen Bezirksmuseen mit den Besonderheiten des Bezirkes auseinander; in Kreuzberg ergeben sich aufgrund seiner spezifischen Geschichte drei Themen. Nach diesen Themen richtet sich die Gesamtkonzeption des Museums, die vorsieht, eine Dauerausstellung zu diesen Themen einzurichten.242 Das erste Thema ist Kreuzberg als „Ankunftsbezirk“ für Migranten, die den Bezirk auch oft wieder verlassen (Hugenotten, Schlesier, Polen, Juden, Gastarbeiter). Das Museum versteht Kreuzberg als einen Bezirk der Gegenwart, d.h. an den Bezirk knüpft sich ein gegenwärtiges Interesse, kein zukünftiges. Das bedeutet auch, dass die Einwohner, die die Vergangenheit des Bezirkes repräsentieren, in der Minderheit sind. Die Migrationsgeschichte ist damit ein zentraler Punkt in der Geschichte Kreuzbergs und soll in einer zukünftigen Dauerausstellung berücksichtigt werden. Die im Jahr 2001 gezeigte Wechselausstellung über die erste Generation der türkischen Migranten soll später ergänzt werden durch die Darstellung der zweiten Generation. Die dann entstandene Dauerausstellung soll einmal alle Migrantengruppen, angefangen bei den Hugenotten, dokumentieren, die genaue Präsentationsweise ist noch nicht ausgearbeitet. Heimat ist in diesem ersten thematischen Komplex etwas Vorübergehendes oder Vergängliches.


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Das zweite Charakteristikum des Bezirks ist ein industriegeschichtliches. Kreuzberg als das Zeitungsviertel von Berlin war Zentrum der Druckbranche und der graphischen Industrie. Bei der Darstellung der Industriegeschichte, der Geschichte der Arbeit und der gewerkschaft­lichen Bewegung möchte das Museum daher den Schwerpunkt auf das Druck- und Verlags­wesen legen. In Ansätzen ist dieser Punkt im Erdgeschoss des Museums in der Druck­werkstatt und der Außenstelle des Museums zu sehen.

Das dritte Thema des Bezirkes sind die politischen Bewegungen vor allem seit den späten sechziger Jahren, verbunden mit den Stichworten 1. Mai, Stadterneuerung, Hausbesetzungen, Mythos Kreuzberg. Dieser Komplex wird noch nicht gezeigt, es besteht allerdings eine umfangreiche Sammlung und Archivbestand zu diesem Thema. Während diese drei Themen auf den verschiedenen Stockwerken des Museums dokumentiert werden sollen, wird das Treppenhaus einen Überblick über die Bezirksgeschichte präsentieren.

Wegen Raummangels kann ein weiteres Thema nicht auf einer Etage gezeigt werden, nämlich die Wilhelmstraße als Teil des ehemaligen Regierungsviertels. Während der NS-Zeit befanden sich hier vor allem das Reichssicherheitshauptamt und andere Institutionen. Dieses Thema soll dezentral dargestellt werden, was zur Zeit mit einem Gedenktafelprogramm zum antifaschistischen Widerstand und dem Projekt „Stolpersteine“ zur Erinnerung an die von Nazis Deportierten und Ermordeten, zukünftig auch an die ehemaligen Zwangsarbeiter geschieht. Hier ergeben sich Bezüge zum jüdischen Museum. Die jüdische Geschichte muss daher nach Auffassung des Museumsleiters nicht im Kreuzbergmuseum auf einer eigenen Etage dargestellt werden, sondern in Form dezentraler Angebote wie beispielsweise Stadtführungen.

Das offene Archiv präsentiert Objekte, die einzelne Geschichten repräsentieren und damit ein bestimmtes Interesse erregen. Das Archiv soll diese Geschichten erzählen und sie gleichzeitig auch hinterfragen. Es sind Exponate, die nicht in das oben beschriebene Ausstellungskonzept passen, die aber trotzdem gezeigt werden sollen. Sie bilden einen zusätzlichen Aspekt, der sich außerhalb des Sammelkonzeptes befindet. Die Auswahl der Exponate, an der alle Mitarbeiter beteiligt waren, geschah zufällig. Außerdem versteht sich das Museum als Informationszentrum für den Bezirk, vor allem durch das Archiv, die Bibliothek und entsprechende Beratungsangebote. Der Aspekt Sammeln muss vernachlässigt werden, da dafür keine Gelder zur Verfügung stellen. Dasselbe gilt für die Forschung.

Die Sammlungsschwerpunkte decken sich mit den oben beschriebenen Spezifika und inhaltlichen Schwerpunkten des Museums. So wurde z.B. viel zum Druck- und Verlagswesen gesammelt; hier kommt es nicht darauf an, Technikgeschichte, sondern einzelne Firmen­geschichten zu dokumentieren.243 Das Museum arbeitet sehr stark biographisch, d.h. man orientiert sich an biographischen Geschichten, zu denen gesammelt wird. Die Sammlung wird nach topographischen Gesichtspunkten geordnet, was zum Wiederauffinden dienen soll; andere Ordnungen u.a. anhand von Biographien, die durch Objekte dokumentiert werden, die aus früherer Zeit stammen, sollen erhalten bleiben.

Die Eigenbenennung des Museums vermeidet bewusst den Begriff Heimat, weil er unterschiedlich diskutiert wird; man gelangt nur schwer auf die selbe Gesprächsebene, weil mit Heimat unterschiedliche Dinge assoziiert werden. Der Museumsleiter selbst gebraucht bei der Diskussion des Heimatbegriffes Bloch´sche Kategorien, auch vor dem Hintergrund der Migrationsgeschichte: Heimat ist das, was noch nicht ist oder was sein soll oder als Auftrag [Seite 98↓]oder Utopie verstanden wird. Heimat ist damit nicht unbedingt örtlich gebunden. Der Heimatbegriff wird in Kreuzberg vor dem Hintergrund der sich stetig ändernden Bevölkerungsstruktur nicht mit dem Gefühl assoziiert, im Bezirk aufgewachsen oder aufgrund einer langen Familientradition mit dem Bezirk verbunden zu sein. Die Geschichte des Bezirks ist damit weniger die Geschichte einer bestimmten Heimat, sondern vielmehr die Geschichte von Migranten, die Kreuzberg als neue Heimat gewählt haben.244 Gleichzeitig lässt sich in Kreuzberg eine starke Identifikation der Einwohner mit dem eigenen Bezirk beobachten. Diese Identifikation ist verbunden mit einer bestimmten Haltung, die Menschen hier oft entwickeln, und die nach Beobachtung der Museumsmitarbeiter oft oppositionell oder vom Versuch geprägt ist, Alternativen aufzubauen. Bewusst werden auch Nachbarschaftskontakte gesucht und geknüpft. Mit Heimat verbindet sich in Kreuzberg keine Bodenständigkeit, sondern ein bestimmtes Lebenskonzept. Das Museum reagiert auf diese Heimatbegriffe, gibt sie aber selbst nicht vor. Das Museum begreift seine Arbeit als Darstellung der Geschichte der Bevölkerungsteile aus deren Sicht, wobei es nur konzeptionelle Vorgaben stellt.

An dieser Museumsarbeit hat sich auch nach der Zusammenlegung der Bezirke Kreuzberg und Friedrichshain nichts geändert. Da die beiden Bezirke eine zu unterschiedliche Geschichte und gegenwärtige Bevölkerungsstruktur haben, konzentriert sich das Kreuzberger Museum auch nach der Zusammenlegung auf die Erforschung und Darstellung des eigenen Bezirks. Die Wechselausstellung geht auf die Geschichte der türkischen Einwanderung ein, während ein offenes Archiv Objekte aus der musealen Sammlung zeigt.


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5.4.1.  Türkische Immigranten

Die Wechselausstellung „Wir waren die ersten...Türkiye´den Berlin´e“ kann in zwei Stock­werken des Museums besichtigt werden.245 Der erste Ausstellungsraum führt den Besucher zunächst mit Hilfe zweier Texttafeln in das Thema ein. Man wird stichwortartig über die allgemeine Kreuzberger Nachkriegsgeschichte, die deutsch-türkische Nachkriegsgeschichte sowie über die türkische Geschichte Kreuzbergs, jeweils in deutscher und türkischer Sprache, informiert. Die Ausstellung sieht einen Rundgang vor, der an den Wänden des Raums entlang führt.

Das erste Kapitel trägt die Überschrift „Weg nach Berlin“ und thematisiert die politische und wirtschaftliche Situation der Türkei in den fünfziger Jahren: durch Marshall-Plan und Korea-Krieg befindet sich die Türkei in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage und hat mit dem Problem der Landflucht zu kämpfen. Nach der Verkündung von Theodor Heuss, dass Deutschland ausländische Arbeitnehmer aufnehmen will, wird 1961 ein bilaterales Anwerbeabkommen geschlossen, woraufhin viele türkische Arbeitnehmer nach Deutschland ziehen. Der Ausstellungstext beschreibt das Leben der Immigranten als schwierig, weil durch Asylbewerber, ausländische Studierende und nachreisende Angehörige die Arbeitslosenzahl in Deutschland steigt,. Eine Folge ist eine wachsende Ausländerfeindlichkeit. Deutschland wird für die zugezogenen Türken die zweite, für die in Deutschland geborenen sogar die einzige Heimat. Das Kapitel erwähnt die steigenden Umsätze der Betriebe und die wachsende Zahl selbstständiger Türken in Deutschland und bewertet diese als wichtige Zeugnisse des Bleibens und als Beiträge für ein neues Image der Türken.

Ferner stellt dieser Ausstellungsteil einen Immigranten näher vor. Dieser stammt aus Izmir und war zunächst Polsterer in Baden-Württemberg. Anfang der sechziger Jahre warb der damalige Bürgermeister von Berlin Willy Brandt um westdeutsche Arbeitnehmer; bei seinem Aufruf im Radio wurde dabei der Marsch „Berliner Luft“ von Paul Lincke, gesungen von den Schöneberger Sängerknaben, gespielt. Auf diesen Aufruf reagierte der Polsterer und übersiedelte nach Berlin. Man kann sich den Marsch auf Tonband anhören und dabei verschiedene Broschüren in einer Vitrine betrachten, die dem Immigranten geholfen haben, sich als türkischer Arbeitnehmer in Berlin zurecht zu finden.

Nachdem man beispielhaft kennen gelernt hat, wie in Berlin um Arbeitskräfte geworben wurde, kann man sich auf der nächsten Station über die Rolle der Politik in der Arbeitswelt türkischer Arbeitnehmer informieren. Die Migranten brachten aus ihren eigenen Kulturen und Weltanschauungen heraus politische Überzeugungen in die Arbeitswelt Berlins ein und gründeten Organisationen wie Studenten- und Migrantenvereine, die das politische Parteien­spektrum der Türkei widerspiegelten. Hier erfährt man auch, dass nach Militärputschen 1971 und 1980 in der Türkei die Anzahl der Anträge auf politisches Asyl in Deutschland deutlich anstieg. Im Text wird deutlich, dass die meisten Asylanten wieder zurückgekehrt sind, jedoch sowohl wirtschaftliche als auch politische Migranten die politischen Überzeugungen von Türken in Deutschland beeinflusst haben. Erwähnt werden außerdem türkische Arbeitervereine und die Mitwirkung von Türken in deutschen Gewerkschaften und Vereinen, die sich um eine deutsch-türkische Freundschaft bemühen.


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Wie im vorangegangenen Kapitel hat man auch hier die Möglichkeit, eine persönliche Geschichte, in diesem Fall einer Immigrantin, die in den sechziger Jahren bei der Firma Telefunken arbeitete, kennen zu lernen. Mitbringsel aus der Türkei sowie Gegenstände, die mit ihrer Arbeit zu tun haben, illustrieren ihre Geschichte: man erfährt, dass die ehemalige Schneiderin schon nach einem Jahr Arbeit als Löterin eine Brille benötigte, da die Feinmontage ihre Sehkraft schnell verschlechterte. So gehört auch ihre erste Brille zu den Exponaten.

Auf insgesamt fünf Stellwänden veranschaulichen zahlreiche Zeitschriften und andere Dokumente diesen Ausstellungsteil, u.a. eine Sprachhilfe zur Verständigung in deutschen Betrieben, Geldüberweisungsformulare in die Türkei, Broschüren, die für türkische Arbeitnehmer herausgegeben wurden, ein türkisches Branchenverzeichnis für Berlin (2000) und zahlreiche Fotos von Demonstrationen. Außerdem hat man die Gelegenheit, sitzend eine längere Abschrift eines Interviews zu lesen; es handelt sich um ein Rundfunk-Interview von 1984 mit türkischen Arbeitern, die in der Rechtsberatungsstelle des DGB Beistand suchen, weil sie von Krupp und Siemens entlassen worden sind.

Der folgende Ausstellungsteil widmet sich dem Familienleben von Migranten und damit verbundenen Festen und Feiern. Gesetze und Regelungen wie Anwerbeabkommen treffen Familien besonders hart, wenn sie bedeuten, dass Familien nicht mehr zusammenleben können. Man erfährt, wie sich seit den siebziger Jahren größere Migrantengemeinden bildeten, da immer mehr Familien der Migranten aus der Türkei nach Deutschland kamen. So fanden gesellschaftliche Aktivitäten, die vormals in den Sommerferien in die Heimat verlagert wurden, in der neuen Heimat statt. Der Arbeitsort wurde zum Ort, an dem die Familie wohnte und an dem man sich einrichtete, was man z.B. an den Familienfeiern der Migranten in Berlin sehen kann. Als ein Beispiel wird hier erwähnt, dass heute Einladungskarten zu türkischen Feiern auch in Berlin gedruckt werden. Besonders der deutsche Besucher wird an dieser Stelle mit der Frage der Ausstellungsautoren konfrontiert, ob besonders die Familien der Migranten – im Gegensatz zu beispielsweise türkischen Arbeitskollegen - als Ausdruck des Privaten, der Traditionspflege und der Feierlichkeiten den Deutschen als fremd erscheinen.

Eine kleine Inszenierung veranschaulicht dieses Thema: auf einem niedrigen Podest stehen eine Reihe von gerahmten Familienfotos offenbar türkischer Familien, dahinter zeigt ein schwarzer Vorhang mit goldenen Buchstaben den Schriftzug „Grüße aus Berlin“; vor dem Podest steht ein älterer Fotoapparat. Links von der Bühne kann man sich in einer Vitrine Einladungskarten zu Hochzeits- und Beschneidungsfesten ansehen. Die Inszenierung wird ergänzt durch eine Videoaufnahme eines türkischen Familienfestes und einer Anzahl von Gruppenfotos, die aus einzelnen Fotos zusammengesetzt wurden.

Auch hier wird eine Sitzmöglichkeit angeboten; über Kopfhörer kann man sich die türkische Originalversion eines Heimweh-Dokuments anhören. Ein Textbogen liefert die deutsche Übersetzung sowie eine Einführung: das Tonband wurde von einer türkischen Familie besprochen, die in der Türkei im Urlaub war und vor der Rückkehr nach Deutschland Familienmitglieder Gedichte und Lieder auf Band sprechen lässt, um diese dann in Deutschland hören zu können. Auf diese Weise haben in den siebziger Jahren türkische Familien ihr Heimwehgefühl vermindert, da damals oft keine Telefonverbindung bestand oder nur sehr schwer hergestellt werden konnte und kostspielig war. Briefe kamen mit großer Verspätung an. Außer dem Text kann man auch ein Foto der Familie in der Türkei und ein Foto ihres Heimatdorfes in Westanatolien betrachten.


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Der Rundgang wird fortgesetzt mit einem Kapitel zur Bildung und Ausbildung von Migranten. Ca. 90% der ausländischen Arbeitnehmer sind aufgrund ihres Bildungsstandes und Qualifikationsniveaus im sozialen Alltag benachteiligt und so besonderen sozialen Risiken ausgesetzt. Dies steht, so der Ausstellungstext, im Widerspruch zur im Grundgesetz garantieren Chancengleichheit und wird ausgeglichen durch Institutionen, die außerhalb der traditionellen Schule stehen. Dies gilt vor allem für Deutsch-Kurse. Veranschaulicht wird dieses Thema anhand von verschiedenem Lehrmaterial wie Hefte und Kassetten.

Gegenüber dieses Kapitels wird ein künstlerisches Projekt eines Begegnungszentrums vorge­stellt. Zu sehen sind die Ergebnisse eines Workshops, der sich mit den Möglichkeiten der bilden­den Kunst dem Thema Biographie widmet. Auf vier Tapetenbahnen sind jeweils Fotos, persönliche Erinnerungsstücke und türkische Texte zu sehen. Kurze deutschsprachige Texte skizzieren die Biographie der/ des sich vorstellenden Türkin bzw. Türken.

Während Bildung und Ausbildung nur anhand einer einzigen Texttafel und wenigen Exponaten vorgestellt werden, wird der Sport ausführlicher behandelt. So erfährt man, dass Migranten-Treffpunkte oft Gründungsstätten der ersten Fußballmannschaften waren. Es werden Beispiele von Fußball- und anderen Mannschaften Kreuzbergs angeführt; außerdem wird über einen erfolgreichen türkischen Fußballspieler Kreuzbergs sowie über die erste ausländische Mannschaft, die einen Pokal der Berliner Fußball Föderation gewann, berichtet. Schließlich werden Erfolge einzelner türkischer Boxer und Ringer genannt. Man gewinnt mit Hilfe zahlreicher Fotos einen Eindruck von Sport- und Jugendvereinen sowie einzelnen Sportlern, so z.B. von einem türkischen Fußballspieler, der zunächst in einem Kreuzberger Verein und später in der türkischen Nationalmannschaft spielte. Von sportlichen Erfolgen anderer Sportler zeugen Medaillen, Wimpel und Pokale sowie die Boxhandschuhe eines türkischen Boxers, der bei den Olympischen Spielen 1996 eine Silbermedaille gewann.

Keinem speziellen Ausstellungsteils zugeordnet ist eine Vitrine, die eine Ausgabe des Koran zeigt. Ein Text weist darauf hin, dass die Ausgabe in einer Kreuzberger Druckerei gedruckt wurde und eine Exklusivausgabe mit einem Goldschnitt ist. Die Ausgabe stammt aus dem Kreuzberg Museum.

Die letzte Station des Rundgangs widmet sich der Kultur und gibt einen Überblick über die Themen Theater, Bildende Kunst, Kino, Musik und Literatur. Texttafeln führen den Besucher jeweils in diese Themen ein: sie geben einen Überblick über die türkische Theaterszene in Berlin seit 1974, Themen und Motive in der Bildenden Kunst, Filmthemen des türkischen Kinos in Deutschland, Stilrichtungen der türkischen Musik und Informationen über die Bedeutung des Migrationshintergrundes für die Literatur und Verlagspraxis türkischer Autoren in Deutschland.

Eine Sitzgruppe lädt hier wiederum zum Verweilen ein; um sie herum werden die einzelnen Unterthemen ausführlicher präsentiert. Zwei Stellwände zeigen Theaterplakate von verschiedenen Leihgebern und Fotos von Theaterszenen. An einer Wand sowie in Posterhaltern sind türkische Kinoplakate und andere Dokumente aus der Kinowelt zu sehen. Außerdem wird ein ehemaliges Kino näher vorgestellt, das das erste türkische Kino Berlins war und dessen Foyer mit wandfüllenden Großfotos von Istanbul bestückt war. Neben dem Kino spielten vor der Zeit des Kabel- und Satellitenfernsehens Videos eine wichtige Rolle in vielen türkischen Haushalten; Videokassetten türkischer Filme führen einem vor Augen, dass diese zum festen Abendprogramm in dieser Zeit gehörten.


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Eine wichtige Rolle für die Kultur spielt außerdem die einzige öffentliche Bibliothek Kreuzbergs, die mehrheitlich türkischsprachige Medien sowie Übersetzungen türkischer Werke verleiht. Einzelne türkische Autoren werden hier mit Kurzbiographien vorgestellt. Die Musikkultur wird dem Besucher anhand eines Regals mit Musikkassetten, die eine Auswahl verschiedener Musikrichtungen der letzten 30 Jahre präsentieren, und mehreren türkischen traditionellen Musikinstrumenten nahe gebracht.

Nach diesem Rundgang bleibt noch ein Ausstellungskapitel zu besichtigen: in der Mitte des Ausstellungsraumes, von allen anderen Darstellungen der Einzelthemen umringt, stehen zwei Reihen von je drei Friseurstühlen mit Trockenhauben; vor jedem Stuhl hängt ein Großfoto der türkischen Migrantin bzw. des Migranten, die oder der jeweils vorgestellt wird. Über die Hauben sind wahlweise auf türkisch oder in Deutsch Interviews zu hören, in denen die Migranten ihre Ankunft und ihre Zeit in Berlin schildern. Die Interviews werden ergänzt durch Hefte, die eine Kurzbiographie der vorgestellten Person enthalten.

Auf einer zweiten Etage wird die Ausstellung fortgesetzt. Der Ausstellungsraum wird fast gänzlich durch ein begehbares dreidimensionales Modell eingenommen. Dargestellt ist ein Sanierungsgebiet Kreuzbergs. Man erfährt, dass das Modell im Auftrag einer internationalen Bauausstellung hergestellt wurde. Im Modell werden zahlreiche deutsch-türkische Initiativen und Einrichtungen, türkischstämmige Geschäftsleute sowie türkische Vereine und Religionsgemeinschaften anhand von kurzen Texttafeln vorgestellt. Ferner wird dazu aufgerufen, diese Dokumentation der Migrationsgeschichte zu unterstützen und weitere Initiativen in der Ausstellung vorzustellen.

5.4.2. Offenes Archiv

Eine zweite Ausstellung befindet sich auf einer weiteren Etage im Raum der Präsenzbibliothek. Die öffentlich zugängliche Bibliothek bietet mehrere Arbeitsplätze und umfasst Werke zur Kreuzberger Geschichte und Kultur sowie Literatur über Berlin, darunter auch nicht im Verlag erschienene Literatur.

Im offenen Archiv kann man sich anhand mehrerer Beispiele die Schwerpunkte der Sammlung sowie einzelne Objekte, deren Geschichte und Bedeutung ausführlicher recherchiert wurde, ansehen. Einige Objekte werden einzeln im Raum auf Podesten präsentiert, kurze Texte erläutern die Exponate. Beim Betreten des Raums trifft man zunächst auf ein stereoskopisches Betrachtungsgerät mit 3-D-Dias aus Kreuzberg. Ein Erfinder, der seit 1880 in Kreuzberg lebte und sich der Stereofotografie widmete, entwickelte ein Verfahren zur Handkolorierung von S/W-Dias, von denen Beispiele zu sehen sind. Später eröffnete er einen Medienbetrieb, für den er das gezeigte Betrachtungsgerät anschaffte. Sein Unternehmen bestand bis in die zwanziger Jahre hinein.

Auf einem weiteren Podest ist ein Gipsmodell einer Büste zu sehen, die Admiral Adalbert von Preußen zeigt. Das Modell ist eine Schenkung der Künstlerin, die es zur Fertigung eines Kunstwerkes hergestellt hat. Das Kunstwerk aus Bronze und Stein steht als Denkmal in Kreuzberg; die Straße, in der sich das Kreuzberg Museum befindet, wurde nach dem Admiral benannt.

Als weiteres Einzelobjekt präsentiert das offene Archiv eine handbetriebene Trommelwaschmaschine um 1910, die in Kreuzberg hergestellt wurde. Der Text informiert allgemein über die Einrichtung Berliner Haushalte in den sechziger Jahren, von denen viele [Seite 103↓]erst in den siebziger Jahren vollautomatische Waschmaschinen anschaffen konnten; die ersten dieser Maschinen nach amerikanischem Vorbild wurden 1951 auf einer Bauausstellung in Hannover vorgestellt. Außerdem wird geschildert, dass die Werbung für Waschmaschinen Entlastung, zusätzliche Zeit und Entspannung vor allem für Hausfrauen versprach, die Impulsgeber für die Erfindung und Produktion der Maschinen aber vor allem die Textilindustrie, Kasernen, Gefängnisse sowie Kranken- und Waisenhäuser waren, die wegen großer Wäschemengen technische Lösungen forderten; auf diese Weise entstanden nebenbei die Vorläufer der heutigen Haushalts-Waschmaschinen.

Eine Abrissbirne bildet ein weiteres Einzelobjekt. Der Text informiert lediglich darüber, dass sie durch Hausbesetzer in Kreuzberg sichergestellt wurde und als Dauerleihgabe dem Museum übergeben wurde. Weiterhin ist ein Teilstück aus dem Viadukt einer Hochbahn-Linie zu sehen. Der Texte erläutert den Bau der ersten Hochbahnlinie und deren Ablehnung durch Anwohner bzw. das Lob der Fachwelt. Das Exponat ist das einzige erhaltene Teilstück des alten Viadukts, das im Zuge einer Erneuerung 1995 abgerissen und verschrottet wurde; es wurde von Arbeitern der Brückenbaufirma anlässlich einer Ausstellung des Kreuzberg Museums über die Beziehung Berlins zu Schlesien herausgeschnitten.

Nachdem man sich diese Einzelobjekte besichtigt hat, gelangt man zu zwei Regalen, die den größten Teil des offenen Archivs bilden. Die Regale enthalten teilweise Einzelstücke, teilweise kleine Ensembles von Objekten, die manchmal in Archivkartons präsentiert werden. Die Gegenstände im untersten Fach der Regale sind auf Sand gelegt und teilweise mit Sand bedeckt. Thematisch sind die Regale nicht unterteilt. Der Besucher kann frei entscheiden, in welcher Reihenfolge er sich die Gegenstände anschaut. Da die Regale keine Rückwand haben und mit Glasplatten verschlossen sind, kann man die Exponate von beiden Seiten betrachten. Weil sich nicht alle Texttafeln auf einer Seite befinden, muss man beim Lesen beide Seiten der Regale einbeziehen.

Die Exponate illustrieren Geschichten über Persönlichkeiten oder Privatpersonen des Bezirks, Firmengeschichten sowie historische Perioden der Kreuzberger Geschichte. Beispielsweise erfährt man über die Aktionen eines ehemaligen Bürgermeisters und dessen Popularität anhand eines aufgeschlagenen Fotoalbums. Andere Exponate illustrieren Geschichten eines polnischen Immigranten - ein Schlafsack illustriert dessen erste „Unterkunft“ - oder eines ehemaligen Autonomen, dessen Lederjacke und Palästinensertuch, getragen auf mehreren Demonstrationen, zu sehen ist.

Firmengeschichten werden u.a. mit Hilfe eines Schmuckpappschildes, eines gestanzten Papprohlings, Rollen mit farbigem Papier, eines Fotos sowie einer Visitenkarte illustriert: hier geht es um die Geschichte einer Pressvergoldemanufaktur eines Buchbinders. Andere Beispiele sind der Werdegang einer Apotheke, gezeigt anhand von Medizinflaschen, einer Zigarettenfirma, präsentiert durch Zigarettenschachteln und ein Firmenschild, oder eines Hotels, dessen Bauakte und einige Postkarten zu sehen sind.

Die Geschichte Kreuzbergs wird unter anderem mit Hilfe einer Armbinde einer Einwohnerwehr während der Novemberrevolution 1918 und Notgeldscheinen aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg dokumentiert. Fotos und Postkarten verweisen an einer Stelle auf den umfangreichen Bestand des Archivs.


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5.4.3.  Erzählte Geschichte und Höhepunkte der Sammlung

Die Wechselausstellung „Wir waren die ersten...Türkiye´den Berlin´e“ thematisiert die Geschichte der ersten Generation türkischer Migranten in Kreuzberg aus unterschiedlichen Perspektiven: einzelne Kapitel betonen wirtschaftliche, politische oder kulturelle Aspekte der Migrationsgeschichte und der gegenwärtigen Situation von Einwanderern. Dabei wird teilweise auf die Darstellung einzelner Biographien zurückgegriffen. Das Thema der Ausstellung wird insgesamt aus der Sicht türkischer Migranten erzählt, d.h. die Texte der Ausstellung wurden von „Betroffenen“ selbst geschrieben.246

Das Thema wird im ersten Ausstellungsraum vor allem historisch, im zweiten vor allem gegenwartsbezogen präsentiert. Dabei steht bei der historischen Betrachtung der Bezirk Kreuzberg zentral, wird aber immer wieder in Bezug zur Berliner oder deutschen Geschichte gebracht. Im Ausstellungskapitel „Weg nach Berlin“ wird außerdem auch die politische Situation der Türkei zu Beginn der Migrationen nach Deutschland geschildert. Der Bezug zur gegenwärtigen Situation wird jedoch in allen Ausstellungsteilen deutlich gemacht, vor allem durch die Schilderung der Biographien von noch heute in Berlin lebenden Migranten. In den ersten beiden Kapiteln spielen die Schilderungen persönlicher Geschichten und Erfahrungen eine besonders wichtige Rolle innerhalb der Präsentation; sie machen deutlich, wodurch Menschen zur Einwanderung motiviert werden und wie der Arbeitsalltag von Migranten aussehen kann.

Die Exponate illustrieren Texte oder ergänzen diese aus einer anderen, persönlichen Perspektive heraus. Ein direkter Bezug zu Sammlungsschwerpunkten des Museums ist in der Ausstellung nicht erkennbar, da nur wenige Exponate aus der museumseigenen Sammlung stammen. Jedoch bildet die Migrationsgeschichte Kreuzbergs insgesamt einen Forschungs- und Sammlungsschwerpunkt des Museums. In dieser Hinsicht besteht ein indirekter Zusammenhang zwischen Sammlung und Ausstellung: über die Recherchen für die Ausstellung werden neue Geschichten und dazugehörige Objekte erschlossen, die somit den Archiv- und Sammlungsbestand in einem schon bestehenden Schwerpunkt des Museums ergänzen. Bei einzelnen Themen der Ausstellung, vor allem beim Kapitel „Arbeit/ Gewerkschaft/ Politik“, überschneiden sich Ausstellungsthema und andere Sammlungs­schwerpunkte des Museums, nämlich soziale Bewegungen und Firmengeschichte. Dies wird vereinzelt bei den Exponaten deutlich, wenn z.B. Fotos aus dem Bestand des Museums das Engagement der Migranten in Gewerkschaften, insbesondere bei Demonstrationen zu ver­schiedenen Anlässen, sowie die Arbeitswelt von Türken in Kreuzberg illustrieren.

Die Exponate stammten entweder aus der Sammlung bzw. dem Archiv des Museums oder - in den meisten Fällen – von privaten Leihgebern.247 Sie werden auf drei unterschiedliche Arten präsentiert. Im ersten Teil dominiert eine objektbezogene Ausstellungstechnik, d.h. die Exponate stehen im Mittelpunkt der jeweiligen Kapitel; dies ist meist bei der Darstellung persönlicher Geschichten der Fall. Daneben dienen Objekte oft der Illustration einzelner Themen. Hier wird zwar teilweise die Herkunft der Exponate genannt, aber nicht weiter erläutert. Darüber hinaus finden sich einige Inszenierungen.


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Die ersten beiden Ausstellungsbereiche („Weg nach Berlin“ und „Arbeit/Gewerkschaft/ Politik“) zeichnen sich durch eine Kombination von illustrierender und objektorientierter Präsentationsweise aus. Die Kapitel werden jeweils durch Texttafeln eingeführt, die die Themen ohne direkten Bezug zu den Exponaten vorstellen. Die Exponate selbst werden durch weitere Texte auf laminierten Blättern erläutert, die an einer Schnur an der jeweiligen Vitrine oder Stellwand hängen. Dadurch stehen bzw. hängen die Objekte losgelöst von Texten und können im Falle der Vitrinen, die nur aus Glaswänden bestehen, von allen Seiten betrachtet werden. Diese Präsentation stellt die Ästhetik der Gegenstände in den Mittelpunkt der Ausstellung: die erläuternden Texte müssen erst in die Hand genommen werden, sind also nicht sofort einsehbar. Verstärkt wird dieser Eindruck dadurch, dass nur wenige Exponate jeweils zusammen auf einem Vitrinenboden oder an einer Stellwand gezeigt werden.

Im ersten Kapitel „Weg nach Berlin“ stammen die Leihgaben in der Vitrine teils von der Person, deren Geschichte auch dargestellt wird. Zu sehen sind ein Tonbandgerät sowie Broschüren, Wegweiser und Ratgeber für türkische Arbeitnehmer. Die genaue Herkunft der Exponate wird nicht genannt, es ist aber deutlich, dass es sich um Objekte handelt, die in Deutschland erworben wurden. Ein Kassettenrekorder mit Kopfhörer in der Vitrine dient lediglich dem Abspielen eines Tonbandes bzw. der Illustration des Musikstücks; sie stammen offenbar nicht vom privaten Leihgeber, werden aber auch nicht als Teile der Museumssammlung bezeichnet. Die Exponate stehen im direkten Zusammenhang mit der im Text erzählten Geschichte eines Migranten. Sie haben damit auch illustrierende Funktion. Die Bedeutung der Exponate ist hier also doppeldeutig: zum einen bilden sie eine Ergänzung zur Texttafel, zum anderen wird durch die Präsentationsweise ihre Ästhetik betont. Zudem bildet der Kassettenrekorder die Möglichkeit, sich einen Marsch anzuhören, der in der erzählten Geschichte eine Rolle spielt. Auf diese Weise wird nicht nur optisch, sondern auch akustisch der Text dem Besucher näher gebracht. Die Exponate auf der Stellwand - u.a. eine Zeitschrift mit dem Titel „Rückkehr? Nein, Danke schön“, Fotos von einem Wohnheim, Arbeitsverträge und ein Flugticket - dagegen haben rein illustrierende Funktion.

Im zweiten Kapitel über „Arbeit/Gewerkschaft/Politik“ wird die Herkunft der Exponate genau geschildert, da deren Weg (von der Türkei nach Kreuzberg) von persönlicher Bedeutung für die Leihgeberin ist, deren Geschichte im Text erzählt wird.248 Diese Objekte werden wie im ersten Kapitel auf eine Weise präsentiert, dass sowohl ihre Ästhetik als auch ihre illustrierende Funktion deutlich wird. Letzteres wird teilweise nur über eine der zusätzlichen Texttafeln an der Vitrine gezeigt. Während im ersten Kapitel der inhaltliche Bezug zum Text und die damit verbundene Bedeutung der Exponate in der Vitrine (bis auf das Tonbandgerät) offensichtlich waren, bleibt dieser Zusammenhang im zweiten Kapitel teils undeutlich. So können erst über zusätzliche Texte die Bedeutungen der präsentierten Gegenstände erschlossen werden. Zu sehen sind neben einer Brille eine Lupe, eine Pinzette, ein Stempel und Stempelkissen - die im Text mit einem von der Leihgeberin gegründeten Verein („Die Brücke“) in Zusammenhang gebracht werden - und ein Kleinelektroteil.

Die Präsentationen dieser ersten beiden Ausstellungskapitel ähneln sich in der Hinsicht, dass die jeweiligen Themen sowohl anhand von Biographien als auch allgemein dargestellt werden. Dies zeigt sich bei den Exponaten darin, dass neben Objekten und Dokumenten, die illustrativ die Themen vertiefen, auch Erinnerungsstücke ausgestellt werden, die persönliche Geschichten veranschaulichen. Diese letztgenannten Objekte erhalten ihre Bedeutung auch nur in Verbindung mit der jeweiligen Geschichte und sprechen nicht für sich, wie es bei den übrigen Exponaten der Fall ist. In beiden Kapiteln werden diese Objekte in Vitrinen und nicht [Seite 106↓]an Stellwänden gezeigt; dadurch erhalten Alltagsgegenstände auch in ästhetischer Hinsicht eine zusätzliche Bedeutung. Die Intention dieser ersten beiden Kapitel ist deutlich: eine Übersicht über die Geschichte türkischer Einwanderung nach Kreuzberg und die politischen Umstände der Arbeit von Migranten wird durch persönliche Geschichten dem Besucher nahe gebracht. Die Darstellung der Themen bleibt dadurch nicht abstrakt, sondern zeigt die Auswirkungen der Migration auf einzelne Menschen. Ihre Erinnerungen und persönliche Sichtweisen auf die geschilderten Themen werden durch deren Leihgaben anschaulich präsentiert. Wichtig sind hier nicht nur eine objektive Dokumentation der Geschichte und Arbeitsbedingungen von Migranten, sondern auch subjektive Perspektiven.

Die Kombination von illustrierenden und objektorientierten Präsentationsweisen kommt nur in den ersten beiden Kapiteln zur Anwendung. In den meisten Fällen werden Themen illustriert, an einigen Stellen werden auch Inszenierungen gezeigt.

Als Beispiel für rein illustrierende Präsentationsweisen seien zwei Fotos im Kapitel „Arbeit/ Gewerkschaft/ Politik“ genannt: das erste wird im zugehörigen Text datiert (29.10.1965) und erläutert. Es zeigt, wie auf einem Kreuzberger Platz vor dem Mahnmal für die Wiedervereinigung Deutschlands anlässlich des türkischen Republikfeiertages der Türkische Arbeiterverein ein Kranz niederlegt. Das zweite Foto lässt eine Demonstration im Jahr 1969 gegen die Erhöhung der Gebühr für Passverlängerungen auf 69 DM sehen. Beide erläuternden Texte sind auch auf Türkisch zu lesen. Ein weiteres Beispiel solch einer Präsentationsweise sind Lehrmaterialien zum Thema Bildung/Ausbildung, die das Kapitel illustrieren; sie verlieren zudem durch die Präsentationsweise (teils übereinanderliegend, keine nähere Beschreibung) den Charakter von Einzelexponaten und bilden lediglich als Ensemble ein Beispiel für Lehrmaterial.

Auch beim Thema Sport illustrieren die Exponate die Ausstellungstexte. In der Vitrine befinden sich zu viele Objekte, als dass man von einer objektorientierten Präsentation sprechen kann. Jedoch werden einige der Exponate in der Vitrine näher erläutert, andere hingegen nicht; auf diese Weise wird die Aufmerksamkeit auf einzelne Gegenstände gelenkt. Dies ist der Fall bei den Boxhandschuhen, die eine persönliche Geschichte dokumentieren. Außerdem werden die drei Pokale kurz beschrieben.

Weitere Beispiele sind zwei Arten der Darstellung bei den einzelnen Abteilungen des Kapitels zur Kultur. Erstens werden Posterhalter nicht nur für Kinoplakate, sondern auch für Werbe­anzeigen, Szenenphotos und Autogrammkarten genutzt. Zweitens werden Videokassetten an Schnüren aufgefädelt präsentiert. Diese Präsentationen dienen nicht dazu, einzelne Exponate besonders zu betonen; es werden vielmehr Ensembles von Objekten auf ungewöhnliche Weise gezeigt.

Auch wenn in diesen Fällen keine weiteren Bedeutungsebenen der Objekte zum Tragen kommen, werden die Exponate auf unterschiedliche Arten gezeigt. Die Gestaltung der Aus­stellung wird abwechslungsreich gehalten, um die Aufmerksamkeit des Besuchers immer wieder auf die Gegenstände bzw. auf weitere Themen zu lenken.

Vereinzelt werden bei illustrierenden Exponaten mehr als eine Bedeutungsebene genutzt. So stammen einige Exponate auf den Stellwänden des zweiten Kapitels - Fotos sowie ein Meisterbrief eines Polsterers - vom selben Leihgeber, dessen Biographie im ersten Teil erzählt wurde. Diese Querverbindung wird allerdings nicht noch einmal im Text erwähnt.


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Die Exponate in einer Vitrine zum Thema Familie/Feste/Freizeit illustrieren nicht nur auf allgemeine Weise das Thema, sondern besitzen noch eine weitere Bedeutung, die nur über den einführenden Text erschlossen werden kann. Dieser erwähnt, dass Einladungskarten zu türkischen Feiern auch in Berlin gedruckt werden; auf diese Weise wird ein direkter geographischer Bezug zu Berlin hergestellt. Hier ergibt sich gleichzeitig eine Verbindung mit einem Sammlungsschwerpunkt des Museums, nämlich Druck- und Verlagsgeschichte. Dieser Bezug wird jedoch im Ausstellungstext nicht erwähnt.

Das Heimweh-Tonband illustriert das Thema Familie/Feste/Freizeit und greift dabei das konkrete Beispiel einer Familie heraus; es kann mit den persönlichen Erinnerungs­stücken in den Vitrinen der ersten beiden Ausstellungsteile verglichen werden, auch wenn es sich hier um Objekte einer gesamten Familie und nicht einer Einzelperson handelt. Der persönliche Charakter wird durch verschiedene Fotos, die der deutschen Übersetzung beigefügt sind, unterstrichen. Eine weitere Bedeutung erhält das Tonband dadurch, dass es als historisches Dokument präsentiert wird; es zeigt den Familienbrauch, Texte und Lieder in der Türkei aufzunehmen und zur Erinnerung nach Deutschland mitzunehmen, der laut Ausstellungstext inzwischen nicht mehr üblich ist. Die Familienfotos ergänzen außerdem die Inszenierung; sie dienen offensichtlich neben Tonbanddokumenten als Erinnerungshilfe an eine (ehemalige) Heimat.

Bei dem Heimweh-Dokument ist eine Parallele und ein Unterschied zum Tonband des ersten Ausstellungskapitels zu erkennen. In beiden Fällen wird ausschließlich der Hörsinn des Besuchers angesprochen, das heißt, der Tonträger ist nicht sichtbar. Der Unterschied besteht darin, dass im zweiten Fall das Tonband ein historisches Dokument darstellt, so dass es auch optisch in die Ausstellung integriert werden könnte. Auf diese Präsentation wurde hier aber verzichtet. Im ersten Fall spielt der Tonträger keine Rolle, da es im Rahmen der erzählten Geschichte nur um das Hören eines Marsches, nicht aber um das Anfertigen eines Tonträgers geht.

Die Ergebnisse eines Workshops zum Thema Bildung und Ausbildung stellen dies aus einer persönlichen Perspektive der Migranten selbst dar, da innerhalb der Biographien die Ausbildungs- und Berufswege eine wichtige Rolle spielen. Die Ergebnisse des Workshops kann man als illustrierende Exponate zum Thema und nicht als Inszenierungen interpretieren, da sie nicht durch die Ausstellungsautoren gestaltet, sondern als Exponate in die Ausstellung integriert wurden. Gleichzeitig wird durch diese Präsentation indirekt darauf hingewiesen, dass sich das Museum auch als Begegnungszentrum versteht, indem es künstlerische Projekte für verschiedene Bevölkerungsgruppen anbietet.

Ein weiteres Beispiel für ein Exponat mit mehreren Bedeutungsebenen, das allerdings nicht der Illustration einer Texttafel dient, ist das Modell Kreuzbergs im zweiten Ausstellungsraum. Dieses Exponat repräsentiert nicht einen Aspekt der Einwanderungsgeschichte, wie es bei allen anderen bisher besprochenen Exponaten der Fall war, sondern dient als Rahmen für die Präsentation weiterer Exponate. Vor dem Hintergrund des Ausstellungsthemas stellt das Modell also einen Teil der Ausstellungsarchitektur dar. Es ist denkbar, dass es auch für andere Themendarstellungen genutzt wird, bei denen eine Verortung von Menschen oder Institutionen gezeigt werden soll. Diese Funktion des Modells als Teil einer Ausstellungsarchitektur besteht unabhängig vom Thema. Daneben hat das Objekt noch eine weitere Bedeutung, nämlich als Teil der musealen Sammlung. Diese Bedeutung wird in dieser Ausstellung nicht genutzt; es ist aber denkbar, dass das Modell auch ohne weitere Objekte gezeigt wird und dann einen allgemeinen Überblick über die Geographie des Bezirks gibt; ebenso eignet es sich beispielsweise für eine Ausstellung über ein architektonisches oder [Seite 108↓]städtebauliches Thema. Diabetrachtungsgeräte innerhalb des Modells, die historische Haus­fassaden zeigen, ergänzen den geographischen Überblick über den Bezirk, haben aber keine direkte Verbindung zum Ausstellungsthema. Sie illustrieren das Modell des Bezirks, wobei sie in keinem Zusammenhang mit den präsentierten Initiativen stehen. Damit erfüllen diese historischen Aufnahmen dieselbe Funktion wie das Modell: sie stellen einen Teil der Ausstel­lungsarchitektur dar.

Die Exponate an den Wänden des zweiten Ausstellungsraumes - vor allem Fotos und Plakate - sind Eigendarstellungen verschiedener Gruppen und einzelner Personen. Diese Objekte wurden eigens für die Ausstellung angefertigt und unterscheiden sich darin von den Exponaten des ersten Ausstellungsraumes. Sie repräsentieren nicht einzelne Aspekte der Migrationsgeschichte, wie es die Funktion der meist persönlichen Erinnerungsstücke im ersten Raum war, sondern vermitteln ein Eigenbild von Migrantengruppen. Sie erfüllten keine Funktion, bevor sie in die Ausstellung gelangten, wie es bei den meisten übrigen Exponaten der Fall war; die „Biographie“ dieser Objekte beginnt erst innerhalb des Museums. In dieser Hinsicht sind sie vergleichbar mit den Ergebnissen des Biographieprojektes im ersten Raum: sie sind Eigendarstellungen von Migranten, die eigens für die Ausstellung angefertigt wurden.

In den ersten beiden Ausstellungskapitel „Weg nach Berlin“ und „Arbeit/Gewerkschaft/ Politik“ wurde besonderer Wert darauf gelegt, eine allgemein gehaltene Darstellung der Themen durch persönliche Erinnerungen bzw. subjektive Sichtweisen zu ergänzen und zu veranschaulichen. Dies setzt sich durch die Auswahl der zuletzt besprochenen Exponate fort. Das Heimwehdokument, die Selbstdarstellungen von Migrantengruppen, Einladungskarten zu Familienfeiern und die Ergebnisse eines Biographie-Workshops betonen in mehreren Kapiteln die Perspektive türkischer Einwanderer auf Ausstellungsthemen, also der Personen, deren Kultur dargestellt wird.

Neben der Kombination illustrierender und objektorientierter sowie rein illustrierender Präsentationsweisen werden im ersten Ausstellungsraum drei Inszenierungen gezeigt. Der erste Eindruck von der Ausstellung wird durch eine Inszenierung geprägt, die sich in der Mitte des Raumes befindet und die durch Texttafeln keinem bestimmten Thema zugeordnet wird. Die Friseurstühle samt Trockenhauben dienen der Vermittlung von Interviews, die auf Türkisch oder Deutsch angehört werden können. Die Stühle selbst sind also keine Exponate, sondern Teil der Ausstellungsarchitektur. Wie bei den bisher besprochenen Tondokumenten auch spielen die Tonträger keine Rolle innerhalb der Präsentation; da die Interviews durch und für das Museum geführt wurden, handelt es sich nicht um historische Dokumente, sondern um Aufzeichnungen von Biographien einzelner Migranten.

Die beiliegenden Hefte enthalten als Exponate persönliche Erinnerungsstücke in Form von Dokumenten, Fotos und anderen Unterlagen sowie Texte, die die jeweilige Biographie ergänzen und erläutern. Entsprechend den Tonaufnahmen sind die Texte zweisprachig gehalten. Die Exponate illustrieren hier die Geschichten, die über Text und Ton vermittelt werden. Das Verhältnis zwischen Tonbandaufnahme und illustrierenden Exponaten ist vergleichbar mit der Präsentation des Heimweh-Dokuments an anderer Stelle der Ausstellung. Auch dort steht die Tonbandaufnahme im Vordergrund der Darstellung, Dokumente vertiefen den Eindruck, der beim Hören entsteht. Die Wirkung des Tonbandes wird bei der zentralen Inszenierung noch dadurch verstärkt, dass die Übersetzung der Interviews ebenfalls zu hören ist und nicht wie beim Heimweh-Dokument als Text vorliegt. Der Schwerpunkt bei dieser Inszenierung liegt also eindeutig auf den Tonaufnahmen; dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass für die Vermittlung der Tondokumente optisch auffallende Friseurstühle gewählt wurden, die als Teil der Ausstellungsarchitektur den Blick auf sich ziehen. Das [Seite 109↓]Sitzen und damit das Anhören der Interviews über die Trockenhauben stehen hier zentral, die Hefte mit Kurzbiographien und Dokumenten dienen lediglich als Ergänzung und stehen nicht im Mittelpunkt dieses Ausstellungsteils.

Eine zweite Inszenierung ergänzt Texttafeln zum Thema Familie/Feste/Freizeit aus mehreren Perspektiven. Zentral stehen hier Familienbilder; durch die Andeutung eines Fotostudios mit Hilfe eines Schriftzugs „Grüße aus Berlin“ zeigen die Bilder nicht nur die Wichtigkeit von Familienfotos für die Familien selbst, sondern auch die Bedeutung von Fotos für die Aufrechterhaltung von Kontakten in die Türkei, die über das Verschicken von Fotos gepflegt werden. Zur Installation zählen außerdem die Vitrine mit Einladungskarten und das Video. Beide Teile thematisieren die Familienfestkultur. Ergänzt wird die Installation durch zusammengesetzte Familienbilder sowie ein Tonband als Heimweh-Dokument.

Im Mittelpunkt des Ausstellungskapitels zur Kultur steht eine weitere Inszenierung: zwei niedrige Sitzbänke auf zwei Läufern bilden eine Sitzgruppe, in deren Mitte sich eine Vitrine befindet. Diese enthält ein Tablett mit Kanne, auf der Vitrine steht ein Samowar. Die Exponate in der Vitrine innerhalb der Sitzgruppe ziehen zwar die Aufmerksamkeit auf sich. Da diese Objekte aber nicht erläutert werden, haben sie keine besondere Bedeutung innerhalb der Inszenierung.

Die Inszenierungen haben die gleiche Intention wie die übrigen Präsentationsweisen. Sie setzen innerhalb der Ausstellungskapitel besondere Akzente, um die private Seite der türkischen Immigration zu veranschaulichen. Sie bieten durch ihre unterschiedliche Gestaltung zudem eine optische Abwechslung im Erscheinungsbild der Ausstellung und spiegeln damit auch die Vielfalt der Migrationskultur und –geschichte wider. Diese Ab­wechslung führt allerdings auch dazu, dass sich der Besucher immer wieder auf neue Ausstellungstechniken der Kapitel einstellen muss; es besteht zwar ein thematischer, aber kein optischer Leitfaden. Auf diese Weise wirkt die Ausstellung wie aus verschiedenen Teilen zusammengestellt, deren äußere Formen nicht aufeinander abgestimmt wurden. Die ein­führen­den Texttafeln bieten allerdings eine klare Orientierung für einen Rundgang. Die subjektiven Perspektiven an vielen Stellen der Ausstellung vermitteln dem Besucher nach dem Besuch den Eindruck, nicht nur Fakten, sondern auch persönliche Geschichten erfahren zu haben.

Das offene Archiv steht thematisch in keinem Zusammenhang mit der Wechselausstellung. Es präsentiert kein übergreifendes Thema, sondern stellt einzelne Geschichten mit Hilfe von Einzelexponaten oder Zusammenstellungen mehrerer Objekte vor, ohne inhaltliche Beziehungen zwischen diesen Geschichten herzustellen. Die vorgestellten Geschichten stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit den jeweiligen Exponaten, da sie sich zur Hauptsache aus der Geschichte dieser Objekte herleiten.

Die Exponate des offenen Archivs stehen in keiner Beziehung untereinander, es sei denn, es werden mehrere Objekte als Ensemble innerhalb eines Regalabschnittes gezeigt. Einige Gegenstände werden einzeln präsentiert, was offenbar nur mit der Größe der Exponate zusammenhängt. Die Bedeutung innerhalb dieser Ausstellung ist bei allen Objekten in gleicher Weise herausgearbeitet; durch die Präsentation ohne thematischen Zusammenhang untereinander steht jedes Exponat für eine einzelne Geschichte, die durch eine Texttafel erläutert wird. Die Ästhetik der Exponate wird in besonderem Maße betont, da die Einzelexemplare von allen Seiten und die Objekte im Regal von zwei Seiten betrachtet werden können.


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In offenen Archiv kann man also durchgängig von einer objektorientierten Präsentation sprechen. Bei einigen Objekten wird zudem auf die Umstände hingewiesen, unter denen sie in das Museum gelangten. Dadurch werden bei diesen Gegenständen zusätzliche Bedeutungs­ebenen angesprochen; nicht nur ihre gegenwärtige Bedeutung als museales Objekt, das auf eine historische Begebenheit hinweist, wird dokumentiert, sondern auch andere Bedeutungen, die diese Exponate in einem anderen Kontext hatten. Dies ist der Fall beim stereoskopischen Betrachtungsgerät: hier wird gezeigt, dass ein Teil des Dia-Bestandes in den siebziger Jahren von einem Berliner Sozialhistoriker gerettet wurde, der damit ein Panorama im damaligen Berlin-Museum einrichtete, dem heutigen Märktischen Museum. Die Vorgeschichte der Wasch­maschine dagegen wird nicht nur im Hinblick auf ihre Bedeutung innerhalb der Entwicklung von Waschmaschinen für Berliner Haushalte, sondern auch auf die Umstände ihrer Entdeckung geschildert: eine türkische Immigrantin fand diese Waschmaschine in den sechziger Jahren in ihrer ersten Wohnung in Berlin vor und benutzte sie auch eine Weile. Später spendete sie die Maschine dem Museum.

ZUSAMMENFASSUNG

Die Wechselausstellung stellt das Thema nicht nur aus historischer und gegenwartsbezogener Perspektive dar, sondern präsentiert einzelne Kapitel bzw. das Thema insgesamt zusätzlich aus der Sicht einzelner Migranten. Dieser Perspektivenwechsel wird durch entsprechende Auswahl und Präsentationsweise von Exponaten unterstützt. Teilweise werden illustrierende und objektorientierte Präsentationen miteinander kombiniert, um verschiedene Perspektiven zu zeigen, teilweise unterstreichen Tonbänder mit Interviews bzw. Heimwehdokumenten die biographische Seite der Ausstellung. Auf diese Weise wird an mehreren Stellen der Hörsinn des Besuchers mit einbezogen. Wenn Exponate Texttafeln illustrieren, kommen teilweise mehrere Bedeutungsebenen zur Geltung; diese sind sehr unterschiedlich und reichen vom Produktionsort als topographischen Bezug zu Berlin über Hinweise auf die Rolle des Museums als Begegnungszentrum bzw. auf dessen Sammlungsschwerpunkte bis zur Funktion als Teil der Ausstellungsarchitektur. Die Inszenierungen zeigen ebenfalls mehrere Sicht­weisen: sie stellen die biographische Perspektive in den Mittelpunkt des ersten Ausstel­lungs­raums, bieten aus mehreren Blickwinkeln Einblicke in das Familienleben oder stellen eine Sitzgelegenheit in den Mittelpunkt eines Kapitels. Das offene Archiv schließlich stellt Einzel­objekte oder Ensembles von Gegenständen ohne übergreifendes Thema vor; hier wird der Blick des Besuchers sowohl eine große Anzahl historischer Alltagsgeschichten als auch auf die Ästhetik von Alltagsgegenständen gelenkt.


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5.5.  Heimatmuseum Neukölln - Museum für Regionalkultur und Stadtgeschichte

Der Vorläufer des heutigen Heimatmuseums Neukölln ist das 1897 durch Emil Fischer gegründete Naturhistorische Schulmuseum.249 Die Sammlung des Museums, die erst aufgebaut werden musste, wurde vom Museumsgründer Fischer im Jahr 1900 der Stadt Rixdorf geschenkt. Ihr Wert wurde auf 20.000 bis 25.000 Mark geschätzt; zusätzlich erwarb die Stadt eine weitere Sammlung im Wert von 4.000 Mark, über die nichts weiter bekannt ist.250 Eine erste Übersicht gliederte die Sammlung in eine naturhistorische und eine kulturhistorische Abteilung. Die Schwerpunkte der Arbeit Fischers bildeten das Thema Gesundheitspflege und die Beschäftigung mit vorgeschichtlichen Funden; die Sammlung wurde daraufhin auch durch vorgeschichtliche Funde ausgebaut; außerdem wurde 1902 durch Dubletten des Königlichen Museums die völkerkundliche Sammlung erweitert. Das Sammlungskonzept Fischers sah vor, vor allem neue Objekte, die den wissenschaftlichen Forschritt zeigen, in die Sammlung aufzunehmen.251

Die Systematik der Sammlung und damit auch der Ausstellung richtete sich nach dem Märkischen Museum. Von der ersten Ausstellung der naturhistorischen Sammlung sind Einzelheiten nur bezüglich der Abteilung „Anatomie und Hygiene“ bekannt, in der aktuelle Probleme der Stadt Rixdorf aufgegriffen und Empfehlungen zum Thema Hygiene gegeben wurden. Mehrere Sonderausstellungen zur Gesundheitspflege von Schulkindern vertieften dieses Thema.252

Das Museum befand sich in einem Schulgebäude und wurde nach der Schenkung der Sammlung an die Stadt zunehmend institutionalisiert. Zunächst wurde ein städtischer Ausschuss für das Schulmuseum eingerichtet, der 1903 eine inhaltliche Ausrichtung des Museums formulierte. Diese orientierte sich nicht mehr nur an der Idee Fischers, den Schulen der Stadt Lehr- und Lernmittel zur Verfügung zu stellen; vielmehr sollte in der Bevölkerung Rixdorfs der Sinn für Naturverständnis sowie die „Liebe für Heimat und Vaterland“ gepflegt werden. Ein Jahr später wurde das Museum der Schuldeputation unterstellt, womit sich das Museum weiter zu einem Schulmuseum entwickelte. In den Folgejahren bemühte sich Fischer um die Zusammenlegung dieses Museums mit dem in einer Orangerie im Körnerpark untergebrachten Körnermuseum, die eine vorgeschichtliche Sammlung beherbergt, um ein Städtisches Museum für Neukölln (Rixdorf wurde 1912 in Neukölln umbenannt) zu schaffen.

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs engagierte sich Fischer u.a. für Heldengedächtnisfeiern; seine patriotischen Betätigungen fanden sich auch im Museum wieder, für das er eine Kriegssammlung aufbaute. Die Sammlung wurde um Publikationen, Kriegsformulare, Feldpostbriefe, Grabkreuze, eine Kriegschronik , eine Liste Neuköllner Kriegsteilnehmer und andere Gegenstände ergänzt. 1922 wurde die Sammlung neu geordnet: Objekte aus dem technisch-industriellen und historisch-prähistorischen Bereich wurden in das Körner­museum überführt. Auch nach dem Krieg betonte der Museumsleiter Heimatliebe und Vaterlandsliebe in seiner Arbeit, u.a. durch die Gründung verschiedener Vereine, die sich diesen Themen [Seite 112↓]widmeten. Trotz seiner Aktivitäten blieb das Museum in Neukölln weitgehend unbekannt; 1930 wurde Fischer als Museumsleiter abberufen.

Unter dem neuen Leiter Felix Woldt erfolgte ein Neuaufbau des Museums. 1934 wurde das Neuköllner Schul- und Heimatmuseum eröffnet. Die tier- und pflanzenkundliche Abteilung wurde reorganisiert, was bedeutete, dass nur Exponate mit genauen Fundortangaben gezeigt wurden. Gleichzeitig wurde die fotografische Sammlung ausgebaut, die seit 1929 von dem späteren Museumsleiter Wilhelm Schmidt angelegt worden war. Das Museum verlor seinen zweiten Standort im Körnerpark, woraufhin Teile der Sammlung ausgelagert wurden. Woldt erweiterte in den dreißiger Jahren die Sammlung um kopiertes Kartenmaterial zur Geologie und zum Ortsbild. Insgesamt ist in dieser Zeit kein geschlossenes Sammlungskonzept zu erkennen.

1936 wurde das Museum in Emil-Fischer-Museum umbenannt. Neben einer Neuordnung der Sammlung wurde in der NS-Zeit auch die Ausstellung neu gestaltet und um Abteilungen für Bodenkunde, Vorgeschichte, Kulturgeschichte und Naturkunde erweitert. Ende der dreißiger Jahre wurden die Objekte im Sinne nationalsozialistischer Museumspolitik nach den Kategorien „Blut“ und „Boden“ unterschieden.253 Während des Krieges wurde die Sammlung an mehreren Orten untergebracht, ein großer Teil ging durch Raub, Zerstörung und Brandschäden verloren.

Nach dem Krieg bemühte sich vor allem der damalige Mitarbeiter Schmidt um einen Ausbau der Sammlung durch Objekte von alten Neuköllnern, Firmen, Künstlern, verschiedenen Organisationen und kommunalen Behörden. Einen Arbeitsschwerpunkt bildete die fotografische Dokumentation des Bestandes sowie die Anlage mehrerer Karteien hinsichtlich der Ortsgeschichte. Das Neuköllner Museum gehörte zu einem der vier in der Nachkriegszeit bestehenden regionalgeschichtlichen Museen Berlins; im Vordergrund der Arbeit stand zunächst einmal die Verbesserung des baulichen Zustands des Hauses. 1951 wurde das Museum unter dem Namen Heimatkundemuseum Neukölln (Emil-Fischer-Museum) mit zwei nebenamtlichen Mitarbeitern nach erneutem Umzug wieder eröffnet; Ziel war die Unterstützung des Heimatkundeunterrichtes an den Schulen. Die Ausstellung war in geologische, biologische, kulturhistorische und heimatkundliche Abteilungen unterteilt.

Das Museum wurde 1961 am bisher letzten Standort unter dem neuen Leiter Schmidt wiedereröffnet. Sonderausstellungen wurden vor allem anlässlich von Jubiläen veranstaltet. In dieser Zeit wuchs die Sammlung um eine umfangreiche Zinnfigurensammlung. Schmidts Nachfolger Joachim Blase legte besonderen Wert auf die ästhetische Gestaltung der Dauer­ausstellung. 1980 öffnet das Museum nach einjähriger Renovierungspause unter einem neuen Leiter. Dieser, der heutige Leiter des Museums Udo Gößwald, legte 1984 eine Neukonzeption des Museums vor, die bis heute das Bild des Museums prägt. Mit der Neukonzeption wurden die Sammlungsbestände zur Vor- und Frühgeschichte, zur Naturkunde, zur Geschichte verschiedener Dörfer sowie die Zinnfigurensammlung ausgelagert.

Das heutige Konzept sieht vor, dass die Exponate einer Jahresausstellung zum allergrößten Teil in die museumseigene Sammlung wandern; die Sammlungsschwerpunkte orientieren sich damit an den Ausstellungsprojekten.254 Die Jahresausstellungen führen dazu, dass sogenannte Spezialarchive entstehen, die durch gezielte Sammlungstätigkeit und durch Spenden in den [Seite 113↓]jeweiligen thematischen Bereichen ergänzt werden. Somit besteht ein eindeutiger Zusammenhang zwischen den Ausstellungsprojekten und bestimmten Spenden.255 Umgekehrt werden Ausstellungsthemen teilweise auch durch die vorhandene Sammlung mit inspiriert. Bestände aus der alten Sammlung spielen bei jeder neuen Ausstellung eine Rolle, da sie immer daraufhin überprüft werden, ob sie in die Ausstellung integriert werden können. So stellt sich für das Museum auch in Hinblick auf die Sammlung die Herausforderung, auf aktuelle Entwicklungen einzugehen, gleichzeitig aber einen über hundertjährigen Sammlungs­bestand zu haben, der erhalten, ausgewertet, ergänzt und zeitgemäß zugänglich gemacht werden muss.256

Von außerordentlich großer Bedeutung für die kulturelle Praxis eines regionalen Museums ist nach Auffassung des Neuköllner Museums die Erfassung der Herkunft der Museumsstücke. Dies begründet das Neuköllner Museum damit, dass gerade ein regionales Museum die Möglichkeit hat, intensiven Kontakt mit den Spendern von Objekten zu halten und auf diese Weise auch die Gründe für die Überlassung zu erfahren.257 Das Museum sieht sich demnach in einer Mittlerrolle zwischen einem privaten Raum, aus dem die Objekte stammen, und dem öffentlichen Raum, der sowohl als Depot als auch als Ausstellungsraum dient. Der Wert musealer Objekte ergibt nicht aus seinen materiellen Kosten oder seiner Exklusivität, sondern aus seiner historischen und gesellschaftlichen Bedeutung, seinem kulturellen Wert. Der Bestand des Museums ist Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit der Gegenwartskultur.258 Das Sammlungskonzept des Museums soll Gegenwartskultur dokumentieren und aufarbeiten, dabei gleichzeitig die Objekte jedoch nicht eindeutig kategorisieren, da diese sehr vielfältig aufgearbeitet werden können.

Ein Schwerpunkt der Konzeption liegt auf Jahresausstellungen, die sich vor allem auf die Sozial- und Alltagsgeschichte Neuköllns beziehen. Außerdem wird die Arbeit mit Lehrern und Museumspädagogen sowie die Entwicklung neuer Präsentationsformen betont. So wird das Archiv ausgebaut und über ältere Bewohner des Bezirkes „Erfahrungswissen“ gesammelt. Das Museum zeigt einen Ausschnitt der Geschichte Neuköllns. Es erhebt dabei keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Ausstellungen sollen keinen Eindruck einer vollständigen Geschichte bieten, sondern dem Besucher Raum für eigenständiges Denken lassen. Diese Methode stellt in der Arbeit des Neuköllner Museums ein allgemeines Prinzip dar: die Geschichte des Bezirks wird nicht vollständig gezeigt, stattdessen werden einzelne Themen erforscht und im Rahmen von Jahresausstellungen präsentiert.259

Das Museum versteht seine Arbeit als Bestandteil einer demokratischen Kulturarbeit, die vor allem soziale und politische Themen des Bezirks aufgreift. Das Museum dient dabei als Ort, an dem das Wissen über die Region bewahrt und vermittelt wird.260 Betrachtung von Geschichte heißt in diesem Zusammenhang vor allem, auch miteinander konkurrierende Erinnerungen, die durch einzelne Gegenstände aktiviert werden können, zuzulassen.


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Heute betrachtet der Museumsleiter die Ausstellungen als Werke, in denen verschiedene Positionen der Mitwirkenden zusammentreffen. Auf diese Weise sagen die Ausstellungen etwas über die Intentionen des Teams aus, das die jeweilige Ausstellung realisiert. Eine der wenigen Konstanten der vergangenen Ausstellungen war dabei die „Neuköllner Galerie“, also Porträts einzelner Bewohner des Bezirks im Eingangsbereich.

Die Arbeit mit Objekten innerhalb der Ausstellungen spielt eine besondere Rolle. Das Neuköllner Museum vertritt den Anspruch, dass nicht die Objekte im Vordergrund stehen dürfen, sondern das Verhältnis der Menschen zu den Gegenständen, die sie besessen, produziert, geerbt oder gefunden haben.261 Dabei werden möglichst Objekte gezeigt, die sonst nicht im Mittelpunkt stehen. Diese Auswahl und Präsentation bezeichnet der Museumsleiter als ein bewusstes Finden und Setzen, mit dessen Hilfe Museumsarbeit nicht nur rückwärtsgewandt ist, sondern auch konkret auf die Gegenwart und die Zukunft weisen kann.

Unter dem heutigen Museumsleiter behielt das Museum zunächst die Bezeichnung „Emil Fischer Heimatmuseum“, um alte Besuchergruppen zu erhalten. Nach der Umbenennung in „Heimatmuseum Neukölln - Museum für Stadtkultur und Regionalgeschichte“ wurde der Heimatbegriff offensiver entwickelt, z.B. auch vor dem Hintergrund der Bedeutung des Begriffes für Migranten in Neukölln. Dabei ging man auch von einer Pluralität von Heimat, von „Heimaten“ aus.262 Heimat stellt sich zudem für das Museum widersprüchlich dar, als Ort, Empfindung oder Projektion, und wird in immer kürzeren Intervallen entwertet, zerstört und verändert.263 Die Reflexion über diesen Heimatbegriff fand nicht nur Eingang in die Ausstellungen, sondernbildete den Ausgangspunkt vieler Veranstaltungen im Neuköllner Museum. Diese thematisierten die Auseinandersetzung der Bevölkerung mit der eigenen Geschichte, die als Tonbandprotokolle Eingang in das Archiv findet.264

Seit ca. 1997 hat das Museum seine Außenaktivitäten vergrößert und spricht ein sehr unterschiedliches Publikum an; es versteht sich noch stärker als früher als Veranstaltungsort. Dadurch verzeichnet das Museum seit dem Jahr 2000 einen erheblichen Zuwachs an Besuchern. Um Neuinteressenten, die unter „Heimatmuseum“ keinen interessanten Veranstaltungsort verstehen, den Zugang zum Museum zu erleichtern, soll das Museum in Zukunft in „Museum Neukölln“ umbenannt werden.265 Diese Überlegungen wurden vor dem Hintergrund der Museumsdebatten der beiden letzten Jahrzehnte angestellt: die Konzeption attraktiver Ausstellungen stellt nur einen Aufgabenbereich dar; im Vordergrund der Museumsarbeit sollte stehen, dass eine möglichst breite Publikumsschicht angesprochen wird, [Seite 115↓]um die Besucherzahl zu erhöhen. In diesem Sinne betrachtet der Museumsleiter die Umbenennung des Museums und damit die Vermeidung des Begriffs „Heimatmuseum“ als eine Art PR-Strategie. Ob und wie – vom Museum definiert oder von der Bevölkerung formuliert - in einer Ausstellung ein Heimatbegriff thematisiert wird, wird jedes Mal unter­schiedlich entschieden. Der tieferliegende Heimatbegriff der alteingesessenen Bevölkerung ist dabei schwierig zu beschreiben, weil dieser sich in verschiedene Milieus aufteilt und durch empirische Forschungen noch nicht erfasst wurde.


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5.5.1.  Geschichte und Gegenwart der Produktion

Die Jahresausstellung „Made in Neukölln. Wirtschaft im Umbruch“ wird sowohl im Innenhof des Museums als auch in den Räumen des Museums selbst gezeigt.266 Betritt man das Foyer des Museums, so fällt zunächst eine längliche Vitrine auf, die Objekte von heute nicht mehr existierenden Neuköllner Firmen präsentiert. Man kann die einzelnen Exponate nicht immer erkennen, entweder weil Form und Funktion unbekannt sind oder weil sie vom Sand, auf dem sie liegen, halb verdeckt sind. Hinter der Vitrine sind zehn Fotos von Neuköllner Lehrlingen zu sehen, deren Vornamen, Lehrberuf und Firma genannt werden.

Neben dieser Vitrine können an einem kleinen Tisch mit Bildschirm verschiedene CD-ROMs abgerufen werden, die in die Themen „Widerstand in Neukölln“ und „Vom Dorf zur Stadt“ sowie in die aktuelle Ausstellung einführen. Die CD zur aktuellen Ausstellung stellt alle 33 vorgestellten Firmen kurz vor. Man erfährt, dass es vor allem um das Thema Strukturwandel und die Auswirkungen globaler und regionaler Veränderungen auf die Unternehmen in Neukölln geht. Die Ausstellung soll nicht nur an die Unternehmen erinnern, die ihre Produktion einstellen mussten, sondern stellt vor allem die Strategien vor, mit denen sich Unternehmen an veränderte ökonomische Bedingungen und neue wirtschaftliche Situationen anpassen.

Man kann nun das Foyer durchqueren und einem Rundgang folgen, der durch mehrere größere Räume führt; von diesen zweigen gelegentlich kleinere Räume ab. Im Durchgang zum ersten zentralen Ausstellungsraum wird eine Firma für Computeranimationen vorgestellt. Auf einem Bildschirm sind zwei Präsentationsfilme des Unternehmens zu sehen; daneben kann man Beispiele von Produktionen, u.a. Standbilder von Videoanimationen, näher betrach­ten.

Der erste zentrale Raum der Ausstellung, den man nun erreicht hat, präsentiert in vier würfelförmigen Vitrinen, die an jeweils einer quadratischen Säule von der Decke hängen, eine Packung Marlboro-Zigaretten, einen Glaswürfel, eine Atemschutzmaske und einen Herzschrittmacher. Unter den Vitrinen ist jeweils ein kleiner Globus aufgehängt. Diese optisch auffällige Präsentation lenkt die Aufmerksamkeit des Besuchers auf die vier Exponate, die von allen Seiten betrachtet werden können. Will man sich näher informieren, wendet man sich einer Wand dieses Raumes zu. Eine Texttafel erläutert, dass die Produkte dreier Neuköllner Unternehmen weltweit vertrieben werden; das vierte Unternehmen ist das größte und umsatzstärkste Zigarettenwerk Deutschlands und produziert zwei Drittel aller in Deutschland konsumierten Zigaretten. Ferner erfährt der Besucher, dass die meisten Betriebe in Neukölln zu den traditionellen Industriezweigen Papier, Holz, Ernährung gehören. Die Bedeutung der Betriebe ist in der Regel regional und lokal begrenzt. Im Bezirk konnte trotz Betriebsschließungen und Personalabbau vor allem die Ernährungsbranche ihre Position in Berlin ausbauen.

Auf einer zweiten Wand dieses Raums werden auf zwei schmalen Balken, die jeweils den Verlauf der entsprechenden Zahlen anzeigen, die Entwicklung der Anzahl der Betriebe im verarbeitenden Gewerbe in Neukölln sowie die Anzahl der Beschäftigten in diesem Sektor in den neunziger Jahren beschrieben. Eine weitere Texttafel schließlich geht auf die Auswirkun­gen der weggefallenen Berlinförderung sowie der Verschärfung der Konkurrenzbedingungen auf die Zahl der Betriebe und die Anzahl der Beschäftigten, die Arbeitslosenquote und die Anzahl der Sozialhilfeempfänger in Berlin und in Neukölln ein. Diese Angaben werden durch [Seite 117↓]Stabdiagramme ergänzt, die die statistische Entwicklung von Erwerbstätig- und Arbeits­losigkeit in Berlin und Neukölln in den neunziger Jahren, bezogen auf das Jahr 1992, zeigen.

Von diesem ersten größeren Raum aus hat man die Möglichkeit, einen weiteren kleinen Raum zu betreten; hier wird eine Firma vorgestellt, die Dienstleistungen für die Kinoindustrie, vom Synchronstudio über Computertechniken bis zum Kopierwerk, anbietet. Die Spezialität dieser Firma, so erfährt der Besucher aus der Lektüre des einführenden Textes, ist die Restaurierung alter Filme. Neben Produkten der Firma wird ein Umspultisch gezeigt, dessen Arbeitsvorgang man nachvollziehen kann; der Tisch dient der manuellen Überprüfung auf mögliche Schäden an der Perforierung in einem lichtlosen Raum, bevor der Film entwickelt wird.

Wieder im ersten größeren Raum zurück, setzt sich der Rundgang in einem langgestreckten Raum fort, der nacheinander weitere Firmen vorstellt. Zunächst wird eine Firma für Zahntechnik präsentiert, deren Produkte und Entwicklung aufgrund neuer Bearbeitungs­techniken beschrieben werden. Der einführende Text erwähnt außerdem, dass trotz Umsatz­einbrüchen und Abbau von Arbeitsplätzen die Firma eigene Entwicklungen im Bereich der Implantologie, z.B. einer neuen Bohrmaschine, betreibt. Man kann in einer Vitrine ver­schiedene Produkte der Firma aus dem Zeitraum 1930 bis heute sehen und sich über deren Funktion informieren.

Weitere Produkte der Firma für Präzisionsglas, von der ein Glaswürfel bereits im zentralen ersten Raum zu sehen ist, werden auf der folgenden Station präsentiert. Zu sehen sind Beispiele aus der aktuellen Produktpalette. Man erfährt, dass das Unternehmen einer der weltweit führenden Anbieter von technischem Glas und präzisionsoptischen Komponenten ist; ferner geht ein Text auf die Investitionen in verschiedenen Bereichen, auf die Kunden und weitere Produktionsstätten ein.

Geht der Besucher im langgestreckten Raum weiter, hat er die Möglichkeit, sich über zwei weitere Unternehmen zu informieren, die gemeinsam vorgestellt werden: zwei Texttafeln beschreiben das bereits im zentralen Raum erwähnte Zigarettenwerk und ein Unternehmen der Ernährungsbranche. Neben diesen Texttafeln sind acht gleich große Rahmen zu sehen, die hinter Glas Kaffeebohnen und Zigaretten als Produkte dieser Unternehmen zeigen. Ein Schaukasten stellt dem Besucher verschiedene Kaffeesorten vor. Zwei große Transportsäcke mit gemahlenem Kaffee sorgen dafür, dass der Besucher auch riechen kann, um welches Produkt es hier geht.

Eine große Anzahl von Münzzählkassetten für DM und Euro verdecken im folgenden Kapitel einen großen Teil der Wand und weisen auf eine Firma hin, die Geldzählkassetten herstellt. Zum Zeitpunkt der Ausstellung stand die Einführung des Euro bevor bzw. hatte gerade stattgefunden. Hier erfährt der Besucher, dass dies auch zu zusätzlichen Investitionen beim deutschen Marktführer in der Produktion von Geldzählkassetten führte. Außerdem zeigen weitere Exponate, dass das Unternehmen eine lange Tradition hat und für einen internatio­nalen Markt produziert: zu sehen sind u.a. eine Münzzählkasse von 1941 - das bis dahin übliche Material Bakelit wurde während des Zweiten Weltkriegs durch Steinmehl ersetzt -, eine Münzzählkassette von 1936, Geldzählkassetten für Malaysia, Griechenland und Thailand sowie ein Sortikord, das Münzen durch Schütteln sortiert.

In einer Ecke dieses Raums macht eine große Papierrolle auf eine Firma für Haushaltswaren aufmerksam, deren Berliner Standort Papier für Filtertüten herstellt. Diese Neuköllner Zweigstelle betreibt die größte Papierfabrik in Berlin und liefert an andere Firmen, die mit dem Papier Filtertüten produzieren.


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Der Raum führt um die Ecke und präsentiert als nächstes Unternehmen den weltweit führen­den Hersteller von Herzschrittmachern. Das Unternehmen entwickelt und fertigt alle Teile eines Herzschrittmachers, Folge des besonderen Werdegangs der Firma, die nicht Produktionssparten ausgliederte, sondern durch Firmenaufkäufe auf eine autarke Herstellung setzte. Nähert man sich der Vitrine dieser Ausstellungsstation, sind die Geräusche eines Herzschlags zu hören; in der Vitrine selbst können Produkte dieses Unternehmens aus unterschiedlichen Herstellungsjahren betrachtet werden. Eine Schautafel des Unternehmens erklärt die Funktion eines Herzschrittmachers.

Gegenüber dieser Vitrine wird ein Unternehmen vorgestellt, das Metallfedern in allen Größen, Stanzteile und Stanzbiegeteile herstellt. Man erfährt, dass die Produktion vor vier Jahren auf EMV/ EMI-Abschirmungen z.B. für den ICE, Ampeln und Mobiltelefone erweitert wurde, wodurch sich die Firma einen neuen, großen, modernen Markt eröffnete. Als Exponate dienen hier wiederum vor allem aktuelle Produkte des dargestellten Unternehmens.

Der Rundgang führt weiter zu einer Ausstellungsstation über ein Unternehmen, das Geräte für Arbeitsschutz und Messtechnik entwickelt und produziert. Der Text erläutert, dass wegen der Konjunkturkrisen im Bergbau und in der Schwerindustrie, dem Wegfall der Berlinförderung und der Reduzierung der Beschaffung bei der Bundeswehr Arbeitsplätze abgebaut werden mussten. Eine Konstante in der Produktion sind dagegen Glühstrümpfe für Gaslaternen in Berlin. Hier kann man sich sowohl einen Überblick über die aktuelle Produktion als auch über historische Gegenstände aus der Herstellung wie Filter und Filterzubehör machen.

Als Blickfang für die folgende Firma dienen ein Raumklimagerät und ein Modell einer Klimaanlage. Hier erfährt man, wie eine Firma für die Entwicklung und Herstellung von klima- und lufttechnischen Anlagen den strukturellen Problemen in der Baubranche begegnet:

durch einen Verbund mit einer Management-Agentur kann das Unternehmen flexibel auf Bauprojekte unterschiedlicher Größe reagieren.

Man gelangt nun an das Ende des langgestreckten Raums und wird über eine Software-Firma informiert, die auf die Programmierung von Verwaltungssoftware spezialisiert ist, vor allem für Kirchengemeinden und Kindergärten.

Es schließt sich hier ein weiterer großer Ausstellungsraum an, der zunächst durch seine Architektur auffällt. Drei Reihen von Säulen, die jeweils Exponate in kleinen beleuchteten Schaukästen zeigen, laden dazu ein, sich frei im Raum zu bewegen und sich über weitere Firmen zu informieren. Nähert man sich den Säulen, so schaltet sich die Beleuchtung der Schaukästen automatisch für eine Weile aus, so dass nur der jeweilige Text gelesen werden kann; erst nach der Lektüre bekommt man die Produkte wieder zu Gesicht. Damit wird deutlich gemacht, dass es sich um Unternehmen handelt, die nicht mehr existieren oder nicht mehr in Neukölln produzieren, die Produkte sind also „verschwunden“, wie es einem die Installationen vorführen.

Beim Betreten dieses Raums fallen allerdings zuerst drei große Vitrinen an der Stirnseite auf, die ein (noch existierendes) Hotel-, Kongress- und Entertainment Center vorstellen. Durch den einführenden Text erfährt man, dass es das größte Business-Hotel der Kategorie 4 Sterne-plus in Deutschland ist. Im Festival-Center wird sechs Tage in der Woche eine Show aufgeführt, das Kongresszentrum dient unterschiedlichen Veranstaltungen als Austragungsort.


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In den Vitrinen werden die Abteilungen „Entertainment“, „Convention Center“ und das Hotel mit Hilfe unterschiedlichster Exponate präsentiert. Vor den Vitrinen sind außerdem eine große Anzahl Handtücher in Dreiecksform – angelehnt an die Architektur des Hotels - gestapelt.

Die Schaukästen in den Säulen zeigen in den meisten Fällen Produkte der nicht mehr in Neukölln existierenden Firmen. Man bekommt ein Stück Rohr, zwei Schachteln Filterzigaretten, ein Skatspiel, zwei Milchtüten, ein Firmenschild, eine CD-Verpackung, einen Gefrierbeutel, ein Stück Datenkabel, eine Zahnpastatube, eine Flasche Body-Lotion und einen Schokoladenriegel zu sehen. An den Säulen kann man sich über die Geschichte der jeweiligen Firma informieren: ein Unternehmen in der Baubranche reagierte auf die Strukturkrise im Baugewerbe mit Verlagerungen von Produktionssparten in andere Standorte. Eine Produktionsfirma von Zigaretten musste wegen des Wegfalls der Berlinförderung schließen. Ein Unternehmen, das Spielkarten produzierte, wurde von einem Spieleverlag aufgekauft und später geschlossen. Eine Meiereizentrale fusionierte mit einem anderen Unternehmen und verlagerte die Produktion auf Standorte außerhalb Berlins. Ein Energiekabelwerk, das zu den modernsten Europas gehörte, musste wegen zu großer Konkurrenz schließen. Eine Verpackungsfirma zog aus logistischen Gründen um. Eine Haushaltswarenfirma schloss den Neuköllner Standort, weil es zu einer schlankeren Produktion übergegangen war und seitdem keine Haushaltsfolien mehr produziert. Ein weiteres Kabelwerk schloss wegen Umstruktu­rie­rung in der Kabelproduktion den Neuköllner und weitere Berliner Standorte. Wegen zu hoher Grundkosten wurde die Produktion von Zahnpasta eines Unternehmens von Neukölln fort verlagert. Eine Seifenfirma wurde von einer anderen Firma übernommen, nach einer Zeit wurde die Produktion des Neuköllner Standortes eingestellt. 1990 wurde die modernste Schokoladenfabrik Europas in Neukölln gebaut; da die Fabrik ihre Kapazitäten nur zu einem Drittel ausschöpfte, wurde sie geschlossen und die Produktion in ein anderes Werk verlagert.

Andere, noch existierende Unternehmen werden an den Wänden dieses zweiten Hauptraums gezeigt. Darunter befindet sich eine Puppenklinik, die sich auf die Reparatur von Puppen spezialisiert hat. In einem kleinen Schaukasten ist eine Palette von Puppenaugen ausgestellt, daneben sind eine Puppe und mehrere Puppeneinzelteile zu sehen.

Daneben wird ein Betrieb vorgestellt, der sich auf die Produktion von Fisch für die Branche Feinkost, Gastronomie und Hotellerie spezialisiert hat; der Erfolg des Unternehmens basiert, so erfährt man, auf einem Fischveredelungsverfahren. Das anschließend präsentierte Unter­nehmen produziert Brote und Brötchen, deren Getreide bewusst von regionalen Anbietern bezogen werden. Der entsprechende Text geht auf die Produktion nach ökologischen Gesichtspunkten ein. Verschiedene Brote und Getreidesorten werden innerhalb einer kleinen Inszenierung gezeigt. Eine Replik eines Totomaten sowie acht Werbemittel, die verkleinerte Frontscheiben von Automaten zeigen, machen auf einen Hersteller von Münzspielautomaten aufmerksam.

Bevor man diesen Raum verlässt und wieder das Foyer betritt, kann man sich über eine Brauerei informieren, die verschiedene Biersorten, Malzbier und alkoholfreie Erfrischungs­getränke produziert. Die Veränderung des Lebensstils der Konsumenten führte dazu, dass der Bierkonsum in den letzten zehn Jahren abnahm, dennoch ist das Unternehmen mit dem Betriebsergebnis zufrieden. Historische Aufnahmen aus dem Archiv des Museums zeigen Gebäude der Brauerei am Ende der sechziger Jahre. An der Wand sind auf einem schrägen Bord aneinander gereiht Bierflaschen zu sehen, die teils mit, teils ohne Etikett gezeigt werden.

Davor sind vier leere Kästen aufeinander gestapelt, darüber hängen entsprechend 24 Bier­flaschen nebeneinander angeordnet.


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Verlässt der Besucher das Museumsgebäude, hat er die Möglichkeit, den Rundgang im Innenhof fortzusetzen. Zunächst wird der Brunnen in der Mitte des Innenhofes vorgestellt. Ein Text erläutert, dass der Brunnen ursprünglich aus zwei Putten und einem wasserspeienden Delphin bestand, die beim Umbau des Hofes in den achtziger Jahren gestohlen wurden und bis jetzt nicht ersetzt werden konnten. Eine Firma für Pumpenbau baute eine Umwälzpumpe ein, die den Wasserzyklus wieder in Gang brachte. Für den Übergang wurden die fehlenden Figuren durch einen Wandbrunnen ersetzt, der eine Leihgabe des Stadtmuseums Berlin ist.

Der Rundgang rund um den Brunnen stellt danach eine Glaserei vor, deren Arbeitsfelder sich über die letzten vier Generationen hinweg geändert haben: von der Baubranche hin zum Innenausbau und einem angeschlossenen Glaskunst-Studio. Diese Veränderungen werden anhand von entsprechenden Produkten veranschaulicht. Daneben wird eine Holzgroßhandlung und ein Einzelhandelsmarkt präsentiert. Hier kann man ein Gerätehaus aus Holz betreten, in dem sich eine Auswahl von Kleinteilen aus dem Holz- und Baumarkt befinden. Jeweils in einem Holzkasten mit durchsichtiger Vorderwand sind eine Vielzahl unterschiedlichster Utensilien zu sehen.

Als nächstes wird ein Unternehmen für Maschinengravuren vorgestellt. Metallschilder und verschiedene Arbeitsgeräte zeigen, wie vielfältig das Gravur-Handwerk ist und wie sich die Gravurtechnik seit den achtziger Jahren verändert hat. Die folgende Station zeigt einen Betrieb, der auf Komplettlösungen im Bereich Zelte, Planen und Fahrzeugumbauten speziali­siert ist. Diese Firma bietet neben dem Molekülschweißen von PVC-Bahnen auch das Bedrucken der Bahnen an. Demonstriert wird dies mit Hilfe einer PVC-Glasfolie auf einem Holzrahmen, einem Planenstoff mit diversen Ösen, Schnallen, Schnallriemen, Haken und einem Vorstecker sowie einem Gittergewebe aus Planenstoff. Außerdem umspannt farbige PVC-Folie zwei Säulen des Innenhofes.

Der Rundgang wird fortgeführt mit der Präsentation eines Familienunternehmens, das Leisten, Rundhölzer, Geländebauelemente und Drechslerteile herstellt. Man kann sich anhand von verschiedenen Leisten und gedrechselten Holzteilen ein Bild von der Produktpalette machen.

Im nächsten Kapitel wird eine der wenigen großen Fahnenfabriken Europas beschrieben, die vor allem für den Werbebereich produziert. Der Ausstellungstext beschreibt die Produkt­palette des Unternehmens und geht auf die verschiedenen Druckverfahren sowie das Qualitäts- und Umweltmanagement ein. Zu sehen sind hier ein Siebdruckrahmen, Druck­pasten und, an der Decke des überdachten Teils des Innenhofes bzw. an der Wand an dieser Stelle befestigt, drei jeweils aneinandergenähte Fahnen aus Rasterdruckverfahren.

Eine eigens angefertigte Spezialverpackung einer Säule des Innenhofes macht auf eine Firma aufmerksam, die Verpackungen für Luft- und Seetransport konstruiert und erstellt. Der Betrieb versteht sich durch die Zusammenarbeit mit einer Logistik-Firma und einer Holzhan­dels­gesellschaft als modernes Dienstleistungsunternehmen. Ausgestellt werden außerdem eine Transportverpackung für das Mosaik-Firmenschild und eine Transport­verpackung für Kabel­rollen.

Die Texttafel, die daran anschließend ein Unternehmen beschreibt, das Kunststoffprofile zu Fenstern oder Treppenhausverkleidungen verarbeitet, ist auf einer Glastür befestigt. Daneben wird ein Betrieb gezeigt, der traditionell Transportunterlagen und Paletten sowie Spezialverpackungen für Automobilzulieferer und für Hersteller elektrotechnischer Anlagen [Seite 121↓]produziert. Eine Schauvitrine des Betriebes erklärt die Verwendung bestimmter Holzteile und die Unterschiede zwischen Holzarten.

Mehrere Grabsteine stammen aus einem Steinmetzbetrieb, dessen Aufträge zurückgehen, weil durch Veränderungen in der Bestattungskultur das Interesse an Grabsteinen rückläufig ist.

Ein über hundertjähriges Braut- und Beerdigungsfuhrwesen wird daneben präsentiert. Hier wird nicht nur auf die Geschichte des Familienunternehmens eingegangen, sondern auch auf den heutigen Schwerpunkt hingewiesen: Kutschenfahrten bei Beerdigungen sowie der Verleih historischer Kutschen an Film- und Fernsehproduktionen. Ein Scherbaum einer Kutsche von 1940, ein Arbeitskummet aus den Jahren 1910-20, eine Wärmedecke für Pferde von 1950 und andere Exponate illustrieren die Geschichte des Unternehmens.

Nach der Betrachtung verschiedener Schilder aus der Produktpalette eines Unternehmens für bunte Blechwerbeschilder kann ein kleines Gewächshaus mit Zierpflanzen, Kräutern, Blu­men­zwiebeln und Pflanzutensilien betreten werden, mit dem eine auf Balkon- und Zierpflanzen spezialisierte Gärtnerei vorgestellt wird.

Als vorletztes Unternehmen auf dem Rundgang im Außenbereich wird eine Metalldruckerei gezeigt, die Leuchten verschiedener Art produziert. Die Produktion von Gaslampen wird hier nach und nach durch elektrische Lampen ersetzt; der Verkaufsschlager ist die Schinkel-Leuchte, deren Einzelteile der Besucher betrachten kann.

Schließlich wird ein Betrieb präsentiert, der Pumpen vertreibt, montiert und wartet sowie Maschinen und Anlagen für Wasserversorgung, Abwasserbeseitigung und Heizungs- und Klimatechnik baut. Im Text werden die Entwicklung dieses Unternehmens und die größten Geschäftsfelder beschrieben. An der Wand zeigen zwei Fotos eine demontierte Schmutz­wasser­pumpe sowie eine Abwasseranlage, ein zugehöriger Text erläutert die Fotos. Gegen­über sind eine Pumpstation aus Kunststoff sowie eine Tauchpumpe zu sehen, deren Einsatz erklärt wird. Die Tauchpumpe kann eingeschaltet werden.


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5.5.2.  Produkte im Mittelpunkt von Präsentation und Inszenierung

Die Darstellung des Themas - die Wirtschaftsgeschichte Neuköllns anhand von Porträts vieler Unternehmen im Bezirk, die entweder heute noch existieren oder früher eine Rolle für die Wirtschaft Neuköllns spielten - steht in keinem Zusammenhang mit der Museums- oder Sammlungsgeschichte und deren Erforschung und Dokumentation. Das Thema ergibt sich aus der spezifischen Wirtschaftsgeschichte des Bezirkes, die speziell für die Ausstellung recherchiert wurde.

Der größte Teil der Ausstellung widmet sich noch heute bestehenden Unternehmen. Die Produkte von nicht mehr in Neukölln ansässigen Firmen werden entweder andernorts hergestellt oder wurden vor nicht allzu langer Zeit noch im Bezirk produziert; der Zeitpunkt ihrer Schließung liegt also noch nicht lange zurück. Die Exponate stammen bis auf die Objekte in der ersten Vitrine im Foyer und historische Fotos einer Brauerei nicht aus der musealen Sammlung, sondern sind Leihgaben oder Schenkungen der vorgestellten Unternehmen. Eine Verbindung mit der museumseigenen Sammlung, deren Schwerpunkten und Geschichte besteht also nicht. Die Auswahl der Objekte wurde in direkter Weise durch die Themenwahl bestimmt.

Die Gemeinsamkeiten der einzelnen Ausstellungskapitel bestehen darin, dass bis auf wenige Ausnahmen keine Inszenierungen oder Illustrationen, sondern meistens objektorientierte Darstellungsweisen gewählt wurden. Allen Einzelpräsentationen ist gemeinsam, dass sie einzelne Daten des Unternehmens sowie dessen Werdegang kurz schildern sowie auf eventuelle Maßnahmen eingehen, die das Unternehmen gewählt hat, um weiterhin wirtschaftlich erfolgreich sein zu können. Außerdem werden bei den heute noch existierenden Unternehmen deren Firmenlogos gezeigt.

Ergänzt werden die einführenden Texttafeln im größten Teil der Ausstellung, der die heute noch bestehenden Unternehmen im Bezirk vorstellt, durch einzelne Szenenfotos aus Charlie Chaplin-Filmen.267 Diese liefern keine konkreten weiteren Informationen zum Thema, können aber als eine inhaltliche Erweiterung des Themas interpretiert werden. Die Szenen beziehen sich jeweils auf die Produkte des vorgestellten Unternehmens, die entweder auf unterschiedliche Weise eine Rolle in der dargestellten Filmszene spielen oder indirekt mit der Szene zu tun haben. Sie zeigen damit, welche Funktion die Produkte in verschiedenen Szenen des Alltags oder in anderen Situationen, die im Film dargestellt werden, haben können. Die Szenenfotos stellen einen Bezug der Produkte zu unterschiedlichen Handlungen oder Situatio­nen her, die zwar im Film dargestellt werden, aber durchaus auf die Wirklichkeit übertragen werden können. Dieser Zusammenhang zwischen Exponat und gesellschaftlichem Alltag wird karikiert, weil es sich durchweg um Szenen aus komischen Filmen handelt. Die Szenenfotos unterstützen auf der einen Seite die einheitliche Darstellungsweise der Unternehmen im größten Teil der Ausstellung, auf der anderen Seite greifen sie das Thema aus einer unge­wöhn­lichen Perspektive auf.

Dieser jeweils optisch und inhaltlich gleich gestalteten Einführung schließt sich die Präsentation der Produkte an. Dabei wird in jedem Ausstellungsteil der topographische Bezug des Themas deutlich: alle vorgestellten Unternehmen produzierten oder produzieren im Bezirk. Die Ausstellung thematisiert allerdings auch die Bedeutung Neuköllner Unternehmen über den Bezirk hinaus, etwa wenn diese weitere Zweigstellen besitzen. Ebenso werden die [Seite 123↓]Auswirkungen regionaler und globaler Prozesse auf die Wirtschaft Neuköllns und die Rolle der Unternehmen in der Wirtschaftswelt außerhalb des Bezirks benannt. Auf diese Weise fokussiert die Ausstellung einerseits das Wirtschaftsleben im Bezirk, stellt andererseits aber auch Bezüge zwischen Neukölln und der „Außenwelt“ her.

Zumeist bilden Produkte einzelner Unternehmen die Exponate, wobei sie die Informationen, die über Texttafeln gegeben werden, unterstützen bzw. vertiefen. Die Exponate werden nicht an zentraler Stelle gezeigt, sondern bilden mit den Texten jeweils eine Ausstellungseinheit. Diese Präsentation wird teilweise durch die Raumeinteilung unterstützt. So werden in kleinen Räumen, die von anderen Räumen abzweigen, einzelne Unternehmen mit ihren Produkten dargestellt.

Im Eingangsbereich des Museums bzw. der Ausstellung finden sich drei Ausnahmen von der soeben geschilderten Präsentationsform. Erstens stellt eine Vitrine im Foyer einen Zusammenhang zwischen der Sammlungsgeschichte des Museums und dem in der Aus­stellung präsentierten Thema her. Zu sehen sind u.a. ein Flaschenverschluss, ein Deckel einer Verpackungsschachtel, ein Zollstock, eine kleine Flasche und eine Rechnung. Die Objekte werden als Fundstücke gezeigt, indem sie auf Sand oder teilweise durch Sand verdeckt ausgestellt werden. Die Exponate werden nicht näher bezeichnet und lassen aufgrund ihrer Beschaffenheit auch nicht immer erkennen, welche Funktion sie ursprünglich hatten. Die Objekte aus dem Depot des Museums werden nicht für die Darstellung einzelner Unternehmen verwendet, sondern zeigen durch ihre Unbestimmtheit symbolisch den Niedergang von Firmen im Bezirk. Die Eingangsvitrine erinnert daran, dass es Unternehmen im Bezirk gab, deren Geschichte nicht mehr genau recherchiert werden kann. Die Vitrine schafft damit ein Gegengewicht zum übrigen Ausstellungsteil, der auf ausführlichen Recherchen basiert.

Die Vitrine präsentiert zwar eine Zusammenstellung verschiedener Exponate, die zudem teils halb verdeckt gezeigt werden, trotzdem kann man hier von einer objektorientierten Präsentation sprechen, da durch das Fehlen erläuternder Texte die Aufmerksamkeit des Betrachters auf die einzelnen Objekte gelenkt wird: man muss die Exponate genau betrachten, um eine Vorstellung davon zu bekommen, welchem Zweck sie ursprünglich dienten. Die Bedeutung der Exponate liegt hier nicht in ihrer jeweiligen einzelnen Geschichte, sondern in ihrer Zugehörigkeit zur musealen Sammlung sowie der Tatsache, dass ihre Herkunft eben gerade nicht genau bekannt ist – zumindest werden sie so präsentiert.268 Sie schaffen damit einen Zusammenhang zwischen der museumseigenen Sammlung und dem Ausstellungs­thema, der sonst nicht erkennbar ist. Zudem bilden die Exponate ein Beispiel einer im Museums­bereich eher ungewöhnlichen Art der Präsentation: das Ausstellen von „unbekannten“ Objekten, die trotz fehlender Information das Interesse und die Neugier des Publikums wecken können.

Die zweite Ausnahme von der sonst durchgängigen Präsentationsform ist eine Fotoreihe hinter der Vitrine im Foyer.269 Die Porträts von Lehrlingen verschiedener Firmen stellen einen Bezug zu Menschen her, die zumindest einen Teil ihres Lebens im Bezirk verbringen. Dies ist der einzige Teil der Ausstellung, der das Thema konkret mit Porträts von Menschen verbindet, die die Kultur Neuköllns mitbestimmen. Gleichzeitig wird hier eine Ausstellungs­tradition des Museums fortgesetzt: frühere Ausstellungen präsentierten ebenfalls im [Seite 124↓]Eingangs­bereich Porträts einzelner Bewohner. Die Fotos dokumentieren einen Teil der Arbeitswelt einzelner Unternehmen und ergänzen damit den Ausstellungsteil, der die Wirtschaftsgeschichte des Bezirkes vor allem auf den Werdegang von Firmen bezogen darstellt.

Die Fotos nehmen in der Ausstellung eine besondere Rolle ein. Zunächst sind die Exponate nicht Produkte ehemaliger oder noch bestehender Unternehmen des Bezirkes, wie es bei allen anderen ausgestellten Objekten der Fall ist. Der Bezug zwischen diesen Exponaten und dem Thema der Ausstellung ergibt sich also nicht aus der Geschichte dieser Objekte, sondern aus ihrer Information, die sie über das Motiv des Bildes vermitteln. Sie wurden speziell für diese Informationsvermittlung hergestellt und haben damit die gleiche Funktion wie die Texttafeln. In dieser Hinsicht ergänzen sie die Texte, illustrieren diese aber nicht, da sie in keinem direkten Bezug zu den einzelnen Texten stehen. Da zusätzlich der Name der Fotografin genannt wird, werden die Fotos auch als künstlerische Werke präsentiert. Auch auf diese Weise nehmen sie eine Sonderstellung innerhalb der Ausstellung ein. Die Biographien der Auszubildenden werden im Katalog der Ausstellung vorgestellt; hier werden die Informationen vertieft, die sich über die Bezeichnung und die Motive der Bilder erschließen lassen.270

Die dritte Ausnahme von der sonst üblichen Präsentationsform in der Ausstellung bildet der erste große Ausstellungsraum. Statistiken dokumentieren die Arbeitsmarktentwicklung und wirt­schaft­liche Veränderungen in Berlin und Neukölln. An dieser Stelle wird also die Situation im Bezirk mit der in Gesamtberlin verglichen; Statistiken über die Anzahl der Betriebe und deren Beschäftigte beziehen sich dagegen nur auf Neukölln.

Vier Unternehmen werden in diesem Raum gezeigt; sie produzieren Herzschrittmacher, Arbeitsschutzprodukte, Präzisionsglas sowie Zigaretten. Die Unternehmen werden an anderer Stelle in der Ausstellung ausführlich vorgestellt. Hier wird betont, dass drei dieser Unter­nehmen ihre Produkte weltweit exportieren, ein weiteres das größte seiner Art in Deutschland ist und zwei Drittel aller in Deutschland verkauften Zigaretten herstellt.

Dieser erste Ausstellungsraum stellt also Beziehungen zwischen dem Bezirk und Berlin, Deutschland und der Welt her. Diese Perspektive findet sich in dieser Form nicht noch einmal in der Ausstellung, die das Thema sonst ausschließlich auf Neukölln bezogen präsentiert. Die vier Exponate zeigen exemplarisch die Produktpalette der vorgestellten Unternehmen. Sie werden an zentraler Stelle des Raumes in Verbindung mit je einem Globus gezeigt. Durch die Aufhängung an der Decke schweben die Exponate über den Globen und zeigen dadurch symbolisch die globale Verbreitung der Produkte bzw. die weltweite Bedeutung der Firmen.

Durch die zentrale Präsentation wird gleichzeitig der Blick auf die Ästhetik der Gegenstände gelenkt, da sie sich in Augenhöhe (durchschnittlicher erwachsener Besucher) befinden und von allen Seiten zu betrachten sind. Außerdem fällt die außergewöhnliche Zusammenstellung der vier Exponate auf. Erst die Texttafel an einer Wand des Raums erklärt den inhaltlichen Zusammenhang der vier Objekte. Allerdings werden die Exponate selbst nicht näher in Bezug auf ihre Herstellung, Geschichte o.ä. erläutert, so dass sie auch vor dem Hintergrund der Text­tafel ihre symbolische Funktion behalten.

Neben den Gemeinsamkeiten der Ausstellungskapitel, die weiter oben beschrieben wurden, lassen sich auch viele Unterschiede feststellen. Dies betrifft sowohl die Exponate selbst als [Seite 125↓]auch deren Darstellung. Die Aussagen der einzelnen Kapitel unterscheiden sich je nach Auswahl und Präsentation der Exponate.

Im allgemeinen werden Produkte oder Arbeitsgeräte der Unternehmen ausgestellt. Bei manchen Kapiteln wird außerdem auf Selbstdarstellungen der Firmen zurückgegriffen: zu sehen sind Eigendarstellungen von Unternehmen für die Produktion von Computer­animationen, Herzschrittmachern, Energiekabeln, Fischprodukten, Spielautomaten, Transport­unterlagen, Verpackungen und Lebensmitteln. Auf diese Weise werden entweder Arbeits­vorgänge erklärt oder die Sichtweise der Unternehmen selbst auf ihre Arbeits­schwerpunkte dargestellt. In beiden Fällen handelt es sich nicht um Interpretationen durch die Ausstellungs­autoren, sondern um die Perspektive der Firmen selbst auf ihre Arbeit. Diese wird jedoch auch in den einführenden Texten aller Ausstellungskapitel beschrieben, so dass diese Selbst­darstellungen als Ergänzung der Texte zu interpretieren sind.

In einigen Darstellungen werden Einzelteile von Produkten gezeigt, um Phasen der Verar­bei­tung zu demonstrieren. Es werden Filme in verschiedenen Bearbeitungszuständen, Einzelteile von Zigaretten, Puppen und Außenlampen ausgestellt. Zu sehen sind außerdem Kaffeebohnen und Getreidesorten, die als Rohstoffe für Kaffeepulver bzw. Brote Produktionsschritte veranschaulichen. Die Aufmerksamkeit des Besuchers wird in diesen Beispielen nicht nur durch die objektorientierte Ausstellungstechnik auf die Produkte gelenkt, sondern auch durch die Einzelteile; diese verdeutlichen die Zusammensetzung der Exponate und betonen damit deren materielle Beschaffenheit.

Bei wenigen Unternehmen werden historische Objekte präsentiert, um auf die Tradition der Betriebe bzw. den technischen Fortschritt hinzuweisen. Zu den historischen Exponaten zählen zahnärztliche Werkzeuge, Herzschrittmacher, Gasmaskenzubehör, Pferdegeschirr eines Braut- und Beerdigungsunternehmens sowie ein Spielautomat aus den fünfziger Jahren.

Einige Exponate wurden eigens für die Ausstellung hergestellt; es sind keine Produkte eines Unternehmens, die für den Verkauf produziert wurden. Computerattrappen, die verkleinerte Ausdrucke von Bildschirmansichten zeigen, veranschaulichen das Dienstleistungsangebot einer Software-Firma. Die Attrappen lassen sich als Teil der Ausstellungsgestaltung inter­pretieren. Grundlage für ihre Herstellung sind dabei Programme, also Produkte, der Firma. Ein Holz- und ein Gewächshaus sind Teile von Inszenierungen, die im Inneren jeweils Produkte eines Baumarktes bzw. einer Gärtnerei zeigen. Das Holzhaus wurde aus Produkten des Baumarktes zusammengesetzt, das Gewächshaus selbst ist eine Ware der Gärtnerei. Eine Säule des Innenhofes schließlich wurde von einer Firma verpackt, um zu demonstrieren, wie in einem konkreten Fall ein Produkt (Verpackung) individuell hergestellt wird. Eine ähnliche Funktion erfüllt die Pumpe im Brunnen des Innenhofes; das Besondere dieses Exponates ist außerdem, dass es nach Ende der Ausstellung im Museum bzw. im Innenhof verbleibt. Zwei Exponate bestehen aus Einzelteilen, die in ihrer Zusammenstellung nur in der Ausstellung zu sehen sind. Verschiedene Stanzteile eines Unternehmens für Metallfedern und Stanzteile werden teilweise als zu einer Flugmaschine zusammengesetzte Einzelteile gezeigt. Diese Installation macht nicht auf die Funktion der Objekte aufmerksam, sondern stellt einen Teil der Exponate auf originelle und außergewöhnliche Weise zur Schau. An anderer Stelle werden Einzelteile einer Firma für klima- und lufttechnische Anlagen zu einem Modell einer Klimaanlage zusammengesetzt; diese Installation wird an zwei Wänden gezeigt und hat den selben Effekt wie die Flugmaschine.

Der Besucher bekommt bei den zuletzt genannten Beispielen nicht nur einen Eindruck von der Produktpalette der Unternehmen, sondern auch von konkreten Anwendungen der [Seite 126↓]jeweiligen Dienst­leistung. Holz- und Gewächshaus, Säulenverpackung, Pumpe und Klima­anlage sind Produkte, die erst im Auftrag des Museums hergestellt wurden; auf diese Weise wird demonstriert, wie die Unter­nehmen auf die individuellen Wünsche ihrer Kunden eingehen. Die Computer­attrappen und das Flugmodell dage­gen sind Hilfsmittel der Ausstellungsgestalter, um die Produktpalette der Firma optisch auffallend zu illustrieren.

In einem Fall wurde ein Produkt manipuliert bzw. verfremdet, um die entsprechende Aussage des Kapitels zu veranschaulichen. Eine große Papierrolle, Produkt einer Firma für Haushaltswaren, die von einem anderen Unternehmen später zu Filtertüten verarbeitet wird, wurde um eine Säule gewickelt; an zwei Stellen wurde außerdem der Umriss einer Filtertüte herausgeschnitten. Die spätere Weiterverarbeitung ist durch diese Verfremdung sofort sichtbar, die alleinige Präsentation der Papierrolle würde dies nicht deutlich machen.

Zwei weitere Exponate lassen sich nicht in die bisher skizzierten Kategorien einordnen. Gegenüber den Darstellungen der Zigarettenfirma und des Unternehmens der Ernährungs­branche, das vor allem Kaffee produziert, sind an der Wand zwei leere Zigarettenschachteln sowie eine leere Kaffeeverpackung angebracht. Dadurch, dass sie leer sind und nicht näher bezeichnet werden, stehen sie nicht in einer Reihe mit den übrigen vorgestellten Produkten der Firmen. Sie können entweder als noch nicht fertig oder als schon verbraucht interpretiert werden; da die Präsentationen der beiden Firmen entweder fertige Produkte oder den Entstehungsprozess mit Hilfe einzelner Teile veranschaulicht haben, liegt die Interpretation der leeren Schachteln als Zeichen verbrauchter Produkte nahe. Gleichzeitig assoziiert man die Exponate mit Abfallprodukten. Wie bei der Darstellung der Zigaretten­firma deutlich wird, ist die Verpackung ein wichtiger Teil des Gesamtproduktes; dies wird gezeigt durch einen Schachtelzuschnitt und die Präsentation einer großen Anzahl loser Zigaretten, die augenscheinlich noch verpackt werden müssen. Die leere Schachtel dagegen deutet an, dass nach Verbrauch des Inhalts die Verpackung wertlos geworden ist: mit einer leeren Schachtel assoziiert man zunächst einmal Abfall und nicht den Herstellungsprozess des gesamten Produktes. Das Gleiche gilt für die Kaffeepackung. Die leeren Packungen können als ironischer Kommentar der gegenüberliegenden Präsentation der Firmen interpretiert werden.

Diese Einteilung der Exponate in Kategorien zeigt deutlich, wie individuell die Präsentationsformen auf die jeweiligen Objekte hin gestaltet wurden. Im Vordergrund dabei steht immer das Ziel, die Aussagekraft der Exponate zu unterstreichen. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Ausstellungskapiteln zeigen sich nicht nur bei den Exponaten selbst, sondern auch bei den Präsentationsweisen, die differenziert betrachtet werden müssen.

In einigen Fällen wird eine große Anzahl gleicher oder ähnlicher Gegenstände ausgestellt. Auf diese Weise wird gezeigt, dass eine Vielzahl dieser Produkte produziert wird. Außerdem ergibt sich jeweils ein besonderer optischer Eindruck: die Aufmerksamkeit des Betrachters wird durch deren Menge auf sie gelenkt. Die Darstellungs­weise hebt die Objektgruppe jeweils von anderen einzeln präsentierten Exponaten ab. Zudem wird die Ästhetik der Exponate durch diese Art der Präsentation auf besondere Weise betont. Beispiele finden sich unter den Exponaten bei der Darstellung einer Dienstleistungsfirma für die Kinoindustrie: hier werden u.a. eine Vielzahl von Filmdosen gezeigt, die in einem Regal gestapelt sind. Andere Beispiele von gleichen oder ähnlichen Exponaten, die in großer Zahl ausgestellt werden, sind Zahn­tablette aus den dreißiger Jahren, Zigaretten, Kaffeebohnen, Münzzählkassetten, Stanzteile, Blechschilder, Bierflaschen sowie Handtücher. Im letzteren Beispiel stehen die Exponate [Seite 127↓]nicht für Produkte und verweisen durch ihre Anordnung auf die Architektur eines Hotel­gebäudes.271

Die Wirkung der Ausstellungskapitel auf den Besucher wird außerdem dadurch beeinflusst, ob Exponate nah beieinander oder mit großem Abstand zueinander präsentiert werden. So werden beispielsweise die meisten Produkte einer Firma für Zahntechnik in großer Anzahl in einer Vitrine gezeigt. Auf diese Weise bietet sich ein Überblick über die große Produktpalette der Firma; die Ästhetik der Exponate wird dabei nicht betont, da die Gestaltung der Vitrine nicht dazu einlädt, Einzelexemplare genauer zu betrachten. In diesem Fall stehen zwar die Exponate – entsprechend dem Konzept der gesamten Ausstellung - im Vordergrund, kommen aber einzeln nicht zur Geltung. Anders verhält es sich beispielsweise bei dem direkt benachbarten Kapitel, das eine Firma für Präzisionsglas vorstellt. Hier wird eine viel kleinere Anzahl von Objekten in einer ähnlich großen Vitrine ausgestellt. Dadurch wird die Aufmerksamkeit auf Einzelobjekte gelenkt, die Ästhetik von Prismen und anderen Gegenständen wird hervorgehoben. Eine direkte Gegenüberstellung dieser beiden Präsentationsweisen bietet der Ausstellungsteil zu einer Gärtnerei. Während in einem Gewächshaus eine Vielzahl von Pflanzen und Utensilien gezeigt wird, hängt gegenüber an einer Wand eine einzelne Topfpflanze. Hier bieten sich dem Besucher die Möglichkeiten, innerhalb einer Inszenierung die Atmosphäre einer Gärtnerei nachzuempfinden oder sich ein Produkt genau zu betrachten.

Die Architektur der Ausstellungsräume spielt ebenfalls in vielen Ausstellungsteilen eine wichtige Rolle. Die Präsentationen der nicht mehr existierenden oder nicht mehr in Neukölln produzierenden Unternehmen sind alle auf die selbe Weise gestaltet: Produkte dieser Unter­nehmen werden in kleinen, von innen beleuchteten Schaukästen innerhalb von Säulen gezeigt. Die Säulen sind in drei Reihen im Raum aufgestellt und stützen drei Träger, die eine von unten beleuchtete Zwischendecke aufspannen. Die Beleuchtung der Schaukästen wird durch einen Bewegungs­melder für eine kurze Zeit ausgeschaltet, sobald man sich der Säule nähert. Oberhalb des Kastens gibt eine Texttafel den Firmennamen, die Bezeichnung des Exponates, die Adresse des Unternehmens, seine ehemalige Adresse sowie die Daten der Gründung und Schließung der Firma bzw. des Standorts in Neukölln an; außerdem wird aufgeführt, wie viele Arbeitsplätze durch die Schließung verloren gingen. Ein weiterer Text unterhalb des Schaukastens erläutert jeweils die Geschichte und Produktpalette des Unternehmens. Das „Verschwinden“ der Exponate beim Erlöschen der Beleuchtung symbolisiert das Verschwin­den der Firmen in Neukölln; ein zweiter Effekt dabei ist, dass die Aufmerksamkeit des Besuchers kurzfristig auf den Text und danach wieder auf das Objekt gelenkt wird.

Eine Inszenierung greift diese Ausstellungsarchitektur auf. Sie setzt sich aus Plastikfischen zusammen, die so untereinander aufgehängt sind, dass sie den Umfang und Grundriss einer Säule andeuten. Die Fische sind weder Produkte noch Arbeitsgeräte des Unternehmens für Fischproduktion, ähneln aber dessen Erzeugnissen. Hier wird auf spielerische Weise die Gestaltung des Ausstellungsraumes fortgesetzt. Die Exponate dienen nicht der inhaltlichen Ergänzung der Firmenpräsentation, sondern bilden ein zusätzliches gestalterisches Element der Ausstellung ohne weitere Funktion.

In anderen Kapiteln der Ausstellung wird die Architektur auf andere Weise einbezogen. Bei der Präsentation einer Firma für Haushaltswaren wird das Papier einer Papierrolle, des Produktes der Firma, teils abgewickelt und über eine Metallschiene an der Decke zu einer Säule des Raums geleitet. Hier umwickelt das Papier die Säule vollständig, an zwei Stellen [Seite 128↓]sind die Umrisse einer Filtertüte ausgeschnitten.272 Der Besucher wird hier nicht nur durch die isolierte Präsentation eines einzelnen Produktes, sondern auch durch die ungewöhnliche Gestal­tung des Ausstellungsteils auf dieses Kapitel aufmerksam gemacht. Der Effekt dieser Ausstellungstechnik besteht jedoch nicht nur darin, dass dieses Kapitel optisch auffällt. Die Verfremdung des Produkts unter Einbeziehung der Raumarchitektur werden die materiellen Eigenschaften des Exponates hervorgehoben: es ist flexibel und kann geschnitten werden. Gleichzeitig zeigt die Größe und der Umfang der Papierrolle, dass das Material in großen Mengen hergestellt und weiterverarbeitet werden kann.

Die Architektur des Innenhofes wird an mehreren Stellen in die Ausstellungsgestaltung einbezogen. Zwei PVC-Folien eines Unternehmens, das Komplettlösungen im Bereich Zelte, Planen und Fahrzeugumbauten anbietet, umspannen je eine Säule des Innenhofes. Eine weitere Säule wurde von einer Firma für Verpackungen mit Hilfe von Holzleisten verpackt. An der Decke des Rundgangs im Innenhof schließlich hängen drei Fahnen aus Rasterdruckverfahren einer Fahnenfabrik. Die optische Gestaltung dieser Ausstellungskapitel wird durch die außergewöhnlichen Präsentationsweisen aufgelockert. Der Blick des Besucher wird an die Decke des Rundgangs und auf die Säulen des Innenhofes gelenkt. Gleichzeitig werden wie im Beispiel der Papierrolle die materielle Beschaffenheit der Produkte gezeigt.

Eine weitere Besonderheit bieten drei Ausstellungskapitel, die den Hör- bzw. Geruchssinn des Besuchers einbeziehen. Die Firma für Herzschrittmacher wird nicht nur mit Hilfe von Texttafeln und Exponaten präsentiert, sondern auch über die Geräusche eines schlagenden Herzens auf Tonband, das sich über einen Bewegungsmelder automatisch beim Betreten dieses Ausstellungsteils einschaltet. Ein offener Kaffeesack mit gemahlenem Kaffee sowie offene Getreidetüten sprechen auch den Geruchssinn an. Diese Beispiele bieten nicht nur eine Abwechslung der optischen Gestaltung, sondern heben sich durch das Ansprechen weiterer Sinne des Besuchers von den übrigen Ausstellungskapiteln ab. Sie vergegenwärtigen dem Publikum, dass sie diese Art der Darstellung nur im Museum erleben können; das Ansehen des Ausstellungskatalogs oder der CD-ROM zur Ausstellung kann das Hören und Riechen im Museum selbst nicht ersetzen.

Eine besondere Rolle spielt der Katalog zur Ausstellung. Einige Ausstellungskapitel bekommen durch die Lektüre des entsprechenden Artikels eine zusätzliche Bedeutung. Ein Beispiel dafür ist die Präsentation von Zigaretten und Kaffeebohnen in jeweils vier gleichen Rahmen, die nebeneinander an der Wand hängen. Der inhaltliche Zusammenhang der beiden vorgestellten Unternehmen erschließt sich dem Besucher der Ausstellung nicht aus der Betrachtung der Exponate oder der Texttafeln. Erst durch den Katalog wird deutlich, dass sich der Zigarettenkonzern nach Übernahme zweier Unternehmen zu einem führenden Lebens­mittel­konzern entwickelt hat und nach einer weiteren Übernahme auch zu den wichtigsten Kaffeeanbietern in Deutschland gehört. Das in der Ausstellung vorgestellte Unternehmen der Ernährungsbranche ist ein Neuköllner Werk einer der übernommenen Firmen.273

Ein weiterer Zusammenhang zwischen Ausstellung und Katalog findet sich bei der Darstellung eines Hotel-, Kongress- und Entertainment-Centers. Eine Besonderheit bilden Handtücher, die vor der dritten Vitrine in Dreiecksform gestapelt sind.. Sie verweisen nicht nur auf die große Zahl der im Hotel verwendeten Handtücher und damit auf die Zahl der Hotelzimmer, sondern deuten auch die trigonale Architektur des Hotels an. Dieser [Seite 129↓]Zusammenhang erschließt sich dem Besucher allerdings nur dann, wenn ihm diese Architektur bekannt ist oder er das Foto des Hotels im Begleitband zur Ausstellung sieht.274 An dieser Stelle wird ein inhaltlicher Zusammenhang in der Präsentation zum zweiten Mal nur über den Begleitband deutlich. Das dritte Beispiel für die Ergänzung der Ausstellung durch den Katalog bietet das Kapitel zur Darstellung eines Unternehmens der Fisch­produktion. Hier wird u.a. eine Seemanns-Kopfbedeckung gezeigt, die der Besucher der Ausstellung für die Arbeitskleidung der Angestellten des Unternehmens halten könnte. Das Exponat ist jedoch ein Hinweis auf die Zulieferer der Firma, was erst durch die Lektüre des Katalogs deutlich wird.275 Die Kopfbedeckung weist also auf einen weiteren Arbeitsbereich hin, der außerhalb des Bezirkes liegt, aber unmittelbar mit dem Neuköllner Unternehmen zusammenhängt. Außerdem wird eine Schautafel gezeigt, die zur Inneneinrichtung des Büros des Unternehmens zählt. Auch dieser Zusammenhang wird nur im Katalog erklärt.276

Der Katalog ist also nicht nur eine Dokumentation der Ausstellung, sondern ergänzt diese an mehreren Stellen. Die Darstellungen der Geschichte und Produktionsverfahren von Unter­nehmen sind im Katalog ausführlicher als in der Ausstellung; die im Foyer porträtierten Neuköllner Lehrlinge werden im Begleitband genauer vorgestellt. Die Tatsache, dass einige inhaltliche Zusammenhänge zwischen einzelnen Kapiteln oder Exponaten nicht in der Ausstellung, sondern nur im Katalog angesprochen werden, spiegelt einen Punkt des Museums­konzepts wider, Geschichte bzw. Gegenwart nicht vollständig abzubilden, sondern dem Besucher Raum für eigene Interpretationen zu lassen.277 Dem Publikum der Ausstellung werden auf diese Weise Möglichkeiten geboten, selbst Zusammenhänge zu entdecken.

ZUSAMMENFASSUNG

Die Möglichkeiten der objektorientierten Präsentations­weise werden auf vielfältige Weise genutzt. Einige der objektorientierten Präsentationsweisen lassen sich nicht eindeutig von einer Inszenierung trennen. Der Grund für diese gestalterischen Unterschiede zwischen den einzelnen Ausstellungskapiteln liegt darin, dass die Exponate nicht nach einem vorher bestimmten Schema ausgestellt werden; vielmehr richtet sich die Art der Darstellung nach der Beschaffenheit der Objekte. Dabei werden Exponate teilweise verfremdet, in Einzel­teilen oder in großer Anzahl gezeigt, mit der Architektur in Verbindung gebracht oder mit anderen Gegenständen zusammen inszeniert, um deren Aussagekraft zu vergrößern. Die Objekte stehen damit nicht nur im Mittelpunkt der Ausstellungskapitel, sondern bilden auch den Ausgangspunkt der Ausstellungskonzeption selbst. Dabei wird Wert darauf gelegt, auf originelle Weise auf Bedeutungsebenen der Exponate aufmerksam zu machen bzw. erst durch die Art der Präsentation weitere Bedeutungsebenen zu schaffen.

Die Ausstellung präsentiert sich als ein Ort, an dem nicht nur Exponate angesehen und Texte gelesen werden können; der Besucher wird an vielen Stellen auf materielle Eigenschaften der Objekte aufmerksam gemacht, die er nur im Museum selbst erfahren oder erleben kann, teilweise zusätzlich über seinen Hör- oder Geruchssinn. Der Rundgang durch die Ausstellung beinhaltet nicht nur einen thematischen Überblick über die Wirtschaftsgeschichte Neuköllns, sondern bietet Einblicke in Eigenschaften bzw. Bedeutungsebenen von Gegenständen, die im Alltag verborgen bleiben. Die Besprechung des Katalogs zeigt zudem, dass die Ausstellung [Seite 130↓]Möglichkeiten bietet, auch nach dem Besuch Entdeckungen zu machen (beispielsweise über das Recherchieren der Fusion von Zigaretten- und Lebensmittelkonzern oder das Betrachten der ungewöhnlichen Architektur eines lokalen Hotels).

Schließlich werden durch die Abbildungen von Chaplin-Filmszenen in jedem Ausstellungskapitel die Exponate bzw. deren Funktion kommentiert und karikiert. Auch dies sind überraschende und ungewöhnliche Perspektiven auf Wirtschaftsgeschichte.


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5.6.  Möglichkeiten der Erforschung materieller Kultur

Die vier Bezirksmuseen wählen unterschiedliche Konzepte, um Objekte in den Ausstellungen zu integrieren. In Köpenick bestimmen die Charakteristika der Geschichte die Einteilung der Dauerausstellung und geben die Auswahl der Exponate vor. Entscheidend ist, dass die jeweili­gen Kapitel mit Hilfe von Objekten illustriert werden können. Besitzt das Museum keine geeigneten Exponate, wird auf Leihgaben bzw. Reproduktionen zurückgegriffen. Überwiegend werden Themen mit Hilfe illustrierender Präsentationsweisen gezeigt. Inszenierende und objektorientierte Ausstellungstechniken ergänzen die Illustrationen, stehen aber nie im Mittelpunkt. Ausnahmen werden bei zwei Schwerpunkten der Köpenicker Geschichte – Wäschereiunternehmen und Fischerei – gemacht; hier fallen die Themen mit Sammlungs­schwerpunkten des Museums zusammen. Der große Sammlungsbestand bei diesen Themen ermöglicht mehrere Inszenierungen, die im Foyer bzw. im Pavillon den Blickfang bilden. In der Köpenicker Wechselausstellung dagegen entspricht die Inszenierung eines Zeltplatzes nicht einem Sammlungsschwerpunkt. Das Gleiche gilt für die Wechsel­ausstellung im Prenzlauer Berg Museum. Auch hier entscheidet die thematische Einteilung der Ausstellung, welche Objekte zur Illustration herangezogen werden. Auf die museums­eigene Sammlung wird nur teilweise zurückgegriffen. Im Ausstellungsmagazin des Museums steht allerdings die eigene Sammlung im Mittelpunkt. Hier richtet sich die Auswahl der (Unter-) Themen nach den Exponaten. Eine zweite Einteilung des Ausstellungsmagazins nach Hauptthemen berücksichtigt zwar Charakteristika der Bezirksgeschichte, steht aber nicht im Zentrum. Das offene Archiv im Kreuzberger Museum stellt ebenfalls die Sammlung bzw. deren Höhepunkte in den Vordergrund, wobei das Konzept keine weitere inhaltliche Aufteilung vorsieht. Die Wechselausstellung im Kreuzberg Museum nutzt dagegen illustrierende, inszenierende und objektorientierte Präsentationsweisen, um inhaltlich die Perspektiven zu wechseln. Dabei werden Biographien über persönliche Erinnerungsstücke oder Interviews integriert. Das Neuköllner Museum wählt durchgängig eine objektorientierte Ausstellungstechnik für die Jahresausstellung; dabei unterscheidet sich die Konzeption von denjenigen der Inszenierungen in Köpenick, des Ausstellungsmagazins in Prenzlauer Berg und dem offenen Archiv in Kreuzberg. Die eigene Sammlung wird nur an wenigen Stellen gezeigt, die Themenauswahl richtet sich nicht nach der Auswahl der Exponate. Stattdessen entscheiden die Beschaffenheit und die Bedeutungsebenen der Objekte über die Art der Darstellung eines Kapitels.

In allen Museen werden bei den Präsentationsweisen oft mehrere Bedeutungsebenen der Objekte genutzt. Insbesondere innerhalb illustrierender Ausstellungstechniken liefern Expo­nate zusätzliche Informationen, weisen auf Schwerpunkte der Museumsarbeit hin, stellen Bezüge zu Personen her, beziehen Hör- und Geruchssinn der Besucher mit ein oder bilden einen Teil der Ausstellungsarchitektur. Objektorientierte Darstellungen betonen meist die Ästhetik der Objekte, während Inszenierungen thematische oder optische Zusammenhänge schaffen; beide Techniken setzen zudem weitere inhaltliche Schwerpunkte bzw. bieten zusätzliche Perspektiven auf ein Thema. Die Ausstellungen aller Museen zeigen, dass die Erforschung und Präsentation von Bedeutungsebenen der Exponate einen Kernpunkt der Museumsarbeit darstellt. In allen Museen erkennt man, dass mehrere Bedeutungsebenen der Objekte genutzt werden können, wenn diese aus der eigenen Sammlung stammen. Außer im Köpenicker Museum kommt ein weiterer Aspekt dazu: wenn Ausstellungsprojekte dazu genutzt werden, die eigene Sammlung bzw. das Archiv zu erweitern, werden ebenfalls Objekte auf mehrere Bedeutungsebenen hin erforscht. In jedem Fall nutzen Museums­mit­arbeiter die Kontakte zu Spendern oder Leihgebern, um Gegenstände zu recherchieren und zu erforschen.


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Die Analyse der Ausstellungen zeigt, welche Bedeutungsebenen der Objekte erschlossen wurden. Es bleibt dabei unklar, welche weiteren Möglichkeiten bestehen, materielle Kultur zu erforschen, die von den vier Berliner Bezirksmuseen nicht genutzt wurden. Da eine reine Betrachtung der Ausstellungen nicht ausreicht, diese Möglichkeiten aufzuzeigen, müssen weitere Studien hinzugezogen werden. Forschungen aus verschiedenen Fachbereichen zeigen die Möglichkeiten, Bedeutungsebenen von Objekten zugänglich zu machen.

Die Forschung zu materieller Kultur lässt sich grob in zwei Richtungen einteilen. Entweder orientiert man sich an den „harten“ Fakten über Objekte, die oft mit Hilfe naturwissenschaftlicher Methoden gewonnen werden, oder man stellt ästhetische und kulturelle Eigenschaften von Gegenständen in den Mittelpunkt der Forschung. Im ersten Fall werden vor allem die Eigenschaften der Objekte untersucht, die durch den Produzenten bewusst zugeschrieben wurden; im zweiten Fall geht es um die unbewussten kulturellen Vorstellungen, die sich in Gegenständen manifestieren.278

5.6.1. Materialeigenschaften

Die „harte“ Forschung über materielle Kultur ist im Gegensatz zur „weichen“ Forschung an diachronen Aspekten interessiert, analysiert also den Werdegang von Artefakten über große Zeiträume hinweg.279 Daneben werden Objekte auch nur aufgrund ihrer materiellen Beschaffenheit und des Vergleichs mit anderen Objekten analysiert; historische Fragestellungen spielen dabei keine große Rolle. Besonders innerhalb der Archäologie und Kunstgeschichte wurden verschiedene Analysemodelle entwickelt.280 Nach einem Modell wird die Analyse von Artefakten beispielsweise nach der ursprünglichen Idee oder Erfindung des Objektes, seines Materials, seiner Herstellung, Vermarktung und Gebrauchs strukturiert. Eine andere Methode besteht darin, zwischen den unmittelbar am Objekt ablesbaren Daten, den Daten vergleichbarer Artefakte und zusätzlichen Daten zu unterscheiden. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, verschiedene Eigenschaften des Objekts zu unterscheiden, die sich aus Material, Geschichte, Umgebung und soziokultureller Bedeutung ergeben. Schließlich kann bei einer Analyse materieller Kultur zwischen Beschreibung der Artefakte, daraus abgeleiteten Beziehungen zwischen Objekt und Mensch sowie wiederum daraus entwickelten Theorien und Hypothesen unterschieden werden.

Diese Forschungsansätze spielen in den untersuchten Museen keine große Rolle. Große Zeiträume werden außer in der Dauerausstellung des Köpenicker Museums nicht dargestellt; hier stehen jedoch nicht, wie bereits besprochen, authentische Objekte im Vordergrund. Vielmehr dienen die Exponate vornehmlich der Illustration der Ausstellungskapitel.

Ebenso wenig wird die materielle Beschaffenheit von Objekten thematisiert oder als Ausgangspunkt einer Präsentation gewählt. Lediglich im Ausstellungsmagazin des Prenzlauer Berg Museums werden auf den Karteikarten der Exponate Material und Technik angegeben, [Seite 133↓]soweit diese bekannt sind. Sie spielen jedoch bei der Präsentation keine Rolle: die Objekte werden entweder aufgrund der Haupt- oder Unterthemen oder aufgrund ihrer äußeren Beschaffenheit geordnet bzw. zusammengestellt. Ihre materielle Beschaffenheit kommt dabei nicht zum Tragen. Ebenso wenig werden die Unterschiede in Material und Verarbeitung zwischen Produkten der DDR und der BRD herausgearbeitet.

Eine besondere Rolle innerhalb der „harten“ Forschung über materielle Kultur fällt dabei den Materialforschungen (material science) zu, die weder den Naturwissenschaften noch den Sozialwissenschaften über materielle Kultur zugerechnet werden. Sie versuchen vielmehr eine Lücke zwischen diesen Wissenschaften zu schließen. Ausgangspunkt dieser Forschungen ist die These, dass die Auswahl und die Verarbeitung von Materialien zu bestimmten Strukturen oder Mustern von Gegenständen führen, die wiederum den Umgang mit diesen Objekten bestimmen. Es geht hier um den Zusammenhang zwischen der Produktion von Gegenständen und ihrem Gebrauch.281 Auch dieser Forschungsansatz wurde bei der Erstellung der Ausstellungen nicht verfolgt.

5.6.2. Objekte als Zeichenträger

Innerhalb der „weichen“ Forschung über materielle Kultur werden Artefakte als eine Art non­verbaler Kommunikation betrachtet; sie haben innerhalb einer Formensprache metaphorische Bedeutung und können auf diese hin analysiert werden.282 Zentral bei dieser Forschungs­richtung steht die These, dass Objekte ihre Bedeutung nicht automatisch in sich tragen, sondern diese ihnen erst in einem sozialen Kontext zugewiesen wird. Die Bedeutung eines Objektes wird also durch die jeweilige Gesellschaft definiert und kann verändert werden. Dabei geht man davon aus, dass jede Gesellschaft soziale Richtlinien kennt, nach denen sie Objekten ihre Bedeutung zuweist. Objekte werden damit zu Zeichen; sie sind Träger einer Anzahl möglicher Bedeutungen, deren Art und Anzahl von den sozialen Richtlinien oder dem Regelwerk der Gesellschaft abhängen.283

Objekte, die als Zeichen fungieren, werden Semiophoren genannt; der Begriff wurde zuerst von Krzysztof Pomian verwendet, der auch auf die Entstehung von Semiophoren hinweist. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts entstand ein Interesse an der „wahren Antike“, einem Geschichtsbild dieser Zeit, das von allen späteren Interpretationen befreit ist. Damit begann die Suche nach und das Sammeln von Manuskripten, alten Inschriften, antiken Münzen, Kunstwerken und anderen Spuren aus der Antike. Die Überreste aus dieser Zeit wurden mit Texten aus der Antike in Verbindung gebracht und erhielten dadurch einen Sinn; erstmals wurden diese Objekte zu Forschungsgegenständen; aus „Abfall“ wurden „Semiophoren“.284

In diesem Zusammenhang werden auch die verschiedenen Dimensionen von Handlungen erforscht, die sich auf den Besitz oder den Gebrauch von Objekten beziehen. Die Beziehung zwischen Mensch und Artefakt wird also nicht nur hinsichtlich der Bedeutungszuweisung an Objekte analysiert, sondern auch hinsichtlich der möglichen sozialen Auswirkungen. Dabei werden Handlungsaspekte unterschieden, die auf verschiedene Weise zur sozialen Unterscheidung zwischen Menschen und somit zur Bildung von Identitäten beitragen [Seite 134↓]können.285 Ein weiterer Aspekt der Beziehung zwischen Mensch und Objekt ist der Konsum von Dingen. Dabei wird Konsum nicht als passive, sondern als aktive Tätigkeit verstanden, wobei der Konsument zwischen verschiedenen Arten des Konsums wählen kann. Konsum stellt einen Teil einer sozialen Beziehung dar, nämlich die zwischen dem Produzenten des Objekts und seinem Konsumenten. Im Rahmen dieser sozialen Beziehung erlangen Objekte erst ihre Bedeutung.286

Wichtig für die Museumspraxis ist bei der Analyse von Artefakten die Erkenntnis, dass Objekte ihre Bedeutung erst durch Interaktion mit Menschen erlangen; Objekte werden durch die Interpretation zu Zeichen. Diese zentrale Aussage wurde jedoch erst innerhalb der jüngeren Forschung getroffen; im Rahmen älterer Analysen geht man dagegen davon aus, dass die Bedeutung eines Objektes in diesem selbst verankert ist und nicht von einer sozialen Interaktion abhängt. Das Objekt ist danach automatisch identisch mit einem bestimmten Zeichen und wird als solches wahrgenommen. Die Ausstellungspraxis vieler Museen richtet sich nach wie vor oft nach diesem älteren, mittlerweile bei vielen Museologen als überholt geltenden Forschungsansatz.287

Daneben wurden Theorien für die Museumspraxis entwickelt, die die oben vorgestellten Forschungsergebnisse berücksichtigen und die Beziehung zwischen Objekt und Mensch in den Mittelpunkt stellen. Dabei geht es sowohl um die Erforschung musealer Objekte hinsichtlich ihrer Bedeutung als auch um die Frage der Aufbewahrung und Restaurierung. So unterscheidet man beispielsweise zwischen strukturellen und funktionalen Eigenschaften der Objekte und bezieht diese zusammen mit ihren physischen und sozialen Kontexten sowie ihren möglichen Bedeutungen in die Datenmenge ein, die im Rahmen der Museumsarbeit analysiert wird. Bei der Restaurierung besteht die Tendenz, museale Objekte „dynamisch“ zu konservieren, d.h. sichtbare Veränderungen, die durch Gebrauch entstanden sind, zu bewah­ren und nicht zu versuchen, einen „ursprünglichen“ Zustand wiederherzustellen.288

Gerade die „weiche“ Erforschung der Objekte erfolgt in den untersuchten Berliner Bezirks­museen zu dem Zeitpunkt, an dem sie Eingang in die Sammlung finden. Dies ist ent­weder bei der Recherche von Objekten durch Mitarbeiter der Museen der Fall oder bei Schenkung oder Leihgabe von Objekten durch Einwohner der Heimat. Wichtig für eine spätere Recherche von Bedeutungsebenen ist also, zu diesem Zeit­punkt die Objekte genau zu dokumentieren.

Stammen die Objekte aus lang zurückliegender Zeit oder aus anderen kulturellen Kontexten, ist eine Analyse hinsichtlich ihrer aktuellen oder vergangenen Bedeutungen oft nicht möglich. Museale Sammlungen sollten daher schon im Kontext ihrer Entstehung dokumentiert werden.289


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In dieser Hinsicht haben lokalhistorische Museen gegenüber größeren Museen einen Vorteil: da Objekte oft von den ehemaligen Eigentümern direkt in das Museum gebracht werden, besteht die Möglichkeit, die persönliche Geschichte, die im Zusammenhang mit dem Gegenstand steht, zu dokumentieren und museal zu präsentieren. Aufgrund dieser genauen Überlieferungslage von Sammlungsobjekten können diese präziser interpretiert werden.290 Die Objekte stehen im Zentrum von Geschichten und weisen damit Bedeutungsebenen auf, die andere Gegenstände, die zufällig in das Museum gelangt sind oder deren Herkunfts­geschichte nicht bekannt ist, nicht besitzen und damit auch keine so hohe Aussagekraft haben. Dieser Punkt spielt u.a. in einer Reihe von Forschungen über materielle Kultur des Industriezeitalters eine Rolle, wobei hier oft von „Alltagskultur“ oder „Alltagsgeschichte“ die Rede ist. Der Schwerpunkt liegt dabei nicht auf der oben beschriebenen „harten“ Forschungs­richtung, die auf die materielle Beschaffenheit und den Entstehungsprozess von Artefakten zielt, sondern auf der Erforschung der kulturellen und sozialen Bedeutung von Objekten.291

Innerhalb der Ausstellungen der untersuchten Bezirksmuseen wird die Beziehung zwischen Objekt und Mensch teilweise thematisiert. Sehr deutlich ist das Ergebnis einer „weichen“ Forschung zur materiellen Kultur im Ausstellungsmagazin des Prenzlauer Berg Museums und im offenen Archiv des Kreuzberg Museums zu sehen. Hier leitet sich die inhaltliche Gestaltung der Ausstellungen gänzlich oder zum großen Teil aus den Beziehungen zwischen Menschen und Objekten ab. Die Erforschung dieser Bedeutungen der Exponate wurde hier, wie es für alle besprochenen Museen typisch ist, teilweise erst durch den engen Kontakt zur Bevölkerung und damit zu einem großen Teil der Spender oder Leihgeber ermöglicht.

In den übrigen Ausstellungen kommt eine „weiche“ Forschung über materielle Kultur weniger deutlich zum Tragen. Teilweise erhalten die Exponate innerhalb der Kreuzberger Wechselausstellung, die in Verbindung mit einzelnen Biographien präsentiert wurden, erst ihren Sinn, wenn ihre Beziehung zum vorgestellten Menschen thematisiert wird. Dies ist insbesondere der Fall, wenn Biographien mit Hilfe von Erinnerungsobjekten vorgestellt werden. In der Wechselausstellung des Prenzlauer Berg Museums dagegen spielt die Beziehung zwischen Mensch und Objekt lediglich in einer der Inszenierungen eine Rolle. Die Nachbildung des Ateliers eines Filmemachers präsentiert einen Teil aus dem Nachlass. Die „persönliche“ Geschichte der Exponate wird jedoch nicht deutlich herausgearbeitet; die Inszenierung bietet einen Einblick in die Einrichtung des Ateliers, ohne dass Arbeitsvorgänge oder andere Geschichten, die mit einzelnen Exponaten zusammenhängen, vertieft werden.

In der Ausstellung des Neuköllner Museums werden zwar die Produktionsgeschichten der Exponate thematisiert, nicht aber die Beziehungen zum Menschen, seien es die Produzenten oder die Konsumenten der Objekte. Im Heimatmuseum Köpenick schließlich wird ebenfalls die Interaktion von Mensch und Objekt nicht präsentiert. Angedeutet wird dies nur in der ersten Vitrine im Foyer des Museum, in der die Geschichte des Museums präsentiert wird: ein Vortragsmanuskript von Otto Heinrich, einem Mitbegründer des Heimat­schulmuseums, [Seite 136↓]gewährt einen Einblick in die Themen, mit denen Heinrich sich beschäftigt hat und für das Museum für wichtig befand. Das Manuskript wird jedoch auch hier nicht explizit als ein Gegenstand präsentiert, der mit einer persönlichen Geschichte verbunden ist.

Die Bedeutung von Objekten als Zeichenträger, als Semiophoren, bildet demnach nur in wenigen Ausstellungen den Kernpunkt der Konzepte. Insbesondere die Beziehung zwischen Mensch und Objekt bzw. die Interpretation eines Gegenstandes durch den Menschen wird nur selten in den Mittelpunkt einer Ausstellung gestellt. Es werden zwar in den untersuchten Ausstellungen vielfach mehrere Bedeutungsebenen von Exponaten genutzt; dabei spielt jedoch der soziale Kontext, in dem Objekte Bedeutungen zugewiesen bekommen, nur selten eine Rolle.

5.6.3. Sammlungsforschung

Auch die Geschichte der eigenen Sammlung kann zum Forschungs- und Ausstellungsthema werden.292 Die Sammlungen selbst sind Beispiele von Bedeutungszuweisungen. Objekte werden aus ihrem ursprünglichen Kontext gelöst, in Beziehung mit anderen Objekten gesetzt und erhalten somit innerhalb der Sammlung neue Bedeutungen.293 Objekte werden erst dann als Teil einer Sammlung betrachtet, wenn ihre wichtigste Bedeutung sich aus ihrer Zugehörigkeit zur Sammlung ableitet; sind Objekte vornehmlich für einen Gebrauch bestimmt, gehören sie keiner Sammlung an. Sind Objekte für den Gebrauch bestimmt, dienen sie der praktischen Kontrolle der Welt und besitzen einen sozialen Status; sind sie Teil einer Sammlung, erfüllen sie keine bestimmte Funktion, sondern besitzen nur einen subjektiven Status, da ihre Bedeutung durch den jeweiligen Sammler zugewiesen wird.294 Sammlungs­­objekte repräsentieren also das Thema, die Idee oder die Motivation zu einer Sammlung; damit stehen Objekte, die Teil einer Sammlung sind, stellvertretend für bestimmte Welt­anschauungen entweder des Sammlers oder des Museums. Private Sammlungen können so als Erzählungen interpretiert werden; die Motivation für eine Sammlung besteht darin, eine bestimmte Geschichte, die gleichzeitig etwas über das Weltverständnis des Sammlers aussagt, zu erzählen.295 Die Bedeutungen von Objekten bzw. Sammlungen erschließen sich teilweise also erst über eine Erforschung der Sammlungsgeschichte; wenn bekannt ist, wer Gegen­stände zu welchem Zweck gesammelt hat und welche Bedeutungen den Sammlungen in welchem Interesse zugewiesen wurden, können Sammlungen auch Aufschluss darüber geben, wie sich Bedeutungszuweisungen an Objekte im Lauf der Zeit gewandelt haben.296


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Die Erforschung der Sammlungsgeschichte kann verschiedene Punkte berücksichtigen: das Ziel und die Gründe der Erstellung der Sammlung, die Art und Weise der Zusammentragung der Objekte, die theoretische Orientierung des Sammlers, das Verhältnis des Sammlers zur eigenen Kultur und die Sicht auf deren Zukunft und Vergangenheit, die praktische Aus­führung und die Methode der Sammeltätigkeit, die Sicht der Einwohner auf den Sammler, also die Position des Sammlers in seinem eigenen Lebensumfeld, sowie eventuelle Unterlagen des Sammlers über seine Tätigkeit. Darüber hinaus kann die Geschichte einer Sammlung im Museum erforscht werden. Dabei spielen die Art der Katalogisierung, die Lagerung bzw. Bewegung der Sammlung, die Geschichte der Ausstellungen, die Konservierung, die eventuelle Ausleihe oder der Verkauf von Teilen der Sammlung, das Management der Sammlung und eventuelle Schäden eine Rolle. Ein zentraler Punkt bei der Erforschung der Sammlung ist die Herkunft der Objekte: sie können Teil eines vorgefundenen Museums­bestandes, das Ergebnis einer speziellen Sammlungstätigkeit, Ankäufe oder Spenden sein.297

Diese Bedeutungsebenen von Objekten werden in den untersuchten Ausstellungen kaum aufgegriffen. Das Heimatmuseum Köpenick informiert in einer kleinen Abteilung seiner Dauerausstellung über die Sammlungsgeschichte des Museums. Sie hat in den übrigen Ausstellungskapiteln jedoch keine Bedeutung. Zwar werden in Teilen der Dauerausstellung Sammlungs­schwerpunkte präsentiert, dies wird jedoch nicht explizit erwähnt. Auf diese Weise bleibt unklar, ob jede Inszenierung einen Sammlungsschwerpunkt zeigt oder nicht (im Fall der Rekonstruktion einer Kücheneinrichtung ist dies beispielsweise nicht der Fall).

Vereinzelt wird innerhalb des Ausstellungsmagazins des Prenzlauer Berg Museums auf die Herkunftsgeschichte von Exponaten hingewiesen. So erfährt man in Einzelfällen, auf welche Weise Objekte in das Museum gelangen können. Eine Übersicht über die Sammlungs­geschichte wird jedoch nicht geboten. Im Heimatmuseum Neukölln werden in der Eingangs­vitrine Objekte aus der eigenen Sammlung gezeigt. Sie dienen aber auch hier nicht der Darstellung der Sammlungsgeschichte des Museums und haben in dieser Hinsicht keine Bedeutung für den Rest der Ausstellung. Im Kreuzberger Museum findet sich kein Hinweis auf die Sammlungsgeschichte oder auf Sammlungsschwerpunkte. Einen oberfläch­lichen Ein­druck von der Vielfalt der musealen Objekte bekommt man im offenen Archiv. Die Aus­stellung im Neuköllner Museum schließlich wird lediglich in der Vitrine im Foyer ein kleiner Ausschnitt der eigenen Sammlung gezeigt; da die Exponate als Fundstücke präsentiert und nicht näher bezeichnet werden, bekommt man auch hier keine Informationen über Art und Geschichte der musealen Sammlung.

5.6.4. Authentizität

Während diese Überlegungen sich um die Erforschung und Präsentation von Originalobjekten drehen, wird in der Forschung auch die Meinung vertreten, dass innerhalb einer Ausstellung nicht immer nur Originalobjekte gezeigt werden müssten; es käme vielmehr darauf an, Exponate auszuwählen, die die Aufmerksamkeit von Besuchern erregen, mit dem Erfahrungs­horizont der Besucher in Zusammenhang gebracht werden können und diese zudem in die Lage versetzen können, die Bedeutungen der Exponate zu entschlüsseln. Dabei spiele es keine große Rolle, ob es sich um Originale oder Repliken handelt, da diese außer von Exper­ten sowieso nicht unterschieden werden könnten.298 Der Grundgedanke dieser Forschungs­meinung ist, dass teure Leihgaben, Versicherungssummen und Alarmsysteme für wertvolle Originale vermieden werden können, weil die Aussagekraft von Repliken und Originalen die [Seite 138↓]gleiche ist. In Teilen der Dauerausstellung sowie der Wechselausstellung des Heimatmuseums Köpenick findet sich dieser Ansatz wieder. Hier wurden für den Überblick über die Geschichte Köpenicks zum großen Teil Leihgaben anderer Museen ausgewählt; im Vorder­grund dieser Ausstellungsabteilung steht ein umfassender, aber nicht ins Detail gehender historischer Rundgang, der seine einzelnen Themen aus den Charakteristika der Köpenicker Geschichte und nicht aus den Exponaten herleitet. Demzufolge ist auch nicht die Authentizität der Objekte wichtig, meist werden Reproduktionen gezeigt. Innerhalb der Wechselausstellung wurden Reproduktionen teilweise vergrößert, um den Besuchern eine bessere Anschauung zu ermöglichen. Auf diese Weise übernehmen die Exponate andere als rein illustrative Funktionen nicht; weitergehende Bedeutungsebenen der Objekte werden nicht erschlossen und bieten daher keine Erweiterung der thematischen Darstellung aus anderen Perspektiven heraus. In den übrigen Abteilungen der Dauerausstellung dagegen kommen andere Bedeutungsebenen der Exponate zum Tragen. Die Ausstellungen des Köpenicker Museums bieten die einzigen Beispiele für die Verwendung nicht authentischer Objekte. In den übrigen drei untersuchten Museen werden überwiegend Originale gezeigt, um auf mehrere Bedeutungsebenen zurückgreifen zu können.

Die verschiedenen Möglichkeiten der Erforschung materieller Kultur werden in den vier Berliner Bezirksmuseen nur teilweise genutzt. Der größte Teil der Exponate stammt entweder aus den musealen Sammlungen oder wurde im Rahmen der Ausstellungsprojekte gesammelt. Die Voraussetzungen für eine breite Erforschung und Nutzung der Bedeutungsebenen sind demnach gegeben. Viele Eigenschaften der Objekte wie ihre materielle Beschaffenheit oder ihre Beziehung zum Menschen in verschiedenen soziokulturellen Kontexten kommen in den Ausstellungen jedoch nicht zum Tragen. Ebenso wenig wird ihre Bedeutung als Teil einer musealen Sammlung thematisiert. Vielmehr spielen in den untersuchten Ausstellungen neben der illustrierenden Funktion der Exponate andere Bedeutungsebenen eine Rolle; diese sind neben der Ästhetik der Gegenstände vor allem ihre Eigenschaft, zusätzliche Informationen liefern zu können. Teilweise wird auch ihre ursprüngliche Verwendung oder ihre Produktion thematisiert.


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5.7.  Heimat im Museum

Die Berliner Bezirksmuseen erschließen und präsentieren Bedeutungsebenen von Objekten, um ein bestimmtes Bild des jeweiligen Bezirks zu vermitteln. Es geht in allen diesen Museen darum, eine regionale Kultur darzustellen, die Kultur eines Stadtbezirks. Die Bezirks- oder Heimatmuseen müssen nicht nur auf ihre Methoden der Sammlungs- und Ausstellungsarbeit hin analysiert werden, sondern auch auf das Bild der Heimat, wie es sich in ihren Ausstellungen darstellt. Eine zeitgemäße Museumsarbeit muss nicht nur aktuelle wissen­schaftliche Modelle berücksichtigen, um materielle Kultur zu erforschen und darzu­stellen; sie muss auch in ihren thematischen Vorgaben Diskussionen und Veränderungen in der Gesell­schaft aufgreifen. Wenn Museen wie die Berliner Bezirksmuseen sich der Erforschung und Dar­stellung von Heimat widmen, müssen sie den Heimatbegriff nicht nur aus einer historischen Perspektive heraus betrachten, sondern diesen auch an der Gegenwart ausrichten und Ausblicke auf zukünftige Entwicklungen bieten können. Ein zeitgemäßer Heimatbegriff, der die inhaltliche Gestaltung von regionalen Museen in einer Großstadt bestimmt, beschreibt daher, wie schon gezeigt, nicht nur die historische Entwicklung von Stadtbezirken, sondern auch die sozial-kulturellen Veränderungen in Stadtteilen unter den Einfluss der Globali­sierung. Heimat bedeutet einerseits die Gestaltung und Aneignung eines bestimmten geographisch begrenzten Raums, der damit zu einem Ort der Vertrautheit wird. Andererseits zeichnet sich Heimat durch das Nebeneinander verschiedener Lebensweisen aus; zudem nehmen nicht nur Bewohner der Heimat Einfluss auf deren Gestaltung, sondern auch Migranten oder Menschen außerhalb der Heimat. Heimat beschreibt damit dasselbe Phänomen wie locality, ein Begriff, der vor dem Hintergrund der Globalisierung innerhalb der Ethnologie und Soziologie diskutiert wird. Der Heimatbegriff steht damit für einen lokalen Kulturraum; auf Berlin bezogen, bilden die einzelnen Bezirke Lebensräume oder socioscapes, in denen Heimat geschaffen wird. Entscheidend für die Bildung von Heimat sind die Lebensweisen von Menschen, die darauf Einfluss nehmen. Diese Lebensweisen oder sociospheres von Menschen treffen im lokalen Kulturraum, einem Bezirk innerhalb der Stadt, zusammen und bilden zusammen die Heimat des Bezirks. Wichtig dabei festzustellen ist, dass die Lebensweisen von Menschen auch auf andere Heimaten Einfluss nehmen können. Heimat ist zwar geographisch an einen socioscape, einen lokalen Kulturraum, gebunden, die sociospheres oder Lebensweisen von Menschen aber nicht.

Die Diskussion kann auf zwei Begriffe zusammengefasst und verdichtet werden, um den Heimatbegriff zu analysieren. Erstens beschreibt der Begriff Topographie die geographische Komponente der Heimat; sie ist geographisch begrenzt, da sie die Kultur eines lokalen Raumes definiert, wird aber auch von Menschen außerhalb dieses Raums beeinflusst und nimmt ihrerseits Einfluss auf andere Heimaten. Der Begriff Topographie steht damit nicht nur für die geographische Begrenzung, sondern auch für die kulturelle und soziale Offenheit oder „Grenzenlosigkeit“ von Heimat. Zweitens beschreibt der Begriff Lebensweise die sozio­kulturelle Vielfalt innerhalb einer Heimat. Der Begriff macht deutlich, dass das Neben­einander und das „Überlappen“ unterschiedlicher Lebensweisen zur Bildung von Heimat führt.

Es gilt nun zu überprüfen, auf welche Weise und wie ausführlich Topographie und Lebensweisen der Heimat in den Ausstellungen der vier Bezirksmuseen dargestellt werden.


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5.7.1.  Topographie

KÖPENICK

In den einzelnen Abteilungen der Dauerausstellung „Von den Anfängen bis zur Gegenwart“ wird die Topographie der Heimat in der Darstellung der Regionalkultur unterschiedlich deut­lich gezeigt. Die Inszenierungen zur Wäschereigeschichte sowie zur Landwirtschaft und Fischerei stellen über Ereignisse (Grenzenzug bei den Fischern) oder kurze Biographien (Wäschereiunternehmer) vereinzelt Bezüge zu Köpenick her, vertiefen diesen lokalen Bezug jedoch nicht. Es geht hier vielmehr um die Darstellung charakteristischer Aspekte der Geschichte. In der Rekonstruktion der Kücheneinrichtung fehlt der topographische Bezug gänzlich. Da hier nicht explizit erwähnt wird, dass es sich hier um die ehemalige Küche des Museumsgebäudes handelt, wird auch der Zusammenhang mit dem Gebäude nicht gezeigt.

Über die Darstellung der Museumsgeschichte sowie der Geschichte des Museumsgebäudes wird die Bedeutung des heutigen Museums in Köpenick dokumentiert. Als einziges der vier untersuchten Museen zeigt das Heimatmuseum Köpenick damit nicht nur die historische Entwicklung seiner Sammlung und dessen Präsentationen, sondern auch die topographische Verankerung in diesem historischen Gebäude. Der Standort des Museums innerhalb des Bezirks wird hier explizit dargestellt. Der historische Überblick im größten Teil der Dauerausstellung stellt an mehreren Stellen die Topographie der Heimat in den Mittelpunkt einer Präsentation; sie wird nicht anhand der heutigen geographischen Grenzen des Bezirks dokumentiert, da die Geschichte Köpenicks als Stadtteil Berlins nur einen kleinen Teil seiner Geschichte ausmacht. Stattdessen wird in der Darstellung der Regionalkultur die geographische Entwicklung des Siedlungsraums Köpenick seit der Steinzeit deutlich. Gleich zu Beginn verortet eine Karte Köpenicker Siedlungen der Stein-, Eisen-, Bronze- und Slawenzeit im gesamten Berlin. Bei den Darstellungen der Funde aus dieser Zeit in diesem Ausstellungskapitel wird jeweils erwähnt, wo die Ausgrabungen stattgefunden haben.

Die wechselnden geographischen Grenzen Köpenicks werden in den folgenden Kapiteln immer wieder angesprochen. „Köpenick wird Stadt“ sowie „Von der Stadt zum Bezirk“ sind Beispiele von Ausstellungsteilen, die über die kulturellen und damit auch geographischen Zentren Köpenicks in verschiedenen Zeiten berichten. Auch die Entwicklung einzelner Dörfer Köpenicks wird geschildert. Teilweise verdeutlichen Karten wie beispielsweise ein Lageplan des Jagdschlosses und eine Situationskarte aus der Zeit Friedrichs II. die wechselnden geographischen Grenzen Köpenicks. Im Flur zwischen zwei Ausstellungsräumen ist die Topographie der Heimat alleiniges Thema und wird mit Hilfe mehrerer Karten präsentiert.

Die in der Wechselausstellung „Wir waren alles einfache Leute - die Geschichte der Zeltstadt Kuhle Wampe“ gezeigte Regionalkultur bezieht sich durchgängig auf einen bestimmten Platz in Köpenick. Dieser gibt auch der Ausstellung ihren Titel und ist Ausgangspunkt für den in einem Kapitel thematisierten Film. Die geographischen Grenzen der Heimat werden deutlich und bestimmen die gesamte thematische Darstellung, zumal nicht nur die Geschichte dieses Ortes, sondern auch die gegenwärtige Beschaffenheit präsentiert wird.

Die Topographie der Heimat zeigt sich teilweise auch in der materiellen Kultur. Ähnlich wie bei den objektorientierten Präsentationen der Dauerausstellungen im Prenzlauer Berg Museum (Ausstellungsmagazin) und im Museum Kreuzberg (offenes Archiv) ergibt sich bei den Abteilungen der Dauerausstellung des Köpenicker Heimatmuseums, die als Inszenierungen gezeigt werden (Geschichte der Wäschereiunternehmen, der Landwirtschaft [Seite 141↓]und der Fischerei), ein indirekter Hinweis auf die Topographie der Heimat; es werden hier Sammlungsschwerpunkte des Museums dargestellt, wobei die Exponate sämtlich aus Köpenick stammen. Die Inszenierungen im Pavillon werden allerdings durch Leihgaben ergänzt, die nicht immer unmittelbar aus dem Bezirk stammen, in jedem Falle jedoch aus der näheren Umgebung.

Die Abteilung der Dauerausstellung zum historischen Überblick präsentiert zum großen Teil Leihgaben bzw. deren Reproduktionen; hier wird also nicht auf die Authentizität der Objekte Wert gelegt, sondern auf deren illustrierende Funktion. Dieser Eindruck wird noch verstärkt durch die gelegentliche Verwendung von Modellen und Puppen, die Architektur und Mode bestimmter historischer Epochen veranschaulichen, ohne authentische Gegenstände bzw. Objekte aus Köpenick zu zeigen. Die Topographie der Heimat wird in diesen Fällen durch die Auswahl der Exponate nicht hervorgehoben.

Die Inszenierung der Wechselausstellung lässt offen, ob es sich um Exponate aus Köpenick handelt. Im Vordergrund steht die illustrierende Funktion der Objekte, die einen Eindruck von der Atmosphäre des Zeltplatzes geben. Isoliert betrachtet stellen die Gegenstände keinen Bezug zur Topographie der Heimat dar. Die übrigen Exponate stammen überwiegend aus der museumseigenen Sammlung und zeigen damit einen indirekten Bezug zur Heimat - dem geographischen Ort, mit dem sie in einem wie auch immer gearteten Zusammenhang stehen, da dieser Zusammenhang die Voraussetzung für die Aufnahme in die Sammlung ist. Die Exponate werden fast durchgängig als Reproduktionen gezeigt, teils auch vergrößert, so dass auch hier die illustrierende Funktion der Exponate im Vordergrund steht. Fotos des Zeltplatzes betonen jedoch vereinzelt die topographische Komponente des Ausstellungs­themas. Sie stellen durch ihren dokumentarischen Charakter einen ähnlichen Bezug zur Topographie her wie viele Exponate der Wechselausstellung des Prenzlauer Berg Museums, die Ansichten des Bezirks zeigen.

PRENZLAUER BERG

Die Topographie der Heimat Prenzlauer Berg wird in der dargestellten Regionalkultur der Wechselausstellung „Komm in den Garten... Kino in Prenzlauer Berg / Prenzlauer Berg im Film“ sehr deutlich dargestellt. Das Thema der Ausstellung wird im Bezirk verortet und durch die geographischen Grenzen des Bezirks umrissen, d.h. es werden keine Bezüge zu anderen Heimaten thematisiert. Nur vereinzelt wird auch die Geschichte Berlins einbezogen, dies spielt jedoch stets nur eine untergeordnete Rolle.

Im Eingangsbereich der Ausstellung wird die geographische Komponente des Themas unterstrichen; Karten des Bezirks ordnen die beiden Hauptthemen - Kinogeschichte und Geschichte des Bezirks als Filmkulisse – einzelnen Plätzen und Adressen in Prenzlauer Berg zu. Diese Betonung der Topographie setzt sich im Rundgang der Ausstellung fort. Anders als in der Wechselausstellung des Kreuzberger Museums wird die Topographie der Heimat nicht über die Darstellung von Biographien erreicht, sieht man von der kurzen Vorstellung zweier Lebensläufe ab. Sie ergibt sich vielmehr aus der geographischen Zuordnung aller angesprochenen Einzelthemen und der entsprechenden Exponate.

Isoliert betrachtet verweisen die Exponate der Wechselausstellung nicht explizit auf die Topographie der Heimat. Der Eingangsbereich kann, wie bereits in der Ausstellung besprochen, als Teil der Ausstellungsarchitektur interpretiert werden. Ist dem Besucher der Bezirk bekannt, erkennt er einzelne Plätze oder Gebäude des Prenzlauer Bergs auf Fotos und [Seite 142↓]Abbildungen. Sonst erschließt sich aus der reinen Anschauung der Exponate die Topographie nur über die Beschriftung bzw. die Präsentationsweise der Objekte.

Die thematische Einteilung des Ausstellungsmagazins wird nur über Karteikarten und Texttafeln deutlich, die am Eingang des ersten Raums in einem Ständer zusammengestellt sind und daher nicht im Vordergrund der Ausstellung stehen. Es wird kein übergreifendes Thema, sondern eine Auswahl der museumseigenen Sammlung ohne direkte inhaltliche Ergänzungen präsentiert. Insofern müssen Topographie und Lebensweisen der Heimat vor allem vor dem Hintergrund der materiellen Kultur betrachtet werden. Die auf den Tafeln beschriebenen Hauptthemen ergeben sich teils aus historischen Perioden. Teils sprechen die Hauptthemen Charakteristika beispielsweise der Industriegeschichte des Bezirks an, die nur im Prenzlauer Berg zu finden sind. Die Topographie der Heimat wird über diese Themen nicht dargestellt. Sie lässt sich allerdings indirekt an den Exponaten erkennen, da diese ausschließlich aus der eigenen Sammlung stammen und in einem topographischen Zusammenhang mit dem Bezirk stehen. Dieser kann dabei sehr unterschiedlich aussehen. Teils wurden die Objekte im Bezirk produziert, teils stammen sie aus anderen Gebieten und repräsentieren auf diese Weise auch die Einflussnahme anderer Heimaten auf die Kultur des Bezirks. Dies wird immer wieder dadurch deutlich, dass die Umstände und der Weg einzelner Objekte in das Museum geschildert werden und einen Teil der jeweiligen Unterthemen ausmachen.

KREUZBERG

Das Thema der Wechselausstellung „Wir waren die ersten...Türkiye´den Berlin´e“ wird nicht in allen Kapiteln ausschließlich auf Kreuzberg bezogen. Im ersten Ausstellungsraum wird an einzelnen Stellen die Migrationsgeschichte Gesamtberlins bzw. Westdeutschlands erwähnt. Die einzelnen Themen verweisen jedoch immer wieder auf Beispiele aus dem Bezirk Kreuzberg. Einzelne Kapitel werden mit Hilfe von Biographien dargestellt, zudem stehen die Friseurstühle mit den Aufzeichnungen mehrerer Interviews von Migranten im Mittelpunkt des ersten Ausstellungsraums. Sowohl über diese biographischen Elemente als auch über die Einschränkung vieler Einzelthemen auf den Bezirk wird Kreuzberg in das Zentrum der Darstellung gerückt; die Berliner Migrationsgeschichte dient dabei als thematischer Hintergrund bzw. als Einstieg in die Ausstellung. Der zweite Ausstellungsraum dagegen geht ausschließlich auf den Bezirk Kreuzberg ein, was schon das Modell des Bezirks deutlich macht, das die Ausstellungsarchitektur bestimmt.

Die topographische Komponente von Heimat ist in der Wechselausstellung in unterschied­licher Weise zu erkennen. Im zweiten Ausstellungsraum beschränkt sich die Darstellung auf den Bezirk Kreuzberg, dieser wird durch das Modell deutlich eingegrenzt, die einzelnen Migrantengruppen bzw. deren Projekte werden verortet. Damit wird Heimat als geographisch begrenzter Ort dargestellt. Im ersten Ausstellungsraum ist die geographische Begrenzung weniger deutlich zu sehen. Der Bezug zum Bezirk wird immer wieder gezeigt, gleichzeitig wird die Bedeutung der Kultur der Migranten in Kreuzberg für Gesamtberlin bzw. umgekehrt der Einfluss Berliner oder deutscher Migrationsbewegungen auf die Kreuzberger Kultur thematisiert. Da zu Beginn der Ausstellung auch die politische und wirtschaftliche Lage in der Türkei zu Beginn der Einwanderungen geschildert wird, kann man hier von einer Präsentation einer Heimat sprechen, die zwar geographisch lokal begrenzt ist, aber erstens Einfluss auf die Kultur anderer Heimaten nimmt und zweitens von anderen Regionalkulturen beeinflusst wird. Diese Zusammenhänge werden nicht explizit benannt, sind aber in den thematischen Perspektiven und den Exponaten bzw. ihrer Präsentation erkennbar.


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Eine weitere topographische Bedeutung von Heimat wird über das Ausstellungsthema selbst angesprochen. Die Migranten werden als Teil der Kreuzberger Bevölkerung geschildert, die die Kultur Kreuzbergs über eine lange Zeit mitprägten und noch immer beeinflussen. Gleichzeitig sind diese Menschen aus der Türkei, einer anderen Heimat, eingewandert und nehmen vor diesem Hintergrund auf eine bestimmte Weise an der Kultur Kreuzbergs teil. Zudem werden auch die bestehenden Verbindungen zwischen Kreuzberger Migranten und der Türkei aufgezeigt, sei es durch die Ausstellung eines Heimweh-Dokumentes, durch die Darstellung türkischer Feste in Berlin oder anderer Themen. Der Einfluss anderer Heimaten auf die Heimat Kreuzberg wird anhand der Biographien sehr deutlich benannt. Insgesamt lässt sich feststellen, dass die topographische Komponente von Heimat in erster Linie über die biographischen Elemente der Ausstellung vermittelt wird.

Die Topographie der Heimat lässt sich nicht nur thematisch, sondern auch teilweise in den Exponaten erkennen. Die biographischen Elemente werden überwiegend mit Hilfe privater Leihgaben dargestellt, deren genaue Herkunft nicht explizit angegeben wird. Aus dem Zusammenhang wird jedoch klar, dass es sich entweder um aus der Türkei mitgebrachte oder in Berlin bzw. Deutschland erworbene Gegenstände handelt. In jedem Falle repräsentieren sie eine Biographie eines Migranten, dessen Heimat jetzt in Kreuzberg liegt. Die Exponate der biographisch geprägten Ausstellungsteile spiegeln die Einflüsse von außen auf die Kreuzberger Heimat wider. So zeigt z.B. ein Heimweh-Dokument die Verbundenheit von in Kreuzberg lebenden Migranten mit der Türkei und gleichzeitig einen Teil der spezifisch ausgeprägten Kultur in Kreuzberg, die u.a. in solchen Gegenständen ihren Ausdruck findet. Solch ein Tonband ist zwar in der Türkei produziert worden, seine kulturelle Bedeutung ist aber nur vor dem Hintergrund der Heimat in Kreuzberg zu erklären.

Die Exponate der übrigen Ausstellungsteile stammen nicht immer nur aus dem Bezirk, insbesondere dann, wenn sie Ausstellungskapitel oder –teile illustrieren, die ein Thema nicht nur auf Kreuzberg beschränken. Dies ist zum Beispiel bei Zeitschriften oder Broschüren der Fall, die die politische und wirtschaftliche Einwanderungsgeschichte aus der Türkei veran­schau­lichen. Die Auswahl der Exponate stimmt hier mit der inhaltlichen Perspektive überein, die die Ausstellung teilweise auch auf die Geschichte Berlins bzw. Deutschlands bezieht.

Bei anderen Exponaten wiederum wird deren Herkunft nicht angegeben; da es sich in der Hauptsache um private Leihgaben handelt, kann man nur vermuten, dass sie einen topographischen Bezug zur Heimat Kreuzberg aufweisen. In jedem Falle wird dieser Bezug nicht thematisiert. Ausnahmen sind hier die wenigen Exponate, die aus der museumseigenen Sammlung stammen und auf die Geschichte sozialer Bewegungen bzw. der Industrie Kreuzbergs verweisen. Isoliert betrachtet lässt sich demnach die Topographie der Heimat, wie sie thematisch oft zu erkennen ist, in den Exponaten kaum wiederfinden.

Im offenen Archiv gibt es kein übergeordnetes Thema, so dass diese Ausstellung inhaltlich nicht hinsichtlich einer Regionalkultur analysiert werden kann. Einzelne Themen ergeben sich lediglich aus den Segmenten der Ausstellung, in denen Exponate isoliert präsentiert und erläutert werden. Mit Hilfe der Exponate wird die Topographie der Heimat ähnlich wie im Ausstellungsmagazin des Prenzlauer Berg Museums nur indirekt gezeigt. Da ausschließlich Objekte aus der museumseigenen Sammlung präsentiert werden, ergibt sich die topographische Komponente von Heimat aus der Tatsache, dass nur dann Objekte in die Museumssammlung aufgenommen werden, wenn sie einen wie auch immer gearteten Bezug zum Bezirk Kreuzberg aufweisen, sei es durch ihre Herkunft, aufgrund ihrer ehemaligen Eigentümer oder aus anderen Gründen. Da die im offenen Archiv dargestellten Geschichten [Seite 144↓]ihren Ausgangspunkt ausschließlich in diesen Exponaten nehmen, ergibt sich daraus zwangsläufig der topographische Bezug der Geschichten zur Heimat. Dieser wird allerdings nicht explizit erwähnt.

NEUKÖLLN

Schon der Titel der Ausstellung „Made in Neukölln“ macht darauf aufmerksam, dass die Topographie der Heimat eine entscheidende Rolle bei der Konzeption spielt; das Thema wird inhaltlich klar durch die Bezirksgrenzen eingeschränkt. Anders als in den vorangegangenen besprochenen Ausstellungen wird die Topographie jedoch nicht über Karten, Modelle oder andere Exponate bzw. Ausstellungsarchitekturen veranschaulicht, sie ergibt sich ausschließlich aus der thematischen Vorgabe. In der Ausstellung werden auch Zusammenhänge zwischen der Heimat Neukölln und anderen Heimaten thematisiert, vor allem im ersten großen Ausstellungsraum. Hier werden die sogenannten global player der Neuköllner Unternehmen vorgestellt, also Firmen, die für einen internationalen Markt produzieren. Dieser erste Raum stellt die Heimat Neukölln nicht nur als geographisch begrenzten Stadtbezirk dar, sondern auch als lokalen Kulturraum, der in bestimmten Branchen eine bundesweite oder internationale Bedeutung hat und auf diese Weise sowohl auf andere Heimaten (von Konsumenten bzw. Abnehmern der Produkte) Einfluss nimmt als auch von diesen (durch eine entsprechende Nachfrage) beeinflusst wird.

Die Wirkung anderer Heimaten auf den Bezirk wird auf andere Weise in einem weiteren Ausstellungsraum deutlich, der nicht mehr existierende oder nicht mehr in Neukölln produ­zierende Unternehmen vorstellt. Die wirtschaftliche Situation in Berlin bzw. Deutsch­land hat Auswirkungen auf den heimatlichen Arbeitsmarkt, in diesen Fällen die Schließung von Unter­nehmen oder Zweigstellen. In anderen Ausstellungskapiteln wird zudem geschildert, wie Firmen auf veränderte wirtschaftliche Bedingungen reagieren, indem sie beispielsweise ihre Produktpalette erweitern oder sich in bestimmten Bereichen weiter spezialisieren. Die Exponate stammen zwar fast ausnahmslos nicht aus der museumseigenen Sammlung, stellen jedoch einen deutlichen Bezug zur Topographie her, da sie alle im Bezirk produziert wurden bzw. Selbstdarstellungen Neuköllner Unternehmen sind. Isoliert betrachtet lassen die Expo­nate diesen Bezug jedoch nicht erkennen, dieser ergibt sich nur im Zusammenhang mit der thematischen Darstellung der Regionalkultur.

5.7.2. Lebensweisen

KÖPENICK

Die Einteilung der Dauerausstellung in mehrere Abteilungen führt dem Besucher neben einem historischen Überblick auch Lebensweisen vor Augen, nämlich Arbeitswelten im Wäschereigewerbe, in der Fischerei und der Landwirtschaft. Außerdem wird mit Hilfe der Kücheneinrichtung ein Teil des Privatlebens um 1900 illustriert und damit auch eine historische Lebenswelt.

Der Überblick über die Geschichte Köpenicks orientiert sich, wie bereits in der Analyse gezeigt, an Charakteristika historischer Perioden der Köpenicker Geschichte. Das erste Kapitel schildert Lebensweisen der Stein-, Bronze- und Eisenzeit nur andeutungsweise, gewährt aber auch Einblick in die Arbeitswelt von Archäologen heute. Hier wird, ähnlich wie [Seite 145↓]in der Wechselausstellung des Prenzlauer Berg Museums im Fall der in der Filmbranche arbeitenden Menschen, eine Wechselwirkung zwischen Lebensweisen angedeutet; hier ist es der Bezirk mit seinen historischen Fundstätten, der Archäologen Arbeitsmöglichkeiten bietet und damit zumindest zeitweise deren Lebensweise beeinflusst.

Im übrigen Teil der Ausstellung werden je nach historischer Periode Lebensweisen verschiedener Bevölkerungsgruppen geschildert, die die Geschichte Köpenicks geprägt haben. Andere Lebensweisen werden im übrigen Teil der Ausstellung unterschiedlich deutlich gezeigt. Für historisch ältere Perioden werden sie lediglich angerissen. So erfährt man beispielsweise im Kapitel über die Besiedlungsgeschichte wenig über die Lebens­weisen der damaligen Bewohner Köpenicks; die Schilderung des 13. Jahrhunderts gibt zumindest Hinweise auf verschiedene Arbeitswelten („Ritter, Kaufmann, Fischer“).

An anderer Stelle wird z.B. kurfürstliches Leben angedeutet, indem Architektur und Inneneinrichtung von Schlössern gezeigt werden. In den übrigen Ausstellungskapiteln findet man allgemein gehaltene Darstellungen der Geschichte von Gewerbe, Industrie, Verwaltung und anderer Themen. Da das Thema nicht ausführlich behandelt wird, sondern der historische Überblick im Vordergrund steht, werden Lebensweisen nicht explizit geschildert, sondern lediglich angerissen. Erst im Kapitel über das 20. Jahrhundert wird teils auch Alltagsgeschichte ausführlicher präsentiert. Da es die Absicht dieser Abteilung der Ausstellung ist, einen historischen Überblick über die Geschichte Köpenicks, angefangen in der Steinzeit, zu geben, werden Lebensweisen selten konkretisiert. Die Inszenierungen über Wäschereiunternehmen, Fischerei und Landwirtschaft sowie die Rekonstruktion einer Kücheneinrichtung stellen dagegen ausführlich Lebensweisen dar.

Die materielle Kultur in der Abteilung der Dauerausstellung, die einen Überblick über die Geschichte Köpenicks bietet, hat zumeist illustrativen Charakter und repräsentiert keine konkreten Lebensweisen. In diesem Sinne ergänzen sie die inhaltliche Darstellung der Regionalkultur und setzen keine neuen Akzente. Anders verhält es sich mit den Exponaten der Inszenierungen und der Rekonstruktion, die jeweils für Arbeitswelten bzw. für eine Seite einer privaten Lebenswelt stehen. Sie vermitteln aus der bloßen Anschauung heraus Eindrücke von Arbeitsvorgängen und –umgebungen verschiedener historischer Perioden. Dies wird dadurch betont, dass zu einem großen Teil Arbeitsgeräte ausgestellt werden, deren Funktion entweder sofort einsichtig ist oder vereinzelt näher erläutert wird.

In der Wechselausstellung zur Zeltstadt Kuhle Wampe steht neben der Topographie eine Lebensweise der Regionalkultur im Vordergrund. Diese wird anhand vieler Vereine und deren historischer Veränderungen dargestellt. Es wird deutlich, dass diese Lebensweise charakteristisch für bestimmte gesellschaftliche Gruppen war und seine besondere Ausprägung in Köpenick bzw. einem besonderen Ort in Köpenick bekam. Die Besonderheit wird zusätzlich dadurch betont, dass ein Film vorgestellt wird, der diese Lebensweise als Ausgangspunkt wählt. Damit wird deutlich, dass die geographisch lokal begrenzte Lebensgestaltung auch außerhalb der Heimat bekannt war und Einfluss auf andere Lebensweisen nahm. Der Film wiederum hat das Bild der Heimat durch weitere Perspektiven erweitert.

In der Wechselausstellung wird die thematisierte Lebenswelt durch Exponate nicht ausführlicher dargestellt oder vertieft, sondern illustriert. Lediglich die Inszenierung vermittelt einen Eindruck von der Atmosphäre des Zeltplatzes, wobei hier die Objekte keinen direkten Bezug zur spezifischen Lebensweise in diesem Teil Köpenicks zeigen, sondern allgemein einen Zeltplatz zur thematisierten Zeit darstellen.


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PRENZLAUER BERG

Die Wechselausstellung zu Kino und Film in Prenzlauer Berg präsentiert die Regionalkultur nicht als ein Nebeneinander von Lebensweisen. Zwei Biographien von Filmemachern deuten eine Arbeitswelt an, stehen jedoch nicht im Vordergrund der Ausstellung. Der erste Teil des Rundgangs zeigt den Bezirk als Arbeitsplatz für Menschen, die in der Filmbranche arbeiten, z.B. als Regisseur, Kameramann oder Schauspieler. Hier wird indirekt auch die Wechsel­wirkung mit anderen Lebensweisen außerhalb dieser Heimat angerissen: in der Filmbranche arbeitende Menschen nutzen den Prenzlauer Berg als Arbeitsort, dies jedoch nur temporär für einzelne Filmprojekte; sie sind demnach nicht notwendigerweise Einwohner des Bezirks. Diese Lebensweisen als Arbeitswelten werden im zweiten Teil der Ausstellung durch die Darstellung des Bezirks als Standort der Filmindustrie ergänzt. In diesem Falle sind die Lebensweisen über längere Zeit mit der Heimat verbunden und beschränken sich nicht nur auf einzelne Filmproduktionen. Der zweite Teil der Ausstellung thematisiert, dass der Prenzlauer Berg durch seine Kinolandschaft ein attraktiver Ort der Freizeitgestaltung ist. Neben den Arbeitsplätzen in der Filmbranche werden hier weitere Möglichkeiten gezeigt, wo und wie sich Lebensweisen, in diesem Fall auf die Freizeit bezogen, bilden können. Zudem sind auch mit den Kinos Arbeitsmöglichkeiten verbunden.

Die Exponate der Wechselausstellung haben vor allem dokumentarischen Charakter. Sie veranschaulichen im ersten Teil des Rundgangs Produktion und Thematik verschiedener Filme, die im Bezirk gedreht wurden, und geben damit Einblick in mögliche Arbeits- und damit Lebensweisen der Heimat. Andere Exponate, die nicht diesen dokumentarischen Charakter haben, zeigen dies innerhalb von Inszenierungen. Im zweiten Teil der Ausstellung illustrieren die Exponate die Kinogeschichte des Bezirks und damit einen Teil der Freizeitkultur des Prenzlauer Bergs. In beiden Teilen sind demnach verschiedene Lebensweisen der Heimat in den Objekten zu entdecken, unabhängig von der Art ihrer Präsentation.

Für die gesamte Ausstellung gilt, wie bereits in der Analyse besprochen, dass viele Exponate zusätzliche Informationen zu Texttafeln und anderen Präsentationen liefern. Abgesehen von der Anschaulichkeit der Fotos und Abbildungen weisen viele Objekte wie Zeitschriften oder andere Dokumente einen hohen informativen Charakter auf. Vor allem im zweiten Teil der Ausstellung werden dadurch auch Lebensweisen erläutert, ohne dass eine besondere Präsentationsform diese Funktion der Exponate unterstützt.

Im Ausstellungsmagazin geben aus der bloßen Anschauung Exponate Hinweise auf die oben geschilderten Unterthemen und damit verschiedene Lebensweisen. Ähnlich wie im offenen Archiv des Kreuzberger Museums wird hier die Vielfalt der Lebensweisen im Bezirk deutlich; die wechselseitigen Beziehungen werden dagegen nicht herausgearbeitet. Thematische Zusammenhänge können teilweise über die Karteikarten erschlossen werden, so dass sich ein Bild der Heimat ergibt, das nicht nur über historische Abschnitte, sondern auch über Lebensweisen geschildert wird. Diese Zusammenhänge sind jedoch in den Karteikarten „verborgen“ und bestimmen nicht das Gesamtbild des Ausstellungsmagazins.

Während im offenen Archiv des Kreuzberger Museums Zusammenhänge zwischen Lebensweisen nicht thematisiert werden, gibt das Ausstellungsmagazin des Prenzlauer Berg Museums dem Besucher zumindest die Möglichkeit, einige thematische Verbindungen zu erarbeiten. Die Hauptthemen des Ausstellungsmagazins schildern teilweise Arbeitswelten, die Unterthemen neben diesen z.B. anhand von Einrichtungsgegenständen auch Bereiche des [Seite 147↓]Privatlebens sowie andeutungsweise auch politisches Leben in der DDR. Diese Themen stehen wie die Regionalkultur insgesamt nicht im Vordergrund, sondern erläutern die Exponate. Verschiedene Lebensweisen in der Heimat beispielsweise von Gewerbetreibenden oder Privatpersonen werden im Ausstellungsmagazin also versteckt auf Karteikarten geschil­dert, stehen aber nicht im Mittelpunkt.

KREUZBERG

Die Einteilung der Wechselausstellung zur türkischen Immigration in Kapitel ist gleichzeitig eine Einteilung in verschiedene Lebensweisen des Bezirks. Das Engagement von Migranten im Arbeitsleben, im Sport, in verschiedenen kulturellen und politischen sowie in privaten Bereichen wird hier thematisiert. Die Ausstellung zeigt dadurch, dass sich Heimat in politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Themen wiederfinden lässt. Sie macht deutlich, dass sich Bewohner des Bezirks in unterschiedlicher Weise in ihrer Heimat bewegen und diese beeinflussen. In der Ausstellung werden diese Lebensweisen zwar einzeln präsentiert, doch nicht strikt voneinander getrennt. Die Einteilung der Ausstellung erlaubt es, dass sich der Besucher frei zwischen den einzelnen Kapiteln bewegen kann.

Zudem stellt die Ausstellung eine Gemeinsamkeit dieser Lebensweisen dar: sie werden alle durch türkische Immigranten geschaffen und beeinflusst. Somit präsentiert die Ausstellung neben den einzelnen Lebensweisen von Migranten, die sich aus deren Arbeit, Freizeit und im Privatleben ergeben, auch insgesamt die Lebenswelt türkischer Einwanderer und deren Nachfahren in Kreuzberg. Heimat wird hier zunächst in eine Lebenswelt eingeteilt, die sich aus der ethnischen Herkunft der Menschen ableitet, die sich innerhalb dieser Lebenswelt bewegen. Daraufhin wird diese weiter unterteilt in mehrere Lebensweisen oder –bereiche. Die Überschriften und Präsentationen der Ausstellungskapitel machen jeweils deutlich, worin das Charakteristische der Lebensweisen besteht.

Die Lebensweisen der Heimat sind in den Exponaten der Wechselausstellung aus der bloßen Anschauung heraus zu erkennen, da diese aus reiner Anschauung mit Tätigkeiten im Berufs­leben oder in der Freizeit und damit mit verschiedenen Lebensbereichen in Verbindung gebracht werden können. Dies gilt nicht nur für die Exponate, die einzelnen Biographien zugeordnet werden und damit für die Lebenswelt der jeweiligen Personen stehen, sondern auch für die übrigen Objekte, die bestimmte Bereiche des kulturellen Lebens in der Heimat repräsentieren.

Im offenen Archiv schildern die in den einzelnen Segmenten über Einzelexponate oder kleine Ensembles dargestellten Geschichten alle völlig unabhängig voneinander unterschiedliche Lebensweisen. Zum einen wird hier die Vielfalt der Lebensweisen in der Heimat gezeigt, zum anderen jedoch wird ein Zusammenhang zwischen diesen Bereichen nicht dargestellt.

NEUKÖLLN

Lebensweisen werden in der Ausstellung „Made in Neukölln“ ausschließlich als Arbeitswelten gezeigt. Konkretisiert werden diese nicht, da die Produkte der Firmen und Unternehmen im Vordergrund stehen. Zusätzliche Informationen beziehen sich auf Strategien angesichts wirtschaftlicher oder struktureller Veränderungen und geben keine Auskunft über die Beschaffenheit der Lebensweisen. Vereinzelt wird auf einzelne Personen eingegangen; die Darstellung ihrer Biographien beschränkt sich auf betriebswirtschaftliche Aspekte. Lediglich [Seite 148↓]die Porträts von Lehrlingen im Eingangsfoyer vermitteln einen näheren Eindruck der Menschen innerhalb der Arbeitswelten.

Vereinzelt werden Beziehungen zwischen einzelnen Arbeitswelten gezeigt, durchgehend wird der Einfluss anderer Lebens- bzw. Arbeitswelten auf die Regionalkultur dargestellt. Auch der Einfluss lokaler Lebensweisen auf andere wird thematisiert, indem immer wieder auf die wirtschaftlichen Verflechtungen und gegenseitigen Beziehungen hingewiesen wird. Über den Begriff „global player“ in einem Ausstellungsraum wird die globale Bedeutung von Lebens­gestaltungen der Heimat in den Vordergrund gestellt.

Die Exponate sind zum großen Teil Produkte von Arbeitsvorgängen und stellen konkrete Bezüge von Arbeitswelten zu anderen Lebensweisen dar, vor allem im privaten oder alltäglichen Bereich. Isoliert betrachtet ergibt sich dieser Bezug der Objekte nicht, sondern erst im Zusammenhang mit dem Ausstellungsthema und seiner Präsentation. Die Auswahl der Exponate macht die wechselseitigen Beziehungen zwischen Arbeits- und anderen Lebens­weisen (z.B. über Gegenstände des Privatlebens oder Produkte, die in der Freizeit genutzt werden) deutlich, die über die thematische Darstellung nicht gezeigt werden. Die themati­sierte Regionalkultur wird in diesem Fall durch die materielle Kultur deutlich erweitert; die Exponate präsentieren vor allem das Nebeneinander verschiedener Lebensweisen.

5.7.3. Zusammenfassung

Der Heimatbegriff, wie er in dieser Arbeit formuliert wird, findet sich in den Ausstellungen unterschiedlich deutlich wieder. Die Analyse hat deutlich gemacht, dass sowohl die jeweils dargestellte Regionalkultur als auch die präsentierten Objekte nur einzelne Aspekte von Heimat zeigen.

Die topographische Komponente von Heimat, also einerseits die geographische Begrenzung und andererseits die soziokulturelle Offenheit einer regionalen Kultur, wird durch die Darstellung der Regionalkultur teils deutlich, teils nur indirekt angedeutet. Sehr deutlich zeigt sich die Topographie in den Wechselausstellungen des Prenzlauer Berg Museums und des Heimatmuseums Köpenick, in der Jahresausstellung des Heimatmuseums Neukölln, wobei hier die Topographie nicht über Karten oder Modelle veranschaulicht wird, sowie im zweiten Raum der Wechselausstellung des Kreuzberg Museums. Im ersten Raum dieser Ausstellung wird die Heimat thematisch nicht deutlich geographisch eingegrenzt und zeigt dabei gleichzeitig die Einflüsse anderer Heimaten auf die Regionalkultur.

Die größte Abteilung der Dauerausstellung im Köpenicker Museum zeigt die historischen Veränderungen der geographischen Grenzen und im Eingangsbereich des Museums dessen topographische Verankerung im Bezirk. Im Ausstellungsmagazin des Prenzlauer Berg Museums sowie im offenen Archiv des Museums Kreuzberg, wo die museumseigene Sammlung den Ausgangspunkt der Konzeption bildet, wird die Regionalkultur nicht oder nur im Hintergrund gezeigt. Die Topographie der Heimat wird hier nicht thematisiert.

Die materielle Kultur zeigt, isoliert betrachtet, Topographie und Lebensweisen der Heimat weniger deutlich als die dargestellte Regionalkultur. Eine Topographie ist im allgemeinen nur indirekt dann zu erkennen, wenn Objekte der eigenen Sammlung gezeigt werden; hier wird der Bezug nur über die Sammlungskonzepte der Museen deutlich, die nicht allen Besuchern bekannt sind und in den Ausstellungen nicht thematisiert werden. Dieser indirekte Hinweis ist insbesondere im Prenzlauer Berg Museum (Ausstellungsmagazin), Kreuzberg Museum [Seite 149↓](offenes Archiv) und im Heimatmuseum Köpenick (Wechselausstellung sowie Insze­nierungen der Dauerausstellung) zu erkennen. Das Neuköllner Museum macht vor dem Hinter­grund der dargestellten Regionalkultur ebenfalls diesen Bezug deutlich, da alle Expo­nate aus dem Bezirk stammen und nach Ablauf der Ausstellung in die eige­ne Sammlung integriert werden. Kaum oder gar nicht erschließt sich die Topographie der Heimat über die Exponate der Wechselausstellungen der Museen in Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Köpenick sowie im historischen Überblick im letzteren Museum.

In den präsentierten Regionalkulturen werden neben der Topographie auch Lebensweisen der Heimat dargestellt. So sind die Hauptthemen der Wechselausstellungen in den Museen in Prenzlauer Berg, Köpenick und der Jahresausstellung in Neukölln als Lebensweisen zu interpretieren, entweder als Arbeitswelten oder im Bereich der Freizeitgestaltung. Einzelne Abteilungen der Kreuzberger Wechselausstellung sowie der Köpenicker Dauerausstellung stellen ebenfalls Lebensweisen dar. Lediglich angedeutet werden sie im Ausstellungsmagazin im Prenzlauer Berg und in der Darstellung des Überblicks über die Köpenicker Geschichte.

Lebensweisen sind aus der alleinigen Anschauung der Exponate häufiger zu erkennen; sie zeigen sich in den Inszenierungen der Dauerausstellung in Köpenick, in der Kreuzberger Wechselausstellung und im offenen Archiv, in der Wechselausstellung des Prenzlauer Berg Museums und – als Unterthemen – im Ausstellungsmagazin, wobei hier teils auch das Nebeneinander und die Vielfalt der heimatlichen Lebensweisen deutlich werden. Zusammenhänge zwischen Lebensweisen innerhalb der Heimat werden im Ausstellungs­magazin in Prenzlauer Berg über die Zuordnung mit Hilfe der Karteikarten indirekt angedeutet oder in der Ausstellung des Neuköllner Museums an wenigen Stellen angerissen; die Lebensweisen sind hier allerdings nur vor dem Hintergrund der thematisierten Regional­kultur zu erkennen und ergeben sich nicht aus der isolierten Betrachtung der Exponate. Die Gegenstände des Ausstellungsmagazins im Prenzlauer Berg Museum sowie die Objekte, mit deren Hilfe Biographien in der Wechselausstellung des Kreuzberg Museums dargestellt werden, zeigen teilweise die Einflüsse anderer Heimaten auf die jeweilige Regionalkultur.


Fußnoten und Endnoten

196 Die Funktion musealer Objekte als Bedeutungsträger macht nach Waidacher „den so unverwechselbaren Zauber des Museums aus“, die „intensive Auseinandersetzung mit diesem Thema“ hält er „für die eigentliche Überlebensfrage der Museen überhaupt“(2000b: S. 5).

197 „[...] the thingliness - the materiality of the ´antiquities´, the ´relics´, the ´things´ - […] constitutes the unique­ness and reputation of the museum” (Korff 1999: S. 268).

198 

Teufel 2001: S. 11. Dabei wurden Ausstellungen in ihrer Vielfältigkeit und Komplexität bisher wenig erforscht, weswegen die Möglichkeiten dieses Mediums noch unterschätzt werden (ibid.). Die Arbeit soll in dieser Hin­sicht einige Möglichkeiten des Mediums Ausstellung aufzeigen. John bemerkt dazu, dass die „professionelle Kernkompetenz des Museumspersonals“ im „Ausstellungsmachen, nicht in der Reproduktion von Katalogen, der Gestaltung von CD-ROMs oder Internetauftritten“ liegen muss (2001: S. 43)

Korff spricht von einem „historical shift in emphasis from depositing to expositing“, der zum Teil für die „current trendiness“ der Museen verantwortlich ist (Korff 1999: S. 270).

199 Siehe für eine kurze Einführung in die Geschichte und heutige Konzeption des Museums die Homepage <http://www.heimatmuseum-koepenick.de> sowie für eine Übersicht über die Geschichte Köpenicks den Katalog der Dauerausstellung (Bezirksamt Treptow-Köpenick von Berlin/ Heimatmuseum Köpenick 2001).

200 Lüdersdorf 1991a: S. 92.

201 Roesner 1971: S. 10.

202 Das Kabinett sollte „Wissen über die Heimatgeschichte Köpenicks vermitteln und zur aktiven Mitarbeit anregen“ (Roesner 1971: S. 6).

203 Lüdersdorf 1991b: S. 41.

204 Da zur Konzeption des Museums wenig veröffentlicht wurde, stützt sich diese Darstellung in der Hauptsache auf mündliche Aussagen des Museumsleiters (Interview vom 13.6.2002 mit Herrn Sprink).

205 Innerhalb der Analyse wird ausführlich auf die inhaltliche Gestaltung der Ausstellungen eingegangen.

206 Dies ist notwendig, da diese inhaltliche Lücke von vielen Besuchern schon als Defizit empfunden wird (Interview Sprink).

207 In der nach 1945 als Köpenicker Blutwoche bezeichneten Woche vom 21. bis 26. Juni wurden mehrere hundert politische Gegner von der SA aus ihren Wohnungen geholt, in die SA-Sturmlokale geschleppt und dort misshandelt.

208 Die Ausstellung „Wir waren alles einfache Leute – Die Geschichte der Zeltstadt Kuhle Wampe“ war von Mai bis September 2001 zu sehen; siehe Schmidl 2001.

209 Diese Leihgaben haben nach der Interpretation eines Mitarbeiters des Museums für Vor- und Frühgeschichte das Ziel, „die Position der Heimat- und Bezirksmuseen zu stärken und den Menschen ihre Heimatgeschichte die eben auch bis in vorgeschichtliche Zeit zurückreicht, vor Ort zu präsentieren“; siehe für einen Überblick über Archäologie in den Berliner Heimatmuseen Neumayer 2002 (hier S. 24). Da einige der archäologischen Funde in Fachkreisen als Sensation gelten, wurde in Köpenick 1999 eine Jahrestagung von Archäologen abgehalten; siehe dazu Schmidl 1999b und 1999c.

210 Guhr 1991: S. 88.

211 Schomburg 1975.

212 Siehe Behrend/ Malbranc 1928.

213 Grosinski 1997: S. 194. Anlass für die Institutionalisierung der Kabinette war die 750-Jahr-Feier Berlins; siehe dazu auch Theiselmann 1997: S. 64. Zur Entstehung der Traditionskabinette und ihrer Beurteilung siehe das Kapitel über die Geschichte des Museumswesen der DDR.

214 Guhr 1991: S. 90.

215 Kiupel 1988.

216 Kulturhaus im Ernst-Thälmann-Park, o.J.

217 Interview mit Herrn Raben (ehemaliger Leiter des Heimatgeschichtlichen Kabinetts Prenzlauer Berg) am 19.7.2001.

218 Flierl 1992: S. 12f.

219 Schönfeld 1992: S. 96f.

220 Flierl 1992: S. 22; Schönfeld (1992: S. 95) merkt dazu an, dass bei der Entfernung der Porträts offenbar die darunter liegende Autobiographie Honeckers übersehen wurde, die weiterhin in der Ausstellung verblieb.

221 Ursprünglich sollte die Mahn- und Gedenkstätte erhalten bleiben, ein Hinweis darauf findet sich bei Grubitzsch (1995: S. 26).

222 Grosinski 1997: S. 215. Diese kommentierte Ausstellung wurde vom Kulturamt in Zusammenarbeit mit dem Aktiven Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. erarbeitet. Siehe zu einer Beschreibung dieser Ausstellung Schönfeld 1992: 97-102 und Flierl u.a. 1992.

223 Für die Ausstellung vor dem Herbst 1989 galt daher die Bestimmung, dass die Mitarbeiter des Traditions­kabinetts auch als Waffenwarte fungierten und somit einen Waffenschein besitzen mussten. Siehe Flierl 1992: S. 21.

224 Die Darstellung der heutigen Konzeption des Museums nimmt , wenn nicht anders angegeben, Bezug auf mündliche Aussagen des Museumsleiters, Herrn Roder (Interview am 14.5.2002). Die Darstellung bezieht sich wie bei allen anderen Museen auf das Jahr 2001, also vor der Zusammenführung der meisten Berliner Bezirke, in diesem Falle Prenzlauer Berg, Pankow und Weißensee. Siehe für eine kurze Übersicht zur heutigen Museumsarbeit auch <http://www.kulturamt-pankow.de/veranstaltungsorte/prenzlauerbergmuseum>

225 Die Wechselausstellung wurde von 6. Mai bis 2. Dezember 2001 gezeigt. Siehe für Besprechungen dieser Ausstellung Breithaupt 2001; Westphal 2001. Siehe auch den Katalog der Ausstellung (Kulturamt Pankow / Prenzlauer Berg Museum 2001), der u.a. ausführliche Beschreibungen der Filme sowie Interviews mit zwei Regisseuren enthält.

226 Durchgängig in der Ausstellung werden bei Fotos immer die aktuellen Adressen genannt, die zu sehen sind; bei Szene- und Werkfotos werden zusätzlich auch die Darsteller erwähnt.

227 Im Katalog wird diese Atmosphäre genauer beschrieben: „Es sind die beiläufigen Momente, eine Drehung des Körpers, eine Geste, ein tänzelnder Schritt auf der Straße oder eine bestimmte Lichtstimmung am Morgen vor den Fenstern der Altbauwohnung [...]“ (Warnecke 2001: S.74).

228 Wobei sich z.B. das Problem der Kennzeichnung der einzelnen Ortsteile ergeben wird (Mündliche Auskunft des Museumsleiters, Interview 14.5.2002).

229 Im Jahr 2001 waren die Tafeln zu den Themen „Mühlen“, „Friedhöfe“, „Verkehr“, Handel und Gewerbe“, „Nationalsozialismus“, „DDR“, „Freizeit“ und „Alltag“ in Vorbereitung .

230 Interview mit Herrn Roder am 14.5.2002.

231 Da kein Katalog oder andere Unterlagen die Ausstellung dokumentieren, basieren die Angaben zur Ausstellung auf Notizen des Autors, der an der Vorbereitung und Betreuung der Ausstellung beteiligt war.

232 Siehe hierzu den Begleitband zur Ausstellung (Bezirksamt Marzahn zu Berlin 1999).

233 Siehe hierzu Jacob / Schröder 1999.

234 Siehe auch den Begleitband zur Wechselausstellung (Blask 1999).

235 Andere Ostberliner Bezirksmuseen verweisen bei Nachfragen zum Thema DDR-Alltag teilweise auf dieses Dokumentations­zentrum, das eine umfangreiche Sammlung von Alltagsgegenständen der DDR besitzt und Ausstellungen zu diesem Thema zeigt.

236 Die Ausstellung wird beschrieben unter <http://www.alltagskultur-ddr.de> und wurde u.a. auch im Textilmuseum Crimmitschau, im Stadtmuseum Wolfsburg und im Dominikanerkloster Prenzlau gezeigt.

237 Siehe auch den Katalog zur Ausstellung (Friedrich u.a. 1997).

238 Siehe hierfür beispielhaft Kuhn / Ludwig 1997.

239 Der jetzige Leiter des Museums hat bereits einige Jahre vor der Gründung des Museums die Geschichte der Sammlung aufgearbeitet. Siehe dafür Düspohl 1983a.

240 1965 wurde dann das „Berlin-Museum“ in Westberlin gegründet, zunächst provisorisch, ab 1969 in festen Räumen.

241 Für eine ausführliche Besprechung einer Ausstellung aus dieser Zeit siehe Ropohl 1982. Zur Situation des Archivs in den achtziger Jahren siehe auch Düspohl 1983b, für eine Übersicht über die Ausstellungen in dieser Zeit Düspohl 1989.

242 Die Darstellung der Konzeption des Museums Kreuzberg stützt sich zum großen Teil auf Aussagen des Museumsleiters (Interview mit Martin Düspohl am 28.6.2001).

243 Die Dokumentation von Technikgeschichte ist Aufgabe des Technikmuseums, das sich ebenfalls im Bezirk befindet.

244 Siehe hierzu auch Düspohl 1990: S. 39.

245 Die Ausstellung war von November 2000 bis März 2002 zu sehen und ist ein Projekt des Kotti-Nachbar­schafts- und Gemeinwesenvereins am Kottbusser Tor und des Bezirksamtes Kreuzberg von Berlin, Abteilung Jugend, Bildung und Kultur/ Kunstamt/ Kreuzberg Museum. Sie entstand in Zusammenarbeit mit zahlreichen Initiativen und Vereinen. Siehe für eine Zusammenstellung der Ausstellungstexte und Fotos der Ausstellung: Verein zur Erforschung und Darstellung der Geschichte Kreuzbergs e.V. 2001; für eine ausführliche Be­sprechung einer der in der Ausstellung vorgestellten Biographien Kleffner 2001.

246 Diese Perspektive wird beim Lesen der Texte jedoch nicht deutlich und in der Ausstellung nicht erwähnt, sondern ist nur auf Anfrage zu erfahren (Interview Düspohl 28.6.2001).

247 Die Leihgeber werden nur dann erwähnt, wenn die Objekte im direkten Zusammenhang zur Biographie des Leihgebers stehen, die im entsprechenden Ausstellungskapitel erzählt wird.

248 Die geographische Herkunft der Exponate wird im ersten Ausstellungskapitel nicht im einzelnen erwähnt, da es offensichtlich ist, dass sie aus Berlin bzw. Kreuzberg stammen.

249 Zum Gründer des Heimatmuseums im damaligen Rixdorf, heute Neukölln, siehe Rogler 1997.

250 Paul 1997: S. 18.

251 Fischers Auslegung von Fortschritt wurde von Zeitgenossen als sehr konservativ interpretiert. Charakte­ri­stisch für Fischer war ein undifferenzierter „kollektiver“ Sammlungsbegriff, da das zu erschließende Samm­lungs­potenzial so groß war, dass eine differenzierte Arbeit an einzelnen Objekten nicht möglich und auch nicht beabsichtigt war. (Bönisch 1997: S. 92 und 94).

252 Siehe zur Geschichte des Heimatmuseums Neukölln Paul 1997, hier S. 19f.

253 Beispiele von Erwerbungen in dieser Zeit führt Paul (1997: S. 29) auf.

254 Das heutige Konzept wird, wenn nicht anders angegeben, nach mündlichen Aussagen des Museumsleiters vorgestellt (Interview mit Udo Gößwald am 14.5.2002). Siehe für eine kurze Übersicht der Museumsarbeit und zu den vergangenen Ausstellungen auch <http://www.museum-neukoelln.de> .

255 Thamm 1991: S. 17.

256 Bönisch 1997: S. 93.

257 In Gesprächen „enthüllen sich“ nach der Erfahrung des Museums „eine Fülle von Bedeutungen oder auch verschiedene Erinnerungswelten“; die musealen Objekte sind „im wahrsten Sinne des Wortes Erinnerungsstücke der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben einer Region“ (Gößwald 1991: S. 9).

258 Gegenwart findet „nur rückwirkend über Erinnerungen, die an aufgehobene historische Objekte geknüpft sind, ihren Eingang ins Museum“ (Thamm 1991: S. 17). Siehe zum kulturellen Wert von Gegenständen Bönisch 1997.

259 Siehe dazu Cohn/ Gößwald 1988 (S. 95); diese Methode wird auch im Tagungsband „Experiment Heimat­museum“ beschrieben (Bätz / Gößwald 1988); siehe auch Paul 1997: S. 40 und Kolland 1988: S. 27.

260 Das Museum ist ein „prädestinierter Ort der Erinnerung“, es bietet „Raum für die Präsentation verschiedener Fragmente, die Geschichte permanent (re-)konstruieren“ (Gößwald 1991: S. 8).

261 Gößwald 1991: S. 9. Diese am Menschen orientierte Museumsarbeit hat Tradition am Neuköllner Museum: der nach 1946 hauptamtliche Leiter des Museums Schmidt begann, eine erste Stammkartei der siedlungs­geschichtlich wichtigsten Eigentümer anzulegen; diese Familien- und Personenforschung ist bis heute ein wichtiger Aspekt der Museumsarbeit, da hier Stadtgeschichte „als ein von Menschen betriebener Prozess und nicht nur als baulich festgewordene Tatsache begriffen“ wird; siehe hierzu Bönisch 1991(hier S. 96).

262 Gößwald 1997: S. 8

263 „Kahlschlagsanierung, Arbeitslosigkeit, Umweltzerstörung und atomare Bedrohung führen zur Erosion von Gefühlen und realen Bedingungen, die mit ´Heimat´ verknüpft sind. In mancher Hinsicht sind Museen schon jetzt Fluchtburgen ´auf der Suche nach der verlorenen Zeit´“ (Gößwald 1988: S. 15).

264 Gößwald 1997: S. 11. Das Konzept des Museums bezeichnet der Museumsleiter auch als „anthropologische Perspektive“: der Mensch mit seiner subjektiven Erfahrung steht im Mittelpunkt der Museumsarbeit, nicht die Geschichte der Region als objektiver Faktor, wie noch zu Zeiten des Museumsgründers Fischer und seines Nach­folgers Schmidt (ibid.).

265 So die mündliche Aussage des Museumsleiters am 2.5.2002: zu dem Zeitpunkt hatte das Museum diese Ansicht dem Kulturamt dargelegt und stand davor, einen entsprechenden Antrag an die Bezirksverordneten­versammlung zu stellen. Bis Herbst 2003 war im Kulturamt noch nicht über die Antragstellung entschieden worden (mündliche Auskunft Gößwald, 29.9.2003).

266 Siehe auch den Katalog der Ausstellung (Gößwald 2001) und für Besprechungen der Ausstellung Strauss 2001, Töns 2001 und Haferkamp 2002.

267 Die Szenenfotos entstammen der Stiftung Deutsche Kinemathek, was nur über den Katalog zu erfahren ist.

268 Die Hintergrundinformationen über Objekte sind jeweils bekannt, wurden aber in diesem Falle bewusst weggelassen (Interview Gößwald 14.5.2002).

269 Es handelt es sich um eine Auftragsarbeit des Museums an eine Fotografin, deren Werke nach der Aus­stellung in die Sammlung des Museums aufgenommen werden (ibid.).

270 Gößwald 2001: S. 103-110.

271 Dieses Beispiel wird weiter unten noch einmal aufgegriffen, wenn der Zusammenhang zwischen Katalog und Ausstellung betrachtet wird.

272 Die Verfremdung des Exponates wurde schon an anderer Stelle erwähnt.

273 Siehe dazu Geyler 2001: S. 93 (Fn. 19); zum zukünftigen Wechselspiel zwischen Unternehmensinteressen und Gesundheitsschutz bemerkt Geyler: „Die Cowboys im gut bekannten Werbefilm jedenfalls trinken Kaffee. Dass sie dazu rauchen müssen, ist noch nicht gesagt.“ (S. 93).

274 Gößwald 2001: S. 97.

275 Das Unternehmen bezieht seinen Fisch aus Dänemark, Norwegen, den USA, Japan und Israel (Stahr 2001: S. 94).

276 Stahr 2001: S. 94.

277 Siehe hierfür die Beschreibung des aktuellen Konzepts zu Beginn dieses Kapitels.

278 Siehe für eine Übersicht über Forschung über materielle Kultur den von Kingery herausgegebenen Band (1996), insbesondere Kingery 1996a; Prown 1996: S. 19-22.

279 Dieser Werdegang wird auch Formationsprozess genannt und kann bei einer genauen Analyse Verbindun­gen zwischen vergangenen Aktivitäten, die im Zusammenhang mit Artefakten stattgefunden haben (Herstel­lung und Gebrauch der Objekte), und der heutigen Bedeutung der Artefakte aufzeigen. Siehe für ein Modell, das Objekte, in denen sich bestimmte Verhaltensmuster manifestieren, als „scale“ und deren Variationen als „scope“ be­schreibt, Schiffer 1996.

280 Siehe zu solchen Modellen den von Susan M. Pearce herausgegebenen Band (1994), insbesondere die Artikel von Batchelor, Elliot u.a., Pearce und Prown.

281 Für eine allgemeine Einführung in die materials science siehe Kingery 1996c, für eine genauere Betrachtung der Strukturen der entstandenen Artefakte Kingery 1996b.

282 Hierauf weist Prown (1996: S. 23-27) hin.

283 Siehe hierzu Taborsky 1990, der in diesem Zusammenhang von einem sozialen Diskurs spricht, der die Zu­wei­sung und den Gebrauch von Bedeutungen regelt.

284 Pomian 1988: S. 56.

285 

Auf diesen Aspekt weist Haubl (2000) hin, der zwischen kognitiven, instrumentalen, kommunikativen, regulativen und emotionalen Handlungsaspekten unterscheidet und besonders letztere auf ihre identitäts­stiftenden Dimensionen hin untersucht. Ein Beispiel für einen „Verhaltensrahmen“ sozialer Aktionen, die sich auf den Gebrauch von Objekten beziehen, beschreibt Pearce 1994b.

Für Haushaltsgegenstände haben Csikszentmihaly und Rochberg-Halton (1981) festgestellt, dass Objekte für die Beziehung des Menschen zu sich selbst, zu seinen Mitmenschen und zur Welt insgesamt bedeutsam sind und grundsätzlich auf zwei Arten beschrieben werden können: entweder dienen sie der Integration oder der Unter­scheidung (S. 38).

286 Sabean (1993) interpretiert Konsum als „heimliche“ oder „andere“ Form von Produktion, nämlich der Produktion von Sinn.

287 Zu dieser Einschätzung siehe Taborsky 1990.

288 Siehe für eine Übersicht neuer museologischer Theorien van Mensch 1990.

289 Bei ethnographischen Sammlungen liegt dieser Zeitpunkt während der Sammlung „im Feld“; siehe zur Bedeutung von „formation processes“ ethnographischer Sammlungen Fowler/ Fowler 1996. Siehe für diesen Punkt im Zusammenhang regionalhistorischer Museen Gößwald 1991.

290 Beutelspacher 1993: S. 80.

291 Eine Auswahl der jüngsten Forschungen auf diesem Gebiet aus unterschiedlichen Fachdisziplinen nennen Hartmann und Haubl (2000: S. 8); auf die historisch revolutionäre Bedeutung der großen Vermehrung indu­strieller Alltagsdinge weist Ruppert (1993a) hin; dieser geht an anderer Stelle auch auf die Geschichte der Er­forschung der Alltagsdinge und ihre Bedeutung innerhalb der Kulturgeschichtsforschung insgesamt ein (1993b). Siehe für Beispiele autobiographischer Zeugnisse, die zur Erforschung materieller Kultur dienen, König (2000, hier S. 72). Dabei kehrt König den „gängigen musealen Analyseschritt von den Dingen zu den Menschen, vom Text zum Kontext, von der materiellen zur ideellen Kultur“ um und geht vom Kontext aus, um auf den Text, die materielle Kultur zu schließen; im Mittelpunkt steht hier die „Eigenbedeutung der Dinge im subjektiven Sinn“ (S. 73).

292 Hooper-Greenhill (1992: S.5ff.) stellte aufgrund einer genauen Analyse der Museumsgeschichte fest, dass sich Museumstypen aufgrund der Ordnungen und Dokumentationen ihrer Sammlungen (Taxonomien) historisch herausgebildet haben, aber selten auf diese Geschichte hin erforscht wurden. Hooper-Greenhill fordert für die Erforschung der Museumsgeschichte insgesamt, dass auch die Brüche („breaks and ruptures“) in der Geschichte der musealen Sammlungen und vor allem ihrer Deutungen herausgearbeitet werden (S.11).

293 Eine allgemeine Definition von Sammlung liefert Pomian: „[...] eine Sammlung ist jede Zusammenstellung natürlicher oder künstlicher Gegenstände, die zeitweise oder endgültig aus dem Kreislauf ökonomischer Akti­vitäten herausgehalten werden, und zwar an einem abgeschlossenen, eigens zu diesem Zweck eingerichteten Ort, an dem die Gegenstände ausgestellt werden und angesehen werden können“ (1988: S. 16). Sammlungen be­sitzen somit einen Tauschwert, aber keinen Gebrauchswert. Pomian beschreibt die Geschichte von Sammlungen als die Vorgeschichte der Entstehung von Museen. Siehe hierzu besonders S. 55ff.

294 Siehe zu dieser Unterscheidung Baudrillard 1994.

295 Siehe dazu Bal 1994. Dieses Weltverständnis drückt sich dabei oft in der Klassifikation der Sammlung aus. Siehe zur Frage der Klassifikation, die als Spiegel der Gedanken und Wahrnehmungen des Sammlers inter­pretiert wird, Elsner/ Cardinal 1994.

296 Loibl 1999: S. 136. Siehe für Beispiele von Sammlungsgeschichten, die als Teil der Wissenschaftsgeschichte gedeutet werden, Te Heesen/ Spary 2001.

297 Siehe zur Sammlungspraxis regionalhistorischer Museen Thamm 1991.

298 Schäfer 1995: S. 31.



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31.08.2004