VII  Ödön von Horváth ≠ H. W. Becker

▼ 735 (fortgesetzt)

Die Antwort auf die Frage und deren historische Einschätzung, warum der intellektuell aufgeschlossene Schriftsteller Horváth aus dem Ausland 1934 nach Hitler- Deutschland zurückkehrt und Konzessionen an richtig erkannte Grundwerte macht, ist komplex. Die Beantwortung der Frage nach dem Muster: Horváth ist nur aus finanziellen Gründen nach Deutschland zurückgekehrt wird der Vielschichtigkeit der Fragestellung und des Autors nicht gerecht.484

Horváth war in seinem Schaffen den sozial Schwächeren besonders verpflichtet. Diese Tatsache rechtfertigt eine Einordnung Horváths in das Spektrum der progressiven, an sozialistisch und pazifistisch orientierten Vorstellungen dieses Autors im Kulturbetrieb der Weimarer Republik.485

▼ 736 

Die oft diskutierte Frage, inwieweit Pazifisten bzw. Intellektuelle am Scheitern der Weimarer Republik beteiligt waren, wird sich wegen einer vergleichbaren Komplexität nicht auf eine kurze Formel bringen lassen.

Außer Zweifel steht aber, dass in einem autoritären System die Korrektur des eigenen Verhaltens um eines Vorteils willen, im Sinne von Übernahme einer Einstellung, die zu den sonst vertretenen moralischen oder ethischen Kategorien im Gegensatz steht, im Regelfall zum Machterhalt dieses Systems beiträgt.

Dabei spielt die Stellung im öffentlichen Leben und der Grad der Verwicklung und Korruption innerhalb eines autoritären Regimes eine wesentliche Rolle.

▼ 737 

Die Eingebundenheit in ein verbrecherisches Regime war bei Ödön von Horváth minimal, wenn man z. B. an einen „rechtsintellektuellen“ Täter wie Martin Heidegger denkt, der als Rektor der Universität Freiburg einen ehemaligen guten Bekannten und Kollegen an der Universität Göttingen bei nationalsozialistischen Parteigängern mit antisemitischen Argumenten denunzierte und völkisch- nationale Reden vor Studenten hielt.486 Für Intellektuelle, die nicht Täter werden wollten, gab es im Nationalsozialismus unterschiedliche Überlebensstrategien:

Der Schriftsteller Alfred Andersch, der sich nach dreimonatiger Haft in Dachau, einem der schlimmsten Konzentrationslager, und nach einer erneuten Verhaftung als Angehöriger einer kommunistischen Jugendorganisation in die völlige Isolation flüchtete, entschloss sich nach eigenen Worten, die Gesellschaft, die als Organisationsform den totalen Staat errichtete, schlicht zu ignorieren. „Der Ausweg, den ich wählte, hieß Kunst. (...) Der Preis, den ich für die Emigration aus der Geschichte bezahlte, war hoch; (...) Ich brachte dieses Kunststück fertig. Ich antwortete auf den totalen Staat mit der totalen Introversion.“ 487

Unter vielen anderen Biographien von Menschen und Künstlern, die nicht emigrierten, ohne der Mittäterschaft verdächtig zu sein, wird Horváths zu einer von vielen.

▼ 738 

Der Autor Erich Kästner, auf dessen Schaffen als verbotener Schriftsteller und Nicht- Emigrant unter dem Nationalsozialismus in dieser Arbeit wegen der Nähe seiner und Horváths Biographie an mehreren Stellen eingegangen wird, schrieb am Ende des Krieges: „Das Dritte Reich ist vorbei, und man wird daraus Bücher machen. Miserable, sensationelle und verlogene, hoffentlich auch ein paar aufrichtige und nützliche Bücher. Eine psychologische Untersuchung, die sich mit dem Verhalten des Durchschnittsbürgers beschäftigt, wird nicht fehlen dürfen. Und sie könnte etwa ‚Die Veränderbarkeit des Menschen unter der Diktatur’ heißen.“488

Horváths Gabe, Menschen mit Röntgenaugen zu durchleuchten, das Unausgesprochene sichtbar und die hinter bürgerlicher Fassade liegende Dummheit und Bosheit anschaulich zu machen, hat nicht verhindern können, dass er im Alter von 32 Jahren die Strategie der Nutzbarmachung dieser gefährlichen Mischung von Dummheit und Bosheit in der Ideologie des Nationalsozialismus nicht erkannt bzw. weit unterschätzt hat und durch die Denunzierung anderer (Piscator und Brecht) versucht hat, daraus Nutzen zu ziehen.

Es handelt sich bei den in dieser Arbeit behandelten Auszügen literarischen Schaffens der Jahre 1934-36 um Schriftstellerei unter dem Vorzeichen der Korruption.

▼ 739 

Horváth wollte an den Erfolg seiner Volksstücke der Jahre 1930 bis 1932 anknüpfen, allerdings unter den veränderten Bedingungen des Naziregimes.

Ein gefeierter antifaschistischer Autor versucht durch bewusste Veränderung seiner Schriftstellerei die ihm eigene schöpferische Kraft der Zensur anzupassen und produziert plötzlich drittklassige Gebrauchsliteratur.

Das erzeugte Schriftgut ist bar jeder von ihm bis dahin gekannten originellen Leistung.

▼ 740 

Diese besteht gerade in der Aufdeckung unbewusster Vorgänge durch die Sprache. Ungesagtes demaskierte er durch den Jargon.

In den Stücken Glaube Liebe Hoffnung, Kasimir und Karoline, Geschichten aus dem Wienerwald sowie in seinem Roman Der ewige Spießer setzt er ungeschönt Materialismus, Verlogenheit und Bosheit in Szene.

Diese zuweilen pessimistische und misanthropische Sichtweise kann er in seinen zensierten Arbeiten für den Film nicht beibehalten.

▼ 741 

Um etwas zu produzieren, das mit der nationalsozialistischen Ideologie verträglich ist, muss er auf die Grundlagen seines Könnens verzichten und Konzessionen machen, die seinem eigenen Geist zuwiderlaufen . Durch den Paradigmenwechsel verlieren die nun entstehenden Arbeiten ihre Seele und die von dem Autor selbst geforderte Eigentlichkeit. Die geforderten literarischen Produkte degradieren den Schriftsteller zum Techniker. Die Ursache seiner Schaffenskrise liegt hier. Das Ergebnis ist eindeutig: Es entstehen Szenen und Dialoge ohne Überzeugung und die verlorene Schaffensfreiheit korrumpiert seine Kunst. Das Resultat der Selbstverstümmelung des Künstlers Horváth ist (neben dem echten und früh verstorbenen H.W. Becker) der drittklassige pseudonyme Literat H. W. Becker.

Marianne Hoppe und François Fejtö, die beiden einzigen Zeitzeugen, die Horváth kannten und mir Gelegenheit zu einem kurzen Interview gaben, erzählten, dass Horváth eine Persönlichkeit war, die die Dinge von einer höheren Warte aus sah. Marianne Hoppes Einschätzung war, dass Horváth über den Dingen stand. Er lachte gerne, war ein standfester Trinker und liebte österreichische Folklore. Fejtö nimmt an, dass Horváth die Nazis falsch eingeschätzt hat, eine These, der auch die Episode Vorschub leistet, dass er den Nazis gegenüber das Fi a kerlied des jüdischen Autors Gustav Pick als „frei nach Motiven von Anzengruber“ ausgeben wollte.

Er dachte, alles könne nicht so schlimm sein und darin täuschte er sich um den Preis der Uneigentlichkeit seines Schaffens.

▼ 742 

Kleinbürger, deren Bosheit er in seinen vorangegangenen Stücken entlarvte, musste er plötzlich als ungebrochene Gutmenschen inszenieren. Die Posse war die einzige von den Nazis geduldete humoristische Gattung, die Horváth beherrschte.

Die dazu erforderlichen Zugeständnisse des Autors führen unweigerlich in die Krise, was sich auch besonders in den Vorarbeiten für nicht- produzierte Filme und seinen literarischen Produkten dieser Zeit niederschlägt.

Der respektlose Umgang Beckers mit Inhalten des Anzengruber- Stücks Der Pfarrer von Kirchfeld macht dies ebenso deutlich wie seine schlechteste Posse: Hin und Her.

▼ 743 

Die Übermoralisierung im geplanten (zum Glück nie realisierten) Film Brüderlein fein nach Raimund ist keine künstlerische Leistung eines Schriftstellers, sondern der Prozess einer Unterschlagung bzw. epigonenhaften Aneignung der vorgefundenen Themen durch H. W. Becker alias Horváth. Nachdem die Nazis die Freiheit der Kunst abgeschafft hatten, gab es für Horváth keine Themen mehr, die er hätte behandeln können. Der Versuch, dennoch Literatur zu schreiben, scheiterte.

Die Frage nach antifaschistischem Verhalten ist ideologisch verbrämt. Horváth hasste den Stumpfsinn und er verachtete viele Menschen, die Antifaschismus dogmatisch für sich in Anspruch nahmen. Aus dem Abstand und dem Wissen um diesen Autor erkennen wir in Horváth einen Menschentyp, der viele widersprüchliche Charakterzüge aufweist. Kurz umrissen war er humorvoll, melancholisch, lebensfroh und deprimiert, pessimistisch und gläubig zugleich. Er war ein großer schöner Mann, dem die Herzen der Frauen leicht zuflogen und sehnte sich nach Zweisamkeit, die er nie fand.

Horváth sah die Welt von einer höheren Perspektive, was für den hochgewachsenen Sohn eines adligen Diplomaten zunächst nicht verwunderlich ist. Den kurzzeitigen Kampf, ob er den Adelstitel für sich in Anspruch nehmen sollte oder nicht, entscheidet er zu Gunsten des Titels und sei es nur wegen der klangvolleren Trias: Ödön von Horváth. Ideologische Rückschlüsse aus diesem von ihm entschiedenen Konflikt zu ziehen, macht Wertungen Platz, die wiederum ideologisch und darum unvollständig bleiben.

▼ 744 

Seine humorvolle schriftstellerische Begabung gepaart mit Misanthropie halfen ihm, die Theaterstücke zu schaffen, die auch nach seinem Tod in vielen Ländern und Sprachen gespielt werden und Horváth zu einem Klassiker des Theaters gemacht haben.

Sein Pessimismus, die Angewohnheit, die Welt von einem erhobenen Blickwinkel zu betrachten, sein Glaube, der ihm offensichtlich nicht half, die Menschen generell zu lieben oder wenigstens zu mögen, haben den Klassiker Horváth ermöglicht und sein Pseudonym H. W. Becker, den Schreiber schlechter und tendenziös angepasster Gebrauchsliteratur, nicht verhindert.

Horváth wird in den Jahren 1934/35 zur Fallstudie eines Intellektuellen, der sich durch Anpassung und Ausverkauf seiner Begabung an ein als falsch erkanntes Regime als gläubiger Mensch gegen sich selbst versündigt. Die Konsequenz sind die künstlerisch wertlosen unter Pseudonym geschriebenen Überbleibsel des nicht- klassischen Literaten H. W. Becker.

▼ 745 

Horváth erkennt selbst die Schuld seines alter Egos und sagt sich in seinem Romanfragment Adieu Europa literarisch verbrämt von Becker los.

Diese unselige Schaffensperiode relativiert sich durch die kurze Dauer seines Aufenthalts im NS-Machtbereich. Im Oktober 1937 erschien Horváths Roman Jugend ohne Gott in dem Amsterdamer Exilverlag Allert De Lange und hatte große Breitenwirkung. „Binnen weniger Tage wurde der Roman zum literarischen Ereignis. Französische, polnische und kroatische Übersetzungen wurden vereinbart. Argentinische, englische, tschechische, schwedische, holländische und dänische Ausgaben folgten.“ 489 Erste Entwürfe mit dem Titel Auf der Suche nach den Idealen der Menschheit sind auf das Ende des Jahres 1935 datierbar 490, vermutlich schrieb Horváth sie noch in Deutschland. Ebenso wie sein 1937 entstandener Roman Ein Kind unserer Zeit und das Stück Don Juan kommt aus dem Krieg wäre Jugend ohne Gott ohne die eigene Erfahrung im Nationalsozialismus nicht denkbar. Die Reflexionen des Lehrers hätten ohne die Introspektion 1934/35 nicht entstehen können.

Die Tatsache, dass Horváth in seinem ersten Entwurf von Adieu Europa das Wort ‚Weggang‘ gestrichen und durch ‚Emigration‘ ersetzt hat, scheint mir sehr bezeichnend für seine eigene Unschlüssigkeit. Er war sich selbst nicht sicher. Und zwar nicht, weil für ihn die Rolle des Emigranten nicht zur Verfügung stand, sondern weil ihm die Entschlossenheit anderer Schriftsteller fehlte, eindeutig zum Nationalsozialismus Stellung zu beziehen.

▼ 746 

Sonst wäre er ganz automatisch in die Emigration gezwungen worden. Auch diese Unentschlossenheit findet sich in den Figuren des moralischen Lehrers und in Don Juan wieder. In diesem Zusammenhang sei auch noch einmal auf Horváths einerseits unentschlossenes wie andererseits unspektakuläres Ende der Mitgliedschaft im RDS hingewiesen: Ab dem 01.01.1935 zahlte er seine Mitgliedsbeiträge nicht mehr und wurde darum am 24.02.1937 aus der Mitgliederliste gestrichen. Dieser Haltung Horváths wird schon während seiner Zeit in Hitlerdeutschland eine Ablehnung gegenüber dieser Institution zugrunde gelegen haben. Folgende Episode zeigt noch einmal eindringlich Horváths finanzielle Situation im Jahre 1936.

Im Oktober war Horváth in Budapest. Die letzten drei Tage seines Aufenthalts verbringt er auf Margritsziget, auf der Margaretheninsel, im Hotel Palatinus. „Ich muß etwas schreiben, was Geld bringt - und sei es ein Scheißfilm“, sagt er zu seinem Bekannten Géza von Cziffra. Cziffra stellt den Kontakt zu einem ungarischen Filmproduzenten her. Der Produzent aber will von Horváth gar keine Geschichte hören. Er habe selbst genügend Einfälle. Horváth war wütend.491 Die finanzielle Situation steht für alle Kompromisse immer am Anfang. Zum Vergleich möchte ich an dieser Stelle auf zwei Regisseure verweisen, die der Möglichkeit nicht widerstanden, für Hitlerdeutschland zu arbeiten, während dieser Zeit berühmt zu werden und viel Geld zu verdienen: Leni Riefenstahl und Veit Harlan, die sich beide zu weit auf das System eingelassen hatten, um sich nach dem Mai 1945 vom Stigma der Mittäterschaft zu erholen. (vgl. Anhang D)

Davon kann bei Horváth keine Rede sein. Die Nazis gaben H.W. Becker auch nicht die Chance, sich so weit einzulassen, schon weil ihm die Überzeugung und das kleinbürgerliche Potential eines in dieser Zeit erfolgreichen Schreibers vom Schlage Hellmuth Lange... fehlten, um erfolgreich Nazi-Komödien zu produzieren. Aus diesem Grund musste die Tätigkeit des Literaten unter dem Pseudonym Becker scheitern.

SCHLUSSBETRACHTUNG

▼ 747 

Die Auseinandersetzung mit dem Thema ‚Künstler und Intellektuelle in der Diktatur’ ist oft unerfreulich. Die Einlassungen wichtiger Schriftsteller wie Gerhart Hauptmann, Gottfried Benn oder des Philosophen Martin Heidegger stimmen traurig.

Auch die Erklärung Thomas Manns, mit der literarischen Zeitung Die Sammlung seines Sohnes Klaus nichts zu tun zu haben, um aus der Schweiz heraus die Verkaufsaussichten seiner eigenen Bücher nicht noch weiter zu gefährden, gehört zu den traurigen Geschichten.

Thomas Mann hat diesen kleinen, geschäftlich opportunen Ausrutscher in seiner Biografie wieder bereinigt, spätestens als er aus Amerika offen das Naziregime bekämpfte.

▼ 748 

Gerhart Hauptmann wurde gleich nach der Befreiung von den Russen als großer naturalistischer Schriftsteller gefeiert. Erich Kästner, der mehrere Anträge zur Aufnahme in den RDS gestellt hatte, wurde sofort nach dem Krieg wieder als Autor gebraucht. Es wäre sinnloser Zeitvertreib, ihm, für den eine Emigration offenbar nicht in Frage kam, seinen ökonomischen Überlebenswillen während der langen Jahre der Naziherrschaft vorwerfen zu wollen. Kästner verstand ohnehin Schreiben weniger als die Herstellung von Kunstwerken, denn als Technik, die den Lebensunterhalt sichern soll.

Die moralische Integrität ist bei keinem dieser Autoren von der Käuferschaft ihrer Bücher existenziell in Frage gestellt worden, der nationalsozialistische Täter Heidegger wurde sofort nach dem Krieg der modischste Philosoph Frankreichs.

Nichtsdestotrotz ist es wegen der einmaligen Schrecklichkeit des Nationalsozialismus erlaubt, das Verhalten jedes Einzelnen in dieser Zeit zu hinterfragen.

▼ 749 

Gerade durch den Prozess, den diese Nachforschungen auslösen, entsteht eine größere Reife im Umgang mit abweichendem Verhalten, abweichend von der geschönten Biografie, die ich ‚Buchdeckelbiografie’ nennen möchte.

Horváth schrieb in seinem Aufsatz Was soll ein Schriftsteller heutzutage schreiben: „Der Schriftsteller ist kein Individualist. Aber: Nur Freude und Erfolg, d.h. Geldverdienen – das geht nicht! Damit versündigt er sich gegen das Talent. Und die Sünde gegen das Talent, das endet in der Hölle des Stumpfsinnes. Er wird alt und nichts. Seine Kinder werden Idioten. Verantwortung, d.h. nichts anderes, wie einfach ausgedrückt: Gewissen.492

Horváth schrieb unter dem Pseudonym H. W. Becker in den Jahren 1934/35 an vordergründig unpolitischen Komödien mit. Er hatte sich mit dem Hitler-Biographen Schmidt-Pauli und Konsorten kurzfristig in schlechte Gesellschaft begeben 493 und sich schnell wieder daraus befreit.

▼ 750 

Am 7. März 1938 teilte Ministerialdirektor Dr. Erich Greiner im Auftrag des „Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda“ dem Präsidenten der Reichsschrifttumskammer in Berlin mit, dass Horváths Roman Jugend ohne Gott auf Antrag der Berliner Geheimen Staatspolizei vom 10. Januar 1938 mit Aktenzeichen IIP2 4046/E, „wegen seiner pazifistischen Tendenz auf die Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ gesetzt wird. Am 14. März wird die Gestapo in Berlin beauftragt, die „etwa im Reichsgebiet auftauchenden Exemplare...einzuziehen und sicherstellen zu wollen“. 494

Es bleibt am Ende dieser Arbeit festzuhalten, dass die Becker- Phase gemessen an Horváths Gesamtwerk eine Quantité negligeable darstellt.

Klaus Mann, der Horváth persönlich im Exil kennen gelernt hatte, schrieb 1938 über ihn:

▼ 751 

„(...) wäre er nicht im Grunde doch ein Moralist gewesen, er hätte sich ja sehr wohl mit Nazi- Deutschland abfinden können, wo man gegen den ungarischen ‚Arier‘ wohl nicht viel einzuwenden gehabt hätte, und wo seine Vorliebe für das schaurige Groteske üppig auf ihre Kosten gekommen wäre. Indessen trennte er sich unbedingt vom Dritten Reich: zunächst wohl einfach aus Gründen des guten Geschmacks - um seiner Würde als Schriftsteller willen; dann aber auch aus einem Anstand, der mehr als nur Anständigkeit, nämlich Moral im ernstesten, tiefsten Sinne des Wortes war. 495

Diese Einschätzung Klaus Manns ist richtig. Falsch ist allerdings das seit Jahren fortgeschriebene Horváth- Bild in der Forschung. Dieses Bild wurde durch falsche Briefe seines intimen Freundes Csokors und die Beschreibung Hertha Paulis geschönt und nie hinterfragt. Die Schaffenskrise Horváths hängt direkt mit seinem Eintritt in den RDS und den Jahren 1934 bis 1936 zusammen. Der vielzitierte Einschnitt seines Werkes vom realistischen zum metaphysisch geprägten Dichter im Spätwerk ist der Wandel vom ostentativ ungläubigen Schriftsteller zu einem Schriftsteller, der sich zu seinem Glauben bekennt.

Die Becker- Phase liegt dazwischen und offenbart die leidvolle Geschichte eines Dichters, der der Versuchung nicht widersteht, sein Können für „drei Silberlinge“ zu verkaufen und sich „fremden Herren zur Verfügung stellt“.

▼ 752 

Es gibt im Nachlass dieses Schriftstellers keine tiefschürfenden Auseinandersetzungen zu irgendeinem Thema, sei es in einem politischen, ideologischen, religiösen, psychologischen oder philosophischem Zusammenhang. Er hatte sein Literaturstudium begonnen und schnell abgebrochen, Theorie interessierte ihn nie. Aus diesem Grund gibt es von ihm keine fesselnden Aufsätze oder Essays. Er war nicht wie Thomas Mann, Brecht, Kästner, Tucholsky und manche andere seiner Zeitgenossen Literat und Dichter zugleich. Horváth war ausschließlich Dichter und der Versuch als Literat unter Pseudonym etwas zu schaffen, was ihm als Dichter widerstrebte, scheiterte.

Während der Horváth- Euphorie der 70er-Jahre wurde das Bild dieses Klassikers des Theaters in der Sekundärliteratur festgeschrieben. Der Vorwurf des Selbstverrats von Jürgen Schröder im Jahre 1976 496 ist in der oft hymnischen Verehrung dieses Autors unbemerkt geblieben.

Die Becker- Periode gibt Anlass für eine Neubewertung des Dichters. Statt einer metaphysisch- verklärenden Sicht ist eine realistische Betrachtung der Biographie Ödön von Horváths und seines Werkes notwendig. Alleine die nicht- moralisierende Auseinandersetzung, die nicht von falschen Vorstellungen und Axiomen ausgeht, wie denen, dass er ein untadeliger antifaschistischer Dichter war, dessen Bücher 1933 verbrannt wurden und der 1934 nach Deutschland zurückkehrte, um schriftstellerisch gegen die Nazis zu kämpfen, können helfen, den Rang dieses Schriftstellers zu behaupten. Der Versuch einer Legendenbildung schlägt fehl.

▼ 753 

Paris, den 20.04.2003Karsten Brandt

PS: Gerne stehe ich auf einfache Anfrage per e-Mail für Auskünfte zur Verfügung:: mailto:KB2@wanadoo.frKB2@free.fr


Fußnoten und Endnoten

484  Aus zahlreichen Quellen, darunter auch aus dem Roman Der Riß der Zeit geht durch mein Herz seiner engen Freundin Hertha Pauli ist bekannt, dass Horváth dem Metaphysischen gegenüber sehr aufgeschlossen war. Eine Haltung von Menschen, die in Krisensituationen keine Seltenheit ist. Es kann also nicht ausgeschlossen werden, dass selbst die Befragung einer Tarotkarte oder die Auskunft einer Wahrsagerin bei seiner Entscheidung, nach Berlin zu gehen, eine Rolle gespielt hat..

485  Zu dieser Einstellung gelangt auch Christian Schnitzler. vgl. Schnitzler, op. cit., 54.

486 

Die Einschätzung folgt dem Historiker Victor Farias in seinem Werk: Heidegger et le Nazisme, traduit de l‘espagnol et de l‘allemand par Myriam Benarroch et Jean-Baptiste Grasset, Paris, 1987.

Für die Einschätzung Heideggers als faschistischem Menschen sind u.a. die Erklärungen seines guten Bekannten Karl Jaspers aufschlussreich: Jaspers stellte ihm einmal die Frage, wie ein so ungebildeter Mensch wie Hitler Deutschland regieren könne, worauf ihm Heidegger antwortete, dass die Kultur nicht wichtig sei. Er verwies Jaspers in diesem Zusammenhang auf Hitlers herrliche Hände. Dieses Pathos vermittelt Heidegger auch seinen Studenten, als er im November 1933 in einem Artikel der Studentenzeitung Hitler zur revolutionären Avantgarde und zu einem Prinzip der Existenz schlechthin verklärte. vgl. ebenda, 149.

487  Vgl. Günther Rüther (Hrsg.): Literatur in der Diktatur, Schreiben im Nationalsozialismus und DDR-Sozialismus, Paderborn; München; Wien; Zürich 1997, 21.

488  Erich Kästner: Gesammelte Schriften für Erwachsene, Bd. 6 Vermischte Beiträge 1, Zürich 1969, 187.

489  vgl. Ödön von Horváth: Gesammelte Werke, Bd. III, op; cit., Anmerkung p. 5*.

490  vgl. Ödön von Horváth: Gesammelte Werke in Einzelausgaben, Bd. 13, op. cit., 153.

491  Traugott Krischke: Ödön von Horváth, Kind seiner Zeit, op. cit. 222..

492  vgl. GW IV, 670f.

493  Die „Literatur“ Schmidt- Paulis bezeugt anschaulich seinen Geisteszustand: In seinem Buch von 1935 Adolf Hitler. Ein Weg aus eigener Kraft schreibt er in der Einleitung: „Dieses Buch ist für die große Menge der deutschen Volksgenossen und Volksgenossinnen bestimmt. Es soll versuchen, einen Eindruck zu geben von dem großen deutschen Manne Adolf Hitler und seinem bisherigen Lebensweg, der in leidenschaftlichem Schwunge ein ganzes Volk mitreißt aus den Tiefen der Verworrenheit und Versklavung in die Höhe deutscher Klarheit und deutscher Befreiung. (...) Es gilt, deutschen Volksgenossen in Einfachheit und Ergriffenheit ein Werden aus eigener Kraft vor Augen zu führen. Vor Augen zu führen den Fahnenträger des Glaubens an eine deutsche Mission, der Hoffnung auf eine deutsche Zukunft und der Liebe zu seinem deutschen Volk. Aufzuzeigen das Wunder dieses Lebensweges. Denn es ist wie Tannhäuser sagt: ‚Ein unbegreiflich hohes Wunder.’ Der Vergleich mit anderen Fahnenträgern der Weltgeschichte versagt. Alexander zog bis an den Rand der Welt Aber er eroberte in Waffen – die Fremde. Cäsar war ein genialer Feldherr. Aber er stützte sich auf die Macht eines alten Imperiums. Der Korporal Napoleon griff bis zur Kaiserkrone. Aber sie erlosch mit der Sonne seiner persönlichen Macht. Luther stiftete eine Religion. Aber Deutschland zerfiel in die Trümmer des Dreißigjährigen Krieges. Bismarck schmiedete das deutsche Reich um Preußen. Aber seine Meisterhand hielt es nur von oben zusammen. Als sie es losließ, erlosch das reine Feuer der Begeisterung bald unter der goldenen Asche des Materialismus. Hitler ist kein Feldherr. Kein Eroberer fremder Welten mit dem Schwert. Kein Usurpator kaiserlicher Würde. Er zwingt nichts von oben zusammen. Er durchglüht Deutschland von unten her. Er ist ein Bergmann mit der Fackel in der Hand im Seelenschachte des deutschen Volkes. Er ist menschgewordenes Volksbegehren. (...) Vor der völkischen Glut, die hier auflodert, schmilzt alles dahin, was nicht deutsch und echt und glaubensstark und zukunftsfest ist. Dieses Feuer, das aus den tiefsten Tiefen deutschen Seins emporschlägt, kann kein Novembersturm wieder auslöschen Es mag von draußen durch feindliche Gewalten bedrängt werden. Aber auch sie werden es nicht ersticken können. Durch Hitler, den deutschen Grenzer, hat Gott die Fackel in deutsche Lande schleudern lassen, die nie erlöschen kann, weil sie von dem heiligen Feuer des erwachten deutschen Herzens gespeist wird. Es ist ein Wunder! Wir können, wir dürfen, wir müssen es lieben. Der Verfasser “ Aus: Dr. Edgar von Schmidt- Pauli: Adolf Hitler. Ein Weg aus eigener Kraft, Berlin 1935.

494 

Vermutlich hat diese Tatsache dazu beigetragen, dass die Auffassung, Horváth sei ein tatkräftiger antifaschistischer Kämpfer gewesen, dessen Bücher verbrannt wurden, sozusagen als communis opinio in die Literaturkritik Eingang gefunden hat.

vgl. Traugott Krischke: Ödön von Horváth, Kind seiner Zeit, op. cit., 250 f.

495  vgl. ebenda, 185.

496  Jürgen Schröder : Das Spätwerk Ödön von Horváths, in: Sprachkunst, Beiträge zur Literaturwissenschaft, Jahrgang VII/1976, 1. Halbband, Wien 1976, 50.



© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
XDiML DTD Version 4.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
31.03.2006