VI  FÜNF THESEN ZU HORVÀTHS EINTRITT IN DEN RDS

1)  Die These der spontanen Aktion

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Die im April 1934 einsetzenden Verhandlungen mit Verlagen im von der Reichskulturkammer bereits überwachten Deutschland sind der entscheidende Schritt Horváths zur Kooperation mit nationalsozialistischen Behörden.: Am 19. April 1934 schließt er mit dem Neuen Bühnenverlag im Verlag Kulturpolitik GmbH einen Vertrag über Himmelwärts ab, ohne allerdings einen Vorschuss zu erhalten.

Da Horváth gehört hat, dass keines seiner Stücke in Deutschland gespielt werden kann, schreibt er an den Verlag; der Verlagsleiter Dr. Stuhlfeld bittet in dieser Sache um Intervention beim „Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda“ und fügt argumentativ Horváths Brief an. (vgl Anhang)

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In diesem Brief geht dieser auf den Vorwurf im Völkischen Beobachter und Dem Deutschen ein, dass sein Stück Die Bergbahn (gemeint ist Revolte auf Côte 3018 – Anm. d. Verf.) ein kommunistisches Stück gewesen sei.

Das streitet er ab und schreibt: „Piscator hatte seinerzeit, bereits 1928, das Stück inszenieren wollen, allerdings unter der Bedingung, daß ich in das Stück eine kommunistische Tendenz ‚hinzudichte‘. Ich hatte das immer wieder abgelehnt und bin daher erst ein Jahr später aufgeführt worden, unter der Regie des verstorbenen Viktor Schwanneke.

Der Kreis unter Piscator und Brecht tobte gegen mich und ‚zerriß mich nach allen Noten der Kunst‘, wie man es so zu sagen pflegt.300 - Wie man also unter solchen Umständen von einem ‚kommunistischen Stück‘ sprechen kann, ist mir unerfindlich. Es dürfte Sie in diesem Zusammenhange interessieren, daß ich ja mit meinen Eltern 1919 aus Ungarn, wo die Sowjets regierten, flüchten mußte.

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Mir Kommunismus vorzuwerfen ist also schlechthin grotesk.“

Nach dem Bekenntnis: „(...) meine Muttersprache ist Deutsch und daher fühle ich mich als Mitglied des mächtigen deutschen Kulturkreises“ schließt der Brief:

„Es wäre für mich mehr als ein sehr schmerzliches Erlebnis, wenn man es mir untersagen würde, am Wiederaufbau Deutschlands mitzuarbeiten, soweit dies mir meine Kräfte erlauben“. (siehe Kopie des Originalbriefes im Anhang E )

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Der Leiter des Verlags, Dr. Willy Stuhlfeld, leitet Horváths Brief in einer Abschrift an den Reichsdramaturgen, Dr. Rainer Schlösser, im „Reichspropagandaministerium“ weiter.

Dr. Rainer Schlösser hatte - wie andere führende NS- Ideologen vor ihm - herausgefunden, dass dem Buch als Waffe eine wichtige Rolle in der politischen und weltanschaulichen Auseinandersetzung mit den ‚Gegnern des Volkes außen und innen‘ zukomme. Begriffe wie Rasse, Blut, Germanentum, Stärke usw. wurden seit der Machtergreifung die einzig zuverlässigen Bewertungskriterien für Schrifttum bzw. Literatur. Die Gleichsetzung von Kunst mit Krieg hatte das poetische Vermögen Rainer Schlössers zu folgender Äußerung beflügelt:

„...der Kanonendonner von Sedan und die Kleine Nachtmusik von Mozart sind Ausfluß des gleichen künstlerischen Vermögens der Deutschen.“ 301

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Beispiele dieser Art Plädoyers für eine funktionale Gleichschaltung finaler Kunst mit Politik und Krieg sind sehr zahlreich.

Diese Aussage steht in einer langen Reihe ähnlicher Formulierungen anderer Kulturstrategen und läßt sich beliebig fortführen; Schlösser wird darum genannt, weil er Horváth persönlich mehrfach bedroht hatte:

Am 11. Februar 1933 erschien er im Völkischen Beobachter auf einer Liste von Autoren, ausgewählt von dem noch als Theaterkritiker tätigen Schlösser im Zuge einer „Generalabrechnung“ mit den Autoren des sogenannten „Systemtheaters“.

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Am 11. Juli 1934 stellt Horváth in Berlin den Antrag, in den RDS aufgenommen zu werden. „Als Adresse gibt Horváth Berlin W 15, Kurfürstendamm 33 an. Als Bürgen für seine politische Einstellung nennt er Hofrat Willy Stuhlfeld und den Nazi- Schriftsteller Dr. Edgar von Schmidt- Pauli.

Im ‚Fragebogen für Mitglieder‘, den Horváth am selben Tag abgibt, führt er an, ‚ohne Religion‘ zu sein, ‚früher: katholisch‘; die Frage nach einer Mitgliedschaft beim ‚Verband deutscher Bühnenschriftsteller und Bühnenkomponisten‘ bejaht er und fügt hinzu: ‚und Union Nationaler Schriftsteller‘.“

Die Frage, ob er Mitglied des SDS (Schutzverband Deutscher Schriftsteller) gewesen sei, verneint er.

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Horváth erhält die Mitglieder-Nr. 875

Die zeitliche Nähe des Eintritts in den RDS zu seiner verunglückten Hochzeit und enttäuschten Liebe spricht für die These, dass es sich dabei um einen spontanen Schritt (eine spontane Entscheidung) handelte. Denn der aufmerksame Weltbühne- Leser Horváth stand noch in den späten 20er- Jahren den Ideen der ‚Liga für Menschenrechte‘ nahe, . In der ‚Liga‘ engagierten sich Intellektuelle wie Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky, Albert Einstein und der Pazifist Emil Julius Gumbel und auch Horváth hatte in dieser Organisation Material gesichtet und für seine beiden Fassungen des Sladek umgeformt. Rainer Schlösser, der Horváth jahrelang auf sehr bedrohliche Art angegriffen hatte, gab nun dessen Antrag auf Aufnahme in den RDS statt.

Auch in der bayrischen Kleinstadt Murnau, wo Horváth die elterliche Villa bewohnte, wurde am 10. Februar 1933 die Rede des neuen Reichskanzlers Hitler aus dem Berliner Sportpalast durch alle Rundfunksender übertragen. Horváth geriet während dieser Rede mit Nationalsozialisten in Streit. Es ist unklar, ob Horváth durch Bemerkungen diese Auseinandersetzungen herbeiführte oder ob sie aus den Reihen der Nationalsozialisten provoziert worden waren.

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Am nächsten Tag berichtet der lokale Staffelsee-Bote über diesen Vorfall:

„Bei der Rede des Reichskanzlers, die jedem, der noch Ideale hat und sein Vaterland liebt, bis ins Innerste bewegte“, konnte es der Schriftsteller Oedoen Horvath nicht unterlassen, in einem öffentlichen Lokal durch Bemerkungen schlimmster Art herauszufordern. Es wäre beinahe zu einem ernsten Zwischenfall gekommen, wenn Kreisleiter Engelbrecht auf Horvaths Bitten diesen nicht geschützt hätte. Zwei S.A.- Leute begleiteten ihn als Deckung nach Hause. Herr Horvath soll inzwischen abgereist sein.“ 302

Nach diesem Zwischenfall vom 10.02.33 reiste Horváth vermutlich noch am gleichen Tag ab.303 Am 12. Februar 304 wurde das Haus der Horváths in Murnau von einem SA-Trupp durchsucht.

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Nach der oben zitierten massiven Drohung folgt am 14. Februar 1933 erneut eine Bedrohung durch Rainer Schlösser im Völkischen Beobachter mit Bezug auf die Italienische Nacht: „Ödön von Horvath besaß die Frechheit, die Nationalsozialisten anzupöbeln. (...) wird sich der Ödön noch wundern!“ 305

Der Staffelsee Bote veröffentlicht am 15.02.1933 eine Gegendarstellung von Horváths Münchner Rechtsanwalt Dr. Ferdinand Kahn: „Es ist richtig, daß besonnene Elemente der Nationalsozialisten Herrn Horváth vor weniger besonnenen Herrn gewarnt und geschützt haben. Es ist aber absolut unrichtig, und Herr Horváth legt größten Wert auf diese Feststellung, daß Herr Horváth überhaupt Veranlassung gegeben hat, über ihn aufgebracht zu sein. Er hat keine Bemerkungen, noch weniger ‚Bemerkungen schlimmster Art‘ gemacht.“

Horváths Reaktion auf die Anschuldigungen und die Gegendarstellung im Staffelsee Boten erklären sich zunächst einmal aus der reinen Angst um Leib und Leben, vielleicht zusätzlich mit einer zu diesem Zeitpunkt beabsichtigten Rückkehr nach Murnau.

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Von Schlösser mit der persönlichen Drohung „wird sich der Ödön noch wundern“ bedacht, ist auch Horváth nach der Beseitigung der konservativen Landesregierung in München am 09.03.1933 akut gefährdet.

Aus der Gegendarstellung Horváths kann also keinesfalls der Schluss gezogen werden, dass Horváth hier bereits seinen Eintritt in den RDS vorbereitete.

Allerdings hält Christian Schnitzler diese Gegendarstellung für besonders bemerkenswert: „(...) da sich in ihm das politische Profil der nun entstehenden literarischen Arbeiten und überdies die Haltung Horváths gegenüber dem neuen Regime in Deutschland abzeichnet: Daß Horváth die Veröffentlichung einer Stellungnahme veranlaßt, in der die ihm vorgeworfenen Provokationen geleugnet werden und sogar das mäßigende Auftreten einiger Nationalsozialisten anerkennend vermerkt wird, dokumentiert seinen bereits im Februar 1933 vorhandenen Vorsatz, eine offene Konfrontation mit den Machthabern im ‚Dritten Reich‘ zu vermeiden.“ 306

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Andere Maßnahmen Horváths die offene Auseinandersetzung mit den Nationalsozialisten zu vermeiden, beweisen durchaus eine bewusste und langfristig angelegte Strategie, die ebenfalls lange vor der Hochzeit mit Maria Elsner und der unmittelbar folgenden Trennung beginnt. Aufschlussreich bei der Klärung der Frage, ob Horváth spontan gehandelt hat, ist sein Verhalten im Zusammenhang mit dem internationalen Schriftstellerkongress in Dubrovnik vom 25.-28. Mai 1933, der im Zusammenhang mit der Frage nach der „Spontaneität“ seines Entschlusses in den RDS einzutreten, eine zentrale Bedeutung erhält:

A)  Horváths Verhalten im Zusammenhang mit dem P.E.N.-Club-Treffen in Ragusa (Dubrovnik)

Im Stadttheater von Ragusa (Dubrovnik) fand vom 25. bis 28.05 1933 der XI. Kongress des Internationalen P.E.N.- Clubs statt, auf dem es zu Protesten gegen die Bücherverbrennung und die Verfolgung von Schriftstellern im Dritten Reich kam. Wahrscheinlich am 26. Mai forderte der Schriftsteller Oskar Maria Graf Horváth telefonisch auf, einen telegraphischen Protest an den P.E.N.-Club in Ragusa zu unterschreiben. Es handelte sich um eine von den Schriftstellern Toller und Schalom Asch formulierte Protestresolution.

Am 27. Mai verließ die deutsche Delegation des P.E.N., vertreten durch den Korvettenkapitän a.D., Fritz Otto Busch, Hans Martin Elster und den Hitler-Biographen Edgar Schmidt- Pauli, unter Protest den Kongress, als Ernst Toller das Wort ergreifen wollte. Diesem Protest schlossen sich auch die offiziellen Delegierten Österreichs, Grete Urbanitzky- Pasini und der durch sein Buch Bambi bekanntgewordene Schriftsteller Felix Salten, an.

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Horváth hatte telefonisch seine Zustimmung zu der Protestresolution erteilt und auch mit O. M. Graf telefonisch darüber verhandelt, zog jedoch seine Unterschrift zurück und setzte Josef Luitpold Stern, Vorstandsmitglied des SDS in Österreich brieflich davon in Kenntnis: „Dieses mir heute mitgeteilte Telegramm kann ich leider unmöglich unterschreiben. (Es weicht auch in mancher Formulierung beträchtlich von dem ab, was Sie mir gestern telefonisch mitgeteilt haben, so z.B. kann ich doch nicht im Namen der österreich. und geflüchteten Schriftsteller sprechen, da ich weder Österreicher noch geflüchtet bin. Ich bin bekanntlich ungarischer Staatsbürger. (...) Sollten Sie den Protest an den Penklub und an die Presse bereits mit meiner Unterschrift abgesandt haben, so bitte ich Sie dieses zu korrigieren. Es ist doch besser wenn Sie es machen, als wenn ich mich gezwungen sehen sollte Dementis usw. zu fabrizieren.“ 307

Der enge Freund und Schriftsteller Franz Theodor Csokor, der als ein Vertreter Österreichs an dem Kongress teilnahm, schrieb vom Treffen des P.E.N. einen Brief an Horváth, in welchem er ihm die Vorgänge schilderte: „Schmidt- Pauli, der Kapo der braunen Wölfe, verließ mit den Seinen, denen sich auch einige unserer übereifrigen Landsleute anschlossen, den Sitzungssaal.“ 308

Über die geistige Verfassung des Dr. von Schmidt- Pauli, dem Führer des zu dieser Zeit noch bestehenden P.E.N.- Club- Zentrums, den Horváth dann im Juli als Bürgen für seine politische Zuverlässigkeit angeben wird, gibt wiederum ein Brief Csokors an den Theaterkritiker bei dem demokratischen Sechsuhrblatt der Wiener Allgemeinen Zeitung, Ludwig Ullmann, Auskunft. Csokor schreibt:

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„Lieber Freund, anbei der gewünschte Originaltext der Feststellung des deutschen Delegierten, Dr. Edgar von Schmidt- Pauli, die er in der Redaktion des ‚Zagreber Morgenblattes‘, Seite 4, Nr. 148 vom 31. Mai abgab. Ich zitiere wörtlich. Dr. von Schmidt- Pauli erklärte: ‚Wenn wir in Dubrovnik zu Worte gekommen wären, hätte unser Delegierter Busch seinen Vortrag ‚Der freie Schriftsteller und sein Verhältnis zur Presse‘ gehalten Er hätte auch Erklärungen über die Bücherverbrennung abgegeben und gesagt, daß sie lediglich von jungen Studenten organisiert worden sei, die ganz wahllos Bücher aus den Automobilen herausgeholt haben, um sie ins Feuer zu werfen. So geschah es auch, daß Bücher von Nationalsozialisten, die sozialistische Titel trugen, verbrannt wurden. All dies zeigt, daß weder Regierungsstellen noch irgendwelche Gremien daran beteiligt waren.‘ “ 309

Dass diese Behauptung gelogen war, was im übrigen ein bezeichnendes Licht auf die noch um Aufrechterhaltung der Scheins bemühte Literaturpolitik der Nationalsozialisten wirft, wusste im Juni 1933 auch schon F. T. Csokor, der sich im gleichen Brief darüber empört: „Was sagst Du zu dieser Unverschämtheit, die Wahrheit auf den Kopf zu stellen?“ 310

In dem oben zitierten Brief an Horváth schreibt Csokor weiter: „...ein eigenhändiger Brief eines maßgebenden Berliner Kollegen forderte mich zum Widerruf meiner Unterschrift bei dem Penklub- Protest auf; ich erwiderte ihm, was er wohl antworten würde, wenn man ihm zumuten sollte, um privater Vorteile willen sich selbst zu verleugnen?“ 311

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Horváth war demnach mit der Problematik des Widerrufs der P.E.N.-Club-Erklärung und damit auch mit dem indirekten Vorwurf der Selbstverleugnung vertraut. Allerdings ist er der kämpferischen Aufforderung am Ende des Briefs: „Hauptsache, daß von uns der Krieg gegen die als heilsame Härte gepredigte Abschaffung der Menschenrechte im Dritten Reich an der ganzen Front aufgenommen wird! (...) Beziehen wir unsere Posten! Kämpfen wir! Wenn einer fällt, darf sein Platz nicht lange leerstehen. Los!“ 312

nicht nachgekommen. Auch nicht dem Beispiel seines engen Freundes Csokor, der zu seiner Unterschrift stand.

Oskar Maria Graf veröffentlichte am 02. Juni 1932 einen offenen Brief in der sozialdemokratischen Wiener Arbeiter Zeitung, in dem er seinem Duzfreund Horváth vorwirft, er habe sich noch bei der Kleist- Preis- Verleihung als Deutscher gefühlt und ihm gegenüber stets betont, zu den geflüchteten deutschen Schriftstellern zu gehören. „Der langen Rede kurzer Sinn: Du willst Dir nach keiner Seite ein Geschäftchen verderben. Mit solchen Leuten, deren Gesinnung nicht weiter reicht als ihr Maul, und die bei einem so geringfügigen Ansinnen, das an ihren kollegialen Anstand gestellt wird (von einem Solidaritätsbewußtsein ganz zu schweigen!), die Flucht ergreifen, habe ich nichts zu schaffen.“ 313

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Offensichtlich hat der derartig attackierte Horváth keinen Versuch unternommen, sich gegen diese Vorwürfe zur Wehr zu setzen.314

Die dröhnende Ablehnung von Horváths Verhalten und seine Verdammung, ‚mit solchen Leuten nichts mehr zu schaffen haben zu wollen‘, wirft Fragen nach Grafs eigenem Selbstverständnis auf. 315

Er selbst wurde 1930 von der Linkskurve verdächtigt, dass sein Begriff vom ‚Volk‘ verschwommen sei, und, schlimmer noch, der Autor noch immer in der Bohème stehe, statt in der Partei.316 In diesem Sinne ist Grafs Entschiedenheit der Ablehnung proportional zu messen an der eigenen Angst, von kommunistischen Kreisen und von dem Kommunismus nahestehenden Zeitungen, für die er schreibt, als nicht linientreu eingestuft zu werden. Aufschlussreich ist sein Verhältnis zu anderen Intellektuellen, wie auch dem Horváth nahestehenden Lukas Kristl: „Zum Teil waren das spontane, aus dem Zorn geborene Übertreibungen, die Graf später wieder gut zu machen suchte. Die zwei Jahre später politisch klüger gewordene Rote Fahne stellte im Sommer 1935 Grafs Verhalten als (überwundene) ‚Unduldsamkeit und Rechthaberei‘ heraus. Zum Teil beharrte Graf aber auch auf den Feindbegriffen, die er sich einmal von anderen, insbesondere von früheren Freunden, gebildet hatte, was in einem Fall zu einer geradezu persönlichen Tragödie führte. Der jüngere, sehr an ihm hängende Lukas Kristl schrieb ihm auf einer offenen Postkarte im Sommer 1933 einen übermütigen, etwas grantelnden Satz über die bequemen Soziführer im Exil. Graf verstand das als Bekundung des reinsten Nazismus. Er warnte seitdem alle Freunde vor diesem Überläufer. Als Kristl nach langer Arbeitslosigkeit aus Berufsgründen nach Spanien ging, denunzierte ihn Graf an die kämpfenden Freunde auf der Seite der Republikaner als einen verkappten Mann der Legion Condor. Nach 1945 suchte er die Münchner Freunde gegen ihn als einen renitenten Nazi aufzuhetzen und seine Anstellung bei Zeitungen zu hintertreiben. Kristl fühlte sich deshalb, solange Graf lebte, von ihm regelrecht verfolgt. Er war bis zu seinem Tod so schlecht auf ihn zu sprechen, daß er selbst die positive Erinnerung an die gemeinsamen Aktionen mit Graf vor 1933 in sich begraben hatte.“ 317 Interessant ist auch die Reaktion anderer Teilnehmer des P.E.N.- Club- Treffens knapp vier Monate nach der nationalsozialistischen Machtergreifung.

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14 Tage später schrieb O. M. Graf in Gedanken zur P.E.N. Club Tagung in Ragusa: „Der Engländer Wells soll durch seine Fragestellungen den Deutschen weh getan haben und noch erschrecklicher soll gewesen sein, daß er dem deutschen Schriftsteller Ernst Toller, einem in Deutschland Geächteten und Verbrannten, das Wort zur Anklage gegen die deutsche Barbarei erteilt habe. Toller soll so flammend gesprochen haben, im Namen der Zivilisation, der Menschlichkeit und der Freiheit. Herr Schalom Asch soll gegen die Judenverfolgungen scharfe Worte gefunden haben. (...) Zwei ganz kleine Dinge sind aber sehr sichtbar geworden: Die merkwürdige Schweigsamkeit der aus dem Lande verjagten und verfemten deutschen Schriftsteller von Rang bei diesem seltenen Anlaß und die Feigheit einiger Herren, die der Bund sozialistischer Schriftsteller um ihre Unterschrift für ein gewiß harmloses Protesttelegramm an den Kongreß gebeten hat. ‚Mannhaftes Eintreten und tätige Hilfe für die verfolgten deutschen Schriftsteller‘ verlangte dieses Telegramm ungefähr. (...) Herr Stefan Zweig, vielverlegter und sicher zu seinem Leidwesen heute im faschistischen Deutschland verfemter Schriftsteller, hat seine Unterschrift verweigert. Warum? Weil er es für falsch fand, daß Autoren, die in Deutschland geächtet worden sind, unterschreiben. Er vertrat die Ansicht, es müßten vor allem die Nichtverfemten diese Kundgebung mit ihrer Unterschrift versehen. (...) Der zweite Mann, der zuerst das Telegramm unterschrieben, alsdann aber mit einer höchst schäbigen Begründung seine Unterschrift zurückzog, er sei überhaupt weder geflüchteter noch deutscher Schriftsteller, sondern Ungar und gehöre nur ‚zum deutschen Kulturkreis‘, dieser zweite heldenmütige Mann, wie man weiß, der einstmalige deutsche Kleistpreisträger, Herr Ödön von Horváth! Er brachte sogar das Kunststück fertig, in einem Brief zu behaupten, er habe überhaupt nie eine Unterschrift zurückgezogen, weil er sie gar nicht gegeben habe. (...)

Herr Gerhart Hauptmann bleibt angesichts der deutschen Barbarei in der gleichgeschalteten Dichterakademie und verfaßt, lustwandelnd unter italienischen Palmen, eine Komödie mit märchenhaftem Einschlag. Thomas Mann sucht sich nach Veröffentlichung seines geradezu hymnischen Artikels über Richard Wagner vor böswilligen Münchner Gimpeln zu rechtfertigen. Heinrich Mann tritt nicht vor den Kongreß von Ragusa. Er nimmt sich kein Beispiel an der alten Kämpferin Clara Zetkin, die damals trotz aller Drohungen und aller Gefahren, trotz offensichtlicher Kränklichkeit, von Moskau nach Berlin fuhr, aus der Sicherheit in die Unsicherheit, um dem faschisierten Reichstag als Alterspräsidentin vorzustehen. Es schweigen Leonhard Frank, einst Proletarier und sogar eine Zeit lang ganz ‚linker‘ Mann, von Döblin hört man kein Wort, liest man keine Zeile. Man hat sie hinausgeworfen, sie wissen, wie es derzeit in Deutschland zugeht, sie sind heute noch wie ehedem die Repräsentanten des deutschen Geistes und -? Du lieber Himmel, eine Frau zeigt mehr Mut als sie alle zusammen: Ricarda Huch tritt aus der Akademie der Dichtkunst aus! Und lebt, soviel ich weiß, in Deutschland! Sie redet nicht, weil sie wahrscheinlich nicht kann dort, aber sie zeigt doch durch eine Geste, daß sie zum wirklichen deutschen Geist gehört.“ 318

Am 05.04.1932 wurde im Bayerischen Rundfunk ein Interview von Willy Cronauer mit Ödön von Horváth gesendet. Horváth sagte in diesem Interview folgendes: „(...)um Ihnen die erste Frage zu ersparen, erzähle ich Ihnen gleich, wann und wo ich geboren bin und ob ich ein reinrassiger deutscher Schriftsteller bin oder bloß so eine Mischung. Darum bin ich ja schon ixmal gefragt worden und da kommts mir jetzt auch nicht mehr drauf an.

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Also wenn man mich fragt, ob ich ein Deutscher bin, so kann ich darauf nur antworten: ich fühle mich als ein Mensch, der sich unter allen Umständen zum deutschen Kulturkreis zählt - und warum ich mich zum deutschen Kulturkreis gehörend betrachte, liegt wohl vor allem daran, daß meine Muttersprache die deutsche ist. Und dies dürfte meiner Meinung nach der ausschlaggebende Grund sein. Dann erst folgt die Tatsache, daß ich entscheidende Entwicklungsjahre in Deutschland und zwar in Südbayern und in Österreich, verlebt habe. Mein Name ist zwar rein ungarisch - und ich habe auch ungarisches Blut in mir, auch tschechisches und kroatisches - ich bin also eine typische österreichisch- ungarische Angelegenheit. Aber ich glaube in meinem persönlichen Interesse, daß die Produkte derartiger Rassenmischungen nicht unbedingt die schlechtesten sein müssen. - Es gibt bekanntlich solche Rassengemische, die spätere Zeiten dann - und mit Recht - als die echtesten und größten Repräsentanten deutschen Wesens bezeichnet haben.“ Cronauer erwähnt in diesem Zusammenhang Nietzsche, worauf Horváth antwortet: „(...) das war zum Beispiel ein halber Pole. Und der Kunstmaler und Dichter Albrecht Dürer ist ein halber Ungar gewesen. Bekanntlich hieß sein Vater Ajtosi, was zu Deutsch soviel heißt wie Türer. Ajto heißt Türe. - Aber lassen Sie mich von diesen historischen Höhen wieder zu mir heruntersteigen - ich möchte noch folgendes sagen: immer wieder lese ich in Artikeln, daß ich ein ungarischer Schriftsteller bin. Das ist natürlich grundfalsch. Ich habe noch nie in meinem Leben - außer in der Schule - irgendetwas ungarisch geschrieben, sondern immer nur deutsch. Ich bin also ein deutscher Schriftsteller.“ 319

Ebenso argumentierte Horváth ja bei der Vorbereitung seines Eintritts in den RDS mit den Worten: „(...) meine Muttersprache ist Deutsch und daher fühle ich mich als Mitglied des mächtigen deutschen Kulturkreises“.

Aus diesem Interview und aus dem Brief an das Propagandaministerium wird deutlich, dass Graf mit seinem Vorwurf, Horváth habe sich immer als deutscher Schriftsteller gefühlt, Recht hatte. Es liegt also nahe, dass Horváth die Ausrede ‚als ungarischer Staatsbürger‘ diese Erklärung nicht unterschreiben zu können, nur darum nutzte, weil sie ihm opportun erschien. Horváths unentschiedene Haltung erklärt sich im Falle des Protestes in Ragusa vermutlich damit, dass Schriftsteller von ihren deutschen Verlegern aufgefordert wurden, sich politisch enthaltsam zu zeigen, damit ihre Bücher weiterhin auf dem deutschen Markt erscheinen und verkauft werden konnten. Eine Tatsache, der ich im Kapitel ‚Broterwerb‘ weiter nachgehen werde. Am 28. Juni 1933 fand im Wiener Hotel Imperial eine Generalversammlung des österreichischen P.E.N.-Clubs statt, dessen Mitglieder Rechenschaft von ihrem Präsidenten Felix Salten wegen dessen Verhalten in Ragusa fordern. Felix Salten erklärte seinen Rücktritt als Präsident des österreichischen P.E.N.-Clubs, zog diese Rücktrittserklärung wenig später aber wieder zurück. Mit 25 gegen 15 Stimmen wird eine Resolution angenommen, in der der österreichische P.E.N.-Club „den im heutigen Deutschland unterdrückten, ihrer Freiheit beraubten Männern und Frauen des Geisteslebens, ohne Unterschied ihrer Partei und Rasse, seine Grüße und Sympathien zum Ausdruck bringt und jener gedenkt, die ihr Eintreten für die Geistesfreiheit mit Gefängnis oder Emigration zu bezahlen haben“, und „Einspruch gegen die geistige Unterdrückung des Individuums“ erhebt. Unterzeichnet ist die Resolution u.a. von Franz Theodor Csokor, Oskar Maurus Fontana, Paul Frischauer, Gina Kaus, Ernst Lothar, Rudolf Lothar, Robert Neumann und Friedrich Torberg. Wieder fehlt die Unterschrift Horváths.320

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Ebenso zog Horváth keine Konsequenzen aus der nationalsozialistischen Gleichschaltung der Schriftstellerverbände. Als Autoren wie Brecht, Toller, Tucholsky, Arnold Zweig und Heinrich Mann den ‚Verband Deutscher Bühnenschriftsteller und Bühnenkomponisten‘ verließen, annoncierte Horváth in der Rubrik ‚Mitgliederbewegung‘ der Verbandszeitschrift Der Autor vom Juni 1933 seine neue Münchner Kontaktadresse und auch als diese Organisation dem „Reichspropagandaministerium“ unterstellt und der „Reichstheaterkammer“ angeschlossen wurde, blieb Horváth ihr Mitglied.321

Als die von Oskar Maria Graf, Wieland Herzfelde, Anna Seghers und Jan Peterson herausgegebene Exilzeitschrift Neue Deutsche Blätter in ihrer Erstnummer vom September 1933 einen „Kriegszustand“ mit dem Nationalsozialismus konstatierten, in dem es am wenigsten für den Schriftsteller eine Neutralität geben dürfe, blieb Horváth so um politische Unauffälligkeit bemüht, dass man vergeblich nach seiner Unterschrift unter allen bekanntgewordenen kulturpolitischen Protestnoten und Resolutionen aus den Reihen der kritischen Intelligenz in Österreich sucht. Er dementierte jedes Interesse an der literarischen Exilzeitschrift Die Sammlung, nachdem er sich anhand des im September 1933 ausgelieferten ersten Hefts Klarheit über das dezidiert antinazistische Profil dieser Zeitschrift verschafft hatte. Dieses Thema bedarf zur Beantwortung der Frage, ob Horváths Schritt spontan gewesen ist, besonderer Aufmerksamkeit:

B) HORVÁTHS WEIGERUNG BEI DER EXILZEITSCHRIFT
DIE SAMMLUNG MITZUARBEITEN

Aus seinem Schreiben an den Leiter der deutschen Exilabteilung des Amsterdamer Querido Verlags Dr. Landshoff, in dessen Programm die von Klaus Mann herausgegebene Zeitschrift aufgenommen wird, geht erneut hervor, dass es sich bei diesem Vorgang nicht nur um einen singulären Akt, sondern um die „Konsequenz einer langfristigen Strategie des Autors“ handelte.322 Horváth beruft sich in dem Brief auf ein Gespräch vom März desselben Jahres, also vielleicht auf das von Alexander Lernet-Holenia geschilderte Treffen der Leiter des Berliner Kiepenheuer Verlags mit ihren Autoren in Salzburg, in dem er gegenüber Friedrich Landshoff jede Mitarbeit an politisch gefärbten Zeitschriften ausgeschlossen haben will:

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„(...) gestern schrieb ich Ihnen und zwar betr. eines Abdruckes irgendeiner Szene aus einem meiner Stücke in der ‚Sammlung‘. Nun muß ich Ihnen aber heute leider folgendes mitteilen: gestern, das heißt: bis gestern hatte ich nur zwei Beiträge gelesen (Roth und Kesten), heute Nacht das ganze Heft.

Wie ich Ihnen bereits im März sagte, will ich prinzipiell an keiner Zeitschrift mehr mitarbeiten, die sich (und seis auch nur in Glossenform) mit Politik beschäftigt. Seien Sie mir bitte nicht böse, lieber Doktor Landshoff und verstehen Sie meinen Standpunkt.“ 323

Horváth, in dessen Stücken sich die Figuren durch Nicht- Gesagtes bzw. Falschgesagtes selbst demaskieren, musste die Formulierung in dem Brief, der wie der Rückzug seiner Unterschrift bei der Protestnote gegen die Bücherverbrennungen ebenfalls der Rückzieher einer gegebenen Zusage war, „prinzipiell nicht mehr an einer Zeitschrift mitarbeiten zu wollen, die sich mit Politik beschäftigt“, allein wegen der ungenauen Floskel ‚prinzipiell‘ schwer gefallen sein. Dieser Satz und die Sprache, derer er sich bedient, sowie der Hintergrund, wie Horváth zu dieser Aussage gekommen ist, birgt eine Problematik, die nicht ausgesprochen wird, denn Horváth hatte immer in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht, die sich mit Politik beschäftigten.

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Am 12. April 1932 erschien in der Weltbühne der Aufruf des ‚Scheringer Komitees‘. Es handelte sich um die Inhaftierung eines ehemaligen Reichswehroffiziers, der – zunächst wegen ‚nationalsozialistischer Propaganda‘ verurteilt - während der Festungshaft zum Kommunismus übertrat. In dem Aufruf heißt es: „Die Unterzeichneten protestieren - unabhängig von ihrem politischen Standort - gegen die Verfolgung eines von seiner Überzeugung getragenen Volksgenossen. Wir verlangen die Freilassung von Scheringer.“ 324

Horváth gehörte neben Ernst Toller, Herwarth Walden, Herbert Ihering, Balder Olden, dem sozialistischen Politiker Otto Strasser u.a. zu den Unterzeichnern des vor allem in seiner Wortwahl kommunistischen Aufrufs. Die Nationalsozialisten waren über den Fall Scheringer, der wie der Mitunterzeichner Otto Strasser (der Bruder des beim Röhm- Putsch ermordeten Georg Strasser) zum antikapitalistischen Flügel der Partei gehört hatte, besonders verärgert, da Scheringer nach dem persönlichen Besuch, den ihm Hitler und Goebbels auf der Festung Gollnow abstatteten, zum Kommunismus übergetreten war.

Neben dieser vereinzelten Unterschriftenaktion, an der Horváth teilgenommen hatte, und somit für die Nazis als Regimegegner auffiel, hatte Ödön von Horváth ständig in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht, die sich (auch in Glossenform) mit Politik beschäftigten.

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Am 27.10.1931 druckte die Berliner Tageszeitung Tempo eine Szene aus Horváths Geschichten aus dem Wienerwald ab, außerdem veröffentlichte Horváth in den Zwanziger Jahren u.a. mehrfach im Simplicissimus.

In der Weltbühne wurden im Oktober 1929 verbilligte Karten für die Aufführung des Sladek angeboten.325 Hinter der Absage an Landshoff steckte also ein Grund, den Horváth mit der Formulierung ‚prinzipiell...‘ verschleierte. Es handelte sich um die Flucht in eine uneigentliche Formulierung, die gar nichts besagte. Sowohl ihm als auch Landshoff wird die Uneigentlichkeit dieser schwachen Begründung aufgefallen sein, die der Rückzug einer gegebenen Zusage war. Außer Horváth distanzierten sich neben Horváth auch Thomas Mann, René Schickele und – vorübergehend - Alfred Döblin von der Zeitschrift Die Sammlung.326

Die drei letztgenannten Schriftsteller distanzierten sich allerdings erst aufgrund des verstärkt einsetzenden Naziterrors von dieser Zeitschrift.

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Die „Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums“ veröffentlicht im Börsenblatt für den deutschen Buchhandel am 10. Oktober 1933 eine Mitteilung, in der vornehmlich vor den Emigrantenzeitschriften Neue deutsche Blätter, Der Wiener Bücherwurm und Die Sammlung gewarnt wird: „Wir fordern alle die, die als Träger und Mittler des geistigen Lebens in Deutschland tätig sind, im Hinblick auf die literarischen Emigrantenzeitschriften, insbesondere den deutschen Verlag und den deutschen Buchhandel auf, sich in die Abwehrfront gegen den geistigen Krieg, der draußen gegen uns entfesselt wird, einzureihen. Es müßte für jeden deutschen Verleger eine Selbstverständlichkeit sein, daß er keine Bücher verlegt von Autoren, die sich zur Mitarbeit an den charakterisierten Zeitschriften bekennen. Es müßte für den deutschen Buchhändler eine Selbstverständlichkeit sein, daß er keine Bücher verbreitet von Autoren, die im Ausland geistige Kriegshetze gegen Deutschland betreiben.“ 327

Christian Schnitzler bemerkt, dass Horváth sich drei Tage vor dem Erscheinen der Veröffentlichung im Börsenblatt, also am 07.09.33 in seinem Brief an Landshoff von der Sammlung distanziert, Stefan Zweig erst 16 Tage nach der Veröffentlichung am 26.09.33, sowie Thomas Mann,328 Döblin und Schickele erst nach der Veröffentlichung des Artikels im Börse n blatt des deutschen Buchhandels. 329

Nach der Liquidation des Kiepenheuer Verlags stand Horváth bei keinem deutschen Verlag mehr unter Vertrag. „Offenbar ist Horváth also der einzige Schriftsteller, der die Zusage seiner Mitarbeit an diesem publizistischen Projekt des deutschen literarischen Exils nicht auf Veranlassung Dritter zurückzieht.“ 330 Der Nazischriftsteller Will Vesper, der nach der Auflösung des SDS am 11. März 1933 und nach dessen Überführung in den Reichsverband Deu t scher Schriftsteller im Mai 1933, dem Monat der „Neuordnung der Dichterakademie“ und Bücherverbrennungen, zu dessen Vorstand gehörte 331, reagierte mit Genugtuung auf die Distanzierungen dieser Dichter: Bemerkenswert ist dabei, dass ihm auch der Rückzug Ödön von Horváths bekanntgeworden ist. „In Vespers Warnung vor dem ‚gefährlichste(n) Reptil‘ der ‚aus Deutschland entflohenen kommunistischen und jüdischen Literaten‘ der von dem ‚Halbjuden‘ Klaus Mann herausgegebene(n) ‚Sammlung‘, heißt es: ‚Wer Arm in Arm mit jenen Hetzern in den gleichen Zeitschriften betroffen wird, ist genau so zu behandeln wie jene Hetzer selbst! Thomas Mann, René Schickele, Alfred Döblin, Stefan Zweig und Ödön Horváth gaben inzwischen die Erklärung ab, daß die Leitung der ‚Sammlung‘ sie über den Charakter der Zeitschrift getäuscht habe, daß sie nur für eine rein literarische Zeitschrift ihre Mitarbeit zur Verfügung gestellt hätten und jede Gemeinschaft mit der politischen Einstellung der ‚Sammlung‘ ablehnten. (...) Wir begrüßen diese Erklärungen“ 332

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F. H. Landshoff schreibt 1986 in dem Vorwort des zweiten Nachdrucks von Die Sammlung im Verlag Zweitausendeins, dass die schriftlichen Absagen von Thomas Mann, Schickele und Döblin, die wörtlich im Börsenblatt des deutschen Buchhandels erschienen, eine „unerwartete und unverdiente Desavouierung der Zeitschrift und des jungen Verlages“ bewirkten, welche „nicht nur die ‚Sammlung‘, sondern auch den gerade gegründeten Querido-Verlag schädigte und in seiner Existenz bedrohte“. Landshoff zitiert aus einem Brief von Hanns Johst, damals Intendant des Berliner Staatstheaters an Heinrich Himmler bezüglich des Herausgebers Klaus Mann: „Da dieser Halbjude schwerlich zu uns herüberwechselt, wir ihn also nicht aufs Stühlchen setzen können, würde ich in dieser wichtigen Angelegenheit doch das Geiselverfahren vorschlagen. Könnte man nicht vielleicht Herrn Thomas Mann, München, für seinen Sohn ein bißchen inhaftieren? Seine geistige Produktion würde ja durch eine Herbstfrische in Dachau nicht leiden, denn wir wissen ja aus unseren eigenen Reihen, welches famose Schrifttum gerade von nationalsozialistischen Häftlingen zur glücklichen Niederschrift kam...“ 333

Aus dieser perfiden Bedrohung durch Johst läßt sich ablesen, dass die Mitarbeit an einer Exilzeitschrift ein Politikum ersten Ranges war. Der französische Schriftsteller Romain Rolland scheint dies gewusst zu haben. Er schrieb ein Telegramm an Klaus Mann:

« Cher Klaus Mann

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j'ai entendu dire que votre premier No. de ‘Die Sammlung’ vous avait valu quelques désaveux de vos collaborateurs allemands, parce que votre revue ne s'était pas tenue sur le plan strictement littéraire et qu'elle avait touché à la politique. Cette étrange nouvelle m'a bien surpris: car je n'imagine pas comment Victor Hugo, à Guernsey, aurait pu se tenir en dehors de la politique; et s'il s'y était tenu, je n'aurais eu guère d'estime pour lui... » 334

Die Erklärungen von Thomas Mann, Schickele und Döblin spiegeln nach Meinung von Landshoff eine ‚Spaltung innerhalb des Exils‘. Horváths Erklärung erwähnt er nicht. 335

Der Rückzug der Unterschrift Horváths von der Protesterklärung des P.E.N. im Mai 1933 und die Distanzierung von der Emigrantenzeitschrift Die Sammlung im September 1933 bilden die wichtigsten Voraussetzungen für seinen Eintritt und die Aufnahme in den RDS im Juli 1934. Diese Schritte bedeuteten eine klare Absage an die literarische Emigration, die sich im Ausland formierte und gegen den Nationalsozialismus mit literarischen Mitteln kämpfte.336 Spontaneität in Bezug auf Horváths Eintritt in den RDS ist nur insofern gegeben, als die verunglückte Ehe mit der Sängerin Maria Elsner für ihn den Ausschlag gegeben haben mag, sich schon ab Januar 1934 nicht länger in Wien aufzuhalten und nach Deutschland zurückzukehren. Wenn er dort schriftstellerisch arbeiten wollte, musste er in den RDS eintreten, eine Tatsache, die Horváth bekannt war.

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Horváth war schon seit Februar 1933 bemüht, eine offene Auseinandersetzung mit den Nationalsozialisten zu vermeiden. Wegen der langen Vorarbeiten Horváths für die Möglichkeit unter dem Nationalsozialismus in Deutschland zu arbeiten und sein Verhalten im Zusammenhang mit dem P.E.N.-Club- Treffen und Die Sammlung als Voraussetzung für seinen Eintritt in den RDS ist die These der spontanen Aktion im Sinne einer unbedachten Kurzschlusshandlung ohne Belang.

Im folgenden Kapitel wird - teilweise in Ergänzung zu dem Kapitel Horváths persönliche Situation vor dem Eintritt in den RDS - die These untersucht, inwieweit ökonomische Ursachen für Horváth der Grund gewesen sein mögen, nach Deutschland zurückzukehren und dem RDS beizutreten.

2)  DIE THESE DES BROTERWERBS

Ödön von Horváth hatte zusammen mit Erik Reger, dem Verfasser des Romans Union der festen Hand, erschienen bei Rowohlt am 24.05.1931, am 25. Oktober 1931 den mit 1500 DM dotierten Kleist- Preis 1931 erhalten.337

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Verantwortlich für die Verleihung war Carl Zuckmayer.

Am 17. Oktober 1931 hatte der Ullstein- Verlag die Annahme der Geschichten aus dem Wienerwald in das Verlagsprogramm bestätigt, die bald darauf im Propyläen-Verlag als Buchausgabe erscheinen.338 Die Verleihung des Kleist- Preises an Horváth wurde von der rechtsorientierten Presse scharf angegriffen.339

Horváth war bei dem Berufungsverfahren (26. - 31. Oktober) wegen der Murnauer Saalschlacht erneut als Zeuge geladen und wurde in diesem Zusammenhang im Völkischen Beobachter am 30.10.31 als „Bolschewist des Salons“ tituliert. Am 02. November 1931 wurden die Geschichten aus dem Wienerwald im Berliner Deutschen Theater Max Reinhardts unter der Regie von Heinz Hilpert uraufgeführt und bis einschließlich 09.12.31 sechsunddreißig Mal gespielt. Verschiedene Abdrucke einzelner Szenen folgen in deutschen und österreichischen Zeitungen: Tempo, Der Wiener Tag u.a.

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Am 04.11.31 erscheint im Berliner Tageblatt eine sehr gute Kritik des wichtigsten Literaturkritikers der späten Weimarer Republik Alfred Kerr:

„Eine stärkste Kraft unter den Jungen, Horváth umspannt hier größere Teile des Lebens als zuvor. (...) Jetzt malt er (...) ein ganzes Volk.“ 340

Die Rezension des bekanntesten und meistgehassten Kritikers Deutschlands dieser Zeit (die Bücher Alfred Kerrs wurden bei den Bücherverbrennungen verbrannt. Anm. d. V.) trug ebenso zu weiteren Publikationen und damit verbundenen Mehreinnahmen Horváths bei.

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Am 10. November hielt sich Horváth bei Eleonore und Francesco von Mendelssohn in Berlin- Grunewald auf. Der Ullstein- Verlag teilte Horváth die Verlängerung seines Vertrags bis Ende 1932 mit. Er erhielt jetzt monatlich 500 Reichsmark.

Im Februar 1932 brachte der Arcadia- Verlag in Berlin einen Überblick über Geschichten aus dem Wienerwald im Urteil hervorragender Berliner Kritiker anlässlich der Uraufführung und zitierte u.a. Julius Bab (Berliner Volkszeitung), Bernhard Diebold (Frankfurter Zeitung), Erich Kästner (Neue Leipziger Zeitung), Alfred Kerr (Berliner Tageblatt), Rudolph Lothar (Neues Wiener Journal), Kurt Pinthus (8-Uhr-Tageblatt) und Alfred Polgar (Die Weltbühne).

Der Verlag kündigte an, dass Geschichten aus dem Wienerwald im Theater in der J o sephstadt in Wien und Italienische Nacht im Komödienhaus in Leipzig gespielt werden. Beide Inszenierungen kamen jedoch nicht zustande.341

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Die ideologischen Auseinandersetzungen der Zeit beeinflussten zunehmend Intendanten, aus Angst vor Anschlägen der in Deutschland erstarkenden Rechtsradikalen Vorsicht bei der Auswahl ihrer Stücke walten zu lassen.

Wegen der rassistischen Hetze gegen den „Heimatlosen“ bzw. „Ungarn“ Horváth im Herbst 1931 äußerte sich auch die linksorientierte Presse zurückhaltend. Selbst die Zeitschrift des SDS publizierte aus Anlass der Kleist- Preisverleihung an Horváth im Oktober 1931, ganz im Gegensatz zu ihrer früheren Berichterstattung, lediglich eine kurze Notiz unter Nennung der Namen Horváth und Reger.342 Am 07.11.1932 bestätigte der Ullstein-Verlag Horváth „auf Grund gegenseitigen freundschaftlichen Übereinkommens“ die Lösung des Vertrages zum Ende des Jahres 1932.

Am 10. November schrieb ihm der Ullstein-Verlag Folgendes: „Da der Absatz Ihres Buches Der ewige Spießer seit längerer Zeit außerordentlich zurückgegangen ist, können wir nicht erwarten, die Bestände auf reguläre Weise zu verwerten. Wir heben daher den Ladenpreis jetzt auf und verkaufen die Bestände zu einem niedrigeren Preise.

▼ 620 

Den mit Ihnen verabredeten Tantiemesatz werden wir Ihnen vom vollen uns zufließenden Erlös vergüten und Abrechnung über die so verkauften Bestände statt im April nächsten Jahres möglichst schon im Laufe des Januar Ihnen erteilen.“ 343

Am 18.11.32 fand die Uraufführung von Kasimir und Karoline im Schauspielhaus Leipzig unter der Regie Francesco von Mendelssohns statt: es folgten lediglich noch zwei Aufführungen am 19. und 21.11. des Jahres.

Am 25.11.32 wurde noch die Berliner Premiere von Kasimir und Karoline aufgeführt. Die Kritiken der liberalen Kritiker fielen nicht so euphorisch wie nach den Geschichten aus und die deutschnationale Presse attackierte Horváth:

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Paul Fechter schrieb in der Deutschen Allgemeinen Zeitung, indem er an die Geschichten aus dem Wienerwald erinnert, die „von einer Fiesität“ waren, die kaum noch überboten werden konnte. „Jetzt hat er für München eine zweite Auflage jener Komödie verfertigt und in ihr erfolgreich den Wettbewerb mit sich selber aufgenommen. Sie ist wirklich noch unsympathischer als die erste geworden.“ „Die ödeste Reportage, ohne den leisesten Versuch, den an sich bunten Stoff irgendwie und irgendwo geistig zu durchdringen.“ stand im Berliner Lok a lanzeiger. „Man kennt ja den Volkston des Herrn Horváth. Gehäufte Gemeinplätze, gehäufte Schmutzereien.“ 344

Am 23. Dezember 32 wurde Horváth von Ullstein eine gedruckte Ausgabe von Glaube Liebe Hoffnung zugesagt, „und zwar sobald uns das endgültige druckfertige Manuskript vorliegt. (...)

Was den Stand Ihres Kontos und Ihre Verpflichtungen zur Rückzahlung anbelangt, so erklärten Sie uns, zunächst nicht in der Lage zu sein von den monatlichen Ratenzahlungen, die der Kiepenheuer Verlag Ihnen im folgenden Jahre leistet, Teilbeträge an uns abzuführen, sagten aber zu, auch eine solche Regulierung für später in Erwägung zu ziehen.

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Jedenfalls erklärten Sie uns, daß Sie mit Einnahmen aus der Arbeit an Aufträgen zur Herstellung von Filmmanuskripten rechnen, und daß Sie uns diese zugängig machen werden. Sie sagten uns des Weiteren, daß Sie an einem neuen Roman arbeiteten, und daß Sie uns diesen für Abdruckszwecke zuerst einreichen würden, schon damit auf diese Weise, durch Verrechnung des Abdruckhonorars, etc., eine weitere Möglichkeit zur Abdeckung Ihres Kontos tunlichst gegeben ist.“ 345 Ende 1932 hatte Horváth demnach Schulden, offenbar weil der Verkauf seiner Bücher und die Tantiemen für die Bühnenstücke nicht mehr genug einbrachten. Am 02. Januar 1933 richtete Horváth an Gronle vom Ullstein-Verlag einen Brief, in dem er sich verpflichtet, den Rückzahlungen seiner Schulden „unter allen Umständen nachzukommen“.346

Horváth kritisierte, dass weder in Leipzig noch in Berlin seine Bücher erhältlich waren und dass der Arcadia- Verlag die für 1933 geplante Uraufführung von Glaube Liebe Hoffnung lieber ein Jahr verschieben würde.

Am 05. Januar informiert Horváth Gronle vom Ullstein- Verlag, dass Wilhelm Lukas Kristl von den geplanten ‚Berliner Aufführungen‘ von Glaube Liebe Hoffnung 45 % bekommen soll, „dafür muß er aber auch an meinen sämtlichen Unkosten zu 45% beteiligt sein. Diese Summe (seine 45%) beträgt bis heute RM 110,55, das sind fast nur Telefongespräche.“ 347

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Horváth war in dieser Zeit offensichtlich in finanziellen Schwierigkeiten.

In dieser Bedrängnis kam ihm der Kiepenheuer- Verlag zu Hilfe.

Am 19.04.1933 vereinbaren der Wiener Verleger Georg Marton und Fritz H. Landshoff vom Kiepenheuer- Verlag in Berlin, dass Marton den Vertrieb der Stücke Horváths im Ausland und Kiepenheuerin Deutschland übernimmt.

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Vom Marton- Verlag erhielt Horváth einen Vorschuss über 1200 RM und 400 Schilling.348 Während Hermann Kesten bereits im Ausland war, um die Exilabteilung des Amsterdamer Verlages Allert de Lange aufzubauen, arbeitete der Mitinhaber und Verlagsleiter des Kiepenheuer- Verlages Fritz H. Landshoff noch in Berlin. Der Verlag war in hoffnungslose Schwierigkeiten gekommen, da ungefähr achtzig Prozent der Autoren Linkskreisen angehörten und ihre Publikationen unerwünscht oder gleich verboten und beschlagnahmt waren. Ich hatte ein äußerst törichtes, beinahe preußisches Pflichtgefühl, der Gläubigerversammlung des Kiepenheuer- Verlages beiwohnen zu müssen, erinnert sich Fritz H. Landshoff, der sehr bald die deutsche Abteilung des Amsterdamer Querido Verlages leiten wird. Das bedrängte Haus Kiepenheuer sorgt für seine gefährdeten Autoren, wie für Arnold Zweig, der bei Verzicht auf ‚letzte Zahlungen‘, die zu leisten man ohnehin nicht in der Lage sein wird, seine gesamten Verlagsrechte zurückerhält. Für den Kiepenheuer- Autor Ödön von Horváth schließt Fritz H. Landshoff mit dem Wiener Marton Verlag noch die Vereinbarung, dass Marton den Auslandsvertrieb noch zu schreibender Horváth- Stücke übernimmt, während die Aufführungsrechte für Deutschland bei Kiepenheuer verbleiben sollen (wo sie nach der Liquidation nur noch Papierwert haben werden).“ 349 Mitte Juli wohnte Horváth in der Wohnung Franz Theodor Csokors im Wiener dritten Bezirk, Rennweg 41, „mit Blick auf die täglichen Leichenbegängnisse von meinem Fenster über den Rennweg zum Zentralfriedhof hinaus, Wasserleitung am Gang, wo sich der Kalk von der Mauer schält“ wie Csokor am 09.10.1933 an Ferdinand Bruckner schreibt und ihm berichtet, Horváth habe gesagt, „Nur so darf unsereins wohnen - mehr steht einem nicht zu!“ 350 Am 13.08.1933 verschickte der RDS ein Rundschreiben, in dem es heißt: „Der Generalangriff auf die Arbeitslosigkeit ist auf Befehl des Führers auf der ganzen Linie aufgenommen und schreitet sieghaft voran.

Es ist absolute Pflicht eines jeden Deutschen, die Regierung Adolf Hitlers in diesem gigantischen Kampf mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln weitgehendst zu unterstützen. Auch jeder deutsch denkende Schriftsteller hat sich unverzüglich in den Dienst dieser Sache des gesamten Volkes zu stellen.“ 351

Schriftsteller wurden von ihren deutschen Verlegern aufgefordert, sich politisch enthaltsam zu zeigen, damit ihre Bücher weiterhin auf dem deutschen Markt erscheinen und verkauft werden konnten.352

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Mitte September 1933 erschienen in einer Sondernummer der Deutschen Bühne „Richtlinien für eine lebendige Spielplangestaltung, aufgestellt vom dramaturgischen Büro des ‚Kampfbundes für deutsche Kultur‘ unter der Leitung von Alfred Rosenberg“.

Darin heißt es: „Der Spielplan eines deutschen Theaters muß einem deutschen Publikum wesens- und artgemäß sein; d.h. die dargebotenen Werke müssen in ihrer geistigen Haltung, in ihren Menschen und deren Schicksalen deutschem Empfinden, deutschen Anschauungen, deutschem Wollen und Sehen, deutschem Lebensernst und deutschem Humor entsprechen.

Da das Werk nicht von seiner Persönlichkeit und seiner blutgebundenen Wesensart zu trennen ist, dürfen auf einer deutschen Bühne in erster Linie nur deutschblütige Dichter zu Wort kommen, die ihre deutsche Art nicht verleugnen.

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Das deutsche Theater darf nicht wie bisher zum Tummelplatz artfremden oder in nationaler Beziehung charakterlosen Geistes sein.“ 353

Trotz dieser völkischen Theaterstrategie, die den Weg für die bis dahin Zu- kurz- Gekommenen der Weimarer Republik ebnen, eine Strategie, die sich auch in Österreich durchzusetzen beginnt, wird Horváths Unbekannte aus der Seine vom Georg Marton Verlag angenommen, wie am 16. September die Deutsche Bühne meldet.

Am selben Tag erhielt Horváth von diesem Verlag einen Vorschuss von 2500 Schilling für ein Stück, „dessen Titel noch nicht feststeht“.

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Dieser Vorschuss erhöhte sich „bei Überreichung des Manuskripts und nach erfolgter endgültiger Entscheidung wegen Inverlagnahme“ auf 5000 Schilling.354

Am 15. November meldete Die Deutsche Bühne Horváths Stück Hin und Her als Neuerwerbung des Marton Verlags, allerdings sollten nach einem Vertrag des Verlags mit dem Komponisten Hans Gàl über seine Mitarbeit an diesem Stück 25 Prozent der Tantiemen an diesen bezahlt werden.

Am 11.01.1934 - also kurz nach der Enttäuschung über die gescheiterte Ehe mit Maria Elsner - rechnete Horváth noch fest damit, dass die Aufführung von Die Unbekannte aus der Seine durch das Reinhardt- Seminar unmittelbar bevorstehe und Hin und Her voraussichtlich im Februar 34 herauskommt.

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Beide Inszenierungen werden jedoch nicht realisiert. Die Gründe dafür sind nicht eindeutig geklärt, allerdings ist anzunehmen, dass die heftigen Proteste der rechten Presse dafür mitverantwortlich waren.355

„Trotz erheblicher Anstrengungen kann Horváth bis zum März 1934 also keines seiner Stücke auf einer österreichischen Bühne zur Aufführung bringen.“ 356

Horváth, der nach der Hochzeit mit Maria Elsner einen dauerhaften Aufenthalt in Österreich geplant hatte, steht in Österreich nach seiner gescheiterten Ehe auch vor deutlichen finanziellen Problemen. Der Einfluss dieser Situation auf die Entscheidung nach Deutschland zu gehen, erscheint evident.

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Csokor berichtet am 09. Oktober in einem Brief an Ferdinand Bruckner, dass Horváth „beinahe traurig (ist), daß er wieder nach Murnau in Bayern hinaus soll, wo seine Eltern eine Villa besitzen. Allerdings will er von dort weg - das dritte Reich paßt ihm auch nicht, so möchte er nach Henndorf bei Salzburg übersiedeln, der Stammburg Carl Zuckmayers, der sich dort eine alte Mühle, die ‚Wiesmühle‘, herrlich eingerichtet hat.“ 357

Horváth war mit der Aufrechterhaltung seines Lebensunterhaltes stark beschäftigt und über Vertragsbedingungen und Verträge wegen Tantiemen und Nebenvereinbarungen mit anderen Beteiligten, Copyright- Vereinbarungen etc. genauestens informiert. Zu den aus beruflichen Misserfolgen resultierenden finanziellen Problemen Horváths treten zu Beginn des Jahres 1934 weitere Ereignisse, die vermutlich den Ausschlag für seine Rückkehr nach Berlin geben.358 Am 12. Februar wird Horváth Zeuge des in Österreich ausbrechenden Bürgerkriegs und am 21. Februar verlangt Maria Elsner die Scheidung, in die Horváth widerwillig einwilligt. Horváth fuhr im März 1934 vermutlich nach Berlin. Am 19. April schloss er den Vertrag mit dem Neuen Bühnenverlag im Verlag für Kulturpolitik GmbH einen Vertrag über Hi m melwärts, ohne allerdings einen Vorschuss zu erhalten. Nach Angriffen seitens der nationalsozialistischen Presse auf Heinz Hilpert, der am Deutschen Theater Horváths Drama Himmelwärts inszenieren wollte, schrieb Horváth am 18.06.34 seinen Brief an Dr. Willy Stuhlfeld vom Bühnenve r lag mit Bitte um Weiterleitung an das „Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda“, der an Dr. Rainer Schlösser geschickt wird (vgl. p. 35).359

Traugott Krischke schrieb zu diesem Punkt in Horváths Biographie:

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„Es ist ja bekannt, daß die Mitgliedschaft bei der RSK Voraussetzung war, publizieren zu dürfen. Stuhlfeld als Horváths Verleger mußte natürlich daran interessiert sein, daß Horváth sein ‚Salonbolschewisten- Image‘ möglichst rasch los wurde. Stuhlfeld war es ja auch, der den (von Jutta Wardetzky in ihrem Buch Theaterpolitik im faschistischen Deutschland, Berlin/Ost 1983, auf Seite 277 ff. abgedruckten) widerlichen Brief Horváths an das Reichspropagandaministerium in Abschrift weiterleitete, wenn nicht überhaupt veranlaßt hatte. (Die von Jutta Wardetzky als ‚unleserlich‘ bezeichnete Unterschrift ist eindeutig die von Stuhlfeld; das ist aus dem Original ersichtlich.)“

In der Zeit zwischen April und dem Aufnahmeantrag in den RDS am 11.07.1934 arbeitete Horváth vermutlich schon an Drehbüchern für den Film. Am 16. September 34 schrieb Horváth an seinen Freund Hans Geiringer in München: „Du machst Dir ja keine Ahnung, mit welchen Schwierigkeiten hier gefilmt wird, Zensur und dergl. - so daß alle Leut den Kopf ständig mit Zores vollhaben.-(...) Bei meinen sonstigen Filmen geht alles durcheinander.Den Kuß im Parlament hat er verboten, in Deutschland ist also damit nichts mehr zu machen. Vielleicht übernimmt ihn die amerikanische Fox, aber das ist nur sehr vielleicht.

Ob ich den Kean mache, ist mir noch nicht ganz klar. Er soll erst Anfang April erscheinen, so hätt ich also noch Zeit. Zur Zeit arbeite ich am Jux, alles andere ist noch in der Schwebe. Ich muß nun noch 2-3 Wochen hier bleiben, dann komme ich sicher nach München.“ 360 In dieser Zeit geht es Horváth offensichtlich finanziell gut. Am 21. September wird in Berlin ein Führerschein für ihn ausgestellt und am 01. Dezember bewohnt er mit Vera Liessem eine Wohnung in Berlin- Nicolasee. An seine Eltern schreibt er: „Es ist eine Villa und die zwei Zimmer sind sehr schön. Die Garage ist auch im Hause“.361

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Am 13. Dezember 1934 wurde am Zürcher Schauspielhaus Horváths Posse Hin und Her uraufgeführt. Horváth war bei der Aufführung nicht anwesend. Die Aufführung ist kein Erfolg, wie schon der Komponist der Bühnenmusik Hans Gàl Horváth gegenüber telefonisch nach der Uraufführung erklärt. 362 Das Stück wird in Zürich nur noch ein Mal aufgeführt.

Während die bayerische Polizei im Januar 1935 im Zuge einer allgemeinen Fahndungsaktion nach „Kommunisten, die anläßlich der nationalen Erhebung flüchtig gegangen sind“ auch nach Horváth fahndet, arbeitet dieser noch für die Minerva Tonfilm GmbH in Berlin. 363

Im April 1935 hielt sich Horváth nach Angaben des RDS in München auf, dort wohnte er in der Wohnung seiner Eltern, Maximilianstr. 15. 364

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In dieser Zeit zahlt er bereits keine Mitgliedsbeiträge an den RDS mehr. 365

Im Februar fand die österreichische Erstaufführung von Kasimir und Karoline in den Wiener Kammerspielen statt und das Stück erhält gute Kritiken.366 Ab August 1935 mietet sich Horváth in Pöcking am Starnberger See ein und ist ab 20. September wieder in Wien.

Als er seine Eltern im Sommer 1936 in Possenhofen besucht, wird ihm mitgeteilt, dass er binnen 24 Stunden Deutschland zu verlassen habe.

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Auf der Reise nach Prag besucht er noch einmal seine Eltern am 06. September 1937. Dort wagt er es kaum noch, die Wohnung seiner Eltern zu verlassen, weil er sich beschattet und verfolgt fühlt, eine Ahnung, die sicherlich berechtigt war.367

Aus seinem - immer von äußeren Umständen diktierten - Verhalten kann unter der Fragestellung, ob Broterwerb bei der Entscheidung Horváths, in den RDS einzutreten, eine Entscheidung spielte, meines Erachtens zusammenfassend Folgendes gesagt werden:

Zusammenfassung und Kommentar

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Der Begriff Broterwerb impliziert die Aufrechterhaltung der Subsistenz bzw. der physischen Existenz im Sinne physischen Überlebens.

In diesem Sinne kann davon im Falle Ödön von Horváths nicht die Rede sein.

Als Sohn des Fachberichterstatters des königl. ungarischen Handelsministeriums im Ausla n de für Serbien Dr. Edmund von Horváth, der seit 1914 mit einer Unterbrechung als Offizier im ersten Weltkrieg als Handelsattaché der österreichischen Botschaft in München tätig ist, hatte Horváth nach vorliegenden Erkenntnissen keine existenziellen Sorgen, was den Erwerb des Überlebensnotwendigsten anbelangt, und insofern erscheint der Ausdruck ‚Broterwerb‘ in dem hier behandelten Zusammenhang euphemistisch.

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Dennoch greife ich diese von Prof. Traugott Krischke gewählte Formulierung 368 auf, im Sinne von Aufrechterhaltung des Status Quo eines Schriftstellers, der durch sehr zahlreiche Auslandsreisen, Hotelaufenthalte usw. zwangsläufig große Ausgaben zu bewältigen hatte. Es ist davon auszugehen, dass Horváths Mittel im Vergleich zu 1932 bis nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten und Absetzung seiner Stücke ab Anfang 1934 stark eingeschränkt waren. Horváth hatte aber im Gegensatz zu vielen Emigranten, die entweder als Juden oder als Personen, die wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer von den Nazis verbotenen politischen Organisation manchmal mitsamt der Familie ins Ausland flüchten mussten, die Möglichkeit, als Alleinstehender bei Freunden unterzukommen, wovon er auch, wie oben bei Theodor Csokor beschrieben, bei seinem Freund Carl Zuckmayer Gebrauch machte.

Für die These des Broterwerbs als treibendes Motiv für Horváths Eintritt in den RDS spricht zunächst einmal der evidente Wunsch Horváths, seinen Lebensunterhalt unabhängig von seinen Eltern und Freunden in der oben beschriebenen Form, also im Sinne der Aufrechterhaltung des Status quo eines Schriftstellers, zu sichern. Horváth selbst hatte sich in diesem Sinne zu seiner Tätigkeit beim Film geäußert. Aufschlussreich sind die Entwürfe zu seinem letzten, im Exil geschriebenen Romanentwurf Adieu Europa:

Horváth schreibt: „Irrenhaus als Heimatland, Vaterland als Irrenhaus. Wehe denen, die einen (...) ‚geisteskranken Führer‘ als Chefarzt haben. (...) Darunter heißt es: ‚II Teil. Bleibe im Lande und nähre dich redlich!‘ Und dann ‚(Die 30 Silberlinge)‘.“

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Ian Huish fragt sich in seinem Essay über Adieu Europa, ob damit das Entgelt derjenigen gemeint ist (z. B. der Schriftsteller), die nicht emigrierten oder die, wie Horváth, nach Berlin zurückkehrten, um dort innerhalb des Systems als Mitglied des Reichsverbands Deutscher Schriftsteller weiter zu publizieren und zu arbeiten? In einem Vortrag zu dem Thema Was soll ein Schriftsteller heutzutage schreiben? schrieb Horváth: „Aber es gibt nur eine wahrhafte Zensur: das Gewissen! Und das dürfen wir nie verlassen. Aber ich habe es einmal verlassen, habe für den Film z.B. geschrieben wegen eines neuen Anzuges und so. Es war mein moralischer Tiefstand.“ 369 In diesen Sätzen wird Horváths Selbstkritik an seinem Verhalten deutlich. Gleichzeitig bestätigen die Sätze die These des Broterwerbs als wichtigsten Grund für den Eintritt. Die im Zusammenhang mit dieser Arbeit gestellte Frage geht allerdings über die einfache Erklärung hinaus, in dem Sinne, dass gefragt wird, ob es für Horváth zu diesem Schritt eine Alternative gab oder nicht.Die wachsende Angst vor sozialem Abstieg im Zusammenhang mit Geldsorgen steht ohne Zweifel hinter Horváths Entscheidung, in den RDS einzutreten.

Da im Falle Ödön von Horváths aber keine existenziellen Sorgen im Sinne des Existenzminimums bekannt sind, wird die ausschließliche Antwort: ‚Horváth ist nur aus finanziellen Gründen in den RDS eingetreten‘ der Komplexität der Frage nicht gerecht. Es stellt sich die Frage, warum er nicht eine Position gefunden hat, die ihm ermöglichte, sich mit seinen antifaschistischen Schriftstellerkollegen schon im Jahre 1933 zu solidarisieren, zu emigrieren oder wie Klaus Mann aus dem Exil heraus gegen den Faschismus zu kämpfen. Der Nachweis für den Broterwerb als Hauptmotiv reicht zur Erklärung für den Eintritt in den RDS und die Anbiederung an die Nazis im Falle Horváths, der die Schwächen und die Brutalität des heraufziehenden Nationalsozialismus so genau erkannt und in seinen Stücken umgesetzt hat, nicht aus. Im folgenden Kapitel wird die These untersucht, ob es sich bei seinem Eintritt in den RDS um einen Schritt handelte, der von dem Wunsch beeinflusst war, als Chronist seiner Zeit die Vorgänge im dritten Reich persönlich in Augenschein zu nehmen und schriftstellerisch aufzuarbeiten bzw. die Nationalsozialisten literarisch zu bekämpfen.

3)  DIE THESE, HORVÁTH SEI AUS KÜNSTLERISCHEN GRÜNDEN NACH DEUTSCHLAND ZURÜCKGEKEHRT („CHRONIST SEINER ZEIT“)

Horváth liebte Berlin. In autobiographischen Aufzeichnungen Horváths gibt es mehrere Hinweise darauf, dass diese Stadt für ihn eine besondere Anziehungskraft hatte. Am 30.10.1929 erschien im Kiepenheuer Verlag in Berlin eine Geschichte aus Horváths Kleiner Prosa, Das Fräulein wird bekehrt, in einer Anthologie, herausgegeben von Hermann Kesten: 24 neue deutsche Erzähler.370

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Im Vorwort von Hermann Kesten heißt es: „Es sind alles junge Schriftsteller, die an die Wirkung ihres Wortes, ja, an die Wirkung ‚ihres‘ neuen und jetzt vielleicht noch schwachen Wortes glauben, daß ein Schriftsteller notwendig ist in dieser korrumpierten und bedürftigen Welt (...) Und nach dem Wort des großen lebenden Schriftstellers Heinrich Mann wollen sie nützliche Schriftsteller sein, wobei sie wissen, daß nur das beste Wort und schönste Wort nützt, daß Pfuscherei und Charakterlosigkeit des Schriftstellers der Verderb der Literatur und der Welt sind.“ 371

Am 04. April 1930 rezensierte Heinrich Mann selbst diese Anthologie in der Literarischen Welt: „Kesten habe richtig gewählt, schrieb Heinrich Mann, aber ‚die Geschichten sind nicht nur hoffnungslos: sie lassen auch für alle anderen Geschichten, die noch erlebt werden können, keine Hoffnung zu‘. Heinrich Mann warf den jungen Erzählern vor, dass ‚kein Wort von Seele‘ fällt, ‚sie berichten, alle berichten und neigten zur Überschätzung der Zeit, des Zeitgemäßen und ihrer selbst‘.“ 372

In der autobiographischen Schrift Flucht aus der Stille oder das Werden eines neuen gesellschaftlichen Bewußtseins, in der Rohfassung entstanden wahrscheinlich schon nach dem Vertragsabschluß mit dem Ullstein Verlag am 11.01.1929, geht Horváth auf diesen Vorwurf Heinrich Manns ein: „Hier berührt sich das Problem mit dem Ausspruch: die junge Generation hat keine Seele, was natürlich ein enormer Quatsch ist. Es hängt mit dem verlorenen Kontakt, mit dem verlorenen oder geopferten Trieb zusammen. (Der immer mehr sich verlierende Kontakt zur äußeren Natur ist nur ein Triebverzicht zum Nutzen der Kultur.) Und nun das Wichtigste: bekanntlich braucht man zum denken einen Stuhl, auf dem man sitzt. Es hat sich allmählich herumgesprochen, daß das Materielle unentbehrlich ist. Und das bietet dem jungen Schriftsteller nur Berlin, von allen deutschen Städten. Berlin, das die Jugend liebt, und auch etwas für die Jugend tut, im Gegensatz zu den meisten anderen Städten, die nur platonische Liebe kennen. Ich liebe Berlin.“ 373

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Horváth erwähnt hier Berlin ausdrücklich als Ort, der Schriftstellern ein materielles Auskommen ermöglicht. Das in seiner Einfachheit rührende Bekenntnis zu einer Stadt ist auch im Zusammenhang dieser Arbeit aufschlussreich. Die Liebe zu Berlin wird selbstverständlich eine entscheidende Rolle bei Horváths Entscheidung gespielt haben, 1934 dorthin zurückzukehren.

Horváth begriff sich selbst als „heimatlos“: Im Februar 1929 erschien in der Ullstein-Zeitschrift Der Querschnitt ein autobiographischer Text Horváths: Fiume, Belgrad, Budapest, Preßburg, Wien, München. Darin heißt es:

„Sie fragen mich nach meiner Heimat, ich antworte: ich wurde in Fiume geboren, bin in Belgrad, Budapest, Preßburg, Wien und München aufgewachsen und habe einen ungarischen Paß - aber: ‚Heimat‘? Kenn ich nicht. Ich bin eine typisch alt österreichisch- ungarische Mischung: mein Name ist magyarisch 374, meine Muttersprache ist deutsch. Ich spreche weitaus am besten Deutsch, schreibe nunmehr nur Deutsch, gehöre also dem deutschen Kulturkreis an, dem deutschen Volke. Allerdings: der Begriff ‚Vaterland‘, nationalistisch gefälscht, ist mir fremd. Mein Vaterland ist das Volk.

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Also, wie gesagt: Ich habe keine Heimat und leide natürlich nicht darunter, sondern freue mich meiner Heimatlosigkeit, denn sie befreit mich von einer unnötigen Sentimentalität (...)

Ich weine dem alten Österreich- Ungarn keine Träne nach. Was morsch ist, soll zusammenbrechen, und wäre ich morsch, würde ich selbst zusammenbrechen, und ich glaube, ich würde mir keine Träne nachweinen.“ 375

Interessant sind auch seine Ausführungen zu „Nationalismus“: „Manchmal ist es mir, als wäre alles aus meinem Gedächtnis ausradiert, was ich vor dem Kriege sah. Mein Leben beginnt mit der Kriegserklärung. Und es widerfuhr mir das große Glück erkennen zu dürfen, daß die Ausrottung der nationalistischen Verbrechen nur durch die völlige Umschichtung der Gesellschaft ermöglicht werden wird. Das ist mein Glaube. Lächeln Sie nicht! Dadurch, daß eine Erkenntnis oft als Schlagwort formuliert wird, verliert sie nichts von ihrer Wahrheit. Worauf es ankommt, ist die Bekämpfung des Nationalismus zum Besten der Menschheit (...) - denn das Herz der Völker schlägt im gleichen Takt, es gibt ja nur Dialekte als Grenzen.“ 376

▼ 640 

Aus diesen Zeilen spricht, von 1929 aus gesehen, ein revolutionärer Internationalismus. Horváths Biographie war international geprägt, und als Kosmopolit zog er daraus die in dieser Zeit revolutionäre Lehre, dass jeder Nationalismus schädlich sei, da das Herz der Völker im gleichen Takt schlägt. 377

Sein Internationalismus hilft aber bei der Beantwortung der Frage, warum er 1934 nach Berlin ging und in den RDS eintrat, nur insofern weiter, als damit ausgeschlossen werden kann, dass er diesen Schritt aus Sentimentalität ging.

Der Liebe zu Berlin stand sein Internationalismus entgegen: Berlin war nur eine von vielen Möglichkeiten, aber sicherlich nach der Machtergreifung die, welche am meisten Konzessionen bezüglich der Verleugnung seines eigenen - auf jeden Fall nicht völkischen - Standpunkts verlangte.

▼ 641 

Wieder stellt sich unter Berücksichtigung seiner vorliegenden Aussagen gegen Nationalismus die Frage, warum die Nationalsozialisten Horváth überhaupt in ihren RDS hineingelassen haben. Hätten sie das bis zu dieser Zeit publizierte Material Horváths genauer analysiert bzw. seine Botschaft verstanden, wäre die Aufnahme unmöglich erschienen.

Aus diesem Blickwinkel erscheint Horváths Eintritt wie ein gelungener Streich im Sinne von: ‚Einen Jux will er sich machen‘.

Es ist bedauerlich, dass zur Zeit nichts über die Beziehung von Horváth zu dem als Bürgen genannten Schmidt- Pauli bekannt ist.

▼ 642 

Die Bürgschaft des Hitler- Biographen Schmidt- Pauli und des Verlagsleiters Stuhlfeld für Horváth bei seinem Eintritt in die RSK entbehrt trotz der Bitterkeit, die in der Grausamkeit der NS-„Literatur“- Schaffenden gegen jüdische und linksintellektuelle Schriftsteller liegt, nicht einer gewissen Komik.378

Der Grund für Schmidt-Pauli, für Horváth als Bürge zur Verfügung zu stehen, mag der Wunsch gewesen sein, diesen für die Verbreitung völkischen Gedankenguts zu gewinnen.

Die ungarische Staatsbürgerschaft Horváths stand dem Beitritt in den RDS nicht im Weg, da Horváth kein Jude war. Das Nazi- Regime brauchte Leute wie Horváth.

▼ 643 

Gerade die Tatsache, dass Horváth Volkstheater geschrieben hat, mag Schmidt-Pauli dahingehend missverstanden haben, dass nach einiger Überzeugungsarbeit Horváth auch erbauliche Literatur im nationalsozialistischen Sinne produzieren würde. Außer aus einigen HJ-Lyrikern und Parteischriftstellern setzte sich der Kreis der repräsentativen „volkhaften Autoren“ aus älteren Schriftstellern zusammen, die mit dem Förderungsprogramm der Literaturpolitik als Vertreter einer „volkhaften Dichtung“ übernommen wurden. Diese Methode der Übernahme kennzeichnet die NS- Schrifttumspolitik, die so versuchte, die „geistigen Grundlagen“ des Dritten Reiches historisch zu belegen und dem weltanschaulichen Ideengut eine geistesgeschichtliche Rechtfertigung zu geben.379

Für die Schaffung einer „Literatur aus dem Volk für das Volk“ im Sinne des völkischen Sendungsbewusstseins bestand ein Bedarf an volkstümlichen Schriftstellern.

Es ging darum Leitbilder von Heldentod und Opferbereitschaft, Soldatenschicksale, Darstellungen tapferer Kriegerwitwen usw. zu transportieren Die Reinheit der Rasse und die Treue zur Scholle waren Inhalte der Heimat- und Bauernromane, die Ereignisse des Dorfes, des Auslanddeutschtums und der Sippe schilderten. Literatur wurde nach den Vorbildern der „Großdeutschen Kunstausstellungen“ Münchens angewendet. Dort wurden Hitlerportraits, Darstellungen aus dem Milieu des Krieges, Motive aus dem Leben der Parteiorganisationen, vom Autobahnbau, der deutschen Landschaft, wo „nordische Köpfe“, Aktdarstellungen und fotogetreue Schilderungen der Bauern- und Arbeiterwelt als vorbildliche Kunstschöpfungen gezeigt. „Volkhafte Dichtung“, die von Paul Ernst bis zu Hans Zöberlein reichte, waren vor allem Erlebnisberichte der beiden Weltkriege, der politische Zeitroman, „KdF- und RAD- Erzählungen“, „Feierstundenlyrik“, der „Heimat- und Bauernroman“ und die nordische Epik der skandinavischen und flämischen Autoren.

▼ 644 

„Mit der Heimatkunst und den ‚Lyrikern im Braunhemd‘ erhofften sich die Kulturführer des Dritten Reiches eine neue Literaturepoche, die alle Anschuldigungen gegen die ‚Kulturbarbarei‘ Lügen strafen und den Nationalsozialismus als einen großzügigen Treuhänder und Schützer des „Landes der Dichter und Denker“ bestätigen sollte.“ 380

Im Kontext dieser Literaturstrategie steht auch der Versuch einer Vereinnahmung Oskar Maria Grafs durch die Nationalsozialisten, denen Graf trotzig sein „Verbrennt mich!“ entgegen schleuderte. 381

Es ist möglich, dass auch Schmidt-Pauli mit Horváth solche Pläne verfolgte, allerdings ist darüber zur Zeit nichts bekannt.

▼ 645 

Gleichzeitig drängt sich die Frage auf, ob Horváth selbst den Kontakt zu nationalsozialistischen Kreisen gesucht hat, um die deutsche Variante des Faschismus von innen zu studieren.

Die These, Horváth habe in Deutschland 1934 die Nationalsozialisten beobachten und dieses Material für ein Theaterstück nutzen wollen, kommt als Tatsache sich darstellende These in unterschiedlichen Variationen immer wieder vor. So schrieb Benno von Wiese: „1934 kehrt Horváth vorübergehend nach Berlin zurück, weil er den Nationalsozialismus an Ort und Stelle für ein Theaterstück studieren will. Offensichtlich unterschätzte er die Gefahr, die ihm selber drohte.“ 382 Um Schönschreiberei handelt es sich in der 1975 (also 13 Jahre vor Erscheinen der Horváth- Chronik Traugott Krischkes, Anm. d. Verf.) geschriebenen Kurzbiographie Benno von Wieses klar erkennbar in der Passage, in welcher die Eheschließung am 27.12.1933 mit Maria Elsner wie folgt begründet wird: „...um ihr auf diese Weise zu einem ungarischen Paß zu verhelfen,...“ 383 Dieses Motiv war vermutlich der Beweggrund für Maria Elsner, Horváth zu heiraten, nicht aber umgekehrt.384 Diese Darstellung Benno von Wieses ist eine der zahlreichen Interpretationen, die sich in geschönten Horváth- Biographien finden und einer genauen Untersuchung nicht standhalten.

Die gleiche Lesart findet sich in dem von Jean- Michel Palmier geschriebenen Vorwort einer 1982 erschienenen französischen Übersetzung von Jugend ohne Gott. Palmier spricht von Horváths Plänen, eine Art Zweitauflage der Italienischen Nacht zu planen, weshalb er Hitlers Triumph und die Reaktionen des Volkes studieren müsse.385

▼ 646 

Diese Lesart leistet der Heroisierung und Schaffung eines antifaschistischen Schriftstellermythos Vorschub und verkennt die wahren Ursachen für Horváths Aufenthalt in Berlin. Die Darstellung ist allerdings in Bezug auf die Schilderung, Horváth habe sich nach Berlin begeben, um Material für ein Stück zu sammeln, nicht verwunderlich, wenn man von der engen Freundin Horváths, Hertha Pauli, in ihrem Buch über die Emigration Ein Riß der Zeit geht durch mein Herzfolgende Passage liest: „ ‚Ich hab' eine Braut mitgebracht‘ - so hatte Ödön sie zum ersten Mal mir gegenüber erwähnt, wieder in irgendeinem Wiener Kaffeehaus, bei unserem ersten Wiedersehen nach seiner Scheidung. Er kam eben aus Berlin zurück, wo er für ein Buch, das er im Kopf hatte, die Nazis persönlich an Ort und Stelle in Augenschein nehmen wollte. Sie seien ‚tierisch‘ versicherte er mir; aber seine Braut werde mir gefallen.“ 386 Horváths Darstellungen der Nazis sind zahlreich und schon aus seinen Werken vor der Machtergreifung ist es richtig zu folgern, dass er als Chronist des aufkommenden Nazireichs tätig war, weil er ‚den Leuten aufs Maul schaute’, sei es auf Volksfesten, auf der Straße oder in öffentlichen Gaststätten, in denen er oft und gern verkehrte. Er benutzte das dort gesammelte Material in seinen Werken und seine Schilderungen der Nazis, über die er sich oft lustig machte, sind zahlreich. Meistens stellte er sie als brutal und verblödet dar, gerne zeichnete er sie auch als feige, wie ich in Ergänzung zu den Kapiteln Italienische Nacht und Wie der Tafelhuber Toni seinen Hitler verleugnete in diesem Kapitel noch an einem Beispiel aus Der ewige Spießer deutlich machen möchte: „ ‚Hoffentlich erlaubts mir unser Herrgott noch, daß ichs erleb, wie alle Sozis aufgehängt werden’ , sagte der Hofrat. ‚Verlassen Sie sich auf den dort oben’, sagte der Mann. ‚Über uns ist jetzt der Berg Isel’ sagte der Hofrat. ‚ ‚Andreas Hofer’ sagte der Mann und fügte hinzu: ‚Die Juden werden zu frech’. Der Hofrat klapperte mit dem Gebiß. ‚Den Halsmann sollens nur tüchtig einsperren bei Wasser und Brot!’ krähte er. ‚Ob nämlich der Judenbengel seinen Judentate (Anm. ‚Tate’ ist jiddisch für ‚Vater’) erschlagen hat oder nicht, das ist wurscht! Da geht’s um das Prestige der österreichischen Justiz, man kann sich doch nicht alles von den Juden gefallen lassen!’ ‚Neulich haben wir einen Juden ghaut’, sagte der Mann. ‚Ah geh, wirklich?’ freute sich der Hofrat. ‚Der Jud war allein’, sagte der Mann ‚’und wir waren zehn, da hats aber Watschen ghagelt! Heimwehrwatschen!’ Der Hofrat kicherte. ‚Ja, die Heimwehr!’, sagte er ‚Heil!’ rief der Mann. ‚Und Sieg!’ sagte der Hofrat. ‚Und Tod!’ rief der Mann.“ 387 Wie schon im Sladek und in der Italienischen Nacht stellt Horváth in dem im Januar 1929 fertig gestellten Roman Der ewige Spießer „Sieg Heil“ schreiende antisemitische Heimwehrleute als feige und unmenschlich dar.

Der Hofrat, Vertreter der gutbürgerlichen Schicht, wird von Horváth ebenfalls denunziert: er prügelt nicht selbst, zeigt aber seine offene Freude für die feigen Heimwehrleute, außerdem entlarvt ihn sein unmenschliches Strafbedürfnis gegenüber allen Sozis und Juden, wobei er sich nicht scheut, auch seinen Herrgott um Beistand zu bitten. Horváth ist vor der Machtergreifung ein treuer Chronist seiner Zeit und die Annahme, der Wunsch Horváths, weiterhin als Chronist tätig zu sein, hätte auch im Jahre 1934 die entscheidende Rolle gespielt die Aufgabe, ist zunächst nicht abwegig.

Der Wunsch, eine unbefleckte Schriftsteller- Biographie zu erstellen war allerdings oft der Vater des Gedankens bei der Abfassung biographischer Einzelheiten aus Horváths Leben: „Jedoch leiten die Nationalsozialisten neue Untersuchungen gegen ihn ein, und so benutzt er die Uraufführung seiner Posse Hin und Her in Zürich am 13. Dezember 1934, die das Thema von Ausweisung und vergeblichem Grenzübertritt auf humoristisch satirische Weise behandelt, um gemeinsam mit der Schauspielerin Vera Liessem Deutschland so schnell wie möglich zu verlassen. Als er im Sommer 1936 seine Eltern in Possenhofen besucht, wird ihm mitgeteilt, daß er binnen 24 Stunden Deutschland zu verlassen habe, da ihm die Aufenthaltserlaubnis entzogen sei.“ 388 Die Aussage, dass Horváth die Uraufführung der Posse Hin und Her in Zürich nutzte, um mit Wera Liessem zu fliehen, ist falsch. „Aus einer Notiz des RDS geht hervor, daß Horváths Adresse nicht mehr Berlin-Nicolassee ist, sondern München, Maximilianstr. 15, die Wohnung seiner Eltern.389

▼ 647 

Im August 1935 mietet sich Horváth für sechs Wochen in Pöcking am Starnberger See ein.390 Horváth hielt sich also noch bis Herbst 1935 in Deutschland auf, davon mehrere Monate in Berlin, um dort an Filmszenarios zu arbeiten. Die Stilisierung der antifaschistischen Schriftstellerbiographie Horváths gedieh am weitesten bei seinem Freund Theodor Csokor. Und wer Horváth aus den Nachkriegspublikationen kennenlernt, erhält das Bild eines jungen Schriftstellers, der 1933 freiwillig seinen deutschen Wohnsitz aufgibt und fortan entschieden ‚mit seinem gesamten Schaffen über den Herzenswinter dieser Zeit’ Stellung gegen den nazistischen Terror bezieht. „Csokor geht so weit, aus seinen 1964 publizierten Briefen der Jahre 1933 – 1950 auch aus jenem Zeitraum, in dem sich Horváth nachweislich in Deutschland aufgehalten hat, ausschließlich Schreiben aufzuführen, die er an einen in Wien lebenden Horváth gerichtet haben will.“ 391

Christian Schnitzler schreibt, dass nirgends in seinen Korrespondenzen auch nur ein indirekter Hinweis auf den achtzehnmonatigen Aufenthalt des engen Freundes im Dritten Reich vorhanden ist, er aber gleichwohl mit seinen sehr persönlichen Grüßen vom 2. Juli 1934 an „die brave ‚Katze’ “ Wera Liessem auf eine Person Bezug nimmt, die Horváth erst im September 1934 in Berlin kennenlernt und die auch nicht vor September 1935 nach Österreich einreiste. „Anhand im Nachlaß Ferdinand Bruckners ausfindig gemachter Dokumente kann nun zweifelsfrei nachgewiesen werden, daß den von Csokor publizierten Briefwechseln keinesfalls der Rang authentischer Materialien zukommt. So weichen die informierenden Briefpassagen in Csokors weitgehend erhalten gebliebenen Korrespondenzen mit Bruckner in Wortlaut und Sinn erheblich von den später veröffentlichten Fassungen ab: Aussagen wie die oft zitierte Mitteilung vom 9. Oktober 1933, nach der Horváth seine Eltern im bayerischen Murnau eher widerwillig besuche und eigentlich nach Henndorf bei Salzburg übersiedeln wolle, da ihm ‚das dritte Reich auch nicht‘ passe, oder jene Schilderung vom 29. Dezember 1935, der zufolge es mit dem im Dritten Reich als entartet verboten[en] Horváth ‚eine wirkliche Tragödie’ sei, finden sich in den Originaltexten überhaupt nicht. Andere Briefpassagen, in denen Horváth tatsächlich erwähnt wird, geraten in den publizierten Briefen zu extrem stilisierenden generell apologetischen Darstellungen des befreundeten Schriftstellerkollegen.“ 392 Diese Briefe dokumentieren, wie dem Horváth- Mythos schon zu dessen Lebzeiten Vorschub geleistet wurde.

Die traurige Inszenierung der Unwahrheit erhellt aber gleichzeitig die Angst eines Intellektuellen, der aus Sentimentalität Lügen in die Welt setzt, um die Nachwelt zu täuschen bzw. das ständige Bangen vieler Schriftsteller um ihre Stellung in der Literaturgeschichte, die Csokor offensichtlich bei Horváth stark gefährdet sah. Die Tatsache, dass es sich dabei nicht um Selbststilisierung, sondern um die eines Freundes handelte, spricht nur vordergründig für ihn. Der Grund für seine Fälschung liegt meines Erachtens in der Scham, die er über Horváths Verhalten empfunden haben muss. Er liebte Horváth einfach zu sehr, um die Wahrheit ertragen zu können und so versuchte er sie zu ändern.393

▼ 648 

Horváth hatte selbst Material geliefert, das der Ansicht, er habe als Chronist die Vorgänge im Dritten Reich persönlich in Augenschein nehmen wollen, Vorschub leistete.

Im November 1932 verfasste Horváth eine Gebrauchsanweisung. Darin formulierte er: „Nun besteht aber Deutschland, wie alle übrigen europäischen Staaten zu neunzig Prozent aus vollendeten oder verhinderten Kleinbürgern, auf alle Fälle aus Kleinbürgern. Will ich also das Volk schildern, darf ich natürlich nicht nur die zehn Prozent schildern, sondern als treuer Chronist meiner Zeit, die große Masse. Das ganze Deutschland muß es sein.“ 394

Dieses viel zitierte Bekenntnis Horváths, ein ‚treuer Chronist seiner Zeit‘ zu sein, konnte den Gedanken nahelegen, dass er einen Aufenthalt in Hitler-Deutschland aus künstlerischen Gründen eingelegt habe. Horváth fühlte sich von unheimlichen Ereignissen stark angezogen: „Alle meine Stücke sind Tragödien - sie werden nur komisch, weil sie unheimlich sind.“ bzw. „Für mich ist die Komik etwas Tragisches. Ich schreibe Tragödien, die nur durch ihre ‚Menschlichkeit‘ komisch sind.“ 395

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Horváths Liebe für Unheimliches, Zwerge, Geisterbahnen usw. legt durchaus die These nahe, dass ihn der Nationalsozialismus auch motivisch gereizt hat.

All diese Gründe können jedoch nicht zu den entscheidenden Kriterien gerechnet werden, die seine Entscheidung für Berlin 1934 beeinflussten.

Klaus Mann, der nach Horváths endgültigem Verlassen Deutschlands Ödön von Horváth 1936 in Amsterdam traf, beschrieb in Der Wendepunkt dessen esoterisch irrationalen Ängste: „Der Dichter (Joseph - Anm. d. Verf.) Roth beging langsam Selbstmord, trank sich mählich zu Tod, inmitten der Bewunderer und Kollegen. Etwas bedenklich stand es auch um einen anderen Poeten, der uns zuweilen in Amsterdam besuchte: Ödön von Horváth, den ungarischen Dramatiker und Romancier. Zwar trank er nicht soviel, sprach auch kaum je vom Kaiser, indessen fehlte es seiner Konversation doch nicht ganz an alarmierenden Zügen. Horváth, eine der merkwürdigsten dichterischen Begabungen seiner Generation, plauderte für sein Leben gern über seltsame Unglücksfälle, groteske Krankheiten und Heimsuchungen aller Art. Auch Gespenster, Hellseher, Wahrträume, Halluzinationen, Ahnungen, das Zweite Gesicht und andere spukhafte Phänomene spielten eine Rolle in seinem Gespräch, welches übrigens durchaus nicht in bangen Flüstertönen, sondern mit jovialer, oft recht lauter Heiterkeit geführt wurde. Horváth hatte nichts vom Hysteriker oder vom pedantisch düsteren Liebhaber des Okkulten; eher zeichnete er sich durch robuste Gesundheit und Genußfähigkeit aus. Er wußte aber viel von der Angst, von jenem tiefen, lähmenden Unbehagen, welches Freud als ein zentrales Element unserer Kultur erkannt hat und dessen Überhandnehmen vielleicht das eigentlich entscheidende, verhängnisvolle Ereignis der Epoche bedeutet.

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‚Vor den Nazis habe ich keine so sehr große Angst’, stellte Horváth fest. ‚Es gibt ärgere Dinge, nämlich die, vor denen man Angst hat, ohne zu wissen warum. Ich fürchte mich zum Beispiel vor der Straße. Straßen können einem übelwollen, können einen vernichten. Straßen machen mir angst.“ 396

Seine Vorliebe für Abstrusitäten wird der Entscheidung, 1934 in den RDS einzutreten, nicht im Wege gestanden haben. Die Nazis machten ihm nach eigener Aussage weniger Angst als Straßen. Zu Recht, wie sich später herausstellte: Klaus Mann berichtet über Horváths Ängste im Zusammenhang mit seinem tragischen Unfalltod auf den Champs Elisées am 01. Juni 1938. Die eigene Definition ein ‚Chronist seiner Zeit‘ zu sein, sowie die Liebe zu Berlin mochten ihm den Schritt, 1934 nach Deutschland zurückzukehren, erleichtert haben.

Den Ausschlag gaben diese Gründe jedoch keineswegs. Der Grund für diese Fehlinterpretation liegt vor allem in der Darstellung seiner Freundin Hertha Pauli, die posthum ihrem Freund eine Rechtfertigung für seine Deutschlandepisode in der Nazizeit verschaffen wollte.

▼ 651 

In seinen Stücken und Romanen der Zeit zwischen 1934 und 36 sucht man vergeblich nach Elementen der politischen Satire: Der französische Germanist Claude François sieht in seinen Stücken Hin und Her, sowie Die Unbekannte aus der Seine keine gewichtigen Ansätze, die die Bezeichnung Satire rechtfertigten. 397

Es ist falsch zu behaupten, dass Horváth aus künstlerischen Gründen nach Deutschland zurückgekehrt ist. Die Wiederholung dieser These in der Sekundärliteratur auch noch der letzten Jahre ist ärgerlich: Gerhard Danzer nennt ihn in seinem Artikel Ödön von Horváth und die Unheimlichkeit des Daseins einen Rast- und Heimatlosen. Er unterschlägt die ihm als gutem Horváth- Kenner zugänglichen biographischen Erkenntnisse, wenn er schreibt: „Natürlich konnten die Emigration und die neuen Lebensumstände Horváth nicht vom Schreiben neuer Dramen abhalten. Noch 1933 beendete er die Arbeiten an den Stücken Die Unbekannte aus der Seine sowie Hin und Her. 1934 folgte das Drama Himmelwärts, das aber nicht zur Aufführung gelangte. Da die deutschen Bühnen längst keinen Horváth mehr spielen konnten, verschlechterte sich seine finanzielle Lage merklich. Er beschloss daher, für einen Verlag eine Auftragsarbeit anzunehmen, die aber prompt mißlang und Ende 1935, als das Resultat Mit dem Kopf durch die Wand in Wien uraufgeführt wurde, bei Horváth zu beinahe depressiven Verstimmungen Anlaß gab.“

Dieser 1997 erschienene Aufsatz ist bezüglich des Abschnitts der Jahre 1933 – 1935 ärgerlich, da wieder trotz langer Zeit bekannter Tatsachen aus der Biographie Horváths die Becker- Periode unterschlagen und der Versuch unternommen wird, ein falsches Schriftstellerbild festzuschreiben. Die Gründe für Horváths Rückkehr nach Deutschland 1934 sind vielschichtig. Allerdings kann nachgewiesen werden, dass die Darstellung des unerschrockenen Schriftstellers, der sich unter Lebensgefahr sozusagen in die Höhle des Löwen begibt, um die Barbaren direkt in Augenschein zu nehmen, authentisches Material zu sammeln, das er dann im Kampf gegen den Faschismus gegen sie verwenden kann..., in den Bereich der Legende gehört. Horváth, der sich dem Kampf gegen Lüge und Dummheit verpflichtet fühlte, wird durch solche Darstellungen kein Gefallen getan.

▼ 652 

Im folgenden Kapitel wird der mögliche Einfluss anderer Schriftsteller auf Horváths Entscheidung untersucht, für nationalsozialistisch dominierte Institutionen künstlerisch zu arbeiten.

4)  DIE THESE, HORVATHS SCHRITT SEI VON DEM VERHALTEN ANDERER SCHRIFTSTELLER BEEINFLUSST GEWESEN

A)  Gerhart Hauptmann

Am 29.04.1993 antwortete der in Paris lebende Schriftsteller Francois Fejtö, der in seiner Jugend Ödön von Horváth kennen und schätzen gelernt hatte, in einem Interview auf Fragen zu Ödön von Horváth.

Die folgende Passage des Interviews bezieht sich auf Horváths Eintritt in den RDS:

▼ 653 

I: Wussten Sie, dass Ödön von Horváth, nachdem er 1932 in einem Prozess gegen die Nationalsozialisten ausgesagt hatte - daraufhin wurde das Haus der Eltern in Murnau von der Gestapo durchsucht - dass er nach seiner ersten Flucht aus Deutschland, nachdem schon Stücke von ihm abgesetzt worden waren, 1934 in die Reichsschrifttumskammer eingetreten ist?

Fejtö: Ja, davon habe ich gehört. Da war eine ganze Geschichte auch mit Gerhart Hauptmann. Mein Freund, der Baron von Hatvany, bei dem Ödön von Horváth und Thomas Mann bewirtet worden sind, war auch ein Freund von Gerhart Hauptmann. Ich erinnere mich nicht mehr genau daran, wie er und Thomas Mann davon gesprochen haben. Dass er noch Illusionen hatte, und ich glaube auch, von Gerhart Hauptmann überredet worden ist, dass er doch bleibe.

I: Also eine Möglichkeit zu finden, in Deutschland zu arbeiten.

▼ 654 

Fejtö: Wie Heidegger, Furtwängler...

I: Wie Gerhart Hauptmann selbst, Gottfried Benn...

Fejtö: Der Baron von Hatvany ist dem Gerhart Hauptmann 1934 oder 1935 in Venedig begegnet. Und als er den Gerhart Hauptmann auf der Straße erblickt hat, wollte er ihn nicht erkennen und ist auf die andere Treppe gegangen. Gerhart Hauptmann lief zu ihm und hat ihn am Arm gepackt. Er hat ihn gefragt: „Was willst du denn? Soll ich mit meinem Regenschirm den Niagarafall aufhalten?“ So hat er ihm erklären wollen, dass er doch in Deutschland bleiben wollte.

▼ 655 

I: Aber Horváth konnte ja nicht glauben, dass die Nazis jemals friedlich hätten werden können. Das musste Horváth wissen.

Fejtö: Sie sind noch zu jung, das war nicht so ganz sicher. (vgl. Anhang)

Vor allem aufgrund dieses Interviews bin ich der Frage nachgegangen, ob Gerhart Hauptmann mit Horváths Verhalten 1934 zu tun hatte.

▼ 656 

In Horváths Nachlass finden sich keine Hinweise auf eine Beziehung zu diesem Schriftsteller. Traugott Krischke, dem ich den Interviewtext mit der Bitte um Prüfung zugesandt hatte, vertritt folgenden Standpunkt: „Mit Sicherheit hatte Gerhart Hauptmann mit Horváths RDS- Beitritt nichts zu tun. Einen bei den Nazis 1934 noch sehr renommierten Autor wie Gerhart Hauptmann hätte Horváth bestimmt als seinen Bürgen benannt.“ 398

Diese Auffassung ist um so wahrscheinlicher, als Hauptmann selbst am 16. November 1933 bei der Eröffnung der „Reichskulturkammer“ anwesend war.

Hauptmann wäre für Horváth im Juli 1934 der geeignete Bürge gewesen. Für die Einschätzung der Tauglichkeit von Hauptmann als möglichen Bürgen sind auch folgende Schilderungen des Verlegers Gottfried Bermann Fischer aus Wien interessant:

▼ 657 

„ (...) Gerhart Hauptmann ging mir mit seiner Verkennung der Situation völlig auf die Nerven. Als ich bei einer der allabendlichen Zusammenkünfte auf eine Bemerkung Benvenutos, des jüngsten Sohnes von Gerhart Hauptmann, eine vom Spumante beschwingte Rede auf die Rolle der Juden in Deutschland hielt, sagte Hauptmann in den allgemeinen Beifall hinein: ‚Ja, mein lieber Bermann, ich bin nun einmal kein Jude.‘ Es war eine anscheinend zusammenhanglose Bemerkung, aber sie beleuchtete die Verwirrung der Geister. Gerhart Hauptmann war gewiß kein Antisemit im landläufigen Sinn. Diese Bemerkung zu fortgeschrittener Stunde zeigte aber, daß auch er bereits begonnen hatte, Abstand zu nehmen - ein gewissermaßen animalisches Verhalten wie das eines Menschen, der die Not eines anderen scheut wie eine ansteckende Krankheit.“ 399

Dieses Verhalten fiel Bermann Fischer im April 1933 auf und seine Einschätzung war richtig, wie folgende Geschichte aus dem Herbst 1937 zeigt:

„Wie kläglich wirkte (...) die Haltung des deutschen ‚Dichterfürsten‘, dem offenbar jeder Sinn für seine persönliche Würde abhanden gekommen war. Gerhart Hauptmann kündigte uns seinen Besuch anläßlich einer Aufführung der ‚Ratten‘ im Burgtheater für den Herbst 1937 an und bat uns, die Prominenten des Geisteslebens zu einem Empfang in unserem Haus einzuladen. Gern kamen wir dieser Bitte nach. Etwa 80 Einladungen an die bedeutendsten Schauspieler und Künstler Wiens, die Hauptmann nahestanden, waren versandt und größtenteils mit Zusagen beantwortet, als drei Tage vor dem Fest ein gewundenes Schreiben Hauptmanns eintraf, in dem er mich bat, die von ihm selbst veranlaßte Veranstaltung abzusagen, da er Schwierigkeiten für sich befürchten müsse, wenn er bei einem so im öffentlichen Licht stehenden Anlaß das Haus eines Emigranten besuchte. Erkannte er nicht, welche Blamage es für ihn bedeutete, wenn unsere, wie auch immer verklausulierte Absage seine Feigheit enthüllte, die freiwillige Aufgabe seiner Unabhängigkeit zu einer Zeit, da ihm wahrlich kein Haar gekrümmt worden wäre, wenn seine Wiener Freunde ihn im Hause seines früheren Verlegers begrüßt hätten? Er fand nichts dabei, in der Kaiserloge der ‚Burg‘ die Huldigungen des Publikums und der Regierung Hand in Hand mit Herrn von Papen in Empfang zu nehmen, der die Österreicher wenige Monate später ans Messer lieferte.“ 400

▼ 658 

Obwohl Horváth sich sowohl 1933 und 1937 lange in Wien aufhielt, ist nichts über einen persönlichen Kontakt mit Hauptmann bekannt.

Es gibt lediglich eine kurze Passage aus einer Festschrift, in der Horváth sich über ihn äußerte:

Aus Anlass des 70. Geburtstags von Gerhart Hauptmann am 15.11.1932 werden am 16.02.1932 die Feierlichkeiten mit einer Aufführung von Vor Sonnenaufgang in einer Aufführung von Max Reinhardt am Deutschen Theater in Berlin eingeleitet. In der Festschrift der Blätter des Deutschen Theaters waren namhafte Autoren wie Knut Hamsun, Georg Kaiser, Frantisek Langer, Heinrich Mann, Eugene O'Neill, Romain Rolland, G. B. Shaw, Ernst Toller, Franz Werfel, Carl Zuckmayer, Arnold Zweig und andere mit einer Gratulation vertreten, darunter auch Ödön von Horváth.

▼ 659 

Er schrieb: „Von Gerhart Hauptmann können wir jungen Bühnenautoren lernen, sonst nichts. Dieses ‚sonst nichts‘ ist wahrscheinlich nur ein Zeichen der Jugend. Sofern wir also bestrebt sind zu lernen, müssen wir sehr glücklich sein, daß wir von Gerhart Hauptmann lernen können.

N. B. in puncto ‚sonst nichts‘: jetzt hätt ich fast vergessen, nämlich das kleine Wort: Dank.“ 401

Dieser etwas larmoyante und gewollt- jugendlich gehaltene Beitrag zur Festschrift, dessen stilistische Qualität durch die dreimalige Wiederholung von ‚lernen‘ Horváths dichterische Phantasie nur wenig unter Beweis stellt, löste in der Presse - wie so oft im Falle Horváths - ein wütendes Echo aus.

▼ 660 

Die Berliner illustrierte Nachtausgabe schreibt in der Ausgabe vom 25. Februar: „Mit einem schnoddrigen Glückwunsch, der dem Autor der dramatischen Büberei Geschichten aus dem Wienerwald alle Ehre macht, meldet sich Herr Ödön Horváth, der Vaterlandslose, der außerdem stolz darauf ist, den Begriff Heimat nicht zu kennen, der Pamphletist, den man höchstens einen ungarischen Renegaten, niemals einen ungarischen Dichter nennen könnte. - Ein sonderbares Geburtstagsheft!“ 402

Diese Zeilen sind das einzige, was von Horváth und seiner Einstellung zu Gerhart Hauptmann bekannt ist.

Abgesehen davon, dass Horváth natürlich von der Position Hauptmanns im Nationalsozialismus wusste, kann die These, Hauptmann habe bei seinem Eintritt in den RDS eine herausragende Rolle gespielt, zur Zeit nicht bestätigt werden.

▼ 661 

Heinrich Mann, Präsident der Preußischen Akademie für Dichtkunst, hatte Anfang Februar 1933 ein Manifest mit unterschrieben, in dem gefordert wurde, angesichts der Gefahr einer endgültigen Machtübernahme Hitlers müssten sich SPD und KPD zu einer Einheitsfront durchringen; einige Mitglieder erzwangen daraufhin (noch vor den Wahlen des 5. März) seinen Rücktritt. Und eine Woche nach dem schicksalhaften Wahlausgang erhielten alle Mitglieder der Sektion für Dichtkunst ein von Gottfried Benn initiiertes und als „vertraulich“ klassifiziertes Rundschreiben mit der Aufforderung, das neue Präsidium der Akademie davon in Kenntnis zu setzen, dass man, in Anbetracht der „veränderten geschichtlichen Lage“ bereit sei, der Akademie der Künste weiterhin zur Verfügung zu stehen. Sollte die Antwort positiv ausfallen, hieß es weiter, bedeute dies den gleichzeitigen Verzicht auf jegliche politisch - öffentliche Stellungnahme oder Betätigung gegen die neue Regierung.

Mehr noch: eine solche Loyalitätserklärung verpflichte den Unterzeichnenden zur Mitarbeit im ‚national - kulturellen‘ Sinne. Neun der insgesamt siebenundzwanzig Mitglieder der Abteilung Dichtkunst antworteten mit „Nein“, darunter Alfred Döblin, Thomas Mann und Jakob Wassermann. Mit größter Entschiedenheit lehnte Ricarda Huch die geforderte Loyalitätserklärung ab, keinesfalls wolle sie, so ließ sie wissen, auf ihr Recht der freien Meinungsäußerung verzichten: sie gebe ihren Austritt aus der Akademie bekannt, verurteile überdies Handlungen, welche die neue Regierung ja bereits begangen habe –„die Diffamierung Andersdenkender, die staatlich forcierte Judenhetze.“ 403

Solche Erklärungen lösten in der Presse ein großes Echo aus, wie auch aus der Reaktion Oskar Maria Grafs auf diesen Schritt von Ricarda Huch ersichtlich ist.

▼ 662 

Durch die Öffentlichkeit waren Schriftsteller über das Verhalten ihrer Kollegen und Kolleginnen auf dem Laufenden und bedingt durch diese Öffentlichkeit fiel der individuellen Entscheidung eine größere Verantwortung zu, in dem Sinne, dass ein persönlicher Schritt durch das Bekanntwerden einen Vorbildcharakter für andere, unentschlossene Menschen bedeutete. Jedoch wurde die politische Wirksamkeit des Verhaltens von Schriftstellern sehr unterschiedlich eingeschätzt und war oft von der Strategie dieser Schriftsteller abhängig, die sich, wie auch Franz Werfel, für eine Kooperation mit dem Naziregime entschieden, weil sie sich durch die weitere Möglichkeit der Veröffentlichung eben auch einen größeren Einfluss gegen die Barbarei ausrechneten als bei einer Verweigerung und dem damit verbundenen Veröffentlichungsverbot.

Horváth schätzte Gerhart Hauptmann als Schriftsteller hoch ein, wie man seiner Danksagung entnehmen kann. Tatsächlich spielte der größte naturalistische Schriftsteller Deutschlands eine wichtige Vorbildrolle für viele Menschen. Die Tatsache, dass er sich auch nach den Bücherverbrennungen für den Nationalsozialismus stark engagierte, diente diesem Regime in der Anfangszeit des um demokratischen Schein bemühten Hitler-Deutschland. Nicht nur Horváth wird sich gefragt haben, ob sich denn ein so alter, verdienter Schriftsteller wie der 1862 geborene Hauptmann in den Nazis täuschen konnte. Alter wurde von ihm vielleicht mit Weisheit verwechselt.404 Insofern war Hauptmann ein Katalysator sowohl für Horváths Bereitschaft, sich den neuen Herren zur Verfügung zu stellen, als auch für viele, die in den 30er-Jahren noch unentschlossen waren.

B)  FRANZ WERFEL

Franz Werfel unterschrieb die Treuebekundung gegenüber den neuen Machthabern - nach telegraphischer Anforderung eines Erklärungsformulars - am 19. März 1933 mit ‚Ja‘; ein Schritt, zu dem er sich wohl in erster Linie entschlossen haben mochte, um den künftigen Verkauf des Musa Dagh nicht zu gefährden. Wenn er aus der Akademie ausgeschlossen worden wäre, hätte die Gefahr eines generellen Verbots für das Armenier Epos bestanden, dessen Tendenz sich gerade gegen die Unmenschlichkeit eines fanatischen Nationalismus wandte.405

▼ 663 

Der Frage, ob Werfels Beweggründe ausschließlich politischer Natur im Sinne des Kampfes gegen Totalitarismus gewesen seien, wird in dieser Arbeit nicht nachgegangen und mag dahingestellt bleiben.

Der Grund für die Gemeinsamkeit mit Horváths Verhalten ist vielleicht die Fehleinschätzung beider, was die Dauerhaftigkeit des Nationalsozialismus betraf. Der Werfel- Biograph Peter Stephan Jungk schreibt: „Wie so viele, rechnete Werfel außerdem nur mit einer kurzen Dauer des Hitler- Göring- Goebbels -Spuks, unterschätzte zweifellos die Tragweite seiner Handlung.“ 406

In einem Brief, den er einige Tage später nach Prag an seine Eltern sandte, stand kein Wort von seiner Erklärung. Zum Musa Dagh äußerte er sich: „ ‚Es wird vielleicht mein Hauptwerk sein‘, (...) und fügte hinzu, das Buch habe ‚durch die Ereignisse (...) eine symbolische Aktualität bekommen: Unterdrückung, Vernichtung von Minoritäten durch den Nationalismus‘. Die politischen Veränderungen in Deutschland seien gewiß niederschmetternd, gab er zu, doch wolle er seine Kräfte ganz dem Werk widmen, als sie an ein ‚leeres Wehgeschrei‘ zu verzetteln.“ 407

▼ 664 

Mit Horváths teilweise fatalistischer Einschätzung der Unabwendbarkeit von Geschehnissen hat die Begründung Werfels für seine Nichtbeteiligung an dem ‚Wehgeschrei‘ Gemeinsamkeit:

„Was geschehen wird das wird geschehn. ...“ heißt es in dem Brief weiter. „Er lebe ganz im Armenier- Schicksal, und da bekomme man eben ‚andere Perspektiven‘. Ähnlich wie in Italien werde sich der Faschismus wohl auch in Deutschland langsam konsolidieren (...) bis keiner mehr davon spricht. Den Juden werde es nun nach einer Periode stetigen Aufstiegs allerdings wieder schlechter gehen, so weit sah er denn doch voraus, ‚aber vielleicht ist es nur ein kurzer Rückschlag‘. Vom Verkauf seiner Bücher höre er jedenfalls nur ‚das Beste‘, es werde in Deutschland ‚kein Exemplar weniger gekauft als sonst.‘ 408

Wenige Wochen später brannten Werfels Bücher bei den Verbrennungen „wider den deutschen Ungeist“ im Mai auf den Scheiterhaufen.

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„Zwei Tage vor den Bücherverbrennungen hatte Werfel einen Einschreibebrief von Max von Schellings, dem neuen Präsidenten der Preußischen Akademie der Künste erhalten. Nach den im Staate nunmehr geltenden Grundsätzen, so hieß es da, könne er zu den Mitgliedern der Sektion Dichtkunst nicht länger gezählt werden.“ 409 Der Fatalismus Werfels scheint nicht die einzige Ursache für sein Verhalten gewesen zu sein: Folgende Tagebuchstellen sind aufschlussreich in Bezug für eine Beurteilung seines Verhaltens: „Ideen während einer Viertel Stunde, um H(itler) zu liquidieren“ schrieb Werfel in einer Tagebuchnotiz aus dem Frühjahr 1933: „Eine Bulle des Papstes sollte an die deutschen Bischöfe ergehen und sie darauf aufmerksam machen , daß die ‚Verfolgung die Juden in ihrem Irrtum‘ nur noch weiter verhärten und ‚das Gottesreich‘ nur noch weiter hinauszögern werde. Ein nach Regensburg einberufener deutscher Fürstentag müsse für Kaiser Wilhelm und Kronprinz Otto von Habsburg den Thron fordern.“ 410

Diese Ideen sieht Stephan Jungk als Beispiele dafür, „zu welch erstaunlich reaktionärer Naivität Franz Werfel fähig war“. 411

Man kann an diesen Tagebucheintragungen aber ebensogut die Verzweiflung erkennen, wenn auf der Suche nach einem Ausweg selbst Sinnlosigkeiten in Betracht gezogen werden. Außerdem kam Werfel noch auf den Gedanken, Präsident Roosevelt möge an Hindenburg telegraphieren, um das Ärgste zu verhindern, oder den durchaus plausiblen Vorschlag, ein Kampfbund müsste „zum Schutz der bedrohten Weltdemokratie und Freiheit“ gegründet werden, doch es fanden sich auch skurrilere Ideen: „Kempinsky und ähnliche Speisehäuser führen an den künftigen Boykott- Tagen einen allgemeinen Freitisch ein, bei dem unentgeltliches Mittagessen verabreicht wird. Nur an Christen...“ 412 Nach dem Aufruf des „Propaganda- Ministeriums“ an die Schriftsteller im Herbst 1933 sich dem RDS anzuschließen, stellte Werfel stellte Werfel seinen Aufnahmeantrag. In dem Antrag heißt es: „Ich bitte Sie zur Kenntnis zu nehmen, daß ich czechoslowakischer Staatsbürger bin (...) und meinen Wohnsitz in Wien habe. Zugleich möchte ich erklären, daß ich jeglicher politischen Organisation immer fern stand und fern stehe. Als Angehöriger der deutschen Minorität in der Czechoslowakei, (...) der seinen Wohnsitz in Österreich hat, unterstehe ich den Gesetzen und Vorschriften dieser Staaten.‘

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Sollten diese Angaben für seine Aufnahme in den Reichsverband ‚nicht erschöpfend genug erscheinen‘, so bitte er, bei Frau Grete von Urbanitzky 413 als auch bei Herrn Dr. Hanns Martin Elster weitere Auskünfte zu seiner Person einzuholen, die genannten Herrschaften hätten sich bereit erklärt, für ihn ‚Bürgschaft zu leisten‘.“ 414

Beide von Werfel genannten Schriftsteller fühlten sich dem Nationalsozialismus schon seit langem verbunden; Dr. Elster war gleich nach Hitlers Machtübernahme in die Pressestelle für Beamte in der Reichsleitung der NSDAP berufen und bald darauf zum Schriftleiter der NS Beamtenzeitung ernannt worden. Stephan Jungk schreibt, dass dieser Antrag unbeantwortet geblieben sei und wundert sich, „wie Werfel jemals hoffen konnte, in den Reichsverband tatsächlich aufgenommen zu werden.“ 415

Die Naivität Werfels verwundert in der Tat auch insofern, als Schriftsteller, die gemeinhin der Gruppe der „Intellektuellen“ zugerechnet werden, sich völlig der von der Öffentlichkeit an sie gestellten Verantwortung entziehen können und sogar die eigene Situation total zu verkennen in der Lage sind.

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Der damalige Leiter des Fischer- Verlags Gottfried Bermann Fischer bemerkte ebenfalls die Teilnahmslosigkeit Werfels: „Aber auch unsere Freunde boten keinen Rat. Franz Werfel und seine schöne geistvolle Frau Alma sahen als Österreicher die Dinge, die da in Deutschland passierten, mit einer mich in Erstaunen versetzenden Distanz, völlig ungewahr der auch für sie heraufziehenden Gefahr.“ 416

Bei Horváth sind nach heutigem Kenntnisstand keine Fehlleistungen dieses Ausmaßes bekannt. Allerdings kann angenommen werden, dass er von der Erklärung Franz Werfels gewusst hat, den er spätestens seit Herbst 1933 kannte.417 Außerdem hielt Horváth sich 1933 meistens in Wien auf, so dass er entweder direkt von Werfel gewusst haben konnte, dass dieser den Antrag gestellt hatte, in den RDS aufgenommen zu werden oder von einem seiner sehr engen Freunde Csokor oder Carl Zuckmayer, der in seiner Mühle in Henndorf bei Salzburg lebte. Horváths ebenfalls in Wien lebender Trauzeuge, der Schriftsteller Alexander Lernet- Holenia, hätte ebenfalls von Werfels Antrag gewusst und ihm darüber berichtet haben können.

Es ist aber auch nicht auszuschließen, dass Werfel versucht hat, diesen Schritt vor seinen Freunden zu verheimlichen. Der Wiener literarische Kreis war allerdings eng und es ist nicht anzunehmen, dass niemand aus diesem Kreis von Werfels vergeblichen Bemühungen gewusst hat. 418

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Der politisch verbrämte Vorsatz, im Nazireich gegen die Barbarei zu kämpfen, Werfels Bekenntnis der Enthaltsamkeit gegenüber allen politischen Gruppierungen bzw. Hauptmanns Schritt und vielleicht sogar Werfels Antrag haben Horváth moralisch geholfen, seinerseits diesen unschönen und mit Konzessionen verbundenen Schritt zu tun. Die Gemeinsamkeit in Horváths und Werfels Verhalten liegt meines Erachtens in der fatalistischen Sichtweise der Unabwendbarkeit des heraufziehenden Nationalsozialismus. Inwieweit das Verhalten des älteren Kollegen Horváth veranlasste in den RDS einzutreten, kann nicht genau festgestellt werden. Allerdings – wenn Horváth Kenntnis von Werfels Schritt hatte – ist dessen Verhalten sicherlich geeignet, dem jüngeren Schriftsteller als Vorbild zu dienen, bzw. letzte Zweifel an der Richtigkeit dieses Schrittes zu zerstreuen. Im nächsten Kapitel folgt als Ergänzung zu dem Punkt, ob andere Schriftsteller bei Horváths Entscheidung dem RDS beizutreten eine Rolle gespielt haben, ein Vergleich mit dem fast gleichaltrigen Erich Kästner, wobei auf die Ähnlichkeiten im Verhalten der beiden Schriftsteller hingewiesen werden soll.

C)  ERICH KÄSTNER

Bis zum 15.12.1933 sollten die Verfahren zum Eintritt aller deutschen Schriftsteller, Journalisten, Texter, Übersetzer, Drehbuchschreiber…, also aller Leute, die beruflich vom Erstellen von Schrift lebten, in die „Reichsschrifttumskammer“ abgeschlossen sein.

Am 1. Dezember 1933 schrieb Erich Kästner einen Brief an seine Mutter, in dem er mitteilte, dass er Hans Richter, den 2. Vorsitzenden des RDS anrufen müsse, welcher ihm „einen vorläufigen Bescheid privater Natur geben will, ob sie mich aufnehmen oder nicht. Die Fragebogen hab ich schon unterschrieben. Leute, die Mitglied der Liga für Menschenrechte waren, sind wohl eigentlich nicht statthaft.“ 419

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1929 machte Kästner die Bekanntschaft von Edith Jacobson, die nach dem Tode ihres Mannes die Leitung der Weltbühne übernommen hatte und außerdem den renommierten Kinderbuchverlag Williams und Co. besaß.

In ihrer Villa im Grunewald lernte er Hermann Kesten kennen, der seit 1927 Lektor im Kiepenheuer Verlag war. Die beiden Männer verband seit dieser Zeit eine tiefe Freundschaft. Für den Kinderbuchverlag Edith Jacobsons schrieb Erich Kästner Emil und die Detektive. Dieses Buch wird schnell ein großer Erfolg. Schon Anfang der 30er-Jahre liegen Lizenzen aus Amerika vor, es wird später in 30 Sprachen übersetzt und bis Mitte der 90er- Jahre allein in Deutschland 1,7 Millionen Mal verkauft. Dieser Klassiker der Kinderliteratur machte Kästner populär und wohlhabend. Der Gewinn resultierte weniger aus dem Buchverkauf als aus der Vergabe von Auslandslizenzen, Film- und Bühnenrechten. „Für die deutschen Filmrechte (Anm: von Emil und die Detektive) fordert Kästner zum Beispiel 10.000 Mark.“ 420 Marcel Reich-Ranicki nennt Emil und die Detektive ein „bahnbrechendes Buch“, da es die Kinderliteratur auf eine völlig neue Basis stelle. „Wir... bekamen plötzlich einen Roman zu lesen, der in Berlin spielte, auf Straßen, die wir kannten, unter Menschen, die uns bekannt vorkamen. Es ist eigentlich der Roman der Neuen Sachlichkeit in der Kinderliteratur.“ 421

E. Kästner ist Ende der 20er, Anfang der 30er-Jahre ein literarisch außergewöhnlich aktiver Schriftsteller. Er nannte sein Büro eine „Schreibfabrik“; der promovierte Literaturwissenschaftler war seit Beginn seiner Karriere an den Bedürfnissen des kulturellen Marktes orientiert. Er verstand sich als Hersteller einer Ware und kümmerte sich um eine optimale Verwertung seiner künstlerischen Produkte. Gedichte formt er zu Chansons und Revuen um, aus Kinderbüchern wurden Filme, Theaterstücke und Hörspiele. Elemente aus Kurzgeschichten und Zeitungsartikeln finden sich in seinen Romanen wieder, und Teile der Romane werden zu Kurzgeschichten umgearbeitet. 422 1931 erscheint sein Roman Fabian. Die Geschichte eines Moralisten. Dieser Roman der Weltwirtschaftskrise schildert eindringlich die explosive Endzeitstimmung der Weimarer Republik. Der Roman mit seiner szenenhaften Struktur ist wie ein Film geschrieben. Schauplätze springen wie Personen von einer Szene zu nächsten im Berlin der Arbeitsämter, Spielclubs und Prostitution, es gibt Schießereien zwischen Faschisten und Kommunisten, Beschreibungen obskurer Bars, Personen und Szenen. Fabian ist Kästners alter ego, denn der Protagonist Fabian liebt auch seine Mutti über alles und ist immer wieder sehr moralisch.

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Dieses Buch ist sehr schnell, geschrieben wie ein Feuerwerk der Szenen, die von dem arbeitslosen Fabian erlebt werden.

Kästners Antrag auf Eintritt in die RSKblieb ein Jahr lang unbeantwortet. Seit 1933 muss Kästner selbst völlig unpolitische Komödien unter Pseudonymen schreiben. Es werden Komödien von „Robert Neuner“ und „Eberhard Foerster“ gespielt. 423 Bis 1940 erschienen von ihm vier Lustspiele: Frau nach Maß, Verwandte sind auch Menschen, Seine Majestät Gustav Krause und Das goldene Dach. Auf diese Weise gelang es ihm, sich „durchzuwurschteln“, wie er es selber nannte.

Nach der Lektüre des Fabian hat man trotz der bewussten Überspitzung des Romans eine gute Vorstellung, wie sich das Durchwurschteln eines Intellektuellen darstellen konnte. Die schwierige Bezeichnung des „Intellektuellen“ 424 trifft im Sinne des vielbelesenen Akademikers im doppelten Sinne zu: Kästner war ein Mensch, der sich der Aufklärung verpflichtet fühlte und dem in der Zeit des behördlich verordneten kulturellen Stillstandes das Überleben in Deutschland gelang. Wie Horváth war auch Kästner an Filmproduktionen als Drehbuchautor beteiligt. Diese Beteiligung Erich Kästners an Filmen soll im nächsten Kapitel ausführlicher behandelt werden:

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Erich Kästner als Filmautor

Bis 1933 erschienen jährlich zu Weihnachten weitere Kinderbücher von Erich Kästner. Die UFA erkannte, dass Emil und die Detektive sich wegen der ausgeprägten Dialogstruktur, der lebendigen Großstadtatmosphäre, den schnellen Handlungsabläufen und der zugrunde liegenden Kriminalgeschichte hervorragend für eine Verfilmung eignete.

Im Dezember 1930 unterschrieb Kästner den Vertrag für die Filmrechte mit der UFA. Der aus Österreich stammende Journalist Billy Wilder, der seit 1929 in Berlin als Szenarist für den Film tätig war, schrieb das Drehbuch.

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Sehr zum Leidwesen Kästners, der sich wie folgt darüber äußerte:

„Das Manuskript ist ekelhaft. Emil klaut in Neustadt einen Blumentopf für die Großmutter. In Berlin, auf der Straßenbahn klaut er einem Herrn den Fahrschein aus dem Hut und läßt für sich knipsen. Der Herr wird von der Bahn gewiesen. Ein Goldjunge, dieser Emil. Der ‚Stier von Alaska‘ wird er genannt. Pony ‚die Rose von Texas‘. Lauter Indianerspiel, wo doch heute

kein Mensch mehr Indianer spielt. Die ganze Atmosphäre des Buchs ist beim Teufel.“ 425

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Billy Wilders Manuskript, in das zusätzlich einige Spannungseffekte und ein pompöses Hollywood-Happyend eingebaut werden, ekelt ihn an und es gelang ihm, einige der Korrekturen wieder rückgängig zu machen.

Isa Schikorsky vermutet, dass Kästner vor allem ärgert, dass „seine Helden etwas von ihrer moralischen Integrität verlieren.“ 426

Billy Wilders Film wurde trotz oder wegen der Indianerspiele und des Hollywood- Monumentalismus ein großer Erfolg. Am 7. Dezember 1931 schrieb F. Rosenfeld eine Kritik in der Wiener Arbeiter- Zeitung, dass die Handlung dem Roman genau folge, lediglich „die Spießersatire der ersten Kapitel zugunsten des schnelleren Ablaufs der Fabel“ wegfalle.427

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Ebenfalls 1931 verfilmte der junge Regisseur Max Ophüls aus dem Manuskript-Fundus der UFA ein zweiseitiges Film- Exposé von Erich Kästner, aus dem der Autor und Emerich Preßburger einen offenbar gelungenen Kurzfilm entwickeln, der aber inzwischen verschollen ist.428 In dem Film Dann schon lieber Lebertran aus dem Jahre 1931gestaltete Kästner als Drehbuchschreiber wie in seinem Roman Das fliegende Klassenzimmer eines seiner Lieblingsthemen: die verkehrte Welt. In diesem Film tauschen die Kinder einen Tag lang mit den Erwachsenen die Rollen, mit dem Ergebnis, dass sie lieber weiter Lebertran schlucken als in der unbarmherzigen Welt der Erwachsenen deren Aufgaben zu übernehmen.429

Wie Horváth ist Erich Kästner auch an Produktionen mit mehreren Drehbuchschreibern beteiligt, so z. B. an dem vorher von einem anderen Autorenteam verpatzten Drehbuch für den Film Das Ekel nach einem Bühnenstück des satirisch grotesken Erzählers, Parodisten und Dramatikers, Hans Reimann, der teilweise in sächsischer Mundart schrieb und unter den Pseudonymen Hans Heinrich, Hanns Heinz Vampir, Artur Sünder, Andreas Zeltner und Max Bunge veröffentlichte.430

Wahrscheinlich hat er an Drehbüchern nach seinen Eberhard- Foerster- Stücken mitgearbeitet, die zwischen 1939 und 42 entstanden.431

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Bekannt wird vor allem der Film Frau nach Maß unter der Regie von Helmut Käutner von 1940Für seine Drehbücher interessierte sich auch Hollywood. Für Drei Männer im Schnee und Die verschwundene Miniatur sicherte sich die Metro- Goldwyn- Mayer die Rechte zur Verfilmung. 1938 findet in den USA die Uraufführung von Paradise for Three statt. Die UFA hatte ebenfalls erkannt, wie wichtig Leute wie Kästner für den Film waren. Der Herstellungsleiter Eberhard Schmidt bereitet 1941 den Jubiläumsfilm Münchhausen zum 25 jährigen Bestehen der Ufa vor. Um den Erfolg dieses Prestigeobjekts zu garantieren, sind die Machthaber sogar bereit, es mit der Gesinnung und mit der parteipolitischen Zuverlässigkeit der Beteiligten nicht so genau zu nehmen. Das gilt für den mit Kästner befreundeten Regisseur Josef von Baky wie für Hans Albers, den Hauptdarsteller des Münchhausen 432 und insbesondere für den Drehbuchautor Berthold Bürger, alias Erich Kästner.433 Dieser Film soll das Ausland von der künstlerischen Leistungsfähigkeit der deutschen Filmwirtschaft überzeugen. Der geschmähte Kästner, der so gerne Mitglied im offiziellen Club der Filmeschreiber gewesen wäre, beteiligt sich mit großem Elan an dieser Produktion. Offensichtlich geht auch der Vorschlag des Münchhausen- Stoffs für diesen Jubiläumsfilm auf Erich Kästner zurück.434

Goebbels war mit Erich Kästner als Drehbuchschreiber unter der Voraussetzung einverstanden, dass dieser ein Pseudonym gebrauchte. Kästners Wahl des Pseudonyms Berthold Bürger ist interessant, weil der Name Berthold ja bekannterweise auch der Vorname des größten ideologischen Feindes des Dritten Reichs war.435 Auf der Grundlage dieser Schwanksammlung von Gottfried August Bürger schreibt Kästner ein modernes Drehbuch für einen Film der Superlative, den teuersten Unterhaltungsfilm des Dritten Reichs, ausgestattet mit einem Budget von 6,5 Mio. Reichsmark, der für die Trickfilm- Technik und Spezialeffekte Akzente setzte. Die Nazis brauchten Kästner für diesen Erfolgsfilm. Er trug maßgeblich zum Gelingen des Films bei, allerdings änderte sich nichts an seinem Status. Obwohl Kästner sich wieder einmal Hoffnungen machte, Mitglied in der RSK zu werden, wurde ihm die Aufnahme verweigert.

Im Jahr der Uraufführung des Films erhält er von der RSK wieder ausdrückliches Schreibverbot, ein Beispiel für den groben Undank der Behörde nach diesem geplanten und gelungenen Propagandaerfolg dieses Films.

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Kästners misslungene Mitgliedschaft im RDS - Zusammenfassung

Kästner stellte mehrere Anträge, in den RDS aufgenommen zu werden, aber alle wurden zurückgewiesen. Die Frage nach dem ‚Warum‘ ist wie in allen Fällen von Mitarbeit, Beteiligung und Anträgen auf Aufnahme in eine Institution berechtigt, wenn es sich um Institutionen des Naziregimes handelt.

Klaus Modick schreibt in Die Woche : „ (…)Erich Kästners Verhalten während der Nazizeit : ein Eiertanz zwischen Anbiederung an die Reichsschrifttumskammer und Emigrationserwägungen, der gelegentlich in die Nähe des resignierten Mitläufertums geriet.  436 Trotz der richtigen Einschätzung, dass Kästner resigniert war, ist dieser Satz in seiner Kürze falsch: Das Wort „Mitläufer“ hat Konnotationen, die auf den engagierten Schriftsteller Kästner ebenso wenig zutreffen wie auf Horváth und viele andere Schriftsteller, die aus ökonomischen Gründen den Antrag gestellt haben, dem RDS beizutreten, um unter den Nazis weiterhin ihren Lebensunterhalt verdienen zu dürfen.

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Vielmehr muss man auch im Falle Kästners die komplexe Bezeichnung der inneren Emigration bemühen, um seinem Verhalten über 65 Jahre später gerecht zu werden.

Trotz seines Erfolgs verzichteten die Nazis auf Erich Kästner unter den Ihren.

Der erfolgreiche Journalist, Kritiker, Kinderbuch- und Romanautor Erich Kästner wird nicht nur nicht im RDS zugelassen, sondern seine Bücher wurden verbrannt und standen, außer Emil und die Detektive, sämtlich auf dem Index der „Listen des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“.

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Am 10.05.33, als bei den Bücherverbrennungen der beste Teil deutscher Literatur von den Nazis geschmäht wird, wurden auch Kästners Schriften in die Flammen geworfen. Er war bei dem Versuch seiner eigenen Auslöschung dabei und schrieb dazu folgendes: „ Es war widerlich. Plötzlich rief eine schrille Frauenstimme: ‚Dort steht ja der Kästner !‘ Mir wurde unbehaglich zu Mute. Doch es geschah nichts.“ 437 Im Dezember 1933 wurde er von der Gestapo verhaftet und wieder frei gelassen. Die Bearbeitung seines ersten Antrags auf Mitgliedschaft in der RSK wird erst einmal ein Jahr verschoben. In dieser Bewährungsfrist begann der Pazifist Erich Kästner politisch unverfängliche Geschichten zu schreiben, so z. B. das märchenhafte Lehrstück für Erwachsene Drei Männer im Schnee. Er griff hier bekannte Themen aus dem Fabian wieder auf. Der Held der Geschichte ist wieder ein promovierter, arbeitsloser Werbefachmann aus dem Kleinbürgermilieu mit der idealen Mutti (gemeint ist natürlich auch wie im Fabian seine eigene, die er stark verehrte und täglich einen Brief schickte. Es ist eine rührselige Verwechslungsgeschichte um diesen Werbefachmann, Fritz Hagedorn, der eine Reise ins Hochgebirge gewinnt, dort irrtümlich für einen inkognito reisenden Millionär gehalten und deshalb stark umgarnt wird. Er lernt die Tochter des tatsächlichen Millionärs kennen, die er für ein armes Mädchen hält und heiratet das Geld mitsamt der Tochter... In diesem kleinen Roman verzichtet Kästner auf die aus vielen Gedichten und vor allem dem Fabian bekannten nihilistischen Motive, Zeitkritik und auch Melancholie, in der Weise, dass im Geist der verlogenen Zeit alle Probleme glücklich gelöst werden.

Der Dresdener Erich Kästner, für den eine Emigration - vielleicht auch wegen seiner suizidgefährdeten Mutter, zu der er eine absurd intensive Beziehung hat, weil er sich lebenslänglich einredet, sie über alle anderen Menschen stellen zu müssen - nicht in Frage kommt, verliert scheinbar nur selten die Geduld.

Im Oktober 1934 schreibt er: „Zu dumm, wie schwer das alles geworden ist, was? Manchmal könnte man gleich den Bleistift in die Ecke knallen und die Arbeit abbrechen. Na, ich wurstle dann doch immer wieder weiter. Ist ja klar...“ 438

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Hermann Kesten nennt das Ergebnis dieses ‚Weiterwurschtelns‘ unter anderem zwei „zensurgerechte Märchen für Erwachsene und einen Roman für Kinder“.439

Ab 1935 erscheinen Kästners Werke wegen seines Schreibverbots beim Atrium-Verlag in Basel, der von Kurt L. Maschler als Ableger des Verlags Williams und Co. gegründet wurde. Dort erscheinen 1935 Emil und die drei Zwillinge und 1936 Die verschwundene Miniatur oder auch Die Abenteuer eines empfindsamen Fleischermeisters, eine turbulente Liebes- und Kriminalgeschichte ohne literarischen Anspruch. Danach erschien noch Georg und die Zwischenfälle, das seit der zweiten Auflage Der kleine Grenzverkehr heißt. Auch dieses Buch soll nicht mehr als unterhaltsame Lektüre sein.

1936 kam Doktor Erich Kästners lyrische Hausapotheke heraus, sein einziger Gedichtband in der Zeit des Nationalsozialismus.

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Ins Vorwort schrieb er: „Es war seit jeher mein Bestreben, seelisch verwendbare Strophen zu schreiben. Es sei ein ‚der Therapie dienendes Taschenbuch’. Ein Nachschlagewerk, das der Behandlung des durchschnittlichen Innenlebens gewidmet ist.“

Isa Schikorsky schreibt dazu: „Doch auch dieser Versuch, die Machthaber von seiner unpolitischen Haltung zu überzeugen, führt nicht zur erhofften Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer.“ 440

1936 wurde sogar Emil und die Detektive von den Nazis verboten. Vielleicht weil es misslang, das Buch dahingehend umzudeuten, dass mit dem kleinen Emil ein kindlicher Horst Wessel gemeint sei. Kästner schrieb wieder einen Brief an die RSK: „Besonders schmerzlich berührt mich die Maßnahme, weil sie ein Buch trifft, das… als ein ausgesprochen deutsches Buch angesehen wird ; ein Buch, das in über 30 fremde Sprachen übersetzt wurde, um den Kindern anderer Länder eine Vorstellung vom Kameradschaftsgeist und dem Familiensinn des deutschen Kindes zu vermitteln; ein Buch, das in den englischen, amerikanischen, polnischen und holländischen Schulen mit Hilfe von kommentierten Schulausgaben dazu verwendet wird, um die deutsche Sprache und Verständnis für das deutsche Wesen zu lehren !“ 441 Auch diese Eingabe änderte nichts an dem Verbreitungsverbot. Dabei bewertete ein Zensor Kästners Unterhaltungs- und Kinderbücher in einem Gutachten von 1937 durchaus positiv: „Wenn er diese andere, bessere Seite einzig und allein pflegen wollte, so sollte uns Kästner als deutscher Schriftsteller sehr willkommen sein.“ 442 Im gleichen Jahr wurde Kästner zum zweiten Mal von der Gestapo verhaftet. Wegen eines Herzfehlers wurde er nach zwei Musterungen vom Militär zurückgestellt. Im Rückblick ist die Tatsache, dass Erich Kästner nicht in der RSK zugelassen und seine Bücher verbrannt wurden, eine Auszeichnung, und trug dazu bei, dass er nach dem Krieg sofort Arbeit als Feuilletonchef bei der Neuen Zeitung in München fand.

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Die Zeit des Nationalsozialismus nennt er das „Martyrium“.

Den Alliierten waren alle Schriftsteller verdächtig, die in Deutschland geblieben waren bzw. auch von den emigrierten Schriftstellern wurde die Frage aufgeworfen, ob nicht alle, die zwischen 1933 und 45 in Deutschland kulturell tätig waren, nicht in irgendeiner Weise das Dritte Reich unterstützten, auch wenn sie unpolitische Bücher, Drehbücher oder Theaterstücke geschrieben hatten.

Erich Kästner reagiert zunächst trotzig auf kritische Nachfragen: „Dem, der es nicht versteht, kann man’s nicht erklären.“ Isa Schikorsky sieht eine „misstrauisch fragende Schattengestalt“, die in den nächsten Jahren durch sein journalistisches und literarisches Werk geistert, der Kästner beständig neue Antworten und Erklärungen anbietet, ohne dass sie ihn selbst befriedigen. 443 Sie schreibt, dass er selbst stärker an seiner moralischen Unversehrtheit gezweifelt haben mag, als er zugeben konnte oder wollte. 444

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Tatsächlich setzte sich Kästner sehr stark mit dem Geschehenen auseinander.

Seine Einlassungen zu den Greueln der Naziverbrechen direkt nach dem Krieg und als Berichterstatter bei den Nürnberger Prozessen legen davon Zeugnis ab.

Ähnlichkeiten der Biographien: Kästner und Horváth

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Horváth war ein aufmerksamer Weltbühne- Leser, der bei der Liga für Menschenrechte Material für seinen Sladek studiert hatte, einer Organisation, der Intellektuelle wie Kurt Tucholsky, Albert Einstein, Heinrich und Thomas Mann sowie der Pazifist Emil Julius Gumbel u.v.a. nahe standen.

Er formte das von ihm dort gesichtete Material für seine beiden Fassungen des Sladek um. Die Ähnlichkeiten beider Schriftsteller sind über die gemeinsame politische Orientierung hinaus zunächst inhaltlicher Art.

Erich Kästner war wie Horváth ein Schriftsteller, dessen Werke sich durch Alltagssprache, Lakonismus und Sprachwitz auszeichnen und wie Horváth und sein Werk bis 1933 wird Kästner neben den Schriftstellern Hermann Kesten, Lion Feuchtwanger, Arnolt Bronnen, Arnold Zweig, Alfred Döblin, Hans Fallada u.a. zu den Schriftstellern der Neuen Sachlichkeit gerechnetAls Theaterkritiker hatte Kästner über Aufführungen von Horváth- Stücken geschrieben. Es gibt aber keinen Hinweis auf eine Bekanntschaft der beiden Männer.

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Nicht nur die Tatsache, dass Kästner Mitglied der Liga für Menschenrechte war und deshalb Schwierigkeiten hatte, in den RDS aufgenommen zu werden, legt einen Vergleich mit Horváth nahe.

Die Neue Sachlichkeit in der Literatur am Ende der 20er-Jahre, die vor allem thematisch definiert ist, gilt auch für Horváths Der ewige Spießer, dessen Konzeption er 1929 beendete. Wie im Fabian geht es um die desillusionierende Darstellung der Realität, um Betrug und Lumpenhaftigkeit.

Bei Horváth enden diese Geschichten von Gaunereien schlecht und den moralischen Überbau muß sich der Leser durch Dechiffrierung der Karikaturen erschließen. Die Moral ist bei weitem weniger explizit als in Kästners Roman.

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Kästners Geschichte eines Moralisten endet ebenfalls tragisch. Fabian ertrinkt.

Diese Metapher des Ertrinkens in der Großstadt steht für den Untergang der Moral, sie ertrinkt gleichsam mit, wodurch die Desillusionierung erhalten bleibt, was zum Gelingen dieses meines Erachtens besten Buches Kästners beiträgt.

Ebenso wie in Horváths Kasimir und Karoline werden Themen wie der Warencharakter der Liebe behandelt. Die Liebe erweist sich als Illusion. Kästner hatte nie wie Horváth homosexuelle Hitlerianer in Szene gesetzt, aber offensichtlich haftete ihm, dem in Deutschland wesentlich bekannteren Schriftsteller, das Image eines Kulturbolschewisten stärker an, so dass ihm die Nazis nicht verziehen. Im Unterschied zu Horváth hatte er auch durch seinen Eintritt in die Liga für Menschenrechte konkret eine pazifistische Stellung bezogen, was von den Nazi-Kulturstrategen offensichtlich nicht verziehen wurde.

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Erich Kästner lebte während der gesamten Zeit des Naziregimes in Hitlerdeutschland. Vor Ende des Krieges flüchtete er mit Hilfe von Freunden aus der Filmindustrie nach Bayern zu einer Produktion in die Berge, wo er das Ende des Krieges abwartete. 1947 wurde der spätere Vertreter des Westdeutschen PEN- Zentrums zusammen mit Johannes R. Becher und Ernst Wiechert vom PEN- Club nach Zürich eingeladen, wo die Vertreter Frankreichs den deutschen Teilnehmern vorwarfen, nicht genug Widerstand geleistet zu haben.

Zu dieser Debatte schrieb Kästner im selben Jahr: „Man sperrte sich, als habe das ganze deutsche Volk, samt den Wächtern der Konzentrationslager, den Antrag gestellt, in den Pen- Club aufgenommen zu werden, während es doch ... um Schriftsteller ging, die im und unterm dritten Reich nicht weniger gelitten hatten als andere europäische Kollegen. Vercors, einer der französischen Delegierten, warf unseren antifaschistischen Schriftstellern vor, daß sie lediglich geschwiegen hätten, statt gegen das Regime offen das Wort zu ergreifen. Nun, wenn sie das getan hätten, dann hätte man sich im Zürcher Kongreßhaus über ihre Aufnahme in den PEN- Club nicht mehr den Kopf zu zerbrechen brauchen.445 Die Schwierigkeit der Beurteilung des Verhaltens eines antifaschistischen Schriftstellers unter der nationalsozialistischen Diktatur zeigt sich an Kästners von ihm selbst in Notabene erzählten Auseinandersetzung mit einem amerikanischen Leutnant, der Kästner wegen seiner Eingebundenheit in das Naziregime verhörte: „Über meine Bücher wußte er, mindestens was den Inhalt anbelangt, einigermaßen Bescheid. Den ‚Fabian’ bezeichnete er als jenen ‚Berliner Roman, worin Bordelle vorkommen’, und er hätte zu gern gewußt, ob es seinerzeit, wie das Buch andeute, tatsächlich außer normalen Bordellen auch solche mit männlicher Bedienung für weibliche Kundschaft gegeben oder ob ich das nur erfunden hätte. (...)

Auch meine anderen Auskünfte stellten ihn nicht zufrieden. Er bohrte an mir herum wie ein Dentist an einem gesunden Zahn. Er suchte eine kariöse Stelle und ärgerte sich, daß er keine fand. Was ich zwölf Jahre lang getan und wovon ich gelebt hätte? (...) Und warum war ich, unmittelbar nach dem Reichstagsbrand, nach Berlin zurückgekommen, statt in der Schweiz zu bleiben, wo ich meine Ferien verbracht hatte? Um Augenzeuge zu sein? Wovon denn Augenzeuge? Als verbotener Schriftsteller und unerwünschter Bürger? Wie hätte ich denn hinter die Kulissen blicken dürfen? Ich antwortete, mir wäre der Blick hinter die Kulissen weniger wichtig gewesen als das auf offener Bühne zu erwartende Drama. Darüber hätte ich mich, meinte er, auch im Ausland informieren können, beispielsweise in der Schweiz (...) Ich widersprach. Schon bei unbedeutenderen Uraufführungen verließe ich mich nicht gerne auf Korrespondenzberichte, geschweige denn bei der drohenden Tragödie des Jahrhunderts. Ob ich geglaubt hätte, mir könne nichts zustoßen. Ob ich denn keine Angst gehabt hätte. Selbstverständlich hätte ich Angst gehabt, sagte ich. Wir kamen nicht voran. Einen Helden hätte er vielleicht verstanden. Die Wahrheit verwirrte ihn. Die Verwirrung wuchs, als ich meine Auslandsreisen aufzählte.

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Ich sei 1937 in Salzburg gewesen? Warum? Um mit Walter Trier, dem Illustrator meiner Bücher, einen Buchplan zu besprechen, ein Salzburg- Buch.

Wer hätte die Reise offiziell genehmigt? Niemand. Ich hätte mich des nicht genehmigungspflichtigen Kleinen Grenzverkehrs bedient. Zwischen Reichenhall und Salzburg mehrere Wochen lang täglich hin und zurück.

Aber Walter Trier sei doch Jude, oder nicht? Doch. Ich hätte mich auch mit anderen jüdischen Freunden täglich getroffen, die damals in Salzburg waren. Und dann sei ich wieder nach Berlin gefahren? Ja, dann sei ich wieder nach Berlin gefahren. Und wer hätte 1938 meine Reise nach London befürwortet? Die Reichsschrifttumskammer? Nein, sie hätte den Antrag abgelehnt. Wer also? Ein alter Bekannter, der früher Vertragsjurist bei der Ufa und später Angestellter der Reichsfilmkammer gewesen sei. Was hätte ich in London getan? Ich hätte mich mit Cyrus Brooks, meinem englischen Übersetzer und Agenten, über Geschäfte unterhalten. Ich hätte aber auch andere Leute gesprochen, zum Beispiel Lady Diana, Duff Coopets Frau, und Brendan Bracken, Churchills Sekretär. Hätte ich in England bleiben können? Wahrscheinlich. Warum sei ich nicht geblieben? Weil, kurz vor Chamberlains Flug nach München, akute Kriegsgefahr bestanden habe. Deshalb hätte ich meine Reise sogar vorzeitig abgebrochen. Deshalb? Ja, deshalb. Als ich schließlich sagte: ‚Und 1942 war ich ein paar Tage in Zürich’, da holte er dreimal Luft. Dann fragte er ungläubig:

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‚In Zürich? Mitten im Krieg?’ ‚Ja.’ ‚Zu Fuß? Bei Nacht und Nebel?’ ‚Nein, per Flugzeug. Bei schönem Wetter.’ ‚Was wollten Sie dort?’ ‚Ich sollte mir einen Garbo- Film anschauen, den es, infolge des Krieges, in Deutschland nicht zu sehen gab. Eigentlich sollten wir nach Stockholm fliegen. Doch dort war der Film gerade vom Spielplan abgesetzt worden.’ ‚Wir?’ ‚Ja, Jenny Jugo, Klagemann und ich’. Die Jugo hätte gern eine Doppelrolle bei einer Filmkomödie gespielt, und sie und die Ufa wollten, daß ich das Drehbuch schriebe. Es war in dem merkwürdigen Dreivierteljahr, in dem ich, obwohl nach wie vor als Schriftsteller verboten, bis auf Widerruf Drehbücher schreiben durfte. Diese ‚Sondergenehmigung’ hatte mich, wie ich Ihnen schon eingangs gesagt habe, außerordentlich überrascht. Als wir nach Zürich flogen, galt sie wohl noch.’ Der amerikanische Leutnant senkte den Kopf und schien seine Gedanken zu ordnen. Sein Kollege rauchte. Die Sonne schien auf die Terrasse. Und der Sergeant spuckte in den Garten. ‚Der Film’, sagte ich, ‚hieß ‚The Twofaced Woman’, die Garbo spielte eine lustige und eine seriöse Schwester, Melvyn Douglas war der irritierte Partner, und der Film war spottschlecht.’ ‚Woher wußten Sie, daß es diesen Film überhaupt gab?’ ‚Aus einer Zeitungsnotiz irgendeines Korrespondenten im neutralen Ausland.’ ‚Und warum wollten Sie den Film sehen? Um sich Anregungen für das geplante Drehbuch zu holen?’ ‚Nein. Um es nicht schreiben zu müssen. Die Aufgabe interessierte mich nicht sonderlich.’ ‚Deshalb wollten Sie nach Zürich?’ ‚Aber ich wollte ja gar nicht nach Zürich! Und auch nicht nach Stockholm!’ ‚Warum bestanden Sie dann darauf?’ ‚Weil ich es für völlig ausgeschlossen hielt, daß man mitten im Zweiten Weltkrieg einen suspekten Autor ins neutrale Ausland schicken werde, nur damit er sich dort einen schlechten Garbo- Film anschaue. Ich erklärte dem Ufa- Chef Jahn und dem Chefdramaturgen Brunöhler, daß Filmdoppelrollen unweigerlich von gleichen und ähnlichen Lustspielsituationen lebten. Diese gelte es möglichst zu vermeiden! Deshalb müsse ich den Film sehen. Denn ich hätte keine Lust, mich eines Tages als Plagiator anpöbeln zu lassen. Damit hielt ich die Angelegenheit für erledigt. Statt dessen drückte man uns ein paar Tage später die Flugkarten in die Hand und Schweizer Franken als Diätgelder und natürlich die amtlichen Reisepapiere!’ ‚Sahen Sie den Film?’ ‚Ja. Im Vorführraum der Schweizer Filiale der amerikanischen Firma Metro- Goldwyn- Mayer. Es war alles geregelt.’ ‚Haben Sie dann das Drehbuch für Jenny Jugo geschrieben?’ ‚Nein. Es war nicht nötig.’ ‚Warum nicht?’ ‚Weil die Reichsfilmkammer meine Sondergenehmigung zurückzog.’ ‚Weswegen?’ ‚Auf Betreiben des Führerhauptquartiers. Da sich die Reichsschrifttumskammer beschwert hatte.’

‚Und warum blieben Sie nicht in Zürich? Mitten im Krieg? Dachten Sie, Hitler werde ihn gewinnen?’ ‚Nein’, sagte ich. ‚Wenn ich das geglaubt hätte, wäre ich womöglich doch in der Schweiz geblieben!’ “ 446

Erich Kästner erzählte diese Geschichte, um die Unsinnigkeit der Überprüfung seiner eigenen Person durch die Alliierten aufzuzeigen. Allerdings lässt sich aus dieser Geschichte ein gewisser Hochmut heraushören, schon durch die Kontrastierung des Verhörs mit dem rauchenden und spuckenden Leutnant, der nicht am Gespräch beteiligt ist. Die Passage, in der er trotz der Auslandsreisen sein Bleiben in Hitlerdeutschland rechtfertigt, ist für Ausländer nur schwer nachzuvollziehen und deshalb ist seine Herablassung unangebracht. Die Aussage, er wollte sich ‚das auf offener Bühne zu erwartende Drama’ vor Ort anschauen und sich nicht auf Korrespondenzberichte verlassen, vor allem dann, wenn es sich um die ‚drohende Tragödie des Jahrhunderts’ handelte, weist auf ein Bleiben aus künstlerischen Gründen hin. Das war im Falle Erich Kästners sicher nicht die ganze Wahrheit und das Nachfragen des amerikanischen Leutnants ist immerhin verständlich. Tatsächlich hatte Kästner Glück im größtmöglichen Unglück: Er war verboten, aber er wäre gerne als Autor von den Nazis anerkannt worden und hatte mehrere Anträge auf Einlass in die RSK gestellt.

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Erich Kästner ist ebenso wie Horváth ein Beispiel für einen Literaten, der im Dritten Reich als einzige Ware seine Schreibkraft als Autor zur Verfügung stellte. Sein Metier war das Schreiben und er verstand diesen Beruf nicht zuerst als „künstlerisch“, sondern zuallererst als Broterwerb.

Während Horváth der Aufenthalt in Deutschland verboten wurde, indem man ihm die Aufenthaltserlaubnis entzog, überlebte Erich Kästner, anders als der 1938 verunglückte Horváth, im Dritten Reich in Deutschland.

Die Mitgliedschaft in der Kammer, in die Horváth sofort aufgenommen wurde, strebte er bis zum Ende erfolglos an.

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Es ist spekulativ, die Frage zu stellen, was passiert wäre, wenn Kästner von Anfang an dabei gewesen wäre und nicht nur seine brillante Schreibkraft für den Münchhausen zur Verfügung gestellt hätte, sondern auch für andere Propagandafilme. Er war bereit, sich vor den Karren spannen zu lassen und die Nazis hätten ihn und seine „Schreibfabrik“ zu einer Institution für ihr schmutziges Werk machen können. Somit ist es eine Glaubensfrage, inwieweit es Kästner geschafft hätte, sich solch einer Korruption zu entziehen und wenn nicht, ob die Nachwelt sein Verhalten dann anders beurteilt hätte. Im Rückblick war insofern sein Schreibverbot ein Glück.

Im Nachhinein kann man sagen, dass Kästners größter Feind in der Zeit zwischen 1933 und 45 wahrscheinlich im Propagandaministerium selbst zu Hause war. Kästner war so ein bedeutender Fall, dass anzunehmen ist, Goebbels spielte sein ganz eigenes Spiel mit Kästner als Verfemtem, der 1941 für Münchhausen eine Sondergenehmigung bekommt, schreiben zu dürfen, eine Erlaubnis, die dann kurz nach dem Film zurückgenommen wird.

Wenn Kästner im Bereich des Nationalsozialismus von „Martyrium“ schreibt, ist dies glaubhaft und er macht dies vor allem nach dem Krieg durch zahlreiche Äußerungen sehr plastisch anschaubar. Kästner war ein sehr moralischer Mensch und er hat - nicht nur als Intellektueller - unter dem Naziregime wahrhaft und aufrichtig gelitten. Seine Geschichte ist ebenfalls ein gutes Beispiel für den Missbrauch von Macht.

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Erich Kästner ist das Beispiel eines Schriftstellers, auf dessen Werk die Bezeichnung „Exilliteratur“ für diese kulturell und menschlich verstümmelte Zeit passte. Marcel Reich-Ranicki verleiht ihm darum den Titel des „Exilschriftstellers honoris causa“.447

5)  PESSIMISMUS UND DIE THESE DER FEHLEINSCHÄTZUNG DER POLITISCHEN SITUATION

Wenn - wie in Italienische Nacht und Sladek - in Horváths Repertoire keine positive und moralisch integere Figur vorkam, hängt dies mit seiner negativen Weltsicht zusammen, wie ich im folgenden deutlich zu machen versuche:

Horváth schrieb gerne Vorworte, um seine Meinung als Autor zu dem folgenden Werk deutlich zu machen. An den Anfang zu Der ewige Spießer setzte er folgende Einleitung:

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„Der Spießer ist bekanntlich ein hypochondrischer Egoist, und so trachtet er danach, sich überall feige anzupassen und jede neue Formulierung der Idee zu verfälschen, indem er sie sich aneignet. Wenn ich mich nicht irre, hat es sich allmählich herumgesprochen, daß wir ausgerechnet zwischen zwei Zeitaltern leben. Auch der alte Typ des Spießers ist es nicht mehr wert, lächerlich gemacht zu werden; wer ihn heute noch verhöhnt, ist bestenfalls ein Spießer der Zukunft. Ich sage ‚Zukunft‘, denn der neue Typ des Spießers ist erst im Werden, er hat sich noch nicht herauskristallisiert. Es soll nun versucht werden, in Form eines Romans einige Beiträge zur Biologie dieses werdenden Spießers zu liefern. Der Verfasser wagt natürlich nicht zu hoffen, daß er durch diese Seiten ein gesetzmäßiges Weltgeschehen beeinflussen könnte, jedoch immerhin.“ 448

Das bekenntnishafte Vorwort zu Der ewige Spießer, erschienen 1930 im Propyläen Verlag, ist auch im Zusammenhang dieser Arbeit aufschlussreich. Aus diesen Zeilen - an der exponierten Stelle eines Vorworts zu diesem Roman - spricht deutlicher Kulturpessimismus.

In Der ewige Spießer herrscht ein ungebrochener Egoismus, Weltanschauung ist lediglich eine Frage des persönlichen Vorteils.Horváth vermerkt im Untertitel: Erbaulicher Roman in drei Teilen. Die Kennzeichnung dieses Romans als ‚erbaulich‘ ist reiner Zynismus.

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Keine Figur ist moralisch integer, sondern das genaue Gegenteil ist der Fall, wie ich noch einmal anhand einiger Passagen dieses kurzweiligen Meisterwerks des 29jährigen Horváth deutlich machen möchte : Der Altwagenhändler Alfons Kobler betrügt einen ‚begeisterungsfähigen dicken Menschen‘ Portschinger, Käsehändler aus Rosenheim, indem er ihm einen Schrottwagen verkauft, der kurz nach dem Kauf zusammenbricht.449

Kobler wohnt zur Untermiete bei einer Frau Perzl, die folgendermaßen charakterisiert wird : „Und je ärmer sie wurde, um so stärker betonte sie ihre gesellschaftliche Herkunft, mit anderen Worten : je härter sie ihre materielle Niederlage empfand, um so bewußter wurde sie ihrer ideellen Überlegenheit. Diese ideelle Überlegenheit bestand vor allem aus Unwissenheit und aus der natürlichen Beschränktheit des mittleren Bürgertums.“ 450

Das Thema des absteigenden Bürgertums findet sich bei Horváth häufig und in jedem seiner Volksstücke. Es sind meistens Frauenfiguren, an denen er dieses Thema festmacht. Männer haben andere Schwächen, wie auch in Der Ewige Spießer: Frau Perzl ist die Witwe eines verstorbenen Mediziners: „Er stammte aus einer angesehenen, leichtverblödeten, christlichsozialen Familie und hatte sich im Laufe der Vorkriegsjahre sechs Häuser zusammengeerbt. (…) Der Dr. Perzl ist Anno Domini 1907 ein Opfer seines Berufes geworden. Er hatte sich mit der Leiche einer seiner Patientinnen infiziert. Wie er die nämlich auseinandergeschnitten hatte, um herauszubekommen, was ihr eigentlich gefehlt hätte, hatte er sich selbst einen tiefen Schnitt beigebracht, so unvorsichtig hat er mit dem Seziermesser herumhantiert, weil er halt wieder mal besoffen gewesen ist.451

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Der Oberpräparator in dem 1932 geschriebenen Stück Glaube, Liebe, Hoffnung vergiftet sich ebenfalls mit dem Seziermesser.

Der verflossene Hausfreund der Perzl, ein Zeichenlehrer von der Oberrealschule im achten Bezirk war  „immer schon etwas nervös gewesen und hat immer schon so seltsame Aussprüche getan, wie: ‚Na, wer ist denn schon der Tizian? Ein Katzlmacher!‘ Endlich wurde „er eines Tages korrekt verrückt, so wie sichs gehört. Das begann mit einem übertriebenen Reinlichkeitsbedürfnis. Er rasierte sich den ganzen Körper, schnitt sich peinlich die Härchen aus den Nasenlöchern und zog sich täglich zehnmal um, obwohl er nur einen Anzug besaß. Später trug er dann auch beständig ein Staubtuch mit sich herum und staubte alles ab, die Kandelaber, das Pflaster, die Trambahn, den Sockel des Maria- Theresia- Denkmals – und zum Schluß wollte er partout die Luft abstauben. Dann wars aus.“ 452

Schicksale werden in 10 Zeilen lapidar dargestellt, am Ende oft mit einem traurigen Ausgang. Alle diese Geschichten entbehren nicht der beißenden Komik Horváths, meistens basierend auf einer unerwarteten Pointe, was diesen Roman, ein Feuerwerk der Bösartigkeiten, so kurzweilig macht.

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Das ganze Figurenrepertoire ist ein Panoptikum der Eigenartigkeiten, von Betrügern, Neurotikern, Alkoholikern und Blöden.

Mit dem werdenden Spießer meinte Horváth den im ewigen Spießer beschriebenen neuen Typus Mensch, den dummen Egoisten, dessen Materialismus vor nichts zurückschreckt.453

Betrachtet man außer den in dieser Arbeit behandelten Arbeiten, Stücken und Romanen Horváths sein literarisches Gesamtwerk, stellt man fest, dass keine seiner Figuren wirklich positiv gestaltet ist. Es gibt nicht eine einzige Figur, die den Leser aufatmen lässt. Am Ende von Der ewige Spießer begeht Reithofer eine selbstlose Tat, indem er dem Mädchen hilft, das vorher seine Gutmütigkeit ausgenutzt hatte. Diese gute Tat wird aber gleich wieder ironisiert. Der Roman endet: „Zeugnis

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Ich bestätige gern, daß das Mistvieh Josef Reithofer ein selbstloses Mistvieh ist. Es ist ein liebes, gutes, braves Mistvieh.“ 454

Es gibt keine Lichtgestalt im Werk Horváths. Der Vergleich mit der im antiken Sinne des Dramas geforderten Identifikation mit dem Helden, die eine kathartische Läuterung beim Zuschauer/Leser auslöst, zu Horváth- Stücken ist wegen der Entfernung zur antiken Tragödie komisch.

Diese Entheroisierung ist bei Horváth Programm.

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Unter seinen Figuren gibt es ebenfalls keine, die echte Liebe empfindet. Liebe wird oft thematisiert, allerdings immer als materiell korrumpiert in Form von Prostitution oder anders gearteter Abhängigkeit.

Seine Einlassungen zum Thema Liebe haben in Der ewige Spießer programmatischen Charakter, wenn Horváth folgende Sätze formuliert:

„ ‚Im Anfang war die Prostitution!‘

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Und seit jener Zeit, da die Herrschenden erkannt hatten, daß es sich maskiert mit dem Idealismus eines gewissen Gekreuzigten, bedeutend erhebender, edler und belustigender rauben, morden und betrügen ließ - - seit also jener Gekreuzigte gepredigt hatte, daß auch das Weib eine dem Mann ebenbürtige Seele habe, seit dieser Zeit wird allgemein herumgetuschelt: ‚Diskretion Ehrensache!’ Wer wagt es also die heute herrschende Bourgeoisie anzuklagen, daß sie nicht nur die Arbeit, sondern auch das Verhältnis zwischen Mann und Weib der bemäntelnden Lügen und des erhabenen Selbstbetruges entblößt, indem sie schlicht die Frage stellt: ‚Na, was kostet schon die Liebe?‘

Kann man ihr einen Vorwurf machen, weil sie dies im Bewußtsein ihrer wirtschaftlichen Macht der billigeren Buchführung wegen tut? Nein, das kann man nicht. Die Bourgeoisie ist nämlich überaus ehrlich.

Sie spricht ihre Erkenntnis offen aus, daß die wahre Liebe zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten Prostitution ist. (...)

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Sie hat auch erkannt, daß es selbst unter Ausbeutern nur Ausbeutung gibt. Nämlich, daß die ganze Liebe nur eine Frage der kaufmännischen Intelligenz ist.“

Die Fräulein- Figur Margarethe Swoboda in Sechsunddreißig Stunden, der Geschichte, die Horváth dann mit wenigen Änderungen in seinen Roman Der ewige Spießer übernimmt, stellt so eine derart ausgebeutete traurige Figur dar.

Die Häufigkeit des Themas fällt auf. Erst im sieben Jahre später begonnenen Don Juan verarbeitet Horváth das Thema der Liebe unter einem anderen Aspekt, der aber wiederum einen eher pathologischen Charakter hat.

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Auffällig ist ebenfalls, dass auch das Thema der Elternliebe nicht vorkommt: Die Liebe eines Menschen zu einem Kind klingt an in dem unveröffentlichten Filmszenario Geschichte eines Mannes N, der um ein Haar alles kann

Aber auch in dieser Geschichte ist die Liebe zweckbestimmt und die Attitüde des kinderlieben Mannes dient dazu, die Liebe einer materiell interessanten Frau (Großbauernwitwe) zu erlangen. Das Thema wird über diesen Aspekt hinaus nicht weiter behandelt. Die Frage nach der Abwesenheit eines Motivs mag anmaßend erscheinen, jedoch ist sie angesichts der in unveränderter Weise vorkommenden Häufigkeit der immer gleichen Konstellation käuflicher und/oder materiell bestimmter Liebe interessant in dem Sinne, dass bei einem Autor wie Horváth, der Erlebnisse unmittelbar in Literatur bzw. literarische Vorlagen umsetzte, Rückschlüsse auf dessen Leben gezogen werden können.

Bei Erich Kästner, dessen übergroße Mutterliebe bzw. -Respekt in seinem Werk immer wieder leitmotivartig auftaucht (Fabian, Drei Männer im Schnee...) kann man aus der Kenntnis seiner Lebensgeschichte schließen, dass dieses Motiv autobiographisch bestimmt ist.

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Die immer wiederkehrenden Konstellationen im Zusammenhang mit „Liebe“ sind: Prostitution, Ausbeutung und sexuelle Vorteilnahme. Auf diese Themen beschränkt sich Horváths Beitrag zu diesem Thema.

Dort, wo wie in Peter im Schnee eine Auftragsarbeit vorliegt, die ebenfalls das ewige Thema der Liebe postuliert, wird - einmal abgesehen von der Liebe des Anwalts und der Haushälterin für Peter - diese trivial, humoristisch, aber niemals wahrhaftig oder ehrlich gestaltet, es sei denn in der verzerrten Form von Eifersucht des Gatten auf seine Frau.

Horváth glaubte nicht an die Erziehung des Menschen zum Guten, und seine literarischen Manifestationen dieses Unglaubens sind zahlreich. ‚Nichts gibt einem so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die Dummheit‘ lautet das Motto zu seinen Geschichten aus dem Wienerwald. Er glaubte an die Bosheit und die Dummheit, die er für einen irreversiblen Bestandteil menschlichen Miteinanders hielt (vgl. Anhang). Die distanzierte Betrachtungsweise von Menschen hat ihm nicht nur geholfen, seine Figuren zu entwerfen, in denen sich Irrationales und Böses in einzigartiger Weise zu den typischen Horváth- Figuren mischen, sondern mag ihm auch den Schritt, nach Hitlerdeutschland zu gehen, erleichtert haben. In einer Gesellschaft, die a priori schlecht und dumm ist, braucht man für das Gute nicht zu kämpfen, da ein ‚gesetzmäßiges Weltgeschehen‘ ohnehin nicht beeinflussbar ist.

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Insofern mag Horváth der Kampf der Linksparteien gegen den Nationalsozialismus wie Don Quixoterien erschienen sein.

In den Vorarbeiten zu dem im April 1929 abgeschlossenen Roman Sechsunddreißig Stunden findet sich eine Geschichtsauffassung, die noch nicht von seiner späteren religiöseren Betrachtung zeugte: „(...) da sprach der liebe Gott: ‚Es werde Weltkrieg!’ Und es geschah also. Und Gott sah, daß er gutgetan. Die Horizonte waren rot von den Flammen der brennenden Dörfer, es regnete Granaten, Schrapnells, Bomben und Kugeln, in den Wassern explodierten Torpedos und Minen und über das Leben kroch das Gas. Rund zwölf Millionen Menschen wurden erschossen, erstochen, erschlagen, ersäuft, erwürgt, verbrannt, vergiftet, verschüttet, zertrampelt, zerquetscht, zerstückelt, zerrissen und über die Erde kollerten herrenlose Arme, Beine, Schenkel, Finger, Zehen, Hände, Gedärme, Gehirne, Zungen, Ohren, Nasen, Augen, Köpfe, es war Hausse in Prothesen und Baisse in Brot. Fabriken, Bergwerke, Städte, Brücken, Straßen, Wasserleitungen, Krankenhäuser, Denkmäler, Kirchen, Wälder, Wiesen, Äcker, Fluren, Gärten wurden plangerecht zerstört und an ihrer Stelle mit übermenschlichen Qualen stilvolle Wüsten angelegt. Die Erde wurde dem Mond immer ähnlicher und nach vier irrsinnigen Jahren hat jedes Volk den Krieg verloren. So schauerlich verloren, daß die Herrschenden es mit der Angst zu tun bekamen, sich zusammenfanden und sprachen: ‚So dürfen die Dinge nicht weitergehen. Nachdem uns diese großen Zeiten fast zu groß geworden sind, dürfen wir fürderhin nicht jeder auf eigene Faust betrügen, wir müssen vielmehr den Betrug organisieren, rationalisieren, stabilisieren und das nennen wir dann Hochkapitalismus’. Und die Optimisten sagten, das bedeute den Übergang zum Sozialismus. Und die Pessimisten verhungerten.“ 455

Diese höchst redundante Textpassage zeigt Horváths Hadern mit Gott. Es handelt sich um eine Anklage der Verhältnisse, hinter der Redundanz steckt Betroffenheit. Gleichzeitig finden sich wieder vulgär- marxistische Bemerkungen, die von Horváth vermutlich wie in Italienische Nacht anekdotisch gemeint waren .

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Sein Pessimismus bezüglich des aufkommenden Nationalsozialismus und dessen Unabwendbarkeit drückt sich auch in dem Stück Italienische Nacht aus, das sich explizit mit der politischen Situation zu Beginn der dreißiger Jahre beschäftigt, wie ich im Kapitel über die Bewertung des Nationalsozialismus versucht habe, deutlich zu machen. Er sagte es ja auch explizit: „Wer soll so verrückt sein, keine Kompromisse zu machen, wenn ein solcher Pöbel den Ton angibt.“ (vgl.) 456

Einen Brief Wera Liessems an Christian Schneider nimmt dieser zum Anlass, eine Einschätzung von Horváths Verhalten vorzunehmen. In dem Brief schreibt sie, dass sie mit Horváth, nachdem er seine „Filmschreiberei“ abgebrochen habe, nach Österreich gehen wolle, denn Horváth hätte dort seine Freunde Werfel, Zuckmayer, Csokor und Egon Friedell gehabt und „weil man in Österreich deutsch spricht und er deutsch schrieb und weiter schreiben wollte.“

„Horváths Entscheidung, das ‚Dritte Reich’ nach achtzehnmonatigem Aufenthalt in Berlin und zuletzt in München sowie der oberbayrischen Provinz wieder zu verlassen, kann also offenbar weder als Resultat zunehmender moralisch fundierter Selbstzweifel noch als Konsequenz aus einer besonders klarsichtigen Analyse der eskalierenden Aggressivität des Nationalsozialismus gesehen werden.“ 457 Horváth war kein politischer Autor und er misstraute Parteien und Ideologien. John R. P. McKenzie kommt im Jahre 1996 zu dem Schluss: “Horváth was essentially an apolitical animal and while the plays contain numerous allusions of the day there is no systematic discussion of the issues and no solutions are offered. Consequently, it is well-nigh impossible to establish Horváths ideological position (…) And the conviction that man incorrigibly stupid leads him to the conclusion that there is nothing to be done.” 458

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Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Marcel Reich- Ranicki. Er spricht von ihm als vornehmlich naivem und im Grunde unpolitischen Schriftsteller, der von Ideologien nicht viel verstand, weshalb er die Frage, ob Horváth als Metaphysiker oder als Gesellschaftskritiker zu sehen ist, für verfehlt hält. „(...)eine derartige Alternative unterstellt jene entschiedenen programmatischen Intentionen, denen er immer mißtraute.“ 459 Bei der Einschätzung Horváths als naivem Autor mag folgende theoretische Abhandlung von ihm, erschienen am 20.02.1929 in der Berliner Zeitschrift Die Menschenrechte unter dem Titel ‚Zensur und Proletariat’ beigetragen haben: „Zensur ist Bevormundung. Zur Bevormundung braucht man Polizei. Zur Polizei braucht man das Zuchthaus. Wer ist Zensor? Pfaffe, Richter und Soldat. Was wird zensiert? Der Glaube an den Fortschritt. Was wird verboten? Die Vernunft, das Recht und der Friede. Was wird erlaubt? Der Abtreibungsparagraph, Giftgas, Wohnungsnot, Tuberkulose, gottgewolltes Wettrüsten und organisierter Betrug. Wer protestiert dagegen? Die Intellektuellen. Wer soll daran zugrunde gehen? Das Proletariat. Denn der Zensor würde sich um die Intellektuellen überhaupt nicht kümmern, würden sich die Intellektuellen nicht um das Schicksal des Proletariats kümmern. Und so kann auch nur das Proletariat den Zensor besiegen.“ 460

Hier handelt es sich um einen Wechsel von rhetorischen Fragen und pauschalen Antworten des Autors, der durch seine sprachliche und inhaltliche Schlichtheit ebenso verblüfft wie die Erlaubnis des Abdrucks in einer politisch engagierten Zeitschrift. Nichtsdestotrotz handelt es sich 1929 um eine politische Stellungnahme Horváths in seiner postrevolutionären Phase, deren Abdruck er nicht scheute. Zu dieser Äußerung mag er noch 1929 überredet worden sein, im Kanon seiner späteren Einlassungen wird er sie bedauert haben.

Christian Schnitzler hält den Hinweis auf das Verhalten anderer vom nationalsozialistischen Denken nachweislich nicht affizierter Autoren in dem hier zu diskutierenden Text für unumgänglich, „wenngleich er von der Aufgabe, den konkreten Kooperationsversuch Ödön von Horváths in seinen politischen wie individuell- moralischen Dimension aufzuhellen, nicht entbinden kann“ 461

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Er verweist darauf, dass selbst Franz Theodor Csokor, der aus Österreich gegen die nationalsozialistischen Autodafés Stellung bezog, und sich erfolgreich bei Bundeskanzler Schuschnigg für den inhaftierten sozialistischen Lyriker Julius Hay einsetzte, noch mindestens bis zum Dezember 1933 (zeitweise anonym) in der Berliner Presse publizierte, sich auch in der Folgezeit – wie ein an Gustav Gründgens gerichteter Brief in seinem Nachlass belegt – intensiv um einen Zugang zu reichsdeutschen Bühnen bemühte. Schnitzler resümiert, dass, wenn man sich nach den handlungsleitenden Motiven dieses und anderer Schriftsteller fragt (Er behandelt in diesem Zusammenhang auch das Verhalten Werfels. Anm. d. Verf.), „deren Verhalten zumindest zeitweise Zweifel an ihrer antinazistischen Haltung aufkommen lassen kann“, so reichen diese von der ständigen Sorge um die materielle Existenzsicherung und der Angst vor Repressalien gegen in Deutschland verbliebene Freunde und Verwandte bis zu der Vorstellung, mit ihren im Dritten Reich publizierten Arbeiten Einfluss auf das Bewusstsein der deutschen Leser nehmen zu können. „Stets gehen diese Motivationen aber einher mit eklatanten Fehleinschätzungen des Durchhaltevermögens der Regierung Hitler.“ 462 Diese Fehleinschätzung der Dauer des Naziregimes war mehr eine Glaubensangelegenheit und scheint in der Hoffnung vieler Intellektueller auf eine baldige Beendigung der Diktatur immerhin verständlich.

Von Bertold Brecht stammt der Ausspruch: Erst kommt das Fressen, dann die Moral! Diese auf eine griffige Formel gebrachte Beurteilung menschlichen Verhaltens bewahrheitete sich auch unter der Nazi- Diktatur. Die eigene Subsistenz wird fast immer über Fragen der Moral gestellt, unabhängig davon, ob es sich um Intellektuelle handelt oder nicht.

Meines Erachtens stellt sich dringender die Frage nach dem Verhalten Intellektueller zur Diktatur in der Zuspitzung der Frage nach Tätern, Opfern und Nutznießern. Die von Marcel Reich-Ranicki behauptete Naivität Horváths ist nur eine Wahrheit, die auf Horváth zutrifft. Er war ebenfalls ein aufmerksamer Leser der Weltbühne, hatte in einem Prozess bewusst zu Gunsten der von Nazis angegriffenen Sozialisten ausgesagt und im Sladek den heraufziehenden Faschismus erkannt und denunziert. Vielleicht war er naiv, was Weltbilder anbelangte, aber Naivität hilft diesem moralischen Schriftsteller nicht über den Vorwurf der Anklage hinweg, dass er um des eigenen Vorteils willen andere Schriftsteller denunzierte. Erwin Piscator und Bertold Brecht waren bereits im Exil, was Horváth natürlich wusste, und so kann man ihm zu keinem Zeitpunkt den Vorwurf der Täterschaft machen, ebensowenig aus seiner Tätigkeit als Szenarist vordergründig unpolitischer Komödien. Horváth war zeitlich begrenzt ein Nutznießer des Systems, der sich gegenüber seinen emigrierten Kollegen unsolidarisch verhielt. Wichtig sind in diesem Zusammenhang Horváths literarische Einlassungen und Aussagen, geschrieben im Exil.

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Bei der Untersuchung dieser Phase müssen auch Stücke mit einbezogen werden, die Becker in den Jahren 34-36 schrieb und als Ödön von Horváth zeichnete, eine Untersuchung, die in dem behandelten Kontext an den Stücken Hin und Her und Figaro lässt sich scheiden exemplarisch deutlich gemacht werden soll.

6)  LITERARISCHE PRODUKTION 1933 - 36

Die Posse Hin und Her

Das im November 1933 vom Marton Verlag erworbene Stück Hin und Her wurde am 13.12.1934 im Schauspielhaus Zürich uraufgeführt. Diese Posse in zwei Teilen zeigt am deutlichsten die Schaffenskrise, in der Horváth während dieser Zeit seiner Kooperation mit politischen Gegnern steckte. Thomas Mann bezeichnete das Stück, das Horváth vor seinem Eintritt in den RDS geschrieben hatte, nach der Uraufführung als „minutenweise komisches, aber zu einfallsarmes Singspiel“ 463

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Die Posse bezieht ihr Thema aus der Situation eines Mannes: Ferdinand Havlicek, der zwischen den Grenzposten zweier Staaten, die durch eine Brücke verbunden sind, hin- und hergeschickt wird. Havlicek wird zum administrativen Fall zwischen beiden Grenzen und deren Posten, die sich gegenseitig – wegen der Liebe der Tochter des einen zum anderen Grenzposten- herzlich hassen. Horváth schreibt in seinen Regieanweisungen:

„Dieses „Hin und her“ ereignet sich auf einer alten bescheidenen Holzbrücke, die über einen mittelgroßen Grenzfluß führt und also zwei Staaten in gewisser Weise miteinander verbindet. Rechts und links, wo die Brücke aufhört, wacht das jeweilige Grenzorgan, und zwar residiert auf dem linken Ufer Thomas Szamek in einer Baracke und auf dem rechten Ufer Konstantin (...)in einem halbverfallenen Raubritterturm. (...)

An beiden Ufern steht dichtes Gebüsch, und die Zweige der Trauerweiden hängen in den Grenzfluß hinab, es ist eine etwas monotone Gegend, überall flach – selbst am Horizont gibt es nur Wolken, statt irgendwelcher Hügel. Aber schöne Wolken.

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Bemerkung: Dieses Stück ist für eine Drehbühne geschrieben.“ 464

Von beiden (namenlosen) Staaten abgewiesen, läuft diese Figur von einer Seite der Brücke zur anderen und wird von den Grenzern unfreiwillig zur Übermittlung von Botschaften benutzt.

Es fällt auf, dass alle Regieanweisungen unkonkret bleiben. Der Fluss ist „mittelgroß“, die Staaten werden „in gewisser Weise“ miteinander verbunden, der Raubritterturm ist „halbverfallen“, die Gegend „etwas monoton“, am Horizont sind negativ: „nur Wolken“, aber positiv: „schöne Wolken“.

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Der Raubritterturm ist ein märchenhaftes Motiv, das nirgendwo im Stück eine Bedeutung erhält, es steht vereinzelt dar und wird nie mit Bedeutung gefüllt. Hier zeichnet sich neben den unentschlossenen Bildern die Schwierigkeit ab, das Stück zu inszenieren.

Die Posse mit ihren tragischen Elementen, die anklingen, wenn Havlicek an der Borniertheit der Grenzbeamten scheitert, ist gleichzeitig eine Geschichte um eine Schmugglerbande und ein Singspiel, zu dem der Komponist Hans Gál die Melodien komponiert hat. In dieser Posse finden sich Züge bekannter Horváth- Figuren. Der Grenzer Szamek trägt in seinem autoritär- patriarchalischen Verhalten gegenüber seiner Tochter Züge des Zauberkönigs aus Geschic h ten aus dem Wienerwald; die verwitwete Gaststättenbesitzerin Frau Hanusch, deren Gewerbe am nächsten Tag Konkurs anmelden wird, verkörpert die abgehende Mittelschicht wie Agnes Pollinger oder Margarethe Swoboda aus Der ewige Spießer unter vielen anderen.

Die Figuren tragen ähnliche Züge wie das bekannte Personal aus den Volksstücken, allerdings bemüht sich Horváth in dieser Posse um eine optimistische Grundhaltung, die sich vor allem in den Liedern manifestiert.

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Frau Hanusch singt in einer Mischung aus süddeutschem Dialekt und Hochdeutsch folgendes Lied:

Wenn heutzutag ein nettes junges Paar

Brennheiß verliebt ist und mit Haut und Haar,

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so ist die Frage bald geklärt

wie man beisamm ist möglichst ungestört.

Heut sind die jungen Leut halt gscheit!

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Gmöcht hätten wir ja auch-

Nur leider war es damals noch nicht Brauch.

Wenn eine Dame, die sich ordentlich pflegt,

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nicht grad das Gsicht hat, was man eben trägt,

so nimmt’s ein Farbtopf aus dem Schrein

und malt sich in ihr Gsicht ein neues nein.

▼ 714 

Heut sind die Frauen so viel gscheit!

Gmöcht hätten wir ja auch,

Nur leider war es damals noch nicht Brauch.

▼ 715 

Wenn über diesen oder jenen Fragen

Die Volksvertreter sich die Köpf einschlagen;

So schickt man’s heim, sperrt d’Buden zu

▼ 716 

Und hat vom ganzen Parlament sei Ruh.

Heut sind halt die Minister gscheit!

Gmöcht hättens früher ja auch-

▼ 717 

Nur leider war es damals noch nicht Brauch.

Heut hat mir träumt von einem fernen Land,

wo Politik ist gänzlich unbekannt,

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dort ist man friedlich und human,

sogar die Frau vertragt sich mit ihrm Mann,

dort kennt man weder Neid noch Streit –

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so möchtens Sie halt auch?

Nur leider ist es bei uns noch nicht Brauch. 465

Horváth ist in dieser Posse um eine hoffnungsfrohe Botschaft bemüht, die - der Form der Posse angemessen - grob vereinfacht volkstümlich positiv sein möchte. Das Ergebnis ist dann leider banal.Misslungen sind auch die Wortspiele: Der Gendarm Mrschitzka spricht den Text:

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Mir scheint ich bin krank – trelirium demens.

Darauf antwortet Szamek:

Wundern tät’s mich nicht. Geh, sei so gut und laß mich schlafen.

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- Mrschitzka: Aber schau doch nur mal dorthin, bittschön, ob dort nämlich was ist oder ob das jetzt nur eine persönliche Fata Morgana von mir ist.

Die Figuren brauchen den aus Horváth- Stücken bekannten Bildungsjargon, aber an diese Posse den Anspruch legen zu wollen, dass hier Kleinbürger demaskiert werden, übersteigt bei weitem den Schwankcharakter des Stücks.

Immer im Sinne der klamottigen Posse schreckt der Witz vor Plattheiten nicht zurück, so verhaftet Mrschitzka unwissentlich den Präsidenten eines der beiden Länder und fällt vor ihm auf die Knie, als er seinen Irrtum einsieht:

▼ 722 

- Mrischitzka: Herr Exzellenz! Ich hab eine Familie mit drei minderjährige Töchter und vier außereheliche Enkelkinder – Gnade!

- Konstantin: Warum Gnade?

- Mrschitzka zu Konstantin: Weil ich sonst meine Pensionsansprüch verlier!

▼ 723 

- Zu Y. Gnade! Gnade!

- Konstantin: Aber Ihr braucht doch keine Gnade! Pflichtlich wart Ihr doch vorschriftlich! Pflichtlich hätt Euer Präsident einen vorschriftlichen Paß haben sollen, da er aber keinen pflichtlich- vorschriftlichen, sondern nur einen unvorschriftlich- unpflichtigen gehabt hat, habt Ihr ihn doch vorschriftlich- pflichtlich verhaften und pflichtlich- vorschriftlich einkasteln müssen! Also braucht Ihr vorschriftlich keinerlei Gnade, denn pflichtlich seid Ihr im Recht.

- Havlicek: Vorschriftlich- pflichtlich!

▼ 724 

Meines Erachtens ist jeder Versuch einer Deutung dieser Passage als Persiflage, Ironie oder Groteske hinfällig. Müde Lacheffekte eines schlechten Klamauktheaters sollen nicht analytisch aufgewertet werden. An dieser Stelle sinkt Horváth weit unter sein Niveau als Stückeschreiber vor 1933. Der Versuch, dieses Mal eine echte Posse ohne Anspruch zu schreiben, schlägt fehl. Auf das Ende wird ein Happy End aufgepfropft. Die Tochter des einen Grenzpostens bekommt den Grenzer des anderen Landes, Havlicek hilft die Schmuggler zu verhaften und verdient damit 20.000 einer nicht näher bezeichneten Währung. Ein Deus ex machina- Effekt zaubert eine amtliche Depesche herbei, die laut verlesen wird:

Durch eine außertourliche und außerinstanzliche ministerielle Verfügung ist dem heimatlosen Ferdinand Havlicek sofort die Grenze zu öffnen.

Alle am Fang der Schmugglerbande (unter dem Anführer Schmugglitschinski) Beteiligten streiten sich am Ende darum, dass sie das Geld nicht haben wollen, weil es den jeweils anderen zusteht, der Vater gibt seinen Segen zur Verbindung seiner Tochter mit dem anderen Grenzposten, Frau Hanusch und Ferdinand Havlicek kündigen ihre Hochzeit an und das Geld wird brüderlich geteilt. Becker inszenierte hier billiges Effekttheater, das für Aufführungen an seriösen Schauspielhäusern ungeeignet ist.

▼ 725 

Das Happy End hat meines Erachtens in der Situation von 1934 sogar eine reaktionäre Wirkung, besonders bei einer Aufführung in der Schweiz, wenn man dieses Singspiel mit Erich Maria Remarques Roman Liebe Deinen Nächsten vergleicht, der die Not der Emigranten und das Abschieben von einem Land zum anderen eindringlich beschreibt.

Hin und Her ist das misslungenstes Stück, das je von Horváth gezeichnet wurde und lässt Rückschlüsse auf seine desolate psychologische Situation in Nazideutschland zu, in der ihm Kunst nicht mehr gelingen will und kann. Es ist unklar, für welchen Markt er dieses Stück verfasste. Er schreibt in vorauseilendem Gehorsam zensurfreundliches Theater, dem er eine für seine vorher erschienenen Stücke gänzlich untypische positive Tendenz gibt.

Die Tendenz ist menschlich gedacht, verfehlt aber ihr Ziel durch die gewählte Form völlig. Hin und Her hat daher die dem Schwank innewohnende reaktionäre Kraft. Als Tausende von rassisch und politisch Verfolgten des Naziregimes flüchteten, ist die Absicht, daraus eine Lachposse mit schwammiger politischer Tendenz zu machen („Heut hat mir träumt von einem fernen Land, wo Politik ist gänzlich unbekannt“) wenn nicht reaktionär, so doch zutiefst naiv und vor allem geschmacklos. Dieser Schwank ist ein Stück aus der Becker- Zeit und Horváth hätte gut daran getan, bei der Abfassung sein Pseudonym zu benutzen. Vielleicht wären der Literaturkritik bemühte Versuche, diese Posse als kafkaeske Farce zu stilisieren, erspart geblieben.466

▼ 726 

Figaro lässt sich scheiden

Noch einmal behandelt Horváth das Thema der Emigration in einer Komödie von 1936: Figaro lässt sich scheiden. Anlässlich dieses Stücks hat es bereits Reaktionen eminenter Horváth- Forscher gegeben, die in eine ähnliche Richtung weisen wie die zu Hin und Her gemachten Ausführungen: Im Mai 1936 beendete Horváth seine Komödie in vier Akten Figaro lässt sich scheiden, die, wie er in einem Vorwort schreibt, „einige Jahre nach Beaumarchais HOCHZEIT DES FIGARO beginnt. Trotzdem habe ich es mir erlaubt, das Stück in unserer Zeit spielen zu lassen, denn die Probleme der Revolution und Emigration sind erstens: zeitlos, und zweitens: in unserer Zeit besonders aktuell. Unter der in dieser Komödie stattfindenden Revolution ist also nicht die große Französische von 1789 gemeint, sondern schlicht nur eine jegliche Revolution, denn jeder gewaltsame Umsturz läßt sich in seinem Verhältnis zu dem Begriff, den wir als Menschlichkeit achten und mißachten, auf den gleichen Nenner bringen. In der HOCHZEIT DES FIGARO wetterleuchtet die nahe Revolution, in FIGARO LÄSST SICH SCHEIDEN wird zwar voraussichtlich nichts wetterleuchten, denn die Menschlichkeit wird von kleinen Gewittern begleitet, sie ist nur ein schwaches Licht in der Finsternis. Wollen es immerhin hoffen, daß kein noch so starker Sturm es auslöschen kann.“ 467

Damals wie heute gibt Horváths zweiter szenischer Beitrag zum Thema Emigration Anlass zu Fragen. So stellte Axel Fritz 1973 von seinem marxistisch bestimmten Standpunkt aus die Frage, „wie Horváth das Phänomen einer Revolution zu dieser Zeit überhaupt beurteile und wieweit er sich zu - bewußten oder unbewußten - Gleichsetzungen mit der ‚nationalen Revolution‘ des Faschismus hinreißen ließ“. Denn die Machtergreifung Hitlers wurde im Sprachgebrauch seiner Anhänger als „nationalsozialistische Revolution“ bezeichnet. „Daß Horváth diese ‚nationalsozialistische Revolution‘ meinte, wenn er seinen Figaro wieder in das ‚Land der Revolution‘ zurückkehren läßt, ist bestimmt nicht zutreffend. Dennoch bleibt es mißverständlich, wenn der Antifaschist Horváth 1936 seinen Figaro sagen läßt: Ich hab mich den neuen Herren zur Verfügung gestellt, hab ihnen alles gebeichtet, und sie haben mir meine Emigrationssünden vergeben“. 468

▼ 727 

Axel Fritz bezeichnete das als „schwerwiegende gedankliche Schwächen“ 469

Dieter Hildebrandt schrieb 1975 zu diesem Stück: „Das Stück leidet darunter, daß die vier, die über die Grenze fliehen, gleichzeitig aus dem Frankreich des Jahres 1789 und aus dem Deutschland des Jahres 1933 (oder 1936) fliehen (ein bißchen auch aus dem Rußland 1917), einmal also vor den Postulaten ‚Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit‘, einmal vor den Konzentrationslagern.“ 470

Eine Passage des Stücks, die für Horváths eigenen Zustand während der Niederschrift bezeichnend ist, ist die Szene, in der Figaro dem Grafen Almavira erklärt, dass er sich von ihm trennen möchte und dieser ihm vorwirft: „...du bist bürgerlich geworden, lieber Figaro“.

▼ 728 

Darauf antwortet ihm Figaro: „Herr Graf, ich habe in meinem Leben schon so oft immer wieder hungern müssen, daß das Wort ‚bürgerlich‘ für mich seine Schrecken verloren hat.“ 471

Diese Sätze können ebenfalls zu den Aussagen gerechnet werden, die Horváths eigene Situation im Deutschland der Jahre 1934-36 betreffen. ‚Bürgerlichkeit’ beinhaltet bezogen auf sein eigenes Verhalten ‚Anpassung’.

Auf des Grafen erstaunte Frage „ist denn die Revolution zu Ende?“ zieht Figaro das Fazit: „Im Gegenteil. Jetzt erst hat die Revolution gesiegt, indem sie es nicht mehr nötig hat, Menschen in den Keller zu sperren, die nichts dafür können, ihre Feinde zu sein.“ 472

▼ 729 

Kurt Kahl findet eine positivere Sicht als Axel Fritz, wenn er schreibt: „Horváth, der notorische Antifaschist, meinte mit seiner Komödie schlicht nur eine jegliche Revolution, der aktuelle Bezug liegt jedoch auf der Hand.“ 473

Wegen der Ambivalenz dieser Komödie kommt Jürgen Schröder zu dem Ergebnis, dass die Komödie Figaro lässt sich scheiden „das heikelste, ja peinlichste Beispiel“ ist, „denn hier wird die moralisch- politische Essenz von den individual- psychologischen Impulsen geradezu durchkreuzt und korrumpiert.“ 474

Figaro läßt sich scheiden stellt meines Erachtens gerade auf Grund der Sätze, in denen Fig a ro sich zu seinem Opportunismus bekennt, eine reifere Leistung dar als Hin und Her.

▼ 730 

Ein künstlerisches Meisterwerk ist ihm mit diesem Stoff nicht gelungen.

Am Ende dieser Arbeit sollen die eigenen Aussagen stehen, die Horváth im Exil zu seiner Arbeit als Verfasser von Drehbüchern machte. Die eigene Rückschau ist das wichtigste Zeugnis bei der Beurteilung der Becker- Phase.

7) HORVÁTH IN SELBSTZEUGNISSEN

Wie schon im Kapitel Broterwerb erwähnt, hatte Horváth sich in seinem Vortrag Was soll ein Schriftsteller heutzutage schreiben?, entstanden vermutlich 1936/37, 475 zu seiner eigenen Tätigkeit geäußert: „Aber es gibt nur eine wahrhafte Zensur: das Gewissen! Und das dürfen wir nie verlassen. Aber ich habe es einmal verlassen, habe für den Film z.B. geschrieben wegen eines neuen Anzuges und so. Es war mein moralischer Tiefstand.“ 476

▼ 731 

Horváth führte kein Tagebuch. Eigene Erlebnisse und Reflexionen verarbeitete er in seinen Stücken, Erzählungen und Romanen.

Von Horváths letztem Romanentwurf, Adieu Europa, geschrieben in der Zeit vor seinem tödlichen Unfall auf den Champs Elisées am 01. Juni 1938, sind sechs Blätter mit Skizzen enthalten. Eine Passage darin lautet: „Wir leben in einer schnellen Zeit. Oft denke ich, wie war mein Erfolg. Ich schrieb ein Stück, großer literarischer Erfolg, das zweite kam nicht mehr, es war aus, die Revolte. Warum mußt ich eigentlich weg von zuhaus?

Wofür bin ich denn eingetreten? Ich hab nie politisiert. Ich trat ein für das Recht der Kreatur. Aber vielleicht wars meine Sünde, daß ich keinen Ausweg fand?

▼ 732 

Ich schreibe mein Feuilleton und weiß es nicht. Ich weiß es noch nicht...“ 477

Bei diesen Blättern handelt es sich vermutlich um den Entwurf eines Romans mit einem Schriftsteller als Ich- Erzähler, der starke autobiographische Züge trägt. Ian Huish verweist auf den autobiographischen Charakter dieser Skizzen und ich folge dieser Argumentation. Wenn man diese Dokumente als autobiographischen Bericht interpretiert, distanziert sich der Autor aus Gewissensgründen unbedingt von seiner bisherigen Tätigkeit, wenn auch die gewählte Form des Romans den Bekenntnischarakter literarisch verkleinert.

Auf der dritten Seite der Blätter heißt die Titelüberschrift „Das erste Weggehen“, die Horváth getilgt und durch den Titel „Die erste Emigration“ ersetzt hat, was darauf hinweist, dass sich Horváth bzw. sein schriftstellerisches alter Ego seiner Rolle während seines Aufenthalts in Nazi- Deutschland bis zu seinem letzten Romanentwurf unsicher war.

▼ 733 

Unter dieser Überschrift schreibt er: „Eine Welt ist zusammengestürzt, man muß ganz anders schreiben. Warum emigriert? -- Habe ich Fehler gemacht? (Der Tunnel)

Weil man es nicht für möglich gehalten hat, daß das kommt.“ 478 Dieses Eingeständnis Horváths im Rückblick auf seine Zeit im RDS spricht für die These, dass er aus Unwissenheit bzw. Fehleinschätzung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gehandelt hat. Ian Huish bewertet diesen Satz folgendermaßen: „Anscheinend nimmt dieses ‚anders schreiben‘ Horváths Entscheidung vom November 1937 auf, sich von fast allen Stücken, die er in den Jahren 1932-1936 geschrieben hatte, zu distanzieren und eine Komödie des Menschen zu schreiben: ‚ohne Kompromisse, ohne Gedanken ans Geschäft. Es gibt nichts Entsetzlicheres als eine schreibende Hur. Ich geh nicht mehr auf den Strich und will unter dem Titel Komödie des Menschen fortan meine Stücke schreiben, eingedenk der Tatsache, dass im ganzen genommen das menschliche Leben immer ein Trauerspiel, nur im einzelnen eine Komödie ist.‘ “ 479 Huish weist auf den Zusammenhang zwischen Horváths Eintritt in den RDS und eine Passage aus Figaro lässt sich scheiden hin.

„Wenn man die Komödie Figaro lässt sich scheiden, entstanden 1936, unter dem Aspekt der Einbeziehung autobiographischer Momente liest, so könnte die folgende Passage ebenfalls als psychologische Aufarbeitung des Krisenprozesses Horváths in den Jahren 1932 bis 1936 begriffen werden: „Figaro sagt: ‚Ich hab mich den neuen Herren zur Verfügung gestellt, hab ihnen alles gebeichtet, und sie haben mir meine Emigrationssünden vergeben (...)‘, seine Frau Susanne aber wirft ihm vor: ‚Mein Figaro war der erste, der selbst einem Grafen Almaviva auf der Höhe seiner Macht die Wahrheit ins Gesicht sagt, du wahrst die Form in Grosshadersdorf! Du bist ein Spießer, er war ein Weltbürger!‘ Schuld, Sünde, beichten: solche Begriffe finden sich öfter und in verschiedenen Zusammenhängen im Spätwerk (...).“ 480

▼ 734 

„Da Horváth ‚keinen Ausweg‘ fand, fühlte er sich mitschuldig, mitschuldig an dem, was in Deutschland geschehen war, und an dem, was unter Hitler weiter geschah: Er selbst hatte nichts anderes getan, als immer nur zugeschaut und beschrieben.“ 481

Für die Jahre 1934 bis 1935, also die Jahre, in denen sich Horváth „den neuen Herren zur Verfügung gestellt“ hat, ist sein Eingeständnis „ich habe nie politisiert“ wenig aufschlussreich.

Sein Kampf gegen Dummheit und Lüge war auch ein gesellschaftspolitischer Kampf.

▼ 735 

Horváth hat die Brutalität und das Lügensystem nationalsozialistischer Propaganda erkannt, hat aber gewonnene Einsichten nicht konsequent zu Ende gedacht und keine politischen Konsequenzen gezogen.482 In dem Referat Was soll ein Schriftsteller heutzutage schreiben 483 schrieb er: „Der Schriftsteller ist kein Individualist. Aber: Nur Freude und Geldverdienen – das geht nicht! Damit versündigt er sich gegenüber seinem Talent, das endet in der Hölle des Stumpfsinnes. Er wird alt und nichts. Seine Kinder werden Idioten. Verantwortung, d.h. nichts anderes, wie einfach ausgedrückt: Gewissen.“ Auch aus dieser Textpassage lässt sich ablesen, dass er kein Literat war, der theoretisch- abstrakte Gegenstände schriftstellerisch aufarbeiten konnte. Außerdem zeigt sich wiederum sein Hadern als moralischer Schriftsteller mit der Becker- Phase.


Fußnoten und Endnoten

300  Man pflegt zu sagen: nach allen Regeln der Kunst – Anm. d. Verf.

301  Strothmann, op. cit., cit. 21, 7.

302  vgl. Horváth-Chronik, op. cit. 89.

303 

Immer wieder wurde die Frage diskutiert, ob es sich bei dieser Flucht Horváths bereits um einen Schritt in die Emigration handelt oder nicht. M. E. ist für die Reise Horváths nach Österreich der Begriff ‚Emigration‘ unangemessen und ‚Flucht‘ zu diesem Zeitpunkt das richtige Wort. .

„Klaus Mann fuhr am 13. März nach Frankreich. (...) Etwa zur gleichen Zeit flohen Heinrich Fischer in die CSR und Ödön von Horváth nach Salzburg, Horváth, obwohl er als Ungar ‚eigentlich‘ nichts zu befürchten hatte.“

aus : Walter, Hans Albert: Deutsche Exilliteratur 1933-1950, Bd. 1, Bedrohung und Verfolgung bis 1933, Darmstadt und Neuwied, 1973 (2. Auflage), 225.

304  Das Datum ist in der Horváth- Chronik mit einem Fragezeichen versehen, vgl. Horváth- Chronik, op.cit. 89.

305 3 Schnitzler, op. cit. 137.

306  ebenda, 135.

307  vgl. ebenda, 138

308  Csokor, Franz Theodor: Zeuge einer Zeit, München-Wien, 1964, 24.

309  ebenda, 21 f.

310  ebenda 22 f.

311  ebenda, 28.

312  ebenda, 29.

313 

Arbeiter- Zeitung (Wien) am 02.06.1933, zitiert nach Schnitzler, op. cit., 138.

vgl. zu den Vorwürfen Grafs auch: Tworek- Müller, Elisabeth: Horváth und Murnau, Ödön von Horváth- Verein, Murnau 1988, 45 f.

314  vgl. Schnitzler, op. cit., 139.

315 

Am 15. Juni 1933 wiederholt Graf noch einmal diesen Vorwurf in der Emigrantenzeitschrift Der Gegen- Angriff: „(...) ists nicht zum Kotzen, wie nun die meisten Herren Dichter Tag und Nacht herumsitzen und nur nachdenken, mit welchem Pseudonym und durch welche Schreibweise sie wieder Eingang finden könnten ins schöne 3. Reich? Habt ihr nur halbwegs über das Benehmen des Herrn Stefan Zweig, des plötzlich sich als Ungarn fühlenden deutschen Kleistpreisträgers Ödön Horváth anlässlich eines harmlosen Telegramms an den Penclubkongress in Ragusa gehört?“

aus Horváth- Chronik, 96.

316  vgl. Rohrwasser, Michael: Oskar Maria Grafs Antiintellektualismus, in Oskar Maria Graf, hrsg. von Heinz Ludwig Arnold, edition text + kritik, München 1986, 32 f.

317  Bauer, Gerhard: Gefangenschaft und Lebenslust, Oskar Maria Graf in seiner Zeit, Süddeutscher Verlag, München 1987, 244.

318  Oskar Maria Graf: Reden und Aufsätze aus dem Exil, hrsg. von Helmut Pfanner, Süddeutscher Verlag, München 1989. 31 ff.

319  Ödön von Horváth: Sportmärchen, andere Prosa und Verse, in: Gesammelte Werke, Kommentierte Werkausgabe in Einzelbänden, Hrsg. von Traugott Krischke unter Mitarbeit von Susanna Foral- Krischke, Bd. 11, suhrkamp taschenbuch 1061, Frankfurt/M. 1988, 196 f.

320  vgl. Horváth- Chronik, op. cit. 97.

321  vgl. ebenda, 96 f.

322  Christian Schnitzler, op. cit., 140.

323  ebenda 139f.

324 

Der Aufruf war unterzeichnet von Alfons Paquet, Ernst Toller, Paul Oestreich, Herwarth Walden, Helene Stoecker, Gerhart Pohl, Herbert Ihering, August Siemsen, Otto Corbach, Max Hidann, Kurt Hiller, Veit Valentin, A. M. Frey, Erich Weinert, Balder Olden, Berta Lask, Georg Ledebour, Otto Straßer (sic), Kurt Kläber, H. Martin Elster, Alfred Wolfenstein und Ödön Horvath (sic).

Vgl: Die Schriftsteller und die Weimarer Republik, Ein Lesebuch, Herausgegeben von Stephan Reinhard, Berlin 1992, 226 f.

325  vgl. Die Weltbühne, op.cit. XXV, Jg. Nr. 41, 8.10.1929, 572.

326  vgl. Schnitzler, op. cit., 141.

327  Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 100. Jg., Nr. 236, 10.10.1933; zitiert nach Schnitzler, op. cit., Anmerkung 37, 244.

328 

Schon im Juli 1933 schreibt der Verleger Gottfried Bermann Fischer an Thomas Mann nach Zürich einen Brief, in dem es im Postscriptum heißt: „Durch eine Correspondenz wird hier die Nachricht verbreitet, dass Sie sich unter den Mitarbeitern einer deutsch-feindlichen, antifaschistischen Zeitung, die in Amsterdam unter dem Namen ‚Freie Presse‘ erscheint, befänden. Ein rasches Dementi ist notwendig. (‚Frankfurter Zeitung‘; Conti-Correspondenz ev. durch mich.)“ Gemeint ist die Zeitschrift ‚Die Sammlung‘ seines Sohnes Klaus Mann.

Vgl. Thomas Mann: Briefwechsel mit seinem Verleger Gottfried Bermann Fischer 1932-1955, Fischer, Frankfurt 1975, 28.

329  vgl. ebenda Anm. 39, 244.

330  ebenda, 141.

331  vgl. Strothmann, op. cit., 68.

332  Die neue Literatur, 34. Jg. der Schönen Literatur, H. 11, November 1933, 654 ff., zitiert nach Schnitzler, op. cit., Anm. 40, 245.

333 

Die Sammlung 1. Jg. 1934, Reprint München 1986, Verlag Zweitausendeins, München 1986, VIII.

Landshoff bemerkt zu diesem Brief von Johst: „Es ist erstaunlich, daß ein an prominenter Stelle im öffentlichen Leben stehender Schriftsteller wie Hanns Johst augenscheinlich nicht wußte, daß Thomas Mann Deutschland bereits in der ersten Hälfte des Februar 1933 verlassen hatte.“

334  ebenda, XI.

335  ebenda, XII.

336 

Der SDS bestand nach seiner Zwangsüberführung im Anschluß an die Bücherverbrennungen im Exil unter der ehrenamtlichen Leitung von Alfred Kantorowicz, Schriftsteller und Publizist der Vossischen Zeitung weiter.

Alfred Kantorowicz, der gleich zu Beginn der Naziherrschaft emigrieren musste, schrieb: „Die Aufmerksamkeit der Gestapo blieb mir erhalten durch die ehrenamtliche Leitung des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller im Exil sowie durch die Begründung und Leitung der am 10. Mai 1934, dem ersten Jahrestag der Bücherverbrennungen in Paris eröffneten Bibliothek der verbrannten Bücher, von uns deutschen Exilierten kurz ‚Deutsche Freiheitsbibliothek‘ genannt, deren Präsidenten André Gide, Romain Rolland, H. G. Wells und Heinrich Mann waren (...).“

aus: Kantorowicz, Alfred: Exil in Frankreich, Merkwürdigkeiten und Denkwürdigkeiten, Bremen 1971, 12.

337  vgl. Horváth- Chronik, op. cit. 75. Die folgenden Angaben über Veröffentlichungen, Vertragsabschlüsse etc. folgen ebenfalls der Horváth- Chronik Traugott Krischkes, 75 ff.

338  Horváth hatte seit dem 11.01.1929 einen Vertrag, der die Rechte seines gesamten schriftstellerischen Werkes zum Gegenstand hatte. Dafür erhielt er eine Zahlung von 1000 RM in zwei Raten + 300 RM monatlich. Zu diesem Vertragsabschluss schreibt Horváth einen Brief an Lotte Fahr, worin er mitteilt, dass sein Roman Der ewige Spießer im Propyläen- Verlag erscheinen werde. „Die haben mehr gezahlt als Fischer, der wollte ihn auch haben. Kapitalist bleibt Kapitalist, warum soll ich ihnen was schenken?!“ vgl. Horváth- Chronik, op. cit., 50.

339  „Am 26. Oktober kritisiert die ‚Neue Preußische Kronenzeitung‘ die Vergabe des Kleistpreises an Horváth und Reger: ‚Die Würde des Kleistpreises hat durch solche Komödie der Urteilskraft schwer gelitten. Carl Zuckmayer hat sich unrühmlich hervorgetan. Der Kunstverstand Berlins ist beim Teufel.‘ “ ebenda, 75.

340 

An der Aufführung der Geschichten aus dem Wienerwald schieden sich die Geister: Im Völkischen Beobachter rezensiert Karl- Martin Friedrich die Geschichten: „(...)gespickt mit Unflätigkeiten und Deutlichkeiten“. In der Weltbühne (27. Jg., Nr. 45, S.728) verteidigt Kurt Tucholsky Horváth gegen den Angriff in der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 4. 11., „daß ein geborener Ungar kein Recht hat, sich aktiv am deutschen Schrifttum zu beteiligen“.

In Will Vespers Zeitschrift Die schöne Literatur beschimpft Richard von Schaukal Horváth als „Balkanliteraten“ und „mitleiderregenden Dilettanten“.

Zur Verleihung des Kleist- Preises schreibt er: „Kein Hund würde nach solcher Besudelung künftig den Preis noch annehmen.“

Vgl. Zitate aus Horváth- Chronik, 77 ff.

341  ebenda., 80.

342  vgl. Christian Schnitzler, op. cit. 122.

343  Horváth- Chronik, op. cit., 85.

344  Alle Zitate aus der Presse in: ebenda, 86.

345  ebenda, 87.

346  ebenda.

347  ebenda, 88.

348  vgl. ebenda 92.

349  Alexander Fuhrmann: Zwischen Budapest und dem dritten Reich, Horváths Umwege in die Emigration, in: Literatur und Kritik, Februar/März 1989, Nr. 231/232.

350  vgl. Horváth- Chronik, 97 f.

351  ebenda, 98.

352 

Am 06.12.1933 findet sich auf der Rückseite eines Briefes von Thomas Mann aus der Schweiz an seinen Verleger G. Bermann Fischer eine handschriftliche Notiz: „Entsprechend der durch die Presse ergangenen Aufforderung und in Bestätigung meiner Zugehörigkeit zum deutschen Schrifttum vollziehe ich hiermit die vorgeschriebene Anmeldung.“ Die ihm daraufhin zugesandten Anmeldepapiere füllt er nicht aus. Er schreibt am 23.12.33: „Lieber Dr. Bermann, die Aufnahme- Papiere des ‚Reichsverbandes Deutscher Schriftsteller‘ sind nun doch- entgegen Ihrer Information und Erklärung, die Sache sei erledigt- noch gekommen, mit dem Bemerken, man habe Abschrift meines Schreibens an den Präsidenten der Schrifttumskammer erhalten, aber alle Mitglieder des ehemaligen S.V.S., auch die Ehrenmitglieder, müssten den Fragebogen ausfüllen. Ich teile Ihnen das eilig mit, weil mir die Lage ernst scheint. Hoffentlich finden Sie einen Ausweg. Ich tue weiter nichts in der Sache.

Auf Wiedersehen bald“.

Vgl. Thomas Mann: Briefwechsel mit seinem Verleger Gottfried Bermann Fischer 1932-1955, hrsg. von Peter de Mendelssohn, Fischer, Frankfurt/M. 1975. 59 f.

353  Horváth- Chronik, op. cit., 101.

354  ebenda, 101.

355 

Wegen der Annahme von Hin und Her durch das Deutsche Volkstheater in Wien erscheint im 12 Uhr- Blatt vom 21.10.33 unter dem Pseudonym ‚Tarzan‘ ein Artikel, in dem zahlreiche Pressestimmen ausführlich zitiert werden, die sich - teilweise polemisch - mit der Uraufführung der Geschichten aus dem Wienerwald auseinandersetzen. Der Artikel schließt:

„Da kann man nix machen, so würde der von dem deutschschreibenden Ungarn so treffend charakterisierte ‚Wiener‘ sagen. Was den anbelangt, so hat Herr Horváth halt doch wahrscheinlich recht gehabt - mit dem Charakter ist‘s bei ihm recht schlecht bestellt.“

Horváth erstattet daraufhin Anzeige wegen Ehrenbeleidigung.

vgl. Horváth- Chronik, op. cit., 103.

356  Schnitzler, op. cit., 142.

357 

Horváth- Chronik, op. cit., 102.

Die Aussagen Csokors in seinen Briefwechseln müssen kritisch betrachtet werden, da Csokor bemüht war, das Ansehen seines Freundes posthum zu steigern, indem er Horváth Aussagen der Gegnerschaft zum Nationalsozialismus bescheinigte, die dieser nie gemacht hat.

358  vgl. Schnitzler, op. cit., 142 f.

359  vgl. Brief an den Verfasser vom 17.11.1993.

360  Horváth-Chronik, op. cit., 111.

361  ebenda., 112.

362 

Thomas Mann hatte die Aufführung auch nicht gefallen. Er notierte in seinem Tagebuch: „Mit K. ins Theater, wo wir ein minutenweise komisches, aber zu einfallsarmes Singspiel von Ödön Horváth sahen. Auf der Rückfahrt dichter Nebel.“

Horváth- Chronik, op. cit., 113.

363 

„Die Berliner ‚Minerva Tonfilm G.M.B.H.‘ fragt brieflich bei Hans Adler an, ob er für ‚einen Film nach der Nestroy'schen Posse Einen Jux will er sich machen mit Luise Ullrich, Paul Hörbiger und weiterer prominenter Besetzung‘ Liedtexte schreiben wolle. ‚Die Arbeit an dem Drehbuch, das von den Herren Bobby E. Lüthge und Oedön Horvath hergestellt wird, ist bereits soweit vorgeschritten, dass dasselbe in der ersten Februar-Hälfte fertig sein wird.“

ebenda., 114 f.

364  ebenda., 116.

365 

Am 08. Februar 1937 teilt der Präsident der RSK Horváth, der seit dem 01.01.1935 keine Beiträge mehr bezahlt hat, mit, daß er sich genötigt sehe, ‚die fälligen Beiträge im Wege der Zwangseintreibung durch das zuständige Finanzamt einleiten zu lassen.‘ Erst am 24. Februar 1937 wird Horváth aus der Mitgliedsliste des RDS gestrichen.

vgl. ebenda., 127.

366  „Der Rezensent des ‚Kleinen Blattes‘ schreibt von einem ‚tiefen Eindruck‘ und von einem ‚Abend von hohem künstlerischen Niveau‘, die ‚Wiener Zeitung‘ von einem ‚Haupttreffer‘, der den Kammerspielen ‚ganz unerwartet (...) in den Schoß gefallen‘ sei. vgl. ebenda, 115 f.

367  vgl. ebenda, 133.

368  „Es war eine reine ‚Broterwerbstätigkeit‘, in Stoff- und Themenwahl trivial, im Ergebnis – ich kenne alle diese ‚Becker‘- Filme – zudem noch von sehr geringem Unterhaltungswert...“ Brief an den Verfasser vom 12.02.1993.

369  Huish, Ian: Adieu Europa!, in: Horváths Prosa, hsg. von Traugott Krischke, suhrkamp taschenbuch materialien, Frankfurt/M. 1989, 185.

370  vgl. Ödön von Horváth: Sportmärchen, in: Gesammelte Werke, Kommentierte Werkausgabe in Einzelbänden, Herausgegeben von Traugott Krischke unter Mitarbeit von Susanna Foral-Krischke, Bd. 11, Frankfurt, M. 1988, 267.

371  ebenda, 269.

372  ebenda, 269.

373  ebenda, 188.

374  Die deutsche Entsprechung von ‚Ödön‘ ist ‚Edmund‘. Anm. d. Verf.

375  vgl. GW 3, 9 f.

376  Horváth: Sportmärchen, op. cit., 184 f.

377  Diese Erkenntnis ist wiederum interessant für die Bewertung von Horváths Absichten, wenn er die FASCHISTEN in Italienische Nacht ‚ Lieb Vaterland, magst ruhig sein‘ singen lässt, da Horváth völkischen Ideen völlig fremd gegenüberstand.

378 

Zur Charakterisierung Stuhlfelds ist folgende Schilderung aufschlussreich:

„Von dem Schauspieler Rudolf Frank liegt (in seinen Memoiren Spielzeit meines Lebens, Heidelberg 1960) eine Schilderung Stuhlfelds aus dieser Zeit vor:

‚Er (Stuhlfeld) gebärdete sich als eifriger Nationalsozialist, trug nur noch braune Kleidung, braune Krawatten, braune Hemden, bestellte braunes Verlagsbriefpapier, dazu ebenso braune Farbbänder und war äußerst verdutzt, als weder er noch sonst wer die braun auf braun getippten Briefe zu lesen imstande war.‘ “

zitiert nach einem Brief Traugott Krischkes vom 17.11.1993 an den Verfasser.

379  Vgl. Strothmann, op. cit., 10.

380  ebenda, 11f.

381  In der Wiener Arbeiter- Zeitung schreibt O. M. Graf unter dem Titel Verbrennt mich!: „Nach meinem ganzen Leben und nach meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu verlangen, daß meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbuben gelangen.“ zitiert nach: Horváth- Chronik, op. cit. 94.

382  Benno von Wiese, in : Ödön von Horváth, Herausgegeben von Traugott Krischke, suhrkamp, Frankfurt a.M. 1981, 8.

383  ebenda, 8.

384  Horváth war der heutigen Quellenlage nach durchaus nicht über diesen Plan seiner ersten Frau auf dem laufenden, sondern ist im Gegenteil ohne sein Wissen von ihr benutzt worden. Vgl. Horváth- Chronik, op. cit., 105.

385  « Après s'être réfugié à Salzbourg, Horváth gagna Innsbruck puis Vienne ou il retrouva Hertha Pauli. A cette époque - 1933 - Horváth projetait une sorte de seconde partie à la nuit italienne, une pièce consacrée aux S.A. Pour cela, il désirait observer lui-même ce qui signifiait le triomphe de Hitler, les réactions de la population et décida de se rendre à Berlin, en 1934, s'estimant protégé par son passeport hongrois. Très vite il se rend compte des difficultés d'avoir le moindre contact avec les milieux culturels - il semble avoir rencontré des gens du cinéma - et décide de quitter l'Allemagne, les nazis ayant une seconde fois tenté de l'arrêter. » Ödön von Horváth : Jeunesse sans Dieu, Presses universitaires de Grenoble, 1982, 16.

386  Pauli, Hertha: Ein Riß der Zeit geht durch mein Herz, Ein Erlebnisbuch, Paul Zsolnay Verlag G.m.b.H., Wien/Hamburg 1970, 67.

387  Ödön von Horváth, Der ewige Spießer, op. cit., 165.

388  Benno von Wiese, op. cit., 8.

389  vgl. Horváth- Chronik, op. cit., 116.

390  bei der Familie Faistbauer in Pöcking/Obb. Haus 49 1/2, wo er sich am 18.09.35 wieder abmeldet. Vgl. Horváth- Chronik, op. cit., 116.

391  Christian Schnitzler, Der politische Horváth, op. cit., 149.

392  Christian Schnitzler bemerkt dazu, dass auch in der bisherigen Forschung der Verdacht hätte aufkommen müssen, dass Csokor in seiner Sammlung von Briefen aus dem Exil jedes Detail planvoll getilgt hat, das einen Zweifel an Horváths moralischer Integrität hätte nähren können. „Was aber noch an Informationen in Csokors wirklichen Schreiben bleibt, erweist sich zwar für die Rekonstruktion des Horváthschen Lebenslaufs als durchaus interessant, vermag zur Klärung der aufgeworfenen Fragen hinsichtlich der seit 1933 eingenommenen Haltung des Schriftstellers jedoch nur wenig beizutragen.“, ebenda, 149 f.

393  Ulrich Schulenburg hat darauf hingewiesen, dass die Briefe Csokors zum großen Teil verloren gingen und Csokor diese dann im Alter von 79 Jahren zu rekonstruieren versuchte, wodurch sich Abweichungen erklären. vgl. Franz Theodor Csokor, 1885 – 1969, Lebensbilder eines Humanisten, hrsg. von Ulrich N. Schulenburg unter Mitarbeit von Helmut Stefan Milletich, Wien 1992, 11.

394  Horváth: Sportmärchen, andere Prosa und Verse, Kommentierte Werkausgabe in Einzelbänden, Herausgegeben von Traugott Krischke unter Mitarbeit von Susanna Foral-Krischke, Bd. 11, Frankfurt/M. 1988, 219.

395  zitiert nach: Kienzle, Siegfried: Ödön von Horváth, op. cit., 19.

396  Klaus Mann: Der Wendepunkt, Hamburg 1999, 432 f.

397 

« Peut-on tout de même parler, après 1933, d’un retour de Horváth à la tradition de la satire indirecte, sous la pression des événements ? D’un projet conscient de continuer avec d’autres armes un combat littéraire contre les mêmes ennemis ? Cela n’est pas très net si l’on observe la vie et la production de Horvath entre 1933 et 1936. Les éléments de satire politique contenus dans Hin und Her et dans L’Inconnue de la Seine ne pèsent pas d’un grand poids. Il n’y’ a guère que dans Himmelwärts que l’on peut voir une tentative de satire politique indirecte de la situation en Autriche. A première vue même, il n’y a rien de politique dans cette reprise des thèmes et des formes de la tradition médiévale (et baroque) du “mystère” la scène à trois étages (ciel—terre—enfer), le pacte avec le Diable, le combat autour d’une âme. C’est donc de façon très détournée que Horvath se situe dans le tourbillon politique de ces années 1933—36. Sa vision somme toute laudative de 1’ “austrianité” du Ciel et de l’Enfer et une façon de marquer la différence entre le radicalisme de l’Allemagne et le laisser—aller de l’Autriche. C’ est bien entendu un cliché qui est ici exploité, mais Horvath n’en opère pas moins un renversement étonnant. »

Jean-Claude François in : Actes du Colloque, Ödön von Horváth, Université de Nantes 1982, 19.

398  Brief an den Verfasser vom 06.03.1994.

399  Bermann Fischer, Gottfried: Bedroht - Bewahrt, Der Weg eines Verlegers, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt, 1986, 75.

400  ebenda, 105 f.

401  aus: Ödön von Horváth: Sportmärchen, andere Prosa und Verse, op. cit., 195.

402  ebenda, 269 f.

403  Jungk, Peter Stephan: Franz Werfel, Eine Lebensgeschichte, S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 1988, 207 f.

404  Thomas Manns „sprechende“ Beschreibung Hauptmanns in der Figur des „wortgewandten“ Peeperkorn in der Szene am Wasserfall des Zauberberg gibt ein Bild dieses Schriftstellers, das ihm nicht unähnlich gewesen sein mag und zu ihm wenigstens in Bezug auf sein Verhalten bei der Eröffnung der „Reichskulturkammer“ nicht im Widerspruch zu stehen scheint.

405  Peter Stephan Jungk kommt in seiner Biographie über Franz Werfel zu diesem Ergebnis, vgl. ebenda, 207 f., vgl. ebenda, 208.

406  ebenda.

407  ebenda.

408  ebenda , 208 f.

409  ebenda, 209.

410  ebenda, 210.

411  ebenda.

412  ebenda.

413 

Grete von Urbanitzky- Pasini hatte am 27.05.1933 als offizielle Delegierte Österreichs zusammen mit Felix Salten auf dem P.E.N.- Kongress aus Protest den Saal verlassen, als Ernst Toller das Wort ergreifen wollte. Sie schloss sich damit dem Protest der deutschen Delegation, vertreten durch den Korvettenkapitän a.D. Fritz Otto Busch, Hans Martin Elster und dem Hitler- Biographen Edgar Schmidt- Pauli an.

vgl. Horváth- Chronik, 94.

414  ebenda, 214.

415  ebenda, 213.

416  Gottfried Bermann- Fischer: Bedroht- Bewahrt, op. cit., 75.

417  Im Herbst hatte Horváths engster Freund, Franz Theodor Csokor, ihn im Salon der Alma Mahler- Werfel eingeführt. vgl. Chronik, 101.

418 

Bermann- Fischer berichtet von den Wiener Freunden: „Da waren Franz Werfel und Alma, seine Frau, deren Haus einen Mittelpunkt des literarischen und politischen Lebens in Wien bildete, Richard Beer- Hofmann residierte in ‚Splendid isolation‘ in seiner mit erlesenem Geschmack eingerichteten Villa, Arthur Schnitzlers Sohn Heinrich Schnitzler mit seiner jungen Frau und Alexander Lernet- Holenia gehörten dazu, Robert Musil kam zu uns, aus der Einsamkeit seiner Arbeit am dritten Band des ‚Mann ohne Eigenschaften‘, den er nie vollendete; Sigmund Freud empfing uns in seinem Haus; Siegfried Trebitsch, der Übersetzer Bernard Shaws, lebte in nächster Nachbarschaft, Paul Zsolnay's kleines Barockschlösschen grenzte an unseren Garten; Gerty von Hofmannsthal, des Dichters Witwe, war da und Carl Zuckmayer mit seiner Jobs lebten nicht fern, in Henndorf bei Salzburg, in ihrer schönen alten Mühle.“

Gottfried Bermann Fischer, op. cit., 104.

419  Isa Schikorsky, : Erich Kästner, München 1999, 95.

420  schreibt Isa Schikorsky, wobei nicht genau klar ist, ob es sich dabei um eine einmalige Zahlung handelte. Vgl. ebenda, 78.

421  vgl. ebenda, 62.

422  vgl. ebenda, 73.

423  vgl. ebenda, 101.

424  Die Bezeichnung „Intellektueller“ wird im Fremdwörterlexikon (Duden 5) wie folgt definiert: „Jemand mit akademischer Ausbildung, der in geistig schöpferischer, kritischer Weise Themen problematisiert und sich mit ihnen auseinandersetzt.“ Diese Definition wird in dieser Arbeit um den Begriff der „Aufklärung“ und die „Fähigkeit der Einsicht in das Gegenteil einer fälschlich als richtig erkannten Sache“ erweitert, da sonst keine Trennung gemacht werden kann zwischen uneinsichtigen Schriftstellern der Rechten, die natürlich auch den Begriff „schöpferisch“ für sich in Anspruch nehmen und der Opposition. Um eine Verwechslung von Tätern und Opfern zu vermeiden, gebrauche ich den Begriff „intellektuell“ in der Weimarer Republik synonym mit „linksintellektuell“. Wegen der Schwierigkeit, z.B. Martin Heidegger den Status eines Intellektuellen abzuerkennen und die Bezeichnung „rechtsintellektuell“ angesichts der Verwicklung und aktiven Teilnahme an der einmaligen Grausamkeit des Nationalsozialismus als contradictio in adjecto erscheint, vermeide ich diesen Begriff für alle „Rechtsintellektuellen“, die sich in dieser Zeit als Täter hervorgetan haben. (Anm. d. V.)

425  Brief an die Mutter vom 16.05.1931, in: ebenda, 57.

426  ebenda, 75 f.

427  ebenda, 76.

428 

Max Ophüls wird später u.a. durch eins seiner frühen Meisterwerke, Liebelei, bekannt, einen Film von 1932 mit starker antimilitaristischer Aussage, nach dem gleichnamigen Roman Arthur Schnitzlers, Ophüls letztes Werk vor der Emigration.

ebenda, 76.

429  vgl. ebenda 77.

430  vgl. Kindler: Lexikon der Weltliteratur, op. cit.

431  Zu dieser Auffassung gelangt Isa Schikorsky. Vgl. Isa Schikorsky: Erich Kästner, op. cit. 103.

432 

Berthold Bürger (Pseudonym für Erich Kästner): Münchhausen,

Drehbuch, Stoff und Buch von Berthold Bürger

Regie: Josef von Baky

Eine Hans Albers - Produktion der UFA

Das Drehbuch ist wie moderne Drehbücher geschrieben: linke Spalte Handlung; rechte Spalte: Ton ; in: Akademie der Künste Berlin, Sammlung Erich Kästner bzw. seiner Mitarbeiterin Elfriede Mechnik.

433 

Baky war ein Freund Erich Kästners und hatte mit ihm als Szenaristen 1943 den Film Münchhausen realisiert: Eine Hintergrundgeschichte zu diesem Film findet sich auf einer amerikanischen Homepage: „Because of a political indiscretion Kastner was unable to write under his own name, being on the official blacklist, but the censors looked the other way if the writer decided to use a pseudonym. (Nazi censorship appears today incomprehensible as far as general standards were concerned. ) The director suggested that Kastner might be the ideal scriptwriter, and Goebbels agreed-so long as Kastner's name didn't appear on the credits.

When the director approached the writer for suggestions, Kastner said, "Well, your commission has come from the world's greatest liar- why not do a film about his closest competitor, the Baron Munchhausen?" Without being told the exact genesis of the subject, Goebbels agreed and allocated a budget of RM S million (sic), with permission for Baky to use any stars he wanted for the color production. Kastner, under the pseudonym of Berthold Burger (a typical joke, as the first name was apparently borrowed from Goebbels' arch enemy Brecht, and the last name of course meant "citizen"), penned an enormously complex story which would depend a great deal on trick photography and special effects. In addition, there were numerous cameo roles so that as many Ufa stars as possible could take part in the picture.

Vgl: http://www.sewanee.edu/german/GermanFilm353/Munchhausen.html.

434  Meine Darstellung folgt Isa Schikorsky. Sie schreibt: „Dass sich zwischen dem größten Lügner der Literaturgeschichte und den Propagandamethoden der Herrschenden möglicherweise Parallelen erkennen lassen, sehen die politisch Verantwortlichen offenbar nicht.“ vgl. ebenda. 104 ff.

435  Bertolt Brecht wurde als Berthold Eugen Friedrich geboren. Außerdem ist bei der Wahl dieses Synonyms noch eine andere Tatsache interessant: „Bürger“ hat sowohl die Bedeutung von englisch „citizen“ und ist vielleicht auch ein Hinweis auf Gottfried August Bürger, der den Münchhausen- Stoff von Rudolf Erich Raspes 1785 erschienenen Roman ein Jahr später neu bearbeitet hatte.

436  Die Woche  (früher Wochenpost) vom 29.01.1999, 35.

437  ebenda.

438  Isa Schikorsky: Erich Kästner , op. cit., 98

439  ebenda, 98.

440  ebenda, 99.

441  Zitiert nach Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23.02.1999.

442  ebenda, 100.

443  vgl. Isa Schikorsky: Erich Kästner , op. cit., 115.

444  ebenda.

445  ebenda, 139.

446  Kästner, Erich: Gesammelte Schriften für Erwachsene, Bd. 6 Vermischte Beiträge 1, Zürich 1969,195 ff.

447 

„ In der Zeit von 1933 – 45 hatte er, der Mann zwischen den Stühlen, sich klar entschieden. Wenn er in verschiedenen Nachschlagebüchern der deutschen Exilliteratur angeführt wird, so hat das schon seine Ordnung. Zwar war er nicht emigriert, wohl aber waren es seine Bücher, die damals in der Schweiz erschienen. Kästner ist Deutschlands Exilschriftsteller honoris causa. Er hat in jenen Jahren nichts geschrieben, dessen er sich hätte später zu schämen brauchen.“

In: Marcel Reich-Ranicki: Nachprüfung, op. cit., 318.

448  Ödön von Horváth: Der ewige Spießer, in Gesammelte Werke, Kommentierte Werkausgabe in Einzelbänden, Herausgegeben von Traugott Krischke unter Mitarbeit von Susanna Foral-Krischke, Frankfurt 1987,129.

449  Ödön von Horváth: Der ewige Spießer, in Gesammelte Werke, Kommentierte Werkausgabe in Einzelbänden, Herausgegeben von Traugott Krischke unter Mitarbeit von Susanna Foral-Krischke, Frankfurt 1987,132.

450  ebenda, 139.

451  ebenda, 138.

452  ebenda, 139 f.

453  vgl. Krammer, Jenö: Ödön von Horvàth, Leben und Werk aus ungarischer Sicht, Wien 1969, 51.

454  Ödön von Horváth: Der ewige Spießer , op. cit. 275.

455  ebenda, 286 f.

456  Wien , Österr. Nationalbibliothek, Österr. Literaturarchiv, Nachlaß Ödön von Horváth, Mappe Nr. 2/1.5, Notizbuch Nummer 4, p. 66 recto (BS 56).

457  Vgl. Christian Schnitzler : Der politische Horváth, op. cit., 149.

458  Vgl. John R. P. McKenzie: Social comedy in Austria and Germany 1890-1933, Bern, Berlin, Frankfurt/M., New York, Paris, Wien, 1996, 170.

459 

„Er war ein vornehmlich naiver und im Grunde unpolitischer Autor. (...) Doch haben Horváths Religiosität und Naivität die Genauigkeit und Zuverlässigkeit seiner sozialen Wahrnehmungen und Beobachtungen nicht beeinträchtigt, sondern mitunter erst ermöglicht. Weil er den politischen Strömungen und Parteien gegenüber Distanz bewahrte, und auf der Position des skeptischen und kritischen Zeugen beharrte, eben deshalb konnte er in einigen Stücken wichtige Zeitphänomene am Rande des Politischen, die von anderen - Brecht einschließlich – übersehen wurden, bemerken und zeigen.“

In: Marcel Reich- Ranicki: Nachprüfung, op. cit., 330 f.

460  Vgl. GW IV 667.

461  Christian Schnitzler : Der politische Horváth, op. cit., 148.

462  ebenda.

463  Horváth- Chronik, op. cit., 113.

464  GW IV, 202.

465  ebenda, 225 f.

466 4 vgl. Heinz Schwarzinger:: Ödön von Horváth, Repères biographiques 1901-1938, Paris, 1988, 65.

467  vgl. Traugott Krischke: Ödön von Horváth, Kind seiner Zeit, Wilhelm Heyne Verlag, München, 1980. (hierin Faksimileabdruck RDS-Fragebogen), 219.

468  ebenda, 219 f.

469  ebenda, 220.

470 

Wahrscheinlich zielte seine Kritik auf das Allgemeinmenschliche ab - Anm. d. Verf..

„Horváths Anti- Bekenntnis gilt dem Untermenschentum ohne Unterschied der politischen Färbung“ schrieb Otto Pick 1937 anlässlich der Prager Uraufführung in der Prager Presse. vgl. ebenda, 220.

471  vgl. Reg. Nr. IB 197.142 in: Wiener Stadtarchiv, Figaro läßt sich scheiden; handschriftlich korrigiertes Typoskript für Aufführung am Theater in der Josefstadt.

472  Kurt Kahl: Ödön von Horváth, op. cit, 76.

473  ebenda.

474  Jürgen Schröder: Das Spätwerk Ödön von Horvaths, in : Sprachkunst, 1976, 54.

475  vgl. Ödön von Horváth: Sportmärchen, andere Prosa und Verse, op. cit. 271.

476  Ian Huish : Adieu Europa, op. cit., 185.

477  ebenda, 178.

478  ebenda, 179.

479  ebenda, 179; das Zitat ‚ohne Kompromisse(...)‘ zitiert Ian Huish nach: Traugott Krischke und Hans F. Prokop, Ödön von Horváth, Leben und Werk in Dokumenten und Bildern, Frankfurt/M. 1972, 125.

480  vgl. ebenda, 180.

481  ebenda, 18

482 0 Christian Schnitzler resümiert: „Festzuhalten bleibt aber vor allem, daß bei Horváth am Vorabend der Regierungsübernahme durch Nationalsozialisten und Deutschnationale entscheidende weltanschauliche Fragen nicht hinreichend geklärt sind und seine politische Position insgesamt von einer deutlichen Verunsicherung gekennzeichnet ist.“ Schnitzler: Der politische Horváth, op. cit. 127.

483  Vielleicht handelt es sich bei diesem Aufsatz auch um einen Bestandteil seines unvollendeten Romanentwurfs eines Ich-Erzählers Adieu Europa (vgl. GW IV, 44*), das jedoch so viele autobiographische Momente enthält, dass das autobiographische Moment unzweifelhaft den Autor selbst betrifft. vgl. GW IV, 668 ff.



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31.03.2006