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2  Untersuchungsrahmen:
Der postmoderne philosophische Diskurs

Zum Hauptanliegen der auf den verschiedensten Wissenschaftsgebieten geführten Postmodernitätsdebatte gehört — v.a. in der Philosophie und den Sozialwissenschaften — offenbar eine Klärung der Frage, was das Prädikat „postmodern” bedeutet. Bevor wir uns konkret den drei in dieser Arbeit besonders berücksichtigten Autoren Jean-François Lyotard, Jean Baudrillard und Paul Virilio sowie den in ihren Ansätzen angelegten Konflikt-Szenarien zuwenden, soll einleitend die Frage nach der Herkunft der Postmoderne aus der Moderne und nach ihrem Inhalt untersucht werden. Als Zwischenergebnis wird sich zeigen, dass die Wortkombination des „postmodernen Konfliktszenarios” — streng der Theorie nach — einen Widerspruch in sich birgt. Denn die Idee der Postmoderne entstand ursprünglich aus dem Bedürfnis, das heutige In-Kontakt-Kommen der verschiedensten Lebensformen miteinander friedlich zu bewältigen. Doch diese ursprüngliche Vision von Postmodernität, nämlich die Möglichkeit einer friedlichen Koexistenz fremdentfalteter und autonomer Sphären, ist illusorisch. Denn erstens wendet sich die postmoderne Theorie von den Prinzipien Austausch und Kommunikation ab und fordert stattdessen eine Überspitzung der Unterscheidungen fremdentfalteter Teile. Zweitens ist bisher kein wirklich tragfähiges nicht-totalisierendes Konzept des Austauschs bzw. der Vermittlung im Konfliktfall vorgelegt worden, was sich am Beispiel der „transversalen Vernunftpraxis” von Wolfgang Welsch zeigt. Denn wo so kompromisslos auf Dissens und Inkommensurabilität gesetzt wird wie im postmodernen philosophischen Diskurs, kommt es zwangsläufig zu Konflikten zwischen den differenten Akteuren; die stillschweigende Annahme eines utopischen Friedenszustands unter postmodernem Vorzeichen ist illusionär.

Zunächst gilt es daher, einen Arbeitsbegriff von Postmodernität zu entwickeln, der sich als tragfähig für die nachfolgenden Untersuchungen erweist und sich von den diffusen Postmodernismen absetzt, unter denen die Moderne-Postmoderne-Diskussion leidet. Obwohl im Rückblick zweifellos evident, trägt es zur Erkenntnis des Problems nichts bei, Postmodernität gleich zu Anfang gleichzusetzen mit Begriffen im Sinne von „unübersichtlich”, „beliebig”, „austauschbar” oder als Bezeichnung für ein „dekadentes und unordentliches Lebensgefühl”2. Die philosophische Postmoderne hat sich aus der Moderne heraus entwickelt und ist daher nicht beliebig, sondern durch bestimmte Merkmale definierbar.

2.1 Das Spannungsfeld von Einheit und Vielheit

Der Begriff der „Postmoderne”, der erstmals in Bezug auf eine Kunst, die über die „moderne Kunst” hinausgehen sollte, im New York der 1960er Jahre verwendet wurde, ist im Sinne der skizzierten Geisteshaltung zunächst ein moderner Begriff. Die Postmoderne ist keine Position [Seite 9↓]„gegen” die Moderne. Ihr Grundinhalt — die Erstarkung des Pluralitätsgedankens — ist auch von der Moderne propagiert und verwirklicht worden. Dennoch steht die Postmoderne im Kontrast zu weiteren Inhalten der Moderne, insbesondere zu der modernen Grundvision der Einheit.

Grundsätzlich wird die Moderne im Allgemeinen durch bestimmte, wenn auch nicht in jedem Fall zutreffende Merkmale gekennzeichnet. Robert Spaemann hat zu ihrer Kennzeichnung sieben Charakteristika angeführt: das Verständnis von Freiheit als Emanzipation, der Mythos vom notwendigen und unendlichen Fortschritt, progressive Naturbeherrschung, Objektivismus, Homogenisierung, Hypothetisierung und naturalistischer Universalismus.3

Ein sinnvoller Ansatz zur Herleitung der Postmoderne aus der Moderne ergibt sich aus einer problematisch gewordenen Doppelkonstitution der Moderne: dem Spannungsfeld zwischen Vielheit und Einheit. Für die Moderne ist sowohl die sektorielle wie stratifikatorische Ausdifferenzierung als auch die transzendentale Vision der Einheit charakteristisch; der innere Zwiespalt zwischen Ausdifferenzierung bzw. Vergrößerung der Freiheit für den Einzelnen und der Rückbindung an die Gemeinschaft und das „Ganze”. Diese moderne Dichotomie entsteht daraus, dass einerseits das dominante philosophische Motiv des europäischen Modernisierungsprozesses das Verständnis von Freiheit als Emanzipation bzw. Freiheit als Herauslösung aus herkömmlichen Bindungen ist: Moderne bedeutet ein ständiges Fortschreiten im Bewusstsein der Freiheit, so dass das Absolute und die Menschheit immer mehr der Freiheit entgegengehen. Modernität sei, so Claus Offe, gleichbedeutend mit einer ständigen Erweiterung von Optionsmöglichkeiten, einer Ausdifferenzierung und Komplexitätssteigerung auch auf politischer und sozialer Ebene. Die Freisetzung von Vernunft und Subjektivität sei gedacht als eine progressive, unabschließbare Bewegung, in welcher die Grenzen, die der Entscheidungs- und Handlungsfreiheit gesetzt worden sind, ständig nach vorn verlegt würden. Andererseits aber erweise sich diese Ausdifferenzierung, die aus der ständigen Erweiterung erwächst, für die Steigerung der Optionsmöglichkeiten des Einzelnen als ebenso problematisch wie für die Gewährleistung der Kohärenz des „Ganzen”. Dieses werde zu kompensieren versucht; charakteristisch sei für moderne Gesellschaften deshalb ebenfalls, dass sich im Zuge der Erweiterung alle Teilsysteme wieder mit anderen Handlungssphären in Relation setzen: „In ‚modernen’ Gesellschaften kann sich kein Subsystem leisten, sich konsequent ‚rücksichtslos’ zu verhalten und prinzipiell überlegene Maßgeblichkeit für alle anderen Handlungsfelder zu beanspruchen.”4 Auf die Freiheitsgeschichte menschlicher Subjektivität beziehen sich v.a. jene Autoren, die in der Moderne ein „unvollendetes Projekt” sehen, an dessen Verwirklichung ebenso wie am „Telos der Verständigung” nach wie vor zu arbeiten ist (z.B. Habermas).


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Dieser Einheitsgedanke ist bereits in der Moderne des 20. Jahrhunderts schwächer geworden. Wolfgang Welsch hat vorgeschlagen, eine „neuzeitliche Moderne”, von der sich die Postmoderne absetze, von einer „radikalen Moderne” zu unterscheiden, an welche die Postmoderne anknüpfe.5 Die Begriffsunterscheidung von Moderne und Neuzeit existiert zwar im romanischen Sprachraum nicht, und auch im angelsächsischen Sprachraum ist die Moderne mit der Neuzeit (engl. modern times) kongruent. Jedoch ist Wolfgang Welsch der Ansicht, dass das Konzept der Postmoderne eine Unterscheidung dieser beiden Begriffe erfordere.

In der Philosophie beginnt die Neuzeit mit Descartes. Das cartesianische Denken impliziert eine völlige Neuerrichtung der Wissenschaft: die exakte Wissenschaft, die Leitidee der „Mathesis universalis”, die systematische Weltbeherrschung, die wissenschaftlich-technische Zivilisation. Damit ist die Neuzeit diejenige Epoche, wo aus dem Geist der Mathesis universalis die wissenschaftlich-technische Zivilisation geboren wurde und — trotz immer vorhandener Gegenentwürfe, wie etwa bei Giambattista Vico6 — zur Herrschaft gelangte. Die Radikalität des neuzeitlichen Neuansatzes verbinde sich, so Welsch, mit seinem immanenten Anspruch auf Universalität. Aus diesem neuzeitlichen Ansatz leitet Welsch den „Ausschließlichkeitsanspruch” der neuzeitlichen Moderne ab, dem Universalität eigen, Pluralität und Partikularität jedoch fremd seien. Einheit und universelle Geltung seien Kennzeichen der neuzeitlichen Moderne, die „vom Konzept der Mathesis universalis über die Projekte der Weltgeschichtsphilosophien bis zu den Globalentwürfen der Sozialutopien reichen”7.

Anfang des 20. Jahrhunderts änderte sich dieses Prinzip. Pluralität und Partikularität seien, so Welsch, nicht nur denkbar, sondern real geworden. Die technisch-wissenschaftliche Entwicklung habe von selbst durch ihre eigene Entwicklung zu einer Grundsatzrevision, zu einer „Mutation im Kern der Neuzeit”8 geführt. Die Totalitätsintentionen seien zuerst in der Wissenschaft gebrochen worden, denn die Divergenz der Fachrichtungen habe sich als zunehmend schwerer überbrückbar erwiesen. Pluralität sei auch in der Kunst bald obligat geworden. Anders als Kunst und Wissenschaft habe die Philosophie diesen Pluralismus jedoch erst spät wahrgenommen: Welsch ist der Ansicht, dass diese es erst als postmoderne Philosophie getan habe, die damit nichts anderes sei als die „Praxis und theoretische Reflexion des Pluralismus, der die Grundverfassung unserer Moderne, der Moderne des 20. Jahrhunderts, ausmacht”9. Für Welsch ist die postmoderne Philosophie damit nach-neuzeitlich, wenn man von der Moderne im Sinn der Neuzeit ausgehe, jedoch radikal-modern, wenn man sich an der Moderne des 20. Jahrhunderts orientiere. Als „exoterische Einlösungsform der einst [Seite 11↓]esoterischen Moderne des 20. Jahrhunderts”10 ist sie die Fortsetzung des Pluralitätsparadigmas der Moderne. Andere Inhalte, die sich möglicherweise als geschichtlich, nicht aber als gesellschaftlich überholt herausgestellt haben (etwa die Leitgedanken von der Verständigung und der Einheit in der Vielheit), nimmt sie jedoch nicht mehr in ihren Kontext auf. Sie bleibt damit auch weiterhin auf die Moderne bezogen; in den Worten von Albrecht Wellmer könne man, wie in einem Vexierbild, im „postistischen” Denken beides entdecken: das Pathos des Endes und das Pathos einer Radikalisierung der Aufklärung.11 Oder, nach Reinhard Löw: „Die postmoderne Antwort auf die Moderne besteht in der Einsicht und Anerkennung, dass die Vergangenheit, nachdem sie nun einmal nicht zerstört werden kann, auf neue Weise ins Auge gefasst werden muss.”12 Insofern richtet sich die Postmoderne auch nie explizit gegen den Fortschritt — obwohl gerade die Forschrittsproblematik sehr stark das Bewusstsein für die der Moderne immanenten Gefahren geschärft hat. Denn besonders die Informationstechnologie hat — wie die Postmoderne annimmt — erheblich zur weiteren Zersplitterung der Erfahrungswelt und damit zur Aufhebung der Illusion der Einheit beigetragen. Auch das Nebeneinander der Stile in der Ästhetik, das die Architekturtheorie als typisch postmodern definiert, ist keine Erfindung der Postmoderne, sondern war schon künstlerische Praxis der Moderne gewesen, die lediglich in die linearen Modelle des Fortschrittsdiskurses keinen Eingang gefunden hatte.13

Die Postmoderne ist weder die erste noch die einzige moderne-kritische Strömung, und nicht jede Kritik an der Moderne ist eine postmoderne. Die Moderne selbst hat schon sehr früh und immer wieder starke Gegenströmungen — etwa die romantischen und historischen Moderne-Versionen — hervorgebracht, die sich gegen die Aufklärung als Prozess unaufhaltsamer Rationalisierung gerichtet haben: die Modernitätskritik, Wissenschaftskritik und Zivilisationskritik. Als deren Exponenten werden etwa die deutschen Romantiker gesehen, der frühe Hegel, Nietzsche, der frühe Marx, Adorno und die Anarchisten, zu ihnen gehört schließlich auch ein großer Teil der modernen Kunst. Kritik an der Moderne, die auf eine einst vorhandene, heute aber verlorene Ganzheit der Erfahrungswelt zielt, und insofern den Zerfall der substantiellen Vernunft, die Ausdifferenzierung von Wissenschaft, Moral und Kunst verurteilt, verfolgt eher die Rückkehr zu Positionen vor der Moderne, sie ist das utopische Gegenbild zur Verdinglichung, Entzweiung und Entfremdung in der modernen Gesellschaft. Ihre Stellung ist eine „romantische”, insofern in der Ablehnung der eigenen, höchst kritisch betrachteten Gegenwart und der Rückwendung zur Vergangenheit — zu ihrem schönen, geschlossenen und geformten Dasein, das unsere Zeit nicht mehr besitzt — ein „romantischer” Zug liegt. Beispiele für diese „monistischen” Gegenentwürfe zur Moderne wären der [Seite 12↓]Neuaristotelismus, ökologische und alternative Bewegungen, die eine Erneuerung der kosmologischen Ethik anregen und neoreligiöse Bewegungen, die sich innerhalb des Abendlands erheben. Die philosophische Postmoderne unterscheidet sich von den monistischen moderne-kritischen Strömungen, etwa den rückwärtsgewandten, romantischen und konservativen Strömungen, indem sie die Ganzheitsoption verwirft und für eine Intensivierung der Partikularität votiert.

2.2 Pluralität als Gegenentwurf zu Totalität

Das Pluralitätstelos des postmodernen philosophischen Diskurses liegt seit der Entstehung postmodernen Gedankenguts nahe und wird auch durch zahlreiche Definitionen anderer Wissenschaftsgebiete gestützt. In der Soziologie lautet die Definition der Postmoderne, die 1968 durch Amitai Etzioni aufgestellt worden ist, dass die postmoderne Gesellschaft durch eine Steigerung der Kommunikations-, Wissens- und Energietechnologien bestimmt werde. Im Speziellen geht es Etzioni darum, dass diese Entwicklung zu einer „aktiven Option” führe, d.h. zu einer Gesellschaft, die nicht technokratischer Fremdbestimmung folge, sondern autonom, dynamisch und plural sein werde.14 In der postmodernen Literaturdebatte (wo der Begriff bereits um 1960 erstmals auftauchte) wurde 1969 die Grundformel erreicht, dass postmoderne Phänomene dort vorliegen, wo ein Pluralismus von Sprachen, Modellen und Verfahrensweisen praktiziert werde, und zwar nicht bloß in verschiedenen Werken nebeneinander, sondern in ein und demselben Werk.15 In der Philosophie taucht der Begriff erst 1979 in Lyotards Grundlagenwerk „La condition postmoderne” auf. Wo die Abgrenzung des Begriffs als Bezeichnung einer Stilrichtung in Kunst und Architektur noch wenig Probleme bereitete, änderte sich dies, sobald der Begriff Eingang in die Philosophie gefunden hatte, angeregt durch Parallelen, die zwischen der postmodernen Kunst und den Konzepten des Poststrukturalismus und des Dekonstruktivismus gesehen wurden. Mit dem erweiterten Gebrauch wurde die Fassung des Konzeptes der Postmoderne unklarer, die Debatte über ihren Stellenwert kontroverser.

Die Frage, was die postmoderne Philosophie zur Ablehnung von Einheit und zur Überbetonung von Pluralität veranlasst, lässt sich am besten dadurch beantworten, dass man zunächst die Negativ-Vorlage betrachtet, die zur Entstehung von Postmodernität geführt hat. Nach Ansicht von Welsch könne man am meisten über einen Postmodernismus erfahren, wenn man untersuche, gegen welche Moderne sich der jeweilige Postmodernismus richte, bzw. nach welcher Moderne er sich wähne, von welcher Moderne er sich als Idee absetzen wolle und welche Moderne er als seinen Bezugspunkt nehme.16

Es ist bereits bekannt, dass sich die postmoderne Theorie nicht generell gegen die Moderne stellen kann, weil sie selbst moderne Elemente in sich weiterführt. Heute ist kaum noch die [Seite 13↓]Vorstellung anzutreffen, dass die Moderne ein einheitliches, wenn auch „unvollendetes Projekt” (Habermas) sei. Als Epoche hat die Moderne nicht nur ein einziges Projekt, sondern viele Projekte hervorgebracht: die Reformation, die Gegenreformation, den Barock, die Aufklärung, den Deutschen Idealismus, das Fortschrittsprogramm des Industrialisierungsprozesses, den Positivismus und den Marxismus, um nur einige zu nennen, sowie eine Reihe totalitärer Phänomene wie den Imperialismus, Nationalismus, Faschismus, Kommunismus und Sozialismus. Lyotard hat diese Projekte die „Meta-Erzählungen” der Moderne genannt.17 Insbesondere diese totalitären Erscheinungen der Moderne haben zu der geschichtlich sonderbaren Ablehnung jeglicher Einheitsoption — bisher war ja zumeist gerade die verlorene Einheit der Sehnsuchtsgegenstand der Modernekritik — geführt. Diese Totalitarismuskritik ist so groß geworden, dass sie am nachhaltigsten zur Entstehung einer „postmodernen” Theorie beigetragen hat. Das postmoderne Denken nimmt damit in besonderer Weise die negativen Kehrseiten seines Adressaten, der Moderne, wahr, anstatt sich um ein versöhnendes Verhältnis mit ihr zu bemühen. Es proklamiert, so Albrecht Wellmer, den „Tod der Moderne”, der als ein „verdienter” Tod verstanden wird: „als Ende einer schrecklichen Verirrung, eines kollektiven Wahns, eines Zwangsapparats, einer tödlichen Illusion”18.

Der postmoderne philosophische Diskurs ist also grundsätzlich bereit, das Totale mit dem Totalitären gleichzusetzen. Die totalitären Erfahrungen des 20. Jahrhunderts haben, so sieht es der postmoderne philosophische Diskurs, die negative Kehrseite der scheinbar positiven Ganzheitshoffnungen ans Tageslicht gebracht: dass Vereinheitlichung unweigerlich auch die Unterdrückung abweichender Lebensformen bedeute. Dieses „Stück Gewaltsamkeit”, das Albrecht Wellmer im Denken der Moderne ausgemacht hat, werde als gleichbedeutend angesehen mit einer „Überwältigung der Wirklichkeit, ein Abwehrmechanismus, ein Verfahren der Ausgrenzung und Beherrschung, eine Zurichtung der Phänomene zum Zwecke ihrer Kontrolle und Manipulation, ein Zug zum Wahnsystem. [...] Und wenn wir nur ein wenig über den Buchstaben — nicht den Geist — der ‚Dialektik der Aufklärung’ hinausgehen, können wir hinzufügen: selbst dort, wo die Zuversicht der Aufklärung bereits als fromme Illusion durchschaut wurde — im nach-Kantischen deutschen Idealismus und bei Marx — wurde der ‚Totalitarismus’ der Vernunft nur noch einmal auf einer höheren Ebene befestigt: nämlich in einer Geschichtsdialektik, deren Vernünftigkeit sich im stalinistischen Terror enthüllte.”19

Die Krise des Homogenitäts- und Universalitätsgedankens und die daraus folgende „Erschöpfung der utopischen Energien” zeigt Peter Koslowski zufolge den Beginn einer postmodernen, nachneuzeitlichen Epoche an.20 Arnold Gehlen sagt dazu: „Die Zeit der [Seite 14↓]Globalideologien ist vorbei [...], denn in einer prinzipienpluralistischen Gesellschaft angesichts einer Fülle heterogener Wissensbestände gibt es keinen archimedischen Punkt mehr, von dem man aus alles überblicken und organisieren könnte. Ideen bewegen nichts mehr — gegen derlei anachronistische Erwartungen ist Zynismus zu richten.”21 Die Option der Postmoderne gelte, so auch Welsch, der Pluralität; der Pluralität von „Lebensweisen und Handlungsformen, von Denktypen und Sozialkonzeptionen, von Orientierungssystemen und Minderheiten”.22 Diese Pluralität sei, um Peter Koslowski nochmals zu bemühen, für die Postmoderne gleichbedeutend mit Befreiung: „Der Begriff der Postmoderne ist befreiend, weil er aus dem stählernen Gehäuse der Geschichte [...] herausführt in die Wiedergewinnung der Freiheit der Geschichten und der Diskurse und in ein neues Verhältnis zu dem, was nicht Vernunft ist, zum Absoluten und zur Natur. Gegen die Diktatur des Allgemeinen und der Kollektivsingulare bzw. jener Bildungen, die nur noch als singulare tantum vorkommen, setzt das postmoderne Denken die Vielheit der Pluralbildungen. An die Stelle des einen Diskurses, des einen Konsensus, der Geschichte, des Fortschritts, der Evolution treten die Diskurse, Geschichten, Übereinstimmungen, Fortschritte und Evolutionen der geschichtlichen Prozesse und ihrer Erscheinung im Spiegel der Vernunft.”23

Es gibt also hinsichtlich des Dreh- und Angelpunkts von Einheitsoption versus Vielheitsakzeptanz eine Einteilung in „modern” und „postmodern”. Das postmoderne Denken muss mit Phänomenen der Unübersichtlichkeit und Ambivalenz, des Umschlags, der Verflechtung und der Divergenz operieren. Die Gefahr einer pluralen Gesellschaft, die je offener, desto reichhaltiger ist, liegt darin, dass sie das Gleichgewicht zwischen einem Minimum an Ordnung und dem Maximum an Pluralität nicht mehr wahren kann: Abwesenheit von Ordnung kann ins Destruktive umschlagen. Die Frage, welche der beiden Optionen — positive Befreiung oder negative Regellosigkeit — der postmoderne philosophische Diskurs beinhaltet, soll in dieser Arbeit zu beantworten versucht werden.

2.3 Zum Begriff „Post”- Moderne

Im Verlauf der Moderne wurden immer wieder Gegenkräfte hervorgebracht, die davon charakterisiert wurden, dass sie zwar die Moderne kritisierten, jedoch nie völlig ihren Einflussbereich verließen. Dominant blieb die Moderne, und der Standpunkt ihrer Gegner war ein „kritischer”; die Kritik als Form der Dialektik blieb abhängig von ihrem Kritikpunkt. Der postmoderne philosophische Diskurs intendiert jedoch, völlig mit der Moderne zu brechen und sie gleichsam zeitlich „ablösen“ zu können — auch wenn dies, wie bereits gezeigt wurde, illusorisch ist. Bemerkenswert am postmodernen philosophischen Diskurs ist seine Radikalität, [Seite 15↓]mit der er sich von der Moderne lossagen will, sein Verabschiedungsgestus und sein unbedingter Wille zum Ende. Zwar handelt es sich — wie wir gesehen haben — im Programm der Postmoderne nicht um einen Neuanfang, sondern um eine „Teilkonsequentmachung” der Moderne. Dennoch hat die Postmoderne-Theorie einige besondere Strategien hervorgebracht, mit denen sie sich — auf dem Papier — von der Moderne lösen will. Obwohl es auf den ersten Blick nicht so aussieht, ist die listigste der Ausbruchsstrategien aus den dynamischen Labyrinthen der Moderne die Bezeichnung „Post–”.

Wir verstehen diesen Umstand besser, wenn wir der Argumentation von Koslowski folgen, demzufolge in der Postmoderne die Moderne von ihrer eigenen Dynamik eingeholt werde. Koslowski legt dar, dass der moderne Begriff des universalen und notwendigen Fortschritts — also die Verbesserung der Lebensumstände auf allen Ebenen, was zur Ausdifferenzierung und „Erweiterung von Optionen” führe — eine unaufhörliche Abfolge von alt und neu, antik und modern impliziere, die durch die unablässige Verbesserung des Fortschritts erschaffen werde. Odo Marquard nennt dies eine „Gegenwartsbejahung auf Kosten der Vergangenheit”, eine Einstellung, die vor allem die Periode der klassischen Aufklärung von Voltaire bis Hegel gekennzeichnet habe: „Die Gegenwart ist aufgeklärt; die Vergangenheit — das Mittelalter — war das noch nicht und also finster, doch das haben wir hinter uns: gut ist die Gegenwart; und die Zukunft ist einzig die Konsequentmachung der Gegenwart mit Hilfe gegenwärtiger Mittel.”24 So definiert sich die Moderne durch ihren perennierenden Neuerungsmechanismus als offenes, unabschließbares Projekt, dessen Beendigung und Ablösung durch eine neue Epoche gleichbedeutend mit dessen Scheitern wäre. Sie scheint sich kontinuierlich zu wandeln und ihre Gestalt zu ändern, eben weil sie sich fortwährend selbst erneuert, indem das Neue veraltet und bald durch eine neuere Neuigkeit ersetzt wird: sie ist eine ständige, emphatische Trennung von den „alten Zeiten“. Insofern ist die Moderne, weil sie sich ständig selbst erneuert, prinzipiell unendlich. Der postmoderne philosophische Diskurs geht hingegen davon aus, dass auch das „immer-Neue“ der Fortschrittsdynamik der Moderne sich abnutzen kann, und damit auch das „Immer-Neu-Machen” der Moderne als Prinzip altern kann. Insofern altert, wie alles Seiende, auch die Moderne. Darüber hinaus hat sich das Programm der perennierenden Modernisierung, die Zirkulation der Werte und Erscheinungen mittlerweile so beschleunigt, dass der Eindruck entstanden ist, dass nichts wirklich Neues mehr hervorgebracht werden könne und sich der lineare Zeitverlauf der Moderne in einen zyklischen verwandle: „Die totale Modernisierung kehrt in die mythische Gestalt des Kreislaufs, in die ewige Wiederkehr des Gleichen zurück.”25 Doch der perennierende Neuerungsmechanismus der Moderne erschwert bis auf den Tag die Versuche, etwas „Neues” zu beginnen, denn „neu” ist eine Kategorie, die selbst innerhalb des Neuerungsmechanismus der Moderne und ihrer neu/alt-[Seite 16↓]Dialektik verbleibt. Wie also beginnt man sinnvoll etwas Neues, das zur selben Zeit etwas Nichtmodernes sein soll? Oder: wie findet man überhaupt aus der Moderne hinaus?

Es liegt auf der Hand, dass man sich vom Neuerungsmechanismus der Moderne lösen muss, um etwas „anderes” anzufangen. Wer etwas beginnen wollte, das nur „neu” ist, der trägt — so die List des Zeitalters — lediglich zur Dynamik der Moderne bei. Modern nämlich ist immer das Neue, dem jede Präferenz für ein „Altes” entgegengesetzt ist. Hat man dieses einmal eingesehen, so ist man auf den Weg zum Verständnis, was die Postmoderne sein will. Sie ist in ihrer Haltung „post-modern” und nicht „anti-modern” konzipiert, weil der Gegensatz zum Modernen definitionsgemäß das „Alte” ist. Daher bedeutet „post-modern” nicht „anti-modern”. Die Postmoderne ist nicht antimodern an einer vorgegebenen und verbindlichen Klassik orientiert (nämlich: dem anti-modernen „Alten”), sondern an der Überwindung des Gegensatzes von Neu und Alt, von Modernismus und Klassizität. Indem sie von einem Bewusstseinsort nach der Moderne sprechen will, richtet sie sich nicht nur sich gegen den einen oder anderen Inhalt (was sie auch nicht kann, weil sie selbst Elemente der Moderne transportiert), sondern gegen den Absolutheitsanspruch der Moderne selbst. Laut Peter Sloterdijk bringe sie so die Moderne dazu, einzugestehen, dass sie sich als eine Epoche begreife, auf die geschichtlich keine andere mehr folgen könne und dürfe: „Das Postmoderne-Gerede [...] zwingt die Moderne dazu, sich als Endzeit zu bekennen, das heißt als Ära, die keinen Zwischenzeitcharakter mehr haben will, sondern in die dauernde Gegenwart einer unbegrenzt perfektiblen Nachgeschichte übergegangen ist. Für die Moderne ist der bloße Gedanke an eine Postmoderne illegitim und schockierend, weil ihrem Selbstverständnis gemäß der Nachfolger der Moderne nie ein anderer sein darf als wiederum die Moderne.”26 Dasselbe Prinzip ist gemeint, wenn Achille Bonito Oliva nicht von einer Postmoderne, sondern von einer „Trans-Avantgarde” spricht, denn wenn die Moderne hauptsächlich durch ihre Avantgarde-Bewegungen charakterisiert sei, so bezeichne die Ausrufung einer Trans-Moderne eine Überwindung der Moderne.27 Gianni Vattimo dagegen richtet sich in seiner Postmoderne-Definition gegen das Wort „Überwindung”. Er spricht von einer „schwachen Ontologie” als Möglichkeit eines Auswegs aus der Moderne — auf dem Weg einer „Verwindung”, die nichts mehr vom „starken” Denken einer kritischen „Überwindung” an sich habe, die für die Moderne charakteristisch gewesen sei. Erst in dieser „Verwindung” läge für die Postmoderne die Chance eines neuen — eines „schwach neuen” — Anfangs.28

2.4 Das „postmoderne Konfliktszenario”: eine Contradictio in adiecto?

Abschließend soll auf einen Widerspruch hingewiesen werden, der für die nachfolgenden Teile dieser Arbeit von grundlegender Bedeutung ist. Der postmoderne philosophische Diskurs [Seite 17↓]entstand während des Kalten Krieges und noch unter dem Eindruck der beiden Weltkriege (Lyotards „La condition postmoderne” erschien 1979). Der postmoderne philosophische Diskurs geht davon aus, dass zwischen dem Totalen, dem Totalitären und dem „totalen Krieg” ein innerer Zusammenhang bestehe. So verbindet sich die anti-totalitäre Option des postmodernen Diskurses mit der Hoffnung, dass mit den (modernen) Totalisierungen auch die (modernen) „totalen Kriege” (bzw. des potentiell globalen Krieges während der Blockkonfrontation) hinter sich gelassen werden könnten. Wolfgang Welsch hat die Liaison von Postmoderne und Antikriegs-Haltung anhand der Genealogie des Begriffs der „Postmoderne” untersucht. In der Annahme, es handle sich bei der Postmoderne um eine Realität, stellt er fest: „Als Nachkriegs-Phänomen war die Postmoderne schon bei ihrem Debut, schon bei Pannwitz begriffen, der mit dem ‚postmodernen Menschen’ 1917 eine Leitfigur für die Zeit nach dem Krieg vor Augen bringen wollte. Und als Howe und Levin dann von ‚postmodern literature’ sprachen, war diese genau die ‚postwar literature’. Im Übrigen scheint generell die bald üblich gewordene Rede von einer ‚postwar-period’ die Bereitschaft zu post-Ausdrücken verstärkt und so auch die Durchsetzung von ‚post-modern’ begünstigt zu haben. Von dieser Genese wie von ihrer anti-totalitären Inspiration her ist die Rede von ‚Postmoderne’ tief mit der Hoffnung auf ein Nachkriegs-Zeitalter amalgamiert. Man hofft, mit der Zeit der Totalitäten auch die des Krieges hinter sich zu haben oder doch jedenfalls hinter sich bringen zu können.”29

Die postmoderne Philosophie will, wie wir gesehen haben, jeden Absolutheitsanspruch durch die Ausbildung einer pluralen Welt eigenentfalteter autonomer Partikularismen überwinden. In ihrem Pluralitätstelos sieht sie ein geeignetes Programm, um die Entwicklung des Fremden und Anderen nicht nur zu tolerieren, sondern auch zu fördern, ohne in Unterdrückungsmechanismen zurückzufallen. Sie versucht das Imaginäre zu verändern; nicht allein das Bewusstsein, sondern auch das Unbewusste und die Vorstellungen der Menschen, solcherart, dass die Triebe zur Rückkehr zu den Angleichungs- und Unterdrückungsmechanismen endgültig unterbunden werden. So schreibt Assen Ignatow, der sich mit der postmodernen Theorie in Bezug auf die Osteuropaforschung beschäftigt hat, dass gerade der Rückfall in „prämoderne” Zustände, etwa auf dem Balkan oder im Kaukasus, den postmodernen Aufforderungen Aktualität verleihe: „Es handelt sich darum, bei der Bevölkerung dafür Verständnis zu wecken, das Anderssein zu dulden, zu akzeptieren und am Ende auch zu bejahen. In diesem Sinn scheinen die Imperative der Postmoderne ein geeignetes Programm zur Erziehung der balkanischen oder kaukasischen Primitivlinge im Geist der Toleranz zu sein.”30

Somit enthält die Wortkombination eines „postmodernen Konfliktszenarios” zumindest auf den ersten Blick einen Widerspruch: der postmodernen Theorie nach dürfen keine Konflikte [Seite 18↓]auftreten. Der postmoderne philosophische Diskurs intendiert das tolerante Nebeneinander von verschiedenen Ideen bzw. soziokulturellen Welten, die friedlich koexistieren. Oberflächlich gesehen, gibt es daher keine Veranlassung, von einem „postmodernen Konfliktszenario” zu sprechen. Sofern die fremdentfalteten Partikularismen in dem von der Postmoderne geforderten pluralen, toleranten Umfeld existieren, kann es der Theorie nach nicht zu einer Auseinandersetzung kommen.

Diese Annahme spiegelt sich auch in dem Interpretationsversuch des amerikanischen Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama, der 1989 das Erlöschen der Anziehungskraft eschatologischer Geschichtsinterpretationen prognostiziert hatte, die von Joachim von Fiore über Hegel bis zu den totalitären Ideologien als Maßstab politischen Handelns dienten. Fukuyama sah für die Zukunft nach der Zeit des Kalten Krieges optimistisch einen weltweiten Siegeszug der liberalen Demokratie voraus. Damit würde, so Fukuyama, ein historischer Endzustand (das „Ende der Geschichte”) erreicht, der zwar weiterhin Ereignisgeschichte biete, jedoch frei sei von innergesellschaftlichen und zwischenstaatlichen Widersprüchen. Die Dialektik der Geschichtsmotorik — als Antagonismus zwischen widerstreitenden Ideologien und Gesellschaftstheorien — sei aufgehoben. Möglichkeiten für zukünftige Konflikte sah Fukuyama allein darin, dass einige Regionen noch nicht den „posthistorischen” Zustand erreicht hätten und somit in der konfliktgeschüttelten „historischen” Welt verbleiben würden.31

Die im postmodernen philosophischen Diskurs vorherrschende Ansicht, dass die vom postmodernen Diskurs forcierte und überbetonte Differenz zu einem Ausbruch universeller Harmonie führen würde, ist jedoch spekulativ. Wie anschließend untersucht werden wird, produzieren Vielfalt und Heterogenität unweigerlich Konflikte. Pluralität als das Telos des postmodernen philosophischen Diskurses bedeutet die Überspitzung der Unterschiede bis zum Extrem. Postmodernität ist nicht gleichbedeutend mit Synthese, sondern mit Kontakt32 — einem Kontakt, der leicht zur Konfrontation werden könnte, weil ursprünglich gut gemeinte postmoderne Handlungsanleitungen dem Vorschub leisten. Dazu sagt Welsch: „Statt die Vielheit durch Mischmasch zu vergleichgültigen, potenziert er [der veritable und effiziente Postmodernismus] sie durch Zuschärfung. Statt den Differenzen in freier Turbulenz ihren Stachel zu nehmen, bringt er ihren Widerstreit zur Geltung.”33 Der konflikthafte Pluralismus des postmodernen Denkens beabsichtigt eine Feststellung und Schärfung der Unterschiede und schwächt die Rolle von Übergängen und Austausch.

Wie in den nachfolgenden Kapiteln noch ausgeführt werden wird, erscheint auch die Unmöglichkeit prekär und beunruhigend, zwischen den heterogenen Ansprüchen einer pluralen Welt eine begründete Entscheidung zu treffen. So besteht, bei gleichzeitiger Überbetonung der Unterschiede, keine vermittelnde bzw. ausgleichende Instanz zwischen den differenten Sphären mehr. Die postmoderne Pluralität ist daher vermutlich nicht nur mit Freiheitsgewinnen, sondern [Seite 19↓]auch mit einer Verschärfung von Problemlasten verbunden. Die Probleme sind sowohl praktischer als auch theoretischer Natur. Welsch hat erkannt, dass ein „Tohuwabohu heterogener Sprachspiele” nicht das letzte Wort sein könne, weil „eine Konzeption bloßer Fragmentierung Gefahr liefe, den Terror, den sie im Ganzen bekämpft, im Innern kaum weniger hart zu reproduzieren, da absolute Heterogenität, streng genommen, Kommunikation verunmöglicht und somit im Konfliktfall nur noch die Praxis des Terrors übrig lässt [...].”34

Zwar hat Welsch versucht, einen Lösungsvorschlag für das Problem der Gerechtigkeit zwischen den postmodernen autonomen Sphären vorzulegen: eine „transversale Vernunftpraxis” als Übergangsmöglichkeit zwischen den inkommensurablen — kognitiven, ethischen, ästhetischen, religiösen, technischen — Rationalitätstypen. Inkommensurabilität bedeutet ja, dass die diversen Möglichkeiten nicht Gestalten desselben, sondern verschieden sind und daher mit keinem gemeinsamen Maßstab gemessen werden können. Welsch hat diese „transversale Vernunftpraxis“ so konzipiert, dass darin die Vernunft als Medium der Konfliktaustragung zwischen den heterogenen Ansprüchen vermitteln solle, indem die Vernunft selbst vollends in eine Phase der Pluralisierung bzw. Vielheit eintrete. Welsch beabsichtigt also, angesichts einer Fülle verschiedener Rationalitätstypen nicht noch einmal Vernunft als klassische Einheitsinstanz zu verordnen, sondern Vernunft anders zu denken: in „einer mit solcher Vielheit grundsätzlich konkordanten Form”35. Seine Konzeption der „transversalen Vernunft“ soll damit das „absolute Heterogenitäts-Dogma des rigiden Postmodernismus [kontrollieren] und trägt so dem Verbindungs-Interesse moderne-bezogener Positionen Rechnung, ohne deren Tendenz zu Reduktion und Nivellierung der Differenzen zu verfallen”36. Die Vernunft müsse, so Welsch, angesichts der Vielfalt ihrer Formen ihre Einheit darin haben, dass Übergänge zwischen diesen Formen möglich seien. Die „transversale Vernunft” soll Anschlusspunkte und Übergänge zwischen den einzelnen Rationalitätsformen entdecken, bei einer Situation der Differenz ansetzen, aber dann die Möglichkeit von Übergängen akzentuieren. Sie soll also Kooperation ermöglichen, ohne dabei eine Totalisierung einzuführen.

Wie diese „transversale Vernunftpraxis” allerdings konkret aussehen könnte, bleibt jedoch unklar. Denn die „transversale Vernunftpraxis” bezieht sich ausdrücklich nur auf die Übergänge zwischen den verschiedenen Rationalitätsformen. Welsch selbst schließt aus, die Vernunftpraxis „wie eine Sache aufzufassen”37 oder auch auf regionale Formen zu übertragen. So lehnt Welsch ab, Rationalitäten regional abzugrenzen und Gegenstandsbereiche der transversalen Vernunft in geographischen Analogien von Gebieten oder Regionen vorzustellen. Seine „transversale Vernunftpraxis“ definiert sich als Modell zur Regelung von Interrationalitätskonflikten, nicht aber von interkulturellen Konflikten.


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Es zeigt sich, dass die Selbstsicht der Postmoderne, sie könne eine Zeit nach dem Zeitalter der Kriege anbrechen lassen, kritisch untersucht werden muss. Wie in den nachfolgenden Abschnitten dargelegt werden soll, repräsentiert der postmoderne philosophische Diskurs bei folgerichtigem Durch- und Zuendedenken keinen utopisch-friedlichen Zustand. Die anschließende Untersuchung, in der die Merkmale eines „postmodernen” Konfliktszenarios herausgearbeitet werden sollen, muss daher vor dem Hintergrund betrachtet werden, dass sich darin die ursprünglich liberale und friedensorientierte postmoderne Theorie bereits in ihr Gegenteil verkehrt.


Fußnoten und Endnoten

2 Vgl. Konrad Paul Liessmann: Von Tomi nach Moor. Ästhetische Potenzen - nach der Postmoderne. In: Kursbuch Nr. 122, S. 22

3 Vgl. Robert Spaemann, Ende der Modernität?, in: Koslowski, Spaemann, Löw (Hg.), Moderne oder Postmoderne? Zur Signatur des gegenwärtigen Zeitalters, Weinheim 1986, S. 22ff.

4 Claus Offe, Die Utopie der Null-Option. Modernität und Modernisierung als politische Gütekriterien, in: Koslowski, Spaemann, Löw (Hg.), Moderne oder Postmoderne? Zur Signatur des gegenwärtigen Zeitalters, Weinheim 1986, S. 150

5 Vgl. Wolfgang Welsch, Unsere Postmoderne Moderne, Weinheim 1987, S. 65ff.

6 Vgl. Giambattista Vico, Principi di una scienza nuova d’intorno alla natura delle nazioni, Neapel 1725

7 Wolfgang Welsch, Unsere Postmoderne Moderne, Weinheim 1987, S. 6 bzw. 73ff.

8 Ibid. S. 78

9 Wolfgang Welsch, Unsere Postmoderne Moderne, Weinheim 1987, S. 79

10 Ibid. S. 6, auch: Wolfgang Welsch, Wege aus der Moderne. Schlüsseltexte der Postmoderne - Diskussion, Weinheim 1988, Einleitung, S. 2

11 Vgl. Albrecht Wellmer, Zur Dialektik von Moderne und Postmoderne. Vernunftkritik nach Adorno, Frankfurt a. M. 1985, S. 48

12 Reinhard Löw, Ontologische Aspekte der Postmoderne, in: Koslowski, Spaemann, Löw (Hg.), Moderne oder Postmoderne? Zur Signatur des gegenwärtigen Zeitalters, Weinheim 1986, S. 80f.

13 Vgl. etwa Konrad Paul Liessmann, Von Tomi nach Moor. Ästhetische Potenzen — Nach der Postmoderne, in: Kursbuch Nr. 122, S. 25

14 Vgl. Amitai Etzioni, The active society, London 1968, Collier-Macmillan

15 Vgl. Wolfgang Welsch, Wege aus der Moderne. Schlüsseltexte der Postmoderne - Diskussion, Weinheim 1988, Einleitung, S. 10

16 Ibid. S. 51

17 Dazu Kapitel 3.3.

18 Albrecht Wellmer, Zur Dialektik von Moderne und Postmoderne. Vernunftkritik nach Adorno, Frankfurt a. M. 1985, S. 100

19 Ibid. S. 73f.

20 Vgl. Peter Koslowski, Die Baustellen der Postmoderne — Wider den Vollendungszwang der Moderne, in: Koslowski, Spaemann, Löw (Hg.), Moderne oder Postmoderne? Zur Signatur des gegenwärtigen Zeitalters, Weinheim 1986, S. 1-16

21 Arnold Gehlen, Über kulturelle Kristallisation, in Welsch (Hg.), Wege aus der Moderne. Schlüsseltexte der Postmoderne - Diskussion, Weinheim 1988, S. 133-143

22 Wolfgang Welsch, Unsere Postmoderne Moderne, Weinheim 1987, S. 5

23 Peter Koslowski, Die Baustellen der Postmoderne — Wider den Vollendungszwang der Moderne, in: Koslowski, Spaemann, Löw (Hg.), Moderne oder Postmoderne? Zur Signatur des gegenwärtigen Zeitalters, Weinheim 1986, S. 7

24 Odo Marquard, Nach der Postmoderne. Bemerkungen über die Futurisierung des Antimodernismus und die Usance Modernität, in: Koslowski, Spaemann, Löw (Hg.), Moderne oder Postmoderne? Zur Signatur des gegenwärtigen Zeitalters, Weinheim 1986, S. 52

25 Peter Koslowski, in: Koslowski, Spaemann, Löw (Hg.), Moderne oder Postmoderne? Zur Signatur des gegenwärtigen Zeitalters, Weinheim 1986, Vorwort, S. XII

26 Peter Sloterdijk, Nach der Moderne, in: Welsch (Hg.), Wege aus der Moderne. Schlüsseltexte zur Postmoderne-Diskussion, Weinheim 1988, S. 272

27 Vgl. Achille Bonito Oliva, [...], in: Welsch (Hg.), Wege aus der Moderne. Schlüsseltexte zur Postmoderne-Diskussion, Weinheim 1988, S. [...]

28 Vgl. Gianni Vattimo, Das Ende der Moderne, Stuttgart 1990, S. 180

29 Wolfgang Welsch, Unsere Postmoderne Moderne, Weinheim 1987, S. 40

30 Assen Ignatow, Ist Osteuropa „postmodern”? Der Begriff der Postmoderne und die Osteuropaforschung, Köln 2000, S. 14

31 Vgl. Francis Fukuyama, Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir?, München 1992

32 Vgl. Édouard Glissant, Poétique de la relation, Paris 1999, Gallimard

33 Wolfgang Welsch, Unsere Postmoderne Moderne, Weinheim 1987, S. 3

34 Ibid. S. 167

35 Ibid. S. 265

36 Wolfgang Welsch, Unsere postmoderne Moderne, Weinheim 1987, S. 314

37 Ibid. S. 307



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26.05.2005