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5  Baudrillard und Virilio über den „11. September”

Wie sich bereits in den vorangegangenen Ausführungen zeigte, beruht die Arbeitsweise von Baudrillard und Virilio auf einem anamorphotischen Verfahren, welches dazu führt, dass die beiden Autoren während ihrer Argumentationen fortwährend auf reale, zumeist politische Ereignisse verweisen, als seien diese eine Simulation ihrer Theorien. Insofern ist es nicht überraschend, dass Baudrillard und Virilio sich auch nach den Anschlägen des 11. September 2001 zu Wort gemeldet haben. In den zahlreichen Veröffentlichungen, die seither entstanden sind, versuchen Baudrillard und Virilio auch dieses Ereignis an ihre Theoriegebäude anzuschließen. Folglich sehen sie in den Anschlägen des 11. September nichts anderes als eine einzige große Simulation ihrer bereits zuvor entwickelten Theorien. Aus diesem Grund spiegeln sich die in den vorangegangenen Teilen dieser Arbeit herausgearbeiteten Merkmale ihres philosophischen Diskurses — eine fundamentale Regel- und Unterscheidungslosigkeit — auch in Baudrillards und Virilios Interpretationen des 11. September. Der Überblick über die Interpretationsansätze von Baudrillard und Virilio, der hier im Folgenden gegeben werden soll, kann daher im Wesentlichen nichts Neues mehr an den Tag bringen: in ihm spiegeln sich lediglich Variationen von bereits Bekanntem.

Als zeitgeschichtliches Ereignis von enormer Bedeutung hat der 11. September einen großen Widerhall in den verschiedensten Wissenschaftsgebieten gefunden. Nach den Attentaten hat eine umfangreiche wissenschaftliche Rezeption eingesetzt, welche die Ereignisse aus den verschiedensten fachlichen und thematischen Blickwinkeln beleuchtet und bisher eine große Bandbreite von Betrachtungsperspektiven zu Tage brachte. Die Rezeptionsansätze sind höchst unterschiedlich. Viele der ersten, weitgehend spontanen Beiträge zum 11. September befassten sich mit der Schuldfrage, wobei die Ursachen kontrovers diskutiert wurden, etwa bei Jacques Derrida389, Noam Chomsky390, Saskia Sassen391 und Tariq Ali392. Diese Autoren nahmen oft eine kritische Haltung gegenüber der Politik des „Westens” ein und betonten vor allem die Notwendigkeit des interkulturellen Dialogs, um Ereignisse wie jene des 11. Septembers fortan verhindern zu können. Andere Autoren plädierten für ein hartes Vorgehen gegen die Terroristen. So forderte beispielsweise André Glucksmann ein hartes Zuschlagen gegen den „grünen Faschismus”393. Bernhard-Henry Lévy plädierte für den nachfolgenden Afghanistankrieg; in der Kritik am Vorgehen der USA sah er nichts anderes als eine „leidenschaftliche metaphysische Ablehnung” der US-amerikanischen „Vermischung der Kulturen”, welche Heidegger als „ontologische Katastrophe” bezeichnet habe.394 Richard Rorty wandte sich angesichts des 11. September von seiner bisher propagierten Lehre von der [Seite 133↓]Gleichheit der Kulturen und toleranter moralischer Offenheit ab. Während Rorty zuvor die Wahrheit als eine Sache der Perspektive angesehen hatte (wodurch er dem postmodernen Diskurs zugeordnet wurde), was aber letztlich auch die Wahrheit der radikalen Islamisten legitimiert hätte, setzte er diesem Relativismus nun eine „historische Erfahrung” als Legitimationskriterium entgegen: Diese „historische Erfahrung” habe gezeigt, dass es in den westlichen Gesellschaften weniger Leid gäbe, was ihr Vorgehen gegen die Islamisten moralisch rechtfertige. Er plädiert daher für eine Ausbreitung westlicher Werte, um Ungerechtigkeit und Benachteiligung zu mildern und so die Welt zu befrieden.395 Daneben wurden aber auch andere Aspekte des Ereignisses betrachtet. Konrad Paul Liessmann sah das Ende einer global-universalen Ethik kommen, zugunsten einer kühlen Interessenpolitik und einer „Retheologisierung” der Argumentation.396 Slavoj Zizek protestierte gegen die von Amerika vorgebrachten Empfehlungen, zwecks „Wahrheitsfindung” die Folter wieder einzuführen.397 Peter Sloterdijk rief zu einer „Enthysterisierung der Debatte” auf.398 Hartmut Böhme beschäftigte sich mit dem räumlichen Implikationen der Terroranschläge und erwartete als deren langfristige Folge eine noch stärkere Segregation der verschiedenen Bevölkerungsschichten in den Ballungszentren, was den Raum pluralkultureller Urbanität zerstöre.399 Umberto Eco sah das Ende der Wolkenkratzer und damit eines Stückes moderner Architektur kommen, zugunsten einer Renaissance von eher horizontalen Bauten.400 Obwohl Pluralität im Sinne einer Vielfalt der Kulturen meistens auch weiterhin als erstrebenswerter Zustand angesehen wurde, schwang in den meisten Beiträgen doch ein neuer pluralitätskritischer Ton mit. Diese Diskussion ist bis heute nicht abgeschlossen. Die große inhaltliche Spannweite und Kontroversität der Beiträge sind Hinweise darauf, dass das Ereignis schwer erklärbar ist.

Die Wortmeldungen von Baudrillard waren von Beginn an in gewohnter Weise provokant. In seinem Beitrag vom 3. November 2001 in Le Monde provozierte er mit der These, dass Auseinandersetzungen zukünftig nur noch als Austausch von Immoralitäten stattfinden könnten.401 Die wichtigsten seiner Beiträge wurden in Deutschland nachträglich in dem Band „Der Geist des Terrorismus”402 zusammengefasst. Inhaltlich schließen sich Baudrillards Thesen zum 11. September nahtlos an sein gesellschaftsanalytische Instrumentarium an, das in den vorangegangenen Teilen dieser Arbeit dargestellt wurde; beherrscht werden sie von einem für Baudrillard typischen manichäischen Weltbild. Die Ereignisse des 11. September interpretiert er als das Ringen dreier antagonistischer Kräfte: des Universellen und des [Seite 134↓]Singulären, des Guten und des Bösen, sowie der zyklischen Abfolge von Aufbau und Verfall. In diesen drei Varianten nimmt der terroristische Anschlag jeweils eine besondere Funktion ein: im Widerstreit zwischen dem Universellen und dem Singulären kommt in ihm eine Erhebung von Minderheiten gegen eine expandierende Hegemonialmacht zum Ausdruck. In der Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse artikuliert sich in ihm das Böse. In Baudrillards posthistorischer Vorstellung von einer zyklischen Abfolge von Aufbau und Verfall nimmt der Terrorakt die Rolle des Provokateurs ein: er gibt einem saturierten System den „Gnadenstoß” und leitet dessen Verfall ein. Des Weiteren versucht Baudrillard unter dem Eindruck der intensiven medialen Berichterstattung, die Ereignisse des 11. September auch an seine Simulationstheorie anzuschließen, was bisher aber zu widersprüchlichen, wenig fruchtbaren Ergebnissen geführt hat.

Baudrillard beschäftigt sich hauptsächlich mit einer Gegenüberstellung des Globalen und des Lokalen. Wie für Lyotard (was in seiner Terrorismuskonzeption zum Ausdruck kommt) stellt sich auch für Baudrillard das Singuläre bzw. Lokale dem homogenisierenden Zugriff einer die verschiedenen Kulturen nivellierenden Weltordnung entgegen: der Globalisierung. Vor dem Hintergrund von Baudrillards bisher vorgestellten Theorien kommt es hier jedoch zu einer Verzerrung seines bisherigen Ansatzes: Baudrillard trifft nun eine Unterscheidung zwischen dem Globalen (eines weltumspannenden „operationellen Systems des totalen Handelns und Tausches”403) und dem Universellen (Werten wie Freiheit, Demokratie und Menschenrechte mit universellem Gültigkeitsanspruch).404 Daher stellt er sich nun nicht mehr eindeutig gegen das Universelle, dessen Werten er — im Gegensatz zu seinen früheren Publikationen — hier indifferent bis positiv gegenübersteht. Als habe er in der Zwischenzeit aufmerksam die Programmschriften der Globalisierungsgegner studiert, richtet Baudrillard nun, um seinen Affekt gegen das Allgemeine auf den Punkt zu bringen, seine Angriffe nicht mehr gegen das Universelle, sondern gegen die Globalisierung. Die Globalisierung mache, so Baudrillard, mit allen Differenzen und Werten tabula rasa, „indem sie eine vollkommen indifferente Kultur oder Unkultur”405 erzeuge. Die Globalisierung fügt sich in die Reihe von Baudrillards Feindbildern ein, während das Universelle nicht mehr als bedrohlich angesehen wird. Das Übrige klingt bereits bekannt: Der Widerstand gegen die Globalisierung spiele sich also ganz im Sinne der postmodernen Theorie im Rahmen eines „antagonistischen”406 Aufstands der Minderheiten ab, welche die Besonderheiten ihrer eigenen Existenz vor dem verallgemeinernden und homogenisierenden Zugriff der Globalisierung schützen wollten.407 [Seite 135↓]Der terroristische Akt steht hier für die Fortsetzung des Emanzipations- und die Toterklärung des Globalisierungsgedankens. Er steht für eine Welt, die nicht zusammenwächst, sondern auseinanderfällt. Mit seiner Kritik an der globalen Verbreitung westlicher Werte steht Baudrillard im Widerspruch zu Richard Rorty, der im Export westlicher Werte — Freiheit, Marktwirtschaft, Demokratie und Wahrung der Menschenrechte — und deren Adaption andernorts einen Zugewinn an Gerechtigkeit in der Welt intendiert, womit auch der Ursprung des Terrorismus behoben werde. Der Terrorismus entsteht für Rorty aus der Abwesenheit westlicher Werte, während Baudrillard gerade in der weltweiten Verbreitung westlicher Werte die Quelle des Terrorismus sieht.

Das manichäische Weltbild mit seinen Schwarz-Weiß-Kontrasten zwischen dem Guten und Bösen ist, wie wir gesehen haben, fester Bestandteil der Baudrillard’schen Vorstellungswelt. Das antagonistische Ringen zwischen dem Guten und dem Bösen wird auch im Angesicht der Anschläge des 11. September zu ihrer Interpretation herangezogen. Wie bereits dargestellt wurde, geht Baudrillard davon aus, dass das Böse mit dem Guten untrennbar verbunden sei, und dass mit dem Guten — etwa dem Glauben an Demokratie und Menschenrechte — gleichzeitig also auch das Böse erstarke, statt abzunehmen.408 Grundsätzlich sei das Böse ubiquitär: als „bösartiges Begehren”409 in den Herzen aller Menschen, welches Baudrillard nun als den „Geist des Terrorismus” bezeichnet, nämlich als eine „unbewusste Form potentieller, maskierter und sorgsam verdrängter Kriminalität, die stets imstande ist, wenn nicht auszubrechen, so doch zumindest heimlich beim Spektakel des Bösen mitzuschwingen”410. Die Schuld an den Anschlägen trage daher nicht ein einzelner Täter (oder eine kleine Gruppe), sondern sie erstrecke sich auf die gesamte „Masse” der Menschen, also die Menschheit schlechthin, die von Baudrillard als eine sündhafte Masse der vom Bösen verführbaren Individuen vorgestellt wird. Baudrillards Sicht, die Destruktivität als kollektive, und damit auch eigene Möglichkeit wahrzunehmen, ist mit der christlichen Sündenlehre verwandt. Der christdogmatische Begriff der Sünde bezeichnet in religiöser Hinsicht die vielfältigen Formen der Abweichung (Devianz) von rechtlichen, sozialen oder moralischen Normen. Der Begriff der Erbsünde etwa, entwickelt bei Augustinus, programmiert die Vorstellung, dass Adam Einzelperson und Kollektivperson gleichermaßen sei, in dem die gesamte Menschheit aufgrund des Ungehorsams Adams zu einer einzigen, schuldbeladenen „Sündenmasse” (massa perditionis) zusammengeschlossen sei. Allerdings ist bei Baudrillard diese Schuld nicht religiös, sondern a-metaphysisch und anthropologisch konnotiert. Die Sündenlehre verweist unablässig auf den Einzelnen: Das systemische Böse ist im System, aber eben auch in den Individuen, den Teilsystemen. Ebenso wie Baudrillards Vorstellung vom „bösartigen [Seite 136↓]Begehren” der Massen ist auch die christliche Sündenlehre weitgehend unvereinbar mit der Vorstellung von der Autonomie des vernünftigen Subjekts, wie sie die Aufklärung mit der Befreiung des Individuums von moraltheologisch hypostasierten Schuldzuweisungen hervorbrachte. Baudrillard verwirft, ähnlich wie Augustinus, die Vorstellung von einer naturhaften Disposition des Menschen für das Gute und seine moralische Autonomie, sich von der Sünde, das heißt vom Bösen abzuwenden. Vielmehr vertritt er die These, der Mensch sei ursprünglich sündhaft und besitze daher auch nicht die Willensfreiheit, sich gegen das Böse — gegen Unordnung, Gewalt und Chaos — zu entscheiden.411 Daher lehnt Baudrillard ab, in den Anschlägen des 11. September die Artikulation eines konkreten Willens zu sehen, er betrachtet sie als eine Äußerung des Bösen, das systemisch, also in allen Systemen vorhanden sei.412 Wo das Böse nicht nur als eine Launenhaftigkeit im Gefüge der Welt, sondern als Grundbedingung menschlicher Existenz begriffen wird, bekommt der Terrorismus eine ontologische Dimension: Im Sinne der Emergenz bricht die Destruktivität des Terrorismus kontinuierlich in atavistischer Weise aus den menschlichen Gesellschaften hervor. Auch hier vertritt Baudrillard eine affirmative Position, denn er sieht den Terrorismus als ein wertfreies und ubiquitäres Phänomen, das keine bestimmbaren Gründe oder Ursachen hat und daher auch nicht sinnvoll behoben oder bekämpft werden kann. Der Terrorismus müsse, ebenso wie das Böse, dessen Ausdruck er sei, als eine Grundbedingung menschlicher Existenz hingenommen werden.

Weiterhin versucht Baudrillard, die Ereignisse des 11. September an seine Theorie vom „Verfall durch Größe” anzuschließen.413 Wie bereits dargestellt, erwartet er einen Verfall von großen, hypertrophen Systemen, weil in der Größe immer eine „Todesgefahr”, ja „Todessehnsucht” des Verfallenden liege414 — Größe und Verfall, Aufstieg und Niedergang sind für Baudrillard dyadische Zwillinge. Hier nimmt Baudrillard zur Kennzeichnung der USA und des Globalisierungsprozesses Metaphern der Posthistoire in Anspruch, etwa indem er die „virale Gewalt der Globalisierung” als „Krebszellen”, „endloses Wuchern, Auswuchs und Metastase” bezeichnet.415 Davon ausgehend, dass „jeder Herrschaftsapparat sein Antisystem, das Ferment seines eigenen Verschwindens aussondern”416 würde, vertritt Baudrillard bei der Betrachtung der Fernsehbilder des 11. September auf die Theorie, dass die Türme des World Trade Center ihren Verfall „unterstützt” hätten, und zwar insofern „die Türme plötzlich, zu müde, immer dieses überschwere Symbol sein zu müssen, in ihrer ganzen körperlichen Totalität zusammengesackt [sind]. [...] Der symbolische Zusammenbruch geschah in einer Art unvorhersehbarer Komplizenschaft — als habe sich das gesamte System dank innerer [Seite 137↓]Schwäche in das Spiel seiner eigenen Vernichtung und mithin des Terrorismus begeben”417. Der Terrorismus ist auch hier kein Ausdruck einer Kommunikationsstrategie, er übernimmt in lediglich die Rolle des Katalysators; er ist das Mittel, das den Verfall eines bereits erstarrten Systems auslöst und einleitet. Auch Baudrillards Theorie vom Verfall durch Größe ist apolitisch. Sie ist inhaltlich weder auf die Globalisierung noch auf einen anderen konkreten Sachverhalt zugeschnitten, was z.B. der Fall wäre, wenn als Auslöser des Terrorismus ein bestimmter Inhalt des Globalisierungsgedankens oder eine bestimmte Politik der USA angesehen würde. Baudrillard ist der Ansicht, dass allein die Existenz einer Supermacht wie die USA den Terrorismus provoziere, wohingegen auch diese Großmacht selber „objektiv alles als terroristisch [empfindet], was sich ihr entgegenstellt”418. Inhalte spielen in diesem Szenario keine Rolle, was sich in dem Diktum zeigt: „würde der Islam die Welt beherrschen, würde sich der Terrorismus gegen den Islam wenden”419. Ganz im Sinne des postmodernen philosophischen Diskurses ist auch hier der Terrorismus ein scheinbar apolitisches Programm, für alle Zwecke geeignet und völlig wertfrei.

Baudrillard versucht die Ereignisse des 11. September auch an seine Simulationstheorie anzuschließen. Auch hier zeigt sich eine leichte Bedeutungsverschiebung in der Terminologie: Während Baudrillard die Simulation zuvor als Desinformation durch Überinformation420 definierte, wird der Begriff nun — ähnlich wie bei Virilio — gleichbedeutend mit „irreal” bzw. „illusionär” verwendet. Baudrillard geht so weit, den Terroranschlag statt als real als simulativ zu bezeichnen — eine Äußerung, die natürlich nur schwer zu akzeptieren ist. Auch die Argumentation, die ihn zu dieser Annahme führt, ist wenig stichhaltig: „Der Einsturz der Türme des World Trade Centers ist unvorstellbar, doch reicht das nicht, um daraus ein reales Ereignis zu machen. Ein Übermaß an Gewalt genügt nicht, um zur Realität zu gelangen. Denn die Realität ist ein Prinzip, und es ist dieses Prinzip, das wir verloren haben.”421Es fällt Baudrillard jedoch schwer, diesen Gedanken konsequent durchzuhalten. Er widerspricht sich, indem er einerseits die Ereignisse des 11. September als nicht real charakterisiert, an anderer Stelle wiederum als „echtes, ungeheures Ereignis”422. Auch der nachfolgende Afghanistanfeldzug wird, so wie zuvor der Golfkrieg von 1991, als „Nicht-Ereignis, das nicht wirklich stattfindet”423 abqualifiziert. Ergo: Auch der Kampf gegen den Terrorismus findet nicht statt. Davon abgesehen hält Baudrillard es für bemerkenswert und neu an der Situation, dass sich die Terroristen „Simulationstechniken” als Waffe angeeignet hätten. Die Terroristen [Seite 138↓]hätten, neben den anderen Waffen, die sie dem westlichen System entwendeten, sich auch „die Echtheit der Bilder, ihre augenblickliche weltweite Verbreitung”424 angeeignet und für ihre Zwecke ausgebeutet. Wie aber bereits im Abschnitt „Drei Terrorismuskonzeptionen” kritisiert wurde, ist die Verbindung zwischen Terrorismus und medialer Berichterstattung kein Novum. Vielmehr ist das Phänomen des modernen Terrorismus seit seiner Entstehung eng mit der medialen Berichterstattung verbunden, weil die terroristische Gewalt primär eine symbolische Gewalt ist. Der Unterschied des Anschlags vom 11. September zu anderen bereits begangenen Anschlägen sollte daher, in Bezug auf die Berichterstattung in den Medien, nicht so sehr als qualitativer, sondern als ein quantitativer betrachtet werden.

Wesentlichstes Merkmal auch dieses Szenarios ist die Indifferenz. Die Indifferenz resultiert einerseits aus der Unklarheit, welche die von Baudrillard vorausgesetzte Ubiquität des Bösen bei der Schuldzuweisung verursacht: es gibt keine verantwortlichen Subjekte, und damit keine Schuldigen und Unschuldigen mehr. Die Indifferenz ist aber auch räumlich zu betrachten, weil Baudrillard dem Terrorismus die folgenden Eigenschaften zuweist: Dass seine Organisationsstrukturen dezentralisiert und deterritorialisiert seien, der Terrorist also keine Heimstatt mehr besitze.425 Dass der Terrorismus sich globalisiert habe, also überall auftreten könne, nicht allein in Krisenregionen.426 Dass der Feind kein „starker” Gegner, sondern verstreut, dezentralisiert, ja vollkommen zersplittert sei, aber aus eben dieser Schwäche seine Stärke beziehe.427 Dass dieser Feind nicht mehr von außen, sondern von innen komme, den Gegner von innen her destabilisiere und zersetze.428 In diesem Szenario fehlt abermals der definierbare Gegner, weil sich die Dialektik von Innen und Außen aufgelöst hat. Die Vorstellung von einer wechselseitigen Verflechtung und Durchdringung, einer Reziprozität des Eigenen und des Fremden wird besonders durch die „Schläfer“-Problematik verstärkt: die Täter hätten sich, so Baudrillard, alle Errungenschaften und technischen Fertigkeiten der Moderne und der globalen Zivilisation angeeignet, ohne dabei ihr Ziel aus den Augen zu verlieren, das darin bestehe, eben diese Zivilisation zu zerstören.429 Im Zusammenhang mit der „Schläfer”-[Seite 139↓]Problematik befindet sich der „Feind” plötzlich überall — und nicht nur außerhalb, jenseits einer Grenze.430

Auffällig ist, dass Baudrillard überall vom Unreligiösen, Unpolitischen, Unideologischen, Dekonstruktiven ausgeht. Die Terrorismusinterpretationen, die Baudrillard zum 11. September vorgelegt hat — als Aufstand des Singulären gegen das Universelle, des Bösen gegen das Gute oder als eine Sonderform der Entropie, die einem unwahrscheinlichen Zustand ein Ende macht — stimmen darin überein, dass sie den Terror als autistische Eruptionen von Gewalt und nicht als begründetes, kommunikatives Handeln thematisieren. Nicht einmal religiöse Beweggründe, geschweige denn eine Ideologie oder eine politische Motivation, könnten, so Baudrillard, den terroristischen Akt erklären, er sei auch keine zeitgenössische Form der Revolution gegen Unterdrückung und Kapitalismus431 — vielmehr habe der Terrorismus „kein politisches Projekt, er hat keine Finalität, und so gesehen ist er zwar real, aber absurd”432.

Baudrillards nihilistische Verneinung sinnhaften Handelns verfolgt die Absicht, das Ereignis des 11. September an sein gesellschaftsanalytisches Instrumentarium anzuschließen, das er in den Jahren zuvor entwickelt hat. So lässt sich Baudrillards Wille nachvollziehen, den terroristischen Akt nicht für eine begründete Aktion zu halten, sondern für eine sinnlose, unbegründbare Handlung. Nur so sind die Ereignisse des 11. September an sein Denkgebäude anschließbar, welches von der Universalität des Bösen, vom Aufstand der Singularitäten und vom Fehlen begründeten, kommunikativen Handelns ausgeht. In seinem düsteren Pessimismus unterscheidet er sich auch von jenen, die von der Gefahr direkt auf das Rettende schließen und von der hoffnungslosen Weltlage auf eine Logik der Rettung — wie wir sie etwa im Pragmatismus seines Gegenspielers Richard Rorty finden. Handlungsrichtlinien lassen sich aus Baudrillards Ansatz nicht extrapolieren, weil für Baudrillard jedes Handeln sinnlos geworden ist.

Während Baudrillard weitgehend in der Affirmation der Ereignisse verharrt, bezieht Virilio Position. Er befürchtet die Schwächung von Austausch und Verständigung zwischen den Kulturen, zugunsten einer Zunahme von Feindschaft, Chaos und Indifferenz, und verleiht der Forderung, dies zu bekämpfen, nachdrücklich Ausdruck. Er warnt vor der Entstehung einer absoluten, teilweise religiös fundierten Feindschaft zwischen den Beteiligten, weil dadurch der Andere nicht mehr als politischer Gegner, sondern als Verbrecher wahrgenommen werde. Eine weitere Folgegefahr der Anschläge des 11. September sieht Virilio in einer stärkeren Zensur [Seite 140↓]der medialen Berichterstattung, die einen Rückgang der demokratischen Meinungsfreiheit mit sich bringen könne.

Auch Virilio sieht in den Attentaten eine nachträgliche Simulation seiner Theorien und beruft sich dabei vor allem auf seinen Aufsatz „Delirium in New York”433 von 1993. Darin beschreibt er das erste Attentat auf das World Trade Center (es handelte sich um einen Sprengstoffanschlag in der Tiefgarage) als den Beginn einer neuen Art der Bedrohung.434 Auch sei ihm als Architekten und Urbanisten die große Verwundbarkeit von Hochhäusern seit langem bewusst gewesen; die „Anti-Städte-Strategie”435 des „großen Terrorismus” habe ihn daher nicht überrascht.

Angesichts des 11. September arbeitet auch Virilio wieder mit der Gegenüberstellung zweier von ihm selbst konzipierter Begriffe; er unterscheidet zwischen „substantiellem” Krieg (guerre substantielle) und „akzidentiellem” Krieg (guerre accidentielle). Der Leitgedanke Virilios ist, dass derzeitig der substantielle vom akzidentiellen Krieg abgelöst werde. Unter einem substantiellen Krieg versteht Virilio einen Krieg zwischen Staaten, der sich „durch die Organisation eines Schlachtfeldes mit Truppen, Bannern, Fronten, Kriegserklärungen, Waffenstillstandsabkommen usw.”436 auszeichne, ein Krieg, der „lokal und substantiell”437 sei. Daneben habe jedoch noch eine andere, wesentlich ältere und weniger geregelte Form des Krieges Bestand gehabt, nämlich der „zufällige” bzw. akzidentielle Krieg, womit Virilio etwa Bürger- oder Partisanenkriege meint. Auch diese Form des Krieges sei ursprünglich lokal gewesen, oder, um mit Carl Schmitt zu sprechen, „tellurisch”, d.h. sie war geprägt von einer räumlichen Begrenzung der Feindschaft und einer „Verbindung mit dem Boden, mit der autochthonen Bevölkerung und der geographischen Eigenart des Landes”438. Nun habe sich jedoch der akzidentielle Krieg deterritorialisiert bzw. globalisiert, so dass die einst tellurische (Befreiungs-) Bewegung des akzidentiellen Krieges in eine Phase der internationalen und übernationalen Steuerung geraten sei.439 Sie habe sich mit dem „großen Terrorismus” verbunden und sei dabei, zu einem „internationalen Bürgerkrieg” auszuarten: zu einem Krieg „ohne Formen, ohne Kriegserklärung, ohne deklarierten Feind und ohne politisches Ziel — [Seite 141↓]außer der Katastrophe”440. Im Gegensatz zum substantiellen Krieg, in dem es darum gehe, Territorien zu erobern oder politische Ziele durchzusetzen, gebe es im akzidentiellen Krieg, so Virilio, nur Verluste: „heute ist der organisierte Unfall an die Stelle der Schlacht getreten. Ein Attentat ist ein organisierter Unfall. Vor allem, wenn es anonym ist. Der Unterschied zwischen einem Unfall und einem Attentat wird gleich Null”441. Weil der akzidentielle Krieg zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit führe, stellt Virilio den 11. September in eine Reihe mit Hiroshima und Nagasaki, den Vernichtungslagern und Flächenbombardements des Zweiten Weltkriegs — gerade weil sich die Aktionen des akzidentiellen Krieges, wie auch der Anschlag auf das World Trade Center, gegen Zivilisten gerichtet haben. Überall dort wurde „das Undenkbare berührt: die Vernichtung”442.

Bei Virilio steht der akzidentielle Krieg symbolisch für den Abbruch des kommunikativen Dialogs mit dem Anderen. Denn im akzidentiellen Krieg sei der Andere nicht mehr ein (politischer) Gegner, den man überzeugen müsse, sondern ein Feind, den man vernichten müsse. Das religiöse Element, das der akzidentielle Krieg mit den muslimischen „Märtyrern” in sich aufgenommen habe, bringe eine über den Tod hinausgehende absolute Feindschaft ins Spiel. Diese Dämonisierung und Kriminalisierung des Anderen habe sich aber bereits während der Blockkonfrontation angekündigt, weil schon die Atomwaffen des Kalten Krieges, die ein halbes Jahrhundert lang das drohende Ende der Welt beschworen, eine „Rückkehr der Dämonologie der Frühzeit”443 in Gang gesetzt hätten. Ihre bloße Anwesenheit hätte die Existenz einer maximalen Feindschaft notwendig gemacht, denn je höher der Vernichtungsgrad der zum Einsatz kommenden Waffen, desto notwendiger setzten sie die Kriminalisierung und die Dämonisierung des Feindes voraus, weil, wie bereits Carl Schmitt festgestellt hatte, andernfalls der Aggressor in Gefahr laufe, selbst als kriminell hingestellt zu werden.444 Auch in einem Religionskrieg sei der Andere nicht mehr der politische Gegner, sondern der Verbrecher: daher auch die Kontinuität in der Rhetorik des Krieges des „Guten” gegen das „Böse”.445 Für Virilio ist der Krieg damit kein kommunikativer bzw. politischer Handel mehr, sondern man „zerreißt das Tischtuch”446. Die Folgen seien gravierend: Eine absolute Feindschaft kenne, anders als die politische, in der Auseinandersetzung keine Hegung. Virilio plädiert daher für eine „Re-Politisierung” der Ereignisse. Falls es jedoch nicht gelinge, die Regeln der Politik [Seite 142↓]wieder zu beleben, würden wir — angesichts der Massenvernichtungswaffen, die heute existieren — in ein Zeitalter der „terroristischen Maßlosigkeit”447 und der Anarchie eintreten.

Zu Simulationseffekten sei es im Zusammenhang mit den Ereignissen des 11. September gekommen, weil die gesteigerte und potenzierte Informationsfülle den Rezipienten aufgrund der nicht mehr zu differenzierenden Schauplätze und der unübersichtlichen Schnittflächen unterschiedlicher Territorialitäten und Temporalitäten mehr verwirrt als informiert habe. Damit habe die Berichterstattung in „Echtzeit”, so Virilio, mehr zur Verwirrung als zur Aufklärung der Rezipienten beigetragen: „Je intensiver gesendet wird, desto weniger weiß man im Allgemeinen. Es werden auch ständig die gleichen Bilder ausgestrahlt. Diese Exzesse werden zu einer großen Gefahr für die Information.“448 Mit anderen Worten: Die „Informationsbombe” ist explodiert, hergestellt in der westlichen Welt, gezündet vom Terrorismus.449 Korrespondierend mit seiner Forderung nach einer Re-Politisierung der Ereignisse plädiert Virilio auch hier für eine sachliche, nüchterne Betrachtung: „Wir müssen die Fakten ernst nehmen. Wir müssen das Ereignis selbst analysieren. Stattdessen gibt es Propaganda und Lärm.”450

Eine weitere Gefahr der unkontrollierten Berichterstattung der Medien sei, dass sie in eine Verschärfung von Zensurmaßnahmen umschlagen könne. Normalerweise — im Fall eines Krieges — seien solche Bilder der Massenvernichtung im Fernsehen nicht zu sehen, sie unterlägen den Zensurmaßnahmen der zuständigen Pressestelle. Am 11. September sei dieses Prinzip jedoch außer Kraft gesetzt worden, weil die Attentate sich quasi aus dem Nichts gegen das zivile Leben der Amerikaner gerichtet hätten. Dem Terror sei so die Medienpräsenz sicher gewesen, die, ohne zuvor gefiltert worden zu sein, die Macht des Anschlages ins Unendliche vervielfacht habe. Dies könne, so Virilio, zu einer Schwächung der Pressefreiheit führen: „Bezüglich der Massenmedien befürchte ich einen Rückgang der Meinungsfreiheit. Wir werden mehr polizeistaatliche Lenkungen erleben.”451 Die Kontrolle der öffentlichen Berichterstattung könne so in Zukunft ein unvorstellbares Ausmaß annehmen.

Baudrillard und Virilio haben hier eine postmoderne Interpretation der Ereignisse des 11. September vorgelegt. Das Bild, das sie zeichnen, entspricht dem in den vorausgegangenen Teilen dieser Arbeit vorgezeichneten Szenario. Auch diese Interpretation beruht daher auf der Annahme, dass es zu einem völligen Abbruch der Kommunikation zwischen den Beteiligten gekommen sei. Der Konsens ist dem Dissens gewichen, und der Dissens isoliert sich nicht in [Seite 143↓]autarken „Sprachspielen” — wie Lyotard erhoffte —, sondern er entlädt sich in Gewalt. Regeln scheinen nicht mehr zu existieren, die über den moralischen Binnenhorizont der einzelnen Gruppen hinaus für eine allgemeine Anerkennung der kulturellen Gleichberechtigung Sorge tragen könnten. Wie sich schon in den vorausgegangenen Untersuchungen gezeigt hat, unterschätzen Baudrillard und Virilio auch hier die Rolle von Kommunikation und Austausch und sehen vor allem Konfrontation und Destruktion am Werke.

Dieses zeigt sich bei Baudrillard in seiner Beschreibung des zerstörerischen Ringens dreier antagonistischer Kräfte: des Globalen und des Lokalen, des Guten und des Bösen, sowie dem unablässigen Auf und Ab von Aufbau und Verfall, Aufstieg und Niedergang. Die sich der Vereinheitlichung widersetzenden Singularitäten stehen bei Baudrillard für eine Welt, die nicht zusammenwächst, sondern auseinander fällt. Wie bereits in der Konzeption von Lyotard findet sich bei Baudrillard kein Hinweis auf einen kommunikativen Willen — als Anwälte ihrer „irreduziblen Singularitäten” stehen die Terroristen zur hegemonialen Macht nicht mehr in einer kommunikativen, sondern in einer destruktiven Beziehung. Das systemische Böse wiederum benutzt den Einzelnen als willenloses Medium, um sich auszudrücken — womit auch der Terrorakt zum Ausdruck eines wertfreien und ubiquitären Phänomens wird, welches keine rational nachvollziehbaren Gründe hat und keinen Absichten bzw. Zielen mehr folgt. Auch in der Interpretation vom Verfall durch Größe, die Baudrillard vorlegt, dem Ringen von Aufstieg und Niedergang, hat sich sinnhaftes geschichtliches Handeln erschöpft; Niedergang bzw. Zerstörung erhalten in diesem Auf und Ab einen systematischen Platz. In Baudrillards Interpretation sind die Terroranschläge des 11. September Teil eines unabwendbar hinzunehmenden Schicksals; Auflehnung bzw. Bekämpfung sind vergebens.

Die Unterschätzung der Rolle von Kommunikation und Austausch zeigt sich aber auch in Virilios Forderung, die Ereignisse zu „re-politisieren”. Dennoch ist Virilios Beitrag zum 11. September konstruktiver als der Baudrillards, der die Ereignisse dem Selbstlauf überlässt. Virilio verharrt nicht in bloßer Affirmation des Geschehenden, sondern weist auf die kommenden Gefahren hin. Die globale Verwahrlosung durch den Siegeszug des akzidentiellen Krieges, die Verschärfung der Feindschaft zwischen den beteiligen Konfliktparteien, die schärfere Zensur von zivilen Bildern — dies sind Probleme, denen Virilio sich stellt und für deren Überwindung er plädiert, nämlich durch eine nüchterne Betrachtung und eine Re-Politisierung der Ereignisse.

Baudrillards These von der Grund- und Absichtslosigkeit der Ereignisse lässt sich die Aussage von Ernst Otto Czempiel gegenüberstellen, der dafür plädiert, so schwer dies auch fallen mag, auch die Anschläge des 11. September nicht als unmotivierte Zerstörung, sondern als Akt des Widerstandes anzusehen, dessen Motive einzeln zu untersuchen und zu bewerten seien. Auch Handlungen wie der Anschlag vom 11. September hätten definierbare Gründe und verfolgen, so Czempiel, eine — wenn auch diffuse — konzeptionelle Absicht.452 Czempiel schließt [Seite 144↓]daraus, dass sich der Terrorismus beeinflussen ließe, wenn der Kontext, aus dem heraus er entstanden sei, verändert werde. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, erscheint die Haltung Baudrillards als fragwürdig, weil er mit den Begründungen auch jede Bearbeitungs- und Lösungsmöglichkeit verneint. Es geht Baudrillard nicht um Aufklärung, denn das hieße ihre Folgekosten auf sich zu nehmen: die Rolle des engagierten Intellektuellen einzunehmen. Diese Rolle aber lehnt Baudrillard ab, was ihn zu einer Affirmation des Status quo führt.

Obwohl die Zeichen der Zeit eher auf Konfrontation als auf Diskussion deuten, kann die postmoderne Hypothese von der absoluten Marginalisierung von Austausch und Vermittlung mit dem Fremden und dem Anderen unsere Lebenswirklichkeit nicht adäquat widerspiegeln. So hat sich gezeigt, dass in den verschiedenen Gruppen durchaus ein kommunikativer Wille vorhanden ist. Überall finden sich Gegenpositionen zu den extremen Optionen, welche sich im Aktionismus überbieten, ohne zuvor das Gespräch gesucht zu haben. Dieser kommunikative Wille artikuliert sich auch in der Position von Jürgen Habermas, der in seiner Rede bei Entgegennahme des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels darlegte, dass vor allem der Dialog mit Worten gesucht werden müsse: „Im Terrorismus äußert sich auch der verhängnisvoll-sprachlose Zusammenstoß von Welten, die jenseits der stummen Gewalt der Terrorismen wie der Raketen eine gemeinsame Sprache entwickeln müssen.”453

Lyotard hat über die Moderne gesagt, dass ihre Visionen von der transzendentalen Illusion der Einheit, die Sehnsucht nach dem Ganzen und dem Einen, nach Versöhnung und transparenter und kommunizierbarer Erfahrung, nur „um den Preis des Terrors”454 zu verwirklichen seien. Diesem „transzendentalen” Terrorismus stellt er den „herrschaftsfreien Diskurs“ der Postmoderne gegenüber. Offensichtlich geschah dies vorschnell, denn sein Szenario von Frieden, Freiheit und von „positiver Barbarei” hat, wie wir gesehen haben, das Potenzial, in sein Gegenteil, ein apokalyptisches Konflikt-Szenario umzuschlagen. Dies ist einer der Gründe, warum der muslimische Intellektuelle Muqtedar Khan in der postmodernen Philosophie eine Art „Selbstzerstörung der westlichen Zivilisation” sieht.455


Fußnoten und Endnoten

389 In: Süddeutsche Zeitung vom 24. 09.2002

390 In: Wolfgang Haug (Hg.), Angriff auf die Freiheit?, Grafenau 2002

391 Ibid.

392 Ibid.

393 In. Der Spiegel Nr. 21/2002

394 Ibid.

395 In: Berliner Zeitung vom 24. 11. 01, Die Zeit vom 17.09.01, Welt am Sonntag vom 2.12.01

396 In: die tageszeitung vom 22.12.01

397 In: Die Zeit vom 6.12.01

398 In: Frankfurter Rundschau vom 17.11.01

399 Vgl. Hartmut Böhme, Global Cities, Terrorismus. In: Lettre International, Heft 55/2001, S. 25-27

400 In: Frankfurter Rundschau vom 22.09.01

401 Vgl. Jean Baudrillard, L’Esprit du terrorisme, In: Le Monde vom 3.11.2001

402 Jean Baudrillard und Peter Engelmann (Hg.), Der Geist des Terrorismus, Wien 2002, Passagen

403 Jean Baudrillard, Das ist der vierte Weltkrieg, Interview in: Der Spiegel, Nr. 3, 2002, S. 178 - 181, hier S. 180

404 Vgl. Jean Baudrillard, Die Gewalt des Globalen, in: ders., Der Geist des Terrorismus, Wien 2000, S. 37 - 64, hier S. 50f.

405 Ibid. S. 53

406 Ibid. S. 55

407 Vgl. Jean Baudrillard, Der Geist des Terrorismus. Herausforderung des Systems durch die symbolische Gabe des Todes. In: ders., Der Geist des Terrorismus, Wien 2002, Passagen, S. 11 - 35, hier S. 16; sowie ders., Die Gewalt des Globalen, in: ders., Der Geist des Terrorismus, Wien 2000, S. 37 - 64, hier S. 55

408 Vgl. Jean Baudrillard, Das ist der vierte Weltkrieg, Interview in: Der Spiegel, Nr. 3, 2002, S. 178 - 181, sowie: ders., Der Geist des Terrorismus. Herausforderung des Systems durch die symbolische Gabe des Todes. In: Der Geist des Terrorismus, Wien 2002, Passagen, S. 11 - 35, hier S. 18f.

409 Jean Baudrillard, Der Geist des Terrorismus. Herausforderung des Systems durch die symbolische Gabe des Todes. In: ders., Der Geist des Terrorismus, Wien 2002, Passagen, S. 11 - 35, hier S. 13

410 Ibid. S. 24

411 Vgl. Elaine Pagels, Adam, Eve, and the Serpent, New York 1988

412 Vgl. Jean Baudrillard, Das ist der vierte Weltkrieg, Interview in: Der Spiegel, Nr. 3, 2002, S. 178 - 181, sowie: Der Geist des Terrorismus. Herausforderung des Systems durch die symbolische Gabe des Todes. In: ders., Der Geist des Terrorismus, Wien 2002, Passagen, S. 11 - 35

413 Vgl. Kapitel 4.2.

414 Vgl. Jean Baudrillard, Die Gewalt des Globalen, in: ders., Der Geist des Terrorismus, Wien 2000, S. 37 - 64

415 Ibid. S. 54

416 Jean Baudrillard, Der Geist des Terrorismus. Herausforderung des Systems durch die symbolische Gabe des Todes. In: ders., Der Geist des Terrorismus, Wien 2002, Passagen, S. 11 - 35, hier S. 16

417 Jean Baudrillard, Die Gewalt des Globalen, in: ders., Der Geist des Terrorismus, Wien 2000, S. 37 - 64, hier S. 41f.

418 Jean Baudrillard, Das ist der vierte Weltkrieg, Interview in: Der Spiegel, Nr. 3, 2002, S. 178 - 181, hier S. 180

419 Jean Baudrillard, Der Geist des Terrorismus. Herausforderung des Systems durch die symbolische Gabe des Todes. In: ders., Der Geist des Terrorismus, Wien 2002, Passagen, S. 11 - 35, hier S. 18

420 Vgl. Jean Baudrillard, Das perfekte Verbrechen, München 1996 (frz. 1995), S. 33

421 Jean Baudrillard, Der Geist des Terrorismus. Herausforderung des Systems durch die symbolische Gabe des Todes. In: ders., Der Geist des Terrorismus, Wien 2002, Passagen, S. 11 - 35, hier S. 30

422 Ibid. S. 35

423 Ibid. S. 35

424 Jean Baudrillard, Der Geist des Terrorismus. Herausforderung des Systems durch die symbolische Gabe des Todes. In: ders., Der Geist des Terrorismus, Wien 2002, Passagen, S. 11 - 35, hier S. 29 bzw. Jean Baudrillard, Die Gewalt der Bilder. Hypothesen zum Terrorismus und das Attentat vom 11. September, in: ders., Der Geist des Terrorismus, Wien 2000, S. 65 - 78, hier S. 73

425 Vgl. Jean Baudrillard, Das ist der vierte Weltkrieg, Interview in: Der Spiegel, Nr. 3, 2002, S. 178 - 181, hier S. 179

426 Vgl. Jean Baudrillard, Der Geist des Terrorismus. Herausforderung des Systems durch die symbolische Gabe des Todes. In: ders., Der Geist des Terrorismus, Wien 2002, Passagen, S. 11 - 35, hier S. 20

427 Ibid. S. 22, sowie Jean Baudrillard im Gespräch mit Peter Engelmann, in: ders., Der Geist des Terrorismus, Wien 2000, S. 65 - 78, hier S. 85

428 Jean Baudrillard, Hypothesen zum Terrorismus. Die Regel des Spiels, die Verschlimmerung des Stands der Dinge, in: Lettre International, Nr. 56, 2002, S. 16f.

429 Vgl. Jean Baudrillard, Der Geist des Terrorismus. Herausforderung des Systems durch die symbolische Gabe des Todes. In: ders., Der Geist des Terrorismus, Wien 2002, Passagen, S. 11 - 35, hier S. 23, sowie Jean Baudrillard, Die Gewalt des Globalen, in: ders., Der Geist des Terrorismus, Wien 2000, S. 37 - 64, hier S. 63

430 Siehe zu dieser Problematik auch den Beitrag von Günter Franzen, Die Schläfer sind unter uns, in: Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, Nr. 9/2002, S. 520-524

431 Vgl. Jean Baudrillard, Das ist der vierte Weltkrieg, Interview in: Der Spiegel, Nr. 3, 2002, S. 178 - 181, hier S. 180, sowie: Jean Baudrillard, Der Geist des Terrorismus. Herausforderung des Systems durch die symbolische Gabe des Todes. In: ders., Der Geist des Terrorismus, Wien 2002, Passagen, S. 11 - 35, hier S. 16, sowie Jean Baudrillard, Die Gewalt des Globalen, in: ders., Der Geist des Terrorismus, Wien 2000, S. 37 - 64, hier S. 57

432 Jean Baudrillard, Das ist der vierte Weltkrieg, Interview in: Der Spiegel, Nr. 3, 2002, S. 178 - 181, hier S. 181

433 Paul Virilio, New York im Delirium, in: ders., Ereignislandschaft, München Wien 1998 (frz. 1996), S. 41 - 46

434 „Unabhängig davon, wer die Täter waren, leitet er [der Anschlag auf das World Trade Center 1993, M. B.] ein neues Zeitalter des Terrorismus ein und hat nichts mit den Bomben gemeinsam, die regelmäßig Irland oder England erschüttern.”; Paul Virilio, New York im Delirium, in: ders., Ereignislandschaft, München Wien 1998 (frz. 1996), S. 41-46, hier S. 41

435 Paul Virilio, Un krach de la pensée stratégique? http://www.webdo.ch/hebdo/attentats_usa_11_09_01/usa_4.html#top (10.09.2002)

436 Paul Virilio, Vom Terror zur Apokalypse? Der erste Krieg der Globalisierung und der Krach der Netzstrategie. In: Lettre International, Nr. 54, Herbst 2001, S. 5-7, hier S. 5

437 Paul Virilio, Un krach de la pensée stratégique? http://www.webdo.ch/hebdo/attentats_usa_11_09_01/usa_4.html#top (10.09.2002)

438 Carl Schmitt, Theorie des Partisanen. Zwischenbemerkungen zum Begriff des Politischen. Berlin 1963, S. 26

439 Vgl. Paul Virilio, Un krach de la pensée stratégique? http://www.webdo.ch/hebdo/attentats_usa_11_09_01/usa_4.html#top (10.09.2002), sowie Paul Virilio, Vom Terror zur Apokalypse? Der erste Krieg der Globalisierung und der Krach der Netzstrategie. In: Lettre International, Nr. 54, Herbst 2001, S. 5-7, hier S. 5

440 Paul Virilio, Die meiste Angst macht mir Bush, Interview mit Dorothea Hahn, in: die tageszeitung, Nr. 6580, 22.10.2001, S. 3

441 Ibid. S. 3

442 Ibid. S. 3

443 Paul Virilio, Der negative Horizont, München/Wien 1989 (frz. 1984), S. 254; auch: ders., Der Reine Krieg, Berlin 1984 (engl. 1983), S. 55

444 Vgl. Carl Schmitt, Theorie des Partisanen. Zwischenbemerkungen zum Begriff des Politischen. Berlin 1963, S. 95

445 Vgl. Paul Virilio, Ground Zero, London/New York 2002, S. 36

446 Paul Virilio, Vom Terror zur Apokalypse? Der erste Krieg der Globalisierung und der Krach der Netzstrategie. In: Lettre International, Nr. 54, Herbst 2001, S. 5-7, hier S. 6

447 Ibid. S. 6

448 Paul Virilio, Mit der Liveschaltung beginnt der Polizeistaat, Interview in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 219, September 2001, S. 49

449 Vgl. Paul Virilio und Friedrich Kittler, Die Informationsbombe. Paul Virilio und Friedrich Kittler im Gespräch. Arte, November 1995, http://www.hydra.umn.edu/kittler/bomb.html

450 Paul Virilio, Die meiste Angst macht mir Bush, Interview mit Dorothea Hahn, in: die tageszeitung, Nr. 6580, 22.10.2001, S. 3

451 Paul Virilio, Mit der Liveschaltung beginnt der Polizeistaat, Interview in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 219, September 2001, S. 49

452 Ernst Otto Czempiel, Kehrt der Krieg zurück? Anamnese einer Amnesie, in: Merkur, Heft 3, März 2002, 56. Jhg, S. 197-209, hier S. 203

453 Jürgen Habermas’ Rede bei der Entgegennahme des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, www.information-philosophie.de/philosophie/habermas2001.html

454 Jean-François Lyotard, Beantwortung der Frage: Was ist postmodern?, in: Wolfgang Welsch (Hg.), Wege aus der Moderne. Schlüsseltexte zur Postmoderne-Diskussion, Weinheim 1988, S. 203. Sowie: ders., Apathie in der Theorie, Berlin 1979 (frz. 1977), S. 73

455 Vgl. Muqtedar Khan, Postmodernity and the Crisis of „Truth”, www.ijtihad.org/postmod.htm



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26.05.2005