II  HORVÁTHS EINSCHÄTZUNG DES NATIONALSOZIALISMUS VOR SEINEM EINTRITT IN DEN RDS

A)  SLADEK

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Die zweite Jahreshälfte 1927 bis etwa Mai 1928 ist vermutlich die Entstehungszeit von Sladek oder Die schwarze Armee.23

Nach dem Volksstück Die Bergbahn sowie der Komödie Zur schönen Aussicht war der Sladek Horváths drittes Stück, das in einen Bühnenvertrieb übernommen wurde.24

Horváth arbeitete das Stück um zu Sladek, der schwarze Reichswehrmann, die Uraufführung fand am 13.10.1929 im Theater Aktuelle Bühne am Lessing- Theater in Berlin statt.

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Der Untertitel von Sladek oder die schwarze Armee lautet: Historie in drei Akten (11 Bildern); der Untertitel von Sladek, der schwarze Reichswehrmann heißt: Historie aus dem Zei t alter der Inflation in drei Akten. 25

Horváth dramatisierte in beiden Sladek- Fassungen Zeitgeschichte.26 Über die Figur des Sladek sagte er in einem Interview mit der Berliner Zeitung Tempo anlässlich der Uraufführung: „Sladek ist als Figur ein völlig aus unserer Zeit herausgeborener und nur durch sie erklärbarer Typ; er ist, wie ein Berliner Verleger ihn einmal nannte, eine Gestalt, die zwischen Büchners Wozzeck und dem Schwejk liegt. Ein ausgesprochener Vertreter jener Jugend, jenes ‚Jahrgangs 1902‘, der in seiner Pubertät die ‚große Zeit‘, Krieg und Inflation, mitgemacht hat, ist er der Typus des Traditionslosen, Entwurzelten, dem jedes feste Fundament fehlt und der so zum Prototyp des Mitläufers wird. Ohne eigentlich Mörder zu sein, begeht er einen Mord. Ein pessimistischer Sucher, liebt er die Gerechtigkeit - ohne daß er an sie glaubt, er hat keinen Boden, keine Front...Die inhaltliche Form meines Stückes ist historisches Drama, denn die Vorgänge sind bereits historisch geworden. Aber seine Idee, seine Tendenz ist ganz heutig.“ 27

Im Jahre 1927 hatte Ödön von Horváth bei der Liga für Menschenrechte die Unterlagen einer Denkschrift mit dem Titel Acht Jahre politische Justiz, die gleichzeitig als Buch unter dem Titel Das Zuchthaus - die politische Waffe erschien, durchgesehen. Bei dieser Arbeit fand er das Material über die Schwarze Reichswehr, deren Organisation, Putschpläne, Fememorde usw.28 Dieses Material fließt ebenso wie die Veröffentlichungen in der Weltbühne über diesen Themenkomplex in das Theaterstück ein, wobei Horváth zum Teil wörtlich Passagen in den Sladek- Fassungen verarbeitete.29 Die Weltbühne Ossietzkys zählte zu Horváths ständiger Lektüre.30

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Die als Historie konzipierten Stücke beziehen aktuell zur politischen Diskussion in der Weimarer Republik Stellung. Sladek ist eine Auseinandersetzung mit einer Schicht, die er die abgehende Klasse nannte. Kleine Leute besaßen seine Sympathie. Horváth beobachtete sie in Bierlokalen und auf der Straße, unterhielt sich mit ihnen und verarbeitete diese Erlebnisse direkt in seinen Stücken.31 Er selbst stellte die Frage: „Wieso kommt es, daß diese Menschen, die heute nicht mehr haben, statt sich sozialistischen Gewerkschaftlern, Kommunisten anzuschließen, in die Kreise der schwarzen Reichswehr geraten?“ 32

Diese Frage ist die Grundlage für sein Stück geworden.

Die politische Auseinandersetzung, ebenso die Veröffentlichungen in Zeitschriften wie dem Simplicissimus und viele andere Blätter, die eine bestimmte Oppositionsrichtung gegen den aufkommenden Faschismus bezogen, veranlassten Horváth zu keinem Zeitpunkt, sich einer Richtung oder Gruppe anzuschließen bzw. sich zu organisieren. Im Zusammenhang dieser Arbeit wird die Frage, warum jemand nicht gegen den heraufziehenden Nationalsozialismus kämpfte und in die von ihm genannten Organisationen eintrat, für Horváth selbst gestellt.

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„Läßt man die Frage nach dem Modus der gesellschaftlichen Transformation vorübergehend außer acht, so ist nach einem Überblick über das bis 1930 entstandene Werk Ödön von Horváths festzuhalten, daß der Autor von der Möglichkeit, ja der Notwendigkeit einer Ablösung der ihren Chancen nicht gerecht werdenden Gesellschaftsordnung Weimars überzeugt ist.“ 33 Christian Schnitzler weist für Horváths Stücke bis 1930 eine Nähe zur marxistischen Theorie nach, die sich dadurch belegen lässt, „dass er sich in seinen literarischen Arbeiten wiederholt auf die Schriften der sozialistischen Theoretiker bezieht.“ 34

Im Nachlass Horváths finden sich auch allgemeine Reflexionen aus der Nähe der materialistischen bzw. marxistischen Theorie, wonach die Materie ursprünglicher ist als das Bewusstsein und das menschliche Sein sich wie alle Phänomene aus seiner materiellen Bedingtheit erklärt, zu denen Christian Schnitzler anmerkt: „wenn auch in einer theoretisch kaum reflektierten Ausformung“.35

Horváth hatte das Kommunistische Manifest gelesen und Zitate daraus für seine Zwecke umgeschrieben.

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Er nutzte diese Zitate gerne in satirischer Absicht, wie an folgendem Beispiel deutlich gemacht werden soll:

Den Satz aus dem kommunistischen Manifest: „Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigener, Zunftbürger und Gesell, kurz, Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatz zueinander.“ formulierte Horváth in einem Typoskript 36 zu Der ewige Spießer wie folgt um:

„Seit es Götter und Menschen, Pharaos und Sklaven, Priester und Laien, Patrizier und Plebejer, Kaiser und Knechte, Ritter und Leibeigene, Herren und Hörige, Beichtväter und Beichtkinder, Adelige und Bürger, Aufsichtsräte und Arbeiter, Abteilungschefs und Verkäuferinnen, Familienväter und Dienstmädchen, Generaldirektoren und Privatsekretärinnen - kurz: Herrscher und Beherrschte gibt, seit dieser Zeit gilt der Satz: ‚Im Anfang war die Prostitution!‘ (HA/B 4d)” 37

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Wenn er den von Marx/Engels antagonistisch gegenübergestellten Gruppen „Beichtväter und Beichtkinder“ „Familienväter und Dienstmädchen“ zur Seite stellt, die sui generis keine antagonistischen Gegensatzpaare im Sinne der materialistischen Theorie darstellen, so entsteht durch diese Horváthsche Erweiterung Komik. Erotische und biblische Konnotationen (Am Anfang war das Wort) werden in einen Zusammenhang gebracht.

Wenn Horváth den Marxismus mehr unter episodischen Gesichtspunkten untersuchte, so lag das vermutlich auch daran, dass er selbst zu sehr Individualist war, um Kommunist zu sein. Von den Kommunisten wurde er schon seit der Aufführung der Bergbahn, seinem ersten Werk, das auf die Bühne gebracht wurde und das auch - vom kommunistischen Standpunkt aus - sein revolutionärstes Stück ist, scharf angegriffen.

Im Sladek zeichnet sich bereits seine entlarvende Sprachkunst ab, die in seinen späteren Volksstücken (Geschichten aus dem Wienerwald, Kasimir und Karoline, Glaube, Liebe Hoffnung u. a.) in der vollendeten Form des jungen Dichters erscheint.

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Schon im frühen Sladek geißelt Horváth Lüge und Dummheit mit dem Mittel der Demaskierung des Bewusstseins durch den Jargon, das heißt, die uneigentliche Sprache. Dieser Kampf, der sich auf politischer Ebene im Sladek abzeichnet, wird zu Horváths Programm. In seinem Vorwort zu dem ab Februar 1932 gemeinsam mit Lukas Kristl konzipierten Stück Glaube Liebe Hoffnung heißt es: „Wie in allen meinen Stücken versuche ich auch diesmal, möglichst rücksichtslos gegen Dummheit und Lüge zu sein, denn diese Rücksichtslosigkeit dürfte wohl die vornehmste Aufgabe eines schöngeistigen Schriftstellers darstellen, der es sich manchmal einbildet, nur deshalb zu schreiben, damit die Leut sich selbst erkennen.“ 38

Im Gegensatz zum Marxismus/Leninismus war Horváths Kenntnisstand bezüglich der Schwarzen Reichswehr und Ideologie des Nationalsozialismus sehr umfassend; Horváth hatte ausgiebig recherchiert und viel des historischen Materials ist in den Sladek eingeflossen.

Im folgenden untersuche ich einige exemplarische Kapitel des als Historie gedachten Stückes und versuche unter dem Aspekt der Stellungnahme des Autors darzustellen, was meines Erachtens Horváth als politische Essenz in seinen Figuren darzustellen versuchte.

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Das Stück Sladek, der schwarze Reichswehrmann beginnt wie folgt:

Straße. Hakenkreuzler prügeln Schminke aus einem Saale, in dem mit Musik eine rechtsradikale Versammlung steigt. (Präsentiermarsch) Nacht

EIN HAKENKREUZLER Raus! Raus mit dem roten Hund!

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EIN ANDERER Da! Da. Du Judenknecht.

DIE BUNDESSCHWESTER erscheint im Tor: Was hat der gesagt? Wir hätten den Krieg verloren? Solche Subjekte haben uns Sieger erdolcht und das Vaterland der niederen Lust perverser Sadisten ausgeliefert! Am Rhein schänden syphilitische Neger deutsche Frauen, jawohl, das deutsche Volk hat seine Ehre verloren! Wir müssen, müssen sie wieder erringen und sollten zehn Millionen deutscher Männer auf dem Felde der Ehre fallen!

DIE HAKENKREUZLER Heil!

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In dieser ersten Szene stellt Horváth gleich einen konstitutiven Bestandteil des Kanons nationalsozialistischer Propaganda vor:

Antisemitismus, Dolchstoßlegende, Rassismus.

Interessant ist in dieser Eingangspassage die Darstellung der Bundesschwester, die von Horváth als extremer Frauentyp nach einem psychologischen Grundmuster gezeichnet wird, dessen psychoanalytische Deutung evident ist.

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Die Projektion eines Mangels auf das ausgewählte Feindbild ist deutlich. Die Wahl des Themas der „Schändung“ weist auf den libidinösen Charakter ihres Mangels hin. Sie bestraft die Neger und zieht daraus Lustgewinn.

Horváth stellt in der Bundesschwester den Typ einer unbefriedigten Frau dar, die Ersatzbefriedigung aus dem Strafbedürfnis faschistischer Parolen zieht. Sie wird als zwanghaft und neurotisch dargestellt, was sich auch darin äußert, dass sie 10 Millionen deutsche Männer zu opfern bereit ist, um die „Ehre“ wieder herzustellen.

Die zu Beginn von Horváth nur als Hakenkreuzler gekennzeichneten Figuren werden im weiteren Verlauf des Stückes als Knorke, Rübezahl, Salm, Halef und Horst benannt und erhalten individuelle Eigenschaften.39

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Die Hakenkreuzler, die sich meistens nur in vorgefertigten Phrasen äußern, scheinen von Horváth nach einem psychologischen Grundmuster konzipiert zu sein, das meines Erachtens nahelegt, dass der mit der Psychoanalyse gut vertraute Horváth Freuds Formel für die libidinöse Konstitution einer Masse kannte:

„Eine solche primäre Masse ist eine Anzahl von Individuen, die ein und dasselbe Objekt an die Stelle ihres ‚Ichideal‘ (Freuds früher Begriff für Über-Ich) gesetzt und sich infolgedessen in ihrem Ich miteinander identifiziert haben. (...)

Bei der Ersetzung des Ich-Ideals durch das im Führer verkörperte Massenideal werden starke narzißtische Valenzen frei, die auf den Führer, das Objekt, projiziert werden. In der Befriedigung solcher narzißtischen Triebimpulse liegt der psychologische Grund für die Ähnlichkeit zwischen Führer und Gefolgschaft. Die Masse schaut sich im Führer gleichsam selber an.“ 40

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Wenn auch das Verhältnis der Hakenkreuzler zu dem unmittelbaren Vorgesetzten Hauptmann im Sladek nicht dem Muster der rigiden Führer-Gefolgschaftsstruktur folgt, so gleicht doch die Darstellung der Hakenkreuzler in ihrer Beziehung zum Führer, dem genannten Adolf Hitler, dem das ständige ‚Heil‘- Rufen gilt, diesem Muster.

Horváth fügt in ihrer individuellen Ausformung noch andere psychologische Aspekte hinzu, die auf seine eingehende psychologische Beschäftigung mit dem Wesen dieses Typus‘ hinweist. Es gibt verschiedene Hinweise im Stück, dass Salm und Horst eine homoerotische Beziehung haben.

Homosexualität im Zusammenhang mit Frauenhass war in männerbündischen Zirkeln ein allgemeines Merkmal, das häufig beobachtet wurde.

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Horst gehört zur Generation, die den Krieg nicht miterlebt hat, ein begeisterter Vertreter der ‚Vaterländischen Bewegung‘. Dort fand er die Verwirklichung jugendlich- verklärter Ziele im gesellschaftlichen Ausnahmezustand: kämpferischen Aktionismus, gemeinsame Feindbilder usw. sowie die gemeinsame Ablehnung der Frau in Kameradschaft.

Er reagiert mit Schrecken und großer Brutalität auf die Vorstellung der „geilen Frau“, Anna, der Geliebten Sladeks:

HORST Das Schandweib gehört totgeprügelt.

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SALM Könntest du sie totprügeln?

HORST Im Interesse des Vaterlandes - jederzeit. Wir hatten zu Hause einen reinrassigen Dobermann. Dem habe ich einmal die Beine zusammengebunden und losgeprügelt, bis ich nicht mehr konnte. Das Vieh gab keinen Ton von sich. Es gibt so stolze Köter. Er hat mich nur angeschaut.41

Horváth könnte die 1927 in Wien erschienene Schrift Wilhelm Reichs, Die Funktion des Orgasmus, gekannt haben, in welcher es heißt: „Man konnte während des Krieges die Beobachtung machen, daß diejenigen, welche starke heterosexuelle Bindungen oder vollwertige Sublimierungen aufwiesen, den Krieg ablehnten; dagegen waren diejenigen die brutalsten Draufgänger, die das Weib als Klosett betrachteten und latent oder manifest homosexuell waren.“ 42

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Der Wunsch, das Weib totzuprügeln, findet Entsprechung in dem Fememord an Anna.

Die Hakenkreuzler werden von Horváth als Vertreter des revolutionären Nationalismus in vulgärer Form dargestellt. Als Exekutivorgane begnügen sie sich mit Losungen und Gebrauchsparolen, die sie nicht selber geschaffen haben, veranschaulicht v.a. in Gesängen:

„(...) Das Hakenkreuz soll flattern

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Uns führen in die Nacht

bis unsere Schüsse rattern

einst in der Freiheitsschlacht!“ 43

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Diese Zeilen weisen hin auf das Ziel des revolutionären Nationalismus dieser Zeit: Das Hakenkreuz führt in die nicht näher bezeichnete Freiheit.

Horváth kennzeichnet die Figuren im Sladek häufig durch das Mittel faschistischer Lieder.

Solches Liedgut diente der gemeinschaftlich ideologischen Untermauerung und festigte die Wertvorstellungen der Hakenkreuzler:

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„Kam‘rad reich mir die Hände,

Fest wolln beisamm wir stehn,

Man mag uns auch bekämpfen

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Der Geist kann nicht vergehn!

Hakenkreuz am Stahlhelm

Schwarzweißrotes Band (die Farben des Kaiserreiches - Anm. d. Verf.)

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Sturmabteilung Hitler

Werden wir genannt!

Wir lassen uns, wir lassen uns

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Von Ebert nicht regieren!

Hei Judenrepublik!

Hei Judenrepublik!

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Schlagt zum Krüppel den Doktor Wirth!

Knattern die Gewehre, tack tack tack,

Aufs schwarze und das rote Pack!

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Schlagt tot den Walther Rathenau

Die gottverdammte Judensau!“ 44

In dieser Liedpassage wird Hitler genannt und die „Sturmabteilung Hitler“ in Zusammenhang mit dem Wunsch gebracht, den Außenminister Rathenau zu töten.

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In diesem Punkt war der Sladek ebenfalls seit dem Mord an Walther Rathenau am 24. 06. 1922 bereits Historie geworden.

Horváth kannte aus seiner Tätigkeit bei der Liga für Menschenrechte die Denkschrift Vier Jahre politischer Mord, die auf Veranlassung des Abgeordneten Radbruch erschienen war.

Im Reichstag wurde diese Denkschrift - eine Auflistung der bekannt gewordenen Fememordfälle von Rechtsextremisten und der politischen Morde durch die kommunistische Tscheka - vorgelegt, die, da sie den Parlamentariern nur in einem einzigen Exemplar vorlag, von dem Heidelberger Privatdozenten Emil Julius Gumbel abgeschrieben und 1924 in Berlin veröffentlicht wurde. Gumbel stellte die 354 Morde von Rechtsstehenden den 22 Morden der Kommunisten gegenüber: „24 Verurteilungen der Rechten durch die Justiz bei einer Dauer der Einsperrung pro Mord von vier Monaten und 15 Jahre Dauer der Einsperrung pro Mord und zehn Hinrichtungen für politische Morde der Linksextremisten.“ 45

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Im Verlag der Weltbühne erschienen 1926 die Aufsätze über Fememorde als Buch mit dem Titel Verschwörer und Fememörder unter dem Namen des Verfassers Carl Mertens.

Er war früher Sekretär im Vorzimmer von Oberstleutnant Paul Schulz, einer der blutigsten Figuren der Schwarzen Reichswehr. Mertens nennt die Jugendorganisationen der „vaterländischen Verbände“ Jungsturm, Reichsflagge, Wikinger Bund, Stahlhelm „jugendvergiftende Landsknechtsfähnlein“, die in erster Linie das militärische Moment berücksichtigen.

„Die Nationalsozialisten stehen vereinzelt da als eine Mißgeburt aus Partei und Verbänden der 3. Ordnung.“ 46

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Die Historiewurde von Horváth bis zur Uraufführung im Oktober 1929 also korrigiert, da von ihm als einzig erwähnte Kraft, die für Fememorde verantwortlich war, die mittlerweile zur stärksten faschistischen Bewegung avancierten Nationalsozialisten genannt werden. Bei dem von Horváth benutzten Lied handelt es sich um das Lied der „Brigade Erhardt“. In der ursprünglichen Fassung des Liedes Kamerad reich mir die Hände... hieß es anstelle von „Sturmabteilung Hitler...“: „Brigade Erhardt werden wir genannt.“ 47

Horváth stellt das Typische der rechtsextremen Organisationen dar und bezieht es aus politischen Gründen ausdrücklich auf die Nationalsozialisten.48

Dieser Punkt ist maßgeblich bei der Bewertung des Sladek als politische Stellungnahme Horváths. Er nimmt eindeutig gegen die heraufziehende Nazibarbarei Stellung, die er in diesem Stück typologisch sehr genau erkannte und darstellte.

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Die Hakenkreuzler werden von ihm als neurotisch, sadistisch, pervers und teilweise als homosexuell dargestellt.49

Diese Botschaft wurde von den Nationalsozialisten verstanden, wenngleich die Kritik Rainer Schlössers noch nicht wie nach Italienische Nacht mit einer persönlichen Bedrohung Horváths endet. (vgl. 144 )50

Rainer Schlösser, ab 1924 Mitarbeiter in der völkischen Presse, nannte Horváths Sladek „dünnstes, dümmstes, lebloses, politisch- tendenziöses ‚Zeittheater‘, von keinerlei dramatischem Können angekränkelt.“

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Alfred Kerr resümierte: „Propagandastück mit Kunst? Manchmal. Zwischendurch Spuren eines Dichters.“ und rügte den Bau des Stückes als zu „skizzig“, was auch Kurt Pinthus in seiner Kritik beim Berliner 8 Uhr Blatt in seiner Rezension vom 14.10.1929 bemerkte: „Skizze von Menschen; Skizze eines Dramas; Skizze einer politischen Aktion“ aber „wenn das bestialische Denken und Tun von Irregeführten, die sich Führer dünken, manchmal ins Grausig- Humorige, manchmal ins Sentimental- Melancholische umschlägt, das bezeugt, in kurzen Dialogfetzen, abermals Horváths Talent.“ 51

Im Stück gibt es eine Figur, die gegen die Verbrechen der als Nationalsozialisten gezeichneten Fememörder ankämpft, die Figur des Journalisten Schminke.

Horváth sagte in dem oben zitierten Interview mit der Zeitschrift Tempo anlässlich der Uraufführung des Sladek:

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„Ich glaube, daß ein wirklicher Dramatiker kein Wort ohne Tendenz schreiben kann. Es kommt nur darauf an, ob sie ihm bewußt wird oder nicht. Allerdings lehne ich durchaus die dichterische Schwarz-Weiß-Zeichnung, auch im sozialen Drama, ab. Da ich die Hauptprobleme der Menschheit in erster Linie von sozialen Gesichtspunkten aus sehe, kam es mir bei meinem Sladek vor allem darauf an, die gesellschaftlichen Kräfte aufzuzeigen, aus denen dieser Typus entstanden ist.“ 52

Diese Frage galt vor allem der Figur des Sladek.

In dieser Arbeit stellt sich die Frage, wie Horváth die politischen Kräfte einschätzte, die gegen die im Stück gegeißelte Brutalität und Dummheit der Hakenkreuzler ankämpfen und die in der Figur des Journalisten Schminke dargestellt werden.

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Die Betrachtung Schminkes ist besonders aufschlussreich im Hinblick auf die Darstellung der von Horváth gezeichneten alternativen Kräfte, denn wie in dem Typus Hakenkreuzler allgemeine Merkmale aller Kräfte der extremen Rechten einfließen, trägt auch Schminke stellvertretend die Züge extremer Linkskräfte.

Schminke begibt sich in ein Versammlungslokal der Schwarzen Reichswehrleute, wo er als Oppositioneller deren Praktiken belauscht, um sie der Öffentlichkeit bekannt zu machen, wobei er Gefahr läuft, ermordet zu werden.

Den Namen Schminke hat Horváth vermutlich dem Aufsatz Areopag Carl von Ossietzkys entnommen (erschienen zuerst in der Weltbühne vom 11.06.1929), in dem er sich mit den blutigen Unruhen vom 01. Mai 1929 auseinandersetzt, bei denen mehrere Menschen in Kämpfen mit der Polizei getötet wurden.

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Es wurde ein Ausschuss zur Untersuchung dieser Vorgänge gebildet, dem ein Dr. Schmincke angehörte, über den es bei Ossietzky heißt: „(...) wir haben in dem kommunistischen Stadtarzt von Neukölln, Dr. Schmincke, einen freien und humorvollen Menschenfreund gefunden, dessen Bekanntschaft lohnt.“ 53

Es gab eine große Zahl von Journalisten, denen der Prozess wegen Landesverrats gemacht wurde, wie - unter vielen anderen - Quidde, Küster, Jakob, Oehme oder Ossietzky selbst, die Horváth für Schminke Modell gestanden haben könnten.54

Im Stück gibt es Passagen, die Horváth direkt aus den Enthüllungen Carl Mertens‘ in der Weltbühne 1925 übernommen hat:

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SCHMINKE Ich habe gehört, daß sich draußen auf den Feldern Soldaten sammeln. Sie haben Kanonen und Maschinengewehre und tragen die Kokarde mit dem Adler der Republik verkehrt. Abgeschossen. Stimmts? 55

Carl Mertens schrieb: „Den Geist der Formation kennzeichnet die Tatsache, daß sie sich nicht scheuten, öffentlich mit auf den Kopf gestelltem Reichsadler an der Mütze herumzulaufen. ‚Die Krähe ist abgeschossen‘ war die humorvolle Erklärung.“ 56

Das Beispiel zeigt, dass historische Vorbilder für die Konstituierung des im Sladek gezeichneten Typus‘ maßgeblich sind. In anderen Passagen zeigt sich, inwieweit Horváth diese Figur durchaus negativ begriffen und dargestellt hat.

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Schminke entlarvt seinen autoritären Charakter in der folgenden Passage:

SCHMINKE lächelt Und was den ewigen Frieden anlangt, so glaube ich wirklich nicht daran, aber ich predige ihn, da ich zu guter Letzt an keinen Fortschritt glaube, weil ich weiß, daß es nur einen Fortschritt gibt, wenn man keine Rücksicht auf den einzelnen Menschen nimmt. Es dreht sich doch zu guter Letzt alles um den einzelnen Menschen, darum predige ich den radikalsten Fortschritt, das Recht der unpersönlichen Masse. Es gibt nämlich keinen Fortschritt, solange es die Einzelnen gibt. Das ist doch alles Betrug, nicht wahr? 57

Vielleicht ist mit der Figur des Schminke ein von Horváth als typisch empfundener Bolschewist gemeint. Schon die kategorische Redeweise, durch die allgemeine Wendung von ‚zu guter Letzt‘ unterstrichen, deutet auf einen Menschen hin, der jede Form von Individualismus ablehnt.

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Es wird die Floskelhaftigkeit der politisch linksstehenden Agitatoren gebrandmarkt, die ihren Gesprächspartnern unverständlich bleiben.58

Schminkes Denken liegt ein manipulativer Fortschrittsglaube zugrunde, der dem Individuum keinen Platz lässt.

„In solchen Äußerungen schlägt sich sein Journalistenethos nieder, welche den ‚Sladeks‘ die Illusion des ‚selbständig Denkenkönnens‘ verschaffen, während sie in Wirklichkeit zu Gedankensklaven politischer Phraseologie herabgewürdigt werden.“ 59

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Den gleichen Vertreter dieses menschenverachtenden Typs, dem es nur um das „Prinzip“ geht, den aber der konkrete Fall menschlich nichts angeht, ist der gleichnamige Journalist in der ebenfalls 1928/29 entstandenen Posse Rund um den Kongreß.

Die Kritik Horváths, die mit diesem Typ ausgedrückt werden soll, gilt meiner Meinung nach nicht dem Marxismus, sondern Menschen, die ihn phrasenhaft benutzen. Die Divergenz zwischen Leben und Lehre soll sie demaskieren.60

Zugespitzt wird diese Kritik, als Schminke den von einem Granatsplitter tödlich getroffenen Sladek auslacht: SLADEK Du lachst-? Du lachst, wenn ich getroffen bin-?

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SCHMINKE gewollt spöttisch: Du hast mich belehrt: Du darfst ja nichts zählen, sonst kommt das Ganze nicht vom Flecke. Du hast mich belehrt. Ich danke dir.

SLADEK Bitte.

Stille

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Es surrt. Immer nur für das ganze geopfert werden - wo bleibt denn da der Sladek?

SCHMINKE Ich lasse mich nicht mehr hindern. Hörst Du?

SLADEK Ja.

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SCHMINKE Du gehst mich nichts an.61

Die grobflächige Darstellung dieses Typus zeigt nicht Horváths Talent. Schminke ist lediglich ein platter, unmenschlicher Besserwisser mit ein paar marxistischen Einsprengseln. Dieser Typ wäre auch ohne das Ende, an dem die Menschenverachtung noch einmal plattitüdenhaft dargestellt wird, verstanden worden.

Im Sladek kann Horváth seinen Anspruch, dichterische Schwarz-Weiß-Zeichnung abzulehnen, nicht einlösen.

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Wenn es eine Stellungnahme Horváths im Stück gibt, so kann diese mit seinem Credo gegen Lüge und Dummheit zu kämpfen resümiert werden.

Das bezieht selbstverständlich auch den Kampf gegen den aufkommenden Nationalsozialismus mit ein, bleibt aber allgemein. Im Stück gibt es keine positive Figur. Alle Figuren und mit ihnen typisiert dargestellten politischen Richtungen entlarven sich entweder durch ihre Bosheit oder Dummheit. Die Historie zeugt von einer pessimistischen Ausweglosigkeit. Horváth begriff sich in der Tradition der Aufklärung, wenn er mit der Demaskierung die kleinbürgerliche Dummheit, die von ihm quälend empfunden wurde, bekämpfte, wie er selbst formulierte:

„Ich habe nur zwei Dinge, gegen die ich schreibe, das ist die Dummheit und die Lüge. Und zwei wofür ich eintrete, das ist die Vernunft und die Aufrichtigkeit.“ 62

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Horváth hat ohne Frage gegen Dummheit und Lüge gekämpft. Es stellt sich die Frage, ob damit zwangsläufig ein Eintreten für Vernunft und Aufrichtigkeit impliziert ist.

Im Folgenden wird das Stück Italienische Nacht untersucht, das sich ebenfalls mit Nationalsozialisten und linken Kräften auseinandersetzt und es wird wieder die Frage gestellt, ob Horváth seinem eigenen Anspruch gerecht wird.

B)  ITALIENISCHE NACHT

Am 20.03.1931 fand die Uraufführung von Italienische Nacht, ein Volksstück (in sieben Bildern) im Berliner Theater am Kürfürstendamm statt.

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In dem Stück setzt Horváth die Mitglieder eines „Republikanischen Schutzverbands“ in Szene, die einen bunten Abend unter dem Motto „Italienische Nacht“ organisieren, sowie deren Gegner, frühe Nationalsozialisten, die versuchen, diese Veranstaltung zu sprengen.

Die Nationalsozialisten werden ebenso wie in Horváths Sladek, der schwarze Reichswehrmann, wo sie ohne individuelle Namen als Hakenkreuzler gekennzeichnet werden, in Italienische Nacht nur als Faschisten bezeichnet.

Diese Benennung deutet auf eine Typisierung in dem Sinne hin, dass Horváth nicht den individuellen Typus des faschistischen Menschen betonen will, sondern den Zug, den er bei den Faschisten allgemein festzustellen glaubt

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Im Gegensatz dazu werden die „Republikaner“ im Stück namentlich genannt.63

Einige Sätze seien hier zitiert, um die politische Einstellung dieser Figuren anschaulich zu machen, die Horváth für die dargestellten Gruppen in ihrer Zeit typisch erschienen:

- Der Faschist: (...) Das Weib gehört an den heimischen Herd, es hat dem kämpfenden Manne lediglich Hilfestellung zu gewähren.64

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Der gleiche Faschist vertritt gegenüber Anna, der Freundin des republikanisch gesinnten Martin folgenden Standpunkt:

„Und wissen Sie auch, wer uns zugrunde gerichtet hat? Der Materialismus! Ich will Ihnen sagen, wie der über uns gekommen ist, das kenne ich nämlich! Mein Vater ist nämlich seit 23 Jahren selbständig. Das war nämlich so. Wo man hinkam, hatte der Jude schon alles weggekauft. Der ist nämlich einfach hergegangen und hat überall das billigste Angebot herausgeschunden. Alles wurde so in den Strudel mit hineingerissen und so hat sich, nicht wahr, der materialistische Geist immer breiter gemacht. Aber wir sind eben zu weibisch geworden! Es wird Zeit, daß wir uns wieder mal die Hosen anziehen und merken, daß wir Zimbern und Teutonen sind. Er wirft sich auf sie.“ 65

Einige wichtige Punkte, die für die Ideologie des Nationalsozialismus und die Faszination dieser Ideologie besonders für das Kleinbürgertum ausschlaggebend waren, werden hier angesprochen:

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-Antisemitismus in dem Sinne, dass die Juden für das Aufkommen des Materialismus und als Ursache der Deklassierung des selbständigen Mittelstands verantwortlich gemacht werden;

Verweichlichung, ein Vorwurf der Kriegsbefürworter schon in der Antike, der im Kanon der Argumente gegen die Weimarer Republik schon vor dem Aufkommen der Dolchstoßlegende bzw. sofort nach dem verlorenen ersten Weltkrieg entstanden sein dürfte;

„Zimbern und Teutonen“ drückt eine Sehnsucht nach etwas undefiniert Vergangenem aus; der Mythos von einstiger Stärke und Männlichkeit in grauer Vorzeit war ein beliebter Topos nationalsozialistischer Propaganda.66

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Wie im Sladek wird auch in Italienische Nacht gesungen, aber statt des „Liedes der Brigade Erhardt“ wird „Die Wacht am Rhein“ angestimmt.67

Die Faschisten erscheinen als dumm, irrational und brutal, Horváth hat diesen Typus schon in seinen Vorarbeiten zu diesem Stück, die bis in das Jahr 1928 zurückreichen, in dieser Weise eingeschätzt, aber im Gegensatz zum Sladek wirken sie zivilisierter. Horváth setzt nicht wie im Sladek Mörder in Szene und auch das Thema der Feme kommt nicht vor.

Die Faschisten entlarven sich wie im Sladek durch permanente Phrasendrescherei, allerdings stehen ihnen die Republikaner darin nicht nach.

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Italienische Nacht ist im Gegensatz zum Sladek hauptsächlich eine Darstellung der Republikaner. Da sie den weitaus größeren Spielanteil haben als die Faschisten, kann auch wegen der differenzierteren Darstellung der Republikaner mehr über sie ausgesagt und Rückschlüsse auf Horváths Verständnis dieser dargestellten Gruppe gezogen werden.

Folgende Passage der Darstellung des republikanischen und politisch blinden Stadtrats, in welcher dieser sich mit seiner Frau Adele unterhält, demaskiert die Schwächen und den Männlichkeitswahn dieses Typus. Auf der Gartenparty fordert ein Demokrat die Frau des Stadtrats zum Tanzen auf:

- Engelbert zu Adele : Darf ich bitten ?

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- Stadtrat: Danke! Adele soll nicht tanzen. Sie schwitzt.

Pause; Engelbert tanzt mit einer Fünfzehnjährigen.

- Adele, verschüchtert: Alfons!

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- Stadtrat: Nun?

- Adele : Ich schwitz ja gar nicht.

- Stadtrat: Überlaß das mir, bitte.

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- Adele : Warum soll ich denn nicht tanzen ?

- Stadtrat: Du kannst doch gar nicht tanzen!

- Adele : Ich ? Ich kann doch tanzen!

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- Stadtrat: Seit wann denn?

- Adele: Seit immer schon.

- Stadtrat: Du hast noch nie tanzen können! Selbst als blutjunges Mädchen nicht, merk dir das! Blamier mich nicht, Frau Stadtrat!

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Er zündet sich eine Zigarre an.

Pause.

- Adele: Alfons. Warum hast du gesagt, daß ich die Öffentlichkeit nicht liebe? Ich ging doch gern öfters mit – Warum hast das gesagt?

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- Stadtrat: Darum.

Pause.

- Adele: Ich weiß ja, daß du im öffentlichen Leben stehst, eine öffentliche Persönlichkeit-

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- Stadtrat: Still, Frau Stadtrat!

- Adele: Du stellst einen immer in ein falsches Licht. Du sagst, daß ich mit dir nicht mitkomm-

- Stadtrat unterbricht sie: Siehst du!

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- Adele gehässig: Was denn?

- Stadtrat: Daß du mir nicht das Wasser reichen kannst.

Pause.

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- Adele: Ich möchte am liebsten nirgends mehr hin.

- Stadtrat: Eine ausgezeichnete Idee!

er läßt sie stehen ; zu Betz : Meine Frau, was?

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Er grinst und droht ihr schelmisch mit dem Zeigefinger. Wenn du zum Weibe gehst, vergiß die Peitsche nicht

- Betz: Das ist von Nietzsche.

- Stadtrat: Das ist mir wurscht! Sie folgt aufs Wort. Das ist doch ein herrlicher Platz hier! Diese uralten Stämme und diese ozonreiche Luft – Er atmet tief. 68

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In dieser Passage wird der führende Republikaner als ein hoffnungslos lächerlicher Fall dargestellt, der seine Frau mit vulgärer Psychologie unterdrückt, eine Haltung, die sich auch in seiner politischen Kurzsichtigkeit niederschlägt:

In der ersten Szene (erstes Bild) wird diese selbstzufriedene Blindheit folgendermaßen ironisiert:

- Stadtrat: Von einer akuten Bedrohung der demokratischen Republik kann natürlich keineswegs gesprochen werden. Schon weil es der Reaktion an einem ideologischen Unterbau mangelt. Kameraden! Solange es einen republikanischen Schutzverband gibt, und solange ich hier die Ehre habe, Vorsitzender der hiesigen Ortsgruppe zu sein, solange kann die Republik ruhig schlafen! 69

▼ 93 

Martin, der Republikaner, der politisch noch einsichtig zu sein scheint, indem er ständig auf die Gefahr, die von den Faschisten ausgeht, hinweist, quittiert die Aussage des Stadtrats mit „Gute Nacht“. 70

Die Faschisten stürmen die „Italienische Nacht“, gewinnen schnell die Oberhand und der Stadtrat wird von einem faschistischen Major gezwungen, auf ein Blatt Papier zu schreiben:

- Der Major diktiert: Ich, der rote Stadtrat Alfons Ammetsberger, erkläre hiermit ehrenwörtlich – haben Sies? -ehrenwörtlich- daß ich ein ganz gewöhnlicher-

▼ 94 

- Stadtrat stockt.

- Der Major: Schreiben Sie!

- Stadtrat schreibt wieder.

▼ 95 

- Der Major diktiert: - daß ich ein ganz gewöhnlicher – Schweinehund bin!

- Stadtrat stockt wieder.

- Der Major: Na wird’s bald?

▼ 96 

- Stadtrat rührt sich nicht.

- Der Major: Kerl, wenn Sie nicht parieren, kriegen Sie die Hosen voll! Schreiben Sie! Los!

- Stadtrat beugt sich langsam über das Papier- plötzlich fängt er an zu wimmern und zu schluchzen: Nein aber ich bin doch kein –

▼ 97 

- Der Major unterbricht ihn brüllend: Sie sind aber ein Schweinehund, ein ganz gewöhnlicher Schweinehund!

- Adele: Sie! Das ist kein Schweinehund, Sie! Das ist mein Mann, Sie! Was erlauben Sie sich denn, Sie aufgedonnerter Mensch! So lassen Sie doch den Mann in Ruh!

- Betz: Überhaupt mit welchem Recht –

▼ 98 

- Der Major unterbricht ihn: Maul halten!

- Adele: Halten Sie Ihr Maul! Und ziehen Sie sich mal das Zeug da aus, der Krieg ist doch endlich vorbei, Sie Hanswurscht! Verzichtens lieber auf Ihre Pension zugunsten der Kriegskrüppel und arbeitens mal was Anständiges, anstatt arme Menschen in ihren Gartenunterhaltungen zu stören, Sie ganz gewöhnlicher Schweinehund! 71

Martin, den der Stadtrat aus dem republikanischen Schutzverband ausschließen wollte, weil er sich gegen die Idee sträubte, ‚Italienische Nächte‘ abzuhalten, statt sich mit der konkreten Gefahr des erstarkenden Nationalsozialismus auseinanderzusetzen, erscheint mit seinen Kameraden und die Faschisten verschwinden schnell und feige.

▼ 99 

Adele beweist größeren Mut als ihr chauvinistischer Mann und trägt tatkräftig zur Vertreibung der eingedrungenen Faschisten bei.

Der Stadtrat, kein Mann der Tat, ist um gehaltvolle Phrasen nie verlegen und er resümiert: „Von einer akuten Bedrohung der demokratischen Republik kann natürlich keineswegs gesprochen werden. Solange es einen republikanischen Schutzverband gibt, und solange ich hier die Ehre habe, Vorsitzender der hiesigen Ortsgruppe zu sein, solange kann die Republik ruhig schlafen.“

Wieder ruft Martin daraufhin in den Saal: „Gute Nacht!“ 72

▼ 100 

Die Wiederholung dieses Motivs, das Geschwätz des Stadtrats mit „Gute Nacht“ zu kommentieren kann als Warnung vor dem aufziehenden Nationalsozialismus verstanden werden.

Kommentar

Fragt man nach der Aussage des Stücks und untersucht man die sozio-psychologischen Dispositionen der Figuren, fallen Ambivalenzen auf, die genauere Betrachtung verdienen.

▼ 101 

Martin, der wegen seines aktiven Antifaschismus und wegen seiner Wachsamkeit für eine politische Richtung als demokratische positive Identifikationsfigur geeignet schiene, leidet an Größenwahn. Außerdem wird er dadurch als unmenschlich gezeichnet, dass er von seiner Braut Anna verlangt, sich für Informationen von den Faschisten über deren Pläne zu prostituieren. In einzigartiger horváthscher Manier wird er zudem in einer Auseinandersetzung mit seinem republikanischen Gesinnungsfreund Betz als äußerst engstirnig dargestellt:

-Betz: Martin, du weißt, daß ich dich schätz, trotzdem daß du manchmal schon unangenehm boshaft bist – Ich glaub, du übersiehst etwas sehr Wichtiges bei der Beurteilung der politischen Weltlage, nämlich das Liebesleben in der Natur. Ich hab mich in der letzten Zeit mit den Werken von Professor Freud befaßt, kann ich dir sagen. Du darfst doch nicht vergessen, daß um unser Ich herum Aggressionstriebe gruppiert sind, die mit unserem Eros in einem ewigen Kampfe liegen, und die sich zum Beispiel als Selbstmordtriebe äußern, oder auch als Sadismus, Masochismus, Lustmord -

- Martin : Was gehen mich deine Perversitäten an, du Sau ?

▼ 102 

- Betz: Das sind doch auch die deinen!

- Martin: Was du nicht sagst !

- Betz : Oder hast du denn deine Anna noch nie gekniffen oder sonst irgend so etwas, wenn du – ich meine : im entscheidenden Moment -

▼ 103 

- Martin : Also, das geht dich einen großen Dreck an.

- Betz : Und dann sind das doch gar keine Perversitäten, sondern nur Urtriebe !

Ich kann dir sagen, daß unsere Aggressionstriebe eine direkt überragende Rolle bei der Verwirklichung des Sozialismus spielen, nämlich als Hemmung. Ich fürcht, daß du in diesem Punkte eine Vogel-Strauß-Politik treibst.

▼ 104 

- Martin: Weißt du, was du mich jetzt abermals kannst ? Er läßt ihn stehen 73

Der ganze Dialog zeigt die ausweglose Lächerlichkeit dieser Figuren. Die pseudofreudianischen Argumente von Betz erscheinen losgelöst, aus dem Zusammenhang gerissen und willkürlich auf einen Themenkomplex bezogen, die Verwirklichung des Sozialismus.

Komisch wird diese Passage durch die unterschiedlichen Positionen und das Verständnis der Sprecher. Betz hat Freud gelesen, falsch verstanden, bezieht alles unzulässigerweise auf das Funktionieren von Sozialismus und traktiert den völlig unverständigen und unvorbereiteten Martin mit seinen zusammenhanglosen Schlussfolgerungen, der sich dadurch persönlich angegriffen fühlt.

▼ 105 

Horváth karikiert in dieser Passage gleichzeitig die mangelnde Offenheit von Marxisten bzw. linken Republikanern gegenüber der Psychoanalyse und das Missverstehen psychoanalytischer Termini durch diejenigen in demselben Lager, die sich damit auseinandersetzen.74

Betz wird ein Repräsentant derjenigen, die einen elaborierten Bildungsjargon benutzen, um sich derart in Szene zu setzen.

Es gibt in dem Stück keine Figur, die politisch integer bzw. hellsichtig erscheint.

▼ 106 

Die Faschisten unterscheiden sich in ihrer Dummheit nur durch ihre physische Brutalität von den Republikanern.

Diese Situation wirft meines Erachtens auch ein bezeichnendes Bild auf Horváths Standpunkt: Es gibt keine Richtung, die, verkörpert durch eine Figur, favorisiert wird.

Horváth „liebte die Menschen nicht“ schrieb Grete Fischer in Dienstboten, Brecht und andere, „er sah sie“.75

▼ 107 

Vielleicht liegt in dieser Beobachtung Grete Fischers ein Grund, weshalb es in Italienische Nacht - sowenig wie in allen Volksstücken Horváths - keine Identifikationsfiguren gibt.

Sie kamen in Horváths Repertoire nicht vor.

Es gibt auch keine positive Figur im Sinne einer parteipolitisch ungebundenen, aber immerhin moralisch nachvollziehbaren, integeren Haltung.

▼ 108 

Bestenfalls bleibt dem Zuschauer eine gewisse Sympathie mit den von Männern ausgebeuteten Fräulein- Figuren bzw. mit Adele, der unterdrückten Gattin des Stadtrats, die sich im Schlusskapitel emanzipiert und schließlich sogar die Faschisten verjagt.

Horváth liebte nicht die Menschen, aber die Pointe, für die er gerne die politische Aussage hinten anstellte, eine Tatsache, die auch den zeitgenössischen Kritikern aufgefallen ist:

Ernst Heilborn sprach nach der Uraufführung in Die Literatur von einem reizvollen „Bierulk, in dem sowohl Republikaner ... wie die als Störenfriede auftretenden Hakenkreuzler sehr lustig verspottet werden.“ 76

▼ 109 

„Zuletzt fragt man sich: was will er eigentlich. ... Aufzeigen, daß die politische Welt eine Narrenbude ist, behaust von Schwätzern und Schaumschlägern?“ fragt sich Felix Hollaender 1932 in Lebendiges Theater angesichts der Italienischen Nacht und „Arthur Eloesser, Rezensent der ‚Vossischen Zeitung‘ lachte, aber nur mit einem Auge; das andere weinte über die ungesühnte Schandtat an einer Frau, die von glänzenden Ledergamaschen, von ritterlichen Sporenstiefeln totgetreten und ins Wasser geworfen wurde. Ödön Horváth nennt seine sieben Bilder aus dem heutigen politischen Leben ein Volksstück. Volksstück ist immer Entschuldigung für einen freundlichen Mangel an Wirklichkeitsnähe, an Folgerichtigkeit, aber wir können sie wohl nicht annehmen in einer Zeit, wo das deutsche Volk leider ganz andere Stücke aufführt (...) Horváth hat Talent; jedes seiner Bilder, frisch gestrichen, ist in sich eine Posse. Seine Leutchen führen, wozu das gemütliche, malzgenährte Bayrische hilft, eine außergewöhnlich gut aufgenommene Natursprache, sie quatschen mit unfreiwilligem Witz von Tiefsinn und Stumpfsinn über Politik oder Erotik, über Marx oder Freud, über Weltanschauung des zweiten oder des dritten Reiches. Von blöden Spießern werden sie alle bewohnt oder bewohnt werden.“ 77

Alfred Kerr äußerte sich nicht zum politischen Gehalt des Stückes. Er nannte im November 1931 im Berliner Tageblatt das Stück „himmlisch“ und „den besten Zeitspaß dieser Läufte“.78

Zwar hatte die Uraufführung der Italienischen Nacht durch Ernst Josef Aufricht im Theater am Kurfürstendamm in Berlin am 20. März 1931 unter Polizeischutz stattgefunden, zwar hatte Ernst Diebold in seiner Kritik in der Frankfurter Zeitung vom 24. März 1931 vermutet, um „Jeglichen von jeglicher Partei“ zu ärgern, habe der Regisseur Francesco von Mendelssohn vor allem die gezielte politische Pointe des Stückes herausgearbeitet, dennoch erkannte man nicht die bittere Realität - oder wollte sie nicht erkennen.

▼ 110 

Ernst Josef Aufricht erinnerte sich: „In Horváths brillanter Komödie kommt ein SA-Sturm in Uniform auf die Bühne und wird lächerlich gemacht. Elsa Wagner als Frau eines demokratischen Stadtrats macht den Sturmführer zur Sau. Ich lud den Gauleiter Hinkel und den Schriftsteller Arnolt Bronnen, der frühzeitig zu den Nationalsozialisten übergewechselt war, zur Premiere ein. Die beiden Nazis ließen sich nicht provozieren. Sie applaudierten wie die anderen Zuschauer der erfolgreichen Uraufführung. Die Stücke Horváths gefielen dem Berliner Premierenpublikum und der Kritik, das große Publikum erreichten sie nicht.“79

Italienische Nacht hatte von allen in Berlin aufgeführten Komödien von Horváth die längste Spieldauer. Sie beruhigte die Menschen wegen der ironischen Beurteilung der politischen Lage.

Zieht man aus den oben genannten Kritiken nach der deutschen Uraufführung einen Querschnitt, so ist der gemeinsame Nenner die Hervorhebung der gelungenen Komik und des Pointenreichtums von Italienische Nacht; außerdem wird der unpolitische Standpunkt dieser Komödie unterstrichen. In der Tat ist Komik eben auch ein Beruhigungsmittel, wie Ernst Josef Aufricht richtig bemerkt hat.„Solange ich hier Stadtrat bin, kann die Republik gut schlafen.“ Dieses Pathos mit „Gute Nacht“ zu quittieren, ist eine lustige unerwartete Pointe, zu der sich Horváth nach mehreren überlieferten Schlussvarianten für Italienische Nacht bzw. Ein Wochenendspiel entschlossen hat 80, weil dadurch die pathetische Phrasendrescherei durch einen simplen Ausdruck mit alltäglichem Gebrauchswert ins Nichts zusammenbricht.

▼ 111 

Durch die Vermischung der sprachlichen Ebenen, wie der Gegenüberstellung falsch verstandener Freud- Zitate und Realpolitik entsteht eine einzigartige Komik.

Politisch in dem Sinne, dass sie Handlungsbereitschaft und Opposition gegen den aufkommenden Nationalsozialismus erzeugte, ist diese Komik nicht.

Nach der Uraufführung in Wien am 04.07.1931 durch den Regisseur Oskar Sima, der auch den Stadtrat spielte, wurde im Neuen Wiener Tageblatt dieses Stück von dem Rezensenten als ‚antipolitisch‘ eingestuft, aber „lustig ist diese politische Satire allerdings, sehr lustig sogar.“ 81

▼ 112 

Zum Inhalt der Italienischen Nacht äußerte sich Ödön von Horváth in einem Interview einen Tag nach der Aufführung mit der Wiener Allgemeinen Zeitung: Der Inhalt „ist mit einigen Worten sehr schwer zu umschreiben: Es geht nicht gegen die Politik, aber gegen die Masse der Politisierenden, gegen die vor allem in Deutschland sichtbare Versumpfung, den Gebrauch politischer Schlagworte.“ 82

„Gegen die Masse der Politisierenden“ - und zwar ohne Ausnahme - rechter und linker Couleur. Horváth hielt auch in Italienische Nacht wie in seinen anderen Volksstücken den Menschen einen Spiegel vor, was bei einem aufgeklärten Publikum zu der Einsicht hätte führen können, dass Phrasendrescherei zu gar nichts führt.

Meiner Meinung nach war Horváths wichtigster Beweggrund für diese Komödie jedoch nicht die aufklärerische Absicht. Sie war eher ein Nebenprodukt dessen, was Horváth mit der Komödie erreichen wollte: einen Lacherfolg, was ihm auch gelungen ist.

▼ 113 

Durch Vereinfachung gesellschaftlicher Prozesse, die von Horváths kleinbürgerlichen Figuren reflektiert und nur auf ihre eigenste, persönliche Situation hin interpretiert werden, d.h. durch die Bündelung weltpolitischen Geschehens in den kleinsten Mikrokosmos mit seinem eindimensionalen Materialismus, entsteht Komik. Diese Komik entbehrte allerdings für Horváth nie der Tragik.83

In seiner theoretischen Schrift Gebrauchsanweisung äußerte er sich dazu, wie er seine Stücke verstand. Darin heißt es: „ (...) es ist mir öfters nicht restlos gelungen, die von mir angestrebte Synthese zwischen Ironie und Realismus zu gestalten. (...) Jedermann kann bitte meine Stücke nachlesen: es ist keine einzige Szene in ihnen, die nicht dramatisch wäre – unter dramatisch verstehe ich nach wie vor den Zusammenstoß zweier Temperamente – die Wandlungen usw. In jeder Dialogszene wandelt sich eine Person. Bitte nachlesen! Daß dies bisher nicht herausgekommen ist, liegt an den Aufführungen. Aber auch an dem Publikum.

Denn letzten Endes ist ja das Wesen der Synthese aus Ernst und Ironie die Demaskierung des Bewusstseins. Sie erinnern sich vielleicht an einen Satz in meiner ‚Italienischen Nacht’, der da lautet: ‚Sie sehen sich alle so fad gleich und werden gern so eingebildet selbstsicher.’ Das ist mein Dialog. Aus all dem geht schon hervor, dass Parodie nicht mein Ziel sein kann – es wird mir oft Parodie vorgeworfen, das stimmt aber natürlich in keiner Weise. Ich hasse die Parodie! Satire und Karikatur – ab und zu ja. Aber die satirischen und karikaturistischen Stellen in meinen Stücken kann man an den fünf Fingern herzählen – Ich bin kein Satiriker, meine Herrschaften, ich habe kein anderes Ziel als wie dies: Demaskierung des Bewusstseins. Keine Demaskierung eines Menschen, einer Stadt – das wäre ja furchtbar billig! Keine Demaskierung auch des Süddeutschen natürlich – ich schreibe ja auch nur deshalb süddeutsch, weil ich anders nicht schreiben kann.“ 84

▼ 114 

Die Simplifikationen horváthscher Figuren sind oftmals traurig, wirken aber durch die unverhohlenen Absichten, die immer dahinter stehen, komisch. Das Weltgeschehen, Gesellschaft, Religion und Politik werden je nach der Nutzbarkeit für den eigenen Vorteil ausgedeutet.

Durch die Gegenüberstellung von Öffentlichem und Privatem, oft ohne jegliche Kausalität, verlieren die Begriffe ihren semantischen Gehalt und verfallen zu leeren Worthülsen, so dass es sich bei dem Gesagten oft nur noch um Überreste von Sprache und der ihr normalerweise innewohnenden Logik handelt. Für den Leser/Zuschauer bekommt diese Rudimentärsprache oftmals nur durch eine beim Lesen mitempfundene, sozialpsychologische Deutung der Sprecher einen Sinn: Warum sagt einer das in diesem Zusammenhang?

Die Zusammenhänge werden beim Sehen eines Horváth- Stückes eher empfunden als gedacht, weil die hinter den Sätzen stehende spießige Dummheit der Sprecher oft nicht auf den ersten Blick evident erscheint. Das mag dann auch der Grund gewesen sein, weshalb sogar Nazis einer Uraufführung von Italienische Nacht applaudieren konnten.85

▼ 115 

Das politische Moment, Horváths Anliegen, allgemein gegen politische Phrasendrescherei anzukämpfen, wird soweit von der Possenhaftigkeit überlagert, dass in Italienische Nacht dieses Anliegen nur für aufgeklärte und antifaschistische Intellektuelle erkennbar war, zumal gegen Rechts und Links gleichermaßen polemisiert wird.

Die Kritik bleibt insofern negativ, als Horváth keine Alternative für sinnvolles Handeln aufzeigt.

In diesem Sinne gibt es keine politische Intention in dem Stück, nach einer politischen Aussage jenseits der Posse sucht man vergeblich.

▼ 116 

Ein politisches Eintreten für eine Koalition von SPD und Kommunisten, um den heraufziehenden Nationalsozialismus und seine Verbrechen zu verhindern, wie z.B. Heinrich Mann forderte, kam offenbar für Horváth nicht in Betracht.

Christian Schnitzler bemerkt, dass der Status Horváths als Ausländer kein Hinderungsgrund war, in eine der beiden großen Linksparteien, SPD und KPD, einzutreten, sondern dass „ein systemkritischer Schriftsteller, der die Notwendigkeit des Kollektivismus betont, stets eine gewisse Distanz zu den Weimarer Linksparteien wahrt, so ist (...) für ein ausbleibendes parteipolitisches Engagement auch die überhaupt undoktrinäre Haltung dieses Autors anzuführen. Diese äußert sich beispielsweise in seinem - die Grenzen orthodox- marxistischer Theoriebildung überschreitenden - Verständnis des ‚Mittelstands‘ als autonomer Klasse innerhalb der fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaft und in seiner Aufgeschlossenheit gegenüber den Erkenntnissen der Psychoanalyse.“ 86

Carl Zuckmayer hatte Horváth darin bestärkt, sich nicht um politische Interpretationen seines Stückes zu kümmern. Nach der Lektüre des Stückes schrieb Carl Zuckmayer an Horváth: „Ich muß Ihnen einen Gruß schicken und meinen Dank sagen, in großer Freude über ihr dichterisches, mutiges und kluges Lustspiel. Da ist Blick und Griff, Sicherheit des Instinkts, Humor, und vor allem: innere Unabhängigkeit. Der große Reiz des Stückes liegt für mich vor allem in der bezaubernden Leichtigkeit und Echtheit der Dialoge, deren Verknüpfungen und geistige Hintergründe ebenso sicher wie absichtslos, unaufdringlich, spürbar sind, und in der Luft zwischen den Menschen, der Lebensdichtheit der Atmosphäre. Vielfach wird man ihr Stück mißverstehen - wird versuchen, es politisch einzuschachteln, abzugrenzen, dem Schlagworthorizont bequemer und billiger faßbar zu machen. Kümmern Sie sich nicht darum, lassen Sie sich nicht beirren! Ihr Weg ist richtig, er führt zu neuer Menschengestaltung, zu neuer Lebensdeutung, zum neuen deutschen Drama. Ich beglückwünsche Sie dazu!“ 87

▼ 117 

Solche Ansichten unterstützten Horváth, seinen Kurs fortzusetzen, ohne sich um reale politische Alternativen zu bekümmern.

Dabei sind die Vorgänge, die Horváth in dem 1930 im Propyläen Verlag erschienenen Stück beschreibt, bereits Wirklichkeit geworden, so dass Horváths Hellsichtigkeit in der Vorwegnahme des Stoffes verblüfft. Traugott Krischke hat folgende Geschichte recherchiert, bei der Horváth Zeuge einer Saalschlacht zwischen SA-Leuten und Sozialdemokraten war. Folgendes hatte sich abgespielt:

„Die SPD hatte für Sonntag, den 1. Februar 1931, zu einer öffentlichen Veranstaltung einberufen, in der der Vizepräsident und Landtagsabgeordnete Erhard Auer sprechen sollte. Am Freitag, dem 30.1., hatten der Kaufmann Engelbrecht, Bezirksleiter der NSDAP, der Ingenieur Rössler, SA-Sturmführer, und der Gastwirt Pichler, SA-Truppenführer, verabredet, die Versammlung zu sprengen. Am dritten Verhandlungstag, Mittwoch den 22. Juli, sagt der keiner Partei angehörende Schriftsteller Horváth, der ... als erster den Kirchmeier-Saal betreten hatte vor dem Weilheimer Schöffengericht aus. Die ‚Münchner Post‘ vom 23.Juli 1931 berichtet darüber.

▼ 118 

‚Ich war‘, führte der Zeuge aus, ‚um 1 Uhr 14 am Bahnhof, wohin ich Bekannte begleitet hatte. Vom Bahnhof ging ich direkt zur Versammlung. Ich gehöre keiner Partei an. Auf dem Bahnhof sah ich, daß 60 - 70 Leute zusammen ausstiegen und gemeinsam ins Versammlungslokal gingen. Am Bahnhof sah ich im Wartesaal den Engelbrecht stehen, der hinter einer Glastür die Ankommenden beobachtete. Ich wunderte mich, daß er bei dem schönen Wetter nicht heraußen stand. Bei Kirchmeir war der hintere Teil des Saales ganz gefüllt mit den jungen Leuten, die am Bahnhof angekommen waren. Ich wußte aber damals noch nicht, daß es Nationalsozialisten sind. An meinem Tisch saßen Reichsbannerleute. Ich hielt die uns umgebenden zahlreichen jungen Leute für Sozialdemokraten und sagte zu den Reichsbannerleuten, ihre Genossen sollten doch den Platz für die Murnauer freimachen. Darauf wurde mir erwidert, daß das lauter Nationalsozialisten sind und daß beabsichtigt sei, die Versammlung zu sprengen. Unterdessen kam Engelbrecht herein. Nach Auers Rede folgte eine Pause und dann sprach Engelbrecht. In meiner Umgebung war bis dahin eine ganz gemütliche Stimmung. Die Bemerkung des Engelbrecht über die Sklarek- Joppen empfand ich als provozierend. Es folgte dann das Heil auf Hitler und gleich darauf wurde ein Lied gesungen, wobei eine große Anzahl der im Saale Anwesenden die Hände erhob. Ich war ganz umringt von Leuten, die die Hand erhoben, und erkannte jetzt erst, daß das lauter Nationalsozialisten waren. Die Nationalsozialisten waren absolut in der Überzahl. An der Klavier- und Fensterseite hatten die meisten die Hand hochgehalten. Gleich darauf folgte der erste Wurf. Dieser war abgezielt auf einen Tisch, an dem Reichsbannerleute saßen. Der Krug flog unmittelbar an meinem Kopf vorbei. Er war aus nächster Nähe geworfen. Als die Nationalsozialisten die Hände erhoben, wurde uns von sechs bis sieben Seiten gleichzeitig zugerufen: ‚Hände hoch!‘ Jetzt war mir klar, daß die Versammlung gesprengt werden sollte. Ich wunderte mich, daß die Reichsbannerleute auf die Provokationen so ruhig blieben. Auf mich ging ein Nationalsozialist, den ich wegen seinen Bemerkungen zu den Reden unbedingt als solchen erkannte, zu, und bedrohte mich mit einem erhobenen Stuhlbein. Als ich ihn zur Rede stellte, drehte er sich um, und schlug das Stuhlbein einem anderen hinauf. Das Werfen des Bierglases war der erste Teil der Schlägerei. Ich hatte den Eindruck, daß eine verabredete Versammlungssprengung vorlag. Das Reichsbanner hielt bis zum Schluß Disziplin. Bei den Reichsbannerleuten habe ich Gummiknüppel oder andere Waffen nirgends gesehen. Die Reichsbannerleute an meinem Tisch haben nur die angreifenden Nationalsozialisten abgewehrt. Besonders der Saalschutz wurde aus der Ecke von einer geschlossen vorgehenden Truppe von Nationalsozialisten angegriffen. Oberwasser hatten im ersten Moment die in der Überzahl befindlichen Nationalsozialisten, schließlich aber das Reichsbanner. Die ganze Schlägerei hat nur wenige Minuten gedauert. Das Heil Hitler war meines Erachtens provozierend, das heißt das verabredete Zeichen zur Versammlungssprengung.‘ “ 88

Horváth machte eindeutig eine Aussage zugunsten des Reichsbanners.

Die Sätze: „Ich wunderte mich, daß die Reichsbannerleute auf die Provokationen so ruhig blieben“, und „das Reichsbanner hielt bis zum Schluß Disziplin“ gehen über eine bloße Schilderung der Geschehnisse vor Gericht, im Sinne einer Interpretation zu Lasten der Nazis, hinaus.

▼ 119 

Es drängt sich aber die Frage auf, wie eine rein auf Verteidigung bedachte Gruppe, die zudem noch gegen die Angreifer in der Minderheit ist, letztlich doch die Oberhand gewinnen kann. Es handelte sich vermutlich um eine Art Präventiv-Verteidigung.

Außer Frage steht immerhin, dass die Nationalsozialisten die Angreifer waren, weshalb die Darstellung Horváths bei der Frage, welche Seite für die Schlägerei verantwortlich zu machen war, berechtigt war.

Geholfen hat diese Aussage, die an Klarheit und Mut nichts zu wünschen übrig lässt, den Reichsbannerleuten insofern, dass diese nicht vom Gericht für die Störung ihrer eigenen Versammlung verantwortlich gemacht werden konnten und, was für die tendenziöse und pro-faschistische Rechtsprechung dieser Zeit durchaus untypisch ist, zu einer Strafe verurteilt wurden.

▼ 120 

Die Zeitgeist-gemäße Rechtsprechung kannte Horváth seit dem Jahr 1928 aus seinen Recherchen bei der Liga für Menschenrechte und der dort durch ihn vorgenommenen Sichtung des Materials für eine Denkschrift gegen die Justizkrise gut, und schon aus diesem Grund machte er seine Zeugenaussage unzweideutig präzise zu Gunsten der ihm moralisch näher stehenden SPD-Mitglieder. In dieser Voraussicht tat er gut, denn das Urteil fiel milde aus:

„Iblher Emeran, Reichspostassistent in Weilheim wird wegen Verletzung des Telegraphengeheimnisses zur Gefängnisstrafe von 5 Monaten, Fischer Walter, Kaminkehrerlehrling in Weilheim wird wegen eines Vergehens der gefährlichen Körperverletzung zur Gefängnisstrafe von 3 Wochen mit Bewährungsfrist bis zum Jahre 1934 verurteilt. Alle übrigen Angeklagten werden von der Anklage eines Verbrechens bzw. Vergehens des Landfriedensbruchs in Tateinheit mit Vergehen der Versammlungssprengung, bzw. des Vergehens des verbotenen Waffentragens freigesprochen.“ 89

Das Urteil kommentierte die sozialdemokratische Münchner Post vom 3. August 1931: „Der Weilheimer Urteilsspruch hat für die Nationalsozialisten den Landfriedensbruch-Paragraphen faktisch außer Wirksamkeit gesetzt. Die Hakenkreuzler haben den Wink wohl verstanden, und sie werden gelehrige Schüler sein. Der Richter hat sie nicht nur straffrei erklärt, er hat ihnen in seiner Urteilsbegründung auch noch Winke gegeben, wie es zukünftig gemacht werden muß, um nicht nur einer Verurteilung, sondern auch der Unbequemlichkeit polizeilicher Verhöre und tagelanger Gerichtsverhandlungen zu entgehen. Und die Polizei wird künftig wissen, daß es zwecklos ist, nationalsozialistische Versammlungssprengungen festzustellen und zu vernehmen, weil sie hintennach von der Justitia doch nur mit Glacéhandschuhen angefaßt werden. Parteien, die über einen tatkräftigen Versammlungsschutz nicht verfügen, mögen sich damit abfinden, daß in Zukunft ihre Versammlungen von braunen Sprengkolonnen auseinandergetrieben werden oder in den Klängen des Horst-Wessel-Liedes ersticken.“ 90

▼ 121 

Und in der Tat war es genau dieses Szenario, das schon vor der Machtübernahme zur Tagesordnung gehörte. Horváth hat das weitsichtig vorausgesehen, aber er gehörte nicht zu den Kräften, die rechtzeitig eine Position finden konnten, um gegen die im aufziehenden Faschismus sich manifestierende Uneigentlichkeit, die er in seinen Stücken geißelte, politisch anzukämpfen.

Zu einem ähnlichen Ergebnis scheint Jenö Krammer zu kommen, wenn er schreibt: „Das Zeitalter der Fische ist herangekommen, wie es in den zwei Romanen: ‚Jugend ohne Gott‘ und ‚Ein Kind unserer Zeit‘ beschrieben wird. Offensichtlich hängt diese Verdüsterung bei Horváth mit der tragischen Entwicklung knapp vor dem zweiten Weltkrieg zusammen“, und da Ödön von Horváth „keine Kämpfernatur war, vermochte er nur durch seine gestaltende Kraft das Herannahen barbarischer Zeiten wie ein lebendiges Memento den Geschehnissen entgegenzuhalten.“ 91

Die Urteile in der Presse nach der Uraufführung von Italienische Nacht beleuchten Horváths Standpunkt zwischen allen Fronten. Die Kommunisten bezeichnen ihn als Spießer, die Rechten greifen ihn scharf an, intellektuelle Literaten wie Alfred Kerr amüsieren sich köstlich.

▼ 122 

Im folgenden Kapitel wird eine andere Geschichte aus Horváths Kleiner Prosa ebenfalls unter der Fragestellung untersucht, wie Horváth den Nationalsozialismus vor seinem Eintritt in den RDS schriftstellerisch aufarbeitete und der Versuch einer Einschätzung gemacht.

C)  WIE DER TAFELHUBER TONI SEINEN HITLER VERLEUGNET HAT

Am 16.02.1930 erschien im Münchner Simplicissimus (Nr. 47, p. 559) Horváths Kurzgeschichte Wie der Tafelhuber Toni seinen Hitler verleugnet hat. 92

Dieser Text aus Horváths Kleiner Prosa ist ebenso wie Horváths kurzer Prosatext Der mildernde Umstand (Simplicissimus Nr. 41, p.483 f. vom 05.01.1931) zwischen Sladek und Italienische Nacht entstanden.93

▼ 123 

Uwe Baur erklärt zu dieser Geschichte folgendes:

„Den Geist des damaligen ‚Münchner Simplicissimus‘ (...) spiegelnd, ist sie satirisches Durchleuchten jener kleinbürgerlichen rechtsradikalen Parteigänger der NSDAP, deren Selbstbewusstsein von dem Hochgefühl bestimmt war, in der Hochburg der Erneuerungsbewegung des deutschen Volkes Sitz und Stimme zu haben.

Im München des Kardinals Michael von Faulhaber, der sich bereits vor 1933 als entschiedener Gegner des Nationalsozialismus auszeichnete“.94

▼ 124 

Die Geschichte beginnt wie folgt:

„Gegen den Satan der Fleischeslust ist noch kein Kraut gewachsen, besonders im Fasching nicht. Auch wenn man eingeschriebenes Mitglied der NSDAP ist, erliegt man halt leicht der Versuchung, wie uns dies der Fall Tafelhuber zeigt.

Der Tafelhuber Toni war nämlich ein überaus eifriger Hakenkreuzler, aber trotzdem verleugnete er bei der letzten Redoute seinen Hitler, und daran war nur so ein raffiniertes Frauenzimmer, Gott verzeih ihr die Sünd, schuld.“ 95

▼ 125 

Die Geschichte ist kurz und heiter: Eine als Andalusierin verkleidete Frau, die als ‚rassig‘ gekennzeichnet wird, zieht den Tafelhuber Toni ‚magisch‘ an, sie tanzt fünf Mal hintereinander mit ihm, sie trinken zusammen in einem ‚schattigen Eck‘.

„ Dann kamen sie sich immer näher und gaben keinen Ton von sich. Mittendrin ging aber plötzlich ein Herr vorbei, und dieser Herr war ein Jud. Er lächelte rabulistisch und warf der Andalusierin einen provozierenden Blick zu, den diese automatisch erwiderte, denn sie war halt eine kokette Person. (...) Er wollte es sich nicht gefallen lassen, daß ein Semit die Seinige so orientalisch- lüstern anschaut, und nun entstand zwischen dem Paar ein Meinungsaustausch über diese ganze Judenfrage.

Der Tafelhuber wurde immer stolzer und setzte seiner Andalusierin allerhand auseinander, aber diese blieb verstockt. Ja sie meinte sogar, daß ihr das schon sauwurscht wäre, ob Jud, ob Christ, ob Heid, für sie wär die Hauptsache, daß einer ein Menschenantlitz trägt. Und plötzlich fuhr sie ihn an: ‚Oder bist du gar so a Hakenkreuzler? Die mag i nämlich scho gar net!‘ Sie sah ihn direkt durchbohrend an. ‚Mei Vater is Sozialdemokrat, mei Mutter is Sozialdemokrat, und i bins a‘, sagte sie und zog sich zurück von ihm, so daß es ihm an der ihr bisher zugewandten Seite ganz eisig entlang wehte. (...)

▼ 126 

‚Nur nichts mehr denken‘, dachte der Tafelhuber verzweifelt und konnte nicht mehr anders. Sein aufgestacheltes Verlangen nach den einladenden Formen seiner marxistischen Andalusierin blieb weiter bestehen und wuchs sich aus, trotz der diametral anderen Weltanschauung.

Auch ein SA-Mann ist halt zu guter letzt nur ein Mensch. (...) Was helfen da alle guten Vorsätze, das Leben legt seine Netze aus und fragt weder nach Rasse noch nach Religion. Manchmal ist auch bei einem Hitlermann der Geist willig und das Fleisch schwach.

Und er sagte: ‚Nein, ich bin kein Hitler nicht.‘

▼ 127 

So hatte er seinen Hitler verleugnet, ehe die dritte Française getanzt war.“ 96

(Petrus hat Jesus dreimal verleugnet, bevor der Hahn gekräht hatte – Anm. d. V.)

Die Geschichte endet damit, dass das Objekt seiner Begierde ihn sitzen lässt und Toni Tafelhuber sich schließlich im Suff schwere Selbstvorwürfe macht:

▼ 128 

„(...) und hat sich einen furchtbaren angetrunken vor lauter Zerknirschung. (...) Dann ist er plötzlich aufgesprungen und hat losgebrüllt:

‚Ja Herrgottsakrament, sind wir denn noch in Deutschland oder nicht?!‘ (...) Er lallte nur Abwegiges vor sich hin und wankte benommen.

Man führte ihn hinaus in die frische Luft. Ein feiner Nebel lag über dem Asphalt, und wenn er sich nicht hätt übergeben müssen, dann hätt er die Sterne der Heimat gesehen.“

▼ 129 

Soweit diese kleine sympathische Geschichte Horváths aus dem Simplicissimus im Februar 1932.

Kommentar

Diese kurze Geschichte ist schnell, leicht und heiter, die Fabel wird rhythmisch und schnell erzählt.

▼ 130 

Horváth stellt mitfühlend und mit großem Einfühlungsvermögen die Einfachheit eines Toni seiner angelernten nationalsozialistischen Ideologie gegenüber.

Diese Charakterstudie zeigt abermals eine von Horváths Stärken: die Reduzierung von Figuren auf kleinstem Raum. Dadurch schafft er Platz für die Imaginationskraft des Lesers. Toni kann sich jeder Leser genau vorstellen:

Er ist ein triebhafter „Seppel“, der vielleicht kaum lesen und schreiben kann.

▼ 131 

Ohne dass zu diesem Faktum eine Kausalität vom Autor beabsichtigt scheint, erfährt der Leser, dass Toni sich zu der Bewegung bekennt, die Hakenkreuze trägt.

Dann erzählt der Autor wieder ganz objektiv, warum die Ideologie - wenigstens verbal - kurzfristig korrumpiert wird und Toni zum Verräter an der „Sache“, der national-sozialistischen Bewegung, aus einem einfachen, biologischen Grund wird:

Weil sein „aufgestacheltes Verlangen nach den einladenden Formen seiner marxistischen Andalusierin’ weiter bestehen blieb und sich darüber hinaus auswuchs, trotz der diametral anderen Weltanschauung.“

▼ 132 

Mit dem Vorwissen um die antifaschistische Haltung des Autors bzw. die des Simplicissimus, dessen Leser in der Weimarer Republik vor allem Linksintellektuelle waren, (Der Simpliciss i mus ist sofort nach derMachtergreifung verboten worden –Anm. d. V.) wird die ironische Absicht des Autors deutlich, die in der (scheinbaren) Distanz zum Dargestellten besteht.

An dieser Geschichte bewahrheitet sich noch einmal die Tatsache, dass Horváth ein Autor war, der Menschen sehen und das Dasein seiner Mitmenschen in ihren einfachsten Grundstrukturen schriftstellerisch zeigen konnte:

Er stellt Toni in einer Weise dar, als würde seiner Beschreibung implizit die Wahrheit anhaften. Toni wird wahrheitlich als stupid determiniert und gleichzeitig rührt er den Leser, weil er als biologische Existenz gar nicht anders handeln kann, als es ihm von seiner Natur vorgegeben ist.

▼ 133 

Horváth gibt eine unpädagogische Beschreibung des Menschen Toni Tafelhuber.

Die Tatsache, dass der Nationalsozialist seinen Prinzipien wegen der ‚einladenden Formen‘ einer Sozialdemokratin untreu wird, wird ironisch dargestellt.

Die als Andalusierin verkleidete Frau mit sozialdemokratischer Überzeugung stellt sich als eine sympathische und resolut zu ihrer Überzeugung stehende Frau dar.

▼ 134 

Der Grund für die von ihr bevorzugte Richtung ist einfach: Sie ist Sozialdemokratin wie ihr Vater und ihre Mutter.

Der Ton der Geschichte ist heiter bis zum Schluss. Der Nationalsozialist verleugnet seinen Hitler wegen eines erotischen Flirts mit einer Sozialdemokratin.

Die Fabel ist einfach, denn „manchmal ist auch bei einem Hitlermann der Geist willig und das Fleisch schwach.“

▼ 135 

„Politik ist bloß Sicherung der Bedürfnisbefriedigung des ‚asozialen Triebwesens‘ (VIII, 732) Mensch. Wo diese auch nur entfernt bedroht ist, stellen sich Feindbilder ein: der Jude, der ‚Preiss‘, der Bischof, der amerikanische Wirtschaftsführer (hier: Owen Young- Anm. d. Verf.), der lustvoll unernste Parteikommilitone.“ 97

Uwe Baur bemerkt, dass Horváth durch die dargestellte ‚Vulgarisierung des Politischen‘ solches Bewusstsein als bloßes Vehikel momentaner Triebbedürfnisse in „gespenstisch eindringlicher“ Weise aufdeckt.

„Der geschilderte Kampf zwischen Fleischeslust und politischer Überzeugung endet im ‚Nur nichts mehr denken‘, und er nimmt auch für sich alle humanen Rechte in Anspruch, die er rassebewusst Momente zuvor seinem möglichen Nebenbuhler absprach.

▼ 136 

(...) Eine elende, isolierte menschliche Existenz wird sichtbar, die ein Nachdenken über sich und seine Mitmenschen verweigert und sich in Kollektive ohne politisches Verantwortungsgefühl und Moral flüchtet.“ 98

Adorno war nach seinen soziologischen Recherchen zu dem Ergebnis gelangt, dass der von Horváth dargestellte Typus, zumal, wenn es sich um Landbevölkerung handelte, in der SS ganz besonders gefragt war und sich die Unmenschen, die am Schlimmsten in den Lagern gequält haben, eben oft solche Tonis waren.99

Die ganze Bandbreite des Grauens konnte Horváth zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Geschichte noch nicht ermessen, wiewohl die Charaktere der Figuren Salm und Halef im Sladek schon in diese Richtung gehen.

Der mildernde Umstand

▼ 137 

Eine andere kurze Geschichte aus der Kleinen Prosa ist Der mildernde Umstand.

Es handelt sich ebenfalls um eine heitere Geschichte über Nazis, die eine Versammlung in einem Bierlokal abhalten, in deren Verlauf es zu einer Schlägerei kommt.

Dabei haut ein Nationalsozialist einem Betrunkenen einen Maßkrug von hinten auf den Schädel. Der versuchte Totschlag wird vom Gericht lediglich milde geahndet.

▼ 138 

Der letzte Satz der Geschichte lautet: „Er hat dann auch nur die Mindeststrafe bekommen, und zwar mit Bewährung.“ 100

Uwe Baur kommentiert die ziellosen Gewalttätigkeiten, die sich in der Saalschlacht als „Ventile für aufgestautes Unerfülltsein“ entäußern. „Solche Inadäquatheit zwischen globalem Anspruch und borniertester vulgärer Existenz demaskiert die kaschierte Unzulänglichkeit der Radikalen und gibt sie einer Lächerlichkeit preis, deren Komik um 1930 wohl bitterernste Züge trug.“ 101

Horváth thematisiert in dieser Geschichte die Tatsache, dass die Justiz kriminelle Handlungen der Nationalsozialisten durch ihre Rechtsprechung begünstigte; die Nazis werden als brutal und dumm, gleichzeitig aber in ihrer Volkstümlichkeit mit einer gewissen Sympathie dargestellt.

▼ 139 

Ebenso wird durch die Moral der Geschichte des Tafelhuber Toni beim Leser weniger die Angst vor dem Hakenkreuzler als Sympathie geweckt. Man konnte zu dem Schluss gelangen, dass die Nazis sich menschlich verhielten und infolgedessen harmlos waren.

Die gerade von diesem Typus des unreifen Menschen, der instinktiv wegen der einladenden Formen einer Andalusierin alles verleugnet, was ihm bis dahin heilig war, ausgehende Gefahr unterschätzte Horváth meines Erachtens bzw. er wollte dies um den Preis des Humoristischen nicht wahrhaben. Die geschichtlich einmalige Grausamkeit der Nazis überstieg sicherlich auch die Vorstellungskraft Horváths, ein Aspekt, auf den ich in dem Kapitel über Horváths Fehleinschätzung der politischen Situation eingehen werde.

Eine Geschichte mit dem Titel Stammgast im Liliputanercafé von Ulrich Becher bestätigt die Einschätzung Uwe Baurs, dass die Geschichte bitterernst war:

▼ 140 

„Einem der größten Epiker Amerikas, Thomas Wolfe, wurde seine Sehnsucht nach ‚dem guten alten Europa‘, nach Deutschland, dem er mütterlicherseits entstammte, zum Verhängnis. Auf dem Münchner Oktoberfest wuchtete ein enragierter Volksgenosse dem amerikanischen Riesen ein Biermaß über den Kopf - in bierdunstig-völkischem Überschwang, wie Thomas Wolfes Schwester später in einer biographischen Studie vermerkte, auch den offenbaren Kausalzusammenhang zwischen dem Schlag und ihres Bruders frühem Tod fixierend: unterhalb der Verletzung des Schädelknochens begann alsbald ein Gehirntumor zu wachsen, der sich als inoperabel erwies. (...)

In der Rocktasche des tödlich Verunglückten fand man eine leere Zigarettenschachtel, auf die in Ödöns Handschrift gekritzelt stand:

Was falsch ist, wird verkommen,

▼ 141 

Auch wenn es heut regiert.

Was echt ist, das soll kommen,

auch wenn es heut krepiert.“102


Fußnoten und Endnoten

23  vgl. Horváth: Sladek, in: Ödön von Horváth, Gesammelte Werke, Kommentierte Werkausgabe in Einzelbänden, Herausgegeben von Traugott Krischke unter Mitarbeit von Susanna Foral-Krischke, Band 2, suhrkamp taschenbuch 1052, Frankfurt am Main 1983, 146.

24  vgl. ebenda., 145.

25  „Bereits das Stück ‚Sladek der schwarze Reichswehrmann‘ (1928) trägt den Untertitel ‚Historie aus dem Zeitalter der Inflation‘. In den häufigen Vorworten zu seinen Stücken, die Horváth so gern und pädagogisch geschrieben hat wie später Friedrich Dürrenmatt, setzt sich immer wieder der Hinweis auf die Inflation als Hintergrund, Ursache, oder Verhältnisform der Vorgänge, ja als Gesinnungsart der sogenannten Helden des jeweiligen Spiels recht auffällig durch.“ Walther Huder: Inflation als Lebensform, Gütersloh 1972.

26  „In Sladek oder die schwarze Armee und Sladek, der schwarze Reichswehrmann von 1927/28 und 1929 finden sich solche expressionistisch getönten Appelle (wie in Die Bergbahn - Anm. d. Verf.) an die politische Moral des Zuschauers darum nicht mehr. Mit diesen Bearbeitungen nähert sich Horváth, der für das Theater der ersten deutschen Republik durchaus charakteristischen ‚Zeitstück‘- Dramatik an, einem Dramentypus also, der seine Stoffe direkt aus der zeitgenössischen Debatte bezieht.“ Christian Schnitzler: Der politische Horváth, op. cit., 58.

27  ebenda., 148.

28  Die Thematik der Geschichte der Schwarzen Reichswehr als Grundlage für Horváths Sladek wurde von mir ausführlich im Rahmen einer 1987 geschriebenen Magisterarbeit an der Universität Köln behandelt: ‚Typen in Ödön von Horváths: Sladek, der schwarze Reichswehrmann‘. Im vorliegenden Kapitel stütze ich mich auf Material aus dieser Magisterarbeit. (Kopien der Arbeit befinden sich im Wiener Horváth- Archiv und in der Akademie der Künste, Berlin.)

29  Am 22.03.1927 erschien in der Weltbühne das Plädoyer für Schulz von Berthold Jacob, aus dem Horváth einiges wörtlich im Sladek übernahm; vgl. Horváth, Sladek, op. cit., 145 f.

30  „Den Hinweisen Joseph Breitbachs (in einem Gespräch mit Traugott Krischke - Anm. d. Verf.) war zu entnehmen, daß Ossietzkys Weltbühne zu Horváths ständiger Lektüre zählte. Er habe jede Woche im Café die Auslieferung des neuen Exemplars abgewartet und sei, laut Breitbach, dann zum Kiosk gestürzt, um das erste Exemplar der neuen Nummer zu ‚ergattern‘.“ Ödön von Horváth, Materialien 1981, op. cit., 209.

31  „Ich kenne die Welt nur von der Aschingerseite aus“ sagte Horváth. vgl. Horváth: Sladek, op. cit., 148. ‚Aschinger‘ war im Berlin der zwanziger Jahre „eine Kette von 40 Bierlokalen. Für 10 Pfennig gab es belegte Brötchen, für 30 Pfennig Löffelerbsen mit Speck, dazu Brötchen gratis. Das Publikum bestand aus Kleinbürgern, Angestellten, Studenten, und der Berliner Bohème.“ Sladek, op. cit., 177.

32  vgl. ebenda. 148.

33  Christian Schnitzler: Der politische Horváth, op. cit., 51.

34  „Wenn der Dramatiker etwa den Redakteur Schminke in Rund um den Kongreß sagen läßt: ‚Mit Aufhebung der bürgerlichen Produktionsverhältnisse verschwindet auch die aus ihnen hervorgehende offizielle und nichtoffizielle Prostitution‘ (GW I, 239), dann erweist sich dieser Satz als ein verkürztes Zitat aus dem 1847/48 von Marx und Engels verfassten ‚Manifest der Kommunistischen Partei‘, in dem die entsprechende Passage lautet: ‚Es versteht sich übrigens von selbst, dass mit Aufhebung der jetzigen Produktionsverhältnisse auch die aus ihnen hervorgehende Weibergemeinschaft, d. h. die offizielle und nichtoffizielle Prostitution verschwindet.‘ (GW XII, 201)” vgl. ebenda. 51 f.

35  ebenda., 39.

36 

„In einem im Horváth- Nachlaß aufgefundenen maschinengeschriebenen Entwurf zum Ewigen Spießer tritt die Verwandtschaft dieser Texte noch klarer hervor, da der Autor hier die dem ‚Manifest‘ entlehnten Gruppen der Patrizier, Plebejer, Leibeigenen und Sklaven gerade erst durch handschriftliche Vermerke aus seinem Typoskript getilgt hat.“

ebenda., 52.

37  ebenda., 52.

38  Ödön von Horváth: Glaube Liebe Hoffnung, in Gesammelte Werke, Kommentierte Werkausgabe in Einzelbänden, Herausgegeben von Taugott Krischke unter Mitarbeit von Susanna Foral- Krischke, Bd. 6, suhrkamp taschenbuch 1056, Frankfurt am Main, 1986, 12.

39  Uwe Baur schreibt: „Die Schärfe der damaligen publizistischen Auseinandersetzung mag man auch daraus ersehen, daß er nur in Werken der Jahre 1929/31 seine Gegner als ‚Hakenkreuzler‘ (II, 409; VIII, 650) ‚Hitlerianer‘ (VII, 534), als ‚Hitler‘ (VIII, 470) explizit und zugleich spottend beim Namen nannte.“ Baur, Uwe: Horváth und die kleinen Nationalsozialisten, op. cit., 291.

40  zitiert nach Mauch, Hans Joachim: Nationale Wehrorganisationen in der Weimarer Republik, Zur Entwicklung des ‚Paramilitarismus‘, Frankfurt/M. 1982, 164 f.

41  Ödön von Horváth: Sladek, op. cit., 116.

42  zitiert nach: Theweleit, Klaus: Männerphantasien, Bd. 1, Frankfurt/M. 1977, 76.

43  vgl. Horváth, Sladek, op. cit., 97.

44  vgl. Horváth: Sladek, op. cit., 97.

45  vgl. Gumbel, Emil Julius: Vom Fememord zur Reichskanzlei, Heidelberg 1962, 27 ff.

46  Gumbel, Emil Julius: Verschwörer, Beiträge zur Geschichte und Soziologie der deutschen nationalistischen Geheimbünde seit 1918, Wien 1924; Nachdruck: Karin Buselmeier, Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 1979, 239 ff.

47  vgl. Horváth: Sladek, op. cit., 158.

48 

Im Stück fehlt die historische Darstellung der Schwarzen Reichswehr. Damit „steht im Einklang, dass Äußerungen zur Geschichte nur marginal auftreten.“

Dietrich, Stefan: Gesellschaft und Individuum bei Ödön von Horváth, Interpretation anhand von Stücken bis zur Emigration, Glattbrugg 1975, 42 f.

49 

Zu der gleichen Einschätzung kommt auch Christian Schnitzler:

„Bei der Mehrzahl von ihnen benennt Horváth auch geistige Beschränktheit und psychische Defekte als günstige Prämissen für die individuelle Offenheit gegenüber reaktionären Einstellungen.“

Schnitzler, op. cit., 78.

50  Es handelt sich um den gleichen Rainer Schlösser, an den Dr. Stuhlfeld die Bitte um Aufhebung von Horváths Spielverbot richtete (vgl.Anhang E).

51  alle zitierten Kritiken aus Horváth: Sladek, op. cit. 149.

52  ebenda., 148.

53  Ossietzky, Carl von: Areopag, in Ders., Rechenschaft, Publizistik aus den Jahren 1913-1933, Frankfurt/M. 1984, 114.

54 

Meines Erachtens ist nicht genau auszumachen, welchen zu Landesverrat verurteilten Journalisten Horváth als Vorbild für Schminke bzw. Franz genommen hat. Dieter Hildebrandt meint die Weltbühne- Journalisten, denen 1927 wegen zahlreicher Enthüllungen über die Schwarze Reichswehr der Prozess gemacht wurde, als Vorbilder auszumachen, während Traugott Krischke in Walther Oehme das Modell für Franz in Sladek oder die schwarze Armee sieht. Ausschließliche Anhaltspunkte sind in beiden Fällen nicht gegeben. Vielleicht wählte Horváth den Namen Schminke aus Gründen der Typisierung, um die Tarnung des Journalisten zu kennzeichnen.

Vgl. Horváth: Sladek, op. cit., 167. Und: Dieter Hildebrandt (Hrsg.): Ödön von Horváth in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Hamburg 1975, 41.

55  Horváth: Sladek, op. cit., 101.

56  Mertens Carl: Die Vaterländischen Verbände, in Die Weltbühne, Der Schaubühne XXI Jahr, 21. Jg., Zweites Halbjahr 1925, vollständiger Nachdruck der Jahrgänge 1918 - 1933, Königstein/Ts. 1978, 252.

57  Ödön von Horváth: Sladek, op. cit., 134.

58  Vgl. auch Schnitzler, op. cit., 70.

59  Wolfgang Boelke: Die entlarvende Sprachkunst Ödön von Horváths, Studien zu seiner dramaturgischen Psychologie, Diss. Frankfurt/M. 1970, 53.

60  vgl. Fritz, Axel: Ödön von Horváth als Kritiker seiner Zeit, Studien zum Werk in seinem Verhältnis zum politischen, sozialen und kulturellen Zeitgeschehen, München 1973, 63.

61  Ödön von Horváth: Sladek, op. cit. 139.

62  vgl. auch Brief an Franz Theodor Csokor, GW IV, 680.

63 

Der im Mittelpunkt stehende Republikanische Schutzverband meint das 1924 von den Sozialdemokraten Hörsing und Höltermann gegründete „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“, das als Wehrverband alle zur Verteidigung der Weimarer Republik gegen den Links- und Rechtsextremismus entschlossenen Parteien und Gruppen (SPD, auch Zentrum, Deutsche Demokratische Partei) zusammenzufassen versuchte. Sitz: Magdeburg. 1932, 3,5 Millionen Mitglieder.(Das „Reichsbanner“ schloss sich 1932 mit den Gewerkschaften u.a. Verbänden und Gruppen zur „Eisernen Front“ gegen Hitler zusammen und wurde 1933 von diesem aufgelöst). Die verschiedenen Gruppierungen im „Reichsbanner“ sind in den Personen Stadtrat, Betz, Martin und Kamerad aus Magdeburg angedeutet.

Vgl: Günther Rühle: Zeit und Theater 1933 - 1945 Bd. VI. Bd. 2: Von der Republik zur Diktatur (1925-1933) Propyläen Verlag Berlin 1972, 810.

64  Ödön von Horváth: Italienische Nacht, in: Kommentierte Werkausgabe in Einzelbänden, Hrsg. von Traugott Krischke unter Mitarbeit von Susanna Foral-Krischke, Bd. 3, Frankfurt/M. 1995,85.

65  ebenda, 87.

66 

Diese Auffassung von germanischem Heldentum in grauer Vorzeit spielte auch in der nationalsozialistischen Literaturpolitik eine wichtige Rolle. Begriffe wie Rasse, Blut, Germanentum, Stärke usw. wurden nach der Machtergreifung die einzig zuverlässigen Bewertungskriterien für Schrifttum.

vgl. Strothmann, op. cit., 6.

67  Ödön von Horváth: Italienische Nacht, op. cit., 88.

68  ebenda. 94f.

69  ebenda, 63f.

70  ebenda, 124

71  ebenda, 123 f.

72  ebenda.

73  ebenda, 73f.

74  „Es ist evident, daß sich Horváth mit seinem Interesse an der Freudschen Lehre im Widerspruch zu den großen Weimarer Linksparteien und besonders zur KPD befindet, insofern diese sich lange weigern, Einsichten der psychoanalytischen Methode systematisch aufzuarbeiten.“ Schnitzler, op. cit., 68.

75  Vgl. Grete Fischer: Dienstboten, Brecht und andere. Olten und Freiburg im Breisgau 1966; zitiert nach: Ödön von Horváth, Italienische Nacht, Frankfurt/M. 1978, 150.

76  ebenda, 160.

77  ebenda, 160 f.

78  ebenda, 161.

79  ebenda, 159 f.

80  vgl. ebenda, 122 - 127.

81  vgl. ebenda, 161 f.

82  vgl. ebenda, 162.

83  vgl. Siegfried Kienzle: Ödön von Horváth, Berlin 1984, 19.

84  vgl: GW IV 659f.

85 

Zur Uraufführung am 20. März 1931 lud Ernst Joseph Aufricht, der Direktor am Theater am Schiffsbauerdamm den frühzeitig zu den Nationalsozialisten übergewechselten Schriftsteller Arnolt Bronnen sowie den Gauleiter Hinkel ein. „Die beiden Nazis ließen sich nicht provozieren. Sie applaudierten wie die anderen Zuschauer der erfolgreichen Uraufführung.“

vgl: Horváth: Italienische Nacht, op. cit., 155.

86  Schnitzler, op. cit., 68.

87  Ödön von Horváth: Italienische Nacht, op. cit., 152 f.

88  Ödön von Horváth: Italienische Nacht, Frankfurt/M. 1978, 155 ff.

89  ebenda, 158 f.

90  ebenda, 159.

91  Jenö Krammer: Ödön von Horváth. Leben und Werk aus ungarischer Sicht op. cit., 107

92 

vgl. Ödön von Horváth, Gesammelte Werke, Kommentierte Werkausgabe in Einzelbänden, Herausgegeben von Traugott Krischke unter Mitarbeit von Susanna Foral-Krischke, Bd. 11, Frankfurt/M. 1988, 267.

Der Titel in der Anmerkung zur Entstehungszeit lautet hier: Wie der Tafelhuber Toni seinen Hitler verteidigt hat.

93  vgl. ebenda, 267.

94  Uwe Baur: Horvàth und die kleinen Nationalsozialisten, in : Literatur und Kritik 125 (Juni 1978), pp. 288-294, 291.

95  ebenda, 141.

96  ebenda, 142 f.

97  ebenda, 229.

98  ebenda, 293 f.

99 

“Kogon sagt, die Quälgeister des Konzentrationslagers, in dem er selbst Jahre verbracht hat, seien zum größten Teil jüngere Bauernsöhne gewesen. Die immer noch fortdauernde kulturelle Differenz von Stadt und Land ist eine, wenn auch gewiß nicht die einzige und wichtigste, der Bedingungen des Grauens. Ich weiß, daß kein Mensch etwas dafür kann, ob er ein Städter ist oder im Dorf groß wird. Ich registriere dabei nur, daß wahrscheinlich die Entbarbarisierung auf dem platten Land noch weniger als sonstwo gelungen ist. Auch das Fernsehen und die anderen Massenmedien haben an dem Zustand des mit der Kultur nicht ganz Mitgekommenen nicht allzuviel geändert. Mir scheint es richtiger, das auszusprechen und dem entgegenzuwirken, als sentimental irgendwelche besonderen Qualitäten des Landlebens, die verlorenzugehen drohen, anzupreisen. Ich gehe so weit, die Entbarbarisierung des Landes für eines der wichtigsten Erziehungsziele zu halten.

vgl.: Theodor W. Adorno: Stichworte, Kritische Modelle 2, Frankfurt 1980, 90f.

100  Ödön von Horváth: Sportmärchen, andere Prosa und Verse, op. cit., 148.

101  ebenda, 293.

102  Ulrich Becher: Im Liliputanercafé, Begegnungen mit George Grosz, Ödön von Horváth, Roda Roda, Ernst Rowohlt, Fritz Wotruba und vielen anderen, Frankfurt/M. 1985, 20 f.



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31.03.2006