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1  Einleitung

Seit dreißig Jahren ist der Begriff der Postmoderne Gegenstand einer auf verschiedenen Wissenschaftsgebieten geführten Debatte. Er umfasst heute einen kaum noch einheitlich definierbaren Kosmos von Ideen, der sich über die verschiedensten Bereiche erstreckt: Postmodernität wird assoziiert mit Veränderungen in den Bereichen Architektur, Kunst, Philosophie, Sozialwissenschaften, Kommunikation, Literatur, Konsumverhalten, Advertising und Mode ... im Allgemeinen wird Postmodernität nicht als eine Bedrohung oder als gefährlich angesehen, sondern mit der Spaßkultur und dem scheinbar unsterblichen Schlagwort „anything goes” (Paul Feyerabend) in Verbindung gebracht.

Das Konzept von Postmodernität fand erst verhältnismäßig spät Eingang in die Philosophie, wo der Begriff 1979 in Jean-François Lyotards Grundlagenwerk „La condition postmoderne” auftauchte. Das zentrale Merkmal des postmodernen philosophischen Diskurses ist eine starke Betonung des selektiv der Moderne entnommenen Pluralitätsgedankens, der ihn zu einer Abkehr von konventionellen Autoritäten und zur Delegitimierung zentraler gesellschaftlicher Normen führt. Aus der Betonung des Pluralitäts- und Differenzgedankens schreibt sich auch die Liaison von postmoderner Philosophie mit anderen, ebenfalls auf Differenz bedachten geistigen Strömungen wie dem Feminismus oder dem Antikolonialismus her, welche ebenfalls die einheitlichen, rationalen, hierarchischen und patriarchalischen Strukturen des westlichen Modernismus ablehnen.

Seit einiger Zeit wird Bilanz gezogen und grundsätzlich danach gefragt, ob das Konzept der Postmoderne einlösen konnte, was es versprach. Die Beantwortung dieser Frage förderte im ganzen Kosmos der von postmodernen Ideen berührten Wissenschaftsgebiete sehr viel Skeptizismus zutage — einen kaum überhörbaren Widerhall der Enttäuschung.1 Dieser Widerhall klingt auch in dieser Arbeit nach. Gegenstand der vorliegenden Untersuchung ist eines der wichtigsten Versprechen des postmodernen philosophischen Diskurses: seine Selbstlegitimation, eine post-war-period, einen utopischen Zustand der Toleranz, Befreiung und Befriedung zu beinhalten. Die postmoderne Philosophie war von ihrem Beginn an tief mit der Hoffnung amalgamiert, dass die Zeit der gewaltsamen Auseinandersetzungen, unter denen die Moderne gelitten hat, hinter sich gelassen werden könnte und nahm für sich in Anspruch, die Voraussetzungen für das tolerantere und friedlichere Zusammenleben mit dem Fremden und dem Anderen in sich zu tragen. Die forschungsleitende Hypothese dieser Arbeit lautet, dass dieser Zustand jedoch mit den Mitteln, welche der postmoderne philosophische Diskurs uns auf theoretischer Ebene anbietet, nicht erreicht werden könnte.

In diesem Sinne möchte auch die vorliegende Untersuchung Bilanz ziehen und auf zwei besondere Antinomien des postmodernen philosophischen Diskurses aufmerksam machen, welche seine Hoffnung, durch eine Erstarkung des Differenzgedankens auf konstruktive und [Seite 6↓]tolerante Weise das In-Kontakt-Kommen der verschiedensten Lebensformen miteinander zu bewältigen, nachhaltig konterkarieren. Die erste Antinomie wird in der postmodernen Vorstellung gesehen, dass die Abkehr von konventionellen Autoritäten und die Delegitimierung zentraler gesellschaftlicher Normen eine „positive Barbarei” herbeiführen würden; die These dieser Arbeit lautet hingegen, dass diese „positive Barbarei” unter postmodernen Bedingungen sofort in eine anarchische Regellosigkeit umschlägt, die nicht mehr positiv gewertet werden kann. Zum anderen wird die Vorstellung von der Differenz als quasi „ontologischer Dignität” der Postmoderne kritisch untersucht; aus postmodernen Denk- und Handlungsanweisungen ließe sich, so die zweite Hypothese dieser Arbeit, vielmehr ein fundamentaler Entdifferenzierungsprozess ableiten. Wie die postmoderne Regellosigkeit, hat auch dieser Entdifferenzierungsprozess einen potenziell konfliktuellen Charakter, weil der postmoderne philosophische Diskurs zusätzliche Veränderungen v.a. auch auf räumlicher Ebene beinhaltet, welche die Wahrnehmung des kulturell Anderen negativ beeinflussen und — statt in kulturelle Toleranz — in eine diffuse Angst vor der „Überfremdung“ umschlagen können.

Dieser charakteristische Widerspruch des postmodernen philosophischen Diskurses lässt sich exemplarisch an den Darstellungen von Jean-François Lyotard auf der einen Seite, sowie von Jean Baudrillard und Paul Virilio auf der anderen Seite veranschaulichen. Jean-François Lyotard konzipiert Postmodernität immer als ein Mehr an Gerechtigkeit und Toleranz. Autoren wie Jean Baudrillard und Paul Virilio hingegen, die ebenfalls dem postmodernen philosophischen Diskurs zugerechnet werden, konstruieren in ihren Werken auffallend häufig apokalyptische Szenarien von großer Negativität. Diese beiden Optionen — positive Freiheit versus negative Regellosigkeit, Pluralisierung versus Entdifferenzierung — stehen sich letztlich unversöhnlich gegenüber, wobei sich aber die apokalyptische Vision von Postmodernität oft als in sich konsequenter argumentiert erweist als die positive Vision. Ansätze, die eine positive Wertung von Postmodernität vornehmen, wurzeln letzten Endes immer in einer Unterlassung: Sie bleiben an bestimmten, charakteristischen Punkten stehen und scheuen sich davor, Postmodernität konsequent zu Ende zu denken — bis zum bitteren Ende.

In den folgenden Betrachtungen geht es weitgehend um Gedankenspiele. Dennoch verweisen die Autoren während ihrer Argumentationen ständig selbst auf reale Ereignisse, als seien diese Simulationen ihrer Theorien. Dieses Vorgehen soll offenbar die Wichtigkeit und Relevanz ihrer Theorieansätze betonen und ihnen einen konkreten Wirklichkeitsbezug verleihen. Sie suggerieren dem Leser damit, der postmoderne philosophische Diskurs schaffe selbst diese Ereignisse, als besäße er eine tatsächliche Wirkungsmächtigkeit. Die Autoren gehen dabei zeitdiagnostisch sensibel vor; die Ereignisse, welche die Autoren zur Illustration ihrer Denkansätze heranziehen, sind oft auffällige Kennzeichen der Veränderungen unserer Zeit. Dennoch stehen diese Ereignisse nicht in einem Zusammenhang mit dem postmodernen philosophischen Diskurs. Vielmehr steht der postmoderne philosophische Diskurs in einem Zusammenhang mit diesen Ereignissen. Er übernimmt in selektiver Weise etwas aus der Welt, [Seite 7↓]schafft sie aber nicht. Diese Wirkungsmächtigkeit hat er nie gehabt, und es ist auch unwahrscheinlich, dass er sie in Zukunft noch erlangen könnte. Dazu ist das Konzept von Postmodernität in der Philosophie in sich zu inkohärent und zu umstritten.

Es lässt sich beobachten, dass postmoderne Autoren dessen ungeachtet ihr Konzept gerne als mögliche Erziehungsmethode des Geistes im Sinne der Toleranz anbieten, um eine konstruktive Begegnung mit den Unterschieden in der Welt ermöglichen. Das ist heute, im Zeitalter des In-Kontakt-Kommens der verschiedensten Lebensformen miteinander in einer Art erweitertem Welt-Innenraum, zweifellos eine wichtige Frage. Vor dem Hintergrund der Ergebnisse dieser Untersuchung sollten aber andere, leistungsfähigere Modelle gesucht werden, welche sowohl der kulturellen Emanzipation als auch dem toleranten Nebeneinander der „Sprachspiele” in einer pluralen Welt besser Rechnung tragen können als das postmoderne Modell.


Fußnoten und Endnoten

1 Vgl. Karl-Heinz Bohrer u.a. (Hg.): Postmoderne – eine Bilanz, Merkur, Heft 9/10, Sept./Okt. 1998, 52. Jhg.



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26.05.2005