Anhang B

DER DON JUAN – STOFF ALS VORLAGE FÜR EIN FILMSZEN A RIO

Die Stoffgeschichte

In Ödön von Horváths Nachlass befinden sich zahlreiche Fragmente, Typoskripte und Manuskripte, die Horváths Theaterstück Don Juan kommt aus dem Krieg betreffen. In seinen Notizbüchern gibt es Eintragungen zu diesem Stoff schon ab Anfang der dreißiger Jahre.

Gleichzeitig findet man dort Eintragungen, die sich auf das geplante Filmszenario Ein Don Juan unserer Zeit beziehen . Die Textstufen sind nicht eindeutig zu bestimmen und es scheint, als ob beide Entwürfe parallel entstanden sind. Die Vielfalt der erhaltenen und von Horváth schließlich verworfenen Dokumente macht Horváths Schwierigkeiten bei der Bewältigung des Don Juan - Themas anschaulich.561

Im Notizbuch plante Horváth für Ein Don Juan unserer Zeit, dasunter diesem Titel vermutlich noch als Theaterstück gedacht war, eine Einteilung in fünf Akte und es finden sich folgende Aufzeichnungen:

Abschrift: 562

(verwendete Abkürzungen: hs = handschriftlich; us = unterstrichen; gestr = durchgestrichen; Bindestrich + Klammer markieren den unterstrichenen oder gestrichenen Textabschnitt; einfache Klammern geben lediglich die von Horváth gesetzten Klammern wieder; die Archivtexte werden ohne Anführungsstriche in anderer Schriftart, Courier, wiedergegeben, Anm. d. Verf.)

-(us: Ein Don Juan unserer Zeit)-

-(us: I Akt.)-

1.) -(us: Fronttheater)-

2.) -(us: Frauen vor Geschäft)-

3.) -(us: Huren.)-

4.) -(us: Nie wieder Krieg)-

5.) -( us: Hotel)- -(gestr. und us: Bureaux: "Nie wieder Krieg")-

[eingeschoben aus dem II. Akt in den I. Akt: -( us: 1.) Zahnärztin.)-]

-(us: II. Akt)-

2.) -(us: Konditorei)-

3.) -(us: Damenklub)-

4.) -(us: Filmschauspieler.)- (Vor dem Krieg)

5.) -(us: Als Filmschauspieler. Reporterin.)- /

-(us: Star = Vamp.) -(eckige Klammern: Krach)-

6.) -(us: Damenkomitee der Partei)-

-(us: III. Akt)-

-[gestr: 1) -(us: Damenkomitee der Partei)-]-

2.) -(us: Gewählter Abgeordneter.)-

3.) -(us: Als Politiker)- (Parlamentstribüne)

4.) -(us: Journalistin.)-

5.) -(us: Attentat.)-

[eingeschoben aus dem II. Akt in den I. Akt: -( us: 1.) Mit dem Mädchen auf dem Lande.)-]

-(us: IV. Akt.)-

2.) -(us: Vertreter.)-

3.) -(us: Fabrik.)-

4.) -(us: Prozess.)-

5.) -(us: Moralisch erledigt. -[Einfügung: -(us: Mädchen mit Kind)-]- -(us: Vamp als Spionin. - Verhaftung)-

-(us: V. Akt.)-

1.) -(us: Zuchthaus.)-

2.) -(us: Fluchtversuch - Bäuerin)-

3.) -(us: Zuchthaus. - Brief.)-

-[Einfügung: 3a.) -(us: Friseusen.)- -(eckige Klammern: Damensalon)]-

4.) -(us: Der Einbruch der Hässlichkeit.)-

5.) -(us: Bei der Alten.)- -(eckige Klammern: Tod)-

-(us: Personen des I. Teiles:)-

Don Juan

Zwei Soubretten

Frau Sedlacek

Zwei Weiber

Zwei lose Mädchen

Grossmutter 563

Anna, die Magd.

-(us: Personen des II. Teiles:)

Don Juan

Mutter

Tochter

Silvia Scanzoni

Zofe

Zahnärztin

Der Don Juan- Stoff ist parallel zum Figaro- Stoff entstanden, die Entwürfe und auch die vorgesehenen Titel überschneiden sich teilweise. So findet sich im Notizbuch Nr. 2/1.3 der Titel: Die Hochzeit des Figaro in unserer Zeit. 564

Eine andere Version des Don Juan unserer Zeit plante Horváth als Komödie in sieben Akten:

Abschrift 565

-(us: Ein Don Juan unserer Zeit.)-

-(us: I. Teil.)- Der Krieg ist aus.

-(us: II. Teil.)- Im Taumel der Inflation.

-(us: III. Teil.)- In den Klauen der Politik.

-(us: IV. Teil.)- Ländliche Stille.

-(us: V. Teil.)- Rund um einen Büstenhalter -(sic: kein Punkt)-

-(us: VI. Teil.)- Von Stufe zu Stufe.

-(us: VII Teil.)- Die neue Zeit und der alte Tod.

(Der geliebte Tod)

Die Figur des Don Juan war Horváth selber lange Zeit unklar.

Im Notizbuch Nr. 4 (Katalog der Nationalbibliothek: um 1936) schrieb er:

Das Problem des Don Juan wurde in mannigfacher Weise zu lösen gesucht. -(Einschub 61 verso: Die Gestalt hat die verschiedenartigsten Wandlungen durchgemacht (...)

Ich suchte es so: der Don Juan ist für mich Repräsentant und Symbol -(Einfügung: der Tragik und Wirkung)- der männlichen Sexualität, und ich versuchte, die metaphysische Bindung dieser Sexualität zu begreifen.

Ich schreibe ein Vorwort, es ist aber eigentlich ein Nachwort. Denn ich habe zuerst das Stück geschrieben, ohne Programm und ohne es mir zu überlegen, was ich damit schreiben möchte. Erst nachträglich fiel es mir selber auf, was es bedeutet, was ich da geschrieben habe, und -( eingekreiste Randbemerkung mit einem Pfeil eingeschoben: um nicht missverstanden zu werden)-

an Hand meiner Erfahrungen, beeile ich mich, es niederzuschreiben, was ich wollte, ohne,-(sic: Komma)- dass es mir ganz klar wurde. 566

Aus dem Grund, dass er das Stück ohne Plan schrieb, verwarf Horváth mehrere Motive, wie die folgenden in den beiden Wiener Bibliotheken vorhandenen Dokumente bezeugen:

In der Wiener Stadt - und Landesbibliothek befindet sich unter anderen ein Typoskript, das den dritten Akt von Ein Don Juan unserer Zeit enthält. Die Innenmappe ist allerdings beschriftet: Don Juan kommt aus dem Krieg 567

In dieser Version wird Don Juan der Vergewaltigung eines Kindes angeklagt und stirbt auf der Flucht, nachdem er seine Traumfrau tot und beerdigt gefunden hat.

Horváth war sich auch nicht über die literarische Form im Klaren.

So findet sich in einer Mappe der Wiener Stadt - und Landesbibliothek eine Seite, die den Anfang eines Romans darstellt mit dem Titel: Ein Don Juan unserer Zeit. 568

In der Einleitung zu dem Theaterstück Don Juan kommt aus dem Krieg 569 heißt es:

Personen: Don Juan und fünfunddreissig Frauen.

Diese fünfunddreissig Frauen können nicht nur, sondern müssen von weit weniger Schauspielerinnen dargestellt werden, sodass also fast jede Schauspielerin mehrere Rollen zu spielen hat. Es sei dies nicht nur mit Rücksicht auf die Aufführbarkeit dieses Schauspiels festgestellt, sondern als Resultat einer alten Erkenntnis: es gibt nämlich keine fünfunddreissigerlei Frauen, sondern bedeutend weniger. Die gleichen Grundtypen kehren immer wieder und sollen daher auch auf der Bühne von den gleichen Frauen dargestellt werden. Trotzdem war es natürlich durchaus notwendig, fünfunddreissig Frauen zu bringen, um zu zeigen, wie sich die einzelnen Grundtypen entwickeln können. (...)

Schließlich sind zwei Fragmente im Nationalarchiv unter dem Titel Ein Don Juan unserer Zeit erhalten, die ausdrücklich als Filmexposé gekennzeichnet wurden:

Das Exposé 17 a: Ein Don Juan unserer Zeit oder: Die Sage vom Don Juan in unserer Zeit.570

Und das Exposé 47 h: Ein Don Juan unserer Zeit 571

Beide Dokumente hatte Horváth ausdrücklich betitelt:

Filmexposé nach einer Komödie von Ödön von Horváth.

Beide Exposés sind vermutlich um das Jahr 1936 entstanden.

Bei dem Dokument 47 h handelt es sich um den Durchschlag eines Originals, welches er zeitlich nach dem Typoskript 17 a anfertigte. Handgeschriebene Korrekturen in 17 a sind in dem Typoskript 47 h bereits berücksichtigt.

Im Folgenden gebe ich das Fragment 17 a in einer Abschrift wieder, wobei markante Änderungen zu der Überarbeitung 47 h in eckigen Klammern gekennzeichnet werden

Abschrift

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-(us: Ein Don Juan unserer Zeit)-

oder: Die Sage vom Don Juan in unserer Zeit.

Filmexposé nach einer Komödie von Ödön von Horváth

November 1918, der Krieg ist aus, die Soldaten kehren heim.

In einer Baracke, in der ein Fronttheater spielt, tritt ein Offizier aus dem Schlamm des Grabens und bedankt sich bei der ältlichen Soubrette des bereits abreisenden Ensembles für das künstlerische Erlebnis, das sie ihm gewährte, als er sie auf der Bühne sah. Die Soubrette ist geschmeichelt, im Gegensatz zu ihren Kolleginnen, die den Mann für verrückt halten, und sie erkundigt sich bei ihm, in welchen Rollen er sie gesehen hätte. Der Offizier kann sich an die Rollen nichtmehr -(sic)- erinnern, denn er war inzwischen verschüttet, er weiss es nur, dass es eine Gesangspartie war und dass in dem Stück ein steinerner Reiter lebendig wurde. Es war die Oper "Don Juan" -- und erst als dieser Name fällt, fangen die übrigen Schauspielerinnen an, den merkwürdigen Offizier näher zu betrachten und sie müssen es sich gestehen, dass er sie ganz besonders interessieren könnte. Der Offizier [47 h: gesteht nun seltsam lächelnd der Soubrette, dass er sich nicht für ein künstlerisches Erlebnis, sondern nur für ihr Lächeln bedanken wollte,] bedankt sich nun auch bei der Soubrette für ihr Lächeln, das ihn an eine ferne Frau erinnert hätte, an seine einzige grosse Liebe, noch lange vor dem Kriege. Er kenne zwar garnicht -(sic)- den richtigen Namen jener Frau, er sei nur eine einzige Nacht mit ihr zusammengewesen, aber schon damals hätte er mit einer gewissen Wehmut gefühlt, dass er diese Frau verlieren und dass keine sie ihm ersetzen könnte. Drum hätte er sich nun auch entschlossen, diese Frau zu suchen, er müsse sie finden und sollte er ewig suchen. –

So verlässt er das Grauen des Krieges und jagt mit dämonischer Wucht seiner Sehnsucht nach. Er ist

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der von einer grossen Leidenschaft Ergriffene, die ihn nunmehr ausschliesslich, einzig und allein, beherrschen soll. Er ist der Mann, der in dem Leben nur die Frau sieht, der sich aus dieser Frau ein Götterbild machte und dessen ganzes Sinnen und Trachten danach (sic) gerichtet ist, dieses Bild zu besitzen. Seine unerhörte Aktivität im Suchen und Sehnen nach "IHR", -(sic: Komma)- führt ihn zu einer Passivität gegenüber der einzelnen Frau, aber gerade diese Mischung in seinem Wesen reizt die Frauen, sodass -(sic)- sie ihm alle hemmungslos entgegenkommen. Er nimmt sie auch alle, denn bewusst oder unbewusst, -(sic: Komma)- findet und sucht er in jeder einzelnen ein Teilchen seiner grossen Liebe, und er hofft auch, vielleicht eine zweite grosse Liebe zu finden, die ihn von seiner unstillbaren Sehnsucht befreit, die ihn selbst zerstört. Aber nach jedem Liebeserlebnis fühlt er sich noch einsamer und sehnt sich nur noch stärker nach "IHR" -- Erst am Ende seines Lebens wird es ihm klar, dass er sich eigentlich nach dem Tode gesehnt hat. "Ein Don Juan" meint die Soubrette, nachdem er die Baracke verlassen hat.

Er kommt in die Heimat zurück -- Revolution und Nachkriegswirren, Auflösung einer alten Moral, all dies berührt ihn nicht innerlich. Er betritt die Wohnung, in der er damals seine grosse Liebe fand, noch in der glücklichen Friedenszeit.

[47 h: als blutjunger Mensch]

Aber in der Wohnung wohnt eine andere Frau, eine Zahnärztin. Er findet sie nicht, seine Frau, niemand kann es ihm sagen, wo sie jetzt wohnt -- und er kann auch nicht weiterforschen, denn er kennt ja ihren Namen nicht.

[47 h: und sein Suchen endet damit, dass sie ihm einen Zahn plombiert und sich ihm hingibt. Seine grosse Liebe findet er nirgends, niemand kann es ihm sagen, wo die jetzt wohnt]

So irrt er nun scheinbar planlos durch die Strassen und lernt bei einer grossen Frauenkundgebung gegen den Krieg ein Mädchen kennen, den Typus des "reinen Mädchens". Sie will ihr junges Leben dem Kampfe gegen die Greuel des Krieges weihen, vernachlässigt jedoch ihre Ideale und Pflichten und kann Don Juan nicht widerstehen. Erschüttert durch seine Interesselosigkeit -(gestr: gegenüber – hs: an)- ihren Idealen,

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wird sie von ihm verlassen, als sie nun dahinterkommt, dass er sie mit zahlreichen Frauen [47 h: aller Gesellschaftsschichten] betrogen hat. Durch die Frauen bekommt er auch seinen Beruf: sie protegieren ihn überallhin, obwohl ihm diese Art peinlich ist. Aber schliesslich muss er doch leben und dazu muss man Geld verdienen. Seine erste Stellung ist diejenige eines "gehobenen Kammerdieners" in einem Damentanz- und Spielklub der Inflation. Seine Anwesenheit jedoch genügt, um alle Mitglieder gegeneinander aufzubringen, jede ist auf jede eifersüchtig, trotz manchem männlichen Einschlag der einzelnen Damen, und der Klub fliegt auf. Seine zweite Stellung bekommt er durch eine Frau, die von einem Schieber ausgehalten wird. Sie, der Typ eines Vamps der Nachkriegszeit, bringt ihn als Schauspieler zum stummen Film. Er muss nur gut aussehen und das genügt, um ein gefeierter Stummfilmstar zu werden. Wenn er sich irgendwo in der Öffentlichkeit zeigt, geraten die Frauen ausser sich und feiern ihn, -(sic: Komma)- wie einen König. Der "Vamp", der keinen Mann liebt, fühlt plötzlich wahre Liebe zu Don Juan. Mit Bestürzung muss sie jedoch feststellen, dass er nicht auf sie eifersüchtig ist, denn "lieben" tut er ja doch nur seine ferne Braut, die er nie vergessen kann. Zu tiefst (-sic)- verletzt schleudert sie ihm ins Gesicht, dass er doch überhaupt kein Schauspieler sei, sondern nur ein gutaussehender Mann, der seinen Lebensunterhalt gewissermassen durch seine erotische Wirkung verdiene. Es wird ihm klar, dass sie recht hat, er verlässt sie und verlässt auch den Film.

Das Damenkomitee einer politischen Partei fasst die Resolution, den unerhört beliebten ehemaligen Star, -(sic: Komma)- als Abgeordnetenkandidaten auftreten zu lassen, um die Stimmen der wahlberechtigten Frauen zu bekommen. So beginnt seine politische Laufbahn. Die Weiber entfalten eine unerhörte Wahlpropaganda für ihren Kandidaten und Don Juan siegt. Er tritt als Redner auf und alle

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Herzen schlagen für ihn -- doch er bringt der Partei Unglück, denn auch hier fangen die Frauen an, eifersüchtig aufeinander zu werden und die Partei spaltet sich in lauter kleine und kleinste einander gehässig und erbittert bekämpfende Sekten. Und Don Juan kümmert sich eigentlich überhaupt nicht um Politik, sondern benützt seine einflussreiche Stellung, um mit Hilfe des amtlichen Apparates nach seiner grossen Liebe zu forschen, er beschäftigt auf Staatskosten ein ganzes Heer von Detektivinen -(sic)- doch es kommt nichts dabei heraus, nur ein grosser Skandal. Eine Journalistin enthüllt diesen sonderbaren "Korruptionsfall" und die Wählerinnen Don Juans fangen ihn nun an, enttäuscht zu hassen. Er besucht die Journalistin persönlich, nachdem er gestürzt worden ist, um ihr den Fall zu erklären, sie empfängt ihn voll Hohn und bald darauf gibt sie sich ihm hin, trotzdem dass sie politisch seine schärfste Gegnerin ist, und trotzdem er nicht in der Absicht kam, um sie als Weib zu erobern. Als er das Haus in der Nacht verlässt, wird ein Attentat auf ihn verübt -- eine Revolverkugel streift dicht neben seinem Kopf vorbei -(sic: kein Komma)- und die Attentäterin ist jenes Mädchen, das er seinerzeit bei der Kundgebung gegen den Krieg kennen gelernt hatte und dessen erstes Erlebnis er gewesen ist. Das Mädchen hasst ihn aus tiefster Seele und ist sich nicht bewusst, dass es eine Hassliebe ist. Auf die Detonation des Schusses hin, -(sic: Komma)- eilt die Journalistin auf die Strasse und es entwickelt sich nun ein wilder Kampf zwischen den beiden Frauen. Die Journalistin ruft nach Verhaftung des Mädchens, obwohl Don Juan beteuert, dass er den Schuss abgefeuert hätte, aber das Mädchen bezichtigt sich selbst als Attentäterin und als Opfer Don Juans, schon um die Journalistin, die sie als ihre Nebenbuhlerin betrachtet, zu ver/letzen (sic)

-- der Auftritt endet damit, dass Don Juan mit dem Mädchen in einem Auto flieht, knapp bevor die Polizei auf dem Tatort erscheint.

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Er flieht mit dem Mädchen in ein "anderes Land", hinaus in das Dorf, weg von der Stadt, in die Einsamkeit. Und hier meint er nun kurze Zeit, sein Glück und seinen Frieden in ihrer Liebe gefunden zu haben. Aber bald genügt ihm ihre reine, keusche Hingebung nichtmehr -(sic)- -- es geht ihm auch das Geld aus und es kommt zu Reibereien, wie in jeder armen Ehe, wie bei kleinen Leuten, als wäre er garnicht -(sic)- der Don Juan.

[47 h: (...)obwohl er sich schriftstellerisch zu betätigen sucht: er arbeitet an seinen Memoiren, aber sieht es bald ein, dass er seine Abenteuer nur erleben konnte und niemals gestalten wird können. Wie gesagt, die tägliche Sorge um das liebe Brot kehrt bei ihm ein)-

Eines Tages schleudert sie ihm ihre Empörung ins Gesicht, ein Mann müsse arbeiten können und müsste auch etwas anderes im Kopf haben, als wie -(sic)- nur die Liebe -- -- und sie verlässt ihn. Es ist das erstemal -(sic)- in seinem Leben, dass eine Frau ihn verlässt. Zuerst glaubt er, es sei das Alter, aber dann bekommt er moralische Anwandlungen und er beschliesst zu arbeiten. Er wird Reisender in Damenwäsche und das Geschäft floriert in ungeahntem Ausmass. Er ist bei seinen Kundinnen unglaublich beliebt und sie können sein Kommen kaum erwarten -- ja, einzelne vernichten sogar Wäschestücke, sehr zum Ärger ihrer Gatten, nur um sich von Don Juan ein neues Stück kaufen zu können. Es hagelt nur so Bestellungen und Don Juan erfindet ein neues Korselett, lässt es patentieren und übers Jahr hat er eine Fabrik und überall Filialen. Aber das geschäftliche Glück soll nicht lange dauern -- durch eifersüchtige weibliche Angestellte wird er, der diesmal wirklich unschuldig ist, vor Gericht gezerrt, er hätte sich an ihnen vergangen. Er wird zwar, nicht zuletzt durch eine feuerige -(sic)- Verteidigungsrede seiner Rechtsanwältin, freigesprochen, doch "etwas bleibt immer hängen" und er ist moralisch erledigt, seine Existenz vernichtet.

Es geht bergab. Da taucht der "Vamp" wieder auf und tritt an ihn mit einem sonderbaren Geschäft heran -- er begreift nicht ganz den Sinn, tut jedoch mit, und es wird ihm erst bei ihrer Verhaftung klar, dass er in eine Spionageaffäre verwickelt ist. Er versucht die Frau zu schützen, verwickelt sich aber dadurch nur in Widersprüche, macht sich erst recht verdächtig und wird zu einer

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langjährigen Zuchthausstrafe verurteilt. Erst in der Zelle erfährt er, dass sie ihn verraten hat und längst geflohen ist.

So sitzt er nun im Zuchthaus und gibt schon alle Hoffnung auf. Wenn er wieder frei wird, dann ist sein Leben vorbei und er ein alter Mann. Niemand kümmert sich um ihn, er bekommt keine Briefe. Aber eines Tages erhält er doch einen und als er ihn liest, fasst er sich ans Herz, so weh tut es ihm plötzlich vor lauter Glück. Der Brief stammt von jener Frau, nach der er sich immer sehnte, die er überall suchte und nirgends fand. Jetzt schreibt sie ihm, dass sie sein Leben immer verfolgt hat, dass sie sich aber nicht gemeldet hat, denn sie hätte gedacht, er hätte sie vielleicht schon längst vergessen, und vor dieser Erkenntnis hätte sie sich gefürchtet. Nun aber in seinem grossen Unglück fühlt sie mütterliche Gefühle für ihn und sie erwarte ihn, wenn er wieder frei wird -- -- sie warte auf ihn bis in den Tod. -- -- --

Endlich ist der Tag seiner Freiheit da. Er zieht sich seine altmodisch gewordenen Kleider an, lässt sich um das Geld, das er während all der Jahre im Zuchthaus verdiente, rasieren, frisieren und herrichten -- und eilt zu ihr. Er wird eingelassen. Im Salon hängt ihr Bild, so wie sie in seiner Erinnerung lebt. Versunken in den Anblick bemerkt er es garnicht -(sic)-, dass sie selbst eingetreten ist -- eine alte, sehr alte Frau. Erschüttert erkennt er in ihrem Antlitz, sucht in ihren Bewegungen sein Idol. Das also war seine Sehnsucht -- und während er mit ihr über Nebensächliches plaudert, wird er sichtbar älter und älter. Es dämmert ihm langsam auf, dass es kein Ideal gibt, das vergänglich ist. Die wirklichen Werte liegen jenseits des Lebens. Er verlässt das Haus. Es schneit, immer stärker. Durch das Schneegestöber taucht eine junge Frau auf mit einem Kinderwagen.

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Es ist das Mädchen, das ihn verlassen hat. Verdutzt erkennt sie ihn, ruft ihm sogar einige Worte nach, doch er erkennt sie nicht, verschwindet wieder im Schneegestöber.

Er betritt ein armseliges, leeres Café. Apathisch fängt er an, Billard mit sich selbst zu spielen. Die alte Kellnerin kommt und sagt ihm, es wäre ein Herr hier, der möchte gerne mit ihm eine Partie Billard spielen. Er nickt ja -- und der Herr erscheint, er ist hager, wie ein Skelett, trägt schwarze Glacehandschuhe -(sic)- und Don Juan kann sein Gesicht nie richtig sehen. Der Herr spricht kein Wort, lässt nur Don Juan sprechen, dem es unheimlich wird -- er weiss nicht recht warum. Der Fremde gibt ihm etwas vor, 56, genau soviel, als Don Juan Jahre zählt. Don Juan beginnt und verfehlt. Nun spielt der fremde Herr. Mit automatischer Präzision klappt alles. Immer wieder drückt er die Nummertafel -- 28, 37, 42 -- da bemerkt plötzlich Don Juan, dass der Herr unter seinen Glacéhandschuhen eine knöcherne Hand hat, er erblickt das Gelenk. Und nun weiss er, er spielt mit dem Tod, und der Tod wird gewinnen. 56 -- der Herr hat gewonnen, Don Juan fasst sich ans Herz, wie damals im Zuchthaus und bricht tot zusammen.

-(us: Ende)-

Bemerkung: Ausser der Figur des Don Juans -(sic)- spielen in diesem Filme nur Frauen und der Tod. Es soll auch versucht werden, in den Dialogen, -(sic: Komma)- Zeitprobleme von der Einstellung der Frau her zu beleuchten.

In der Wiener Stadt- und Landesbibliothek befindet sich noch ein fragmentarisches Originaltyposkript mit handschriftlichen Anmerkungen, Das Dokument Nr. 17.572

Es handelt sich um ein Fragment ohne Titel, dessen erste Seite fehlt.

Ebenso ist nicht auszumachen, ob am Ende Seiten fehlen.

In diesem Fragment hatte Horváth Dialoge geschrieben, die zu den Bildern 1, 2, 3 des Exposés Ein Don Juan unserer Zeit (17 a + 47 h) passen.

Es ist das einzige detaillierte Exposé mit Dialogen (in zwei Versionen), das wir von Horváth finden können.

Anhand dieser Blätter wird in Ergänzung zu den Exposés anschaulich Horváths Arbeitsweise deutlich, so dass ich im Folgenden dieses Original- Typoskript mit handschriftlichen Einfügungen Horváths in einer kommentierten Abschrift wiedergebe.573

Abschrift 574

-(Erste Seite fehlt)-

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-{(Anfang des Paragraphen durch eine rote Linie gestrichen)-

Don Juan: (tritt ein; er ist in einer verdreckten Uniform, ohne Sterne)

Else: (überrascht) Sie wünschen?

Don: (zu Nelly) Ich suche Sie. Wir kennen uns.

Nelly: Wir? Wüsst nicht, woher --

Don: Ich hab Sie in zwei Operetten gesehen. Ihr Gang

-(gestr: und Ihr Lächeln)- -(gestr: hat mich verfolgt und Ihr Lächeln lag in der Luft.)-

Nelly: In welchen ? -(gestr: Operetten haben Sie mich gesehen?)-

Don: -(gestr: Das weiss ich nicht.)- Die hab ich vergessen.

-(hs: Ich war verschüttet.)-

-[hs: (Stille)]-

Else: Bitte, nehmen Sie Platz!

Don: Danke, -(gestr: ich habe keine Zeit)- ich muss weiter -- (zu Nelly) -(gestr: Ich)- Sie erinnern mich nämlich an eine Frau, aber das -(gestr. und us. - unterbrochene Linie, um die Streichung aufzuheben: liegt so weit zurück.)- -(hs: Noch vor dem Krieg. Wenn es still war, hörte ich ihre Schritte. Ihr Gang hat mich verfolgt. Aber es war nur der Wachtposten -- Man kann nach dem Gang einen Menschen schon studieren.)- -(Krischke: rekonstruieren)- -(gestr: Ihr Gang hat)- mich verfolgt und ihr Lächeln lag in der Luft -- Darf ich Ihnen ein kleines Geschenk? -(gestr: Erbeutete)- Zigaretten, das einzige, was ich -(gestr: in diesem Kriege)- eroberte -- (er -(hs: lächelt und)- gibt sie ihr)- -(gestr: und ab) –(gestr:Es sind)- Echte ägyptische -- (ab)

-(hs: Stille)-

Nelly: Hast Du Worte?

Else: Er ist verrückt geworden.

(Ende des Paragraphen durch eine rote Linie gestrichen)}

Zwischenbemerkung

Diese Szene folgt grosso modo dem ersten Akt des Theaterstückes Don Juan kommt aus dem Krieg. Im Stück sprechen die Soubretten mehr vom Krieg und der Tatsache, dass der Waffenstillstand am Mittag beginnt.

Ich nehme an, dass es sich bei dem Rotstrich durch das Typoskript nicht um eine absichtliche Streichung Horváths handelt, da sie unlogisch wäre.

2. Bild

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Lazarett. Raum in einem Lazarett. Betten, in denen Tote liegen. Die Namen an den Kopfenden sind durchgestrichen.

Schwester: (steht am Fenster und weint)

Don: (tritt ein)

Schwes: (trocknet rasch ihre Tränen)

Don: Man hat mich hierhergewiesen -- -(hs: Schwester Anna?)-

Schwes: -(gestr: und ?)- -(hs: Ja)-

Don: Ich fühl mich elend.

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Schwes: Setzen Sie sich.

Don: (folgt)

Schwes: (schiebt ihm einen (sic) Thermometer unter den Arm) Waren Sie oft verwundet?

Don: Dreimal.

Schwes: Dreimal -- (die Thränen -sic- treten ihr in die Augen)

Don: Sie weinen?

Schwester: -(gestr: Ich weine)- Tag und Nacht. Soviele –(sic)- Opfer, soviel –(sic)- Leid, und dann: den Krieg verloren. Armes Vaterland! Ich höre in der Nacht die Siegesfanfaren in den anderen Städten und über uns ist Nacht. Die geschlagene Armee, ich werd es nicht überleben. Jetzt fliegt ein anderer Adler über unser Land.

-(gestr: Don: Sie sind stolz.

Schwes: Gottseidank!)-

Warum bin ich kein Mann? Ich würde noch draussen stehen und fechten und schiessen -- bis zum Letzten!

Aber sie laufen ja alle zurück! Alle wollen in die Heimat! Was soll ich in der Heimat? Meine Heimat war hier bei Euch an der Front!

Don: Sie sind stolz.

Schwes: Gottseidank!

Don: Ich bin auch stolz -- (sein Kopf fällt herab)

Kommentar

In dieser Szene finden sich Züge der Figur Bundesschwester der Sladek- Fassungen. wieder.

Während die Sehnsucht der Bundesschwester auf den Tod tausender Soldaten

abzielte, hat diese Schwester eine suizidäre Todessehnsucht.

Der eigene Todeswunsch wird deutlich, wenn sie sagt: „Soviele Opfer, soviel Leid, und dann: den Krieg verloren. Armes Vaterland! Ich höre in der Nacht die Siegesfanfaren in den anderen Städten und über uns ist Nacht. Die geschlagene Armee, ich werd es nicht überleben. Jetzt fliegt ein anderer Adler über unser Land.“

Ihr Stolz kann diese ‚Schande’, von einem anderen Adler überflogen zu werden, nicht ertragen.

Im Sladek ist die Figur Bundesschwester krasser gezeichnet, wie folgende Szene veranschaulicht:

Bundesschwester erscheint im Tor: Was hat der gesagt? Wir hätten den Krieg verloren? Solche Subjekte haben uns Sieger erdolcht und das Vaterland der niederen Lust perverser Sadisten ausgeliefert! Am Rhein schänden syphilitische Neger deutsche Frauen, jawohl, das deutsche Volk hat seine Ehre verloren! Wir müssen, müssen sie wieder erringen und sollten zehn Millionen deutscher Männer auf dem Felde der Ehre fallen!“

Im Sladek verkörpert die Figur Bundesschwester komprimierter als in dem hier vorgestellten Typus Schwester mehrere Konstituenten primitiv- national- sozialistischer Vorstellungen, die von Horváth benannt werden: Antisemitismus, Dolchstoßlegende, Rassismus.

_____

Schwest: Halt! Was machen Sie da -- (sie hilft dem Bewustlosen -sic-, nimmt das Thermometer heraus, sieht nach) Was? Neunundreissig acht (sic)? -- --(ursprünglich: So kommen Sie doch zu sich, Mann)- (sie eilt an ihren Medizinschrank und sucht Mittel)

Don:(kommt zu sich, erhebt sich im Fieberdelirium)

Schwest: Setzen Sie sich!

Don: Anna -- Bist Du es? Komm, ich bin da --

Schwest: Hören Sie --

Don: Nichts hör ich. Endlich, bist Du da -- endlich wieder!

Bitte,

-4-

bleib, die Sonne geht noch nicht auf, es ist noch Nacht -- wir haben noch Zeit--

Schwest: So kommen Sie doch --

Don: Ich weiss es, Du: es wird nie wiederkommen -- nie diese Nacht –

Schwest: Hören Sie auf! Sie sind krank!

Don: Ich bin nicht krank! Du hast mich krank gemacht, lass mich Dich -- (er umarmt wild die Schwester)

Schwest: Lassen Sie mich los!

Don: Nein! Hörst Du hinter einem Gebüsch, es ist eine sandige Heide, da wimmert wer -- ist es ein Kind? Nein, es wurde wer erschlagen -- hörst Du ? Bleib bei mir, lass mich nicht allein -- Bist Du es, die erschlagen wurde -- Du? (er küsst sie wild)

Schwest: (reisst sich von ihm los und taumelt)

Don: Lass mich sterben, bitte -- (er verliert wieder das Bewustsein (sic)

Oberschwester: (kommt) Was ist das?

Schwest: Er hat neununddreissig acht. Kein Verwundeter.

Ober: Hm.(sie beugt sich über ihn); zur Schwest.) Sofort dem Oberarzt melden. Es ist grassiert -(sic)- eine geheimnisvolle Krankheit, eine Seuche, nach jedem Krieg, man nennt sie das spanische Fieber. Geben sie acht, es ist die Pest. (ab)

Schwest: (beugt sich über Don Juan) Geben Sie acht,

-[gestr: und du hast mich geküsst (Sie lächelt) Es ist die Pest]- -[hs: geben Sie acht - (sie stürzt sich auf Don Juan und küsst ihn)]-

3. Bild

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Friedhof hinter der Front. Grab der Schwester Anna.

-(gestr: Ober: Können Sie noch beten?

Don: Nein,)-

Ober: Es ist ein Wunder, dass Sie wieder gesund geworden sind?. Mit

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Ihnen scheint die Vorsehung noch allerhand vorzuhaben.

Hier liegt Schwester Anna.

Don: (nimmt die Kappe ab)

Ober: Sie hat sie gepflegt und hat sich angesteckt. Sie war ein Engel -(gestr: Sagen Sie. ist -sic- es wahr, dass Sie sie heiraten wollten?)- Sie verdanken ihr Ihr Leben.

Don: Sie wollte sterben.

(Stille)

Ober: Können Sie noch beten?

Don: Nein.

(Stille)

Ober: Hören Sie: Ich habe noch nie einen solchen Mann getroffen, -(sic: Komma)- wie sie -(gestr: Sie sind ein Zyniker, nicht?)-

Don: Ich bin mir kein Rätsel.

Ober: Bei jedem anderen weiss man, wer er ist, hat eine Vorstellung, was er will, -- ich kann es mir nicht denken, dass Sie überhaupt einen Plan haben.

Don: Ich hab keinen Plan. Ich hab nur etwas vor. Ich muss jemanden finden, den ich verloren hab.

Ober: Wollen Sie heiraten?

Don: Daran hab ich noch nicht gedacht.

Ober: Wissen Sie, wie ich Sie getauft habe?

Don: Wie?

Ober: Don Juan.

Don: Warum?

Ober: Sie haben so etwas in den Augen -- (sie sieht sich um,)

-(sic: Interpunktion)- Aber ich muss jetzt fort.

Leben Sie wohl und versäumen Sie nicht den Zug! (ab)

Don: (allein am Grab) Anna, hörst Du mich? -- Wo liegt Dein Kopf? So oder so? -- Wie Du eines Morgens plötzlich nichtmehr -(sic)- da warst, das hat mir sehr weh getan -- -- Leb wohl, Anna! (er

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will weg, verhängt sich jedoch am Grab Strauch -(sic)-) Wie? Du hältst mich zurück? Hast Du mir noch was zu sagen? -- -- Nein, ich werde Dich nicht vergessen -- -- oder soll ich zu Dir kommen? Nein, ich möchte leben, hörst Du, leben! Ist es schön bei Dir? Lass mich, sonst versäum ich noch den Zug! (ab)

4. Bild

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Vor einem Laden in der Stadt. Frauen stehen Schlange und warten.

Erste: Kein Brot, kein Fleisch, kein Schmalz -- ist das der Frieden?!

Zweite: Beruhigen Sie sich, Frau Sedlacek.

Lieber hungern, die Hauptsach ist, dass die Männer wieder da sind!

Erste: Mein Mann hätt ruhig wegbleiben können, der sass immer in der Kanzlei hier, hat den grossen Mann markiert, und ich hab das ganze Geschäft führen dürfen, und wenn ich aufgemuckt hab, dann hat er mich prügelt (sic) -- ob Krieg, ob Frieden, einerlei!

Dritte: Versündigen Sie sich nicht! Und ausserdem kann ich mir es schon vorstellen, dass Sie ihm auch eine hingehaut haben.

Erste: Ich bleib niemand was schuldig.

Vierte: Mein armer -(gestr: Mann, hs: Joseph)- -(in Don Juan kommt aus dem Krieg, Frankfurt 1975: Karl)- sitzt in Sibirien und wer weiss, wann der wiederkommt. Sibirien ist riesig weit -- Sie werden erst sehen, Frau Sedlacek, wie Ihnen die Prügel abgehen werden, wenn Sie keinen Mann mehr haben.

Erste: Ich scheiss auf die Herren der Schöpfung!

Don Juan: (geht vorbei)

Erste: (sieht ihm nach)

Zweite: (boshaft) Gefällt der Ihnen?

Erste: (grinst) Der schon.

-7-

5. Bild

Dunkle Strassenecke. Ein Schild links und Stacheldraht: "Wer weitergeht, wird erschossen!"

Zwei Frauenzimmer: (kommen)

Erste: (reisst plötzlich die zweite zurück) Halt! Kannst denn nicht lesen?! -(gestr: Wer weitergeht, wird erschossen!)-

Zweite: Jesus Maria!

Erste: Einen Schritt und sie schiessen scharf. Dort stehen die Roten.

(Stille)

Zweite: Gestern war ein Weisser bei mir.-(Satz fehlt in Ausgabe Don Juan kommt aus dem Krieg, Frankfurt 1975.)-

Erste: Es ist alles nur lilablassblau.

-[hs: Zweite: (liest ein Plakat) "Frauen, Schwestern, Töchter! Die Männer sind schuld!" Blödsinn! (sie spuckt es an) –( in Ausgabe Don Juan kommt aus dem Krieg von 1975:spricht es an)- -(gestr: Männer sind)-]-

Don Juan: (kommt)

Erste: Halt!

Don: (hält)

Erste:(deutet auf das Schild) Wer weitergeht, wird erschossen.

Don -(ursprünglich: Achso.)- Aha.

Erste: Ich hab Ihnen jetzt das Leben gerettet.-(GW, Bd. IV: hab Ihnen das Leben gerettet,)- Wohin, Bubi?

Don: -(gestr: Ich hab mich verirrt.)- Ich möchte zum Bahnhof.

Zweite:(hs: gewollt gebildet) Der Bahnhof ist zusammengeschossen. Mit Artillerie. -(hs: Er bildet)- Ein -(hs: einen)- rauchender -(hs: rauchenden)- Trümmerhaufen.

Don: So? -(gestr: Dann verkehren wohl auch keine Züge mehr?)-

Dann gehen wohl auch keine Züge mehr?

Erste:-(gestr: Es steht alles still. hs: Alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm es will, Streik.)-

Zweite: Generalstreik.

Kommentar

Die Änderungen sind für Horváths Arbeitsweise interessant: Horváth bessert die Ausdrucksweise der Frau nach. Statt eines einfachen Ausrufs ohne Verb lässt er sie einen ganzen Satz sprechen. Das Verb ‚bilden’ braucht den Akkusativ: „Er bildet einen rauchenden Trümmerhaufen“ hört sich gebildeter an als „er ist ein rauchender Trümmerhaufen“.

Zusätzlich wird ihr Kommentar noch durch das vorangegangene Fremdwort aufgewertet: ‚Artillerie’.

Durch die Sprache wird sie zu einer der typisch uneigentlichen Horváth- Figuren, die sich den Anschein geben, etwas zu sein, was sie nicht sind, um andere Personen zu beeindrucken. Ihre Sprache entlarvt sie. An dieser Stelle sehen wir, wie der Autor diesen Bildungsjargon inszeniert.

Don: So? -(gestr: Dann verkehren wohl auch keine Züge mehr?)-

Dann gehen wohl auch keine Züge mehr?

Wenn Horváth das Wort ‚verkehren’ streicht und durch das einfachere ‚gehen’ ersetzt, will er vermeiden, Don Juan dieselbe Eigenschaft zuzuweisen, wie der Zweiten. Er gehört damit nicht zu den Kleinbürgern, die versuchen, durch bewusst gewählte Sprache kultivierter zu erscheinen als sie sind.

Die Änderung zeigt, dass er den Don Juan als einfachen Helden sah und ihn nicht zu den – in seinen Augen - spießigen Benutzern des Bildungsjargons zählt.

Erste:-(gestr: Es steht alles still. Generalstreik. hs: Alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm es will, Streik.)-

Die handschriftliche Notiz ist schlecht lesbar. Vermutlich soll es Zweite heißen: in diesem Fall ist die Lesart, dass das Wort „Generalstreik“ nicht gestrichen ist, sondern es ist die Zweite, die unterstreicht: „Generalstreik“ !

Die von Horváth gewollte Lesart dieser Passage wäre demnach folgende:

Erste: Alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm es will, Streik.

Zweite: Generalstreik.

Diese Änderung entspricht den oben gemachten Änderungen, in denen die Zweite durch Bildungsjargon charakterisiert wird.

Erste: Bleib bei uns, wir -(gestr: können alles, sind lieb und billig. hs: streiken nie - und arbeiten unter Tarif.)-

Don: Ich habe noch nie in meinem Leben dafür bezahlt.

Zweite: Wir sind billig.

Erste: Ausverkauf. Na?

-8-

Don : (lächelt) Ich bin kein Spekulant --

Erste: Schenk uns eine Zigarette.

Don: Bitte -- meine Letzte.

Erste: (teilt sie in zwei Teile für sich und die Zweite)

Don: (zur Zweiten) Feuer gefällig? (er zündet das Feuerzeug an, ein Schuss von links, die Zweite fasst sich an den Kopf und bricht zusammen)

Erste: (schreit auf und gellend ab)

Don: (beugt sich über die Zweite)

Altmodische: (in einem Kostüm aus dem Jahre 1904 kommt) Ein verirrter Schuss, was?

Don: Sie ist tot. Ich wollte ihr Feuer geben und sie haben das Feuer für ein Signal gehalten -- nehm ich an. (er starrt die Alt -sic- an) -(GW IV korrigiert in: Altmodische.)-

Alt: Was starren mich denn der Herr so an?

Don: -(hs: Sie sind so modern gekleidet.)-

Wie sehen Sie aus? Ist denn Fasching?

Alt: Ach, Sie meinen mein Kostüm -- nein, es ist nicht Fasching, es ist nur mein einziges Kleid, ich hab kein Anderes (-(sic)-) . Es stammt aus anno domini 1904.

Don: Und Sie trugen immer dasselbe?

Alt: Nein, ich trag es erst wieder seit vorgestern. (sie summt: Wenn meine Frau sich auszieht, wie die dann aussieht -- sie macht einige Tanzschritte) Maxixe bresilienne.

-(GW IV: Mexixe)- Hasch mich, ich bin die Sünde! -- ich mache Dir nichts Böses, ich hab es schon hinter mir, ich bin amnestiert -- durch die Revolution.

Don: Achso! Du sasst seit 1904, jetzt bist Du frei und trägst das Kleid -

Alt: Erraten.

Don: Was war Dein Verbrechen?

Alt: Ich hatte lebenslänglich. Es war ein Verbrechen wider die Person.

Don: Du kokettierst damit?

-9-

Alt: (hängt sich plötzlich an ihn) Komm, bring mir Glück!

Don: Ich hab kein Geld.

Alt: Umsonst, umsonst! Bring mir Glück -- umsonst!

Don: Umsonst ist der Tod. (ab nach rechts)

Alt: (schreit ihm nach) Hund! Halunke! Grüss Gott, tritt ein, bring Pech herein! Ich bin der Tod, ich bin der Tod!

6. BILD

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-[Im Notizbuch 2/1.2 Notizbuch ohne Nummer- spielt diese Szene vor dem ‚Denkmal des Kriegsgottes‘)-, die Rednerin wendet sich an „Meine Mitschwestern! Frauen! Frauen aller Stände, insbesondere Ihr Proletarierinnen (...) Meine lieben Republikanerinnen.“ 13 recto]-

Grosse Frauendemonstration auf einem Riesenplatz. Auf dem Sockel eines Denkmals vor einem Ritter in Rüstung, steht das Komitee mit einem Transparent: Nie wieder Krieg!

Frauenrechtlerin: Meine Mitschwestern! Frauen, Mütter, Töchter! Wenn ich hier diese unübersehbare Menge überblicke, so ist das der Beweis eines unerschütterlichen Willens und ein königliches Gefühl, ein Wille, nie wieder Krieg. (Brausende Hochrufe) Wir fordern aktivstes Mitbestimmungsrecht der Frauen -- in allen Dingen, also auch in der Politik! Auch in das Kriegsministerium gehören Frauen -- diese gewaltige Demonstration der Frauen gibt mir recht! Wieviele -(sic)- verwundete blutende Herzen befinden sich unter Euch?! Sagen wir es laut und offen, dass alles so entsetzlich kam, 12 Millionen Tote, und daran sind die Männer schuld! Was hatten wir Weiber zu sagen? Nichts! Die Männer sind schuld!

Don Juan: (taucht im Hintergrund auf)

Frau: Die Männer sind unser Unheil, vielleicht haben sie Verstand (sic: kein Komma) sie haben keinen Instinkt! In der Natur gibt es Mann und Weib, so muss es auch bleiben, zusammen sollen sie entscheiden -- denn was ist ein Mann allein? Höchstens ein Soldat! (Sie

-10-

tritt zurück und erblickt Don Juan; perplex)

2. Rednerin: Ich bitte um Annahme der Resolution: die hier versammelten achtzigtausend Frauen fordern schärfstes Mitbestimmungsrecht, das Wahlrecht, sie haben kein Vertrauen mehr zu den Männern! Sie ziehen jetzt in gewaltiger Demonstration vor den hohen Rat und fordern: Nie wieder Krieg!" -(Interpunktion sic)- Musik und die Demonstration zieht an den Führern vorbei)

1.Red: (zu einer Jungen) Hier ein Mann auf der Tribüne! Was sucht denn der Mann hier?

Geh, er muss verschwinden! Aber sofort!

Junge: (zu Don) Ich fordere Sie auf, sofort den Platz zu verlassen im Namen des Komitees, der weiblichen Arbeitsgemeinschaft der Frauen gegen den Krieg, Alkohol und Vivisektion.

Don: Verzeihung, aber ich möchte zum Bahnhof. Ich wollte nur dorthin und plötzlich stand ich da -- konnte weder vor, noch zurück.

Junge: Kommen Sie, ich führe Sie hinten herum --

Don: Sie demonstrieren hier gegen den Krieg?

Junge: Ja.

Don: Sie haben damit recht, was Sie über die Männer gesagt haben.

Wir Männer sind auch zu dumm. -(hs: Hoffentlich wird es Euch Frauen gelingen, besser zu regieren -)-

Junge: Sie scheinen ein weisser Rabe zu sein.

Don: Weiss vielleicht, aber Rabe? Nein.

Junge: (lächelt)

1.Rednerin: Hast ihm –(sic)- noch nicht weggebracht? Ein Skandal! Fort mit ihm!

-11-

7. Bild

-------

Hotelzimmer.

Die Junge: (halbnackt auf dem Bett)

Don: (bindet sich die Krawatte

Junge: Ich trau mich nichtmehr –(sic)- auf die Strasse. Sie demonstrieren noch immer, die Frauen -- und ich hab sie verraten.

Don: Du beurteilst Dich zu hart. Die Schuld trifft immer nur den Mann. Falls es überhaupt eine Schuld gibt --

Junge: Eigentlich wollte ich Dich nur vom Denkmal wegbringen -- hinten herum, und dann hat es hier geendet.

Don: Und ichwollt –(sic)- nur zum Bahnhof - und jetzt habich -(sic)- den Zug versäumt.

Junge: Wo fährst Du hin?

-(hs: Don J: Ich suche jemand.)-

Junge: Wen?

Don J: Ich muss jemand finden.

Junge: Eine Frau?

(Stille)

Don Juan: Ja. Eine Frau.

(Stille)

Junge: Du bist verheiratet?

Don Juan: Nein.

Junge: Wer ist die Frau?

Don J: Ich kenne ihren Namen nicht.

Junge: So halt mich doch nicht zum Besten!

Don J: Ich kenne ihren Namen wirklich nicht. Es war noch vor dem Kriege. Aber immer musste -(GW IV: 'könnte')- ich an sie denken.)-

Junge: Tut es Dir leid?

Don: Nein.

(Stille)

Junge: Man braucht Euch Männer eben manchmal. Aber dann wirft man Euch weg, wie Mist!

Don: Manchmal denk ich, in einer anderen Welt zu leben. Es hat sich alles geändert -- wenn ich mir überleg, wie vor dem Krieg die jungen Mädchen reagiert haben und jetzt? Ja, es ist auch ein Unterschied, Ihr seid alle männlicher -- schon von der Statur aus.

Junge: Das ist der Krieg. Ich bin nur unterernährt, und davon machen wir die schlanke Mode. Meine erste Liebe war die kolorierte Postkarte eines idealisierten verwundeten Helden. Ach, Ihr Männer! Ich hasse Euch alle!

Don: Das gibt sich.

Junge: Ich liebe nur einen Mann, aber der lebt nichtmehr. -sic)-

Mein Vater. Er starb in Gefangenschaft. Gott, was ist das für ein Unterschied zu Euch allen! -- Geh! -(hs: Schau mich nicht so an, Du entweihst mich!

Don: Das wagst Du mir zu sagen, der ich im Kriege draussen stand und Euch beschützte?!

Junge: Schweig, erinner mich nicht an meinen Vater!)-

Geh! Geh, ich hasse Dich! Ich hasse Dich!

-12-

8. Bild

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Bei einer Zahnärztin

Sie behandelt eine aufgedonnerte Ausgehaltene -(sic)- Nutte eines Schiebers.

Ärztin: Ihre Zähne sind arg vernachlässigt. Waren Sie rachitisch?

Nutte: Was ist das?

Ärztin: Sie warens sicher. Schon allein durch die Ernährung --

Nutte: Oho, ich hatte immer zum essen!

Ärztin So war es nicht gemeint --

Aber der Krieg und all den Ersatz, den wir gegessen haben, der hat auf unsere Konstitution doch gewirkt.

Nutte: Auf meine Konstitution hat garnichts -(sic)- gewirkt. Mein Freund ist hat -(sic)- Lieferungen gehabt für die Armee und ich hatte alles. Immer! Mein Freund ist das, was man einen grossen Schieber nennt ---(sic: kein Punkt)-

Ärzt: Gott, da kann man nur gratulieren --

Nutte: Sie haben schöne Beine.

Ärzt: Finden Sie? Ich? (verlegen)

Nutte: Ja. Ihre Beine gefallen mir. Geben Sie sie mir --

Äzt -(sic)-: Sie sind zu komisch!

Nutte: Darf ich sie mal anfassen -- (sie fasst sie an)

Äzt -(sic)-: Lassen Sie das!

Nutte: Schön. -- Also los, bohren Sie mich an, aber wenn Sie mir wehtun, dann schrei ich, dass die Scheiben zittern!

Ärzt: (bohrt)

Nut: Au! -- Sie sagten doch, das wird nicht weh tun! Jetzt geh ich aber zu einem Zahnarzt, zu einem Mann, Gottseidank - ist der Krieg aus und die Männer sind wieder da! Ihr Weiber seid ja Weibe -(sic)- gegenüber immer ordinär! (ab)

Don Juan. (tritt ein)

Ärzt: Bitte -- (deutet auf den Stuhl)575

Außer den zitierten Dokumenten gibt es in der Nationalbibliothek noch die Mappen 221 002 Bl. 27 Blatt 18 b (BS) (1, 2, 3), sowie drei Mappen mit ungeordneten Varianten zu Ein Don Juan unserer Zeit. ...576

Die Vorarbeiten zum Don Juan Stoff zeigen eine Motivparallele zu Ein Kind unserer Zeit. Die Konzeption des dritten Aktes ist betitelt Der Schneemann.577

Kommentar

Die Bemerkung am Ende des Exposés, dass versucht werden soll, in den Dialogen Zeitprobleme von der Einstellung der Frau her zu beleuchten. ist interessant. Horváth schrieb offensichtlich das Exposé mit dem Anspruch auf Darstellung objektiver Probleme von Frauen. In diesem Zusammenhang geben andere Eintragungen in den Notizbüchern weitere Hinweise auf das herrschende Frauenbild im Don Juan:

Unter den umfangreichen Vorarbeiten zu Don Juan finden sich folgende Bezeichnungen für die Prostituierten (alle aus Mappe Nr. 2/1.2, Notizbuch ohne Nummer):

- Zwei lose Mädchen (42 verso)

- Huren (40 recto)

- Nutte (19 recto)

- kleine Nutte, die von einem Schieber ausgehalten wird (40 recto)

- Nuttchen (40 recto)

In den Vorarbeiten zu Im Taumel der Inflation setzt Horváth lesbische Frauen in Szene: Zweite sagt zur Ersten: „Du hast recht. Das wär ein Mann, der könnt mich bekehren.“ Die Eifersuchtsszene spielt im Lesbischen Club. 578

Das Frauenbild im Don Juan

Ebenso wie Horváths Anmerkung in der Einleitung zu dem Theaterstück Don Juan kommt aus dem Krieg „(...)es gibt nämlich keine fünfunddreissigerlei Frauen, sondern bedeutend weniger. Die gleichen Grundtypen kehren immer wieder und sollen daher auch auf der Bühne von den gleichen Frauen dargestellt werden.“ werfen manche Szenen Fragen bezüglich des von Horváth gezeichneten Frauenbildes auf, das in diesen Entwürfen vorherrscht. So ist die ganze „Frauendemonstration“ grobflächig gezeichnet.

Es bleibt unklar, was Horváth unter „schärfstes Mitbestimmungsrecht“ verstand.

Der Ausspruch der Jungen:

„(zu Don) Ich fordere Sie auf, sofort den Platz zu verlassen im Namen des Komitees, der weiblichen Arbeitsgemeinschaft der Frauen gegen den Krieg, Alkohol und Vivisektion“

beweist in der Zusammenstellung des Kataloges, gegen den die weibliche Arbeitsgemeinschaft gerichtet ist, dass Horváth diese Frauenorganisation einzig in humoristischer Absicht geschrieben hat. Ein Club gegen ‚Krieg, Alkohol und Vivisektion‘ ist purer Nonsens und meiner Meinung nach einzig in der Absicht geschrieben, Lachen hervorzurufen.

Diese Veranstaltung der weiblichen Arbeitsgemeinschaft ist eine Farce. Ebenso wie der „ hohe Rat“. Nach dem ersten Weltkrieg gab es Räte, allerdings nur bis zur Niederschlagung durch die Reichswehr bzw. selbsternannte Heimwehrverbände. Der hohe Rat ist eine Erfindung Horváths, die keinerlei historischen Bezug hat und hat bestenfalls die Funktion der Karikatur. Horváth mokierte sich lediglich über Frauenfragen.

Der Verrat der Jungen, die mit Don Juan noch während der Demonstration schläft, ist wieder ein Hinweis auf ein Verhalten, das sich aus heutiger Sicht schlechtestenfalls für einen brutalen „Männerulk“ eignet.

Nicht nur der Name, sondern auch die Inszenierung im lesbischen Club ist eine Farce. Das hier beschriebene Bild eifersüchtiger lesbischer Frauen, die sich vom schönen Don Juan „bekehren“ ließen, hat gegenüber dieser Gruppe etwas Diffamierendes.

Dazu kommt nach meinem Dafürhalten eine unangemessene Wortwahl bei der Beschreibung von Prostituierten: aufgedonnerte ausgehaltene Nutte eines Schiebers bzw. kleine Nutte, die von e i nem Schieber ausgehalten wird –

Zwei lose Mädchen, Huren (40 recto) und Nuttchen erscheinen als frauenfeindliche Begriffe, denn die Diminutivform Nuttchen ist in der sachlichen Auflistung des Personals eines Stückes diffamierend. DasPersonalprotokoll, die Auflistung der mitspielenden Akteure eines Stückes sollte neutral sein und somit - soweit vom Autor nicht anders gewollt - wertfrei.

Die Verwendung der Verkleinerungsform von Nutte in Nuttchen gibt einen Hinweis auf eine Herabwürdigung durch den Autor.

Bei der Wortwahl handelt es sich wahrscheinlich nur um einen unbedachten Ausrutscher des Autors, allerdings stehen die vorgenannten Äußerungen im Kontrast zu dem Vorsatz, etwas vom „Standpunkt der Frau“ aus darstellen zu wollen. Dieser Vorsatz wirkt anmaßend und wird weder durch das Stück noch durch die Vorarbeiten gerechtfertigt.

Ebenso wie die lesbischen Frauen im Lesbischen Club sich gegenseitig bekämpfen, greift die kleine Nutte eines Schiebers die Zahnärztin an und die Frauen im Club gegen Krieg, Alkohol und Vivisektion verraten sich gegenseitig.

Nach meiner Kenntnis und Einschätzung des Autors wollte Horváth Humor inszenieren. Der hier beabsichtigte Ulk wirkt vormodern.

Immer wieder findet sich in diesen Aufzeichnungen eine grobe Wortwahl, die für Kenner der frühen Horváth- Stücke neu ist und das überlieferte Frauenbild Horváths zeitweise in Frage stellt. Im Notizbuch findet sich auch folgende Äußerung des Autors.

Abschrift

-(us: Don Juan:)-

Ebenso, -(sic:Komma!)- wie ich keinen

Schweinskopf essen mag,

das Fleisch nur dann,

wenn seine Form mich

nichtmehr –(sic)- an seinen

tierischen Ursprung erinnert,

ebenso will ich auch bei

einer Frau nicht daran

erinnert werden, dass sie

ein Mensch ist. Ich bin

doch kein seelischer Kannibale.579

Dem Anspruch, die Zeit soll lebendig werden durch die Frau 580

wird Horváth nicht gerecht. Vorausschauend schrieb er ins Notizbuch unter den Wunsch, die Zeit durch Frauen lebendig werden zu lassen:

Ich meine, dass es nicht leicht ist, dies Stück aufzuführen.

Ich meine aber auch, dass es meine Pflicht ist, ohne Rücksicht auf Aufführungsmöglichkeiten, das zu schreiben, was ich muss. Das klingt sehr stolz, ist aber sehr bescheiden.

-(gestr: Es würde mich freuen, wenn ich eine Aufführung des Stückes erleben könnte, aber ich glaube nicht daran. Die Welt versinkt im Dreck der Plebejer, und die Theater sind nicht so hoch, um aus dem Morast zu ragen. Sie haben sich prostituiert. Sie haben die Sprache verachtet, sie haben die Dichtung verachtet, und schreien: wir haben keine -(gestr. Dichter)- guten Stücke. Wer soll so verrückt sein, keine Kompromisse zu machen, wenn ein solcher Pöbel den Ton angibt.581

Diese Aufzeichnung mitten in den Vorarbeiten zum Don Juan beweisen, dass die Zeit der Entstehung des Don Juan unmittelbar in die Zeit der Auseinandersetzung um Naziideologie und Horváths Kompromiss in Deutschland unter der Zensur Filmdialoge zu schreiben fiel.

Meiner Meinung nach ist trotz Horváths Gabe, Menschen mit Röntgenaugen zu durchleuchten, durch ihre Sprache wahrhaftig zu machen und auf die Bühne zu bringen, an den in diesem Szenario imaginierten Figuren gescheitert.

Das gilt auch für das Theaterstück. Nur die Figur des Don Juan ist auf ihre Weise durchgängig authentisch. Außer des in Varianten vorkommenden Typus der bösen Großmutter der verstorbenen Enkelin sind es die Frauenrollen allesamt nicht.

Vielmehr geben die durcheinandergehenden Notizen Zeugnis von einer inneren Zerrissenheit.

Diese Aufzeichnungen zeugen nicht vom Standpunkt der Frau, sondernvon dem Konflikt eines Intellektuellen in einer korrumpierten Zeit.

Die Stagnation des Geistes und die kulturelle Rückläufigkeit der Nazi- Epoche, in der für einen im linksintellektuellen Spektrum angesiedelten Schriftsteller wie Ödön von Horváth nichts mehr möglich war, lähmten ihn in seiner Schaffenskraft.

Es handelt sich um eine Korruption des Geistes, ohne die irgendwelche mehrfach gestrichenen und neu formulierten Aufzeichnungen in ein Notizbuch, die Horváth vielleicht in einem Caféhaus schrieb, an einem Ort, wo er sich gerne aufhielt, nicht verstanden werden können.

Der Blick in solche posthum gefundenen Aufzeichnungen hat immer etwas Voyeuristisches:

Man kann die Ideologie eines Dichters und sein Frauenbild nicht an einer unautorisierten Seite in einem Notizbuch festmachen.

Die Auseinandersetzung sollte vielmehr mit den autorisierten Texten erfolgen, wie der zum Druck freigegebenen Fassung des Don Juan und anderer seiner Stücke, die weniger im Rampenlicht stehen, und dieses Mal ohne den ideologischen Freibrief als kämpfender Antifaschist und Frauenrechtler, den Horváth in der Sekundärliteratur ein für alle Mal durch seine Volksstücke erworben zu haben scheint.

Die Eintragungen im Notizbuch zu Don Juan kommt aus dem Krieg, Schauspiel in vier Akten stehen zeitlich vor den Filmskizzen und der Titelliste für fünf Filme.

Das Don Juan- Thema wird darin nicht genannt. 582

Dies ist ein Hinweis auf die Kurzlebigkeit dieser Filmidee. Horváth/Becker hatte sie schnell verworfen und nie wieder aufgegriffen. Das Theaterstück wurde bekanntlich fertiggestellt. Es gehört meiner Meinung nach wie Hin und Her zu den Becker-Stücken.


Fußnoten und Endnoten

561 

Ein Teil dieser Dokumente befindet sich in der Handschriftensammlung der Wiener Stadt- und Landesbibliothek, die meisten Dossiers lagern in der Handschriftensammlung der Nationalbibliothek.

Erste Eintragungen bezüglich dieses Stoffs finden sich im unnummerierten Notizbuch 2/1.2 . Sie sind schwer zu datieren, da dieses Notizbuch Eintragungen zwischen 1933 und 1936 enthält, und sie beginnen unmittelbar nach Aufzeichnungen zu Figaro lässt sich scheiden und vor der kurzen Skizze: Andersens Märchen Traugott Krischke kommt zu dem Ergebnis: „Die ersten Notizen (...) reichen also bis Anfang der dreißiger Jahre zurück.

vgl: Ödön von Horváth, Don Juan kommt aus dem Krieg, Edition und Nachwort von Traugott Krischke, Frankfurt am Main, 1975, 157.

562  Wien , Österr. Nationalbibliothek, Österr. Literaturarchiv, Nachlass Ödön von Horváth, Mappe Nr. 2/1.2, Notizbuch ohne Nummer, 40 recto ff.

563  H. schrieb kein „ß“ . „ss“ statt ß wird nicht extra durch - sic – gekennzeichnet.

564  Wien , Österr. Nationalbibliothek, Österr. Literaturarchiv, Nachlass Ödön von Horváth, Mappe Nr. 2/1.3, Notizbuch Nummer 2, p.10 recto (BS 12).

565  Wien , Österr. Nationalbibliothek, Österr. Literaturarchiv, Nachlass Ödön von Horváth, Mappe Nr. 2/1.2, Notizbuch ohne Nummer, 61 verso.

566  Wien , Österr. Nationalbibliothek, Österr. Literaturarchiv, Nachlass Ödön von Horváth, Mappe Nr. 2/1.2, Notizbuch Nummer 4 Blatt Nr. 62 recto, 63 recto (BS: 77)

567  Wiener Stadt - und Landesbibliothek: IN 221 002, Bl. 22, Mappe 19 b.

568  Wiener Stadt - und Landesbibliothek: IN 221 002, Bl. 22, Mappe 18a.

569  Ödön von Horváth, Don Juan kommt aus dem Krieg, Frankfurt am Main, 1975,13.

570  Wiener Stadt- und Landesbibliothek, Handschriftensammlung, IN 221.002, Bl. 7, Ödön von Horváth, Ein Don Juan unserer Zeit, Mappe Nr. 17 a (BS 17a).

571  Wiener Stadt- und Landesbibliothek, Handschriftensammlung, IN 221.002, Bl. 14, Ödön von Horváth, Ein Don Juan unserer Zeit, Mappe Nr. 47 h (BS 47h).

572  Wiener Stadt- und Landesbibliothek, Handschriftensammlung, IN 221.002, Bl. 17, Ödön von Horváth: Ein Don Juan unserer Zeit, Mappe Nr. 17 (BS 17).

573 

In eingeschobenen Anmerkungen wird auf Unterschiede der Abschrift im Archiv zu der Abschrift in: Ödön von Horváth: Gesammelte Werke, Bd. IV, Fragmente und Varianten, Exposés, Theoretisches, Briefe, Verse, Frankfurt/M. 1971. aufmerksam gemacht.

Es handelt sich bei dieser von Prof. Krischke betreuten Ausgabe um die nach wie vor reichhaltigste Quelle für die Skizzen und Fragmente von Horváths Werken.

Bei der Abfassung der von mir untersuchten Texte sind in diesem Standardwerk der Horváth- Forschung offensichtlich Fehler unterlaufen, die dann in anderen Ausgaben wiederholt wurden. Manche Fehler sind dann in anderen Ausgaben teilweise korrigiert worden.

vgl.: Ödön von Horváth: Don Juan kommt aus dem Krieg, Frankfurt am Main, 1975.

Soweit mir Fehler aufgefallen sind, werden sie hier kenntlich gemacht.

574  Wiener Stadt- und Landesbibliothek, Handschriftensammlung, IN 221.002, Bl. 17, Ödön von Horváth, Ein Don Juan unserer Zeit, Mappe Nr. 17 (BS 17).

575 

Das Typoskript ist hier zu Ende. Die Abschrift des 9. Bildes in GW in Einzelbänden, Fragment 2 und GW IV folgt ab hier dem Notizbuch Mappe 2/1.2 Notizbuch ohne Nummer, p 23 recto: bis „Bleib, bleib“

Im selben Notizbuch mündet diese Szene in die Bekanntschaft mit einer Dame, die er im Wartezimmer kennenlernt, eingeschoben im Entwurf Seite 22 verso. Die Seiten 24 recto, 25 recto, 26 recto sind durchgestrichen.

Es ist die Szene in der Bar, wo er von der Dame als Filmproduzent lanciert wird. Don Juan wurde hier noch als Ausbeuter angedeutet.

576 

Die Aufzeichnungen gehen durcheinander: zweimal Seite 1, zweimal Seite 12, zweimal Seite 17. Etliche Seiten fehlen:

Im Ersten Akt, 6. Bild singen Mädchen von der Heilsarmee:

Mädchen: Unser Glück unser Vertrauen, bist Du nur Jesu Christ -- Die Welt versinkt -- in der Genussucht und die sieben Todsünden triumphieren --

Sie bittet Don Juan um einen Groschen, den er nicht hat. (...)

Vgl: Wiener Stadt- und Landesbibliothek, Handschriftensammlung, IN 221.002, Bl. 17, Ödön von Horváth: Ein Don Juan unserer Zeit Mappe Nr. 18 b.

577 

Wien , Wiener Stadt- und Landesbibliothek, IN 221.002 Bl. 17, Ödön von Horváth: Ein Don Juan unserer Zeit, Mappe 19 b (BS 19 b).

In diesen Aufzeichnungen ist eine Gräfin vorgesehen, von der Don Juan durch die Inflation begünstigt ein Schloß erwirbt.

vgl. Wien , Österr. Nationalbibliothek, Österr. Literaturarchiv, Nachlass Ödön von Horváth, Mappe Nr. 2/1.5, Notizbuch Nummer 4, p. 4 recto (BS 5).

In diesem Entwurf bekommt die junge Revolutionärin von Don Juan ein Kind und die Ärztin macht eine Abtreibung.

vgl. Wien , Österr. Nationalbibliothek, Österr. Literaturarchiv, Nachlass Ödön von Horváth, Mappe Nr. 2/1.5, Notizbuch Nummer 4, p. 8 recto (BS 10), 9 recto (BS 11).

578  Wien , Wiener Stadt- und Landesbibliothek, IN 221.002 Bl. 17, Ödön von Horváth: Ein Don Juan unserer Zeit, Mappe 18 a (BS 18 a [2]),p. 13 recto.

579  Wien , Österr. Nationalbibliothek, Österr. Literaturarchiv, Nachlass Ödön von Horváth, Mappe Nr. 2/1.5, Notizbuch Nummer 4, p. 45 recto (BS 56).

580  ebenda, 65 recto.

581  ebenda, 66 recto.

582 

Die Aufzeichnungen zu Kaiser Probus in Wien finden sich vor den Eintragungen: Fünf Filme: Gespräch der Legionäre mit einem Bauern und einem Juden. Außerdem gibt es einen Dialog von Kaiser Probus, der sich die Anrede Majestät verbittet...

Erhalten sind zwei handschriftliche Skizzen zu Kaiser Probus in Wien, untertitelt als ‚Operette mit Vor- und Nachspiel‘ in: Wien , Österr. Nationalbibliothek, Österr. Literaturarchiv, Nachlass Ödön von Horváth, Mappe Nr. 2/18.9.1, (BS 44 [1] und [2]).

Insgesamt handelt es sich um 8 Blätter. Darin finden sich folgende Aufzeichnungen:

Fünf Filme. (doppelt unterstrichen)

1.) (us) Denkschrift eines Dramatikers.

2.) (us) Kasimir und Karoline.

3.) (us) Die kleinen Paragraphen

4.) (us) Zwischen den Grenzen

5.) Ein Pakt mit dem Teufel

6.) L'inconnue de la Seine' (durchgestrichen und mit)

(us) Ein Kuss im Senat ersetzt.

in: Wien , Österr. Nationalbibliothek, Österr. Literaturarchiv, Nachlass Ödön von Horváth, Mappe Nr. 2/18.9.1, 90 verso (BS: 112)

(us) Fünf Filme

1.) ‚Denkschrift eines Dramatikers‘

2.) ‚Kaiser Probus in Wien‘ (durchgestrichen) und durch

‚Kasimir und Karoline‘ ersetzt.

3.) ‚Glaube Liebe Hoffnung‘ (durchgestrichen) und durch

‚Die kleinen Paragraphen‘ ersetzt.

4.) ‚Hin und Her‘ (durchgestrichen) und durch

‚Zwischen den Grenzen‘ ersetzt.

5.) ‚Himmelwärts‘ (durchgestrichen) und durch

‚Ein Pakt mit dem Teufel‘ ersetzt.

6.) ‚L'inconnue de la Seine‘ (durchgestrichen) und durch

‚Ein Kuss im Parlament‘ ersetzt.

Diese handschriftlichen Eintragungen finden sich unmittelbar vor den Eintragungen zu Kasimir und Karoline. In: Wien , Österr. Nationalbibliothek, Österr. Literaturarchiv, Nachlass Ödön von Horváth, Mappe Nr. 2/1.5, Notizbuch Nummer 4, 91 recto (BS: 113.).



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31.03.2006