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7.  Schlussbetrachtung

Die Berliner Bezirksmuseen zeigen beispielhaft, wie „kleine“ Museen trotz wirtschaftlicher, personeller und räumlicher Engpässe neue Wege in der Sammlungs- und Ausstellungsarbeit einzuschlagen können. Die Museen beweisen den Mut, auf der Suche nach Ausstellungs­techniken neue Wege zu gehen, um insbesondere die Bedeutungsebenen von Objekten für die Darstellung von Heimat zu nutzen; ungewöhnlich gestaltete und miteinander kombinierte Präsentationsweisen nutzen die Aussagekraft von Objekten. Erst eine genaue Analyse der Ausstellungsarbeit macht die Rolle der materiellen Kultur in den einzelnen Museen deutlich. Exponate dienen in den Ausstellungen nicht nur dazu, Themen zu illustrieren, sie transportieren über ihre vielfältigen Bedeutungen Inhalte, die weder über Texttafeln noch über audiovisuelle Medien vermittelt werden können.320 Dabei werden thematische und optische Zusammenhänge zwischen Ausstellungskapiteln hergestellt, weitere inhaltliche Schwerpunkte gesetzt und die Ästhetik von Exponaten hervorgehoben. Die Analyse hat außerdem gezeigt, dass durch entsprechende Forschungen über materielle Kultur eine Vielzahl von Bedeutungsebenen von Objekten genutzt werden könnte.

Die Bezirksmuseen gehen bei ihren Strategien aufgrund ihrer Geschichte, aufgrund des Heimatbildes, das sie erforschen und vermitteln, und aufgrund der Sammlungsbestände, auf die sie zurückgreifen können, unterschiedlich vor. Dennoch kann über eine Analyse der Museumsarbeit ein Museumsmodell formuliert werden, das eine gemeinsame Ausrichtung der Museen beschreibt, indem es inhaltliche und gestalterische Ergänzungen vorschlägt. Das Modell sieht dabei keine gleich­förmige Gestaltung der Ausstel­lungen vor, sondern berück­sichtigt die jeweiligen Charakteristika der Museumskonzepte. Die indivi­duellen Strategien der Museen können so ergänzt werden, dass die Ausstellungen Heimat­bilder präsentieren, die miteinander verglichen und mit Hilfe der jeweiligen musealen Sammlungen dargestellt werden können.

Das Modell geht dabei von der zentralen Bedeutung der museumseigenen Sammlungen für die Museumsarbeit aus. Die Quellenlage, der enge Kontakt zu Spendern und Leihgebern sowie die Sammlungsstrategien der Museen erlauben die Erforschung materieller und kultureller Eigenschaften der Sammlungsbestände. Die Beschaffenheit von Gegenständen und ihre Beziehungen zum Produzenten, Konsumenten, Sammler oder anderen Menschen eignen sich dazu, die Charakteristika der jeweiligen Heimat wie deren geographische Begrenzung, soziokulturelle Offenheit und Vielfalt an Lebensweisen in den Mittelpunkt der Ausstellungen zu stellen. Die Präsentationsweisen der untersuchten Museen bieten Hinweise, wie objektorientierte, illustrierende und inszenierende Ausstellungstechniken die vielfältigen Bedeutungsebenen von Exponaten zur Geltung bringen können.

Auf diese Weise zeigt das Museumsmodell, wie die Bezirksmuseen zu einem Gesamtbild Berlins beitragen; sie präsentieren die Großstadt als ein Kaleidoskop von Heimaten, die trotz ihrer historischen, politischen und soziokulturellen Unterschiede anhand weniger Begriffe verdichtet dargestellt werden. Die Bezirksmuseen können durch eine Vielzahl regionaler und globaler Perspektiven zu einem erweiterten Bild der Großstadt Berlin beitragen.


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Die ethnologische Perspektive auf die Heimaten Berlins ermöglicht es, die regionalen Kulturen im Zusammenhang mit der Globalisierung zu betrachten. Auch hier zeigt sich die zentrale Bedeutung der musealen Sammlungen. Die Geschichte der Umdeutungen ihrer Objekte zeigen den kulturellen Wandel im Zuge der Globalisierung, da Gegenständen im Laufe ihrer Biographie immer wieder neue Bedeutungen zugewiesen werden. Die Museen bzw. deren Sammlungen selbst schließlich bilden die verschiedenen Bilder der Heimat nicht nur ab, sondern sind bei der Verbreitung und Umgestaltung regionaler Kulturen beteiligt.

Wenn Heimat als ein globalisiertes kulturelles Phänomen verstanden wird, folgt daraus nicht nur die Erweiterung der Sammlungsforschung und Ausstellungsgestaltung um Themen wie soziokulturelle Offenheit eines geographisch begrenzten Kulturraums oder Vielfalt unter­schiedlicher Lebensweisen innerhalb eines Stadtbezirks. Diese Sichtweise bezieht auch das Element der Fremde in ein Heimatbild mit ein. Es geht damit in der Arbeit der Heimatmuseen um die Erforschung und Darstellung einer Kultur, die den meisten Besuchern in vielen Bereichen unbekannt ist. Das Verständnis von Heimatmuseen als ethnologische Museen eröffnet weitere Perspektiven auf die Konzeptionen von Heimatmuseen.


Fußnoten und Endnoten

320 Die Berliner Bezirksmuseen kommen damit der jüngsten Forderung an kulturhistorische Museen nach, „der semantischen Ebene der Objektkultur näher zu kommen“; dabei darf „neben die verstandesmäßige Erschließung historischer Artefakte [...] das Mittel der sinnlichen Erfahrung treten, gemäß der Idee, den Ort der Ausstellung als einen Ort der nonverbalen Wahrnehmung zu gebrauchen“ (Meiners 2002b: S. 8).



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31.08.2004