[Seite 150↓]

6.  Museumsmodell: Heimat und materielle Kultur im Museum

Die vier analysierten Berliner Bezirksmuseen verfolgen unterschiedliche Konzepte, um Heimat, die lokale Kultur des jeweiligen Bezirks, zu erforschen und darzustellen. Die Charak­te­ristika ihrer Sammlungs- und Ausstellungsarbeit zeigen sich sowohl in thematischen Schwerpunkten als auch in den Erweiterungen und Erforschungen der eigenen Sammlung sowie deren Einbindung in die Ausstellungen. Die Museen erarbeiten dabei unterschiedliche Ausstellungstechniken, die die Beschaffenheit und den Umfang der Sammlungen, die jeweilige räumliche Situation im Museumsgebäude und die spezifische Bezirksgeschichte berücksichtigen. Auf eine kreative und innovative Weise schaffen die Museen jeweils charak­teristi­sche Präsentationsweisen. Heimat wird dabei nicht nur aus historischer Perspektive betrachtet; auch das aktive Element des Heimatbegriffs, bei dem es um das Gestalten und Aneignen eines lokalen Kulturraums geht, wird in den Ausstellungen angesprochen. Die geographische Begrenzung bei gleichzeitiger soziokultureller Offenheit, hier als Topographie der Heimat bezeichnet, kommt dabei wie das Neben- und Miteinander verschiedener Lebensweisen jedoch nur teilweise zum Tragen.

Aus den Strategien der Sammlungs- und Ausstellungsarbeit der untersuchten Museen lassen sich Schlussfolgerungen ziehen, auf welche Weise Heimat umfassend erforscht und mit Hilfe materieller Kultur dargestellt werden kann. Diese Schlussfolgerungen bilden zusammen­gefasst ein Museumsmodell; dieses formuliert eine Konzeption für die Berliner Bezirksmuseen, die sich an deren aktueller und charakteristischer Museumspraxis orientiert, gleichzeitig aber entscheidende Erweiterungen vorsieht.

6.1. Regionalkultur und Heimat

Topographie und Lebensweisen der Heimat finden sich in den Regionalkulturen, die in den Ausstellungen der vier Berliner Bezirksmuseen präsentiert werden, nur teilweise wieder. Die topographische Komponente des Heimatbegriffs bedeutet, dass Bezüge zwischen Heimat und „Außenwelt“ bestehen und auch in Ausstellungen thematisiert werden sollen. Der in dieser Arbeit formulierte Heimatbegriff steht damit in der Tradition von Museumskonzepten, die seit den achtziger Jahren entwickelt und diskutiert wurden: der Mikrokosmos Heimat wird in einen größeren Kontext eingeordnet, lokale und überregionale Geschichte und Gegenwart werden miteinander verknüpft.299 Heimat kann schon durch die thematische Gestaltung von Ausstellungen als geographisch begrenzter kultureller Raum benannt und auch in einem größeren Gebiet verortet werden. Dabei muss schon durch die Wahl des Themas deutlich werden, dass Heimat sich topographisch von anderen Heimaten abgrenzen lässt. Dies ist beispielsweise bei Ausstellungen wie „Kino in Prenzlauer Berg – Prenzlauer Berg im Film“, „Made in Neukölln“ oder „Kuhle Wampe“ der Fall. Hier wird bei der Themenwahl auf den jeweiligen Bezirk bzw. einen Ort innerhalb des Bezirks Bezug genommen. Bei der erstgenannten Ausstellung werden zudem das Thema und der größte Teil der Exponate genauestens mit Hilfe von Karten und entsprechenden Bezeichnungen verortet. Die Überblicksausstellung zur Geschichte Köpenicks arbeitet ebenfalls mit Karten und ermöglicht es dem Besucher, den Bezirk geographisch einzuordnen.

Diese klare Eingrenzung von Heimat fehlt in den übrigen Ausstellungen. Eine entsprechende Gestaltung bzw. thematische Vorgabe kann jedoch in allen Museen die Regionalkultur als [Seite 151↓]geographisch begrenzten Raum zeigen. Wird die Topographie durch die Vorstellung von Biographien oder einzelne Kapitel angedeutet, sollte die Ausstellung deutliche Akzente setzen und das Leben von Einzelpersonen bzw. kulturelle Phänomene in der Heimat geographischen Punkten zuordnen. So kann beispielsweise die Wechselausstellung im Kreuzberger Museum im ersten Raum stärker auf den Bezirk bezogen werden, wie dies im zweiten Raum durch das begehbare Modell gelöst wurde.

Stehen Exponate bzw. deren Inszenierungen im Mittelpunkt der Ausstellung, fehlt die topographische Einordnung völlig. So findet sich dieser Aspekt von Heimat beispielsweise in den Inszenierungen der Köpenicker Dauerausstellung oder im offenen Archiv bzw. im Ausstellungsmagazin der Museen in Kreuzberg und Prenzlauer Berg nicht wieder. Inszenierende und objektorientierte Präsentationsweisen ohne übergreifende thematische Einordnung können jedoch mit Hilfe von thematischen Ergänzungen, aber auch mit Karten, Modellen oder anderen gestalterischen Mitteln ergänzt werden. Auf diese Weise können Inszenierungen verortet und objektorientierte Präsentationen auf die Topographie des Bezirks bezogen werden.

Die soziokulturelle Offenheit der Heimat, die eine Einflussnahme der Heimatschaffenden auf andere Heimaten und umgekehrt erlaubt, lässt sich ebenfalls in den Ausstellungen veranschaulichen. Angedeutet wird dies in allen Museen. So kommen die Bedeutung der Kinolandschaft von Prenzlauer Berg innerhalb Berlins, die Beziehungen zwischen Kreuzberg und der Türkei durch Migration, die Einflussnahme Neuköllner Unternehmen auf den Weltmarkt und die Rolle Köpenicks innerhalb der frühzeitlichen Besiedlung des Berliner Raums zur Sprache. Denkbar sind auch hier inhaltliche Erweiterungen, die diese topographischen Bezüge deutlicher herausstellen.

Die Darstellung von Lebensweisen in der Heimat ist in den thematischen Vorgaben der Ausstellungen noch weniger deutlich zu erkennen. Die Wechselausstellung im Köpenicker Museum benennt explizit eine Lebensweise im Bezirk und ihre historische Wandlung. In den übrigen Ausstellungen werden Lebensweisen nur indirekt gezeigt, meist in Form verschie­de­ner Arbeitswelten. Hier können andere inhaltliche Schwerpunkte gesetzt werden, so dass Lebens­weisen in Ausstellungen beschrieben werden. Auf diese Weise zeigt eine Ausstellung, dass die dargestellte Heimat sich aus einer Vielfalt unterschiedlicher Lebens­weisen zusam­men­setzt. Natürlich vermag nicht jede Ausstellung einen vollständigen Überblick über Lebensweisen bieten. Diese können jedoch so präsentiert werden, dass sie neben anderen Lebensweisen existieren und auch in Wechselwirkung mit diesen stehen.

So bietet beispielsweise die Wechselausstellung des Prenzlauer Berg Museums die Chance, den Bezirk als Arbeitsbereich von Filmschaffenden zu beschreiben. Dieser Aspekt wird nur indirekt in der Ausstellung benannt, bietet aber die Möglichkeit, das Nebeneinander verschiedener Lebens- bzw. Arbeitswelten zu zeigen und darüber hinaus den Prenzlauer Berg als eine von mehreren Heimaten von Filmschaffenden zu präsentieren: diese wohnen zum Teil in anderen Bezirken oder Städten und nehmen zeitweise den Bezirk als Arbeitsort wahr.

Andere Beispiele ließen sich für die Ausstellungen der anderen Museen anführen. Auch bei objektorientierten Präsentationen wie der Jahresausstellung in Neukölln lässt sich eine Darstellung von Lebensweisen, in diesem Fall vor allem Arbeitswelten, thematisieren.300 In anderen Fällen wie beispielsweise den Inszenierungen im Köpenicker Museum können die [Seite 152↓]jeweiligen Lebensweisen deutlicher gezeigt werden; so sind Wäscherei und Fischereiwesen Beispiele für Lebensweisen, die durch den Arbeitsalltag stark geprägt wurden und nebeneinander existierten. Ebenso denkbar sind Darstellungen von Biographien als Beispiele von Lebensweisen in der Heimat; ansatzweise ist dies bei den Präsentationen von Migran­tengeschichten im Kreuzberger Museum oder bei der Vorstellung eines Filmschaffenden in Prenzlauer Berg zu sehen.

Durch thematische Vorgaben können demnach Topographie und Lebensweisen der jeweiligen Heimat in den Museen umfassend präsentiert werden. Das Museumsmodell sieht hier Ergänzungen der thematischen Museumsarbeit vor. Die Charakteristika der einzelnen Museen, die jeweils Geschichte und Gegenwart der Stadtbezirke zeigen, bleiben dabei bestehen. Die topographische Komponente der Heimat kann stärker betont werden, indem durch eine entsprechende Gestaltung der Ausstellung und Formulierung des Themas die Regionalkultur als geographisch begrenzter Raum gezeigt wird. Außerdem werden dabei die Zusammenhänge zwischen der Heimat und anderen Kulturräumen in sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Bereichen deutlich herausgearbeitet und dargestellt. Wichtig ist in jedem Falle eine thematische Vorgabe, die auch rein inszenierende und objektorientierte Ausstellungstechniken ein­bezieht. Das Gleiche gilt für die Lebens­weisen der Heimat, die beispielsweise im Zusammenhang mit der Darstellung von Arbeits­welten oder Biographien deutlich als solche benannt und in Beziehung mit anderen Lebensweisen präsentiert werden.

Nicht nur die inhaltliche Gestaltung der Ausstellung ist für die Darstellung der Heimat wichtig. Auswahl und Präsentation der Objekte sind ebenfalls für die Aussagekraft einer Aus­stellung von zentraler Bedeutung und betonen zudem weitere Aspekte der Heimat.

6.2. Materielle Kultur und Heimat

Die Topographie der Heimat zeigt sich in den Exponaten der analysierten Ausstellungen, wenn diese isoliert betrachtet werden, nur vereinzelt. Auch wenn die Objekte zum allergrößten Teil aus den jeweiligen Bezirken stammen oder einen starken Bezug zu diesem aufweisen, wird dies nicht explizit genannt. Erst über die spezielle Präsentationsweise der Exponate zeigt sich deren topographischer Bezug zur dargestellten Heimat. Im Falle der privaten Leihgaben, die Biographien veranschaulichen, wird in der Kreuzberger Wechsel­ausstellung auch der Einfluss anderer (Regional-) Kulturen auf die Heimat dokumentiert. Lebensweisen erschließen sich über die Betrachtung der Exponate vereinzelt in allen Ausstellungen, besonders deutlich dann, wenn objektorientierte Präsentationen gezeigt werden (offenes Archiv in Kreuzberg, Ausstellungsmagazin in Prenzlauer Berg, Präsen­tationen in Neukölln, Inszenierungen und Rekonstruktion in Köpenick). Dabei zeigt sich in der Regel nur das Nebeneinander verschiedener Lebensweisen; lediglich im Ausstel­lungsmagazin können Zusammenhänge zwischen Lebensweise vereinzelt über Karteikarten erschlossen werden; diese Zusammenhänge werden jedoch nicht deutlich genannt.

Die Bedeutungsebenen von Exponaten können dazu genutzt werden, um Heimat in möglichst vielen Facetten darzustellen. Dies bedeutet, dass Objekte so erforscht werden, dass ihre Bezüge zur Topographie und zu den Lebensweisen der Heimat herausgearbeitet und über entsprechende Präsentationen gezeigt werden. Notwendig dafür sind Forschungen über die museale materielle Kultur, wie sie im letzten Teil der Analyse angesprochen wurden. Die sogenannte „harte“ Forschung über materielle Kultur, die sich auf die materiellen Eigenschaften von Gegenständen bezieht, bildet eine Grundlage für die Erschließung von Bedeutungsebenen bei Objekten. Die Besonderheit von seltenen, historischen oder aus [Seite 153↓]anderen Gründen unbekannten Exponaten kann anhand des Materials und seiner Verarbeitung präsentiert werden.

Das offene Archiv bzw. das Ausstellungsmagazin der Museen in Kreuzberg und Prenzlauer Berg beispielsweise zeigen viele Objekte, die den meisten Besuchern aus dem Alltag nicht bekannt sind. Oft werden hier Firmengeschichten oder Biographien von Gewerbetreibenden anhand einzelner Exponate vorgestellt. Denkbar ist jedoch auch, auf die verwendeten Materialien und deren spezifische Verarbeitung einzugehen. Auf diese Weise wird die Aufmerksamkeit nicht nur auf die jeweilige Gewerbebranche, sondern auch auf die Beschaffenheit der Objekte gelenkt; dadurch können Zusammenhänge zwischen Firmengeschichten und Produktionsverfahren präsentiert werden. In den Ostberliner Museen besteht hier die besondere Chance, auf die Charakteristika von Alltagsprodukten aus der DDR einzugehen. Wie schon im Überblick über die Geschichte der Heimatmuseen in der DDR und in der Analyse der Museen in Köpenick und Prenzlauer Berg angedeutet wurde, können politische Umstände der DDR an der Beschaffenheit und der Form von Alltagsgegenständen abgelesen werden. Durch die Gegenüberstellung von DDR-Produkten und anderen Objekten beispielsweise im Ausstellungs­magazin könnten so Einblicke in die (Kultur-) Geschichte der DDR geboten werden. Ansatzweise werden Zusammenhänge zwischen Firmengeschichten und Produktions­verfahren in der Neuköllner Ausstellung gezeigt; hier werden jedoch Materialien von Produkten und Herstellungs- oder Verarbeitungsmethoden ebenfalls nicht erläutert.

Neben der Forschung über die materiellen Eigenschaften von Exponaten bzw. musealen Sammlungsobjekten können die ebenfalls im Analyseteil angesprochene material science und die „weiche“ Forschung über materielle Kultur Bedeutungsebenen von Objekten heraus­arbeiten. Studien in diesen Forschungsrichtungen heben den Zusammenhang zwischen Produktion und Gebrauch von Gegenständen hervor. Viele der besprochenen Ausstellungen lassen sich mit Hilfe dieses Forschungsansatzes erweitern.

Beispielsweise wird eine handbetriebene Trommelwaschmaschine im offenen Archiv des Kreuzberger Museums gezeigt, die von einer Kreuzberger Firma hergestellt wurde. Das Ausstellungskapitel informiert über die ehemalige Eigentümerin dieser Maschine und allgemein über die technische Entwicklung von Waschmaschinen. Ausgeklammert wird jedoch die Geschichte der Kreuzberger Firma und die technische Weiterentwicklung der Maschinen. Über Firmengeschichten dagegen informiert die Neuköllner Ausstellung ausführlich, ohne dabei auf den Gebrauch der Produkte einzugehen. Die Inszenierung eines Wäschereiunternehmens innerhalb der Dauerausstellung in Köpenick wiederum vermittelt einen Eindruck von der Arbeitswelt in einer Wäscherei, ohne die Exponate und deren Herstellung oder Gebrauch genauer zu dokumentieren. Eine gründliche Erforschung der materiellen Kultur kann in diesen Beispielen die Zusammenhänge zwischen Firmen­geschichte, Produktionsmethoden bestimmter Geräte und ihre Auswirkungen sowohl auf Mitarbeiter der Firmen als auch auf die Konsumenten der Produkte aufzeigen. Der (ehemalige) Sitz einer Firma, der Arbeits- oder Wohnort der Firmenmitarbeiter und schließlich der Konsumenten stellen einen Bezug zur Topographie der Heimat dar; Lebensweisen, die durch Arbeitsverhältnisse oder alltägliche Handlungen charakterisiert sind, werden so ebenfalls deutlich. Diese Beispiele zeigen, auf welche Weise die Erforschung materieller Kultur dazu beitragen kann, Topographie und Lebensweisen der Heimat mit Hilfe von Exponaten darzustellen.

Voraussetzung für die Integration verschiedener Bedeutungsebenen von Objekten in die Ausstellungen ist in lokalhistorischen Museen die starke Einbindung der eigenen Sammlung. [Seite 154↓]Die Art der Erwerbung von Objekten und der Sammlungserwerbung ist ein Charakteristikum aller besprochenen Museen. Auf diese Weise ist eine breite Dokumentation des Sammlungs­bestandes möglich. Erstens führt der enge Kontakt zur Bevölkerung und damit zu Spendern bzw. Leihgebern dazu, dass Bedeutungsebenen der Objekte schon beim Eingang in die Sammlung dokumentiert werden können. Zweitens werden im Rahmen von Ausstellungs­projekten neue Objekte erschlossen, was eine spezifische Erweiterung von Sammlungs­schwerpunkten und die themenbezogene Erforschung der Objekte ermöglicht. Die direkte und indirekte Beteiligung der Besucher an der Sammlungs- und Ausstellungsarbeit führt nicht zu einer verengten Perspektive der Museumsarbeit, wie dies im Rahmen eines Kolloquiums zur Stadtgeschichtsforschung in Berlin befürchtet wurde.301 Der enge Kontakt zur Bevölkerung ermöglicht eine genaue Dokumen­tation der Sammlung und damit die Erschließung von Bedeutungsebenen, die in der Ausstellung genutzt werden können. Die Perspektive der Museumsarbeit wird inhaltlich und gestalterisch dadurch nicht verengt, sondern erweitert.

Diese Möglichkeiten der Einbindung der eigenen Sammlung werden in den untersuchten Museen kaum umgesetzt. Dauer- und Wechselausstellungen zeigen nur vereinzelt Objekte aus der eigenen Sammlung, mit wenigen Ausnahmen: das Ausstellungsmagazin des Prenzlauer Berg Museums und das offene Archiv des Kreuzberg Museums sind Dauerausstellungen, die ihren Ausgangspunkt in der eigenen Sammlung nehmen. Dabei werden Lebensweisen der Heimat mit Hilfe der Exponate gezeigt, allerdings wird darauf verzichtet, das Neben- und Miteinander von Lebensweisen im Bezirk darzustellen. Der topographische Bezug zur Heimat wird bei den Objekten nur vereinzelt in der Präsentation deutlich.302

Es besteht die Möglichkeit, für die Ausstellungen aller untersuchten Museen die verschiedenen Richtungen der oben angesprochenen Forschungen über materielle Kultur zu nutzen und sich dabei vor allem auf die museumseigene Sammlung zu konzentrieren. Auf diese Weise können möglichst viele Bedeutungsebenen der Objekte in der Ausstellung präsentiert und für die Darstellung des jeweiligen Themas genutzt werden. Die Voraussetzung für die Umsetzung eines solchen Museumsmodells ist, dass sich die Museumsarbeit vor allem auf authentische Objekte richtet.303 Die Authentizität der Objekte bietet die Grundlage für vielfältige Ausstellungsperspektiven und Präsentationsweisen. Gerade die Erforschung und Betonung von Originalen ermöglicht die Darstellung von Themen auf eine besondere Weise, die nur im Museum gezeigt werden kann. Das Kennzeichen objektbetonter Ausstellungen ist nicht nur eine besondere Darstellungs­weise, sondern auch die Vielfalt thematischer Perspektiven. Die Authentizität der Objekte bietet demnach das Fundament für diese vielfältige Präsentation.304


[Seite 155↓]

Ein Museumsmodell sieht demnach eine breite Erforschung der musealen Sammlungen vor, um möglichst viele Bedeutungsebenen von Objekten für Ausstellungen nutzen zu können. Forschungen über materielle Eigenschaften von Gegenständen können topographische Komponenten der Heimat zeigen, beispielsweise über den Produktionsort. Erkenntnisse über die Beziehungen zwischen Objekt und Mensch können auf vielfältige Weise zur Darstellung der Heimat genutzt werden. So liefern die Zusammenhänge zwischen Produzenten und Konsumenten Hinweise auf die geographische Verbreitung und ihre Bedeutung innerhalb von Lebensweisen von Menschen, die mit der Heimat verbunden sind, sei es über ihren Arbeitsplatz, ihr Privatleben oder über andere Bereiche. Da diese Eigenschaften von Objekten am ausführlichsten bei den Sammlungen der regionalhistorischen Museen erforscht werden können, ist die Einbindung der musealen Sammlungen in die Ausstellungen ein zentraler Punkt im Museumsmodell.

Die vier Berliner Bezirksmuseen besitzen aufgrund ihrer Geschichte sehr unterschiedliche Sammlungen. Im Ausstellungsmagazin bzw. im offenen Archiv der Museen in Prenzlauer Berg und Kreuzberg beispielsweise wird die Heterogenität der musealen Sammlungen deutlich; diese Ausstellungen zeigen jedoch auch, dass die Objekte zum großen Teil auf ihren soziokulturellen Kontext hin erforscht und dokumentiert wurden. Jedes der vier untersuchten Museen hat die Möglichkeit, auf solche Dokumentationen zurückzugreifen und zudem weitere Bedeutungsebenen zu erforschen. Auch wenn die gesamte Bezirksgeschichte nicht mit Hilfe der musealen Sammlungen dargestellt werden kann, können doch einzelne Charakteristika der jeweiligen Regionalkultur über Objekte aus der eigenen Sammlung präsentiert werden.

6.3. Präsentation von Heimat

Entscheidend für die Ausstellungsarbeit ist, wie der Zusammenhang zwischen Heimatbegriff und musealer materieller Kultur präsentiert wird. Für diesen Punkt liefert die Analyse der Bezirksmuseen viele Anregungen: es stehen verschiedene Präsentations­weisen zur Verfü­gung, um Bedeutungsebenen von Objekten in einer Ausstellung zu nutzen. Innerhalb jeder Präsentationsform kann, wie gezeigt, die inhaltliche Aussage einer Ausstellung durch Objekte ergänzt, aber auch um neue Perspektiven erweitert werden.

Für die Darstellung von Heimat bedeutet dies vor allem, dass inhaltliche Schwerpunkte mit den möglichen Bedeutungsebenen der Exponate kombiniert werden können, um sowohl Topographie als auch Lebensweisen der Heimat gleichermaßen darzustellen. Objekte aus den museumseigenen Sammlungen veranschaulichen viele Lebensweisen, die in der inhaltlichen Gestaltung der Ausstellung nicht aufgegriffen werden. Umgekehrt wird die Topographie der Heimat in vielen Fällen über die thematische Darstellung der Regionalkultur präsentiert. In den Ausstellungen der vier Bezirksmuseen wird über die Exponate die Topographie der Heimat nur selten gezeigt. Die Objekte aus den eigenen Sammlungen weisen jedoch auf diese Komponente der Heimat hin, da sie nur dann in die Sammlung aufgenommen werden, wenn sie eine wie auch immer geartete Zugehörigkeit zum Bezirk bzw. zur Heimat aufweisen.

Entsprechend gewählte Präsentationsformen, die dem Besucher Bedeutungsebenen von Objek­­ten zugänglich machen, können die inhaltliche Gestaltung der Ausstellung erweitern; [Seite 156↓]auf diese Weise wird Heimat anschaulich und in ihrer gesamten thematischen Breite gezeigt. Die Präsentationsweisen unterscheiden sich durch ihre Funktionalisierung der Exponate. Objekte können verschiedene Bedeutungsebenen aufweisen, was besonders in den Ausstellungen deutlich wurde, die ausschließlich objektorientierte Präsentationen zeigen: das Ausstellungsmagazin des Prenzlauer Berg Museums, das offene Archiv des Kreuzberg Museums sowie die Jahresausstellung des Heimatmuseums Neukölln. In den ersten beiden Fällen ergeben sich die Inhalte der Ausstellungen ausschließlich oder zum größten Teil aus den Bedeutungsebenen der Exponate, im letzten Fall wird das übergeordnete Ausstellungsthema im wesentlichen über Bedeutungsebenen der Objekte vermittelt. Die objektorientierten Ausstellungstechniken stellen in diesen drei Beispielen vor allem die Ästhetik der Exponate in den Vordergrund. Verschiedene Methoden der Präsentation wie beispielsweise den Objekten zugeordnete Karteikarten, Texttafeln mit Erläuterungen oder der Beschaffenheit der Exponate angepasste Ausstellungsgestaltungen zeigen weitere Bedeutungsebenen. Diese Methoden dienen jedoch nur selten dazu, die Topographie und Lebensweisen der Heimat darzustellen.

Es ist möglich, objektorientierte Präsentationsweisen für die Veran­schau­lichung der topographischen Komponente von Heimat sowie des Neben- und Miteinanders von Lebensweisen zu nutzen. Voraussetzung dafür ist, wie schon beschrieben, die Erforschung der Objekte auf Bedeutungsebenen hin, die diese Charakteristika der Heimat repräsentieren. Herkunft, Produktion, Verarbeitung, Beschaffenheit, ehemaliger Gebrauch und andere Beziehungen zwischen Gegenstand und Mensch, die mögliche Bedeutungsebenen von Objekten sind, geben Hinweise auf Topographie und Lebensweisen. Diese Eigenschaften lassen sich dann durch eine entsprechende objektorientierte Ausstellungstechnik präsentieren.

Die oben genannten drei Beispiele von Ausstellungen geben Hinweise auf solche Techniken. Zusätzliche Texte werden beispielsweise im offenen Archiv in Kreuzberg zusammen mit dem Exponat gezeigt, ohne dass dessen zentrale Position innerhalb des Ausstellungskapitels aufgegeben wird. Eine andere Möglichkeit sind versteckte oder nicht unmittelbar bei den Objekten befindliche Texttafeln, wie es das Ausstellungsmagazin in Prenzlauer Berg vorführt. Die Neuköllner Ausstellung wiederum zeigt, wie Verfremdungen, die Zusammenstellung vieler ähnlicher Gegenstände, die Nutzung der Museumsarchitektur, die Einbindung des Geruchs- und Hörsinns der Besucher und andere gestalterische Mittel individuell und auf oft überraschende oder ironische Weise auf die Beschaffenheit der Exponate eingehen. Diese und weitere Techniken werden dazu genutzt, um bei objektorientierten Ausstellungsweisen nicht nur die äußere Beschaffenheit der Exponate zu betonen, sondern auch Charakteristika der Heimat zu präsentieren.

Aber auch innerhalb der beiden anderen Präsentationsformen - Illustration und Inszenierung – werden Exponate auf unterschiedliche Weise eingesetzt, wobei mehrere Bedeutungsebenen zum Tragen kommen. Beispiele für Illustrationen, die nicht nur das jeweilige Ausstellungs­thema veranschaulichen, sondern auch erweitern oder ergänzen, finden sich in allen besprochenen Museen. Die Dauerausstellung in Köpenick zeigt beispielsweise, dass mit Hilfe von Fotos, die einzelne Kapitel illustrieren, auch Hinweise auf die dokumentarische Arbeit des Museums oder auf die aktuelle Erforschung der Bezirksgeschichte durch Archäologen gegeben werden. Fundstücke aus der Eisen- und Bronzezeit veranschaulichen je nach Art und Ausführlichkeit ihrer Beschriftung nicht nur Ausstellungskapitel, sondern lassen auch ihre ursprüngliche Funktion erkennen. Weitere Beispiele sind Zeitschriften oder andere Doku­mente in den Wechselausstellungen in Prenzlauer Berg und Kreuzberg, die zusätzliche Informationen liefern und gleichzeitig als historische Objekte präsentiert werden. Die Museen nutzen die Möglichkeiten der illustrierenden Ausstellungstechnik nicht dazu, Topographie [Seite 157↓]oder Lebensweisen der Heimat herauszustellen. Mit Hilfe dieser Techniken kann jedoch Heimat umfassend beschrieben werden. So ist es beispielsweise möglich, Arbeitsweisen oder Arbeitsbereiche von Archäologen in Köpenick oder von Filmschaffenden in Prenzlauer Berg als Beispiele für Lebensweisen in der jeweiligen Heimat zu benennen und über die Illustrationen zu zeigen.

Die Inszenierungen schließlich bieten ebenfalls zahlreiche Möglichkeiten, ein breites Bild der Heimat zu zeichnen. Werden dabei authentische Objekte präsentiert, können Zusammenhänge zwischen Ausstellungsthema und einzelnen Menschen und deren Lebensweisen heraus­gearbeitet werden, wie es bei der Nachbildung eines Ateliers in der Ausstellung zur Film­geschichte in Prenzlauer Berg der Fall ist. Andere Inszenierungen rücken Biographien bzw. Tonbandaufzeichnungen von Interviews in den Mittelpunkt wie in der Ausstellung zur Geschichte türkischer Migranten in Kreuzberg. Weitere Beispiele für die Darstellung von Lebensweisen mit Hilfe von Inszenierungen finden sich auch im Köpenicker Museum. In Inszenierungen ist es jedoch möglich, nicht nur Lebensweisen der Heimat zu zeigen, sondern auch topographische Gesichtspunkte herauszuarbeiten. Ansatzweise ist dies im ersten Raum der Neuköllner Ausstellung zu sehen, in dem über Globen die weltweite Verbreitung von im Bezirk hergestellten Produkten und damit die Offenheit der geographischen Grenzen der Heimat angedeutet wird. Ein zweites Beispiel deutet die geographische Begrenzung von Heimat an, nämlich die Inszenierung im zweiten Raum der Kreuzberger Wechselausstellung, in dem ein begehbares Modell die Ausstellungsarchitektur bestimmt.

Präsentationsweisen können außerdem kombiniert werden, so dass mehrere Bedeutungs­ebenen von Objekten genutzt werden. So werden beispielsweise in der Wechselausstellung des Kreuzberger Museums inhaltliche Perspektiven durch objektorientierte Präsentationen verdeutlicht bzw. erst ermöglicht. Dabei kommen teilweise mehrere Bedeutungen der Exponate zum Tragen. Auf diese Weise stehen die Objekte im Mittelpunkt des jeweiligen Ausstellungskapitels, auch wenn es sich nicht um eine rein objektorientierte Präsentation handelt. Hier ist außerdem die Auswahl der Exponate von zentraler Bedeutung. Im Neuköllner Museum dagegen werden Präsentationsformen nicht miteinander kombiniert; gleichzeitig jedoch wird eine Präsentationsform sehr oft abgewandelt, wodurch ebenfalls verschiedene Bedeutungsebenen von Exponaten genutzt werden. In der Dauerausstellung des Köpenicker Museums, um ein drittes Beispiel zu geben, werden für einzelne Ausstellungsabteilungen unterschiedliche Präsentationsformen gewählt. Dabei übernehmen lediglich Objekte aus der eigenen Sammlung andere als rein illustrierende Funktionen. Nur bei dieser Gruppe von Exponaten zeigen sich Topographie und Lebens­weisen der Heimat aus der reinen Anschauung heraus.

Im Museumsmodell werden die illustrierenden, inszenierenden und objektorientierten Präsentationsformen, die von den einzelnen Museen angewendet und entwickelt werden, aufgegriffen. Dabei soll mit Hilfe materieller Kultur ein möglichst breites Bild der Heimat dargestellt werden. Eine entsprechende Erforschung der musealen Sammlungen erschließt Bedeutungsebenen der Objekte, von denen die inhaltliche Aussage von Ausstellungen ausgehen kann.305 Diese Möglichkeit wird in den analysierten Ausstellungen nur vereinzelt genutzt. Das Museumsmodell sieht hier Ergänzungen der Ausstellungen vor, die mit Hilfe der verschiedenen Ausstellungstechniken Topographie und Lebensweisen der Heimat mit Hilfe der Bedeutungsebenen von Exponaten darstellen. Entscheidend sind dabei die Auswahl [Seite 158↓]musealer Objekte, deren Aussagekraft bzw. die Möglichkeiten, diese zu erschließen, sowie die Charakteristiken der Heimat, die präsentiert werden sollen.

Das Museumsmodell sieht also Ergänzungen der Sammlungs- und Ausstellungsarbeit der vier Berliner Bezirksmuseen vor, um erstens ein umfassendes Bild der Heimat insbesondere vor dem Hintergrund der Globalisierung darzustellen und zweitens den Schwerpunkt auf die Erforschung, Auswahl und Präsentation der musealen Sammlungen zu legen, um Heimat möglichst anschaulich vermitteln zu können. Die Charakteristika der jeweiligen Bezirks­geschichte und der Sammlungsbestände werden dabei berücksichtigt, gleichzeitig lassen sich die präsentierten Heimaten hinsichtlich ihrer topographischen Besonderheiten und ihrem breiten Spektrum an Lebensweisen miteinander vergleichen. Mit diesem Ansatz können weitere Komponenten der Heimat im Museum gezeigt werden.

6.4. Heimat und Globalisierung

Globalisierung wird vor dem Hintergrund des Wandels der Industriegesellschaft in eine Informationsgesellschaft diskutiert. Dieser Wandel kann auf gesellschaftliche Ordnungen verschiedene Auswirkungen haben, vor allem was Objekte betrifft, die als Zeichen oder Symbole Orientierungen im gesellschaftlichen Leben bieten können. Studien über materielle Kultur gehen dabei davon aus, dass Objekten im Zeitalter der Industrialisierung leichter und eindeutig bestimmte Bedeutungen zugewiesen werden konnten. In der heutigen Informationsgesellschaft verlieren Objekte dagegen diese Bedeutungen, u.a. durch ihre universelle Verbreitung. Dies kann zwei Folgen für die Rolle der Objekte im soziokulturellen Kontext haben: entweder werden sie zu abstrakten Gegenständen, die keine identitätsbildende Funktion mehr übernehmen können, oder sie werden umgedeutet und bekommen neue Bedeutungen in anderen Kontexten zugewiesen.306

Beispiele für Umdeutungen von Objekten sind in der Wechselausstellung des Kreuzberger Museums zu sehen: Alltagsgegenstände aus dem Privatbesitz türkischer Migranten erinnern an vergangene Zeiten oder repräsentieren bestimmte Lebensabschnitte und deren Interpretation durch die beschriebene Person. Über die Darstellung von Biographien und damit verbundener Erinnerungsstücke wird so der Bedeutungswandel von Gegenständen thematisiert. Eine andere Perspektive auf dieses Thema bietet beispielsweise die Ausstellung des Heimatmuseums Neukölln. Hier wird die Produktion von Alltagsgegenständen, die teils weltweit verbreitet sind, gezeigt. In diesem ersten Stadium ihrer Existenz repräsentieren die Exponate die Arbeitswelten, innerhalb derer sie entstehen. Erst später bekommen die Exponate eine andere Bedeutung, nämlich hinsichtlich ihrer eigentlichen Funktion, für die sie produziert wurden. Die Auswirkungen der Globalisierung auf die Heimat können demnach nicht nur über die Charakteristika der Topographie und der Lebensweisen dargestellt werden, auch der Bedeutungswandel von Objekten kann auf die soziokulturellen Veränderungen hinweisen. Dies ist ein weiterer Punkt, der durch eine Erforschung von Bedeutungsebenen von Objekten der musealen Sammlungen heraus­gearbeitet und in Ausstellungen präsentiert werden kann.

Der Fokus auf die verschiedenen Bedeutungen materieller Kultur innerhalb der Museumsarbeit macht einen weiteren Punkt deutlich, der ebenfalls im Zusammenhang mit der Globalisierung eine Rolle spielt. Es geht dabei um die Rolle der Museen innerhalb einer globalisierten Gesellschaft und damit zusammenhängend die Sichtweise auf Kultur bzw. auf [Seite 159↓]die Heimat, die diese Museen präsentieren. Bei der Formulierung des Heimatbegriffes an anderer Stelle wurde bereits darauf hingewiesen, dass Museen neben anderen Institutionen zur Verbreitung von Informationen und damit auch von Vorstellungen über die Welt beitragen.307 Auf diese Weise zeigen Museen nicht nur Ausstellungen über Heimat, sondern sind als Institution und als Arbeitsplatz selbst Teil der Heimat und repräsentieren damit sowohl eine Lebensweise als auch einen geographischen Ort innerhalb der Heimat. Sie werden wie die Heimat, die sie darstellen, durch die Globalisierung beeinflusst bzw. nehmen selbst Einfluss auf überregionale kulturelle Phänomene. Museen repräsentieren nicht nur eine der vielen Lebens­weisen innerhalb einer Heimat, sondern stehen auch in Verbindung mit anderen Museen und kulturellen Institutionen. Dieser stete Austausch führte zu einer weltweit verbreiteten Auffassung davon, was ein Museum ist und worin seine Aufgaben bestehen. Globalisierung wirkt sich demnach auf die gesamte Museologie aus. Zum einen müssen Museen auf die vielen wechselseitigen Beziehungen zwischen Kulturen reagieren und diese thematisieren, zum anderen stehen sie vor der Herausforderung, auf internationaler Ebene mit anderen Museen zusammenarbeiten zu können.308

Das globale Beziehungsgeflecht, in dem sich die vier analysierten Bezirksmuseen befinden, wird nicht thematisiert. Lediglich im Heimatmuseum Köpenick widmet sich ein kleiner Teil der Dauerausstellung der Geschichte des Museumsgebäudes, der musealen Sammlung und der Institution Heimat- bzw. Schulmuseum in Köpenick. Auf diese Weise bekommt der Besucher eine Vorstellung von den Einflussmöglichkeiten des Museums auf die Gestaltung des Heimatbildes innerhalb der Bevölkerung Köpenicks. Die Rolle des Museums vor dem Hinter­grund der Globalisierung wird dabei jedoch nicht deutlich. Im Museumsmodell wird daher vorgeschlagen, die Dauerausstellungen durch ein Kapitel zu ergänzen, das auf diese Rolle des jeweiligen Museums aufmerksam macht. Dieses Kapitel kann im Eingangsbereich des Museums die Besucher bei Beginn des Rundgangs durch Wechsel- und Dauerausstellung auf den Zusammenhang von musealer Arbeit und Globalisierung aufmerksam machen.

6.5. Zusammenfassung

Ausgehend von der Analyse der einzelnen Museen vor dem Hintergrund des in dieser Arbeit formulierten Heimatbegriffes lässt sich ein umfassendes Museumsmodell formulieren; dieses Modell berücksichtigt die Charakteristika der untersuchten Museen und macht Vorschläge für Ergänzungen der Sammlungs- und Ausstellungsarbeit.

Als inhaltlicher Schwerpunkt des Modells dient der Heimatbegriff. Heimat wird als ein gegenwärtiges und im Zuge der Globalisierung sich veränderndes kulturelles Phänomen verstanden. Die Begriffe Lebenswelt und Topographie beschreiben die Charakteristika der Heimat, die sich auch in den untersuchten Museen wiederfinden lassen, wenn auch in unterschiedlicher Deutlichkeit. Um den Heimatbegriff in seiner gesamten Breite zeigen zu können, geht das Modell nicht nur die inhaltliche Konzeption der Museen ein; vielmehr spielt die materielle Kultur eine ebenso wichtige Rolle. Durch die Erforschung der Bedeutungs­ebenen von musealen Objekten können Charakteristika des Heimatbegriffes erschlossen [Seite 160↓]werden, die sich nicht oder nur teilweise über eine inhaltliche Schwerpunktsetzung in Aus­stellungen zeigen lassen. Das Modell sieht daher eine Kombination inhaltlicher Vorgaben und Bedeu­tungen materieller Kultur vor. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf der Erforschung und Darstel­lung der eigenen Sammlung bzw. einzelner Objekte, da die Authentizität der Exponate eine entscheidende Rolle bei der Darstellung der Heimat spielt.

Die umfassende Darstellung von Topographie und Lebensweisen der Heimat erfolgt nach dem Modell über verschiedene Präsentationsformen, die die jeweiligen Charakteristika von Regional- und materieller Kultur zeigen können. Die vier Bezirksmuseen zeigen Varianten von Ausstellungstechniken, die alle im Museumsmodell integriert und erweitert werden. Innerhalb objektorientierter Präsentationsweisen können neben der Ästhetik von Objekten mit Hilfe geeigneter Techniken auch Charakteristika der Heimat zeigen. Diese können zudem über Exponate illustriert oder mit Hilfe von Inszenierungen dargestellt werden. Die Kombination dieser Gestaltungsmöglichkeiten ist ebenfalls im Museumsmodell vorgesehen.

Der Zusammenhang von Heimat und Globalisierung lässt sich über dieses Museumsmodell deutlich zeigen, und zwar nicht nur über inhaltliche Schwerpunkte der Ausstellungen, sondern auch über die ausgewählten und entsprechend präsentierten Exponate. Eine besondere Rolle spielen dabei Objekte, die umgedeutet wurden und dadurch mehrere Bedeutungsebenen in sich bergen. Schließlich wird die Rolle und das Selbstverständnis der Museen selbst in der globalisierten Welt gezeigt, indem Sammlungsgeschichte und Entwicklung der Museums­konzeption zu Beginn der Ausstellungen thematisiert werden.

6.6. Ausblick: Heimatmuseen als ethnologische Museen

Nach dem Museumsmodell präsentieren die Berliner Bezirksmuseen Heimat im Zusammenhang mit der Globalisierung politischer, wirtschaftlicher und soziokultureller Bereiche. Kennzeichnend für einen solchen Heimatbegriff sind erstens die geographische Eingrenzung und gleichzeitige soziokulturelle Offenheit sowie zweitens das Neben- und Miteinander verschiedener Lebensmöglichkeiten, zusammengefasst unter den Begriffen Topographie und Lebensweise. Diese Begriffe weisen darauf hin, dass Heimat nicht nur mit vertrauten Themen und Dingen zu tun hat. Ebenso präsent ist in der Heimat das Element der Fremde; Lebensweisen anderer Menschen und die damit verbundene materielle Kultur innerhalb der Heimat müssen nicht allen Menschen, die an der Gestaltung dieser Heimat beteiligt sind, vertraut sein. In den Museen der Heimaten geht es daher insbesondere auch um die Erforschung und Darstellung kultureller Phänomene, die den meisten Menschen zunächst fremd erscheinen. In diesem Sinne lassen sich Heimatmuseen mit ethnologischen Museen vergleichen.

Das Element der Fremde zeigt sich konkret in den Sammlungen bzw. Exponaten der Museen. Den meisten Besuchern unbekannt dürften beispielsweise die Objekte der Inszenierungen inner­halb der Dauerausstellung des Köpenicker Museums sein. Das Fremde dieser Gegen­stände erklärt sich hier vor allem aus ihrem Alter: die ehemalige Funktion von Arbeitsgeräten aus der Fischerei oder des Wäschereigewerbes ist nicht mehr bekannt, weil inzwischen andere Geräte benutzt werden oder die Tätigkeiten nur einem kleinen Personenkreis vertraut sind. Beispiele für fremde Seiten alltäglicher Objekte präsentiert unter anderem das Neuköllner Museum: hier wird (Produktions-)Geschichte von Exponaten gezeigt, deren Funktion zwar, aber deren Herstellung und historische Entwicklung nicht allgemein bekannt sind. Bedeu­tungs­ebenen von Exponaten leiten sich aus ihrer Funktion oder ihrer Geschichte ab; fremd sind den meisten Besuchern Objekte also nicht nur dann, wenn sie aus einer fremden Kultur [Seite 161↓]stammen. Daher ist es auch die Aufgabe lokalhistorischer Museen, das Fremde von Exponaten herauszuarbeiten und zu erklären.309

In Deutschland wurde innerhalb der sogenannten Tübinger Schule eine Theorie der Ausstellung entwickelt, die ihren Ausgangspunkt in der Funktion von Exponaten in Ausstellungen nimmt. Dabei wird die Fremdheit von Objekten innerhalb von Museen betont. Da museale Objekte aus ihrem ursprünglichen zeitlichen und örtlichen Kontext entfernt wurden, um innerhalb einer Ausstellung gezeigt zu werden, erscheinen sie dem Besucher fremd, selbst dann, wenn es sich um Alltagsgegenstände handelt. Gleichzeitig besteht zwischen den Exponaten und den Besuchern der Ausstellung eine Nähe, da sich die Betrachter unmittelbar vor den Gegenständen befinden. Diese Fremdheit und damit Distanz und gleichzeitige Nähe zum Objekt ist die besondere Eigenschaft musealer Gegenstände, die Walter Benjamin, auf den sich diese Theorie teilweise bezieht, als „Aura“ beschrieben hat; dabei ist wichtig, dass es sich um authentische Objekte handelt.310 Innerhalb einer Ausstellung kann durch entsprechende Inszenierungen versucht werden, diese Fremdheit von Objekten aufzuheben, indem ihr ursprünglicher Kontext rekonstruiert wird; diese Rekonstruktion wird jedoch nie die Wirklichkeit ersetzen können, so dass die Distanz zu den Objekten weiterhin bestehen bleibt.311 Eine andere Möglichkeit besteht darin, die Fremdheit der Exponate als unvermeidbar zu betrachten und ihre Eigenschaft als Bedeutungsträger zu betonen.312

Das Element der Fremde findet sich nicht nur in der materiellen Kultur, sondern auch in der dargestellten Regionalkultur. Heimat definiert sich unter anderem aus dem Nebeneinander von Lebensweisen. Diese weisen zwar Berührungspunkte auf, doch bleiben sie denjenigen unbekannt, die an Lebensweisen ihrer Heimat, beispielsweise Arbeitswelten, nicht teil­neh­men. Das Fremde der Heimat zeigt sich jedoch nicht nur in der Vielfalt der Lebensweisen, sondern auch in der Beziehung der Heimat zu anderen (lokalen) Kulturen. Heimat als lokale Kultur kann nicht losgelöst von anderen Kulturen betrachtet werden, sondern steht immer im Zusammenhang mit regionalen, nationalen und internationalen soziokulturellen Bewegungen. Museen, die lokale Kultur erforschen und präsentieren, stehen daher vor der Aufgabe, diese Kultur im globalen Zusammenhang zu betrachten.313 Bezogen auf das Museumsmodell heißt [Seite 162↓]das, über Gegenstände das Element der Fremde in der eigenen Kultur, der Heimat, zu erforschen und zu präsentieren. Hier wird besonders deutlich, warum Heimatmuseen als ethnographische Museen betrachten werden können: es geht um die Darstellung einer Kultur oder Kulturen, die den Forschern und dem Publikum in Teilen unbekannt und fremd ist. Heimatmuseen können mit diesem Verständnis der eigenen Kultur zu einer neuen Betrachtungsweise von Heimat beitragen und auf diese Weise unter anderem auf die wechselseitigen Einflüsse mit anderen Heimaten aufmerksam machen.314

Es gibt daher mehrere Gründe, Heimatmuseen als ethnologische Museen zu betrachten. Das bedeutet, dass ethnologische Museen Anregungen für die Sammlungs- und Ausstellungsarbeit regionalhistorischer Museen liefern können. In ethnologischen Museen wird Objekten nicht immer eindeutig eine bestimmte Bedeutung zugewiesen, sondern bewusst die Möglichkeit verschiedener Deutungen offen gelassen und dokumentiert. Das bedeutet z.B., dass in der Ausstellung auch auf den Entstehungsprozess von Exponaten eingegangen wird oder bewusst verschiedene Sichtweisen auf kulturelle Phänomene parallel gezeigt werden; die Repräsentanten der ausgestellten Kultur kommen selbst zu Wort bzw. gestalten Teile der Ausstellung selbst. Weiterhin bemüht man sich in diesem Zusammenhang um die Einbeziehung hybrider oder synkretistischer Objekte, also Gegenständen, die einen kulturellen Wandel oder das Nebeneinander von Tradition und Moderne zeigen.315 Ein anderes Beispiel, wie kultureller Wandel oder die Aktualität einer dargestellten Kultur betont werden kann, ist die gleichzeitige Präsentation von Alltags- und sakralen Gegenständen. Die Alltagsgegenstände stammen dabei aus der selben Kultur, die auch mit Hilfe der sakralen Objekte dokumentiert wird, sind dem Publikum aber auch aus der eigenen Kultur bekannt. Auf diese Weise wird die Distanz zwischen eigener und fremder Kultur aufgehoben; die dargestellte Kultur erscheint dem Besucher nicht mehr exotisch. Gleichzeitig werden Stereotypen der fremden Kultur in Frage gestellt, da in der Ausstellung deutlich wird, dass sich die materielle Kultur wandelt und Gemeinsamkeiten mit anderen Kulturen aufweist.316

Ein wichtiger Punkt bei Neukonzeptionen ethnologischer Ausstellungen ist die Kritik an der Distanz zwischen Besuchern und Ausstellung. Diese Kritik bezieht sich auf Ausstellungen, die den Besuchern fremde Kulturen auf eine abstrakte Weise präsentieren, sich also nicht darum bemühen, den Besucher mit der Kultur vertraut zu machen. Statt dessen entsteht für das Publikum der Eindruck, dass die Autoren der Ausstellung diese fremde Kultur nach bestimmten Kriterien analysiert, geordnet und danach im Museum dargestellt haben. Das Bild der Kultur wirkt dadurch künstlich bzw. eine wissenschaftliche Interpretation und nicht eine Nachbildung der Wirklichkeit. Die Distanz zwischen Publikum und ausgestellter Kultur kann sich außerdem dadurch einstellen, dass der Besucher die Objekte nur aus einer bestimmten Entfernung anschauen darf. Museen versuchen beispielsweise durch eine ironische Darstellung von Kultur, die gleichzeitig die Art der Repräsentation im Museum kommentiert, diese Distanz zwischen Publikum und Ausstellung aufzuheben und einen Dialog zu ermöglichen.317

Des Weiteren gibt es Beispiele ethnographischer Ausstellungen, die bei der Konzeption die Überlegungen von Repräsentanten der ausgestellten Kultur einbeziehen. Vor allem in [Seite 163↓]ethnologischen Museen in den USA und Kanada spielt dieser Gedanke eine wichtige Rolle. Museumsmitarbeiter, die nicht aus der jeweils ausgestellten Kultur stammen, und Mitglieder der indianischen Gesellschaft betrachten kulturelle Phänomene oft unterschiedlich und konzipieren entsprechende Ausstellungen auf verschiedene Weise. So divergieren beispiels­weise die Auffassungen darüber, welche Objekte als Kunstwerke betrachtet werden können.318 Ethnologische Museen wählen verschiedene Methoden, um diesem Dilemma zu begegnen und möglichst allen Konzepten von Kultur gerecht zu werden. So bemüht man sich um eine kritische Analyse von Kulturen; innerhalb der Ausstellung werden verschiedene Inter­pretationen kultureller Phänomene präsentiert, auch wenn diese sich teilweise widersprechen; schließlich beziehen Museen bewusst Vertreter der jeweiligen Kultur in die Ausstel­lungskonzeption mit ein.

Ein Beispiel einer ethnologischen Ausstellung aus der jüngsten Zeit war die Ausstellung „Menschen und ihre Gegenstände. Amazonien – Ozeanien“ im Museum der Weltkulturen in Frankfurt am Main, die im November 2001 eröffnet wurde. Das Konzept der Ausstellung sah vor, die Bedeutungsebenen von Objekten in den Mittelpunkt der Ausstellung zu stellen. Für die einzelnen Ausstellungsräume wurden Themen gewählt, die ihren Ausgangspunkt in den Bedeutungsebenen der Exponate nahmen und Grundfragen menschlichen Zusammenlebens betrafen; bei der Vermittlung von Lebensweisen in Amazonien und Ozeanien sollte die Ausstellung „Verstehensbrücken“ schaffen.319 Diese „Verstehens­brücken“ wurden durch die Gestaltung der Ausstellungsräume gebildet: Beleuchtung, Textilien, Bodenbelag und Wandfarben erzeugten eigene Atmosphären. Diese Inszenierungen sollten den Besuchern die Auseinandersetzung mit den fremden Kulturen erleichtern.

Die Aufhebung der Distanz zwischen Besucher und Ausstellung bzw. Exponaten, die Mitarbeit der Kulturschaffenden bei der Konzeption sowie die Einbeziehung ungewöhnlicher Raumgestaltungen in die Gestaltung der Ausstellung deuten an, auf welche Weise Heimatmuseen ihre Arbeit erweitern oder ergänzen können, wenn sie sich als ethnologische Museen verstehen und sich an entsprechenden Konzepten orientieren.


Fußnoten und Endnoten

299 Siehe hierzu das Kapitel zur Geschichte der Heimatmuseen, insbesondere den Abschnitt zu neuen Konzepten regionalhistorischer Museen.

300 Hier sei nochmals erwähnt, dass die Neuköllner Ausstellungen in den meisten Fällen die Beziehung zwischen Mensch und Objekt explizit als Thema wählen und damit auch Lebensweisen deutlich darstellen; die analysierte Ausstellung stellt in diesem Sinne eine Ausnahme dar.

301 Siehe dazu Grzywatz 1990 und das Kapitel zur Geschichte der Heimatmuseen.

302 Die Jahresausstellung in Neukölln dagegen thematisiert diesen topographischen Bezug deutlich, die Exponate wurden hier jedoch speziell für die Ausstellung recherchiert und bilden nach Ausstellungsschließung einen neuen Sammlungsschwerpunkt des Museums.

303 Das Museumsmodell wendet sich damit gegen einen jüngst beobachteten Trend in der Museumslandschaft, nach dem sich Museen immer weniger als ein „Ort der Erkenntnis“ verstehen, sondern ihre Aufgabe immer mehr darin sehen, „für nostalgische oder esoterische Entrückung zu sorgen“; es geht, so die Kritik an dieser Ent­wicklung, „nicht um Erklärung, sondern um Verklärung“ (Rauterberg 2002, S. 37). Rauterberg sieht Anzeichen für diese Entwicklung in jüngsten Ausstellungen wie „Sieben Hügel“, „Theatrum naturae et artis“ in Berlin oder den Themenhallen der Weltausstellung in Hannover, die „von einer neuen, quasi natürlichen Gleichrangigkeit der Dinge, von einer Aufhebung der bisherigen Ordnung, von einer Konfusion, in der erst der Besucher durch seine Assoziationen wieder eine Sinnkonstellation errichten kann“ träumten (ibid.).

304 Rauterberg (2002, hier S. 39f.) dagegen geht davon aus, dass „die Authentizität kein Fundament mehr bietet“. Neben der „Vielfalt des Möglichen“, die im Museum gezeigt werden müsse, fordert er, dass Museen sich selbst musealisieren, „sich auf die Ausleuchtung der eigenen Geschichte und Aufgaben einlassen“ sollten. Dieser letzte Punkt kann jedoch, so zeigt es das Museumsmodell, auch mit Hilfe der Sammlung bzw. authentischer Objekte gezeigt werden. Das Betonen der Authentizität der Exponate und die von Rauterberg geforderte „Vielfalt des Möglichen“ müssen sich also nicht widersprechen.

305 Dieser Ansatz wird auch “induktive Arbeitsweise” genannt: “ein gründliches Ausloten aller Informationen, [...[ das Bedenken aller Dimensionen, in denen ein Objekt steht, um dann eine sachlich begründete Entscheidung treffen zu können, welcher Interpretationsrahmen im Vordergrund stehen soll“ (Foerster 1993b: S. 52, Hervor­hebungen im Original).

306 Featherstone / Lash 1995: S. 2ff.

307 Die Formulierung des socioscape durch Albrow lehnt sich an das Modell von Appadurai an, der insgesamt fünf landscapes definiert, um das komplexe Zusammenspiel von Wirtschaft, Politik und Kultur zu beschreiben; die Museen können als Teil des mediascape, über den Informationen und Weltbilder verbreitet werden, betrach­tet werden.

308 Siehe für eine Beschreibung des Problemfeldes Museologie und Globalisierung Vieregg 1999. Vieregg sieht die heutige Museologie durch vier Charakteristika gekennzeichnet: Identität, kulturelle Vielfalt, interdiszi­plinä­res Arbeiten und Globalisierung (S. 22).

309 

Als Aufgabe insbesondere lokaler Museen kann so auch die Herausarbeitung einer Distanz zu Objekten, die aus ihrer Fremdheit resultiert, angesehen werden; siehe hierzu Beutelspacher (1993: S. 80f.).

Auch Korff (1992b) weist darauf hin, dass Museen Dinge auch aus einer „verfremdeten Perspektive“ vorführen können (S. 283); dabei bezieht er sich auf die Position von Sloterdijk, der das Museum als eine „Schule des Befremdens“ betrachtet; für Sloterdijk ist daher das Völkerkundemuseum „das museumshafteste Museum“, das andere Museen dazu inspirieren müsse, seine Aufgabe darin zu sehen, die Gesellschaft „ in einen intelligenten Grenzverkehr mit dem Fremden zu verwickeln – auch mit dem ´eigenen´“ (Sloterdijk 1989: S. 62).

310 Siehe für eine Zusammenfassung der Ausstellungstheorie der Tübinger Schule Tokofsky (1999: S. 271f.), zum Aura-Begriff von Benjamin Korff (1988: S. 77) und Korff/ Roth (1990: S. 17), zur Wichtigkeit der Authentizität von Objekten Korff (1992: S. 278).

311 Tokofsky 1999: S. 271.

312 Korff/ Roth (1990, hier S. 17) weisen in diesem Zusammenhang auch darauf hin, dass es wichtig ist, die Geschichte der Lieferanten von Objekten zu kennen.

313 In diesem Zusammenhang kritisiert der Kunsthistoriker Belting auch das westliche Kunst- und Kultur­ver­ständnis, wie es sich in vielen Museen wiederfindet. Vor dem Hintergrund der Globalisierung muss sich der Westen „einen neuen und zeitgemäßen Begriff vom eigenen Kanon (Kultur und Kunst) [...] verschaffen, um ihn der übrigen Welt zu vermitteln. Es geht nicht so sehr darum, die anderen zu verstehen, als darum, sich selbst im Dialog mit der heutigen Welt zu verstehen und zu deuten. [...] Dazu bedarf es dann gerade der Orte und der Gegenstände der Erinnerung, um auch das Fremde und das Vergessene in der eigenen Kultur wiederzu­ent­decken. Die Globalisierung [...] ist eher die Aufforderung zu einem neuen Selbstverständnis als zu einem modischen Fremdverständnis.“ (Belting 2001: S. 32, Hervorhebungen im Original). Siehe dazu auch die Presse­mitteilungen von ICOM und dem Deutschen Museumsbund zum Internationalen Museumstag im Jahr 2002, der unter dem Motto „Museen und Globalisierung“ stand; hier wurde ebenfalls der Zusammenhang zwischen fremder Kultur und Selbstverständnis hervorgehoben (ICOM 2002, Deutscher Museumsbund 2002).

314 In diesem Sinne bildet der Heimatbegriff ein "integratives Kulturkonzept“, wie es im Zuge der Globalisierung seit den neunziger Jahren wieder in den Mittelpunkt der Museumsarbeit gerückt wird. Siehe dazu die Aussage von Martin Roth in der Pressemitteilung des DMB zur Jahrestagung 2001 (Deutscher Museumsbund 2001).

315 Siehe zu einer kurzen Zusammenfassung der Einflüsse ethnologischer Diskussionen auf ethnographische Ausstellungen Lidchi 1997: S. 201.

316 Ein Beispiel für eine Ausstellung mit diesem Konzept beschreibt Riegel (1996, S. 94ff.).

317 Eine Kritik an der Distanz zwischen Besuchern und dargestellter Wirklichkeit und Diskussionen zweier Ausstellungen, die mit Hilfe von Ironie diesem Dilemma begegnen, liefert Riegel (1996, S. 84ff.).

318 Andere Beispiele für solche Divergenzen und Beispiele von Ausstellungen, die diese unterschiedlichen Auf­fassungen berücksichtigen, beschreibt Ames (1990).

319 Die Objekte selbst wurden zum „Ausgangspunkt von Betrachtung und Zuordnung zu Kontexten, die weit über ihren alltäglichen Gebrauch hinauswiesen“, gemacht; somit standen „die Bedeutungen, die mit Objekten assoziiert werden“, im Mittelpunkt der Ausstellung (Rein 2002: S. 92f.).



© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 3.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
31.08.2004