|
| [Seite 294↓] |
Die Widersprüchlichkeit, die die gesamte Periode der Weimarer Republik1 auszeichnet, ist nicht nur den Betrachtern im Nachhinein deutlich geworden, sondern war auch den Zeitgenossen oftmals klar bewusst. Für die Frauen bedeutete die neue Zeit einen außerordentlich großen Fortschritt, da sie sich trotz aller Schwierigkeiten erstmals offiziell an den Geschicken ihres Staates beteiligen konnten, nachdem ihnen das Wahlrecht zugestanden worden war. Ihre Hoffnungen in die neue Republik erfüllten sich jedoch letztlich nur teilweise, denn Krisen verhinderten, dass die vielen dringenden Aufgaben, die sich die Frauen im Ersten Weltkrieg vorgenommen hatten zu lösen, auch gelöst werden konnten. Die schwierige allgemeine Lage setzte oftmals andere Prioritäten und eine ruhige und langfristige Arbeit war selten möglich.2
Doch die Hoffnungen, die sich nach dem Ersten Weltkrieg an die Proklamation der Republik knüpften, waren außerordentlich hoch. Eine Republik schien als der Fortschritt schlechthin.3
Nicht nur, dass der endlich der Krieg beendet war, auch schien mit der Ausrufung der Republik und der Verkündung des allgemeinen Wahlrechts, eine völlig neue Gesellschaftsordnung möglich zu werden. Viele glaubten, dass nun alle Voraussetzungen für den Sozialismus bestünden. Doch diese Hoffnungen erwiesen sich schon wenig später als illusorisch. Die Arbeiterparteien kämpften nicht gemeinsam, wodurch selbst mögliche Reformansätze unrealisierbar wurden. Es entstand keine sozialistische Republik, denn eine wirkliche sozialistische Umwälzung wurde nur von wenigen favorisiert. Die Mehrheit erhoffte lediglich Ruhe und genügend zu essen, und "...kein Diktator, der weitere Opfer forderte, konnte sie locken. Nur eine Minderheit war bereit, revolutionaerem Ungestuem zu folgen." 4
|
| [Seite 295↓] |
Die Mehrheit der Bevölkerung wartete nach den Jahren des Krieges sehnlichst darauf, dass endlich wieder Ruhe eintrat und sich das Leben normalisierte. Die Spartakisten hingegen konnten nur ein Experiment mit ungewissem Ausgang bieten. Nach den Beobachtungen, die man in Deutschland nach der russischen Revolution über die dortigen Zustände gemacht hatte, war der Bolschewismus in Großteilen der Bevölkerung zu einem Schreckgespenst mutiert. Verkündete Rosa Luxemburg auf dem Gründungsparteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands: "Die proletarische Revolution bedarf für ihre Ziele keines Terrors; sie haßt und verabscheut den Menschenmord." 5 , so waren die Nachrichten von Terror und Gewaltherrschaft doch schon bis nach Deutschland gedrungen.
Auch für Adele Schreiber waren zu dieser Zeit die Forderungen der Spartakisten viel zu radikal. Sie hatte Angst vor weiteren Ausschreitungen und konnte sich auch das Ziel, das den Spartakisten vorschwebte, nicht für Deutschland vorstellen. Sie vertraute auf eine kommende Demokratie. Das genügte ihr. Das russische Modell wurde von ihr als nicht übertragbar auf Deutschland empfunden und auch wegen der bekanntgewordenen Ausschreitungen von ihr abgelehnt. Adele Schreiber war sich sicher, dass eine demokratische Republik ihren Forderungen zuträglich sein würde, und dass sie auch ohne radikale Umwälzungen in dem neuen Staat ihre Vorstellungen verwirklichen kann. Sie hatte mehr Zutrauen zu einer langsamen, bedachtsamen Umwandlung, als Bedenken dahingehend, dass sich alte Strukturen erhalten und mit der Zeit restaurieren und durchsetzen könnten. Die politischen Umstände mussten sich, so ihre Meinung, zwar grundlegend wandeln, doch vor allen Dingen sollte es keinen weiteren Kampf geben, alles sollte sich in Ruhe und Ordnung vollziehen.
Der Neubeginn war insgesamt nur eine Kompromisslösung.6 Die sozialistische Linke war nach dem Kriegsende in sich so zersplittert und stand der neuentstandenen Situation derart unvorbereitet gegenüber, dass sie sich gegen alte, noch bestehende Strukturen des Kaiserreiches nicht wehrte und sich, um den Spartakisten Einhalt gebieten zu können, auch noch mit den alten Militärs verbündete, wodurch sich deren Macht in der neuen Republik manifestierte. Die [Seite 296↓]Sozialdemokratie hatte dem Einfluss des Militärs nichts entgegenzusetzen und versuchte erst gar nicht, ihm das Ruder aus der Hand zu nehmen.
Im Nachhinein, nach dem Scheitern der Weimarer Republik, bedauerte auch Adele Schreiber, dass der Versuch einer wirklichen Revolution nicht unternommen wurde, der ihr doch im Augenblick der möglichen Umsetzung selbst widerstrebt hatte: "Die Frage, ob im nachmaligen Nachkriegsdeutschland eine wirkliche Revolution moeglich gewesen waere, wird nie beantwortet werden. Die im Wege stehenden Hindernisse waren gross: Vor allem das Verhalten der Sieger, von denen das hungernde, nach diesem viel zu lange hinausgezogenen Krieg, voellig verarmte Deutschland abhing, aber auch die Einstellung der Massen. ... Die Mehrheit war noch nicht reif fuer die Revolution. Im wesentlichen waren die Menschen muede vor allem auch kampfmuede, sie waren hungrig, wollten Nahrung, ein bescheidenes Heim und Frieden haben." 7 Zu der von ihr benannten Mehrheit war Adele Schreiber selbst auch hinzurechnen. Auch sie war nach der Beendigung des Krieges müde, wollte keine weiteren Auseinandersetzungen, sondern einen Neuanfang in einem möglichen, ihr erreichbar scheinenden Rahmen. Nicht Maximalforderungen sollten ihrer Meinung nach gestellt werden, denn notwendig war für sie vor allen Dingen ein schneller und geordneter Neuanfang. Die Sehnsucht nach geordneten Verhältnissen, die Angst vor russischen Zuständen und das Vertrauen in die Sozialdemokratie spielten in ihrer Haltung zusammen. Ihre Kräfte, dessen war sie sich gewiss, konnte sie nutzbringend in der Politik investieren. Sie hatte nach dem Krieg die Möglichkeit, auch als Frau in den Reichstag gewählt zu werden, und sie setzte auf die Durchsetzungskraft demokratischer Strukturen. Eine sozialistische Revolution, ob realistisch durchführbar oder nicht, schien ihr von vornherein als unkontrollierbares Wagnis, das zwangsläufig zu Chaos und Zusammenbruch führen musste.
Der Zeitpunkt, wann die deutsche Nationalversammlung einberufen werden sollte, war heftig umstritten. Gegenüber standen sich diejenigen, die einen konstitutionellen Zustand so schnell wie möglich herstellen wollten und die andere Seite, die es im Interesse der Republik für günstiger befanden, wenn sich die Umwälzungen ersteinmal festigten, bevor neue Tatsachen geschaffen würden. Die erste Gruppe siegte, und die Wahlen wurden sofort für Januar 1919 festgesetzt. Mit dem Beschluss der SPD, die Nationalversammlung so schnell es eben ging zu wählen, war die [Seite 297↓]Entwicklung der neuen Republik vorbestimmt.8 Da keine der Arbeiterparteien auf den Aufbau eines neuen Systems vorbereitet war, war es unumgänglich, auf die alten Fachkräfte zurückzugreifen.
Dass die Situation sich mit den Morden an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zwei Tage vor den Wahlen verschärft hatte, beunruhigte Adele Schreiber zwar, erschütterte aber nicht ihren Glauben an die Sozialdemokratie oder an die Grundvoraussetzungen der neuen Republik. Nachdem die Bürgerlichen bei dieser Wahl 236 Sitze erreichten, die Sozialdemokraten hingegen nur 163, war der zukünftige Kurs der Republik vorbestimmt.9 So erreichten die Arbeiterparteien schon bei dieser ersten Wahl keine absolute Mehrheit. Ein Ergebnis, was, selbst bei vorhandenen Willen, eine sozialistische Gesetzgebung unmöglich machte.
Eine weitere Einschränkung empfanden die Frauen schwer. Nach einer kurzen Zwischenzeit nach dem Krieg wurde mit der Weimarer Verfassung ihre Stellung in der Gesellschaft wieder grundlegend beschnitten: "Die Weimarer Verfassung enthaelt den leider nicht voellig befriedigenden Satz: `Frauen und Maenner haben grundsaetzlich die gleichen Rechte.´ Die einschraenkende Bedeutung des Wortes `grundsaetzlich´ wurde mit Recht aber erfolglos in der Nationalversammlung bekaempft." 10 Damit waren die Hoffnungen der Frauen auf eine gesetzlich verankerte Gleichberechtigung erloschen.11 Anderes wurde vorsichtig festgelegt. Es sollte allen recht gemacht werden. "Die neuen Grundrechte garantierten die kommunale Selbstverwaltung wie das Berufsbeamtentum, regelten die Rechte der Religionsgemeinschaften und die Grundzüge des Bildungs-, Wissenschafts- und Erziehungssystems. Dazu gehörten auch Aussagen über Familie und Jugendschutz. Die Bestimmungen im Sozial- und Wirtschaftsbereich banden die `Ordnung des Wirtschaftslebens´ an die `Grundsätze der Gerechtigkeit´ und das Ziel eines `menschenwürdigen Daseins für alle´, um `in diesen Grenzen´ die `wirtschaftliche Freiheit des einzelnen´ zu garantieren (Art.151). Aus diesem Ansatz, der die Erwartungen der Revolution von 1918 ebenso [Seite 298↓]spiegelte wie den Klassenkompromiß, mit dem diese geendet hatte, wurden u.a. Sozialisierung, Arbeitsschutz, Sozialversicherung, Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversorgung, die Vereinigungsfreiheit der Gewerkschaften und die Mitbestimmung der Arbeiter in Wirtschaftsräten abgeleitet. Diese Liste der Grundrechte belegt den Kompromißcharakter der Verfassung, der sich in der unverbundenen Aneinanderreihung von Forderungen unterschiedlicher Sozialgruppen ausprägte, sowie von Versprechungen, die erst durch ein ordentliches Gesetzgebungsverfahren konkretisiert werden sollten, und von formelhaften Bestimmungen, deren inhaltliche Ausfüllung ebenfalls der zukünftigen Gesetzgebung und ihren Mehrheiten oblag."12
Und doch war auch eine begeisterte Aufbruchstimmung zu verzeichnen. "Aller materiellen Not z. Trotz war diese erste Zeit d. Republik reich an Hoffnung - wir glaubten an eine freiere, friedliche Zukunft." 13 Denn obwohl die Aufbauarbeit nach dem Krieg durch Mangel an Gütern und Geld gehemmt war, zunehmend auch die Frauen entlassen wurden, weil die Männer zurückkehrten, so war doch trotz aller Schwierigkeiten Hoffnung vorhanden, schnell zur Vorkriegsnormalität zurückkehren zu können.
Die inneren Spannungen hingegen wuchsen. Die erneut in die Weimarer Republik eingebundenen militärisch-konservativen Kreise nutzten ihren Stand, um ihre Macht im neuen Staat zu erweitern. Die Konterrevolution begann, sich ihrer alten funktionierenden Beziehungen zu bedienen und die revolutionären Kräfte niederzuschlagen. Morde an wichtigen fortschrittlich gesinnten Politikern waren der Anfang. Die Reaktion demonstrierte ihre ungebrochene Kraft und den Weg, den sie bereit war einzuschlagen.
Aus dem Exil, nach dem Sieg des Nationalsozialismus und mit genügend Abstand, klingt Adele Schreibers Einschätzung der damaligen Situation sehr nüchtern: "Das deutsche Kaiserreich war zusammengebrochen, - aber der Imperialismus lebte." 14 Aus dem Abstand der Jahre sieht sie, dass der Bürgerkrieg durch "reaktionäre Militärverbände" niedergeschlagen wurde. Sie erkennt im Nachhinein, dass die neue Wehrmacht "innerlich gegen [die] Republik" war. Hinzu kamen "altes gegnerisches Beamtentum, wirtschaftliches Chaos, Hunger, Enttäuschung", wodurch die Republik vor [Seite 299↓] "fast unlösbare Aufgaben" gestellt wurde.15 Zumindest die Weimarer Verfassung erschien ihr auch nach dem Scheitern der Republik eine "geeignete Grundlage" 16 gewesen zu sein, mit der diese Schwierigkeiten hätten bewältigt werden können.
Es dauerte nur wenige Monate, bis die junge Republik nachhaltig erschüttert wurde. Politische Morde schockierten die Öffentlichkeit.
Nach dem Ende der Weimarer Republik stand Adele Schreiber nicht nur die Ungeheuerlichkeit dieser Morde vor Augen, sie sah auch rückblickend die Bedrohung der Republik, die damals schon aufgeleucht war: "Die kurzlebige Deutsche Republik, die in einer so furchtbaren Tragoedie endete, war von Anfang an durch die Reaktion bedroht und durch die Erscheinung des politischen Mordes." 17 Mit dem Abstand der Jahre und der mit den Nazis gemachten Erfahrungen blickte sie mit ganz anderer Einsicht auf die Anfangsjahre der Weimarer Republik zurück. Ihr war klar, dass sie erst in diesem Moment, über ein Jahrzehnt später und aus der Distanz heraus, die Zeichen richtig zu deuten weiß, die sie damals nur erschrocken und empört wahrgenommen hatte. Die Tragweite der Ereignisse war ihr indes zu der Zeit nicht in vollem Umfang bewusst geworden und hatte es auch nicht werden können, da sich erst im Zusammenhang mit der weiteren Entwicklung in der Weimarer Republik die ersten Anzeichen nahtlos in das Gesamtbild einfügten. Waren die politischen Morde zunächst nur ein Symptom für die erstarkende Reaktion, deren Macht und Einfluss gründlich verkannt wurde, wurden sie im Rückblick der Beginn des Niedergangs. "Das Heer war aufgeloest - aber der Geist des Militarismus war in seinen Schlupfwinkeln reger denn je. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wurden als gefaehrliche Bedrohung empfunden ... Die Republik war schwach - und das war ihr Verderben. Sie wagte nicht, gegen die reaktionaeren Moerder vorzugehen ... Verbrechen und Luegen entsprechen genau den Methoden spaeterer Zeit, als politischer Mord und Grausamkeit nicht mehr vereinzelte Faelle waren sondern ein in ungeheurem Ausmass ausgeuebtes System. Es war schon der Anfang vom Ende, aber wir ahnten nicht, dass die Republik verurteilt war. Im Gegenteil." 18
|
| [Seite 300↓] |
Die Freikorps hatten gehofft, dass mit der Ermordung führender Spartakisten das Problem einer sozialistischen Revolution erledigt worden sei. Selbst die Regierung hätte, sogar wenn sie es gewollt hätte, keinen ausreichenden Einfluss gehabt, diese Morde zu verhindern, denn sie hatte es aus Sicherheitsgründen vorgezogen, mit den Streitkräften zusammenzuarbeiten und hatte so das Steuer aus der Hand gegeben. Die Morde waren zu Beginn der Weimarer Republik ein Spiegel der Machtverhältnisse und ein schlechtes Omen für den Fortgang der Geschichte.
Doch im Gegensatz zu der ablehnenden Haltung, die den Spartakisten zu Lebzeiten entgegengebracht wurde, waren die Menschen über den Tod Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts tief getroffen. Wurden auch die offiziellen Verlautbarungen über die Umstände der "Todesfälle" zunächst nicht angezweifelt, waren die Menschen jedoch erschrocken über die Brutalität, erschrocken auch über die Möglichkeit, einen solchen Anschlag in der neuen Republik ausführen zu können. Nach den Morden im Januar 1919 an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, wurden neben vielen anderen auch Leo Jogiches19 und Kurt Eisner20 ermordet.21 Die Demokratie schreckte vor einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Umgestaltung der Militärsstrukturen, der Wirtschaft und der Bürokratie zurück und beraubte sich so von Beginn an ihrer Basis. Die Justiz stand ebenso rechts wie die Mörder.
Der Mord an Walter Rathenau22 drei Jahre später lässt jedoch weite Kreise der Republik die Fassung verlieren. Adele Schreiber schreibt noch Jahrzehnte später: "Nie vergesse ich die Erregung im Reichstag, nie sein Staatsbegräbniss v. d. Wandelhalle aus, hinter dem Sarge am Arm des [Seite 301↓] Reichspräsidenten Ebert 23 seine gebeugte greise Mutter ..." 24 Die kurzzeitige Erschütterung und der Aufruhr, den der Tod Rathenaus ausgelöst hatte, blieb dennoch ohne weitreichendere Konsequenzen. Reichskanzler Wirth25 prangerte in seiner Rede zum Rathenau-Mord im Reichstag die Rechte an, wirksame Maßnahmen gegen die Macht des rechten Flügels wurden indes nicht ergriffen.
Die Erschütterung Adele Schreibers über die Morde war enorm, und doch beklagte sie im Exil, zu wenig gegen die Gegenrevolution getan zu haben. "Der polit. Mord, der vorher in D.[eutschland] keine Heimstätte hatte breitete sich aus. ... Wir Alle haben die drohenden Sturmzeichen zu wenig beachtet; arbeiteten Jeder in seiner Art am Wiederaufbau." 26 Wirkliche demokratische Hoffnungen erfüllten sich nicht: "Dennoch keine entscheidenden Taten. Willenslähmung." 27 Es kamen "... Warnungszeichen der wiedererstarkenden Reaktion, Vorboten des künftigen Nationalsozialismus" 28 und die Reaktion arbeitete rücksichtslos und schnell. Adele Schreiber wollte die elementare Bedrohung nicht wahrhaben und stürzte sich in ihre Arbeit.
Die Frauen ergriffen ohne zu zögern die Chance, die die Neuordnung nach dem Krieg bot. "Am 4.November findet in Berlin in den Sophiensälen unter ungeheurem Andrang eine öffentliche Versammlung statt, in der bürgerliche und sozialdemokratische Frauen gemeinsam ihre Rechte fordern. Obwohl der große Saal mehrere tausend Personen faßt, muß eine Parallelversammlung organisiert werden, dennoch finden viele keinen Zutritt. Es sprachen in den beiden Versammlungen unter dem Vorsitz von Marie Stritt und Minna Cauer neben mehreren Rednerinnen, unter ihnen Marie Juchacz, Rosa Kempf, Gertrud Hanna, Regine Deutsch, Adele Schreiber, eine Reihe Männer. Für den Vorstand der [Seite 302↓] Sozialdemokratischen Partei sprach der spätere Reichskanzler Hermann Müller 29 , ferner erklärten sich die Sozialdemokraten Heinrich Schulz 30 , Konrad Haenisch 31 und Max Quark 32 sowie der Vertreter der fortschrittlichen Volkspartei Sivkovich 33 mit den Frauen solidarisch. ... Fünf Tage später war die deutsche Republik geboren, mit ihr die deutsche Staatsbürgerin." 34 Mit dieser Aufzählung sind auch schon einige der Frauen genannt, die beschlossen hatten, in die Politik zu gehen.
In ihrem 1918 geschriebenen Artikel rief Adele Schreiber, wie der Titel "Frauen! Lernt wählen!" schon vermuten lässt, die Frauen zu politischer Mitarbeit in der Gesellschaft auf. Zurückgreifend auf andere Staaten, wo sich die Forderung der Frauen nach dem Wahlrecht schon viel früher als in Deutschland manifestiert hatte, schilderte sie die Situation und betont die Zwangsläufigkeit der Entwicklung. "Zwischen Revolution und Frauenstimmrecht besteht seit alters her ein enger Zusammenhang. Stets zu Zeiten, wo Revolutionen die Menschheit durchbrausten, wo man für die Aufhebung irgendeiner Knechtschaft kämpfte, trat auch die Forderung für die Rechte der Frau in den Vordergrund. Es ergibt sich eine selbstverständliche Parallele zwischen den Revolutionen, zugunsten eines entrechteten Standes, einer entrechteten Klasse oder Rasse und zwischen dem Kampf für Frauenstimmrecht, das in seiner Gesamtheit der Protest gegen die Knechtschaft und die Rechtlosigkeit eines ganzen Geschlechts war." 35
Der Kampf der Frauen dauerte lange, und die Frauen wurden oft enttäuscht, doch die Zeit der Veränderungen war da. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde den deutschen Frauen das Stimmrecht zuerkannt. Die Chance der wirklichen Mitbestimmung ist gekommen, unerwartet zwar, aber nun [Seite 303↓]musste sie genutzt werden, denn es galt Vieles aufzuholen, was den Frauen verwehrt worden war, als sie nur als Bittstellerinnen auftreten konnten. "Frauenforderung" zur damaligen Zeit, war ein "recht euphemistischer Ausdruck" 36, wie Adele Schreiber sarkastisch bemerkte, denn "... Menschen, die keine Macht haben, dürfen höchstens petitionieren und bitten, und was das nützt, davon können die Papierkörbe unserer Volksvertretungen ein `garstig politisch Lied´ singen." 37
Mit dem Kriegsende und ihrer Entscheidung, offizielles Mitglied der sozialdemokratischen Partei zu werden, begann Adele Schreiber zunächst in der von Eduard Bernstein gegründeten Einigungsstelle für die Sozialdemokratie38 zu arbeiten, um der Zersplitterung der Linken entgegenzuarbeiten.39 "Unmittelbar nach der Revolution hatte Eduard Bernstein, in der Erkenntnis, daß der Wiederzusammenschluß der beiden Parteien eine gebieterische Notwendigkeit sei, eine `Einigungsstelle für die Sozialdemokratie´ gegründet, das ganze Gewicht seines Namens und seiner Erfahrung dahintergestellt. Auch hier haben von Anfang an Frauen mitgearbeitet - leider vergingen noch kostbare Jahre, ehe 1922 die Einigung auf der Nürnberger Tagung erfolgte." 40 Für eine neue Demokratie sollten die bestmöglichen Voraussetzungen geschaffen werden. Trotz aller Hoffnung war Adele Schreiber die Schwere der Aufgabe bewusst, da nach dem gerade beendeten Krieg den Frauen die Pflicht auferlegt wurde, für die Rettung des Vaterlandes zu wirken. Nur durch den Einsatz aller vorhandenen Kräfte konnte den neuen Pflichten genügt werden: "Der furchtbarste Krieg brachte unsere Menschenrechte - wir wurden Bürgerinnen durch die Revolution!" 41 Und die Bürgerinnenrechte müssen zum Wohle der Frauen genutzt werden. Adele Schreiber war sich gewiss, dass sie die nötigen Fähigkeiten besaß, um das Land mitzuregieren. Sie wollte die Richtung weisen in einer neuen Republik, die auch den Frauen Gerechtigkeit bringen sollte. Wie sehr sie hingegen noch im Sprachduktus und im Gedankengut des nationalistischen Deutschlands [Seite 304↓]gefangen war, spiegelt ein Zitat wider, in dem sie nicht nur auf das Frauenstimmrecht, sondern auch auf die Lage Deutschlands einging.42 "Der ungeheure Umsturz nach dem größten und entsetzlichsten Weltkriege ist gekommen. Das neue Deutschland ist anders in´s Leben getreten, als wir es einst erhofften. ... Deutschland ist ausgesogen, verarmt, ein Spielball der Rache und des Hasses seiner Gegner. Wehe den Besiegten! Und das Schwerste daran ist: unser Glaube ist uns zusammengebrochen, unser Glaube, der uns in der ersten Zeit des Krieges ermöglichte, ihn zu ertragen." 43 Adele Schreiber war auch 1918 noch der festen Überzeugung, "... daß dieser Krieg völlig unverschuldet gewesen sei" 44. Das gesamte deutsche Volk hatte in ihren Augen die Aufgabe, das Vertrauen der Welt wiederzugewinnen: "Mag vieles, was man im Auslande über die deutschen Machthaber sagt, noch so berechtigt sein, die Verleumdung des deutschen Volkes ist ungerecht. Es ist dasselbe Volk, das sich in der Revolution besonnen und menschlich zeigte, das unter grenzenlos schweren Bedingungen noch in Ordnung von der Front heimkehrte." 45 Nur sehr vorsichtig begann sie zu zweifeln und bemerkte, "... daß auch bei uns hinter den Kulissen soviel Machenschaften, Betrug, Komödie, Lüge am Werke waren, daß wir entsetzt und tief erschüttert auf diese Jahre, in denen wir harmlos alles glaubten, zurückblicken. Gerade diese schwere Zeit bringt den Frauen das Wahlrecht." 46
Ihrer Meinung nach war es ein Vorteil, dass die Frauen unbelastet in die Politik eintreten werden. "Es ist vielleicht nicht unser Verdienst, daß wir als Gesamtheit an diesem Kriege schuldlos sind, vielleicht wären wir Frauen auch nicht scharfsinniger gewesen als die Männer. Aber die Tatsache besteht, daß die Frauen keine Schuld am Kriege tragen." 47 Zwar haben sie ihn begrüßt und unterstützt, doch für Adele Schreiber tragen die Frauen keine ursächliche Schuld, weil sie kein politisches Mitbestimmungsrecht hatten. Das erleichterte ihrer Meinung nach nun die Arbeit der Frauen in der Politik. "Leicht und schön wäre unser Frauenwerk, wenn es jetzt darin bestehen dürfte, den Frauen aller Länder, gleich uns Leidende und Unschuldige am Kriege, die Hände entgegenzustrecken über Völkerhaß und Völkermorden hinweg. Das könnten wir, wenn wir nicht die Geschlagenen wären. Aber wenn wir heute die Hände ausstrecken, werden sie ins Leere greifen - wie viele von den Frauen anderer Länder werden sich verschwistern mit den Bettelnden und Bittenden?" 48 Weit davon entfernt die Kriegsschuld Deutschlands anzuerkennen, ahnte Adele Schreiber doch bereits, wie ablehnend [Seite 305↓]sich die Frauen der anderen Nationen Deutschland gegenüber verhalten werden. Die Vorsitzenden der englischen wie der französischen Stimmrechtsverbände antworteten auch wirklich gleichermaßen abschlägig auf eine Depesche Marie Stritts, die wegen der Hungerblockade gegen Deutschland im Oktober 1918 um Hilfe gebeten hatte.49
Die deutschen Frauen bekommen klare Absagen von den englischen und französischen Frauen, die den deutschen Frauen ungerecht erscheinen, auch wenn sie zumindest bereits spüren, dass die Version des deutschen Verteidigungskrieges ins Wanken geraten ist. Adele Schreiber, die sich in diesen Streit eingemischt hatte, weil Marguerite de Witt-Schlumberger sie nach dem Briefwechsel mit Marie Stritt um Hilfe gebeten hatte, erfüllte in keiner Weise die Hoffnungen, die von Seiten der französischen Frauen in sie gesetzt worden waren.50 Von ihr hatte Marguerite de Witt-Schlumberger erwartet, dass sie den Forderungen des Auslandes an Deutschland zustimmen würde, um die Kriegsschuld durch Wiedergutmachung anzuerkennen. An sie hatte Marguerite de Witt-Schlumberger geschrieben: "Zwischen bestimmten Frauengruppen in Frankreich und Deutschland schwebt augenblicklich eine Frage von so großer materieller und moralischer Tragweite, daß es uns wertvoll erscheint zu wissen, welches die [Seite 306↓]Ansicht der deutschen Parlamentarierinnen in diesem Punkt ist. ... Wir glauben, daß, wenn die deutschen Frauen die traurigen zerstörten Gebiete Frankreichs besucht hätten, wenn sie dort, so wie wir es getan, die furchtbare Kindersterblichkeit festgestellt hätten ... so würden diese Familienmütter nicht versuchen, eine Agitation zu entfalten, um Deutschland an der Erfüllung seiner Verpflichtung zu verhindern."51 Als Antwort wiesen die deutschen Parlamentarierinnen, mit Ausnahme der Kommunistinnen und der Vertreterinnen der USPD, die sich an dem Antwortschreiben nicht beteiligen, darauf hin, wie hoch die Kindersterblichkeit auch in Deutschland ist und in welchem Maße die Tuberkuloseerkrankungen zugenommen haben. Die Antwort war für die Französinnen völlig unzureichend, weil sie von völlig falschen Voraussetzungen ausging, was sie in ihrem Antwortbrief nochmals zu verdeutlichen suchten. "Wir verstehen auch Ihre Sorge um die Kinder Deutschlands ... Aber die Frage ist nicht unter diesem Gesichtspunkt zu betrachten. Nicht Deutschland ist ausgehungert, verwüstet, zerstört worden; es ist Frankreich, das man vernichten und zerstören wollte. Verlangen wir deshalb einen Teil Ihres Besitzes? Nein, wir verlangen nur die Rückgabe dessen, was uns gestohlen wurde; wir verlangen nicht Ihr Vieh, sondern das unsere. Es ist uns nicht unbekannt, daß Sie durch die Blockade gelitten haben - aber denken Sie an die Ernährung der Bevölkerung in Nord- und Ostfrankreich fünf Jahre hindurch, und fragen Sie sich selbst, ob nach Jahren solchen Leidens die Bevölkerung dieser Gegenden nicht das Recht hat, den Milchbestand zurückzuverlangen, der durch Ihre Armeen `requiriert´ wurde, ohne Rücksicht auf die Kinder und die Kranken."52 Adele Schreiber konnte diesen Standpunkt nicht nachvollziehen. Für sie war Deutschland immer noch unschuldig. Bei Regine Deutsch heißt es: "Als Frau Schreiber-Krieger diesen Brief, der verspätet eingetroffen, ihren Kolleginnen sandte, war inzwischen im Februar 1921 durch das Londoner Ultimatum die politische Lage eine derartige geworden, dass von einer Beantwortung dieses Briefes Abstand genommen wurde, zudem sein Inhalt eine Verständigung hoffnungslos erscheinen ließ!"53 Adele Schreiber erschien demnach eine Verständigung unmöglich. Sie fühlte sich unverstanden und hatte auf Mitgefühl gehofft, das sie selbst jedoch nicht aufbrachte. Deutlich wird ihre eigene Distanzlosigkeit zum Verhalten Deutschlands im Ersten Weltkrieg. Zwar hatten die Deutschen aus Frankreich Milchkühe nach Deutschland abtransportiert, aber für [Seite 307↓] sie bedeutete es Rache und nicht Ausgleich, daß Deutschland nun nach dem Krieg innerhalb von drei Monaten 140000 Milchkühe nach Frankreich zurückgeben sollte: "Das ist ein bewußt ausgesprochenes Todesurteil für Tausende von Säuglingen, Kindern und Kranken. Es ist keine Entschuldigung dafür, daß während des Krieges das blockierte Deutschland Vieh aus Frankreich und Belgien genommen hat; Auge um Auge, Zahn um Zahn - nennt man Rache, nicht Frieden, und was hier geschieht ist unvergleichlich härter, unverzeihlich - die Alliierten sind nicht blockiert ..." 54
War die internationale Verständigung schwierig, musste die Neugestaltung Deutschlands gleichwohl angegangen werden. "Millionen von Frauen sind aufzuklären, die gänzlich unwissend der Politik gegenüberstanden." 55 Adele Schreiber forderte die Erziehung der Mädchen zu Staatsbürgerinnen. Bisher kümmerte sich nur die Sozialdemokratische Partei um die Schulung ihrer Frauen. Die bürgerlichen Frauen fanden sich damit ab, dass die Männer verkündeten, Politik gehe Frauen nichts an. Jetzt, so hoffte sie, würden alle Frauen erkennen müssen, dass das ganze Leben Politik ist, dass sie nicht die Männer über ihr Leben bestimmen lassen dürfen, indem sie ihnen die Gesetzgebung überlassen: "... die Stunde der Abrechnung ist gekommen ... zerstört den unsinnigen Einwand, Frauen seien zwar reif genug, Kinder zu gebären und zu erziehen, aber nicht reif genug, mitzubestimmen, wie dieser Kinder Land gestaltet werden soll." 56
Zum ersten Mal hatten die Frauen in Deutschland die Chance, ihr Schicksal selbst zu beeinflussen und Adele Schreiber hoffte, dass sich in Deutschland die Verhältnisse grundlegend ändern würden. "In all den Ländern, wo das Frauenstimmrecht besteht, haben die Frauen ihre politischen Rechte angewandt, um eine gerechtere und bessere Ehe zu erzielen, gleiche Elternrechte, bessere Rechte für die Unehelichen, gleichen Lohn für gleiche Arbeit." 57
Noch weitreichendere Forderungen müssen ihrer Meinung schleunigst in Angriff genommen werden. "Freigabe des Verfügungsrechtes der Frau über ihren eigenen Körper und ihren Mutterwillen, Aufhebung der als Ausnahmegesetze gegen die Frauen wirkenden Paragraphen (§ 218/19) ... Aufhebung der Ausnahmegesetze gegen die Hunderttausende von Prostituierten, Bekennung zu dem Grundsatz, daß nur eine Gesundheitskontrolle für beide Geschlechter unter rein hygienischen, wissenschaftlichen Gesichtspunkten Berechtigung hat. Aufhebung überlebter Ehegesetze, zum Beispiel der gesetzlichen Strafbarkeit des Ehebruchs ..., der unmoralischen Erschwerungen für die Ehescheidung, Befreiung der Ehefrau aus der Vormundschaft des Mannes und Einsetzung in ihr volles Recht der Selbstbestimmung, das [Seite 308↓] sind nur einige der wesentlichen Punkte ..." 58 Allein die Verwirklichung dieser Forderungen wird ausschlaggebend sein für den Geist der neuen Republik, denn "Die Frau selbst untersteht nicht nur Gesetzen, die ohne sie gemacht wurden, auch die Anwendung dieser Gesetze wird, durch Ausschließung des weiblichen Elements bei ihrer Handhabung zu einer ungerechten. ... Die Frauen aller Schichten haben das Recht, zu fordern, daß ihr Wille im Parlament zur Geltung komme ..." 59
Plötzlich, so stellte Adele Schreiber fest, hatte der Wettlauf der Parteien um die Frauen in Deutschland begonnen. Den Frauen blieb demnach nicht viel Zeit, wählen zu lernen. Sie agitierte nachdrücklich dafür, dass die Frauen in diejenigen Parteien zu gehen hätten, die ihre Forderungen vertreten. Eigene Frauenparteien zu gründen wäre verfehlt, denn Frauen und Männer müssen gleichberechtigt zusammenarbeiten für eine neue Gesellschaft. Frauen mit einer politischen Auffassung wird dies alles nicht schwerfallen. Konservative Frauen werden natürlich konservative Parteien wählen, doch die große Masse der politisch nicht orientierten Frauen habe die Pflicht so zu wählen, "... daß eine Wiederkehr des alten Systems unmöglich wird. Sie haben aber gleichzeitig die Pflicht, so zu wählen - und das wird auch dem Frauenempfinden entsprechen, - daß nicht eine Vergewaltigung an die Stelle der anderen tritt. Und nach diesen Grundsätzen scheint es mir wahrscheinlich, daß die Masse der genannten Frauengruppen vor allem zu zwei Parteien hinneigen werden, zur sozialdemokratischen Partei und zur demokratischen Partei." 60 Innerhalb dieser Parteien haben die Frauen die Aufgabe, die Demokratie zu verteidigen: "Der Grundsatz unserer Frauenbewegung war stets: `Wir wollen das Recht an die Stelle der Gewalt setzen.´ Das ist der oberste Freiheitsgrundsatz. ... Wir wollen keine neue Sklaverei für irgendwen und irgendwelche Anschauungen. Gerade die bisher Unterdrückten müssen wissen, daß Druck Gegendruck erzeugt." 61 Diese Sätze sind Ausdruck ihrer heftigen Ablehnung einer Diktatur. Adele Schreiber lehnte alle Aktionen der Spartakisten ab und befand sich damit in Übereinstimmung mit der SPD. Sie "verurteilt die Ausschreitungen weiter links stehender Gruppen, die, vom alten Programm abweichend, glauben, daß ohne parlamentarische Ordnung, eine lediglich auf dem Terror begründete Volksherrschaft zu einer glücklichen Zukunft führen könne." 62 Eine demokratische Republik wollte sie mitgestalten in der Meinungsfreiheit und Toleranz herrschen. Gedankenfreiheit war der wichtigste Grundsatz: [Seite 309↓] "Gedanken kann man nicht töten, auch nicht durch Blutvergießen. Und wir Frauen, zu welcher Partei wir auch immer gehören mögen, wir wollen kein neues Blutvergießen, wir wollen keinen Bürgerkrieg, wir wollen keinen neuen Jammer, wir wollen Ordnung, Brot und Freiheit haben." 63
Adele Schreiber glaubte an eine über Gesetze durchsetzbare radikale sozialistische Umgestaltung. "Wir wollen einen Zukunftsstaat, in dem es keine Kapitalistenklasse gibt, die ein Interesse an neuen Kriegen haben könnte. Wir wollen keine Anhäufung von großen Vermögen in einer Hand. Wir wollen die Gleichberechtigung aller Menschen was durchaus nicht zu verstehen ist mit der Gleichmacherei aller Menschen. ... Es ist in diesem Kriege so oft gesungen und verkündet worden: `Gut und Blut für´s Vaterland´. Das Blut soll fortab keiner geben, aber das Gut wird in sehr weitem Umfange vom Einzelnen auf die Gesamtheit übergehen müssen." 64 Sie war davon überzeugt, dass die Zeit gekommen war, die kapitalistische Wirtschaftsordnung durch Reformen zu beseitigen, dass man "... diese wachsende Verelendung der Proletariermassen nur durch eine völlige Umgestaltung der Wirtschaftsordnung beseitigen könne, daß man die Arbeiter hierzu den Weg der Selbsthilfe, durch Kampf um bessere Löhne, kürzere Arbeitszeit, politische Rechte, führen müsse. ... Wir würden durch Aufhebung der Sondergesetze gegen die Frau und durch den sozialistischen Staat endlich einen einschneidenden Schritt tun zur Beseitigung der Prostitution ... Die volle gesetzliche Gleichstellung brächte der Frau Zulassung zu allen Berufszweigen und Ämtern, sowie allen Bildungsmitteln. ... der achtsstündige Arbeitstag ... Gewissensfreiheit für Alle ... Die Sozialdemokratie ist die Verfechterin der Friedensidee, sie bekämpft das Wettrüsten und will die großen stehenden Heere ... ersetzen." 65
Für Adele Schreiber war es ganz selbstverständlich, sich in den Wahlkampf für die SPD zu stürzen. Zum einen war es für eine Frau der einzige Weg, als Parlamentarierin in den Reichstag zu kommen, und das war für ihre Ambitionen eine unglaubliche Aufstiegsmöglichkeit, zum anderen war sie vertraut mit den Ideen der Sozialdemokratie und stimmte mit ihnen überein. Die Welt musste und, so schien es, konnte auch verändert werden. Das Ziel stand greifbar vor Augen. Sie wollte die Abrechnung mit der verhassten Ungerechtigkeit der patriarchalen Ordnung. Die Trennung zwischen bürgerlicher und proletarischer Frauenbewegung, so dachte sie fälschlicherweise, war mit der Revolution hinfällig geworden und hatte folglich an Kraft gewonnen. Außerdem war sie sich sicher, dass sie sich auch in der Partei wird behaupten können. Trotz Parteidoktrin und männlicher Übermacht vertraute sie auf ihr Durchsetzungsvermögen, auf [Seite 310↓]ihren Elan und ihre Intelligenz. Sie blickte einer völlig neuen Gesellschaft entgegen. Den Frauen wollte sie die Angst vor der Sozialdemokratie nehmen, denn für sie war das die einzige Partei, die die Interessen der Frauen vertrat. "In der alten, unpädagogisch geleiteten Kinderstube gab es ein Schreckgespenst - den schwarzen Mann, dessen Androhung die verängstigten Kleinen im Zaume hielt. Heute hat man für die bürgerlichen Frauen und Hausfrauen ein Gegenstück hierzu ersonnen, den roten Mann, - den bösen Sozialdemokraten! ... Die Deutsche Frau ist aber nun als Wählerin und Wählbare voll mitverantwortlich für die Zukunft ihres Vaterlandes, sie ist verpflichtet, ihre vernachlässigte politische Bildung nachzuholen ... Der Sozialismus im weitesten Sinne ist viel älter als die sozialdemokratische Partei, seine Wurzeln reichen zurück bis zur Staatslehre Platos und den kommunistischen Idealen der ersten Christen." 66
Die Schulung aller Frauen war für Adele Schreiber die wichtigste Aufgabe überhaupt, denn sie mussten für Politik interessiert werden, um dafür Sorge zu tragen, "daß die alten Irrlehren nie wieder Macht gewinnen dürfen, daß aus der tiefen Demütigung unseres Zusammenbruchs ein freies Land entstehen soll, dessen Geist nicht zu ersticken, weder durch grausame Friedensbedingungen noch durch drückende Geldlasten. ... Mütter müssen zusammenstehen gegen den Jammer der Bürgerkrieges nach dem Kriege, gegen die lauten Wortführer des Brudermordes wie gegen die schweigsam lauernden Geister der Reaktion. ... Erfüllt die Sendung der Frau in der Politik ..." 67 Aus diesen unmittelbar nach den Krieg entstandenen Äußerungen ist immer wieder herauszuhören, wie ungerecht ihrer Meinung nach die Siegermächte mit Deutschland umspringen, andererseits betonte Adele Schreiber jedoch die Dringlichkeit der Friedenssicherung. Für sie war nur die Politik der Sozialdemokratie ein Garant für den Frieden. "Die Frauen, die in diesem furchtbaren Krieg so grenzenlose Opfer gebracht haben, müßten in ihrer Gesamtheit den Friedensgedanken stützen, dafür arbeiten, daß die Macht endgültig Jenen entzogen wird, die mitschuldig am Ausbruch und an der Verlängerung des Krieges sind. Militarismus und Großkapital stehen aber in engem Zusammenhang, sie sind auch beide stete Gefahren der inneren Entwicklung ... Die Sozialdemokratie sieht eine allmähliche, mit Entschädigung der Besitzer verbundene [Seite 311↓] Überleitung der industriellen und landwirtschaftlichen Großbetriebe aus dem Besitz des Einzelnen in den Besitz des Staates über - Sozialisierung." 68
Nicht weniger wichtig für die Nutzung der neuen Möglichkeiten war es ihres Erachtens, dass in der Politik Frauen für Frauen sprachen. Nur Frauen werden ihre Forderungen adäquat vertreten, so Adele Schreiber, woraus die Pflicht der Frauen erwächst, weibliche Volksvertreter zu wählen. Die alten Strukturen müssen sich ändern. Die Frauen müssen ihre Mitarbeit in der Gesellschaft einklagen. "Es ist aber an der Zeit für sie, zu erkennen, daß sie nicht dazu da ist, immer nur zu flicken und zu stopfen, sondern von Grund auf aufzubauen, mitbestimmend zu sein für Struktur, Muster und Farbe des neuen Gewebes, in das die Zukunft sich einkleidet und dazu braucht die Frau ihre politischen Rechte." 69 Die Frauen werden nun selbst für ihre Rechte eintreten und es ist auch höchste Zeit. "Gesunde, glückliche Mütter, starke, frohe Kinder, ein wieder emporsteigendes Volk - wer darauf hofft, trete ein für die sozialdemokratische Partei und für ihre Lehre, daß Sozialismus Arbeit ist!" 70 Für Adele Schreiber steht unzweifelhaft fest, dass nur ein Sieg der sozialdemokratischen Partei die Gewissheit bietet, dass sich die sozialen Verhältnisse für Mütter und Kinder in der Gesellschaft verbessern. "Das Reich hat die Grundlagen neuer Bevölkerungspolitik zu schaffen durch großzügige Staatsgesetze ... Noch bleibt ein ganzes Netz kommunaler Einrichtungen in ausreichender Zahl zu schaffen, die von der Sozialdemokratie gefordert werden ... Gerade den bisherigen Parias der Gesellschaft müssen monatelang vor und nach der Entbindung kommunale Schwangeren- und Mütterheime offenstehen ..." 71 Eine Einheitsschule und die Tuberkulosebekämpfung sind weitere Punkte für Adele Schreiber, die die sozialdemokratischen Forderungen zur Bevölkerungspolitik ausmachen.
Politisch steht Adele Schreiber mehr auf Seiten des revisionistischen Flügels72 der SPD.
Den Ansätzen der Spartakisten stand sie, wie bereits erwähnt, ablehnend gegenüber, da deren Aktivitäten in ihren Augen die schwierige Nachkriegssituation nur verschärften. Sie verurteilte die Spartakisten, weil sie deren Mittel verurteilte. Hinzu kam, dass die Spartakisten ihrer Meinung nach auch mehr durchsetzen wollten, als zu diesem Zeitpunkt zu erreichen war. "Die [Seite 312↓] aufreibenden Kämpfe, herbeigeführt durch die Versuche einer radikalen Minderheit, die unumschränkte Gewalt an sich zu bringen und die Experimente des viel unreiferen russischen Volkes auf das kulturell viel durchgebildetere deutsche Volk zu übertragen, tragen die schwere Schuld daran, daß auf der einen Seite die extremsten und undurchführbarsten Theorien mit Waffengewalt verfochten und ihre unheilvolle Verwirklichung nur mit Waffengewalt verhindert werden kann, während inzwischen in Ämtern und Schule, in Kirche und Behörde mehr als unbedingt nötig der alte Menschenapparat im alten unveränderten Geiste weiterfunktioniert und wir so tatsächlich gleichzeitig eine fortbestehende Reaktion und Hyperrevolution haben. Und dazwischen liegen brauchbare Kräfte brach ..." 73
Interessant dabei ist, dass sie auch hier trotz aller gegenteiliger Ansichten die Arbeit der Kommunisten würdigen und anerkennen konnte. Für Adele Schreiber besteht ein Unterschied zwischen der Partei an sich und ihren einzelnen Vertretern. Clara Zetkin fand sie charismatisch und bewundernswert: "Die Kommunisten haben nur eine kleine Gruppe von elf im Reichstag. Unsere Sozialdemokratie, die Diktatur ablehnt und Fortschritt durch demokratische Mehrheitsentscheidungen herbeizuführen wünscht, steht für eine demokratische Regierung. Diese ist absolut gegen Russischen Bolschewismus, den die Kommunisten bewundern und unterstützen. ... Die Gruppe hat nur einen Kopf, und das ist der einer Frau - Clara Zetkin, eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Wann immer die kleine, asthmatische, weißhaarige Frau beginnt zu sprechen, hat sie die Aufmerksamkeit des Hauses, obwohl ihre Stimme heiser geworden ist und ihr Lob Rußlands als das Paradies auf Erden nicht länger geglaubt wird. Sie spricht auf einem hohen Niveau, und jedes Wort beweist ihre gute Bildung." 74 Starke Frauen weckten ihre Begeisterung und politische Fehden konnten diese grundsätzliche Anerkennung nicht trüben.
Im Gegensatz zu den Kommunisten favorisierte indes sie die Politik der kleinen Schritte. Die Grundlagen waren, so sagte sie, geschaffen, und nun hoffte sie auf einen kontinuierlichen aber bedachtsamen Aufbau einer neuen Gesellschaft. Die Bevölkerung sollte nicht mit überzogenen Ideen verschreckt werden. Extremismus lehnte sie von allen Seiten ab und war darauf bedacht, den Menschen die Angst vor der Sozialdemokratie zu nehmen, indem sie auf die von der Partei vertretene gemäßigte Politik verwies und beteuerte, dass nicht zu befürchten war, dass die SPD mit blutigen Unruhen den Sozialismus durchsetzen würde. In ihrer Forderung der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau war die SPD immer noch die einzige Partei, die im [Seite 313↓]Sinne der Frauen handelte. Auch das musste herausgehoben werden, wenn auch die Unterschiede zwischen Theorie und Praxis, die Adele Schreiber sehr bewusst waren, nicht negiert werden konnten. Sie setzte sich dennoch für die Partei ein, die ihr nicht perfekt, aber gestaltungsfähig erschien.
Adele Schreiber war entschlossen, die plötzliche Chance zu nutzen, als Frau in die Politik eintreten zu können. Man kann sich ihre Erregung vorstellen, da nun ihr Ziel, aktiv die Gesellschaft mitzugestalten, eine ganz neue Dimension erhalten hatte. Das Frauenstimmrecht offerierte plötzlich die Möglichkeit, Politikerin zu werden. Es war für sie als Frau möglich geworden, die Gesetze zu verändern. Deutschland hatte nun auf diesem Gebiet eine Vorreiterrolle inne, um die Frauen in vielen Ländern die deutschen Frauen beneideten. Diese Befriedigung über ihr Land, das den Frauen mit der Zuerkennung des Stimmrechtes die Chance der politischen Einflussnahme eröffnet hatte, schlug sich in ihren Artikeln nieder, in denen sie voller Genugtuung über die Normalität berichtete, mit der sich die deutschen Frauen auf dem offiziellen Parkett bewegten. "In den ersten Jahren der Republik schienen ausländische Besuchern der Reichshauptstadt die weiblichen Parlamentarier eine der größten Sehenswürdigkeiten des neuen Deutschlands, eines der eindruckvollsten Bilder einschneidender Wandlungen." 75
Die Mitarbeit im Reichstag war die wirkungsvollste Möglichkeit, Gesetze zu ändern und so die Gesellschaft umzugestalten. Gleichzeitig wäre es die Krönung ihrer Karriere, als erste Frau mit in den Reichstag einzuziehen. Angesichts einer solchen Chance entwickelte sie großen Ehrgeiz, dieses neue, selbstgesteckte Ziel zu erreichen.
Bereits auf der ersten großen sozialistischen Frauenkonferenz nach dem Krieg war Adele Schreiber mit einem Referat präsent.76 Sie sprach neben Marie Juchacz und Gertrud Hanna.
"In die Zeit der Nationalversammlung fällt die in Weimar abgehaltene erste große sozialistische Frauenkonferenz der deutschen Republik. In ihrem Referat über `Die Aufgaben der sozialdemokratische Frauenbewegung´ beleuchtete Marie Juchacz die Wirkung der Revolution auf das Erwachen der Frauen. ... Im zweiten Referat `Frauenarbeit und Frauenschutz´gab Gertrud Hanna Einblick in die trostlose, durch die Demobilisierung geschaffene Lage, die zahlreiche Härten gegen Frauen mit sich brachte. ... Als dritte Referentin zum Thema `Mehr Schutz und Recht für Mutter und Kind´ verlangte Adele Schreiber neben umfassender Sozialpolitik und Fürsorge eine Umwandlung der Ideen. Freiheitliche, bahnbrechende [Seite 314↓] Gesetze können auch in Zeiten größter Not geschaffen werden." 77 In der Nationalversammlung war Adele Schreiber noch nicht vertreten, doch zu den Reichstagswahlen wurde sie aufgestellt. 78
Nach der Reichstagswahl bemängelte Adele Schreiber, dass der Großteil der zur Wahl aufgestellten Frauen chancenlos war. Zwar hatten "... alle Parteien Kandidatinnen auf ihre Listen gesetzt" 79, doch "zumeist ... an aussichtslosen Stellen. Die Wahl von nur 36 Frauen zur Nationalversammlung, nur 22 zur Preußischen Landesversammlung, ist ein beschämendes Resultat ..." 80
Doch sie selbst konnte jubeln. Sie war in den ersten Reichstag der neuen Republik gewählt worden.81
Sie hatte ihr Ziel erreicht, und sie war glücklich. Jeder Schritt weiter auf ihrem selbst gewählten Weg war eine gewonnene Schlacht gegen alle Vorurteile Frauen gegenüber, die in der Gesellschaft fortbestanden. Sie hatte es trotz allem geschafft und das war ein Sieg für alle Frauen und für sie zugleich Bestätigung ihrer selbst. Sie war stolz, dass man in der Partei nicht umhingekommen war, ihr und ihrer Arbeit Anerkennung und Respekt zu zollen. Sie hatte einen Platz auf der sozialdemokratischen Liste erhalten, und die Wähler hatten sie gewählt. Niemand konnte sie mehr einfach so übergehen, denn sie hatte sich einen Platz geschaffen.
Für die SPD war sie eine gute Wahl. Sie war bekannt, wortgewandt und auf ihre rednerische Begabung, mit der sie nicht nur für die Ziele der SPD agitierte, sondern auch fest ihre sozialen Überzeugungen vertrat, war Verlass. Ihr jahrelanger Kampf hatte sich gelohnt. Mehr konnte sie nicht erreichen, und sie triumphierte, das höchstmögliche Ziel erreicht zu haben. Sie war Mitglied des Reichstages und konnte endlich auf Staatsebene mitbestimmen. Nach all den Rückschlägen, die sie in Flandern beim Aufbau einer Frauenbewegung hatte hinnehmen müssen, wird dieser Erfolg für sie um so beglückender gewesen sein. Ihr sozialpolitisches Engagement konnte sie nun wirkungsvoller als je zuvor umsetzen. Und ihr Tätigkeitsbereich war bereits klar von ihr formuliert. Sie würde ihre begonnene Arbeit fortführen.
|
| [Seite 315↓] |
Nach ihrer Wahl stürzte sie sich in die Arbeit. Sie war stolz auf ihr Mandat. Natürlich war sie sehr darauf bedacht von Beginn an den männlichen Abgeordneten als ebenbürtige Mitarbeiterin gegenüberzutreten.
Im ersten Reichstag wurde sie zur Vorsitzenden des Bevölkerungspolitischen Ausschusses gewählt.82 Die Hälfte des Ausschusses waren Frauen, was zum einen die Wichtigkeit der Arbeit für die Frauen kennzeichnet.83 Der hohe Frauenanteil war andererseits bereits zu diesem Zeitpunkt auch mit dem geringen Interesse der Männer an "frauenspezifischen" Themen zu erklären. Adele Schreiber konnte ihre Arbeit nun endlich im offiziellen Rahmen weiterführen und mit der Hoffnung, dass Gesetzesänderungen den Erfolg ihrer Arbeit manifestieren. 1923 wurde dem Plenum ein Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten vorgelegt, das gleichzeitig die Reglementierung der Prostitution abschaffen sollte. Auf die Debatte soll hier mit besonderer Ausführlichkeit eingegangen werden, weil sie für Adele Schreiber die erste Bewährungsprobe in der offiziellen Politik bedeutete. Im Bevölkerungspolitischen Ausschuss unter dem Vorsitz von Adele Schreiber vorbereitet, hoffte sie mit dem Gesetzesentwurf, einen ersten sichtbaren Erfolg verbuchen zu können. Doch die Diskussionen im Reichstag zogen sich hin. Regine Deutsch berichtet über die jahrelangen langwierigen Beratungen, in denen das Gesetz von allen Seiten diskutiert wurde. Besonders hoch schlugen die Wellen bei der Frage, wer überhaupt die Legitimation erhalten sollte, Geschlechtskranke zu behandeln. 84
|
| [Seite 316↓] |
Eine weitere Diskussion gab es über die Schuldfrage. Frau Lang-Brumann 85 als Vertreterin der Bayerischen Volkspartei vertrat die Ansicht, dass der Prostitution und der damit einhergehenden Verbreitung der Geschlechtskrankheiten nur dann Einhalt geboten werden kann, wenn die Prostiuierten bestraft würden. Das sind Ansichten, die Adele Schreiber ablehnte. Sie hatte bereits am Anfang des 20.Jahrhunderts ausdrücklich darauf hingewiesen, dass mit solchen Maßnahmen zum einen der Prostitution nicht beizukommen ist, zum anderen aber auch wieder nur die Frauen bestraft werden, die auf die Nachfrage der Männer reagierten. Diese konservativen Ansichten konnte sie nur missbilligen. Dennoch antwortete sie betont zurückgenommen, wenn auch nicht ganz unspöttisch, auf diese mehr als veralteten Ansichten, gegen die sie seit zwei Jahrzehnten kämpfte. Sie äußerte in ihrer Erwiderung, dass sie den Standpunkt Frau Lang-Brumanns bedauere, "der so ziemlich von den in der Frauenbewegung stehenden Frauen aller Richtungen und Parteien seit Jahren abgelehnt wird." 86 Das Gesetz wurde am 18. Juni 1923 gegen alle Widerstände und zur großen Freude Adele Schreibers doch noch angenommen.
Ihre Gegner waren über alle Maßen empört und veröffentlichten einen polemischen Artikel, in dem ihr Engagement nachhaltig in Misskredit gebracht werden sollte. "Ihr Herz hängt an diesem Gesetzentwurf, sie ist nicht umsonst mit der Standesorganisation der Ärzte versippt und verschwägert."87 Deutlich wird in diesem Bericht jedoch auch, dass das allgemeine Interesse des Reichstages an diesen Problemen nicht sonderlich stark ausgeprägt war. 88 Die Gegner [Seite 317↓]waren im Reichstag indes in der Minderzahl: "Die Partei ist Trumpf, die Partei und vor allem - das Geschäft. Wie, wenn der Dr. Moses sich mit dem langen Müller89 (vom Parteivorstand), der einst den Reichskanzlerstuhl verunzierte, geeinigt hat, für die Salvarsanspritze zu stimmen, was hat dann der sozialdemokratische Durchschnittsphilister an dem Gesetz herumzunörgeln? Herr Müller pfeift, die Schreiber sekundiert. Herr Hofmann macht sich durch eigene Meinungsäußerung mißliebig bemerkbar, die Fraktion aber erhebt sich wie auf Kommando mit allen anderen Reichstagsspießern sämtlicher Parteifarben, und Punkt für Punkt wird mit geringfügigen Abänderungen das Gesetz brav heruntergeschluckt."90 Leider konnte sich Adele Schreiber nicht lange über ihren Sieg freuen, denn genau der letzte Absatz entspricht nicht den Tatsachen. Der Reichsrat verweigerte seine Zustimmung, weil er sich nicht auf die im Reichstag zuvor beschlossene Änderung einlassen wollte, dass auch nichtapprobierte Ärzte Geschlechtskrankheiten behandeln dürfen. Somit wurde das Gesetz wieder auf ungewisse Zeit hinaus verschoben. Erst Jahre später, im Januar 1927, gelangte das Gesetz mit der vom Reichsrat geforderten Änderung zur Annahme. 91 Adele Schreiber, die so um dieses Gesetz gekämpft hatte, konnte bei der Verabschiedung des Gesetzes letztlich nicht dabei sein, da sie von 1924 bis 1928 kein Reichstagsmandat innehatte.
Neben ihrer Arbeit war Adele Schreiber gleich in der ersten Legislaturperiode darum bemüht, der Arbeit der Frauen im Reichstag die gebührende Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Seit dem Beginn ihrer journalistischen Tätigkeit hatte Adele Schreiber stets Wert darauf gelegt, die Arbeit der Frauen in ihren Veröffentlichungen zu thematisieren, da offensichtlich war wie unbeachtet sie [Seite 318↓]trotz ihrer Leistungen bei den männlichen Journalistenkollegen blieben. Schon 1922 verfasste Adele Schreiber einen Artikel, den sie den 35 Frauen im Reichstag widmete. Darin beschrieb sie Frauen aller Fraktionen, die für sie wichtig und interessant waren. So sprach sie von Frau Behm92, der Abgeordneten der Nationalistischen Partei, die von allen nur "Mutter Behm" 93 genannt wurde und auch von Paula Müller94, die als Vorsitzende des Protestantischen Frauenbundes immer gegen das Frauenstimmrecht agitiert hatte, und, obwohl sie nun selbst Abgeordnete war, ihre Haltung nicht änderte. Für sie hatten die Frauen in der Politik nichts zu suchen. Frau Oheimb95 von der Deutschen Volkspartei wurde von Adele Schreiber hingegen als "amüsant" 96 charakterisiert. Sie war ihr sehr sympathisch, weil sie ihre eigenen Ansichten durchsetzte. "Sie ist oft gegen ihre eigene Partei und hat eine eigene Meinung bei der Abstimmung." 97 Aus den Worten über Marie Lüders, neben Gertrud Bäumer Mitglied der Demokratischen Partei, ist deutliche Hochachtung herauszuhören: "Die andere Frau in der Demokratischen Partei ist Dr. Marie Elisabeth Lüders, ebensogut bekannt in der Frauenbewegung, ist die körperlich größte Frau im Hause. Auch intellektuell ist sie nicht klein, die Männer haben ziemliche Angst vor ihrer scharfen, sarkastischen Kritik." 98 Man spürt gradezu die diebische Freude Adele Schreibers, die ihr die Gewissheit bereitete, dass die Frauen imstande sind, sich Respekt zu verschaffen. Den größten Raum des Artikels nehmen die sozialdemokratischen Frauen ein, die im Reichstag auch den größten Frauenanteil stellten. "Neben mir selbst, sind es nur wenige, die aus geistigen Berufen kommen, zum Beispiel Toni Pfülf 99 , eine fähige und raffinierte Frau, die sehr originell aussieht mit ihrem kurzen, [Seite 319↓] lockigen Haar und ihren kurzen, taillierten Kleidern. ... Dann ist da noch die andere Toni, Frau Sender, ein gut aussehendes kleines Mädchen, mit dunklen Haaren und Augen. ... Obwohl 34 sieht sie wie 25 aus. Aber die meisten der anderen Frauen unter den Sozialdemokraten sind aus der Gewerkschaft gekommen. Diese dunkle Frau mit dem energischen Gesicht, Frau Juchacz, eine der führenden Gewerkschafterinnen, war eine Hausbedienstete in jungen Jahren, und diese liebenswerte, schwarzhaarige kleine Frau, der niemand die Großmutter glaubt, Frau Schilling, hat nicht nur ihr eigenes Leben als Tabakarbeiterin verdient, sondern auch noch eine große Familie mit sechs Kindern erhalten." 100 Man sieht, dass es Adele Schreiber ein besonderes Anliegen ist, den Frauen im Reichstag ein Gesicht zu geben.101
Neben der Arbeit im Reichstag gehörte sie weiterhin der überparteilichen Frauenvereinigung an, die sich nach der Auflösung der Stimmrechtsverbände gebildet hatte.
Es wird deutlich, dass Adele Schreiber stets um die Zusammenarbeit aller an einem Problem Interessierter kämpfte, über Partei- und Vereinsgrenzen hinweg. Wichtig war für sie allein der gemeinsame Wille, dem Fortschritt zu dienen.
Diese Einstellung wird ihr noch reichlich Ärger einbringen, denn nicht viele ihrer Parteigenossen sind der Ansicht, dass es ratsam ist, auf parteipolitisches Kalkül zu verzichten. Ihre gänzlich unorthodoxe Haltung bildet eher die Ausnahme, doch in ihrer Überzeugung, dass alle Gleichgesinnten zusammenarbeiten müssen, lässt sie sich nicht beirren, auch wenn ihr hinsichtlich der Arbeitsgemeinschaft der engagierten Frauen die bevorstehenden Schwierigkeiten bewusst sind: "Die neue Arbeitsgemeinschaft, die sich von allem fernhalten muß, was unfehlbar zu parteipolitischer Zerreißung führen würde, darf weder Wahlagitation, noch sogenannte `Aufklärung´ für diese treiben, sie wird Entschließungen nur in den Fällen fassen können, wo eine Einigung von rechts bis links erzielt wurde. Aber solche Fälle gibt es, sie haben, sowohl in der Nationalversammlung, wie auch außerhalb derselben zu interfraktionellen Frauenkundgebungen geführt, so in der Prostitutionsfrage und in der Frage der Kriegsgefangenen und der furchtbaren Versailler Friedensbedingungen. ... Bei anderen Punkten wird wenigstens ein Mindestprogramm erreicht werden ... der Wert des Zusammenarbeit liegt vor allem gerade in der Diskussion ..." 102 1922 organisierte sie mit der überparteilichen [Seite 320↓]Arbeitsgemeinschaft den Empfang der langjährigen Vorsitzenden des Weltbundes für Frauenstimmrecht, Mrs. Carrie Chapman Catt. "Der politischen Arbeitsgemeinschaft der Frauen Groß- Berlins, der Nachfolgerin der hiesigen Frauenstimmrechtsorganisation, ist es gelungen, den Plenarsitzungssaal des Reichstages für einen Vortrag der berühmten Gastin zu erhalten ..." 103
Ihr Anliegen war es immer "Frauen verschiedenster Parteirichtungen mit versöhnlichem Willen auf dem Boden menschlicher Achtung zur Besprechung gemeinsamer Frauenangelegenheiten zu vereinigen. Es ist ein Versuch, den ich noch nicht aufgeben möchte." 104, obwohl, wie sie selbst sagt, die Arbeitsgemeinschaft ein "sehr bescheidenes Leben führt" 105.
Die Haltung zur Verständigung vertrat Adele Schreiber gleichermaßen innerhalb des Reichstags. Sie will ihre "eigene Partei agitieren, Andersdenkende menschlich zu achten." 106.
Diese Ansichten, die sie vertritt, führen später im Exil zu der Konsequenz, im Interesse der gemeinsamen Sache mit den Kommunisten gegen das Naziregime zusammenzuarbeiten. Ein Entschluss, den ihr ihre Partei nicht verzeihen wird und der deshalb ihren Parteiausschluss nach sich zieht.
War die erste Hälfte des Jahres 1914 noch ganz mit der Vorbereitung des in Berlin geplanten Internationalen Kongresses für Frauenstimmrecht ausgefüllt, wurden mit dem Kriegsausbruch im Oktober 1914 alle diese vorbereitenden Arbeiten eingestellt. Der kurz zuvor vereinigte Deutsche Frauenstimmrechtsbund hatte sich sofort in den Dienst für das Vaterland gestellt und alle Verständigung über die Grenzen der Feindesländer hinweg, erschien der Mehrheit der Frauen undurchführbar. Allein mit gegenseitiger Hilfe versuchten die Frauenverbände Kontakt zu halten, nachdem sie sich das letzte Mal vor dem Krieg im Mai 1914 in Rom zusammengefunden hatten. "Der Ausbruch des Krieges stellte den Weltbund vor die schwerste Belastungsprobe, die er, im Gegensatz zu vielen gelehrten Männerorganisationen, glänzend bestand. Das internationale Zentralbüro befand sich in London. Die Vizepräsidentin der Alliance, Mrs. Fawcett, schon erwähnte Vorkämpferin aus dem Jahre 1869, setzte all ihre Energie bei der englischen Regierung, insbesondere beim Auswärtigen Amt ein, um [Seite 321↓] dem Frauenprotest gegen den Krieg Gehör zu verschaffen. Vergebens versuchten Frauen, das Unheil aufzuhalten. In ihrem Protest heißt es: `Politisch machtlos, können wir nur die Regierungen anflehen, das beispiellose Unglück abzuwenden ... Wie auch der Ausgang des Krieges sein möge, er würde die Menschheit nur verarmen lassen, die Zivilisation zurückwerfen, die Bestrebungen hemmen, der Masse des Volkes Besserung ihrer Lage zu bringen.´ Nach Kriegsausbruch bleibt die Haltung unverändert, im internationalen Mitteilungsblatt des Weltbundes, das in London erscheint, erklären Frauen aus `Feindesland´: `Wir müssen fest zusammenhalten, im Glauben, daß Gerechtigkeit und Barmherzigkeit stärker sind als Hass, verbunden durch unzerreißbare Bande, die uns mehr binden, als was uns trennt!´ ... in den Kriegsnummern des Blattes findet sich nie ein Wort von Verurteilung oder Hass." 107
Zu gemeinsamen Aktionen der Frauen kam es hingegen nicht. An dem von Anita Augspurg, Lida Gustava Heymann und Minna Cauer organisierten Frauenkongress 1915 in Den Haag nahm der Weltbund nicht teil, was Adele Schreiber jedoch nicht als Kapitulation bewertete, sondern nur als Einsicht in die Notwendigkeit. Für sie zählte, dass die Frauen, auch wenn sie es nicht wagten, sich zu einem Kongress zu treffen, kameradschaftliche Hilfe leisteten, unbesehen aller Feindschaften zwischen ihren Heimatländern. So rechnete sie es beispielsweise Großbritannien hoch an, dass die Deutschen und Österreicherinnen dort vom britischen Hauptquartier geschützt wurden, oder dass es auch bei der Beschaffung von Arbeits- oder Aufenthaltserlaubnis behilflich war.108 Das betonte sie auch in ihrem Artikel im November 1915: "Wie der Bericht von Frau Adele Schreiber-Krieger über die `Internationale Stimmrechtsbewegung´ hervorhob, haben der Weltbund und seine nationalen Unterorganisationen viel aufopfernde Hilfe für die Frauen und Kinder feindlicher Nationen, die Suche nach Vermißten, die Unterkunft von Flüchtlingen, den Gefangenenaustausch geleistet. Der Zusammenhang der Bewegung ist durch das Internationale Organ `Jus Suffragii´ dauernd aufrechterhalten worden, und die Frauen neutraler wie die feindlicher Länder wurden vom gleichen Geiste der Hilfsbereitschaft für alle Opfer des Krieges geleitet." 109
Nach Beendigung des Krieges wurde 1920 die erste Konferenz des Weltbundes für Frauenstimmrecht in Genf geplant. Mehrere Probleme waren jedoch zu lösen. Für die deutschen Frauen schien es zu Beginn nicht möglich, an dieser Konferenz teilnehmen zu können. Nachdem sich der Stimmrechtsbund nach der Beendigung des Krieges aufgelöst hatte, bestand in [Seite 322↓]Deutschland keine Organisation mehr, die sich offiziell an der Sitzung des Weltbundes hätte beteiligen können. Adele Schreiber löste das Problem, indem sie mit ihrer überparteilichen Arbeitsgemeinschaft der Frauen den Platz der alten Organisation erst einmal provisorisch übernahm.110
Nach dem Krieg trafen sich zudem die Frauen vieler Länder auf einer ganz neuen Ebene: "Der Krieg hatte eine veränderte Lage geschaffen, in zahlreichen Ländern waren die Frauen nun politisch gleichberechtigt, Angehörige vieler Parlamente waren in unseren Reihen, weibliche Minister u Regierungsbeamte, Frauen des Orients waren erwacht, warfen die Schleier ab ..." 111 Politisch jedoch war die Lage, trotz allen Beteuerungen des guten Willens der Frauen, sehr angespannt, denn von den politischen Differenzen zwischen den einzelnen Ländern blieben auch die Beziehungen der Frauen untereinander nicht völlig unberührt. Der Krieg hatte auch die Frauen im Stimmrechtsverband polarisiert. Der Weltbund erhoffte durch einen Kongress eine Annäherung zwischen den Frauen, auch sollte die Aufbruchsstimmung nach dem Krieg genutzt werden, so lange sie anhielt. Alle Mitglieder des Weltbundes wussten, dass Marguerite de Witt-Schlumberger "`furchtbar verbittert gegenüber den deutschen Frauen´"112 war und überhaupt nicht davon angetan, gemeinsam mit den deutschen Frauen einen Kongress abzuhalten. Sie verlangte, dass die deutschen Frauen sich für den Krieg entschuldigen sollten.
Obwohl dann sie selbst und auch alle anderen Frauen trotz aller Vorbehalte angereist waren, waren damit die Probleme nicht gelöst. Die Auseinandersetzungen waren nur aufgeschoben. "Einige Schwierigkeiten spielten sich hinter den Kulissen ab, denn so kurz nach dem Krieg war die nationale Verbitterung noch frisch. Die Belgierinnen verweigerten eine Zusammenarbeit mit der deutschen Delegation und die Französinnen wollten nur unter der Bedingung teilnehmen, wenn die Deutschen sich für die Kriegsgreultaten entschuldigten. Marie Stritt, als offizielle Regierungsdelegierte, konnte eine solche Entschuldigung nicht aussprechen, aber die Schweizerin Emilie Gourd 113 arrangierte [Seite 323↓] ein kleines privates Zusammentreffen auf dem Adele Schreiber, gerade gewähltes Mitglied des Deutschen Reichstages, sich an die französischen Frauen wandte. In keinem Land, sagte sie, hatten Frauen politischen Einfluß hinsichtlich der Kriegserklärung und des Verlaufs des Krieges, und in beiden Ländern haben Frauen und ihre Kinder ähnlich gelitten. Sie war sicher, daß die Frauen überall tiefstes Mitgefühl für ihre Schwestern in den anderen Ländern hegten. Daß dennoch alle Frauen für die Friedenssicherung zusammenarbeiten, war unbedingt notwendig. Die Französinnen akzeptierten diese Deklaration und so waren die freundschaftlichen Beziehungen wiederhergestellt." 114 Ihre Gabe vermitteln zu können, freundlich auf andere zugehen zu können, kamen Adele Schreiber immer wieder zugute. Darüberhinaus setzten sie ihre Sprachkenntnisse und das Wissen aller um ihren unbedingten Einsatz für Völkerverständigung, besonders zwischen Deutschland und Frankreich, in eine Position, die allgemein akzeptiert und anerkannt wurde und so eine Verständigung erst möglich machte. Die Vermittlung Adele Schreibers zwischen den deutschen und französischen Frauen war geglückt "und viele bemerkten mit beruhigtem Blick auf Marguerite Schlumberger und Marie Stritt, eine deutsche Delegierte, daß sie nebeneinander saßen."115 Die erste Nachkriegskonferenz war mit dieser Aussprache zunächst gerettet und der Weltbund setzte seine Arbeit fort: "Es gelang in Genf, die Arbeit auf der ganzen Linie wieder aufzunehmen und die Tagungen in Rom 1923, in Paris 1926 geben Kunde von dem Gedeihen der Bewegung unter dem Vorsitz von Mrs. Corbett Ashby 116 , deren fähige und sympathische Persönlichkeit den Verband aufs Beste vertritt. Immer mehr liegt das Schwergewicht in den ständigen Ausschüssen, in denen insbesondere die Frage einheitlicher Moral, Bekämpfung von Reglementierung und Frauenhandel, die Fragen der gleichen Arbeitsbedingungen für Mann und Frau, des gleichen Lohns und der gleichen Betätigungsmöglichkeiten, die der Staatsangehörigkeit der Ehefrau, die der Familienzulagen, die Lage der unverheirateten Mutter und ihres Kindes, der gleichen Rechtsstellung der Frau im bürgerlichen wie im Strafrecht, wie die der weiblichen Polizei, von Sachkundigen aus allen Ländern bearbeitet und für das Plenum vorbereitet." 117 [Seite 324↓]Die Unstimmigkeiten waren fürs Erste beigelegt, ausgeräumt waren sie nicht dauerhaft, wie die spätere Korrespondenz um die Milchkühe zeigte.118
"Neben meiner parlamentarischen Tätigkeit widme ich mich als Leiterin der Abteilung `Mutter und Kind´ beim Deutschen Roten Kreuz." 119
Nach dem Ersten Weltkrieg bemühte sich das Zentral-Komitee des Deutschen Roten Kreuzes, die internationalen Beziehungen wieder herzustellen, die durch den Krieg zum Stillstand gekommen waren. Dafür wurden glaubwürdige Persönlichkeiten gesucht, die für ihr Engagement im Sinne der Völkerverständigung bekannt waren und von deren Namen man zu profitieren hoffte. Im Namen des Deutschen Roten Kreuzes sollten ausgesuchte Persönlichkeiten diese Friedensarbeit fortführen und so das Image des Roten Kreuzes, das oft als militaristische Organisation angeprangert wurde, verbessern.120 Nicht nur Sach-, sondern besonders Geldspenden wurden aus dem Ausland für den Wiederaufbau Deutschlands erhofft. Die notwendige Umorientierung des Roten Kreuzes auf das neue Friedensarbeitsfeld machte ferner neue Strukturen unvermeidbar. Neue Kräfte wurden benötigt. Das betonte 1922 auch der Generalssekretär des Deutschen Roten Kreuzes Paul Draudt121: "Der Ausbau der sozialen Wissenschaften, die Erkenntnis, daß volkswirtschaftliche, hygienische und pädagogische Kenntnisse unentbehrlich seien, um die sozialen Nöte zu erkennen und zu bekämpfen, oder ihnen vorzubeugen, machte nun auch in [Seite 325↓]unserer Organisation soziale ausgebildete und geschulte Mitarbeiter nötig, denn auch wir wollen und müssen immerhin den Dilettantismus aus unserer Arbeit herausbringen."122
Adele Schreiber nahm das Angebot des Roten Kreuzes an, eine neu zu schaffende Abteilung "Mutter und Kind" zu leiten. Alle möglichen Zweifel dieser der Monarchie ergebenen Organisation gegenüber schob Adele Schreiber zur Seite. Sie zögerte nicht, das Angebot des DRK anzunehmen, denn sie war ehrgeizig und gleichzeitig wusste sie um ihr Bedürfnis, praktische Ergebnisse ihrer Arbeit zu sehen, abrechenbare Hilfe zu leisten. Auf dieser Position konnte sie im Rahmen ihrer Arbeit neue Beziehungen knüpfen und alte wieder aufwärmen. Sie tat alles, um auf allen Gebieten voranzukommen, ihr Wissen und ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen und ihre eigenen hohen Ansprüche an sich selbst zu erfüllen.
Von Beginn des Jahres 1920 bis zum April 1924 war Adele Schreiber als Leiterin der neubegründeten Abteilung tätig. Während dieser Zeit gründete sie Kindererholungsheime und repräsentierte das Deutsche Rote Kreuz auf verschiedenen internationalen Kongressen, wie auf denen der Internationalen Vereinigung für Kinderhilfe.123
Doch sie wird sich nicht lange auf diesem Posten halten können, da ihre Ansichten von Völkerverständigung und dauerhaftem Frieden beim Roten Kreuz sehr verhalten aufgenommen wurden.
Mit der Arbeit beim DRK war es Adele Schreiber zum einen möglich, ihr praktisches Engagement neben der Arbeit im Reichstag fortzuführen und zum anderen wird es ganz in ihrem Sinne gewesen sein, dass sie für den Aufbau und die Pflege der internationalen Beziehungen zuständig war. Um internationale Verständigung war sie vor dem Weltkrieg stets bemüht gewesen. Auch während des Weltkrieges ließ sie ihre internationalen Beziehungen nie abbrechen und beim Roten Kreuz konnte sie nun diese Anstrengungen fortführen. Ein anderer wichtiger Punkt war darüberhinaus sicher auch, dass sie ihrer eigenen Gesellschaft, der Deutschen Gesellschaft für Mutter- und Kindesrecht, finanzielle Unterstützung sichern konnte. Desgleichen konnte auch das von Professor Mayet initiierte Projekt einer Mütterwerkstatt durch sie vor dem Ruin gerettet werden. Die von Mayet gegründete Mütterwerkstatt hatte die vorherigen `Näh-, Lehr- und Stillstuben´ erweitern sollen, doch sie rentierte sich nicht. Adele Schreiber gelang es, [Seite 326↓]das Rote Kreuz zu überzeugen, die Einrichtung dennoch zu übernehmen: "Der Vater dieses Gedankens, Geheimer Regierungsrat Professor Dr. Mayet, langjähriges Vorstandmitglied der Deutschen Gesellschaft für Mutter- und Kindesrecht, ein warmherziger Vorkämpfer aller Fürsorge für Mutter und Kind, erweiterte den Plan über den einer Abteilung des Heims `Mutterhilfe´ hinaus. Es entstand unter seiner Leitung eine GmbH, die ein größeres Mütterheim in der Elsasser Straße und eine Werkstätte mit 40 elektrisch betriebenen Maschinen in der Müllerstraße einrichtete. Steigende Kriegsnot und langwierige Erkrankung des dem 80.Lebensjahr nahenden Gründers brachten es mit sich, daß wirtschaftliche Hoffnungen sich nicht erfüllten und das von der Muttergesellschaft völlig losgelöste, deren Einfluß entzogene Unternehmen nach dem Tode Mayets in finanzielle Schwierigkeiten geriet. In solcher Not fand sich das Deutsche Rote Kreuz hilfsbereit. Es wurde der Verfasserin dieses Artikels ermöglicht, das aussichtsreiche Unternehmen, eine in Deutschland einzigartige, unersetzliche Anstalt vor Untergang zu schützen und sie im Juni 1920 der Abteilung `Mutter und Kind´anzugliedern." 124
Im September 1921 wurde die Werkstatt mit dem Mütterheim aus Westend in Berlin-Lichtenberg125 zusammengelegt, nachdem ein großes Gebäude im Park gemietet worden war. Eine eigene Entbindungsanstalt kam hinzu. Durch die finanzielle Notlage nach dem Krieg blieb die Erhaltung dieses Heimes aber weiterhin schwierig, denn es war schon ein Erfolg, wenn sich das Heim zur Hälfte selbst finanzierte. "Viele Schwierigkeiten waren zu überwinden, um wirtschaftlich und sozial gesündere Grundlagen zu schaffen, die Anstalt zu einem wirklichen Heim umzugestalten. ... Das erstrebte Ziel, dessen Erreichung in normalen Zeiten theoretisch möglich schien, ist noch nicht verwirklicht - Selbsterhaltung des Heims!" 126 Die Hoffnung aber, dass dieses Ziel noch zu erreichen ist, wollte Adele Schreiber jedoch keinesfalls aufgeben: "Ein abschließendes Urteil über die praktische Durchführbarkeit fehlt, weil die nötig gewordene Aufgabe des Prinzips aus finanziellen Gründen in wirtschaftlich abnormen Zeiten erfolgte. Erhalten sind noch einige kleinere `Müttersiedlungen´ ..." 127
Neben der Fortführung ihrer Aktivitäten in der Deutschen Gesellschaft für Mutter- und Kindesrecht gründete sie für das Rote Kreuz Heime, in denen die Kinder während eines mehrwöchigen Aufenthaltes gut ernährt wurden und sich erholen konnten. In der kurzen [Seite 327↓]Zeitspanne von nur einem Jahr wurden unter der Leitung Adele Schreibers fünf Kinderheime errichtet und ihrer Bestimmung übergeben. Daneben wurden ebenso Kinder in Heime gesandt, die nicht vom Roten Kreuz verwaltet wurden. Besonderen Anteil hatten an dieser Arbeit die Amerikaner, die durch großzügige Spenden den deutschen Kindern helfen wollten. "Als Treuhänder menschlicher Güte und Hilfsbereitschaft, ganz besonders als Beauftragter amerikanischer Menschenfreunde, wurde die Abteilung Mittelpunkt einer Arbeit, die sich auf weite Gebiete Deutschlands erstreckt. ... Es konnten auch dem Verein `Landaufenthalt für Stadtkinder´ sehr erhebliche Mittel, die besonders vom Central Relief Commitee in New York gestiftet wurden, zur Verfügung gestellt werden, um die Aufnahme von mehr als 100000 erholungsbedürftigen Stadtkindern in ländliche Familien zu erleichtern." 128 Doch auch andere Länder spendeten für die deutschen Kinder, unter ihnen die Schweiz, Holland und besonders Schweden.129 1923 reiste Adele Schreiber persönlich nach Schweden. "Unsere Reichstagsabgeordnete Genossin Adele Schreiber-Krieger hat kürzlich auf Einladung der schwedischen Vereinigung `Rädda Barnen´ (Rettet die Kinder!) mehrmals in Schweden über die Kindernot im Ruhrgebiet gesprochen, um den Verein `Rädda Barnen´, der unter dem Vorsitz der schwedischen Genossin Anna Lindhagen steht, in seiner großzügigen Sammlung für das Ruhrgebiet zu unterstützen."130
Innerhalb kurzer Zeit hatte die Arbeit in der Abteilung "Mutter und Kind" größere Ausmaße angenommen.131 Voller Enthusiasmus und Entschlossenheit berichtete Adele Schreiber über die [Seite 328↓]in kurzer Zeit geleistete Arbeit. Sie war stolz auf sich und ihre Mitarbeiterinnen. Die Hilfsbedürftigkeit überstieg jedoch stets die vorhandenen Mittel. "Es war ein so beglückendes Ziel aufbauen zu dürfen - bedrückend nur dass man nicht Allen helfen konnte u eine Auswahl treffen musste wem man Rettung bringen, wem man seinem hoffnungslosen Schicksal überlassen musste." 132
Der Schwerpunkt der Friedensarbeit des Deutschen Roten Kreuzes lag auf sozial-hygienischem Gebiet, wie der Tbc-Bekämpfung und der Säuglingsfürsorge.
Auf der Mitgliederversammlung 1922 fasste Adele Schreiber die bisher von ihr und ihren Mitarbeiterinnen geleistete Arbeit zusammen und würdigte die Hilfe des Auslandes: "Nicht Umfang, nur Eigenart der Arbeit berechtigt an dieser Stelle zu einem kurzen Bericht über die Abteilung `Mutter und Kind´. Sie ist die sichtbare Erscheinung der Liebe von Menschen fremder Länder zu deutschen Kindern, eine Vertrauensstelle des Auslandes, durch die ein bisher noch nie versiegender Strom von Hilfsbereitschaft nach allen Teilen des Reiches gelenkt wurde." 133
Es kann aber bei aller Bescheidenheit auf eine sehr erfolgreiche Arbeit zurückgeblickt werden. Innerhalb eines Jahres gelang es der Abteilung fünf Kindererholungsheime einzurichten, so dass insgesamt bereits 9000 Kinder betreut werden konnten, da auch gemietete Heime in die Arbeit mit einbezogen wurden. Ein besonderes Anliegen war es Adele Schreiber, die Plätze, die niemals ausreichten für alle hilfsbedürftigen Kinder, gerecht zu verteilen. "Entscheidend sind ausschließlich gesundheitliche und wirtschaftliche Bedürftigkeit, ohne Rücksicht auf Stand, Parteizugehörigkeit oder Konfession. Über die gesundheitlichen Erfolge hinaus, die sich in den Gewichtszunahmen ausdrücken, wird auch die seelische und geistige `Wiederaufbauarbeit an Kindern´ gefördert, die uns, so weit es innerhalb der kurzen Erholungsperioden möglich ist, glückt, wie dies alle Entsendestellen bestätigen." 134
Den guten Ergebnissen bei der Kinderhilfe standen hingegen unbefriedigende Resultate bei der Mütterfürsorge gegenüber. Allein das große Heim in Lichtenberg "Frauenheim und Werkstätten", wo etwa 60 Mütter mit ihren Kindern aufgenommen werden konnten, verdiente hinsichtlich der Mütterfürsorge überhaupt Erwähnung. "Mit seinen großen Werkstätten stellt das Heim eine einzigartige Form der Fürsorge dar, die es den Müttern ermöglichen, zum großen Teil den Unterhalt für sich und ihr Kind selbst zu verdienen. Die Abteilung ist ein Stützpunkt der Internationalen Kinderhilfe, [Seite 329↓] deren deutscher Zweig ihr angegliedert ist und mit deren schwedischem Zweig sie aufs engste zusammenarbeitet." 135 Es wird deutlich, dass die Arbeit Adele Schreiber begeistert und ausfüllt, wenn man liest, mit welchem Enthusiasmus sie über die Erfolge berichtet. Der Eifer, den sie entfaltet, ist enorm, und sie arbeitet gründlich.136
Auf der oben erwähnten Mitgliederversammlung im April 1922 wurde Adele Schreibers Arbeit noch als besonders erfolgreich im Sinne der vom Roten Kreuz angestrebten Imageverbesserung herausgestellt. Es vergingen indes nur noch knapp eineinhalb Jahre bis zu einem völligen Umschwung im Roten Kreuz und dem Ausscheiden Adele Schreibers. 1922 heisst es jedoch noch: "Sollten wir von den vielen Zwecken, denen die Auslandshilfe gedient hat, denjenigen bezeichnen, der in allen Landen die größte Anzahl von Freunden gefunden hat, müssen wir unbedingt die Arbeit des Deutschen Roten Kreuzes für `Mutter und Kind´ erwähnen, besonders die Wiederaufbauarbeit an den Kindern unserer zerstörten Provinzen, wie Frau Adele Schreiber, die Leiterin der Abteilung treffend gesagt hat."137 Die Arbeit in der Abteilung wurde zum größten Teil von Frauen erledigt. Nur eine kleine Zahl von Männern arbeitete in der Kinderfürsorge.
Der Erfolg der Abteilung ist zweifellos auch auf die Fähigkeit Adele Schreibers zurückzuführen, ihre Mitarbeiterinnen zu motivieren. Es war das erste Mal, dass sie als Chefin auftrat. Aber war sie, die doch oft so misstrauisch war, für so eine Führungsrolle überhaupt geeignet? Schaffte sie es, die verschiedenen Meinungen zu koordinieren und auf Empfindlichkeiten Rücksicht zu nehmen und alle zu integrieren? Konnte sie ihre Mitarbeiterinnen zusammenschweißen und doch immer wieder auf einen gemeinsamen Nenner bringen? Es scheint so, denn der Umgangston in der Abteilung lässt auf ein herzliches Verhältnis zwischen allen Mitarbeiterinnen schließen. In der Abteilung "Mutter und Kind" herrschte eine entspannte und ausgelassene Arbeitsatmosphäre, wie man an erhaltenen Briefen erkennen kann. "Aus den anderen Heimen nichts Neues. ... Draudt [Seite 330↓] ist noch nicht wieder da. ... Die Kinderentsendung geht glatt, die übrigen Sachen auch. Ich kann Dir nicht über jeden Quark berichten." 138
In dieser Arbeit standen alle zusammen. Für Adele Schreiber und auch die zweite Vorsitzende Dr. Weiland war das die Grundvoraussetzung der gemeinsamen Tätigkeit. Alle sollten sich gleich verantwortlich fühlen, und ihr Wunsch war von Beginn an, ein angenehmes Arbeitsklima zu schaffen, in dem die Arbeit Spaß machte. Weder sie noch Dr. Weiland standen besonders im Vordergrund, was daran abzulesen ist, dass sie ohne Sorge ihren Mitarbeiterinnen die Abteilung überliessen, als Adele Schreiber nach Amerika 139 und Dr. Weiland in den Urlaub abreiste. Alle waren gleichermaßen in die notwendigen Arbeiten eingeweiht und mit dem Vertrauen in ihre Fähigkeiten, banden Adele Schreiber und Dr. Weiland ihre Mitarbeiterinnen ohne Frage an sich. Diese berichteten ihnen brieflich von allen Vorkommnissen im Roten Kreuz. Adele Schreiber bekam nach ihrer Abreise nach Amerika einen Bericht, wie der Abschied der zweiten Chefin abgelaufen war, die gerade ihren Urlaub angetreten hatte: "Wir haben uns alle fünfmal um uns selbst gedreht, haben mit Volldampf bis abends 10 Uhr geschuftet, sind ihr noch bis nach Westend nachgelaufen, bis wir alle zusammen mit Dr. Weiland eingeschlossen wirklich und absolut nichts mehr zu tun fanden - da hat sich also unser `zweites Haupt´ denn endlich auf die Reise begeben - aber das Sorgen liess sie sich doch nicht abnehmen. Nun sind wir verwaist. Was werden wir tun? - Wir arbeiten fabelhaft und sind dabei ausgelassen vergnügt. Besonders gestern bei der grossen Weihnachtsfeier für das Haus! ... Frl. Steinthal und ich wechseln uns ab, fahren in Gemeinschaft mit Frl. Wesenfeld als Cerberusse umher und sammeln alle Sensationen, brechen allen drohenden Gefahren die Spitzen ab, fangen und fertigen das gesamte Volk der Bittsteller, Frager, Neugierigen, Beschwerdeführer usw. ab. Frl. Paalzow sitzt still wie ein Mäuschen und fleissig wie eine Ameise in ihrem Stübchen, und sagt mir eben auf meine Anfrage, dass `alles in Ordnung´ sei." 140
Und auch an die zweite Vorsitzende werden vergnügte Briefe geschrieben: "Es ist sehr ruhig, wie meist, wenn Sie nicht da sind (was natürlich nur einen Tadel für uns bedeutet). ... Bitte wie oft sind Sie schon gefallen? mit ihren Schi-Schuhen? und wieviel Verrenkungen und Brüche und Quetschungen und Zerrungen sind schon wieder in Ordnung gebracht? wieviele `laufen´ noch? ... [Seite 331↓] glauben Sie uns, dass alle Kinder artig und vergnügt sind und dem strengen und miesepetrigen Onkel Grüneisen gerne ein Schnippchen schlagen - und so weiter." 141
Neben der erfolgreichen Arbeit fand sich also auch ein vergnüglicher Umgangston und die Möglichkeit eines unkomplizierten gemeinsamen Arbeitens.
Zu den Aufgaben Adele Schreibers gehörte neben dieser praktischen Arbeit auch die Repräsentation des Deutschen Roten Kreuzes auf der internationalen Bühne.
Nachdem man sie im Dezember 1919 gebeten hatte, die Abteilung "Mutter und Kind" zu übernehmen, sollte sie das Rote Kreuz auch international vertreten: "Zugleich erging an Fr.[au] Schr.[eiber] die Bitte, umgehend ein Komitee für die Vertretung der Internationalen Vereinigung für Kinderhilfe als deutsche Zweigstelle im Anschluss an das D.R.K. zu gründen und der Konferenz der Internationalen Vereinigung f.[ür} Kind.[erhilfe] am 8.Jan. 1920 in Genf als Vertreterin des D.R.K. beizuwohnen. Diesen Wünschen entsprechend, hat Fr.[au] Schr.[eiber] den deutschen Zweig der Intern.[ationalen] K.[inderhilfe] gegründet und die praktische Arbeit der Abt.[eilung] M.[utter] u.[nd] K.[ind] begonnen." 142 Die Tagung stand unter dem Patronat des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes. Aus der Betroffenheit aller Völker über das Kinderelend, das der Krieg hervorgebracht hatte, wollte man eine Organisation der sich gegenseitig helfenden Staaten initiieren.
Adele Schreiber sprach über die Not in Deutschland und über die hungernden Kinder. Das versteckte Elend in Deutschland, so Adele Schreiber, werde anhand von Statistiken deutlich: "nicht minder packend als die aus Ländern, deren Elend offenkundiger zutage liegt." 143
Sie war augenscheinlich besorgt, dass Deutschlands Not unterschätzt werden könne, da Deutschlands Regierung Nahrungsmittel an Österreich gesandt hatte.144 Sie befürchtete, dass diese Hilfsbereitschaft falsch gedeutet werden könnte. "Aber trotz seines Elends hat das hungernde Deutschland noch dem unglücklichen Österreich geholfen. Es war die Gabe der Armut an die [Seite 332↓] Verzweiflung. Sie darf nicht mißverstanden, etwa als Zeichen dafür ausgelegt werden, daß wir der Hilfe nicht dringend bedürften." 145 Nur mit wenigen Ausnahmen, so führte Adele Schreiber aus, waren alle Großstadtkinder unterernährt, was in einem Bericht von Miss Emily Hobhouse in ihrem Bericht über die Stadt Leipzig bestätigt wurde und was auch die Frau des amerikanischen Präsidenten bezeugte: "Mrs. Lloyd Wilson schreibt, nachdem sie Berlin und Dresden besichtigt hat: `Fast alle Kinder schienen mir tuberkulös.´" 146
Die internationale Sorge um die Kinder, so hoffte Adele Schreiber, könnte nach dem verheerenden Krieg, der viele freundschaftliche Verbindungen unter den Erwachsenen zerbrochen oder zumindest beschädigt hatte, ein neues Bindeglied zwischen den Völkern werden. "Die Internationale Vereinigung für Kinderhilfe besteht. Sie will ihr angeschlossene nationale Vereinigungen in der ganzen Welt gründen ... Eine deutsche Vereinigung für Kinderhilfe nach den Satzungen der Internationale wird von einem Ausschuß, dem bekannte Persönlichkeiten aller Richtungen angehören, vorbereitet." 147 Wichtig war ihr dabei, dass alle Staaten als gleichberechtigte Mitglieder betrachtet werden. Das wurde ihr zugesichert.
Der deutsche Zweig konstituierte sich am 25.Januar 1920, und Adele Schreiber wurde als Vorsitzende gewählt.148 Sie erblickte von Anbeginn an ihre Aufgabe darin, alle Kräfte zusammenzuschließen und sowohl in ihren Vorstand, wie in ihrem Arbeitsausschuss Vertreter der hauptsächlichsten, den Kindern gewidmeten Verbände und Vereinigungen zu sammeln. Im Vorstand wie im Arbeitsausschuss sollten die Vertreter der wichtigsten deutschen Kinderschutzorganisationen versammelt werden.149 "Diese neue Internationale wird auf ihre Art den Neubau der Welt versuchen. Sie will die Weltschuld, die wir alle an diesem Kriege tragen, sühnen am Kinde durch Rettung der Kinder, den Weg bahnen zur Rettung der Welt." 150
Der Wahlspruch hieß: "Rettet die Kinder"!
|
| [Seite 333↓] |
Nun musste jedes Land nur dafür Sorge tragen, diese Forderungen auch umzusetzen, wobei Adele Schreiber im sozialdemokratisch regierten Deutschland die besten Voraussetzungen für wahrhaften Kinderschutz sah: "Die wohlmeinenden Forderungen für das Wohl des Kindes werden nur dort keine frommen Wünsche bleiben, die Erziehung zu Brüderlichkeit, Frieden und Menschenliebe wird nur dort verwirklicht werden, wo die politische Macht in den Händen von Regierungen und Parteien ist, die selbst für diese Ideale eintreten." 151
Adele Schreiber war selbst international unterwegs und bemühte sich, Hilfsprogramme für die Kinder zu unterstützen oder zu begründen: "Auch der ersten Konferenz, die in London zur Linderung der Hungersnot in Mittel-Europa einberufen wurde (1920), genannt `fighting famine councel´, wohnte ich als Delegierte bei und durfte als erste Deutsche dort öffentlich sprechen." 152
Ein Jahr zuvor hatte die Teilnahme Deutschlands an diesem Kongress zu heftigen Auseinandersetzungen in England Anlass gegeben. "Als im November 1919 der Fight the Famine Council zum ersten Male tagte, war eine leidenschaftliche Pressefehde dagegen entfaltet worden. Deren Folge war, daß des Vorsitzenden, Lord Parmoors, Haus, das den deutschen Gast Prof. Brentano beherbergte, vom Pöbel bedroht wurde und daß der Vorstand der Konferenz bei der öffentlichen Abendversammlung dem Publikum die Zusicherung geben mußte, es befände sich kein Deutscher im Saal." 153 Auch 1920 waren noch Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, denn der Hass auf die Deutschen war zwar geringer geworden, nicht jedoch verschwunden, was sich in Schwierigkeiten bei der Unterbringung widerspiegelte. Adele Schreiber konnte glücklicherweise auf alte Bekannte zurückgreifen: "Private Gastfreundschaft gab uns Unterkunft - Hotels verweigerten die Aufnahme Deutscher. Ich war Gast der berühmten Soziologen Sidney und Beatrice Webb den Begründern der heute so bedeutsamen School of Economics deren Hörerin ich in der Jugend gewesen." 154 Generell hatte sich die Lage jedoch entspannt. "Diesmal blieb die Presse ruhig, sie verzeichnete ohne Kommentar die Anwesenheit von etwa zehn deutschen Delegierten ... und hatte sogar die Freundlichkeit, dem weiblichen Reichstagsmitglied wohlwollende Beachtung zu schenken. ... auch eine stark besuchte große öffentliche Abendveranstaltung in der Westminster Central Hall verliefen in vollster Harmonie, wobei klugerweise in der breiten Öffentlichkeit die Sache Deutschlands von Engländern, einem [Seite 334↓] Amerikaner und einem Holländer, nicht von Deutschen selbst, verfochten wurde." 155 Französische Delegierte waren 1920 nicht erschienen.
Adele Schreiber erntete für ihren in englischer Sprache gehaltenen Vortrag stürmischen Beifall.156 Für sie kam es vor allem darauf an, Mitgefühl für Deutschland zu erwecken. Anhand der Tuberkulosestatistiken ist zu erkennen, so führte sie aus, dass die Infektion in früheren Jahren beginnt, die Erkrankungen schwerer sind und rascher zum Tode führen. Ebenso weitverbreitet war die Rachitis. Außerdem agitierte sie vehement gegen den Friedensvertrag von Versailles: "Wenn erst die breiten Volksschichten in den anderen Ländern zu Bewußtsein gekommen sind, wie schwer unser Volk leidet, wird viel von dem Haß verschwinden. Ich habe mich davon überzeugt, daß zum Beispiel in England die Allgemeinheit nicht begriffen hat, was der Friedensvertrag von uns verlangt und keine Ahnung davon hat, unter welchen Entbehrungen unser Volk lebt." 157 Sie warb um Verständnis für Deutschland und war wie viele Sozialdemokraten der Meinung, dass Deutschland von den Siegermächten ungerecht behandelt wird. Der Versailler Vertrag erschien ihr untragbar.
Neben allen gesundheitlichen Gefahren verwies sie deswegen immer wieder auf den Zündstoff, den ihrer Meinung nach der Versailler Vertrag in sich trug. "Not und Elend wirken in entgegengesetzter Richtung auf die Hand- und Kopfarbeiter. Während sie die ersteren ins extrem radikale Lager treiben, wirken sie auf die letzteren in reaktionärem Sinne. Die politisch ungeschulten, jungen geistigen Arbeiter werden willige Gefolgschaft einer Agitation, die ihnen einredet, daß lediglich die Revolution, das Anwachsen des Sozialismus, Ursache ihrer Notlage seien, daß eine Rückkehr zum alten System ihnen wieder eine bevorzeugte Stellung geben könne. ... Kampf gegen das Elend wäre das wirksamste Mittel gegen alle Extreme und Ausschreitungen von links und von rechts." 158 Das ist eine überaus scharfsichtige Einschätzung Adele Schreibers zu diesem Zeitpunkt. Arbeitslosigkeit und der kommende Winter, in dem keine Kohlen zur Verfügung standen, erweckten die schwersten Befürchtungen bei ihr. Helfen konnte ihrer Meinung nach nur eine internationale Regelung zur Stabilisierung der Währung, damit nicht eine Wirtschaftskrise der anderen folgte. All diese Zustände machten eine politische Einflussnahme der Frauen, wie sie sie sich vor dem Krieg ausgemalt hatte, zu einer Illusion, was sie schmerzlich bedauerte. "Ich fühle die Tragödie, die es für [Seite 335↓] uns Frauen bedeutet, zur Zeit, da wir Zutritt zum Parlament und Einfluß an der Gesetzgebung erlangten, nichts von unseren Idealen verwirklichen zu können, weil der wirtschaftliche Zusammenbruch uns daran hindert." 159 Der "Vorwärts" berichtete überaus positiv über ihren Auftritt. "Ihre fließend englisch gesprochene Rede machte offensichtlichen Eindruck."160
Mit Hilfe der neugegründeten Vereinigung für Kinderhilfe konnte die akute Hungersnot der deutschen Kinder bekämpft werden. Die Vereinigung bewährte sich als Hilfsinstrument: "Die Internationale Vereinigung für Kinderhilfe hat in mehr als fünf Jahren eine Fülle von Hilfsbereitschaft bewiesen, schwerstes Kinderelend in aller Welt gelindert. ... So soll ein Weltring wechselseitiger Hilfe entstehen, in dem alle Empfänger, alle Spender sein können." 161 Außerdem wurden international gültige Kinderschutzregeln verabschiedet: "Im Jahre 1923 nahm die Vereinigung die sogenannte `Genfer Erklärung´ der Mindestrechte an. Sie verlangt für jedes Kind das Recht auf normale körperliche und geistige Entwicklung, Nahrung und Pflege, Hilfe und Erziehung für die Waisen und Verlassenen, Verirrten und Abnormen. Sie fordert beruflliche Ausbildung und Schutz gegen Ausbeutung. ... Diese wenigen Sätze enthalten ein Programm umfassendster Jugendwohlfahrt." 162 Viele Bemühungen ließen sich zur großen Enttäuschung Adele Schreibers nicht umsetzen. Anfang der dreißiger Jahre zog sie resigniert Bilanz. "Vor mehr als einem Jahrzehnt entstand in Genf die Internationale Vereinigung für Kinderhilfe. Sie schien damals eine Verheißung. ... Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Wohl blieb die Vereinigung bestehen als ein schätzenswerter Mittelpunkt für manche internationale Bestrebungen zum Besten der Kindheit aller Rassen und Nationen, aber ein nennenswerter Einfluß wurde nie erzielt und wir sind weit entfernt von Richtlinien internationaler Politik, die auf das Kind Rücksicht nehmen, obgleich jede Nation garnicht genug betonen kann, welch großen internationalen Reichtum sie in ihren Kindern sieht." 163
Adele Schreiber bemängelte, dass Ideal und Wirklichkeit sich wenig annäherten, denn "Nationalpolitik und parteipolitische Strömungen waren, wenn auch nicht offen ausgesprochen, oft fühlbar." 164 Schwierig wurde zudem der Umstand, dass die Vereinigung aus den verschiedensten Kreisen zusammengesetzt war. Die Kirche machte ihren Einfluss geltend, und auch sonst standen selbst die Vertreter des Ehrenkomitees nicht unbedingt in dem Ruf, fortschrittlich zu sein: "Das [Seite 336↓] Ehrenkomitee ist mit manchen Namen belastet, deren Klang nicht ganz mit den großen Plänen von Brüderlichkeit und Versöhnung übereinstimmt. Aber es ist nicht Schuld der Veranstalter, daß Deutschlands Innenminister Schiele 165 heißt, daß für Ungarn die Königliche Hoheit Erzherzog Albrecht neben drei Grafen dem Ehrenkomitee angehört, für Spanien Ihre Königliche Hoheit die Infantin Isabella von Bourbon und seine Exzellenz der Konteradmiral Marquis von Magaz. Schließlich war dies Ehrenkomitee nur ein Spiegelbild der augenblicklichen politischen Zustände ..." 166 Der als Pflicht erkannte Kampf gegen die hohe Kindersterblichkeit und Kinderkrankheiten hatte nicht zwangsläufig entsprechende Aktionen und Gesetze zur Folge, da ein mündliches Bekenntnis einfacher und unverbindlicher war.
Aber das war nur ein Teil ihrer Desillusionierung. Insgesamt, so stellte sie für sich fest, war nach dem Ersten Weltkrieg keine wirkungsvolle internationale Zusammenarbeit der Völker zustande gekommen. Die Genfer Abrüstungskonferenz war nur ein weiteres Beispiel für die Machtlosigkeit der Frauen in der Politik: "Millionen Frauenunterschriften werden gesammelt für die Genfer Abrüstungskonferenz - dennoch, wie schwach sind diese Stimmen der Frauen und Mütter im Orchester der Disharmonie, dessen Leitmotiv die Angst aller vor allen ist." 167
Während ihrer Tätigkeit im Deutschen Roten Kreuz kam Adele Schreiber verstärkt in Kontakt mit amerikanischen Hilfsdiensten, da nach dem Ersten Weltkrieg besonders aus Amerika Geld für die hungernden deutschen Kinder gespendet wurde.168 Ihre Sprachkenntnissse erlaubten ihr den völlig unkomplizierten Umgang mit den Amerikanern, und sie war zudem, auch aus ihrem Engagement aus der internationalen Frauenbewegung resultierend, mit vielen Amerikanerinnen persönlich bekannt. Diese Kontakte beschloss sie zu nutzen, als mit der Zeit immer weniger Geld als für die Arbeit benötigt wurde aus Amerika eintraf, und auch die Bereitschaft, Kinder zur Erholung aufzunehmen, nachließ: "In der letzten Zeit ist die Entsendung der Kinder ins Ausland immer schwächer geworden, da sich ja erstens die Verhältnisse auch in den valutastarken Ländern [Seite 337↓] verschlechtert haben, zum anderen, was man ja wohl begreifen muß, ist eine gewisse Ermüdung im Wohltun eingetreten." 169
Adele Schreiber möchte handeln. Sie beschließt, eine Vortragstournee in die Vereinigten Staaten zu unternehmen. Dabei wird sie zwei Aufträge auf einmal erfüllen. Zum einen möchte sie die neuen demokratischen Grundsätze der neuen deutschen Republik erläutern und Vertrauen gewinnen, zum anderen hofft sie, neue Kontakte zu knüpfen und alte, bestehende wieder aufleben zu lassen, um für ihre Arbeit im Roten Kreuz Geld zu sammeln und Unterstützung zu suchen. Die Zeit erscheint ihr günstig. Sie ist eine international bekannte Persönlichkeit und diese Reise würde nicht nur der Unterstützung ihrer Arbeit beim Roten Kreuz dienen, sondern auch ihrer eigenen Laufbahn.
Ehrgeizig war sie zweifellos. Sie wollte sich beweisen, dass auch auf dem internationalen Parkett auf sie Verlass ist. Sie wusste, dass sie sich auf ihre amerikanischen Beziehungen verlassen kann, denn sie kannte die meisten wichtigen Frauen der amerikanischen Frauenbewegung persönlich. In Deutschland hatte sie sich einen Namen gemacht, nun wollte sie Amerika erobern, besonders deswegen, weil ihr ihre Arbeit für die Kinder sehr am Herzen lag und sie wusste, dass Amerika ein reiches Land ist. Das Deutsche Rote Kreuz beurlaubte sie von ihrer Arbeit, da es von der Nützlichkeit ihrer Bemühungen in Amerika überzeugt war. Auch ihre Partei sah mit Wohlwollen, dass eine SPD-Abgeordnete in Amerika für das neue Deutschland warb und so gleichzeitig auch ihre Partei in die öffentliche Aufmerksamkeit rückte.
Adele Schreiber fuhr mit dem Schiff und kam am 20.12.1924 in New York an. "Langsam nähert sich das Schiff dem Festland. Im dünnen Nebel des Dezemberabends sieht man nichts als Tausende von Lichtern an unsichtbaren Fäden hoch am Himmel aufgehängt, frei in der Luft schwebend - es sind die Fenster der im Dunkel nicht erkennbaren Wolkenkratzer. Unwirklich, feenhaft, dieser erste Eindruck dieser unerbittlich wirklichen Geschäftsstadt New York, der unsinnig übervölkerten Insel Manhattan, die auf engstem Raum so viel Menschen zusammendrängt, wie ganz Schweden birgt!" 170
Die Architektur begeisterte sie, und sie wurde obendrein herzlich empfangen und mit Aufmerksamkeit überschüttet. Sie war gerührt und beruhigt, denn sie sah, dass sie sich in der Einschätzung ihrer Mitstreiterinnen in der Frauenbewegung glücklicherweise nicht getäuscht hatte. Viele kamen sie besuchen. "Weihnachten Am 20.Dezember spätabends war ich in Neuyork [Seite 338↓] eingetroffen. Es suchten mich schon in den ersten Tagen, amerikanischer Sitte entsprechend, meine Bekannten auf, mit Einladungen für die Feiertage. Mit Blumen und Konfekt wurde ich reichlich versorgt. Man spricht bei uns viel zu ausschließlich von dem Geschäftsgeist, zu wenig von den starken Gefühlsmomenten der jungen amerikanischen Nation." 171 Begeistert sprach sie von der typischen "amerikanische Warmherzigkeit" 172, die ihrer Meinung nach in hohem Maße das amerikanische Leben prägt. "Neben ausgeprägt realer Einstellung lebt ... eine überraschende Sentimentalität." 173 Sie wurde gut umsorgt und besonders stolz war sie, dass Carrie Chapman-Catt sie besuchen kam. 1922 hatte Adele Schreiber ihren Auftritt in Berlin organisiert und es war ihr sogar gelungen, dass Carrie Chapman-Catt vor dem Reichstag sprechen konnte.174 Nun bedankte sich Carrie Chapman-Catt: "Am 24.Dezember nachmittags besuchte mich auch Mrs. Chapman-Catt, die in Deutschland wohlbekannte, langjährige Führerin der internationalen Stimmrechtsbewegung, auch sie brachte einen verlockend schönen Weihnachtskorb." 175 Carrie Chapman Catt übernahm auch den Vorsitz ihres ersten Vortrages am 9.1.1924 in New York. Eine Unbekannte war Adele Schreiber in Amerika nicht: "Frau Adele Schreiber ... ist Tausenden und Abertausenden hier dem Namen nach bekannt und mit Freude werden gar Viele es begrüßen, dass sie diese berühmte Frau nun auch persönlich kennen zu lernen Gelegenheit haben."176 Sie wohnte im Womens´s University Club, also mitten im Geschehen, mitten unter Amerikanerinnen.
Nachdem sie angekommen war, plante Adele Schreiber ihre Arbeit. Sie musste sich ihre Zeit sinnvoll einteilen, um allen Verpflichtungen nachkommen zu können.177 Sie war außerordentlich froh über ihre neue Aufgabe und guten Mutes. Sie wusste, dass Deutschland ihrer Dienste bedurfte.
|
| [Seite 339↓] |
Sieben Jahre später, 1931, schrieb sie dazu selbst: "Deutsche Sozialdemokratinnen haben nach dem Kriege der dringend notwendigen politischen Aufklärung im Ausland gedient, durch Vorträge über die deutsche Republik, ihren Kampf um die Demokratie wie über die deutsche Arbeiterbewegung. Adele Schreiber und Tony Sender waren in den Vereinigten Staaten wie in Frankreich vielfach in diesem Sinne tätig." 178
Auf ihrer Vortragsreise sprach sie nicht nur über die Not der Kinder und die Frauenbewegung, sondern vor allem über Themen aus dem aktuell-politischen Bereich.179 Souverän wusste sie ihre Anschauungen zu vertreten und konnte durch ihr breitgefächertes Wissen überzeugen. Mit ihren politischen Ansichten hielt sie als überzeugte Sozialdemokratin nicht hinter dem Berg. Sie erläuterte ihre Position in einer Debatte, in der sie die Idee des Sozialismus verteidigte: "Wir hassen nicht den Kapitalisten als Menschen, wir hassen das System, daß zuläßt, daß wir ausgebeutet werden. Wir widersetzen uns den kapitalistischen Institutionen und nicht den Individuen der kapitalistischen Klasse. ... Bessere Zusammenarbeit und Gleichheit ist in Deutschland und allen anderen Ländern nicht ohne die Abschaffung der Klassenunterschiede möglich, die das Resultat von Privateigentum im Kapitalismus sind." 180 Deutliche Worte, die ob ihrer Schonungslosigkeit Interesse erweckten, aber auch, weil sie von einer Frau geäußert wurden. Ihre Fachkenntnis sprach sich schnell herum, und sie weckte überall reges Interesse. Dazu trug bei, dass es Adele Schreiber leicht fiel, auf andere zuzugehen. Ihr war es gegeben, Menschen mitreißen zu können. Sie war spontan, umgänglich und charmant und wusste ihre Gastgeber zu begeistern. Wenn man ihr zuhörte, spürte man ihren ernsthaften Wunsch, ihre Zuhörer von der Wandlung in Deutschland zu überzeugen. Trotz der großen Entfernung vom Kriegsschauplatz hatte der Erste Weltkrieg auf die Psyche weiter amerikanischer Kreise eine verheerende Wirkung ausgeübt. Ein wüster Chauvinismus machte sich breit. Internationale Bestrebungen wurden vielfach boykottiert und alle die für sie eintraten, stempelte man zu Vaterlandsverrätern.
|
| [Seite 340↓] |
Ihre vielseitige Begabung erlaubte es ihr, nicht nur ihr Thema zu verfolgen, sondern in sehr offener und überraschender Weise auf die Reaktionen ihrer Zuhörer einzugehen. Ihre Kontaktfreudigkeit half ihr außerordentlich, bestehende Vorurteile aufzugreifen, um sie mit ihren eigenen Argumenten zu entkräften. Die ihr eigene Aufrichtigkeit verband sie dabei mit taktischem Geschick. Trotz allem war ihr bewusst, dass langbestehende Vorbehalte nicht mit einem Vortrag oder Gespräch ausgeräumt werden können.181 Sie bemühte sich, die Amerikaner nicht zu brüskieren, ohne jedoch ihre persönlichen Ansichten zu verleugnen. Einfach war dieses Vorhaben nicht. "Sie müssen immer bedenken, dass ich z.T. in ganz vergifteten Kreisen spreche, vor Leuten, die zum ersten Mal jemanden aus Deutschland und über Deutschland reden lassen. Dass ich es mir nicht leicht mache weil ich auch immer die unpopulärsten Dinge berühre wie die Schuldfrage, die Ruhrbesetzung usw. Es wäre natürlich verhältnismässig leicht, einfach den Standpunkt mancher Wohlmeinenden einzunehmen: `Kinder sind auf alle Fälle unschuldig´ oder nur von Dingen sprechen, die Sympathien erwecken müssen. Ich will aber mehr, ich will nicht nur Almosen auslösen, ich will die Leute zwingen zu denken und bei einem Teil gelingt es, bei dem andern habe ich fast ausnahmslos wenigstens Achtung vor meinen ehrlichen Ueberzeugungen gefunden. Nicht nur ins Gesicht, auch hinterm Rücken `she is sincere!´. All dies kann man nur auf individueller Basis, frei vom Verdacht für irgend eine Regierung oder Gruppe `Propaganda´ zu machen - selbst dann ist das Misstrauen, `she is a propagandist´ nicht bei Allen zu beseitigen. Aber das tut nichts." 182
Adele Schreiber war ständig unter Druck. Sie musste stets bereit sein, auf Fragen zu antworten und zur politischen Lage Stellung zu nehmen. Sie war sehr geschickt, auch bei der Beantwortung heikler Fragen, wie das nachfolgende Beispiel zeigt: "Es war gelegentlich einer ihrer Ansprachen in der Bundeshauptstadt, als einer der Zuhörer Frau Schreiber befragen wollte ... wie viel deutsches Eigentum sich ins Ausland geflüchtet habe. Aber Frau Schreiber ist durch ihre [Seite 341↓]Tätigkeit im deutschen Parlament gewöhnt, Fallen zu vermeiden. Und eine Falle wollte man ihr unzweifelhaft stellen. Sie wich der Falle nicht aus, aber sie beantwortete sie in ihrer eigenen Weise und mit einer Schlagfertigkeit, die umsomehr verblüffen musste, weil die Antwort der Frau Schreiber sich streng innerhalb der Grenzen des Anstandes den Gastgebern gegenüber hielt und außerdem einen Gegenstand berührte, der sich als wunder Punkt an unserem Volkskörper entpuppt hat: `Ich kann nur sagen, daß wir ein Gesetz erlassen haben, das die `Auswanderung´ des Kapitals verbietet. Wir versuchten, dieses Gesetz durchzuführen. Ich kann die Frage vielleicht am besten auf Yankee-Art beantworten, indem ich eine Gegenfrage stelle. Sie haben ein Gesetz erlassen, das die Einfuhr von geistigen Getränken verbietet. Wenn Sie mir sagen, wie viel Whiskey in Ihr Land seit Erlaß des Volstead-Gesetzes eingeführt worden ist, dann werde ich Ihnen sagen, wie viel deutsches Eigentum sich ins Ausland geflüchtet hat, seitdem wir das diesbezügliche Verbot erlassen haben.´"183
Sie spricht voller Leidenschaft und ist einerseits beflügelt von dem Zuspruch, den sie erhält, andererseits doch aber auch sehr vorsichtig. Sie versucht zwischen wirklich gelungener Überzeugungsarbeit und einfacher Freundlichkeit ihr gegenüber zu unterschieden. Überheblich ist sie nicht. Nie vergisst sie, dass die Zuhörer, die ihr applaudieren, damit oftmals auch sie als Persönlichkeit anerkennen und ihren Einsatz honorieren, den sie, in einer nicht ausgesprochen deutschfreundlichen Atmosphäre mutig zu leisten bereit ist. Sie solidarisieren sich nicht deshalb mit ihr, weil sie ihre Ansichten teilen oder sie von ihr überzeugt worden sind, sondern weil sie als Frau und Parlamentarierin bereit ist, für ihre Überzeugungen einzustehen. Adele Schreiber nutzte fest entschlossen jede sich bietende Gelegenheit, ohne sich dabei irgendwelchen Illusionen hinzugeben. Die Situation erfordert ihrer Meinung nach diesen unbedingten Einsatz, und sie wird sich nicht schonen. Die Chance die ihr mit dieser Amerikareise gegeben ist, will sie nicht nur für sich und ihre Stellung auch in der deutschen Politik nutzen, sondern im besonderen Maße für Deutschland, das Land, in dem sie arbeitet und das ihr nach der Ausrufung der Republik näher ist als je zuvor.184 Ihr Elan bringt weiteren Erfolg. Ihr Publikum ist angetan von ihr. Immer neue Aufforderungen zu Vorträgen erreichen sie.
|
| [Seite 342↓] |
Sie reiste kreuz und quer durch Amerika, sprach für die unterschiedlichsten Vereinigungen und Clubs.185 "Vor University Clubs und College Clubs, vor Opernforums, Free Churches and Free Synagogues, vor Young Men Christian Associations and Young Women Christians Associations, für City Clubs und Womens Clubs verschiedenster Art, vor Gewerkschaften und sozial demokratischen Vereinen, vor Methodisten, Unitariern und Lutheranern, vor allgemeinen Universitäten und besonders Girl´s Colleges habe ich nun schon gesprochen und das beste war noch immer die Menschen die ich kennen lernte. In Washington, wo ich Dank meiner Zugehörigkeit zum Reichstag, im Senat eingeführt wurde, waren bei dem Lunch der Popular Government League für die ich sprach, zahlreiche Senatoren und Kongreßabgeordnete anwesend. Anläßlich eines zweiten Aufenthaltes in Washington habe ich viele Senatoren besucht, mit ihnen über deutsche Verhältnisse gesprochen, so neben Lafollette, den ich schon kannte, und Owen 186 , der Vorsitzender meines Meetings war, auch Borah 187 , Shipstead 188 (den Vertreter der Farmer Labour Party), King 189 , Hess ... Bei einem Tee, den Mrs. Lafollette mir gab, drückte ich wenigstens 300 Leuten die Hand ... man verlange aber nicht, daß ich irgend jemanden wiedererkenne." 190 Sie traf unendlich viele Leute191, trat für ihre Sache ein und speicherte die [Seite 343↓]Eindrücke, die auf sie einstürmten.192 An jedem neuen Ort nahmen sie Gesinnungsgenossinnen oder alte Freundinnen in Empfang. Man zeigte ihr, wenn Zeit dazu blieb, einiges Sehenswürdige der Stadt. Angehörige der eigenen Nation meldeten sich, wünschten Nachrichten aus der Heimat, es wurden Zusammenkünfte veranstaltet, wo Gäste weitere Gelegenheit hatten, unter ihren alten Landsleuten für ihre Weltanschauung Propaganda zu machen.
|
| [Seite 344↓] |
Adele Schreiber war schon seit ihren anfänglichen Erfolgen als Rednerin in Berlin davon überzeugt, dass sie befähigt war, den Menschen neue Ideen nahezubringen. Sie betonte ganz bewusst, dass sie von sich und anderen keineswegs steife und konventionelle Vorträge schätzte, sondern dass sie es für wichtig und richtig hielt, das Gefühl der Zuhörer anzusprechen. Sie hatte sich vorgenommen, die Amerikaner für sich zu gewinnen und das gelang ihr auch häufig, jedoch nicht immer. Sie reiste durchs Land und fand überall schnell Kontakt. Sie sprach die Sprache ohne Probleme und erfreute ihre Zuhörer mit ihrer Spontanität und Herzlichkeit.
Sie erkannte aber auch, dass Deutschland und Amerika unterschiedlicher kaum sein könnten. "Laßt europäische Begriffe und Maßstäbe daheim, sie passen in keiner Weise! Alles ist anders, überhaupt kaum vergleichbar. Nur 6 bis 10 Tagesreisen entfernt - dennoch auch heute noch, die Neue Welt, die junge Nation, die vor unseren Augen wird, ihre Prägung noch lange nicht abgeschlossen hat." 193
Neben aller Spontanität war Adele Schreiber immer eine nicht weniger gute Taktikerin, die sich sehr genau bereits im Vorhinein ihr Auftreten und ihr Vorgehen überlegt hatte, um höchstmögliche Erfolge zu erzielen. Das gelang ihr auch in Amerika, auch wenn dort vieles anders war. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten stand ihr deutlich vor Augen. Schon der Lebensrhythmus war ein völlig anderer. Sie war rund um die Uhr beschäftigt und die Arbeitsbelastung war erdrückend. Sie musste schreiben, Reden halten, Interviews geben, Leute treffen, Kontakte knüpfen, nachdenken, Entscheidungen treffen. Sie hatte nicht einmal Zeit, sich wirklich das Land anzusehen, was sie bedauerte, da sie doch auch von dem völlig anderen Lebensstil angetan war. "Meine Erlebnisse und Eindrücke sind die allervielseitigsten. Zu kurz kommt freilich das wirkliche Kennenlernen der Städte in denen ich mich aufhalte, Museen, Bibliotheken, Wohlfahrtseinrichtungen können nur ganz ausnahmsweise einmal im Fluge beschaut werden. Fünf Wochen New York haben es mir nicht einmal ermöglicht nach Wall Street zu kommen!" 194
Ihr Leben lang hatte sie Reden gehalten, Artikel geschrieben und versucht, Menschen von ihren Ideen zu überzeugen. Sie hatte es zu ihrer persönlichen Aufgabe gemacht, aufzurütteln und Menschen zu mobilisieren. Sie war ständig eingespannt, versuchte, ihre Zeit effektiv zu gestalten und setzte nicht nur geistig sondern auch physisch Energien frei, die sie selbst begeisterten. Ihr amerikanischer Alltag gestaltete sich sehr aufreibend. Ihr Ziel war es, die Ernsthaftigkeit des deutschen Wandels zu verdeutlichen, das geht bis zur persönlichen Erschöpfung, denn sie war [Seite 345↓]bereit, alle Kräfte für diese Aufgabe einzusetzen, die sie sich selbst gewählt hatte. Sie war 52 Jahre alt und fühlte eine unbändige Kraft in sich, denn sie sah, wie sie es schaffte, die Amerikaner für sich einzunehmen. Sie handelte umsichtig, immer darauf bedacht, leicht verständlich zu reden. Sie wollte aber nicht nur ihre Ansichten vertreten, sondern sie verband ihr Engagement mit der Absicht, auch für ihre eigene Karriere zu arbeiten. Ihre Erfolge in Amerika, dessen war sie sich gewiss, brachten ihr auch Anerkennung in der eigenen Partei und stärkten dort ihre Position. Sie erlaubte sich nicht, sich auszuruhen, denn alle waren angetan von dieser bemerkenswerten Parlamentarierin aus Deutschland. Das galt es zu nutzen. "4 Monate - eine winzige Zeitspanne, um sich eine Vorstellung von einem Kontinent gleich den Vereinigten Staaten Nordamerikas zu bilden! 4 Monate - ausgefüllt mit dem Abhalten von Vorträgen, Besprechungen mit Politikern, Pressevertretern, maßgebenden Frauen und Männern verschiedenster Kreise, Nützung jeder Gelegenheit, um Verständnis für Deutschlands schwere wirtschaftliche und politische Lage zu erwecken. Eine Fülle von Dingen stürzt auf einen ein - man kann nur aufnehmen, muß es sich versagen, zu ergründen." 195
Neben allen Vorträgen und Empfängen gab Adele Schreiber zahlreiche Interviews, über deren allgemeinen Ablauf sie einen anschaulichen Bericht verfasst hat: "Zahlreich wie Sand am Meer, unvermeidlich, unausweichlich für jeden Europäer, der mit einer Etikette versehen, die Informationen vermuten läßt, hinüberkommt, sind die Interviewer. Sie fragen andauernd, stundenlang, Mögliches, Unmögliches und schreiben in anerkennungswertem Eifer Seiten voll Notizen. Ihr Opfer, der Neuling, selbst verwundert, eine so bedeutsame Persönlichkeit zu sein, erwartet mit Spannung den Bericht, im Bewußtsein, nach bestem Wissen und Gewissen alle Weisheit von sich gegeben zu haben. Die Enttäuschung bleibt nicht aus. Tat auch der Interviewer sein möglichstes, unerbittliche Pressechefs, von denen der Interviewer abhängt, verstümmelten seinen Bericht auf drei bis vier Zeilen, darunter eine für die fettgedruckte Überschrift. Sie lautet etwa: `Deutsche Frauen tragen seit dem Krieg schäbige Kleider´, oder `Deutsche Reichstagsabgeordnete kommen mit gepumptem Gelde nach Amerika´. (Ich hatte unvorsichtigerweise geäußert, daß für Deutsche in der damaligen Inflationszeit eine Reise nach Amerika [Seite 346↓] nur durch Gründung eines Familienkonsortiums zur Finanzierung der Reise möglich sei.) Man gewöhnt sich allmählich an das Wesen der amerikanischen Presse. Nicht das Sachliche interessiert, nur das Persönliche, gleichviel ob wahr oder unwahr. Beispiele: Ich spreche mit dem Redakteur eines großen Blattes. Er scheint sichtlich interessiert an den Fortschritten unserer Frauen, ihrer Mitarbeit an der Gesetzgebung, ihrem Wirken in Reichstag und Landtag. `Sehr interessant,´ sagt er schließlich, `schreiben Sie doch darüber eine ganz persönliche, amüsante, kleine Geschichte!´ Ein anderer. Ich erzähle von der bitteren Not der Heimat, von Kälte, Hunger, Siechtum und Selbstmord. `Wir werden darüber etwas bringen,´ sagt der Chefredakteur einer angesehenen Zeitschrift, `aber Sie müssen eine hübsche, humoristische Plauderei daraus machen!´" 196 Deutlich wird nebenbei, dass sie wenig Geld zur Verfügung gehabt haben muss, umso weniger, als die Inflation in Deutschland die Ersparnisse aufgezehrt hatte.197 Sie scheint sich mit ihrem Mann beraten zu haben und hatte vielleicht auch von ihrer Schwester Geld geborgt, um die Reise finanzieren zu können. Fahren wollte sie unbedingt, denn Amerika war nicht nur hinsichtlich der finanziellen Hilfe interessant, die es für Deutschland zu leisten imstande war, sondern auch als Zukunftsvision eines modern organisierten Landes. Adele Schreiber beobachtete aufmerksam die amerikanischen Frauen, ihre Stellung in der Gesellschaft und auch ihr Verhalten im gesellschaftlichen Leben. Viel früher als in Deutschland wurden in Amerika den Frauen Rechte verliehen, wie die Gleichberechtigung im Schulwesen, Zulassung zu allen Schulen, Mitwirkung im Erziehungswesen sowie auch die Möglichkeit, dank ihrer Ausbildung, Zugang zu höheren Berufsstellungen zu erlangen. War die Amerikanerin auch zu dieser Zeit per Gesetz nicht besser gestellt als die deutsche Frau, so waren für Adele Schreiber Unterschiede doch augenfällig, denn für sie zeichnete die Amerikanerinnen eine "frohe Selbstsicherheit" 198 aus. "Diese Sicherheit wird getragen vom Bewußtsein einer bevorzugten Stellung zum Manne, vom Durchdrungensein menschlicher Gleichberechtigung, ein Gefühl, das die Amerikaner, so kraß auch Kapitalismus und Korruptionismus sich drüben entwickelt haben, als Bürger [Seite 347↓] und Bürgerinnen einer ursprünglichen demokratischen Republik von Generation auf Generation vererben." 199
In einigen Bundesstaaten Amerikas war es den Frauen, verglichen mit Deutschland, schon wesentlich früher gelungen, ihre eigenen Interessen in Gesetzen zu verankern.200 Ausgehend von dem Engagement der amerikanischen Frauen gegen Sklaverei, gegen Prostitution und ihrer Tätigkeit im sozialen Bereich hatten sie sich auf amerikanische Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit und Moral berufen und waren so in den öffentlichen Raum vorgedrungen.201 Durch den Zugang der Frauen zu Bildung entstanden außerdem auch besondere Kontaktsysteme mit denen sich die Frauen gegenseitig unterstützten. Diese Netzwerke funktionierten in Amerika effektiv weil sich die Frauen als "Schwestern" verstanden, und, nicht so wie in Deutschland, politische Differenzen oder Klassenunterschiede trennende Wirkung zeitigten. Diese "sisterhood" war ein ausschließlich geschlechtsspezifisch definierter Zusammenhalt der Frauen, der die Frauen einte. Für Adele Schreiber war offensichtlich, dass sich eine bestehende Gleichberechtigung im gesamten Gestus der amerikanischen Frauen niedergeschlagen hatte.
Völlig unterschiedlich in Bezug auf die Organisation der deutschen Frauenbewegung waren die Strukturen bei den Amerikanerinnen entwickelt, hier bestimmten die Klubs das Bild, die es in vielfältigster Form und mit den unterschiedlichsten Ansprüchen gibt. "Die Frauenklubs in unübersehbarer Zahl, mit unaufzählbaren Zwecken und Zielen, sind einer der wichtigsten Kulturfaktoren im Leben der Vereinigten Staaten. Während bei uns meist die berufstätige Frau die Frauenbewegung geschaffen hat, man denke nur an die Rolle unserer Lehrerinnen, ist sie hier größtenteils entstanden aus den Kreisen der Berufslosen, die sich ihr mit einer bewunderungswürdigen Zähigkeit und Energie gewidmet haben. ... Sie hängen ihrerseits aufs engste zusammen mit den verschiedenen Kirchen und den Vereinigungen der hier so zahlreichen Sekten ... Die politischen Parteien, zwischen denen keine Gegensätze der Weltanschauung klaffen, bilden keine Trennungslinie. Man findet meist Angehörige beider Parteien in all den genannten Organisationen. Eine Ausnahme bilden nur die zum Parteizweck gebildeten [Seite 348↓] Vereinigungen." 202 Überhaupt sind drei Dinge für Adele Schreiber bezeichnend für das gesamte amerikanische Leben: "Kontrast, Konkurrenz und Klub" 203. Kontraste begegneten ihr allenthalben: "Amerika ist alles - alle Höhen und Tiefen, alle Entwicklungsstadien kann man hier finden." 204 Die ausgeprägte Konkurrenz und die damit verbundene Kraft beeindruckte sie, auch wenn sie ihr nicht unkritisch gegenüberstand: "Aufs Schärfste angespannt ist die Konkurrenz. Man unterschätzt in Deutschland mit welcher Intensität hier gearbeitet wird." 205
Erschüttert stand sie natürlich auch dem Lebensstandard in den USA gegenüber. Besonders nach dem Krieg wurde ihr in Amerika bewusst, welch erheblicher Unterschied zwischen deutschen und amerikanischen Lebensverhältnissen bestand. Nicht nur, dass im Vergleich zu Deutschland alle in Amerika lebenden Menschen reich zu nennen waren, auch die technischen Möglichkeiten waren für sie als Deutsche nurmehr Zukunftsmusik. Natürlich hatte Adele Schreiber auch vorrangig Kontakt zu Frauen der gutgestellten Mittelschicht und sah deren sehr viel komfortablere Lebensführung: "Der Haushalt ist vereinfacht. Alle technischen Behelfe stehen zur Verfügung, man hat nicht so viel unnützen Kram, man wäscht keine Wäsche, man zertrennt, wendet und flickt nicht, denn der Markt bietet zu verhältnismäßig geringen Preisen eine solche Fülle von Kaufgelegenheiten, daß es ein Unsinn wäre kostbare Zeit zu verschwenden. ... Selbst der Arbeiter und Angestellte beginnt den Tag mit Ananas, Grape Fruit oder Bananen ... Und diese Fülle hat Verschwendung im Gefolge. Wenn man aus Deutschland kommt greift es ans Herz zu sehen, was hier täglich in die Mülleimer wandert, was hier an Milch und Butter, an Weißbrot und sonstiger Nahrung einfach als Abfall behandelt wird, während bei uns noch das Wasser mit den Kochtöpfen, die Fett enthielten, gespült werden, und die kargen Restchen in den Milchbüchsen nutzbar gemacht werden!" 206 Ein wahnwitziger Luxus, der sie gleichermaßen erstaunte, überwältigte aber ebenso erdrückte, stürzte auf sie ein und konnte sie nur beklommen machen, wenn sie an Deutschland dachte. Mit dieser sichtlichen wirtschaftlichen Überlegenheit verfestigte sich das Bild der strahlenden Macht in Übersee, und der Mythos vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten wurde durch sinnliche Erfahrungen gestützt und bewahrheitet. In dieser vollkommenen Überwältigung durch den Vergleich mit der eigenen Lebenswirklichkeit in Deutschland erschien es ihr sogar glaubhaft, dass keine Wäsche mehr gewaschen wird. Mit der starken amerikanischen Wirtschafts- und [Seite 349↓]Finanzkraft, mit der ungeheuren Massenproduktion, dem Überangebot an Waren und dem Massenkonsum verknüpfte sich für Adele Schreiber ein wahrgewordenes Zukunftsbild einer Industriegesellschaft, die Wohlstand für die große Masse der Bevölkerung verhieß. Die Rationalität mit der die Gesellschaft durchorganisiert war, bedeutete Fortschritt und damit einergehend die Erschaffung eines neuen technisierten Lebensstils.
Adele Schreiber stand dagegen, neben aller Bewunderung für den technischen Fortschritt, dem politischen Leben in den USA mehr als skeptisch gegenüber. Einseitige Propaganda gegen Deutschland gehörte längst nicht der Vergangenheit an. Dass über Deutschlands neue Republik die wenigsten informiert waren, blieb ihr nicht verborgen. Der Agitation, das sah sie durchweg bestätigt je länger ihr Aufenthalt in Amerika dauerte, kam in dieser Zeit eine Schlüsselrolle zu. "Wie stark und andauernd aber die amerikanische Kriegspsychose war, von der man in Deutschland nur eine schwache Vorstellung hat, mag noch ein kleines Beispiel beleuchten. Obwohl Mrs. Catt sich stets allem fernhielt, was revolutionär schien, ihre Haltung während des Krieges durchaus national gewesen, wurde selbst diese in weiten Kreisen verehrte Führerin Zielscheibe von Schmäh- und Drohbriefen, von Zeitungsangriffen, als sie im Winter 1924 den Vorsitz über meinen ersten, selbstverständlich in englischer Sprache gehaltenen, öffentlichen Vortrag in New York übernahm." 207 Die Gestalt des neuen Deutschland zu vermitteln war, angesichts der großen Vorbehalte ihrem Land gegenüber, ihr dringendster Wunsch. "Das unbekannte Deutschland. Die gegenseitige Unkenntnis von Deutschland und Amerika ist seit dem Kriege erheblich gewachsen. Intensive und geschickte Propaganda der Gegner Deutschlands hat jahrelang die Fäden durchschnitten, Mißtrauen und Zwietracht gesät, von deutscher Seite sind als Gegenaktion unter dem Namen `Propaganda´ schwere Mißgriffe gemacht worden. Dies bloße Wort schon ist drüben im Verruf. Nichts schlimmeres kann einem passieren, als wenn von einem gesagt wird, man sei eine deutsche Propagandistin. Die deutsche Republik ist drüben unbekannt, unverstanden ..." 208
Ihre Aufrichtigkeit leidet nicht unter der Rücksichtnahme, die sie der amerikanischen Mentalität entgegenbringt. Sie weiß zwar ihre Themen immer in sehr taktvoller Weise zu vertreten, eine Gabe, die ihr aus ihrem unorthodoxen Engagement für die uneheliche Mutterschaft ins Blut übergegangen scheint, vertritt aber zugleich konsequent ihre Meinung. Den sie umgebenden [Seite 350↓]politischen Gegebenheiten stand sie überaus kritisch gegenüber. "Es ist unbeschreiblich, was hier an französischer Propaganda immer noch vor sich geht und die amerikanische Presse ist das schlimmste Hindernis für die geistige Entwicklung dieses Volkes, für eine reinliche, saubere Politik. Wäre ich je im Zweifel gewesen über den unheilvollen Einfluss concentrierten Grosskapitals - hier hätte ich jeden Zweifel verloren. Wieweit besteht überhaupt eine Demokratie? Was nützt Ausland und guter Wille des Einzelnen unter dem Druck dieser Presse, die Verdummung durch die Presse? Und schon kommt das Radio hinzu: Neuer Giftkanal durchs ganze Land." 209 Nie zuvor war Adele Schreiber die Macht des Großkapitals bei der politischen Meinungsbildung so bewusst geworden, die Möglichkeiten zur Meinungsmanipulation die in den Händen derer lag, denen Radiostationen und Zeitungen gehörten. Es ist auffällig, dass Adele Schreibers Ansichten von freier Meinungsbildung und Menschenwürde eindeutig der europäischen Tradition verhaftet bleiben. Es finden sich bei ihr zwar negative wie positive Eindrücke der amerikanischen Gesellschaft nebeneinander, doch gerade die ihr vor Auge stehende Zukunft in Amerika hinsichtlich der Meinungsbildung symbolisierte für sie keinen Fortschritt. Statt freier Meinungsbildung sah sie Massensuggestion, die sie ablehnte.
Dass das politische System in den USA sich grundlegend vom deutschen unterschied, war an den Reaktionen ihrer Zuhörer zu erkennen, wenn Adele Schreiber über die politischen Strukturen in Deutschland sprach. "Aus persönlichen Erfahrungen einer mehrmonatlichen Vortragsreise weiß ich, wieviel Heiterkeit, ungläubiges Staunen jedesmal die Erklärung unserer politischen Gruppierungen weckte. Die für uns unvermeidliche Koalitions-Regierung wurde selten erfaßt, gar nicht verstanden der geringe politische Einfluß des Reichspräsidenten, der als sozialdemokratischer Präsident einer Republik in der Lage sein kann, eine rechtsstehende bürgerliche Regierung mit monarchistischen Idealen bestätigen zu müssen. ... Die Vereinigten Staaten sind, wie in allen Lebensäußerungen, auch auf politischem Gebiet das Land ungeheurer Gegensätze." 210
Besonders der Korruption musste ihrer Meinung nach ein Riegel vorgeschoben werden. "Neben weitgehenden demokratischen Idealen im Volksbewußtsein, neben Achtung für Tüchtigkeit der Leistung und Einrichtungen, die schon vom Erziehungswesen aus freie Aufstiegsmöglichkeiten schaffen - so viel Korruption und Unfreiheit!" 211
|
| [Seite 351↓] |
Große Hoffnungen hatte sie in dieser Hinsicht auf den Senator La Follette212 gesetzt, der im Sommer 1924 für die Präsidentschaft kandidierte.213 Eine politisch einheitliche Arbeiterpartei hatte geschaffen werden sollen, die neben allen Sozialisten auch andere radikalen Strömungen miteinander verbinden sollte. Die Gründung einer amerikanischen Arbeiterpartei erschien auch Adele Schreiber als unabdingbar. "Einigkeit besteht nur hinsichtlich der Notwendigkeit, die Politik des Landes zu reformieren ... Hier die berechtigten Forderungen der körperlich und geistig Arbeitenden durchzusetzen, ist erste Aufgabe einer amerikanischen Arbeiterpartei. Zugleich würde ihr erfolgreicher Ausbau den Weg zu friedlichem Ausbau Ausgleich eröffnen. Der Zündstoff, den die Verhältnisse drüben schaffen, muß sonst früher oder später zu gewaltsamen Erschütterungen führen." 214
Kennengelernt hatte sie das Ehepaar La Folette schon im Sommer 1923, als diese auf der Rückreise von Russland Station in Berlin machten. Diese Bekanntschaft vertiefte sich bei ihrem Aufenthalt in Amerika. Nun waren es die La Follettes, die ihr Türen öffneten und sie mit interessanten Leuten bekannt machten. "Eingeführt durch La Follette, dem ich ebenso wie seiner tapferen und klugen Gattin wärmsten Dank schulde für die wahrhaft freundschaftliche Unterstützung meiner Arbeit, und in derem Hause ich viele politisch bedeutsame Persönlichkeiten kennen lernte, hatte ich als Mitglied des Deutschen Reichstages Zutritt zum Plenarsaal des Senats. Im wunderschönen Kapitol zu Washington konnte ich an mancher Sitzung, die übrigens echt amerikanisch, mit einem Gebet eines eigenen Hausgeistlichen eingeleitet wurde, teilnehmen, auch an der ersten Trauerkundgebung für Wilson, dem nach seinem Tode außerordentliche Ehrungen dargebracht wurden." 215 Tief betrauerte Adele Schreiber den Tod La Follettes im darauffolgenden Sommer.216
|
| [Seite 352↓] |
Adele Schreiber lernte in Amerika jeden Tag neue Menschen kennen, alle behandelten sie mit großer Freundlichkeit, und doch wies sie immer wieder darauf hin, dass sie ihre Überzeugungskraft nicht überschätzte. "Der Amerikaner ist im gesellschaftlichen Verkehr ungemein höflich, wer nicht sehr scharfe Selbstkritik übt, wird in Gefahr sein viele Äußerungen, die nur auf den Wunsch besonders höflich zu sein, zurückzuführen sind, als tatsächliche Erfolge aufzufassen. Vorsicht! Vorsicht! ... Mit etwas richtigem Instinkt wird man sehr bald herausfühlen, wo man wirklich Menschen überzeugt und erwerbt hat. ... Erst aus der Nachwirkung von Vorträgen, aus Briefen die man bekommt, aus Besuchen und Anfragen, besonders aber aus neuen Aufforderungen zu sprechen, kann man entnehmen ob man sich und seiner Sache Sympathien erworben hat." 217
Ungezwungenheit, Humor, Sprache, Wissen - all das ist ihr gegeben. Sie nutzt diese Gaben und der Erfolg macht sie sicher. Mit fast kindlicher Begeisterung und Genugtuung rühmt sie sich damit, als Deutsche anerkannt zu werden und den richtigen Ton zu treffen, was Grundvoraussetzung aller Anerkennung ist: "Es gibt kaum etwas was hier nicht Erfolg haben und Anerkennung finden kann, wenn es in richtiger Form an den richtigen Kreis von Menschen herangebracht wird - allerdings gehört dazu die psychologische Einstellung, die leider so oft von deutscher Seite verfehlt worden ist." 218
Sie gönnte sich nur dann etwas Ruhe in diesen Monaten, wenn es unumgänglich wurde, sich in Deutschland zu melden, denn vor allen Dingen durfte sie auch ihren Arbeitgeber nicht verärgern, in dessen Sinne sie natürlich die ganze Zeit tätig war, indem sie in sehr zurückgenommener Weise um Hilfe für die deutschen Kinder warb. Sie schrieb an das Deutsche Rote Kreuz: "Sehr verehrter lieber Herr Draudt! Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie schlecht Sie von mir denken, wie [Seite 353↓] unwahrscheinlich es Ihnen dünkt, dass ich keine Zeit gefunden haben soll, Ihnen zu schreiben." 219 Sie musste, um allen Verpflichtungen gerecht werden zu können, unermüdlich präsent sein. Sie schrieb weiter: "Und doch arbeite ich mit voller amerikanischer Intensität. Das will etwas heissen. Man ist wie in ein ungeheures Schwungrad eingespannt, muss mit dem Tempo mit oder geht unter, d.h. in meinem Fall - verliert den Anschluss. Ich muss mit zu den zahllosen Dinners, Lunches, Teas, At Homes, muss die Interviewer stundenlang empfangen, die dann wenn man ihnen die compliciertesten, politischen Zusammenhänge, die ganze Not unseres Landes geschildert einen Bericht von 10 Zeilen bringen mit der Ueberschrift: `Germans women wear shoddy dresses - says Frau Schreiber´ oder `Have an appartement and jou will find a husband´ says Frau Schreiber usw. Ich muss von früh bis spät nett sein, unermüdlich dieselben Fragen beantworten, da ja immer andere Leute fragen, über Stinnes 220 , den Währungsverfall, die Rentenmark, die Kapitalflucht, die Reichen in und außerhalb Deutschlands, den Kronprinzen, unsere `ungeheuren neuen Rüstungen´ und ich bin sogar für all diese Wissbegier dankbar. Aber ich bin fast nie allein, habe kaum Zeit mir einmal das Nötigste zu besorgen, die Haare waschen zu lassen - geschweige denn auf eigene Faust etwas zu sehen, was mich interessiert. Jeder Tag bringt eine Fülle amerikanischer Post, die unbedingt erledigt werden muss, Anfragen wegen Vorträge[n], Einladungen - Dinge, die nicht aufgeschoben werden können und ich bin abends gewöhnlich so erledigt, dass es mir das schwerste Opfer ist, auch nur diese laufenden Sachen zu schreiben." 221 Sie schrieb Artikel für verschiedene Zeitungen, denn sie brauchte das Honorar und musste auch in Deutschland präsent bleiben. Zudem musste sie weitere neue Treffen organisieren und sich ergebende Kontakte umgehend nutzen.222
Besonders für ihre Arbeit an Kindern warb sie unermüdlich: "Ich habe es bei meinen Vorträgen stets vermieden zu betteln oder zu sammeln. Aber ich habe mir schon einen Weg ausgedacht, wie ich die [Seite 354↓] Hunderte von hier angeknüpften Beziehungen unserer Arbeit dauernd fruchtbar machen will, vor allem unserer Kinderfürsorge. Ich sehe aus Dr. Weilands Berichten, dass die Abteilung unter ihrer Leitung gedeiht, dass sie mit viel Selbstständigkeit und Freudigkeit mannigfache Aufgaben gut gelöst hat, wie ich es nicht anders erwartete. Ich möchte mich darum nach der Rückkehr vor allem intensiv der Bearbeitung meiner amerikanischen Beziehungen widmen, etwas zwischen Hüben und Drüben aufbauen, was wir dringend brauchen und das auf den jetzt gewonnenen Grundlagen möglich sein wird. ... Ich hoffe damit dem Roten Kreuz ein volles Äquivalent für den mir so freundlich gewährten langen Urlaub zu bieten." 223
Adele Schreiber sah optimistisch in die Zukunft. Amerika applaudierte ihr.
Wichtig waren die persönlichen Kontakte und sie nutzte die wenige Zeit, um ihre alten Kontakte aufzufrischen. Große Frauen traf sie, die sie seit langem kannte, deren Wirkungskreis sie nun auch in deren Heimat kennenlernen konnte. Neben Carrie Chapman Catt, von der bereits die Rede war, spricht Adele Schreiber mit besonderer Hochachtung auch von Jane Addams: "Wenn ich an amerikanische Frauen denke, steht mir stets im Vordergrund diese seltene Frau, der ich wertvollste Stunden während meines Aufenthalts in den Vereinigten Staaten danke, unter deren Vorsitz ich mehrfach sprechen durfte. Ich sehe das gütige Antlitz, durchzogen von den Spuren, die Leid und Kampf unverwischbar hinterließen." 224 Sie besucht sie in dem von ihr gegründeten Settlement Hull-House in Chicago, wo sie auch auf Julia Lathrop225 und Jeanette Rankin226 trifft. "Unvergeßliche Stunden knüpfen sich für mich an Hull-House und seine Mitarbeiter." 227
Unerwartet trifft sie ferner Agnes Sorma228 wieder. Bei einem Vortrag in Chicago über "Das neue Deutschland und seine Ideale" sitzt sie in der ersten Reihe. "Weiße Haare, dunkle, [Seite 355↓] lebenssprühende Augen, unzerstörbarer Zauber, gleichviel welchem Alter dies Antlitz abgehörte - und es schien mir so bekannt. ... Die schöne Frau kam nach Schluß des Vortrages auf mich zu: `Sie kennen mich nicht mehr? Gräfin Minotto oder vielmehr Agnes Sorma.´ Ja, das war auch ihre liebe, warme, weiche Stimme. Wie oft hatte die mich bestrickt, in Jugendjahren, wenn ich, eine Begeisterte unter Begeisterten, die große Künstlerin auf der Bühne geliebt und bewundert hatte! `Ich hatte mich gefreut´, sagte sie, `daß der Foreign Relations Council den Mut hatte, ein solches Thema und eine Deutsche als Rednerin zuzulassen, das will heute noch etwas besagen, denn der Kriegshaß in den Vereinigten Staaten ist noch lange nicht überwunden.´ Ich konnte ihre Wahrnehmung bestätigen; die Greuelpropaganda hatte sich fest eingekrampft in die öffentliche Meinung, viel fester als in England. Vorurteil war damals, vor Erstattung des Dawes-Gutachtens, groß, Europa so weit, Unkenntnis, der fruchtbarste Boden für Haß, verbreitet. `Sie glauben gar nicht´, meinte die Sorma weiter, `wie ich alles, was Sie erzählten, mitempfunden habe: die bitteren Jahre Deutschlands, seine Not, seinen Kampf gegen den Zusammenbruch auch des geistigen und kulturellen Lebens.´ Ich weiß aus unserem Gespräch, daß sie auch nach ihrem Wegzug innerlich der Heimat verbunden blieb, daß sie gebangt und gelitten hat. An Berlin, der Stadt ihres Wirkens, ihrer künstlerischen Siege, hing sie ..., sie fragte mich viel, alles interessierte sie." 229
Ein ganz besonders Erlebnis blieb Adele Schreiber im Zusammenhang mit Jeanette Rankin im Gedächtnis. "Jeanette Rankin danke ich die Erinnerung an einen im `schwarzen Gürtel´ für eine Vereinigung farbiger Frauen aller Schattierungen gehaltenen Vortrag." 230 Antisemitismus, so nahm es Adele Schreiber wahr, wurde in Amerika mit Rassenhass auf die Farbigen kompensiert. Sie, der die antisemitischen Kräfte in Deutschland aufs Äußerste zuwider waren, war von den Amerikanern auf diese Vorfälle in Deutschland angesprochen worden. "Eine besonders scharfe Verurteilung wird aus amerikanischen Kreisen dem Antisemitismus Deutschlands zuteil ... Der Mord an Rathenau hat hier einen unvergeßlichen Eindruck gemacht, nicht minder die Judenverfolgung in Bayern. Nicht selten hört man die Ansicht, daß wenn der Antisemitismus in Deutschland geduldet wird, die vermögenden Juden in Amerika nichts mehr für das deutsche Volk tun wollen. Auch hier ist es am Platz aufzuklären, die Wurzeln des Antisemitismus aufzudecken und auf die weiten Kreise hinzuweisen, die bei uns versuchen, eine deutsche Einigkeit über Partei, Klasse und Konfession hinweg festzuhalten und auszubauen." 231 Sie versuchte, die Vorgänge, die sie selbst verurteilte, zu erklären, um durch diese Vorkommnisse den von ihr propagierten Wandel in Deutschland nicht in Frage stellen zu [Seite 356↓]lassen. Gleichzeitig war nicht zu übersehen, dass Rassenhass in spezifischer Weise auch in Amerika existierte. "Das Überraschendste aber für den Europäer - die Negerstadt, der `schwarze Gürtel´." 232 Zwar wurden den Farbigen gleiche Staatsbürgerrechte zuerkannt, doch dies blieb nur ein guter Vorsatz. Tatsächliche Gleichberechtigung kam nie zustande. So gab es zwar wenig Antisemitismus, doch das "Problem der farbigen Bevölkerung ist das Problem der Vereinigten Staaten, zugleich das Problem der gesamten Arbeiterorganisation, deren gewerkschaftlicher Ausbau ohne Hebung und Eingliederung der farbigen Bevölkerung nicht vollendet werden kann." 233 Sie fragte sich, ob es vielleicht immer so ist, dass die Menschen jemanden brauchen, dem sie die Schuld an allem geben können, mit dem sie unzufrieden sind. "Der Antisemitismus in Amerika äußert sich in milden Formen, dank ausgeprägter Toleranz, wohl auch zufolge großer Bedeutung des Judentums an Zahl, Reichtum und Leistung. Aber der Rassenhaß hat drüben vollste Betätigungsmöglichkeit und Ablenkung durch die Farbigen! ... Farbig bleibt farbig." 234 Das ist keine Entschuldigung für den wiedererstarkenden Antisemitismus in Deutschland, sondern nur die Feststellung, dass auch Amerika nicht frei von Rassenhass ist, den sie selbst in jeglicher Form nicht zu dulden bereit war. Nach ihrem Vortrag vor einem Verein farbiger Frauen, den sie in einer "frohen, hellen Erinnerung" 235 behält, bemerkt sie: "Gesteigerte Intelligenz ... lassen in zahllosen Fällen dies Ausgestoßensein als schwere Tragödie empfinden." 236
Diese Hinwendung Adele Schreibers zu den Benachteiligten einer Gesellschaft hat sicher seine Wurzeln immer auch in ihrem eigenen jüdischen Ursprung. Unabhängig davon, dass sie diese Religion nicht als die ihre annahm, war sie sich doch sehr bewusst, wie es ist, ausgeschlossen zu sein aus der Gesellschaft bzw. die Unmöglichkeit kennt, Andersartigkeit nicht ablegen zu können. Ihr schien das gelungen zu sein, dennoch vergaß sie nicht die Problematik aller, die aus verschiedensten Gründen von der Gesellschaft nicht angenommen wurden.
Der herzliche Empfang, den man ihr u.a. bei einem Abend in New York bereitet hatte, ließ sie vielerlei Strapazen vergessen. "Ein Festabend im New Yorker `Volkshaus´. ... Zu meiner Rechten der [Seite 357↓] auch bei uns wohlbekannte Dichter und Schriftsteller Upton Sinclair 237 , zu meiner Linken eine von mir hier eingeführte deutsche Landsmännin, Schwester eines weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannten Reformpädagogen. ... Heute strahlt ihr verhärmtes Gesicht, plötzlich sagt sie: `Das ist mein erster glücklicher Tag in all den Monaten, ist es hier nicht ganz wie daheim?´ Sie hatte recht. `Ganz wie daheim.´ - im Kreise von Gesinnungsgenossen, von Menschen gleichen Wollens, Hoffens, Strebens! `Ganz wie daheim´ - über Land, Sprache, Rasse hinweg! Auf der Rückfahrt an Bord eines herrlichen Ozeandampfers. Ein Wunder von Technik und Geschmack; Unterkunft, Bedienung, Verpflegung unübertrefflich ... Wir müssen bauen am größeren Vaterland, das Frieden auf Erden bedeutet, für die Menschen, die guten Willens sind. Scharf scheiden sich die Lager heute, das eine, die in unheilbaren Wahn verfallenen Träger des alten Geistes der Eigensucht, der Rache - ihre Lehre ist Haß, ihr Glauben Krieg, ihr Ziel Gewaltherrschaft! Das andere, das Lager derjenigen, die gelernt haben, aus Irrtum, Leid und Not friedliche Verständigung an Stelle von Mord und Kampf, Gemeinsamkeit der Arbeit an Stelle von Neid, ein menschenwertes Leben für alle an Stelle der Bereicherung einiger weniger zu erstreben. Ihre Religion nennt sich Sozialismus. Können wir als Frauen zweifeln, wo unser Platz ist?" 238
Mit der Amerikanerin Vida Sutton239 verband Adele Schreiber eine besonders herzliche Beziehung240 und so hoffte sie sehr, dass sie sich bald wiedertreffen würden: "Liebste Vida, ... Ich hoffe, dass Du mittels der Vorlagen erfolgreich im Abschließen von guten Verträgen bist, so dass ich Dich nicht später als August sehen werde." 241
Noch bei ihrer Ankunft in Deutschland weckte ihre Reise Interesse und sie war trotz Krankheit guter Dinge: "Liebe Freunde und Genossen, ... Ich habe, seit ich zurück bin, noch nicht sehr viele meiner Genossen gesprochen, da ich die ersten Wochen mit einer schlimmen Erkältung niederlag. Sobald der Reichstag wieder zu arbeiten beginnt, werde ich die meisten sehen und kann ihnen von all meinen [Seite 358↓] Erfahrungen berichten. Genossin Juchacz war gestern bei mir zum Essen. Sie bat mich Bertha Mailey zu grüßen, und interessierte sich sehr für alles was ich ihr über das Peoples House und die Rand School 242 erzählte." 243 Adele Schreiber war stolz auf das bewältigte Arbeitspensum und trotz aller Überarbeitung heiter.
Ihre Euphorie wird nicht lange anhalten. Wenig später wird sich für sie herausstellen, dass alle Arbeit hinsichtlich ihrer Parteiposition für den Augenblick gänzlich umsonst gewesen war. Ihre Hoffnung, in ihrer Partei verstärkt wahrgenommen zu werden, stellte sich als bloßes Wunschdenken heraus. Die mit der Vortragsreise zusammenhängende Abwesenheit aus Deutschland kam sie teuer zu stehen. Bei ihrer Rückehr war sie noch ergriffen von dem Gefühl, zur Völkerverständigung und so auch zum Frieden ein kleines Stück beigetragen zu haben. Noch dachte sie, dass diese Vortragstournee nur der Anfang ihrer Arbeit in der deutsch-amerikanischen Verständigung sei. Bei ihrer Rückkehr nach Deutschland wurde sie insgesamt von einer völlig anderen Situation unangenehm überrascht.
Hatte Adele Schreiber während ihres Amerikaaufenthaltes für ein neues, friedliches Deutschland geworben, musste sie bei ihrer Rückkehr feststellen, dass sich in der Heimat der Einfluss der rechten Kräfte spürbar verstärkt hatte.
Im April kehrte sie von einer viermonatigen Vortragstournee zurück und wurde vom Deutschen Roten Kreuz nicht mehr mit offenen Armen empfangen. Zwei Jahre später, als sich die Gelegenheit bot, nutzte Adele Schreiber die Chance zur Abrechnung. "Kurz nach der Revolution (Winter 1919/20) wurde ich gebeten, im Roten Kreuz eine Abteilung `Mutter und Kind´ zu gründen und selbstständig zu leiten. Im Vertrauen auf den ausdrücklich betonten, gänzlich überparteilichen und völkerversöhnenden Charakter der Organisation habe ich, trotz mancher Bedenken, der Aufforderung entsprochen." 244Nachdem in den ersten Jahren unter ihrer Leitung auch alles so funktionierte, wie sie es sich vorgestellt hatte, brachte ihre Amerikareise den Umschwung in der Beziehung [Seite 359↓]zum Deutschen Roten Kreuz. "Bei meiner Rückkehr im April 1924 war in Deutschland die bekannte politische Verschiebung nach rechts eingetreten, im Roten Kreuz kamen monarchistische und reaktionäre Gesinnung wieder deutlich an die Oberfläche. Es wurde mir eröffnet, dass die pazifistische Note meiner in Amerika gehaltenen Vorträge bei einflussreichen Mitgliedern des Roten Kreuzes Anstoß erregt habe, und dass man befürchte, diese pazifistische Einstellung könne, da ich in leitender Stellung sei, für die Meinung des Roten Kreuzes gehalten werden." 245 Ganz anders hatte das Rote Kreuz selbst zwei Jahre zuvor die eigene Position eingeschätzt.246 Militaristische Einstellungen waren zu diesem Zeitpunkt vom Präsidenten der Organisation Winterfeldt247 energisch zurückgewiesen worden: "Man habe dem Roten Kreuz erneut vorgeworfen, daß es ein militaristisch orientierter Verein sei, der seine wahren Ziele zu verschleiern suche und dem die charitative Tätigkeit nur als Mittel zum Zweck diene. Die Unwahrheit solcher Behauptungen brauche er in diesem Kreise nicht zu betonen."248
Adele Schreiber bot sich ein anderes Bild. "Natürlich hat man mir diese Dinge nie offen zugegeben; an Lob und Höflichkeit hat es nicht gefehlt, dennoch war es klar, dass die monarchistisch-feudale Kaste, die sich jahrelang auch im Roten Kreuz völlig zurückgehalten hatte, jetzt neuerdings in der Führung hervortrat und das Bestreben war unverkennbar, Mitarbeiter, besonders solche, die in einflussreicher [Seite 360↓] verantwortlicher Stellung hervorgetreten waren, sofern sie den demokratisch-fortschrittlichen Kreisen angehörten, beiseite zu schieben und los zu werden." 249
Adele Schreiber wurde mitgeteilt, dass ihre Abteilung aufgelöst werde und für ihre "`wertvolle Mitarbeit´ kein Wirkungsfeld im Roten Kreuz mehr bestehe" . 250 Sie war enttäuscht, nach ihrer Auslandsreise, wo sie ja nicht nur als Parlamentarierin für das neue Deutschland eintrat, sondern in ihrer Eigenschaft als Leiterin der Abteilung "Mutter und Kind" beim Roten Kreuz auch für diese Organisation stand und versuchte, Gelder für die Arbeit zu sammeln, in solcher Art und Weise zurückgewiesen zu werden. Ihr Protest blieb wirkungslos, "ich mußte, was ich in Jahren der Arbeit aufgebaut hatte, anderen überlassen." 251 Adele Schreiber war deprimiert, mehr noch als ihre Mitstreiterinnnen. Wozu hatte sie das alles in unermüdlicher Arbeit aufgebaut? Wozu hatte sie ihr Leben der Fürsorge für Mutter und Kind gewidmet, wenn sie immer wieder nach einem erfolgreichen Anfang von vorn anfangen musste. Hatte die Arbeit überhaupt noch einen Sinn? Konnte man immer wieder von vorn anfangen? Vergeudete sie nicht bei den Auseinandersetzungen in den Organisationen nur ihre Kraft?
Im Interesse der Organisation hatte sie ihre Kontakte in Amerika genutzt, hatte außerdem versucht neue aufzubauen, und nun musste sie einsehen, dass wieder alles umsonst gewesen war. Hatte es auch vor ihrer Abreise schon Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit gegeben, so war ihr doch nicht bewusst gewesen, dass man nur darauf gewartet hatte, hinter ihrem Rücken die Beendigung ihrer Tätigkeit zu beschließen. Im Nachhinein zählte sie alle Vorkommnisse zusammen und war wahrscheinlich selbst erschüttert, dass sie die Konsequenz aus all diesen Konflikten nicht vorausgesehen hatte. "Bei der Verteilung von ausländischen Geldspenden für Zwecke der Kinderfürsorge war zu Anfang (im Jahre 1920) der Abteilungsleiterin maßgeblicher Einfluß eingeräumt, der mehr und mehr und zuletzt völlig ausgeschaltet wurde. In der letzten Zeit sind der Abteilung Unterstützungsangebote von Wohlfahrtseinrichtungen überhaupt nicht mehr zur Begutachtung vorgelegt worden: sie erhielt auch niemals Kenntnis über die erfolgte Verteilung von Spenden. Bei der Verteilung von Sachspenden wurde ihre Meinung gleichfalls nicht mehr eingeholt. Damit wurde gerade die für Kinderfürsorge zuständige Abteilung, die über die notwendigen Unterlagen verfügte, übergangen." 252 Außerdem monierte sie: "Die Abteilung wurde nicht auf dem Laufenden gehalten über [Seite 361↓] die für sie eingehenden Auslandsspenden." 253 Davon war das genaue Gegenteil abgesprochen gewesen, als sie die Abteilung auf Wunsch des Roten Kreuzes übernahm. Nicht nur, dass ihr in ihrem Arbeitsgebiet Informationen vorenthalten wurden, auch die anvisierte Zusammenarbeit mit anderen Abteilungen hat "keine Verwirklichung gefunden" 254 .
Wie hätte sie hingegen ahnen können, dass man im Roten Kreuz schon vor ihrer Abreise in die USA nur auf eine Gelegenheit wartete, ihre Arbeit in Berlin auslaufen zu lassen. An Meinungsverschiedenheiten mangelte es nicht, nur hatte sie nicht damit gerechnet, dass man ihr ihre pazifistische Grundhaltung vorwerfen würde. Nach dem furchtbaren Krieg empfand sie diese Einstellung als unabdingbare Voraussetzung für ein zukünftig friedliches Zusammenleben der Völker. Sie selbst hatte lange genug gebraucht, um wieder zu dieser Überzeugung zurückzukehren, nachdem sie sich von der deutschen Propaganda so nachhaltig hatte blenden lassen.
Adele Schreiber war von dieser Entwicklung tief getroffen. Wieder hatte sie das Gefühl, dass von ihr geleistete Arbeit ihrem Einfluss gegen ihren Willen entzogen wurde, dass es ihr nicht möglich war, das was sie aufgebaut hatte, zu halten. War es ihr im Bund für Mutterschutz so ergangen und hatte sie in der Zukunft vorsichtiger, misstrauischer sein wollen, so musste sie beim Deutschen Roten Kreuz nun nochmals die gleichen Erfahrungen machen. Das Misstrauen gegen jeden, der ihr ihre Befugnisse streitig machen oder ihre Arbeit behindern wollte, ein Misstrauen, das ihre Arbeit in Flandern noch bestimmte, hätte sie im Roten Kreuz gebraucht. Doch da hatte sie die Zeichen missachtet, und so stand sie vor den Trümmern ihrer vierjährigen beharrlichen Arbeit. 255
Die vorgefundenen Umstände nach ihrer Reise bedeuteten für sie einen herben Rückschlag. Nach der Begeisterung über einen Neuanfang, über die Rettung auch des von Mayet gegründeten [Seite 362↓]Frauenheimes, stand nun jede Weiterarbeit in den Sternen. Der glückliche Neuanfang nach dem Ersten Weltkrieg hatte sich zerschlagen, die Reise nach Amerika, von der sie so voller Elan und neuer Ideen gerade zurückgekehrt war und die sie hoffte, für sich und die Arbeit nutzen zu können - alle Pläne wurden mit dieser neuen Entwicklung hinfällig.
Ein Gefühl der Ohnmacht und der Auflösung machte sich in ihr breit. Noch konnte sie die Endgültigkeit der Entscheidung nicht begreifen. Sie war nicht sofort gewillt, sich dem über ihren Kopf hinweg gefassten Beschluss zu fügen.
Auf jeden Fall wollte sie sich nur unter Protest vertreiben lassen, dazu war sie zu sehr ihrem Gerechtigkeitsgefühl verpflichtet und Rebellin genug. Sie schrieb einen Brief an den Präsidenten, den sie anscheinend in sehr gemäßigtem Ton verfasste. Vermutlich Frau Dr. Weiland äußerte zu diesem Brief: "Deinen Brief an Winterfeldt finde ich sehr gut. Ich würde auch nicht schärfer auftreten, um mir nicht alle Brücken zum R.[oten] K.[reuz] abzubrechen." 256 Ein paar Mitarbeiterinnen teilten mit ihr das Gefühl der Bestürzung, ändern konnten sie jedoch nichts. Gegen jede Logik reagierte Adele Schreiber zunächst mit Tatkraft. Sie arbeitete einfach weiter im Cecilienhaus, was den Vorstand merklich entsetzte: "Ich habe Ihren Brief mit dem Generalsekretär besprochen, der mir folgendes vortrug: Er habe seinerseits nur durch Zufall erfahren, dass Sie im Hause seien. Er hatte nicht angenommen, dass Sie nach Ihren Besprechungen mit mir, Herrn Draudt und Herrn Dr. Libbertz257 die Tätigkeit im Hause wieder aufnehmen würden, bevor die Verhandlungen über die Frage Ihrer Person zum Abschluss gelangt seien ..."258
Auch in dieser angespannten Situation bleibt sie eigensinnig und selbstbestimmt. Hat sie im Cecilienhaus noch etwas zu erledigen, dann kann niemand sie davon abhalten. Alle müssen damit rechnen, dass sie kein Rädchen ist, das in einer Maschine so funktioniert, wie es von ihm erwartet wird. Dazu ist sie zu stolz und lieber ihrer rebellischen Natur treu.
|
| [Seite 363↓] |
Kurz danach reiste sie nach Lyon zur Tagung der Vereinten Nationen.259
Zum 1.Juli 1924 bot sie dann dem Vorstand ihr endgültiges Ausscheiden an. Vielleicht weil sie hoffte, dass man doch noch bemerken würde, dass es ohne sie gar nicht möglich war die ganze Kinderschutz-Arbeit zu organisieren. Genau das wurde auch bemerkt, doch schlug man ihr daraufhin nur vor, noch einen Monat länger im Deutschen Roten Kreuz zu verbleiben, um ihr Arbeitsgebiet für eine reibungslose Übergabe vorzubereiten. 260
Adele Schreiber war erschöpft, doch sie analysierte die aktuelle Lage beim Roten Kreuz und wusste, dass sie verloren hatte. Ihr pazifistisches Engagement war unerwünscht und lästig. Ihre Arbeit beim Deutschen Roten Kreuz war endgültig beendet. Sie zog ein bitteres Resümee. "Der zweifellos vorhandene Wille einzelner Persönlichkeiten des Deutschen Roten Kreuzes, dieses, unter dem Eindruck des in Deutschland vollzogenen Umschwungs, zu demokratisieren, hat vor der erstarkenden Reaktion nicht standgehalten, besonders nicht unter dem Einfluß der Vaterländischen Frauenvereine, die bis zum Jahre 1923, wenigstens in der Berliner Zentrale, völlig zurückgetreten waren. ... Im übrigen aber benützt der Hauptvorstand die Namen linksstehender Persönlichkeiten tatsächlich als [Seite 364↓]Aushängeschild." 261 Und sie setzte hinzu, "daß im Deutschen Roten Kreuz der Begriff der Neutralität sehr oft mit dem der Opportunität verwechselt wird." 262
Stolz ist und bleibt sie auf die Leistungen, die sie in ihrer vierjährigen Tätigkeit vorzuweisen hat. "Während meiner Tätigkeit beim Deutschen Roten Kreuz konnte ich viel tun für die Linderung der ungeheuren Kindernot. Unter meiner Leitung wurden grosse Kindererholungsheime eingerichtet und geführt, reiche Auslandsspenden an bedürftige deutsche Kinder verteilt." 263
Ihr persönliches Finanzkonzept war hingegen wieder zusammengebrochen, denn die Einkünfte aus der DRK-Tätigkeit fielen nun weg. Adele Schreiber musste sich nach neuen Verdienstmöglichkeiten umsehen. Die Einkünfte, mit denen sie auch hinsichtlich der Schulden, die sie für die Amerika-Reise gemacht hat, gerechnet hatte, waren hinfällig geworden. Das war in Zeiten der Inflation in Deutschland auch in finanzieller Hinsicht eine herbe Ernüchterung.
Als 1926 ein Artikel veröffentlicht wurde, in dem sie als Vorstandsmitglied des Deutschen Roten Kreuzes genannt war, schickte sie die oben zitierte berichtigende Darstellung an die Zeitung. Sie hatte mit der Zeit im Roten Kreuz abgeschlossen und das wollte sie auch der Öffentlichkeit demonstrieren.264 Sie wird froh gewesen sein, um diesen kleinen Hieb, den sie dem Roten Kreuz verpassen konnte. War sie auch entsetzt über die Intrige, die dort gegen sie gesponnen worden war, so hatte sie sich doch nicht lange zurückgezogen. Lieber war es ihr immer noch zu kämpfen, ihre Meinung zu sagen. So war sie, aus ihrem inneren Bedürfnis heraus aber auch aus finanziellen Erwägungen, schnell wieder zu ihrer alten Tatkraft zurückgekehrt. Sie war überzeugt, dass sie in der Gesellschaft in ihrem Sinne etwas bewirken kann. Sie brauchte auch das Gefühl, gebraucht zu werden.
|
| [Seite 365↓] |
Die bereits geschilderten Probleme mit dem Roten Kreuz sind jedoch bedauerlicherweise nur ein Teil der Schwierigkeiten, denen sich Adele Schreiber plötzlich gegenübersieht. Bei ihrer Rückkehr aus den Vereinigten Staaten muss sie außerdem feststellen, dass angesichts ihrer Arbeit in Amerika ihr aus konservativen deutschen Reihen Hass entgegenschlägt.265
Ihre kritischen Äußerungen hinsichtlich der keineswegs gesicherten politischen Situation in Deutschland haben Empörung ausgelöst. In Amerika hatte sie nicht nur über die Fortschritte berichtet, die die neue Republik vorzuweisen hat, sondern sie hatte auch ihrer Besorgnis hinsichtlich des in Deutschland zu beobachtenden rechten und auch linken Extremismus Ausdruck gegeben.266 Ihre Gegner hatten in Deutschland schon begonnen, ihr Engagement in Amerika öffentlich zu diffamieren: "Man hat drüben schwerlich eine Vorstellung davon, wieviel stille, zielbewußte Arbeit es gekostet hat, um hier den Umschwung herbeizuführen, der heute in der Bereitwilligkeit aller Kreise des amerikanischen Volkes, die amtlichen Kreise eingeschlossen, Deutschland zu helfen, zum Ausdruck kommt. Hätte man es, dann würde man drüben nicht bloß in der Kritik von Vorgängen, deren innere Zusammenhänge man nicht versteht, auch nicht verstehen kann, vorsichtiger sein. Man würde uns vor allem nicht fortgesetzt Leute herüberschicken, die durch ihr taktloses Verhalten immer wieder zerstören, was an Aufklärungsarbeit mühevoll aufgebaut wurde. Da weilt beispielsweise seit einiger Zeit ein Mitglied des Reichstags, Frau Adele Schreiber, hier und hält Vorträge. Die Dame gehört der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion an. Sie hat zunächst einen schlechten Eindruck nicht gemacht, denn sie wurde sogar vom Senat eingeladen, vor dieser exklusiven Körperschaft eine Ansprache zu halten, was von jeher als seltene Auszeichnung betrachtet worden ist. Diese Auszeichnung scheint sie falsch ausgelegt zu haben, denn offenbar hat sie sie als Ermunterung betrachtet, kräftig auf das Deutschland, das einmal gewesen ist, auf den deutschen Militarismus und das deutsche Junkertum, auf die deutschen Fürsten und ihre Gottgläubigkeit zu schimpfen. Sie hat das nicht im Senat getan, denn dort würde man sich das wohl verbeten haben, sondern vor [Seite 366↓]Mitgliedern politischer und bürgerlicher Organisationen der Bundeshauptstadt. Vor längerer Zeit waren schon einmal zwei weibliche Mitglieder des Reichstags hier, Frau Hedwig Dransfeld267 und Frau Helene Weber268. Sie kamen im Interesse der deutschen Kinder hierher und haben hier den allerbesten Eindruck hinterlassen. Sie wußten, wie man sich in einem Lande, in dem man zu Gast ist, zu benehmen hat und jedenfalls wußten sie auch, daß es auf anständige Menschen auch dann einen peinlichen Eindruck macht, Landfremde auf ihr Vaterland schimpfen zu hören, wenn man mit demselben vor nicht allzu langer Zeit Krieg geführt hat. Frau Adele Schreiber weiß das offenbar nicht. Vor allem weiß sie nicht, daß gerade der Amerikaner für Vögel, die ihr eigenes Nest beschmutzen, nur geringe Verwendung hat. Es kommt hinzu, daß gerade Angehörige der deutschen Sozialdemokratie alle Veranlassung haben, hier mit ihren Auslassungen sehr vorsichtig zu sein. Das Zögern der Vereinigten Staaten, sich für den Wiederaufbau Deutschlands kräftig einzusetzen, ... erklärt sich in der Hauptsache aus der Abneigung gegen alle Bestrebungen, die die deutsche Sozialdemokratie auf ihr Programm gesetzt hat, und aus der Befürchtung, daß es der Partei gelingen könne, den Gang der inneren und äußeren Politik Deutschlands dauernd zu beeinflussen."269
Adele Schreiber fühlte sich verleumdet. Das Unverständnis und auch die sichtbare Bösartigkeit der Berichterstattung gegen sie verletzten und erzürnten sie. Ihr wurde in in einer Weise Taktlosigkeit vorgeworfen, die dem tatsächlichen Verlauf ihrer Vortragsreise in keiner Hinsicht entsprach. Die Beleidigungen empfand sie umso niederträchtiger, als sie für ein neues Deutschland in Amerika geworben hatte, das sie nun, nach ihrer Rückkehr, nicht unbedingt vorfand.
|
| [Seite 367↓] |
Glücklicherweise bekam sie im Nachhinein als Reaktion auf diese Verleumdungen ungebrochen positive Rückmeldungen270, so auch vom Auswärtigen Amt in Washington. "Sehr verehrte, gnädige Frau, ... Über Ihren Aufenthalt in den Vereinigten Staaten habe ich bereits nach Berlin an das Auswärtige Amt berichtet; Wenn Sie die Herren im Amt aufsuchen, so werden Sie selbst sehen, wie meine Auffassung von Ihrer Tätigkeit hier gewesen ist, und welch geringen Einfluß die wenig freundlichen Bemerkungen im Amt gehabt haben, die einzelne Leute hier nicht haben unterdrücken können. Ich hoffe, Sie kommen über diese böse Erfahrung hinweg. Sie wissen, der Prophet gilt nichts im Vaterlande, und warum sollte eigntlich eine Prophetin hierin etwas voraus haben? Sollten Sie noch ein Schreiben von mir über Ihre Tätigkeit wünschen, so bin ich dazu gern bereit. Vielleicht genügt es aber, wenn Sie im Auswärtigen Amt danach fragen. Jedenfalls hoffe ich, daß Sie so oder so über die melancholische Stimmung hinwegkommen, die aus dem Schluß des Briefes mir entgegenklingt und wieder volle Freude an Ihrer Arbeit finden."271
Und sogar das Hamburger Fremdenblatt, in dem der oben zitierte Schmähartikel erschienen war, entschloss sich zu einer Gegendarstellung, die mit den folgenden Worten eingeleitet wurde: "Über die amerikanische Reise der deutschen Sozialpolitikerin Adele Schreiber hatte in unserem Blatt vor einiger Zeit ein amerikanischer Mitarbeiter Ungünstiges zu berichten gewußt. Wir sind inzwischen davon überzeugt worden, daß jene Kritik im Gegensatz zu dem wirklichen Verlauf der Reise stand, die zu recht günstigen Eindrücken geführt hat."272
Die Auseinandersetzungen mit dem Deutschen Roten Kreuz standen ihr zu diesem Zeitpunkt allerdings noch bevor und sollten sie noch verletzbarer machen.
Selbst damit sind noch nicht alle negativen Umstände erwähnt, die bei der Rückkehr auf sie warteten. Die wenigen Monate, die sie in Amerika verbracht hatte, hatten in Deutschland zu grundlegenen politischen Veränderungen geführt: "Die katastrophalen Wirkungen der Ruhrbesetzung, die ungeheuer schwere politische Lage führten zu einer Lahmlegung der [Seite 368↓] Reichstagstätigkeit durch das Ermächtigungsgesetz. Der Reichstag fand denn auch ein vorzeitiges Ende und wurde aufgelöst." 273 Ohne jede Vorahnung wirkten sich diese politischen Spannungen nun auf ihr Leben in Deutschland aus. Durch ihre Abwesenheit war sie bei der vorzeitigen Reichstagsauflösung und bei der Listenerstellung nicht im Land. Sie verlor ihr Mandat im Reichstag.274 "Als ich von den Vereinigten Staaten zurückkam stürmte vielerlei und leider meist recht unerfreuliches auf mich ein. Ich habe hinsichtlich meines beruflichen wie meines persönlichen Erlebens eine schwere Zeit durchzukämpfen gehabt ... Ich bin ja jetzt, leider, wie ich sagen muss, frei, über meine Zeit zu verfügen." 275
Später wird sie sich selbst beruhigen und sagen, dass sie die Entscheidung der SPD akzeptieren konnte. Dennoch bedeutete der Verlust des Reichstagsmandates für Adele Schreiber einen tiefen Fall. Sie hatte ihr Leben lang auf diese offizielle Anerkennung ihrer Arbeit hingearbeitet und ihre Karriere hatte sich in diesem Reichstagsmandat erfüllt. Sie fühlte sich durch diese Zurücksetzung attakiert, bemühte sich aber, sich nichts anmerken zu lassen. Sie war nicht irgendeine Unbekannte, deren Mandat angefochten wurde - sie hatte gerade in Amerika auch ihrer Partei international zu Ansehen verholfen. Sie fühlte sich verzagt. Sollte alles umsonst gewesen sein. Zählte ihre Arbeit nicht? "Ich vermisse meine Arbeit im Parlament.", schrieb Adele Schreiber im Mai 1925 an Valeria Parker.276 Da war sie 53 Jahre alt. Ihre Niederlage war komplett.
Der Verlust ihres Reichstagsmandates war ein Wendepunkt in ihrem Leben. Ihr Leben veränderte sich dramatisch und ließ sie einen Bruch erleben, von dem sie zu diesem Zeitpunkt völlig überrascht wurde. Durch unermüdliche und zielstrebige Arbeit war es ihr gelungen, als die Zeit reif war, als Frau ein Reichstagsmandat zu erlangen. Nun auf der Höhe ihres Ruhmes musste sie die sehr schmerzhafte Erfahrung machen, dass ihr alles wieder genommen wurde. Erst die Verleumdungen, ihre Vortragstournee in Amerika betreffend, dann die Beendigung ihrer Arbeit [Seite 369↓]beim Deutschen Roten Kreuz, nun auch noch der Verlust ihres Reichstagsmandates. Doch es blitzten immer noch Tatkraft und Entschlossenheit in ihrem Wesen. So leicht konnte sie nicht aufgeben, wenn es galt, ihr Lebensziel zu verteidigen.
Sie wurde aktiv, um den Auflösungserscheinungen in ihrem Leben entgegenzuwirken. Sie musste schnelle Entscheidungen treffen. Jetzt kam es vor allen Dingen darauf an, sich neu zu organisieren. Sie hoffte auf eine weitere Vortragstournee in Amerika. Diesmal wollte sie nicht allein fahren: "Phantastisch, wenn wir darüberhinaus organisieren könnten, dass mein Mann mich in die Vereinigten Staaten begleiten könnte. Es gibt so viele Sachen, die er gern sehen und studieren würde und er musste immer zu Hause bleiben in all den Jahren, wo es mir möglich war zu reisen." 277 Darüber hinaus hätte sie sehr gern ihre Freundin Vida Sutton wiedergetroffen, mit der sie anscheinend ein sehr herzliches Verhältnis verband: "Schreib und erzähl mir alles über Dich, Deine Arbeit, Dein Leben, etwas über Farmen, Schafe und Schäfer." 278 Die erneute Arbeit in Amerika wäre ein willkommener Anlass gewesen, dem Leben in Deutschland zu entfliehen: "... ich möchte gern in die Staaten zurückkommen, umso mehr als die Situation in Deutschland das Leben nicht sehr erfreulich macht. Wir sind inmitten einer schlimmen reaktionären Welle." 279
Die Idee, eine weitere Vortragstournee in Amerika folgen zu lassen, zerschlug sich nach langwierigen Verhandlungen und vielen gewechselten Briefen.280
|
| [Seite 370↓] |
Bereits die sich hinziehenden Verhandlungen bezüglich der Amerika-Reise hatten es für Adele Schreiber notwendig gemacht, sich nach einer anderen Tätigkeit umzusehen. Ihr Leben musste neu geordnet werden und sie musste Geld verdienen. In Deutschland sah es diesbezüglich schlecht aus. Sie beschloss, amerikanische Neuerscheinungen zu übersetzen und wandte sich mit der Bitte um Hilfe an ihre amerikanischen Freunde.281 An Walter Cohn in Chicago schrieb sie, dass sie wegen des Verlust ihres Reichstagsmandates vier Jahre lang von der aktiven Politik ausgeschlossen bleiben wird und deswegen den Plan verfolge, sich wieder mehr ihrer journalistischen Arbeit zuzuwenden.282Über den Kontakt zu Walter Cohn, der in einer amerikanischen Verlagsbuchhandlung tätig ist, hofft sie außerdem auf die Übersetzung amerikanischer Neuerscheinungen. "Ich möchte nun gern nebenher etwas Arbeit machen, die mir leicht fällt und mit der ich müssige Stunden nutzbringend verwerten kann, d.h. etwas wirklich Gutes übersetzen. Amerikanische Neuerscheinungen werden hier sehr wenig bekannt." 283 Bezüglich der geringen Honorare, die sie in Deutschland mit den Übersetzungen verdienen könnte, hofft sie auf großzügige amerikanische Autoren: "Vielleicht gibt es aber drüben unter den Autoren doch solche, die in Amerika so gute Honorare beziehen, dass es ihnen auf die paar Groschen aus Deutschland nicht ankommt und dass es ihnen im wesentlichen darum zu tun ist, sich und ihre Werke bekannt zu machen. ... Es können auch ruhig mehrere Bücher sein, denn ich arbeite schnell und kann auch jederzeit sachverständige Hilfe mit heranziehen. Der Kreis der Intellektuellen, die nur allzu froh wären, mir solche Hilfsarbeit zu leisten, ist gross ..." 284 Inwieweit sich Adele Schreibers Hoffnungen hinsichtlich der [Seite 371↓]Übersetzungsarbeit erfüllt haben, ist schwer nachvollziehbar. Zwei Monate später berichtete Adele Schreiber nochmals über ihre derzeitigen schwierigen Lebensumstände: "Lieber Walter! ... Der wirtschaftliche Kampf in Deutschland ist ausserordentlich schwer geworden. Man muss unendlich viel anfangen, viel Ideen haben, immer wieder Eisen ins Feuer legen, um nur einmal eine kleine Erfolgsmöglichkeit zu erreichen." 285
Adele Schreiber wusste immer noch nicht, was sie ab Oktober 1924 machen sollte. Die Amerikareise, soviel war bereits klar, würde nicht mehr stattfinden. Nachdem sie seit dem Verlust ihres Reichstagsmandats im April 1924 ohne feste Einkünfte war, musste sie etwas unternehmen. So nahm sie das Angebot einer Vortragstournee in Frankreich an. Mit der Vortragstournee in Frankreich bot sich für sie einerseits die Möglichkeit, Geld zu verdienen, nicht weniger wichtig war sicherlich, dass sie mittels der Ortsveränderung den erhofften Abstand von den Geschehnissen in Deutschland gewinnen konnte. Kompetent war sie auch auf dem Gebiet der deutsch-französischen Beziehungen. Sie sprach perfekt französisch und war dem Land seit ihrer Zeit in einem französischen Internat eng verbunden, da sie mit dem Land die ersten Erinnerungen von Freiheit und Selbstbestimmung verband.
Doch auch aus dem Ausland verfolgte sie ihren Plan, ihr Reichstagsmandat zurückzuerobern. Sie war getroffen, verletzt. Trotzdem wollte sie jetzt, wo sie einmal ihr Ziel erreicht hatte, an ihm festhalten. Rückschritt war nicht denkbar. Jede künftige Aufgabe, die unter der einer Abgeordneten des Reichstages gewesen wäre, hätte für sie eine sehr heftige persönliche Niederlage bedeutet. Wollte sie auf die Würde, die ihr ihr Amt verliehen hatte, nicht verzichten? Konnte ihr nichts die gleiche Genugtuung verschaffen, wie die Tatsache, als Abgeordnete durch die Korridore des Reichstages wandeln zu können? Hatten sie ihr Leben so sehr beeinflusst, dass sie sie nicht mehr missen wollte? Oder musste sie im letzten Abschnitt ihres Lebens und auf dem Höhepunkt desselben, alle Energiereserven mobilisieren, um Erreichtes zu verteidigen? Sie war [Seite 372↓]nicht mehr die Jüngste. Gerade deswegen musste sie Erfolg haben. Was sie jetzt nicht mehr erreichte, wird sie nie mehr erreichen. Sie wollte ihr Mandat zurückbekommen. Adele Schreiber war außerdem nicht die Frau, die einen wichtigen Plan aufgeben würde. Sie dachte nicht daran, sich zurückzuhalten. Zwar wollte sie sich keinen übertriebenen Ehrgeiz vorwerfen lassen, aber dieses Mandat, dessen war sie sich sicher, stand ihr zu. Sie hatte ihr ganzes Leben dafür gearbeitet dorthin zu kommen, wo sie gewesen war. Die bittere Einsicht, dass die Partei ihren Einsatz nicht in dem Maße schätzte, wie sie gehofft hatte, änderte nichts an ihrer Entscheidung, ganz im Gegenteil. Der Pessimismus, der sie befiel, wenn sie an ihre Stellung in der Partei dachte, hatte nicht zur Folge, dass sie kapitulierte. Sie gab nicht auf, sie wartete nur ab und sondierte das Terrain. Sie versuchte, ihre Chancen und Möglichkeiten abzuschätzen. Sie wird sich wehren. Ihre Kampfeslust stand ihr nach wie vor voll zur Verfügung. Noch aus Frankreich bemühte sie sich, in der SPD Verbündete für ihren Plan zu gewinnen. Sie versuchte, ihre Situation Otto Landsberg zu erklären. "Lieber und verehrter Parteigenosse! ... Mein Reichstagsmandat ging mir im Frühjahr 1924 verloren durch eine Verkettung von Umständen: 1) Ich gebe ohne weiteres zu, daß ich mich dem Wahlkreis (Görlitz-Liegnitz) nicht so intensiv, wie ich es gewünscht hätte, widmen konnte, weil ich durch die umfangreiche Tätigkeit als Leiterin der Abteilung `Mutter und Kind´ beim Deutschen Roten Kreuz sehr überlastet war. Da aber diese Arbeit der Rettung der elenden, hungernden Kinder galt und tatsächlich vielen, vielen Tausenden Leben und Gesundheit erhalten hat, schien sie mir noch wichtiger als Propaganda. 2) Ich hatte, in der Erwartung, daß der Reichstag ein normales Ende nehmen würde, im Winter 1924 eine Vortragsreise nach den Vereinigten Staaten unternommen. ... Weite Kreise waren so deutschfeindlich, daß sie überhaupt nichts von Deutschland oder einer Deutschen hören wollten. ... Ich habe ganz auf eigenes Risiko und ohne von einer deutschen Organisation gestützt zu sein, 65 mal, darunter zum Teil in grossen Theatern (vor mehreren 1000 Menschen) gesprochen, habe eine für die damalige Zeit ungewöhnlich günstige Presse erzielt ... Wie Sie ja wissen, wurde gerade in dieser Zeit der Reichstag aufgelöst, und nun fügte es ein ungünstiger Zufall, daß 3) durch die Fusion mit den Unabhängigen für meinen Wahlkreis nunmehr 2 Frauen im Reichstag waren. Es war ganz begreiflich, daß unter diesen Umständen die anwesende Kandidatin, Frau Nemitz 286 , auf die Liste gesetzt wurde. Dennoch war es schmerzlich für mich, mein Mandat einzubüßen, um so mehr, als das Rote Kreuz mir aus meiner fortschrittlichen und pazifistischen Tätigkeit einen Strick drehte und mit tausend schönen Worten [Seite 373↓] und Anerkennungsschreiben mich aus der `neutralen Organsiation´ abbaute." 287 Niemand hatte sich danach um sie bemüht, niemand hatte sie zurückgeholt, und sie war der Ansicht, dass es manchen in der Partei nicht anders als ihr ergangen war, "bloß weil sie keine Clique hinter sich haben und nicht die Fähigkeit besitzen, ihre Leistungen in ein genügend helles Licht zu setzen." 288 Ihr war bewusst, dass ihr Rückhalt in der Partei zu wünschen übrig ließ. "In der Folgezeit lag meine Kraft im wesentlichen für die Partei brach. Sie wird in keiner Weise an der richtigen Stelle und mit dem Nutzen, den sie bringen könnte, verwendet. Ich weiß, daß ich der Partei Tausende und Aber-Tausende neue Anhänger, Mitglieder und Wähler zuführen könnte, aber die Gelegenheit wird mir nicht geboten. Ich glaube, daß ich meine eigene Veranlagung und Fähigkeiten absolut richtig einschätze, und meine Hauptbefähigung liegt zweifellos auf propagandistischem Gebiete." 289 Bei aller Freude an der Arbeit in Frankreich möchte Adele Schreiber doch nicht unerwähnt lassen, dass die Parteiarbeit für sie immer oberste Priorität hatte, dass sie nichts dringender wünschte, als wieder in die Parteiarbeit eingebunden zu werden. "Trotz dieser mich lebhaft interessierenden und auch mich befriedigenden Tätigkeit in Frankreich wäre ich jeden Augenblick bereit gewesen, einem Ruf der Partei Folge zu leisten ... Es ist aber niemand an mich herangetreten, obwohl ich glaubte, daß man alle Mann an Bord rufen würde. ... Ich möchte sie nun herzlich bitten, doch den Parteivorstand daran zu erinnern, daß ich noch am Leben bin und bereit bin, mich für jede ernsthafte Arbeit in grösserem Rahmen zur Verfügung zu stellen, wenn die Partei Wert darauf legt." 290 Zweifellos musste es aber eine Aufgabe sein, die es für Adele Schreiber lohnend machte, ihre Arbeit in Frankreich zu beenden. Sie bat darum, bei künftigen Wahlen nicht von der Reichsliste zu verschwinden und vielleicht sogar noch ein bißchen nach vorn zu rücken.291 Gleichzeitig mit dem Brief an Otto Landsberg schickte sie auch einen Brief an Marie Juchacz, um ihre Situation auch ihr zu erklären.292 Otto Landsberg bat sie, doch die ihm beigelegten [Seite 374↓]Zeitungsausschnitte über ihre Vortragstätigkeit in Frankreich, nach der Lektüre Marie Juchacz zukommen zu lassen, um deutlich werden zu lassen, "daß meine Auslandsreisen wahrhaftig keine Vergnügungsreisen sind, sondern als politische Propagandareisen in schwierigster Form bewertet werden müssen." 293
Ihre Initiative, Kontakt mit Otto Landsberg aufzunehmen, verdeutlicht Adele Schreibers Entschlossenheit, zeigt aber auch, wie sehr man sie bereits an den Rand gedrängt hat. Leicht ironisch möchte sie darauf hinweisen, dass sie "noch am Leben" ist. Aus ihren Zeilen spricht Enttäuschung, verhaltener Zorn aber auch der dringende Wunsch, Hilfe zu finden. Es wird neben allem Selbstvertrauen jedoch auch überaus deutlich, dass sie auf gar keinen Fall möchte, dass ihre Bitte unangemessen klingt. Sie bemühte sich, sachlich zu bleiben, stellte eigene Fehler voran, wollte aber daran erinnern, dass sie die ganze Zeit für die Partei gearbeitet hatte. Erste Angriffe scheint es bereits gegeben zu haben, denn sie betonte unerwartet energisch, dass diese Reisen keine "Urlaubsreisen" seien. Die Kraft und Überzeugungskraft, die ihr zur Verfügung stehen, würde sie außerordentlich gern der eigenen Partei zukommen lassen. Den Eindruck, verbittert zu sein, versuchte sie allerdings peinlichst zu vermeiden. Sie war bemüht, keinen Fehler machen. Sie war vorsichtig, forderte nicht. Sie wies trotzdem nachdrücklich auf ihre Verdienste hin, die sie sich im Ausland erworben hatte, wo sie als Parlamentarierin auch die Partei repräsentierte. Sie zwang sich ebenso Marie Juchacz gegenüber zu extremer Gelassenheit, vergaß aber auch hier nicht, ihre Arbeit und ihre Fähigkeiten zu benennen. Ihre Zielstrebigkeit wirkt manchmal überraschend. Sie tat alles, um ihr Ziel zu erreichen. Selbst für einen demütigen Brief war sie sich nicht zu schade. Die letzten Sätze des Briefes waren so auch ein Eingeständnis ihrer Machtlosigkeit. Sie bat darum, in der Politik wieder mitarbeiten zu dürfen.
In dieser Tatkraft, die sie immer wieder antreibt, wenn alles verloren scheint, liegt die Quelle ihrer Persönlichkeit. Es scheint sogar, als ob diese Angriffe neue Kräfte in ihr mobilisierten. Ihr Glaube an ihre Fähigkeiten und ihre Energie waren zu groß, um den Kampf aufzugeben.
Nach diesen Briefen bleibt ihr zunächst nichts weiter übrig, als sich in Geduld zu üben. Sicher wurde auch Adele Schreiber bei aller Tatkraft manchmal von Verzweiflung gepackt. Nach ihrer Amerikareise sah sie ihr heimatliches Leben komplett zusammenbrechen. Die nicht endenden [Seite 375↓]Enttäuschungen trieben sie dennoch weiter. Sie konnte Enttäuschungen überwinden. Sie wollte sich nicht widerstandslos in die Ecke drängen lassen. Hinzu kam, dass sie meinte, eine politische Schlacht schlagen zu müssen, auch gegen parteiinterne Kräfteverhältnisse. Sie hat keine "Clique" hinter sich, wie sie im Brief an Otto Landsberg schrieb, die sie im Gerangel um einen Listenplatz unterstützte. Gerade deswegen wollte sie sich in diesem Kampf behaupten und einen Weg zurück ins Zentrum der deutschen Sozialdemokratie finden. Sie war immer Handelnde und auch jetzt war es eine Strafe für sie, von der Einflussnahme im Staat ausgeschlossen zu sein. War sie begeistert davon, im Ausland Kontakte für ein neues Deutschland zu knüpfen, so fühlte sie sich doch mit der Aufgabe allein in keiner Weise ausgelastet. Sie war sich sicher, viel mehr leisten zu können.
Selbst im Auswärtigen Amt machte sie ihren Wunsch deutlich, in die deutsche Politik zurückzukehren. "Sehr verehrter Herr Ministerialdirektor! Von meiner Vortragsreise zurückgekehrt, habe ich in meiner pariser Wohnung Ihre freundlichen Zeilen vom 5.Juli 1926 vorgefunden. Ich danke Ihnen bestens für das Interesse, das Sie meiner Arbeit entgegenbringen und auch für die weitere tatkräftige Unterstützung, die Sie dieser angedeihen lassen. ... Die `Ligue des Droits de l´Homme´ hat mir nach dieser Vortragsreise mitgeteilt, daß sie jederzeit bereit sei, für mich Vorträge in ganz Frankreich zu veranstalten und daß es nur von mir abhängt, ob ich vom Herbst ab wieder mich voll für die Propaganda zur Verfügung stellen kann. Ich selbst vermag heute noch keine Entscheidung darüber zu treffen und weiß aus den verschiedensten Gründen nicht, ob ich es ins Auge fassen kann, noch einen ganzen Winter hier tätig zu sein. Jedenfalls dürfte ich im Herbst auf kurze Zeit nach Deutschland zurückkommen, um allerlei zu ordnen und ich würde dann Gelegenheit nehmen, auf dem Auswärtigen Amt vorzusprechen." 294
Trotz aller Tatkraft hatte sie ohne Zweifel Momente der Schwäche. Die Ungewissheit zehrte an ihren Nerven, und sie befürchtete obendrein, in Frankreich von der Welt abgeschnitten zu sein. Es ging ihr nicht gut, aber durch ihre Aktivitäten ließ die Beklemmung allmählich nach. Ihre Würde und ihren Stolz wollte sie bewahren. Sie wusste sich zu wehren, obwohl sie zugeben musste, dass ihr unruhiges Leben sie ausgelaugte. Im Sommer 1928 schrieb sie: "Liebe Gerda Weyl 295 , ich werde Sie enttäuschen. Ich denke nämlich garnichts Geistreiches. Sollte ich jemals so etwas [Seite 376↓] wie Geist besessen haben, so ist er jedenfalls zurzeit bis auf den Nullpunkt eingeschrumpft. Ich habe zu viele Kongresse mitgemacht und zu viel Leute reden gehört. Das hat schlimme Wirkungen!" 296 Hinsichtlich ihres Mandates hatte sie ihre Fäden indes mit Erfolg gesponnen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie von neuem ein Reichstagsmandat erringen können.
Im März 1923 hatten französische Truppen über Nacht verschiedene Städte des Ruhrgebietes besetzt. Die Reparationen waren nicht im vollen Umfang gezahlt worden, und Frankreich hatte von seinem Recht Gebrauch gemacht, zur Besetzung zu greifen. Nach der Ruhrbesetzung 1923 war der Hass auf Frankreich schlagartig angestiegen. Die französische Politik der Stärke, die sich in der Besetzung des Rheinlandes ausdrückte, stand jeglichem Versuch der Normalisierung der Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich diametral gegenüber. Die Situation spitzte sich schnell zu und nicht nur deutsche Frauenorganisationen forderten den Rückzug der Truppen, auch englische und selbst französische Frauen schlossen sich dem Protest an. Der Hass, den die Besetzung hervorrief, lief allen Bemühungen einer begonnenen deutsch-französischen Verständigung zuwider. Die deutsch-französische Atmosphäre war von Rachegelüsten vergiftet.297
Gustav Stresemann298 als deutscher Außenminister bemühte sich gemeinsam mit Aristide Briand299 im Zuge des "Geistes von Locarno" die deutsch-französische Erzfeindschaft abzubauen.300 1926 wurden beide für ihr Engagement mit dem Friedensnobelpreis [Seite 377↓]ausgezeichnet. Nationalismus, Hass, Feindschaft und Militarismus wirkten jedoch weiter und konnten nicht nachhaltig ausgeschaltet werden.
Für Adele Schreiber bestand keine Frage darin, dass die deutsch-französische Annäherung den Grundstein für die Begründung Europas darstellen musste. Sie äußerte dazu 1926 in Frankreich: "Mehr als je zuvor, zwingen die ökonomischen Umstände die Menschen, enger zusammenzurücken. Wahrer Patriotismus kann aus diesem Grund nur im Frieden sein dauerhaftes Fundament haben. Jeder muß sich aktiv bemühen, zur Einheit von Frankreich und Deutschland beizutragen, zum moralischen und materiellen Gewinn seiner eigenen Nation und diese Einheit wird der Ansatz eines vereinigten Europas sein ..." 301 Sofort nach dem Ersten Weltkrieg hatte sie sich um eine Kontaktaufnahme beider Völker bemüht. "Auch in Frankreich bin ich ... die erste Deutsche gewesen, die man nach dem Kriege zu öffentlichen Versammlungen zuliess. Im Kreise von Parteigenossen sprach ich schon 1922 in der vollständig zerstörten Stadt Reims, 1923 in der sozialdemokratischen Partei der Fédération de la Seine, Paris, und von da ab sehr häufig." 302
Hinter der Fassade der persönlichen Verletzungen und handfester politischer Differenzen vermochte sie freundschaftlichen Beziehungen wiederzuerwecken. "1922 im verwüsteten zerstörten Reims. Schon ward es, von findigen amerikanischen Unternehmungen zum Mittelpunkt von `Sight-seeing-Tours´ nach den Schlachtfeldern der Champagne gemacht, mit Schaulustigen überschwemmt. ... In diesem so grausam mitgenommenen Ort wärmster Verständigungswille, völlig haßlose Beurteilung: `Der Krieg an sich, nicht das deutsche Volk, war und ist unser wahrer Feind.´" 303
Nachdem Adele Schreiber in Deutschland keine Möglichkeit mehr sah im Reichstag mitzuarbeiten, erschien es ihr als die lohnendste Aufgabe nach Frankreich zu gehen, um dort für Frieden und Völkerverständigung zu werben. Sie wird fast ein Jahr dort bleiben.304 Mitte 1925 kann sie an ihre Verständigungsarbeit von 1922 anknüpfen. Ihre finanziell sicher nicht besonders optimale Lage wurde vom Auswärtigen Amt mit einem Zuschuss gebessert. Sie erhielt eine monatliche Festsumme: "Zu den Kosten, die Ihnen durch ihre beabsichtigte Propagandatätigkeit in Frankreich erwachsen werden, bin ich bereit, Ihnen für sechs Monate einen Zuschuß von [Seite 378↓]monatlich 1000,-RM -eintausend Reichsmark- zu bewilligen und außerdem die Fahrkosten II.Klasse für die Hin- und Rückreise zu übernehmen. ... Im Auftrage Heilbron305"306
Zusammen mit den Mieteinkünften aus den untervermieteten Berliner Wohnungen war das genügend Geld zum Leben. Ausreichen konnte es auf lange Sicht für den Lebensunterhalt von ihr und ihrem Mann nur, wenn zusätzliche Verdienstmöglichkeiten erschlossen werden konnten. Adele Schreiber hoffte außerdem nach wie vor, die ihr sehr lieb gewordene Vida Sutton zu treffen. An sie schrieb Adele Schreiber: "My dearest Vida! ... Jetzt laß uns hoffen, daß wir uns für längere Zeit in Europa treffen werden. Wir haben grade eine mutige Entscheidung getroffen. Wir haben unsere Wohnungen in Berlin vermietet, die private in Westend, welche Du auch kennst und die andere in der Stadt auch, wo mein Mann seine Sprechstunden abhält und wir sind für ungefähr 6 Monate nach Frankreich gegangen. Mein Mann wird medizinische Kurse besuchen und sein Französisch auffrischen und ich werde alle Art von Arbeiten ausüben wie vortragen und schreiben und versuchen, ein bißchen unseren Internationalen Frauen-Kongreß mitvorzubereiten, der vom 14.Mai bis zum 7.Juni in Paris stattfinden wird. Kannst Du nicht kommen? Und den Sommer über bleiben ..." 307
Diese Monate in Frankreich verbrachte sie gemeinsam mit ihrem Mann. Ihre Pläne hinsichtlich der Vortragsmöglichkeiten gingen auf. "Wie ich vorhergesehen hatte, galt es, zuerst Fuß zu fassen, Vertrauen zu gewinnen und durch den Erfolg der ersten Vorträge weitere Aufforderungen zu erhalten." 308
Erster Vortragsort war Lyon.309 Sie stellte erstaunt fest, dass Lyon über keine sozialistische Zeitung verfügte, obwohl dank des fortschrittlichen Bürgermeisters Herriot310 die Stadt als eine der fortschrittlichsten und bestverwaltesten Gemeinden zählt. Ihre Anwesenheit sprach sich schnell herum, und sie wurde mit Arbeit versorgt. "In der Folge gingen mir zahlreiche Anfragen zu. Sie gaben mir Gelegenheit in Gegenden zu sprechen, die kaum je ein Deutscher besucht hat und in denen [Seite 379↓] man ganz gewiß noch keinen deutschen Redner gehört hat. Der Widerhall war überraschend und um so erfreulicher als sicherlich viele, die nur aus Neugier kamen, mit völlig revidierten Anschauungen heimgingen." 311 Die Verständigung Deutschlands mit Frankreichs war Adele Schreiber ein wirkliches Anliegen. Und der Wunsch lag ihr nicht nur deswegen am Herzen, weil sie sich Frankreich nahe fühlte, sondern sie hatte dabei eindeutig die Friedenssicherung im Auge. Die deutsch-französische Verständigung bedeutete eine wichtige Zwischenstation auf dem Weg zu einem höheren Ziel - dem eines vereinigten Europas. Sie wollte, so wie sie es in Amerika getan hatte, auch in Europa einen Beitrag zur Völkerverständigung und somit zum Frieden leisten.
Adele Schreiber nahm außerdem, nach ersten Engagements als Rednerin, in Marseille am Kongress der sozialistischen Arbeiter-Internationale teil. "Der Schnellzug Paris-Lyon-Mediterrannée führt uns an die blaue Meeresküste, deren Felsen lange vor Marseille sichtbar werden. ... Erste Begrüßung mit Genossen aus allen Ländern, Auftakt zum Kongreß der sozialistischen Arbeiter-Internationale, dem jetzt in allen Ländern die Aufmerksamkeit des Proletariats gilt." 312
Dann reiste sie weiter, überall dorthin, wo man sie angefordert hatte. In Toulon wurde ihr ein besonders herzlicher Empfang zuteil, als sie den Saal betrat: "Das ganze Auditorium erhebt sich und bereitet ihr einen herzlichen Empfang bei dem auch die Internationale erschallt. Sehr bewegt nimmt Adele Schreiber auf der Tribüne Platz. ... Im Flugzeug aus Basel nach Marseille-Marignane gekommen, hat sie grade genug Zeit gehabt, einen Zug nach Toulon zu nehmen, wo ihre französischen Freunde sie erwarteten. Die Müdigkeit ignorierend entwickelt diese mutige Frau eine Stunde lang einige Probleme, die sich der Menschheit stellen."313 Und auch sie war mit dem Herzen dabei. Sie liebte das Land und die Leute.
Sie trat dabei sogar in Gegenden auf, die wegen ihrer ländlichen Struktur noch niemals vorher Ziel einer deutschen Propagandistin gewesen waren. "Als einen besonderen Glücksfall betrachte ich es, daß wiederholte deutsch-französische Verständigungsarbeit mich kreuz und quer durch große Teile Frankreichs führte, mir überall Gelegenheit gab, mit dem Herzen Frankreichs in Verbindung zu treten." 314 Für sie lohnte sich auch dieser Weg. Der Erfolg gab ihr Recht. Sie konnte sich gut [Seite 380↓]einpassen in ihre französische Umgebung, und ihre unkomplizierte Umgangsweise mit den Menschen kam ihr auch bei den Zusammentreffen mit der Landbevölkerung zugute. Sie gewann die Herzen und freute sich über die Begeisterung, die ihr entgegengebracht wurde. "Zusammenfassend möchte ich erwähnen, daß man meine Bereitwilligkeit, in so kleinen Orten zu sprechen, besonders anerkannt hat, weil französische wie ausländische Redner, wie es scheint, es meist verschmähen, auf die `Kietze´ zu gehen. Mir macht es Freude. Man kommt den Menschen viel näher..." 315 Ihre Begeisterung wirkte ansteckend. Es war ihr anzumerken, dass sie glaubte, was sie sagte und auch bereit war, sich für ihre Überzeugungen einzusetzen. Das machte ihre Vorträge zu Ereignissen. Auch in schwierigen Diskussionen blieb sie stets sie selbst, ohne Ansehen der Umgebung und sprach trotz aller Rücksichtnahme auf die Gefühle ihrer Gastgeber über die Themen, die ihr am Herzen lagen. Das imponierte der Mehrheit auch bei gegenteiligen Ansichten und verhalf ihr zum Sieg in der Öffentlichkeit. Es wurden sogar Dankesschreiben an ihre Ortsgruppe in Harburg-Wilhelmsburg gesandt.316
Der Ruf der ihr vorauseilte lockte viele Menschen in ihre Versammlungen, und Adele Schreiber erntete für ihre klaren und verständlichen Ausführungen viel Beifall. Überall strömten die Massen, um sie zu hören. "In Crest, einem Städtchen von 5000 Einwohnern, waren über 1000 Personen im Saal und es mußten noch zahlreiche Besucher wegen Überfüllung umkehren." 317 Die Menschen fanden sich ein, "um zum ersten Mal nach dem Kriege, vielleicht zum ersten Mal im Leben einen Redner aus Deutschland zu hören, ein wenig Neugierde, weil es eine Frau und eine Parlamentarierin, etwas was es in Frankreich nicht gibt, war, mag mitgespielt haben. Und auch das nicht schöner, als wenn in einem winzigen Nest von einigen hundert Bewohnern man aus dem vollgepfropften Miniatursaal der Mairie unbedingt zu einem Trunk nach dem kleinen Estaminet mitgeschleift wird, `weil man sich noch so viel zu sagen hatte´. ... Oder wenn man nicht nur in diesen, vom Kriegsgebiet immerhin abseits liegenden Orten, sondern auch in den hart geprüften Städten der Kampfzone: Beauvais, Lyon, Lille, Amiens, als herzlich empfangener Gast eindringen darf in das so sorgsam verschlossene Heim der französischen Familie ... [Seite 381↓] Freilich es waren meist `kleine Leute´: Arbeiter, Handwerker, Kleingewerbetreibende und kleine Ladenbesitzer, es waren die mittellosen Schichten der Intellektuellen; Lehrer an Volks- und Mittelschulen, es waren Beamte und Angestellte, die im wesentlichen die Veranstaltungen füllten." 318 Familienanschluss war bei dieser familiären Stimmung auf den Dörfern garantiert und sie genoss es sehr, dass die Menschen ihr zuhörten, sie fragten und nicht gehen lassen wollten.
Ihre Arbeit in Frankreich gefällt ihr. Diese Reden sind ihr Leben. Auch wenn sie in ihrem Innersten von ihrer persönlichen Situation in Deutschland enttäuscht ist, findet sie sich mit der Realität ab. Zum Schluss der Veranstaltungen verabschiedeten die Versammelten gemeinsam Resolutionen: "Ohne jeden Zwischenfall fanden Resolutionen im Geiste von Locarno und der Deutsch Französischen Verständigung widerspruchslose Annahme." 319 Nachdem im Dezember 1925 der Schiedsvertrag von Locarno ratifiziert worden war, bemühte sich auch Adele Schreiber, diese Initiative zu unterstützen. Sie unternahm, wie es scheint sehr hartnäckig, den Versuch, Resolutionen zu verabschieden, auch um ihren Erfolg quasi auf dem Papier bestätigt zu sehen. Adele Schreiber sah wieder optimistischer in die Zukunft. "Locarno ... ist im Gegensatz zu Versaille für die demokratische Partei in Deutschland der Leuchtturm, der plötzlich in der Dunkelheit erscheint, eine Hoffnung, eine große Hoffnung." 320 Sie war überzeugt davon, dass der Zusammenschluss Frankreichs und Deutschlands die Keimzelle eines vereinten Europas sein wird. Eine für sie mögliche und nicht utopische Vorstellung. So war sie stets bestrebt, den deutsch-französischen Konflikten durch Aufklärung entgegenzutreten. Ein Erfolg war es schon, wenn die Menschen miteinander diskutierten. Herrschende Verhältnisse waren veränderbar, feste, unverrückbare Gegebenheiten akzeptierte sie nicht. Von dem Zuspruch, der ihr entgegenschlägt, fühlte sie sich wieder einmal bestätigt. Durch ihr fließendes Französisch wurde ihren Zuhörern die Verständigung erleichtert, ebenso vereinfachte die fehlende Sprachbarriere das Zusammenfinden auf emotionaler Ebene. Ihre gutbürgerliche Erziehung kam ihr gerade hinsichtlich ihrer Sprachkenntnisse immer wieder zugute, was sie nicht ohne Stolz bemerkte: "Wie wenige sind [Seite 382↓] befähigt, durch völlige Verwachsung mit Landessprache und französischem Auftreten, unauffällig und ohne Mißtrauen betrachtet, der Masse näherzukommen, deren Frauen doch mit `das Volk´ bilden!" 321
Anschließend an diese erste Vortragstournee durch ganz Frankreich war es vorgesehen, dass sie in Paris sprechen sollte.322 In Paris waren faschistische Übergriffe auf das internationale Treffen der Frauen befürchtet worden, wodurch man es für ratsam erachtete, ihren Vortrag auf ein Datum nach dem bevorstehenden Internationalen Frauenkongress zu verschieben.323 Auch diese Ansprache wurde ein Erfolg.
Hatte Adele Schreiber mit den Vorträgen in Frankreich ihren eigenen Lebensunterhalt sichern können, musste sie sich zwischenzeitlich auch um den ihres Mannes kümmern, der, so scheint es, keine Verdienstmöglichkeiten gefunden hatte. Sie selbst hatte genügend Aufträge und wollte gern noch in Frankreich bleiben. Sie wandte sich an Otto Julius Merkel324, bei Aero-Lloyd in Berlin, den sie aus der gemeinsamen Arbeit beim Deutschen Roten Kreuz kannte. Sie hoffte auf dessen internationale Beziehungen bezüglich einer Tätigkeit für ihren Mann. Es ist einer der seltenen Briefe, der Einblick gibt in ihre privaten Lebensumstände. "Unsere Entscheidungen bieten aber einige Schwierigkeiten im Hinblick auf die Tätigkeit meines Mannes. Ich schreibe Ihnen ganz offen freundschaftlich und vertraulich mit der Bitte um Ihren Rat und Ihre Unterstützung. Als wir uns [Seite 383↓] entschlossen von Berlin wegzugehen, war durch die ganze wirtschaftliche Krise die ärztliche Tätigkeit meines Mannes schwer in Mitleidenschaft gezogen, um so mehr, als er niemals Kassenarzt war und seine Clientèle fast durchwegs sich aus den freien Berufen, d.h. dem jetzt so verarmten Mittelstand rekrutierte. So war es leider kein grosses Risiko für ihn, die Sprechstunden vorläufig einzustellen, in der Hoffnung auf die wirtschaftliche Erholung in Deutschland. Wir haben unsere Berliner Wohnungen vermietet, um keine Unkosten und doch einen bescheidenen Zuschuß zu unserem Leben in Frankreich zu haben und stehen nun vor der Frage, ob mein Mann, dem inzwischen unser Aufenthalt hier Gelegenheit bot, seine Kenntnisse insbesondere auch Sprachkenntnisse zu erweitern, wieder nach Berlin zurückkehren soll." 325 Da Adele Schreiber aus den Berichten von Freunden wusste, dass eine wirtschaftliche Verbesserung nicht zu erwarten war, erschien es ihr sinnvoller gänzlich umzudenken. "Wie so viele andere Kollegen, hat daher mein Mann schon seit längerer Zeit die Möglichkeit eines Berufswechsels ins Auge gefaßt - aber auch da stehen ihm ja in Deutschland bei der großen Arbeitslosigkeit in allen Kreisen nur wenige Türen offen, die zu einem befriedigenden Ziel führen können. Eines der wenigen unter allen Umständen aussichtsreichen Gebiete scheint uns das Flugwesen zu sein. Ich weiß aber auch, daß man da nur hineinkommen kann durch gute Beziehungen mit Persönlichkeiten an leitender Stelle." 326 Ihren Mann beschrieb sie als zuverlässig und korrekt.327 Adele Schreiber hoffte sehr, dass sich für ihren Mann mit diesem Neuanfang eine sichere Perspektive eröffnen würde. "Ich verspreche mir von diesem Berufswechsel keine goldenen Berge, sondern nur eine voll ausfüllende, befriedigende Tätigkeit für meinen Mann mit vorläufig bescheidener wirtschaftlicher Sicherung, und wir sind bereit, zunächst Opfer dafür zu bringen." 328
Sie brachte es also fertig, Bittbriefe zu schreiben. Bei dem ihr eigenen Stolz muss die Situation wirklich keinen anderen Schritt mehr zugelassen haben. Sie nahm ihren Mut zusammen und rühmte die Fähigkeiten ihres Mannes. Sicher kein leichtes Unterfangen für eine 54jährige erfolgreiche Frau, die gemeinsam mit ihrem Mann die Erfahrung machen muss, dass ihre finanzielle Situation besorgniserregend ist. Plötzlich waren sie in finanzieller Bedrängnis, und [Seite 384↓]eine Besserung war nicht in Sicht. Nach der Inflation waren sie nur zwei unter den vielen anderen, denen es genauso erging, doch in ihrem Alter empfand sie die Lage als bedrohlich. Für sich selbst reichte das Geld vielleicht noch aus, das sie mit ihren Vorträgen verdiente, doch ihr Mann war nicht abgesichert, hatte keine Aussicht auf eine Anstellung und sicherlich war er mit seiner erzwungenen Tatenlosigkeit mehr als unzufrieden. Adele Schreiber hoffte, dass ihr ihre Kontakte und ihr organisatorisches Geschick einen Ausweg eröffnen würden. Ob sie Erfolg mit ihren Bemühungen hatte, ihrem Mann eine Stelle zu besorgen, ist leider nicht mehr nachvollziehbar.
Sicher ist, dass sie auf jeden Fall in Frankreich blieb. Ihre zweite Vortragstournee war wiederum sehr erfolgreich. Adele Schreiber selbst betonte kokett, dass nun als mütterliche weißhaarige Dame sicher gestellt sei, dass alle Ovationen nicht ihr als Person, sondern der von ihr vertretenen Sache galten. Ihre Wirkung war immer noch gleichbleibend stark, wie Berichte von Zeitzeugen bestätigt. "Madame Schreiber weiß schon mit den ersten Worten ihr Publikum zu verführen, einerseits durch die natürliche Sanftheit ihrer Stimme, ohne jeglichen ausländischen Akzent, wie auch durch ihren Charme, der von ihren schönen weißen Haaren und ihrem sehr intelligenten und gütigem Äußerem ausgeht."329 Adele Schreiber war sich zeitlebens der Energie bewusst, die von ihr ausging. Die Intensität und Überzeugung, die sie fähig war auszustrahlen, benutzte sie in Frankreich ganz gezielt, um der Völkerverständigung zu dienen. Dabei setzte sie wie auch schon früher darauf, die Gefühle der Menschen anzusprechen. Sie rief ihre Zuhörer auf, sich als Mensch zu begreifen, als Teil eines Ganzen, dessen freundschaftliches Einverständnis erreicht werden muss, um einen dauerhaften Frieden zu sichern. Sie appellierte immer wieder besonders auch an die Mütter, sich über alle Grenzen hinweg zusammenzuschließen und einvernehmlich jegliche kriegerische Auseinandersetzung abzulehnen, die doch nur ihre Kinder tötet. Adele Schreibers teilweise sehr emotionalen Ansprachen erreichten ihr Publikum: "Der ganze Saal, pulsierend, spendete diesen letzten, mit so viel Herz vorgetragenen Worten, so heftigen Beifall, daß selbst die Augen naß wurden."330
Ihr Anliegen war und blieb darüber hinaus, den Glauben der Welt an die Lebensfähigkeit Deutschlands als Republik zu festigen.
|
| [Seite 385↓] |
Die Erfahrung erster faschistischer Tendenzen blieb ihr allerdings auch in Frankreich nicht erspart. "Meine im Juli durch die Ligue des Droits de l´Homme organisierte Vortragsreise hatte ... volle Säle ... Am bedenklichsten war die Sache in Rouen, einer Stadt, die als Stützpunkt der Reaktion gilt. Ich sprach unter dem Vorsitz des Abgeordneten Monsieur Tilloy. Im Hintergrund des Saales hielt sich eine nicht unerhebliche Abordnung französischer Faschisten und Reaktionäre bereit, den Vortrag zu stören und zu verhindern. Mahnungen zur Ruhe blieben erfolglos, eine Stinkbombe fiel, jedoch nur mit dem Erfolg, daß die Ruhestörer von einigen handfesten Mitgliedern ... in aller Kürze an die Luft gesetzt wurden." 331
Im Nachhinein wird sie bedauern, diese ersten Zeichen als Vorboten des kommenden Nationalsozialismus nicht ernst genug genommen zu haben. Zwar rief sie schon seit der 20er Jahre zur Gegenwehr gegen diese brutalen Formen der Auseinandersetzung auf, aber im Exil wird sie sich vorwerfen, dennoch zu wenig dagegen getan zu haben.
Selbst in der Zeit der erzwungenen Abwesenheit vom Reichstag wollte Adele Schreiber politische Aufklärung im eigenen Land betreiben und sie ließ es sich nicht nehmen, Wahlkampf für Otto Braun 332 zu machen. Sie war entsetzt darüber, dass viele Frauen Parteien unterstützten, die sich nie für ihre Belange eingesetzt hatten und dies auch nicht änderten. Es war ihr völlig [Seite 386↓] unverständlich, wie die Frauen Parteien wählen konnten, die sich ihnen gegenüber entweder immer ablehnend oder zumindest indifferent verhalten hatten. "Reaktionäre Parteien hatten allzu leichtes Spiel, dank der politischen Unerfahrenheit der Frauen." 333 Sie wollte die Frauen ermuntern, ihre neu gewonnenen Rechte in ihrem eigenen Sinne auch zu nutzen. Durch das Erstarken der konservativen Kräfte sah sie erreichte Erfolge gefährdet. Sie rief die Frauen nachdrücklich zum Nachdenken auf und schrieb: "Frauen, haltet das Errungene fest mit all Euren Kräften!" 334
In der Zeit zwischen ihren Reichstagsmandaten versäumte es Adele Schreiber auch nicht, auf die erworbenen Rechte der Frau zu pochen, ganz besonders hinsichtlich der Frauenarbeit. Hatten die Frauen im Krieg die Arbeit der Männer übernommen gehabt, verlangten die heimkehrenden Männer ihre Arbeit zurück. Und selbst aus den Berufen, die sich die Frauenbewegung mit dem Hinweis auf die besondere soziale Kompetenz der Frauen erkämpft hatten, sollten die Frauen in der Krise wieder verdrängt werden. Heftig wurde darüber diskutiert, ob verheiratete Frauen das Recht hatten zu arbeiten. Sie wurden öffentlich als sogenannte "Doppelverdiener" verurteilt, da sie ja durch ihre Ehe bereits versorgt seien.
Sogar die selbstverständliche Tätigkeit der Frauen in der Verwaltung, sowie im Wohlfahrts-, Bildungs- und Sozialwesen wurde diskutiert. Adele Schreiber kämpfte gegen diese angestrebte Zurückdrängung der Frauen aus der Arbeitswelt, indem sie 1925 einen flammenden Artikel gegen die drohende Beseitigung weiblicher Schöffen veröffentlichte. Sie rief die Frauen zur Gegenwehr auf: "Bekämpft im Interesse eures Schamgefühls die einseitig männliche Gerichtsbarkeit! Haltet die so schwer errungenen Rechte fest, wo immer man sie antastet. Was hier vorgeht, ist nur ein Stück der allenthalben einsetzenden Reaktion gegen die Weimarer Verfassung, die Steinchen um Steinchen abgetragen werden soll, weil sie die Schutzmauer eines neuen Deutschlands ist. Kampf der Wühltätigkeit dieser Reaktion! Frauen, hinein in die Reihen der Kämpferinnen, ehe es zu spät ist." 335
Für sie war klar, dass sich die Diskussion um ganz grundlegende Fragen des Geschlechterverhältnisses drehte. Nicht nur, dass Frauen aus einzelnen Arbeitsbereichen verdrängt werden sollten, es ging um die generelle Stellung der Frau in der Gesellschaft und die ihr entgegengebrachte Wertschätzung. Deutlich wurde das für sie ebenso in der Auseinandersetzung über die Frage des Beamtinnenabbaus. Frauen, die verheiratet waren, sollten [Seite 387↓]gekündigt werden, auch wenn ihnen der Beamtinnenstatus eigentlich eine lebenslängliche pensionsberechtigte Anstellung garantiert hatte. Alle weiblichen Reichstagsabgeordneten schlossen sich daraufhin zusammen, um dieser Ungerechtigkeit entgegenzutreten und baten ihre männlichen Kollegen um Unterstützung.336 Mit einer Stimme Mehrheit konnte in der zweiten Lesung das Unrecht abgewehrt werden. Zwar verurteilten die Delegierten auch auf dem SPD-Parteitag 1931 in Leipzig noch die Kampagne gegen die Erwerbstätigkeit der Frauen, was sie ein Jahr später jedoch nicht davon abhielt, einem Gesetz zuzustimmen, in dem unkündbare Arbeitsverträge für Beamtinnen in kündbare umgewandelt wurden. Viele Sozialdemokraten waren während der Weltwirtschaftskrise der Meinung, dass verheiratete Frauen, auf Grund der vielen fehlenden Arbeitsplätzen, als erste entlassen werden sollten.
Endlich, 1928, wurde Adele Schreiber wieder eine der Frauen im Reichstag und hatte die Möglichkeit, in der offiziellen Politik Deutschlands tätig zu werden. Sie bekam zur Reichstagswahl einen Listenplatz und wurde wiedergewählt. 337 Sie konnte sich wieder einmischen, sie durfte von neuem mitarbeiten. Sie war erleichtert, weil sie ihr Ziel erreicht hatte. Der Bruch und die Enttäuschung, die sie erfahren hatte, konnten nun verarbeitet werden.
Ganz im Gegensatz zu ihrer internationalen Tätigkeit als Rednerin trat sie im Reichstag kaum in Erscheinung. In den insgesamt acht Jahren ihrer Reichstagszugehörigkeit sprach sie nur zweimal vor dem Hohen Hause, einmal in ihrer ersten Legislaturperiode über die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten und Prostitution, das zweite Mal in ihrer zweiten Legislaturperiode über den § 218, obwohl sie zu vielen der behandelten Themen umfangreiche Materialien erarbeitet hatte.338 Sie selbst begründete diesen Umstand in einem Rundfunkvortrag 1928 folgendermaßen: [Seite 388↓] "Die zweite Frage `Werden Sie heute sprechen?´ bekundete eine gewisse Naivität. Wir finden diese aber auch vielfach in jenen Kreisen deutschen Publikums, die sich wenig mit Politik befassen. Uneingeweihte machen sich oft ein etwas phantasievolles Bild vom Reichstag. Sie sind entsetzt, wenn gelegentlich Besuch ihnen von der Tribüne einen fast leeren Saal zeigt und können´ s nicht begreifen, daß der größte Teil der Abgeordneten, nur in weiten Abständen Gelegenheit findet, eine Rede im Plenum zu halten. Von den 500 Parlamentsmitgliedern nimmt nur eine kleine Zahl führender Persönlichkeiten der Fraktionen zu großen politischen Fragen regelmäßig das Wort, die übrigen Fragen geben, auf die Sitzungen des ganzen Jahres verteilt, dem einzelnen Abgeordneten nur sehr wenig Möglichkeiten zu rednerischen Betätigung, je größer und einflußreicher seine Fraktion ist, weil ja große und kleine Fraktionen über die gleiche Redezeit verfügen, die sich dann auf 15 - oder auf 150 Mitglieder verteilt." 339
Das Schwergewicht aller Aktivitäten, so Adele Schreiber, liegt in den Parlamentsausschüssen, in denen viele Frauen aktiv mitarbeiten. Nicht unerwähnt konnte dennoch bleiben, dass einige Parteien an der neuen Entwicklung nicht teilnahmen. "Die Wirtschaftspartei, die Nationalsozialisten und Deutschvölkischen sowie sonstige Splitterparteien haben überhaupt keine Frauen aufgestellt." 340 Vieles blieb noch zu tun, aber Adele Schreiber gab eine realistische Einschätzung der politischen Frauenarbeit: "Wer keine Wunderdinge erwartet hat, der wird mit der bisherigen parlamentarischen Frauenarbeit voll zufrieden sein. Objektive Berichterstattung ergibt, daß die sechs oder sieben Frauen auf je hundert männliche Abgeordnete sicherlich mehr als diesen Prozentsatz wesentlicher und wertvoller Arbeiten, beigetragen haben, daß sie gewissenhaft und mit Sachkenntnis, im Plenum wie vor allem in den Ausschüssen gewirkt haben und obwohl es ihnen keineswegs an Temperament fehlt, gute Disziplin hielten." 341 Mit den erzielten Ergebnissen war sie nicht unzufrieden, auch wenn sie in ihrer politischen Arbeit deutlich an Grenzen gestoßen war. Für sie zählte aber darüberhinaus, dass eine neue Zeit begonnen hatte. Die Frauen arbeiteten offiziell in der Politik mit, und auf jeden kleinen Schritt war Adele Schreiber stolz. Das Erreichte konnte als Erfolg verbucht werden.
|
| [Seite 389↓] |
Daneben gab es Ansätze der Zusammenarbeit aller Frauen über die Parteigrenzen hinweg. "Dennoch fanden sich in verflossenen Reichstagen in vereinzelten Fällen, wo es sich um Jugendwohl, Frauenforderungen oder bestimmte soziale Bestrebungen handelte, Parlamentarierinnen aller Richtungen über Parteitrennungen hinweg in weiblicher Solidarität zusammen. Auch in Zukunft dürften solche Fälle wieder vorkommen. Es ist zu wünschen, daß sie sich im neuen Reichstag immer dann ergeben, wenn es gilt, für Forderungen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit, der Völkerverständigung und Volkswohlfahrt, Frauenkräfte zusammenzufassen. Damit erwächst den einzelnen Parlamentarierinnen die Aufgabe, im Rahmen ihrer eigenen Fraktionen, auch gegen den Widerstand ihrer männlichen Kollegen ihre weibliche Auffassung zur Geltung zu bringen." 342
Bei dem grundsätzlichen Anspruch, den Adele Schreiber bei all ihren Aktivitäten verfocht, und der in besonderem Maße das friedliche Zusammenleben der Menschen sowie auch die Zusammenarbeit aller über jegliche Grenzen hinweg beinhaltete, war sie natürlich auch Mitglied der Interparlamentarischen Union. 1888 gegründet, hatte es sich die Organisation zum Ziel gesetzt, Parlamentsmitglieder verschiedener Staaten im Interesse der Friedenssicherung und der Lösung globaler Probleme zu gemeinsamer Arbeit zusammenzuschließen. Während ihrer Zeit als Reichstagsabgeordnete war Adele Schreiber in beiden Legislaturperioden Mitglied der Interparlamentarischen Union und nahm an deren verschiedenen jährlichen Kongressen teil.343
So stellte sie sich wirkungsvolle Arbeit vor. Im Dienst der Sache an einer gemeinsamen Aufgabe zu arbeiten, Kompromisse zu finden und Toleranz zu üben, das verstand sie unter effektiver Arbeit, über den eigenen Horizont hinweg, wo kein unnötiges Taktieren nötig war. Die Liebe zu unorthodoxem Denken bestimmt einen wichtigen Teil in ihrer Vorstellung von einer demokratischen Gesellschaftsordnung. Doch ihre Idee von der Arbeit in der Interparlamentarischen Union relativierte sich im Verlauf der praktischen Arbeit selbst. Wie in allen anderen nationalen und internationalen Organisationen bemängelte Adele Schreiber die auch in der Interparlamentarischen Union nur sehr zögerlich stattfindende Einbindung der Frauen in die Arbeit. 1928 beklagte sie, dass die Frauen nach immerhin fast zehn Jahren Mitarbeit in der Politik "erst spärlich" 344 in der interparlamentarischen Körperschaft zu finden sind.345 1931 gab [Seite 390↓]sie anlässlich eines Vortrages vor der Liga des Völkerbundes eine schonungslose Beschreibung ihrer eigenen Befindlichkeit hinsichtlich der Situation in Deutschland. An den politischen Verhältnissen hatte sich ihrer Meinung nach viel verändert, jedoch waren es keine positiven Veränderungen: "Voraussetzung der so heiß ersehnten Völkerverständigung ist für uns Volksverständigung, ist Bekämpfung jener politischen Verwilderung, die heute leider das politische Leben Deutschlands vergiftet. Es ist, namentlich für eine Frau deprimierend zu erkennen, wie kindlich der Glaube daran war, daß die Teilnahme der Frau an der Politik es vermögen würde, bessere politische Sitten herbeizuführen. Wir fühlen, wie machtlos wir sind. Und doch können wir alle kämpfen für das, was Deutschland braucht: die Einheitsfront aller anständigen Menschen!" 346 Dabei ging es nicht darum verschiedene Meinungen nicht zuzulassen, sondern andere Meinungen zu respektieren. "Die Achtung vor Deutschland im Ausland muß es vernichten, wenn man Tag für Tag in Zeitungen von wüsten Ausschreitungen hört, vom Einschlagen von Fensterscheiben begonnen bis zu Bluttaten, bis zum Niederknüppeln harmloser Passanten, bis zu förmlichen Pogromen mitten im belebtesten Teile von Berlin. ... Ich wünsche Ihnen, daß Sie von der politischen Zerrissenheit bewahrt bleiben, die heute Deutschland schwerste Gefahr ist." 347 Zwei Jahre vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten waren die Zustände in Deutschland bereits unerträglich geworden. Adele Schreiber hatte schon zu diesem frühen Zeitpunkt offensichtlich begonnen, über die unhaltbare Situation nachzudenken, wenn sie auch keine Lösungen hatte. Ihre schonungslose Analyse der politischen Lage wird überaus zeitig zu ihrem Weggang aus Deutschland führen.
Neben der fortdauernden Sorge Adele Schreibers um die politische Entwicklung Deutschlands, blieb auch die nicht umgesetzte Gleichberechtigung der Frauen in der SPD ein ständiger Kritikpunkt. Obwohl die SPD als erste Partei die Mitarbeit der Frauen gefordert hatte, blieb die [Seite 391↓]Umsetzung der Gleichberechtigung in der Praxis lange hinter der Theorie zurück. Bereits in ihrer ersten Legislaturperiode im Reichstag konstatierte Adele Schreiber den hohen Frauenanteil in dem von ihr geleiteten Ausschuss für Bevölkerungspolitik. Zum einen hatte sie immer dafür gekämpft, dass den Frauen die gleichen Chancen hinsichtlich der zu besetzenden Positionen zugebilligt würden, in dieser Situation war ihr jedoch bewusst, dass die Männer den Frauen nicht aus Galanterie den Vortritt in diesem Ausschuss überlassen hatten, sondern dass das männliche Interesse an der Thematik nicht sehr groß war. Profilieren, so die weitverbreitete Ansicht bei den Genossen, konnte man sich in der Außen- oder in der Wirtschaftspolitik, nicht jedoch im sozialen Bereich. Als einzige Frau schaffte es während der Weimarer Republik lediglich Toni Sender, sich außerhalb des sozialen Bereichs im wirtschaftspolitischen Kreis Anerkennung zu verschaffen. Alle Positionen außerhalb der Sozialpolitik wurden von den Männern als ihr persönliches Eigentum eifrig gehütet. Dies veranschaulicht gut die reaktionäre Haltung der Männer innerhalb der SPD. Man ruhte sich auf der eigenen Geschichte aus, wie Adele Schreiber monierte: "Es kann uns nicht genügen, festzustellen, daß die Sozialdemokratie den bürgerlichen Parteien überlegen ist, wir können nicht dauernd davon reden, daß unsere Partei früher als andere, damals als einzige die weibliche Gleichberechtigung anerkannte ... Von historischen Verdiensten läßt sich bei aller Anerkennung, die ihnen gebührt, nicht leben, von ihnen allein kann eine Bewegung nicht die Kraft zum Wachstum ziehen." 348 Denn nachdem sich die SPD schon 1890 im Erfurter Programm für das allgemeine, gleiche, vom Geschlecht unabhängige Stimmrecht eingesetzt und sich nicht auf das "Mütterlich-soziale" zurückgezogen hatte, beherrschte nach dem Ersten Weltkrieg die reformistische Linie die Parteipolitik. Während der Weimarer Republik stützte sich die Einstellung der Partei zur Frauenfrage nicht mehr auf Bebel, sondern es setzte sich ein traditionelles Familien- und Frauenbild durch, welches sich nur in Einzelheiten von dem der konservativen Parteien unterschied. Auch zum BDF mit seinem Programm der "Organisierten Mütterlichkeit" besteht größtenteils Deckungsgleichheit. Für Adele Schreiber konnte die Zukunft der SPD hingegen nur in der Abgrenzung von diesen konservativen Tendenzen liegen: "Die Sozialdemokratie muß in jeder Hinsicht die Partei der Frau werden, die Partei, in der die Frau fühlt, daß ihr volle Kameradschaft und Achtung zuteil wird, daß wirklich freie Bahn für die Tüchtigen, ohne Rücksicht auf das Geschlecht, [Seite 392↓] besteht, daß `Frauenangelegenheiten´ nicht als bedeutungslos nebenbei abgetan werden. ... Die Partei, die es versteht, die Frauen nicht nur mit Worten zu begeistern, sondern die tatsächlich alles für ihren Fortschritt einsetzt, die Ernst macht mit der Verehrung der Mutterschaft, die ein für allemal auch hier das Herrschen des Mannes und das Dienen der Frau als überlebte Sklavenmoral beiseiteschiebt, wird unüberwindlich." 349 Im Gegensatz zu Adele Schreibers Erwartungen erlebte in der Gesellschaft die "hausmütterliche Tätigkeit" eine starke Aufwertung, auch um die Frauen aus den während des Krieges eroberten Berufen zurückzudrängen, da sie den Männern nicht den Arbeitsplatz streitig machen sollten. Selbst das Bemühen, die Frauen innerhalb der Politik auf den sozialen Bereich zu orientieren, folgt diesem Muster, da es ihren weitgehenden Ausschluss aus allen anderen Ressorts bedeutete. War ihnen dieser Bereich zugestanden worden, teilten sich die Genossen die anderen Posten untereinander auf. Die Diskriminierung der Frauen wurde so selbst in der SPD fortgesetzt, da die Genossinnen wiederum keinen Einfluss auf wirtschaftliche oder außenpolitische Entscheidungen hatten. Ganz unschuldig waren die Frauen an der Stagnation ihrer Forderungen jedoch keinesfalls, wie Adele Schreiber betonte. Die Frauen selbst täten nicht genügend gegen die Benachteiligung. Sie ließen es zu, dass man sie auf ihre Plätze verwies. Überraschenderweise war die überhebliche Zurücksetzung der Genossinnen selbst in deren Reihen nicht wirkungslos geblieben: "`Ich bin gewiß keine Frauenrechtlerin, aber ... ´ fast ausnahmslos leiten unsere Genossinnen ihre Forderungen zugunsten des eigenen Geschlechts mit dieser Entschuldigung ein. Nun - wenn es besser werden soll, bedürfen wir keiner solchen Einschränkung." 350 Um die Männer nicht abzuschrecken, versuchten viele Frauen von vornherein, jeglicher auch nur vermuteter Abwehrhaltung gegen sie als Frau entgegenzutreten, indem sie sich von allen Bemühungen der Frauenbewegung distanzierten, von der sie wussten, dass die Männer sie mit Argwohn betrachteten. Ein Grund für die Unterordnung der Frauen war die Begeisterung, nach dem Ersten Weltkrieg überhaupt mitarbeiten zu dürfen. Statt wirkliche Gleichberechtigung immer wieder anzumahnen und auch darum zu kämpfen, beugten sie sich jedoch den normalen männerdominierten politischen Umgangsformen. Sie ließen sich so immer abspeisen mit der Hoffnung auf später und dem sicheren Hintergrund der im Parteiprogramm fest verankerten Gleichberechtigungsversprechen. Sie ließen sich beruhigen und verloren damit doch Boden, der [Seite 393↓]nicht zurückzugewinnen war. "Wohl hat die deutsche Sozialdemokratie in ihrem Erfurter Programm die volle Gleichberechtigung der Geschlechter proklamiert ... aber darüber hinaus ist auch in den Kreisen der Sozialdemokratie weder von den Frauen selbst noch von den Männern ein dauernder, zielsicherer Kampf gerade um diesen Programmpunkt geführt worden. Die Frauen fanden sich damit ab, ihre Hoffnung auf die Zukunftsentwicklung zu setzen. Sie stellten ihre Sonderwünsche zurück, zeigten, was die schwer überlasteten Besitzlosen anbelangt, eine der deutschen Frau eigentümliche Bescheidenheit und Unterordnung unter jede Unfreiheit und in allen Kreisen eine nicht zu verkennende politische Lethargie." 351
Allein mit der Erlangung des Stimmrechts, das hatte Adele Schreiber immer betont, war der Kampf der Frauen nicht gewonnen, wenn die praktische Umsetzung nicht erfolgte. Sie wies nachdrücklich auf die andauernden Missstände hin und gab ihrer Enttäuschung über die dürftigen Veränderungen Ausdruck, sicher auch, weil sie sich selbst international weitreichendere Einsatzmöglichkeiten zugetraut hätte: "Durch Übertragung größerer und mannigfaltigerer Aufgaben, je nach dem Können, würde aber zweifellos mehr aus den weiblichen Mitgliedern im Reichstag wie an anderen Stellen herausgeholt werden. Einzelne sind durch Fähigkeiten wie durch glückliche Umstände zur vollen Auswirkung gelangt, aber noch liegt ein gut Teil Frauenkraft für die politische Arbeit brach. Vielleicht wird auch noch immer unterschätzt, was Frauen, über Wohlfahrtsfragen hinaus, in verantwortlicher Politik, namentlich auch auf internationalem Gebiet, leisten könnten, wenn sie die Möglichkeit hierzu hätten. Viele Frauen sind gewiß nicht unbegabter als ihre männlichen Kollegen, sondern vielleicht nur zurückhaltender darin, sich eigene Geltung zu erkämpfen. Im Interesse des Ganzen wäre es, alle Kräfte voll auszunutzen und an den richtigen Platz zu stellen." 352
Die wenigen Frauen, denen verantwortungsvolle Posten zugestanden worden waren, dienten eher der Beruhigung des Gewissens als dem ernsthaften Willen, die Frauen in die Arbeit zu integrieren.353 In der Parteiarbeit führte sich dieses Prinzip fort. "Oft hören wir aus den Unterbezirken erzählen, wie geringschätzig seitens männlicher Genossen von Frauenarbeit, Frauenangelegenheiten, Frauenabenden gesprochen wird - sicherlich nicht der Weg, die Tätigkeit der Frauen zu beleben. Die Frauen fühlen es deutlich, daß auch innerhalb der Partei das einer überlebten [Seite 394↓] Geschichtsepoche entstammende männliche Herrschertum nicht überwunden ist." 354 Einfacher als die praktische Umsetzung ist eben immer die theoretische Ablehnung der bestehenden Situation. "Die Frau wird als Mensch geringerer Fähigkeiten angesehen ... Natürlich gibt es Ausnahmen, zahlreiche `Mustergenossen´, aber - sind sie nicht doch eben die Ausnahme?" 355 Die "sogenannten" Frauenthemen wurden zumeist in die Reihen der Frauen zurückverwiesen. Die Männer nahmen ihre Probleme nicht ernst und wollten sich schon gar nicht von einer Rednerin über aktuelle Problemstellungen informiert werden. Viele Frauen ließen diese Verhältnisse vor einer Teilnahme an einer Parteiarbeit zurückschrecken. "Um bei der Gewinnung der Frauen zu bleiben - das Tempo wird im wesentlichen vom festen Willen der Männer, hier mitzuarbeiten, abhängen. Je mehr sich die Frauen in der Partei als willkommene Kameradinnen sehen, je mehr sie fühlen, daß die Lehren des Parteiprogramms angewandt werden im täglichen Leben, um so zahlreicher werden sie kommen, alle ökonomischen Schwierigkeiten überwinden." 356
Deutlich wird der Zwiespalt, in dem sich Adele Schreiber befand. Zum einen bestanden patriarchale Herrschaftsstrukturen fort, zum anderen gab es jedoch bereits einzelne "Mustergenossen", die sich für die Frauen in der SPD einsetzten. Sie fühlte sich unwohl in der Partei, die sie trotz aller Programme als Frau augenscheinlich nicht ernst nahm. Biedere und konservative Kleinbürger bildeten die Mehrheit einer Partei, von der sie mehr erwartet hatte. Das so langwierig erkämpfte Wahlrecht konnte zu ihrer Enttäuschung nicht in dem Ausmaß von den Frauen genutzt werden, wie sie es sich erhofft hatte. Mit ihren offiziellen Stellungnahmen rebellierte Adele Schreiber. Sie konnte dieser Ungerechtigkeit nicht ruhig zusehen, und sie wollte sich nicht zurücknehmen, wollte sich nicht mit den Gegebenheiten abfinden, denn sie war sich sicher, dass auch die Politiklandschaft veränderbar ist. Sie wollte Einfluss in der Partei gewinnen. Das erschien ihr besonders nötig in der nach außen hin fortschrittlichen SPD, wo gegen alle Bekundungen die alten überholten Geschlechterrollen fortlebten. Sie bedauerte, wie schwerfällig und konformistisch die Mehrzahl der Genossen dachte, wenn es um die Belange der Frauen ging.
Allein Beschlüsse waren nicht ausreichend, um alte Traditionen des Patriarchats zu durchbrechen, auch nicht hinsichtlich der SPD-Parteimitglieder. "Theoretisch war die Frau gleichberechtigt, d.h. im Programm. In der Praxis, d.h. in der Familie und Ehe, lebte der alte Adam. ... Bewegliche Klagen konnte man auf Parteitagen hören über die Zurücksetzung der Frauen, [Seite 395↓] Interesselosigkeit an ihren Problemen. Sie wurden unterstützt von einigen mutigen männlichen Funktionären, aber obwohl die Hälfte aller Wahlstimmen weibliche waren, siegte überall die Angst vor der weiblichen Konkurrenz." 357
Denn obwohl viele Frauen in der Arbeiterwohlfahrt arbeiteten und dadurch mit den Familienstrukturen und Lebensbedingungen der Arbeiterklasse im ständigen Kontakt waren, unterschätzten sie die Dauerhaftigkeit von Werten nicht nur im proletarischen Milieu, sondern auch in der eigenen Partei.358 Dieses Frauenbild veränderte sich auch während der Weimarer Republik kaum. Wie schwierig es werden würde, von den Männern als gleichberechtigt anerkannt zu werden, war den Frauen nicht bewusst gewesen.
Ihrer Meinung nach spielte die Partei ein falsches Spiel, und genau das versuchte sie mit ihren Veröffentlichungen anzuprangern. Sie war bemüht, sehr diplomatisch und nicht allzu fordernd aufzutreten, vergaß aber keinen Kritikpunkt, der ihr auf dem Herzen lag. Ihre Bemühungen, das musste sie bald erkennen, waren aber nicht unbedingt von Erfolg gekrönt: "Wir wissen, daß dieser Zwiespalt zwischen theoretischer Erkenntnis und gefühlsmäßiger Einstellung vieler Sozialisten eine zwangsläufige Folge jahrtausendelang ausgeübten männlichen Herrschertums ist. Wir sind geschult genug, um zu verstehen, daß es zur Zeit gar nicht anders sein kann. Zugleich aber haben wir die Erkenntnis, daß es anders werden muß. Diese Erkenntnis wird erfreulicherweise von zahlreichen Männern der Partei geteilt, die nicht im parteipolitischen, aber im geistigen Sinne `Unabhängige´ sind. Diese verstehen die Berechtigung der Klagen über die noch zu geringe Zahl der Frauenmandate in allen Körperschaften, die ungenügende Berücksichtigung der Wählerinnen, die Benachteiligung bei der Vergebung von Delegationen, die Vernachlässigung der Frauenschulung, zu geringe Aufwendungen für die Frauensache, Widerstände vieler Parteigenossen gegen die politische Arbeit und Organisation ihrer eigenen Frauen. ... wenn man als Frau einen Beitrag einsendet, besteht die allergrößte Gefahr, daß er unweigerlich in der Frauenbeilage endet - wo er von keinem Mann gelesen wird. So wurde z.B. ein Artikel, betreffend die Frauenfrage in der Partei, unter dem Titel `Es muß besser werden´ (Ein ernstes Wort an die Männer der Partei) von vielen Blättern abgedruckt - aber in der Frauenbeilage, also gerade dort, wo er zwecklos war." 359
|
| [Seite 396↓] |
In dem oben erwähnten Artikel hatte sie als Nachtrag zum 1925 in Heidelberg stattgefundenen Parteitag einige grundsätzliche Bemerkungen zur Gleichberechtigung in der Partei gemacht, die ihre Enttäuschung über die festgefügten Zustände in der Partei verdeutlichen. Dabei wurde auch klar, dass sie mit ihrer Kritik an den Genossen nicht völlig allein stand.360 Neben Marie Juchacz äußerte sich auch Toni Pfülf über die Kluft, die hinsichtlich der Gleichberechtigung zwischen Anspruch und politischem Alltag bestand.361
Neue Formen der Agitation sollten gefunden werden, um die Frauen für die Politik zu interessieren. Generell wurde beklagt, dass sich die Frauen nicht genügend an der Parteiarbeit beteiligten, was aber angesichts der Schwierigkeiten, mit denen sie sich konfrontiert sahen, sobald sie sich engagierten, wenig verwundert. Die bestehenden Kräftekonstellationen erschienen den Frauen als unüberwindliches Hindernis bei der Durchsetzung ihrer eigenen Interessen. Ein Kampf gegen die Übermacht der Männer sah wenig erfolgversprechend aus. Das Grundproblem lag in der Frage, warum die Männer eine wirkliche Beteiligung der Frauen gar nicht wünschten. Diese Problematik, die sich auch in den den Frauen bei den Wahlen zugewiesenen Listenplätzen362 widerspiegelte, nahm Adele Schreiber auf. "Aber es soll hier weniger auf [Seite 397↓] sogenannte Frauenpropaganda eingegangen werden als auf eine, meines Erachtens, vor allem entscheidende Frage: die Stellung der Männer in der Partei zur Frauenfrage. Mit der Forderung verfassungsmäßiger Gleichstellung im Programm ist leider noch nicht alles getan. Nötig erscheint es, daß im politischen Leben der Partei und auch im persönlichen Leben der Parteimitglieder das Prinzip der Gleichstellung der Geschlechter in vollem Umfange befolgt und so ein Beispiel gegeben werde. Es ist nicht verwunderlich, daß auch im Sozialisten Überreste alter Anschauung, alter Vorurteile nicht völlig überwunden sind, daß er es vielfach nicht vermag, sich zu befreien von eingewurzelten falschen Vorstellungen, die er (unbewußt) in sich aufgenommen hat. Bebels vor mehr als vierzig Jahren geschriebene Worte treffen noch heute zu." 363
Besonderen Widerstand leisteten die Männer dann, wenn Frauen in Bereiche vordringen wollten, die bisher den Männern vorbehalten gewesen waren. Ein Kampf der von den Männern, so Adele Schreiber, auch "gegen die ökonomische und geistige Unabhängigkeit der Frau vom Mann" 364 geführt wird. Besonders bedauernswert war ihrer Meinung nach, dass selbst erreichte Positionen in der Partei von den Frauen nicht hinreichend in ihrem eigenen Sinn genutzt wurden. Die Männer, so ihr Fazit, waren untereinander bedeutend besser organisiert und verstanden es zudem, sich in ein günstiges Licht zusetzen. Sie kannte den Klatsch, die Eifersüchteleien und die Rivalität, die im Parteialltag an der Tagesordnung waren, und sie hatte selbst schon die Erfahrung gemacht, dass es vorteilhaft war, sich Rückendeckung zu besorgen. Auf die gegenseitige Unterstützung der Frauen aus weiblicher Solidarität heraus, war kaum zu rechnen. Die Frauen waren zurückhaltender, sich untereinander zu helfen, was sich aber bei der Verteilung der Positionen nachhaltig ungünstig für sie auswirkte. Adele Schreiber musste schnell feststellen, dass die Partei, der sie angehörte und die offiziell die Gleichberechtigung auf ihre Fahnen geschrieben hatte, der Mitarbeit der Frau in vielen Bereichen Steine in den Weg legte. Sie war darüber empört, besonders als sie feststellen musste, dass auch nach Jahren keine Verbesserungen sichtbar wurden. Die Hoffnung auf die sich normalisierende Zusammenarbeit zwischen Frauen und Männern innerhalb der Partei, die sie zu Beginn ihrer Tätigkeit im Reichstag noch gehabt hatte, hatte sie verloren. Sie vertraute nicht mehr auf den Gang der Ereignisse oder den unvermeidlichen Lauf der Geschichte, der die Ebenbürtigkeit der Frauen bringen musste. Lieber [Seite 398↓]wollte sie selbst an den Veränderungen mitwirken und so sicher gehen, dass notwendige Umwälzungen in Gang gesetzt wurden.
War Adele Schreiber schon seit früher Jugend eine Persönlichkeit, die weiß, was sie will, bewies sie ihre geistige Unabhängigkeit und auch ihre Stärke mit der öffentlichen Stellungnahme gegen ihre Parteigenossen. Gleichzeitig zeigt es aber auch ihre Widersprüchlichkeit, weil sie zwar rebellierte, sich demgegenüber aber ihrer eigenen Abhängigkeit sehr bewusst war. Sie fühlte sich von ihrer eigenen Partei behindert. Dennoch brauchte sie diese Gruppe. Immer war und blieb es ihr ein Bedürfnis, Leute um sich scharen, die sie unterstützten. Ihr grundsätzliches Bestreben ging dahin, gemeinsam mit Gleichgesinnten zu arbeiten. Ihr lag viel daran, sich austauschen zu können und vereint zu arbeiten. Sie wollte, bei allen Schwierigkeiten, innerhalb der Partei wirken. Hinzu kam, dass sie, um größtmögliche Effektivität zu erzielen, auch auf den Rückhalt, den eine starke Organisation zu bieten hat, nicht verzichten wollte. Zweifellos stellte sie sich die Frage, ob die SPD die richtige Wahl gewesen war. Dass sie diese Frage mit "ja" beantwortete, ist an ihren Bemühungen zu erkennen, 1928 wieder für die Reichstagswahl aufgestellt zu werden. Wo sonst hätte sie sich wirkungsvoller für Kinder- und Mutterschutz engagieren können? Waren die Rahmenbedingungen und der Rückhalt in der Partei nicht als ideal zu bezeichnen, so war es doch immer noch die aussichtsreichste Möglichkeit, Politik mitzugestalten.
Die Vorstöße, eine eigene Frauenpartei zu gründen, lehnte sie ab, wie sie es Jahrzehnte zuvor auch hinsichtlich einer Frauenuniversität getan hatte: "... so hat doch die Idee einer zusammenfassenden Frauenpartei weder Berechtigung noch Aussicht auf Verwirklichung. Die Frauen sind in ihren politischen Überzeugungen genau so verschieden wie die Männer und ihre Ansichten entsprechen den Parteien, denen sie sich anschlossen." 365 Eine selbstgewählte Isolation war für sie keineswegs der richtige Weg, um sich in der Gesellschaft zu behaupten. Die Anerkennung der Frauen musste in der Auseinandersetzung mit den Männern passieren, denn eine Zusammenarbeit der Geschlechter sollte entwickelt werden. Der Rückzug der Frauen in eigene Sphären stünde diesem Bestreben entgegen. Nur mit der erwünschten Zusammenarbeit war es überhaupt denkbar, den Traum einer neuen Gesellschaft Realität werden zu lassen. Nur wenn Frauen und Männer gemeinsam und gleichberechtigt in der Öffentlichkeit wirken können, dessen war sie sich [Seite 399↓]gewiss, konnte eine neue, gerechte Gesellschaftsordnung Wirklichkeit werden. Ihrer Meinung nach bedeutete der Rückzug der Frauen in eigene Bereiche nur die Schaffung neuer Barrieren.
Auch Toni Pfülf wies die Idee der Frauenpartei weit von sich, sprach jedoch die mangelnde Anerkennung der Genossinnen untereinander an, denn ganz im Gegensatz zur amerikanischen Frauenbewegung existierte in Deutschland keine besonders ausgeprägte Solidarität der Frauen untereinander.366
Den Frauen gelang es trotz aller Schwierigkeiten, innerhalb der Politik ihre Macht zu demonstrieren. Als Folge der Vernachlässigung frauenspezifischer Probleme in der sozialdemokratischen Frauenbewegung ging der Anteil der weiblichen Parteimitglieder stark zurück. Ihre Zahl stieg erst wieder mit der erneuten Aktivierung der Frauenarbeit in der SPD 1927, was sich in einer Steigerung der Mitgliedszahlen von 148000 im Jahr 1924 auf 201000 im Jahr 1929 manifestierte. Diese deutliche Steigerung lässt sich auf den wachsenden Prozentsatz der arbeitenden Frauen, aber auch auf eine verstärkte Werbung der Partei bei Frauen wie auf die verstärkte Schulung der weiblichen Mitglieder zurückführen. Ab 1930 organisierte die SPD eine Reihe von Veranstaltungen zum Internationalen Frauentag, verbunden mit dem Protest gegen die Notverordnungen, gegen das Frauenbild der Nazis und für das Recht der Frauen auf Arbeit.
Adele Schreiber musste 1930 jedoch ernüchtert konstatieren, dass es generell nicht gelungen war, die Mehrheit der Frauen für Politik überhaupt nur zu interessieren. "Die politische Frauenbewegung schreitet vorwärts. ... Dieser Aufstieg müßte sich viel schneller vollziehen, stünde ihm nicht nur die Verständnislosigkeit der Hausfrauen, sondern auch die weiter Kreise Berufstätiger nicht im Wege. Millionen von Frauen, die den harten Daseinskampf kennen, fördern dennoch Parteien, deren Interessen den ihren völlig entgegengesetzt sind. Daneben steht das große Heer der Gleichgültigen." 367
Konnten sich die Sozialistinnen in der eigenen Partei nicht unbedingt durchsetzen, da sie bei Abstimmungen gegen die Übermacht der Männer nicht ankamen, so bildeten sie in der Weimarer Republik doch eine große progressive Kraft, die im ersten demokratisch gewählten deutschen Parlament, der Nationalversammlung und später dann im Reichstag den größten Anteil weiblicher Abgeordneter ausmachte. Insgesamt war der Frauenanteil im Reichstag der Weimarer Republik sehr gering und betrug jeweils nur zwischen 4-8%. Die Erreichung des Stimmrechts [Seite 400↓]hatte somit keine gleichzeitige grundlegene staatliche Erneuerung im Sinne eines Fortschritts in den Geschlechterbeziehungen mit sich gebracht, wie die Frauen es sich erhofft hatten.
So hatte Adele Schreiber zwar beschlossen, in der Partei zu bleiben, aber sie war sich immer bewusst, dass sie eine Minderheit repräsentierte. Nicht nur, dass sie eine der wenigen Frauen in einer Männerpartei war, auch ihr Engagement in sozialen Fragen traf nur bei wenigen in der Partei, und dann zumeist bei den anderen Frauen, auf Interesse. Das wird deutlich, wenn beispielsweise das Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten vor dem halbleeren Reichstag verhandelt wird.368 Dabei hatte sie gerade bei der SPD den ehrlichen Willen erwartet, mit den Frauen auf gleicher Ebene zusammenzuarbeiten. Seit sie ein junges Mädchen war, hatten für Adele Schreiber Bebels Ansichten über die Mitarbeit der Frauen für diese Partei gestanden. Wie kein anderer war er der ursächliche Grund für ihre Wahl der Partei. Doch sie fand Klüngelbildung, die sich gegen die Veränderung der bestehenden Machtverhältnisse innerhalb der Partei und so auch besonders gegen die Frauen in der Partei richtete. In der zu den Frauen empfundenen Konkurrenz nahmen die Männer oft eine gönnerhafte Pose ein und verwiesen sie auf ihre Plätze. Für Frauen wie Lida Gustava Heymann und Anita Augspurg waren diese offensichtlichen Missstände der Grund, sich von allen Parteien fernzuhalten.369 Adele Schreiber war ebenfalls zu intelligent, um sich über diese Realität hinwegtäuschen zu lassen, und sie hatte diese Erfahrungen bereits 1924 machen müssen, als sie trotz ihres internationalen Engagements ihr Reichstagsmandat verlor. Aber sie traf die bewusste Entscheidung, in der Partei zu bleiben und sich ihren Regeln unterzuordnen.
Damit nahm sie in Kauf, zukünftig mit den Spannungen zu leben, die sich durch ihre Veröffentlichungen sicherlich nicht vermindert hatten. Aber sie wollte auch das Gute sehen und nicht nur die Unzulänglichkeiten im Parteialltag betonen. Gerade im sozialen Bereich hatten die Frauen Verbesserungen erkämpft, auf die sie sehr stolz war.
|
| [Seite 401↓] |
Als Vorsitzende des Bevölkerungspolitischen Ausschusses von 1920 bis 1924 hatte sich Adele Schreiber gleich als erstes mit dem Abtreibungsproblem auseinanderzusetzen.
Im Juli beantragte sowohl die SPD als auch die USPD die Abänderung der § § 218, 219 und 220. Die sozialdemokratische Seite forderte die Abtreibung in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft straffrei zu lassen, die Unabhängigen plädierten für die Straffreiheit jeglicher Abtreibung.
Adele Schreiber war sich bewusst, dass es keine einheitliche Auffassung der Frauen im Reichstag hinsichtlich der Abtreibungsdebatte gab. Auf einen Konsens hoffte sie dennoch, im Interesse aller Frauen, trotz dieser Differenzen: "Binnen kurzem wird sich der Ausschuß mit dem Antrag für die Aufhebung oder Milderung des Abtreibungsverbotes zu beschäftigen haben. Da sind die Ansichten der Frauen der verschiedenen Parteirichtungen stark beeinflußt von ihren religösen Bindungen. Aber eine Einigung wird auch in dieser bedeutsamen Frage wohl erreicht werden." 370 Das große Engagement der Sozialistinnen wurde in ihren Bemühungen um gesundheitliche und materielle Absicherung der arbeitenden Frauen, und dabei insbesondere der Mütter, deutlich. Auch wenn sich die Arbeit der Frauen auf das rein soziale Engagement beschränkte, so wurden doch praktische Verbesserungen für die Frauen der Gesellschaft erkämpft, obwohl nicht alle Initiativen der SPD-Frauen den gewünschten Erfolg hatten. Das zeigt die Auseinandersetzung um die Änderung des Abtreibungsparagraphen 1925/26. Es wurde nicht die geforderte Straffreiheit sondern nur eine Strafmilderung erreicht. Schon 1920 hatten die Frauen der USPD die Streichung des § 218 gefordert, worauf die SPD sich dieser Forderung anschloss und einen Entwurf für eine Fristenlösung vorlegte. Der Kampf gegen den § 218 hatte für Adele Schreiber schon immer einen besonderen Stellenwert gehabt, weil das Abtreibungsverbot untrennbar mit den in der Gesellschaft herrschenden patriarchalischen Machtstrukturen verknüpft war. Für sie war es ein unantastbares Recht jeder Frau, frei über ihren Körper entscheiden zu dürfen. Niemandem konnte ihrer Meinung nach das Recht zugestanden werden, sich über den Willen der Frau zu stellen. Keine Frau durfte gezwungen werden, ein unerwünschtes Kind auszutragen. Zum einen fühlte sich die Gesellschaft für die Verhinderung einer Abtreibung verantwortlich, nicht aber für die notwendigen sozialen Maßnahmen, die besonders ledigen jungen Müttern geholfen hätten, diese [Seite 402↓]neue Situation zu bewältigen. Zum anderen erhöhte das Abtreibungsverbot für viele Frauen, die entschlossen waren das Kind nicht auszutragen, das Risiko bei einer im Geheimen vorgenommenen Abtreibung gesundheitliche Schäden davonzutragen. Der "Bund für Mutterschutz" hatte beim Kampf gegen den § 218 schon seit seiner Gründung 1905 eine Vorreiterrolle gespielt, da er als erster, wie bereits ausgeführt, die Freigabe des Schwangerschaftsabbruchs forderte, in den von ihm überall in der Republik geschaffenen Ehe- und Sexualberatungsstellen über Schwangerschaftsverhütung aufklärte und selbst den ledigen Müttern Unterstützung gewährte.371 In dem 1912 von ihr herausgegebenen Sammelband "Mutterschutz" bekannte sich Adele Schreiber rückhaltlos zu den Ansichten der Abtreibungsbefürworter.372 Verfolgung und Strafe trugen noch nie zur Problemlösung bei: "Und was den Willen zum Leben anbelangt, den Willen, Leben zu zeugen und fortzupflanzen, so braucht es wohl keines Beweises, um darzutun, daß dieser Wille zum Leben niemals erstarkt durch Verfolgung, Einschnürung und Gefängnisstrafen, sondern, indem man den Bürgern eines Staates ihr Dasein lebenswert und wünschenswert macht. ... Aber man wird gut tun, sich von vornherein mit der Tatsache abzufinden, daß jede steigende Kultur einen Geburtenrückgang mit sich bringt." 373 Adele Schreiber erschien die einzig wirksame Maßnahme, die Abtreibung in ihrem Ursprung zu bekämpfen. "Diese Quellen sind in erster Linie bei den illegitimen Müttern: die soziale und wirtschaftliche Notlage, die Angst vor Schande, vor der ungerechtfertigten Ächtung, für deren Beseitigung modernes Frauenempfinden eintreten muß. Jeder Schritt auf dem Wege der Gleichstellung des unehelichen Kindes mit dem ehelichen, des gesetzlichen Schutzes für die Mutter, der Beseitigung der gesellschaftlichen Pariastellung dient der Bekämpfung der Fruchtabtreibung mehr als die strengsten Gesetze. Was die eheliche Mutter anbetrifft, so haben wir die Hauptursache der Abtreibung in der Überlastung mit Geburten ..." 374 Hinzu kam Angst vor Verelendung, Angst vor einer gewalttätigen Reaktion des Mannes auf die erneute Schwangerschaft und in manchen Fällen auch die Angst vor kranken Kindern. Es konnte davon ausgegangen werden, versicherte Adele Schreiber, dass ein Drittel der Fehlgeburten kriminellen Ursprungs waren. Die Verhütung ist jedoch dem Abbruch immer [Seite 403↓]vorzuziehen. Selbst der Vorwurf, dass abtreibende Mütter nur aus Genusssucht, Bequemlichkeit und Feigheit abtreiben würden, sprach ihrer Meinung nach für den Präventivverkehr, sind doch Frauen, die kein Kind wollten, keine guten Mütter. "Im Grunde müssen wir es jeder Frau selbst überlassen, ob sie Mutter werden will oder nicht, ohne mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt zu kommen." 375 Das Referat Camilla Jellineks auf der Tagung des "Bundes deutscher Frauenvereine" im Oktober 1908 in Breslau zitierend, schloss Adele Schreiber sich deren Standpunkt an: "Selbst wenn die Abtreibung etwas moralisch Verwerfliches wäre, gehört sie ebensowenig unter das Strafgesetz wie Ehebruch, gebrochenes Eheversprechen und ähnliche Delikte ethischer Natur."376 Betonen möchte sie dennoch, dass "... es als Pflicht erscheint, zugleich mit der Aufhebung der Strafbarkeit das Bewußtsein zu verbreiten, wie unerwünscht die Abtreibung sowohl vom Standpunkt der Ethik, wie von dem der Volksgesundheit ist. Gerade im Hinblick darauf wird zu betonen sein, daß es dem Willen und der Vernunft des Menschen obliegt, die Entstehung von Leben, das doch nicht zur Reife gelangen soll, zu vermeiden" 377. Die Verhütung von Schwangerschaften ist ihrer Meinung nach die logische Folge der Zivilisation, da in der Folge von kultureller Entwicklung sich die Menschen der Natur bedienen können und ihr nicht mehr ausgeliefert sind. Veränderte Lebensbedingungen verlangen nach einer adäquaten Reaktion der Gesellschaft: "Ich verlange schon seit Jahren Familienberatungsstellen, sozialhygienische Frauenberatungsstellen,die unter gewissenhafter Leitung einer vernunftgemäßen Bevölkerungspolitik dienen. Wir müssen aufsteigen zu einem Qualitätsvolk. Das ist der einzige Weg für uns, um aus der Erbschaft des Krieges herauszukommen. Wenn wir nur eine begrenzte Zahl von Geburten haben, können wir um so besser für jede Mutter, jedes Kind sorgen." 378
Adele Schreiber setzte sich dafür ein, nicht um eine höhere Geburtenziffer zu kämpfen, sondern die bereits geborenen Kinder zu schützen. "Wann macht die sinnlose und unlogische Überschätzung der absoluten Geburtenzahl einer wirklich sinngemäßen überlegten Bevölkerungspolitik Platz?" 379 Nur die bestmögliche Versorgung der geborenen Kinder biete zum einen den Kindern die Chance, ohne Not aufwachsen zu können und zum anderen der Gesellschaft den Nutzen, alle Kinder zu erhalten und gesund zu erhalten. Vorhandenes Leben, ob die Kinder ehelich oder unehelich [Seite 404↓]geboren worden waren, durfte dabei keine Rolle spielen, sollte nicht durch mangelnden Schutz und finanzielle Not vergeudet, sondern in jedem Falle geachtet werden.
Schon 1913 gab es innerhalb der Linken Diskussionen über einen Gebärstreik, um die schwierigen sozialen Verhältnisse der proletarischen Frauen auf diese Weise zu demonstrieren, da der Staat nicht willens war, entsprechende Mutterschutzgesetze zu verabschieden. Doch selbst das linke Spektrum war sich nicht darüber einig, ob diese Protesthaltung dem Proletariat nützen oder schaden würde.380
Der Gebärzwang, der durch die Existenz des Abtreibungsverbotes ohnehin bestand, wurde von den fortschrittlichen Kreisen abgelehnt. Der Gesetzentwurf von 1914 sollte diesen Zustand noch verschärfen, indem selbst die Benutzung von Verhütungsmitteln unter Strafe gestellt werden sollte. Für Adele Schreiber waren diese Ideen inakzeptabel: "Das Schlimmste aber ist, daß dies Wort vom `Gebärzwang´ noch lange nicht den gesetzlich beabsichtigten Eingriff ins Privatleben in seinem ganzen Umfange deckt; der vorliegende Gesetzentwurf ist weit bedenklicher, weil er eine Zusammenwürfelung von `Mitteln , die zur Verhütung der Empfängnis oder zur Beseitigung der Schwangerschaft bestimmt sind´, vornimmt. ... Einen `Gebärzwang´ (um dies unschöne Wort zu gebrauchen) haben wir schon jetzt; es bedürfte nicht der Verschärfung, sondern der Milderung." 381 So ging der 1914 vorliegende Gesetzentwurf in die völlig falsche Richtung: "Das bisherige Gesetz vertritt den Standpunkt: schon der kleinste Embryo hat ein Recht, ausgetragen und geboren zu werden; der neue Standpunkt aber geht darüber hinaus und will, sozusagen, das Liebesleben der Menschen mit der Verpflichtung belasten, dauernd im Dienste der Kindererzeugung zu stehen. Indem man Mittel zur Verhinderung der Empfängnis zugleich mit denen zur Unterbrechung der Schwangerschaft in ihrem Vertriebe unterbindet und diesen unter Strafe stellt, arbeitet man den wünschenwerten und sittlichen Formen der sexuellen Beziehungen ... geradezu entgegen." 382
|
| [Seite 405↓] |
In der Bevölkerung, so Adele Schreiber, würden durch dieses Gesetz die Bespitzelungen von jungen Frauen geradezu herausgefordert. Um den Geburtenrückgang einzudämmen, seien, so Adele Schreiber, andere Maßnahmen von Nöten. Die Schaffung eines umfassenden staatlichen Schutzes von Mutter und Kind, die Schaffung von menschenwürdigen Wohnungen und die Anhebung der Löhne wären Schritte, die es vielen Frauen erst möglich erscheinen lassen würde, Kinder zu gebären.
Auch 1924 bestimmte dieser Grundtenor ihre Agitation gegen den § 218. Seit 20 Jahren versuchte Adele Schreiber nun schon ausdauernd, diesen Paragraphen zu Fall zu bringen und sie wollte nicht aufgeben, bis ihre Bemühungen von Erfolg gekrönt waren.
Im Oktober 1924 sprach sie auf einer von der SPD organisierten großen Kundgebung gegen den § 218. Sie sagte: "In Wahrheit ist alles, was in das Leben der Frau hineingreift, Politik. ... Die Frauen, die auf Grund dieses Paragraphen in die Kerker geworfen werden, sind keine Verbrecherinnen, sondern Frauen wie jede von uns. Die ungeheure Not, die infolge des Krieges entstand, hat die Zahl der Abtreibungen und ihrer Opfer noch enorm gesteigert. Genützt hat der Paragraph niemand. ... Der geschulte Arzt muß das Recht bekommen, der Schwangeren zu helfen, und es muß, da jede Fruchtabnahme gesundheitlich von Übel bleibt, das Hauptgewicht auf die Verhütung der Schwangerschaft gelegt werden." 383 Als nach langen Verhandlungen 1926 nur eine Strafmilderung erreicht worden war, spitzte sich in den dreißiger Jahren die Diskussion um die Frage des Schwangerschaftsabbruchs durch die Not der Frauen in der Weltwirtschaftskrise weiter zu. "Auf eine Geburt kam eine Abtreibung. 1931 wurde mit rund einer Million Schwangerschaftsabbrüchen gerechnet, darunter 44000 mit tödlichem Ausgang und über 50000 mit irreversiblen Gesundheitsschäden. Schwangerschaftsabbrüche wurden mit Gefängnis geahndet, 1928 waren z.B. fast 4000 Personen wegen Abtreibung verurteilt worden."384 Der "Bund Deutscher Ärztinnen" legte im Mai 1930 dem Strafrechtsausschuss des Reichstags eine Petition vor, "... in der die Legalisierung der Abtreibung im Falle von medizinischer, eugenischer und sozialer Indikation von 356 der 476 im Berliner Zweig des BDÄ organisierten Ärztinnen gefordert wurde; und 1931 organisierte sie (die Vereinigung, A.B.) in Berlin ein Massentreffen [Seite 406↓]von Akademikerinnen, um die verhafteten Kollegen Else Kienle385 und Friedrich Wolf386 zu unterstützen."387 Diese waren nach einer Kundgebung, die sich auf die Aufführung des Theaterstücks "Cyankali" von Friedrich Wolf in einer Inszenierung von Erwin Piscator388 1929 am Berliner Lessingtheater bezog, im Sportpalast verhaftet und 1931 in einem vielbeachteten Prozess wegen des Vergehens gegen den § 218 verurteilt worden. Schon zu Beginn des Jahres 1931 war es als Reaktion auf eine von Papst Pius XI. veröffentlichte Enzyklika über die christliche Ehe, die Schwangerschaftsabbruch und Geburtenregelung energisch verurteilte, zu zahlreichen Protestkundgebungen gekommen. Das "Reichskomitee werktätiger Frauen", die "Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit", der "Bund für Mutterschutz" und auch die "Arbeitsgemeinschaft sozialpolitischer Organisationen" organisierten Kundgebungen, die zu einer einzigartigen Massenbewegung gegen den § 218 auswuchsen. Adele Schreiber stand mitten im Geschehen und kämpfte unermüdlich für ihre Überzeugungen, denn das Alter hatte sie nicht kompromissbereiter gemacht. In so existenziellen Fragen für die weibliche Bevölkerung waren Zugeständnisse für sie undenkbar. 1931 sprach sie auf einer Veranstaltung, an der neben ihr so bedeutende Persönlichkeiten wie Dr. Max Hodann389, Rudolf Olden390 und Prof. Julius [Seite 407↓]Wolff391 teilnehmen. "Es war in einer der vielen Versammlungen, die gegen die Aufrechterhaltung des Abtreibungsparagraphen protestieren, dass die Reichstagsabgeordnete Adele Schreiber den Frauen und Mädchen zurief: `Ihr werdet keine Aenderung erreichen, solange sich nicht ein Volkssturm gegen das unsittliche Gesetz erhebt!´ ... Die Rednerin hatte dasselbe, dem Sinne nach dasselbe gesagt, was sie seit dreissig Jahren, immer unter begeisterter Zustimmung für sie und unter heftiger Empörung gegen das Strafgesetz, zu sagen pflegt. Denn damals stand sie, als eine blutjunge Rebellin gegen grausame Vorurteile und verderbliche Heuchelei an der Spitze der Mutterschutzbewegung, die sich gerade formierte. ... Es hat sich manches geändert. Langsam, langsam haben sich die Gerichtsurteile gewandelt. ... Es hat sich manches gewandelt - nur der Strafrechtsausschuss des Deutschen Reichstages hat erneut die Strafbarkeit beschlossen und will die bewusste Geburtenkontrolle auch für die nächsten 50 Jahre verhindern. ... Aendern, aber wirklich ändern wird sich nichts, wenn nicht ein Volkssturm den § 218 und die Beschlüsse des Reichstages wegfegt."392
Die Massendemonstrationen waren dabei nicht von der KPD, sondern von ihren Hilfsorganisation, wie der "Internationalen Arbeiterhilfe", und weiteren überparteilichen Organisationen initiiert. Diese Organisationsstruktur eröffnete die Möglichkeit der Zusammenarbeit von KPD und SPD in diesem Kampf. Bemerkenswert ist im Zusammenhang mit diesen Massendemonstrationen, dass sich namhafte Schriftsteller, Wissenschaftler und Künstler wie Albert Einstein393, Sigmund Freud394, Käthe Kollwitz und Erich Kästner395 mit der Bewegung solidarisierten. Die gemeinsamen Bemühungen waren aber fatalerweise nicht von [Seite 408↓]Dauer. Das angestrebte Volksbegehren gegen den § 218 wurde nicht erreicht und auch das im Oktober 1931 von der KPD im Reichstag eingebrachte "Schutzprogramm der KPD für die arbeitende Frau" wurde mit keiner einzigen Stimme von der SPD unterstützt. Die unauflösbare Gegnerschaft zwischen SPD und KPD verhinderte die Durchsetzung verbesserter Gesetze für Frauen und Mütter.
Diese Spaltung zwischen kommunistischer und sozialdemokratischer Partei schwächte nachhaltig den Kampf der Frauen für ihre Rechte, da keine dauerhafte Front gegen die konservativen Kräfte entstehen konnte. Darüber hinaus versagte die SPD bei der Vertretung spezifischer Frauenrechte, da die Parlamentarierinnen mit ihrem "Weiberkram", wie die Männer meinten,396 keine ausreichende Beachtung bei den Männern fanden und so ihre Vorstellungen nur unzureichend oder überhaupt nicht durchsetzen konnten. Hatte sich auch Adele Schreiber von der politischen Einflussnahme der Frauen mehr versprochen, sah sie doch die Lage realistisch. Dafür, dass der Frauenanteil im Reichstag verschwindend gering geblieben war, hatten die Frauen dennoch etwas erreicht. "In dem republikanischen Reichstag machte sich der Einfluss der Frauen - obwohl nicht gerade weltbewegende revolutionaere Taten zu berichten sind - in guenstiger Weise geltend. Die weiblichen Abgeordneten in der Regel 6-7% der Gesamtheit taten ihre Pflicht. Sie traten fuer fortschrittliche Gesetze und die Abschaffung ungerechter Massnahmen ein." 397
Die Gesetzgebung trug den realen Zuständen in der Gesellschaft zwar nicht Rechnung, die Einstellung zu Familie und Kindern hatte sich dennoch in relativ kurzer Zeit tiefgreifend verändert. Neue Lebens- und Arbeitsbedingungen ließen viele Paare zu einer Kleinfamilie mit zwei Kindern tendieren. Diskutiert wurden in den neuen Lebenszusammenhängen außerdem Bestimmungen über unehelich geborene Kinder und eine erleichterte Ehescheidung. Die Frauen wehrten sich gegen veraltete Gesetze. Hinsichtlich der unehelichen Kinder und ihrer Mütter bestand Handlungsbedarf, denn theoretisch waren in der Weimarer Verfassung im Artikel 121 die unehelichen den ehelichen Kindern gleichgestellt worden. "Der von der deutschen Gesetzgebung anerkannten ideellen Forderung steht immer noch harte Wirklichkeit gegenüber. ... Die Heimatlosigkeit unehelicher Mütter ... erfordert dringend Vermehrung von Beratungsstellen, Entbindungsanstalten und [Seite 409↓] Mütterheimen." 398 Hinsichtlich der Ehescheidungen mussten ebenfalls neue Bedürfnisse der Frauen berücksichtigt werden. "Es ist ein Kennzeichen der Entwicklung der Frau, daß gerade aus Frauenkreisen der Ruf für erleichterte Ehescheidung so stark ertönt, Kennzeichen dafür, daß die Frau nicht daran glaubt, durch die unlösbare Ehe am besten geschützt zu sein ... Die gute Ehe bedarf keines solchen Schutzes, die zerrüttete wird durch Zwang noch schlechter ... Es gibt kein Eigentumsrecht an einem anderen Menschen! Wo nicht Rücksicht, Freundschaft, Liebe, wie dies erfreulicherweise oft der Fall ist, über vorübergehende Stürme der Erotik den Sieg davon tragen, kann kein gesetzlicher Zwang eine `Ehe´ zusammenhalten." 399 Eine unkomplizierte Möglichkeit sich scheiden zu lassen, schloss für Adele Schreiber eine Verminderung von Prostitution und Geschlechtskrankheiten ein. Wie immer dachte sie praktisch und dem wirklichen Leben angemessen. Ein Moralapostel war sie nie. Und einiges von dem, wofür sie schon so lange kämpfte, änderte sich, wenn auch in kleinen Schritten.400
Bei allen Versäumnissen muss der SPD trotzdem zugute gehalten werden, dass dringliche soziale Probleme immer wieder angepackt wurden, wobei auch um pragmatische Kompromisse mit den männlichen Parteigenossen gerungen wurde, die nur theoretisch und nicht praktisch die zahlenmäßige Überlegenheit der Frauen in der Gesellschaft als Grund für ein größeres politisches Gewicht der Frauenprobleme anerkannt hatten. Nachteilig wirkte sich dabei aus, dass die Frauen die geschlechtsspezifischen Aufgaben der Wohlfahrtsarbeit übernommen hatten und so im großen Rahmen politisch einflusslos blieben. Die Genossinnen hatten das Ausmaß unterschätzt, in dem sich selbst die sozialdemokratischen Genossen gegen die Neuerungen zur Wehr setzen würden, um liebgewordene Traditionen zu bewahren. Die wenigsten Männer waren an der von den Frauen erklärten Selbstbestimmung und ihren Problemen in der Gesellschaft interessiert. "Immer noch wird vielfach der Mutterschaftsfrage nicht die volle Beachtung seitens der Männer geschenkt; erlebt man doch meist, daß dieser ganze Fragenkomplex immer wieder lediglich als `Frauenangelegenheit´ vor weiblicher Hörerschaft behandelt wird." 401 Adele Schreiber hatte dieses mangelnde Interesse der Männer immer wieder angemahnt. Wie wenig sie damit durchdrang, zeigte sich daran, dass alle in der Legislaturperiode 1924 bis 1928 von der SPD und KPD [Seite 410↓]eingebrachten Anträge, Veränderungen im Ehe- und Scheidungsrecht betreffend, abgelehnt wurden.
Trotz aller Schwierigkeiten, auch in der eigenen Partei, waren die von den Sozialdemokratinnen angestrebten Gesetzesinitiativen nicht ausschließlich als Misserfolge zu werten. Allein die Hartnäckigkeit mit der die Reichstagsabgeordneten immer wieder auf die Abänderung des § 218 zurückkamen, überhaupt auf alle für die Frauen relevanten Themen, veränderte die Wahrnehmung der Frau in der Gesellschaft. Die weiblichen Reichstagsabgeordneten brachten vielerlei Initiativen auf den Weg: "Sie waren erheblich an der Verbesserung der Stellung der unverehelichten Mutter und ihres Kindes beteiligt, an einem umfassenden Jugendwohlfahrtsgesetz, an einem Gesetz zur Bekaempfung der Geschlechtskrankheiten, das mit der Reglementierung der Prostitution, dem Grundstein der doppelten Moral, aufraeumte, sie unterstuetzten die Stroemung zur Abschaffung der Todesstrafe in einem neuen Entwurf zum Strafgesetzbuch ..." 402
Nach dem langen Krieg, der, wie Adele Schreiber betont, "uns zehnfach, nicht doppelt, Lebenskraft und Freude, Glauben und Jugend" 403 nahm, kann sie die Waffenstillstandsbedingungen noch hinnehmen, nicht jedoch den Versailler Vertrag: "Selbst der harte Waffenstillstand mit seinen schweren Abgaben, der Last fremder Besatzung für weite Gebiete, die ungeminderte Fortdauer von Hunger und Entbehrung wurde ertragen, denn es ging dem Frieden entgegen. ... Eine neue Epoche der Menschlichkeit wurde uns verheißen, eine `Familie der Nationen´ - aber Versailles vernichtet die Reste der Menschlichkeit. ... soll nun ein `Friedensvertrag´ bewirken, was der Krieg nicht vermochte - ein ganzes Volk zum Haß erziehen?" 404 Sie gibt in diesem Artikel nachdrücklich ihrer Enttäuschung und Fassungslosigkeit Ausdruck, die der Friedensvertrag in ihr auslöste. In einem vermutlich von ihr selbst 1923 verfassten Lebenslauf schreibt sie diesbezüglich über sich in der dritten Person: "Sie hatte gleich vielen ihrer Gesinnungsgenossen auf eine Lösung gehofft, die eine allgemeine Abrüstung, eine baldige Wiederannäherung der Völker, eine Heilung all der Kriegswunden ermöglichen würde, und sie sieht mit tiefer Bekümmernis die furchtbaren Gefahren, denen Europa unter den gegenwärtigen [Seite 411↓] Verhältnissen entgegen geht." 405 Sie hatte eine mildere Behandlung durch die Siegermächte erwartet. Nun, da diese Erwartungen nicht erfüllt werden, bemüht sie sich, ihren Einfluss in der Politik geltend machen, denn mit dem Versailler Vertrag ist sie in keiner Weise einverstanden. Sie empfindet ihn als ungerecht, und er dient in ihrem Verständnis weder dem Frieden noch der Völkerverständigung: "Erst der Friedensvertrag tötet alle Hoffnungen!" 406
Natürlich fordert Adele Schreiber, dass Deutschland auch als besiegtes Land gerecht behandelt werden muss, vergisst dabei aber, dass sie selbst nur ein Jahr zuvor die harten Bedingungen für Russland im Friedensschluss von Brest-Litowsk begrüßt hatte. In der Situation, sich selbst dem Diktat von Siegern unterwerfen zu müssen, hat sich ihre Perspektive erheblich gewandelt.
Nicht die durch den Versailler Vertrag Deutschland auferlegten Belastungen, sondern die eigenen enttäuschten Hoffnungen liessen diesen Friedensschluss so unannehmbar erscheinen. Die Kriegsniederlage akzeptieren zu müssen, wog schwer, nachdem sich mit dem Kriegsausbruch hochfliegende Träume auch in Bezug auf die Rolle Deutschlands in der Welt verbunden hatten. Jeder wie auch immer geartete Friedensvertrag konnte in Deutschland nur äußerste Enttäuschung auslösen. Die realen Belastungen standen somit nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit den psychologischen Auswirkungen, die der Versailler Vertrag hervorrief. Es war auch die Form, die in Deutschland zum Aufschrei führte. Die Siegermächte, denen Deutschlands Verhalten beim Frieden von Brest-Litowsk noch deutlich vor Augen stand, ließen sich auf keine formellen Verhandlungen mit dem Verlierer ein, sondern diktierten die Bedingungen. In dieser als Demütigung empfundenen Atmosphäre ist der Hauptgrund für den als so völlig niederschmetternden Friedensschluss empfundenen Versailler Vertrag zu finden.
Die deutschnationalen Kräfte propagierten die unrechtmäßig Knebelung des deutschen Volkes und stießen bei weiten Kreisen der deutschen Bevölkerung auf offene Ohren.
Ein weiterer wichtiger Punkt war in diesem Zusammenhang die geforderte Überwachung des deutschen Militärs durch die Siegermächte. Da sich bei den Deutschen traditionell eine wichtige Identität über die Stärke des Militärs entwickelt hatte, wurde diese Vereinbarung als besondere Demütigung empfunden. Die Reparationszahlungen hingegen waren nicht in dem Maße untragbar hoch, wie es die nationalistische Propaganda beschwor, sie wurden aber auch [Seite 412↓] deswegen abgelehnt, weil Deutschland den Berechnungsmodus als zu kompliziert und auch auf zu lange Zeit hin angelegt sah. 407
Die psychologisch begründete Gegenwehr, die der Versailler Vertrag bei den Deutschen hervorrief, blieb in der Zeit der Weimarer Republik nicht folgenlos für die politische Entwicklung. Der revanchistische Versaille-Mythos trieb viele Enttäuschte in die Arme rechter Parteien, die den Friedensvertrag als Verrat an der deutschen Nation geißelten.
Viele Zeitgenossen hatten die Gefahr, die von den psychologischen Folgen des Versailler Vertrages ausging, schon frühzeitig benannt und warnten vor den rechten Kräften, die sich die Missstimmung im Volk zunutze machen würden. 408
Für Adele Schreiber ist nach der Enttäuschung, die der Versailler Vertrag bei ihr auslöste, die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund ein Schritt in die richtige Richtung und ein positives Zeichen auf dem Weg der gegenseitigen Achtung aller Länder untereinander.
Für sie ist der Sitz, der Deutschland im Völkerbundsrat zuerkannt wird, ein Moment der "Verheißung" 409, auch wenn sie ein besonders Signal vermisst hatte: "Ein Moment blieb freilich aus: der allseitig erwartete Händedruck zwischen Stresemann und Briand ..." 410
Eingedenk der entstandenen Situation war die von Stresemann angestrebte Verständigungspolitik nicht hoch genug zu würdigen. In seiner Amtszeit von 1923 bis 1929 begann Stresemann als deutscher Außenminister die Formen einer modernen internationalen Politik zu entwerfen.411 [Seite 413↓] Mit Deutschlands Eintritt in den Völkerbund verknüpften sich in deutschen Kreisen weitreichende Hoffnungen auf eine gleichberechtigte Stellung Deutschlands in der Weltpolitik.
Adele Schreiber selbst war schon im März 1926 nach Genf gefahren, um den Verhandlungen beizuwohnen, beklagte aber die schlechte Informationslage vor Ort: "Man munkelt: `Chamberlain 412 hat mit Briand gesprochen ...´ ... `Van der Velde hat einen Streit mit dem schwedischen Minister Unden gehabt.´ `Die Lösung der Krise ist gefunden.´ `Die Deutschen bleiben obstinat.´" 413 Die meiste Zeit des Tages wartete man "oder man geht zu der starkbesuchten öffentlichen Volksversammlung der Sozialistischen Partei, in der neben anderen Rednern auch unser deutscher Genosse Viktor Schiff 414 in ausgezeichnetem Französisch gegen Faschismus, für Parlamentarismus und Demokratie spricht, ein Thema das am Sitz des Völkerbundes voll angebracht ist." 415
Nachdem am 10.September 1926 Deutschland in einer feierlichen Sitzung in den Völkerbund aufgenommen worden war, war sie sich gewiss, dass nun eine gleichberechtigte Zusammenarbeit möglich war: "Freuen wir uns, daß eine erste Formel für Verständigung, für wirtschaftliche, politische und geistigen Wiederaufbau Europas gefunden ist, diese Formel: Völkerbund." 416 Ihr Enthusiasmus legte sich etwas, als sie, trotz der den Frauen zugesicherten Gleichberechtigung feststellen musste, dass sich die männlichen Machtstrukturen auch im Völkerbund durchsetzten, obwohl die Frauen sich von Beginn an bemüht hatten, mitzuarbeiten: "Das erste Stück greifbaren Friedensfundaments, der Genfer Völkerbund, wurde von weiten, politisch arbeitenden Frauenkreisen sofort in seiner Bedeutung erkannt. ... Schon bei der ersten Versammlung 1920 gaben die nordischen Länder ihren Delegationen Frauen bei. Schweden sandte Frau Anna Wicksell, Norwegen Frau Professor [Seite 414↓] Kristine Bowerie als Ersatzdelegierte, Dänemark Henni Forchhamme r 417 als technische Sachverständige. ... Leider besteht eine unverkennbare Tendenz, möglichst Männer in die Kommission für soziale Arbeit einzugliedern, obwohl sich zweifellos sachverständige Mitarbeiterinnen fast für alle Gebiete finden ließen." 418 Auf das Problem der mangelnden Gleichberechtigung stieß sie also immer wieder nicht nur in der SPD, sondern auch bei all ihren sonstigen Aktivitäten. Doch nicht nur das geringe Interesse der Männer an der Mitarbeit der Frauen, auch die generelle Zusammensetzung, die die Ausrichtung der jeweiligen Landesregierungen widerspiegelte, war für Adele Schreiber unzureichend. Führende Sozialisten waren, durch den allgemeinen Rechtsruck ganz Europas bedingt, in den Reihen des Völkerbundes kaum zu finden: "In der Delegiertenliste sind sie sehr spärlich vertreten, sonst würde ja auch der ganze Völkerbund ein anderes Gesicht tragen. Namentlich in der Abrüstungsfrage! Dennoch ist der moralische Einfluß selbst der Wenigen unzweifelhaft ..." 419
Adele Schreiber holte die Meinungen vieler Sozialdemokraten der unterschiedlichsten Nationalitäten über den Völkerbund ein, um in Deutschland mittels eines Zeitungsartikels über die Stimmung in Genf zu berichten. Alle von ihr Befragten hofften auf eine positive linke Entwicklung des Bundes. Viele Sozialdemokraten waren aber in Genf ohnehin nicht anwesend. Belgiens Vertreter, Genosse de Brouckere, teilte ihre eigenen Bedenken, ergänzte aber: "`Gewiß der Völkerbund entspricht so wenig unseren Wünschen, wie es die Regierung der meisten Länder tun. ... Dennoch, selbst der unvollkommene Völkerbund ist wertvoll. Es wird geklagt, die großen Länder könnten untereinander alles abmachen. Das ist falsch. Sie hatten ja, das ist nun einmal Realität, die tatsächliche Macht und dennoch gerade durch den Völkerbund haben die kleinen Staaten einen nicht geringen Einfluß. ... Der Völkerbund ist ein starkes Gegengewicht gegen die ehemals absolute Geheimdiplomatie. Daß dennoch manches hinter den Kulissen besprochen wird, ist unvermeidlich ...´" 420 Geduld, das kommt bei vielen ihrer Gesprächspartner zum Ausdruck, sollte aufgebracht werden, um den Völkerbund als Gegengewicht zum drohenden Faschismus zu entwickeln.
|
| [Seite 415↓] |
Waren auch die rechtsgerichteten Parteien weltweit erstarkt, fand sich in der englischen Delegation kein linksgerichteter Vertreter. Die Zusammensetzung der deutschen Delegation stimmte Adele Schreiber hingegen hoffnungsvoll: "Die Delegation der deutschen Republik bezeugt immerhin erhebliche Wandlungen. Sie verkörpert nicht die alte adlige Diplomatie, sondern sie umfaßt Männer tüchtiger gediegener Arbeit, darunter zwei Parteigenossen, unser Schweizer Gesandte Dr. Adolf Müller und den Reichtagsabgeordneten Dr. Breitscheid." 421 Immerhin bezeugte die deutsche Delegation den bestehenden demokratischen Anspruch der jungen Republik. Gute Vorsätze müssen jedoch nicht nur gefasst, sondern umgesetzt werden: "Aber vergessen wir nicht, daß diese Verheißung nur erfüllt wird, wenn es gelingt, die neue Formel mit wirklichem Geist zu beleben. ... `Völkerbundarbeit beginnt daheim!´ Dies erlegt uns die Pflicht auf, in unserm Lande für politische Zustände zu arbeiten, die den Idealen einer großen weltumfassenden Demokratie die Wege bereiten." 422 Adele Schreiber agitierte wie immer für Völkerverständigung und das ernsthafte Bemühen, den Frieden zu sichern.
Von ihren vorsichtigen Hoffnungen, die sie 1926 noch wie folgt beschrieb: "Es gilt die richtige Mischung zwischen Realismus und Idealismus zu finden ... Die sozialistische Internationale ist, heute wie 1914, allein nicht stark genug, den Frieden zu sichern ..." 423, distanzierte sie sich endgültig Anfang der dreißiger Jahre. "Die große Hoffnung, daß der Völkerbund in seiner heutigen Gestalt den Weltfrieden verbürgen könne, ist zusammengebrochen. Katastrophen drohen, Staatsmänner suchen angesichts europäischer Gefahren Rettung durch Bündnisse, Frankreich greift auf den Gedanken der Europäischen Union zurück, die sein Friedensplan in den Rahmen des Völkerbundes einbauen will." 424 Die Idee einer besonderen europäischen Organisation stammte von dem Österreicher Graf Richard Coudenhove425, dem es gelang, führende Staatsmänner wie Stresemann und Briand zu überzeugen. Die praktische Umsetzung ließ dann allerdings auf sich warten. Die angespannte Lage zu Beginn der dreißiger Jahre führte zu einem neuen Anlauf. "Rüstungswettlauf, Kriegsgefahr, allgemeine Verwirrung - in dieser Lage greift Frankreich auf den Plan der Europäischen Union zurück. [Seite 416↓] Europa - Einigung oder Untergang? Wird die Antwort in dieser Stunde der Gefahr die Rettung europäischer Kultur bringen?" 426
Nachdem es dem Völkerbund nicht gelungen war, ein Instrument der Friedenserhaltung zu werden, schien nur ein neuer Ansatz einen neuen Anfang zu versprechen. Adele Schreiber ergriff auf dem dritten PanEuropa-Kongress 1932 in Basel das Wort und plädierte auch in diesem Rahmen für ein friedliches Miteinander: "Sie sprach namens der Frauenorganisationen von 58 Staaten und erklärte, es sei Wahnwitz, Kinder zu gebären, damit die Menschheit durch Giftgas ausgerottet werde. ... Das neue Europa müsse auf demokratischer Grundlage aufgebaut werden, sonst könne es überhaupt nicht existieren."427 Und sie sprach wieder einmal von ihrer Vision einer anderen Welt, einer gerechten Gesellschaft: "Alle Gewaltsysteme sind frauenfeindlich, Militaristen und Nationalisten ist die Frau nur Werkzeug im Dienste falscher Bevölkerungs- und Rassenpolitik. Sie erleben die wahnwitzige Zumutung, daß es Frauenpflicht ist, Kinder zu gebären für die Massenvernichtung. ... Alles was Frieden erhalten kann, findet in politisch reifen Frauen - nur für solche kann ich sprechen - lebendigen Widerhall. ... Das neue Europa wird demokratisch und auf sozialer Gerechtigkeit aufgebaut sein oder es ist lebensunfähig. Das neue Europa wird die Klassengegensätze überwinden oder es hat keine Daseinsberechtigung. Das neue Europa wird eine andere Wirtschaftsordnung aufbauen, den Abgrund zwischen Überfluß und Elend zum Verschwinden bringen oder es kann sich dem Bolschewismus gegenüber nicht behaupten." 428 Auch ihr war klar, dass die Zeit drängte und das alles zu spät war, wenn nicht schnell etwas unternommen wurde. "Die Rednerin schließt mit dem Appell: `Schaffen Sie das neue Europa, aber vor allem: schaffen Sie es rasch!´ Den zweiten Teil ihres Referates hielt Frau Schreiber in fließendem Französisch. Die schlagenden Formulierungen der temperamentvollen Rede wurden jeweilen mit brausendem Beifall quittiert."429 Für sie schien 1932 eine Einigung der Staaten Europas immerhin noch denkbar und auch realisierbar.
|
| [Seite 417↓] |
Andere engagierte Vertreter eines europäischen Zusammenschlusses hatten zu diesem Zeitpunkt schon alle Hoffnungen fahren lassen, dass eine kriegerische Auseinandersetzung noch zu verhindern sei.430
Alle diese Bemühungen konnten den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nicht verhinderten, da keine der Organisationen die nötige Autorität erwerben konnte.
Die Verfilmung des pazifistischen Romans von Erich Maria Remarque431 "Im Westen nichts Neues" wurde 1930 Ursache eines ersten Kräftemessens zwischen der demokratischen Linken und den erstarkenden Nationalsozialisten. Zwar hatte es in der Weimarer Republik stets Angriffe von rechts auf die nichttraditionalistische und avantgardistische Kunstszene gegeben, doch hatte sie nie ein so großes Ausmaß erreicht, wie es nach der Uraufführung des nach der Romanvorlage produzierten Films der Fall war. Weil die Nazis in dem Roman die Ehre der deutschen Soldaten im ersten Weltkrieg beschmutzt sahen, hatten sie bereits auf die Buchveröffentlichung im Januar 1929 aggressiv reagiert. Nun gingen sie einen Schritt weiter. Sie ließen ihren Worten Taten folgen.
Die Nationalsozialisten erzwangen mit Hilfe massivster Störungen der Filmvorführungen, dass der Film verboten wurde. Da die Regierung um den Erhalt der öffentlichen Ordnung fürchtete, wurden nicht die marodierenden Horden verhaftet, sondern, um diese Krawalle zu verhindern, lieber der Film als Stein des Anstoßes verboten. Die Nationalsozialisten konnten sich bei ihren Ausschreitungen der Unterstützung des konservativen Lagers sicher sein, denn auch dort war man eher bereit die Rechten zu unterstützen, die ja anscheinend zur Rettung der deutschen [Seite 418↓]Soldatenehre aufmarschierten. Das "Heldentum", das die deutschen Soldaten während des Ersten Weltkrieges bewiesen hatten, sollte nicht hinterfragt werden. Besonders das mittlere und rechte Spektrum sah dies als eine wichtige Aufgabe an. Pazifistische Tendenzen wurden in Deutschland nicht nur bei den Konservativen mehrheitlich beargwöhnt und abgelehnt.
Die demokratische Ordnung hatte vor den undemokratischen Angriffen kapituliert. Die Meinungsfreiheit der Nationalsozialisten wurde mit dem Verbot des Films unterstützt und den demokratischen Kräften im gleichen Atemzug der Mund verboten. Ein Sieg der Nazis, den die Linken nicht hinnehmen konnten. Gegen die Entscheidung der Regierung formierte sich eine heftige Widerstandsbewegung.
Dem Druck der Nazis, darin war sich das linke Spektrum einig, durfte man sich nicht beugen. Wenn es den Faschisten auch zunehmend gelang, mit ihrem omnipräsenten Terror die Straße zu erobern, so konnte ihnen das Terrain doch nicht widerstandslos überlassen werden. Die Gegenwehr musste den Beweis erbringen, dass die demokratischen Kräfte in Deutschland immer noch den nazistischen Methoden überlegen waren, wenn sie sich nur einigen konnten.
Adele Schreiber sah die staatsbedrohende Gefahr, die hinter diesem Machtkampf stand und sie warnte schon 1930: "Das Verbot des Remarque-Films ist die Probe. Die nationalsozialistischen Horden ... sehen den Augenblick gekommen, um sich endgültig die Straße und damit die Macht zu erobern. ... Sie werden nicht Recht behalten, wenn sich heute schon die Front des Widerstandes aller selbstverantwortlichen Staatsbürger zusammenschließt." 432 Der Andrang zu der Protestveranstaltung im Dezember 1930 war außerordentlich groß. Philipp Scheidemann433 sprach als Erster. "Er wies die Gefahren auf, die aus der Nachgiebigkeit der verantwortlichen Stellen gerade in dieser Zeit der politischen Hochspannung entstehen können, in einer Zeit drückendster Not, und er deutete weiter den Weg, den nach dem Willen der radikalen Volksverführer die Entwicklung nehmen soll: das Ziel Diktatur, der Weg Bürgerkrieg, das Mittel Mord."434 Danach ergriff Adele Schreiber das Wort, die sich nach den bitteren Erfahrungen im Ersten Weltkrieg vollkommen von ihrer damaligen Kriegsbegeisterung distanziert hatte und nun umso energischer für den [Seite 419↓]Friedenserhalt eintrat. "Die Reichstagsabgeordnete Adele Schreiber sprach im Namen der deutschen Frauen gegen den Kriegsgeist, der der deutschen Jugend wieder eingeimpft werden soll. Zuletzt trat Reichstagsabgeordneter Dr. Mierendorff435 als Angehöriger der Generation, die den Krieg kennt, vor die Versammlung. Es ist Lüge und Verleumdung, so erklärte er, wenn dieser Film als deutschfeindlich erklärt wird."436
In dieser Äußerung klingt das Grundproblem der gesamten Diskussion an. Jeder Hinweis auf die Sinnlosigkeit von Kriegen führte in rechten Kreisen zu der Anklage, dass der Einsatz der Armee für ihr deutsches Vaterland während des Ersten Weltkrieges verurteilt werde. Die begrenzte Auffassung von Patriotismus stand allen pazifistischen Bestrebungen diametral gegenüber. Selbst nach dem erst ein Jahrzehnt zurückliegenden Weltkrieg blühte nationalistisches Gedankengut, das sich mit den Begriffen Opfer für das Vaterland, Kriegsbegeisterung und männlichem Kampfgeist verband. Alle Warnungen vor den Folgen eines Krieges und das Ausmalen einer friedlichen Welt konnten keine ebensolche Faszination entwickeln wie die Idee der jungmännlichen Opferbereitschaft auf den Schlachtfeldern des Krieges. Der Generation, die den Krieg mitgemacht hatte, war es offenbar nicht gelungen, der jungen Generation einen Begriff der Kriegsrealität zu vermitteln.
Und nicht nur als Rednerin stand Adele Schreiber in vorderster Reihe, auch bei der Organisation der Protestveranstaltungen war sie führend, da sie Mitglied der Wehrgruppe Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold war, der Organisation, die bereits im Dezember 1930 eine Demonstration gegen das Filmverbot organisiert hatte.437 Jetzt nutzte sie diese Vereinigung, um den Protest zu organisieren und um klar Stellung gegen die Nationalsozialisten zu beziehen: "Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold stellt sich an die Spitze des Kampfes gegen den faschistischen Terror, für den Geist und für die Grundrechte der Weimarer Verfassung." 438 Weitere Veranstaltungen folgten, auf denen Adele Schreiber im Rahmen der Liga für Menschenrechte mit weiteren berühmten [Seite 420↓]Persönlichkeiten Deutschlands gegen das Filmverbot auftrat. Eine beeindruckende Unterstützerbewegung der Proteste hatte sich gebildet. "Eine Rede Heinrich Manns bildete den Auftakt. ... Heinrich Mann betonte die hohen sittlichen Qualitäten des Remarque-Films ... Die Soldaten, die sich da als Feinde gegenüberstanden - sie könnten auch Freunde sein! ... Adele Schreiber-Krieger deutete auf den Widerspruch hin, der zwischen den friedensfreundlichen Erklärungen unserer Regierung in Genf und ihrem praktischen Verhalten in Berlin bestehe, wo sie sich dem Terror der Kriegshetzer gebeugt haben. Sie verlas dann eine ergreifende Erklärung von Käthe Kollwitz ... Ihr Brief schließt mit den Worten: `... Krieg dem Kriege! Vorwärts! Neuen weiten Menschheitszielen entgegen!´ Unter den zahlreichen Zustimmungserklärungen ... befand sich auch ein Schreiben Erich Maria Remarques. Er warnt eindringlich davor, sich durch die Erinnerung, die das Erlebte fälsche, irreführen zu lassen."439 Marie Juchacz sprach, und selbst Albert Einstein ließ es sich nicht nehmen, Stellung zu beziehen. Er schrieb: "Das Verbot dieses Filmes in Deutschland bedeutet eine diplomatische Niederlage für unsere Regierung in den Augen der ganzen Welt."440
Das Verbot des Filmes wurde nach einigen Monaten 1931 wieder aufgehoben.441 Die Kraftprobe konnten in diesem Fall die demokratischen Kräfte noch einmal für sich entscheiden. Diesmal hatten sie den Sieg über den rechten Terror davongetragen, aber schon im Laufe der Auseinandersetzung hatten die Nazis gezeigt mit welcher Vehemenz sie bereit waren, ihre Ziele durchzusetzen. Hatten sich auch anlässlich der Verteidigung des Remarque-Films die Linken zu gemeinsamer Gegenwehr zusammengefunden, war dieses geschlossene Vorgehen generell doch leider die Ausnahme. Die erbitterte Feindschaft zwischen KPD und SPD erleichterte den Nazis ganz wesentlich den Aufbau und die Ausdehnung ihrer Machtstrukturen. So einig wie die Rechte war sich die Linke nie. Diese Zersplitterung der demokratischen Kräfte wussten die Nationalsozialisten für ihre Zwecke zu nutzen.
Zum Ende der Protestveranstaltung im Februar 1932 hatte Carl Zuckmayer442 gerufen: "Das junge Deutschland wird seinen neuen Weg gehen und wenn es Opfer kostet."443 Er hatte sich [Seite 421↓]getäuscht. Das junge Deutschland war schon schwerer angeschlagen, als die linken Kräfte es wahr haben wollten. Der Kampf kostete viele Opfer, aber der neue Weg war schneller beendet, als die demokratischen Kräfte es sich hätten träumen lassen.
Nachdem in vielen Ländern das Frauenstimmrecht erkämpft worden war, hatte sich nun der Schwerpunkt der Arbeit des Weltbundes für Frauenstimmrecht auf die Ausgestaltung der neuen Rechte gelegt. Regelmäßig fanden internationale Kongresse statt, der Jubiläumskongress nach 25 Jahren wieder in Berlin, der Stadt, wo der Weltbund 1904 begründet worden war. "Unser Verband, die Frühgeburt, überlebte auch die Kriegswirren, er schritt von Sieg zu Sieg, tagte in Rom sogar unter Mussolinis 444 Regime sowie in der Pariser Sorbonne und feierte in Berlin 1929, seinem Geburtsort das 25jährige Jubiläum. Die Regierung der Weimarer Republik bot dieser ersten großen Frauentagung nach dem Kriege herzlichstes Willkommen. Minister mit und ohne Frauen nahmen an überfüllten Versammlungen teil. Die neue britische Präsidentin, Mrs. Corbett-Ashby, Nachfolgerin von Mrs. Catt eroberte alle Herzen. Tausend Delegierte aus vierzig Ländern bestaunten das deutsche Wunder einer Wiederauferstehung." 445
Schon seit 1926 Vizepräsidentin des Weltbundes für Frauenstimmrecht, bereitete Adele Schreiber mit vollem Einsatz auch den zum 25.Jubiläum geplanten Kongress in Berlin mit vor.
Nach 25 Jahren Weltbund war es ihrer Meinung auch an der Zeit der bedeutenden Frauen zu gedenken, die ihn mitbegründet hatten und ihm Kraft gegeben hatten. Eine Aufgabe, die Adele Schreiber schon seit ihren frühen Veröffentlichungen verfolgte und die sie bis zu ihrem Tod fortzuführen bestrebt ist.446 "Hier sei verstorbener wie lebender deutscher Vorkämpferinnen gedacht; [Seite 422↓] Minna Cauer, Dr. Anita Augspurg, Lyda Gustava Heymann, und all den Ungenannten, die damals schon anwesend waren, sich in Jahren des Kampfes zu uns gesellten und von denen ein allzu kleiner Teil die Gedenktagung miterlebt. Carrie Chapman Catt, die vor kurzem ihren 70.Geburtstag feierte, übernahm den internationalen Vorsitz, dem sie fast 20 Jahre lang ihre Kraft widmete, um dann als Ehrenvorsitzende dem Verband erhalten zu bleiben. Unter ihrer Leitung kam die Ausbreitung der Bewegung, kam ihr Aufstieg, der es ermöglichte, auf den alle zwei, später alle drei Jahre abgehaltenen Kongressen immer wieder neue Frauensiege zu verkünden." 447
Die deutschen Frauen konnten den Frauen der Welt ihre Wirklichkeit in der deutschen Republik zeigen. Adele Schreiber war sehr stolz auf das Erreichte: "Wenn unser Weltbund jetzt hier in Berlin zur Feier seines 25jährigen Bestehens zusammentritt, können wir ihn in einer Republik begrüßen, in der die Inschrift an unserem Reichstagsgebäude `Dem deutschen Volke´ zutreffen würde. ... Der Bund arbeitet aber nicht nur für die Erringung von Staatsbürgerrechten, sondern, wie seine Satzung ausdrücklich besagt, für die Erziehung der Frauen zu ihren staatsbürgerlichen Aufgaben und für die Stärkung ihres Einflusses auf das öffentliche Leben. Wir sind weit entfernt vom Ziel. Mag Errungenes auch im Rückblick auf die Vergangenheit sehr wesentlich scheinen - wir wissen alle, wie wenig noch im Grunde Frauenwille und Fraueneinfluß die Geschicke unserer einzelnen Länder und damit Weltenschicksal bestimmt." 448
Es sollte die letzte Gelegenheit sein, auf die Republik stolz sein zu können. Schon wenig später mehrten sich die Anzeichen des Niedergangs. "Als 1929 der Weltbund f Frauenstimmrecht seine Internat. Tagung zugleich zum 25ten Jubiläum s. Gründg in Berlin einberief waren die Teilnehmerinnen [Seite 423↓] aus aller Welt beeindruckt von den geordneten, blühenden fortschrittl Zuständen, die sie fanden." 449 Sozialer Fortschritt, Freiheit und Demokratie schienen 1929 für Außenstehende noch gesichert. Doch so war es eben nicht. "Der Schein trog. Es war das letzte Jahr des Aufstiegs vor der schweren Wirtschaftskrise, der lawinenartig anschwellenden Arbeitslosigkeit, die zur Machtergreifung des Nationalsoz. führte. Bald befanden sich alle demokratischen Elemente in hoffnungsloser Defensive - von Gewaltmitteln jeder Art verfolgt. Deutschland stand unter blutigem Terror, beherrscht vom Irrwahn des Rassenfanatismus." 450
Den demokratischen Kräften war es nicht gelungen, die scheinbare Attraktivität des Nationalsozialismus zu entzaubern und die Machtübernahme zu verhindern. Die Zersplitterung der linken Kräfte hatte dazu beigetragen. Die Weimarer Republik war am Ende. "Es folgten Weltkrise und Niedergang." 451 Kaum zwei Jahre nach dem Berliner Kongress hatte Adele Schreiber bereits Deutschland verlassen und war in die Schweiz geflohen.
Auch den regelmäßigen Kongressen des Weltbundes tat der Zweite Weltkrieg Abbruch. 452 1935 hatten die Frauen sich trotz der angespannten Weltlage noch in Istanbul getroffen. 453 Die nächste Zusammenkunft fand erst nach Kriegsende in der Schweiz statt. Ferner hinterließ die Machtergreifung der Nationalsozialisten ihre Spuren auch in der Geschichte des Weltbundes. "Drei Mitglieder unseres Vorstandes (aus Holland, der Tschechoslovakei, Polen) fielen dem Nationalsozialismus zum Opfer, andere, auch die Schreiberin dieser Zeilen fanden Asyl im Ausland ..." 454 Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde wiederum in der neutralen Schweiz der Wiederaufbau begonnen.455 Das Frauenstimmrechts war weitestgehend Wirklichkeit geworden, doch viele [Seite 424↓]andere Ungleichheiten mussten bekämpft werden. Der Anspruch, die Frauen der Welt zu einigen und zu einer eigenen Kraft zu formieren, hatte auch nach dem Krieg nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Neue Aufgaben mussten erfüllt werden und von einer Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern und auch zwischen den verschiedenen Nationalitäten war man immer noch weit entfernt, auch wenn sich mit der Zeit Dinge geändert hatten. Das Ziel lag dessen ungeachtet in weiter Ferne. "Die Zeit allgemeiner Zerrissenheit stellt größte Anforderungen an die Organisation und ihre Überzeugungstreue. Es gilt, den Grundsatz der Nichteinmischung in die Innenpolitik der angeschlossenen Länder gleichviel welches ihr Regierungssystem sei, festzuhalten bei gleichzeitig strengster Wahrung der Bedingung parteipolitischer Neutralität aller angeschlossener Verbände. Es gilt übersteigerten Nationalismus und neuen Rassenlehren gegenüber das Fundament des Weltbundes intakt zu halten." 456
Die Linke hat es leider nur selten geschafft, sich gegen die Rechten zu verbünden. Statt das fortschrittliche Potential zu nutzen, indem gemeinsam gekämpft wurde, war das Verhältnis zwischen KPD und SPD von Konkurrenzdenken und Feindschaft geprägt.
Aktionsbündnisse wurden im Kampf gegen den § 218 gebildet oder auch zur Aufhebung des Verbotes des Remarque-Filmes, doch diese außergewöhnlichen einvernehmlichen Aktivitäten führten nicht zu einer anhaltenden Kooperation. Dabei hatten doch spätestens die Auseinandersetzungen um den Film "Im Westen nichts Neues" die dringende Notwendigkeit der Zusammenarbeit aller noch verbliebenen demokratischen Kräfte gezeigt. Diese Spaltung der Arbeiterbewegung schwächte so auch das politische Gewicht von KPD und SPD im Reichstag.457 Unendlich viel Kraft ging in dem zermürbenden Konkurrenzkampf ungenutzt verloren, Energie die für die Stärkung der Linken zweifellos besser genutzt gewesen wäre. Die entstandene Situation beklagte auch Adele Schreiber 1932, obwohl sie als Sozialdemokratin nach [Seite 425↓]dem Ersten Weltkrieg ebenso vor dem Bolschewismus gewarnt hatte. Wenn es der Erreichung politischer Ziele dienlich war, mussten ihrer Meinung nach aber im Interesse der Sache persönliche Animositäten zurückgestellt werden. Divergierende politische Ansichten gingen für Adele Schreiber unter gar keinen Umständen mit persönlicher Feindschaft einher. Politischer Streit und heftig ausgetragene Diskussionen waren kein Grund, sich persönlich zu beleidigen und so die Meinungsverschiedenheiten auf privater Ebene fortzuführen. Unsachliche Angriffe lehnte sie ab. Deshalb war sie äußerst empört, von Seiten der Kommunisten als "Sozialfaschistin" verunglimpft zu werden. "Wer dem Ablauf der deutschen Geschichte gefolgt ist, weiß, daß seit der Gründung der Republik die Kommunisten niemals gezögert haben, die Sozialdemokraten und ihre Führer als Verräter an der Sache der Proletarier zu beschimpfen. Sie haben immer und immer wieder wiederholt, daß der Bolschewismus keinen schlimmeren Feind als die Sozialdemokratische Partei hat." 458 Die bestehenden Gräben wurden nur vertieft, statt sich zu bemühen, sie zu schließen.
Adele Schreiber plädierte trotz aller Differenzen immer für eine Zusammenarbeit über alle Parteigrenzen hinweg. Ihr Ziel war es, Gleichgesinnte zu gemeinsamem Handeln zu motivieren, selbst wenn man sich nur auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner traf. Sich zu verbünden bedeutete auch immer, an Stärke hinzuzugewinnen.
Adele Schreiber wird in der Emigration ohne zu zögern dem von der KPD initiierten Aktionsbündnis für die Einheit der deutschen Emigranten beitreten, weil Parteiquerelen, ihrer Meinung nach, hinter sinnvollem Engagement zurückzustehen haben.
In der Weimarer Republik existierten sehr unterschiedlich orientierte Bürgerwehren.459 Große Verbände waren der Stahlhelm460, das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold461, die SA, die SS, die Eiserne Front462 und die Rote Front463.
|
| [Seite 426↓] |
Entscheidend bei den Überlegungen der SPD, eine eigene paramilitärische Organisation betreffend, waren von Beginn an die bitteren Erfahrungen, die die SPD bei ihren eigenen Veranstaltungen hatte machen müssen. Die Nazis, die unerbittlich und mit einer zuvor nicht gekannten Gewaltbereitschaft gegen alle demokratischen und republikanischen Aktivitäten vorging, zwang die SPD-Führung, Selbsthilfe zu organisieren, wenn man die Straße, und so auch die Macht, nicht kampflos den Rechten überlassen wollte.
Ein eigener Kampfverband wurde 1924 mit dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold464 gegründet, nachdem beschlossen worden war, dass der Gewalt mit Gewalt geantwortet werden sollte. Diese Gegenaktion der Linken wurde selbst vom Zentrum sowie von der Deutschen Demokratischen Partei befürwortet, für die in der Notwendigkeit des Kampfes gegen die rechte Brutalität die Legitimation eines Bündnisses mit der SPD begründet lag. Von Großveranstaltungen, die ganz im Stil der bereits bestehenden Kampfverbände auf Symbole und Gefühle ausgerichtet waren, erhoffte man sich den Zulauf neuer Mitglieder. Verfassungsfeiern und Fahnenweihen wurden zelebriert und auch die Gegner konnten den Aufmärschen des Reichsbanner nicht die Faszination [Seite 427↓]absprechen.465 Über Massenspektakel gelang es auch der SPD mittels eher mythischer Formen Begeisterung zu wecken und Aufmerksamkeit auch bei der Jugend zu erlangen. Ganz im Gegensatz zur sonstigen Strategie der Linken appellierte das Reichsbanner in seiner Agitation bewusst an Herz und Gemüt, um politische Ziele zu erreichen.
Für Adele Schreiber war genau diese im Reichsbanner angestrebte Verschmelzung von Verstand und Gefühl ein Grund, ihm beizutreten und sich in ihm zu engagieren. Sie bekennt sich in einem französischen Lebenslauf, den sie bereits im Exil verfasste, zu ihrer Mitgliedschaft.466 Schon zu Beginn des 20.Jahrhunderts als Rednerin hatte sie stets darauf hingewiesen, wie unabdingbar selbst bei den überzeugendsten Beweisen das Gefühl der Zuhörer angesprochen werden müsse, um die Herzen zu gewinnen. Auf die ihr eigene Begabung, genau dazu befähigt zu sein, war sie zeitlebens nicht wenig stolz.
Ein überparteilicher Zusammenschluss aller demokratischen Kreise kam ihren persönlichen Intentionen auch in dem Sinn entgegen, als sie sich stets für überparteiliche Bündnisse eingesetzt hatte und sogar als Mitglied der bürgerlichen Frauenbewegung dafür plädiert hatte, mit den sozialdemokratischen Frauen zusammenzuarbeiten.
Zu ihrer Erwartung, die die überparteiliche Neugründung in Adele Schreiber hinsichtlich eines starken Bündnisses weckten, kam, dass sie spätestens 1924 in Frankreich in Berührung mit den faschistischen Horden gekommen war, die schon damals versucht hatten, eine ihrer Versammlungen zu stören. Ihr war die Bedeutung bewusst, die der Verteidigung der sozialdemokratischen und demokratischen Aktivitäten zukam. Und nicht nur die eigenen Veranstaltungen mussten geschützt werden, was auch im Interesse Adele Schreibers als Rednerin lag, sondern darüber hinaus mussten zunehmend die normalen demokratischen Grundrechte gegen ihre Vernichtung durch die Nazis verteidigt werden, wie es die Auseinandersetzungen hinsichtlich des Remarque-Films bewiesen.
|
| [Seite 428↓] |
Im Auftreten des Reichsbanners als militärisch formierte und disziplinierte Kolonne dokumentierte es die Stärke und Macht der demokratischen Bewegung und hatte ebenso massenpsychologisch eine große Bedeutung.
Die Befürworter dieser neuen Strategie beklagten fortwährend die mangelnde Unterstützung des Reichsbanners durch die Spitzengremien der SPD. Der Widerspruch zwischen einem sozialdemokratischen Verein und dem paramilitärischen Verband war für viele Sozialdemokraten unvereinbar und wurde nur von der politischen Vernunft her bejaht, mit der inneren Einstellung jedoch abgelehnt. Die volle Wirksamkeit des Reichsbanners konnte sich ohne diesen ungeteilten Rückhalt in der gesamten Sozialdemokratie nie entfalten. Wirkungslos war der Kampfbund dennoch nicht.
Nach 1930 wandelten sich das Reichsbanner zunehmend vom Verein zu einem wirklichen Kampfverband. So wurden interessanterweise bei den Linken die demokratischen Errungenschaften mithilfe von paramilitärischen Organisationen verteidigt.
"Alle haben die Sturmzeichen zu wenig beachtet - es kamen Jahre des Aufstiegs, das Leben normalisierte sich, es wurde viel u erfolgreich geschafft ..." 467
Adele Schreiber hatte das Erstarken der Rechten stets aufmerksam beobachtet und auch seit Mitte der zwanziger Jahre zur Gegenwehr aufgerufen. Es entsetzte sie dennoch die Brutalität, mit der es den Nationalsozialisten gelang, die Regierung zu übernehmen. Bis zu diesem Moment hatte sie geglaubt, und glauben wollen, dass sich trotz aller Schwierigkeiten die Entwicklung positiv zu einem dauerhaften demokratischen Staat vollenden würde. Sie betonte stets die Fortschrittlichkeit der deutschen Republik, verschloss aber zur gleichen Zeit nie die Augen vor der umtriebig wirkenden Reaktion. Bis zum Schluss hatte sie jedoch der Macht demokratischer Strukturen vertraut. Anhaltende Sorge bereitete Adele Schreiber hingegen die militärischen Ambitionen aller Regierungen. Ein sicherer Frieden hatte selbst nach dem Ersten Weltkrieg nicht geschlossen werden können: "Immer noch bestehen Riesenorganisationen für die Vorbereitung des Krieges. Erst wenn einmal für die Organisierung des Friedens soviel getan wurde wie für den Krieg, dann wird sich zeigen, ob wirklich der Friede ein schöner Traum ist. ... Die faschistischen Regierungen sind [Seite 429↓] eine drohende Kriegsgefahr, ebenso der weiße und rote Terror. ... Der Diktatur von rechts (Faschismus) und der Diktatur von links (Bolschewismus) sollte der geschlossene Willen der Demokratie in weitestem Sinne entgegengehalten werden." 468 Adele Schreiber erhoffte, eine gerechte Gesellschaftsordnung in Westeuropa auf evolutionärem Wege erreichen zu können. Die in Russland angewandten Methoden, die Blutvergießen und Kämpfe bedeuteten, konnte sie sich für Deutschland nicht vorstellen und verurteilte sie auch in Russland. Eine sozialistische Umwandlung der Gesellschaft, wie sie es sich ausgemalt hatte, entwickelte sich nicht und das Ende der Weimarer Republik kam natürlich nicht überraschend, nicht plötzlich, sondern hatte sich lange vorher angekündigt. Die wirtschaftliche und soziale Krise war zum Synonym für die gesamte Weimarer Republik geworden, wodurch die Regierung in der Bevölkerung an Daseinsberechtigung verlor und republikfeindliche und nostalgisch feudale Tendenzen immer mehr an Stärke gewannen. Die demokratische Grundordnung verlor zunehmend an Akzeptanz und Bedeutung, wie es schon die Auseinandersetzungen um den Remarque-Film gezeigt hatten. Der "alte" Geist lebte, weil man ihm nach dem Weltkrieg nicht mit genügender Entschiedenheit entgegengetreten war, das rächte sich nun. Hass und Gewalt beherrschten das Alltagsleben. Das Leben war aus den Fugen geraten, doch die wenigsten waren bereit, die offensichtliche Unterminierung des demokratischen Lebens als die grundlegende Gefahr zu akzeptieren, die sie wirklich darstellte. Die Vorboten der neuen Zeit waren dennoch nicht zu übersehen: "Es war damals schwer, das Leben in Deutschland zu verstehen, wenn man mitten darin stand. Fremde mußten glauben, daß sie in ein Tollhaus geraten sind, wo es keine Regeln gab."469
Das "normale" Leben war schon lange nicht mehr als "normal" zu bezeichnen. Die Gewalt explodierte und niemand hatte ein Konzept, um ihr wirkungsvoll entgegentreten zu können. Doch die Zeichen des Endes der Demokratie in der Weimarer Republik standen allen überdeutlich vor Augen: "Gewalt in allen Teilen Deutschlands ist zu beobachten. Täglich blutige Auseinandersetzungen, oft zwischen den Rechts- und Linksextremen, aber nicht nur auf diese begrenzt, verursachen eine große Menge von Opfern, zu denen auch Republikaner aller Schattierungen, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Mitglieder der demokratischen Staatspartei und dem Katholischen Zentrum gehören." 470
|
| [Seite 430↓] |
Im Reichstag war die Präsenz der Rechten unübersehbar, und, wie aus dem folgenden Artikel hervorgeht, Adele Schreiber mehr als unangenehm. 1925 beschrieb sie die Situation vor den Wahlen, wobei sie, ganz im Gegensatz zu ihrem ansonsten eher ruhigen und gemäßigtem Stil, ausnahmsweise in wirkliche Ironie verfällt. "Am Tage der Präsidentenwahl war mein Hündchen, `Stips´ mit Namen, sehr unruhig - er wollte durchaus wählen gehen. Natürlich Hindenburg 471 . Denn die vornehmen Hunde in Westend, die alle deutschnational oder völkisch sind, hatten ihm weisgemacht, dann würde sofort die lästige Hundesperre beseitigt. Ich war skeptisch: `Glaub´s nicht, Stips, ´ sagte ich, `es wird so viel geschwindelt über die herrlichen Zeiten, die mit Hindenburg kommen sollen. Ich fürchte, im Gegenteil, wir nähern uns mit jedem Schritt nach rechts der menschlichen Hundesperre. An der Kette zerren wir alle schon, mehr oder minder - bald kommt für uns auch der Maulkorbzwang.´" 472
Diese bedrohliche Atmosphäre, die der Machtzuwachs der Rechten mit sich brachte, führte Adele Schreibers auch in ihrer Reichstagsbeschreibung weiter. Das in einer Bonbonfabrik praktizierte Redeverbot, das unter Zuhilfenahme von Leukoplast durchgesetzt wird, übertrug sie als Anregung auf den Reichstag: "Viel wichtiger als die Verhütung belanglosen Geplauders während der Arbeit ist es, unbequeme Beschwerdeführer, besonders Betriebsräte, unter Lippenverschluß zu nehmen. Dann kann man sich ungehindert mit ihnen unterhalten! Auch sozialistische Agitatoren, namentlich in Wahlzeiten, dürfen uneingeschränkt reden, nachdem ihnen der Sicherheitsdienst ... den Mund verklebt hat. Gefährliche Führer werden einfach dauernd versiegelt. Ich möchte aber eins vor allem befürworten: unser Reichstagspräsident erhält das Verschlußrecht gegenüber Ruhestörern im hohen Hause, auf daß Löbe sie verklebe! Ich würde ihm freudig die erste Rolle Leukoplast für Amtszwecke dedizieren. Acht Zentimeter genügen in der Regel, für ganz große Schnauzen zehn bis zwölf." 473 Sie, die sich auch zwischen politischen Gegnern immer für einen freundlichen und toleranten Umgangston ausgesprochen hatte, sah im politischen Alltag die Schwierigkeiten, die sich im Umgang mit der extremen Linken und der extremen Rechten ergaben, diese Einstellung beizubehalten.
Im Nachhinein erschien Adele Schreiber die Unterdrückung der demokratischen Kräfte, die mit der Machtergreifung der Nazis vollendet wurde, als zwangsläufiger Endpunkt der Entwicklung und unter der Berücksichtigung der Umstände, unter denen sich die Weimarer Republik konstituiert hatte, sogar mit einer gewissen Logik versehen. Die Machtverhältnisse waren von [Seite 431↓]Anfang an nicht eindeutig zugunsten der Demokratie entschieden worden, und bereits mit der Anforderung des Militärs zur Niederschlagung des Spartakusaufstandes waren die Weichen in einer Art gestellt worden, die eine Entmachtung des alten Apparates verhinderte. "Die Wiederkehr feudaler und militaristischer Tendenzen ist insgesamt keine Überraschung. Sie wurde von Beginn an befürchtet, sobald es klar war, daß die neue Republik, verbraucht und unannehmbar leidend, Ergebnis des militärischen Zusammenbruchs, nicht auf das Verständnis der Alliierten traf, wie wir es uns erhofft hatten." 474 Vor der Machtergreifung der Nazis hatte aber auch Adele Schreiber sich nie vorstellen können, welche Ausmaße der Terror noch annehmen könne.
Die anhaltende Krisenstimmung in der Weimarer Republik, Weltwirtschaftskrise und Inflation verstärkte die Tendenzen der Rückbesinnung, die allerdings starke nostalgische Züge hatte. Nun erschien selbst die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg als gute und wünschenswerte Epoche.
Adele Schreiber sah den Zusammenhang zwischen der Enttäuschung der Bevölkerung und dem Erfolg derjenigen, die einen Ausweg aus der Misere versprachen. Für einen Vortrag nach dem Zweiten Weltkrieg notierte sie sich folgende Stichpunkte, die die geschichtliche Situation vor dem Krieg zusammenfasst: "Hitlers Partei steigt und fällt mit wirtschaftlicher Konjunktur ... unüberbietbare Propaganda von Grosskapital gestützt wirken auf Unzufriedene. Ungeheure Arbeitslosigkeit ... Hitlers Privatarmee verbreitet Terror, verfolgt und mordet ... alle Andersdenkenden, Ohnmächtiger Reichstag, Notverordnungen. Sozialistische Führer scheuen Blutvergiessen. Missverstandene Demokratie schützt Staatsfeinde." 475
Hitler, der eine vorher so noch nicht gekannte Dynamik entfaltete, gelang es, alle Enttäuschten unter seiner Führung zu vereinigen und so eine neue Kraft zu formen. Seine Partei ist deswegen "als erste klassenübergreifende deutsche Integrationspartei, als totalitäre Volkspartei"476 zu bezeichnen, denn unter ihm trafen sich die Unzufriedenen aller Spektren. Er war derjenige, der fähig war, das gesamte Potential, das die Gegner der Weimarer Republik boten, und darüberhinaus das Kapital, für sich zu nutzen. Ein weiterer wichtiger Punkt bestand darüber hinaus in der von Hitler genutzten Symbolik. Diese Ästhetik, die auf Massenwirksamkeit und Überwältigung zugeschnitten war, traf auf den Widerhall, den Hitler sich erhofft hatte. Sein Charisma und sein Ansatz, eine Volksgemeinschaft zu gründen, trafen auf Hoffnungen, die in der [Seite 432↓]Bevölkerung bereits seit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs virulent waren, sich jedoch nicht erfüllt hatten. Er griff darauf zurück und begründete so seine Macht. Die anhaltende Krise verbreitete Hoffnungslosigkeit, und bereitwillig wollten weite Teile der Bevölkerung an eine Errettung glauben. Bis 1930 hatten viele Republikaner die Republik schon aufgegeben und hatten sich von ihr abgewandt. Mit jedem Jahr danach verschlechterte sich ganz offensichtlich die Lebenslage in Deutschland. Die NSDAP versprach einen radikalen Neuanfang. "Millionen politischer Kinder, enttäuschter Menschen waren von diesem Programm fasziniert, und sein Schöpfer nennt sich selbst, Mussolini nachahmend `der Führer´. ... Im Verlauf der Jahre wurde `der Führer´ zu einem übermenschlichen Wesen emporgehoben, zu einem Idol von unnatürlicher Größe." 477
Mit der Wende, die die Präsidialkabinette 1930 bis 1932 ausführten, wurde die politisch-soziale Ordnung der Weimarer Republik beendet. Die Voraussetzungen für die Machtübernahme der Nationalsozialisten waren geschaffen worden.
1 vergleiche zu diesem Kapitel: Peukert, Detlef J.K.: Die Weimarer Republik. Krisenjahre der Klassischen Moderne, Frankfurt/M. 1987 und Pörtner, Rudolf: Alltag in der Weimarer Republik, München 1993
2 In seiner Studie über die Weimarer Republik fasst Peukert die Situation treffend zusammen: "Auch unsere Studie zeichnet eine krisengeschüttelte Modernität nach, für die das Balancieren am Abgrund eher der Regelfall war und das Austarieren der Widersprüche eher nur im Ausnahmefall gelang."; Peukert, D.J.K.: Die Weimarer ..., S.10
3 Für Minna Cauer erfüllte sich ein Traum. "Abdankung des Kaisers, Ausbruch der Revolution. Meine Wohnung ist fast erstürmt von Menschen, ich bleibe zu Hause. Ich bin freudig erschüttert, habe nur die Hände am Abend gefaltet, und die Tränen sind mir über die Wangen gelaufen. Traum meiner Jugend, Erfüllung im Alter! Ich sterbe als Republikanerin. Eine Erschütterung geht durch die Welt, wie sie nie gewesen."; Lüders, Else: Minna Cauer. Leben und Werk. Dargestellt an Hand ihrer Tagebücher und nachgelassenen Schriften, Gotha/Stuttgart 1925, S.223; zit. nach: Naumann, G.: Minna Cauer ..., S.209
4 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Frauen, die es wagten
5 Gallo, M.: Rosa Luxemburg ..., S.432
6 "Die Integration aller Parteien einschließlich der bisher verfemten Sozialdemokraten in den `Burgfrieden´, dem sich auch die Gewerkschaften und Unternehmerverbände anschlossen, schieneinen politischen Neuanfang zu signalisieren, dessen Verlockungen sich zunächst beinahe kein Politiker zu entziehen vermochte. Zugleich fühlten diese sich durch die euphorische Beschwörung der nationalen Volksgemeinschaft in der Stunde der inneren und äußeren Bewährung gestärkt, die die Stimmung der Bevölkerung einschließlich der Arbeiterschaft beherrschte."; Peukert, D.J.K.: Die Weimarer ..., S.35
7 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Frauen, die es wagten
8 "Als die SPD es erzwungen hatte, daß die Wahl zur Nationalversammlung schon auf den 19.Januar (1919) festgesetzt wurde, bevor irgend etwas konsolidiert war, gab es kaum einen Menschen in Deutschland, der nicht unglücklich und verzweifelt war. Die Nationalisten und Monarchisten ebenso wie die Sozialisten aller Schattierungen. Die Revolution war verloren, wie der Krieg und die Monarchie verloren war. Reformen wurden durchgeführt. Das Frauenwahlrecht war bereits versprochen."; Frankenthal, K.: Jüdin ..., S.88
9 vergleiche ebd., S.90f.
10 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Frauen, die es wagten
11 "Es wäre Pflicht gewesen, die in der Verfassung den Frauen gegebenen Rechte auf sozialen, wirtschaftlichen und politischen Gebieten zu sichern und z.B. das BGB der Verfassung entsprechend zu korrigieren, statt dessen nutzten die Männer ihre Macht dazu, durch Notverordnungen die in der Verfassung gewährleistete Gleichberechtigung der Frauen zu annulieren."; Heymann, L.G.: Erlebtes ..., S.190f.
12 Peukert, D.J.K.: Die Weimarer ..., S.51
13 Nachlass BA Koblenz, Mappe 1, handschriftliche Erinnerungen
14 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Frauen, die es wagten
15 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Viermal Deutschland, verfasst nach 1945
16 Ebd.
17 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Frauen, die es wagten
18 Ebd.
19 Leo Jogiches-Tyszka (1867-1919 ermordet), Führer der polnischen Arbeiterbewegung. Er war Mitbegründer und führender Funktionär der Sozialdemokratie des Königreichs Polens, Kampfgefährte von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, sowie Mitglied der Gruppe Internationale und der Spartakusgruppe, deren organisatorische Leitung er ab 1916 innehatte.; Meyers Universal Lexikon, Leipzig 1980, Bd.2, S.429
20 Kurt Eisner (1867-1919, ermordet), Journalist. Er war Mitglied der SPD,ab 1917 der USPD, Vorsitzender des Münchner Arbeiter und Soldaten-Rats und bayerischer Ministerpräsident von 1918 bis 1919.; www.dhm.de/lemo/html/biographien/EisnerKurt/
21 Lida Gustava Heymann beschreibt in ihren Erinnerungen, dass die Gegenrevolution überall spürbar wurde. "Nach Eisners Tod setzte der Kampf zwischen Revolutionären und Gegenrevolutionären mit ganzer Kraft ein. Zum Verhängnis wurde wieder einmal die staatsmännische Unfähigkeit der linken Politiker, die Uneinigkeit der Arbeiterschaft sowie der Mangel an Mut bei den Rechtssozialisten, unentwegt und fest der politischen die soziale und wirtschaftliche Revolution folgen zu lassen."; Heymann, L.G.: Erlebtes ..., S.172
22 Mord an Rathenau am 24.6.1922, Rechte Republikfeinde ermorden den als "jüdischen Erfüllungspolitiker" diffamierten deutschen Außenminister Walter Rathenau, wegen seines Eintretens für die Erfüllung der Reparationszahlungen war der Großindustrielle und Außenpolitiker mehrmals angefeindet und bedroht worden, Mitglieder einer rechtsextremen Organisation, die die Weimarer Republik stürzen wollen, ermordeten ihn.; vergleiche dazu Ebert, Johannes/ Schmid, Andreas: Chronik des 20.Jahrhunderts, 1999
23 Friedrich Ebert (1871-1925), Sattler, Redakteur und sozialdemokratischer Politiker. Ab 1913 war er Mitvorsitzender der SPD, 1918 wurde er Reichskanzler und Vorsitzender des Rates der Volksbeauftragten, von 1919 bis 1925 war er Reichspräsident, MdR von 1912 bis 1918 und MdNV.; Wachenheim, H.: Vom Großbürgertum ..., Personenregister
24 Nachlass BA Koblenz, Mappe 1, handschriftliche Erinnerungen
25 Dr. Joseph Wirth (1879-1956), Politiker. Für das Zentrum war er von 1920 bis 1933 MdR. 1920 wurde er Reichsfinanzminister, von 1921 bis 1922 war er Reichskanzler.; Wachenheim, H.: Vom Großbürgertum ..., Personenregister
26 Nachlass BA Koblenz, Mappe 1, handschriftliche Erinnerungen
27 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Viermal Deutschland, verfasst nach 1945
28 Nachlass BA Koblenz, Mappe 1, handschriftliche Erinnerungen
29 Hermann Müller (1876-1931), Politker. Seit 1906 im SPD-Parteivorstand, wurde er ab 1916 für die SPD MdR. Von 1919 bis 1920 war er Reichsaußenminister, 1920 und von 1928 bis 1930 war er Reichskanzler.; Wachenheim, H.: Vom Großbürgertum ..., Personenregister
30 Heinrich Schulz (1872-1932), Lehrer und Schriftsteller. Er arbeitete zunächst als Lehrer und wurde später Vorsitzender der Arbeiterbildungsschule Berlin und Lehrer an der sozialdemokratischen Parteischule. Von 1919 bis 1932 war er Mitglied des SPD-Parteivorstandes.; Schröder, W.H.: Sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete 1898-1918, 1986
31 Konrad Haenisch (1876-1925), Journalist. Nach der Mitarbeit an mehreren Zeitungen übernahm er 1911 die Flugblattzentrale der SPD in Berlin, seit 1900 gehörte er außerdem dem preußischen Abgeordnetenhaus an. Von 1918 bis 1921 preußischer Kultusminister setzte er sich für die Einheitsschule ein und von 1921 bis 1924 gehörte er dem preußischen Landtag an.; Killy, W.: Deutsche Biographische Enzyklopädie, Bd.4, 1996
32 Max Quarck (1860-1930), Journalist und sozialdemokratischer Politiker. Er arbeitete u.a. als Redakteur für die "Deutsche Zeitung" und die "Frankfurter Zeitung". Von 1918 bis 1919 war er Beigeordneter im Reichsamt des Innern, MdR für die Sozialdemokraten von 1912 bis 1918 und zudem MdNV.; Horkenbach, C.: Das Deutsche Reich von 1918 bis heute, 1930
33 Hans Sivkovich (1881-1968), Politiker. Er studierte Theologie, Philosophie und Geschichte und war nach dem Studium als Lehrer tätig. Von 1912 bis 1924 war er Mitglied der Fortschrittlichen Volkspartei, danach gehörte er für die Deutsche Demokratische Partei dem Reichstag an.;Killy, W.: Deutsche Biographische Enzyklopädie, Bd.9, 1998
34 Schreiber, A.: Die Sozialdemokratin als Staatsbürgerin, S.104; in Blos, A. (Hg.): Die Frauenfrage ...
35 Schreiber, A.: Revolution und Frauenrecht ..., S.3
36 Nachlass BA Koblenz, Mappe 70, 15.3.1913, "Frauenforderungen zu den Landtagswahlen", in "Der Tag"
37 Ebd.
38 vergleiche zu diesem Kapitel auch Wickert, Christl: Unsere Erwählten: Sozialdemokratische Frauen im Deutschen Reichstag und im Preußischen Landtag 1919 bis 1933, Göttingen 1986, S.36 und Wickert, Christl: Sozialistin, Parlamentarierin, Jüdin: Die Beispiele Käte Frankenthal, Berta Jourdan, Adele Schreiber-Krieger, Toni Sender und Hedwig Wachenheim; in: Juden und deutsche Arbeiterbewegung bis 1933, Tübingen 1992
39 "Als Eduard Bernstein die Einigungsstelle für die Sozialdemokratie gründete, habe ich mich ihm zur Verfügung gestellt und eine Zeitlang dort intensiv gearbeitet. Für die Wahlen zur Nationalversammlung habe ich eifrig agitiert, auf der Weimarer Frauenkonferenz - wie Sie wissen - ein Referat über den `Schutz von Mutter und Kind´ gehalten."; Nachlass BA Koblenz, Mappe 1, Blatt 17-20, Einige biographische Notizen, nach 1930
40 Schreiber, A.: Die Sozialdemokratin als Staatsbürgerin, S.112; in Blos, A. (Hg.): Die Frauenfrage ...
41 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 16.11.1919, "Unsere neue politische Arbeitsgemeinschaft", in "Neue Freie Zeit"
42 vergleiche zu dieser Thematik das Kapitel "Die ungebrochene `Kriegsbegeisterung´ Adele Schreibers"
43 Schreiber, A.: Revolution und Frauenrecht ..., S.8
44 Ebd.
45 Ebd., S.15
46 Ebd., S.8f
47 Ebd., S.9
48 Ebd., S.10
49 Millicent Garrett Fawcett, die Vorsitzende des englischen Stimmrechtsverbandes, schrieb am 27.November 1918: "Liebe Frau Stritt, ich erhielt Ihre über Kopenhagen gesandte Depesche gestern spät abends. Ich bedauere, daß ich keinen Weg sehe, bei unserer Regierung und deren Verbündeten vorstellig zu werden, die Blockade Deutschlands während des Waffenstillstandes aufzuheben. Wir dürfen nicht vergessen, daß in der ganzen Welt Nahrungsmangel herrscht, hervorgerufen durch den Krieg, der so viele Männer von der Feldarbeit fernhielt. Dieser Mangel wurde durch den uneingeschränkten Unterseebootkrieg Ihrer eigenen Regierung sehr verschärft, ohne daß sich meines Wissens dagegen ein Widerstand weder von deutschen Männern noch von deutschen Frauen erhoben hätte. ... Das Volk unseres Landes ist nicht rachsüchtig; aber es hat einen stark ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit ... Ich fürchte, Sie werden meinen Brief sehr hart und kalt finden, aber es scheint mir notwendig, die Tatsachen ins Auge zu fassen. ... Aufrichtig die Ihrige Millicent Garrett Fawcett."; in "Die Staatsbürgerin", Heft 10, Januar 1918 Verbandsnachrichten, S.94f.; Und Marguerite de Witt-Schlumberger als Vorsitzende des französischen Stimmrechtsverbandes schrieb: "Deutschland, das die Schrecken einer Invasion nicht durchzumachen hatte, beklagt sich nun bitter über die Ernährungseinschränkungen, die ihm durch die Umstände aufgenötigt werden. Diese Einschränkungen, diese Schwierigkeiten der Verproviantierung sind - leider!- nicht die einzigen Geißeln, die während langer Jahre die unglückliche Bevölkerung unserer besetzten Departements, Belgiens, des gemarterten Serbien ertragen mußten. Und während Deutschland für den Krieg, den es entfesselt hatte, die gräßlichsten Formen fand - hat sich das Gewissen der deutschen Frauen geregt? Hat sich ihre Stimme erhoben, als auch außerhalb des Wütens der Schlacht, bei der ruhigeren Besetzung der Städte, Familienmüttern und jungen Mädchen Schande angetan wurde? Trotzdem haben wir nur diese Antwort: Frankreich ist kein Land der Repressalien. Wir haben keine grausamen Instinkte, und wir haben Vertrauen in die Organisationen der Verbündeten. Aber da wir den gräßlichen Anblick der angerichteten Verwüstungen vor Augen haben, und da die Leiden der Frauen und Kinder der vergewaltigten Länder noch keineswegs gelindert sind und es noch lange nicht sein werden, so können wir unser Herz zunächst nur dieser ungerechten und kalt vorbedachten Not zuwenden."; in "Die Staatsbürgerin", Heft 12, März 1919, Verbandsnachrichten, S.109
50 Bei der ersten Tagung des Weltbundes hatte Adele Schreiber 1920 die Wogen zwischen den deutschen und den französischen Frauen noch zu glätten vermocht. Vergleiche das Kapitel "Der Weltbund für Frauenstimmrecht"
51 Deutsch, Regine: Parlamentarische Frauenarbeit, Stuttgart o.J. (nach 1928), S.5
52 Ebd., S.7
53 Ebd.
54 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 23.5.1919, "Zum waffenlosen Protest der Frauen", (ohne Zeitungsangabe)
55 Schreiber, A.: Revolution und Frauenrecht ..., S.10
56 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 1.1.1919, "Den Müttern im neuen Deutschland", in "Vossische Zeitung"
57 Schreiber, A.: Revolution und Frauenrecht ..., S.12
58 Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, 16.5.1919, "Zur Mitarbeit der Frau in der inneren Politik", in "Die Neue Zeit"
59 Nachlass BA Koblenz, Mappe 70, 1.2.1914, "Das Stimmrecht der Hausfrau", in "Vossische Zeitung"
60 Schreiber, A.: Revolution und Frauenrecht ..., S.13
61 Ebd.
62 Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, 17.1.1919, "Die Frau und die Sozialdemokratie", (ohne Zeitungsangabe)
63 Schreiber, A.: Revolution und Frauenrecht ..., S.14
64 Ebd.
65 Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, 17.1.1919, "Die Frau und die Sozialdemokratie", (ohne Zeitungsangabe)
Nachlass BA Koblenz, Mappe 76,17.1.1919, "Die Frau und die Sozialdemokratie", (ohne Zeitungsangabe)
An der Staatslehre Platons wird Adele Schreiber die Idee interessiert haben, dass das Privateigentum aufgehoben werden sollte und dass die Menschen in einer großen Familie leben würden, in der sie gemeinsam für die Kindererziehung verantwortlich wären. Die utopische Idee einer Gesellschaft, die von Philosophen regiert wird und in der jeder nach seinen Bedürfnissen lebt, hat Adele Schreiber zweifellos weniger akzeptable Vorstellungen Platons, wie der des Kastenwesens, übersehen lassen.; vergleiche dazu Keyserling, Arnold: Geschichte der Denkstile, Wien 2000
67 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 1.1.1919, "Den Müttern im neuen Deutschland", in "Vossische Zeitung"
68 Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, 17.1.1919, "Die Frau und die Sozialdemokratie", (ohne Zeitungsangabe)
69 Nachlass BA Koblenz, Mappe 70, 1.2.1914, "Das Stimmrecht der Hausfrau", in "Vossische Zeitung"
70 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 12.2.1919, "Gemeindewahl und Bevölkerungspolitik", in "Vorwärts"
71 Ebd.
72 Revisionismus: Die Vertreter des Revisionismus, wie Eduard Bernstein, vertraten die Meinung, dass die bestehenden Ansichten verändert werden müssen, da sich die Entwicklung des Sozialismus nicht mit der Folgerichtigkeit und Sicherheit eines Naturgesetzes entwickeln wird. Der Hunger der Armen wird zwar zur Revolte, nicht aber zur Revolution treiben, denn für sie bedarf es des vorausschauenden Geistes.
73 Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, 16.5.1919, "Zur Mitarbeit der Frau in der inneren Politik", in "Die Neue Zeit"
74 Nachlass BA Koblenz, Mappe 80, 26.11.1922, "Women in German Politics by Adele Schreiber", in "The Sunday Times London"
75 Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, "Die Frauen im neuen Reichstag", in "Neue Deutsche Frauenzeitschrift", o.D.
76 Bereits für die Frauenkonferenz des am 10.Juni 1919 stattfindenden Parteitag der SPD in Weimar erhält sie ein Mandat als Referentin.; Nachlass BA Koblenz, Mappe 1, Urkunde
77 Schreiber, A.: Die Sozialdemokratin als Staatsbürgerin, S.115; in Blos, A. (Hg.): Die Frauenfrage...
78 Von 6/20-5/24 Wahlkreis 9 Liegnitz, von 5/28-11/32 Wahlkreis 15 Osthannover
"Sie wurde dann im Frühjahr 1920 als Kandidatin für den Bezirk Niederschlesien aufgestellt, und bei den Wahlen zum ersten deutschen Reichstag am 6.Juni 1920 als Reichstagsabgeordnete gewählt."; Nachlass BA Koblenz, Mappe 1, Blatt 10-16, o.T., ca.1923
79 Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, 16.5.1919, "Zur Mitarbeit der Frau in der inneren Politik", in "Die Neue Zeit"
80 Ebd.
81 Von Juni 1920 bis Mai 1924 war sie für den Wahlkreis 9, Liegnitz, gewählt worden.
82
"Am 2. Juli 1920 wurde auf Antrag des Abgeordneten Mumm (D[eutsch] N[ational]) ein Ausschuß für Bevölkerungspolitik gebildet, dessen Vorsitz wie in der Nationalversammlung eine Frau führt: Adele Schreiber-Krieger (S[ozialdemokratie]) (In der Nationalversammlung Anna von Gierke (D[eutsch] N[ational]).; Deutsch, R.: Parlamentarische Frauenarbeit ..., S.41
Anna von Gierke (1874-1943), Pädagogin und Lektorin. Von 1898 bis 1933 Leiterin der Ausbildungsstätte Jugendheime e.V., war sie nach dem Zweiten Weltkrieg Lehrerin in der Fachausbildung für Kindergärtnerinnen und Fachreferentin für vorschulische Erziehung. In der Weimarer Republik war sie 1919/20 Mitglied der Nationalversammlung.; Handbuch der deutschen Wissenschaft, Bd.2, Biographisches Verzeichnis 1949 und www.berlin.de/home/Land/BAs/Charlottenburg-Wilmersdorf/wissenswertes/gedenktafeln/gierke.htm
83 "Der Ausschuß konstituierte sich am 4.Juli 1920 und hielt bis zum Schluß der Berichtszeit 17 Sitzungen ab."; Deutsch, R.: Parlamentarische Frauenarbeit ..., S.41
84
"Im § 6 des Entwurfes heißt es: `Die Behandlung von Geschlechtskrankheiten oder Leiden der Geschlechtsorgane ist nur den für das Deutsche Reich approbierten Ärzten gestattet.´ Hiergegen wandte sich eine starke Opposition der Naturheilkundigen, die in fast allen Fraktionen unter Männern und Frauen Anhänger fanden. Von den weiblichen Abgeordneten war es neben der Vorrednerin (Frau Lang-Brumann) vor allem Frau Schröder (V[ereinigte] S[ozialdemokratie]), die Änderungen dieses Paragraphen beantragte. ... Die von Frau Schröder und ihren Freunden gewünschte Änderung. wurde in das Gesetz aufgenommen, trotzdem sich sowohl die Regierungsvertreter wie die Sachverständigen dagegen ausgesprochen hatten."; Deutsch, R.: Parlamentarische Frauenarbeit ..., S.84/85
Luise Schröder (1887-1957), Politikerin. Von 1919 bis 1933 war sie für die SPD Mitglied der Weimarer Nationalversammlung. Sie war auch Mitglied des Reichstages und an der Gründung der Arbeiterwohlfahrt beteiligt. 1946 wurde sie Bürgermeisterin von Berlin und von 1947-1948 amtierende Oberbürgermeisterin und später Mitglied des Bundestages.; www.mscd.edu/~mdl/gerresources/frauen/lschroeder.htm
85 Thusnelda Lang-Brumann (1880-?), Lehrerin. Von 1920 bis 1924 arbeitete sie als Stadträtin in München, von 1920 bis 1933 war sie für die Bayerische Volkspartei MdR.; Kosch, W.: Das katholische Deutschland, Bd.2, 1937
86
Deutsch, R.: Parlamentarische Frauenarbeit ..., S.85
Anschließend vertrat in Übereinstimmung mit Adele Schreiber auch Gertrud Bäumer den Standpunkt, dass es ungerecht ist, nur die Frauen zu bestrafen, nicht aber deren Freier. Sie sagte: "Aber wenn man die Sache so ansieht, so kommt man um die Konsequenz der Frage nicht herum: was hat mit den Männern zu geschehen, die dieses Gewerbe als Kunde benutzen? Es ist vom moralischen Standpunkt aus angesehen vollkommen unerträglich, daß die strafrechtliche Verfolgung dann nur einen Teil treffen soll."; Deutsch, R.: Parlamentarische Frauenarbeit ..., S.85
87 "Sie hat einmal einen Ruf gehabt im Volke, diese Primadonna der Polizeiknute und der Salvarsanspritze. Damals, als sie neben Helene Stöcker als mutige Vorkämpferin der Mutterrechte im Vordergrund des Bundes für Mutterschutz stand. Lang ist es her. ... Adele Schreiber hat Jugend und Ideale verloren, hat dafür einen Mann gefunden, einen Arzt sogar, sie heißt jetzt Krieger und ist kriegerisch gesonnen, weniger gegen die Geschlechtskrankheiten, als gegen die Kranken im Volk. Sie sitzt im deutschen Reichstag, und wer sie so sah, die Salvarsan-Amazone, der darf schon sagen: sie sitzt dort ganz an ihrem Platz. Diesem Reichstag würde etwas fehlen, wenn ihn nicht Adele Schreiber zierte. Frauenrecht ist Menschenrecht."; Nachlass BA Koblenz, Mappe 12, "Gesetz und Gewissen" von Fritz Wolffheim, S.105-107, in "Zentralblatt für Parität der Heilmethoden vom 1.und 15. August 1923"
88 "Im Saale gähnende Leere, die wenigen anwesenden Abgeordneten mit allen möglichen Privatangelegenheiten beschäftigt, ein wüstes Durcheinander murmelnder Stimmen. Für den Gegenstand der Verhandlungen besteht bei den Volksvertretern kein Interesse. Kein Wunder: handelt es sich doch weder um den Schutz der Republik, noch um die Erhöhung der Diäten."; Nachlass BA Koblenz, Mappe 12, "Gesetz und Gewissen" von Fritz Wolffheim, S.105-107, in "Zentralblatt für Parität der Heilmethoden vom 1.und 15. August 1923"
89 Hermann Müller (1876-1931), rechter sozialdemokratischer Politiker. Seit 1906 Mitglied des Parteivorstandes der SPD, von 1919 bis 1928 einer der Parteivorsitzenden. Von 1928 bis 1930 war er Reichskanzler in der Großen Koalition.; Meyers Universal Lexikon, Leipzig 1980, Bd.3, S.189
90 Die Naturheiler, die jegliche Schulmedizin ablehnten, veröffentlichten einen Hetzartikel. "Die Ärzte haben es geschafft, und die Aktien der chemischen Industrie werden weiter steigen. ... Das, was dieses Gesetz bringt, ist eine ungeheuerliche Versündigung am Volke selbst. Jeder Geschlechtskranke, jeder, der nur der Geschlechtskrankheit verdächtig ist, jeder, der von Übelwollenden denunziert wird, ist jetzt durch staatliche Zwangsmittel der Willkür der Ärzte ausgeliefert. ... Verboten ist nicht nur die Behandlung von Geschlechtskrankheiten durch nichtapprobierte Ärzte, sondern auch die Belehrung über naturgemäße Heilungsmethoden der Geschlechtskrankheiten. Jeder Versuch, mit natürlichen Mitteln der Volksseuche Herr zu werden, ja jede Aufklärung hierüber, ist strafbar. ... obwohl kein Arzt der Welt dafür zu garantieren wagt, daß mit den heute vorgeschriebenen Mitteln die Syphilis auch wirklich geheilt werden kann ... "; Nachlass BA Koblenz, Mappe 12, "Gesetz und Gewissen" von Fritz Wolffheim, S.105-107, in "Zentralblatt für Parität der Heilmethoden vom 1.und 15. August 1923"
91 vergleiche Schreiber, A.: Die Sozialdemokratin als Staatsbürgerin, S.118; in Blos, A. (Hg.): Die Frauenfrage ...
92 Margarete Behm (1860-1930), Gewerkschaftsführerin. Zuerst als Lehrerin tätig, gründete sie den Gewerkverein der Heimarbeiterinnen, dessen Vorsitzende sie von 1905 bis 1930 war. Ab 1919 war sie Mitglied der Nationalversammlung und von 1920 bis 1921 für die deutschnationale Partei im Reichstag.; Lexikon der Frau, Bd.1, 1953
93 Nachlass BA Koblenz, Mappe 80, 26.11.1922, "Women in German Politics by Adele Schreiber, in "The Sunday Times London"
94 Paula Müller (1865-?), Sie war Vorsitzende des Deutsch-Evangelischen Frauenbundes, Herausgeberin der Evangelischen Frauenzeitung, Hannover und Reichstagsmitglied für die Deutsch-Nationale Volkspartei.; Reichstags-Handbuch 1920-1933, I.Wahlperiode 1920
95 Katharina von Oheimb (1879-1962), Politikerin. Sie war Gründerin und 1.Vorsitzende des Nationalverbandes deutscher Frauen und Männer und von 1920 bis 1924 Mitglied des Reichstags für die Deutsche Volkspartei. Sie führte einen politischen Salon und lehrte an der Deutschen Hochschule für Politik.; Reichstags-Handbuch 1920-1933, I.Wahlperiode 1920 und www.mscd.edu/~mdl/gerresources/frauen/kvonoheimb.htm
96 Nachlass BA Koblenz, Mappe 80, 26.11.1922, "Women in German Politics by Adele Schreiber, in "The Sunday Times London"
97 Ebd.
98 Ebd.
99 Toni Pfülf (1877-1933), sozialdemokratische Politkerin. Ab 1902 Mitglied der SPD wurde sie schnell eine der führenden Bildungs- und Rechtspolitikerin der Partei in Bayern, wobei sie sich besonders gegen die Todesstrafe und für eine humane Abtreibungsregelung einsetzte. Durch den aufziehenden Nationalsozialismus desillusioniert, nahm sie sich im Juni 1933 das Leben.; www.hn.munich-info.de/muc/2001/05/ru-4968.html
100 Nachlass BA Koblenz, Mappe 80, 26.11.1922, "Women in German Politics by Adele Schreiber, in "The Sunday Times London"
101 Sie erwähnte in dem oben genannten Artikel, neben den in den Zitaten genannten Frauen, Hedwig Dransfeld und Frau Neuhaus von der Katholischen Partei, sowie Clara Zetkin von den Kommunisten.
102 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 16.11.1919, "Unsere neue politische Arbeitsgemeinschaft", in "Neue Freie Zeit"
103 Nachlass BA Koblenz, Mappe 12, 8.11.1922, "Amerikanischer Besuch", (ohne Zeitungsangabe)
104 Nachlass BA Koblenz, Mappe 12, 30.8.1922, "Die Frau in der Politik. Gespräch mit Adele Schreiber-Krieger. MdR" von Fr.H., in "Neues Wiener Journal"
105 Ebd.
106 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 16.11.1919, "Unsere neue politische Arbeitsgemeinschaft", in "Neue Freie Zeit"
107 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, 1929, Die Geschichte der Frauenbewegung (Weltbund für Frauenstimmrecht)
108 vergleiche dazu Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Der Siegesmarsch einer Idee. Von Einer die mitmarschierte und das Kapitel "Der Weltbund für Frauenstimmrecht während des Krieges und nach dem Ersten Weltkrieg"
109 Nachlass BA Koblenz, Mappe 70, 13.11.1915, "Verband für Frauenstimmrecht", in "Vossische Zeitung"
110 "Diese neue Organisation führte die Arbeit bis 1923 fort. Dann belebte Dorothea von Velsen die alte Stimmrechtsorganisation wieder."; zit. nach Schreiber, Adele/ Mathieson, Margaret: Journey towards freedom: written for the golden jubilee of the International Alliance of Woman, Copenhagen: Internnational Alliance of Woman, 1955, S.28
111 Nachlass BA Koblenz, Mappe 1, handschriftliche Erinnerungen, 2.Fassung
112 Clara Hyde; zit. nach Voris, Jacqueline van: Carrie Chapman Catt, New York 1987, S.169
113 Émilie Gourd (1879-1946), Pionierin der Schweizer Frauenbewegung. Sie nahm eine führende Stellung in der lokalen, nationalen und internationalen Frauenbewegung ein und bezeichnete sich als "Feministin von Beruf". 1923 übernahm sie den Sekretärinnenposten des Internationalen Bundes für Frauenstimmrecht und reiste von Land zu Land. Ihre Schriften und Reiseberichte veröffentlichte sie in der Zeitschrift "Le Mouvement Féministe", die heute noch unter dem Namen "Femmes Suisses" existiert.; Lexikon der Rebellinnen, S.110/111
114 Schreiber, A./ Mathieson, M.: Journey ..., S.28
115 Voris, Jacqueline van: Carrie Chapman Catt..., S.170
116 Margery Corbett-Ashby (1882-1981), englische Feministin. 1904 begleitete sie ihre Mutter zur Gründung des Weltbundes für Frauenstimmrecht in Berlin und wurde 1923 selbst Präsidentin der Organisation. Nach dem Zweiten Weltkrieg legte sie ihr Amt nieder, wirkte aber bis zu ihrem Lebensende als Feministin und Pazifistin. www.xrefer.com/entry.jsp.xrefid=35921/
117 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, 1929, Die Geschichte der Frauenbewegung (Weltbund für Frauenstimmrecht)
118 vergleiche dazu das Kapitel "Stimmrecht der Frauen und Arbeit im Reichstag"
119 Nachlass BA Koblenz, Mappe 12, 30.8.1922, "Die Frau in der Politik. Gespräch mit Adele Schreiber-Krieger. MdR" von Fr.H., in "Neues Wiener Journal"
120 "Durch die Gründung einer Abteilung `Mutter und Kind´ beim Zentral-Komitee soll die Anknüpfung neuer internationaler Verbindungen gefördert werden. Die erfreuliche Tatsache, daß die ersten Schritte zur Anbahnung verständnisvoller Zusammenarbeit aller Menschenfreunde, namentlich auf einem der wichtigsten Wohlfahrtsgebiete, der Mütter- und Kinderfürsorge von hochherzigen Frauen aller Nationen unternommen worden sind, und daß gerade auf diesem betretenen neuen Wege am raschesten und erfolgreichsten die so dringend nötige Hilfe erhofft werden kann, hat uns veranlaßt, als Mitarbeiterin in dieser Abteilung Frau Adele Schreiber zu gewinnen zu suchen, der es durch ihre internationalen Beziehungen gerade unter den führenden Frauen und durch ihre bisherige umfangreiche soziale Tätigkeit hoffentlich bald gelingen wird, jene Vereinbarungen zu treffen, die gerade auf dem Gebiete der Mütter- und Kinderfürsorge den erstrebten Erfolg zu bringen versprechen."; Amtliche Mitteilungen des Central-Komitees der Deutschen Vereine vom Roten Kreuz, Berlin, 29. Februar 1920, Nr.4
121 Paul Wilhelm K. Ludwig Draudt (1877-1944), Oberstleutnant a.D. und Funktionär beim DRK. Er war von 1924 bis 1933 Vize-Präsident der Liga der Rotkreuzgesellschaft in Paris, von 1924 bis 1933 Vize-Präsident im deutschen Roten Kreuz und von 1924 bis 1937 ebenfalls Leiter der auswärtigen Arbeit des DRK. Nach dem Gymnasium schlug er eine Offizierslaufbahn ein und später wurde er Vorsitzender des Kriegsgefangenen-Ausschusses bei der deutschen Friedensdelegation in Versailles und Paris.; Degener, Hermann A.L. (Hg.): Wer ist´s? Unsere Zeitgenossen, 1935
122 Blätter des Deutschen Roten Kreuzes: Bericht über die Mitgliederversammlung des Deutschen Roten Kreuzes in Berlin vom 25. bis 28. April 1922, Jhg.1, Nr.5
123 Nachlass BA Koblenz, Mappe 1, Blatt 9, Curriculum vitae, französischer Lebenslauf nach 1933
124 Blätter des Deutschen Roten Kreuzes: Neue Wege der Mütterfürsorge. Frauenheim und Werkstätten des Deutschen Roten Kreuzes, Nr.10 (ca.1922), S.243-246
125 Frauenheim und Werkstätten des Deutschen Roten Kreuzes, Berlin-Lichtenberg, Möllendorfstr. 62-69
126 Blätter des Deutschen Roten Kreuzes: Neue Wege der Mütterfürsorge. Frauenheim und Werkstätten des Deutschen Roten Kreuzes, Nr.10 (ca.1922), S.243-246
127 Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, 1925, "Die gegenwärtige Lage der unehelichen Mutter", Sonderdruck Jugendwohlfahrt in Deutschland
128 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 4.5.1921, "Die Kinderheime von `Mutter und Kind´", in "Neuer Görlitzer Anzeiger"
129 Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, 1922, 1.Jhg., "Wiederaufbauarbeit an Kindern", in "Blätter des Deutschen Roten Kreuzes", Berlin
130 Nachlass BA Koblenz, Mappe 12, 5.4.1923, "Schwedische Spende für deutsche Kinder", (ohne Zeitungsangabe), (vermutlich nicht von Adele Schreiber verfasst)
131 Die erste Aktion bestand nur in der "Unterbringung 200 erholungsbedürftiger Berliner Kinder in gemieteten Unterkunftsstätten des Harzes", doch "Schon das Frühjahr 1920 traf uns mitten in der Arbeit für die erste eigene Stätte, das große Kindererholungsheim `Deutsch-Amerika´ in Nordholz bei Cuxhaven, einer Stiftung der German Society of the City of New York. ... Der Eröffnung von Nordholz folgte kurz darauf die der `Waldmühle´, Wernigerode. Die amerikanische Quarter Collection hat einen namhaften Zuschuß zum Erwerb dieses schönen Heims gestiftet. ... Aber nicht minder schön ist´s am Strand der Ostsee, in Seebad Zinnowitz, wo das dritte unserer Heime, das Berta-Louis-Dreyfus-Heim, im Winter 1920-21 seine Pforten öffnete. Der leider noch vor Eröffnung des Heimes verstorbene amerikanische Gelehrte und Philantrop Dr. Louis Dreyfus und seine Gattin Frau Berta Dreyfus, eine geborene Berlinerin, errichteten diese Stiftung ausschließlich für Berliner Kindernot. ... In einsamer Heidegegend an der Nordsee erstand unser kleinstes Heim `Frohsinn-Pittsburgh´, eine Gabe von Pittsburgher Kinderfreunden. ... Das Dörflein Schülpersiel in Holstein ... gilt heute schon durch das Kinderheim einer Reihe deutscher Städte als Gesundbrunnen für die Jugend. Im goldenen Ring unserer Heime leuchtet `Sonnenstein´, die Prinz-Carl-von-Schweden-Stiftung des schwedischen Roten Kreuzes in Bad Sulza/Thüringen. ... Seit Frühjahr 1921 ist es mit jeweils 100 Kindern belegt ... Nahezu 6000 Kinder können wir, wenn erst in allen Heimen sämtliche Räume mit Heizvorrichtung für den Winter versehen sind, alljährlich in eigener Erholungsfürsorge unterbringen." Zu dieser Zahl kamen noch die Kinder, die jeweils in gemieteten Heimen untergebracht wurden.; Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, 1922, 1.Jhg., "Wiederaufbauarbeit an Kindern", in "Blätter des Deutschen Roten Kreuzes", Berlin
132 Nachlass BA Koblenz, Mappe 1, handschriftliche Erinnerungen, 2.Fassung
133 Blätter des Deutschen Roten Kreuzes: Bericht über die Mitgliederversammlung des Deutschen Roten Kreuzes in Berlin vom 25. bis 28. April 1922, Jhg.1, Nr.5
134 Ebd.
135 Blätter des Deutschen Roten Kreuzes: Bericht über die Mitgliederversammlung des Deutschen Roten Kreuzes in Berlin vom 25. bis 28. April 1922, Jhg.1, Nr.5
136 Im "Waldesheim" bei Düsseldorf, "unter Leitung von Prof. Schloßmann, eine der beiden besten Heilstätten für tuberkulose-gefährdete Kinder", arbeitete sie zusätzlich im Vorstand mit.; Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, 1922, 1.Jhg., "Wiederaufbauarbeit an Kindern", in "Blätter des Deutschen Roten Kreuzes", Berlin
137 Blätter des Deutschen Roten Kreuzes: Bericht über die Mitgliederversammlung des Deutschen Roten Kreuzes in Berlin vom 25. bis 28. April 1922, Jhg.1, Nr.5
138 Nachlass BA Koblenz, Mappe 40, Brief an Adele Schreiber, o.D., Absenderin unbekannt (vermutlich Frl. Dr. Weiland)
139 vergleiche dazu das Kapitel "Vortragstournee in Amerika"
140 Nachlass BA Koblenz, Mappe 40, Brief an Adele Schreiber vom 21.12.1923, Absenderin unbekannt
141 Nachlass BA Koblenz, Mappe 40, Blatt 74, Brief an Fräulein Dr. Weiland, o.D., Absenderin unbekannt
142 Nachlass BA Koblenz, Mappe 40, Blatt 3-9, o.D., o.T., (vermutlich von Adele Schreiber verfasst)
143 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 22.1.1920, "Die hoffnungsvollste Internationale", in "Berliner Tageblatt"
144 "Am 6.Juli kamen Alarmnachrichten aus Österreich. Kaiser Karl hatte an den Deutschen Kaiser einen Appell um Brot gerichtet, da Österreichs Verpflegungsschwierigkeiten unlösbar wurden. Es wurde beschlossen, daß bis zur nächsten Ernte alle Getreidevorräte gemeinsam verwertet werden sollten." Frankenthal, K.: Jüdin ..., S.79
145 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 1.2.1920, "Rettet die Kinder! Ein internationales Werk für Kinderhilfe", in "Neue Freie Zeit"
146 Nachlass BA Koblenz, Mappe 40, Bericht über Deutschland. Dem internationalen Kongreß für Kinderhilfe
147 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 22.1.1920, "Die hoffnungsvollste Internationale", in "Berliner Tageblatt"
148 "Letztere (Adele Schreiber, A.B.) hat auch am 5.Januar 1920 den deutschen Zweigverein der neugegründeten Genfer Internationalen Vereinigung für Kinderhilfe ins Leben gerufen und in den ersten Jahren beim Genfer Komitee vertreten. Der deutsche Zweig der Vereinigung ging dann an die Zentrale für Jugendwohlfahrt über."; Schreiber, A.: Die Sozialdemokratin als Staatsbürgerin, S.141; in Blos, A. (Hg.): Die Frauenfrage ...
149 Schon die ersten 7 Mitglieder, die den engeren Vorstand bildeten, vertraten u.a. das Reichswirtschaftsministerium, die Deutsche Gesellschaft für Mutter- und Kindesrecht, sowie die Kinderhilfswerke der Unabhängigen Sozialdemokraten.
150 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 22.1.1920, "Die hoffnungsvollste Internationale", in "Berliner Tageblatt"
151 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Ein Weltbund für das Kind, verfasst ca.1924/25
152 Nachlass BA Koblenz, Mappe 1, Blatt 17-20, Einige biographische Notizen, nach 1930
153 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 11.11.1920, "Zur Londoner Wiederaufbaukonferenz" von Adele Schreiber, Mitglied des Reichstags, deutsche Delegierte bei der Londoner Konferenz, in "Görlitzer Volkszeitung"
154 Nachlass BA Koblenz, Mappe 1, handschriftliche Erinnerungen
155 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 11.11.1920, "Zur Londoner Wiederaufbaukonferenz" von Adele Schreiber, Mitglied des Reichstags, deutsche Delegierte bei der Londoner Konferenz, in "Görlitzer Volkszeitung"
156 Neben ihr war als Vertreterin Deutschlands auch Herta Kraus anwesend.; vergleiche Schreiber, A.: Die Sozialdemokratin als Staatsbürgerin, S.141; in Blos, A. (Hg.): Die Frauenfrage ...
157 Nachlass BA Koblenz, Mappe 72, ca.1920, "Deutschlands Not und die Londoner Hungerkonferenz", Broschüre
158 Ebd.
159 Nachlass BA Koblenz, Mappe 72, ca.1920, "Deutschlands Not und die Londoner Hungerkonferenz", Broschüre
160 Nachlass BA Koblenz, Mappe 12, 13.10.1920, "Die Hungersnotkonferenz eröffnet", in "Vorwärts",(vermutlich nicht von Adele Schreiber verfasst)
161 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 8.9.1925, "Die Internationale des Kindes", in "Volks-Zeitung für die Oberlausitz"
162 Ebd.
163 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Kinder klagen an!, verfasst ca.1931/32
164 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 9.9.1925, "Die Internationale des Kindes", in "Volksstimme Mannheim"
165 Martin Schiele (1870-1939), Politiker. Für die Deutsch-Konservative Partei war er von 1914 bis 1930 MdR, 1925 war er Reichsinnenminister, danach einige Zeit Reichsernährungsminister.; www.fes.de/fulltext/historiker/ 00781a22.htm
166 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 9.9.1925, "Die Internationale des Kindes", in "Volksstimme Mannheim"
167 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Kinder klagen an!, verfasst ca.1931/32
168 vergleiche Kapitel "Die Hungersnot und das Deutsche Rotes Kreuz"
169 Nachlass BA Koblenz, Mappe 12, 30.8.1922, "Die Frau in der Politik. Gespräch mit Adele Schreiber-Krieger. MdR" von Fr.H., in "Neues Wiener Journal"
170 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 8.6.1924, "Vom `Anderen Amerika´", in "Vorwärts"
171 Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, "Aus meinem amerikanischen Skizzenbuch", in "Frau und Gegenwart", Hamburg
172 Ebd.
173 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 21.10.1924, "Politische und soziale Eindrücke aus Amerika III.", in "Hamburger Echo"
174 Peck, M.G.: Carrie Chapman-Catt…, S.371
175 Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, "Aus meinem amerikanischen Skizzenbuch", in "Frau und Gegenwart", Hamburg
176 Nachlass BA Koblenz, Mappe 47, 6.1.1924, "Adele Schreiber, eine bedeutende Frau. Eine Unterredung mit der hervorragenden deutschen Parlamentarierin und wackeren Vorkämpferin für Frauenrechte", New York von Rosa Sprunk, in "Sonntagsblatt Staats-Zeitung und Herold"
177 Nachlass BA Koblenz, Mappe 46, Blatt 18-21, (Ablaufplan Amerika-Aufenthalt): Adele Schreiber hielt fast täglich Vorträge und wurde zu Treffen der verschiedensten Art gebeten. Auch Jane Addams übernahm den Vorsitz von Versammlungen und trat gemeinsam mit ihr auf ebenso wie Alice Salomon, die zeitgleich in den USA weilte, und mit der Adele Schreiber am 15.3.1924 einen gemeinsamen Vortrag bestritt. Ihre Reise dauerte bis zum 4.4.1924, dann machte sie sich wieder auf die Heimreise.
178 Schreiber, A.: Die Sozialdemokratin als Staatsbürgerin, S.141; in Blos, A. (Hg.): Die Frauenfrage ...
179 "Die besten Aktivposten, die wir zu unseren Gunsten geltend machen können, die Weimarer-Verfassung, die Sozialgesetze des Reichstages, insbesondere das Jugendwohlfahrtsgesetz, der ungeheure Fortschritt der deutschen Frauen, die ihnen verliehenen Rechte, alles was den Fortschritt der Demokratie bei uns beweist, unsere Bestrebungen zur Erneuerung der Schule, die Erfolge unserer Jugendbewegung, die Tapferkeit der Selbsthilfe, der noch ungebrochene Wille für geistige Ziele, für Kunst und Wissenschaft zu kämpfen - all das findet das stärkste Echo und weckt allenthalben Sympathien."; Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Die Situation in Amerika und die Lage der amerikanischen Frau
180 Nachlass BA Koblenz, Mappe 47, Januar 1924, "Women socialist M.P. wins debate with British Liberal" von Lena Morrow Lewis, (ohne Zeitungsangabe)
181 "Man muß sorgfältig auseinanderhalten welches die Kreise hier sind in denen es angebracht ist, Spenden für Wohlfahrtszwecke zu sammeln und welches diejenigen von denen wir ein politisches Eingreifen erwarteten. ... Durch die Bildung des All American Committee und die Übernahme des Vorsitzes durch General Allen erstreckt sich jetzt der Kreis der Geber auch weit in die rein-amerikanischen Kreise hinein. Man darf sich aber nicht darüber täuschen, daß viele dieser Spender soweit sie Anglo-Amerikaner sind, sich wohl bereit finden Kinder vor dem Hungertode zu retten, aber noch lange nicht ihre innere Einstellung gegen Deutschland aufgegeben haben. Ein wirklicher Erfolg ist nur zu gewärtigen, wenn es gelingt, diese Einstellung zu überwinden und dazu bedarf es der Aufklärung. ... Die Mehrheit der Deutsch-Amerikaner hat die Entwicklung des neuen Deutschlands nicht mitgemacht, zum großen Teil nicht verstanden ..."; Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Die Situation in Amerika und die Lage der amerikanischen Frau.
182 Nachlass BA Koblenz, Mappe 40, Brief von Adele Schreiber aus Lansing, Michigan, an Herrn Draudt vom Roten Kreuz vom 22.3.1924
183 Nachlass BA Koblenz, Mappe 47, 25.1.1924, "Deutschland gegen England", (vermutlich nicht von Adele Schreiber verfasst und ohne Zeitungsangabe)
184 "Am 15.März (1924, d.A.) werde ich auf einer Plattform mit Dr. Alice Salomon vor dem Foreign Relations Council in Chicago sprechen. Dr. Salomon wird die ökonomische Lage darstellen, ich die politische ..."; in: Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Die Situation in Amerika und die Lage der amerikanischen Frau
185 Nachlass BA Koblenz, Mappe 46, Vereine in denen ich gesprochen habe, oder die Mitveranstalter meiner Vorträge waren, Blatt 14: "Frauenclubs: University Club, College Club, League of Women Voters, Women´s City Club, Good Government League of Women Voters, Vassar Club, Women´s Intern. League for Peace and Freedom ; Universitäten, Schulen und Vereinigungen von Lehrkräften: University of Chicago, North Western University of Evanston, University of Wisconsin (Madison), Bryn Mawr (Girl´s College), Fortbildungsschule Madison, Teacher´s Federation, Ella Flag Young Club, Deans of Women ; Konfessionelle Vereinigungen: Young Women´s Christian Association, Women´s Christian Temperance Union, Young Men´s Christian Association, Free Synagogue, Jewish Educational Centre, Jewish Women´s Society ; Vereingungen für geschäftliche Interessen: Chamber of Commerce, Executive Club, Twin City Bond Men Club, Business Women Club, Catholic Business Women Club, Exchange Club ; Open Forums und Allgemeine Vereine: Foreign Relations Council, Emergency Foreign Relations Council, Holyoke Open Forum, National Popular Government League, Wash. Park Forum, Keewanisclub (?), Improvement Club, Civic League, Knights of Columbus, Lion´s Club, Grotto Club, Art Club, Diplomatic Club, Fellowship of Reconciliation, German Club, Deutscher Turmverein; Diverses: Bureau of Social Hygiene, Children´s Bureau, Intern. Garment Worker´s Union, The Rand School, The New Leader, Labour Temple, Socialist Party, Down Town Club etc."
186 Robert L. Owen (1856-1947), amerikanischer Senator. Bis 1900 war er Päsident der First National Bank of India, die er 1890 dort gegründet hatte. 1907 wurde er in den US-Senat gewählt und auch 1912 und 1918 wiedergewählt. Neben vielem anderen kümmerte er sich besonders um die Rechte der Kinder.; www.ou.edu/special/ albertctr/archives/owen.htm
187 William E. Borah (1865-1940), amerikanischer Politiker. Er war Senator Idahos im amerikanischen Senat. Die ihm von Calvin Coolidge angebotene Vize-Präsidentschaft lehnte er ab. Vor seinem Tod war er einer der 16 "Progressiven" im Senat und gehörte zu den "Isolationisten".; www.findagrave.com/state/15.html
188 Henrik Shipstead (1881-1960), amerikanischer Senator. 1922 von der Farmer Gewerkschaft in den US-Senat gewählt, wurde er auch 1928, 1934 und als Republikaner auch 1940 wiedergewählt.; www.bioguide.congress. gov/scripts/biodisplay.pl?index=S000369
189 Alvin O. King (1890-1958), amerikanischer Senator. Von 1924 bis 1931 war er Senator in Südwest Louisiana und nach langem gelang es ihm 1932 in den US-Senat einzuziehen.; www.nutrias.org/~nopl/lama/spr99.htm
190 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Die Situation in Amerika und die Lage der amerikanischen Frau
191 Ebd.: "Einige besonders helle Punkte haften in meiner Erinnerung. So der Abend in Brynmawr, dem großen Mädchen College in der Nähe von Philadelphia, wo Dr. Susan Kingsbury mich zu einem Vortrag vor ihren Studentinnen geladen hatte. ... Auch bei den Vertreterinnen der Gewerkschaften, die über eine Zahl sehr befähigter und geschulter Kräfte verfügen, verlebte ich in New York, Philadelphia, Washington und Chicago besonders frohe Stunden. Frauen wie Mary Dreier, Rose Schneidermann, Mary Anderson, Gladys Boone, Mrs. Raymond Robins,
Elisabeth Christman, Agnes Nestroy, um nur einige zu nennen, sind in allen Kreisen besonders geschätzt. Mrs. Carry Chapman Cat, die weltbekannte Pionierin der Frauenstimmrechtsbewegung, Jane Addams, die einzigartige Vorkämpferin und Führerin sozialer Arbeit, Grace Abbot, die anerkannte Leiterin des Childrens Bureau in Washington, Dr. Catherine Bemant Davis und Dr. Valeria Parker, deren Namen durch ihre Arbeit im Büro für social hygiene so wohl bekannt wurden, Mrs. Elkers, die Gattin des ehemaligen Gesandten in Konstantinopel,
Senator Robert Owen, Morris Hilquit, der Vorsitzende der sozialistischen Partei in New York, Dean Kent von der Northwestern University in Evanston sind einige der Persönlichkeiten unter deren Vorsitz es mir vergönnt war zu sprechen. ... In Chicago ... übertrifft keine Frau Emil Eitel ... The American Welfare Association an deren Spitze sie steht ... Ein großes Lunch, das die Deutsche Gesellschaft in Chicago für Siegfried Wagner und seine Frau gab, sowie eine Privateinladung bei Herrn und Frau Teich, die sich gleichfalls rege für die deutsche Nothilfe betätigen, brachte mich in Berührung mit dem Vertreter der großen Tradition Bayreuths."
Mary Anderson (1872-1964), amerikanische Gewerkschafterin. Von einer Hausangestellten wurde sie über die Arbeit in einer Fabrik zu einer Führerin der Gewerkschaft. In Schweden geboren, war sie eine unermüdliche Vorkämpferin für die werktätigen Frauen. Sie war 25 Jahre lang Leiterin des Women´s Bureau und wurde durch ihr Engagement zu einer der meistbekannten Vorkämpferinnen für die Rechte der Frauen und für verbesserte Arbeitsbedingungen.; www.dol.gov/oasam/programs/laborhall/ma.htm
Gladys Boone (1895-1982), amerikanische Ökonomin und Gewerkschaftsspezialistin; www.faculty.philau.edu/ roydhousem/curricul.htm
Elisabeth Christman (1881-?), amerikanische Gewerkschaftsführerin. Bereits als Jugendliche organisierte sie in der Handschuhfabrik, in der sie arbeitete, eine Gewerkschaftsgruppe. 1912 wurde sie Schatzmeisterin der Nationalen Frauengewerkschaftliga (National Women´s Trade Union League). Als erste Frau wurde sie von Präsident Roosevelt zur (National Recovery Administration) ernannt.; www.undelete.org/woa/woa09-02.html
Grace Abbot (1878-1939), amerikanische Reformerin. Sie war Leiterin des Children Bureau Washington und kämpfte für die Rechte der Kinder. Sie war Ausbilderin und arbeitete mit Immigranten.; www.epics.ecn.purdue. edu/iwt/pciki/GAW/Nebraska/html
Siegfried Wagner (1869-1930), Komponist. Der Sohn von Cosima von Bülow und Richard Wagner studierte Musik und war ab 1896 Dirigent in Bayreuth und anderswo in Deutschland. Von 1908 bis 1930 war er künstlerischer Direktor der Bayreuther Festspiele. Er war außerdem ein sehr produktiver Opernkomponist. www.users.utu.fi/hansalmi/wagner/siegfrd/ und www.siegfried-wagner.org/html/person.html
192 Selbst mit Bertrand Russell traf sie zusammen: "Als Arbeiterschule ist die `Rand School´ in New York, die unter Leitung von Algernon Lee und der Verwaltung von Berta Mailey steht, mustergültig. Hier pulsiert das beste geistige Leben der amerikanischen Partei, hier wirken ständig führende Köpfe wie Professor Scott Nearing, Harry Laidler, Morris Hillquit, hier hört man Männer und Frauen aus aller Welt. (Ich hörte z.B. in überfülltem Saale Bertrand Russell, den hervorragenden englischen sozialistischen Gelehrten), hier trifft man sich zu frohen Festabenden und zur Besprechung gemeinsamer Interessen."; in: Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 8.6.1924, "Vom `Anderen Amerika´", in "Vorwärts"
Bertrand Russell (1872-1970), amerikanischer Philosoph, Mathematiker und Sozialkritiker. Nach dem Studium der Philosophie und Mathematik Lehrender in Cambridge. Vertrat pazifistische Anschauungen und verlor daraufhin seine Stellung in Cambridge. Er verfasste u.a. "Warum ich kein Christ bin" 1927 und "Philosophie des Abendlandes" 1949.; Naumann, G.: Minna Cauer ..., Biographische Angaben ...
193 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 8.6.1924, "Vom `Anderen Amerika´", in "Vorwärts"
194 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Die Situation in Amerika und die Lage der amerikanischen Frau
195 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 26.9.1924, "Soziale und politische Eindrücke aus Amerika I.", in "Hamburger Echo"
Das gleiche Gefühl der unsagbaren Geschwindigkeit erlebte auch Lida Gustava Heyman einige Jahre später noch genau mit der gleichen Intensität anlässlich eines Kongresses: "Was den Kongress in Amerika von den europäischen unterschied, war sein Tempo, überhaupt seine ganze Art. Nicht nur während der Versammlungen mussten die Delegierten reden, sie mussten in jedem Augenblick bereit sein, sich für die Sache einzusetzen: beim Lunch, Tee und Dinner wurden sie zum Reden aufgerufen, nur der Morgenkaffee konnte für gewöhnlich, auch nicht immer, ungestört genossen werden. Tages- und Abendversammlungen waren überfüllt. Das Interesse und der Besuch steigerten sich von Tag zu Tag."; Heymann, L.G.: Erlebtes ..., S.239
196 Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, "Aus meinem amerikanischen Skizzenbuch", in "Frau und Gegenwart", Hamburg
197 So schrieb sie 1922 in einem Artikel über die Frauen im Reichstag: "Viele setzen immer noch die erschöpfende Hausarbeit fort neben ihrer Arbeit im Parlament, waschen, kochen, nähen für ihre Familie. Infolge des wirtschaftlichen Zusammenbruchs Deutschlands, ist der Lohn eines Reichstagsmitglied so niedrig, daß es unmöglich ist, eine Haushaltshilfe zu bezahlen."; in: Nachlass BA Koblenz, Mappe 80, 26.11.1922, "Women in German Politics by Adele Schreiber", in "The Sunday Times London"
198 Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, "Etwas von den amerikanischen Frauen", in "Neue Deutsche Frauenzeitschrift", o.D.
199 Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, "Etwas von den amerikanischen Frauen", in "Neue Deutsche Frauenzeitschrift", o.D.
200 siehe dazu auch Lemke, Christiane: Sozialpolitik als Geschlechterpolitik: Über Ursprünge und Entwicklungen des amerikanischen Wohlfahrtsstaates, S.88-99; in Comparativ. Leipziger Beiträge zur Universalgeschichte und vergleichenden Gesellschaftsforschung, Heft 5, 1993
201 "Bereits 1870 stellten Frauen ein Fünftel aller Studierenden in höheren Bildungseinrichtungen bzw. Colleges und Universitäten, 1880 stieg ihr Anteil auf ein Drittel und betrug 1920 die Hälfte."; Lemke, Christiane: Sozialpolitik als ..., S.91; nach Th. Skocpol/ G. Ritter: Gender and the Origins of Modern Social Policies in Britain and the United States, in: Studies in American Political Development, 1991, H.5, S.78
202 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Die Situation in Amerika und die Lage der amerikanischen Frau
203 Ebd.
204 Ebd.
205 Ebd.
206 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Die Situation in Amerika und die Lage der amerikanischen Frau
207 Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, 10.10.1927, "Etwas von den amerikanischen Frauen in sozialem und öffentlichem Wirken", Buchmanuskript
208 Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, "Aus meinem amerikanischen Skizzenbuch", in "Frau und Gegenwart", Hamburg
209 Nachlass BA Koblenz, Mappe 40, Brief von Adele Schreiber vom 22.3.1924 aus Lansing, Michigan, an Herrn Draudt vom Roten Kreuz
210 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Neue politische Strömungen in den Vereinigten Staaten
211 Ebd.
212 Robert Marion La Follette (1855-1925), amerikanischer Senator und Jurist. Er war Mitglied des 50. und 51.Kongresses Wisconsins und war von 1911 bis 1917 Senator Wisconsins.; Men of 1914, 1915
213 Entstanden aus dem Wunsch, mit dem amerikanischen Zwei-Parteiensystem zu brechen und eine dritte Oppostionspartei zu gründen, hatte sich La Follette mit verschiedenen anderen Senatoren dieser Idee verpflichtet. "Die Führerschaft fand sich, als in den beiden letzten Jahren innerhalb des Senats eine Gruppe Senatoren beider Parteien sich unter La Follette zu einem antikorruptionistischen Feldzug abspalteten. ... Eine wachsende antikorruptionistische Opposition stellte schließlich La Follette als Einigungskandidaten für die Präsidentschaft Coolidge, dem Republikaner, und Davis, dem Demokraten, entgegen. ... Im Wesentlichsten war diese Kandidatur eine Kraftprobe zur Beurteilung, ob der Boden für eine dritte Partei vorhanden ist." (Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Neue politische Strömungen in den Vereinigten Staaten)Dies war nicht der Fall: "Fünf Millionen Stimmen bedeuteten für La Follette eine höchste ehrenvolle Niederlage - aber die erwartete Gründung der Dritten Partei auf dem nachträglich dazu einberufenen Kongreß in Chikago blieb aus. Zuviel Uneinigkeit, zu viele Hindernisse standen im Wege." (Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 21.6.1925, "Zum Tode La Follettes", in "Vossische Zeitung")
214 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Neue politische Strömungen in den Vereinigten Staaten
215 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 8.11.1924, "Politische und soziale Eindrücke aus Amerika V.", in "Hamburger Echo"
216 In zahlreichen Zeitungen veröffentlicht sie Nachrufe auf La Follette: "Kein Revolutionär - aber ein klar blickender, ehrlicher Reformer, kein Sozialist - aber ein Anhänger sozialer Gerechtigkeit, erfüllt von leidenschaftlicher Liebe für die Besitzlosen und hart Ringenden." (Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, "Bob, der Kämpfer. Zum Tode von Senator La Follette", in "Die Glocke", o.D.); Als Gouverneur von Wisconsin hatte er sich stets für weitreichende Veränderungen eingesetzt und auch in seiner Haltung gegenüber Deutschland stimmte er mit Adele Schreibers Ansichten überein. "Für alle unpopulären, stets zurzeit noch radikal scheinenden Forderungen ist La Follette eingetreten, er brachte Gesetzesvorlagen ein für Arbeiterschutz, besonders von Frauen und Kindern, Mutterschutz, Frauenstimmrecht, Achtstundentag, progressive Einkommen- und Erbschaftssteuer, Verbesserung der Lage der Seeleute ... Von Kriegsausbruch an bekämpfte La Follette die Kriegspsychose und den wilden Haß gegen Deutschland, den Eintritt Amerikas in den Krieg. ... Hinsichtlich des Versailler Vertrages, den La Follette energisch bekämpfte, empfand er die Deutschland zugefügte Ungerechtigkeit, den Widerspruch zu Wilsons Versprechungen, als einen Verstoß gegen den amerikanischen Ehrenpunkt." (Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, "Bob, der Kämpfer. Zum Tode von Senator La Follette", in "Die Glocke", o.D.); Sein Tod machte ihre Hoffnungen zunichte. "Nur wenig über ein Jahr ist verflossen, seit ich dies Haus voll regsten Lebens kannte als Zentrum geselligen Lebens, auch als Mittelpunkt für eine Gruppe, oppositioneller Senatoren, die sich zum Kampf gegen politische Korruption und politische Verknöcherung zusammengeschlossen hatten." (Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 21.6.1925, "Zum Tode La Follettes", in "Vossische Zeitung")
217 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Die Situation in Amerika und die Lage der amerikanischen Frau
218 Ebd.
219 Nachlass BA Koblenz, Mappe 40, Brief von Adele Schreiber aus Lansing, Michigan, an Herrn Draudt vom Roten Kreuz vom 22.3.1924
220 Hugo Stinnes (1870-1924), Industrieller. Er wurde nach dem Ersten Weltkrieg zum größten Unternehmer Deutschlands und erklärte Ende 1922, dass er Versuche, die Mark zu stabilisieren mit allen Mitteln bekämpfen wird. Da er sein Imperium weitestgehend mit Krediten zusammengekauft hatte, gehörte er zu den Hauptprofiteuren der Inflation. 1923 förderte er durch den Ankauf einer großen Menge Devisen an der Börse die Eskalation der Inflation in Deutschland. Gegen die französisch-deutsche Ruhrbesetzung stellte er finanzielle Mittel für Sabotageakte zur Verfügung.; www.dhm.de/lemo/html/biografien/StinnesHugo/
221 Nachlass BA Koblenz, Mappe 40, Brief von Adele Schreiber aus Lansing, Michigan, an Herrn Draudt vom Roten Kreuz vom 22.3.1924
222 "So kommt es denn, dass ich dort hinausschiebe, wo ich auf volles Verständnis und Mitgefühl rechnen kann, wo ich weiss, dass sobald ich meine Lage klargelegt habe, ich Zustimmung finde in meinem Entschluss für diese kurze Zeit alle andern Interessen dem einen Ziel zu dem ich herkam unterzuordnen. Dass ich wohl daran tat, zeigt mir der Erfolg. Glauben Sie nicht, lieber Herr Draudt, dass ich den überschätze. Wenig Menschen haben so scharfe Selbstkritik, neigen so wenig zu Illusionen im Hinblick auf den Wert von Beifall oder Köstlichkeiten. Trotzdem ist etwas Positives in dem, was ich hier erreiche.";Nachlass BA Koblenz, Mappe 40,Brief von Adele Schreiber aus Lansing, Michigan, an Herrn Draudt vom Roten Kreuz vom 22.3.1924
223 Ebd.
224 Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, 10.10.1927, "Etwas von den amerikanischen Frauen in sozialem und öffentlichem Wirken", Buchmanuskript
225 Julia Lathrop (1858-1932), amerikanische Sozialarbeiterin. Sie war Mitglied der Völkerbundkomission für Kinderhilfe von 1925 bis 1932, wohnte in Amerika oft im Hull House in Chicago und war Freundin und Mitarbeiterin Jane Addams.; Webster´s biogr. dictionary, 1943
226 Jeanette Rankin (1880-1973), amerikanische Sozialarbeiterin. Nach ihrem Studium engagierte sie sich in sozialer Arbeit und wirkte gleichzeitig in der Frauenstimmrechtsbewegung. 1916 war sie die erste Frau, die in das US-amerikanische Abgeordnetenhaus gewählt wurde. In ihren letzten dreißig Lebensjahren war sie Farmer, hielt Vorträge und kämpfte weiterhin für das Frauenstimmrecht und für Frieden.; www.aoc.gov/cc/art/nsh/rankin.htm
227 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 31.10.1924, "Politische und soziale Eindrücke aus Amerika IV.", in "Hamburger Echo"
228 Agnes Sorma (1862-1927), Schauspielerin. Sie hieß nach ihrer Heirat 1890 eigentlich Agnes Gräfin von Mio da Minotto und kam über Engagements in Breslau, Weimar und Posen nach Berlin, wo sie von 1904 bis 1908 am Deutschen Theater unter Max Reinhardt spielte. Im Ersten Weltkrieg Krankenschwester, übersiedelte sie nach dem Krieg in die USA.; www.luise-berlin.de/bms/bmstxt99/9906lexa.htm
Adele Schreiber muss Agnes Sorma bereits aus deren Zeit als Schauspielerin am Deutschen Theater gekannt haben.
229 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 20.2.1927, "Kunst, Wissenschaft und Literatur", darin "Wiedersehen mit Agnes Sorma in Amerika", in "Vossische Zeitung"
230 Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, 10.10.1927, "Etwas von den amerikanischen Frauen in sozialem und öffentlichem Wirken", Buchmanuskript
231 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Die Situation in Amerika und die Lage der amerikanischen Frau
232 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 13.10.1924, "Politische und soziale Eindrücke aus Amerika II.", in "Essener Arbeiterzeitung"
233 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Die Situation in Amerika und die Lage der amerikanischen Frau
234 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 13.10.1924, "Politische und soziale Eindrücke aus Amerika II.", in "Essener Arbeiterzeitung"
235 Ebd.
236 Ebd.
237 Upton Beall Sinclair (1878-1968), amerikanischer Schriftsteller. Er schrieb Romane und Dramen, u.a. "Der Sumpf" 1906 und König Kohle 1917.; Meyers Universal Lexikon, Leipzig 1980, Bd.4, S.99
238 Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, 12/1924, "Reisebilder", (ohne Zeitungsangabe)
239 Vida Ravenscroft Sutton (1888-?), Journalistin. Sie war leitende Angestellte beim BBC in New York, verantwortlich für die Wortbeiträge und veröffentlichte mehrere Bücher.; American women: the official who´s who, 1935
240 Im August 1928 schrieb Adele Schreiber an Vida Sutton. "My dearest Vida, Ich war lange Zeit nicht in Berlin - zuerst wegen der Tagung der Vereinten Nationen in Lyon, dann in Paris, wo ich Vorträge hielt und von dort aus fuhr ich für einige Tage nach Val Richer, dem wundervollen Anwesen von Mme. Schlumberger, die den Vorstand des Weltbundes für Frauenstimmrecht zu seiner Vorstandssitzung dorthin eingeladen hatte. Val Richer, ein liebenswertes altes Schloß mit Farm, nahe der wunderschönen alten Stadt Lisieux, und verrückt, ganz nahe bei Honfleur! Wir wurden mit dem Auto dorthin gebracht und ich dachte so lebhaft an Dich und Deinen Wunsch für eine Sommerschule dahinzugehen. Jetzt war ich da und Du nicht!"; in: Nachlass BA Koblenz, Mappe 45, Brief von Adele Schreiber an Vida Ravenscroft Sutton, New York, (original in engl.), vom 18.8.1924
241 Nachlass BA Koblenz, Mappe 45, Brief von Adele Schreiber an Vida Sutton, New York, (original in engl.), vom 17.5.1924
242 Rand School of Social Science: Die Schule wurde von dem Ehepaar Carrie Rand und George Davis Rand gegründet. Sie gehörten zu den christlichen Sozialisten und waren Mitglied der Amerikanischen Sozialistischen Partei, was sich auch in ihrer Schule widerspiegelte. 1956 wurde die Rand School geschlossen.; www.spartacus.schoolnet.co.uk/USAArandU.htm
243 Nachlass BA Koblenz, Mappe 45, Briefvon Adele Schreiber an den Herausgeber des "The New Leader", New York, (original in engl.), vom 23.5.1924
244 Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, 1926, "Das kriegerische Rote Kreuz", (ohne Zeitungsangabe)
245 Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, 1926, "Das kriegerische Rote Kreuz", (ohne Zeitungsangabe)
246 vergleiche zu dieser Thematik Stahr, Henrick: Im Mittelpunkt der Mensch. Eine Geschichte des Roten Kreuzes in Berlin und Neukölln, Katalog zur Ausstellung vom 19.8. bis 3.10.1988 im Emil-Fischer-Heimatmuseum Neukölln, Berlin 1988
247 Joachim von Winterfeldt-Menkin (1865-1945), Politiker und DRK-Funktionär. Zunächst Assessor, dann Landrat in Prenzlau, von 1907 bis 1918 Abgeordneter des Reichstages. Daneben kontinuierlicher Aufstieg beim DRK, ab 1919 Vorsitzender des Zentralkomitees des preußischen Landesvereins vom Roten Kreuz und Vorsitzender des Zentralkomitees der Deutschen Vereine vom Roten Kreuz, von 1921 bis 1933 erster Präsident des DRK.; www.drk.de/generalsekretariat/archiv/praesidenten/pr01.htm
248 Blätter des Deutschen Roten Kreuzes: Bericht über die Mitgliederversammlung des Deutschen Roten Kreuzes in Berlin vom 25. bis 28. April 1922, Jhg.1, Nr.5
Im Deutschen Roten Kreuz arbeiteten ausgediente Militärs und es wurde befürchtet, dass die nun regierende Sozialdemokratie besonders aus diesem Grund alle Einrichtungen verstaatlichen könnte. Nachdem sich mit der Beendigung des Krieges die Machtverhältnisse grundlegend gewandelt hatten, fiel es dem Roten Kreuz schwer, sich der neuen Obrigkeit zu unterwerfen. Auch von großen Teilen der Arbeiterschaft, besonders in Berlin, wurde alles abgelehnt, was mit dem Roten Kreuz in Verbindung stand, da es in ihren Augen zu eng mit der Monarchie, dem Militär und dem nationalistischen Bürgertum und dem alten Adel in Verbindung stand. Bei dem anstehenden Kurswechsel hatte der neugewählte preußische Rittergutsbesitzer von Winterfeldt-Menkin die Führungsrolle übernommen. Er setzte sich in der Öffentlichkeit für ein neues Selbstverständnis des DRK als Wohlfahrtsorganisation ein. In den eigenen Reihen klang das etwas anders: "Intern betonte von Winterfeldt-Menkin aber auch, man dürfe `keineswegs die Vorbereitung für den Krieg allzusehr zurücktreten lassen´, denn der ewige Friede sei eine Utopie. Er mahnte: `Nach außen werden wir das natürlich nicht allzu stark betonen; von Seiten der inneren Organisation müssen wir es aber fest im Auge behalten´ (Grüneisen, Felix: Das Deutsche Rote Kreuz in Vergangenheit und Gegenwart, Potsdam 1939, S.157; zit. nach Stahr, H.: Im Mittelpunkt ..., S.32/33)."; Stahr, H.: Im Mittelpunkt ..., S.32/33; Diejenigen innerhalb des Deutschen Roten Kreuzes, die pazifistische Tendenzen favorisierten, blieben eine kleine Minderheit, die keinen Einfluss gewinnen konnte.
249 Nachlass BA Koblenz, Mappe 45, Brief von Adele Schreiber an Walter Cohn, Chicago vom 5.1.1925
250 Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, 1926, "Das kriegerische Rote Kreuz", (ohne Zeitungsangabe)
251 Ebd.
252 Nachlass BA Koblenz, Mappe 40, S.3-9
253 Nachlass BA Koblenz, Mappe 40, S.3-9
254 Ebd.
255 Ohne sie, ohne ihr Engagement, das weiß sie und das wissen auch ihre Mitarbeiterinnen, sind verschiedene Projekte nicht zu halten. So schreibt ihr vermutlich Dr. Weiland im Sommer 1924: "... es ist doch ein Jammer, wenn man denkt, dass diese ganze Arbeit so im Sande verläuft und man sie nicht ausgestalten kann. Lass uns doch, wenn Du wieder da bist, intensiv den Plan überlegen, wie wir die Kinderhilfe halten können mit dem Frauenheim. ... Als Generalsekretärin der Kinderhilfe, die Du ja doch nun einmal bist, lässt sich vielleicht doch noch manche persönliche Arbeit, an der Du sowohl wie ich hängen, leisten. Gerade Lichtenberg, das ich als Dein Lieblingskind während Deiner Amerikareise ganz besonders betreut habe, wollen wir uns als persönliche Freude zu halten versuchen und evt. Extraarbeit hineinstecken, auch wenn wir beide eigentlich mit anderen Dingen und an anderer Stelle beschäftigt sein werden. ... Also hoffentlich kommt mir auch einmal eine gute Idee, nämlich bezüglich Lichtenberg. Wir wollen versuchen, aus dem Zusammenbruch zu retten, was irgend geht."; Nachlass BA Koblenz, Mappe 40, Brief an Adele Schreiber vom 25.6.1924, (ohne Unterschrift, vermutlich von Frau Dr. Weiland)
256 Ebd.
257 Arnold Johann Libbertz (1882-nach 1935), Dr. jur., Bankdirektor. Bis 1929 war er neben seiner Tätigkeit im Bankwesen stellvertretender Schatzmeister des DRK.; Degener, H.A.L. (Hg.): Wer ist´s? Unsere Zeitgenossen, 10.Ausgabe, 1935
258 Nachlass BA Koblenz, Mappe 40, Brief von Herrn von Winterfeldt an Adele Schreiber vom 2.7.1924
259 "My dearest Vida, Ich war lange Zeit nicht in Berlin - zuerst wegen der Tagung der Vereinten Nationen in Lyon, dann in Paris, wo ich Vorträge hielt und von dort aus fuhr ich für einige Tage nach Val Richer, dem wundervollen Anwesen von Mme. Schlumberger, die den Vorstand des Weltbundes für Frauenstimmrecht zu seiner Vorstandssitzung dorthin eingeladen hatte.“; Nachlass BA Koblenz, Mappe 45, Brief von Adele Schreiber an Vida Ravenscroft Sutton, New York, (original in engl.), vom 18.8.1924
260 "Liebe Frau Schreiber, aus dem Brief von Herrn von Winterfeldt, von dem ich mit Ihrem Einverständnis Kenntnis genommen habe, möchte ich Ihnen doch sofort im Interesse einer glatten Abwicklung unserer Arbeit mitteilen, dass ich es für überaus ungünstig halte, wenn Sie am 1.Juli, d.h. also sofort, vollständig aus der Arbeit des Roten Kreuzes ausscheiden, umso mehr, als noch eine Reihe ungeklärter Fragen vorhanden sind, die nur Sie allein lösen können, da Sie die ganze Arbeit aufgebaut haben."; Nachlass BA Koblenz, Mappe 40, Brief an Adele Schreiber in Lyon, o.D., Absenderin unbekannt
So wäre es günstig "wenigstens noch einen weiteren Monat für die Abwicklung der Arbeit ... verantwortlich zu bleiben. ... Ich nehme als selbstverständlich an, dass Sie, auch wenn Sie aus dem Generalsekretariat ausgeschieden sind, als Generalsekretärin für die Kinderhilfe verantwortlich bleiben und weiter Ihre persönlichen Beziehungen gerade für diese Arbeit einsetzen. Nur dadurch ist es uns ja auch im letzten Jahre möglich gewesen, das Frauenheim in Lichtenberg wieder zu eröffnen. ... Es wäre vielleicht zu erörtern, ob man die ganze Anstalt, die ja doch auf dem ausserordentlichen Etat des Roten Kreuzes steht, nicht auf die Vereinigung für Kinderhilfe übernehmen könnte, da sie sich finanziell doch nicht halten wird, wenn sie nicht weiter durch Ihre persönlichen Freunde, die auch seit Ihrer Rückkehr von Amerika verschiedentlich eingegriffen haben, gestützt würde. Ich schreibe Ihnen das trotz Ihrer Belastung durch die Tagungen in Frankreich, weil ich weiss, wie stark Sie innerlich trotz aller Enttäuschungen im Roten Kreuz mit der Arbeit verknüpft sind. ... Wir haben so oft über die Angelegenheiten gesprochen, dass ich nicht mehr Ihnen gegenüber zu betonen brauche, wie für mich die beste Freudigkeit an der Arbeit im Roten Kreuz mit Ihrem Ausscheiden verloren geht."; Nachlass BA Koblenz, Mappe 40, Brief an Adele Schreiber in Lyon, o.D., Absenderin unbekannt
So wurde also zudem vom Roten Kreuz versucht, die unrentablen Projekte in ihre persönliche Verantwortung zu überführen, um nicht mehr mit der Erhaltung belastet zu sein.
261 Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, 1926, "Das kriegerische Rote Kreuz", (ohne Zeitungsangabe)
262 Ebd.
263 Nachlass BA Koblenz, Mappe 1, Blatt 17-20, Einige biographische Notizen, nach 1930
264 "Der `Montag Morgen´ veröffentlichte vor kurzem das Protokoll einer Sitzung des Hauptvorstandes des `Roten Kreuzes´, aus dem hervorging, daß diese scheinbar der Menschlichkeit und der Heilung der Kriegswunden dienende Organisation ihre Aufgabe in Wirklichkeit in militaristischen Generalproben sieht. Frau Adele Schreiber, die in jenem Artikel fälschlich als Mitglied des Roten-Kreuz-Vorstandes bezeichnet worden war, sandte dazu die nachstehenden Ausführungen. Sie lassen es geboten erscheinen, daß sich die Öffentlichkeit mehr als bisher mit dem unerquicklichen Thema `Rotes Kreuz´ befaßt."; Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, 1926, "Das kriegerische Rote Kreuz", (ohne Zeitungsangabe)
265 "Die amerikanische Presse war nicht für mich persönlich, sondern vor allem für die Sache des neuen Deutschland durchweg überaus günstig. Einige gänzlich belanglose deutsche Nationalisten und Monarchisten haben, wie zu erwarten, es für gut befunden, in Privatbriefen wie in Berichten an deutsch-reaktionäre Blätter meine republikanischen Vorträge mit den üblichen geschmackvollen, ihrer Geistesarmut entsprechenden `Kritik´ zu bedenken."; Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, 1926, "Das kriegerische Rote Kreuz", (ohne Zeitungsangabe)
266 Nachlass BA Koblenz, Mappe 47, 22.3.1924, "Up to women to stop wars, speaker says", in "The Milwaukee Leader" (nicht von Adele Schreiber verfasst)
267 Hedwig Dransfeld (1871-1925), Dichterin und Politikerin. Bis 1912 Lehrerin, war sie ab 1905 Schriftleiterin in der von ihr gegründeten Zeitschrift "Die christliche Frau". 1912 wurde sie Vorsitzende des Katholischen Frauenbundes Deutschlands und 1919 wurde sie als Abgeordnete der Zentrumspartei zunächst in die Nationalversammlung und dann in den Reichstag gewählt.; Lexikon der Frau, Bd.1, 1953
268 Helene Weber (1881-1962), Politikerin. Nach einer Lehrerinnenausbildung und fünfjähriger Berufstätigkeit, studierte sie in Bonn und Grenoble, übernahm dann die Leitung der Sozialen Frauenschule in Köln, dann in Aachen. 1919 war sie in der Nationalversammlung tätig, später wurde sie Ministerialrätin im Preußischen Ministerium für Volkswohlfahrt, dann arbeitete sie im Ministerium für Kunst und Volksbildung. 1933 beendete das Dritte Reich ihre politische Arbeit. 1949 wurde sie Mitglied des ersten Bundestages.; www.helene-weber-haus.de/hwhinfos.html
269 Nachlass BA Koblenz, Mappe 47, 24.2.1924, "Deutsche Propaganda in Amerika" von F.W.Elven, Cincinnati, in "Hamburger Fremdenblatt"
270 Nachlass BA Koblenz, Mappe 47, Paul Kellog schrieb im "The Survey", (original in engl.): "Seit dem Besuch Dr. Alice Salomons im letzten Sommer vor der National Conference of Social Work hat keine Frau Deutschland in den Vereinigten Staaten so gut vertreten wie Adele Schreiber ..."
271 Nachlass BA Koblenz, Mappe 45, Brief von Otto Wiedfeldt, Washington D.C. vom Auswärtigen Amt an Adele Schreiber vom 3.6.1924
Otto Wiedfeldt (1871-1926), Geheimer Regierungsrat. Nach seiner Promotion war er im höheren Verwaltungsdienst des Reichsamtes des Innern als Geheimer Regierungsrat tätig. 1918 wurde er Mitglied der Friedrich Krupp AG in Essen und von 1922 bis 1924 war er Botschafter des Deutschen Reiches in den USA.; www.jahngymnasium-salzwedel.de/Schulgeschichte/Historisches/hauptteil_person
272 Nachlass BA Koblenz, Mappe 47, 24.6.1924, "Eine deutsche Politikerin als Verkünderin der politischen Verhältnisse vor Amerikanern", in "Hamburger Fremdenblatt", (nicht von Adele Schreiber verfasst)
273 Schreiber, A.: Die Sozialdemokratin als Staatsbürgerin, S.121; in Blos, A. (Hg.): Die Frauenfrage ...
274 "In meinem ersten Wahlkreis Niederschlesien waren durch die inzwischen erfolgte Einigung der SPD und der USP zwei Frauen vorhanden. Man beschloss daher - was ich durchaus begreiflich finde - dass USP-Mandat der Genossin Nemitz zu geben. Auf der Reichsliste bin ich bei jenen Wahlen, bei denen überhaupt die SPD sehr verlor, nicht hineingekommen."; Nachlass BA Koblenz, Mappe 1, Blatt 17-20, Einige biographische Notizen, nach 1930
275 Nachlass BA Koblenz, Mappe 45, Brief von Adele Schreiber an Walter Cohn, Chicago vom 5.1.1925
276 Nachlass BA Koblenz, Mappe 45, Brief von Adele Schreiber an Dr. Valeria Parker, New York, (original in engl.), vom 27.5.1925
Valeria Parker (1879-?), amerikanische Frauenrechtlerin. Sie arbeitete in New York im Bureau of Social Hygiene, war Mitglied in zahlreichen Frauenorganisationen und in der AAUW. Sie veröffentlichte verschiedene Artikel und Schriften über soziale Hygiene.; American women: the official who´s who, 1935
277 Nachlass BA Koblenz, Mappe 45, Brief von Adele Schreiber an Dr. Valeria Parker, New York vom 6.1.1925, (original in engl.). Sie schrieb weiter: "Er möchte selbstverständlich in einer Stadt oder Universität bleiben, während ich umherfahre und Vorträge halte, aber wir könnten uns treffen und wenn meine Verpflichtungen gut laufen, einiges von Eurem Land gemeinsam sehen. Du wirst verstehen wie mich dieser Plan noch mehr wünschen lässt, erfolgreiche Verpflichtungen abzuschließen ..."
278 Nachlass BA Koblenz, Mappe 45, Brief von Adele Schreiber an Vida Sutton, New York vom 29.1.1925, (original in engl.)
279 Ebd.
280 Anhand des Briefwechsels lässt sich die Entwicklung gut rekonstruieren. "Dear Dr. Parker! ... Bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie belästige, aber ich bin in einer solch unangenehmen Situation, und Ihre vielen Beweise von Freundlichkeit und Freundschaft die Sie mir gegeben haben lassen mich sicher sein, dass Sie mir [helfen werden ...] Ich vermute, dass Sie sich erinnern, dass ich Ihnen erzählte, in welch merkwürdiger Art sich Mr. Shaw verhalten hatte, nachdem ich im letzten Winter New York verlassen hatte und nach Chicago gegangen war. Er beantwortete keine Briefe, und ließ mich völlig ohne Vertragsvereinbarungen und es war nur dem großen Glück geschuldet, das ich hatte, dass ich ohne ihn weitermachen konnte und selbst genügend Vorträge vereinbaren konnte, ohne große finanzielle Verluste zu haben. Als ich im April nach New York zurückkam, hatte ich vor, mit einem anderen Agenten einen Vertrag zu machen, meine schlechten Erfahrungen mit Mr. Shaw bedenkend. Einige Tage nach meiner Rückkehr ins Park Avenue Hotel tauchte er plötzlich auf und erklärte, dass er ernsthafte Schwierigkeiten in seinem Job gehabt hatte. ... Als ich ihm erzählte, dass ich kein Vertrauen mehr in seine Arbeit hätte, bat er mich, ihm noch eine Chance zu geben. ... Ich denke ich war dumm seinen Versprechungen zu glauben und alles noch einmal zu versuchen. ... [Die neue Vortragstournee sollte spätestens im Oktober 1924 beginnen.; A.B.] Ich fuhr hoffnungsvoll zurück - aber seit diesem Tag sandte mir Mr. Shaw nicht eine einzige Information ..."; in: Nachlass BA Koblenz, Mappe 45, Brief von Adele Schreiber an Dr. Valeria Parker, New York, (original in engl.), vom 18.8.1924;Immer wieder hoffte sie, dass die Dinge sich doch noch zum Guten entwickeln würden, doch auch mit einem neuen Agenten kam sie nicht weiter. Nach über einem Jahr vergeblicher Bemühungen, beschloss Adele Schreiber nach Frankreich zu gehen. Ihre Hoffnungen, nach Amerika zurückkehren zu können, gab sie auf. "My dearest Vida! ... Mr. Snyder in Mr. Peabody´s Büro benimmt sich sehr merkwürdig. Er hat nie meine Briefe beantwortet, nie meine Zeitungsausschnitte zurückgesandt und ich muß Dir sagen, dass ich ziemlich schlechte Erfahrungen mit Amerikanischen Geschäftsleuten gemacht habe. Sie scheinen schrecklich unzuverlässig zu sein."; in: Nachlass BA Koblenz, Mappe 45, Brief von Adele Schreiber an Vida Sutton, New York, (original in engl.), vom 23.12.1925.
281 Sie schrieb u.a. an Walter Cohn und auch an Alfred Hafner. Nachlass BA Koblenz, Mappe 45, Brief von Adele Schreiber an Alfred Hafner, New York,vom 11.1.1925: "Dürfte ich Sie bitten, mich auf solche Bücher aufmerksam zu machen und, wenn es wirklich Erstklassiges ist, gleich das Buch, vorausgesetzt, dass es sich nicht um etwas sehr teures handelt, einzusenden unter gleichzeitiger Angabe des Preises."
282 "Natürlich ist das bei den jetzt hier üblichen sehr geringen Honoraren keine sehr einträgliche Arbeit, umso mehr als ja doch der Absatzkreis beschränkt ist. Ein grosser Teil der früher demokratischen Zeitungen ist vom Stinnes-Konzern und ähnlichen rechtsstehenden Unternehmungen aufgekauft und scheidet für fortschrittlich denkende Mitarbeiter vollständig aus. Die sozialdemokratische Presse zahlt sehr geringe Honorare und die wenigen Blätter der eigentlichen Intellektuellen, wie Frankfurter Zeitung, Berliner Tageblatt, leiden an ungeheurer Stoffülle.";Nachlass BA Koblenz, Mappe 45, Brief von Adele Schreiber an Walter Cohn, Chicago vom 5.1.1925
283 Ebd.
284 Ebd.
285 Sie schrieb weiter: "Aber da es uns gesundheitlich gut geht und es vielen anderen wirtschaftlich sehr viel schlechter geht, wäre es unbescheiden zu klagen. Es ist schade, dass ich mein Reichstagsmandat verloren habe, denn ich widme ja doch der politischen Arbeit sehr viel Zeit, nur leider ohne den festen materiellen und ideellen Rückhalt eines solchen Mandats. Augenblicklich stehe ich im Kampf für die neue Präsidentenwahl, habe schon eine Reihe von Vorträgen hinter mir und muss noch bis dahin fast jeden Abend in einem andern Ort sprechen. Der Tod Eberts bedeutet für uns einen großen Verlust in jeder Hinsicht. ... Mit dem Arrangement einer Vortragsreise nach Amerika habe ich entschiedenes Pech. Die Leute, die versprochen haben, sich der Sache anzunehmen, lassen mich regelmäßig sitzen, gleichviel ob es Agenten oder Bekannte sind. Jetzt habe ich wieder den Winter verloren, weil ein Amerikaner, der im Oktober in Berlin war und sich anbot, die ganze Sache in die Wege zu leiten, vollständig versagt hat.";Nachlass BA Koblenz, Mappe 45, Brief von Adele Schreiber an Walter Cohn, Chicago vom 16.3.1925
286 Anna Franziska Nemitz (1873-1962), Politikerin. Seit 1904 agitatorisch für die sozialdemokratische Partei tätig, wechselte sie 1917 zur USPD und wurde 1919 Stadtverordnete in Charlottenburg, von 1919 bis 1922 war sie Mitglied des Parteivorstandes der USPD. Von 1922 bis 1933 war sie Mitglied des Parteivorstandes der SPD.; Wickert, Ch.: Unsere Erwählten, Bd.2, 1986
287 Otto Landsberg (1869-1957), Rechtsanwalt und Politker. Von 1912 bis 1920 und ab 1924 war er MdR für die SPD. Von 1918 bis 1919 arbeitete er als Volksbeauftragter, 1919 wurde er Reichsjustizminister. Von 1920 bis 1923 war er Gesandter in Brüssel, 1933 emigrierte er nach Holland.; Wachenheim, H.: Vom Großbürgertum ..., Personenregister
Nachlass BA Koblenz, Mappe 49, Brief von Adele Schreiber an Herrn Otto Landsberg, Reichstag Berlin vom 13.6.1926
288 Ebd.
289 Ebd.
290 Ebd.
291 "Ich stand, wenn ich mich recht erinnere, im Frühjahr 1924 an 25., bei den letzten Wahlen an 21. Stelle. Vielleicht kann ich noch einmal um einiges aufrücken. Das beste Wirkungsfeld in der Partei bot mir in den letzten Jahren der Breslauer Wahlkreis ..."; Ebd.
292 "Liebe Genossin Juchacz! ... Ich möchte, daß Sie meine Bereitwilligkeit kennen, wenn mir ein Wirkungsfeld geboten wird, jederzeit mitzuarbeiten, und ich hoffe, wenn es zur Reichstagsauflösung kommt, daß mir der Vorstand eine Rückkehr ins Parlament ermöglichen wird, sei es durch einen Wahlkreis, sei es durch eine aussichtsreiche Stelle in der Reichsliste.";Nachlass BA Koblenz, Mappe 49, Brief von Adele Schreiber an Marie Juchacz vom 13.6.1926
293 Nachlass BA Koblenz, Mappe 49, Brief von Adele Schreiber an Herrn Otto Landsberg, Reichstag Berlin vom 13.6.1926
294 Nachlass BA Koblenz, Mappe 49, Brief von Adele Schreiber an Ministerialdirektor Heilbron, Berlin, Auswärtiges Amt vom 23.7.1926
295 Gerda Weyl (1872-1941), Ehefrau des sozialdemokratischen Gesundheitspolitikers und Stadtverordneten Hermann Weyl (1866-1925); Wachenheim, H.: Vom Großbürgertum ..., Personenregister
296 Nachlass Gerda Weyl, Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung, Brief 12 von Adele Schreiber-Krieger an Gerda Weyl vom 10.8.1928
297 vergleiche dazu Peukert, D.J.K.: Die Weimarer ..., S.197
298 Gustav Stresemann (1878-1929), Politiker. Von 1902 bis 1918 Syndikus des Verbandes sächsischer Industrieller, war er zudem von 1907 bis 1912 und von 1914 bis 1929 für die DVP und die Nationalliberalen MdR. 1918 wurde er Vorsitzender der DVP, 1923 Reichskanzler und Reichsaußenminister.; Wachenheim, H.: Vom Großbürgertum ..., Personenregister
299 Aristide Briand (1862-1932), französischer liberaler Politiker. Von 1909 bis 1931 wiederholt Ministerpräsident und Außenminister war er auch Anhänger und Förderer des Völkerbundes.; Meyers Universal Lexikon, Leipzig 1980, Bd.1, S.342
300 Der Vertrag von Locarno wurde am 1.12.1925 in London unterzeichnet und beinhaltete, dass das Deutsche Reich, Belgien und Frankreich auf eine gewaltsame Änderung ihrer Grenzen verzichteten. Deutschland garantierte die Unverletzlichkeit der Westgrenze und verzichtete auf Ansprüche hinsichtlich Elsaß-Lothringens. Es wurde außerdem vereinbart die französische Annexionspolitik im Rheinland einzustellen, sowie die Klärung von Streitigkeiten vor einem Schiedsgericht. Mit regionalen Sicherheitsabkommen sollte der Grundstein für eine europäische Entspannung gelegt werden.
301 Nachlass BA Koblenz, Mappe 50, Ligue des Droits de l´Homme. Section de Rouen "Conférence de Mme Schreiber", (nicht von Adele Schreiber verfasst)
302 Nachlass BA Koblenz, Mappe 1, Blatt 17-20, Einige biographische Notizen, nach 1930
303 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, 23.9.1931, "Deutsch-französische Verständigungsarbeit in der Provinz", in "8-Uhr Abendblatt"
304 Nachlass BA Koblenz, Mappe 1, Blatt 17-20, Einige biographische Notizen, nach 1930: "In der Zeit, da ich nicht dem Reichstag angehörte, war ich fast ein Jahr in Frankreich und habe dort nicht nur in Paris und einigen anderen grossen Städten, sondern bis in die kleinsten Orte für die deutsch-französische Verständigung gearbeitet."
305 Friedrich Gottlieb MaxHeilbron (1872-nach 1935), Journalist und Politiker. Zunächst Redakteur, arbeitete er sich im Auswärtigen Amt nach oben und wurde 1920 zum Wirklichen Legationsrat im Auswärtigen Amt ernannt. Im Januar 1923 erfolgte seine Ernennung zum Ministerialdirektor in der Vereinigten Presseabteilung der Reichsregierung, im August des gleichen Jahres als Ministerialdirektor wieder im Auswärtigen Amt tätig. Ab 1926 Generalkonsul in Zürich.; Horkenbach, C.: Das Deutsche Reich von 1918 bis heute, Jg.1930
306 Nachlass BA Koblenz, Mappe 21, Brief des Auswärtigen Amtes an Adele Schreiber vom 31.12.1925
307 Nachlass BA Koblenz, Mappe 45, Brief von Adele Schreiber an Vida Sutton, New York, (original in engl.), vom 23.12.1925
308 Nachlass BA Koblenz, Mappe 49, Bericht über in Frankreich abgehaltene Vorträge, Paris, vom 11.6.1926
309 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 22.8.1925, "Eindrücke aus Süd-Frankreich II.", in "Casseler Volksblatt"
310 Édouard Herriot (1872-1957), französischer Politiker. Er war einer der Führer der Radikalsozialistischen Partei, von 1924 bis 1925, 1926 und 1932 Ministerpräsident und Außenminister. Von 1942 bis 1945 im KZ, hatte er nach dem Zweiten Weltkrieg von 1947 bis 1954 das Präsidentenamt inne und ab 1954 war er Ehrenpräsident der Nationalversammlung.; Meyers Universal Lexikon, Leipzig 1980, Bd.2, S.279
311 Nachlass BA Koblenz, Mappe 49, Bericht über in Frankreich abgehaltene Vorträge, Paris, vom 11.6.1926
312 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 25.8.1925, "Eindrücke aus Süd-Frankreich III.", in "Casseler Volkszeitung"
313 Nachlass BA Koblenz, Mappe 50, 1926, "Deux Grandioses Manifestations", (original in franz.), in "Le Petit Provencal", (nicht von Adele Schreiber verfasst)
314 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, 23.9.1931, "Deutsch-französische Verständigungsarbeit in der Provinz", in "8-Uhr Abendblatt"
315 Nachlass BA Koblenz, Mappe 49, Bericht über in Frankreich abgehaltene Vorträge, Paris, vom 11.6.1926
316 "In zwei großartigen Versammlungen in Toulon und La Seyne beglückte Tausende von Provencalen und Provencalinnen die Genossin Adele Schreiber, die fortab nicht nur Eure, sondern auch unsere Abgeordnete ist, denn sie hat unsere vollste Zustimmung errungen als überzeugende Mittlerin der internationalen Solidarität, welche die Arbeiterschaft aller Länder vereinigen muss. ... Die Milde unseres Klimas und, leider, auch der Mangel an Organisation machen uns zu leicht apathisch und indolent - so sind wir denn glücklich, dass durch diese Kundgebungen, in denen Adele Schreiber sprach, Euer Beispiel uns beleben, vorwärts treiben wird, im Geiste Eures zähen Ringens, Eurer herrlichen Erfolge. ... Genossen von Harburg-Wilhelmsburg, wir danken Eurer Vertreterin und wir danken Euch allen."; Nachlass BA Koblenz, Mappe 21, Brief von Juliette Jolly, Sekretärin der Frauengruppe, und Jacques Toesca, Sekretär der Sozialistischen Sektion von Toulon an die Genossen der SPD, o.D.
317 Nachlass BA Koblenz, Mappe 49, Bericht über in Frankreich abgehaltene Vorträge, Paris, vom 11.6.1926
318 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, 23.9.1931, "Deutsch-französische Verständigungsarbeit in der Provinz", in "8-Uhr Abendblatt"
319 Nachlass BA Koblenz, Mappe 49, 5.5.1926, Paris, o.T.
320 Nachlass BA Koblenz, Mappe 50, Ligue des Droits de l´Homme et du Citoyen, "Grande Conférence sur la Paix", (original in franz.)
321 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 16.2.1927, "Französinnen - wie sie heute sind", in "Vossische Zeitung"
322 "Der eben beendete Internationale Kongreß für Frauenstimmrecht gab mir, wie auch einigen anderen Mitgliedern der deutschen Delegation, ... Gelegenheit, vor einem großen Publikum zu sprechen und viele persönliche Fäden anzuknüpfen. ... Bei dem großen Abend im `Trocadero´, der als Demonstration von Frauen aller Länder für den Weltfrieden und vor 6000 Hörern den Kulminationspunkt des Kongresses bildet und bei dem Monsieur Herriot und Monsieur de Monzie persönlich anwesend waren, hatten mich die französischen Frauen als Rednerin ausersehen. Ich glaube, daß ich meine drei Minuten Redezeit gut angewandt habe, wenn man nach dem Beifall der Presse und den zahllosen Zustimmungserklärungen, die ich persönlich erhielt, schließen darf. ... Bei den Wahlen ist mir die Stellung der Ersten Stellvertretenden Vorsitzenden des Weltbundes für Frauenstimmrecht zugefallen. ... Ich sehe jetzt den Augenblick gekommen, meine Arbeit erst recht mit voller Kraft zu beginnen und erfolgreich zu gestalten. Von allen Seiten liegen mir Aufforderungen vor. ... Die `Ligue pour les Droits de l´homme, die in Frankreich über 100000 Mitglieder in 1300 Zweigvereinen zählt, deren Bedeutung und Einfluß man nicht an unserer sehr kleinen deutschen `Liga für Menschenrechte´ messen darf, möchte mich gerne für Vortragsreisen in ganz Frankreich gewinnen. Ich habe mich ihr vorläufig noch für 8 bis 10 Vorträge nach dem 20.Juni zur Verfügung gestellt. ... Ich hoffe daher die Möglichkeit zu finden, sie noch eine zeitlang fortzuführen."; Nachlass BA Koblenz, Mappe 49, Bericht über in Frankreich abgehaltene Vorträge, Paris, vom 11.6.1926
323 Nachlass BA Koblenz, Mappe 49, 5.5.1926, Paris, o.T.
Nachdem das Ende des Ersten Weltkrieges eine Demokratisierungswelle hervorgebracht hatte, befand sich die Demokratie schon nach wenigen Jahren wieder auf dem Rückzug. In Frankreich stellten die "Faisceau", die sich an den italienischen Faschisten orientierten, die Tauglichkeit des parlamentarischen Systems in Frage, schürten Fremdenhass und Antisemitismus.
324 Otto Julius Merkel (1879-nach 1935), Direktor und Vorstandsmitglied der Deutschen Lufthansa AG. Zunächst arbeitete er in Banken und reiste, 1919 kehrte er nach Deutschland zurück, wo er Leiter der amerikanischen und der Auslandshilfe des DRK wurde. Danach war er Vorstandsmitglied von Aero Lloyd und seit der Gründung der Lufthansa 1926 dort für die internationale Zusammenarbeit verantwortlich.; Wenzel, G.: Deutscher Wirtschaftsführer, 1929 und www.webarchiv-server.de/pin/archiv00/1100ob29.htm
325 Nachlass BA Koblenz, Mappe 49, Brief von Adele Schreiber an Otto Julius Merkel, Aero-Lloyd Berlin vom 27.6.1926
326 Ebd.
327 "Mein Mann ist 46 Jahre alt ... Für alle technischen, organisatorischen und statistischen Fragen bringt er viel Neigung und Befähigung mit. ... Ganz objektiv glaube ich zusichern zu können, daß mein Mann, an welcher Stelle einer großen Organisation er immer eingestellt wird, sich binnen kurzem die für den Dienst nötigen Kenntnisse aneignen würde ... Er ist in allem sehr exakt und auch in Kleinigkeiten besonders gewissenhaft."; Ebd.
328 Nachlass BA Koblenz, Mappe 49, Brief von Adele Schreiber an Otto Julius Merkel, Aero-Lloyd Berlin vom 27.6.1926
329 Nachlass BA Koblenz, Mappe 50, Ligue des Droits de l´Homme. Section de Rouen "Conférence de Mme Schreiber", (original in franz.), (nicht von Adele Schreiber verfasst)
330 Nachlass BA Koblenz, Mappe 50, Ligue des Droits de l´Homme. Section de Rouen "Conférence de Mme Schreiber", (original in franz.), (nicht von Adele Schreiber verfasst)
331 Nachlass BA Koblenz, Mappe 49, Bericht über eine Vortragsreise in Nordfrankreich vom 23.7.1926
332
"Die Wahl desjenigen Mannes steht vor der Tür, der für volle sieben Jahre unabsetzbar das Oberhaupt der deutschen Republik sein soll. ... Aus dem Volke kam Friedrich Ebert, für das Volk lebte und arbeitete er als Arbeiterführer wie als Reichspräsident; für das Volk starb er - Opfer seiner unbeugsamen Pflichttreue, seines Ehrgefühls, die keine Ruhepause zuließ ... Als `Deutschlands größter Staatsmann in schwerster Zeit´ wird er weiterleben. Der Platz, den er vorzeitig verlassen, darf nicht einem Verfechter von Klassenunrecht und Klassenstaat ... eingeräumt werden. Darum hat die sozialdemokratische Partei wieder ihren eigenen Kandidaten aufgestellt - unseren Genossen Otto Braun ... Die nächsten sieben Jahre entscheiden, ob Deutschland sich in Ruhe zum
Volksstaat entwickeln oder, hin- und hergerissen zwischen Extremen von links und rechts, Beute der Reaktion wird. Jeder Blick auf das Geschehen der letzten Jahre lehrt, daß die Kommunisten, weit entfernt davon, dem Volke mehr Freiheit, weniger wirtschaftliches Elend zu bringen, immer nur eine Verschärfung von Not und Unfreiheit zuwege brachten. Sie haben das Spiel der Rechtsparteien bewußt und systematisch erleichtert; ihre ganze Kampffront ist ausschließlich gegen die SPD gerichtet. Darum -
Frauen heraus zur Entscheidung! Wählt den Mann, der mithalf, Volksfreiheit und Frauenrecht zu erkämpfen ... Geht hin und wählt euren treuen Kameraden Otto Braun!"; Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 25.3.1925, "Die Frauen entscheiden", in "Volkswacht für Schlesien"
Otto Braun (1872-1955), Buchdrucker und Parteifunktionär. Er war von 1918 bis 1921 für die SPD preußischer Landwirtschaftsminister, preußischer Ministerpräsident von 1920 bis 1932 und Mitglied der verfassungsgebenden Weimarer Nationalversammlung. Von 1920 bis 1933 war er zudem MdR. 1933 ging er in die Emigration.;Wachenheim, H.: Vom Großbürgertum ..., Personenregister
333 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 25.3.1925, "Die Frauen entscheiden", in "Volkswacht für Schlesien"
334 Ebd.
335 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 16.5.1925, "Frauen - rettet eure Rechte! Zur drohenden Beseitigung weiblicher Schöffen", in "Schlesische Bergwacht"
336 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 21.7.1925, "Weibliche Beamte und Sozialdemokratie", in "Münchener Post"
337
"1928 wurde ich im Kreise Ost-Hannover für den Reichstag aufgestellt und gewählt, auch 1930 wiedergewählt."; in: Nachlass BA Koblenz, Mappe 1, Blatt 17-20, Einige biographische Notizen, nach 1930
Christl Wickert führt in ihrer Arbeit aus: "Nur dem Eingreifen der Berliner Parteizentrale ist wohl ihre [Adele Schreibers, A.B.]Aufstellung und Wahl im Wahlkreis Osthannover 1928 zu verdanken. Die `Bürgerliche´ hatte sich als gutes Aushängeschild der SPD-Frauenbewegung auf internationaler Ebene erwiesen: Als Vizepräsidentin des `Weltbundes für Frauenstimmrecht´ repräsentierte sie die deutschen Parlamentarierinnen im Ausland, sie hatte jedoch offensichtlich kein Einfühlungsvermögen für die Parteiarbeit und die Organisationsstrukturen innerhalb der SPD."; Wickert, C.: Sozialistin, Parlamentarierin, Jüdin, S.158
338 Sprechregister 1.Wahlperiode 1920, Frau Schreiber-Krieger (VSP), Abgeordnete für den 9.Wahlkreis, 31.5.1921: -Eisenbahnen. Überlassung von Schlafwagenläufen an die Mitropa zum Schaden der Reichskasse (Anfrage Bd.349, 108.Sitzg., S.3704 C); -Geschlechtskrankheiten. Bekämpfung. Gesetzentwurf: II. B.: Bd.360, 367.Sitzg., S.11420 A; -Prostitution. Polizeiliche Reglementierung, Bordelle, Sittenkontrolle, Bd.360, 367.Sitzg., S.11420 B; -Frage ihrer Strafbarkeit, Bd.360, 367.Sitzg., S.11421 A; Sprechregister 5.Wahlperiode 1930, Frau Schreiber-Krieger (SPD), Abgeordnete für den 15.Wahlkreis, 25.3.1931: -Reichshaushaltsplan für 1931, Reichsfinanzministerium, Allgemeine Finanzverwaltung, Kriegslasten und zurückgestellte Titel, III. B.: Bd.445, 51.Sitzg., S.1990 C; -Strafrecht. Abtreibung, Umgestaltung des § 218 StGB (Fall der Frau Dr. Kienle), Bd.445, 51.Sitzg., S.1990
339 Nachlass BA Koblenz, Mappe 59, Zum Rundfunk-Vortrag "Die Frauen im neuen Reichstag" am 20.6.1928 um 15.40 Uhr
340 Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, "Die Frauen im neuen Reichstag", in "Neue Deutsche Frauenzeitschrift", o.D.
341 "Besonders erfolgreich haben Frauen auf dem umfassenden Gebiet der Sozialpolitik gearbeitet. Ihnen gebührt ein großes Verdienst am Zustandekommen des neuen Jugendwohlfahrtsgesetzes, das freilich erst in Jahren zu voller praktischer Auswirkung gelangen wird, aber eines der umfassendsten und besten Gesetze der Welt für das Wohl der Jugend darstellt. Ebenso haben die Frauen auf Bevölkerungspolitischem Gebiet, namentlich beim Zustandekommen des Gesetzes zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, wie auch in Fragen des Erziehungswesens und der Strafrechtsreform sich mit Energie und Verständnis eingesetzt." ; Nachlass BA Koblenz, Mappe 59, Zum Rundfunk-Vortrag "Die Frauen im neuen Reichstag" am 20.6.1928 um 15.40 Uhr
342 Nachlass BA Koblenz, Mappe 59, Zum Rundfunk-Vortrag "Die Frauen im neuen Reichstag" am 20.6.1928 um 15.40 Uhr
343 Nachlass BA Koblenz, Mappe 1, Blatt 9, Curriculum vitae, französischer Lebenslauf nach 1933
344 Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, 1928, Interparalamentarische Frauenarbeit
345 Bei ihrer Arbeit trifft sie auf alte Freunde. Neben ihrem alten Bekannten Bernstein arbeitet auch Löbe in der Interparlamentarischen Union mit, die Ende der zwanziger Jahre über dreihundert Parlamentarier aus 24 Staaten Europas vereinigt.; Nachlass BA Koblenz, Mappe 12, ca.1928, "Frauenzeitung. Ein Frauenwort zur Interparlamentarischen Union" von Adele Schreiber, Mitglied des deutschen Reichstages und der Interparlamentarischen Union, (ohne Zeitungsangabe)
Paul Löbe (1875-1967), Schriftsetzer, Redakteur und sozialdemokratischer Politiker. Er war Vizepräsident der verfassungsgebenden Nationalversammlung, von 1919 bis 1933 MdR und Reichstagspräsident von 1924 bis 1932. 1933 verhaftet von den Nationalsozialisten war er nach dem Zweiten Weltkrieg von 1948 bis 1949 Mitglied des Parlamentarischen Rates und MdB für Berlin von 1949 bis 1953.; Wachenheim, H.: Vom Großbürgertum ..., Personenregister
346 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Schlußwort des Vortrages gehalten am 9.10.1931 in Kronstadt in der Liga für Völkerbund über die Tagung der Interparlamentarischen Union in Bukarest
347 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Schlußwort des Vortrages gehalten am 9.10.1931 in Kronstadt in der Liga für Völkerbund über die Tagung der Interparlamentarischen Union in Bukarest
348 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 3.10.1925, "Es muß besser werden. Ein offenes Wort an die Genossen von Adele Schreiber, M.d.R.", in "Volks-Zeitung für die Oberlausitz"
349 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 3.10.1925, "Es muß besser werden. Ein offenes Wort an die Genossen von Adele Schreiber, M.d.R.", in "Volks-Zeitung für die Oberlausitz"
350 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 3.10.1925, "Es muß besser werden. Ein offenes Wort an die Genossen von Adele Schreiber, M.d.R.", in "Volks-Zeitung für die Oberlausitz"
351 Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, 16.5.1919, "Zur Mitarbeit der Frau in der inneren Politik", in "Die Neue Zeit"
352 Schreiber, A.: Die Sozialdemokratin als Staatsbürgerin, S.127; in Blos, A. (Hg.): Die Frauenfrage ...
353 Bot sich die Gelegenheit, wurden selbst Toni Pfülf, die auf der Wahlliste weit über Adele Schreiber rangierte, Steine in den Weg gelegt: "Als es um die Wahlen zur Nationalversammlung ging, später dann zu den Reichstagen, erhielt sie keinen Münchner Wahlkreis. Es war klar, daß sie aufgestellt werden würde, denn sie hatte sich in ihrer Wahlheimatstadt Ansehen nicht nur bei ihren Parteifreunden erworben. ... Aber sie wurde von ihren Genossen auf den Wahlkreis Oberbayern/Schwaben später auf den Wahlkreis Niederbayern/Oberpfalz verwiesen."; zit. nach Schneider, D. (Hg.): Sie waren die ersten ..., S.190
354 Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, 1925, "Frauenfrage und Partei. Ein Nachwort zu Heidelberg", in "Die Glocke"
355 Ebd.
356 Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, 1925, "Frauenfrage und Partei. Ein Nachwort zu Heidelberg", in "Die Glocke"
357 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Wahlrecht und Gleichberechtigung
358 "Die bürgerliche Vorstellung, derzufolge es im Wesen eines weiblichen Menschen liege, primär Ehegattin und Mutter zu sein, war schon vor 1918 in der Arbeiterschaft verwurzelt."; vergleiche Klönne, Irmgard: Ich spring in diesem Ringe. Mädchen und Frauen in der deutschen Jugendbewegung, Pfaffenweiler 1990, S.68; zit. nach Madsen, B.: Die Sozialistin Nora Block-Platiel ..., S.67
359 Schreiber, A.: Die Sozialdemokratin als Staatsbürgerin, S.143/144; in Blos, A. (Hg.): Die Frauenfrage ...
360 "Die vom Parteivorstand gedruckt vorgelegten und von der Genossin Juchacz mündlich erstatteten Berichte über die Frauenbewegung, die Aussprache auf der Haupttagung, wie auf der Frauenkonferenz brachten bei aller Anerkennung guter Arbeit und des im letzten Jahre wieder begonnenen Aufstiegs berechtigte Kritik, und sie betonten, wieviel mehr erreicht werden muß. Es ist insbesondere festgestellt worden, daß die Frauen trotz ihrer ausgesprochenen Fähigkeit für kommunale Arbeit in viel zu geringer Zahl unter den Stadtverordneten vertreten sind, daß sie in den Kreis- und Provinziallandtagen fast ganz fehlen, an der Arbeit der Parteivorstände nur in geringem Maße beteiligt werden."; Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, 1925, "Frauenfrage und Partei. Ein Nachwort zu Heidelberg", in "Die Glocke"
361 "Intellektuell, das heißt mit dem Verstand, treten die Sozialdemokraten natürlich für die individuelle Entwicklung der Frauen, für ihre wirtschaftliche und soziale Befreiung ein, denn sie wissen ganz gut, welche ungeheure Gefahr für die sozialistische Entwicklung das Gegenteil bedeuten würde. Aber die große Masse der organisierten Arbeiterschaft ist mit dem Herzen nicht für die Befreiung der Frau [...]. Der Geschlechtsstolz trägt eben nur zu gern den Sieg davon über die Prinzipien. Die aus diesen Tatsachen hervorgehende Erkenntnis, daß die Befreiung der Frau nur durch die Frau selbst erkämpft werden kann, zeigt uns bereits, daß es in der Tat besondere politische Arbeitsgebiete für Frauen gibt."; Schneider, D. (Hg.): Sie waren die ersten ..., S.195
362 "Auf den ersten fünf Plätzen waren Frauen nur in 13 von 35 Wahlkreisen zur Wahl der Nationalversammlung vertreten. In der Regel waren maximal zwei Kandidatinnen überhaupt vertreten. Eine quantitative Erhebung der Wahlvorschlagslisten der Wahlkreise für die einzelnen Wahlen ergibt, daß der Frauenanteil im Verlaufe der Weimarer Republik absinkt bzw. Frauen auf immer aussichtsloseren Listenplätzen kandidierten. Während zu den Reichstagswahlen 1920 wie schon 1919 noch in 13 der 35 SPD-Listen Frauen unter den ersten fünf Kandidat(inn)en gewesen waren, war es bei den Wahlen zum 2.Reichstag 1924 nur noch bei 10 Listen der Fall. ... Die besten Ausgangspositionen von den Kandidaturen her hatten Frauen 1928 zum 4.Reichstag, wo sie in 29 Wahlkreisen von 35 unter den ersten Fünf kandidierten und in nur zwei Wahlkreisen gar nicht vertreten waren. Von den Listenplätzen her wurden die Chancen gegen Ende der Weimarer Republik zwar schlechter, aber zu den letzten beiden Reichstagswahlen 1932 und 1933 und den Wahlen zum Preußischen Landtag kandidierten mit wenigen Ausnahmen überall Frauen, wenn auch meist auf aussichtslosen Plätzen."; Wickert, Ch.: Unsere Erwählten ..., S.88/89; Vergleiche außerdem zu diesem Problem ebd., Anhang Tabelle 3.15. und 3.2.6.
363 Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, 1925, "Frauenfrage und Partei. Ein Nachwort zu Heidelberg", in "Die Glocke"
364 Ebd.
365 Nachlass BA Koblenz, Mappe 59, Zum Rundfunk-Vortrag "Die Frauen im neuen Reichstag" am 20.6.1928 um 15.40 Uhr
366 Schneider, D. (Hg.): Sie waren die ersten ..., S.195/196
367 Schreiber, A.: Die Sozialdemokratin als Staatsbürgerin, S.142; in Blos, A. (Hg.): Die Frauenfrage ...
368 Vergleiche das Kapitel "Stimmrecht der Frauen und Arbeit im Reichstag"
369 "Die Wirtschaft, die Finanzen, Verwaltung, der gesamte Staatsapparat, der bei Revolutionen und Umwälzungen ausschlaggebender Faktor ist, befanden sich ausschließlich in den Händen der Männer. Nicht einmal bei den Wahlen hatten Frauen die gleiche Möglichkeit freier Auswirkung wie die Männer, denn diese allein beherrschten wiederum den Parteiapparat sowie die Parteikassen und damit die Propaganda."; Heymann, L.G.: Erlebtes ..., S.187
370 Nachlass BA Koblenz, Mappe 12, 30.8.1922, "Die Frau in der Politik. Gespräch mit Adele Schreiber-Krieger. MdR" von Fr.H., in "Neues Wiener Journal"
371 vergleiche dazu das Kapitel "Der Bund für Mutterschutz"
372 Sie favorisierte die Argumente der Juristen Ehinger und Kimming, die in ihrer Schrift von 1910 ausführen, dass in der Geschichte staatliche Strafandrohungen bei Fruchtabtreibung immer erfolglos blieben, bzw. noch schwerere Straftaten wie Kindesmord nach sich zogen.; Ehinger, Otto/ Kimming, Wolfram: Ursprung und Entwicklungsgeschichte der Bestrafung der Fruchtabtreibung und deren gegenwärtiger Stand in der Gesetzgebung der Völker, München 1910
373 Nachlass BA Koblenz, Mappe 70, 7.3.1914, "Staatlicher Gebärzwang?", in "Das freie Volk Berlin"
374 Schreiber, A.: Mutterschaft ..., S.216
375 Schreiber, A.: Mutterschaft ..., S.219
376 Jellinek, C.: Die Strafrechtsreform und die § § 218 und 219 StGB, Heidelberg 1909; zit. nach: Schreiber, A.: Mutterschaft ..., S.219
377 Schreiber, A.: Mutterschaft ...,S.220
378 Schreiber, A.: Schutz unseren Frauen und Müttern ..., S.14
379 Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, 20.6.1925, "Der Gesetzentwurf zur Förderung der Säuglingssterblichkeit", in "Die Glocke"
380 Vertrat Dr. Julius Moses die Meinung, "daß durch die Geburteneinschränkung eine bedeutende Besserung, eine gewaltige Gesundung der proletarischen Verhältnisse herbeigeführt werde." (Gegen den Gebärstreik. Berichte über zwei Volksversammlungen in Berlin (1913), in: Niggemann, Heinz: Frauenemanzipation und Sozialdemokratie, o.J.), wurde ihm von Luise Zietz widersprochen. Sie führte aus: "Sie habe gemeint, es sei die Erkenntnis Allgemeingut der sozialdemokratischen Arbeiterschaft, daß Not und Elend ihre Ursache haben in der Eigentumsordnung und der Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft. ... Allerdings gefalle ihr das Argument der Genossin Zetkin ebenfalls nicht, daß wir durch unsere Massen siegen müßten und daß deshalb keine präventive Einschränkung der Geburten propagiert werden dürfe. Das Argument sei zu grob gehauen." Ebd.
381 Nachlass BA Koblenz, Mappe 70, 7.3.1914, "Staatlicher Gebärzwang?", in "Das freie Volk Berlin"
382 Ebd.
383 Nachlass BA Koblenz, Mappe 12, 23.10.1924, "Mutterschutz und Sozialdemokratie. Massenveranstaltung der Frauen Spandaus gegen den Schandparagraphen 218", in "Volksblatt für Spandau und das Havelland"
384 Hervé, Florence: Brot und Frieden, S.107; in: Hervé, Florence: Frauenbewegung und revolutionäre Arbeiterbewegung. Texte zur Frauenbewegung in Deutschland und in der BRD von 1948 bis 1980, Frankfurt/M. 1981
385 Else Kienle (1900-1970), Medizinerin und Sexualreformerin. Nach ihrem Medizinstudium schenkte ihr Mann ihr eine eigene Praxis mit kleiner Klinik, wo sie auch Frauen half, die ungewollt schwanger geworden waren. 1931 wurde sie gemeinsam mit Friedrich Wolf wegen "gewerbsmäßiger Abtreibung" verhaftet, was eine riesige Massenbewegung gegen den §218 auslöste. Als sie im Herbst 1932 wieder befürchten musste, verhaftet zu werden, floh sie nach Frankreich, später arbeitete sie als Ärztin in New York.; www.weiber.net/herstory/herway/ suhrkamp/ else_kienle.htm
386 Friedrich Wolf (1888-1953), Schriftsteller. Er studierte zunächst Medizin. Im Ersten Weltkrieg entwickelte er sich zum Kriegsgegner, er war Mitglied des Bundes proletarischer Schriftsteller und 1933 emigrierte er über Österreich, die Schweiz und Frankreich in die UdSSR. 1945 Rückkehr in die sowjetische Besatzungszone und Arbeit als Kulturpolitiker. Er schrieb 1929 "Cyankali" gegen den §218 und 1934 "Professor Mamlock".; Meyers Universal Lexikon, Leipzig 1980, Bd.4, S.591
387 Grossmann, Atina: Berliner Ärztinnen und Volksgesundheit in der Weimarer Republik: Zwischen Sexualreform und Eugenik, S.187; in: Eifert, Christiane/ Rouette, Susanne: Unter allen Umständen. Frauengeschichte(n) in Berlin, Berlin 1986
388 Erwin Piscator (1893-1966), Regisseur und Theaterleiter. Er begründete mit seinen Inszenierungen eine neue Theaterästhetik, indem er neue Mittel, wie dokumentarisches Material, Film und Revue-Elemente, einsetzte. Von 1931 bis 1936 war er in der Emigration in der UdSSR, später ging er über Frankreich in die USA. 1951 kehrte er in die Bundesrepublik zurück und ab 1962 war er Intendant der Westberliner Volksbühne.; Meyers Universal Lexikon, Leipzig 1980, Bd.3, S.424
389 Max Hodann (1894-1946), Dr. med., Mediziner. 1916 begründete er die Centralarbeitsstätte für Jugendbewegung als Versuch einer Politisierung der Jugend. Bis 1933 war er in Berlin als Stadtarzt tätig, leitete das Gesundheitsamt in Reinickendorf und war Mitarbeiter am Institut für Sexualwissenschaft. 1933 Emigration, von 1944 bis 1945 in Großbritannien politischer Berater der britischen Botschaft.; Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933, Bd.1, 1980
390 Rudolf Olden (1885-1940), Journalist. Nach seiner Teilnahme am Ersten Weltkrieg entwickelte er sich zum Pazifisten und war in den zwanziger Jahren gleichzeitig als politischer Redakteur des "Berliner Tageblatts" wie als Strafverteidiger in politischen Prozessen tätig. 1933 emigrierte er in die Tschechoslowakei, 1934 nach London. Bei der Überfahrt in die USA starben er und seine Frau, als das Schiff von deutschen U-Booten torpediert wurde.; Killy, W.: Literatur-Lexikon, Autoren und Werke deutscher Sprache, Bd.8, 1988-1992
391 Julius Wolff (1871-?), Prof., Journalist und Schriftsteller. Ab 1903 war er Chefredakteur und Herausgeber der "Dresdner Neuesten Nachrichten", sein besonderes Arbeitsgebiet war die hygienische Volksaufklärung.; Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft, Bd.2, 1931
392 Nachlass BA Koblenz, Mappe 12, 2.2.1930, "Sturm gegen §218", in "Weltspiegel", Beilage des Berliner Tageblattes", (nicht von Adele Schreiber verfasst)
393 Albert Einstein (1879-1955), Physiker. 1915 publizierte er "Zur Allgemeinen Relativitätstheorie", für diese Arbeit bekam er 1921 den Physik-Nobelpreis. 1933 emigrierte er in die USA.; Kürschners Deutscher Literaturkalender, Nekrolog 1936-1970, 1973
394 Sigmund Freud (1856-1939), Begründer der Psychoanalyse. In enger Zusammenarbeit mit dem Physiologen Josef Breuer entwickelte er das psychoanalytische Therapieverfahren. 1899 erschien sein Werk "Die Traumdeutung". 1938 ging Freud ins Exil, seine Bücher hatten die Nationalsozialisten verbrannt.; Meyers Universal Lexikon, Leipzig 1980, Bd.2, S.60
395 Erich Kästner (1899-1974), Schriftsteller. Wegen seiner antimilitaristischen Haltung erhielt er im Faschismus Schreibverbot. Er ist der Verfasser zeitkritischer Gedichte und erfolgreicher Kinderbücher, wie "Emil und die Dedektive" von 1928.; Meyers Universal Lexikon, Leipzig 1980, Bd.2, S.495
396 Lüders, Marie-Elisabeth: Fürchte dich nicht, Köln 1963; zit. nach Gerhard, U.: Unerhört ..., S.341
397 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Frauen, die es wagten
398 Nachlass BA Koblenz, Mappe 76, 1925, "Die gegenwärtige Lage der unehelichen Mutter", Sonderdruck Jugendwohlfahrt in Deutschland
399 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 10.11.1924, "Fort mit den grausamen Ehescheidungsgesetzen! Was die Frauen wollen", in "Die Republik"
400 vergleiche dazu Peukert, D.J.K.: Die Weimarer ..., S.109
401 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 3.10.1925, "Es muß besser werden. Ein offenes Wort an die Genossen von Adele Schreiber, M.d.R.", in "Volks-Zeitung für die Oberlausitz"
402 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Frauen, die es wagten
403 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 23.5.1919, "Zum waffenlosen Protest der Frauen", (ohne Zeitungsangabe)
404 Ebd.
405 Nachlass BA Koblenz, Mappe 1, Blatt 10-16, o.T., ca.1923
406 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 23.5.1919, "Zum waffenlosen Protest der Frauen", (ohne Zeitungsangabe)
407
Trotz aller Ambivalenz resümiert Peukert: "Zusammenfassend läßt sich der Versailler Vertrag als ein in einzelnen Fragen nicht unproblematischer, aber generell um eine ausgewogene Lösung im europäischen und weltpolitischen Rahmen bemühter Versuch der Friedensstiftung charakterisieren."; Peukert, D.J.K.: Die
Weimarer ..., S.56
408 Viele der in der Frauenbewegung engagierten Frauen wandten sich gegen den Versailler Vertrag, so auch Lida Gustava Heymann, Anita Augspurg, Käte Frankenthal und Minna Cauer.
Käte Frankenthal ist ebenso der Meinung, dass die entstandene Situation den Faschisten in die Hände arbeitet. Sie sieht in der Regelung, die mit dem Versailler Vertrag getroffen wurde, den Ursprung von Hitlers Erfolg: "Adolf Hitler existierte damals noch nicht. Als er fünf Jahre später anfing, in Deutschland zu putschen, fand er ein dankbares Feld bei jenen `Beleidigten und Erniedrigten´, die schlechte Verlierer waren und sich nie mit der Niederlage abfinden konnten."; Frankenthal, K.: Jüdin ..., S.29
409 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 13.9.1926, "Ein Nachwort zu Deutschlands Eintritt in den Völkerbund", in "Hamburger Echo"
410 Ebd.
411 Gemeinsam mit dem französischen Außenminister Aristide Briand bemühte er sich um eine dringend notwendige deutsch-französische Verständigung, die jedoch unvollendet 1929 mit dem Tode Stresemanns ihr Ende fand. Unter seiner Führung wurde 1925 der Vertrag von Locarno ausgehandelt und 1926 Deutschlands Aufnahme in den Völkerbund befürwortet. Erfolge, die die innenpolitische Spannung entschärften, Erfolge, an die aber nach Stresemanns Tod nicht angeknüpft wurde.
412 Sir Joseph Austen Chamberlain (1863-1937), englischer Politiker. Ab 1892 konservativer Abgeordneter im Unterhaus, bekleidete er bald verschiedene Ministerämter, war zeitweilig Parteivorsitzender und wurde unter Baldwin Außenminister. In dieser Eigenschaft setzte er sich für die Entwicklung friedlicher Beziehungen zwischen den europäischen Staaten ein und fand auf deutscher Seite in Stresemann einen kooperativen Partner. Mit ihm einigte er sich auf den Locarnovertrag und machte so die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund möglich. Für seine Arbeit erhielt er 1925 den Friedennobelpreis.; www.geschichte.2me.net/bio/cethegus/c/chamberlainsja.html
413 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 24.3.1926, "Vom großen Horneberger Schützenfest in Genf I.", in "Münchener Post"
414 Viktor Schiff (1895-1953), Journalist und Publizist. Seit 1917 SPD-Mitglied, gehörte er 1919 der Delegation nach Versailles an. Ab 1920 arbeitete er beim außenpolitischen Ressort des "Vorwärts". 1933 emigrierte er über Frankreich nach London, wo er ab 1940 tätig war. Er schloss sich der Freien Deutschen Bewegung an. Ab 1946 war er in Rom Korrespondent des "Daily Herald".; Killy, W.: Deutsche Biographische Enzyklopädie, Bd.8, 1998
415 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 24.3.1926, "Vom großen Horneberger Schützenfest in Genf I.", in "Münchener Post"
416 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 13.9.1926, "Ein Nachwort zu Deutschlands Eintritt in den Völkerbund", in "Hamburger Echo"
417 Henni Forchhammer (1863-1955), dänische Frauenrechtlerin. Ab 1921 war sie Vizepräsidentin des Völkerbundrates.
418 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 28.10.1926, "Frauenarbeit für Frieden und Völkerbund", in "Stadt-Anzeiger Köln"
419 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 20.9.1927, "Führende Sozialisten über den Völkerbund. Das Ergebnis einer Umfrage in Genf", in "Lübecker Volksbote"
420 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 20.9.1927, "Führende Sozialisten über den Völkerbund. Das Ergebnis einer Umfrage in Genf", in "Lübecker Volksbote"
421 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 13.9.1926, "Ein Nachwort zu Deutschlands Eintritt in den Völkerbund", in "Hamburger Echo"
422 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 28.10.1926, "Frauenarbeit für Frieden und Völkerbund", in "Stadt-Anzeiger Köln"
423 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 13.9.1926, "Ein Nachwort zu Deutschlands Eintritt in den Völkerbund", in "Hamburger Echo"
424 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Europa - Einigung oder Untergang? Ahnherrn des Französischen Friedensplanes
425 Coudenhove-Kalergis, Richard Nicolaus Graf von (1894-1972), Schriftsteller, Politiker und Gründer der PanEuropa-Bewegung
426 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Europa - Einigung oder Untergang? Ahnherrn des Französischen Friedensplanes
427 Nachlass BA Koblenz, Mappe 12, 3.10.1932, "Der dritte Europa-Kongreß in Basel", in "Basler Nachrichten", (nicht von Adele Schreiber verfasst)
428 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Paneuropa Basel
429 Nachlass BA Koblenz, Mappe 12, 3.10.1932, "Der dritte Europa-Kongreß in Basel", in "Basler Nachrichten", (nicht von Adele Schreiber verfasst)
430 René Schickele, selbst ein überzeugter Verfechter der deutsch-französischen Annäherung, hielt die Europa-Idee für absolut unrealistisch, da es seiner Meinung nach viel zu spät für derartige Aktivitäten war. Zum PanEuropa-Kongress bemerkte er sarkastisch: "Ich finde derartige Veranstaltungen allmählich komisch. Dieweil die Geschäftshuber beisammen sitzen und schön reden, geht der Sensenmann um, und keiner will ihn sehen."; Brief von René Schickele an Annette Kolb vom 17.10.32, in H. Bender (Hg.): René Schickele und Annette Kolb: Briefe im Exil, Mainz 1982, S.23
René Schickele (1883-1940), Schriftsteller. Als Kriegsgegner schon 1916 emigriert, ging er 1932 erneut ins Exil. Er wirkte für die deutsch-französische Verständigung. Seine Zeitschrift "Die weißen Blätter", die er von 1914 bis 1920 herausgab, war ein bedeutendes Organ linksbürgerlicher, insbesondere expressionistischer Schriftsteller. Er schrieb u.a. die Romantrilogie "Das Erbe am Rhein", 1925 bis 1931.; Meyers Universal Lexikon, Leipzig 1980, Bd.3, S.682
431 Erich Maria Remarque (1898-1970), Schriftsteller. Am Bekanntesten als Autor von "Im Westen nichts Neues", das er 1929 veröffentlichte. Das Buch wurde sofort ein internationaler Erfolg. 1930 wurde es verfilmt. Remarque verließ Deutschland 1932 und ging in die Schweiz, die Nazis verboten 1933 seine Bücher. Er veröffentlichte weiterhin u.a. "Der Weg zurück" und "Arc de Triomphe".; www.remarque.org/about_remarque.html
432 Nachlass BA Koblenz, Mappe 12, 16.12.1930, "Der Abwehrwille der Massen", in "Vossische Zeitung"
433 Philipp Scheidemann (1865-1939), Buchdrucker, Redakteur und Politiker. Er war Mitvorsitzender der SPD seit 1917 und Mitglied des Rats der Volksbeauftragten. Ab 1919 war er Reichsministerpräsident und von 1920 bis 1925 Oberbürgermeister von Kassel. Von 1903 bis 1918 und von 1920 bis 1933 war er MdR und MdNV, 1933 emigrierte er.; Wachenheim, H.: Vom Großbürgertum ..., Personenregister
434 Nachlass BA Koblenz, Mappe 12, 16.12.1930, "Der Abwehrwille der Massen", in "Vossische Zeitung"
435 Carl Mierendorff (1897-1943), Dr. phil, Schriftsteller. Nach einem Volkswirtschaftlichen Studium war er Kriegsteilnehmer im Ersten Weltkrieg und ab 1925 Redakteur des "Hessischen Volksfreund" Darmstadt. Von 1926 bis 1928 war er Sekretär in der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion und Mitglied des Reichstags ab 1930.; Horkenbach, C.: Das Deutsche Reich von 1918 bis heute, Jg.1930 und Kürschners Deutscher Literaturkalender, Nekrolog 1936-1970, 1973
436 Nachlass BA Koblenz, Mappe 12, 16.12.1930, "Der Abwehrwille der Massen", in "Vossische Zeitung"
437 "Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold rief am Montag abend an vier verschiedenen Stellen der Stadt zu Kundgebungen gegen das Filmverbot auf."; Ebd.
438 Ebd.
439 Nachlass BA Koblenz, Mappe 12, 3.2.1931, "Für Remarque! Gegen den Krieg!" von F.Hi., in "8-Uhr Abendblatt"
440 Nachlass BA Koblenz, Mappe 12, 3.2.1931, "Remarque und die Wirklichkeit", in "Der Abend, Berlin"
441 Die Bedingung war jedoch, dass der Film gekürzt werden musste und zudem "Jugendverbot" erhielt.
442 Carl Zuckmayer (1896-1977), Schriftsteller. Als Antifaschist emigrierte er 1933 nach Österreich, 1939 in die USA und ab 1958 lebte er in der Schweiz. Er schrieb u.a. "Der Hauptmann von Köpenick" 1931 und "Des Teufels General" 1946.; Meyers Universal Lexikon, Leipzig 1980, Bd.4, S.641
443 Nachlass BA Koblenz, Mappe 12, 3.2.1931, "Remarque und die Wirklichkeit", in "Der Abend, Berlin"
444 Benito Mussolini (1883-1945 hingerichtet), italienischer Politiker. War er von 1912 bis 1914 Funktionär der Sozialistischen Partei, gründete er fünf Jahre nach seinem Ausschluss aus der Partei Terrororganisationen. Er war Mitbegründer und Duce ("Führer") des italienischen Faschismus. Von 1922 bis 1943 Diktator, schloß er 1936 ein Bündnis mit Hitlerdeutschland und wurde als Staatschef in dem von den Deutschen besetzten Teil Oberitaliens als Staatschef eingesetzt. 1945 vollstreckten Partisanen das Todesurteil an ihm.; Meyers Universal Lexikon, Leipzig 1980, Bd.3, S.200
445 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Der Siegesmarsch einer Idee. Von Einer die mitmarschierte
446 So schrieb sie u.a. Porträts über Hedwig Dohm, Ellen Key, Lilli Braun, Agnes Sorma, Alexandra Kollontay, Rosa Luxemburg, Rachel Varnhagen, Berta von Suttner, Marguerite Durand, Eleonora Duse, Isodora Duncan, Karin Michaelis, Alice Salomon, Luise Otto-Peters, Louise Michel, Jenny von Gusted, Ruth Bré, Yvette Guilbert und Charlotte Perkins Gilman.
Alexandra Kollontai (1872-1952), russische Revolutionärin. In der russischen Arbeiterbewegung organisiert, kämpfte sie für Freiheit und Gerechtigkeit, organisierte die Frauen, versuchte, ein Arbeiterinnenbüro zu schaffen. In Schweden und Deutschland organisierte sie die ersten Versammlungen zum Internationalen Frauentag. Nach der Oktoberrevolution war sie die erste weibliche Kommissarin und an allen frühen Dekreten über Scheidung, Zivilehe und rechtliche Gleichstellung unehelicher Kinder beteiligt. Sie wurde Leiterin der Frauenabteilung beim Zentralkomitee ihrer Partei und war von 1922 bis 1945 als erste Botschafterin der UdSSR in Norwegen, Schweden und Mexiko tätig.; Lexikon der Rebellinnen, S.155/156
Eleonora Duse (1858-1924), italienische Schauspielerin. Schon zu Lebzeiten ein Mythos, nahm sie 1909 Abschied von der Bühne und gründete 1914 in Rom eine Bibliothek für Schauspielerinnen als Ort des Austausches, die aber wegen Geldnöten 1915 bereits wieder geschlossen werden musste. 1921 kehrte sie auf die Bühne zurück, da ihre Ersparnisse aufgebraucht waren. Auf der Bühne legte sie Wert auf Natürlichkeit und stellte in einer Zeit des Wandels verstärkt starke Frauen dar.; Lexikon der Rebellinnen, S.82/83
Isadora Duncan (1878-1927), Tänzerin. Sie wirkte für eine im Sinne der Antike durchgeführte Reform des Tanzes. Eine Zeitlang leitete sie gemeinsam mit ihrer Schwester Elisabeth eine Tanzschule für Kinder in Berlin-Grunewald, wo die antike Tanzkunst gefördert wurde. Abert, H. (Hg.): Illustriertes Musiklexikon, 1927, Degener, H.A.L. (Hg.): Wer ist´s? Unsere Zeitgenossen, 4.Ausgabe, 1909 und Kullnick, H.: Berliner und Wahlberliner, 1960
Karin Michaelis (1872-1950), dänische Schriftstellerin und Pazifistin. Sie verfasste neben emanzipatorischen Jugendbüchern umstrittene Frauenromane wie "Das gefährliche Alter", war mit Clara Zetkin, Käthe Kollwitz und Helene Stöcker im vorbereitenden Komitee für den "Internationalen Antikriegskongreß" 1932 in Amsterdam und unterstützte ab 1933 Verfolgte des Nazi-Regimes wie Bertolt Brecht und Helene Weigel.; Lexikon der Rebellinnen, S.190
447 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, 1929, Die Geschichte der Frauenbewegung (Weltbund für Frauenstimmrecht)
448 Ebd.
449 Nachlass BA Koblenz, Mappe 1, handschriftliche Erinnerungen
450 Nachlass BA Koblenz, Mappe 1, handschriftliche Erinnerungen, 2.Fassung
451 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Weltumspannende Frauenbewegung
452 April 1935 Istanbul, Juli 1939 Kopenhagen, Interlaken (nach dem Krieg), 1954 London, 1955 Colombo
453 "Während Hitler in Deutschland alle Freiheit unterdrückt, kann in der Türkei 1935 eine glänzende Tagung abgehalten werden, in einem Lande, wo der ungewöhnliche Diktator Ata Türk seine Allmacht für den Fortschritt nutzte und die Frau befreite.";Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Der Siegesmarsch einer Idee. Von Einer die mitmarschierte
454 Ebd.
455 "Zweigverbände hinter dem eisernen Vorhang wie Polen, Bulgarien, Rumänien, Ungarn gingen verloren aber neue kamen aus der Ferne. Der 24köpfige Vorstand gehört 14 Nationen an ... Und nun feierten wir das 50jährige Jubiläum in London. ... Der bedeutenden schwedischen Archäologin, Dr. Hanna Rydh, folgte als Präsidentin die derzeitige Vorsitzende Ester Graff, Direktor eines großen Industrieunternehmens in Kopenhagen. Unter ihrer Leitung wird der nächste große Kongreß in Ceylon, Colombo 1955 stattfinden. Schwer erreichbar für uns aus Europa, aber ein guter Mittelpunkt für den Osten. ... Wie wenig am Platz ist europäischer Dünkel gegenüber den intelligenten Vertreterinnen der so lange missachteten Rassen. ... In voller Harmonie endete unsere 10tägige Arbeitskonferenz, die der Klärung gemeinsamer Probleme aller Frauen in Occident und Orient diente, der vielen Probleme, die nach einem halben Jahrhundert zu lösen sind, die ersten 50 Jahre brachten nicht etwa das Endziel, gaben aber fast in aller Welt den Frauen ein Instrument um wirksam mitzuarbeiten - das Frauenstimmrecht. Adele Schreiber Vicepräsident h.c. der Internationalen Frauenalliance"; Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Der Siegesmarsch einer Idee. Von Einer die mitmarschierte
456 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Weltumspannende Frauenbewegung
457 "Natürlich war überhaupt nicht daran zu denken, diese rechnerische Majorität in einen einheitlichen politischen Mehrheitswillen umzusetzen. KPD und SPD waren in erbitterte Bruderkämpfe verstrickt, zumal die KPD die Weimarer Republik mit einer Radikalität bekämpfte, die hinter den Republikfeinden von rechts nicht zurückstand."; Peukert, D.J.K.: Die Weimarer ..., S.262
458 Nachlass BA Koblenz, Mappe 59, Appendix, Vortrag vor dem Amerikanischen Kursus, Frankfurt/M. Juli 1932 von Adele Schreiber, (original in engl.)
459 vergleiche zu diesem Kapitel Rohe, Karl: Das Reichsbanner Schwarz Rot Gold. Ein Beitrag zur Geschichte und Struktur der politischen Kampfverbände zur Zeit der Weimarer Republik; Herausgegeben von der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Düsseldorf
460 "Stahlhelm-Bund der Frontsoldaten: größte militaristische Organisation der Weimarer Republik. Er wurde am 13.11.1918 zur Niederschlagung der Novemberrevolution gegründet, bildete eine Kaderreserve der Reichswehr und wurde von Monopolen und Junkern finanziert. 1931 wurde er der NSDAP angeschlossen, 1933 in die SA übernommen (750000 Mitglieder). 1951 erfolgte seine Neugründung in der BRD."; in: Meyers Universal Lexikon, Bd.4, Leipzig 1980, S.177
461 "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold: Die Wehrorganisation zum Schutz der bürgerlichen Weimarer Republik wurde 1924 auf Initiative rechter SPD-Führer mit der Deutschen Demokratischen Partei und dem Zentrum gegründet. Von den (über 1 Million) Mitgliedern waren viele zur Aktionseinheit und zum Kampf gegen den Faschismus bereit, doch die Führung machte gegen die KPD Front, so daß es nur zur örtlichen Abkommen kam."; in Meyers Universal Lexikon, Bd.3, Leipzig 1980, S.550
462 "Eiserne Front: im Dezember 1931 von SPD, Gewerkschaften, Reichsbanner und Sportverbänden zum Schutz der Weimarer Republik gebildete Kampforganisation, die die Aktionseinheit mit der KPD ablehnte."; in:Meyers Universal Lexikon, Bd.1, Leipzig 1980, S.604
463 "Roter Frontkämpferbund: proletarische Schutz- und Wehrorganisation in der Weimarer Republik, die auf Beschluß der KPD 1924 gegründet wurde, um klassenbewußte Arbeiter, besonders ehemalige Soldaten, zum Kampf gegen den Militarismus zu vereinen. Vorsitzender wurde 1925 Ernst Thälmann. Der RFB und die Nachwuchsorganisation Jungfront hatte 1929 215000 Mitglieder. ... Nach dem Blutmai 1929 wurde der RFB verboten, setzte aber seinen Kampf illegal fort."; in: Meyers Universal Lexikon, Bd.3, Leipzig 1980, S.609
464 Die Kräfte, die die Republik verteidigen wollten, hatten sich über alle Parteigrenzen hinweg demonstrativ im Reichsbanner gegen die Feinde des Staates zusammengeschlossen und stieß in weiten Kreisen der Bevölkerung auf begeisterte Zustimmung. Als deutliche Entscheidung gegen die Klassenfront und für die Demokratie traf dieses Bündnis bei den sozialdemokratischen Massen auf emotional motivierten Widerstand, da das Zusammengehen mit den anderen demokratischen Vertretern umstritten war. Denn obschon die Hoffnung auf eine rote Einheitsfront längst begraben worden war, stand die Mehrheit der Sozialdemokraten den Bürgerlichen nicht minder ablehnend gegenüber. Trotzdem war der Zulauf aus sozialdemokratischen Kreisen enorm, wohl auch deshalb, weil es keine alternative sozialdemokratische Kampfgruppe gab. "Es läßt sich nicht mit Sicherheit ausmachen, ob es auf Bundesebene jemals eine parteipolitische Statistik der Reichsbannermitglieder gegeben hat. Wenn sie existierte, dann war sie nur einem kleinen eingeweihten Kreise zugänglich, zu dem nicht einmal alle Bundesvorstandsmitglieder zählten."; Rohe, K.: Das Reichsbanner Schwarz Rot Gold ..., S.266
465 "In der rechtsradikalen Zeitschrift `Deutschlands Erneuerung´ schreibt ein ungenannter Verfasser, es werde ihm immer `unvergeßlich´ sein, wie er den Aufmarsch der Reichsbannerabteilungen bei der Verfassungsfeier 1925 erlebt habe ..."; , K.: Das Reichsbanner Schwarz Rot Gold ..., S.79
466 Nachlass BA Koblenz, Mappe 1, Blatt 9, Curriculum vitae, französischer Lebenslauf nach 1933: "... bis zur Machtergreifung Hitlers war sie Mitglied des Exekutivkommitees der deutschen Liga der Menschenrechte, des Exekutivkommitees des Schutzverbandes deutscher Schriftsteller, des Exekutivkommitees des Republikanischen Reichsbundes, der Vereinigung für den Frieden (Société de la Paix)"
467 Nachlass BA Koblenz, Mappe 1, handschriftliche Erinnerungen
468 Nachlass BA Koblenz, Mappe 12, 27.9.1926, "Krieg dem Kriege", in "Zentralschweizerisches Arbeiterblatt Luzern"
469 Frankenthal, K.: Jüdin ..., S.106
470 Nachlass BA Koblenz, Mappe 59, Appendix, Vortrag vor dem Amerikanischen Kursus, Frankfurt/M. Juli 1932 von Adele Schreiber, (original in engl.)
471 Paul von Beneckendorff und von Hindenburg (1847-1934), Generalfeldmarschall. Er war Chef der Obersten Heeresleitung von 1916 bis 1919 und Reichspräsident von 1925 bis 1934.; Wachenheim, H.: Vom Großbürgertum ..., Personenregister
472 Nachlass BA Koblenz, Mappe 71, 18.5.25, "Versiegelte Lippen", in "Vorwärts"
473 Ebd.
474 Nachlass BA Koblenz, Mappe 59, "The Political Situation in Germany", Vortrag gehalten für das German-American Institute, Frankfurt/M., 9. und 10. Juli 1932 von Adele Schreiber, M.d.R., (original in engl.)
475 Nachlass BA Koblenz, Mappe 58, Viermal Deutschland, verfasst nach 1945
476 Peukert, D.J.K.: Die Weimarer ..., S.235
477 Nachlass BA Koblenz, Mappe 59, "The Political Situation in Germany", Vortrag gehalten für das German-American Institute, Frankfurt/M., 9. und 10. Juli 1932 von Adele Schreiber, M.d.R., (original in engl.)
| © Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme. | ||
| DiML DTD Version 3.0 | Zertifizierter Dokumentenserver der Humboldt-Universität zu Berlin | HTML-Version erstellt am: 08.04.2004 |