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4  Die Indifferenz der Postmoderne

Die Regellosigkeit, welche sich aus dem Verlust des transzendentalen Wahrheitsbegriffs und der daraus resultierenden Orientierungslosigkeit über kollektive Werte und Ziele herschreibt, ist ein auffälliges Kennzeichen des postmodernen philosophischen Diskurses. Daneben besteht der zweite, anschließend zu untersuchende Widerspruch des Konzepts von Postmodernität darin, dass ihr Pluralisierungsanspruch, statt ernstlich an einer Erstarkung der Differenz zu arbeiten, zu einer fundamentalen Indifferenz bzw. Unterscheidungslosigkeit führt. Diese Indifferenz steht im Widerspruch zum Differenzanspruch der postmodernen Philosophie selbst. Im Folgenden soll aufgezeigt werden, welche für die Darstellung eines postmodernen Konfliktszenarios entscheidenden Charakteristika von der Entdifferenzierung betroffen sind: so werden die Grundoppositionen wie Innen/Außen, Zentrum/Peripherie, Öffentlich/Privat, Global/Lokal, Krieg/Frieden weitgehend entwertet. Die Erstarkung des Differenten ist, wie wir gesehen haben, das erklärte Ziel der postmodernen Philosophie. Doch sie erreicht dieses Ziel nicht, weil die postmoderne Intensivierung des Differenten regelkreisartig in Indifferenz umschlägt.

Das Spannungsfeld zwischen Konfliktualität auf der einen Seite und Friedlichkeit auf der anderen, wie auch die wachsende morphologische Indifferenz des Konfliktszenarios spiegeln sich nicht allein in den Arbeiten der drei hier untersuchten Autoren, insbesondere von Baudrillard und Virilio. Nach dem Ende des Kalten Krieges sind sehr viele konkurrierende Zukunftsvisionen entstanden, die ein breites Spektrum zwischen den beiden Optionen „Zunahme von Harmonie und Friedlichkeit” und „Zunahme von Konfliktualität” abdeckten. Während nach 1989 zunächst Vorstellungen wie jene vom „Ende der Geschichte” von Francis Fukuyama170 einen hohen Popularitätsgrad erlangten — Fukuyama prognostizierte ein Erlöschen der Anziehungskraft eschatologischer Geschichtsinterpretationen, wodurch ein historischer Endzustand frei von innergesellschaftlichen und zwischenstaatlichen Widersprüchen herbeigeführt werde — , fand später eine Verschiebung zugunsten von Prognosen über eine Zunahme von Feindschaft, Unordnung und Chaos in der Welt statt. Dieses Phänomen wurde sicher nicht allein von millenaristischen Zukunftsängsten verursacht — diffuse Endzeiterwartungen gewinnen kalenderbedingt regelmäßig an Ausstrahlungskraft —, sondern sind auch von der derzeitigen weltpolitischen Situation inspiriert, in der sich die „Geschichte” mit Börsenkrachs und der Entstehung zahlreicher neuer Kriegsschauplätze zurückgemeldet hat. Zu den zahlreichen Ansätzen, die von einer Zunahme von Chaos und Anarchie ausgehen, gehören u.a. die „Neo-Mittelalterlichkeit” von Umberto Eco, die „kommende Anarchie” von Robert D. Kaplan und Hans Magnus Enzensbergers „Aussichten auf den Bürgerkrieg”.


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Die These von der „Neo-Mittelalterlichkeit” bzw. Medievalisation der Städte geht auf Umberto Eco zurück.171 Er beruft sich dabei auf die Forschungsergebnisse des Geographen Giuseppe Sacco. Die von Eco beschriebene Neo-Mittelalterlichkeit wird durch Segregationsprozesse verursacht, welche als eine Folge des Zusammenbruchs des sozialen Konsens und des Wegfalls der Zentralgewalt angesehen werden. Diese Segregationsprozesse werden, argumentiert Eco, von Minoritäten angetrieben, die sich der Integration entziehen und dezentrale, Clan-ähnliche, in sich abgeschlossene Gesellschaftsstrukturen („Mikrogesellschaften”) ausbilden. Das Territorium werde „vietnamisiert” und zum Schauplatz permanenter Spannungen zwischen den miteinander verfeindeten Gruppierungen. Der Bürgerkrieg führe zu Veränderungen des Stadt-Raumes und des die Stadt umgebenden Territoriums, indem sich die reichen Stadtviertel, ähnlich wie in Lateinamerika, gegen die armen abschotten und bewaffnen. Dadurch werde eine Migrationsdynamik in Gang gesetzt, in deren Verlauf sich die Stadt mit Immigranten fülle, während die Alteingesessenen in festungsartig gesicherte Vorstädte wegzögen. Die Medievalisation der Stadt bedeute aber keinen bloßen Rückfall in die Vergangenheit: Während es im Mittelalter zu einem Bevölkerungsrückgang kam, der mit der Aufgabe der Städte und Hungersnöten auf dem Land, einem Mangel an Zentralgewalt, schwierigen Kommunikationsverhältnissen und dem Niedergang der Infrastruktur verbunden gewesen sei, finde heute eher ein gegenteiliger Prozess statt: ein starkes Bevölkerungswachstum, das mit einem enormen Anwachsen der Kommunikations- und Transportmöglichkeiten einhergehe. Wenn in diesem Zusammenhang eine Stadtflucht diagnostiziert werde, dann sei der städtische Raum nicht nur durch seine Zerstörung und Aufgabe unbewohnbar geworden, sondern auch durch ein Übermaß an Aktivität. Eco folgert daraus: das Neo-Mittelalter werde eine chaotische Zeit der ständigen Veränderungen sein, in der neue Verfahrensweisen zum Umgang mit Konfliktualität entwickelt werden müssten.

Robert D. Kaplans Studie „Die kommende Anarchie” und das daraus hervorgegangene Buch „Reisen an die Grenzen der Menschheit” sind Ausarbeitungen eines Reiseberichts.172 In Ländern wie Sierra Leone, Liberia, Ägypten, Iran, Pakistan, Turkestan und China setzte Kaplan sich der unmittelbaren Erfahrung der Realität aus und betrachtet auf dieser Grundlage die Auswirkungen von Bevölkerungswachstum, Umweltzerstörung, Ressourcenknappheit, Flüchtlingsströmen, kollabierender Staaten, der negativen Dynamik der Urbanisierung und der ethnischen Konflikte, für welche Staatsgrenzen keine Bedeutung mehr haben. Kaplan verwirft jedes etatistische Paradigma. Als „politische und kartographische Implikationen des Postmodernismus” sieht er vielmehr „eine Epoche von Auseinandersetzungen ohne Schwerpunkt, in denen das klassifikatorische Raster der Nationalstaaten durch ein Scherbenmuster von Stadtstaaten, Slumstaaten, nebulösen und anarchischen Regionalismen [Seite 64↓]ersetzt werden wird”173. Die Landkarte zerfällt, statt in Staaten, in Inseln der Stabilität und in von Kriminalität geplagte Ghettos. Afrika und Mittelasien als pars pro toto für die ganze Welt betrachtend, sieht Kaplan in Anarchie und Kriminalität die größte Gefahr der Zukunft. Kaplan hat sich zum Ziel gesetzt, seine Betrachtungen keinem Paradigma unterzuordnen und einfache, pauschale Erklärungen zu vermeiden, obgleich er, wie der Titel seiner Veröffentlichungen bereits nahe legt, immer von einem Zuwachs an Unordnung und Anarchie ausgeht, einem Zusammenbruch des gesellschaftlichen Konsens und der zivilen Ordnung. Dieser Prognose verleiht er einen gewissen Grad an Universalität: sie beschränke sich, so der Autor, nicht nur auf die Dritte Welt. Dabei umgeht Kaplan vorsichtig den Vorwurf des kolonialen Blickwinkels Conrad’scher Prägung, indem er der alltäglichen Brutalität und Willkür in der Dritten Welt eine gewisse Universalität für alle Erdteile einräumt: Das Szenario der Anarchie in der Dritten Welt nimmt für Kaplan die zukünftige Entwicklung in anderen Weltregionen nur vorweg. Statt Lösungsvorschläge anzubieten, steht bei Kaplan am Ende Ratlosigkeit: „Ich wäre unaufrichtig, wenn ich behaupten würde, wir hätten eine Lösung für die Probleme oder wir könnten sie finden. Wir haben die Situation nicht in der Hand.”174 Die Auseinandersetzungen, die Kaplan beschreibt, sind sowohl Ursache wie Folge von Desintegrationsprozessen, und nach ihnen kommt offenbar nichts anderes als noch mehr Chaos. Statt eine neue Variation des Altbekannten vorzulegen (etwa eine Wiedernutzbarmachung des Konfrontationsszenarios des Kalten Krieges, nur dass die Gegenüberstellung nicht mehr ideologisch, sondern kulturell begründet ist175), beschreibt Kaplan ein Abgleiten ins Chaos, das mit den alten Konzepten nur unzureichend dargestellt werden könne.

Auch Hans Magnus Enzensberger hat sich am Thema „kommende Anarchie” und „neue Weltunordnung” versucht, und zwar in dem eher weltanschaulich ausgerichteten Essay „Aussichten auf den Bürgerkrieg”176. Enzensberger hält den Bürgerkrieg für die Grund- bzw. „Primärform” aller kollektiven Konflikte, während der „gehegte” Krieg gegen einen äußeren Feind eine spätere Erfindung sei. Nach dem Ende der machtgeschützten Idyllen des Kalten Krieges erlebe der Bürgerkrieg sein Comeback. Den Grund dafür sieht Enzensberger pauschalisierend vor allem darin, dass in jedem Gemeinwesen Ungleichheit, Kränkung des Selbstwertgefühls, Ungerechtigkeit, Zumutung und Frustration produziert würden, die eine Demütigung erzeugen, die ihrerseits in Aggression bzw. Bürgerkrieg umschlage — ein Prozess, der zusätzlich durch die zeitgenössischen Ausdrucksformen des Theaters, der Literatur, der Kunst und der Medien überhaupt verstärkt werde, die alle, argumentiert Enzensberger, „die Gewalt verherrlichen”177. Indessen unterscheide sich die Gewalt der [Seite 65↓]heutigen Bürgerkriege von der Gewalt der gehegten Kriege, weil es im gehegten Krieg, so Enzensberger, um eine „große Sache” gegangen sei, wodurch die Verbrechen des gehegten Krieges legitim geworden seien. Der Staatenkrieg habe zu einer begrüßenswerten „Monopolisierung der Macht” geführt und damit „für mehr Ordnung gesorgt”178. Enzensberger geht sogar so weit, eine Apologie des Nationalismus anzustimmen, weil dieser „konstruktive Leistungen” gebracht habe: „Wer nur an das widerwärtige chauvinistische Pathos denkt, von dem sie [die Kriege des Nationalismus, M.B.] getragen waren, übersieht die konstruktiven Leistungen des europäischen Nationalismus alter Prägung.”179 Bei den Akteuren heutiger Bürgerkriege gehe es hingegen nicht mehr um Überzeugungen, sondern um „irrationale Schlägereien”, die zum Zusammenbruch der Disziplin und zu Anarchie führen. Alle Verbindlichkeiten, die geschriebenen wie die ungeschriebenen, seien aufgehoben, so dass — auch hier im vermeintlichen Gegensatz zu früher — sogar Wehrlose zu Schaden kommen würden: „In den Bürgerkriegen der Gegenwart ist jede Legitimation verdampft. Die Gewalt hat sich von ideologischen Begründungen völlig freigemacht.”180 Kein Ziel, kein Projekt, keine Idee halte diese Gruppen mehr zusammen, sondern eine „Strategie, die diesen Namen kaum verdient, denn sie heißt: Raub, Mord und Plünderung.”181 Wie Robert D. Kaplan verleiht auch Enzensberger seiner Prognose einen gewissen Grad an Universalität, indem er diesen Bürgerkrieg bereits ganz real in den Metropolen Deutschlands stattfinden sieht, in Hamburg oder Berlin; geführt werde er dort „nicht nur von Terroristen und Geheimdiensten, Mafiosi und Skinheads, Drogengangs und Todesschwadronen, Neonazis und Schwarzen Sheriffs, sondern auch von unauffälligen Bürgern, sie sich über Nacht in Hooligans, Brandstifter, Amokläufer und Serienkiller verwandeln”182. Beschwörend fügt er hinzu: „Wir machen uns etwas vor, wenn wir glauben, es herrsche Frieden, nur weil wir immer noch unsere Brötchen holen können, ohne von Heckenschützen abgeknallt zu werden.”183 Enzensbergers „Aussichten auf den Bürgerkrieg” ist eine Polemik gegen die multikulturelle Jugend- und Subkultur der Städte. Die Sprache Enzensbergers erinnert hier in ihrem Hass und Zorn und in ihrer Verachtung auf das Heute und die zeitgenössische Kultur stark an Baudrillard. Dabei schwingt sich Enzensbergers Beitrag aber immer mehr zu einem Loblied auf die Vergangenheit auf. Dem Heute sei hingegen die Zukunft abhanden gekommen: „Im kollektiven Amoklauf ist die Kategorie der Zukunft verschwunden. Es gibt nur noch die Gegenwart.”184 Damit reflektiert auch Enzensbergers „Aussichten auf den Bürgerkrieg” das Posthistoire. Doch in der Nachgeschichte sieht Enzensberger, im Gegensatz zu Francis Fukuyama, keine Welt des Friedens, sondern Terror und Gewalt nehmen in ihr unerbittlich zu.


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Gemeinsam ist den drei hier vorgestellten Prognosen eine gewisse pessimistische Grundstimmung. Darüber hinaus sagen sie eine Erosion von Unterscheidungen voraus. So wird die Innen-Außen-Dichotomie dadurch obsolet, dass die Gewalt, welche zuvor an die Grenzen eines homogenen Gebiets „ausgelagert” war, nun durch einen gleichsam endogenen Prozess im Inneren der Gesellschaften entsteht: Sie bricht aus der Peripherie ins Zentrum ein. In zeitlicher Hinsicht lassen sich Kriegs- und Friedenszeiten nicht mehr unterscheiden. Auch die Abgrenzung des Zivilen vom Militärischen wird im Bürgerkrieg unmöglich. Der Zusammenbruch des Konsens — keine Erzählung bindet die verfeindeten Parteien mehr aneinander — bringt eine Abwesenheit von Werten und Zielen mit sich. Beschrieben werden zeitlich und räumlich schwer eingrenzbare Zonen semipermanenter und subrationaler Gewalt. Die Welt erscheint gefährlich und chaotisch und kann mit den herkömmlichen Begrifflichkeiten nur noch unzureichend beschrieben werden.

4.1 Veränderung der Legitimationsgrundlagen

Die Delegitimation des metaphysischen Wahrheitsbegriffs führt Lyotard, wie wir gesehen haben, zu der Überzeugung, dass auch die Form der so genannten Meta-Erzählung, die alles theoretische und praktische Verhalten einer Epoche als Leitidee zu umgreifen und zu dirigieren vermochte, obsolet geworden ist. Entsprechend bringt es diese Delegitimation mit sich, dass auch universalistische Weltentwürfe bzw. Ideologien, etwa die Erzählungen vom Faschismus, Kommunismus oder Sozialismus, zur Begründung eines Konflikts nicht mehr zur Verfügung stehen. Baudrillard und Virilio wiederum gehen davon aus, dass diese Zäsur, von der bereits Lyotard gesprochen hat, besonders seit dem Ende des Kalten Krieges an Deutlichkeit gewonnen habe. Nach postmoderner Vorstellung versuchen die Menschen heute, ihr Leben außerhalb der Reichweite von Ideen zu bringen; in ihrem Zustand der Desillusionierung erscheint es unmöglich, irgend eine Menschenmasse durch eine Aneinanderreihung von Ideen zu mobilisieren.

Virilio hat den Begriff der Meta-Erzählungen, der auf Lyotard zurückgeht, auf den Krieg übertragen. Er meint, dass die Verbindung von Meta-Erzählung, wissenschaftlich-technischem Fortschritt und Kriegspraxis weitreichende Folgen gehabt habe, indem die Regierungen den Eifer für politische, nationalistische, imperialistische oder ideologische Weltentwürfe, etwa in Form von „Leidenschaft” oder „revolutionärer Begeisterung”, für ihre Zwecke zu instrumentalisieren verstanden. Die Identifikation des Einzelnen mit den Interessen einer Regierung, bis hin zur völligen Kongruenz der staatlichen mit den individuellen Zielen, ermöglichte dem Staat, das in jeder Gesellschaft vorhandene emotionale Gewaltpotential zu bündeln und auf ein Ziel (sein Ziel) hin auszurichten. Des Weiteren sieht Virilio in der Indoktrination qua Erzählung ein besonderes Mittel zur Steigerung der „kinetischen”, also Bewegungs-Energie einer Bevölkerung. In diesem Zusammenhang stellt Virilio die Hypothese auf, dass die Moderne als progressives, unaufhaltsames Projekt dazu geführt habe, dass die großen Gruppen der modernen Gesellschaften politisch, ideologisch und unternehmerisch in [Seite 67↓]großem Ausmaß in solche „Mobilmachungstechniken” investierten: Die „revolutionäre Energie” verwandelte sich in „kinetische Energie” der revolutionären Masse, und zwar insofern sich die Erreichung hoher Angriffs- und Invasionsgeschwindigkeiten mit der „Mechanik” einer Revolution verband.185

Virilio bezieht sich dabei inhaltlich auf Carl von Clausewitz, der 1832 notierte, dass der „unglaubliche Einfluss” der „moralischen Größen” — Clausewitz’ Umschreibung für „Enthusiasmus, fanatischen Eifer, Glaube, Meinung des Heeres” — „zu den wichtigsten Gegenständen des Krieges“ gehören.186 Der Nationalismus etwa, dessen zuvor eher harmloser Philosophie sich die Staaten bald bemächtigten und den sie mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln schürten, wurde Seite an Seite mit dem Fortschritt zur vorherrschenden Ideologie des 19. Jahrhunderts. Er entfaltete eine vereinigende Wirkung, verschaffte dem Staat ethische Substanz und ermöglichte ihm, seine Ziele offensiv durchzusetzen, was im Verbund mit dem technisch-wissenschaftlichen Fortschritt zu kollektiven Konflikten von bis dahin unvorstellbarem Ausmaß und Zerstörung führte. Die starke Bindung zwischen Bevölkerung und Staat durch die Genese von Meta-Erzählungen gewährleistete die Re-Integration des Individuums in den politisch-ideologischen Gebrauchszusammenhang. Ohne zu beachten, dass sowohl die Leidenschaft als auch die militärischen Formationen keineswegs erst eine Erscheinung der Neuzeit sind, sondern mindestens schon bei den Römern und Griechen anzutreffen waren, vertritt Virilio die Ansicht, dass nur die nötige ideologische Begeisterung jene gesellschaftliche Totalität erzeugen konnte, die bis vor wenigen Jahren — mancherorts bis heute — eindrucksvoll auf den sozialistischen Militärparaden beobachtet werden konnte, den „großen totalitären Feiern”187 mit ihren riesigen Spartakiaden und gymnastischen Ehrenfeiern, die in östlichen Ländern über lange Zeit immer noch genau so abgehalten wurden wie zur Zeit des Faschismus:

„[...] dieser Gleichtakt, der Tausende von Individuen zu geometrischen Formationen vereint (wie ehemals in militärischen Manövern in ‚Karreés’) oder die Dynamik der Massen zu kaleidoskopischen Dekorationen formt, welche den Inhalt von Slogans oder gigantische Portraits der Parteileader vorführen, erlauben dem revolutionären Militanten für einen Augenblick, ein Teil des Körpers von Lenin oder Mao zu sein.”188

Den Anfang dieser Entwicklung sieht Virilio, ebenso wie Clausewitz, in der französischen Revolution, in deren Verlauf das Konzept des „Bürgersoldaten” entstanden ist: „Zum ersten Mal in der modernen Geschichte werden riesige Massen und Ressourcen in Bewegung gesetzt; die ganze Nation wirft sich in den Krieg, und das über die gesamte Ausdehnung des Alten Kontinents.”189 Zunächst wurde der neu aufgekommene revolutionäre Enthusiasmus in Europa [Seite 68↓]mit Befremden registriert, weil noch in jener Zeit die Beziehung des herkömmlichen Soldaten zu seinem (Feld-) Herrn durch ein wirtschaftliches Arbeitsverhältnis am ehesten charakterisiert werden konnte. Wie paschtunische Söldner liefen sie bald von diesem zu jenem über, Hauptsache, die Bezahlung stimmte. Erst seit 1789, als die politische Idee der „marschierenden Nation” auf die Welt gebracht wurde, bis hin zu den massenhaft auf Mobilmachung geeichten Mentalitäten des modernen Staatenkrieges konnten sich die großen Blöcke sukzessive riesige Wehrpflichtigenarmeen mit der nötigen ideologischen Indoktrination schaffen, die sie für die Durchsetzung ihrer Ziele benötigten.190 Obwohl diese Entwicklung durch das 19. Jahrhundert hindurch nicht konstant war, wurde mit der Einführung der Wehrpflicht ein Prozess in Gang gesetzt, der zu den Massenarmeen des Ersten und Zweiten Weltkrieges führte. Jeder Soldat sollte in einem monadenhaften Verständnis seinen Staat repräsentieren, so wie der Staat vorgab, die Interessen seiner Bürger zu repräsentieren; jeder Soldat sollte zudem ein Bürger und jeder Bürger ein Soldat sein. Die Nation, die dieses Prinzip der Einheit am frühesten verinnerlicht hatte, Frankreich, brauchte unter Napoleon weniger als zehn Jahre, um ganz Europa von den Pyrenäen bis zur Weichsel zu überrennen. Die wirkliche Errungenschaft der Französischen Revolution war insofern, dass sie dem Staat ermöglichte, Krieg mit der ganzen Kraft einer Nation zu führen. Für Virilio zeigt sich hierin eine geheime Verwandtschaft zwischen Totalitarismus und, wie Virilio sagt, „totalitärer Auseinandersetzung”191, wobei für ihn kein Zweifel daran besteht, dass es von hier aus auch zum „totalen Krieg” nur noch ein kleiner Schritt sei — eigentlich überhaupt keiner.

Ideologisches Denken war bis in den Kalten Krieg wirksam und führte zu einer atomaren Vernichtungslogik, die jedoch selber schon Züge der Dekadenz des modernen Krieges trug. Virilio hat die „Erzählung von der Universalität des Atomtods”, die uns alle anging und der damit in der Tat etwas Universelles anhaftete, als die letzte der Meta-Erzählungen bezeichnet. Die Universalität des Atomtods habe es ermöglicht, die Menschheit noch einmal zu vereinen, und zwar unter dem Symbol des „negativen Horizonts”192, der — wie es Horizonten eigen ist — letztlich nicht erreicht wurde.

Seit 1989 — und dies stellt in dieser Hinsicht sowohl für Virilio als auch für Baudrillard die Wasserscheide zwischen moderner und postmoderner Zeit dar — lasse sich keine Meta-Erzählung mehr auf eine allgemein verbindliche Ebene bringen. Es gebe heute keine klare Erzählung mehr über das Funktionieren der Welt, wie es sie noch im Kalten Krieg gegeben hatte. Die letzte große Erzählung der Spätmoderne, die von der Universalität des Atomtods, habe sich 1989 verflüchtigt, und damit auch der Glaube an die Macht der Meta-Erzählungen selbst. Diesen Verfall hat auch Baudrillard am Beispiel des ehemaligen Ostblocks formuliert:

„Die seltsame Leichtigkeit, mit der all diese kommunistischen Mächte zusammengebrochen sind. Sie sind nicht besiegt worden. Es genügte, daß man sie [Seite 69↓]anstieß, damit sie selbst merkten, daß sie nicht mehr existierten. [...] Sie haben gewissermaßen die Gelegenheit genutzt, um zu verschwinden (hatten sie von sich selbst die Nase voll?). Ganze Systeme haben ihre Abwehrkraft verloren und sind von selbst zusammengebrochen . [...] Sie sind in ihre eigene Leere gestürzt. [...] Das Schauspiel dieser Mächte, die so einfach in sich zusammenbrechen, müßte eigentlich auch die westlichen Mächte zum Zittern bringen, beziehungsweise das, was von ihnen übrig geblieben ist, denn in ihnen ist auch kaum noch Leben.”193

Virilio sieht insofern den Zusammenbruch der Roten Armee als Ursache wie als Folge eines metaphysischen Zusammenbruchs: der Dekadenz der Wahrheit, des Verlusts der Meta-Erzählung. Die einst größte und mächtigste Armee der Moderne habe durch den Zusammenbruch des Kommunismus nicht nur ihr logistisches und strategisches Umfeld, sondern auch die geistigen Grundlagen ihrer Existenz verloren. Nicht die Atombombe oder ein äußerer Feind, sondern das während des Kalten Krieges erzwungene „Nichtstun”194 habe diese Armee besiegt und aus ihr jene disziplinlose, desorientierte und drittklassige Armee gemacht, die sie heute sei: „Das russische Volk verlor mit seiner Ideologie diese wahrhafte militärische Kraft, die eine geistige Kraft ist.”195

Gegen das Argument, dass der Zusammenbruch des Ostblocks ein Zeichen für den Siegeszug des Kapitalismus sei, und dass die Form der Meta-Erzählung deshalb noch nicht am Ende sein könne, wendet Baudrillard ein, dass die neue Wirtschaftsordnung, die an die Stelle der Ideologie des Kommunismus getreten sei, keine „moderne” Idee mehr sei. Die Wirtschaftsordnung, die in Osteuropa übernommen wurde, sei nicht mehr die ursprüngliche, moderne Version der Marktwirtschaft, hinter der noch die Idee des gesellschaftlichen Fortschritts, der Produktion, des Marktes, der Ideologie und des Profits stehe. Die heutige neoliberale, bereinigte Fassung des Kapitalismus, der die östlichen Länder verfallen seien (und mit ihnen die meisten Länder des Westens), werde kaum noch von einer gesellschaftlichen Kraft bekämpft; dieser Kapitalismus sei irreal und spekulativ, eine Ökonomie der Spekulation und des jederzeit möglichen Börsenkrachs. Er habe kein erkennbares, kollektives gesellschaftliches Ziel mehr, sondern sei jenseits seiner eigenen ursprünglichen Idee, jenseits der geistigen Kohärenz einer Meta-Erzählung — und damit postmodern:

„Produktion, Markt, Ideologie, Profit, Utopie (der Profit ist selber eine Utopie), all das war modern, die kapitalistische Konkurrenzwirtschaft war modern — die unsere, irreal und spekulativ, die nicht einmal die Idee von Produktion, Profit und Fortschritt hat, ist nicht mehr modern, sondern postmodern. Und wenn nun die östlichen Länder darauf verfallen, dann treten sie in die Ära der Postmoderne ein und keineswegs in die der Moderne.”196


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Wir finden auch bei Lyotard die Ansicht, dass überall dort, wo das „Kapital” als neue Weltordnung die Initiative übernommen habe, die Situation entstanden sei, dass es selbst nicht in der Lage sei, einen „Diskurs” zu formulieren, der seine eigene Wahrheit begründe, denn es verfüge über keine Religion und keine Metaphysik, die seine Existenz erklären und rechtfertigen könnten.197 Der heutige Kapitalismus sei ein ganz und gar pragmatischer Kapitalismus.

Der Tenor der Postmoderne lautet hier, dass sich in einer pluralistischen Welt, in der sich viele Akteure unterschiedlicher Couleur bewegen und vor unterschiedlichen Hintergründen agieren, kaum noch eine der Erzählungen, die das bisherige politische Handeln in erheblichem Maße geprägt haben, auf eine Meta-Ebene bringen lasse. Es sei keine mehr oder minder einheitliche und klare Erzählung über das Funktionieren der Welt zur Hand, wie es sie noch ein letztes Mal im Kalten Krieg gegeben habe. Die letzte große Erzählung der Spätmoderne, die vom Kalten Krieg und von der Universalität des Atomtodes, sei 1989 in ihre eigene Leere gestürzt. Individual- und Partialabsichten ersetzen die großen gesellschaftlichen Einheitsziele, denn mittlerweile sei es für das Denken und Handeln der Menschen offenbar nicht mehr relevant, ob die korrekte Metatheorie des Weltzeitalters der Instrumentalismus, der Neopositivismus, die Systemtheorie, der kritische Rationalismus, die Postmoderne oder Richard Rortys „Pragmatismus” genannter staatsbürgerlicher Toleranzglaube sei, und dementsprechend würde auch niemand mehr auf die Idee kommen, für sie sein Leben zu riskieren.

In dieses Szenario fügen sich Baudrillards menschenrechtskritische Ausfälle, die bereits in Kapitel 3.6. behandelt wurden, lückenlos ein. Oberflächlich scheint sich zu dieser neuen Orientierungslosigkeit die Parallele zu ergeben, dass sich die Durchsetzung der Menschenrechte, als eines der letzten Geschöpfe der Universalität, als Interventionsanlass tatsächlich nicht konsistent und dauerhaft durchsetzen zu können scheint. Es ließe sich aber hinzufügen, dass eine echte Chance auf umfassende Gültigkeit und damit als Interventionsanlass bzw. universeller Legitimationsgrund nach den Anschlägen des 11. September 2001 der Terrorismus bzw. Counterterrorismus haben könnte. Denn von Afghanistan bis nach Tschetschenien, von Israel bis Aserbeidschan kennen viele Fronten plötzlich keine sozialen, keine nationalen, keine ökonomischen Ursachen mehr. Selbst in den abgelegensten Gegenden der Erde bedient man sich seit dem 11. September nur noch rhetorischer Argumente gegen die Wucherungen des „Terrorismus”, die bekämpft werden müssten. Doch die rechtlich wichtige und bis heute ungeklärte Definitionshoheit, was dabei als „Terrorismus”, und was als „Freiheitskampf” bzw. „nationale Unabhängigkeitsbewegung” zu bezeichnen ist, beginnen sich eine Handvoll exklusive Mächte zu teilen. Der Satz Michel Foucaults besitzt ungebrochen Gültigkeit, der besagt, dass im Kriegsfall immer der Überlegene konstituiere, was recht sei, und damit auch, was wahr sei. Eine Position von Wahrheit könne sich nur von ihrer Kampfstellung aus entfalten, von dem angestrebten Sieg aus. Zwischen [Seite 71↓]Kräfteverhältnis und Wahrheitsbeziehung, zwischen Macht und Definitionshoheit bestehe eine grundlegende Verbindung.198

Inwieweit dieser Extrem-Pluralismus die Tatsachen unserer tatsächlichen Lebensumstände widerspiegeln kann, bleibt fraglich, denn er eröffnet einen verengenden Blickwinkel auf die historischen Tatsachen. Wie Benedict Anderson dargestellt hat, sind die Meta-Erzählungen historisch gesehen bei weitem nicht die einzigen Mittel, die eine für den Gruppenzusammenhalt der Gemeinschaft konstitutive Funktion übernommen haben und damit auch für den Krieg instrumentalisiert worden sind.199 Baudrillard und Virilio machen es sich daher zu einfach, davon auszugehen, dass geschichtlich allein im Zusammenhang mit einer (modernen) Meta-Erzählung gekämpft und gestorben worden sei. Anderson stellt uns hingegen weitere Modelle der Gemeinschaftsbildung vor. Eines der Modelle geht von der Vorstellung einer besonderen Schriftsprache aus, die einen privilegierten Zugang zu einer ontologischen Wahrheit eröffnet, weil jene, so Andersons Überlegung, ein untrennbarer Teil dieser Wahrheit sei (z.B. in der christlichen Gemeinschaft, im Umma-Islam und anderen Weltreligionen, wodurch von Anderson auch die religiösen Motive nicht ausgeblendet werden). Ein weiteres Modell, welches Anderson das „dynastische Modell“ nennt, werde hingegen von dem Glauben getragen, dass die Gemeinschaft naturwüchsig um und unter Oberhäupter/Monarchen gruppiert sei, die von den übrigen Menschen abgehoben seien und aufgrund eines – ebenfalls vorgestellten – ­­göttlichen Glaubenssystems herrschten. Drittens kann, so Anderson, auch die vereinigende Zeitvorstellung eine für die Gruppe konstitutive Kraft haben, der zugrunde liegt, dass Kosmologie und Geschichte ununterscheidbar seien und der Ursprung der Welt und des Menschen wesensmäßig identisch scheinen.200 Anderson schließt daraus, dass der Nationalismus, also die Möglichkeit, die „Nation vorzustellen”, die von Baudrillard und Virilio als Beispiel für die kollektive Selbsthypnose qua Erzählung angesehen wird, zeithistorisch überhaupt nur dort entstehen konnte, wo diese drei kulturellen Modelle mit ihrem langen axiomatischen Zugriff auf das Denken des Menschen diesem den Boden bereitet hätten. Auch heute, nach dem vermeintlichen Ende der Meta-Erzählungen (Anderson ist der Ansicht, dass das schon lange verkündete „Ende des Zeitalters des Nationalismus” nicht im entferntesten in Sicht sei) würden Gemeinschaften weiterhin durch Massenmedien, Bildungssysteme, Verwaltungsvorschriften und -abläufe (institutionell geprägte Bindungen) konstituiert. Dieser neue, supranationale Zusammenhalt, der durch die technischen Hilfsmittel erschaffen wird, kann von dem postmodernen Konzept der Zerrüttung und Selbstauflösung und des Endes der Meta-Erzählungen nicht adäquat wiedergegeben werden. Bis heute ist die Gemeinschaftsbildung durch Sprache, Religion und visuelle Ausdrucksformen kein überholtes Konzept. Anderson weist jedoch ebenfalls darauf hin, dass insbesondere die Idee der [Seite 72↓]„Brüderlichkeit” der „vorgestellten” nationalen Gemeinschaft ein Konzept war, das „es in den letzten zwei Jahrhunderten möglich gemacht hat, daß Millionen von Menschen für so begrenzte Vorstellungen weniger getötet haben als vielmehr bereitwillig gestorben sind”201.

Indessen beinhaltet ein postmodernes Konfliktszenario, dass die Abwendung vom Einheitsgedanken und die damit verbundene Dekadenz der Wahrheit Dissens, Paralogie und Abwesenheit eines Konsens über Werte oder Ziele mit sich bringen. An die Stelle der Meta-Erzählungen und der universalistischen Diskurse treten Individual- und Partialinteressen und die unüberschaubaren kleinen Erzählungen unzähliger fragmentierter Kriege.

4.2 Verfall durch Größe

Während sich die Veränderung der Legitimationsgrundlagen aus der Dekadenz der Wahrheit herleitet, die jeden Diskurs relativieren und in einen Partialdiskurs transformieren will, ist der Verfall durch Größe hauptsächlich ein Symptom der Dekadenz der Einheit. Die Dekadenz der Einheit fordert, wie wir gesehen haben, die Idee der politischen Meta-Erzählungen von nationaler Kohärenz und nationaler Einheit heraus. Sie beabsichtigt eine Zersplitterung der einheitlichen gesellschaftlichen Totalität und des mit einem zentralistischen Diskurs ausgestatteten Territoriums. Gleichzeitig meint der Verfall durch Größe, v.a. bei Baudrillard, aber auch einen strukturellen Niedergang, der neben dem Raum auch verschiedene andere Bereiche betrifft. Dieser Vorgang ist aber lediglich die Vorstufe zu einem weiteren Transformationsprozess, welcher Gegenstand des folgenden Kapitels sein wird: der entropischen Verstreuung der Zerfallsprodukte. Dies ist wichtig zu beachten, weil der bloße räumliche Verfall noch nicht die Vorstellung von der Einheit als solcher antastet, sondern sie nur auf niedrigerer Ebene weiterführt. Erst die Verstreuung führt zu einem qualitativ neuen, nicht-homogenen Raumbegriff.

Der Verfall durch Größe bzw. Überkomplexität bezieht sich auf die territoriale sowie auf die strukturelle Ebene. Er wird vor allem bei Baudrillard thematisiert, welcher die (Spät-) Moderne als eine Zeit der unablässigen Optionssteigerung und Ausdifferenzierung betrachtet. Daraus sind Systeme von hoher Komplexität und Größe entstanden, die sich schließlich, so Baudrillard, durch ihre eigene Größe selbst behindern und dysfunktional werden. Als Beispiele führt Baudrillard die politische Topographie an (etwa das Vielvölkerreich der ehemaligen Sowjetunion), aber auch die Datenspeicher, Dokumentationen, Erinnerungssysteme, Archive, Pläne, Programme und Entscheidungsvorgänge der Moderne; damit verbunden auch die „unglaubliche zerstörerische Überpotentialität der strategischen Waffen”202. In Baudrillards Posthistoire-Ausdrucksform hört sich dies so an:

„Mit dieser wunderbaren Nutzlosigkeit geht ein spezifischer Ekel einher. Der Ekel an einer Welt, die wächst und wuchert und die nichts zustande bringt. All die Erinnerungen, all die Archive, all die Dokumentationen, die keine Idee mehr hervorbringen, all die [Seite 73↓]Pläne, Programme und Entscheidungen, die kein Ereignis mehr zu Wege bringen können, all diese hochtechnisierten Waffen, die keinen Krieg mehr entfesseln können!”203

Baudrillard nimmt zur Kennzeichnung der Spätmoderne Metaphern in Anspruch, die in der Posthistoire-Diagnostik z. T. bereits eine gewisse Tradition aufzuweisen haben, etwa die Metaphorik der Leere, des Eises und der Kälte, der Stagnation, der kulturellen Erstarrung, aber auch des Krebses und der wuchernden Metastasen. Diese Terminologie entspricht der Sprache der Dekadenz, wobei hier jedoch abermals nicht nur bestimmte Elemente der Moderne, sondern gleich die Moderne als Ganzes beschrieben wird als etwas, dem die Zukunft abhanden gekommen ist. Baudrillards Prinzip des Posthistorischen beruht auf der Annahme, dass die Moderne von ihrer eigenen Entwicklung abgefallen sei und sich ins Gegenteilige und Dysfunktionale verwandelt habe, in eine Art rigor mortis oder Erstarrung gefallen sei. Demnach sieht Baudrillard den Vorgang der sektoriellen und stratifikatorischen Ausdifferenzierung und Komplexitätssteigerung der Moderne nicht als einen fortschrittlichen Vorgang, sondern als eine barocke „Auswucherungs- und Trägheitslogik”, die zur Ausbildung von „übervollen, hypertrophen und saturierten Systemen” geführt habe.204 Der perennierende Neuerungsmechanismus der Moderne laufe ins Leere; die solcherart „stillgestellten Formen vermehren sich, und das Wachstum erstarrt in der Auswucherung”205.

Baudrillard führt vor allem zwei Beispiele des Verfalls durch Größe an, zum einen die politische Topographie, zum anderen die modernen Waffensysteme. Dass der postmoderne philosophische Diskurs durch seine pluralistische, anti-totalitäre Option von Beginn an gegen ideologische Systeme wie den Kommunismus angearbeitet hat, haben wir bereits gesehen. Schon aus diesem Grunde wurde das Ende der Sowjetunion nur als eine Frage der Zeit gesehen. Baudrillard fügt dem hinzu, dass mit dem Ende des Ostblocks ein „unterkühltes und erstarrtes” saturiertes System, in dem die Freiheit „zwangsverwaltet und stark unter Druck gesetzt” wurde, in kurzer Zeit in „übermäßige Verflüssigung und Zirkulation”206 übergegangen sei:

„Was bedeutet Glasnost? Die retroaktive Transparenz aller Zeichen der Moderne, immer schneller und aus zweiter Hand (fast ein postmodernes Remake unserer Originalversion der Moderne) — aller durcheinander gemischten positiven und negativen Zeichen, das heißt nicht nur der Menschenrechte, sondern auch der Verbrechen, Katastrophen und Unfälle, deren fröhliche Urständ man in der Ex-UdSSR seit der Liberalisierung des Regimes beobachten kann. Sogar die Wiederentdeckung der Pornographie und der Außerirdischen. Alles, was bisher zensiert wurde, wird nun gefeiert wie alles übrige auch. [...] Recycling von überholten Formen, übertriebenes Feiern von Reststücken, Rehabilitation durch Flickschusterei und eklektische Gefühlsduselei. Mit einer Tendenz [Seite 74↓]zu starker Verwässerung und schwachen Intensitäten. In diesem Sinne war der Stalinismus die Moderne, und die jüngsten Ereignisse der ‚Befreiung’ entsprächen eher einem postmodernen Spannungsabfall. Ihre erstaunliche Mühelosigkeit und Schnelligkeit ist übrigens ein sicheres Zeichen dafür, daß wir den Abhang der Geschichte hinunterstürzen.”207

Baudrillards Befreiungsbegriff findet sein Analogon in der „Emanzipation der Minderheiten” von Lyotard. Doch im Gegensatz zu Lyotard ist diese „Befreiung” bei Baudrillard nicht mit einem Fortschritt zum Besseren verbunden. Lyotards Denken wurde noch von der idealistischen Vorstellung geleitet, dass sich aus der Erosion der diskursiven wie der territorialen Totalitäten und der Ausbildung autonomer Sphären — der Befreiung ethnischer, sozialer oder religiöser Gruppen aus dem „zentralistischen Diskurs der Majoritäten” —, ein Zugewinn an Freiheit ergäbe. Doch anders als Lyotards „Emanzipation der Minderheiten” beinhaltet Baudrillards Freiheitsbegriff keine positiven Hoffnungen. Die Befreiung ist für Baudrillard eine potentiell katastrophische Form.

Die vorläufig aus dem Zerfall des geschlossenen Ganzen hervorgehenden Teile bezeichnet Baudrillard als „Fraktale”208, weil Fraktale im Kleinen dieselben Merkmale wie die großen Formen besitzen, aus denen sie hervorgegangen sind. Daher sei auch nichts verschwunden, nur sei alles jetzt zerfallen und finde gerade im Zerfall und der fraktalen Vervielfachung den Weg, um weiter zu bestehen. Die großen Systeme, die großen Imperien, die Meta-Erzählungen haben sich aufgelöst, aber sie haben „eine Möglichkeit für ihre Fortführung in anderer Form gefunden, nicht wie bisher durch eine Art dynastischer Abfolge, sondern durch eine fraktale Zersplitterung, durch eine Einzellern ähnliche Form der Fortsetzung des Gleichen ins Unendliche: im Detail. [...] Mikro-Imperien, Mikro-Diktaturen, Mikro-Autarkien, die in sich alle Merkmale der Makro-Strukturen tragen, alle Übel des Imperiums.”209 Totalität, und damit auch das von der Postmodernetheorie verneinte Totalitäre, wird durch den bloßen Verfall nicht angetastet, sie setzt sich lediglich jenseits der großen Formen fort.

Das zweite Beispiel eines Verfalls durch Größe betrifft die modernen Waffensysteme, deren Zusammenbruch, so Baudrillard, zu Wiederbelebung der Kriegsszene führe. Er stellt diese These vor dem Hintergrund der Blockkonfrontation auf, die einen Krieg durch seine eigene Überpotentialität praktisch unmöglich gemacht hatte. Er war zu einer unmöglichen Form der Konfliktbewältigung zwischen den Supermächten geworden, indem er entweder ein Atomkrieg oder überhaupt keiner war. So wurde die Situation eines „reinen Krieges”210 erzeugt, und zwar [Seite 75↓]in dem Sinne, dass der reine Krieg ein unmöglicher Krieg ist: ein Krieg ohne Zeit und Raum, eine leere und reine Form:

„Der Punkt, an dem die zerstörerischen Kräfte sich gegenseitig überbieten, bedeutet das Ende der Kriegsszene. Zwischen dem Vernichtungspotential und seiner Zweckbestimmung gibt es keinen Zusammenhang mehr, also ist es auch sinnlos, sich seiner zu bedienen. Das System schreckt sich selber ab, und was daraus paradoxerweise folgt, ist der vorteilhafte Aspekt der Abschreckung: der Krieg findet keinen Raum mehr.”211

Ironisch spricht sich Baudrillard, ähnlich wie André Glucksmann212, daher für die Beibehaltung der atomaren Hochrüstung aus:

„Also muß man die Hoffnung gerade auf das Weiterbestehen des nuklearen Wettlaufs und Wettrüstens setzen. Das ist der Preis für den reinen Krieg, das heißt für seine leere und reine Form, für die hyperreale und ewig abschreckende Form des Krieges. Das ist der Punkt, an dem wir uns erstmalig zum Ausbleiben von Ereignissen beglückwünschen können. Ein Krieg wird, wie das Reale, nie wieder stattfinden. [...] In seiner erdumspannenden und ekstatischen Gestalt ist der Krieg zu einer unmöglichen Form des Austausches geworden.”213

Wir finden diese Entwicklung bei Mary Kaldor als „Rüstungsbarock” bezeichnet.214 Wie Baudrillard benutzt Kaldor das Adjektiv „barock”, um einen Niedergang durch übertriebene Ausdifferenzierung und Erstarrung zu bezeichnen. Auch sie legt dar — wissenschaftlich jedoch wesentlich fundierter als Baudrillard —, dass der „Rüstungsbarock” zwar nicht denkbar ohne die Ideologie des Fortschritts sei, jedoch im Laufe seiner Entwicklung so überdimensionale Waffensysteme hervorgebracht habe, dass er damit sogar den Fortschritt selbst behindere, indem er manierierte, sozusagen maßgeschneiderte Produktverbesserungen betone, die typisch für Industrien im Abstieg seien: „Der Rüstungsbarock verlängert künstlich das Leben von Industriezweigen, die andernfalls längst geschrumpft wären. Er bindet Ressourcen, die für Investitionen und Innovationen in Bereichen neuerer, dynamischerer Industrien gebraucht werden. [...] Indem das Waffensystem sich auf den von Herstellern und Abnehmern vorgezeichneten Bahnen immer weiter perfektioniert, hat es sich offenbar schon übernommen. Es ist überdimensional, kostspielig, überzüchtet und immer weniger funktional geworden. Sein gesellschaftlicher Sinn besteht darin, ein immer komplizierteres Netz von Abhängigkeiten zwischen Soldaten, Seeleuten, Offizieren, Managern, Konstrukteuren, Arbeitern und Bürokraten zu knüpfen. Darüber hinaus verbreitet es noch einen gewissen Pomp, eine Art sozialer Ehrfurcht, wie sie barocke Kunst, barocke Architektur und barocke Technologie immer [Seite 76↓]wieder ausgestrahlt haben — einen Pomp allerdings, der wohl schon ein Zeichen des Niedergangs ist.”215

Rückblickend haben die Atomwaffen des Kalten Krieges durch die Möglichkeit des Nuklearkriegs, der konzentriertesten menschengemachten Katastrophe, vorübergehend den Krieg als Mittel der Konfliktbewältigung unmöglich gemacht. Ihre Komplexitätsreduktion setzt einen gegenteiligen Prozess in Gang: er verringert den Aspekt der Abschreckung und gibt der Kriegspraxis wieder Raum. Insofern trägt der Verfall durch Größe dazu bei, den Krieg zu „befreien”: ihn wieder möglich zu machen. Waffenruhe und Bedrohungspotentiale verabschieden sich in eine vielfältige, unüberschaubare und reale Kriegspraxis. Während der Verfall durch Größe auf räumlicher Ebene zu einer Vervielfachung potentieller Akteure führt, bewirkt er auf der Ebene der Waffentechnik eine Wiederbelebung der Kriegspraxis: insgesamt steigt der Krieg von der Stufe maximaler Größe und Vernichtungswirkung herab, um sich auf niedrigerer Ebene, dort aber möglicherweise umso lebhafter, neu zu organisieren.

4.3 Verstreuung der Bedrohung

Das postmoderne Pandämonium ist mit der Beschreibung des räumlichen Verfalls und der Befreiung des Krieges noch nicht komplett. Dieser Prozess läuft anschließend weiter in einer unkontrollierten, gleichsam entropischen „Verstreuung” der Verfallsprodukte, welche nicht einfach die Fraktale der zerstörten Großformen sind, die im Kleinen dieselben Formen wie im Großen aufweisen. Durch die Verstreuung nehmen sie eine neue Gestalt an, die — falls dies kein Widerspruch ist — „gestaltlos” ist. Während Lyotards „Dekadenz der Einheit” bei einer bloßen räumlichen Segmentation im Dienste der solipsistischen „Emanzipation der Minderheiten” stehen bleibt, führt die Vorstellung von der Verstreuung die postmodernen Imperative der Pluralisierung an ihr Ende. Eine Verstreuung der Bedrohung ist es insofern, weil sie in negativen und nicht in positiven Zusammenhängen thematisiert wird. Diese Verstreuung hat v.a. zwei Namen: Migration (Verstreuung von Personen) und Proliferation (Verstreuung von Waffen).

Hier sollte zunächst auf ein Vorurteil gegenüber Postmodernität hingewiesen werden. Es lässt sich beobachten, dass Postmoder­­nität he­ute – in Anbetracht der Globalisierung und des sie begleitenden Mobilitäts­zuwachses – mit der Annahme gleichgesetzt wird, der Einzelne könne sich zwischen den zahlreichen fremdentfalteten „Sprachspielen” frei hin- und herbewegen, weil sie jede Verbindlichkeit verloren hätten und damit auch ihre dauerhafte Homogenität. Doch diese Vorstellung von einer positiven Fluktuation ist in hohem Maße idealistisch: Als Freiheit des Hin- und Herpendelns zwischen den Lebensformen kommt sie, wie etwa Gerhard Hauck angemerkt hat, nur in Betracht für die Oberschichten reicher Metropolen, wo allein ansatzweise die Freiheit der temporären Wahl zwischen einer Vielzahl unterschiedlicher Lebensstile [Seite 77↓]herrscht.216 Für die Einwohner der Dritten Welt oder auch schon der Mittel- bzw. Unterklassen der Ersten Welt besitzt diese Vorstellung keinerlei Realität. Auch bei den hier untersuchten Autoren findet sich die Vorstellung von einer „freien” Fluktuation von Personen zwischen den Lebensformen nur in modifizierter Form und nie in positiven Zusammenhängen. In Lyotards solipsistischer Monadenwelt verhält es sich so, dass die postmoderne Monade überhaupt nicht herausschaut aus ihrer besten aller möglichen Welten, sie verlässt nicht ihr Innen, sie lässt auch kein Außen hinein: sie hat weder Fenster noch Türen. Derselbe Vorbehalt gegen die Internationalisierung klingt an, wenn Virilio sagt, dass es sich bei der gegenwärtigen Globalisierung nicht um eine Globalisierung der „Personen” handle, sondern nur um eine Globalisierung der „Botschaften”217. Bei Baudrillard wiederum findet sich zwar der Vorgang des Hin- und Herbewegens beschrieben, wird aber als erzwungener, negativer Wert aufgefasst, als eine Art soziale Proliferation, eine böswillige Unterwanderung der Gesellschaften durch Elemente der Destabilisierung.

Während der Blockkonfrontation habe sich, so Baudrillard, die Bedrohung hauptsächlich auf zwei Blöcke konzentriert, war damit territorial klar eingegrenzt und gewissermaßen „sichtbar”. Nach dem Ende des Kalten Krieges aber verschwand für den Westen sein antagonistischer Gegenspieler, das so genannte „Reich des Bösen”. Wo es vorher, in Gestalt des Ostblocks, „sichtbar und kompakt”218 gewesen war, habe es sich dann aufgelöst und … damit begonnen, den Westen zu unterwandern:

„[...] das Böse tritt in eine Phase ein, in der es sich endgültig überall hin ausbreitet und in alles eindringt. Der zusammengebrochene und aus dem Tritt gekommene Kommunismus wird in metabolischer und heimtückischer Weise in die Venen des Westens eindringen und ihn seinerseits aus dem Tritt bringen. Dabei handelt es sich nicht mehr um die Gewalt der Idee, sondern um den Virus der Immunschwächung. Ein Kommunismus, der sich auflöst, ist ein Kommunismus, der erfolgreich war.”219

Die „böswillige Unterwanderung” geht, so Baudrillard, daraus hervor, dass nach dem Ende der Meta-Erzählungen und dem Verfall der komplexen politisch-sozialen bzw. territorialen Gebilde der Moderne die Fraktale der zerstörten Groß-Formen durch ihre Zersplitterung „liquide und instabil”220 geworden seien und sich durch ihren deterritorialisierten Charakter, also durch geringere Bodenhaftungen auszeichneten, womit sie räumlich unabhängig würden. Ihr Anteil an der Globalisierung bestehe darin, dass sie nun unsichtbar und unkontrollierbar die Zonen der Stabilität unterwandern und sie mit dem Zerfallsmodell „infizieren” würden. Die Bedrohung, die von den Zerfallsprodukten ausgeht, ist räumlich schwerer zu lokalisieren; sie ist nicht nur verstreut und in der Zahl vervielfacht, sie kann sogar gänzlich außerhalb des räumlichen [Seite 78↓]Kontext geraten, indem sie sich keinem konkreten Territorium mehr zuordnen lässt. Die Verstreuung der Bedrohung, die mit dem Zerfall der Sowjetunion einsetzte, welcher sich wiederum aus der Erosion ihres ideologischen Überbaus herschrieb, impliziert in diesem Zusammenhang nicht ein Schwächerwerden einer Bedrohung, sondern allenfalls ihre räumliche De-Zentrierung.

Hintergrund dieser Vorstellung sind auf jeden Fall das Einheitsdenken und die Zentralisierungsprozesse der Moderne, welche zuvor die Errichtung und Aufrechterhaltung eines homogenen Territoriums ermöglichten, wie es uns zum Beispiel im Staat begegnet. In „Vom Licht des Krieges zur Geburt der Geschichte” hat Michel Foucault den Prozess beschrieben, wie an der Schwelle zur Neuzeit, mit der Ermächtigung der Staaten, auch die Gewalt verstaatlicht wurde.221 Dies begünstigte die Entstehung der Armee als Institution, die sich an die Stelle einer alltäglichen und allgegenwärtigen Kriegspraxis setzte: den Privatkriegen, Alltagskriegen, Bürger- und Religionskriegen in der Zeit vor dem Westfälischen Frieden. Auf politischer Ebene wurde damit ein homogener Raum mit zentralistischem Diskurs geschaffen, der die Gewalt zentralisierte und an seine Grenzen verlegte: nach außen richtete.

Auch bei Anthony Giddens, der die Staaten, insbesondere in ihrer Ausprägung als Nationalstaaten, die „Power Containers” der Neuzeit genannt hat, finden wir die These, dass die Stärke des modernen Staates von seiner Fähigkeit komme, die Zwangsmittel zu monopolisieren und zu kontrollieren, und seine administrativen Kapazitäten in Beziehung auf die Erfordernisse des Krieges zu entwickeln, was eine Zentralisierung der Gewalt bedeutete.222 Die Politik, die einen solchen Staat lenkt, wird von Kurt Röttgers als „Surrogatform der Gewalt” bezeichnet, denn das Politische „ist die Sphäre, in der gilt, daß der Staat das Monopol auf für legitim angesehene Gewaltanwendung hat. Die [...] klassischen Theorien der Gewalt eint, daß in ihnen Gewalt als das Amorphe, Chaotische, Unbegreifliche und Gefährliche erscheint, das sich unkontrollierbar und undurchschaubar bewegt, während ihm gegenübersteht die Ordnung, Vernunft, das Stabile und zugleich zeitlich unveränderlich mit sich identische.”223 Auch wenn dieser Prozess mit zahlreichen Rückschlägen verbunden war, konnte auf dieser Grundlage die Gewalt nach und nach „geordnet” und einer einzigen Autorität zugeordnet werden, nämlich der Armee, die ihrerseits wieder der Regierung (und damit der Politik) eines Staates untergeordnet war.

Mit der Verstreuung der Bedrohung kommt dieses „Gefährliche, das sich unkontrollierbar und undurchschaubar bewegt” (Röttgers) wieder zum Vorschein. Indem das Gewaltmonopol des Staats zerfällt, das Territorium sich auflöst und die Grenzen an Bedeutung verlieren, wird die „Bedrohung” wieder beweglich. Sie ist, wie die postmoderne Vorstellung von einer Verstreuung der Bedrohung impliziert, nicht mehr an ein Territorium gebunden und damit [Seite 79↓]unberechenbar geworden. So kann sie sich ungehindert ausbreiten und andere, noch stabile Gesellschaften unterwandern.

Baudrillards Theorie passt insofern nicht zu unserer Welt, weil sich die Bedrohung durch einen wie auch immer „liquide gewordenen” Kommunismus nicht bewahrheitet hat, abgesehen vielleicht von einem gewissen Ausmaß an „gewöhnlicher Kriminalität”, die über die Ost-Grenzen nach Westeuropa dringt. Interessant ist der Gedanke von der Verstreuung der Bedrohung trotzdem, weil sich die Bedrohungen unserer Zeit, etwa durch den „Terrorismus”, nicht mehr auf ein bestimmtes Territorium beschränken, Grenzen besitzen für sie keine Bedeutung. Lockere und schattenhafte Organismen wie islamistische Terrororganisationen oder sedimentäre Schichten tribalistischer Identität und Kontrolle entziehen sich fortwährend der Formvorstellung: das Amorphe wird zur Waffe und zur Strategie. Die Bedeutung der vielbeschworenen terroristischen Internationale etwa erwächst daraus, dass sie durch die transnationale Migration mit den Strukturen unserer Gesellschaft eng verflochten ist. In diesem Fall wird eine Bedrohung thematisiert, die zwar ursprünglich von Außen kommt, jedoch dezentralisiert und territorial nicht festzulegen ist: das Fremde und das Andere, das unerkannt in und aus unserer Gesellschaft heraus wirken kann. Die Bedrohung, die von ihnen ausgeht, ist überall und nirgends: Wenn Mao zufolge der Terrorist ein Fisch ist, so ist die Freizügigkeit der multikulturellen Gesellschaften und die Ineffektivität der Regierungen das Wasser, das der Terrorist zum Überleben braucht.

Der Extrempluralismus des postmodernen philosophischen Diskurses führt hier bei Baudrillard zu einem Denkmuster, das eine Verwandtschaft mit den Argumentationsfiguren des Rassismus aufweist, der ebenfalls von „immerwährenden Verunreinigungen” spricht. Baudrillard spricht von Migration als einer „böswilligen Unterwanderung” der westlichen Gesellschaften. Er sieht sie nicht als einen beklagenswerten Zustand, geboren aus der sozialen oder politischen Not, sondern sowohl als schlechten Willen als auch böse Strategie. Es gehört zu den Antinomien von Baudrillards Denken, dass er diesen Modus der Kritik zuvor noch scharf kritisiert hatte, indem er die Menschenrechte als Mittel zur Kriminalisierung des Fremden und des Anderen verurteilte.224 Dass Baudrillard selbst nie wirklich aus diesem Denkmuster hinauskommt, es abwechselnd kritisiert und instrumentalisiert, zeigt sich darin, dass er selbst bei der Betrachtung von Migrationsbewegungen nie vom Unglück ausgeht, sondern immer vom Bösen: Nicht Armut oder Unterdrückung würden die Menschen zu Migranten machen, sondern ihre „feindlichen Absichten” zur Zerstörung und zur kriminellen Unterwanderung der verbliebenen stabilen Gesellschaften. In dieser Interpretation verlassen Menschen ihr Zuhause, um in der Fremde Unheil anzurichten: ein Gedankengang, der diffuse Ängste vor der Überfremdung aufgreift und thematisiert.

Darüber finden sich in dieser Argumentation nicht nur Vorstellungen, die dem Rassismus zugeordnet werden können, sondern auch solche, die auch der Antisemitismus benutzt. [Seite 80↓]Zugrunde liegt ihm die vage Vorstellung, dass „die Fremden” (wie ehemals „die Juden”) alle zusammenhalten, zu reich oder zu mächtig oder Schmarotzer in der Gesellschaft seien, sich tückischerweise assimilieren, aber trotzdem Fremde bleiben. Vergleichen wir das hier vorliegende Reinheits- und Ausschlussdenken und die Angst vor der unsichtbaren Unterwanderung mit Äußerungen von Alfred Rosenberg, einem der Vordenker des Dritten Reiches, so wird die innere Verwandtschaft der beiden Ansätze sogleich deutlich: „Rund um den ringenden Menschen aber lauert das Böse und die Versuchung”225, schreibt Rosenberg — eine „Versuchung”, die sich bei Rosenberg auf den „rasselosen Universalismus” des Juden bezieht, der aus dem „syrischen Morgenlande” komme und sich in Europa „eingenistet” habe.226 So komme es zu einem „vergifteten Volkskörper”227. Der Mechanismus des Antisemitismus erklärt die eigene Identität zu einer „bedrohten”, die daher, wie Philippe Lacoue-Labarthe und Jean-Luc Nancy kritisch untersucht haben, gegen die „degenerierten Bastarde” geschützt werden müsse, die „keine eigene Kultur”228 hätten, sondern „parasitisch” seien, und „deren Gestalt gestaltlos” sei, weil sie keine „Identität”, keine „Seelengestalt” und keine „Rassegestalt”229 hätten.

Indem Baudrillard dem Westen Attribute wie „fest” und „statisch” zuweist, das Fremde aber als parasitär bezeichnet, als dunkel-dämonisch und sich überallhin hin ausbreitend — geradezu mit einem „ahasverischen Fluch” beladen —, wird an die Furcht vor einer „Vermischung” und „Unterwanderung” appelliert. Baudrillard arbeitet hier, ebenso wie der Antisemitismus, mit Bildern von der Reinheit des Blutes, der Reinheit der Rasse und der Stärke der Nation. Christina von Braun hat die Argumentationsstruktur des Ausschluss- und Reinheitsdenkens folgendermaßen beschrieben: „Das Blut, die Rasse sollen befreit werden von allen fremden ‚Elementen’, die sie ‚beschmutzen’ oder ‚vergiften’. Eine ‚moderne’, ‚aufgeklärte’ Form der Reinigung also, die sich, je nachdem, auf die germanische Rasse oder die deutsche Nation — in jedem Fall aber auf konkrete (wenn auch wie die ‚Rasse’: fiktive) Realitäten — bezieht.”230 Zudem nahm die Angst vor „dem Juden“ historisch in dem Maße zu, in dem seine „Assimilation” fortschritt231 — so wie auch heute, mit der zunehmenden Assimilation durch eine neue Welt-Kultur, offensichtlich wieder das Bedürfnis nach Unterscheidung und nach Ausschluss wächst.


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Der zweite Aspekt der „Verstreuung der Bedrohung” ist die Proliferation, also nicht nur die unkontrollierte Verbreitung von Personen, sondern auch die der Waffen. Diesen Vorgang diagnostizieren sowohl Baudrillard als auch Virilio. Einer der sichtbarsten Folgeprozesse, der vom Zusammenbruch des Kommunismus ausgelöst wurde, sei der Zerfall der Roten Armee gewesen, deren Waffen und Technologien aus ihrem Gebrauchszusammenhang gerissen und in alle Ecken der Welt verscherbelt worden seien. Dies beinhalte die Gefahr der Ausbreitung der Atomwaffen und der Zerstreuung der Abschreckung:

„Man muß begreifen, was dieser Zerfall der Roten Armee und dieser Ausverkauf der atomaren Macht bedeutet. Er bedeutet ihre Verstreuung über den ganzen Erdball. Die Waffen werden wie das Atom zu einem Virus und dringen in alle Zwischenräume ein, wenn sie ihren Gebrauchszusammenhang verloren haben.”232

Indem die Waffen, die Rohstoffe und die Intelligenzija (in Form unterbezahlter Wissenschaftler) des Krieges über die ganze Welt verteilt werden, können ganz im Sinne des Posthistoire die Phantome alter Konflikte und alter Nationalismen mit den frei flottierenden Waffen zusammenkommen. Das traditionell vom Staat beanspruchte Gewaltmonopol wird untergraben, seine Waffen und Technologien in Gegenden verschoben, denen die Idee staatlicher Allmacht fremd ist; sie werden an halbstaatliche oder nichtstaatliche Gruppierungen weitergegeben — an Terroristen, Paramilitärs, Guerillas, Milizen und Warlords, die von Minderheitenethiken ausgehen und nicht von Staatsverträgen, die den Stamm, die religiöse oder ethnische Zugehörigkeit als Grenze des moralischen Überlegens ansehen. Diese aufgerüstete Gewalt-Oligopolie veranlasst Virilio zu einer pessimistischen Prognose:

„Die von der heutigen Veränderung der Ordnung ausgehende Bedrohung richtet sich nicht nur gegen das internationale Recht, die territoriale Integrität oder die Demokratie in genau dem Moment, in dem sie fast überall an Anziehungskraft hinzugewonnen hat, sondern auch gegen die Ökonomie des geopolitischen und strategischen Denkens. Dies impliziert die ungeheure Gefahr einer Ausbreitung der militärischen Anarchie, deren Vorzeichen gerade die Verbreitung der chemischen und atomaren Waffen wäre.”233

In der Proliferation spiegelt sich abermals die „Strategie des Verschwindens, der Verstreuung, der Auflösung, der Ansteckung und der Virulenz durch Fragmentierung”234, nur eben auf Sach-Ebene; die Brisanz liegt diesmal darin, dass die Proliferation von Massenvernichtungswaffen aus jedem lokal begrenzten Konflikt ein Armageddon machen kann. Gleichgültig wie unbedeutend, wie unterentwickelt und arm eine Region auch sein mag: in Besitz dieser Waffen bekommt sie eine globale Dimension.

Baudrillards Klagen über das Böse, das uns in Gestalt der Fragmente einer sich auflösenden Welt heimsucht, sind ebenso verzerrend wie seine Klagen über die weltweite Proliferation der [Seite 82↓]modernen Waffen, die gemeinhin in der Hand einer Supermacht als „stabilisierend” angesehen werden, in Besitz aller anderen Länder jedoch als „destabilisierend”.235 Logische Folge des postmodernen Extrempluralismus ist abermals eine für den postmodernen philosophischen Diskurs im Grunde inakzeptable Option: Wer über die immerwährenden Verunreinigungen einer neuen „Welt-Unordnung” klagt, wird letztlich versuchen, sich selbst in einer Insel der Stabilität zu isolieren; ein atavistisches Unternehmen, das — im gleichen Atemzug mit den gegenwärtigen Globalisierungsbemühungen — abermals Festungen, Grenzen und Hindernissysteme aufbaut, etwa in Gestalt einer „Festung Europa” oder „Festung Nordamerika”. Diese Versuche, territoriale Abgeschlossenheit zu schaffen oder aufrechtzuerhalten, stehen vor dem Hintergrund des globalen Informationslebens und hinterlassen einen Eindruck, der seltsam anachronistisch wirkt. Virilio hat ihn beschrieben:

„Bis zum heutigen Tag identifizieren wir die Auflösung von Enklaven mit dem Fortschritt, bekämpfen wir heftig alle Isolationismen als unerträgliche Repressionen, als ungesunde Einschließungen, aber wir haben nicht die leiseste Ahnung von Sinn und Bedeutung des alten Mythos von Durchsicht-Durchdringung. Diese allgemeine Nähe, dieser Globus, auf dem alles ‘in Reichweite’ ist, dieses Kontinuum, in dem alles brutal zusammengeschoben ist [...] — all das ist uns vollkommen fremd ..., ja, fremd.”236

Der postmoderne Imperativ der Pluralisierung erzeugt ein Denken von der Verstreuung der Bedrohung und der Unterwanderung der Gesellschaften durch Elemente der Destabilisierung. Dies wird als verunsichernd erlebt; es führt zu einer Rückkehr zu den alten Ausgrenzungsmechanismen, nämlich zu der Vorstellung, dass man sich zu schützen habe vor den Folgen der Auflösung territorialer Strukturen, den Migranten, der zunehmenden Armut etc. ... Baudrillard thematisiert den gleichen Ausgrenzungsreflex, den auch Eco, Kaplan und Enzensberger beschrieben haben: die „Vierte Welt” auszusperren, welche die Metropolen unterwandert und im Gegensatz zur Dritten Welt kein anderes Territorium außer dem mehr hat, welches sie von Innen aus dem Gleichgewicht bringt. Die Moderne suchte fortwährend nach Ähnlichkeiten zwischen den Kulturen und neigte zur Expansion; die Postmoderne hingegen versucht erst gar nicht, nach Gemeinsamkeit zu suchen, wie es die Moderne tat.

Auch Virilio befürchtet diese von „Migranten” ausgehende Destabilisierung, die aus den zerrütteten Gegenden des Bürgerkriegs in die vergleichsweise sicheren, stabilen Zonen der Ersten Welt kommen: „Es besteht also die Gefahr, daß wir in der Zeit nach Beendigung des kalten Krieges in einen weltweiten und totalen Bürgerkrieg hineingezogen werden.”237 Bei Virilio handelt es sich ebenfalls nicht um politische Flüchtlinge, deren Leben bedroht ist, sondern um ein „allgemeines Überlaufen eines unorganisierten Proletarierheeres”238. Ähnlich [Seite 83↓]wie Hans Magnus Enzensberger spricht er von „Horden”, die in den Grenzgebieten und an den Rändern der in Sicherheit lebenden, wohlhabenden Städte auftauchen.239

Wie der postmoderne philosophische Diskurs als solcher intendieren auch Baudrillard und Virilio mit der gleichsam entropischen Vermischung keinerlei Integrationschance. Dass De-Segregation aber immer auch Re-Segregation bedeutet und die Vorstellung von einer bloßen entropischen Vermischung daher zu kurz greift, wurde von Edward D. Soja dargestellt.240 Soja beschreibt am Beispiel von Los Angeles, wie es, infolge der soziokulturellen Durchmischungen der amerikanischen Bevölkerung, vor allem in den reicheren Städten zu neuen Gruppenbildungen gekommen sei, die aber untereinander ein hohes soziales und finanzielles Gefälle aufweisen würden. Beispielsweise sehe die Geographie von Los Angeles so aus, dass global agierende ökonomische Steuerungszentren, die — ob in Los Angeles, New York, Tokio oder London gelegen — untereinander nahezu austauschbar seien, sich an bestimmten Stellen des Raums re-materialisierten. Sie seien umgeben von einem wirtschaftlich unterlegenen Hinterland bzw. einer Peripherie strukturschwacher Regionen, die zumeist von gesellschaftlich benachteiligten Gruppen bewohnt werden, denen die Zuarbeiterdienste für die Finanzzentren oblägen, ohne dass sie an deren Reichtum partizipieren würden. Zwischen beiden bestehe eine scharfe Trennung. Damit diagnostiziert Soja nicht, wie Baudrillard und Virilio, eine weltweite Vermischung, sondern eine neue Segregationsdynamik, eine immer weiter gehende Ausgrenzung und Fragmentierung, welche aber nicht mehr der traditionellen gesellschaftlichen Segregation entspricht, sondern der Globalisierung und transnationalen Migration Rechnung trägt. So bilden sich abermals Streuungen und Verdichtungen, neue Innen-Außen-Dichotomien. Urbanistische bzw. globalpolitische Konfigurationen wie jene von Soja sind realistischere Szenarien als jene der bloßen entropischen Durchdringung und Verstreuung von Baudrillard und Virilio.

Die Moderne mit ihrem Doppelengagement für Hegemonie und Großtechnologie könnte von der Postmoderne nur im Sinne einer weit reichenden Verwahrlosung weitergeführt werden. In diesem Szenario fehlt der definierbare Gegner, weil die Dialektik von Innen und Außen auf den Kopf gestellt ist. Der „Feind” wird überall vermutet, die Front hingegen hat sich aufgelöst. Die Schwäche, die Heimatlosigkeit und die Unsichtbarkeit des Gegners werden zu seiner Stärke.

4.4 Deterritorialisierung

Das Wort „Deterritorialisierung” ist insbesondere in Zusammenhang mit den Neuen Medien zu einem Modewort geworden. Dahinter verbirgt sich ein vielschichtiges Phänomen, das die weitreichenden Folgen der Technik auf die Raumvorstellung zum Thema hat. In der [Seite 84↓]Interpretation von Virilio bewirkt die Deterritorialisierung, dass die territorialen Ausdehnungen durch die Geschwindigkeit an Bedeutung verlieren. Die Geschwindigkeit — der Kommunikationstechnologien, aber auch der militärischen und zivilen Transportvektoren — reduziert den Raum auf ein Nichts. Technik bedeute Deterritorialisierung. „Die Deterritorialisierung ist die Frage am Ende des Jahrhunderts.”241

Diese Veränderung der Zeit-Raum-Konzeption, die Virilio mit der Gegenüberstellung von „Geopolitik” und „Chronopolitik” zu veranschaulichen sucht, hat vielfältige Folgen, die auch die Morphologie eines postmodernen Konfliktszenarios betreffen. Wie bereits im Rahmen der „Verstreuung der Bedrohung”, die aber noch weitgehend territorial, nämlich „auf der Erde” stattfand, kommt es auch in der Deterritorialisierung zu einer Auflösung des Gegensatzpaares des Innen und des Außen. Die Betrachtung der Auswirkungen der Geschwindigkeit auf das Raumgefühl veranlasst Virilio zur der Prognose, dass sich auch der Krieg in seiner technologisch höchstentwickelten Form vom Territorialitätsprinzip befreien und gleichsam deterritorialisieren werde; hier vermischt sich nicht nur das Lokale mit dem Globalen, sondern, in Folge, auch das Militärische mit dem Zivilen.

Daniel Bell war einer der ersten, die in den frühen achtziger Jahren die nihilistischen Auswirkungen der Technik auf den Raum erkannt haben, und zwar in seinem Fall für Märkte und Machtverhältnisse.242 Bell machte die Beobachtung, dass es schon seit längerem Märkte für Edelmetalle gäbe, die keinen bestimmten Platz in der Geographie hätten. Wo wurden die Preise für Molybdän oder Platin entschieden? Nirgends — der Marktplatz schien wie eine Welle um die Welt herumzugleiten, er war überall und gleichzeitig nirgends. In dieser Nicht-Lokalisierbarkeit des Marktes bzw. der Entscheidungen erblickte Bell den Vorboten eines neuen Herrschaftstyps, der daraus entstünde, dass die grundlegende Verbindung von Macht und Territorium in Bewegung geraten sei.

Um die Veränderungen im raum-zeitlichen Kontext darzustellen, hat Virilio zwei besondere Begriffe entwickelt, nämlich die Konzeption des „geopolitischen” und des „chronopolitischen” Raums. Diese Raumvorstellungen stehen in symbiotischem Zusammenhang mit den Begriffen des „glatten” und des „gekerbten” Raums von Gilles Deleuze und Félix Guattari, die hier kurz betrachtet werden sollen.243 Deleuze und Guattari gehen davon aus, dass die technischen Entwicklungen zu einem Bedeutungsverlust des tragenden Bodens und zu einer neuen Gegenrevolution der Mobilität führen würden, die sie als eine „Nomadologie” bezeichnen. Der Begriff des Nomadischen wird von Deleuze und Guattari als metaphorisch bzw. „psychisch” verstanden; metaphorisch deshalb, weil es sich selbstverständlich nicht um eine Renaissance des traditionellen Nomadentums der Bewohner der Sahara oder des Altai handelt. Die Wiederkehr des Nomadischen liege darin begründet, dass Begriffe wie Raum, Entfernung, Herrschaftsgebiet oder Kontrolle über ein Herrschaftsgebiet ihre Bedeutung verändern — man [Seite 85↓]könnte sagen, sie lösen sich von innen auf. Die antiken Nomadenvölker zogen durch die verschiedenen Herrschaftsgebiete. Im Gegensatz dazu begännen diese Herrschaftsgebiete heute, sich unter unseren Füßen zu bewegen.

Um dieses zu veranschaulichen, stellen Deleuze und Guattari dem „gekerbten” Raum, dem Raum des Sesshaften, den „glatten” Raum des Nomaden gegenüber. Der gekerbte Raum wird bei Deleuze und Guattari vorgestellt als ein „geschlossener, definierter Raum”, der aufgeteilt, begrenzt und eingefriedet ist: „Der Raum der Seßhaftigkeit wird durch Mauern, Einfriedungen und Wege zwischen den Einfriedungen eingekerbt.”244 Er sei damit sowohl begrenzt wie in seiner Funktion begrenzend. Deleuze und Guattari beziehen sich ausdrücklich auf Virilio, insbesondere auf seine Veröffentlichung „Geschwindigkeit und Politik”245, wenn sie sagen, dass eine der „Hauptaufgaben des Staates” sei, „den Raum, über den er herrscht, einzukerben oder die glatten Räume als Kommunikationsmittel in den Dienst des eingekerbten Raums zu stellen. Es ist das vitale Interesse jedes Staates, nicht nur das Nomadentum zu besiegen, sondern auch die Migration zu kontrollieren und ganz allgemein einen Rechtsbereich gegenüber dem ‚Außen’ geltend zu machen, gegenüber der Gesamtheit von Strömen, die die Ökumene durchziehen.”246 Daher sei, so Deleuze und Guattari, die These von Virilio so wichtig, wenn er zeige, dass die politische Staatsgewalt polis, Polizei, das heißt Verwaltung der Verkehrswege sei und dass die Tore der alten Stadt, ihre Zollämter und Grenzen, Staudämme und Filter gegen die Fluidität der Massen und das Eindringen der wandernden Meuten, Personen, Tiere und Güter seien.247 Das Gesetz des Staates sei das Gesetz von Innen und Außen; der Staat habe immer in Beziehung zu einem Außen gestanden, er sei ohne diese Beziehung nicht denkbar.248 Dem territorialen Denken liegt demnach eine grundlegende, identitätsbildende Gegenüberstellung des Innen zum Außen zugrunde: „Staat bedeutet Souveränität. Aber die Souveränität herrscht nur über das, was sie verinnerlichen, sich räumlich aneignen kann.”249

Seine Entsprechung findet der „gekerbte” Raum von Deleuze und Guattari in Virilios „geopolitischem” Raummodell. Bei Virilio steht das Prinzip der Territorialität unter dem Zeichen der „Geopolitik”, der Besiedelung und Organisation von Raum. Städte, Stadtstaaten und später Staaten seien entstanden, um den geographischen Raum aufzuteilen, zu verwalten und die Besiedelung eines Territoriums zu organisieren. Auch die Verkehrswege seien eine Form dieser Territorialität, und bei der Verwaltung des Raumes seien sie von besonderer Bedeutung, weil sie die „gesellschaftliche Kontrolle der Zirkulation (von Personen und Waren)”250 gewährleisteten. Straßen und Autobahnen, aber auch Straßensperren, Stadtmauern, [Seite 86↓]Grenzen und Befestigungswälle usw. seien Organisationstechniken, um das Territorium zu definieren und seine bloße Existenz, Expansion oder Abschottung zu kontrollieren.251 So spielten die Straßen eine wichtige Rolle beim Prozess der Durchdringung und Definition von territorialen Herrschaftsbereichen; der Asphalt sei ein „politisches Territorium”, weil die „virtuelle Kraft und seine Gewichtigkeit” des Staates an den Orten intensiven Verkehrs und auf den Wegen schnellen Transportes liege.252 Die Straße diene nicht nur der Durchdringung des Territoriums und der territorialen Einschreibung, sondern sei auch ein Symbol für die lineare Bewegung von Progression und Prozession der Moderne selbst, „zugleich Reise und Vervollkommnung, ein Marsch, der mit dem Fortschritt zum Besseren verbunden ist.”253 Für Virilio ist die „Interiorität” der Staaten der Ausdruck eines sehr grundlegenden Organisationsprinzips, das eine grundsätzliche Verbindung zwischen physischem Raum und Macht herstellt.

Die Fusion von Territorium und Macht werde nun, so Virilio, von der Informationstechnologie auf dezisive Weise angetastet. Parallel zum geopolitischen Raum komme es zur Ausbildung eines neuen Raumtyps: des „chronopolitischen” Raums. Deleuze und Guattari bezeichnen diesen neuen Raumtyp als „glatten” Raum: Im Gegensatz zum „gekerbten” Raum sei der „glatte” oder „nomadische” Raum offen und unbegrenzt, territorial nicht unterteilt, denn er werde, so Deleuze und Guattari, „nur mit Merkmalen markiert, die sich mit dem Weg verwischen und verschieben”254.

Der Übergang vom geopolitischen in den chronopolitischen Raum ist für Virilio vor allem eine Folge einer gesteigerten „Geschwindigkeits-Produktion”. Den Anfang dieser Entwicklung sieht Virilio in der Industriellen Revolution, die er die „dromokratische” Revolution nennt, weil sie im Wesentlichen einen Zuwachs von „Geschwindigkeit” mit sich gebracht habe, eine Revolutionierung der Geschwindigkeitsproduktion. Zwar weist Virilio darauf hin, dass die daraus resultierende „Dromokratie”, womit er die Fusion von Geschwindigkeit und Macht bezeichnet, kein spezifisch modernes Phänomen sei, sondern zu allen Zeiten und an allen Orten anzutreffen sei, wo immer die Anwendung von Geschwindigkeit einen strategischen Vorteil mit sich gebracht habe. Doch bis zum 19. Jahrhundert sei Geschwindigkeit nicht eigens hergestellt worden, die Mittel zur Steigerung der Geschwindigkeit waren sehr schwach. Die Gesellschaften — die geopolitischen Gesellschaften — setzten eher auf Bremswirkungen als auf Geschwindigkeit; und diese Bremswirkungen erzeugten neben den Mauern, Gräben, Festungswällen und Bunkern auch „Hindernis-Systeme” wie Gesetze, Reglementierungen, Grenzen, Zollstationen, Verbote usw., von denen eine Bremswirkung ausginge, bis hin zum Festungssystem der Staaten. Mit der Dampfmaschine und dem Verbrennungsmotor wurde der Übergang vom Zeitalter der Bremswirkung zum Zeitalter der Beschleunigung eingeleitet, der [Seite 87↓]industriellen Produktion von Geschwindigkeit. Die lichtschnellen Informationstechnologien und die Transporttechnik hätten die Geographie als Maß des Raumes verändert, was letztlich zur Ausbildung eines „chronopolitischen” Raumtyps geführt habe. Dort befänden sich alle Orte in der gleichen Entfernung, denn die Geschwindigkeit mache physische Entfernung nebensächlich. Die Bedeutung der geographischen Stadt und des geographischen Staates seien durch die Mobilität und Geschwindigkeit geringer geworden:

„Die Einheit der Welt ist nicht mehr räumlich. Die Maßeinheit für das Territorium ist die zeitliche Entfernung. Jeden Tag werden neue Zeitmaße erfunden, kognitive Masse: Millisekunden, Nanosekunden. Darum dreht sich jetzt alles, das ist für die Politik maß-gebend. Landvermessung — das gehört zu den Pharaonen, Römern und Griechen. Das war Geopolitik. Dort sind wir nicht mehr; wir sind in der Chronopolitik. Organisation, Macht, Strukturierung und Unterwerfung, Verbote, Unterbrechungen und Befehle arbeiten nunmehr mit der Zeit.”255

Schnelles Reisen, beschleunigter Transport von Personen, Zeichen und Dingen entreißen das Subjekt immer wieder seinem raum-zeitlichen Kontext. Lichtschnelle Kommunikation und Informationsübertragung haben geradezu nihilistische Auswirkungen auf das raum-zeitliche Dispositiv, weswegen Virilio die Geschwindigkeit als einen „praktizierten Nihilismus” bezeichnet, als „Niederlage der Welt als Boden, Entfernung und Materie”256.

Unter Bedingungen der Chronopolitik wird der Staat mit seinen Festungs- und Hindernissystemen zu einen Faktor des „Rauschens”; er, der Hindernissysteme aufbaute, um seine Existenz zu definieren und zu festigen, wird selber zu einem Hindernis. Die neuen Medien führen zu einer De-Urbanisierung und De-Nationalisierung, denn mit der Zerstörung des geographischen Raumes verlieren Nationen und Staaten ihre Identität bzw. territoriale Integrität. Gérard Raulet hat dies so ausgedrückt: „Die technische Utopie einer durch Telekommunikation dezentralisierten Gesellschaft bedeutet dabei vor allem eine Verräumlichung der Kommunikation, dergestalt daß sie jede Lokalisierung unmöglich werden läßt und dadurch die Auflösung der Bindungen und der Orte, die die traditionelle Gemeinschaft über Symbole strukturierten, zum Ende bringt.”257 Dazu Baudrillard: „Das Land, die riesige geographische Landschaft, ähnelt einem verlassenen Körper, dessen Ausdehnung nutzlos geworden ist (und dessen Durchwanderung einen langweilt).”258 Auch hier fällt die Innen-Außen-Dichotomie in sich zusammen:

„Das Ende der Außenwelt ist gekommen, und die ganze Welt wird mit einem Mal ‚endotisch’. Dieses Ende beinhaltet sowohl das Vergessen des räumlichen als auch des [Seite 88↓]zeitlichen Äußeren zugunsten des ‚gegenwärtigen’ Augenblicks, d.h. des echtzeitlichen Augenblicks der unmittelbaren Telekommunikationstechniken.”259

Macht man sich die politischen Konsequenzen einer solchen Zeit-Raum-Verwaltung klar, so wird deutlich, dass das Zeitalter der territorialen Kolonisierung der Vergangenheit angehören könnte. Wo früher, wie es Carl Schmitt ausgedrückt hat, die Raumdurchmessung zur Raumerfassung und diese schließlich zur Inbesitznahme des Territoriums führte, also der Erkennung der „Name” und die „Nahme” folgten260, trete heute an die Stelle des kolonialen Einflusses, der territorialen Eroberung und Einschreibung eine technologische Kolonisierung, eine Eroberung durch Transport- und Übertragungsmittel, insbesondere durch Flugzeuge, Fernsehen etc.261 Diese Durchdringung des Raums stütze sich mehr auf die Medien als auf die Straßen. Und diese Durchdringung sei, so Virilio, bisher weder politisch kontrolliert noch durchdacht, sondern entspringe allein der Technologie.

Virilio, der sein Augenmerk immer stark auf militärisches Geschehen richtet, vertritt die Ansicht, dass sich die Geographie als Maß des Raums nicht nur durch die Kommunikationstechniken verändert habe, sondern auch durch die militärische Nutzung der Geschwindigkeit, was ihn zu der Prognose veranlasst, dass sich auch der Krieg in seiner technologisch höchstentwickelten Form vom Territorialitätsprinzip befreien und gleichsam deterritorialisieren werde. Virilio sieht die militärische Bedeutung des Chronopolitischen darin, dass es mit dem Wechsel vom Geopolitischen zur Chronopolitischen auch zu einem Wechsel vom Verteidigungsprinzip Verzögerung zum Verteidigungsprinzip Geschwindigkeit komme. Den Anfang dieser Entwicklung setzt Virilio, wie bereits erwähnt, mit der Industriellen („dromokratischen”) Revolution an. So habe zum Beispiel, führt Virilio an, das Konzept der Verteidigung einer Stadt vor der Industriellen Revolution nicht Geschwindigkeit, sondern Verzögerung beinhaltet. Eine Verteidigung durch Verzögerung, Verlangsamung und Bremswirkung, die durch Mauern, Wälle, Gräben und Festungen geleistet wurde, um einen Angriff zu verlangsamen und zum Stillstand zu bringen. Hingegen setze die militärische Macht heute vorwiegend auf Beschleunigung. Nicht nur die beschleunigte Datenübertragung, sondern auch die Geschwindigkeit des Krieges, seine Transportvektoren und Trägerraketen würden den Raum zerstören — ihn nicht nur ganz wortwörtlich durch ihre Zerstörungskraft vernichten, sondern auch durch ihre Geschwindigkeit das Raumprinzip an sich annihilieren. Durch die Geschwindigkeit schrumpften die Entfernungen zusammen, der Raum werde quasi negiert und verliere seine Bedeutung. In der Situation der Chronopolitik könne man ausgehend von einem beliebigen Punkt jeden anderen, wo immer man auch sei, in Rekordzeit und mit einer Genauigkeit von wenigen Metern erreichen. Jeder Ort werde austauschbar. Dank der vektoriellen Geschwindigkeiten, die charakteristisch für das Militär seien, und der [Seite 89↓]Geschwindigkeit der Flugkörper, die von den Streitkräften eingesetzt werden, gelinge es, die Welt zu „miniaturisieren”: „Alle Militärtechnologien reduzieren die Welt auf ein Nichts.”262 Nicht mehr die verbündeten Nationen oder die geographischen Stützpunkte seien von entscheidender Bedeutung für den Krieg; was hauptsächlich zähle, sei die Geschwindigkeit des bewegten Körpers und die Nichtwahrnehmbarkeit seiner Bahn.263 Dieser Krieg könne von einer hochentwickelten Streitkraft mit jedem möglichen anderen Land geführt werden, wie weit es auch entfernt sein möge, weil durch die Technik jeder Ort erreichbar werde: er reduziert sich auf Sandkastenformat, aber mit schlimmstmöglicher Zerstörung.

Die große Reichweite der hochentwickelten ballistischen Geschosse bringe es mit sich, dass der Feind kaum noch berührt, sondern aus dem „Sirius-Blickwinkel”264 der Satelliten betrachtet werde. Der chronopolitische Krieg werde von einer Seite nicht mehr ausschließlich von Menschen getragen, erlitten oder gewonnen, sondern von den Waffensystemen. So komme es zu Kriegen ohne Toten unter den eigenen Soldaten, aber auch ohne politischen Sieg. Mit dem Prinzip des Luftkrieges verlasse die militärische Strategie, so Virilio, das an Clausewitz orientierte Denken, dem es darum ging, dem Besiegten den „Willen” des Siegers in einem Landkrieg mit schneller Durchschlagskraft und kurzen entscheidenden Schlachten „aufzuzwingen”265. Vielmehr werde der Gegner durch die Luftangriffe nur zu vorübergehendem Stillhalten gezwungen: Durch die Entpersönlichung und die Automatisierung des Krieges werde auch der zutiefst menschliche politische Wille aufgegeben.266 Der Fernsehzuschauer wiederum, der das Geschehen über große Entfernungen in den Medien verfolge, werde durch Zensurmaßnahmen zunehmend dazu abgerichtet, „die Existenz eines weit entfernt stattfindenden Krieges mit seinen sehr realen Gräueln und Zerstörungen zu verneinen”267. Einerseits werde der Krieg global, andererseits auf das Ausmaß der Gewalt auf seine kleinstmögliche Ausdrucksform reduziert: auf ein Bild.

Deleuze und Guattari haben diese beiden Arten des Krieges — des geopolitischen und des chronopolitischen Krieges — mit der Gegenüberstellung zweier strategischer Brettspiele veranschaulicht; dem Schach und dem Go. Auf den Krieg übertragen würden die Handlungsanweisungen des Schach einen „institutionalisierten, geregelten, codierten Krieg mit einer Front, Rückzugsgefechten und Schlachten” symbolisieren, während Go der Ausdruck eines „Krieges ohne Schlachtlinie” sei, ohne Zusammenstöße und Rückzüge, sogar ohne Schlachten:


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„Beim Schach geht es darum, sich einen begrenzten Raum einzuteilen, also von einem Punkt zum anderen zu gehen, eine maximale Anzahl von Feldern mit einer minimalen Anzahl von Figuren zu besetzen. Beim Go geht es darum, sich einen offenen Raum einzuteilen, den Raum zu halten und sich die Möglichkeit zu bewahren, an irgendeinem Punkt überraschend aufzutauchen: die Bewegung geht nicht mehr von einem Punkt zum anderen, sondern wird beständig, sie hat kein Ziel und keine Richtung, keinen Anfang und kein Ende. Der ‚glatte’ Raum des Go-Spiels gegen den ‚eingekerbten’ Raum des Schachspiels. [...] Ein anderes Recht, eine andere Bewegung, ein anderer Zeit-Raum.”268

Die Deterritorialisierung des Gegners wurde bereits in zwei Zusammenhängen thematisiert. Einerseits in der Form des chronopolitischen Krieges, der auf der Schnelligkeit der technologischen Vektoren aufbaut, andererseits in Form der sich ebenfalls deterritorialisiert habenden dezentralen, lockeren und schattenhaften Organisationen, die aus der Verstreuung der Bedrohung hervorgegangen sind und sich auf eine kryptische Kriegsführung der zirkulierenden und veränderlichen Bewegungen verlegt haben. In beiden Fällen sind die herkömmlichen Seinszustände den deterritorialisierten Organisationen unterlegen. Benachteiligt sind in dieser Auseinandersetzung die Gruppierungen, die sich für territorialen Besitz entschieden haben und deshalb im bunkerhaften, geordneten Raum ohne Entkommen festgehalten und heimgesucht werden können.

Beeinträchtigt wird die Schlüssigkeit der Konzeption der Chronopolitik dadurch, dass Virilio die Macht der Geschwindigkeit in jedem der aufgeführten Punkte extrem überschätzt. Zum Beispiel sieht Virilio den Ursprung der Städte ausschließlich im Sicherheitsbedürfnis, also in der Notwendigkeit, sich durch Verteidigungsbauwerke gegen den Gegner zu schützen; mithin im Krieg. Dass Städte und städtische Sesshaftigkeit eine Folge des Handels und der Kommunikation, mithin der friedlichen Kollektivbildung sein könnten, wird von Virilio, der sein Augenmerk einseitig auf die Erfordernisse der Verteidigung bzw. des Krieges richtet, nicht beachtet. In diesem Zusammenhang müssen auch eine Reihe sehr einseitig-extremer Behauptungen gesehen werden, etwa: „Die Logistik steht am Anfang der Kriegsökonomie, die danach zur Ökonomie überhaupt wird, und zwar so, daß sie die politische Ökonomie ersetzt.”269 Dazu hat Stefan Breuer angemerkt: „Der Mangel von Virilios Konzeption ist, daß er die Bewegungsmacht vornehmlich historisch-empirisch als Werk von militärischen Praktikern, Organisateuren und Ingenieuren begreift, so daß die These von dem Vorrang der Bewegungs-Macht zugleich eine reduktionistische Auffassung des Wissens impliziert”270 — ein Verfahren, das notwendigerweise zu Verzerrungen führen muss.

Weiterhin lässt sich gegen Virilios Primat der Geschwindigkeit einwenden, dass Bauwerke wie Bunker, Festungen, Luftschutzkeller und entfernte Stützpunkte bis heute elementar [Seite 91↓]kriegswichtige Erfordernisse mit Verlangsamungswirkung sind, deren Toterklärung Virilio gerade vorgenommen hat. Die geostrategischen Stützpunkte, deren Zeit Virilio für abgelaufen hält, haben nicht ihre Bedeutung verloren, sondern sind bis heute von höchster strategischer Relevanz. Darüber hinaus bewirken schlichte Gravitationskräfte letztlich, dass wir nicht, wie von Virilio behauptet, zu einer Gesellschaft von „Transitreisenden” werden, die “im Transportvektor konzentriert” seien.271 Die Erde ist bis heute sowohl der tragende Boden als auch die erfahrungsbildende Grundlage jedes menschlichen Seins; ein Umstand, der sich spätestens immer dann eindrucksvoll beweist, wenn es zu Kriegen, Katastrophen oder großen Unfällen kommt — deren räumliche Unentrinnbarkeit ist ein Zeichen dafür, dass auch die verschiedensten Milieus letztlich alle in demselben Boot bzw. auf derselben Scholle sitzen und dort entsprechend heimgesucht werden können. Insofern hat der 11. September uns daran erinnert, dass wir auch im Zeitalter von Cyberspace den realen Räumen nicht entgehen können. Dem für nichtexistent erklärten Raum erging es wie der für beendet erklärten Geschichte: Sie meldeten sich zurück, jeweils auf ihre Weise.

Warum aber „Chrono”-Politik? Welches Konzept der Zeitlichkeit steht hinter diesen Raumbegriffen? Postmoderne Konzeptionen der Zeitlichkeit unterscheiden sich, wie wir in „Die Dekadenz der Finalität” bereits gesehen haben, von der modernen Zeitvorstellung, indem angenommen wird, dass der Geschichte das Ziel abhanden gekommen sei und dass ihr vormals teleologischer Verlauf, wie Baudrillard es ausdrückte, „in vielfältige Wirbel und Strudel” zerfalle, die „in Unordnung in die entgegengesetzte Richtung streben”272. Die Existenz einer „Weltzeit” bzw. eines „Monomythos” der Geschichte mit fortschrittlichem, verbindlichem Ziel wird verneint, und damit auch die Vorstellung von einer möglichen weltweiten Kongruenz aller Zeitvorstellungen und Geschichtsverständnisse.

Diese Vorstellung findet sich auch bei Deleuze und Guattari, die nicht nur eine Rehabilitierung der unterschiedlichen Zeit- und Geschichtsverständnisse fordern, sondern sogar die Anerkennung des explizit „a-historischen Prinzips”. In Bezug auf ihre Apologie des psychischen Nomadismus sagen sie: „Es ist richtig, daß Nomaden keine Geschichte haben, sie haben nur eine Geographie. Und die Niederlage der Nomaden war so vollständig, daß die Geschichte mit dem Triumph der Staaten zusammenfällt.”273 Bei Deleuze und Guattari korrespondiert die Rehabilitierung alternativer Geschichtsverständnisse mit einer Anerkennung des „ganz anderen” nomadischen Seins: „Geschichte ist immer nur aus der Sicht der Seßhaften und im Namen eines einheitlichen, zumindest eines möglichen Staatsapparates geschrieben worden, selbst wenn von Nomaden die Rede ist. Es fehlt eine Nomadologie, das Gegenteil von Geschichtsschreibung.”274


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Auch Thomas H. Macho hat dargestellt, wie die neolithische Revolution — als das Ereignis der Sesshaftwerdung der Menschheit — das Prinzip der genealogischen Ordnung, der „Logik der Abstammung und Territorialität”275 auf den Plan gebracht habe. Angesichts einer geschichtlich zu beobachtenden sprunghaften Zunahme der Weltbevölkerung zur Zeit der neolithischen Revolution sei das „genealogische Prinzip” und damit auch die Historie erfunden worden, um den sozialen Kosmos der Menschheit ordnen zu können. Dieses kollidierte auf fatale Weise mit der menschlichen Disposition, ein „Fluchttier” zu sein, denn während die Menschheit zuvor frei nomadisierend durch die Gegend gezogen sei, wurde sie fortan an einem Ort mit ihresgleichen festgehalten. Seitdem verbot sich die Flucht in den Raum als Ausweichmöglichkeit bei Konflikten und wurde durch eine „Flucht vorwärts in die Zeit” ersetzt, eine Verschiebung, die letztlich auch zur Etablierung der Historie, des linearen, eschatologischen Zeitverlaufs geführt habe. Damit wurde mit der neolithischen Revolution „die Bewegung im Raum auf eine (imaginäre) Bewegung in der Zeit verschoben”276, und dieser Prozess vollzog sich als „kinetische Revolution, als topologische Besetzung der Zeit”277. Heute hingegen müsse das genealogische Prinzip wieder aufgegeben werden, um den sozialen Kosmos „zu vieler Menschen” ordnen zu können. Die Unmöglichkeit, die genealogische Ordnung aufrecht zu erhalten, zeige sich, so Macho, nicht nur in der „systematischen Verwirbelung traditioneller Herkunftsordnungen” durch den Bedeutungsverlust „nationalstaatlicher Autarkiesimulationen”. Auch der europäische Faschismus als vorerst letzter Versuch, eine Gesellschaft durch genealogische Kriterien zu organisieren, habe zu einer generellen Abkehr vom genealogischen Prinzip, und damit auch von der Historie, geführt. Das Ende der Historie führt Macho nicht, wie Baudrillard, einzig auf die Medien zurück, sondern vielmehr auf eine auch demographisch „erzwungene Fragilisierung diachroner Zeithorizonte”278.

Aufbauend auf dem Ansatz von Macho sagt auch Peter Sloterdijk der Menschheit eine „neue Gegenrevolution der Mobilität” voraus, in der sich die Menschheit von der „Ankettung an die Galeere von Herkunft und Ursprung”, dem „Nichtwegkönnen von der Vergangenheit und von den Toten, dem Übergewicht der Verwandtschaft und der Territorialität über Sympathie und Bewegungsfreiheit”279 befreie, dem „Terror” der Logik und der „Besessenheit durch Begriffe der Genealogie, der Verwandtschaft und des Eigentum”.280 Er folgert daraus: „Was sich in der Tiefenstruktur des Zivilisationsprozesses durchzusetzen scheint, läuft auf nicht weniger hinaus [Seite 93↓]als darauf, daß die aktuelle Menschheit, zumindest in ihrer hochmodernisierten Fraktion, das vom genealogischen Prinzip dominierte Weltalter insgesamt hinter sich läßt.”281

Virilio stellt, um diesen Bruch zu beschreiben, der „historischen” eine „antihistorische” Zeit gegenüber, wobei er dem geographischen Raum die historische und „extensive” Zeit zuordnet, dem Raum der Chronopolitik jedoch die „antihistorische” Zeit:

„Indem durch die Verallgemeinerung der Information in Echtzeit implizit die ‚historische’ Zeit der Politik — genauer gesagt: der Geopolitik — zum ausschließlichen Vorteil der ‚anti-historischen’ Zeit der Medien zerstört wird, verursacht sie einen radikalen Bruch, mit dem verglichen die industrielle Revolution ein Ereignis von nachgeordneter Bedeutung war.”282

Die Frage, die uns an dieser Stelle interessiert, lautet, wie Virilio dazu kommt, anzunehmen, dass die hoch technologisierten Gesellschaften, die zuvor den Raum bevölkerten, nun die „Zeit” bewohnen würden; welche Gesellschaftsformen sich also aus diesem neuen medialen, raum-zeitlichen Kontext ergeben. Virilio sagt, dass die Geschwindigkeit den Raum in seiner Ausdehnung vernichtet habe. Der Mensch werde zum Bewohner der Zeit, und nicht mehr der tragende Boden, sondern das simultane Sein-in-einer-Zeit erschaffe nun den neuen kollektiven Zusammenhang, der sich nicht durch das traditionelle zweidimensionale Raummodell der Landkarten wiedergeben lasse. Geschwindigkeit, sagt Virilio, mache aus den Menschen Nomaden, aber keine Nomaden wie einst, die durch die Lande streiften, sondern neue Nomaden, die durch die Zeit zögen und dort, paradoxerweise, sesshaft würden. Evident wird dies z.B. bei Betrachtung der neuen Netz-Kulturen, denn die schnellen Bilder in den schnellen Netzen erzeugen, wie etwa Gérard Raulet gesagt hat, „ein Kommutationsphänomen, welches das Lokale zerstört und es nur noch unter dem Aspekt ephemerer Momente, fließender Identitäten, vielfältiger und isolierter Sprachspiele, aleatorischer Nachbarschaften zuläßt.”283. Eine mediale Organisation der Wirklichkeit bewirkt, dass der Raum aufhört, als apriorischer Rahmen der Sinnlichkeit jene Kontinuität der Erfahrung zu schaffen, die für die Wirklichkeit des Erkannten konstitutiv ist.

Durch die Geschwindigkeit der Kommunikation und die lichtschnelle Ausbreitung der medialen Bilder wird das räumliche Verständnis umprogrammiert. Es entsteht der Eindruck, dass die Entfernungen „durcheinander geraten”. Beschleunigung zerstört die objektive Erkenntnis der Welt: „Seit es Geschwindigkeit gibt, bricht die Welt unaufhörlich herein; der Gegenstand löst sich auf in den Anfang einer Informationskette.”284 Die zeitlichen Entfernungen ersetzen die räumlichen. Die Chronographie ersetzt die Geographie. Die physikalische Maßeinheit der Chronographie sei nicht mehr der Kilometer, sondern, so Virilio, [Seite 94↓]der Mach-Meter, wobei die Einheit „Mach” die Geschwindigkeits-Entfernung bezeichne.285 So komme es zu der Wahrnehmungsverzerrung, dass z.B. die subjektiv erfahrene Entfernung zwischen Paris und New York geringer sei als die Entfernung zwischen Paris und Temešvar oder Berlin und Tirana. Neue Nähen und neue Fernen ergeben sich. Dass in Lateinamerika und Zentralasien neben fabelhaften neuen Flughäfen Elendsquartiere und Straßensperren aus dem Boden schießen, hängt für Virilio mit dem Lauf der Zeit zusammen, der nicht mehr allein geradeaus nach vorn verläuft, sowie aus der Unfähigkeit, eine „vektorielle Politik” auf die Beine zu stellen: eine demokratische Geschwindigkeit.

„In der Tat bedingt schon die globale Metropolitik der zukünftigen Informations-Datenautobahnen von sich aus den Beginn einer Gesellschaft, die nicht mehr ausschließlich zwischen Nord und Süd geschieden ist, sondern darüber hinaus zwischen zwei verschiedenen Zeitlichkeiten, zwei Geschwindigkeiten: einer absoluten und einer relativen Geschwindigkeit. Der Graben zwischen entwickelten und unterentwickelten Ländern wird sich über alle fünf Kontinente erstrecken und zu einem noch radikaleren Bruch zwischen solchen Ländern führen, deren wirtschaftliche Aktivitäten größtenteils im Rahmen der Echtzeit der virtuellen Gemeinschaft der globalen Städte stattfinden, und jenen Ländern, die ärmer als je zuvor, weiterhin im Realraum der lokalen Städte verweilen.”286

Damit handelt es sich bei dieser Vorstellung nicht um einen bloßen territorialen Verfall, wie ihn Baudrillard beschreibt. Diese Raum-Zeit-Transformation korrespondiert mit der Segregationsdynamik von Edward W. Soja. Solche neuen Formen, die sich mit den territorialen überlagern, können einerseits große Organisationen sein, die in einem bestimmten Moment über die ganze Welt verzweigt sind und die sich gegenüber den Staaten einer großen Unabhängigkeit erfreuen (zum Beispiel Handelsorganisationen wie „multinationale Konzerne”); andererseits aber auch Randgruppen und Minderheiten, welche die Rechte von segmentären Gesellschaften gegen den Zentralismus einer Staatsmacht behaupten wollen. Die Welt zeigt uns heute ausgeprägte Bilder dieser beiden Aspekte; weltweite Organisationen existieren zugleich mit einem Neoprimitivismus, einer neuen „Stammesgesellschaft“, wie Marshall McLuhan sie beschrieben hat. Diese Organisationen setzen eine Form voraus, die sich nicht aus dem Territorialitätsprinzip des Staates ableiten lässt.

Diese neuen Gemeinschaften, und auch dies wird an den bereits erwähnten „Netz-Kulturen” evident, hält Virilio jedoch nicht mehr für „echte” Gesellschaften, denn die elektromagnetische Nähe wirke der Erfahrung der realen, zwischenmenschlichen Nähe entgegen und unterlaufe damit die originär politische Fähigkeit, die Bevölkerung eines Landes oder einer Stadt an einem Ort zu versammeln. Sie begünstige mehr die Zusammenkunft telepräsenter Gesprächspartner, die sich real in großem Abstand voneinander befinden. Die Telepräsenz, die Globalisierung der Zeit der Information führe zu einer Virtualisierung des Politischen, indem [Seite 95↓]der virtuelle Raum die Geographie der Nationen ersetze: „Die verbindende Nähe der Raumordnung der Erdoberfläche wird abgelöst durch die auflösende Vergänglichkeit einer globalen Zeitordnung, was zu einem Zerfall der jahrhundertealten gesellschaftspolitischen Strukturen führt.”287 Weil durch die Teletechnologien, auf denen das Chronopolitische beruht, der Kommunikationspartner quasi ausgeblendet wird, widersetzt sich Virilio Marshall McLuhans Vorstellung von einem „globalen Dorf”, vielmehr interpretiert er diese neuen Gesellschaften als einen „Trägheitspol”: “Wir kehren zurück an einen Nullpunkt, wo nicht mehr die Fläche der Erde besiedelt und nicht mehr der wirkliche Raum des Planeten urbanisiert wird; besiedelt wird vielmehr die ‚Echtzeit’, ihre bloßen Erscheinungen und die sporadische Ausblendung der ‚Kommunikationspartner’, zu denen wir alle geworden sind.”288

Neue Formen der Kommunikation erschaffen neue kollektive Formen. Um sie darstellen zu können, muss auf eine dreidimensionale Imagination von Gemeinschaften zurückgegriffen werden, die sich von der zweidimensionalen Vorstellungswelt herkömmlicher Landkarten unterscheidet. Diese dreidimensionale Imagination unterscheidet sich von der Vorstellung, dass die Welt ein abgegrenzter, geordneter und definierbarer Raum sei, wie es die klassische territoriale Ordnung nahe legte, welche die Welt innerhalb von etwa zweihundert politischen Einheiten kategorisieren und definieren wollte und ihr so ein totalisierendes und klassifikatorisches Raster auferlegt hatte, das determiniert war und daher — im Prinzip — zählbar. Wie bei Michel Foucaults Nicht-Orten des Heterotopen, der Durchkreuzungen und Überschneidungen289 wird hier, als Folge einer raum-zeitlichen Umorientierung, der territorialen Zergliederung der Welt ein deterritorialisiertes Raster auferlegt. Parallel zu den nach wie vor existierenden spatialen Formen kommt es zur simultanen Ausbildung von fließenden Gefügen; zentrierten Systemen werden Netzwerke ohne Zentrum entgegengesetzt, deren vielfältige Formen sich aus einer neuen Art von Gegenüberstellung ergeben: dem „In-Kontakt-Kommen von allen möglichen Gegenden”290 durch die vorübergehende Simultaneität der Kommunikationspartner. Christoph Zürcher hat dies konkret am Beispiel der ehemaligen Sowjetunion untersucht; er beschreibt, wie unter dem Eindruck der Informationstechnologie „anstelle der territorial exakt definierten Räume mit eindeutiger Zugehörigkeit, festgelegtem Status innerhalb der zentralen Hierarchie und zentral verwalteten Kommunikationskanälen flexible, problemorientierte Interaktionsräume mit Mehrfachzugehörigkeit, horizontalen Verknüpfungen und mehrfachen Kommunikationskanälen”291 auftreten.

Diesem Szenario kann keine eindeutige Wertung zugeordnet werden; es ist von mehreren, widersprüchlichen Aspekten gekennzeichnet. Es gibt einerseits positive Wertungen wie die [Seite 96↓]Ausbildung einer neuen Gemeinschaftskohärenz, die sich durch Aspekte der Freiheit, Beweglichkeit und Kreativität auszeichnet. Es kann auch negativ gewertet werden als eine Veränderung, die zu einer Fülle verschiedener und nebeneinander bestehender Gruppierungen ohne gemeinsame Werte, ohne allgemeingültige Normen und ohne „General” führt: zu jener postmodernen anarchischen Regellosigkeit, die bereits Gegenstand des vorhergehenden Teils dieser Untersuchung war. Der daraus hervorgehende Zustand ließe sich visuell nur in eine seltsam „verdrehte” Landkarte übersetzen, die kein organisierendes Gedächtnis und kein Zentrum mehr hat und einzig und allein durch eine flüchtige Zirkulation von Zuständen definiert wird. Als eine solche „perverse” Verdrehung einer Landkarte, falls diese überhaupt noch möglich ist, in Richtung zunehmender Unordnung, Unübersichtlichkeit und Anarchie sieht diesen Zustand Robert D. Kaplan:

„Man stelle sich eine Karte in drei Dimensionen vor, wie in einem Hologramm. In diesem Hologramm lägen die überlappenden Sedimente von Gruppen- und anderen Identitäten über den lediglich zweidimensionalen Farbmarkierungen der Stadtstaaten und verbliebenen Nationen, ihrerseits mancherorts verwischt durch darüber liegende schattenhafte Tentakel, die auf die Macht von Drogenkartellen, Mafias und privaten Sicherheitsfirmen verweisen. Statt Grenzen gäbe es bewegliche ‚Machtzentren’ wie im Mittelalter. Viele dieser Schichten wären in Bewegung. Zu diesem proteischen kartographischen Hologramm muß man weitere Faktoren hinzufügen wie Bevölkerungswanderungen, Explosionen der Geburtenrate, Krankheitsvektoren. Daher wird die Weltkarte niemals statisch sein. Diese zukünftige Karte — in gewissem Sinne ‚die letzte Landkarte’ — wird eine sich ständig ändernde Darstellung des Chaos bieten.”292

Die Grenzen deterritorialisierter Organisationsformen können auf keiner Karte mehr durch eine eindeutige Linie eingezeichnet werden. Die Deterritorialisierung impliziert nicht nur — wenn auch stark übertrieben — eine Immaterialität des Krieges und, durch die modernen Waffen, eine Annullierung des Raums in seiner Ausdrehung und Dauer; ableiten ließe sich aus diesem Prozess ebenfalls, dass der Staat langfristig sein Gewaltmonopol an andere Organisationsformen abgeben könnte: an Kollektive, die zwar nicht mehr über die traditionelle staatliche Unterteilung in Volk, Regierung und Armee verfügen, aber dennoch zielgerichtet und organisiert Gewalt einsetzen können. Sie sind nicht mehr in der Lage, große, zusammenhängende Territorien zu kontrollieren, so dass auch die Unterscheidungen von „Front” und „Hinterland”, die untrennbar sind von der Geographie des räumlich definierten, homogenen Staates, nach und nach aufgehoben werden könnten zugunsten einer räumlichen Indifferenz. Dies bedeutet auch, dass Zivilisten verstärkt in die Kampfhandlungen hineingezogen werden — nicht mehr, wie vorher, zufällig oder unglücklicherweise oder aus der Ferne anonym getroffen werden, wie bei einer strategischen Bombardierung, sondern als [Seite 97↓]unmittelbare Teilnehmer, Angriffsziele und Opfer. In dieser „Darstellung des Chaos” (Kaplan) spiegelt sich abermals die Regellosigkeit der Postmoderne — nicht nur auf ethisch-moralischer, sondern auch auf struktureller Ebene.

4.5 Desinformation und das Klandestine

Ebenso wie die Deterritorialisierung führt auch die Simulation, von deren Begleit- und Folgeerscheinungen in diesem Abschnitt die Rede sein wird, zu einer Erosion der Grundoppositionen von Innen und Außen bzw. des Globalen und Lokalen, denn als Kommunikationstechnik im weitesten Sinne schafft auch die Simulation einen „glatten Raum” im Sinne von Deleuze und Guattari, indem sie, von ihrem Ausstrahlungs- und Wirkungsmodus her begriffen, die Gegebenheiten der physischen Topographie weitgehend negiert. Darüber hinaus tastet die Simulation nicht nur die Grenze zwischen wahr und falsch, sondern auch die zeitliche Grenze zwischen Kriegs und Friedenszustand selbst auf dezisive Weise an.

Die Aufhebung des Gegensatzes von wahr und falsch geschieht in diesem Zusammenhang nicht, wie im Kapitel „Die Dekadenz der Wahrheit”, durch eine Schwächung des metaphysischen Wahrheitsbegriffs als Folge einer Delegitimation der transzendentalen Illusion der Einheit, sondern auf praktischer Ebene: über die Wahrnehmung medialer Inszenierungen. Die Simulation als „oberste Kriegslist” hebt das Prinzip der Wahrheit aus den Angeln, ohne sich dabei auf nachprüfbare Lügen einzulassen, also das Wahre einfach durch das Virtuelle zu ersetzen. Die zeitliche Indifferenz von Zeiten des Krieges und Zeiten des Friedens wiederum ergibt sich vor allem daraus, dass das Prinzip der Desinformation durch Überinformation, welches der Simulation zugrunde liegt, nicht nur in Kriegs-, sondern auch in Friedenszeiten angewendet werden kann. Des Weiteren steigt proportional zur medialen Transparenz der Welt auch die Bedeutung der Verdunkelungs- und Verheimlichungsstrategien, des Klandestinen, an.

Baudrillards Simulationsbegriff ist sehr bekannt. Lothar Baier hat dazu angemerkt: „Die Simulation gehört zu Baudrillard wie die Zigarre zu Churchill, das weiß bei uns jeder, der von Baudrillard nicht mehr weiß als das, was er einem der vom Autor gern gewährten Interviews mit der jeweiligen Alternativzeitung entnommen hat. [...] Man versteht auch, warum: Indem Baudrillard die Welt durchrast und überall Simuliertes entdeckt, wo alle Welt bisher Reales wahrzunehmen glaubte, hält er seine Leser ebenso in Atem und bei der Stange wie Hercule Poirot, der nach einem spannenden Verwirrspiel immer wieder hinter die Dinge kommt.”293

Seine Bekanntheit ist für den Simulationsbegriff nicht nur vorteilhaft. Mit ihm verbindet sich ein weit verbreitetes Missverständnis: Oft wird angenommen, die Simulation entspräche bei Baudrillard einer Sonderform der Illusion, dass also in der Simulation einfach Reales durch Virtuelles ersetzt werde. Hingegen behauptet Baudrillard nicht, wie oft unterstellt wird, dass in der Simulation die Fiktion die Realität überholt habe. Vielmehr beinhaltet sein Simulationsbegriff eine Schwächung des Realitätsprinzips durch ein Übermaß an Realität — [Seite 98↓]Realität, die direkt in die Wohn- und Schlafzimmer der Menschen gesendet wird, die aber den Rezipienten durch ihre unablässige Abfolge, Schnelligkeit, Überfülle und Unkommentiertheit nicht mehr erreicht:

„Was der Simulation entgegensteht, ist also nicht das Reale, das nur ein Sonderfall von ihr ist, sondern die Illusion. Und es gibt keine Krise der Realität — ganz im Gegenteil: es wird immer mehr Reales geben, denn das wird von der Simulation produziert und reproduziert und ist selbst nur ein Modell der Simulation.”294

Wenn auch Sinn und Bedeutung der medialen Ereignisse für den Rezipienten im Fall der Fälle vage bleiben mögen, zeigen die Fernsehbilder trotzdem in der Regel Reales. Dadurch ergibt sich für Baudrillard die bemerkenswerte Situation, dass durch die Simulation die Welt, die wir durch die Medien erfahren, nicht zu „illusionär” geworden ist, sondern vielmehr — die Fernsehbilder beweisen es — zu „real”. Die Realität habe heute, so Baudrillard, durch die technische Performanz der Medien ihren Gipfel erreicht. So verliere die Welt gerade durch ein Übermaß an Realem die Realität. Sie ist daher weder völlig real noch völlig illusionär, denn diese beiden Begriffe fallen in sich zusammen und heben sich selbst auf. Die Welt steht jenseits von Realität und Illusion als Simulakrum wieder auf. Steigerung von Realität erzeugt Simulation: ein Prozess, den Baudrillard wegen seiner Unbemerktheit ein „perfektes Verbrechen” nennt:

„Das perfekte Verbrechen ist das einer uneingeschränkten Realisation der Welt durch Aktualisierung aller Daten, durch Transformation all unserer Handlungen, aller Ergebnisse in reine Information — kurz: die Endlösung, die vorzeitige Auflösung der Welt durch Klonung der Realität und Vernichtung des Realen durch sein Double.”295

Die Welt breche in Form von gedruckten, audiovisuellen und elektronischen Medien in die Privatsphäre des Einzelnen hinein. Doch die gesteigerte und potenzierte Informationsfülle könne vom Rezipienten, so Baudrillard, letztlich nicht mehr aufgenommen und reflexiv verarbeitet werden, weil sie dem Einzelnen durch ihre unaufhörliche Abfolge und atemlose Schnelligkeit keine Zeit mehr dazu lasse. Der Rezipient könne kaum noch zwischen Wirklichkeit und Fiktion unterscheiden, weil die realen Ereignisse in einem „ekstatischen” Verhältnis aufeinander folgen, in „schwindelerregender, stereotyper und irrealer” Form, die eine „unsinnige und ununterbrochene Verkettung” erzeuge.296 So sei in einer Welt, die sich als Simulation vollziehe, keine Perspektive und kein reflexiver Standpunkt mehr möglich — eine kritische Perspektive nämlich setzt Zeit und Dauer voraus.

Virilio hingegen ist der Ansicht, dass die Realität letztlich durch die Illusion ersetzt werde. Er sieht darin kein „perfektes Verbrechen” wie Baudrillard, sondern, in seiner charakteristischen Unfallrhetorik, ein „Verunglücken” der Realität; keine „Simulation”, sondern eine [Seite 99↓]„Substitution” der Realität durch die Virtualität297 — jedenfalls sah er dies Mitte der Neunziger Jahre noch so, als von den scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten der Cybertechnologie die Rede war. Dieser Virtual-Reality-Hype, der seine Versprechen nicht einlösen konnte, hat heute stark an Bedeutung verloren. Durch den Gegensatz von Realität und der — auf ihre eigene Weise ebenso realen — Virtualität entstehe eine Welt, in der es, so Virilio, nicht eine, sondern zwei Realitäten gebe; daraus folge eine Spaltung der Realität in zwei Teile.

In dieser Welt der Überfülle audiovisueller und elektronischer Bilder werde, darin stimmen Virilio und Baudrillard überein, dem Rezipienten keine Zeit mehr gelassen, die Informationen aufzunehmen und sich eine Meinung zu bilden, es bleibe nur noch die Zeit, „von einem Reflex zu dem anderen überzugehen”298. Mit der Liberalisierung der Medienlandschaften und dem Aufkommen von Fernsehanstalten wie CNN sei die Echtzeit, die augenblickliche Zeit der Medien, zur allesbeherrschenden Zeit geworden. Die Echtzeit der Medien sei eine Zeit, die keine Dauer, keinen Abstand und keine kritische Distanz mehr zulasse, denn die digitalen Bilder hätten kein Vorher und kein Nachher mehr. Sein und Schein, Realität und Fiktion würden austauschbar. Berichterstattung in Echtzeit verhindere geradezu eine kritische Distanz. Durch die „betäubende Wirkung” der bewegten Bilder werde das Politische ausgeschaltet, dessen eigentliche Domäne die „Dauer” sei. Medien vermitteln, so Virilio, Emotionen und keine Überzeugungen:

„Geht es noch darum, die Öffentlichkeit zu überzeugen? Sicher nicht. Das direkt übertragene Bild vermittelt nämlich keine Überzeugung, sondern allerhöchstens eine Emotion, eine bestimmte Art der Ergriffenheit. [...] Als eine Geisel des televisuellen Interface wird der Fernsehzuschauer zum Empfänger eines Verunsicherungsprinzips [...].”299

Es wird hieraus schon ersichtlich, dass sowohl Baudrillard als auch Virilio in der Kommunikationssituation, die sich aus der Simulation ergibt, keine Verwirklichung des dezentralen Verknüpfungsmechanismus sehen, welcher das Telos postmodernen Denkens ist. Die Simulation gehört ungebrochen einer Welt- und Theoriesituation an, die durch das Dogma des starken Absenders charakterisiert ist, der die Besendeten der Masse unterordnet, sie proletarisiert und gleichmäßig besendet. Der Fernsehbildschirm lässt keinen wirklichen „Dialog zwischen Mensch und Maschine” zu, sondern nur eine — das Individuum fernsteuernde — Besendung in einer Richtung. Je rascher die Informationen gesendet werden, desto fragmentarischer und unvollständiger wirken sie. In dieser „Informationsanarchie”, wo die Abfolge der Informationen nicht mehr von Ordnung und Sinn, Vollständigkeit und Referenz, Ursache und Folge, Wahrheit oder Kontinuität geleitet wird, in dieser sukzessiven Sinnzerstörung durch Überinformation tritt abermals sehr klar das Problem von Information [Seite 100↓]und Offenheit, von Ordnung und Chaos zutage, das auf allen Ebenen charakteristisch für die Postmoderne ist. Denn wo — wie im postmodernen philosophischen Diskurs — auf größtmögliche Offenheit gesetzt wird, besteht immer die Gefahr, dass dabei der Sinn verloren geht und die Offenheit in Chaos umschlägt. In diesem Zusammenhang spricht die Informationstheorie von einem grundsätzlichen Unterschied zwischen „Bedeutung” und „Information”. Proportional zur Ordnung, Konventionalität und Redundanz der Struktur konstituiert sich die Bedeutung einer Botschaft, und diese Bedeutung ist umso klarer und eindeutiger, je mehr Wahrscheinlichkeitsregeln und Organisationsgesetze vorher festgelegt sind und durch Wiederholung der vorhersehbaren Elemente bekräftigt werden. Umgekehrt nimmt die mögliche Information einer Botschaft zu, je mehr die Struktur unwahrscheinlich, mehrdeutig, unvorhersehbar wird. Information wird hier also als die Möglichkeit zu informieren, als Virtualität möglicher Ordnungen verstanden. Man spricht etwa von einer „Doppeldeutigkeit”, wenn der Information keine eindeutige Botschaft mehr zugeordnet werden kann. Diese Erkenntnis liegt z.B. Umberto Ecos Theorie vom „Offenen Kunstwerk” zugrunde, das seine Bedeutung gerade aus seiner Mehrdeutigkeit und „Offenheit” bezieht; Offenheit aber nur in dem Maße, wie sie das Verstehen nicht völlig verunmöglicht.300

Bei Baudrillard und Virilio jedoch wird die Schwelle zum „information overload” eindeutig überschritten. In der Simulation wird das gleichzeitige Vorhandensein von Anhäufungen unzähliger, fast statistisch verteilter Informationen von keiner Ordnung mehr regiert; die Konfiguration ist extrem offen und besitzt zwar das Maximum an möglicher Information, ohne dass jedoch noch Ordnung — Bedeutung — darin wäre. Die Information wurde zugunsten der Offenheit aufgegeben, und der phantasmatische Effekt des „Wissens” bzw. der „Information” hebt sich selbst auf. Dieses Phänomen wird in der Informationstheorie als ein „weißes Rauschen” bezeichnet. Umberto Eco hat es auf folgende Weise dargestellt:

„Das Maximum an statistischer Gleichwahrscheinlichkeit in der Verteilung erhöht nicht die Informationsmöglichkeit, sondern negiert sie. Oder vielmehr: es bewahrt sie auf der mathematischen Ebene, negiert sie aber auf der Ebene einer kommunikativen Beziehung.”301

Die Gefahr der Kommunikation, die je offener, desto reichhaltiger ist, beruht auf der Wahrung eines fragilen Gleichgewichts zwischen einem Minimum an Ordnung, das mit einem Maximum an Unordnung zu vereinbaren ist. Dieses Gleichgewicht bezeichnet die Grenze zwischen der Ununterscheidbarkeit aller Möglichkeiten und dem Möglichkeitsfeld. Nur so kann eine kommunikative Beziehung entstehen. Die Simulation hingegen ist die nihilistische Konzeption eines absurden Dialogs zwischen der Information, die keine Information mehr, sondern ein Rauschen ist, und einem Rezipienten, den die Information durch ihre Überfülle und Unkommentiertheit nicht mehr erreicht.


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„Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit”, lautet ein vielzitierter Satz von Rudyard Kipling. Auch Virilio zitiert ihn und überträgt ihn auf die Simulationstechniken. Er prognostiziert, dass das „weiße Rauschen” der Simulation — im Rahmen einer besonderen Strategie der Täuschung — im Krieg wie eine Waffe benutzt werde; eine Waffe, die keinen Unterschied mehr mache zwischen dem äußeren Gegner und der eigenen Bevölkerung. Die „vierte Front” der Informationspolitik (neben den traditionellen Fronten zu See, Boden und Luft) benutze die Überkomplexität des von ihr produzierten Informationsmaterials, um dem Rezipienten sowohl die Unterscheidung als auch die Auswertung von Wichtigem und Unwichtigem zu erschweren und so die wahren Ereignisse zu verschleiern. Diese Desinformationsverfahren seien deshalb so schwer zu erkennen, weil sie als Simulationstechnik eben nicht mehr mit Fälschungen oder nachweisbaren Lügen operieren, sondern mit der potenzierten Wahrheit selbst: die „aktive Desinformation [ist] niemals die Lüge, sondern das Übermaß an widersprüchlicher Information, die Überinformation”302.

So unterlag der Golfkrieg 1991, argumentiert Virilio, der Gesetzmäßigkeit der Nachrichten: kaum gesehen, war er schon wieder aus dem Gedächtnis der Menschen verschwunden. Er entzog sich durch seine Schnelligkeit der öffentlichen Analyse. Er war so weit entfernt und — vom Wohnzimmer aus betrachtet — scheinbar so virtuell, dass sich auch Baudrillard zu dem Bonmot hinreißen ließ, der Golfkrieg habe eigentlich „nicht stattgefunden”.303 In diesem zensierten Medienkrieg sei die nachprüfbare Realität der Bilder zum Schaden der Leichtgläubigkeit des Publikums von ihrer suggestiven Kraft überlagert worden, so dass sich — im Angesicht des Spektakels — die Frage nach der Vollständigkeit einer Nachricht nicht mehr gestellt habe. In dem Krieg der Echtzeit und der Omnipräsenz sei alles sichtbar; seine Eigenart sei es, dass er sich nicht allein an der Frontlinie eines geographischen Horizonts entscheide, sondern vor allem auf den Monitoren, den Kontrollbildschirmen und den Fernsehgeräten der ganzen Welt.304 Virilio geht sogar so weit zu sagen, die Medien seien die eigentliche „Eingreifmacht” am Golf gewesen, insbesondere der Fernsehsender Cable News Network (CNN) und dessen „Hauptdarsteller” Saddam Hussein und George Bush.305

Weil die Verfügung über Information einen Machtvorteil bedeutet, befürchtet Virilio eine Militarisierung der allgemeinen Nachrichtenquellen, das „Auftauchen eines militärischen Nachrichtenkomplexes”, dessen Informationspolitik zentral gelenkt werde, und dieses Zentrum befände sich „im Pentagon und nirgends sonst”306. Diese Machtentfaltung verhindere eine echte Meinungsbildung, die ja auf unabhängiger Information beruhe, und stelle daher nicht nur ein Risiko für die demokratischen Kontrollmechanismen, sondern für die Demokratie an sich dar.


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Die von Virilio angenommene psychologische Manipulation der Massen durch die Medien und die aktive Irreführung und Täuschung des Feindes verwischen nicht nur die Grenzen zwischen wahr und falsch, lokal und global (in dem Sinne, dass ein lokaler Konflikt durch seine weltweite Mediation plötzlich globale Bedeutung erlangt), sondern sogar die Grenze zwischen Krieg und Frieden selbst, weil sie sowohl in Kriegs- als auch in Friedenszeiten nützlich sind. Sie werden bereits eingesetzt, lange bevor es zur offenen Auseinandersetzung kommt. Der Konflikt beginnt schon, lange bevor er öffentlich als solcher wahrgenommnen wird. Die Satelliten, welche die Techniken der Simulation und der Intelligence — der militärisch-politischen Aufklärung — ermöglichen, sind „gleichzeitig Spionage-Satelliten und Telekommunikations-Satelliten”307. Hier wird eine Strategie entwickelt und angewandt, die sich sowohl nach Innen als auch nach Außen richtet, um die Bevölkerungen — die eigenen wie fremden — nicht nur in Kriegs-, sondern auch in Friedenszeiten zu täuschen. Der postmoderne Krieg ist in dem Sinne ein Weltkrieg, weniger wegen der Größe seiner Front, als vielmehr aufgrund seiner unmittelbaren Übertragung in alle Haushalte und seiner demagogischen Vorbereitungs- und Nachbereitungsphase, die sich zeitlich weit über den eigentlichen Einsatz hinaus erstreckt. Virilio bezeichnet diesen Zustand, der zeitlich nicht mehr zwischen Krieg und Frieden unterscheidet, als einen „reinen Krieg”: der „reine Krieg” ist kein Kriegszustand mehr, der noch nach einem Regelwerk „erklärt” werde, also zu einem bestimmten Zeitpunkt begonnen und wieder beendet werde. Der „reine Krieg” ist der Zustand einer permanenten, einer alltäglichen und allgegenwärtigen Kriegspraxis.308

Das Sichtbar-Machen der Welt, teilweise sogar durch Aufklärung aus dem All, ist die zentrale Aufgabe der Intelligence, der militärisch-politischen Aufklärung durch die Geheimdienste. Um fremde Intelligence abzuwehren, gilt ein wichtiger Bereich der militärischen Forschung und Entwicklung mittlerweile den Techniken der Tarnung und der Bildstörung. Proportional zur medialen Omnipräsenz, Transparenz und Allsichtbarkeit der Welt steigt die Bedeutung des Klandestinen: der Techniken von Tarnung, Früherkennung und Verheimlichung. Wie schon in der Desinformation sieht Virilio im Bedeutungszuwachs des Klandestinen einen weiteren Schritt in Richtung einer „Abschaffung des Prinzips der Wahrheit”309.

Durch die weltweiten Nachrichtensysteme und die allgemeine Fernüberwachung durch die Satellitentechnik wird jedes noch so abgelegene und unzugängliche Fleckchen Erde sichtbar. Ein Ziel, das gesehen wurde, kann auch zerstört werden, vor allem durch die immer größer werdende Präzision der so genannten „intelligenten Munition”. So wird der Blick zu einer Waffe und die Wahrnehmung zu einem aggressiven Akt. Aus dem „ersten Blick” bzw. der Früherkennung erwächst ein alles bestimmender zeitlich-strategischer Vorteil. Angriff und [Seite 103↓]Abwehr entfalten sich im Rahmen von so genannten „vorgreifenden Maßnahmen”. Auch hier verschwimmen die Grenzen von Kriegs- und Friedenszeiten — die Zweischneidigkeit von Intelligence und Simulation als Wissensstrukturen von Information und Desinformation wirkt sich aus als bodenloses Misstrauen und gewaltbereite Paranoia.

Dementsprechend gehe es heute darum, so Virilio, Informationen strategisch, durch einen Prozess der Desinformation zu verbergen, und durch Verheimlichungsverfahren echte Kenntnis zu verhindern:

„Von jetzt an wird die Erforschung und Entwicklung von Täuschungsmanövern im militärisch-industriellen Bereich einen bevorzugten Platz einnehmen, einen Platz jedoch, der verborgen ist, denn die Zensur geht im Hinblick auf die ‚Täuschungstechniken’ weit über das hinaus, was früher bei der Atombombe ein militärisches Geheimnis war. Die Umkehrung der Abschreckungsstrategie ist offensichtlich: im Gegensatz zu Waffenarten, die bekannt sein müssen, um wirklich abschreckend zu wirken, funktionieren die ‚heimlichen’ Geräte nur durch die Verschleierung der Existenz.”310

Der Unterschied zwischen einem modernen und dem postmodernen Konflikt-Szenario zeigt sich also auch darin, dass offenbar die Strategie der Tarnung die Strategie der Propaganda abgelöst hat. Die Tarnung ist das Gegenteil der Propaganda: Während die Propaganda jedermann deutlich zeigen will, worum es geht, macht es die Strategie der Täuschung und der Tarnung umgekehrt. Als Beispiele für dieses Verunsicherungsprinzip führt Virilio, neben den „objektiven Lügen” der Simulation, die Existenz nicht identifizierbarer, virtueller Objekte an, die nicht geortet werden können, elektronische Täuschungsmanöver etc. Weil beinahe überall eine komplexe elektromagnetische Umgebung zur Ortung eingerichtet sei, die fast die gesamte Erde umfasse, suche man eifrig nach Mitteln, den „elektromagnetischen Blicken” durch die Erfindung spezieller Materialien zu entkommen. Das gelte auch für die Forschung auf dem Gebiet „nicht vom Radar erfaßbarer Oberflächen”, der Unauffindbarkeit von Objekten, wie man es zum Beispiel am Tarnkappenflugzeug vom Typ B2 sehen — oder nicht sehen — könne.311

Die Nutzbarmachung der Verheimlichungsstrategien bedeutet eine Abkehr vom Staatsprinzip, dessen öffentliche Darstellung traditionell auf Repräsentation angelegt ist. Es kommt zu einer eigentümlichen Verkehrung von Staat und Untergrundaktivitäten: der Staat übernimmt Methoden, die eher einer „Stadtguerilla” oder dem Terrorismus anstünden; Gruppierungen, die sich auch tarnen, deren Aktionen gleichzeitig aber so spektakulär wie möglich sein müssen, in der Hoffnung, die Massen zum Aufstand zu bringen und die Staatsmacht zu erschüttern. In dem Maße, wie Geheimnis, Beschleunigung und kriegerische List als die arcana imperii in das Gebäude des Staatsapparates integriert werden und sich der Staat vom Repräsentationsprinzip abwende, komme es zum „Staatsterrorismus”, weil der Staat beginne, selber terroristisch zu [Seite 104↓]agieren. Während das staatliche Prinzip zuvor auf Öffentlichkeit, Repräsentation, Verträgen, Verortungen und Gesetzen beruhte, verkörpern die Simulation und das Klandestine List, Beschleunigung, Irregularität, Desinformation und Geheimhaltung — Techniken, die für Deleuze und Guattari als Teil der Kriegsmaschine angesehen werden.312 Sylvère Lotringer hat dazu im Gespräch mit Virilio bemerkt:

„Darin zeigt sich eine andere Auffassung des Staates. Traditionellerweise ist der Staat die Macht, die sich zur Schau stellt und ihr Gesicht zeigt, das ist die gravitas — das Zeremonielle, Feierliche der Macht in ihrer Repräsentation. Hier hingegen übernimmt der Staat die Techniken, welche die Kriegsmaschine der Nomaden kennzeichnen, das Geheimnis des Kriegers, der sich den Überraschungseffekt zunutze macht, um die Oberhand zu gewinnen.”313

Das gleiche Prinzip gelte für die Methoden der Repression: Repression im Zeitalter der medialen Transparenz liege, so Virilio, in einer „Politik des Verschwindens”. Bis zum Zweiten Weltkrieg mit seinen Konzentrationslagern seien die Gesellschaften durch Einsperrung, durch Einschließung im Sinne Michel Foucaults, gekennzeichnet. Die große Transparenz der Welt, durch Satelliten, Medien und Touristen, habe dazu geführt, dass viele Orte den Blicken, der Presse und der öffentlichen Meinung übermäßig ausgesetzt seien. Seitdem verbieten sich Konzentrationslager. In einer Welt der Allgegenwärtigkeit lasse sich nichts mehr isolieren. Einschließung und Einkerkerung verkehren sich in eine andere Art der Repression: in eine „Politik des Verschwindens”, wie sie z.B. in Lateinamerika praktiziert worden sei. Und dieses Verschwinden von Menschen geschehe, so Virilio, heute in der zivilen Gesellschaft durch paramilitärische Organisationen.314 „Auf die von Michel Foucault kritisierten Gefängnisgesellschaften folgen also die von Gilles Deleuze angekündigten Kontrollgesellschaften.”315

Virilio sieht in der Bedeutungszunahme des „Klandestinen” eine Ablösung des menschlichen Elements durch das technologische. Die Zeit der „Schlapphüte” und des menschlichen Verratspiels wird ersetzt durch die Leistung von Spionage- und Abhörsatelliten, die aus dem Weltraum in Bild und Ton eine nahezu lückenlose Aufklärung der Welt gewährleisten, durch unbemannte Aufklärungsflugzeuge und jedermann ganz offen zugängliche Quellen wie das Internet und die Massenmedien. Aus der Verfügung über diese Informationen ergibt sich, so will dieses Szenario uns nahe legen, eine Art Weltherrschaft. Was jedoch in dieser Dämonologie der Medien nicht beachtet wird, ist der Umstand, dass selbstredend auch für die Geheimdienste das bereits bekannte Problem der Auswertung der von Computersystemen gesammelten Informationen besteht, die erst ausgewählt und prozessiert werden müssen, um wirklich nützlich zu werden. Nicht nur für die von der Allwissenheit des Staates bedrohten und [Seite 105↓]von seinen Simulationsprogrammen besendeten Bevölkerungen droht die Gefahr eines „weißen Rauschens”, sondern auch für den Staat selber können die von ihm technisch gesammelten Informationen gerade durch ihre Überfülle wertlos werden. Interessanterweise kommt es so zu einem information overload nicht nur auf der Opfer-, sondern auch auf der Täterseite. Die angestrebte Totalerfassung der Kommunikation, die das Anliegen der Intelligence ist, endet vermutlich in dem Punkt, wo die Intelligence des neugierigen Staates in der Hypertrophie ihrer Interzeptions-, Dekryptierungs- und Speichermöglichkeiten ganz einfach dumm wird: Sie ende, so hat es Eva Horn ausgedrückt, „in der Stupidität von Schlagwortkatalogen”316.

Wir haben bereits im vorangegangenen Kapitel gesehen, wie die Landnahme der Geopolitik den Raum „kerbt”: ihn segmentiert, um ihn zu beherrschen und ihm ein Innen und ein Außen zuzuweisen. Die Simulation korrespondiert mit der Deterritorialisierung, insofern auch die reine, raumgreifende Dynamik des information warfare einen „glatten Raum” im Sinne von Deleuze und Guattari schafft. Simulationstechniken und Intelligence entfalten sich im Rahmen von vorgreifenden Maßnahmen und stehen für einen allgegenwärtigen und alltäglichen Kriegszustand. Auch sie erstrecken sich über diesen „glatten Raum”, weil sie territoriale Grenzen und Markierungen negieren und sich gegen das Eigene wie das Fremde richten. Die Simultaneität von innerer Sicherheit und außenpolitischer Aufklärung macht die Innen-Außen-Dichotomien obsolet. Dahinter steht der Wille zu einer Totalität des Überblicks, einer Totalerfassung, die alles (das Innere wie das Äußere, das Eigene wie das Fremde) zu jeder Zeit (sowohl im Krieg als auch im Frieden) zu erfassen sucht.

Doch bei dem Wissen, das diese Totalerfassung anhäuft, handelt es sich nicht mehr um ein „normales” akademisches Wissen, das sich öffentlich diskutieren, verifizieren oder verwerfen ließe. Die Simulation ist, ebenso wie die Intelligence — die militärisch-politische Aufklärung durch Geheimdienste — immer Erkenntnis und Täuschung gleichermaßen. Eva Horn hat beschrieben, wie Praktiken zu einer „epistemologischen Wende” führen, indem die Wissensakkumulation der Intelligence nicht mehr den Regeln der normalen Wissenschaft gehorche, sie sei nicht mehr allgemeingültig, für alle zugänglich und diskutier- und überprüfbar für jedermann. Das Wissen der Intelligence zeichne sich durch seinen emphatischen Bezug zur Macht und zum Kampf aus, und es richte sich nicht nur gegen den äußeren Gegner, sondern auch gegen die eigene Bevölkerung. „Intelligence ist immer Erkenntnis und Täuschung gleichermaßen, es ist ein Kampf um einen Wissensvorsprung, ein Spiel von Tarnung und Enttarnung, Information und Desinformation. Wissen ist Waffe in dem Maße, wie es gegen den Feind gewendet werden kann und einen strategischen Vorteil verschafft. Nicht Wahrheit oder Falschheit ist dabei das Kriterium, sondern Wirksamkeit. Es ist immer positioniert, in den Händen des Freundes oder des Feindes, und damit unverrückbar an die Seite geknüpft, die es [Seite 106↓]einsetzt. Das Wissen der Intelligence ist nie ‚objektiv’, sondern stets strategisch.”317 Virilio hat dieses Phänomen mit der „Militarisierung der Wissenschaften”318 umschrieben, die im Grunde nichts anderes ist als eine spezifische Einlösung des postmodernen Prinzips der Dekadenz der Wahrheit. Peter Sloterdijk liest Intelligence zudem als eine besonders schmutzige Spielart einer zynischen Vernunft, die in den akademischen Wissenschaften bösartig walte: Für Sloterdijk ist Intelligence das Symptom einer Dialektik der Aufklärung, im schönen Doppelsinn, die von der erhellenden und angstmindernden Erforschung der Welt in ihre angstmehrende und kriegerische Verdunklung umschlägt.319

In der Simulation wird die mediale Transparenz — der Traum von der Klarheit und Durchsichtigkeit der Welt durch die Verwirklichung idealer Kommunikation — zu etwas Opaquem, zu etwas hermetisch Undurchsichtigem. Thomas Jung hat dazu, im Zusammenhang mit dem Nihilismus der Posthistoire-Problematik, gesagt: „Was der Simulationsbegriff gerade behauptet, ist die Loslösung der realen Ereignisse und Dinge aus ihrer referentiellen Gebundenheit, ist ihr bloßes Funktionieren, ohne in ihnen einen Ausdruck des kollektiven Sinns, der Geschichte oder der Vernunft zu sehen.”320

In der Theorie der Simulation und ihrer Begleiterscheinungen zeigt sich ein weiteres Mal der postmoderne Medienpessimismus. Indessen lassen sich gegen den hier dargestellten Argumentationsgang von Baudrillard und von Virilio an vielen Stellen Einwände finden; angefangen damit, dass die These vom Bedeutungszuwachs der Desinformation und des Klandestinen trivial ist. Denn List, Täuschung und Verheimlichung sind wahrlich keine aktuellen — und damit auch keine postmodernen — Phänomene. Für menschliche Auseinandersetzungen sind sie an allen Orten und zu allen Zeiten von elementarer Bedeutung gewesen. Die Kryptographie ist wahrscheinlich so alt wie die Schrift selbst, und die Bedeutung von Hinterhalten, Täuschungsmanövern, Überraschungseffekten, Geheimhaltung und Tarnung, Ablenkung und Desinformation wird schon bei Sun Tse321 aktenkundig — was nicht bedeutet, dass sie vorher unbekannt gewesen wären. Täuschung, Verheimlichung und das daraus resultierende Verunsicherungsprinzip boten immer einen strategischen Vorteil, und sicher war die Bedeutung der geheimen Dienste nie größer als im Kalten Krieg, der — aufgrund der ideologischen Zweiteilung der Welt — sowohl von Baudrillard als auch von Virilio noch einhellig als modern klassifiziert wird; die Welt war in zwei manichäische Hälften geteilt, die den offenen Krieg vermieden und deren Konfrontation sich in eine Sphäre des Konspirativen, der heimlichen Ausspähung und der, in Anlehnung an John Le Carré, in die „Kälte” [Seite 107↓]geschickten Agenten verlagerte. Auch der von Virilio als beispielhaft angeführten Entwicklung des B2-Tarnkappenflugzeugs kommt daher sicher keine ontologische Größe zu; sie ist eine einfache Reaktion auf das Vorhandensein eines immer leistungsfähiger werdenden Radars. Dass Desinformation und das Klandestine hier als postmoderne Prinzipien eingestuft werden, zeugt nicht nur von mangelnder geschichtlicher Weitsicht, sondern auch von der Methodik, nur scheinbar neue, in Wirklichkeit aber die Menschheit in ihrer Entwicklung kontinuierlich begleitende Erscheinungen in ein starkes Licht zu tauchen und dann als postmodern zu bezeichnen.

Ein weiterer Einwand gegen die Theorie der Simulation — des Konzepts der Desinformation durch Überinformation — läuft darauf hinaus, dass es, trotz der täglichen Besendung durch Hunderte von Fernsehprogrammen, heute zumeist sehr wohl noch möglich ist, sich angemessen zu informieren. Seit dem Krimkrieg hat es nie so viel Kriegsberichterstattung wie heute gegeben. Das Problem, dass es tatsächlich — besonders in Zeiten des Kriegszustandes — immer wieder zu Informationslücken und -unterlassungen kommt, kann sich zwar auch durch eine falsche Schwerpunktsetzung in der Berichterstattung der Medien äußern. Im Allgemeinen wird es aber nicht so sehr von einer Desinformation durch Überinformation verursacht, wie Baudrillard und Virilio meinen, sondern nach wie vor durch die Zensur. Beispielsweise hatte der Typ des Kriegsreporters noch im Vietnamkrieg wenig Probleme bei der Recherche und konnte ungehindert durchs Militär aus dem Krieg berichten. Aus dem Vietnamkrieg wurde die Erfahrung gewonnen, wie schnell eine zu realistische Beschreibung einen Krieg zu Hause vor den Bildschirmen unpopulär machen kann; im Golfkrieg 1991 bildeten die Reporter deshalb bereits einen „Pool” und wurden in Begleitung von „Presseoffizieren” an der Front vorbeigelotst. Es gab unter diesen Beobachtern keine Toten wie in Vietnam; allerdings weiß auch niemand genau, was wirklich geschehen ist. Diesen Medienkrieg haben, so das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel”, „die Pressemanager des Pentagons gewonnen”322. Andererseits muss hierbei wiederum die These Virilios, dass es sich bei der Wahrnehmung um einen aggressiven Akt handle, in einem neuen Licht betrachtet werden. Im Bürgerkrieg von Bosnien soll es, so „Der Spiegel”, Abschussprämien für Journalisten gegeben haben. In einem Krieg, in dem Informationen manipuliert werden, um nicht die Unterstützung in der Heimat zu verspielen, wo Medien als „Waffe und vierte Front” eingesetzt werden können, kommt es natürlich auch dazu, dass die Journalisten von der Gegenseite als „Ersatzziele” herhalten müssen.

Am auffälligsten an der hier vorliegenden Konzeption der Simulation und ihrer Begleiterscheinungen ist aber, dass es sich um eine fundamental differenzkritische These handelt. Die intensive Medialisierung unserer Alltagswelt habe, so meinen Baudrillard und Virilio, keineswegs einen neuen, aus postmoderner Sicht begrüßenswerten Pluralismus auf den Plan gerufen. Das durch die Medien hergestellte Kollektiv wird von Baudrillard und Virilio negativ bewertet. Sie meinen, es bestünde nicht aus mündigen, informierten und engagierten [Seite 108↓]Weltbürgern, sondern aus einer amorphen Masse von „schweigenden Mehrheiten”. Wie die Simulation das postmoderne Simulakrum des Realen ist, so sind die schweigenden Mehrheiten das postmoderne Simulakrum des Sozialen. Sie werden mit Attributen belegt wie „nebulöse Entität” oder „flottierende Substanz”323, und ihre auffälligste Eigenschaft ist ihre Unauffälligkeit: die Indifferenz. Man könnte es so ausdrücken, dass die Indifferenz das postmoderne Äquivalent des Totalitarismus ist — in der passiven, erdrückenden Macht, in der unbeweglichen Masse der schweigenden Mehrheiten geht auch das Kommunikative, Politische zugrunde. Durch ihre schiere Masse absorbieren sie jede gesellschaftliche, geschichtliche und zeitliche Transzendenz. In Baudrillards typischer Posthistoire-Rhetorik liest sich dies so:

„Die politischen Ereignisse haben schon keine Eigenenergie mehr, die ausreichend wäre, um uns in Bewegung zu versetzen; sie laufen wie ein Stummfilm ab, für den wir kollektiv nicht verantwortlich sind. Hier endet die Geschichte, und zwar nicht, weil es an Akteuren, an Gewalt (die Gewalt nimmt immer mehr zu) oder an Ereignissen (dank der Medien und der Informationstechnik gibt es immer mehr Ereignisse!) fehlt, sondern wegen der Verlangsamung, Gleichgültigkeit und Abstumpfung. Die Geschichte schafft es nicht mehr, über sich hinauszugehen, ihre eigene Endlichkeit ins Auge zu fassen und von ihrem eigenen Ende zu träumen, sie wird in ihrer unmittelbaren Wirkung begraben, sie erschöpft sich in Spezialeffekten und implodiert in Aktualität.”324

Wir müssen diese Diagnose vor dem Hintergrund betrachten, dass das Differenztelos der Postmoderne mit einer Beharrlichkeit, die an Verzweiflung grenzt, jedes Zentrum und jede Legitimität einer Herrschaft aus der Mitte des Seins leugnet. Wie wir bereits an vielfachen Beispielen gesehen haben, stellt sich die Postmoderne der parmenidischen Dimension eines metaphysischen Universums entgegen, dessen Grenze einen Bereich des Homogenen definiert und einschließt, und dessen Mitte durch ein spezifisches Gravitationszentrum besetzt wird, dessen Macht durch radiale Aussendung von der gott- und sonnenanalog strahlenden Mitte ausgeht — ein zentristisches Prinzip, das wir bei Gottfried Wilhelm Leibniz als „Abglanz der von Gott ausgehenden Strahlen”325 bezeichnet finden. Postmoderne Kommunikationsstrukturen hingegen wollen ohne bereits vorgegebene Kommunikationskanäle funktionieren, so dass alle Individuen untereinander austauschbar und nur durch einen momentanen Zustand definierbar sind: das Endergebnis wird so unabhängig von einer zentralen Instanz. In einem kognitiven Fokus können es postmoderne Strukturen zu keiner „ganzen” Welt mehr bringen, da ja die Idee der ganzen Welt selbst, in ihrer charakteristisch holistischen Betonung, einem — nach postmoderner Auffassung — abgelaufenen Zeitalter der Total-Einschlusskreise und Monosphären angehört. Das postmoderne Denken will mit Perspektivenvielfalt leben und auf das Trugbild des einen herrscherlichen Blickpunkts und des in einer hierarchischen Struktur verwurzelten Denkens verzichten.


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Der Widerspruch zwischen Simulationsmodell und Postmodernetheorie besteht darin, dass in der Simulation das Wunschbild von den flexiblen, unhierarchischen Kommunikationsbeziehungen zwischen lauter eigenentfalteten Subjekten in die Vorstellung von einer orientierungslosen, amorphen Masse von zentral Besendeten umgeschlagen ist. Die Simulation gehört, trotz allen postmodernen Differenz-Geredes, ungebrochen einer Welt- und Theoriesituation an, die durch das Dogma des starken Absenders charakterisiert ist, dem ein „tribal-eingegrenzter”, solipsistischer und in sich verschlossener Rezipient gegenübersteht. In der typisch überzeichneten Sicht Baudrillards ergibt sich im äußersten Fall ein nur virtuell kommunikatives Universum aus in Wahrheit völlig voneinander getrennten, sprachlosen Individuen. Die Simulation steht für ein raum-zeitlich undifferenziertes Universum ohne Referentiale, ohne Äquivalenzen und ohne rationale Unterscheidungsmöglichkeiten zwischen wahr und falsch. Als stärkster Eindruck bleibt der Verlusts des eigentlich Sozialen zurück — der Untergang der die kulturelle Ordnung definierenden Regeln und Differenzen.

4.6 Drei Terrorismuskonzeptionen

Vor dem Hintergrund der vorangegangenen Untersuchungen ist es nicht überraschend, dass Lyotard, Baudrillard und Virilio ein Neuaufleben terroristischer und paramilitärischer Aktivitäten erwarten. Insbesondere im Terrorismus sehen sie die Gewaltform der Zukunft, weil der aus dem Zerfall hervorgegangene „schwache” Gegner verständlicherweise fast automatisch auf den Terrorismus verfällt, der die bevorzugte Waffe des Schwachen gegen den übermächtigen, gut organisierten Starken ist. Doch bei Betrachtung der hier vorliegenden Terrorismuskonzeptionen zeigt sich, dass sich diese vom modernen Terrorismus dadurch unterscheiden, dass sie keine Lösung der Konfliktursache mehr beabsichtigen und zu unkommunikativen Strategien ohne einen „Dritten” geworden sind, den man „erziehen” könnte oder wollte. Die Wirkung, die der postmoderne Terrorismus erzielen will, ist nicht mehr das politische Erwachen der Massen, sondern lediglich eine zeitweise Zerrüttung und Destabilisierung des Feindes.

Bei der Betrachtung des postmodernen Terrorismus, wie Lyotard, Baudrillard und Virilio ihn sehen, ergeben sich notwendigerweise Überschneidungen zum nachfolgenden Teil dieser Arbeit, der einen Überblick über die Thesen von Baudrillard und Virilio zu den Ereignissen des 11. September 2001 gibt. Um Wiederholungen zu vermeiden, soll das Ziel dieses Kapitels daher keine Spezifizierung der Thesen zum 11. September sein, die ja ebenfalls unter das Stichwort „Terrorismus” fallen, sondern ein Überblick und Vergleich der unterschiedlichen Konzeptionen der drei Autoren.

Lyotard, Baudrillard und Virilio sprechen von dem Terrorismus und treffen keine ausdrücklichen Unterscheidungen zwischen den verschiedenen Grundformen des Terrorismus — etwa dem marxistisch beeinflussten bzw. sozialrevolutionären Terrorismus (dem z.B. die Rote Armee Fraktion und die italienischen Roten Brigaden zugeordnet werden), dem religiösen [Seite 110↓]Terrorismus und dem ethnischen Nationalismus.326 Diese Formen verschwimmen miteinander, als seien sie ein einheitliches Phänomen. Unterscheidungen zwischen den Spielarten des Terrorismus gehen manchmal nachträglich, häufig aber gar nicht aus ihren Terrorismuskonzeptionen hervor.

In ihren Äußerungen zum Terrorismus bestätigen und bespiegeln alle drei Autoren ihre eigenen Theorien: Lyotard sieht im Terrorismus seine These vom „Widerstreit” bestätigt, indem er sowohl dem „transzendentalen Terror der Wahrheit” die Legitimität abspricht als auch dem Terrorismus als Kampf gegen diese Wahrheit kritisch sieht, insofern dieser an der Etablierung einer neuen Wahrheit arbeitet. Bei Baudrillard spiegelt sich in der Gewalt des Terrorismus eine — hier wie überall nicht weiter spezifizierte — systemische „Allgegenwart des Bösen”, und in seiner „aleatorischen” Bedrohung die Indifferenz der Massen. Virilio wiederum, dessen Denken von der Idee von einer Rückkehr von Chaos und Regellosigkeit in unsere Welt geleitet wird, hat die These aufgestellt, dass die Bedrohung durch den Terrorismus letztlich auch seinen Gegner dazu zwingen würde, sich dieser Bedrohung sukzessive anzugleichen und damit selber terroristisch zu agieren.

„Terror” (als das lateinische Äquivalent von „Schrecken”) bezeichnete ursprünglich die höchste Steigerung von Angst und Furcht als kollektiv- und individualpsychische Reaktion angesichts verschiedenster Arten von Gefahr und Bedrohung. Die Bedeutung dieses Begriffes hat sich heute zunehmend auf extreme Formen von Gewaltanwendung verengt. So definiert Peter Waldmann das Phänomen des Terrorismus folgenderweise: „Terrorismus sind planmäßig vorbereitete, schockierende Gewaltanschläge gegen eine politische Ordnung aus dem Untergrund. Sie sollen allgemeine Unsicherheit und Schrecken, daneben aber auch Sympathie und Unterstützungsbereitschaft erzeugen.”327 Die strikte Unterscheidung von „Terror” und dem daraus abgeleiteten Begriff des „Terrorismus”, die auf lexikalischer Ebene vermerkt wird328 (Terror als Gewaltherrschaft; Terrorismus als Gewalt gegen eine bestehende Herrschaft), ist auch bei Lyotard erkennbar.

Lyotards Interpretation des Terrorismus hängt eng mit seiner Konzeption des „Widerstreits” zusammen.329 Er wendet sich, wie wir bereits gesehen haben, gegen die idealistische Illusion von einer Einheit im Denken, der „Versöhnung von Begriff und Sinnlichkeit”, weil diese nur um den Preis des Terrors zu haben sei.330 Der Terror wird damit zu einem „notwendigen Effekt des Universalismus”331. Dieser „transzendentale” Terror der Ideen habe sich selbst auf die [Seite 111↓]Ebene der Linguistik ausgewirkt und setze sich bis in die Lebenswirklichkeit des Einzelnen hinein fort.

Gleichzeitig bezeichnet er den Kampf gegen diese Wahrheit (bzw. gegen die daraus resultierende Unterdrückung des Inkommensurablen) als Terrorismus. Dieser Terrorismus beabsichtigt die Abwendung des „weißen Terrors der Wahrheit”, denn die Wahrheit sei, so Lyotard, nur eine Waffe im Dienst der Unterdrückung und der Macht. Als solche müsse sie zerstört werden — durch einen neuen und nihilistischen Terrorismus:

„Der Augenblick ist gekommen, um den Terror der Theorie zu unterbrechen. Für einen längeren Augenblick werden wir alle Hände voll zu tun haben. Der Wunsch nach Wahrem, allerorts ein Nährboden für den Terrorismus, schreibt sich in den unkontrolliertesten Gebrauch unserer Sprache ein, so sehr, daß jeder Diskurs seine Intention, das Wahre zu sagen, in einer Art unabänderlicher Vulgarität zu entfalten scheint. [...] Das Problem besteht keineswegs darin, eine oder mehrere neue Theorien oder Interpretationen zu ersinnen. Es mangelt uns vielmehr eine Teufelei oder eine Apathie, die so beschaffen ist: daß das theoretische Genre Subversionen erleidet, von denen sich sein Anspruch nicht wieder erholt; daß es wieder zu einer Gattung unter anderen und damit von seiner Meister- oder Herrschaftsposition enthoben wird [...]; daß das Wahre zu einer Frage des Stils wird.”332

Wie der zweifache Gebrauch des Wortes „Terror” impliziert — sowohl im Sinne eines oben genannten „transzendentalen” Terrors des Universalismus als auch im Sinne des Terrorismus als bewaffnetem Kampf gegen diesen Universalismus —, relativiert Lyotard, wahrscheinlich ohne dies bewusst zu wollen, mit der Negation der Wahrheit nicht nur die Wahrheit des Zentrums, sondern auch die Wahrheit des Terroristen an der Peripherie, der gegen die Hegemonie dieses Zentrums kämpft. Denn die Dekadenz der Wahrheit impliziert, wie wir gesehen haben, dass überhaupt kein Schiedsspruch zwischen dem Anliegen des einen und dem Anliegen des anderen mehr möglich ist; der Widerstreit steht für die Unmöglichkeit, irgendeinem Diskurs eine — und sei es auch nur bescheiden epistemologische — Autorität gegenüber einem anderen zuzusprechen. Der Kampf des Terroristen gegen das „Zentrum” kann daher nicht angemessen entschieden werden, da eine auf beide Argumentationen ungleichartiger Diskursarten anwendbare universale Urteilsregel fehlt.333 Die Illegitimität des Kampfes (nicht aber der eigenen Verteidigung) betrifft also letztlich beide Seiten der Auseinandersetzung, denn beide kämpfen für die Durchsetzung ihrer Wahrheit, für die Dominanz der einen Wahrheit über die andere.

Indirekt aber wäscht Lyotard den „wirklichen” Terrorismus, etwa der Roten Armee Fraktion, von dem Vorwurf des potentiell universalistischen Terrors rein, indem er bei ihm eine Schwächung des pädagogisch-politischen Motivs diagnostiziert. Nach Lyotard gibt es drei Akteure im Wirkungsfeld des Terrorismus: erstens die Terroristen selbst; zweitens die [Seite 112↓]„Apparate des Imperialismus”, die der Terrorismus bekämpfe; und drittens die Bevölkerung, die so genannten Massen, die vorgeblich Begünstigten. Der Terrorismus finde seine Basis und seine Begründung traditionellerweise in den Massen; für die Verbesserung ihrer Lebensumstände kämpfe er, sie wolle er von seinen Aktionen überzeugen und zum Kampf aufrütteln. Diese Bevölkerung nennt Lyotard den „erziehbaren Dritten”, und dies insofern, weil sich die Rote Armee Fraktion anfangs mit ihren Schülern, den Massen, solidarisierte und umgekehrt. Neben der Zerstörung der „Apparate des Imperialismus” wurde die Pädagogik zum zentralen Anliegen des Terrorismus.

Lyotard argumentiert, dass die Rote Armee Fraktion im Verlauf ihrer Aktionen immer mehr die Rückbindung an die Bevölkerung verloren habe, deren Interessen sie zu vertreten vorgab. Stattdessen hätten ab einem bestimmten Zeitpunkt ihrer Entwicklung die Gewaltanschläge nicht mehr den angeblich verfolgten Zielen gedient, sondern sich gleichsam verselbständigt und die Organisation in eine selbstzerstörerische Konfrontation mit den staatlichen Sicherheitskräften getrieben. Die Strategie der Roten Armee Fraktion sei mit der Zeit zu einer Strategie geworden ohne diesen interessierten „Dritten” — oder, wie Herfried Münkler ironisch gesagt hat, den „angeblich interessierten Dritten”334 —, den man „erziehen” könnte oder wollte. Sie habe sich weniger auf die Erziehung der Massen konzentriert als auf die Zerstörung des Gegners: „Die Wirkung, die man erzielen will, ist nicht das Erwachen des Logikon der Massen, sondern die — wenn auch nur zeitweilige — Zersetzung des Feindes.”335 Dies beinhalte, so Lyotard, die Abschwächung des pädagogischen Elements, das dazu diente, die Sympathien mindestens eines Teils der Bevölkerung zu wecken, deren Interessen die Rote Armee Fraktion zu vertreten vorgab, sowie das Verschwinden des erziehbaren Dritten, „des Kindes als potentiell vernünftiges Subjekt, des Proletariats als potentiell revolutionäres Subjekt”336 aus dem Kräftefeld des Terrorismus. Aus den vormals allgemeinen gesellschaftlichen Zielen des Terrorismus seien Partialinteressen bzw. -ziele geworden. Lyotards Terrorismuskonzeption spiegelt den Solipsismus des postmodernen Diskurses.

„Die Eliminierung des erziehbaren Dritten gehört ebenso zur neuen Perspektive wie die Eliminierung von Finalität, Wahrheit und Einheit; wie ihre Beibehaltung zur alten, in der wir gleichermaßen stecken. Für die erste [d.i.: die neue Perspektive, M. B.] gibt es keinen Körper, der organisiert oder reorganisiert werden müßte, sondern eine Vielzahl von Kleinkriegen und Provokationen. [...] Es wird sich herausstellen, daß es sich dabei immer um eine Art Retorsion handelt, um eine List oder einen Anschlag, durch welche die Kleinen, die ‚Schwachen’ für einen Augenblick stärker als die Stärksten werden.”337

Es ist offensichtlich, dass Lyotard, der anfangs vom marxistischen Terrorismus ausgeht, langsam zu einer Beschreibung der Strategien des ethnischen Terrorismus übergeht. Anders als [Seite 113↓]der marxistische Terrorismus passt der ethnisch-nationalistische Terrorismus besser in Lyotards Konzept, weil Lyotard ja — wie die Postmoderne im allgemeinen — von einer Schwächung des ideologisch-politischen Moments ausgeht und an einer Emanzipation der Marginalisierten arbeiten will. Die Absicht dieses Terrorismus sei es nicht, so Lyotard, „Weltgeschichte” zu machen, sondern die Erschaffung eines „Raums der Minderheiten”, eines „Raums ohne Zentrum”338. Lyotard gesteht dem Terrorismus nur dann Berechtigung zu, wenn sich sein Kampf in einer Art Defensivstrategie gegen ein hegemoniales Zentrum richtet. Wenn der erfolgreich gewesene Terrorismus hingegen versuche, über diesen Kampf hinaus ein neues System auf seiner eigenen Weltsicht zu konstituieren, werde er selber illegal.339 Die Aktionen dieses Terrorismus werden damit zu reinen Strafaktionen des Schwachen gegen den übermächtigen Starken. Sie können den Gegner nur noch vorübergehend destabilisieren, anstatt ihm ihre (Partial-) Wahrheit aufzuzwingen. Deshalb ist eine „Vielzahl von Kleinkriegen und Provokationen” (s.o.), eine unkontrollierte Gewaltspirale ohne legitimes, konstruktives Ziel, die wahrscheinliche, wenn auch fragwürdige Perspektive einer solchen Auseinandersetzung.

Im Terrorismus sieht Lyotard — ebenso wie in den Aktionen der Dekadenz, des aktiven Nihilismus und in der Emanzipation der Minderheiten — das postmoderne Motiv des enttotalisierten, fragmentierten und pluralistischen Denkens Gestalt annehmen. Die besondere Eigenschaft dieses Terrorismus besteht darin, dass er in keiner kritischen (also kommunikativen) Beziehung mehr zum vormaligen Zentrum (einer transzendenten, politischen oder territorialen Ganzheit bzw. Einheit) steht, sondern — im Dienst der „Emanzipation“ — in einer rein zerstörerischen. Die von Lyotard beschriebene Form der Auseinandersetzung bewirkt, wie die Dekadenz, einen Bruch mit dem modernen Ideal des Denkens und des Handelns, das auf die Wirksamkeit der Diskussion und des durch Diskussion erreichten Konsens vertraut.

Die Position Baudrillards bezüglich des Terrorismus ist ebenfalls keine eindeutige. Bei Baudrillard wird der Begriff, unter dem nahezu alle Erscheinungsformen angedrohter und faktischer Gewalttätigkeit subsumiert werden, zu einem Schlagwort340, das in [Seite 114↓]Begriffsbildungen wie „Rechtsterror”, „terroristischer Raum” oder „terroristische Netze”341 der pejorativen Kennzeichnung in fast beliebigen Kontexten dient.

Baudrillard spricht von „dem Terrorismus” ohne situationsspezifische Abgrenzung und ohne Differenzierung. Dennoch fällt, bei genauem Hinsehen, die Verwendung des Wortes in zwei verschiedenen Sinnzusammenhängen auf. Zum einen lässt sich Baudrillard hier wie überall von der ihm eigenen Vorstellung von einer „Allgegenwart des Bösen” leiten, um dann zu diagnostizieren, dass dieses „Böse” auch im Terrorismus auf sich aufmerksam mache. Darüber hinaus leitet sich eine zweite Spielart des Terrorismus, die Baudrillard beschreibt, aus dem ebenfalls bereits bekannten Denkmuster der Deterritorialisierung und der böswilligen Unterwanderung der Gesellschaften durch Elemente der Destabilisierung her; in diesem Zusammenhang sieht Baudrillard den Terrorismus als eine „Strategie der Schwächeverhältnisse”, als Waffe des Schwachen gegen den übermächtigen Starken.

Baudrillards Terrorismuskonzeption ist von allein dreien sicher die absurdeste. Es bleibt zu erinnern, dass Baudrillard in allen menschlichen Gesellschaften ein mehr oder minder verborgenes Potential an Negativität und Destruktion zu diagnostizieren meint. Im Terrorismus sieht Baudrillard dieses zwar verdrängte, doch allgegenwärtige destruktive Potential Gestalt annehmen. Bei diesen individuellen Eruptionen von Gewalt, die in manichäischer Weise dem „Diskurs des Guten” gegenüberstehen, handelt es sich um einen unsystematischen Terrorismus, der seinen Namen eigentlich nicht mehr verdient:

„Der Terrorismus in allen seinen Formen ist der transpolitische Spiegel des Bösen. Denn das wahre, das einzige Problem lautet: wo ist das Böse geblieben? Überall begegnet man einer endlosen Verzerrung der gegenwärtigen Formen des Bösen. In einer Gesellschaft, die aufgrund ihrer Prophylaxe und der Abtötung ihrer natürlichen Referenzen, des Weißwaschens der Gewalt und der Ausrottung aller Keime und aller verfemten Teile und der Schönheitsoperation des Negativen nunmehr mit berechnender Verwaltung und dem Diskurs des Guten zu tun haben will, in einer Gesellschaft, wo es keine Möglichkeit mehr gibt, das Böse auszusprechen, hat es sich in all die uns heimsuchenden viralen und terroristischen Formen verwandelt. Die Macht des Bannfluchs, die Kraft, Böses zu sagen, ist uns abhanden gekommen. Sie taucht dafür woanders wieder auf.”342

Der „Diskurs des Guten” und der Terrorismus sind bei Baudrillard komplementär; sie gehören ebenso zusammen wie Schwarz und Weiß. Sie sind ohne einander nicht denkbar. Diese kompensatorischen Offenbarungen von Unmoral lassen Baudrillard die These vertreten, dass der Terrorismus eine „Strategie des Bösen” sei, auf sein Vorhandensein aufmerksam zu machen: Hacker, die Computersysteme mit Viren infizieren, Börsenspekulanten, die Währungen als Geiseln nehmen, um sich persönlich zu bereichern und kriminelle Einzeltäter stellen diese Vulgär-Formen des Terrorismus dar, die mit seinen politisch-kommunikativen [Seite 115↓]Formen nichts mehr gemein haben. Hier tritt ganz deutlich die eigentliche Unmoral des zerstörerischen Aktes in den Vordergrund: die Philosophie des Terrorismus ist für alle Zwecke geeignet und an sich wertfrei.

Eine zweite Spielart des Terrorismus schreibt sich aus Baudrillards Vorstellung von der Infiltration der stabilen Gesellschaften durch das „Fremde” her. Auch dieser Terrorismus ist kein politischer Kampf zum Zwecke der Verbesserung der Gesellschaft mehr, sondern wird von „Außen” in die Gesellschaft hineingetragen, und zwar von den unterdrückten, benachteiligten, ausgehungerten oder „unterentwickelten” Völkern, denen eine „natürliche Destabilisierung” quasi innewohne. Hier wird der Terrorismus zum Ausdruck einer Wut, in der die Kluft zwischen reichen und armen Völkern, zwischen „gesicherten” Nationen und Ländern mit begrenzter Souveränität und Sicherheit, zwischen Nord und Süd sich ständig vergrößert.

Dieser Terrorismus besitzt, im Unterschied zur rein kriminellen Form von Einzeltätern, noch so etwas wie eine systematische Gesamtstrategie, jedenfalls sofern man einmal vorläufig davon absieht, das Vorhandensein der „Strategie des Bösen” zu bezweifeln. Baudrillard sieht, ebenso wie Lyotard, das Ziel dieses Terrorismus nicht mehr im politischen Erwachen der Massen; dieser Terrorismus beabsichtigt Verunsicherung und agiert eher wie eine Strafaktion, und wie bei Lyotard gibt es für diesen Terrorismus auch bei Baudrillard „nur noch die Frage der Destabilisation”343. Die Aussage, dass sich dieser Terrorismus „überall hin ausbreitet und in alles eindringt”344, deutet zudem auf die Vorstellung hin, dass sich auch der Terrorismus deterritorialisiert habe und keinem (Staats-) Gebiet mehr zugeordnet werden könne.

In der Willkürlichkeit dieser Offenbarungen von Unmoral spiegele sich, so Baudrillard, die Indifferenz der Massen. Der Terrorismus treffe nicht mehr die Verantwortlichen, sondern irgendwen, und verdrehe dadurch das traditionelle „System der Verantwortlichkeiten”. Der terroristische Akt — die willkürliche Geiselnahme, das Bombenattentat in einer Fußgängerzone — sei zur „Grenzform und Karikatur der Verantwortlichkeit” geworden: eine „anonyme, statistische, formelle und aleatorische Form”345, welche die „totale Anonymität und die totale Verantwortlichkeit von uns allen”346 ins Spiel bringe:

„Man lasse eine maximale, leere Verantwortlichkeit zirkulieren und die allgemeine Unverantwortlichkeit und der Gesellschaftsvertrag zerplatzt in tausend Stücke. Die politische Spielregel wird nicht durch die Anwendung von Gewalt abgeschafft, sondern durch die verwirrende Zirkulation von Aktionen und Schuldzuweisungen, von Wirkungen und Ursachen, also durch die verstärkte Zirkulation von eigentlich staatlichen Werten, zum Beispiel Gewalt, Verantwortlichkeit oder Gerechtigkeit.”347


[Seite 116↓]

Auch bei Baudrillard ist der terroristische Akt ein Spiel mit drei Variablen. Lyotard hatte drei Akteure im Wirkungsfeld des Terrorismus benannt: erstens die Terroristen selbst; zweitens die „Apparate des Imperialismus”, die der Terrorismus bekämpfe; und drittens die Bevölkerung, die Schüler, die Massen. Baudrillard hingegen nennt als Beteiligte die Medien, die Terroristen und die Massen. Getreu seiner Dämonologie der Medien vermutet er auch hier eine geheime Affinität des Terrorismus zu den Medien, ohne die Medien gäbe es keinen Terrorismus. Der Terrorismus sei eine Gewalt, die vom Bildschirm komme.348 Die Medien brauchen die Gewalt, die Terroristen wollen Resultate, und die Massen wollen keine Idee, sondern das Spektakel, das Spektakel der Gewalttätigkeit. Unter ihnen herrsche, so Baudrillard, ein völliges Komplizentum.349 In der Blindheit des Terrorismus spiegele sich seine Indifferenz, weil er nicht mehr zwischen Verantwortlichen und Unverantwortlichen, Tätern und Opfern, gesetzlichen und ungesetzlichen Kombattanten unterscheide.

Der Terrorismus ist in Baudrillards Konzeption ein simulativer Akt, der die Logik von Ursache und Wirkung außer Kraft setzt. Er ist ohne Sinn, ohne Ziel, ohne soziale Legitimität und ohne bestimmten Feind. Als bloße Eruption von Gewalttätigkeit weist er weder eine Kontinuität in irgendeiner Geschichte auf, noch stellt er irgendeine politische Idee zur Schau.

„Il faut opérer en partisan partout où il y a des partisans”: mit Partisanen muss man als Partisan kämpfen, soll Napoleon Bonaparte gesagt haben, und diese Ansicht scheint Virilio seinen Betrachtungen zum Terrorismus zugrunde gelegt zu haben. Daraus folgt bereits, dass Virilios Beitrag zum Thema Terrorismus ein pragmatischer ist — er fragt nicht nach seinen Spielarten, Ursachen oder seinen Zielen, sondern er überlegt, ob derjenige, der vom Terrorismus heimgesucht wird, schließlich selber terroristisch werden müsse, um sich der Herausforderung zu stellen.

Virilio stellt den irregulär operierenden Terrorismus dem regulären, staatlichen Verteidigungs- und Sicherheitsapparat gegenüber. Der Terrorismus als eine Strategie der Schwäche beruhe notwendigerweise auf Überraschungseffekten, List, Hinterhalt und einer Taktik der Nadelstiche und Provokationen — würde sich der Terrorist dem zweifellos stärkeren staatlichen Gegner offen preisgeben, würde er sofort vernichtet. Allein die bloße Tatsache, dass ein „richtiger” Kampf stattfinde, bedeute ja in der Praxis, dass zwischen den Kräften beider Seiten ein gewisses, wirkliches oder vermeintliches Gleichgewicht herrsche. Wo dies nicht der Fall sei, werde der Krieg selbst letztlich unmöglich, denn er ende weniger in einer Schlacht als in einem einseitigen Massaker.

Virilio argumentiert: Da sich der Terrorist nicht offen stellt, weil dies auf eine Art Selbstmord hinauslaufen würde, könne der Staat nur dann den Kampf gegen den Terrorismus aufnehmen [Seite 117↓]und gewinnen, wenn er selber ein terroristisches Moment entwickle. Der Grund für dieses Phänomen liege darin, dass der Krieg diejenige menschliche Tätigkeit ist, bei der die Nachahmung die größte Rolle spiele. Sein Geheimnis liege darin, dass man sich in die Lage des Gegners versetzen müsse, um ihn dann schlagen zu können. Daraus folge ein wechselseitiger Lernprozess. Beide Seiten würden ihre taktischen Vorgehensweisen, die eingesetzten Mittel und — vor allem — die Moral den Verhältnissen des Gegners angleichen.

Im Kampf gegen den Terrorismus müsse der Staat also ebenfalls zu terroristischen Mitteln greifen, denn, so Virilio, „als eine Form des mimetischen Drills, des gegenseitigen Lernens an den Greueltaten des anderen ist der Krieg immer eine Schule, eine Universität des gegenseitigen Terrors, in der man seinem Feind langsam aber sicher immer ähnlicher wird, gerade weil man ihn bekämpft”350. Den Bedeutungszuwachs von hochspezialisierten Eingreiftruppen, Sicherheitsfirmen und Privatarmeen betrachtet Virilio als Epiphänomen dieses Wandels der Kriegsführung.

„Will man den Terrorismus überleben, muß man, entsprechend der in diesem Dschungel gültigen Logik, selbst zu diesem ‚Terrorismus’ werden. Infolgedessen ist die Institution des Militärs, die ganze militärische Klasse im Westen wie im Osten, im Norden wie im Süden von der terroristischen Strategie beherrscht.”351

Virilio ist der Ansicht, dass sich diese Akte der Gewalt, sowohl des Terrorismus als auch des Counterterrorismus, der internationalen Kontrolle entziehen, weil sie die herkömmlichen Kontroll- und Abstimmungsinstanzen umgehen. Die Logik des Staatsterrorismus sei eine Logik der „reinsten, überfallartigen Überraschung”, der „Rechtlosigkeit” und der „Willkür”352, die auch für die Politik eine Niederlage darstelle:

„Das Staatsattentat kann niemals ein politischer Erfolg sein, sondern immer nur eine Niederlage der legitimen Macht, der Nachweis für die geradezu angeborene Schwäche der rechtmäßigen Gewalt, eines ‚guten demokratischen Rechts’, die bestrebt ist, sich der unrechtmäßigen Gewalt, der Willkür, dem Chaos der individuellen oder kollektiven Leidenschaften entgegenzustellen. Wenn sich der politische Staat von Leidenschaften lenken läßt, wenn er sich offiziell und systematisch krimineller Methoden bedient, dann setzt er einen selbstmörderischen Prozeß in Gang, der unweigerlich zu seinem Untergang führt, zur militärischen Anarchie, d. h. zu jener Herrschaft einer knechtenden Tyrannei, von denen es seit der Antike bis hin zu den jüngsten Ereignissen [...] eine ganze Reihe von Beispielen gegeben hat.”353

Da sich weder der Terrorismus noch der Counterterrorismus an internationale Konventionen hielten, stelle sich die Frage, „welche höhere Instanz diese grenzenlose Diaspora von [Seite 118↓]Staatsverbrechen, von Kriegshandlungen ohne Krieg noch verhindern könne”354. Damit will Virilio sagen: Wo der Terrorismus schon schwer zu bekämpfen sei, da sei man gegen den Staatsterrorismus erst recht machtlos. Wie bereits das „Klandestine” implizierte, handele es sich auch hier nicht mehr um öffentlich präsente Truppenbewegungen bei Tageslicht, sondern um eine „Kunst der Bewegung nicht sichtbarer Körper”355.

Die Folgen dieses gegenseitigen Lernprozesses, in dessen Verlauf sich beide Seiten immer weiter aneinander angleichen, sieht Virilio in einer Degeneration und Verelendung des Krieges, der die höher organisierten Formen des Kampfes verlässt und auf ein niedrigeres, wenn auch allgegenwärtigeres Niveau wechselt. Durch die Zunahme der irregulären Handlungen ergebe sich die Situation, dass man den Krieg langsam, aber beharrlich „von allen Konventionen, allen Regeln, aller Rücksichtnahme”356 befreie, wodurch letztlich ein Zeitalter der „nicht konventionellen Superkriminalität”357 eingeläutet werde.

Halten wir fest: Lyotard, Baudrillard und Virilio erwarten, dass der große zwischenstaatliche, konventionelle Krieg, der von ideologischen oder politischen Beweggründen getragen wird, von einer Strategie des Terrorismus abgelöst wird. Dieser Terrorismus geht nicht nur von konkreten Bedrohungssituationen aus, sondern seine Gewalt ist, wie auch der „reine Krieg”, offensiv, aleatorisch in seiner Bedrohung, alltäglich und allgegenwärtig. Lyotard sieht diesen Terrorismus im Dienst der Emanzipation der Minderheiten, Baudrillard im Dienst des „Bösen”. Beiden Formen des Terrorismus ist gemeinsam, dass sie jenseits von Ideologie und Politik agieren. Ihre gewaltsamen Aktionen beabsichtigen keine Lösung der Konfliktursache, sondern nur noch eine sinnfreie Provokation und Destabilisierung des Gegners.

Dieser Terrorismus hat sowohl seine politischen Ziele als auch seinen „tellurischen” Charakter (s.u.) verloren; er ist zu einer Art freischwebender Kriminalität geworden. Er steht in Opposition zum Staat, dessen Hierarchien, Zentralismus, Universalismus und geschlossene Räume er, ähnlich wie die „Kriegsmaschine” von Deleuze und Guattari358 oder die von Pierre Clastres untersuchten „primitiven” Gesellschaften359, offensiv ablehnt. Die Bedrohung, die aus der asymmetrischen Gewalt kleiner Gruppen gegen Staaten entsteht, ist zwar nicht ohne jede Kontur, aber sie wird auch dann noch unsichtbar und konkret nicht greifbar sein, wenn man die Drahtzieher eines Anschlags identifiziert und ergriffen hat. Es handelt sich nicht mehr um eine begrenzte, lokalisierbare Feindschaft, die ihre Gefährlichkeit dadurch gewinnt, dass sie mit einem Territorium und einer universalen Ideologie verbunden ist. Der neue Terrorist hat eine nahezu auf einen Punkt geschrumpfte Existenz, vom Beginn seiner Aktion bis zum [Seite 119↓]erfolgreichen oder erfolglosen Ende. Die Unsichtbarkeit des konkreten Feindes und die Absolutheit der von ihm verkörperten, kaum je ganz verständlichen Feindschaft sind ein Novum.

Angesichts der ständigen Provokationen des Terrorismus erwartet Virilio, dass die Strategie des irregulären Kleinkriegs, die dem Terrorismus zugrunde liegt, auch auf den Gegner übergreifen werde, da der Terrorismus letztlich nur mit seinen eigenen Mitteln bekämpft werden könne. Terroristische Aktionen setzen sich gezielt über die jeweils geltenden rechtlichen und moralischen Konventionen hinweg, sie zeichnen sich durch besondere Unmenschlichkeit, Willkür und Brutalität aus. Der Krieg findet bei Tageslicht statt und die Identität des Gegners ist kein Geheimnis; der Terrorismus hingegen hält sich an keine Kriegserklärung und findet auch in Friedenszeiten statt. Der Staat muss nach außen hin das Territorium, notfalls durch Kriegsführung, schützen und nach innen hin die allgemeine Sicherheit und Ordnung durch Bekämpfung der Kriminalität aufrechterhalten. Der Terrorismus zählt weder zur einen noch zur anderen Herausforderung für den Staatsapparat, er kennt keine Grenzen, kein Innen und kein Außen, noch Front und Hinterland: er annihiliert das Raumprinzip. Jeder kann ihn verüben, jeden kann es treffen: im Terrorismus kommt es zu einer Aufhebung des Unterschieds von Kombattanten und Zivilisten auf der Opfer- und der Täterseite. Noch bei Partisanen oder Guerilleros wird, ungeachtet ihrer irregulären Kampfweise, die Scheidelinie zwischen Kombattanten und Zivilisten, zumindest im Prinzip, respektiert, während sich die Terroristen nicht scheuen, beliebige Zivilpersonen zu Trägern ihrer Botschaften zu machen. In der hier vorliegenden Konzeption des Terrorismus kulminieren alle der bereits zuvor diagnostizierten Auflösungserscheinungen der Unterscheidungen. Das Ergebnis ist ein Zustand der Indifferenz und Regellosigkeit, der sich nur noch schwer überwinden lässt, da sich die Regeln, einmal gebrochen, nicht ohne weiteres wieder zur Geltung bringen lassen.

Zu den vorliegenden Konzeptionen eines „postmodernen” Terrorismus lassen sich Einwände anbringen. Angefangen damit, dass das Wort „postmodern”, wie in den vorangegangenen Kapiteln, wenig wirklich „postmoderne“ Inhalte transportiert. Das betrifft fast alle der hier getroffenen Aussagen, ob es sich nun um seine „Strategie der Schwäche”, seine staatsfeindliche Option, seine unpolitische Disposition, seinen deterritorialisierten Charakter oder die Rolle der Medien im terroristischen Kalkül handelt.

Nicht nur der postmoderne Terrorismus, so es denn einen solchen gibt, optiert gegen das Prinzip des Staates. Der Terrorismus als solcher wurde von Anfang an als antistaatliche Strategie definiert, die folglich stets die Absicht einer zumindest teilweisen Korrektur der bestehenden Machtordnung impliziert.360 Der Terrorismus war zudem immer eine Strategie der Schwäche, die bevorzugte Gewaltstrategie relativ schwacher Gruppen, weil diese Gruppen [Seite 120↓]nicht stark genug sind bzw. waren, um ein Stück des nationalen Territoriums militärisch zu besetzen und der Staatsmacht offen Widerstand bieten zu können. Deshalb tauchen sie in die Illegalität ab und operieren im Geheimen. Im Terrorismus handelt es sich, ob heute oder vor hundert Jahren, immer um eine „Verlegenheitsstrategie” mangels alternativer Möglichkeiten des offenen Aufbegehrens.361

Auch die Behauptung, dass der Terrorismus heute keine politisch-kommunikativen Ziele mehr habe, ist nicht haltbar. Zwar wird ein großes Ausmaß der Vernichtung, die der Terrorismus anrichtet, als Verzicht auf Kommunikation beziehungsweise politische Überzeugungsarbeit bewertet, wie etwa bei Walter Laqueur. Laqueur meint, dass sich Terroristen nur dann Waffen mit extrem hohem Vernichtungsgrad bedienen, etwa genozidal wirkende Bomben oder biologische Waffen, wenn „ihr Ziel nicht politische Veränderung, sondern Vernichtung des Gegners ist”362. Dennoch wollen sowohl der sozialrevolutionäre als auch der ethnisch-nationalistische Terrorismus politische Veränderungen, und auch der „religiöse” Terrorismus hat seine Ziele: So verlangte Osama Bin Laden, der sich für die Anschläge auf das World Trade Center verantwortlich erklärte, in einer vom katarischen Sender Al-Dschazira mehrfach ausgestrahlten Videoaufzeichnung die Lösung des Palästinenserproblems und den Abzug der „ungläubigen Armeen” aus Saudi-Arabien. Der Terrorismus hat eine Botschaft und trachtet danach, diese möglichst vielen Menschen mitzuteilen. Peter Waldmann hat dazu gesagt: „Dem Terroristen geht es nicht um den eigentlichen Zerstörungseffekt seiner Aktionen. Diese sind nur ein Mittel, eine Art Signal, um einer Vielzahl von Menschen etwas mitzuteilen. Terrorismus, das gilt es festzuhalten, ist primär eine Kommunikationsstrategie.”363 Die medien-pessimistische Disposition der hier untersuchten postmodernen Theoretiker gibt jedoch die kommunikative Funktion des Terrorismus nicht wider.

Auch Baudrillards implizite Aussage, dass sich der neue Terrorismus „überall hin ausbreitet und in alles eindringt”364, sich also deterritorialisiert habe und keinem Staatsgebiet mehr zugeordnet werden könne, ist nicht wirklich neu. Der Unterschied des Terroristen vom Partisanen besteht ja gerade darin, dass der Terrorist, wie es Carl Schmitt formuliert hat, seinen „tellurischen Charakter”365 verloren habe. „Tellurisch” meint hier die „Verbindung mit dem Boden, mit der autochthonen Bevölkerung und der geographischen Eigenart des Landes”366, und damit eine räumliche Begrenzung der Feindschaft. Nur durch seinen tellurischen Charakter sei die Situation des Partisanen trotz seiner taktischen Beweglichkeit defensiv geblieben. Hingegen ist der Terrorist immer der Gefahr der „Entortung” erlegen, indem er sich mit der [Seite 121↓]absoluten Aggressivität einer religiösen, weltrevolutionären oder einer technizistischen Ideologie identifizierte.367.

Baudrillard richtet, analog zu seiner Theorie der Simulation, das Augenmerk stark auf die Verbindung des Terrorismus mit den Medien und suggeriert so dem Leser, dass die Medien heute eine neue und herausragende Rolle bei der Planung und Durchführung eines terroristischen Anschlags spielen würden. Doch auch die Bedeutung der Medien ist nicht neu; seit dem Aufkommen des modernen Terrorismus ist sein Konzept eng mit der Berichterstattung der Medien verbunden. Die terroristische Gewalt ist primär eine symbolische Gewalt, Zeichen, Botschaft, Kommunikationsstrategie, und daher sind die Medien integraler Bestandteil der terroristischen Strategie. Sie bilden gewissermaßen den Übersetzungsmechanismus zwischen der isolierten Tat und deren beabsichtigten sozialpsychologischen Folgewirkungen. Die enge Symbiose des Terrorismus mit den Massenmedien (etwa der Massenpresse) zeichnete sich bereits zu Beginn des Ära des modernen Terrorismus ab, und sie hat seither nichts von ihrer Bedeutung verloren oder gewonnen.368 Zu den ersten, welche die potentielle Wirkkraft der Medien erkannten und für ihre Zwecke nutzten, gehörten die russischen Anarchisten.

Gleiches gilt für Virilios These, dass der Terrorismus heute zu einer Schwächung des rechtsstaatlichen Prinzips und zu einem Einbruch des Irregulären führen würde, indem der Staat auf die Herausforderung durch den Terrorismus selber terroristisch reagiere. Dieses ist ein terroristisches Kalkül, das auch der moderne sozialrevolutionäre Terrorismus, etwa der Roten Armee Fraktion, angewandt hat, der es darum ging, „den Staat durch provokative Gewaltakte dazu zu zwingen, seine heuchlerische rechtsstaatlich-demokratische Fassade abzustreifen”369 und sein wahres, repressives Gesicht zu zeigen. Dass der Staat überreagiert und selber terroristisch reagiert, was dann — so das terroristische Kalkül — auf eine Mobilisierung der Massen hinauslaufe, ist keine beklagenswerte Begleiterscheinung unserer Tage, sondern ein zeitloser Wille bzw. Strategie des Terrorismus selbst.

Ein weiteres Mal zeigt sich, dass das Konzept der „Postmoderne” mit Skepsis betrachtet werden sollte. Es scheint kaum „genuin” postmoderne Inhalte zu geben. Diese sind ein Sammelsurium von Epiphänomenen, die postmoderne Autoren nach oberflächlicher Betrachtung auswählen und dann als postmodern etikettieren. Das Wort „postmodern” transportiert Inhalte, manchmal einfach Schlagworte, die es willkürlich in sein Konzept aufgenommen hat, ohne nach ihren Definitionen, Zusammenhängen oder geschichtlichen Bedeutungen zu fragen.


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4.7  Resümee 2: Die Indifferenz der Postmoderne

Was in den vorangegangenen Betrachtungen zur Sprache gekommen ist, ist ein Auszug des vorstellenden Denkens aus den geordneten, überschaubaren Kategorien der Moderne in die amorphen Welten einer postmodernen Kultur. Die morphologische Indifferenz, die in diesem Kapitel noch einmal zusammengefasst werden soll, korrespondiert mit der bereits diagnostizierten Regellosigkeit, welche sich aus dem Verlust des transzendentalen Wahrheitsbegriffs und der daraus resultierenden Orientierungslosigkeit über gemeinschaftliche Werte und Ziele herschreibt. Nachdenklich sollte uns stimmen, dass diese Regel- und Unterscheidungslosigkeit, welche der postmoderne philosophische Diskurs beinhaltet, dem postmodernen Telos der freien, emanzipierten Minderheiten in krassem Widerspruch gegenübersteht.

Der postmoderne philosophische Diskurs geht ursprünglich von einer als negativ und gefährlich erlebten Vereinheitlichung der Unterschiede aus und setzt dagegen eine Universalisierung des Differenten, die ihrerseits wieder — gerade wegen ihrer Universalität — regelkreisartig in eine Entdifferenzierung umschlägt. Als schicksalhaft für das ganze postmoderne Theoriegebäude erweist sich der Umstand, dass das Ende der Unterscheidungsmöglichkeiten aber auch das Ende der Differenz markiert. Indessen war die Erstarkung des Differenten das erklärte Ziel der postmodernen Philosophie. Damit erweist sich die Indifferenz als ein weiterer grundsätzlicher Widerspruch der Postmoderne. Die postmodernen Denkanweisungen bewirken keine Rehabilitierung der Unterschiede, sondern eine fundamentale Entdifferenzierung.

Im Folgenden soll noch einmal zusammenfassend dargestellt werden, wie alle für die Darstellung eines postmodernen Konfliktszenarios entscheidenden Kategorien von dieser Reziprozität betroffen sind: die Grundoppositionen von Innen – Außen, Zentrum – Peripherie, Öffentlich – Privat, Global – Lokal, Krieg – Frieden werden, wie zudem die Abgrenzung des Militärischen vom Nichtmilitärischen, von Kombattanten und Zivilisten, völlig entwertet. Wird auch noch die Irrationalität der Postmoderne in diesen Kontext aufgenommen, welche sich ebenso in der Veränderung der Legitimationsgrundlagen eines Konflikts wie in einer zu erwartenden Abkehr von den Normen des Rechts manifestiert, verschwimmt die Grenze zwischen Krieg und Verbrechen. Baudrillard hat diese Veränderungen in Richtung Indifferenz und Regellosigkeit auf einen Nenner gebracht, als er schrieb: „Was von dem geordneten Universum übrig bleibt, ist eine völlig verdorbene Weltgesellschaft, ein einziges Imperium, nämlich das der Vermischung, eine neue Welt-Unordnung.”370

Dieses Szenario der Regel- und Unterscheidungslosigkeit steht mitunter in einer Analogie zu unserer Lebenswirklichkeit; es erscheint oft „irgendwie evident”. Dennoch wäre es kurzsichtig, zu übersehen, dass das postmoderne Denken lediglich einen Beitrag zur Beschreibung unserer Lebenswirklichkeit, weniger aber zu ihrer Erklärung bieten kann. Wie bereits bei der Darstellung und Diskussion der ein postmodernes Konfliktszenario beschreibenden [Seite 123↓]Epiphänomene im Einzelnen festgestellt wurde, halten die Begründungen, welche die hier untersuchten Autoren zu ihrer Entstehung anführen, nur in Ausnahmefällen einer ernsthaften Betrachtung stand. Die Welt entnimmt nichts der postmodernen Theorie, die diese Gestaltungsmacht nicht hat. Vielmehr entnimmt das postmoderne Denken sehr viel der Welt, die sie aber nicht zu schaffen vermag.

Der hier diagnostizierten Reziprozität, welche der postmoderne philosophische Diskurs beinhaltet, steht eine Reihe sehr sorgfältig getroffener und mit großem Aufwand teilweise bis heute auseinander gehaltener Unterscheidungen gegenüber, welche die Moderne in ihrem Verlauf aufgebaut hat. Dazu gehören nicht nur die bereits genannten transzendentalen Unterscheidungen von wahr und falsch, gut und böse etc., die Gegenstand des vorangegangenen Teils dieser Arbeit waren, sondern auch ganz praktische, ein Konflikt-Szenario unmittelbar beschreibende Unterscheidungen, deren charakteristischstes Merkmal sicher die dreifache Arbeitsteilung zwischen der Regierung, Armee und Zivilbevölkerung ist. Diese so genannten „trinitarischen Unterscheidungen” tragen seit dem Westfälischen Frieden von 1648, der die Ära der Staaten in Europa einläutete, dieser Arbeitsteilung Rechnung. Um sich von der „vormodernen Formlosigkeit” der Konflikte vor 1648 abzuheben, hat das moderne Denken nicht nur die trinitarischen, sondern viele solcher Unterscheidungen aufgebaut. Die heutigen Unterscheidungen von Soldaten und Zivilisten, Kombattanten und Nichtkombattanten, der territorialen Zonen von Front und Hinterland, sowie auf zeitlicher Ebene zwischen Krieg und Frieden selbst sind ausschließlich moderne Erfindungen. Diese Unterscheidungen erlauben es, zwischen Krieg und Verbrechen zu unterscheiden und ermöglichen ein beurteilbares Zusammenspiel der Beteiligten.

Betrachten wir die vorausgegangenen Abschnitte dieser Arbeit, so wird deutlich, dass diese Unterscheidungen vor dem Hintergrund der postmodernen Theorie nicht weiter von Bedeutung sind. Der postmoderne philosophische Diskurs zeichnet ein nahezu indifferentes Universum, in dem es nicht nur zum Zusammenbruch des traditionellen Raumbegriffs, zur Auflösung der traditionellen Gegensatzpaare innen und außen, global und lokal kommt, und damit verbunden auch die räumliche Trennung von Front und Hinterland. Diagnostiziert wurde zudem eine Erosion der natürlichen Größen, der zeitlichen Abgrenzungen des Kriegs vom Frieden, sowie der Trennung des Militärischen vom Nichtmilitärischen auf der Täter- und der Opferseite des postmodernen Krieges. Der Irrationalismus postmodernen Gedankenguts und die Ablehnung jeder Superstruktur führen zudem zu einer Abkehr von den Rationalisierungsbestrebungen der Moderne. Die Folgen dieses Chaos und dieser Indifferenz sind so schwer wiegend, dass sie auch hier letztlich als ein Zustand der Regellosigkeit bezeichnet werden können.

Betrachten wir zuerst die Auflösung der traditionellen Gegensatzpaare von innen und außen, global und lokal. Ihre Dekonstruktion wurde in den vorangegangenen Kapiteln als eine Folge des postmodernen Raumverfalls dargestellt, in dessen Verlauf der territorialen Zergliederung der Welt ein deterritorialisiertes Raster auferlegt wird. In den postmodernen Raummodellen ist [Seite 124↓]die Innen-Außen-Dichotomie nicht von Belang, sie entsprechen eher proteischen dreidimensionalen Hologrammen als zweidimensional darstellbaren politischen Landkarten. Für den Verfall der traditionellen Raumauffassung haben die Autoren unterschiedliche Ursachen aufgeführt; einerseits sehen sie dies, wie bei Lyotard, durch die Delegitimation von Hegemonial- und Herrschaftsansprüchen beziehungsweise das Anwachsen kultureller Unabhängigkeitsbestrebungen geschehen, die zum Verfall des einheitlichen, mit zentralistischem Diskurs ausgestatteten Territoriums führen — ein Vorgang, der bei Lyotard unter dem Stichwort „Emanzipation von Minderheiten” diskutiert wird.

Der von Baudrillard diagnostizierte Raumverfall durch Überkomplexität beinhaltet hingegen, dass politische Topographien durch ihre eigene Komplexität und Größe dysfunktional werden und zerfallen, und dass sich die Zerfallsprodukte anschließend gleichsam „entropisch“ über die ganze Welt verstreuen. Wo vorher die Bedrohung im Rahmen eines Staatsgebiets oder eines Blocks von Staaten territorial eingegrenzt und damit sowohl „außerhalb” als auch „sichtbar” war, ist sie nun nicht nur verstreut und in der Zahl vervielfacht, sondern sogar ganz außerhalb des räumlichen Kontext geraten, weil sie sich keinem Territorium mehr zuordnen lässt. Das Zusammenrücken der Welt vollzieht sich auch durch die globalen Auswirkungen lokaler Katastrophen und durch die Umweltzerstörung: Reaktorkatastrophen wie in Tschernobyl oder lokale Konflikte, die durch ihre große Umweltzerstörung global werden (etwa im Golfkrieg 1991 die brennenden Ölfelder von Kuwait). Zum selben Denkmuster der „Verunreinigung” durch unkontrollierte Verstreuung gehört auch die von Baudrillard und Virilio erwartete Proliferation von Massenvernichtungswaffen, die einem lokalen Krieg ebenfalls globale Bedeutung verleihen kann.

Der Zusammenfall des Innen und Außen, des Lokalen und Globalen, und damit verbunden von Front und Hinterland wird auch von Virilios Theorie der Deterritorialisierung gestützt. Nicht nur die beschleunigte Datenübertragung, sondern auch die technische Geschwindigkeit des Krieges, seine Transportvektoren und Trägerraketen annihilieren den territorialen Raum mit seiner Ausdehnung und Dauer. Sie macht die physische Entfernung nebensächlich. In der Deterritorialisierung zerfallen die natürlichen Größen, Zeiten und räumlichen Dimensionen. Der lichtschnelle Informationsaustausch und die „allgemeine Deterritorialisierung der menschlichen Aktivitäten” führen Virilio zu einer ähnlichen „Verschmutzungstheorie” wie Baudrillard, nur dass sich diese Verschmutzung nicht auf die xenophobische Vorstellung von einer Verunreinigung durch das „Fremde” bezieht (wie bei Baudrillard), sondern auf die „Verschmutzung der natürlichen Größen”, die „den Maßstab, die Dimension der Erde, auf ein Nichts reduziert”371.

Auch durch den Terrorismus, den Lyotard, Baudrillard und Virilio für die Gewaltform der Zukunft halten, geht die metaphysisch wie praktisch wichtige Unterscheidung zwischen Innen und Außen bzw. Front und Hinterland verloren. Traditionell setzt der äußere Notstand voraus, [Seite 125↓]dass ein Staat von außen angegriffen wird — von Streitkräften anderer Staaten, hätte man vor kurzem noch hinzugefügt. Heute spricht manches dafür, auch terroristische Attacken als einen solchen Angriff anzusehen. Terroristengruppen und ähnliche bewaffnete Gruppen weisen nicht dieselbe komplexe Organisationsform wie moderne Heere auf; ihre Mitglieder haben sich nicht von der Gesellschaft abgesondert, wie sie es der trinitarischen Doktrin nach müssten. Vielmehr sind sie diese Gesellschaft. Die Wirkung terroristischer Anschläge und ihre militärische Steuerung zeigen, dass sich innere und äußere Sicherheit kaum noch trennen lassen: „Die Front ist nirgends, der Feind ist überall; die Schnelligkeit der Konflikte hat nicht nur das Gesicht des Kriegers, die Form der Waffen, den Umriss der Gebäude, sie hat die Front zum Verschwinden gebracht.”372

Zweitens führen die Unmittelbarkeit und die Allgegenwart der verschiedenen zum Einsatz kommenden Mittel nicht nur zu einer Verfälschung der räumlichen Begriffe „vor” und „hinter” der Front (der Unterscheidung zwischen Front und Hinterland), sondern auch zu einem Bedeutungsverlust der zeitlichen Begriffe von Kriegs- und Friedenszeiten. Zum einen lässt die Simulation, deren Wirkungen sich zeitlich weit über den eigentlichen Einsatz hinaus erstrecken, diese Grenze verschwinden. Die mediale Simulation, deren Echtzeit keine Dauer, keinen Abstand, keine kritische Distanz mehr zulässt, bewirkt in diesem Szenario nicht nur, wie die Dekadenz der Wahrheit, eine Auflösung des Gegensatzes von wahr und falsch — nicht theoretisch durch eine Schwächung des metaphysischen Wahrheitsbegriffs, sondern ganz praktisch auf der Ebene der Wahrnehmung medialer Inszenierungen. Darüber hinaus kann das „weiße Rauschen” der Simulation auch wie eine Waffe benutzt werden, um im Rahmen einer besonderen Strategie der Täuschung bzw. Manipulation die Möglichkeit des Erscheinens von Fakten zu unterbinden. Die Strategie der Desinformation durch Überinformation richtet sich nicht mehr gegen einen äußeren Feind, sondern nach innen, gegen die eigene Bevölkerung. Die Kommunikationswaffen verwischen die Grenze zwischen Krieg und Frieden, weil sie sowohl in Kriegs- als auch in Friedenszeiten wirksam sind, während seiner Vorbereitungs- und Nachbereitungsphase, die sich zeitlich längst nicht mehr mit dem eigentlichen Einsatz deckt. Auch eine eindeutige Unterscheidung zwischen einer Offensive und einer Defensive machen die Kommunikationswaffen des Informationskrieges unmöglich, weil sich die Strategie des Informationskrieges im Rahmen von, wie man sagt, „vorgreifenden” Maßnahmen entfaltet.

Zum anderen trägt auch hier die schwer greifbare, allgegenwärtige Bedrohung durch den Terrorismus zum Verschwimmen der Grenze zwischen Krieg und Frieden bei. Die Bedrohung durch den Terrorismus ist allgegenwärtig und immer aktuell. Länder, die sich durch eine solche Gefahr bedroht fühlen, richten sich nicht mehr allein gegen einen Feind im konkreten Kriegsfall. Im Rahmen von vorgreifenden Maßnahmen bzw. vorbeugendem Handeln („pre-emptive actions”) wird ein Angriffskrieg bereits dann für gerechtfertigt gehalten, sobald ein [Seite 126↓]Staat bzw. eine Organisation als Bedrohung empfunden wird, gleichgültig ob er feindselige Handlungen begangen hat oder nicht. Virilio hat diesen Zustand, der zeitlich nicht mehr eindeutig zwischen Krieg und Frieden unterscheidet, als „reinen Krieg” bezeichnet. Der „reine Krieg” ist in Virilios Terminologie kein Krieg, der erklärt wird, sondern ein permanenter Krieg; eine allgegenwärtige und alltägliche Kriegspraxis, wie im Mittelalter. Statt der Situation des „relativen Friedens” (des Kalten Krieges) komme es heute zu einer „transpolitischen Inversion eines relativen Krieges”373.

Die dritte Kategorie der Unterscheidungen, deren Auflösung sich in einem postmodernen Konfliktszenario andeutet, ist die sorgfältige Trennung des Militärischen vom Zivilen, was sich insbesondere auf die Unterscheidung von Soldaten und Zivilisten problematisch auswirkt. Eine Erosion dieser Unterscheidungen schafft Probleme mit der Terminologie und Klassifizierung. Außerdem ermöglicht allein die Differenzierung zwischen Militärischem und Zivilem, zwischen Krieg und Verbrechen zu unterscheiden.

Die Unterscheidung von Soldaten und Zivilisten wird hier sowohl auf der Opfer- als auch auf der Täterseite angetastet. Virilios „chronopolitischer“ Krieg, der auf der Leistung der Transport- und Trägervektoren aufbaut, wird von Fachleuten und Spezialisten aus weiter Entfernung gemanagt, weil durch die Geschwindigkeit die Bedeutung der physischen Entfernung, und damit auch des direkten Kampfeinsatzes, abgeschwächt wird. Damit fallen nicht nur Zivilisten den Kampfhandlungen zum Opfer. Zudem finden sich Zivilisten nicht nur auf der Opfer-, sondern auch auf der Täterseite wieder.374 Als Forscher im Bereich der Chemie und der Atomphysik arbeiten sie in den Arsenalen, in denen hochtechnologisierte Waffen hergestellt werden, sie arbeiten in Produktionslaboratorien für Viren oder Keime jeder Art, die durch vollautomatisierte Waffen in weiter Entfernung eingesetzt werden: „Söldner sind nicht nur Kämpfer, sondern auf der Zivilistenseite auch technische Ratgeber und Ingenieure.”375

Die Kommunikationswaffen der Simulation entfalten ihre Wirkung ebenfalls in einem Umfeld, in dem sich Zivilisten auf der Opfer- und der Täterseite befinden. Virilio sieht ein „Verschwinden der letzten nationalen Streitkräfte zugunsten der Fachleute des neuen Wissenschaftskrieges”376. Dadurch sind Militärs wie Zivilisten verantwortlich für den „apokalyptischen Charakter” des Krieges, wobei sie sich nur durch die Ebenen der Verantwortung voneinander unterscheiden (Wissenschaftler, Befehlshaber, Wirtschaftsführer, Medienunternehmer).

Auch der Terrorismus als bevorzugte Gewaltform der Postmoderne unterscheidet nicht mehr zwischen Zivilisten und Soldaten. Der Feind ist unauffindbar, in dem Sinne, dass irgendwo [Seite 127↓]noch ein Feind ist, wenngleich untergetaucht und verstreut, ungreifbar, verwoben mit der zivilen Gesellschaft und damit mit jedem Einzelnen. Gleichzeitig trifft auch der Terrorismus nicht mehr die Verantwortlichen, sondern irgendwen. Nach Baudrillard spiegeln sich in der Willkür des Terrorismus und in seiner aleatorischen Bedrohung die Indifferenz und die Verantwortungslosigkeit der Massen. Auch hier kommt es, auf Opfer- wie Täterseite, zur Aufhebung des Unterschiedes von Kombattanten und Zivilisten. Auch hier wieder ein absurder Regelkreis: Virilio prognostiziert, dass, wer den Terrorismus bekämpfe, mit der Zeit vermutlich selber terroristisch handle.

Der Zusammenfall des Militärischen mit dem Zivilen erlaubt Ausblicke auf das Problem, dass das traditionelle Gewaltmonopol des Staates untergraben wird. Die Vorstellung, dass der Staat das Gewaltmonopol einer Gesellschaft innehabe, geht bis auf Clausewitz zurück, der 1832 Satz prägte, dass „Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln” sei. Clausewitz meint „Staatspolitik”, wenn er „Politik” sagt; seine Definition des Krieges baut auf der Existenz des Staates auf. Der Satz vom Krieg als „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln” besagt, dass der Krieg ein Instrument in den Händen eines Staates bilde, und dass der Krieg damit der politischen Regierung eines Staates untergeordnet sei. Daher kann organisierte Gewalt nach Clausewitz nur als Krieg bezeichnet werden, wenn sie vom Staat, für den Staat und gegen einen Staat ausgetragen wird. Zerfällt dieser Beziehungszusammenhang, der sich in den trinitarischen Unterscheidungen von Volk, Staat und Armee ausdrückt, so lässt sich ein postmodernes Konfliktszenario nicht mehr mit den Vorstellungen und den Begriffen des Westfälischen Friedens beschreiben, bzw. seines Systems der internationalen Beziehungen von souveränen Staaten, die dieser Vorstellung nach die einzigen wichtigen Akteure sind. Dies führt zu einer unüberschaubaren Gewalt-Oligopolie. Virilio erwartet, dass es zu einer Vermischung des Gewalttätigen und Kriminellen mit den Finanzinteressen der anderen oder mit dem organisierten Verbrechen käme. Ohne sich für irgendeine Form nationaler oder anderer sesshafter Fixierung zu interessieren, sehen die Kleinverdiener des Verbrechens ebenso wie die großen kriminellen Vereinigungen ihr lokales Handwerk stark aufgewertet. Diese Veränderung führt nicht zu einer Balkanisierung oder Libanisierung der Gesellschaften, sondern zu ihrer Sizilianisierung377 — zu einer Rückkehr „zu den kriegerischen Auseinandersetzungen des 15. Jahrhunderts [...], zu den Condottieri und den großen Räuberregimentern, die im Zeitalter der Privatfehden die europäischen Landstriche ausplünderten [...]. Es bedarf schließlich nur kleiner Mengen Geld und eines großen religiösen oder wie auch immer gearteten Charismas, um sich innerhalb kurzer Zeit mit einer ‚paramilitärischen’ Mörderbande zu umgeben. Dieses Phänomen ist sowohl auf dem Balkan als auch in Medellin oder im goldenen Drogendreieck von Burma zu beobachten, ganz zu schweigen von den Mafias in Russland und anderorts.”378 Diese Prognose beinhaltet, dass die Dimension des „wirklichen Krieges” zugunsten der Dimension der „großen Verbrechen”, wie etwa im Mittelalter, aufgegeben wird.


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Der postmoderne philosophische Diskurs beinhaltet, darauf wurde bereits hingewiesen, dass im eingetretenen Konfliktfall keinerlei gemeinsame Orientierungsmuster mehr zur Verfügung stehen, die dabei helfen könnten, einen Konflikt friedlich zu bearbeiten, weil die Postmoderne zusammen mit der Universalität auch jede Möglichkeit einer Vermittlung durch eine unparteiische Superstruktur begraben hat. Von der Ablehnung des Universellen sind natürlich nicht nur die Menschenrechte, sondern z.B. auch das Kriegsrecht betroffen. Die Entwicklung des Kriegsrechts schreibt sich aus der Annahme her, dass es sich beim Krieg um eine Angelegenheit handeln würde, die sich wie jede andere Wissenschaft rationalisieren ließe. Diese Annahme schlägt sich seit Beginn der Neuzeit in zahlreichen Erklärungen und Konventionen nieder — etwa der Deklaration von St. Petersburg 1868, der Genfer Konvention 1906, der Haager Konvention 1907. Zwar hat es schon immer Abmachungen über den Verlauf und die Regeln eines Krieges gegeben, doch noch im Mittelalter fehlte diesen Abkommen der Grad der Universalität, den die Konventionen der Moderne für sich beanspruchen. Das Kriegsrecht regelt die Rechte und Pflichten kriegführender Staaten, auch wenn in der Praxis, wie gegen jedes Gesetz, häufig dagegen verstoßen wird. Es verhindert, dass das Geschehen in wahllose Gewalt abgleitet und ermöglicht ein beurteilbares Zusammenspiel der Beteiligten. Es definiert die Trennlinie zwischen Krieg und Mord.

In einer postmodernen Welt, in der sich viele Akteure so unterschiedlicher Couleur bewegen, die vor unterschiedlichen Hintergründen agieren, ließe sich keine der Erzählungen, die politisches Handeln bisher so stark geprägt haben, auf eine Meta-Ebene bringen. Wenn dieses Szenario dann auch noch der Veränderung der Legitimationsgrundlagen Rechnung tragen soll, muss der völligen morphologischen Indifferenz hinzugefügt werden, dass der Irrationalismus der Postmoderne auch zu einer Abkehr von den Rationalisierungsprozessen der Moderne führen wird. Dies führt nicht nur zu einer Anerkennung des Egoismus, zum Streben nach dem persönlichen Vorteil der Individuen, sondern auch zum Verlust aller Werte und Zwänge, aller Regeln und Beschränkungen. Die eigentliche Bedrohung dieses Szenarios liegt also nicht in einem ideologisch begründeten Dritten Weltkrieg, sondern im Zerfall der Ordnung, einer „katastrophischen Bastardisierung”379, der „chronischen Erkrankung”380 der Welt. Sylvère Lotringer hat dazu im Gespräch mit Virilio gesagt: „Der reine Krieg ist ein Konflikt, der tendenziell kein einziges der Ziele mehr hat, die man herkömmlicherweise dem Krieg zuschrieb. So paradox es klingen mag: er ist deshalb gewiß umso schwieriger zu bändigen.”381

Im postmodernen philosophischen Diskurs wird der Differenz eine quasi „ontologische Dignität” (Wolfgang Kramer) zuerkannt. Deren Anerkennung und Sicherung war ursprünglich das zentrale Anliegen der Postmoderne. Dem steht gegenüber, dass eine postmoderne Erosion [Seite 129↓]der Unterscheidungsmöglichkeiten der Differenz die Grundlagen entzieht. Eine grundlegende Regel- und Unterscheidungslosigkeit auf allen Ebenen ist der eigentliche Inhalt des postmodernen philosophischen Diskurses. Sie ist gleichbedeutend mit Unfreiheit: Wo die Moderne an einer Erweiterung von Optionsmöglichkeiten für den Einzelnen arbeitet, an einer ständigen Ausdifferenzierung und Komplexitätssteigerung auf allen Ebenen, bewirkt der postmoderne Komplexitätsabfall einen Rückschritt in der individuellen Entscheidungs- und Handlungsfreiheit, denn die Unterscheidungslosigkeit beschneidet auch die Möglichkeiten der Wahl. Was wir daraus schließen können: Nicht die Differenz, sondern die Indifferenz bzw. das „weiße Rauschen” auf strukturaler Ebene ist die ontologische Dignität der Postmoderne.

Es wäre ein Fehler von großer Kurzsichtigkeit, diese Indifferenz bzw. Entdifferenzierung einfach mit Vergleichgültigung gleichzusetzen, wie es bei Baudrillard geschieht. Entdifferenzierung birgt in sich erhebliche Gefahren, z.B. des Identitätsverlusts und des Versuchs, Identität bzw. Distinktion gewaltsam wieder herzustellen. In „Ausstoßung und Verfolgung” hat René Girard darauf hingewiesen, dass die Entdifferenzierung ein wesentlicher Bestandteil menschlicher „Ursprungsmythen” sei: am „Anfang” sei sich alles gleich, es gebe keine scharfen Unterscheidungen, alles gehe ineinander auf. Diese mythische Entdifferenzierung werde als beängstigend und gefährlich erlebt. Die „uranfängliche” Entdifferenzierung bzw. das „ursprüngliche” Chaos brächen vor allem in Krisenzeiten (Kriege, Katastrophen, Krankheitsepidemien) wieder über die Menschen herein, die als Entdifferenzierungsprozesse erlebt und erfahren würden: das Unglück nivelliere die Unterschiede und mache alle gleich.382 Infolgedessen habe die Entdifferenzierung, so Girard, immer einen stark konfliktuellen Charakter: „Die voneinander nicht Unterschiedenen bekämpfen sich unablässig, um sich voneinander zu unterscheiden. [...] Es ist also immer die zu schnelle und sichtbare schlechte Reziprozität, die zur Vereinheitlichung der Verhaltensweisen in jenen großen sozialen Krisen führt, die wie von selbst kollektive Verfolgungen auszulösen vermögen.”383 Girard sieht als Folge der Entdifferenzierung den Versuch, Identität künstlich und gewalttätig wiederherzustellen, was zur Absonderung und Ausstoßung des Fremden und Anderen führe. Da sich der postmoderne philosophische Diskurs aber ursprünglich ex negativo als Gegenposition zu den universalistischen Erfahrungen der jüngeren Geschichte mit ihrem Reinheits- und Ausschlussdenken selbst legitimierte, ist diese Option als mögliche Folge des postmodernen Denkens als besonders verhängnisvoll für seine Glaubwürdigkeit anzusehen. In diesem Zusammenhang enthält der Satz René Girards eine gewisse Hellsicht: „Unsere nachkoloniale Epoche hat, nach der intellektuellen Mode wie aus politischem Opportunismus, an die Stelle der frenetischen Suche nach Ähnlichkeiten die nicht weniger frenetische [Seite 130↓]Glorifizierung der Differenzen gesetzt. Ein vordergründig beträchtlicher, letztlich aber belangloser Wandel.”384

Eine Besonderheit des hier dargestellten postmodernen Konflikt-Szenarios liegt darin, dass es sich auf den ersten Blick selten als falsch von der Hand weisen lässt, sondern immer „irgendwie evident” erscheint. Tatsächlich bedient sich der postmoderne philosophische Diskurs ja auch ganz realer Ereignisse, die wir alle kennen, welche angeführt werden, um ihm Legitimation und Wirklichkeitsbezug zu verleihen. Das ist, ganz abgesehen von einem gewissen Unterhaltungswert ihrer pointierten Darstellungsweise, sicher der Grund, warum Jean Baudrillard und Paul Virilio in den Medien so viel Beachtung finden. Zum Beispiel gehörten sie zu den ersten, die von renommierten Zeitungen wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu den Ereignissen des 11. September befragt worden sind und diese dort als eine Simulation ihrer Theorieansätze darstellten385. Doch der postmoderne Diskurs — auch nicht der philosophische postmoderne Diskurs — hat nicht die Macht, diese Ereignisse zu bewirken. Vielmehr ist er ein beschreibender Diskurs: er wird von der Lebenswirklichkeit beeinflusst und übernimmt etwas von ihr.

Der Grund ist einfach: Die Methodik beider Autoren baut auf einem anamorphotischen Verfahren auf, das es erlaubt, in selektiver Weise bestimmte Merkmale der Umwelt zu entnehmen und überzubewerten, so dass sich neue Sinnzusammenhänge und Evidenzen ergeben. So arbeitet Baudrillard ausdrücklich mit „Theorie-Fragmenten”, die sich weniger auf die Ideengeschichte beziehen — wie noch bei Lyotard —, sondern ihren Ausgang von konkreten Situationen und aktuellen Ereignissen nehmen.386 Dieses Verfahren können wir auch bei Virilio beobachten. Es handelt sich um Ästhetisierungen der Wirklichkeit, die ihr tatsächliches Zustandsbild nicht wiedergeben können, weil es um die methodische Übertreibung und Überbewertung einzelner Tendenzen geht, denn gerade diese Übertreibung soll bisher Unsichtbares sichtbar machen.

Die Schwächung des Wirklichkeitsprinzips hat den Pluralismus der Interpretation zum Grund. Jedoch schwächt das postmoderne Denken auch seine eigene Bedeutung dadurch ab, dass es eine Schwächung des Wirklichkeitsprinzips nicht nur diagnostiziert, sondern selber mit ihr arbeitet. Dies könnte man als eine „postmoderne Methode” bezeichnen, die nicht mehr zwischen Schein und Sein, zwischen postmoderner Wirklichkeit und postmodernem Denken unterscheidet. Baudrillard und Virilio arbeiten methodisch selbst postmodern und treffen nicht mehr die Unterscheidung zwischen normativer und deskriptiver Ebene. Sowohl im Bereich der Philosophie (auch wenn Lyotard seinen Aufsatz „Das postmoderne Wissen” einen Bericht nennt, die Welt also darzustellen vorgibt, wie sie ist), als auch in der Beobachtung der [Seite 131↓]Konfliktszenarien der Postmoderne handelt es sich um Situationen, die teilweise eingetreten sein mögen, ihre eigentliche Stringenz jedoch nur in den Denkgebäuden des postmodernen philosophischen Diskurses finden. So entsteht ein Denken, an dem sich, so auch Lothar Baier, „jeder zu seinen Zwecken bedienen” kann, denn diese Art zu denken entziehe sich der Unterscheidung von Verstehen und Mißverstehen überhaupt.387 Axel Honneth hat dazu gesagt: „Geistige Strömungen erlangen häufig genug ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit nur dadurch, daß sie diffuse Bewußtseinslagen in pseudokritischen Formeln zum Ausdruck zu bringen vermögen. Zwar treffen solche Strömungen immer auch ein tatsächliches Element im Stimmungsgefüge der akademisch gebildeten Schichten; ihre unmittelbare Wirkung aber resultiert weit eher aus der besonderen Fähigkeit, mit der es ihnen gelingt, komplexe und verwirrende Zeiterfahrungen auf bequem zu handhabende Bestimmungen zu reduzieren.”388 Das heißt: der postmoderne philosophische Diskurs übernimmt etwas aus der Welt, schafft sie aber nicht. Zur Erklärung unserer Lebenswirklichkeit können postmoderne Denkansätze nur bedingt beitragen, obwohl ihre Beschreibungen, bei aller Übertreibung, oft treffend sind.

Welchen Sinn mag also, bei all der Unzulänglichkeit, das Hin- und Herschieben postmoderner Theoriepositionen haben? Er kann darin gesehen werden: Das Durch- und Zuendedenken der Theorieansätze von Jean-François Lyotard, Jean Baudrillard und Paul Virilio zeigt uns, dass der postmoderne philosophische Diskurs von Freiheit und von Emanzipation auf den ersten Blick sehr verlockend aussehen mag, und die Wirkung seiner Freiheits- und Emanzipationsrhetorik bezieht sich daraus, dass er geschickt auf einem — geschichtlich keinesfalls unbegründeten — schlechten Gewissen der „Ersten Welt” dem Rest der Welt gegenüber aufbaut. Doch was eine Anwendung solcher Vorstellungen auf unsere Lebenswirklichkeit angeht, so gingen von solchen Exempeln eher entmutigende Wirkungen aus. Der aktuelle Diskurs über die Neuorganisation der Gesellschaften am Anfang des Millenniums könnte daher Modellen wie dem vorliegenden nicht allzu viel verdanken — es sei denn eine Belehrung darüber, was möglichst vermieden werden sollte.


Fußnoten und Endnoten

170 Vgl. Francis Fukuyama, Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir?, München 1992

171 Umberto Eco, Faith in fakes. Travels in Hyperreality, London 1995 (1986), Minerva

172 Robert D. Kaplan, Die kommende Anarchie. Ökonomie, Religion, Gesellschaft — Weltordnungen im Zerfall, in: Lettre International, Nr. 32, Frühjahr 1996, S. 52 – 61. Sowie ders.: Reisen an die Grenzen der Menschheit. Wie die Zukunft aussehen wird, München 1996

173 Robert D. Kaplan, Die kommende Anarchie. Ökonomie, Religion, Gesellschaft — Weltordnungen im Zerfall, in: Lettre International, Nr. 32, Frühjahr 1996, S. 52 – 61

174 Robert D. Kaplan, Reisen an die Grenzen der Menschheit. Wie die Zukunft aussehen wird, München 1996, S. 455

175 Etwa der Ansatz von Samuel Huntington in: Der Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München/Wien 1996

176 Hans Magnus Enzensberger, Aussichten auf den Bürgerkrieg, Frankfurt am Main 1994

177 Ibid. S. 66f.

178 Ibid. S. 13

179 Ibid. S. 23

180 Ibid. S. 20

181 Ibid. S. 18

182 Ibid. S. 19

183 Ibid. S. 19

184 Ibid. S. 33

185 Vgl. Paul Virilio, Geschwindigkeit und Politik, Berlin 1988 (frz. 1977), S. 32f.

186 Carl von Clausewitz, Vom Kriege, Bonn 1991, S. 356f.

187 Paul Virilio, Geschwindigkeit und Politik, Berlin 1988 (frz. 1977), S. 43

188 Ibid. S. 43

189 Paul Virilio, Bunker-Archäologie, München/Wien 1992 (frz. 1975), S. 22

190 Vgl. Paul Virilio, Geschwindigkeit und Politik (frz. 1977), Berlin 1988, S. 99

191 Ibid. S. 66

192 Paul Virilio und Sylvère Lotringer, Der Reine Krieg, Berlin 1984 (engl. 1983), S. 41

193 Jean Baudrillard, Die Illusion des Endes oder Der Streik der Ereignisse, Berlin 1994 (frz. 1992), S. 63f.

194 Paul Virilio, Krieg und Fernsehen, München/Wien 1993 (frz. 1991), S. 69

195 Ibid. S. 71

196 Jean Baudrillard, Die Illusion des Endes oder Der Streik der Ereignisse, Berlin 1994 (frz. 1992), S. 61

197 Vgl. Jean-Francois Lyotard, Das Patchwork der Minderheiten, Berlin 1977, S. 31

198 Vgl. Michel Foucault, Vom Licht des Krieges zur Geburt der Geschichte, Berlin 1986, S. 14

199 Vgl. Benedict Anderson, Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, Frankfurt am Main/New York 1996

200 Ibid. S. 42

201 Ibid. S. 17

202 Jean Baudrillard, Die fatalen Strategien, München 1985 (frz. 1983), S. 15

203 Jean Baudrillard, Transparenz des Bösen. Ein Essay über extreme Phänomene, Berlin 1992 (frz. 1990), S. 40

204 Vgl. Jean Baudrillard, Die fatalen Strategien, München 1985 (frz. 1983), S. 12ff

205 Ibid. S. 14

206 

Jean Baudrillard, Die Illusion des Endes oder Der Streik der Ereignisse, Berlin 1994 (frz. 1992),

S. 51f.

207 Jean Baudrillard, Die Illusion des Endes oder Der Streik der Ereignisse, Berlin 1994 (frz. 1992), S. 54ff. bzw. S. 60

208 Vgl. Jean Baudrillard, Transparenz des Bösen. Ein Essay über extreme Phänomene, Berlin 1992 (frz. 1990), S. 10, sowie: Jean Baudrillard, Die Rückwendung der Geschichte, in: Lettre International, Nr. 22, Herbst 1993, S. 13 - 16

209 Jean Baudrillard, Die Rückwendung der Geschichte, in: Lettre International, Nr. 22, Herbst 1993, S. 13 - 16, hier: S. 14

210 Paul Virilio legt eine andere Definition des „reinen Krieges” vor, siehe Resümee 2

211 Jean Baudrillard, Die fatalen Strategien, München 1985 (frz. 1983), S. 16f.

212 Vgl. André Glucksmann, Philosophie der Abschreckung, Stuttgart 1984

213 Jean Baudrillard, Die fatalen Strategien (frz. 1983), München 1985, S. 16f.

214 Vgl. Mary Kaldor, Rüstungsbarock, Berlin 1981

215 Ibid. S. 25

216 Vgl. Gerhard Hauck, Zur Ideologiekritik der Postmoderne, in: Bay, Hamann (Hg.), Ideologie nach ihrem ‚Ende’. Gesellschaftskritik zwischen Marxismus und Postmoderne, Opladen 1995, S. 112

217 Vgl. das Kapitel „Desinformation und das Klandestine”

218 Jean Baudrillard, Die Illusion des Endes oder Der Streik der Ereignisse, Berlin 1994 (frz. 1992), S. 67

219 Ibid. S. 68

220 Ibid. S. 67

221 Vgl. Michel Foucault, Vom Licht des Krieges zur Geburt der Geschichte, Berlin 1986, S 8

222 Vgl. Anthony Giddens, The Nation-State and Violence, Berkeley und Los Angeles 1985

223 Kurt Röttgers, Nachwort I: Kritik oder Gewalt – Ende eines philosophischen Themas, in: Röttgers, Saner (Hg.), Gewalt. Grundlagenprobleme in der Diskussion der Gewaltphänomene, Basel/Stuttgart 1978, S. 87

224 Vgl. Kapitel 3.6.

225 Rosenberg, Alfred: Der Mythus des 20. Jahrhunderts, München 1935, S. 33

226 Ibid. S. 33

227 Ibid. S. 158

228 Philippe Lacoue-Labarthe und Jean-Luc Nancy, The Nazi Myth, in: Critical Inquiry, Vol. 16, Nr. 2, Winter 1990, S. 291-312, hier S. 307

229 Ibid. S. 307

230 Christina von Braun, Und der Feind ist Fleisch geworden. Der rassistische Antisemitismus, in: Christina von Braun und Ludger Heid (Hg.), Der ewige Judenhass. Christlicher Antijudaismus, Deutschnationale Judenfeindlichkeit, rassischer Antisemitismus, Berlin/Wien 2000, S. 149-213, hier: S. 153f.

231 Ibid. S. 207

232 

Jean Baudrillard, Die Illusion des Endes oder Der Streik der Ereignisse, Berlin 1994 (frz. 1992),

S. 83

233 Paul Virilio, Krieg und Fernsehen, München/Wien 1993 (frz. 1991), S. 12

234 Jean Baudrillard, Die Illusion des Endes oder Der Streik der Ereignisse, Berlin 1994 (frz. 1992), S. 74

235 Vgl. Martin van Creveld, Nuclear proliferation and the future of conflict, New York 1993, S. 65 bzw. 123

236 Paul Virilio, Fahren, fahren, fahren ..., Berlin 1978, S. 44f.

237 Paul Virilio, Krieg und Fernsehen, München/Wien 1993 (frz. 1991), S. 23

238 Ibid. S. 25

239 Ibid. S. 25f. sowie: ders., Information und Apokalypse. Die Strategie der Täuschung, München/Wien 2000 (frz. 1999), S. 182

240 Vgl. Edward W. Soja, Postmoderne Urbanisierung. Die sechs Restrukturierungen von Los Angeles, in: Gotthard Fuchs, Bernhard Moltmann, Walter Prigge (Hg.), Mythos Metropole, Frankfurt am Main 1994, S. 143 – 165

241 Paul Virilio und Sylvère Lotringer, Der Reine Krieg, Berlin 1984 (engl. 1983), S. 142

242 Vgl. Daniel Bell, Die Nachindustrielle Gesellschaft, Frankfurt am Main/New York 1985

243 Vgl. Gilles Deleuze und Félix Guattari, Tausend Plateaus, Berlin 1992

244 Ibid. S. 524

245 Paul Virilio, Geschwindigkeit und Politik, Berlin 1988 (frz. 1977)

246 Gilles Deleuze und Félix Guattari, Tausend Plateaus, Berlin 1992, S. 531f.

247 Vgl. Paul Virilio, Geschwindigkeit und Politik, Berlin 1988 (frz. 1977), S. 22

248 Vgl. Gilles Deleuze und Félix Guattari, Tausend Plateaus, Berlin 1992, S. 494

249 Ibid. S. 494

250 Paul Virilio, Geschwindigkeit und Politik, Berlin 1988 (frz. 1977), S. 22

251 Ibid. S. 25

252 Ibid. S. 10

253 Paul Virilio, Geschwindigkeit und Politik, Berlin 1988 (frz. 1977), S. 14

254 Gilles Deleuze und Félix Guattari, Tausend Plateaus, Berlin 1992, S. 524

255 Paul Virilio und Sylvère Lotringer, Der Reine Krieg, Berlin 1984 (engl. 1983), S. 117

256 Paul Virilio, Ästhetik des Verschwindens, Berlin 1986 (frz. 1980), S. 78. Sowie: ders., Geschwindigkeit und Politik, Berlin 1988 (frz. 1977), S. 177

257 Gérard Raulet, Die neue Utopie. Die soziologische und philosophische Bedeutung der neuen Kommunikationstechnologien. in: Manfred Frank, Gérard Raulet, Willem van Reijen (Hg.), Die Frage nach dem Subjekt, Frankfurt am Main 1988, S. 283 – 316, hier: S. 286

258 Jean Baudrillard, Die fatalen Strategien, München 1985 (frz. 1983), S. 80

259 Paul Virilio, Fluchtgeschwindigkeit, München/Wien 1996 (frz. 1995), S. 40f.

260 Vgl. Carl Schmitt, Nomos, Name, Nahme [1959], in: Günter Maschke (Hg.), Staat, Großraum, Nomos, Berlin 1995, S. 573 - 591

261 Vgl. Paul Virilio und Sylvère Lotringer, Der Reine Krieg, Berlin 1984 (engl. 1983), S. 70

262 Paul Virilio und Louise Wilson, Gott, Medien, Cyberspace, in: Lettre International, Nr. 30, Sommer 1995, Seite 38-39

263 Vgl. Paul Virilio, Geschwindigkeit und Politik, Berlin 1988 (frz. 1977), S. 178f.

264 Paul Virilio, Information und Apokalypse. Die Strategie der Täuschung, München/Wien 2000 (frz. 1999), S. 148

265 Paul Virilio, Geschwindigkeit und Politik, Berlin 1988 (frz. 1977), S. 66

266 Vgl. Paul Virilio, Ereignislandschaft, München/Wien 1998 (frz. 1996), S. 148

267 Paul Virilio, Krieg und Fernsehen, München/Wien 1993 (frz. 1991), S. 108

268 Gilles Deleuze und Félix Guattari, Tausend Plateaus, Berlin 1992, S. 484

269 Paul Virilio und Sylvère Lotringer, Der Reine Krieg, Berlin 1984 (engl. 1983), S. 9

270 Stefan Breuer, Die Gesellschaft des Verschwindens. Von der Selbstzerstörung der technischen Zivilisation, Hamburg 1992, S. 142

271 Vgl. Paul Virilio und Sylvère Lotringer, Der Reine Krieg, Berlin 1984 (engl. 1983), S. 66

272 Jean Baudrillard, Die Rückwendung der Geschichte, in: Lettre International, Nr. 22, Herbst 1993, S. 13 - 16

273 Gilles Deleuze und Félix Guattari, Tausend Plateaus, Berlin 1992, S. 543

274 Ibid. S. 39

275 Thomas H. Macho, So viele Menschen. Jenseits des genealogischen Prinzips, in: Peter Sloterdijk (Hg.), Vor der Jahrtausendwende. Berichte zur Lage der Zukunft, Bd. 1, Frankfurt am Main 1990, S. 29-64, hier S. 42

276 Ibid. S. 44

277 Ibid. S. 46

278 Ibid. S. 56

279 Peter Sloterdijk, Weltfremdheit, Frankfurt am Main 1993, S. 52

280 Ibid. S. 51

281 Ibid. S. 52f.

282 Paul Virilio, Fluchtgeschwindigkeit, München/Wien 1996 (frz. 1995), S. 100

283 Gérard Raulet, Die neue Utopie. Die soziologische und philosophische Bedeutung der neuen Kommunikationstechnologien. in: Manfred Frank, Gérard Raulet, Willem van Reijen (Hg.), Die Frage nach dem Subjekt, Frankfurt am Main 1988, S. 283-316, hier S. 301

284 Paul Virilio, Ästhetik des Verschwindens, Berlin 1986 (frz. 1980), S. 112

285 Vgl. Paul Virilio und Sylvère Lotringer, Der Reine Krieg, Berlin 1984 (engl. 1983), S. 63

286 Paul Virilio, Fluchtgeschwindigkeit, München/Wien 1996 (frz. 1995), S. 100

287 Ibid. S. 121

288 Paul Virilio, Revolutionen der Geschwindigkeit, Berlin 1993, S. 60

289 Vgl. Michel Foucault, Andere Räume, in: Karl-Heinz Barck (Hg.), Aisthesis, Leipzig 1993

290 Paul Virilio, Geschwindigkeit und Politik, Berlin 1988 (frz. 1977), S. 180

291 Christoph Zürcher, Aus der Ostmoderne in die Postmoderne. Zum Wandel in der früheren Sowjetunion, Berlin 1998, S. 63

292 Robert D. Kaplan, Die kommende Anarchie. Ökonomie, Religion, Gesellschaft — Weltordnungen im Zerfall”; in: Lettre International, Nr. 32, Frühjahr 1996, S. 52 – 61, hier: S. 60

293 Lothar Baier, Der Schwindel der Simulation. Versuch, dem Allerneusten und Jean Baudrillard auf der Spur zu bleiben, in: Merkur 451/452 (1986), S. 807-824, hier S. 819

294 Jean Baudrillard, Das perfekte Verbrechen, München 1996 (frz. 1995), S. 33

295 Ibid. S. 47

296 Vgl. Jean Baudrillard, Die fatalen Strategien, München 1985 (frz. 1983), S. 10

297 Vgl. Paul Virilio und Louise Wilson, Gott, Medien, Cyberspace, in: Lettre International, Nr. 30, Sommer 1995, Seite 38-39

298 Paul Virilio, Krieg und Fernsehen, München/Wien 1993 (frz. 1991), S. 18

299 Ibid. S. 14f.

300 Vgl. Umberto Eco, Das offene Kunstwerk, Frankfurt am Main 1993

301 Ibid. S. 175

302 Paul Virilio, Krieg und Fernsehen, München/Wien 1993 (frz. 1991), S. 15f.

303 Vgl. Jean Baudrillard, La guerre du Golfe n’a pas eu lieu, Paris 1991

304 Vgl. Paul Virilio, Krieg und Fernsehen, München/Wien 1993 (frz. 1991), S. 35

305 Ibid. S. 14

306 Paul Virilio, Revolutionen der Geschwindigkeit, Berlin 1993, S. 9f.

307 Paul Virilio, Krieg und Fernsehen, München/Wien 1993 (frz. 1991), S. 40f.

308 Vgl. Paul Virilio und Sylvère Lotringer, Der Reine Krieg, Berlin 1984 (engl. 1983), S. 25

309 Paul Virilio, Die Sehmaschine, Berlin 1989 (frz. 1988), S. 150. Sowie: ders., Krieg und Fernsehen, München/Wien 1993 (frz. 1991), S. 133

310 Paul Virilio, Die Sehmaschine, Berlin 1989 (frz. 1988), S. 158

311 Vgl. Paul Virilio, Krieg und Fernsehen, München/Wien 1993 (frz. 1991), S. 115. Sowie: ders., Der negative Horizont, München/Wien 1989 (frz. 1984), S. 107

312 Vgl. Kapitel 4.4.

313 Paul Virilio und Sylvère Lotringer, Der Reine Krieg, Berlin 1984 (engl. 1983), S. 90f.

314 Ibid. S. 90

315 Paul Virilio, Information und Apokalypse. Die Strategie der Täuschung, München/Wien 2000 (frz. 1999), S. 63

316 Eva Horn, Geheime Dienste. Über Praktiken und Wissensformen der Spionage. In: Lettre International, Nr. 53, Sommer 2001, S. 56-64, hier S. 62

317 Eva Horn, Geheime Dienste. Über Praktiken und Wissensformen der Spionage. In: Lettre International, Nr. 53, Sommer 2001, S. 56-64, hier S. 57

318 Vgl. Paul Virilio, Information und Apokalypse. Die Strategie der Täuschung, München/Wien 2000 (frz. 1999), S. 10 und S. 126. Sowie: ders. und Sylvère Lotringer, Der Reine Krieg, Berlin 1984 (engl. 1983), S. 25

319 Vgl. Peter Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft, Band II, Frankfurt am Main, S. 403ff.

320 Thomas Jung, Vom Ende der Geschichte. Rekonstruktionen zum Posthistoire in kritischer Absicht. Münster/New York 1989, S. 170f.

321 Vgl. Sun Tse, Die Kunst des Krieges, München 1999, Droemer Knaur

322 Vgl. Der Spiegel, Der wirkliche Krieg, Ausgabe Nr. 48/2001, S. 144f.

323 Vgl. Jean Baudrillard, Kool Killer oder Der Aufstand der Zeichen, Berlin 1978 (frz. 1975), S. 40

324 Jean Baudrillard, Die Illusion des Endes oder Der Streik der Ereignisse, Berlin 1994 (frz. 1992), S. 13f.

325 Gottfried Wilhelm Leibniz, Die Theodizee, Hamburg 1968, S. 4

326 Vgl. Peter Waldmann, Terrorismus. Provokation der Macht, München 1998, S. 17 bzw. 75f., 98f.

327 Ibid. S. 10

328 Vgl. G. van den Heuvel, „Terror”, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Basel 1976, S. 1019 - 1027, hier S. 1022

329 Vgl. Kapitel 3.6.

330 Vgl. Jean-François Lyotard, Beantwortung der Frage: Was ist postmodern?, in Wolfgang Welsch (Hg.), Wege aus der Moderne. Schlüsseltexte zur Postmoderne-Diskussion, Weinheim 1988, S. 203

331 Vgl. Jean-François Lyotard, Intensitäten, Berlin 1978, S. 12f.

332 Jean-François Lyotard, Apathie in der Theorie, Berlin 1979 (frz. 1977), S. 73

333 Vgl. Jean-François Lyotard, Der Widerstreit, München 1987 (frz. 1983), S. 9

334 Herfried Münkler, Guerillakrieg und Terrorismus, in: Neue Politische Literatur, 15.Jhg (1980), Heft 3, S. 299-326

335 Jean-François Lyotard, Das Patchwork der Minderheiten. Für eine herrenlose Politik, Berlin 1977, S. 44

336 Ibid. S. 44

337 Jean-François Lyotard, Das Patchwork der Minderheiten. Für eine herrenlose Politik, Berlin 1977, S. 45

338 Ibid. S. 46

339 Auf dieses Problem wurde bereits im Kapitel „Die Regellosigkeit der Postmoderne” hingewiesen. Lyotard befürchtet als mögliche Folge nationaler Befreiungsbewegungen ein Umschlagen von Freiheit in Repression, da der Befreiungskampf zwar vorübergehend hilfreich gegen den „Universalismus der Unterdrücker” sei, dann aber, unter dem Vorwand, zu den Wurzeln der nationalen Identität zurückzukehren, „als Maske des lokalen Despotismus” dienen könne. Vgl. Jean-François Lyotard, Der Name und die Ausnahme, in: Manfred Frank, Gérard Raulet, Willem van Reijen (Hg.), Die Frage nach dem Subjekt, Frankfurt am Main 1988, S. 180-191, hier S. 190

340 Dieses Schicksal ereilen bei Baudrillard auch andere Begriffe, z.B. die „Simulation” sowie das „Soziale”. Vgl. dazu Lothar Baier, Der Schwindel der Simulation. Versuch, dem Allerneusten und Jean Baudrillard auf der Spur zu bleiben, in: Merkur 451/452 (1986), S. 807-824, insbes. S. 819

341 Vgl. Jean Baudrillard, Der reine Terrorismus, in: Eckhard Hammel, Rudolf Heinz, Jean Baudrillard, Der reine Terror. Gewalt von rechts, Wien 1993, S. 47f.

342 Jean Baudrillard, Transparenz des Bösen. Ein Essay über extreme Phänomene, Berlin 1992 (frz. 1990), S. 95

343 Vgl. Eric Johnson: Baudrillard Shrugs. A Seminar on Terrorism and the Media, with Sylvère Lotringer and Jean Baudrillard, in: William Stearns und William Chaloupka (Hg.), Jean Baudrillard. The Disappearance of Art and Politics, New York 1992, S. 283 – 302, hier S. 299f.

344 Jean Baudrillard, Die Illusion des Endes oder Der Streik der Ereignisse, Berlin 1994 (frz. 1992), S. 68

345 Jean Baudrillard, Die fatalen Strategien, München 1985 (frz. 1983), S. 42

346 Ibid. S. 42

347 Ibid. S. 54

348 Vgl. Jean Baudrillard, Transparenz des Bösen. Ein Essay über extreme Phänomene, Berlin 1992 (frz. 1990), S. 88

349 Vgl. Eric Johnson: Baudrillard Shrugs. A Seminar on Terrorism and the Media, with Sylvère Lotringer and Jean Baudrillard, in: William Stearns und William Chaloupka (Hg.), Jean Baudrillard. The Disappearance of Art and Politics, New York 1992, S. 283 – 302, hier S. 289

350 Paul Virilio, Krieg und Fernsehen, München/Wien 1993 (frz. 1991), S. 78f.

351 Paul Virilio, Ereignislandschaft, München/Wien 1998 (frz. 1996), S. 136

352 Vgl. Paul Virilio und Sylvère Lotringer, Der Reine Krieg, Berlin 1984 (engl. 1983), S. 31

353 Paul Virilio, Ereignislandschaft, München/Wien 1998 (frz. 1996), S. 140

354 Paul Virilio und Sylvère Lotringer, Der Reine Krieg, Berlin 1984 (engl. 1983), S. 32

355 Paul Virilio, Geschwindigkeit und Politik, Berlin 1988 (frz. 1977), S. 52

356 Paul Virilio, Der negative Horizont, München/Wien 1989 (frz. 1984), S. 107

357 Ibid. S. 267

358 Gilles Deleuze und Félix Guattari, Tausend Plateaus, Berlin 1997, S. 481ff.

359 Vgl. Pierre Clastres, Staatsfeinde. Studien zur politischen Anthropologie, Frankfurt am Main 1976, insbesondere S. 19 und 179

360 Vgl. Peter Waldmann, Terrorismus. Provokation der Macht, München 1998, S. 75

361 Ibid. S. 11

362 Walter Laqueur, Terrorismus, Kronberg/Taunus 1977, S. 228

363 Peter, Waldmann, Terrorismus. Provokation der Macht, München 1998, S. 12f.

364 Jean Baudrillard, Die Illusion des Endes oder Der Streik der Ereignisse, Berlin 1994 (frz. 1992), S. 68

365 Carl Schmitt, Theorie des Partisanen. Zwischenbetrachtungen zum Begriff des Politischen, Berlin 1963, S. 28

366 Ibid. S. 26

367 Ibid. S. 26

368 Vgl. Alex P. Schmid und Jauny de Graaf, Violence as Communication. Insurgent Terrorism and the Western News Media, London 1982

369 Peter Waldmann, Terrorismus. Provokation der Macht, München 1998, S. 78

370 Jean Baudrillard, Die Illusion des Endes oder Der Streik der Ereignisse, Berlin 1994 (frz. 1992), S. 78

371 Paul Virilio, Fluchtgeschwindigkeit, München/Wien 1996 (frz. 1995), S. 83

372 Paul Virilio, Der negative Horizont, München/Wien 1989 (frz. 1984), S. 106

373 Paul Virilio, Der negative Horizont, München/Wien 1989 (frz. 1984), S. 268

374 Vgl. Paul Virilio, Krieg und Fernsehen, München/Wien 1993 (frz. 1991), S. 67

375 Paul Virilio, Geschwindigkeit und Politik, Berlin 1988 (frz. 1977), S. 18f.

376 Paul Virilio, Information und Apokalypse. Die Strategie der Täuschung, München/Wien 2000 (frz. 1999), S. 35

377 Vgl. Paul Virilio, Ereignislandschaft, München/Wien 1998 (frz. 1996), S. 59

378 Ibid. S. 45f.

379 Paul Virilio, Der negative Horizont, München/Wien 1989 (frz. 1984), S. 289

380 Ibid. S. 262

381 Paul Virilio und Sylvère Lotringer, Der Reine Krieg, Berlin 1984 (engl. 1983), S. 166

382 Vgl. René Girard, Ausstoßung und Verfolgung, Frankfurt am Main 1992, S. 49

383 Ibid. S. 49

384 René Girard, Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. Eine kritische Apologie des Christentums, München/Wien 2002, S. 12

385 Vgl. den Überblick im Abschnitt „Baudrillard und Virilio über den 11. September“

386 Vgl. Jean Baudrillard, Die scheinbare Auferstehung der Geschichte als Anfang vom Ende. Baudrillard im Gespräch mit Carlos Oliveira, in: Frankfurter Rundschau vom 10.4.1993, S. ZB 3

387 Vgl. Lothar Baier, Der Schwindel der Simulation. Versuch, dem Allerneusten und Jean Baudrillard auf der Spur zu bleiben, in: Merkur, 40. Jhg, Heft 451/452 (1986), S. 807-824, hier: S. 810

388 Axel Honneth, Der Affekt gegen das Allgemeine. Zu Lyotards Konzept der Postmoderne, in: Merkur, 38. Jhg., Heft 8, Dez. 1984, S. 893 - 902, hier S. 893



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26.05.2005