3 Zielsetzung der Arbeit

3.1  Fragestellung

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Eine Vielzahl von Untersuchungen zeigen (vgl. Abschnitt 2.4.8), dass Drogenabhängigkeit überzufällig häufig mit einem komorbiden ADHS assoziiert ist.

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In der vorliegenden Arbeit sollen erwachsene politoxikomane Patienten im Hinblick auf mögliche Verbindungen von Drogenabhängigkeit und ADHS ausführlicher untersucht werden. Dazu wird neben Symptomen des hyperkinetischen Syndroms auch das Vorkommen weiterer psychiatrischer Komorbiditäten wie sozialgestörte Verhaltensweisen, Depressionen oder Angststörungen erfasst.

Nach heutigem Forschungsstand gilt das Bestehen einer juvenilen Sozialstörung als gesicherter Prädiktor für die Entwicklung eines späteren Drogenmissbrauch (vgl. Abschnitt 2.4.4). Offen bleibt jedoch, welche Rolle ein kindliches ADHS in diesem Zusammenhang spielt und ob es einen unabhängigen Risikofaktor für die spätere Genese einer Sucht darstellt. Folglich besteht ein Schwerpunkt dieser Studie darin, die Prävalenzen von ausgewählten Psychopathologien wie ADHS und Sozialstörung zu bestimmen. Zudem sollen deren Effekte auf die Entstehung und Ausprägung von Suchtverhalten analysiert werden.

Neben der prognostischen Relevanz einzelner Begleiterkrankungen stellt sich die Frage, ob eine Kumulation von Psychopathologien einen sog. „Hoch-Risiko“ Typ generiert (Flory et al. 2003b; Faraone & Biederman 1997), der womöglich zu einem früheren Drogeneinstiegsalter und intensiveren Konsum prädisponiert. In diesem Zusammenhang interessiert vor allem die gemeinsame Komorbidität von ADHS und Sozialstörung, deren Effekte im Folgenden eingehend untersucht werden sollen.

↓85

Zur Erfassung von ADHS-Symptomen werden neben subjektiven Selbsteinschätzungen auch apparative Verfahren eingesetzt. Anhand eines standardisierten Aufmerksamkeitstests (CPT, vgl. Abschnitt 4.3.1) und der Registrierung von motorischer Aktivität (Radaraktometer; vgl. Abschnitt 4.3.2) sollen hyperkinetische Merkmale möglichst objektiv bestimmt werden. Im CPT wird dabei unaufmerksames und impulsives Verhalten und im Radaraktometer hyperkinetisches Verhalten gemessen. Hier gilt es zu überprüfen, ob subjektive Angaben der Patienten zur Symptomausprägung aus Wender Utah Rating Scale und Conners’ Adult ADHD Rating Scale (vgl. Abschnitt 4.3.5) mit den objektiven Test- und Aufzeichnungsergebnissen übereinstimmen.

Anhand der Interviewdaten zum Drogenkonsum soll weiterhin analysiert werden, ob Individuen bei Vorliegen einer hyperkinetischen Störung gehäuft einen bestimmten Suchtstoff einnehmen. Dies impliziert die Frage, ob im Rahmen einer möglichen Selbstmedikation Substanzen gezielt ausgesucht werden, um vorhandene Symptome oder Verhaltensweisen zu kontrollieren.

Um die interne Validität der Ergebnisse zu erhöhen werden ebenfalls Daten von einer Vergleichsgruppe mit entsprechendem Alter, Geschlecht und sozio-ökonomischen Status erhoben.

3.2 Hypothesen

↓86-93

Aus dem oben dargelegten lassen sich die folgenden Hypothesen generieren:

Hypothese 1:

Bei drogenabhängigen Patienten bestand im Vergleich zu Kontrollprobanden signifikant häufiger ein hyperkinetisches Verhalten in der Kindheit.

Hypothese 2:

Drogenabhängige Patienten mit hyperkinetischem Verhalten zeigen in der Radaraktometermessung eine höhere motorische Aktivität als Drogenabhängige ohne hyperkinetisches Verhalten.

Hypothese 3:

Drogenabhängige Patienten mit hyperkinetischem Verhalten zeigen im Continuous Performance Test (CPT) häufiger aufmerksamkeitsgestörtes Verhalten als Suchtpatienten ohne hyperkinetisches Verhalten.

Hypothese 4:

Drogenabhängige Patienten mit hyperkinetischem Verhalten zeigen im CPT häufiger impulsives Verhalten als Suchtpatienten ohne hyperkinetisches Verhalten.

Hypothese 5:

Bei drogenabhängigen Patienten ist im Vergleich zu Kontrollprobanden die gegenwärtige Prävalenz von hyperkinetischem Verhalten erhöht.

Hypothese 6:

Bei drogenabhängigen Patienten bestand im Vergleich zu Kontrollprobanden signifikant häufiger ein sozialgestörtes Verhalten in der Kindheit.

Hypothese 7:

Hyperkinetisches Verhalten in der Kindheit ist ein von der Störung des Sozialverhaltens unabhängiger Risikofaktor für das Entstehen einer Drogenabhängigkeit.

Hypothese 7.1: Hyperkinetisches Verhalten in der Kindheit prädisponiert zu einem früheren Drogeneinstiegsalter.

Hypothese 7.2: Hyperkinetisches Verhalten in der Kindheit prädisponiert zu einem exzessiveren Drogenkonsum.

Hypothese 8:

Im Vergleich zu Suchtpatienten ohne hyperkinetisches Verhalten haben drogenabhängige Patienten mit hyperkinetischem Verhalten spezielle Präferenzen bei der Substanzwahl.

Hypothese 8.1: Drogenabhängige Patienten mit hyperkinetischem Verhalten konsumieren häufiger und mehr Kokain.

Hypothese 8.2: Drogenabhängige Patienten mit hyperkinetischem Verhalten konsumieren häufiger und mehr Amphetamine.

Hypothese 9:

In Bezug auf das Suchtverhalten bilden drogenabhängige Patienten mit ehemals hyperkinetischem und sozialgestörtem Verhalten eine „Hochrisikogruppe“ im Vergleich zu Suchtpatienten mit nur einer oder ohne Komorbidität.

Hypothese 9.1: Drogenabhängige Patienten mit beiden Komorbiditäten haben ein früheres Drogeneinstiegsalter.

Hypothese 9.2: Drogenabhängige Patienten mit beiden Komorbiditäten haben einen exzessiveren Drogenkonsum.


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06.09.2006