Anhang D

Leni Riefenstahl und Veit Harlan

Als Leni Riefenstahl, diese junge und hochbegabte Filmregisseurin ihr ganzes künstlerisches Können einsetzte, um 1934 in Triumph des Willens aus dem Nürnberger Parteitag der NSDAP ein propagandistisches Kunstereignis zu machen, hatte sie für ihre künstlerische Karriere das Pech, diesen Film zur falschen Zeit für falsche Ziele gemacht zu haben.

Die historische Entwicklung verbannte diesen Film zu Recht in den Giftschrank und Leni Riefenstahl erholte sich nicht mehr von dem Stigma der Mittäterschaft.

Die am 22..08 1902 geborene Schauspielerin und Regisseurin wurde 1992 in dem Arte-Dokumentarfilm Die Macht der Bilder 585mit über 70 Jahren zu ihrer filmischen Tätigkeit befragt.

Ihr Vorgängerfilm über den NSDAP- Parteitag 1933 war Sieg des Glaubens, bei dem sie auf große Schwierigkeiten bei der Realisierung stieß.

Dieser Film ist Leni Riefenstahl noch über 60 Jahre später peinlich, jedoch nicht wegen der schon darin vorkommenden Glorifizierung der Nazis, sondern ausdrücklich wegen des „unausgereiften Filmmaterials“, das ihrem künstlerischen Standpunkt im Rückblick nicht genügt. Befragt nach der Verantwortung des Künstlers, antwortet Leni Riefenstahl:

„Welche sollte ich denn haben? Das war für mich nicht Politik, der Film, das war eine Veranstaltung. (...) Ich habe die Materie so gut als möglich fotografiert und filmisch gestaltet.“

Weiterhin ergänzt sie, ob es nun Politik war oder ob es um Gemüse oder Obst ging, „das war mir ganz wurscht, ich versteh das gar nicht“.

Leni Riefenstahl konnte nie verstehen, wie man ihr, der unpolitischen, begabten Regisseurin aus ihrer Tätigkeit einen Vorwurf wegen ihrer Arbeit machen konnte, zumal dieser Film, wie sie sagt, ohne Kommentar auskommt, und es sich schon deshalb nicht um einen Propagandafilm handeln konnte. Die Suggestivität ihrer Bilder ist viel beeindruckender als ein herkömmlicher Propagandafilm. Das lag vor allem an den Innovationen im Film, die sie einführte: Dieser Film zeigte nicht nur die ersten Großaufnahmen Hitlers, den sie mit einer Kamera auf runden Schienen bei seinen Reden von allen Seiten filmte. Sie ließ Aufzüge an die Fahnenstangen der gigantischen Hakenkreuzflaggen montieren, um Bildmaterial aus der Luft zu haben und entwickelte vor allem eine revolutionäre Schneidetechnik.

Die Frage, was sie filmte, interessiert Leni Riefenstahl auch 50 Jahre später noch nicht, sondern nur das Wie. Vielleicht ist es bei der Beantwortung der Frage, ob verantwortungslose Kunst trotzdem gute Kunst sein kann, noch wichtig zu erwähnen, dass sie für Triumph des Willens in Paris 1934 die Goldmedaille für den besten Dokumentarfilm bekam. Dabei war es dieser Film, der maßgeblich ihre Karriere nach dem Krieg zerstörte.

Für die Darstellung der Olympischen Spiele in Berlin 1936 in zwei Teilen: Fest der Völker und Fest der Schönheit erhielt sie in Frankreich ebenfalls den ersten Preis für Dokumentarfilme. In dem Arte- Interview betont sie: „Ich hätte das genauso aufgenommen in Moskau, nicht gerne, aber wenn ich’ s hätte müssen (...) oder in Amerika.“

Auf die Frage, ob man, wenn man für die Medien arbeitet, sich nicht für Politik interessieren müsse, antwortet Leni Riefenstahl: „Vielleicht in der heutigen Zeit schon, damals nicht und wenn, wer hätte es dann gemacht? Die waren ja alle begeistert.“

An mehreren Stellen im Interview nimmt man ihr die geschönte Sicht der Dinge nicht ab, z.B. da, wo sie sagt, dass die beiden wesentlichen Botschaften des Nürnberger Parteitages „Arbeit und Frieden“ gewesen seien. Bezeichnend für ihre Haltung ist die Textstelle ihrer Memoiren, in der sie über ihre erste schicksalhafte Begegnung mit Hitler und ihre libidinöse Faszination für diesen Mann spricht. „Endlich, mit großer Verspätung erschien Hitler, nachdem eine Blaskapelle Marsch um Marsch gespielt hatte. Die Leute sprangen von ihren Sitzen auf, schrieen wie von Sinnen: ‚Heil, Heil, Heil!’ – minutenlang. Ich saß zu weit entfernt, um Hitlers Gesicht sehen zu können. Nachdem die Rufe verhallten, sprach Hitler: ‚Volksgenossen, Volksgenossinnen.’ Merkwürdigerweise hatte ich im gleichen Augenblick eine beinahe apokalyptische Vision, die ich nie mehr vergessen konnte. Mir war, als ob sich die Erdoberfläche vor mir ausbreitete - wie eine Halbkugel, die sich plötzlich in der Mitte spaltet, und aus der ein ungeheurer Wasserstrahl herausgeschleudert wurde, so gewaltig, dass er den Himmel berührte und die Erde erschütterte.“ 586

Ehrlicher geht Alfred Andersch mit seinen Erinnerungen um. Er beschreibt in seinem autobiographischen Bericht Die Kirschen der Freiheit,wie er selbst in der Masse „Heil!“ schrie, als er Hitler sah: „Aber wenn es sie gibt (die Massen - Anm. d. Verf.), so gehöre ich zu ihnen: einige Jahre später stand ich am 9. November an der Briennerstr. Zu München, als Adolf Hitler, in einer Wagenkolonne vom Hause seines Blutordens kommend, in Richtung des Odeonsplatzes fuhr. Die Mauer aus Menschen stand entlang seinem Wege, die Rufe pflanzten sich fort, und als ich sein weißliches, schwammiges Gesicht sah, mit dem schwarzen Haarstriemen in der Stirne, mit dem feigen lächelnden Betrüger- Ausdruck, das Gesicht einer bleichen abgewetzten Kanalratte, da öffnete auch ich meinen Mund und schrie ‚Heil!’“ 587

Wie Leni Riefenstahl hatte auch Veit Harlan Unverständnis für die Vorwürfe wegen seines filmischen Schaffens: Der Regisseur von Der große König (1942), Kolberg (1944/45), sowiedes antisemitischen Propagandafilms Jud Süß, dessen Hauptfigur auch in der Romanvorlage des jüdischen Autors Lion Feuchtwanger keineswegs eine Lichtgestalt war, konnte bis zu seinem Lebensende nicht begreifen, warum man ihn, den begabten Künstler, der er war, nicht vom Vorwurf der Mittäterschaft freisprach. Seine Tochter wechselte als Schauspielerin ihren Namen und keine Filmgesellschaft wollte mit diesem Regisseur nach dem Krieg arbeiten. 588

Die Verteidigung der eigenen Position während der Nazizeit ähnelt der Leni Riefenstahls: Er war der unpolitische Künstler, der aus dem ihm anvertrauten Material das Beste machte.

An diesen Beispielen wird deutlich, dass die ungenaue Grenze der Einlassung mit einem Unrechtsregime nicht insoweit überschritten werden darf, als dass ein Autor mit seinem Werk dieses so weit unterstützt, dass er sich auf den Fahnen des Regimes wiederfindet.

Die Nachwelt verzeiht diesen Künstlern nicht.


Fußnoten und Endnoten

585  Die Sendung wurde von Arte am 23.06.1999 ausgestrahlt.

586  Leni Riefenstahl: Memoiren, Darmstadt 1987, 152.

587  Alfred Andersch: Die Kirschen der Freiheit, Ein Bericht, Zürich 1968, 33.

588 

« Quant au film ‘Le Juif Süss’ qui a eu pour moi et pour ma famille des conséquences si tragiques, il aurait été fait dans tous les cas, même sans moi. D'autant plus qu'il fut commencé avant même qu'on ne fit appel а moi. Par contre, le fait d'avoir réalisé 'La ville dorée', le premier grand film en couleurs mais aussi 'Opfergang' (Offrande au bien aimé') ou encore 'Immensee' ('Le lac aux chimиres') et 'Jugend' ('Jeunesse'), 'Verwehte Spuren' ('Sans laisser de traces') 'La Sonate а Kreutzer', 'Le voyage а Tilsitt', 'Crépuscule' et 'Cœur immortel' a rempli ma vie de bonheur. Je m'aperçois, hélas, que je dois payer cher ce bonheur, aujourd'hui." Goebbels était le diable en personne mais le diable n'a que peu de pouvoir sur une âme qui se refuse а lui. C'était donc ce jour-lа que je vis Goebbels pour la première fois, ce Goebbels dont les agissements portent, comme d'aucuns l'on dit, une part de ma responsabilité. »

vgl. Veit Harlan: Souvenirs ou Le cinéma allemand selon Goebbels, Paris, 1974, p. 11 f.



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31.03.2006