Anhang A

Exkurs zu: DER PFARRER VON KIRCHFELD

Ein Vergleich des Volksstücks Der Pfarrer von Kirchfeld von Ludwig Anze n gruber mit Ödön von Horváths Exposé

EINLEITUNG

Das Theaterstück Der Pfarrer von Kirchfeld von Ludwig Anzengruber, dasHorváth als Vorlage für sein Expose nutzte, istein ‚Volksstück mit Gesang in vier Akten’ uraufgeführtam 05. November 1870 im Wiener Burgtheater 497. 1904 erschien in der Cottaschen Buchhandlung der gedruckte Text. Diesem Text stellte der Verfasser ein Vorwort voran. Unter dem Titel Mit Verlaub, lieber Leser schreibt Anzengruber „(... )Wer mit der Darstellung dieses Stückes schon vertraut ist, wird auf verschiedene Stellen stoßen, welche für ihn den Reiz der Neuheit haben werden (ob auch einen anderen, erlaube ich mir nicht zu entscheiden); dieses Plus an Gedanken und Worten ist dadurch entstanden, daß ich, unbekümmert um die Striche, welche die Zensur und die Theaterregie angebracht haben, das Werk so, wie es niedergeschrieben wurde, in Druck legen ließ.“498

Der Leser erfährt, dass dieses Stück bei seiner Uraufführung der Zensur unterworfen war und der Autor sich offensichtlich bei dem Druck des Werkes über die Zensur hinwegsetzte.

Bei der Adaption des Anzengruber- Stoffes durch Ödön von Horváth, einem nachgeborenen Autoren, ist dieser Hinweis insofern interessant, als Horváth sein Exposé für die deutsche Filmindustrie geplant hatte, die seit dem Inkrafttreten des „Reichslichtspielgesetzes“ am 01.03.1934 ebenfalls eine ideologische Zensur ausübte.499

Unter verschiedenen Herrschaftssystemen mussten also beide Autoren – unter anderen Vorzeichen - Rücksicht bei der Abfassung eines künstlerischen Werkes nehmen.

Horváth hatte sich einmal in einer kurzen theoretischen Form zur Zensur geäußert: „Es ist der Vorteil der Zensur schon immer gewesen, daß der Zensurierte sich anstrengen muß, Bilder zu finden. Die Zensur fördert also die Bildbegabung, die visionäre Schau, mit anderen Worten : aus der Zensur entsteht das Symbol. Und auch kein dichterisches Bild. Denn ein dichterisches Bild, das der Zensur gefällt, ist kein dichterisches Bild, sondern die Träumerei einer unbefriedigten Briefschreiberin. Sie werden nun mit Recht einwenden, daß wir keine Zensur haben oder nur so ein ganz bisserl eine, die sich auf alle öffentlichen Gebiete, auch des Geisteslebens erstreckt. Nun, es ist möglich, daß der eine oder andere Staat des Abendlandes keine Zensur hat, so besteht aber eine individuelle, und die besteht immer. Und so wollen wir nun die Zensur definieren. Die Zensur ist ein Produkt der Angst. (...)“ 500

Horváths theoretische Ausführungen zur Genese des Symbols sind leider nicht sehr ausführlich.501

Allerdings war er sich wie sein Vorgänger als Schreiber von Volksstücken Ludwig Anzengruber der Problematik der Zensur bewusst.

Während Horváth im 20. Jahrhundert dem Publikum einen Spiegel vorhielt und nach eigener Aussage gegen die Lüge und Dummheit ankämpfte, wollte Anzengruber, der das Volkstheater als ‚moralische Anstalt’ auffasste, im 19. Jahrhundert mit seinen Stücken belehrend und aufklärerisch sein. Er widmete sich sozialen und klerikalen Fragen und wollte mit seinem Theater bewusstseinsverändernd wirken.502 In diesem Sinne wirkt der Gattungsbegriff Volkstheater euphemistisch. Es sind im Dialekt geschriebene Dramen bzw. Volkstragödien.503 Anzengruber kündigte sein sieben Jahre später geschriebenes Volksstück Das vierte Gebot auch als Trauerspiel’ an. Später änderte er die Gattungsbezeichnung in ‚Volksstück’, was ihm für ein im Dialekt geschriebenes Schauspiel weniger prätentiös erschien.504

Bei der Uraufführung seines Stücks war der am 29.11.1839 geborene Ludwig Anzengruber 30 Jahre alt; die Entstehung des Exposés ist nicht genau zu datieren, dürfte aber, da Horváth diese Adaption noch unter seinem richtigen Namen an Filmproduzenten verschickte, noch vor seinem Eintritt in die „Reichschrifttumskammer“ im Juli 1934 geschrieben worden sein. Der am 09.12.1901 geborene Horváth war also bei der Abfassung seines Exposés zwischen 31 und 32 Jahre alt. Die Quasi- Gleichaltrigkeit der beiden Schriftsteller ist insofern interessant, als das Alter oft in einem Zusammenhang mit der Stoffwahl steht. Der revolutionäre Gehalt des Anzengruber- Stücks Der Pfarrer von Kirchfeld ist mit Horváths frühem Theaterstück Revo l te auf Cote 3018 vergleichbar, das dieser schrieb, als er 26 Jahre alt war.

Anzengruber war von der Idee überzeugt, dass das Theater auch als eine Gewissensanstalt zu betrachten sei. Beide Autoren fühlten sich in ihrem Schaffen einem allgemeinen menschlichen Anliegen verpflichtet.

Anzengruber kämpfte im Pfarrer von Kirchfeld gegen Klerikalismus, feudales Denken und für die Priesterehe.

In den Werken beider Autoren findet sich somit eine Tendenz, die in der Wahl von Stoff und Gattung eine gewisse Nähe aufweist. Um so erstaunlicher ist aber, wie ich im Folgenden zeigen möchte, der Umgang des nachgeborenen Horváth mit dem Stück seines Vorgängers und dessen Adaption.

Während für Anzengruber Der Pfarrer von Kirchfeld der erste große Bühnenerfolg war, war Horváth bereits ein in Deutschland und Österreich bekannter - wenn auch umstrittener - Schriftsteller. 1931 hatte er von Carl Zuckmayer den wichtigsten deutschen Literaturpreis dieser Zeit, den Kleist- Preis erhalten, war jedoch zur Zeit der Entstehung dieses Exposés wegen Spielverbots seiner Stücke in Nazi-Deutschland und abgesagten Aufführungen in Österreich in finanzieller Bedrängnis. In der Nische Unterhaltungsfilme fand er vor allem eine Möglichkeit, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Diese unterschiedlichen Voraussetzungen der beiden Autoren müssen einem Vergleich der Vorlage mit seiner Adaption vorausgeschickt werden, weil sie bei der Interpretation unerlässlich sind.

Das durchgängig im Dialekt geschriebene Stück (nur die Pfarrer Hell und Vetter sowie der Graf Finsterberg sprechen Hochdeutsch) eignete sich in seiner Anlage als Volksstück für eine Bearbeitung durch Ödön von Horváth. Im folgenden werde ich die im Stück vorkommenden Themenkomplexe und Motive deutlich machen und im zweiten Schritt Horváths Exposé gegenüberstellen, um zu zeigen, auf welche Weise Horváth die Szenen, Motive und Figuren des Originals umarbeitete.

Die Vorlage

Im Vorwort verweist Ludwig Anzengruber auf die Urheberschaft der im Stück vorkommenden Lieder: „Indem ich mich solchergestalt von dem Leser auf der Schwäche literarischer Eitelkeit ertappen lasse, kann ich es ihm um so weniger ersparen, meinen Charakter an einer anderen Stelle in den sanften Lichtern der Entsagung und des Dankes glänzen zu sehen.

Weder den Nachlesern, die das Stück schon von der Bühne her kennen, noch den Nurlesern, die es nie aufgeführt gesehen haben, wollte ich das liebe Lied: ‚Darf ich’s Büberl liab’n?’ entziehen; die ersteren hätten es gewiß sehr vermißt, die anderen wird die Zugabe sicherlich freuen. Dieses Lied, wie alle im Stücke vorkommenden Gesänge von dem verdienstvollen Kapellmeister Adolf Müller sen. allerliebst in Musik gesetzt, ist nach der Bühnensprache eine ‚Einlage’, es ist nicht von mir und ferne davon mich mit fremden Federn schmücken zu wollen, gebe ich bekannt, daß P. K. Rosegger es ist, welcher dieses Gedicht ersonnen und zum Frommen aller verliabten ‚Diandeln’ von der höchsten Instanz, ‚’n Herrgott’ die bejahende Erledigung der Frage, ob’s Büberl geliebt werden darf, erwirkt hat.“ 505

Diese Erklärung ist für den Vergleich mit Horváths Exposé wichtig, weil Anzengruber hier so etwas wie eine persönliche Ehrenerklärung für Adolf Müller abgibt und P. K. Rosegger als Urheber des Lieds nennt. Außerdem bekennt er seine Affinität zu den Liedern. Es ist nicht nachzuweisen, ob Horváth dieses Vorwort gelesen hatte. Es erscheint merkwürdig, dass Ödön von Horváth, der nach Aussagen seines langjährigen Freundes, Hans Geiringer, Schnadahüpferl’n liebte 506 im Unterschied zum Exposé für Brüderlein fein die Lieder der Raimund-

Stücke nutzen wollte, während er in diesem Exposé gänzlich auf die Liedeinlagen verzichtet.

Der erste Akt von Der Pfarrer von Kirchfeld beginnt mit einem Vorspiel, bevor der Vorhang sich öffnet: Der Zuschauer hört eine Ouvertüre von Jagdfanfaren, die mit dem Öffnen des Vorhangs endet. Die erste Szene des ersten Akts beginnt vor den Kulissen einer Gebirgslandschaft, links ist ein kleines Wirtshaus zu sehen.

Zwei Personen, der Graf Finsterberg und sein Revierjäger Lux betreten die Bühne und Fin s terberg hält seinem Jäger eine Rede, die einen Themenkomplex andeutet, der für den Verlauf des Stückes ausschlaggebend ist:

a) Die politisch - klerikale Auseinandersetzung im Stück

Zu Beginn kennzeichnet Finsterberg seine Position in einem Monolog, den er seinem Revierjäger Lux hält:

„Da stehen die gewaltigen vielhundertjährigen Stämme, die durch die Sonne Gottes großgezogen worden sind, da stehen sie weit gebreitet auf dem Boden, der ihnen gehört, da sie in ihm wurzeln und dehnen sich durch den ganzen Raum, der ihnen zur Entfaltung verliehen ward, und das ist ihr Recht, denn den brauchen sie, auf dem stehen sie - weiß er nun, Lux, warum das Unterholz ihnen nicht über den Kopf wachsen kann?“ 507

Lux hat intuitiv die Metapher der alten Bäume, die viel Platz brauchen, die Fin s terberg mit dem Adel gleichsetzt, verstanden, aber der Graf Finsterberg führt sein Gleichnis unmissverständlich aus:

„Finsterberg (jetzt erst mit Befriedigung schnupfend).

Sieht er, Lux, so ist’s, das ist die Weltordnung, das ist der Ständeunterschied; wie die großen Waldbäume, das Unterholz vor dem Sturm, so schützen wir die Leute, wie Er ist, vor den bösen Gewitterstürmen der Neuzeit! (plötzlich launig.) Sag’ er mal, Lux, wenn so ein Unterholz über die andern hinausschießt, daß er befürchten muß, es fährt seinen alten Kernstämmen mit den Ästen in die Quere, was thut er da?

Lux.

Versetzen, Excellenzherr, natürlich, versetzen den Waldverderber.

Finsterberg (nickt lächelnd)

Ja, ja, daß ihm der Hochhinaus die andern Unterhölzer nicht verdirbt, durch die böse Lockung, versetzen, versetzen! Und wenn er das nicht verträgt?

Lux.

Zehrt er ab, verdirbt. Ist aber kein Schade“ 508

Diese Metapher verweist als Prophezeiung auf das Ende des Stückes.

In diesem Augenblick betritt Pfarrer Hell die Bühne und es entspannt sich ein Dialog zwischen dem klerikal- konservativen Finsterberg und seinem Kontrahenten Hell.

Finsterberg schickt seinen Jäger Lux weg, um mit Hell alleine reden zu können.

In einem langen Dialog um klerikale Fragen wirft Finsterberg Hell Abweichungen seiner Lehre von der herrschenden Lehrmeinung der Kirche vor. Graf Fin s terberg hält es für Hells größte Verfehlung, das Volk davon abzuhalten, zu den Versammlungen zu wallfahren, worauf Hell zu seinem Verhalten steht und erwidert, dass es sich bei diesen Versammlungen um eine selbstmörderische Bewegung gegen das sich verjüngende Vaterland handelt.

Finsterberg erwidert darauf: „Was Vaterland - mit solchen Gesetzen? Herr, dort ist unser Vaterland, jenseits“509 In Klammern steht hinter diesem Ausruf die Regieanweisung: „(weist gegen die Berge, verbessert aber rasch die Richtung des Armes gegen den Himmel)“510

Bei dieser Auseinandersetzung geht es vermutlich um die vor dem deutsch-französischen Krieg besonders virulente Frage der deutschen Einheit und wenn Finsterberg zuerst gegen die Berge weist, meint er wahrscheinlich Deutschland und mit dem Vaterland einen großdeutschen Bund unter Einschluss Österreichs.

Die Auseinandersetzung wird jedoch im weiteren nicht politisch zugespitzt, sondern bleibt klerikal:

„Finsterberg.

Was wollen Sie? Die Gesetze der Kirche und die Gesetze des Staates dürfen nicht miteinander in Kollision geraten!

Hell.

Sonst heben sie sich gegenseitig auf, das war auch meine Furcht, darum handelte ich so und anders nicht!

Finsterberg.

Schreckt Sie der Kampf? Pah, die Kirche hat dabei nichts zu fürchten, die Kirche ist ewig!

Hell.

Der Mensch jedoch ist’s nicht, sollen alle Segnungen und Tröstungen der Kirche für diese und vielleicht für mehrere Generationen sistiert werden - und warum? Um Sturm zu laufen gegen das Vaterland? Herr, das kann niemand fordern!

Finsterberg.

Man kann’s, man wird’s! Glaubt Ihr, umsonst ist jetzt die ganze Christenheit zu Rom versammelt? Von dort wird Euch der Tagbefehl und, Hell, ich rat’s Euch gut, dem gehorcht!“511 (Der Graf spricht vermutlich an dieser Stelle vom 1. Vatikanischen Konzil 1869/70. Anm. d. V.)

Hell (schmerzlich)

Also doch!? Wie oft schon lag wie hier das Morgengrau, eine nahende, neue Zeit, über der schweigenden Erde, da traten sie zur Kirche heran, die vorwärtsdrängenden Gestalten, da bot Calvin, da bot der Wittenberger Mönch die Hand, jedoch die Hand ward nicht erfaßt, der Schritt ward vorwärts nicht gethan; in dem Entsetzen, das die Lenker faßte, geschah es stets zurück (Zum Himmel) Und doch, die Sonne neuer Zeit, sie fand noch immer deine Kirche, o laß sie jetzt doch nimmermehr sündigen auf ihre Ewigkeit!“512

In einer an den Vormärz erinnernden Sprache manifestiert Hell seine politisch verstandene Aufgabe:

„Nun setzt sich in der Kirche fort der Kampf des Tages, das heilige Buch ist von der Kanzel ganz verschwunden und wie wenn er sie als Verlobte verkündigen wollte, wirft der Prediger den Glauben und die Politik von der Kanzel unters Volk.(...)“513

In diesen Sätzen drückt sich in dem 1870 fertiggestellten Theaterstück nicht nur der revolutionäre Geist des Stückes, sondern auch der dezidierte Antikatholizismus Anzengrubers aus, welcher im katholischen Österreich als reiner Antiklerikalismus empfunden werden musste.514

Finsterberg bemerkt auch folgerichtig: „Wie Ihr bei solcher Ansicht noch in unserer Gemeinschaft bleiben mögt, begreif’ ich nicht.“515

An dieser Stelle bekommt die Sprache Hells einen revolutionär anklagenden Charakter:

„Hell.

Das ist’s, so war’s noch immer! Wenn einem sein Gewissen höher galt, als Euer Meinen und heiliger sein Beruf, als Euer Vorteil, da saht Ihr zu, wie er mit Geschick wohl zu verlieren war, dann hieß es: Er war ein Apostat! Mit Denkenden unter Euch könnt Ihr nur in zwei Arten rechnen, als Gleichgültige oder Abtrünnige löst Ihr sie auf; ich bin weder zu dem einen noch zu dem anderen zu gebrauchen, ich bleibe, wie ich bin!“516

Daraufhin bedroht Finsterberg ihn: „Dann hütet Euch vor der Exkommunikation!“ (...)517

Anzengruber vermeidet in dieser politisch- klerikalen Auseinandersetzung politische Festlegungen. Begriffe wie Freidenkertum, Sozialismus o. Ä. kommen nicht vor.

Im Gegensatz zu den Naturalisten, die theoretisch vorgaben, die Erscheinungswelt ohne Tendenz, kompositorischen Zwang und weltanschauliche Prämisse ablichten zu wollen, scheut Anzengruber auch in anderen Bühnenstückennicht davor zurück, das Theater bewusstseinsstiftend als pädagogisches Mittel gegen die damals herrschende Union von Thron und Altar in demokratischer und liberaler Absicht einzusetzen.518

In diesem ersten wichtigen Bühnenstück Anzengrubers wird schon eine Tendenz deutlich, der er auch in späteren Stücken treu bleibt. Sein Volksstück Das vierte Gebot von 1877 ist ebenfalls eine Auseinandersetzung mit der Lehrmeinung der Kirche- hier des alttestamentarischen vierten Gebots „Du sollst Vater und Mutter ehren!“. Am Beispiel dreier Familien wird das vierte Gebot durchgespielt und Anzengruber zeigt, wie die Formel, Vater und Mutter ehren zu sollen, sinnentleert wird bzw. sich ins Gegenteil verkehrt, wenn dieses Gebot von nicht-ehrenhaften Vätern und Müttern zum Unglück der Kinder missbraucht wird.519

In Der Pfarrer von Kirchfeld werden die zwei Protagonisten Pfarrer Hell und Graf Finste r berg von Anzengruber namentlich in einer typologischen Absicht gekennzeichnet, die deren Weltanschauung deutlich machen. sollen: hell und finster = dunkel.520

Ein anderer, religiöser Konflikt wird ebenfalls behandelt und verdient besondere Aufmerksamkeit:

b) Das Thema der Zivilehe

Das Thema der Eheschließung zwischen Katholiken und Protestanten wird von Anzengruber in der dritten Szene dramatisiert: Nach dem Abgang Hells in der zweiten Szene steht die Regieanweisung:

„(Schon nach dem Abgang Hells beginnt die Musik pianissimo einzelne Stellen des Wallfahrerchors und Hochzeitreigens, beide Tonstücke zugleich wie in Tönen herübergeweht, zu spielen.)“ 521

Mit den Melodien charakterisiert Ludwig Anzengruber die ideologischen Gegensätze zweier Gruppen, die jetzt auf die Bühne treten, im Konflikt um die Frage nach der Richtigkeit der Zivilehe. Es folgen zwei Aufzüge von verschiedenen Seiten: von der einen der Brautzug der Verlobten Thalmüller- Loisl und der lutherischen Bernbrunner Franzl aus Kirchfeld, von der anderen eine Gruppe aus Altötting auf dem Weg nach Matrey, wo, wie der Leser erfährt, eine reaktionäre Versammlung stattfindet, angeführt vom Schulmeister, der dem Brautzug den Weg versperrt.

Der Schulmeister wendet sich an den Bräutigam und versucht ihn von der Sündhaftigkeit seines Tuns zu überzeugen:

„(...)Thalmüller- Loisl, öffentlicher Sünder, tritt vor, ich beschwöre dich, tritt vor! Siehst du nicht in dieser wunderbaren Begegnung, die ist, als ob sich dir die Heerscharen des Himmels selbst entgegenwürfen, einen Fingerzeig des Himmels! Noch ist es Zeit, laß die unheilvolle Hand der Ketzerin fahren! Willst du der erste sein, der unserem Lande das verdammungswürdige Beispiel einer solchen Ehe gibt?“522

Der Thalmüller-Loisl antwortet verlegen, dass doch einer anfangen muss, worauf der Schu l meister eine lange Rede gegen die Möglichkeit und Sündhaftigkeit einer solchen Mischehe hält, wobei er sich aufgrund seiner reaktionär- religiösen Weltanschauung als Gesinnungsgenosse und Vollstrecker des Grafen Finste r berg entpuppt.

In die Diskussion mischt sich der Michel ein, der die Rechtmäßigkeit dieser Ehe verteidigt und sich im weiteren bei der Entscheidung, nicht an der Versammlung in Matrey teilzunehmen auf den Pfarrer Hell beruft. Der Schulmeister bezeichnet daraufhin den Pfarrer Hell als einen reißenden Wolf im Schafspelz.523

Loisl verbittet sich die Beschimpfung des Pfarrers Hell und erzählt, dass der Pfarrer seine Braut sogar vor der Kirche gesegnet hat, betont aber gleichzeitig, dass er das nicht in der Kirche hat machen können.

Der Schulmeister muss den Kirchfelder Brautzug vorbeilassen und Michel singt ein Lied mit Chor:

„ ‘s nimmt einer gar oft a

Rechtgläubige Dirn,

Die nachhert im Ehstand

Thut erst protestier’n

Doch wenn ihm in d’ Aug’n

A Luthrische lacht,

Kann’s sein daß inr Ehestand

Katholisch er’s macht!

(Jodler mit Chor, Tanz)

Geht’s, schimpft’s nöt,

Des ketzrische Bruat,

A lutherisch Derndel

Bußt grad a so gut!

Es ist der Gottseg’n

bei ihr net verdurb’n,

A lutherisch Weiberl

Kriegt a klane Bub’n!

(Jodler mit Chor)“ 524

Zur Bestürzung des Schulmeisters singen seine Wallfahrer am Ende mit.

In diesem Lied wird antiklerikale Gesinnung volkstümlich zum Mitsingen inszeniert, und Anzengruber gibt von der Bühne herab antikatholischen Anschauungsunterricht.

Das Volkstheater im 19. Jahrhundert war neben den Kalendern meist die einzige außerkirchliche Institution der Erwachsenenbildung. Anzengruber war sich dessen bewusst und er setzt das Bühnenspiel didaktisch als Mittel seiner pädagogischen Ziele ein, wobei er aufklärerisch das Volk für seine Ansichten gewinnen will.525

Der Kampf wird vom Schulmeister auf der Liedebene weitergeführt, indem er nach dem Lied (Regieanweisung: „krähend vorsingend“) ein Kirchenlied anstimmt: „O stärk uns, Herr, anSeel und Leib!“ 526

Nach der Uraufführung schrieb Heinrich Laube, dass die Verteidigung der Zivilehe den Beifall des Publikums für sich hatte.527

Als geschickter Dramatiker versteht es der Autor, in der Tradition des Volksstücks, deren Wurzeln bis ins spätbarocke Stegreifspiel und der Commedia dell’arte reichen528, durch einen geschickten Wechsel possenhafte Elemente mit zeitkritischen und revolutionären Elementen zu verbinden und somit dem Volk die hinter dem Stück liegenden zeitkritischen Absichten leichter zugänglich zu machen: Unmittelbar nach Abgang der Züge folgt eine Auseinandersetzung des Wirtes mit seinem Sohn Hannsl, die die Szene beobachtet haben.

Der Dialog und die Figur des Hannsl ist für die Komik und Besetzung des Anzengruber- Stückes aufschlussreich:

„Wirt (der am Ganzen teilgenommen).

Jetzt weiß man erst wirklich net, wer recht hat.

Hannsl (lacht dumm).

Wirt.

Was lachst denn?

Hannsl.

Weil der Boda fragt, wer recht hat, und sie hab’n gar nit g’rauft!

Wirt.

Na und was wär denn dabei rauskäma? Recht bleibt Recht.

Hannsl (keck).

Ja freilich, wer d’ Schläg kriegt, hat allemal unrecht.

Wirt.

Mir scheint, du wirst aber auch gleich unrecht hab’n!

Hannsl.

Das gibt’s doch net; ich verkriech’ mich hinter d’ Muada, bis i so stark bin wie der Boda, donn kimm i schon herfür. Das ‚Verkriechen’ heißt man Konferenz.

Wirt.

Zum Teufel, wer setzt dir denn das Zeugs in Kopf?

Hannsl (stolz).

Ich hab doch im Meraner Hotel für Fürsten und Grafen die Teller g’waschen!“ 529

Solche Elemente finden sich auch im Stegreiftheater und der sprichwörtliche Hannsl ist eine Figur mit den Eigenschaften frech, vorlaut, feige und manchmal einfach nur unsinnig. Entsprechend dem Buffone in der italienischen Commedia dell’arte bzw. dem dummen August in der deutschen Schwankliteratur weist diese Figur allgemein immer die gleichen Eigenschaften auf und ist oft der Publikumsliebling.

Die Handlung dieser Personen hat für den Verlauf des Stückes wenig Bedeutung. In diesem Anzengruberstück wird ständig zwischen solchen leichten und ernsten Themen gewechselt.

So auch hier. In der gleichen Szene kommt unmittelbar nach der Auseinandersetzung des Wirts mit Hannsl der Wurzelsepp ins Gasthaus. Er ist ein vom Leben enttäuschter Kräutersammler; der mit seiner alten Mutter lebt, nicht mehr in die Kirche geht, weshalb ihm die Wi r tin Vorwürfe macht.

Er trifft dort auf Annerl, die ein Lied singt, welches ihren Werdegang kennzeichnet:

„Dö Fischerln im Bach

Und d’ Vögerln am Boam,

Do wissent wo s’ hingehör’n

und hab’n ihr Dahoam.

Nur ‘n Menschen treibt’s G’schick

Oft hinaus in die Fremd’,

wenn er glei vor Hoamweh

Und Herzleid derkämmt!

(Jodler)

Dahoam hat mi ang’lacht

Beim Bacherl der Steg,

Do Häuserln im Dörfel,

jed’s Stoanderl am Weg,

Doch weit von dahoam

Schaut jetzt fremd alles her,

Als ob i schon selber

Vergangen lang wär’.

(Jodler)“ 530

Der Wurzelsepp spricht sie an, erfährt, dass der Pfarrer ihrer Gemeinde, Pfarrer Vetter der Gemeinde Sankt Jakob in der Einöd, ein gutes Wort für sie bei Pfarrer Hell eingelegt habe, damit er sie in seinen Dienst nimmt. Sepp bietet ihr an, sie nach Kirchfeld zu begleiten, denkt sich aber nichts Gutes dabei. Dieser Handlungsplot ist für den Fortgang des Stückes wesentlich und verdient besondere Beachtung:

c) Das Thema der Verleumdung

Der Wurzelsepp äußert gegenüber dem Wirt schon seinen verleumderischen Verdacht: „Wirt, frag doch in fünf Wochen, ob die Kirchfelder ihr’n Pfarrer noch für ein’ Heiligen halten?!“ 531

In der sechsten Szene- erster Akt spricht der Pfarrer Vetter mit Pfarrer Hell. Er erzählt ihm von seinem mühsamen Dasein in der Pfarre und richtet auch an ihn eine Bitte. Hell fordert ihn auf, ohne Scheu zu sprechen und der Pfarrer Vetter erzählt die Geschichte Annas und ihrer Mutter:

„Die Sache ist die. Es lebte da jahrelang eine arme Witwe in St. Jakob, die sich kümmerlich durchbrachte mit ihrer Hände Arbeit und dabei recht christlich ihr einzig Kind, ein Mädchen, erzog, das wuchs so heran, half bei der Arbeit, und so ging’s denn Jahr für Jahr, ein mühselig, einförmiges Leben! Fiel dann einmal eine Krankheit die Alte oder das Mädel an, nun so mußte obendrein geborgt werden und so ward das wenige liegende Eigentum, die Hütte und ein paar Joch Äcker richtig ganz verschuldet. Vorige Woche nun ist die Alte gestorben, da sind denn auch die Gläubiger gekommen, nahmen, was vorhanden war, in Beschlag und jagten die Junge aus der Hütte ihrer Eltern; das arme Kind steht obdachlos, ganz einsam und verlassen auf der Welt. Wie ich bemerkte, ich konnte mich diesmal nicht so ins Mittel legen, daß es fruchten mochte, denn es ist viel, von diesen Leuten zu verlangen, daß sie entsagen, wo sie selbst kaum das Nötigste haben, das verhärtet das Herz; da hab ich denn den Sarg der Alten aus Eigenem bezahlt und wegen der Jungen den Gang zu Ihnen gemacht. Ich weiß wohl, sie haben die alte Brigitte, die haushält aber die seufzt auch schon, wie ich höre, daß es ihr schwer ankomme, unserem Schulmeister hat sie ihre Not geklagt, er ist mit ihr verwandt; da dachte ich mir, ich wag’ es, Sie zu bitten, daß Sie das Mädel ins Haus nehmen, da wäre sie wohl gut aufgehoben.“ 532

Diese Erklärung des Pfarrers Vetter bildet den Ausgangspunkt für das Treffen der beiden positiven Figuren: Hell und Annerl.

Pfarrer Hell nimmt Annerl in seinen Dienst, die sich sofort gut mit der ersten Haushälterin, Brigitte, versteht.

Das unschuldige, fromme Annerl wird als „lebfrische Dirn“ eingeführt, es singt den ganzen Tag Schnaderhüpferln und besticht durch reines, einfaches Gutsein.

Annerl erinnert den Pfarrer Hell an seine verstorbene Schwester und er äußert ihr gegenüber, wie sehr er sich ein Leben in der Familie gewünscht hätte. Er schenkt ihr ein goldenes Kreuzchen seiner verstorbenen Mutter, das sie auch im Dorf trägt. Der Wurzelsepp beobachtet die Szene und bezichtigt den Pfarrer unlauterer Machenschaften. Wegen des Kreuzchens glauben ihm die Leute, so dass sich Wurzelsepps böse Prophezeiung, dass den Pfarrer wohl in fünf Wochen niemand mehr für einen Heiligen halten werde, erfüllt.

Die Beziehung des Pfarrers zu Annerl hat aber über die Verleumdung hinaus noch eine Komponente, die einen anderen Konflikt andeutet:

d) Das Motiv der Priesterehe

Die Figur des Pfarrers Vetter ist von Anzengruber komisch angelegt worden. In der Regieanweisung heißt es:

„(Vetter, ein Greis mit kahlem Kopf und an den Schläfen herabfallenden langen weißen Haarflechten, Priestergehrock, Gewandung etwas abgetragen, sitzt behaglich in dem Fauteuil; er hat eine Serviette übergebunden, die er während der ganzen Szene nicht ablegt; er ist durchweg fein humoristisch aufzufassen)“.

Als er mit Hell spricht, erklärt er ihm, warum er Priester geworden ist: „Ich bin der zweite Sohn armer Bauersleute und Sie wissen, man hat es gern, daß das kleine Erbe für den ältesten beisammen bleibe, da hat man mich denn zum Priester gemacht.“ 533

Diese traurige Feststellung Vetters hat an sich nichts Kritisches, bekommt jedoch im Zusammenhang des Stücks in dem Sinne eine Betonung, dass sich der kritische Leser fragen kann, ob es denn gerecht ist, dass jemand, der wegen einer Erbschaftsfrage zum Pfarrer gemacht wird, deshalb auch von der Ehe ausgeschlossen sein sollte. Dieser Zweifel wird verstärkt durch folgende Aussage Ve t ters:

„Es ist wahr, ich hatte auch schon oft den Entschluß gefaßt, zu gehen, es wollte schon eine Zeit her nicht mehr recht fort mit mir, ich bin nicht wie der Schulmeister, der hofft (näher rückend) und Herr Amtsbruder, nichts für ungut, unter uns, vielleicht auch hoffen kann und soll, wenn auch nicht für sich; er hat gar liebe Kinder und hat ein braves Weib, das hält ihn aufrecht - wir haben das aber nicht, dürfen das nicht haben - so steh’ ich denn allein und wenn ich heut oder morgen zusammenbreche, so kann ich mich auf niemanden stützen, (...)“ 534

Mit diesen Fragen quält Pfarrer Hell sich auch, spätestens seit dem Erscheinen der Lichtgestalt Annerl in seinem Haus.

Der Dialog zwischen Hell und Annerl, nachdem er ihr das goldene Kreuzchen geschenkt hat, ist in diesem Zusammenhang aufschlussreich:

„Hell.

Nimm nur! (Gibt es ihr) Es ist ein Geschmeide meiner verstorbenen Mutter.

Annerl (erschreckt).

Von deiner Mutter selig? Na, da behalt’s nur, das bin ich nit wert.

Hell.

Ich wüßte niemanden, in dessen Händen ich es lieber sehen würde, als in den deinen.

Annerl (verwirrt und errötend).

Du mußt mir aber doch recht gut sein, weil d’ mir das Kreuzel gönnst?

Hell.

Da kannst Du noch fragen, Anne?

Annerl (sinkt mit ihrem Gesichte auf seine Hände, schluchzend).

O du mein Gott und Herr

Hell.

Was ist dir, Anne?

Annerl (erhebt sich)

Nichts, gar nichts!“ 535

Diese Szene trägt die Elemente einer Liebesszene. Im folgenden macht Hell seine Absichten auch deutlich:

„Hell.

Ich habe es dieser Tage gedacht: wenn mir nun meine Schwester am Leben geblieben wäre, wer weiß, wäre sie noch bei mir? Ein braver Mann hätte sie vielleicht von mir weg in sein Haus geführt - und da dachte ich denn auch an dich, ich dachte mir, da du dich einmal zu dienen entschlossen hast, da die hier nichts abgehen wird, daß du bei mir bleiben wirst, daß du mich nicht verlassen wirst.

Annerl (gibt ihm die Hand).

Mein Lebtag net. (kleine Pause, sie zieht ihre Hand aus der seinen)

Gute Nacht, Hochwürden“ 536

Es ist meiner Ansicht nach nicht überinterpretiert, wenn man feststellt, dass Pfa r rer Hell ihr mit dem Kreuz den Antrag macht, eine Lebensgemeinschaft mit ihm einzugehen und diese Szene bewusst vom Autor eine erotische Tendenz bekommen hat. A n nerl nimmt den Antrag an. Weder zur Zeit der Uraufführung des Stücks, also in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, noch heute ist die Handlungsweise des Pfarrers Hell kompatibel mit Katholizismus.

Hell wünscht Annerl eine gute Nacht und sie kehrt noch einmal zurück, um ihn zu fragen:

„Und darf ich das Kreuzel offen tragen vor ganz Kirchfeld?

Hell.

Gewiß! Warum fragst Du?

Annerl.

Ich hab’ nur g’fragt, daß ich weiß, was dir recht ist! Nach allem andern frag’ ich nimmer! Recht, recht gute Nacht!“ 537

Annerl wird nicht als so kreuzbrav dargestellt, da sie offensichtlich mit dem Gerede der Leute rechnet, wenn sie fragt, ob sie das Kreuz offen tragen darf. Es wird nicht ganz klar, was sie damit meint, als sie sagt, „nach allem andern frag’ ich nimmer!“, aber es könnte ein Hinweis auf ihr gegebenes Einverständnis und Komplizenschaft mit dem Pfarrer sein, da sie merkt, auf welchen Handel sie sich mit dem Kreuzchen eingelassen hat.

In der folgenden Szene wird deutlich, dass Pfarrer Hell selbst die Gefahr seines Handelns erkennt, wenn er in einem Monolog folgende Sätze spricht:

„Sei mir gegrüßt, du heiliger Hauch des lange verlorenen Familienlebens, daß wieder mit diesem Kinde in mein Haus gezogen ist. (...) und wieder werde ich wissen: ich bin nicht allein, ich muß auf der Hut sein vor mir selbst, muß jedes Fleckchen das vielleicht dem Entfernteren unbemerkbar ist, aber in der Nähe doch übel auffällt, sorgfältig in all meinem Denken und Handeln löschen - und jenes Leben, das immer auf andere vorab Rücksicht nimmt, muß mir wieder zur zweiten Natur werden, und nur wer so lebt, versteht dich, du Gott der Liebe!“ 538

Um welches Fleckchen, das in der Nähe übel auffällt und darum gelöscht werden muss, handelt es sich? Das Leben, das immer auf andere vorab Rücksicht nimmt, muss dem Pfarrer wieder zur zweiten Natur werden. Dieser Satz impliziert, dass es gerade nicht so ist.

Eindeutig handelt es sich in dieser Szene um einen erotischen Konflikt des Pfarrers, der sich auf die Frage nach der Richtigkeit der Priesterehe zuspitzen lässt.

Der Wurzelsepp, der die Szene zwischen Pfarrer Hell und Annerl belauscht, erkennt die Sehnsucht des Pfarrers nach Liebe zu einer Frau und Familienleben und schlachtet sie bösartig aus. Da der Konflikt real ist, handelt es sich nicht um Verleumdung, sondern um die Öffentlichmachung des Konflikts mit dem Ziel der Verunglimpfung.

Zunächst erfährt der Leser, warum Sepp so böse geworden ist. Vor zwanzig Jahren hat ihm ein anderer Pfarrer die Hochzeit mit einer Protestantin verweigert. Nun will er sich an Pfa r rer Hell als Repräsentanten der Kirche rächen.

Nach der Erklärung, warum Sepp so geworden ist, erkennt Hell, dass Sepp nicht eigentlich ihn, sondern lediglich das hasst, was er repräsentiert. Er erkennt die Verbitterung des Wurze l sepp und bietet ihm seinen Trost an, den Sepp schroff ablehnt. Er will die Institution der Gutmütigkeit und Frömmigkeit, die Hell verkörpert, zerstören.

Diese Szene ist interessant, weil Horváth das Motiv bearbeitet hat, weshalb die Teile des Dialogs, die Horváth teilweise übernimmt bzw. bearbeitet, hier aufgeführt werden:

„Sepp.

Laugn’st vielleicht, daß du der Dirn - der Ann’ - gut bist !

Hell (sieht erschreckt auf Sepp).

Sepp (kleine Pause)

Du kannst laugnen; aber du wirst schon gspür’n!

Hell (erregt).

Ich stehe deiner Verunglimpfung, solange sie mich - mich allein - betrifft, aber dies ehrliche Mädchen laß aus dem Spiel, es erfaßt mich ein heiliger Zorn -

Sepp (einfallend).

Is mir auch lieber, wenn d’ herumschreist, dein sanfter Diskurs taugt mir schon lang nit - nur weck d’ Nachbarsleut’ nit, ‘s Dorf wird’s noch zeitlich g’nug erfahr’n!

Hell.

Keiner denkt im Dorfe wie du!

Sepp.

Das mag sein, aber sie werd’n bald alle denken wie ich; ich fürcht’ mich nit drauf, ich darf nur sagen, daß du der Ann gut bist und sie glauben’s, ohne daß s’ weiter fragen, ‘s sein ja lauter gute Christen, ihr habt’s ja mehr ‘n Satan, als unseren Herrgott fürchten g’lernt und so glaub’n s’ auch eher das Böse als ‘s Gute von ihr’n Nebenmenschen! Und wird mich ‘leicht eins von euch Lug’n strafen? Die Anne, die mit ihr’n golden Kreuzel durchs Dorf statzt, g’wiß net und du, kannst du’s? Dir klingt die Stimm’ von dem Dirndl im Ohr wie der helle G’sang von an Waldvögerl, du schaust von deine Bücher auf nach ihrem frischen G’sichterl, du schenkst ihr das Kreuzl von deiner Mutter selig und gleichwohl du’s nit haben kannst, das Dirndl, gönnst du’s doch kein’ andern! Du willst’s halten und nit lassen für dein Lebtag! Und dö Dirn soll dir gleichgültig sein?

Hell (gepreßt).

Ich habe nichts mehr zu sagen - bist du zu Ende ?

Sepp.

Nein, mir hat’s noch nit die Red’ verschlag’n! - Weißt, ganz gleich hätt’s ma sein können, ob du die Dirn gern oder ungern siehst, aber du warst ja im Land als ein Ausbund von Frummheit verschrieen - ich hab’ an dich so wenig ‘glaubt, wie an ein andern, und die Kirchfelder hab’n mir’s übel g’nommen. Wahr is’s, du bist der Best’ g’wes’n, den s’ noch in Kirchfeld g’sehn hab’n, vielleicht im ganzen Land! Du hast a wahr’s Christentum in d’ Gmeind bracht. Du hast ohne Schlüssel die Dorfschenk unter Tag g’sperrt, du hast den Raufteufeln auf die Tanzböd’n die Arm ‘bunden, die ärgsten Lumpen haben sich g’schämt, dir und der G’meind’ a Schand z’ machen und haben a öfter vorm Landteufel ‚kehrt euch’ g’macht, du hast die Schul’ brav g’halten, ja du hast die Kirchfelder dahin ‘bracht durch dein Wort und durch dein’ Red’, daß selb’n drüber zu denken und reden ang’fangt hab’n, ich red’ nix von dein’ Beispiel, ich red’ nix von deine Wohlthaten für die arm’ Leut, ich red’ nix, wie du manchem Bauer an d’ Hand ‘gangen, daß er mit seiner Wirtschaft vom Fleck kämma is, und keins hat g’wußt, woher d’ nimmst! Soweit warst du der Erst’ und der Letzt’! Aber glaubst, deswegen haben die Kirchfelder aufg’hört, die frühern zu sein? Die Lumpen sein dir auffällig und passen dir schon lang, ob s’ dir nix abg’winnen können; die dir Dank schuldig sein, die schamen sich, daß s’ dich braucht hab’n und machten’s gern wett, und den Frummsten bist du ‘leicht noch z’ streng! Kenn du die Bagasch, wie ich sie kenn’! Jetzt aber bist du da, wo ich’s den Kirchfeldern unter die Nasen reiben kann, daß du nit besser bist als ein anderer, und jetzt derleb ich’s, daß all das was d’ so mühselig aufbaut hast, dir über’n Kopf z’sammpurzelt, wie a Kartenhaus!

Hell.

Nein, nein, nein!

Sepp.

Ich bin nit so dumm, wie ich ausschau’! Und ich kenn’ mich aus! Hilft dir alles nix, die Dirn ist dein Unglück! Ich weiß, du planst dir jetzt tausend Ausweg, wie d’ sie bei dir halten könnt’st - aber du hast nur zwei Weg’ und die führ’n dich dorthin, wohin ich dir g’sagt hab’ und die kann ich dir nennen! Du kannst die Dirn entweder in Unehr’n halten, dann bist du den Kirchfeldern ihr Mann nimmer, oder du kannst s’ mit Herzleid fortziehn lassen, dann is dir Kirchfeld und die ganze Welt nix mehr! Du hast dein ganzes G’werk alleinig aufrecht g’halten und ob dir jetzt die andern ‘s G’mäuer auseinandwerfen, ob du selber die Händ’ z’ruckziehst - es fallt z’samm’, sag’ ich dir!! Entweder in Unehr’n halten, oder mit Herzleid fahr’n lassen, kein’ dritten Weg hast net! Siehst, Pfarrer, da hab’ ich dich und hab’ dich so sicher, daß ich dich nit einmal z’ halten brauch’! Und jetzt - b’hüt dich Gott! (schwingt sich über den Zaun)“ 539

Interessant ist an dieser Szene Sepps psychologische Schärfe, die er in den Dienst seiner Bosheit stellt.

Hell bleibt allein zurück und beschließt in die Nacht hinauszugehen. Seine Haushälterin Brigi t te versucht ihn aufzuhalten:

„Brigitte.

Aber, hochwürdiger Herr, du wirst doch nit jetzt in der Nacht spazier’n gehn? Denk das G’red’ im Dorf, wenn dich ‘leicht doch wer sieht!“ 540

Der zweite Akt endet darauf mit den Worten des Pfarrers:

„Hell (mit wiedergewonnener Ruhe).

Nun, Alte, dann hat er einen schwachen, aber ehrlichen Mann gesehen, der sich selbst aus dem Wege geht!“ 541

Im nächsten Akt macht Michel Anna einen Heiratsantrag, den sie annimmt.

Am offensichtlichsten wird der Konflikt des Pfarrers in dem Monolog kurz vor der Trauung des Paares, wenn er sagt:

„Es wird mir doch schwerer als ich dachte - vor den Altar zu treten, das entscheidende ewig bindende Wort ihr abzufordern! (voll Leidenschaft.) O, wenn sie stammelte - wenn sie es nicht über die Lippen brächte - (Erschreckt.) Was dann? Was denn dann, Thor - bringt dir anderer Verlust Gewinn? Pfui, bist du noch nicht dein Meister geworden? (...) Denk dich Aug’ in Aug’ vor ihr - denk dir, wie du ihr ehrliches Ja hörst - denk dir, wie du ihre Hand faßt und in die eines andern legst. (läßt die Hände darauf sinken.) Du vermagst es nicht, ohne zu zeigen, wie dich’s im Innersten erschüttert- und du willst noch von Entsagung jenen ehrlichen Seelen reden, die dich für stärker, für besser hielten, als du bist! (...)“ 542

In diesen Sätzen wird der erotische Konflikt des katholischen Pfarrers am eindeutigsten.

Die Ankündigung der Hochzeit weist schon auf das Ende des Stückes hin, allerdings gibt es noch zwei wichtige Handlungsstränge, die wie der erotische Konflikt das Ende ambivalent erscheinen lassen:

e) Das Ende des Volksstücks

Brigitte berichtet dem Pfarrer, dass sich die Mutter des Sepp in den Wildbach gestürzt hat. In der ersten Szene des vierten Aktes erscheint dieser nun bei dem Pfarrer, um ihn zu bitten, seiner Mutter trotz ihres Selbstmords ein christliches Begräbnis nicht zu verweigern. Obwohl Pfarrer Hell dadurch wieder in Widerspruch zur Amtskirche gerät, die Selbstmördern ein christliches Begräbnis nicht gestattet, verweigert er dieses Begräbnis aus Nächstenliebe trotz der vorangegangenen Bosheit des Sepp nicht. Es handelt sich hier um einen Akt der Bekehrung des vom Glauben Abgefallenen. Pfarrer Hell redet ihm zu:

„Sepp, ich habe dich lange gesucht und du wolltest dich nicht finden lassen, und heute suchtest du mich und ich glaube, du hast mich gefunden, wie du mich gesucht hast! (...)“ 543

Wenn die Wortwahl im Dialog des Pfarrers mit Sepp auch ein messianisches Pathos hat, ist es nicht die in Hell personifizierte Christenheit, zu der Sepp zurückkehrt, sondern die Person des Pfarrers:

„Mach mit mir , was du willst; - du - du bist doch der Rechte!“ 544

In der zweiten Szene traut der Pfarrer Michel und Anna. Es wird aber nicht die Trauung selbst inszeniert, sondern es endet damit, dass Hell in die Kirche zur Trauung schreitet, wobei er den Wunsch äußert, von denen anerkannt zu werden, die ihm Anerkennung verweigern, nämlich: „Daß ich gethan, was man von mir erwartet.“ 545 Dieser Satz wird im Text graphisch gesperrt hervorgehoben.

Die vierte Szene wird vom Schulmeister eingeleitet, der von Bauern und Sepp bedroht wird. Sepp stellt ihn zur Rede, warum er immer um die Kirche herumschleicht. Der Schulmeister hat einen Brief des kirchlichen Gerichtshofs in der Tasche und erklärt den Bauern:

„Es wurde zuerkannt, dekretiert und ausgeführt, und mich beauftragte insbesondere ein Befehl des edlen Grafen von Finsterberg, dem Exkommunikanten zu intimieren, daß er vorab seiner Pfarre verlustig, jeglicher priesterlicher Funktion von Stunde ab unfähig und verbunden sei, sich sofort dem Konsistorialgerichte zu stellen, wo ihn für alle seine aufgehäuften Sünden die Sühne und Buße erwartet, welche - wie wir gläubig hoffen wollen - seiner Seele zum Heile gereichen möge!“ 546

Die Bauern kennen die Behörde, das ‚Konsisturi’ und haben Angst. Sepp versucht, dem Schulmeister die Tasche mit dem Brief abzunehmen, was ihm schließlich gelingt, als Pfarrers Hell erscheint. Er fordert Sepp auf, den Brief herauszugeben und da er für ihn selbst bestimmt ist, liest er ihn. Graf Finsterberg tritt mit Jagdgefolge auf und man erfährt, dass der Schu l meister von ihm die Anweisung hatte, den Brief nicht vor der Vermählung von Michel und Anne auszuhändigen. Finsterberg sagt höhnisch zu Hell:

„Gut, dieser letzte Akt war ja eine edle Handlung und man soll uns nicht nachsagen, daß wir eine edle Handlung gehindert hätten. (...)“ 547

Anna, Michel, Sepp und die Bauern sind in der siebenten Schlußszene anwesend. Das Stück endet mit den Worten Hells:

„Ich gehe! Ich gehe hin, wie Luther einst nach Worms. Ich trete meine Strafe an und warte still, was nächste Zeiten bringen, vielleicht ruft eine freie Kirche im Vaterlande mich, ihren treuen Sohn, zurück aus der Verbannung (...)daß denn doch die Ideen, die die Zeit auf ihre Fahnen schreibt, mächtiger sind, als eines Menschen Wille! Kinder, obwohl sie euch gesagt, ich sei kein Priester mehr, so drängt’s mich doch, mit einer priesterlichen Handlung von euch zu scheiden - nehmt keiner dran ein Ärgernis - denn wahrlich, ich greife damit nicht in ihre Rechte, denn längst verlernten sie das Wort, das ich nun zu euch von ganzem Herzen spreche: Ich segne euch!“ 548

Das Stück endet in dem gleichen Geist, der gleich zu Anfang deutlich wurde. Es ist eine bittere Anklage gegen die katholische Kirche in Österreich zur Zeit der Uraufführung. Dieser Gehalt scheint mir die wichtigste Aussage des Stücks zu sein.

Die Bearbeitung des Volksstücks durch Ödön von Horváth

Vorbemerkung

Zuerst einmal muss gefragt werden, für welchen Zweck ein Exposé bestimmt war. Es handelt sich nicht um ein Drehbuch, sondern nur um eine ausführliche Kurzbeschreibung für einen Film.

In seinem Exposé Der Pfarrer von Kirchfeld greift Horváth das im Dialekt geschriebene Volksstück desselben Titels von Ludwig Anzengruber auf.

Das vollständige Exposé umfasst 32 Seiten. 549

Autoren wurden von Filmstoff- Vertrieben aufgefordert, ein Exposé mit einer Filmidee zur Verfügung zu stellen. So einen Brief bekam Ödön von Horváth von Dr. Bernhard Diebold, dem künstlerischen Leiter des Filmstoff- Vertriebs THEMA mit der Bitte um Übersendung einer Filmidee auf vier bis fünf Seiten. 550

Es liegen zwei Fassungen des Exposés als Typoskripte mit wenigen handschriftlichen Korrekturen und Ergänzungen vor: A und B1. Beide Fassungen tragen den gleichen Titel, sind in siebzehn Szenen unterteilt und unterscheiden sich nur auf den ersten drei Seiten voneinander.

Der Pfarrer von Kirchfeld (einfach unterstrichen)

Untertitel: Exposé nach Ludwig Anzengruber von Ödön von Horváth

Die Nennung des vollen Namens von Horváth auf der ersten Seite ist für die Datierung der Entstehung des Exposés wichtig, denn sie steht im Gegensatz zu den Filmexposés, die Horváth nur mit Ödön Horváth, also unter Auslassung des Adelstitels ‚von’ unterschrieb 551 bzw. mit H. W. Becker zeichnete.

Wie auch in allen Becker- Szenarios erzählt Horváth die Geschichte wie einen epischen Roman mit allwissendem Erzähler in der dritten Person ohne die üblichen filmtechnischen Anweisungen zu berücksichtigen und mit wenigen verstreuten Dialogen.

Übernahme und Auslassung der Motive Anzengrubers

Die ganze Auseinandersetzung um politisch- klerikale Fragen lässt Horváth weg. Die Figur des Finsterbergexistiert nicht, somit entfällt auch die dem Anzengruber - Stück innewohnende aufklärerische Bedeutung, verkörpert durch die Antagonisten Finsterberg und Hell. Es entfällt somit auch Anzengrubers Eintreten für Protestantismus und die Frage um Nationalstaatlichkeit.

Das Exposé Horváths beginnt mit einer Thematik, die bei Anzengruber erst in der sechsten Szene beginnt: die Versteigerung von Haus und Gut der verstorbenen Witwe Birkmüller, der Mutter Annas, die einsam und verbittert vor dem Haus sitzt. (vgl. Exposé: Der Pfarrer von Kirchfeld, Fassung A, 1).

Horváth hat das Annerl- Thema zum Hauptmotiv des Filmexposés gemacht. Die sechste Szene, in der Pfarrer Vetter seinem Amtsbruder Hell von der Versteigerung des Hauses der Witwe Birkmüller berichtet, dramatisiert Horváth für den geplanten Film mit einigen Veränderungen.

Es werden Figuren eingeführt, die in der Vorlage nicht vorkommen: der reiche Viehhändler Loislmüller 552, begleitet von seiner dicken blonden Geliebten, der gerade zwei „prächtige Schweine“ gekauft hat (vgl. Exposé: Der Pfarrer von Kirchfeld, Fassung A, 1.)

Loislmüller ersteigert ein Goldkreuzchen, das Annas Mutter gehörte und das A n na an sich genommen hatte, damit es nicht zur Versteigerung kommt. Anna wird von einem Gerichtsvollzieher und zwei Gendarmen zur Herausgabe des Kreuzchens gezwungen. Nach der Versteigerung trifft sie eine „alte Betschwester“ an. Im Exposé heißt es: „Die wendet sich nun an Anna und gibt ihr salbungsvolle Ratschläge. Sie solle immer nur beten, beten und wieder beten. Aber Anna, die anfangs apathisch zugehört hat, unterbricht sie plötzlich hart: ‚Ich glaube nicht mehr an Gott’(...)“ (vgl. Exposé: Der Pfarrer von Kirc h feld, Fassung A, 2 f.)

Bei Anzengruber ist die einzige Figur, die nicht mehr an Gott glaubt, der Wurzelsepp. Dadurch, dass Horváth Anna diese Worte in den Mund legt, wollte er vielleicht mit dieser vereinfachten Formel seinem Exposé das Motiv der klerikalen Auseinandersetzung geben, das er ansonsten völlig weg lässt.

Für den Film setzt Horváth in der ersten Szene einen Schwerpunkt auf den Abschiedsschmerz Annas und bemüht für den geplanten Film die traurigen Augen eines Hundes: „Anna verlässt mit einem Bündel das Haus, streichelt noch einmal den Hofhund, der ihr traurig nachblickt, aber sie sieht sich nicht um.“ (vgl. Exposé: Der Pfarrer von Kirchfeld, Fassung A, 3)

Der Jugendfreund Annas und Fürsprecher der Zivilehe, Michel, wird bei Horváth in der zweiten Szene eingeführt. Er wird im Exposé zum Förster, der mit einem anderen Förster das Revier abgeht. Michel wird folgendermaßen charakterisiert: „(...) ein gutmütiger pflichtbewusster Mensch, dessen einzig auffallende Schwäche eigentlich darin besteht, dass er sich selber sehr gefällt. Er hält sich für einen durchaus feschen Menschen, der er ja auch ist—eben deshalb läßt seine Eitelkeit auch auf eine kleine Beschränktheit schließen.“ (vgl. Exposé: Der Pfarrer von Kirchfeld, Fassung A, 3 )

Dieser Satz ist unlogisch und enthüllt bestenfalls eine Einstellung Horváths: Jemand, der fesch ist und sich darüber hinaus für fesch hält, ist beschränkt. In Horváths schriftstellerischem Werk gibt es keine Parallele für eine solche Figur.

Es ist unklar, warum Horváth dem Michel, einer rein positiven Figur in der Vorlage, diese Charakterschwäche gibt. Vermutlich aus Gründen der Komik: ein selbstverliebter, eitler Förster, der darum zur Witzfigur wird. Diese Wendung ist allerdings im Hinblick auf das Ende des Films unlogisch: Michel wird Anna heiraten und dieses Ende ist im Film sehr pompös und ernsthaft geplant. Dem M i chel also eine Note selbstverliebter und lächerlicher Eitelkeit zu geben, ist im Sinne Horváths eigener Planung dieses Films verfehlt, da dadurch das Happy End abgewertet würde.

Im Exposé finden die beiden Förster ein Rehkitz in einer von Wilderern gelegten Schlinge.

Der Wirt an der Wegscheid bei Anzengruber wird zum Wirt Gruberfranz, von dem die Behörde fest überzeugt ist, „dass er den Wilderern und Schmugglern Hehlerdienste leistet.“ (vgl. Exposé: Der Pfarrer von Kirchfeld, Fassung A, 4)

Der Wurzelsepp bekommt eine andere Identität: „Der Wilderer ist, wie gesagt, aus Kirchfeld und wird der Wurzelsepp genannt. Ein jedes Kind weiß, dass er vom Wildern lebt. Auch sein Vater ist ein Wilderer gewesen, hat einen Förster erschossen und endete im Gefängnis. Der Wurzelsepp war damals noch ein Kind. Seit jener Zeit hat er keine Kirche mehr betreten. Die meisten seiner Mitmenschen tun so, als verachteten sie ihn, heimlich achten sie ihn aber, denn es umweht ihn ja auch sozusagen die Romantik des Räuberhauptmanns.“ (vgl. Exposé: Der Pfarrer von Kirchfeld, Fassung A, 5) Der Wilderer Sepp eilt den beiden Förstern voraus in die Wirtsstube, um den Gruberfranz vor dem Besuch der Förster zu warnen.

Während in der Vorlage von Anzengruber die Begegnung des Michel mit Anna erst in der dritten Szene des dritten Akts stattfindet, begegnen sie sich im Exposé bereits im zweiten Kapitel. Bei der Begegnung im Horváth- Exposé gibt es einige nennenswerte Auffälligkeiten: Im Unterschied zum Bühnenstück, wo Michel Anna erzählt, dass er sein Heimatdorf St. Jakob „weg’n a Dirndl“ verließ und Anna ihm deswegen Fragen stellt, bis er ihr nach einem langen Versteckspiel gesteht, dass eben sie selbst dieses Dirndl sei und ihr einen Heiratsantrag macht 553, steht bei Horváth: „ ‚Schad’, dass ich damals als kleiner Bub’ von St. Jakob weg hab’ müssen’ , äußert der Michel seine große Zufriedenheit darüber, was für ein schmuckes Dirndl aus der kleinen Anna geworden ist. Dabei fängt er an sie zu tätscheln, wobei sie sich erkundigt, ob denn alle Kirchfelder so (zur Hervorhebung im Exposé von Horváth unterstrichen) wären.“ (vgl. Exposé: Der Pfarrer von Kirchfeld, Fassung A, 6)

Hier handelt es sich um eine bewusste Entromantisierung der bieder- barocken Szene des Bühnenstücks durch Horváth. Während bei Anzengruber die Komik aus der Situation entsteht, dass Anna nicht versteht, wenn Michel sie selbst meint, beruht bei Horváth die Komik darin, dass Michel auf Annas Frage, ob denn die Kirchfelder alle so sind, eine Frage, die sich auf das Tätscheln bezieht, antwortet: „Oh, (...) in Kirchfeld sind jetzt alle Leut ungemein brav und anständig geworden, seit nämlich der neue Herr Pfarrer da ist!“ (vgl. Exposé: Der Pfarrer von Kirchfeld, Fassung A, 6).

Solche Anzüglichkeiten finden sich in der romantisch- revolutionären Fassung Anzengrubers nicht. In der Modernisierung Horváths wird eine Distanzierung von der Vorlage deutlich. Wie im Bühnenstück betont Michel die Aufrichtigkeit des Pfa r rers Hell.

Anschließend an diese humoristische Einlage reagiert Michel wieder im Sinne der Vorlage als jemand, der den Pfarrer verteidigt. Auf das ironische Lächeln des Wurzelsepp sagt er: „Jawohl, der Pfarrer Hell ist ein richtiger Mensch.“ (vgl. Exposé: Der Pfarrer von Kirchfeld, Fassung A, 6.) Solche spröden Sätze finden sich im Exposé häufig, so dass man als Leser bedauert, dass Horváth den Aspekt der Zivilehe unterschlägt und damit auf die teilweise sehr spritzigen Dialoge Anzengrubers in der Auseinandersetzung um dieses Thema verzichtet hat.

Modernisiert gestaltet Horváth auch die nächste Szene, in der Pfarrer Hell ein Kind tauft. Die Mutter des Kindes ist „ein etwas beschränkt gutaussehendes junges Weib. (...) Im Pfarramt stehen bereits 6 Bauernburschen und warten auf ihn. ‚Seid’s alle da?’ begrüsst er sie und legt dann mit einer grossen Strafpredigt los. Das soeben getaufte Kind ist nämlich ein uneheliches und er macht den Burschen Vorhaltungen, wie gemein es wäre, dass der Richtige sich nicht zu seiner Vaterschaft bekenne. Durch seine derb- gutmütige Art bringt er es auch soweit, dass sich der richtige Vater reuevoll meldet.“ (vgl. Exposé: Der Pfarrer von Kirchfeld, Fassung A, 7.)

Auch diese Szene ist eine Schöpfung Horváths ohne Vorläufer im Bühnenstück. An der Stelle wird eine Komik im Grenzbereich zwischen Erotik und Gewissenlosigkeit deutlich. Wenn Pfarrer Hell fragt: „Seid’s alle da?“, handelt es sich unzweifelhaft um seine Anspielung auf die mögliche Vaterschaft aller sechs anwesenden Bauernburschen.

Anschließend an diese Szene heißt es im Exposé: „Nach dieser Szene betritt er sein Wohnzimmer, in welchem der Pfarrer Vetter aus St. Jakob bereits auf ihn wartet.“ (vgl. Exposé: Der Pfarrer von Kirchfeld, Fassung A, 7.) Die Szeneneinteilung ist im Exposé willkürlich und inkohärent. Obwohl Horváth selbst erkennt, dass es sich um eine neue Szene handelt, kennzeichnet er dies nicht in der Szenenfolge. Es folgt das Gespräch zwischen den Pfarrern Hell und Vetter, das Horváth als Dialog geschrieben hat, wobei auch durch Übernahme von Dialogteilen das Thema Priesterehe angesprochen wird.

a) Das Motiv der Priesterehe

In der Auseinandersetzung der beiden Priester übernimmt Horváth große Teile des Dialogs bei Anzengruber. Er verzichtet auf die ausdrücklich im Volksstück vorgenommene Charakterisierung Vetters als „fein humoristische“ Figur.

Zu Beginn der Szene macht Vetter dem Pfarrer Hell ein Kompliment: „Sie sitzen auf einer der einträglichsten Pfarren und sind noch so jung, haben noch so viel vor sich“ (dieser Satz ist in der Vorlage und im Exposé identisch)

Bei Anzengruber geht es weiter: -„Sie haben wohl auch Protektion gehabt.“

Bei Horváth:-„Ich bin schon ein alter Mann und zu wenig mehr nütze (...)“

(vgl. Exposé: Der Pfarrer von Kirchfeld, Fassung A, 8)

Erstaunlich ist, dass Horváth auf diese Bemerkung, die Pfarrer Hell bejaht, wenn auch einschränkend, dass er keine Protektion gesucht habe, verzichtet. Erstaunlich deshalb, weil er in seinen Volksstücken oft Vorteilnahme thematisierte.

Horváth übernimmt einen Aspekt, der bei der Behandlung des Volksstückes als das Motiv der Priesterehe untersucht wurde.554

„Es ist wahr, ich hatte auch schon oft den Entschluß gefaßt, zu gehen, es wollte schon eine Zeit her nicht mehr recht fort mit mir, ich bin [ja] nicht wie der Schulmeister, der hofft (n ä her rückend) [er lächelt und rückt Hell näher] und Herr Amtsbruder, nichts für ungut, unter uns, vielleicht auch hoffen kann und soll, wenn auch nicht für sich; [Punkt und groß weiter] er hat gar liebe Kinder und hat ein braves Weib, das hält ihn aufrecht - [Punkt und groß weiter] wir haben das aber nicht, dürfen das nicht haben - so steh’ ich denn allein [Ich stehe auch dann allein,] und wenn ich heut[‘] oder morgen zusammenbreche, so kann ich mich auf niemanden stützen, (...)“ (vgl. Exposé: Der Pfarrer von Kirc h feld, Fassung A, 8 f.)

Horváth übernimmt den Aspekt der Sicherheit der Familie von Anzengruber, sowie einen weiteren Satz der Brigitte als Antwort auf Annas euphorischen Ausspruch:

Und dann [Besonders]der hochwürdige Herr, das is a Mann, um den z’ sein[zu sein] is [wäre ja] a [eine]wahre Freud[e]; [Punkt und groß weiter] ich glaub’, bei dem müßt’ [müsst’ ja] der ärgste Sünder wieder a [ein] rechter Mensch werd[e]n.

Brigitte

Läufst etwa ni[ch]t von wo d[u] stehst und hebst dich net [nicht] vom Sitz, wenn d sein [du seine]Stimm [e]oder nur sein [en] Tritt in der Näh [e] hörst?

Annerl

Das is doch g’wiß [gewiss] net [nicht] so, das hat dir auch nur g’[e]träumt !

Brigitte erkennt bei Anna eine besondere Zuneigung für den Pfarrer und zieht sie damit auf, Anna wird verlegen und streitet es ab. Soweit herrscht Motivüberseinstimmung.

Die Szene, in der Pfarrer Hell dem Annerl sein Kreuzchen schenkt, gestaltet Horváth von Grund auf um: Im Exposé berichtet Brigitte, dass Annerl nie betet und verschärft diese Bemerkung mit den drastischen Worten: „Das Mädel hat die Höll’ in sich“ (vgl. Exposé: Der Pfarrer von Kirchfeld, Fassung A, 18.). Hell stellt darauf Anna zur Rede und sie erklärt ihm, dass sie nicht mehr an Gott glaube, „seit ihr seinerzeit ihr Schmuckstück, das Kreuz der Mutter, weggenommen und versteigert worden sei. Das sei ganz ein ähnliches Kreuz gewesen, wie dasjenige, das auf dem Sekretär des Pfarrers liegt. ‚Seht’s, Hochwürden, sagt Anna, wenn ich das Kreuz wiederbekommen würde, dann würde ich wieder an Gott glauben.“ (vgl. Exposé: Der Pfarrer von Kirchfeld, Fassung A, 19.)

Diese Haltung Annas hätte ein Regisseur in einem möglichen Film schwerlich in Szene setzen können, ohne dass dabei eine erpresserische Absicht Annas zutage getreten wäre.

Von der Figur des ‚süßen Mädels’ bleibt in dieser Szene nach den folgenden Sätzen nicht mehr viel übrig: Pfarrer Hell fragt, „warum denn nur dann“ und Anna antwortet: „Weil ich dann wieder daran glauben könnte, dass es gute Menschen gibt.“ (vgl. Exposé: Der Pfarrer von Kirchfeld, Fassung A, 19)

Mit diesem Satz lässt Horváth sie unzweifelhaft auf ein Geschenk des Pfarrers spekulieren, da Anna nicht davon ausgehen kann, das Kreuzchen von der dicken Geliebten des Viehhändlers Loislmüller zurückzuerhalten, die sie gar nicht kennt. Der arme Pfarrer hat gar keine andere Möglichkeit, als Anna das Kreuz zu schenken und sie für den christlichen Glauben zurückzukaufen. Trotz dieser deutlichen Motivänderung übernimmt Horváth aber von Anzengruber die nunmehr heuchlerisch wirkende Zurückhaltung: „Anna, ausser sich, sinkt mit ihrem Gesicht auf seine Hände und schluchzt ganz verwirrt. Sie könne doch das Kreuz nicht annehmen, sie wär es ja garnicht (sic) wert und das Kreuz sei schwer Gold.“ (ebenda 19) Nach dieser schwierigen und der Quasi- Erpressung artifiziell erscheinenden Wendung folgt das Exposé weiter der Vorlage:

„Du sollst eben nicht denken, daß [dass] es von Gold, als vielmehr, daß [dass] es ein Kreuz ist.“ (ebenda, 19)

Auch wenn die Voraussetzung für das Geschenk im Exposé eine andere ist, wird der Wunsch des Pfarrers mit Anna eine Lebensbeziehung einzugehen beibehalten, wobei Horváth wieder wörtlich Passagen übernimmt. Anna antwortet dem Pfarrer auf die Frage, ob sie bei ihm bleiben und ihn nie verlassen wird:

„Anna (gibt ihm verwirrt und errötend die Hand) Mein Lebtag net [nicht].“ (ebenda, 20.)

Wie in der Vorlage stellt Anna die Frage, ob sie das Kreuz offen tragen darf und Horváth übernimmt auch ihren Schlusssatz. „Nach allem andern frag’ ich nimmer.“ (ebenda 20.)

Nachdem Anna und Michel dem Pfarrer ihre Heiratsabsicht erklären, macht Hell Anna im Volksstück Vorwürfe:

„Du willst fort? Weißt du auch, daß ich das Vertrauen meiner Pfarrkinder eingebüßt habe, weißt du auch daß sich alle von mir gewandt haben?

(Annerl nickt traurig).

Hell.

Und doch! Nun denn, wenn dieser Tag zu Ende geht, so kann ich mein Haupt mit dem Gedanken tief, tief in meine Polster bergen, daß ich keine einzige Seele, daß ich kein einziges Herz mehr zu verlieren habe. Wenn ich doch wüßte, womit ich das um euch verdient habe! Zwar mag es klug sein, von dem zu gehen, den alle meiden; nur dich, Anne, hätte ich nicht für so klug gehalten.(...)“ 555

Horváth, der in seinen Theaterstücken solche pathetischen Reden lediglich zum Zweck der Demaskierung gebrauchte, übernimmt hier den Vorwurf wörtlich mit unwesentlichen orthographischen Änderungen: „Du willst fort? [fragt Hell Anna] Weiß[ss]t du auch, daß [ss] ich das Vertrauen meiner Pfarrkinder eingebüß[ss]t habe, weiß[ss]t du auch daß [ss] sich alle von mir gewandt [gewendet] haben? (Annerl [Anna] nickt traurig) [ohne Klammern].“ (vgl. ebenda 25)

Es ist darüber hinaus interessant, dass Horváth im Exposé eine redundante Formel des Pfa r rers aus der Vorlage allerdings mit starken Kürzungen übernimmt:

„Und doch, wenn dieser Tag zu Ende geht, so habe ich keine einzige Seele, kein einziges Herz mehr zu verlieren. Lebt wohl.“ (ebenda, ,25)

b) Das Thema der Verleumdung

Das Thema der Verleumdung behält Horváth bei, wenn auch mit deutlichen Änderungen.

Die Tatsache, dass der Pfarrer Anna das Kreuzchen geschenkt hat, spricht sich zunächst ohne Zutun des Wurzelsepp herum: „Auch Wurzelsepp hört davon. Er sorgt dafür, dass es sich ganz und gar herumspricht, dass der hochwürdige Herr Hell (sic) einem jungen Mädel ein goldenes Kreuz geschenkt hat.. Warum, das könne man sich ja lebhaft vorstellen.“ (ebenda, 20)

Sepp erkennt im Exposé mit der gleichen Scharfsicht die verzwickte Gefühlslage des Pfa r rers, wenn er sagt:

(...)du [Du] schenkst ihr das Kreuz[e]l von deiner Mutter selig und gleichwohl du’s nit haben kannst, das Dirndl [du das Dirndl nicht haben kannst], gönnst du[e]s doch kein[em] andern! Du willst[e]s halten und ni[ch]t lassen für dein Leb[en]tag! Und dö [diese (unterstrichen)] Dirn soll dir gleichgültig sein? (vgl. ebenda 22)

Horváth fügt an dieser Stelle ein, warum der Sepp so geworden ist. Wiederum mit einer deutlichen Motivänderung: Sein Vater war ebenfalls ein Wilderer und wurde vom Vorgänger des Pfarrers angezeigt, weshalb er ins Gefängnis kam, wo er gestorben ist.

Der weitere Dialog ist eine gekürzte Fassung des Dialogs im Volksstück 556 und endet ebenfalls damit, dass Sepp dem Pfarrer die Ausweglosigkeit seiner Situation aufzeigt:

Ich weiß[ss], du planst dir jetzt tausend Ausweg[e], wie d’ sie bei dir halten könnt’st - aber du hast nur zwei Weg[e] und die führ’n dich dorthin, wohin ich dir g’sagt hab’ und die kann ich dir nennen! Du kannst die Dirn entweder in Unehr[e]n halten, dann bist du den Kirchfeldern ihr Mann nimmer [und musst fort von Kirchfeld] , oder du kannst s’ [sie] mit Herzleid fortziehn lassen, [kein Komma, und]dann is[t] dir Kirchfeld und die ganze Welt nix [nichts] mehr! Du hast dein ganzes G’werk alleinig aufrecht g’halten und ob dir jetzt die andern ‘s G’mäuer auseinandwerfen, ob du selber die Händ’ z’ruckziehst - es fallt z’samm’, sag’ ich dir!! Entw e der in Unehr’n halten, oder mit Herzleid fahr’n lassen, kein’ dritten Weg hast net! [Einen dritten Weg hast du nicht.]

Danach lässt Sepp ihn stehen .

c) Das Ende

Brigitte macht in beiden Fassungen Anna Vorwürfe wegen ihres Verhaltens, das Kreuzchen in aller Offenheit zu tragen. Horváth übernimmt in dieser Szene aus dem Volksstück u.a. ihren Ausspruch: „Da hat doch der Teixel [Teufel] sein[e] G’spiel! [Hand im Spiel] Es sollt’ doch wirklich auf [in]der Welt nur Männer oder nur Weiber geb’[e]n, allzwei z’samm’ [alle zwei] thun nie a Gut! [was Gutes.] (vgl. ebenda, 24)

Horváth schiebt in diese Szene noch Michels Heiratsantrag ein, den Anna annimmt. Sie erklären ihren Schritt Pfarrer Hell.

Die Wendung, aus dem Wurzelsepp und seinem Vater Wilderer zu machen ist wohl als ein Zugeständnis an den Film im Sinne eines Abenteuer-Motivs zu werten. Dadurch ist zwar die Namensgebung ‚Wurzelsepp’ nicht mehr logisch, allerdings erweist sich im Folgenden das Motiv als brauchbar: Der Gruberfranz ist der Hehlerei überführt worden und hat gestanden, Gewildertes vom Sepp bezogen zu haben. Die Mutter des Sepp ist über diese Ereignisse entsetzt und begeht (wie bei Anzengruber) Selbstmord im Wildbach. Im Volksstück wissen wir nicht, warum Sepps Mutter Selbstmord begeht. An dieser Stelle erhält das Exposé zusätzliche Logik. (ebenda, 24)

Die Umarbeitung des Endes

Es folgt - wie in der Vorlage - die Reue des Wurzelsepp und Pfarrer Hells Einverständnis mit dem von der Kirche für Selbstmörder verbotenen Begräbnis der Mutter, das von Horváth auch szenisch inszeniert wird: Sepp kommt in die Kirche und

„(...) schreitet festen Schrittes durch die ganze Kirche bis zum Altar. Alle Blicke wenden sich ihm zu. Es entsteht ein Raunen in der Kirche. Der eine Gendarm macht Miene, ihn gleich zu verhaften; der Michel flüstert ihm zu: ‚Später! Hernach!’ Der Sepp kniet vor dem Altar nieder und nun wird er auch von Hell entdeckt, der ihn anschaut, als wolle er sagen ‚Bist also doch wiedergekommen.’“ (vgl. Exposé: Der Pfarrer von Kirchfeld, Fassung A, 30.)

Man kann in dieser Szene erkennen, dass Horváth in den hinzugefügten Passagen keineswegs auf das im Stück angelegte Pathos verzichtet.

Die Figur des Michelerhält noch einmal einen negativen Aspekt, da er nach der Rückkehr von Sepp diesen nun verhaften möchte.

Sepp stellt sich daraufhin den Gendarmen und „zieht nun auch öffentlich alle seine Beschuldigungen gegen den Pfarrer zurück und erklärt, Hell hätte ihm den Weg zum Guten gewiesen.“ (ebenda)

Diese Variante der Bekehrung im 15. Kapitel mit der Abwendung aller Beschuldigungen gegen den Pfarrer gehört im Exposé schon zum Ende. Im 16. Kapitel bittet ihn Anna, sie selbst zu trauen. Außerdem möchte sie wie in der Vorlage noch einmal von ihm die guten Worte hören, die er ihr sagte, als er sie aufnahm: „ ‚(...) und sage mir, daß ich auch da recht gedacht habe und brav.’ ‚Recht und brav’ lächelt Hell erschüttert.“

Die Erschütterung ist nur aus der Vorlage verständlich. Dadurch, dass Horváth den erotischen Konflikt des Pfarrers ausklammert, ist die Erschütterung deplatziert und unlogisch.

In der gleichen zwiespältigen Logik fährt das Exposé fort:

„Durch dieses Opfer, das Anna dem Hell gebracht hat, hat sie ihn vor der Gemeinde gerettet. Die Kirchfelder hängen nun wieder mit einer schwärmerischen Liebe an ihrem Pfarrer. Die Hochzeit Michels und Anna wird sozusagen zu einem Volksfest. (...) Hell und Anna leiden unter der lärmenden Freude. Anna, da sie Hell noch immer liebt, und Hell, der es weiss, dass Anna für ihn ein Opfer gebracht hat.“

Diese Wendung ist in der Logik des Exposés aufgesetzt; nichts sprach bisher für eine Verliebtheit Annas und hier zeigt sich Horváths Versuch, dem Stück eine ganz andere Logik aufzupfropfen. Der Schluss bei Horváth als „Showdown“ wirkt darum artifiziell:

„Einmal noch treffen sich Hell’s und Anna’s (sic) und aus seinem gütig- lächelnden Blick schöpft sie neue Kraft und es wird ihr bewusst dass sie beiden (sic) den ‚dritten’ weg (sic) gehen, den Weg des Leidens zur Pflicht.“ (vgl. Exposé: Der Pfarrer von Kirchfeld, Fassung A 32, )

Auch an dieser Stelle wird die völlige Unbrauchbarkeit des Exposés als Filmvorlage deutlich. Horváth hatte sich offenbar nicht die Frage gestellt, wie denn dieses Bewusstsein den „Weg des Leidens zur Pflicht“ zu gehen filmtechnisch von der Kamera umgesetzt werden sollte.

Zusammenfassung

a) die stilistische Umarbeitung

Zunächst ist die quantitative Umarbeitung augenfällig : Horváth kürzt das Volksstück von 98 kleingeschriebenen Seiten (mit Vorwort und Deckblatt) auf 32 Seiten in größerer Schrift im Exposé.

An vielen Stellen ändert Horváth den Text, indem er ihn verhochdeutscht: „Da hat doch der Teixel [Teufel] sein[e] G’spiel! [Hand im Spiel]“; manchmal und ohne einsichtigen Grund verändert er den Originaltext im Sinne einer orthographischen Fassung des Hochdeutschen: So scheint die Umwandlung von ‘Lebtag’ in ‘Lebentag’ unlogisch und im Sinne einer bewussten Distanzierung von der Vorlage.

Manche Änderungen sind willkürlich: In der Auseinandersetzung der Pfarrer Hell und Vetter übernimmt Horváth das Motiv, dass Pfarrer Hell etwas zu rauchen anbietet: bei Anzengruber eine Pfeife, bei Horváth eine Zigarre.

Der Ausspruch Vetters: „Ach ja, es war mir wohl schon lange nicht so behaglich.“ wird im Exposé umgeformt: „Hell bringt ihm nun noch eine Zigarre und nachdem sie Vetter angezündet hat, stellt er fest, dass es ihm lange nicht so behaglich gewesen wäre.“

Diese Umformung in die indirekte Rede ist unlogisch, da die Dialogform auch für das Exposé sinnvoller wäre.

Ein Szenario braucht Dialoge, Kameraeinstellungen und die präzise Beschreibungen der Dinge, Menschen und Szenen, die man durch die Kamera sieht. Diesen Anforderungen genügt Horváths Exposé nur stellenweise.

Horváth verarbeitet die Anzengruber- Dialoge als Erzählung. In verschiedenen Szenen fügt er jedoch Dialoge - manchmal mit unwesentlichen Änderungen - aus der Vorlage ein.

Der oben zitierte Satz zur Beschreibung des Wurzelsepp „Die meisten seiner Mitmenschen tun so, als verachteten sie ihn, heimlich achten sie ihn aber, denn es umweht ihn ja auch sozusagen die Romantik des Räuberhauptmanns.“ ist ein Beispiel für die Unbrauchbarkeit dieses Exposés als Grundlage für einen Film.

b) Änderung und Einführung von Motiven und Dialogen

Es ist auffällig, dass er Anzengruber in den Punkten nicht folgt, die für diesen Dichter offenbar eine besondere Bedeutung hatten: Der revolutionäre Gehalt in der politisch- klerikalen Auseinandersetzung, die Lieder, die Anzengruber an der exponierten Stelle des Vorworts erwähnt und von denen Horváth kein einziges übernimmt, sowie die Umgestaltung von handlungstragenden Figuren, wie den Michel als selbstverliebten und ein bisschen beschränkten Förster, was im Handlungszusammenhang eine überflüssige und unlogische Variante ergibt.

Das Motiv der bösen und bedrohlichen Seite des Christentums findet sich in Horváths 1930 abgedruckter Geschichte Souv e nir de Hinterhornbach. 

Die katholisch verbrämte Bosheit auf dem Lande geißelte Horváth. in dieser Geschichte, wo eine Urgroßmutter, die außer 14 ehelich geborenen Kindern eine uneheliche Geburt – vermutlich die erste - hatte, noch in hohem Alter in der Kirche auf der sogenannten „Hurenbank“ Platz nehmen muss.557

Das Motiv bei Anzengruber ist inhaltlich ähnlich, als der Wurzelsepp den Pfarrer bedroht:

„(...) sie werd’n bald alle denken wie ich; ich fürcht’ mich nit drauf, ich darf nur sagen, daß du der Ann gut bist und sie glauben’s, ohne daß s’ weiter fragen, ‘s sein ja lauter gute Christen, ihr habt s’ ja mehr ‘n Satan, als unseren Herrgott fürchten g’lernt und so glaub’n s’ auch eher das Böse als ‘s Gute von ihr’n Nebenmenschen!“ 558

Erstaunlich ist darum die bewusste Ausklammerung des Themas in der Adaptation dieses Bühnenstücks und meiner Ansicht nach nur erklärlich durch die Tatsache, dass er diesen Text in einer Art vorwegnehmender Ausklammerung unerwünschter Themen nicht für kompatibel mit den Vorstellungen der Nazis halten mochte. Wobei der Zensor vermutlich gegen diese Form des Antikatholizismus nichts einzuwenden gehabt hätte. Zumindest wäre die Übernahme dieses Motivs in keiner Weise gefährlich gewesen.

Festzuhalten bleibt, dass mit der Thematisierung solcher Aspekte im Volksstück Ludwig Anzengruber beinahe als geistiger Vater Horváths erscheint. In sein Exposé übernimmt er allerdings diesen Aspekt nicht.

c) Der distanzierende Gebrauch der Komik

Es stellt sich die Frage, warum Horváth die vorgezeichnete Komik des Volksstücks nicht übernimmt. Die Figur des Vetter, von Anzengruber bewusst komisch angelegt, der im Stück mit einer Serviette um den Hals gebunden u. a. erzählt, dass er wegen einer Erbangelegenheit von seinen Eltern zum Priester gemacht wurde, wird von Horváth anders aufgefasst worden sein. Ebenso der Verzicht auf die Figur des Hannsl. Horváths Komik unterscheidet sich stark von der Anzengrubers. Wieder scheint es, als ob Horváth sich an manchen Stellen bewusst von seinem Vorgänger distanziert. So setzt er die Figur des Pfarrers Vetter im Gegensatz zur Vorlage nicht mit einer umgebundenen Serviette in Szene.

Wieder im Gegensatz zum Volksstück verleiht Horváth dem Exposé an manchen Stellen eine Komik, die libidinöse Konnotationen aufweist. Es stellt sich die Frage, ob das in einer Adaptation eines Bühnenstückes des 19. Jahrhunderts in der Mitte der dreißiger Jahre angemessen ist, in dem Sinne, dass diese Komik vom breiten Publikum verstanden und als komisch angenommen worden wäre. Gerhard Melzer hat auf den Gebrauch der Komik als Mittel der Distanzierung und gleichzeitig der Modernisierung hingewiesen.559

Bei der Adaption eines Theaterstücks eines Autors durch einen anderen Autor, der (wie Horváth als Autor von Volksstücken) in der gleichen Gattung schrieb, kommt diese Distanzierung einer Ablehnung gleich. Die Szene des Anna- tätschelnden Michel könnte je nach Inszenierung im Rahmen des ‚guten Geschmacks’ der dreißiger Jahre gewesen sein, die mögliche Vaterschaft eines unehelichen Kindes von sechs Bauernburschen im Film war gewagt und hätte einer vorsichtigen Inszenierung bedurft, um nicht am Zeitgeist vorbeizugehen.

In diesem wie in den anderen Exposés trennte Horváth nicht die Gattungen Erzählung und Filmszenario bzw. Exposé für ein Szenario; vermutlich der wichtigste Grund, warum dieses Exposé nicht die Vorlage für den 1937 gedrehten Film wurde.

Verglichen mit seinem schriftstellerischen Werk scheint das Exposé eingedenk der eigenen Bewusstheit in der Trennung von billigen Lustspielen und Kunst wie eine Resignation des Schriftstellers: Der Verzicht auf alles Lesenswerte, die Entkleidung des Bühnenstückes, indem alle zeitkritischen Elemente eliminiert werden. Durch das gleichzeitige Festhalten an Motiven und dem groben Handlungsablauf des Volksstücks entsteht ein inkonsequentes Motiv- Potpourri. Die Tragik des Anzengruber- Stücks schrumpft auf einen banalen Plot zusammen.

Schlussbemerkung

Alle genannten Gründe werden wohl ausschlaggebend gewesen sein, Horváths Exposé nicht zur Grundlage des Films zu machen.

Der Pfarrer von Kirchfeld wurde als Film 1937 uraufgeführt. Der Regisseur des Films war Jakob Julius Fleck. Er war der Gründer der ersten österreichischen Produktionsfirma Wiener Kunstfilm und der Filmateliers am Rosenhügel. Als Schauspieler war Fleck seit 1903 beim Film und arbeitete ab 1924 zusammen mit seiner Frau, der Regisseurin Luise Fleck als Regisseur zahlreicher Stummfilme, u.a. Die Geliebte seiner Hoheit, Der Leutnant ihrer Majestät, Mädchen am Kreuz, Der Fleck auf der Ehr...

1938 kam er in das KZ Buchenwald und emigrierte 1940 nach Shanghai, wo er als Regisseur chinesischer Filme arbeitete.560


Fußnoten und Endnoten

497  Die Akte sind unterteilt in: erster Akt: acht Szenen, zweiter Akt: vier, dritter Akt: sieben und vierter Akt: sieben Szenen.

498  Ludwig Anzengruber: Der Pfarrer von Kirchfeld, Volksstück mit Gesang in vier Akten, nebst einem dramaturgischen Berichte von H. Laube, Cottasche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin 1904, dreizehnte Auflage.

499  Das Gesetz sah eine Vorzensur aller Filme durch den Reichsfilmdramaturgen vor. Schon ab November 1933 wurde von der Reichsfilmkammer diese Zensur definiert: „ ... die Produktion in Fragen des Manuskripts und bei der Umarbeitung zu beraten (...) und zu verhindern, daß Stoffe behandelt werden, die dem Geist der Zeit zuwiderlaufen.“ vgl: Karsten Witte: Lachende Erben, Toller Tag, Filmkomödie im Dritten Reich, Berlin 1995,79.

500  vgl. GW IV, 668.

501  Es handelt sich bei diesem Text um den Entwurf zu einem offenbar nicht gehaltenen Vortrag, der vermutlich um das Jahr 1936 entstand, mit dem Titel Was soll ein Schriftsteller heutzutag schreiben. Der übrige Text ist nicht dazu angetan, Horváths Stellung zu diesem interessanten Thema näher zu beleuchten.

502 

vgl. Mechthild Keller im Nachwort zu Ludwig Anzengruber, Das vierte G

ebot, Volksstück in vier Akten, Stuttgart 1979, 88 f.

503 

Wilhelm Zentner weist in seinem Vorwort zu Der Meineidbauer darauf hin, dass es sich um eine Mundart handelt, die „keinem der Dialekte des bayrisch- österreichischen Sprachgebiets unmittelbar nachgebildet ist, sondern eher eine selbstgeprägte, die überdies mit einer gewissen dichterischen Freiheit behandelt wird.“

vgl. Ludwig Anzengruber, Der Meineidbauer, Volksstück mit Gesang in drei Akten, Stuttgart, 1994, 7f.

504  vgl. Mechthild Keller, op. cit., 98.

505  Ludwig Anzengruber: Der Pfarrer von Kirchfeld, op. cit., 4.

506 

„ Musik liebte er - wie ich. Doch glaube ich, daß er nicht allzu viele philharmonische Konzerte in seinem Leben gehört hatte. Dagegen konnte er irgendwo in den Alpen stundenlang in einem verräucherten Wirtshaus sitzen und entzückt der Zither und den ‚Schnadahüpferl’n‘ lauschen.

Hans Geiringer: Kleinigkeiten aus Horváths Leben, in: Horváth Blätter 2: Sportmärchen und Verwandtes, Göttingen, 1984, 99.

507  ebenda, 10.

508  ebenda, 10 f.

509  ebenda, 17.

510  ebenda, 17.

511  ebenda, 17.

512  ebenda, 18.

513  ebenda, 19.

514  Theodor Fontane brachte nach der Aufführung des Volksstücks Das vierte Gebot am 2. März 1890 durch die Freie Volksbühne dieses Stück ohne die zensurverordneten Streichungen heraus. Er entkräftete den Vorwurf, das Stück richte sich an die Kinder und fordere zum Ungehorsam heraus, sondern es „predigt den Eltern, die dieser Predigt nur zu bedürftig sind [...]“ vgl. Mechthild Keller, op. cit. 87.

515  Ludwig Anzengruber: Der Pfarrer von Kirchfeld, op. cit., 20.

516  ebenda, 20.

517  ebenda, 20.

518  vgl. Mechthild Keller, op. cit., 102.

519  ebenda., 97 f..

520  Diese Einschätzung wird von Heinrich Laube im Nachwort der zitierten Ausgabe bestätigt: „Die Namen Finsterberg und Hell bezeichnen die Gesinnungen der beiden Männer. Eine spitzfindige Debatte über allgemeine Fragen der Aufklärung läßt uns mehr ahnen und verstehen, um was es sich denn im besonderen handeln möge. Der Instinkt sagt dem Publikum: das ist ein feudal- klerikaler Graf und der Pfarrer ist josephinisch freisinnig, ...“ in: Ludwig Anzengruber: Der Pfarrer von Kirchfeld, op. cit. 100.

521  ebenda, 21.

522  ebenda, 25.

523  ebenda, 25.

524  ebenda, 27.

525  vgl. Mechthild Keller, op. cit., 92.

526  vgl. Ludwig Anzengruber: Der Pfarrer von Kirchfeld, op. cit., 28.

527  ebenda, 100.

528  vgl. Mechthild Keller, op. cit., 88.

529  ebenda, 28.

530  ebenda, 34 f.

531  ebenda, 35.

532  ebenda, 42 f.

533  ebenda, 40

534  ebenda, 42

535  ebenda, 52 f.

536  ebenda, 53.

537  ebenda, 53 f.

538  ebenda, 54

539  ebenda, 58 ff.

540  ebenda, 61.

541  ebenda.

542  ebenda, 87.

543  Anzengruber: Der Pfarrer von Kirchfeld, op. cit., 82

544  ebenda, 83.

545  ebenda, 89.

546  ebenda, 90.

547  ebenda, 95.

548  ebenda, 98.

549  1995 befand sich im Horváth- Archiv der Wiener Staatsbibliothek kein Exem-plar dieser beiden Typoskripte. Die Exposés stellte mir der Leiter des Thomas Sessler Verlags in Wien, Herr Schulenburg, zur Verfügung.

550 

Der vollständige Brief vom 09. 06. 1937 lautet:

„Herrn Oedön von Horvath (sic)

Dominikaner Bastei 6, Türe 11,

W i e n I.

-----------

Hochverehrter, hochgeschätzter und freundschaftlich empfundener Herr Oedön v. Horvath!

Ihre Adresse verdanke ich der schönen Vera.

Se non è vera...

Auf meinem Briefkopf sehen Sie, dass ich der artistische Leiter des Filmstoff-Vertriebs THEMA bin, und wie oft habe ich nächtelang nach Ihrer Adresse geseufzt...bis eben Vera kam und sie mir verkündete.

Zur Sache: Sollten Sie eine fabelhafte Filmidee, original aus der Luft gegriffen oder aus einem Ihrer Meisterwerke abgeleitet - zur Hand haben - oder im Kopfe haben - oder gar auf dem Papier haben, dann schicken sie sie mir, damit mein dieser Tage schon wieder einmal nach London und Paris verreisender geschäftlicher Leiter Ihre Perlen auf die Märkte von London, Paris und Hollywood schleudert. Die Perlen sollen etwa 3-5 Exposé-Seiten enthalten. Übersetzung und Vervielfältigung besorgt meine Firma - über die Sie der beiliegende Prospekt vorläufig orientieren mag.

Nach dem Grundsatz: Erst das Geschäft und dann das Vergnügen - komme ich in den restierenden zwei Zeilen dieses Briefes also noch auf das Vergnügen, Ihnen einen herzlichen guten Tag sowie auch einen guten Abend zu wünschen - und ich schließe diese Ansprache mit einem Ihrem Klima angemessenen

‚Küss die Hand‘ (sic: kein Punkt)

Ihr

Dr. Bernhard Diebold

P.S.

Nelly ist hier und erwartet von Ihnen ein Lebenszeichen.

In der Sammlung ‚Thema‘ der Akademie der Künste befinden sich auch Briefe von Diebold mit der Bitte um Übersendung von Filmideen an Carl Zuckmayer, Dr. Hans Curjel, B. Traven und Julius Marx.

Diebold bekam offensichtlich keine Antwort von Horváth und schreibt noch zwei Briefe an ihn mit der gleichen Bitte, am 11.08 und 16.12 1937, mit der Adresse: c/o Zuckmayer nach Henndorf bei Salzburg, wo Horváth in dieser Zeit wohnte.

in: Sammlung ‚Thema‘ in der Akademie der Künste, Mappe 22, Berlin .

551 

So z. B. in seinem Entwurf des Szenarios Der Verschwender von Raimund, den Horváth plante als Zaubermärchen zu bearbeiten. Die durchgestrichenen Titel sind jedoch alles, was sich dazu findet:

Ein Zaubermärchen nach Ferdinand Raimund von Ödön Horváth)-]-

darunter: -[gestrichen: -(unterstrichen: Original-Zaubermärchen von F. Raimund

Bearbeitet von Ödön Horváth)-]-

Wien , Österr. Nationalbibliothek, Österr. Literaturarchiv,

Nachlass Ödön von Horváth, Mappe Nr. 2/1.7, Notizbuch Nummer 6, Blatt 40 recto (BS 73).

552  Der Name Loislmüller entspringt einer Entlehnung aus der Vorlage: Der Thalmüller-Loisl ist eine Figur, die in der Auseinandersetzung um die Zivilehe vorkommt. (vgl. Personenregister in Der Pfarrer von Kirchfeld, op. cit. 5.)

553  vgl. Ludwig Anzengruber: Der Pfarrer von Kirchfeld, op. cit., 72 f.

554  Zur Kenntlichmachung der Unterschiede im Text Anzengrubers und Horváths werden die Passagen, die nur bei Anzengruber vorkommen unterstrichen, Passagen, die nur bei Horváth vorkommen in eckige Klammern gesetzt.

555  vgl. Ludwig Anzengruber: Der Pfarrer von Kirchfeld, op. cit. 75.

556 

Eine handschriftliche Korrektur im Dialog, den Horváth aus dem Volksstück wörtlich übernommen hat, ist interessant in dem Zusammenhang, dass Themenkomplexe Menschen manchmal zu Fehlern veranlassen können, die wiederum auf das im Unterbewusstsein liegende Motiv verweisen. Hell fragt Sepp: „Mensch, was liegt auf dem Grund deiner Seele; woher diese gehässige feindselige Jugend?“ Horváth verbessert handschriftlich: „(...) woher dieser gehässige feindselige Jubel?“ (vgl. Exposé: Der Pfarrer von Kirchfeld, Fassung A, 22.)

Dieser Fehler ist sehr wahrscheinlich der Reflex auf ein Thema, das Horváth einmal sehr beschäftigt hatte: Die Kritik Heinrich Manns an der von Hermann Kesten herausgegebenen Anthologie junger Schriftsteller: Mann schrieb darin: „Die Jugend hat keine Seele...“ (vgl. 164)

557  vgl. Souvenir de Hinterhornbach in : Sportmärchen, op. cit. 144 f.

558  (vgl. vgl. Ludwig Anzengruber: Der Pfarrer von Kirchfeld, op. cit. 76.)

559 

„Der Schriftsteller steht nun vor der Aufgabe, Methoden zu entwickeln, die ihm die Erkenntnis und adäquate Gestaltung der ‚modernen‘ Wirklichkeit gestatten. Eine Möglichkeit hierzu bietet sich ihm durch den Einsatz des Humors, der zugleich als Mittel der Distanzierung und der ‚Bewältigung‘ fungiert. (...)Im Sinne systematischer Übersichtlichkeit spricht man deshalb wohl besser von Komik, der Definition folgend, daß diese einen plötzlich aufbrechenden Widerspruch offenbart.“

Gerhard Melzer: Das Phänomen des Tragikomischen, Untersuchungen zum Werk von Karl Kraus und Ödön von Horváth, Kronberg/Ts. 1976, 27.

560  vgl. Wendtland, op. cit. 417.



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31.03.2006