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6  Zusammenfassung

Die postmoderne Philosophie versteht sich als eine Bewegung der Befreiung und der kulturellen Emanzipation. Sie entstand als Gegenposition auf die universalistischen Weltentwürfe der jüngeren Geschichte. Die pluralistische Option der postmodernen Philosophie verbindet sich mit der impliziten Hoffnung, mit dem Zeitalter der Totalisierungen auch das Zeitalter der negativen Fremdwahrnehmung und des Ausschlusses des kulturell Anderen hinter sich zu lassen. Der utopische Zustand der Befreiung, den der postmoderne philosophische Diskurs anstrebt, soll vor allem durch eine Erstarkung des Pluralitäts- und Differenzgedankens verwirklicht werden. Mit seinen Grundinhalten Pluralität und kulturelle Emanzipation sieht das postmoderne philosophische Denken auf den ersten Blick verlockend aus, und die Wirkung seiner Freiheits- und Emanzipationsrhetorik bezieht sich daraus, dass es geschickt auf einem — geschichtlich keinesfalls unbegründeten — schlechten Gewissen der „Ersten Welt” dem Rest der Welt gegenüber aufbaut.

In dieser Arbeit wird jedoch auf zwei besondere Antinomien aufmerksam gemacht, die diese Ansprüche des postmodernen philosophischen Diskurses in Frage stellen. Zur Diskussion steht zum einen die Vorstellung, dass der postmoderne philosophische Diskurs eine „positive Barbarei” herbeiführe; wohingegen hier die Ansicht vertreten wird, dass der postmoderne philosophische Diskurs bei folgerichtigem Durch- und Zuendedenken eine negativ konnotierte, anarchische Regellosigkeit beinhaltet. Zum anderen steht die Vorstellung von der Differenz als quasi „ontologischer Dignität” der Postmoderne auf dem Prüfstand; diese Arbeit regt dazu an, in den postmodernen Denk- und Handlungsanweisungen vielmehr einen fundamentalen Entdifferenzierungsprozess zu sehen.

Die in der postmodernen Philosophie bedeutende Vorstellung von einem „herrschaftsfreien Diskurs” bzw. einer „positiven Barbarei” geht ursprünglich auf Lyotard zurück; sie weist Parallelen zum positiv konnotierten, individualistischen Anarchismus auf. Diese positive Wertung beruht auf dem bei Lyotard verleugneten, dennoch ungebrochen weiter wirksamen Glauben an das vernünftige Subjekt, also an die natürliche, dem Menschen gleichsam angeborene Vernunft. Wird hingegen die „totalisierende” Annahme von der Vernünftigkeit des Subjekts nicht mehr in den Kontext aufgenommen, wie es bei Baudrillard geschieht, spiegelt sich eine innere Orientierungslosigkeit (das Subjekt wird nicht mehr als vernünftiges gedacht) in der äußeren (Verlust aller Werte und Zwänge, aller Regeln und Beschränkungen). Das Szenario von Frieden, Freiheit und von „positiver Barbarei” verkehrt sich so in sein Gegenteil — in apokalyptische Unordnung und Zerstörung —, weil durch die postmodernistische Absage an die Universalität auch keine Superstruktur mehr besteht, die über den moralischen Binnenhorizont der fremdentfalteten Teile hinaus für eine allgemeine Anerkennung der kulturellen Gleichberechtigung Sorge tragen könnte. Verschärfend kommt beim Auftreten eines Konflikts hinzu, dass der postmoderne philosophische Diskurs auch durch die „Notwendigkeit, keine Theorie zu haben” (Lyotard) alle Orientierungsmuster demontiert, die [Seite 146↓]noch zu einer argumentativen Einigung führen könnten. Weder die Menschenrechte noch eine andere universale Gerechtigkeit stehen hier noch als Maßstäbe zwischen zwei kulturellen Ordnungen mit ihren verschiedenen Wertsetzungen zur Verfügung. So droht sich mit der postmodernen Potenzierung der Unterschiede nicht die Toleranz (der kreative Kontakt mit dem Anderen bzw. der Kulturaustausch), sondern die Konflikthaftigkeit der Welt zu vervielfachen. Das postmoderne philosophische Denken hat somit entgegen seiner ursprünglichen Selbstlegitimation einen stark konfliktuellen Charakter.

Des Weiteren setzt die postmoderne Philosophie, statt zu einer Erstarkung des Differenzgedankens zu führen, einen Entdifferenzierungsprozess voraus, der v.a. auf räumlicher Ebene zu einer Indifferenz bzw. Unterscheidungslosigkeit führt, die ebenfalls im Widerspruch zur quasi „ontologischen Dignität” des postmodernen philosophischen Differenzanspruches selbst steht. Während Lyotards Modell weitgehend auf einer Isolation der verschiedenen Sphären beruht, also auf der Stillstellung der Diskursarten in absoluter Heterogenität, deuten die Pluralisierungsvorstöße, die Baudrillard und Virilio einfordern, auf einen Verfall der traditionellen Formvorstellungen der Moderne hin, auf eine weitgehende Auflösung der Grundoppositionen Innen – Außen, Zentrum – Peripherie, Öffentlich – Privat, Global – Lokal etc. Daraus ergibt sich die Situation, dass der postmoderne philosophische Diskurs einerseits an einer provozierenden Überspitzung der kulturellen Unterschiede arbeitet, andererseits aber die Grenzen bzw. Abgrenzungen zwischen dem Eigenen und dem Fremden dekonstruiert: das kulturell Fremde bzw. Andere wird in diesem Szenario als dem Eigenen nicht mehr sichtbar von „außen” gegenüberstehend wahrgenommen, sondern vielmehr als auf „bedrohliche” Weise mit den Strukturen der eigenen Kultur verwoben — ein Denkmuster, das teilweise sogar (z.B. bei Baudrillard) typische Argumentationsstrukturen des Rassismus (etwa vom „vergifteten Volkskörper”) aufgreifen kann. Da sich die postmoderne Philosophie aber ursprünglich als Gegenposition zu den universalistischen Erfahrungen der jüngeren Geschichte mit ihrem Reinheits- und Ausschlussdenken selbst legitimierte, ist dies als besonders problematisch anzusehen.

Die beiden Grundthesen der vorliegenden Arbeit stellen daher den Anspruch des postmodernen philosophischen Diskurses, einen Modus des toleranteren Zusammenlebens mit den Unterschieden in dieser Welt anbieten zu können, grundsätzlich in Frage. Relativiert wird dieser Anspruch zusätzlich dadurch, dass sich uns eine solche „postmoderne Alternative“ auch nicht stellt und dies vermutlich zu keiner Zeit getan hat — auch wenn Autoren wie Jean Baudrillard und Paul Virilio durch ihre Verweise auf „postmoderne“ Ereignisse unserer Zeit (etwa den 11. September 2001) den Eindruck erwecken wollen, ihre Theorie besäße eine gewisse Wirkungsmächtigkeit. Indessen hat der postmoderne philosophische Diskurs seine beste Zeit bereits gehabt und wird heute wieder aus einer eher historischen Perspektive betrachtet. Wo immer heute, im Zeitalter eines entstehenden Welt-Innenraumes und der vielfältigen interkulturellen Kontakte, die Imperative des postmodernen philosophischen Diskurses als Programm zur besseren Akzeptanz des kulturell Anderen und zur Erziehung der [Seite 147↓]verschiedenen Akteure im Geist der Toleranz ins Gespräch gebracht werden sollten, sollte dies daher kritisch betrachtet werden.


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26.05.2005