5 Ergebnisse

5.1  Verteilungsform der Ergebnisse apparativer Untersuchungen

↓119

Zunächst werden die Resultate aus CPT- und Aktometeruntersuchung mittels KSA-Test auf ihre Verteilungsform überprüft. Bei Vorliegen einer Normalverteilung sind parametrische Methoden zugelassen. Sind diese Voraussetzungen nicht gegeben, erfolgt der Einsatz von verteilungsfreien Analyseverfahren. Tabelle 11 fasst die Ergebnisse beider Studiengruppen zusammen:

Tabelle 11: KSA-Test der CPT- und Aktometerergebnisse

n

Parameter der Normalverteilung

Mittelwert (Standardabweichung)

Kolmogorov-Smirnov-Z

Asymptotische Signifikanz (2-seitig)

Commission

errors 4

89

14,3 (9,7)

1.3

.083

Omission

errors 4

89

3,6 (7,9)

3.0

.000**

Reaktions-

zeiten 5

89

0,4 sec (0,03 sec)

0.7

.631

Aktometer-

impulse 6

89

166,5 (190,7)

1.8

.003**

↓120

Die KSA-Test Resultate zeigen, dass in zwei von vier Fällen („omission errors“ und Aktometerimpulse) signifikante Abweichungen von der Normalverteilungsannahme vorliegen. Aus diesem Grund werden non-parametrische Verfahren für die Auswertung der apparativen Untersuchungen eingesetzt.

Fragebogen- und Interviewergebnissen werden im Rahmen der einzelnen Instrumentanalysen auf ihre Verteilungsform überprüft.

5.2 Continuous Performance Test

5.2.1  CPT-Ergebnisse im Gruppenvergleich

Bevor hyperkinetisches- oder sozialgestörtes Verhalten in die Analyse miteinbezogen wird, sollen im folgenden zunächst die beiden Studienpopulationen – Abhängige versus Gesunde – bezüglich ihrer im CPT erzielten Resultate verglichen werden. Dabei geht es um die Frage, ob sich innerhalb der Gruppen die zentralen Tendenzen für „omission errors“, „commission errors“ und Reaktionszeiten signifikant voneinander unterscheiden.

↓121

Im Rahmen dieser Fragestellung hat sich der häufig verwendete verteilungsfreie U-Test von Mann und Whitney bewährt, der das non-parametrische Pendant zum t-Test darstellt. Bei einem signifikanten U-Test Ergebnis ist davon auszugehen, dass sich die Mediane der zugrundeliegenden Populationen unterscheiden (Bortz & Lienert 1998, S. 126ff).

5.2.1.1  Omission errors

Beim Vergleich der während des Testverlaufs begangenen „omission errors“ wies der U-Test von Mann und Whitney eine hoch signifikante Differenz zwischen den beiden Studiengruppen nach (p = .000). Die Gruppe der Drogenabhängigen machte deutlich mehr Fehler, die auf mangelnde Aufmerksamkeit zurückzuführen sind (Mittelwert = 5.5; SD = 10.0; Median = 2.0), als die Kontrollgruppe (Mittelwert = 1.3; SD = 3.0; Median = 0.0). Demnach scheinen Suchtpatienten im Vergleich zu Kontrollprobanden während der 18 minütigen CPT-Untersuchung unkonzentrierter zu sein (Abbildung 7 veranschaulicht diesen Unterschied). Zudem ist aus den deutlich unterschiedlichen Standardabweichungen ersichtlich, dass die Ausprägung des Merkmals „omission errors“ innerhalb der Suchtgruppe stärker variiert als unter den Gesunden.

Es stellt sich die Frage, ob politoxikomane Patienten generell weniger aufmerksam im Gegensatz zur „Normalpopulation“ sind, oder ob dies auf komorbide andere Störungsbilder wie z.B. ADHS zurückgeführt werden kann. Die Möglichkeit eines solchen Zusammenhangs soll im Anschluss, bei Vorliegen der noch verbleibenden Studiendaten, erneut diskutiert werden.

↓122

Abbildung 7: Omission errors im Gruppenvergleich

5.2.1.2  Commission errors

Die Suchtpopulation lag mit einem Median von 14.0 Fehlern (Mittelwert = 15.3; SD = 9.9) zwar 4 Punkte über den Ergebnissen der Kontrollgruppe mit einem Median = 10 (Mittelwert = 13.1; SD = 9.5), jedoch ist diese Differenz nach dem U-Test nicht signifikant (p = .324).

Somit werden Fehler, die auf eine erhöhte Impulsivität hinweisen, von drogenabhängigen Patienten nicht deutlich häufiger begangen als von Kontrollindividuen.

5.2.1.3  Reaktionszeiten

↓123

Auch beim Vergleich der durchschnittlichen Antwortlatenzen ließen sich keine signifikanten Intergruppen-Unterschiede feststellen (p = .404). Die Kontrollprobanden reagierten auf die dargebotenen Stimuli mit 0,396 Sekunden (SD = 0.999; Median = 0.39) im Gegensatz zur Suchtpopulation mit 0,408 Sekunden (SD = 0.999; Median = 0.40) nur unwesentlich schneller.

5.3 Radar-Aktometer

5.3.1  Radar-Aktometer Ergebnisse im Gruppenvergleich

Um differierende motorische Aktivitätslevel innerhalb der beiden Studienpopulationen zu erfassen, soll auch hier vorerst nur ganz allgemein die Sucht- mit der Kontrollgruppe verglichen werden, ohne das anderweitige Kriterien miteinbezogen werden.

Zur Berechnung eines möglichen Intergruppen-Unterschieds hinsichtlich der gemessenen Aktivität kommt wiederum der U-Test von Mann und Whitney zur Anwendung.

↓124

Es zeigt sich, dass die ermittelten Gesamtimpulswerte der politoxikomanen Patienten (Mittelwert = 251.9; SD = 192.8; Median = 184.0) deutlich über denen der Vergleichsprobanden liegen (Mittelwert = 61.9; SD = 126.2; Median = 9.0). Dieser Unterschied ist hoch signifikant (p = .000) und in Abb. 8 graphisch dargestellt:

Abbildung 8: Gesamtaktometerimpulse im Gruppenvergleich

Folglich ist davon auszugehen, dass die Kriteriumsgruppe im Testverlauf motorisch erheblich aktiver war als die Kontrollen. Wie zuvor bleibt in diesem Zusammenhang offen, ob drogenabhängige Patienten generell einen stärkeren Bewegungsdrang im Gegensatz zur „Normalpopulation“ aufweisen, oder ob dies auf komorbide Störungsbilder zurückgeführt werden kann. Eine eingehendere Betrachtung ist zu diesem Zeitpunkt nicht möglich und soll an späterer Stelle folgen (siehe Abschnitt 6.2.2).

5.4 Wender Utah Rating Scale

↓125

Die Auswertung der WURS erfolgte, wie in Abschnitt 2.6.3 beschrieben, anhand der errechneten 6-Item Summenscores. In der Vorstudie konnte gezeigt werden, dass dieses Vorgehen ehemalige ADHS-Patienten und gesunde Kontrollprobanden mit zufriedenstellender Güte voneinander trennt.

5.4.1  Verteilungsform

Erneut wurde der KSA-Test angewandt, um festzustellen, ob die Rohwerte des WURS 6-Item Summenscore normalverteilt sind. Aus der Analyse ergaben sich folgende Werte: N = 89; Mittelwert = 10,1; SD = 5,3; KSZ = 0.8 und eine asymptotische Signifikanz von .544. Letztere bestätigt, dass die Nullhypothese verworfen werden kann und die Normalverteilungsvoraussetzungen in diesem Fall erfüllt sind. Für die nachfolgenden Überprüfungen können somit parametrische Verfahren eingesetzt werden.

5.4.2 Wender Utah Rating Scale im Gruppenvergleich

Um zu untersuchen, ob sich Experimental- und Kontrollgruppe hinsichtlich des WURS 6-Item Summenscores voneinander unterscheiden, wurden deren Mittelwerte wiederum anhand des t-Tests nach Student auf Unterschied geprüft.

↓126

Aus Tabelle 12 sind die Mittelwerte und Standardabweichungen der WURS 6-Item Summenscores zu entnehmen.

Tabelle 12: WURS 6-Item Summenscore im Vergleich

Suchtgruppe

n = 49

Kontrollgruppe

n = 40

Mittelwert

SD

12,3

5,4

7,5

3,7

t-Test nach Student: F = 4.9; df = 1; p = .000**

Die Suchtgruppe erzielte bei Beantworten der WURS mit 12,3 Punkten im Mittel höhere Werte als die Kontrollgruppe mit 7,5 Punkten. Dieser Unterschied ist laut t-Test Analyse hoch signifikant. Drogenabhängige Patienten berichten demnach signifikant häufiger über ausgeprägtes hyperaktives Verhalten in der Kindheit als Teilnehmer aus der Kontrollgruppe. In Abb. 9 ist der Vergleich graphisch dargestellt:

↓127

Abbildung 9: WURS 6-Item Summenscores im Vergleich

Die Cutoff-Berechnungen aus der Vorstudie ergaben, dass ab einem Summenscore von 14 Punkten mit dem ehemaligen Bestehen von hyperkinetischem Verhalten in der Kindheit zu rechnen ist (vgl. Abschnitt 2.6.3). Beide Studiengruppen liegen mit ihren Durchschnittswerten unterhalb dieser Marke.

Ordnet man die Versuchsteilnehmer danach ein, ob der Schwellenwert erfüllt wurde, ergibt sich daraus folgende Kreuztabelle:

↓128

Tabelle 13: Kreuztabelle „WURS 6-Item Cutoff“ erfüllt/nicht erfüllt

Cutoff 14

Sucht-

gruppe

Kontroll-

gruppe

Gesamt

%

erfüllt / Anzahl

Erwartete Anzahl

20

12,7

3

10,3

23

25,8%

nicht erfüllt / Anzahl

Erwartete Anzahl

29

36,3

37

29,7

66

74,2%

Gesamt / Anzahl

% der Gesamtzahl

49

55,1%

40

44,9%

89

100%

20 der 49 Drogenabhängigen wiesen einen Summenscore auf, der über dem Schwellenwert lag. Dies entsprach 40,8% aller Suchtprobanden. Im Gegensatz dazu erfüllten nur 3 der 40 Kontrollprobanden die Cutoff-Kriterien, was umgerechnet 7,5% der Vergleichsgruppe ausmacht. Wesentlich mehr drogenabhängige Patienten als Kontrollprobanden scheinen demnach in ihrer Kindheit Symptome gehabt zu haben, die auf ein ehemaliges ADHS schließen lassen.

Der Chi-Quadrat Test bestätigt, dass es sich hierbei um einen hoch signifikanten Unterschied handelt: χ2 = 12.7; df = 1; p = .00**. Alle Voraussetzungen zur Durchführung eines χ2-Test waren gegeben (keine Zelle mit erwarteter Häufigkeit < 5 und eine minimale erwartete Häufigkeit von 10,34).

↓129

Hypothese 1, derzufolge bei drogenabhängigen Patienten im Vergleich zu Kontrollprobanden signifikant häufiger ein hyperkinetisches Verhalten in der Kindheit bestand, wurde unter Berücksichtigung der WURS 6-Item Summenscore Ergebnisse bestätigt.

5.4.3 Überprüfung des Zusammenhangs zwischen hyperaktivem Verhalten in der WURS und im Radar-Aktometer

Der durch die Wender Scale ermittelte Summenwert gilt als retrospektives Maß für die Ausprägung hyperkinetischen Verhaltens in der Kindheit. Diese Selbsteinschätzung der Studienteilnehmer soll mit den objektiven Ergebnissen der Radar-Aktometer Messung auf einen möglichen Zusammenhang hin untersucht werden.

Da die intervallskalierten Aktometerdaten nicht den Normalverteilungskriterien entsprechen, wurde hierzu mit der bivariaten Korrelation nach Spearman ein non-parametrisches Analyseverfahren gewählt. Anhand der Rangkorrelation Rho von Spearman (rs) kann der monotone Zusammenhang zwischen 2 an einer Stichprobe erhobenen Messwertreihen bestimmt werden (Bortz & Lienert 1998, S. 234ff).

↓130

Aus den bisherigen Analysen ist bekannt, dass Suchtpatienten überdurchschnittlich hohe Werte sowohl in der WURS als auch in der Aktometermessung erzielen. Umgekehrt waren die Ergebnisse dieser Untersuchungen für die Kontrollgruppe im Vergleich deutlich niedriger. Es ist offensichtlich, dass der beschriebene Gruppenunterschied einen Einfluss auf die ursprünglich zu untersuchende Zusammenhangshypothese haben wird. Folglich wird nicht alleine die Verbindung zwischen hyperaktivem Verhalten in der WURS und im Radar-Aktometer gemessen sondern ebenfalls das Kriterium „Sucht“- bzw. „Kontrollgruppe“.

Bezogen auf die Gesamtheit der Studienteilnehmer (n = 89) ergab die Korrelationsberechnung ein hochsignifikantes Ergebnis mit rs = .450 und p = .000**. Wie Abbildung 10 zeigt, werden laut R-Quadrat anscheinend 18% der Varianz durch den Zusammenhang Gesamtimpulse / WURS 6-Item Summenscore erklärt.

Abbildung 10: positive Korrelation zwischen WURS Summenscore und Aktometerimpulsen

↓131

Um zu ergründen in wie weit dieser Effekt durch das Kriterium „Sucht“- bzw. „Kontrollgruppe“ bedingt war, wurde anschließend eine nach Untergruppen getrennte stratifizierte Analyse durchgeführt (Bortz & Döring 2002, S. 429ff).

Wie in Abbildung 11 zu sehen ist, präsentiert sich bei separater Darstellung der Teilpopulationen ein genaueres Bild. Nach Ausschalten des Gruppenfaktors zeigt sich, dass innerhalb der Suchtpopulation in überdurchschnittlich vielen Fällen ein hoher 6-Item Summenscore mit einer ebenfalls hohen Gesamtimpulszahl einher geht (rs = .335; p = .019*). Dabei werden immer noch ca. 12% der Varianz durch den Zusammenhang Gesamtimpulse / WURS Score erklärt.

Innerhalb der Kontrollgruppe hingegen lässt sich keine Korrelation zwischen den Variablen erkennen (rs = .042; p = .797; R-Quadrat = .00).

↓132

Es fällt auf, dass sehr viele der Kontrollgruppenwerte gegen Null gehen. Dies ist ein Indiz dafür, dass sich die Vergleichsprobanden während der Untersuchung extrem ruhig verhalten haben müssen. Eine solche Verteilung führt dazu, dass Merkmalsausprägungen bei der Analyse nicht mehr korrekt eingestuft werden können (sog. Floor-Effekt). Dementsprechend sind auch Korrelationsberechnungen im Fall der Kontrollgruppe nur von bedingter Aussagekraft.

Abbildung 11: Korrelationen zwischen WURS Score und Aktometerimpulsen
(nach Gruppen getrennt)

Es wird deutlich, dass das Kriterium Experimental- bzw. Kontrollgruppe einen erheblich positiven Einfluss auf die zu untersuchende Korrelation hatte.

↓133

Abschließend lässt sich festhalten, dass drogenabhängige Probanden mit ehemals hyperkinetischem Verhalten auch Jahre später im Erwachsenenalter noch eine erhöhte motorische Aktivität aufzuweisen scheinen.

Beachtenswert ist die Tatsache, dass in der Abhängigengruppe nicht alle 6 Items der Wender Scale mit den Radar-Aktometer Ergebnissen korrelieren. Die einzelnen Zusammenhänge sind in Tabelle 14 dargestellt.

Tabelle 14: Korrelation nach Spearman zwischen den WURS Items und Aktometerimpulsen

 

Gesamtaktometerimpulse

Item 1 = aktiv, unruhig, sprunghaft

rs = .316; p = .027*

Item 3 = Konzentrationsprobleme

rs = .148; p = .311

Item 5 = nervös, zappelig

rs = .346; p = .015*

Item 6 = unaufmerksam

rs = .260; p = .072

Item 10 = Schwierigkeiten, begonnene Dinge zu beenden

rs = .174; p = .231

Item 24 = impulsiv gehandelt

rs = .121; p = .407

↓134

Lediglich die „Hyperaktivität“ widerspiegelnden Items 1 und 5 korrelieren signifikant mit den Gesamtimpulsen. Demnach scheinen die subjektiven Fragebogeneinschätzungen der Probanden mit den objektiv gemessenen Aktometerergebnissen übereinzustimmen.

5.4.4 WURS Subgruppenvergleich in Bezug auf die motorische Aktivität

Teilt man, basierend auf den Ergebnissen der WURS Cutoff-Berechnungen, die Versuchspersonen nach den Kriterien „ADHS-Verhalten in der Kindheit erfüllt: ja/nein“ ein, so ergeben sich daraus vier Gruppen: 1. Drogenabhängige mit und 2. ohne hyperaktives Verhalten sowie 3. Kontrollprobanden mit und 4. ohne hyperaktives Verhalten in der Kindheit.

Bei Betrachtung der in Tabelle 15 dargestellten Häufigkeiten wird deutlich, dass die Werte der kleinsten Subgruppe „ADHS & Kontrolle“ (n = 3) eine sehr breite Streuung aufweisen. Da der U-Test an Schärfe verliert, wenn kleinere Stichproben mehr streuen als größere (Bortz & Lienert 1998, S. 128) und die statistische Aussagekraft aufgrund der geringen Fallzahl als schwach einzuschätzen ist, wurde die Untergruppe „ADHS & Kontrolle“ für weitere Analysen mit den verbleibenden 37 Kontrollteilnehmern zu der Einheit „Gesamtkontrolle“ zusammengefasst.

↓135

Die Aktometerergebnisse der drei ermittelten Subgruppen sollen im Folgenden hinsichtlich ihrer zentralen Tendenzen miteinander verglichen werden. Zur Überprüfung dieses Sachverhalts wurde erneut der non-parametrische U-Test nach Mann und Whitney durchgeführt, dessen Ergebnisse in Tabelle 15 wiedergegeben sind.

Tabelle 15: Aktometerimpulse im Subgruppenvergleich (ADHS & Sucht)

ADHS

& Sucht

n = 20

Sucht

n = 29

ADHS &

Kontrolle

n = 3

Kontrolle

n = 37

Gesamt-

kontrolle

n = 40

Median

SD

366,5

208,9

143,0

151,3

7,0

204,9

10,0

120,8

9,0

126,2

U-Test nach

Mann &

Whitney

ADHS & Sucht / Sucht (n = 49): p = .006**

ADHS & Sucht / Gesamtkontrolle (n = 60): p = .000**

Sucht / Gesamtkontrolle (n = 69): p = .000**

Alle drei Subgruppen weisen deutliche Unterschiede in den Medianwerten in bezug auf ihre im Radar-Aktometer gemessenen Gesamtimpulse auf. Die Gruppe der Süchtigen mit hyperkinetischem Verhalten hatte im Vergleich zu den „nur“ Süchtigen einen doppelt so hohen Aktivitätswert und ein vielfach höheres Ergebnis im Gegensatz zur Gesamtkontrollgruppe. Durch die breite Streuung der Standardabweichung innerhalb der „ADHS & Sucht“ Gruppe wird deutlich, dass die Ausprägungsgrade hyperkinetischen Verhaltens dort am unterschiedlichsten sind.

↓136

Auch die Population der „nur“ Süchtigen war im Gegensatz zu der Kontrollgruppe motorisch aktiver. Dieser Umstand lässt vermuten, dass Suchtpatienten im Vergleich zur „Normalbevölkerung" generell über eine gesteigerte Grundaktivität verfügen.

Der U-Test bestätigte, dass sich die motorische Aktivität aller drei Subpopulationen während der 18 minütigen Messung hoch signifikant voneinander unterschied, wie in der graphischen Darstellung zu sehen ist (Abb. 12).

Abbildung 12: Aktometerimpulse im Subgruppenvergleich (ADHS & Sucht)

↓137

Hinsichtlich der retrospektiv erfragten Symptome bestätigt sich somit Hypothese 2, die besagt, dass drogenabhängige Patienten mit hyperkinetischem Verhalten in der Radaraktometermessung eine höhere motorische Aktivität zeigen, als Drogenabhängige ohne hyperkinetisches Verhalten.

5.4.4.1 Zeitlicher Verlauf der motorischen Aktivität im Subgruppenvergleich

Im Folgenden soll überprüft werden, ob sich die Subgruppen während der Testdauer von 18 Minuten hinsichtlich ihres Aktivitätsverlaufs voneinander unterschieden.

Für die Untersuchung von Veränderungen über die Zeit bietet sich nach Bortz u. Döring (2002) der Einsatz von Messwiederholungsanalysen an. Dabei wird die Beziehung zwischen einem Gruppierungsfaktor und einem Messwiederholungsfaktor betrachtet. Im vorliegenden Fall gelten Veränderungshypothesen als bestätigt, wenn die Interaktion (F) zwischen dem Faktor Subgruppe und dem Faktor Zeitverlauf statistisch bedeutsam ist. Dies wäre ein Beleg dafür, dass sich die motorische Aktivität der Experimentalgruppe im Verlauf der Zeit anders verändert als die der Kontrollgruppe.

↓138

Die multivariate Varianzanalyse mit Messwiederholung erbrachte diesbezüglich ein signifikantes Ergebnis für den Vergleich der Gruppen “ADHS & Sucht“ versus „Sucht“ (F = 4.22; p = .045*) und „ADHS & Sucht“ versus „Kontrolle“ (F = 4.78; p = .033*). Der Verlaufsunterschied manifestierte sich jedoch nur innerhalb der ersten 6 Testminuten und hielt nicht über die gesamte Zeitspanne von 18 Minuten an, wie in Abbildung 13 zu sehen ist:

Abbildung 13: Zeitverlauf der Aktometerimpulse im Subgruppenvergleich

Der Zeitverlauf wurde in 6 Blöcken (a – f) à 3 Minuten wiedergegeben, wobei jeder Block die im Mittel gemessene Anzahl der Aktometerimpulse während der gegebenen Zeitperiode repräsentiert. Es wird deutlich, dass sich die Aktivitätslevel der Subgruppen schon nach den ersten 3 Minuten (Block a) merklich voneinander unterscheiden und die Population „ADHS & Sucht“ im Vergleich zu den übrigen Studienteilnehmern wesentlich aktiver ist.

↓139

Während die beiden Gruppen „Sucht“ und „Kontrolle“ in den folgenden 3 Minuten ihr Aktivitätsniveau halten, steigen die Impulswerte der Gruppe ADHS & Sucht signifikant stärker an. In der folgenden Zeitspanne nimmt die motorische Aktivität bei allen 3 Populationen im Testverlauf ohne signifikanten Verlaufsunterschied stetig zu. Jede Subgruppe scheint dabei ihr Aktivitätsniveau zu halten.

Überdies erhöht sich gegen Ende auch die Streuung der Aktometerwerte innerhalb der Untergruppen, wie am Zuwachs der Standardabweichungen zu erkennen ist.

Aus diesen Beobachtungen lässt sich ableiten, dass insgesamt die motorische Unruhe aller drei Subgruppen mit fortschreitender Testdauer zunimmt. Dies verwundert in Anbetracht der 18-minütigen Zeitspanne nicht. Weiterhin steigen die Aktivitätswerte der „ADHS & Sucht“ Population zu Beginn deutlich stärker an als die der übrigen Teilnehmer. Ihre Fähigkeit sich ruhig zu verhalten ist demnach von Anfang an deutlich eingeschränkt.

5.4.5 Überprüfung des Zusammenhangs zwischen hyperkinetischem Verhalten in der WURS und im Continuous Performance Test

↓140

Um innerhalb der Suchtpopulation den Zusammenhang zwischen hyperkinetischem Verhalten laut Wender Scale und den Ergebnissen des Continuous Performance Test zu untersuchen, wurden wiederum bivariate Korrelationen nach Spearman berechnet.

Tabelle 16: Korrelation nach Spearman zwischen CPT-Ergebnissen und WURS 6-Item Summenscore bei Suchtpatienten

CPT-Ergebnisse

WURS 6-Item Summenscore

Omission errors

rs = .154; p = .290

Commission errors

rs = .069; p = .639

Reaktionszeiten

rs = .063; p = .669

Tabelle 16 zeigt, dass in keinem der drei untersuchten Fälle eine signifikante Korrelation zu finden war. Ein hoher WURS-Punktwert scheint im Vergleich zu den CPT-Ergebnissen weder mit einer hohen Anzahl von Konzentrationsfehlern, noch mit häufigen Impulsivitätsfehlern in Verbindung zu stehen.

↓141

Weitere Analysen ergaben, dass auch die einzelnen „Unaufmerksamkeit“ und „Impulsivität“ widerspiegelnden WURS-Items nicht signifikant mit den begangenen „omission und commission errors“ korrelierten.

Hypothesen 3 und 4, denen zufolge drogenabhängige Patienten mit hyperkinetischem Verhalten häufiger aufmerksamkeitsgestörtes oder impulsives Verhalten im CPT zeigen als Suchtpatienten ohne hyperkinetisches Verhalten, ließen sich bezogen auf die retrospektiv erfragten Verhaltensweisen nicht bestätigen.

5.5 Strukturiertes Klinisches Interview für DSM-IV, Achse II (SKID-II)

Die Auswertung der SKID-II Ergebnisse erfolgt durch Kodierungen auf der Kriterienebene. Aus dem Cutoff-Wert und der Anzahl der erfüllten Kriterien ergibt sich der Diagnose-Index für die jeweilige Persönlichkeitsstörung: wenn drei oder mehr der fünfzehn erfragten Kriterien voll erfüllt sind, ist laut Test-Katalog die Diagnose „Störung des Sozialverhaltens in der Kindheit/ Adoleszenz“ zu vergeben.

↓142

5.5.1  SKID-II im Gruppenvergleich

An dieser Stelle soll untersucht werden, ob sich die beiden Studienpopulationen „Drogenabhängige“ und „Kontrollprobanden“ hinsichtlich ihrer Prävalenzen von ehemals sozialgestörtem Verhalten unterscheiden. Für die Analyse wird erneut der Chi-Quadrat-Test (χ2) eingesetzt, dessen Ergebnisse in folgender Kreuztabelle wiedergegeben sind.

Tabelle 17: Kreuztabelle zur Prävalenz von Sozialstörung in Sucht- und Kontrollgruppe

Störung des Sozialverhaltens in

Kindheit bzw. Adoleszenz

Sucht

Kontrolle

Gesamt %

erfüllt / Anzahl

Erwartete Anzahl

26

14,9

1

12,4

27

30,3%

nicht erfüllt / Anzahl

Erwartete Anzahl

23

34,1

39

27,9

62

69,7%

gesamt / Anzahl

% der Gesamtzahl

49

55,1%

40

44,9%

89

100%

↓143

Wie aus Tabelle 17 zu ersehen, scheint innerhalb der Gruppe politoxikomaner Patienten in 26 von 49 Fällen eine Störung des Sozialverhaltens vor dem 15. Lebensjahr vorzuliegen. Dies entspricht 53% der Abhängigengruppe. Im Gegensatz dazu wurden die Diagnosekriterien nur von einem der Kontrollprobanden erfüllt (2,5% der Vergleichsgruppe).

Dieser Unterschied ist laut Chi-Quadrat Berechnung hoch signifikant (χ2 = 26.6; df = 1; p = .00). Alle Voraussetzungen für die Durchführung eines χ2-Tests waren dabei gegeben: ngesamt > 60; keine Zellen haben eine erwartete Häufigkeit < 5; die minimale erwartete Häufigkeit beträgt 12,13.

Dieses deutliche Resultat bestätigt Hypothese 6, derzufolge bei drogenabhängigen Patienten im Vergleich zu Kontrollprobanden signifikant häufiger ein sozialgestörtes Verhalten in der Kindheit bestand und deckt sich mit früheren Forschungsergebnissen von Flory u. Lynam (2003a).

5.5.2 SKID-II Subgruppenvergleich in Bezug auf die motorische Aktivität

↓144

Im Folgenden soll überprüft werden, ob das Kriterium „ehemalige Störung des Sozial verhaltens erfüllt bzw. nicht erfüllt“ mit dem Ausprägungsgrad von motorischer Aktivität in Zusammenhang steht.

Analog zu vorherigen Berechnungen (vgl. Abschnitt 5.4.4) wurden, basierend auf der SKID-II Cutoff Einordnung, drei unterschiedliche Subgruppen gebildet: 1. Drogenabhängige mit und 2. ohne sozialgestörtes Verhalten in der Kindheit/ Adoleszenz, sowie 3. Kontrollprobanden. Die Subpopulationen wurden wiederum mittels U-Test von Mann und Whitney auf ihre zentralen Tendenzen bezüglich der gemessenen Aktivität geprüft (siehe Tabelle 18).

Tabelle 18: Aktometerimpulse im Subgruppenvergleich (sozialgestörtes Verhalten & Sucht)

Sozialgestörtes

Verhalten & Sucht

n = 26

Sucht

n = 23

Kontrolle

n = 40

Median

SD

228,5

193,8

155,0

195,66

9,0

126,2

U-Test nach

Mann –

Whitney

sozialgest. Verhalten & Sucht / Sucht (n = 49): p = .756

sozialgest. Verhalten & Sucht / Kontrolle (n = 66): p = .000**

Sucht / Kontrolle (n = 63): p = .000**

↓145

Wie zu erwarten war wichen die gemessenen Gesamtimpulse der beiden Suchtpopulationen nicht signifikant voneinander ab. Demnach ist eine ehemalige Störung des Sozialverhaltens nicht mit deutlich höheren Bewegungsmesswerten im Aktometer assoziiert. Der beobachtete Median-Unterschied von 75 Impulsen ist in Anbetracht einer Standardabweichung von 200 Impulsen als geringfügig einzuschätzen (vgl. Abbildung 14).

Abbildung 14: Aktometerimpulse im Subgruppenvergleich (Sozialstörung & Sucht)

Die signifikanten Resultate aus den Vergleichen “sozialgestörtes Verhalten & Sucht“ bzw. „nur Sucht“ versus „Kontrollgruppe“ spiegeln die zuvor unter Punkt 5.3.1 beschriebenen Unterschiede im Aktivitätsniveau zwischen Suchtpatienten und der „Normalpopulation“ wider.

5.5.3 SKID-II Subgruppenvergleich in Bezug auf die CPT-Ergebnisse

↓146

Innerhalb der Population von Drogenabhängigen soll untersucht werden, ob sich signifikante Verbindungen zwischen dem Kriterium „Störung des Sozialverhaltens erfüllt/nicht erfüllt“ und den einzelnen CPT-Ergebnissen nachweisen lassen. Für die Analysen kommt wiederum der U-Test von Mann und Whitney zum Einsatz.

5.5.3.1  Omission errors

Die Subgruppe „sozialgestörtes Verhalten & Sucht“ beging mit einem Median von 3.0 Fehlern (Mittelwert = 6.0; SD = 7.1) zwar mehr Konzentrationsfehler als die Subgruppe „nur Sucht“ mit einem Median von 1.0 (Mittelwert = 4.96; ‚SD = 12.7), jedoch ist dieser Unterschied nicht statistisch signifikant (p = .104).

5.5.3.2  Commission errors

Auch hier ergab sich im Subgruppenvergleich kein signifikantes Ergebnis (p = .288). Die von den mit „sozialgestörtem Verhalten & Sucht“ gemachte Anzahl der Impulsivitätsfehler lag im Median bei 18.0 (Mittelwert = 16.9; SD = 10.9) und war statistisch nicht deutlich höher, als die der Gruppe „nur Sucht“ mit einem Median von 11.0 (Mittelwert = 13.5; SD = 8.5).

5.5.3.3  Reaktionszeiten

↓147

Gleiches trifft für den Vergleich der durchschnittlichen Antwortlatenzen zu. „Sozial gestörte“ reagierten im Medianvergleich 0,01 Sekunden schneller als die „nur Süchtigen“ und unterschieden sich damit nicht signifikant von diesen (p = .666).

Eine ehemals komorbide Störung des Sozialverhaltens scheint demnach in Bezug auf die ermittelten CPT-Ergebnisse weder mit einer signifikant höheren Anzahl von Konzentrations- oder Impulsivitätsfehlern noch mit deutlich unterschiedlichen Reaktionszeiten assoziiert zu sein.

5.5.4 Subgruppenvergleich unter Berücksichtigung der Merkmale ADHS und Störung des Sozialverhaltens

Nach Vorliegen der retrospektiv erhobenen Daten zu hyperkinetischem und sozialgestörtem Verhalten in der Kindheit/Adoleszenz soll im Folgenden überprüft werden, ob hyperkinetisches Verhalten in der Kindheit ein von der Störung des Sozialverhaltens unabhängiger Risikofaktor für das Entstehen eines Drogenabusus ist.

↓148

Dazu werden sowohl Sucht- als auch Kontrollprobanden jeweils vier verschiedenen Kriteriumsgruppen zugeordnet, die sich wie folgt zusammensetzen:

Eine Verteilung der Suchtpopulation auf die einzelnen Gruppen ergibt folgende Häufigkeiten: „ADHS & SGV“ = 13, „ADHS“ = 7, „SGV“ = 13 und „ohne Komorbidität“ = 16 Teilnehmer (Ngesamt = 49). Die jeweiligen Prävalenzen sind in Abbildung 15 aufgeführt:

↓149

Abbildung 15: Häufigkeiten von ADHS und sozialgestörtem Verhalten bei Suchtpatienten

Insgesamt liegt in Zweidrittel der Fälle eine Komorbidität von entweder nur einer Störung vor, oder es treten beide Störungsbilder zugleich auf. Die Kombination von ADHS und Sozialverhaltensstörung kommt ebenso wie eine Sozialverhaltensstörung alleine mit jeweils mehr als einem Viertel der Fälle sehr häufig vor. Es zeigt sich, dass bei 14,3% der Suchtpatienten mit einem kindlichen ADHS ohne komorbide Störung des Sozialverhaltens gerechnet werden muss. Nur ein Drittel der Drogenabhängigen weist weder ein hyperkinetisches- noch ein sozialgestörtes Verhalten auf.

Im Gegensatz dazu konnte bei keinem der Kontrollteilnehmer ein gemeinsames Auftreten von hyperkinetischem und sozialgestörtem Verhalten nachgewiesen werden. Offenbar tritt eine Subgruppe „ADHS & SGV“ in der Vergleichspopulation nicht auf.

↓150

Die jeweiligen Prävalenzen der Einzelstörungen sind aus den vorherigen Berechnungen bekannt und liegen für kindliches hyperkinetisches Verhalten bei 7,5% (3 von 40 Fällen) und für sozialgestörtes Verhalten bei 2,5% (einer von 40 Fällen). In 36 von 40 Fällen lag keine der beiden genannten Komorbiditäten vor (siehe Abbildung 16).

Abbildung 16: Häufigkeiten von ADHS und sozialgestörtem Verhalten bei Kontrollprobanden

Um zu überprüfen, ob die ermittelten Differenzen zwischen Sucht- und Kontrollpopulation signifikant sind, sollen die entsprechenden Subgruppen im Folgenden miteinander verglichen werden. Dabei wird der k x 2-Felder-Chi-Quadrat Test berechnet und ferner die Odds Ratio (OR) bestimmt. Mit dieser lässt sich ermitteln, um welchen Faktor das Risiko, an einer bestimmtem Komorbidität erkrankt zu sein, in der Experimentalgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe erhöht oder erniedrigt ist. Der Vergleichspopulation wird hierbei ein Risiko von 1 zugeschrieben (Bortz & Lienert 1998).

↓151

Nach statistischer Analyse ergibt sich für den Gesamtvergleich der beiden Studiengruppen in Bezug auf die Komorbiditätshäufigkeiten ein hoch signifikanter Unterschied (χ2 = 31,9; df = 3; p = .000**), wie in der Kreuztabelle zu sehen ist:

Tabelle 19: Kreuztabelle zur Häufigkeit von Komorbiditäten der Studienteilnehmer

Subgruppen

Sucht

Kontrolle

Gesamt %

ADHS & SGV / Anzahl

Erwartete Anzahl

13

7,2

0

5,8

13

14,6%

ADHS / Anzahl

Erwartete Anzahl

7

5,5

3

4,5

10

11,2%

SGV / Anzahl

Erwartete Anzahl

13

7,7

1

6,3

14

15,7%

ohne Komorbidität / Anzahl

Erwartete Anzahl

16

28,6

36

23,4

52

58,4%

Gesamt / Anzahl

% der Gesamtzahl

49

55,1%

40

44,9%

89

100%

Rein deskriptiv zeigt sich, dass besonders die Subgruppen „ADHS & SGV“ sowie „SGV“ deutlich häufiger unter Suchtpatienten vertreten sind, als in der Vergleichsgruppe. Für die Komorbidität „ADHS“ trifft dies ebenfalls zu, jedoch ist der Trend hier weniger ausgeprägt. Umgekehrt ist die Anzahl der Studienteilnehmer ohne Komorbidität unter den Kontrollen sichtbar höher.

↓152

Alle Voraussetzungen für das Durchführen eines k x 2-Felder-Chi-Quadrat Tests waren dabei gegeben (ngesamt > 60; 80% aller erwarteten Häufigkeiten > 5 und keine Zellbesetzung mit erwarteter Häufigkeit < 1).

Im Folgenden sind die Resultate der Chi-Quadrat Einzelvergleiche dargestellt.

5.5.4.1  ADHS- und sozialgestörtes Verhalten (ADHS & SGV)

Wie zu erwarten war, zeigt der Chi-Quadrat-Test bezüglich des Alternativmerkmals „ADHS & SGV“ ein hoch signifikantes Ergebnis (χ2 = 12.4; df = 1; p = .000). Mit einer Prävalenz von 26,5% hatten drogenabhängige Patienten signifikant häufiger eine gemeinsame Komorbidität von ADHS- und sozialgestörtem Verhalten als die Kontrollprobanden, bei denen dies Störungsbild nicht auftrat. Auch in diesem Fall waren die Voraussetzungen für die Durchführung eines χ2-Test gegeben (keine Zellen mit erwarteter Häufigkeit < 5; minimale erwartete Häufigkeit von 5.84).

↓153

Zur Berechnung der OR wurde im vorliegenden Fall die Korrektur nach Clogg u. Eliason (1988) angewandt, da das Vorkommen einer Null bei der Analyse normalerweise nicht vorgesehen ist. Diese auch als Delta-Option bezeichnete Korrektur ergab eine OR von 29.95. Demnach haben Suchtpatienten im Gegensatz zu Vergleichspersonen ein knapp 30-fach höheres Risiko eines kombinierten Auftretens von ADHS- und sozialgestörtem Verhalten.

5.5.4.2  „Nur“ ADHS-Verhalten

Bei Vergleich der alleinigen ADHS Häufigkeiten von Abhängigen (14,3%) und Kontrollen (7,5%) war das Testergebnis nicht signifikant (df = 1; p = .313). Trotz eines Unterschiedes von 7% scheinen Kriteriums- und Vergleichsgruppe im Hinblick auf das untersuchte Merkmal nicht erheblich voneinander zu differieren.

Die empfohlene Zellbesetzung von ≥ 5 wurde in einer Zelle mit einem Wert von 4.49 unterschritten, so dass hier der exakte Test nach Fisher und Yates berechnet wurde. Dieses Verfahren prüft wie der χ2-Test, ob sich zwei unabhängige Stichproben bezüglich eines Alternativmerkmals signifikant unterscheiden, und findet Anwendung, wenn die Voraussetzungen für einen validen Vierfelder-Chi-Quadrat-Test verletzt sind (Bortz & Lienert 1998, S. 72ff).

↓154

Eine Berechnung der OR erscheint in diesem Zusammenhang nicht sinnvoll, da sich die Häufigkeiten nicht statistisch bedeutsam unterscheiden.

5.5.4.3  „Nur“ sozialgestörtes Verhalten

Beide Studiengruppen unterscheiden sich deutlich in der Prävalenz von ehemals sozialgestörtem Verhalten (Sucht: 26,5% versus Kontrolle: 2,5%). Dies spiegelt sich auch in dem hoch signifikanten χ2-Test Ergebnis wider: χ2 = 9.95; df = 1; p = .002.

Wie zu erwarten war, sind Sozialverhaltensstörungen bei Drogenabhängigen häufiger vertreten als in der „Normalpopulation“. Wiederum waren alle Bedingungen zur Testdurchführung gegeben (minimale erwartete Häufigkeit von 6.29).

↓155

Im Gegensatz zur Kontrolle wurde für die Suchtpopulation ein 14-fach gesteigertes Risiko (OR = 14.08) errechnet, die untersuchten Verhaltensweisen als Kind oder Jugendlicher aufgewiesen zu haben.

5.5.4.4  Regressionsanalyse bezogen auf das Kriterium „Suchtstörung vorhanden bzw. nicht vorhanden“

Regressionsanalysen dienen dazu, anhand der Werte von Einflussvariablen das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein einer Eigenschaft vorherzusagen. Im vorliegenden Fall soll ermittelt werden, in welchem Ausmaß hyperaktives- oder sozialgestörtes Verhalten in der Kindheit/Adoleszenz das Auftreten einer späteren Drogenabhängigkeit vorhersagt.

Da die abhängige Variable „Suchtstörung vorhanden bzw. nicht vorhanden“ dichotom ist, kommt hier das Verfahren der logistischen Regression zum Einsatz. Auf diese Weise kann anhand des Regressionskoeffizienten (b) der Einfluss jeder unabhängigen Variable im Modell geschätzt werden (Altman 1999, S. 299ff).

↓156

In Tabelle 20 sind die Analyseergebnisse der Variablen „WURS-Cutoff erfüllt/nicht erfüllt“ und „Störung des Sozialverhaltens erfüllt/nicht erfüllt“ dargestellt.

Tabelle 20: Logistische Regression bezüglich des Merkmals „Drogenabhängigkeit ja/nein“

Erhebungs instrument (UV)

Regressions koeffizient (b)

Wald

df

Signifi kanz

Odds Ratio (OR)

95% Konfi denzintervall (OR)

WURS-Cutoff

erfüllt/nicht erfüllt

1.742

5.59

1

.018*

5.71

1.35 – 24.18

Störung des Sozialverhaltens erfüllt/nicht erfüllt

3.558

11.17

1

.001**

35.10

4.36 – 282.82

Die signifikanten Regressionskoeffizienten bestätigen den Einfluss beider Variablen auf die Ausprägung des abhängigen Merkmals „Suchterkrankung“.

↓157

Anhand der stark differierenden OR wird deutlich, dass der Faktor „Störung des Sozialverhaltens erfüllt/nicht erfüllt“ mit einer OR von 35.10 den größeren Risikofaktor für eine Drogenabhängigkeit darstellt. Demgegenüber ist der Faktor „WURS-Cutoff erfüllt/nicht erfüllt“ mit einer OR von 5.71 ein schwächerer Prädiktor für die Entwicklung einer Suchterkrankung.

Aus den vorangegangenen Untersuchungen lässt sich abschließend zusammenfassen, dass laut Subgruppenanalysen die Störungsbilder „ADHS & sozialgestörtes Verhalten“ sowie „nur sozialgestörtes Verhalten“ signifikant häufiger in der Suchtpopulation auftraten.

Gemäß der errechneten Odds Ratio von 29.95 innerhalb der Subgruppen ist es für Suchtkranke im Vergleich zu Kontrollprobanden wahrscheinlicher in der Kindheit ein kombiniertes Auftreten von ADHS- und sozialgestörtem Verhalten gezeigt zu haben.

↓158

Betrachtet man hingegen das ADHS-Verhalten ohne komorbide Sozialstörung, so ergeben sich zwar erhöhte Prävalenzen im Vergleich zur Kontrollgruppe, jedoch sind diese nicht statistisch bedeutsam.

Die logistische Regressionsanalyse bestätigt erwartungsgemäß den hoch signifikanten Einfluss einer ehemaligen Sozialverhaltensstörung auf das Auftreten von Drogenmissbrauch im Erwachsenenalter. Im Gegensatz dazu scheint das Kriterium „WURS-Cutoff erfüllt“ alleine nur ein schwacher Prädiktor für eine spätere Suchterkrankung zu sein. Dies deckt sich ebenfalls mit dem nicht signifikanten Ergebnis der Subgruppenberechnungen für die Population „ADHS“.

Demzufolge ist vor allem eine ehemalige Störung des Sozialverhaltens überzufällig häufig mit einer Politoxikomanie im Erwachsenenalter assoziiert. Es muss damit gerechnet werden, dass eine solche Verhaltensauffälligkeit zu einem späteren Drogenmissbrauch prädisponiert.

↓159

Ein retrospektiv erfragtes hyperkinetisches Verhalten an sich scheint in diesem Zusammenhang eine weniger ausgeprägte Rolle zu spielen.

Hypothese 7, die besagt, dass hyperkinetisches Verhalten in der Kindheit einen von der Störung des Sozialverhaltens unabhängigen Risikofaktor für das Entstehen eines Drogenabusus darstellt, scheint sich anhand der Ergebnisse der Regressionsanalysen zu bestätigen, jedoch ist der Effekt im Vergleich zu Störungen des Sozialverhaltens gering.

Obige Konklusion widerspricht zum Teil den Recherchen von Flory und Lynam (2003a), die keinen unabhängigen ADHS-Effekt auf einen späteren Substanzmissbrauch finden konnten, da alle beobachteten Verbindungen an das Vorhandensein einer komorbiden Sozialstörung gekoppelt waren. Dies soll im Anschluss unter Punkt 6.2.6 weiter diskutiert werden.

5.5.5 Motorische Aktivität im Subgruppenvergleich unter Berücksichtigung der Merkmale ADHS und Störung des Sozialverhaltens

↓160

Es soll untersucht werden, ob die neu gebildeten Untergruppen bezüglich ihrer Aktivitätsniveaus signifikant voneinander differieren. Dazu werden die 4 Subgruppen der Abhängigen ( „ADHS & SGV“, „ADHS“, „SGV“ und „ohne Komorbidität“) und die als „Kontrolle“ zusammengefasste Gruppe der Vergleichsprobanden auf Unterschiede geprüft.

5.5.5.1  Motorische Aktivität im Vergleich

Wiederum wird der U-Test nach Mann und Whitney eingesetzt, um die unterschiedlichen Gesamtimpulse der Subgruppen zu vergleichen. Alle signifikanten Ergebnisse sind in Tabelle 21 dargestellt.

Tabelle 21: Aktometerimpulse im Subgruppenvergleich (ADHS, SGV & Sucht)

ADHS & SGV

n = 13

ADHS

n = 7

SGV

n = 13

ohne

Komorbidität

n = 16

Kontrolle

n = 40

Median

SD

368,0

202,0

184,0

229,2

118,0

95,5

154,0

181,4

9,0

126,2

U-Test nach

Mann &

Whitney

ADHS & sozialgestörtes Verhalten / SGV (N = 26): p = .003

ADHS & sozialgestörtes Verhalten / ohne Komorbidität (N = 29): p = .048

Alle Vergleiche mit den Kontrollen sind auf dem Niveau p = .000 signifikant

↓161

Wie aus Tabelle 21 ersichtlich, weist die Untergruppe „ADHS & SGV“ mit Abstand die höchsten Impulsmessungen im Aktometer auf, gefolgt von den Gruppen „ADHS“, „ohne Komorbidität“, „SGV“ und den Kontrollen. Damit scheinen die ehemals hyperkinetischen Suchtprobanden mit komorbider Sozialstörung motorisch „am aktivsten“ von allen Studienteilnehmern zu sein. Diese Beobachtung wird im Mann-Whitney U-Test durch signifikante Ergebnisse beim Vergleich mit den Subpopulationen „sozialgestörtes Verhalten“ bzw. „ohne Komorbidität“ bestätigt.

Es wird deutlich, dass eine Sozialverhaltensstörung alleine nicht mit einer erhöhten motorischen Aktivität assoziiert ist. Das Fehlerbalkendiagramm in Abb. 17 veranschaulicht die Ergebnisse.

Abbildung 17: Aktometerimpulse im Subgruppenvergleich (ADHS, SGV & Sucht)

↓162

Auffällig ist die breite Streuung der Aktometerwerte innerhalb der „ADHS“-Untergruppe (große SD). Dieser Effekt ist zum einen durch die geringe Probandenzahl zu erklären und spiegelt zum anderen die sehr unterschiedlichen Aktivitätsniveaus in dieser Gruppe wider.

5.5.5.2  Regressionsanalyse bezogen auf das Kriterium „Höhe der Aktometerimpulse“

Es sollen die Regressionskoeffizienten der unabhängigen Variablen „hyperaktives“- und „sozialgestörtes Verhalten“ geschätzt werden, die den Wert der abhängigen Variable „Gesamtaktometerimpulse“ am besten vorhersagen. Da die Aktometerdaten intervallskaliert sind, wird anstatt der logistischen die lineare Regression berechnet.

Um die aus den bisherigen Untersuchungen bekannten Nebeneffekte der Zuordnung Experimental-/Kontrollgruppe zu vermeiden (vgl. Abschnitt 5.4.3), wurde wiederum eine stratifizierte Analyse durchgeführt, die lediglich die Gruppe der Drogenabhängigen miteinschließt (ngesamt = 49).

↓163

Wie zu erwarten weist nur der Faktor „WURS-Cutoff erfüllt/nicht erfüllt“ einen signifikanten Regressionskoeffizienten auf (siehe Tabelle 22):

Tabelle 22: Lineare Regression bezüglich des Merkmals „Gesamtaktometerimpulse“

 

Regressions koeffizient (b)

SD

df

T

Signifikanz

Korrigiertes R-Quadrat

WURS-Cutoff

erfüllt/nicht erfüllt

166.27

52.97

2

3.14

.003**

14,2%

Störung des Sozialverhaltens erfüllt/nicht erfüllt

-15.65

52.16

2

-.30

.766

-

Mit einem p = .003** sagt ein erfüllter WURS-Cutoff die Anzahl von Aktometerimpulsen am besten voraus. Im Gegensatz dazu scheint das Vorhandensein einer ehemaligen Sozialverhaltensstörung keinen bedeutsamen Einfluss auf das Radar-Aktometer Ergebnis zu haben.

↓164

Abschließend lässt sich resümieren, dass vor allem Suchtpatienten mit ehemals hyperkinetischem und sozialgestörtem Verhalten auch nach Jahren noch die größte motorische Unruhe aufweisen. Sowohl der Subgruppenvergleich mittels Mann-Whitney U-Test als auch die Regressionsanalyse bestätigen, dass eine hohe gemessene motorische Aktivität scheinbar alleine durch ein hohes WURS Ergebnis vorhergesagt wird und nicht durch das Vorhandensein von sozialgestörtem Verhalten.

5.6 Interview zum Drogenkonsum

Die bei stationärer Aufnahme erhobenen Informationen zum Drogenkonsum der Suchtpatienten sollen unter Berücksichtigung der Merkmale „hyperkinetisches- und sozialgestörtes Verhalten in der Kindheit/Adoleszenz“ ausgewertet werden.

Hierbei werden die unterschiedlichen Subgruppen betrachtet und die Einflüsse der Fragebogendaten aus WURS und SKID-II mittels Regressionsanalysen untersucht.

5.6.1  Häufigkeiten des regelmäßigen Drogenkonsums

↓165

In Tabelle 23 sind die Angaben der Suchtpatienten bezüglich der von ihnen alltäglich eingenommenen Suchtstoffe dargestellt. Zum Vergleich wurden ebenfalls die Ergebnisse der Urinanalysen aufgeführt.

Tabelle 23: Regelmäßiger Drogenkonsum der Suchtpopulation (n = 49)

Substanz

Interviewergebnis

Nachweis im Urin

Opiate (Heroin) / Anzahl (%)

44 (89,8%)

44 (89,8%)

Kokain / Anzahl (%)

17 (34,7%)

12 (24,5%)

Methadon7 / Anzahl (%)

25 (51,0%)

30 (61,2%)

Benzodiazepine / Anzahl (%)

18 (36,7%)

26 (53,1%)

Amphetamine / Anzahl (%)

1 (2,0%)

0

Cannabis / Anzahl (%)

21 (42,9%)

23 (46,9%)

Halluzinogene / Anzahl (%)

2 (4,2%)

nicht untersucht

Nikotin / Anzahl (%)

46 (93,9%)

nicht untersucht

Alkohol / Anzahl (%)

12 (24,5%)

nicht untersucht

Neben Nikotin mit 94% wird Heroin von den Befragten in fast 90% der Fälle mit Abstand am häufigsten konsumiert und stellt somit wie erwartet den bedeutendsten illegalen Suchtstoff dar. Methadon, Cannabis, Benzodiazepine, Kokain und Alkohol werden in absteigender Reihenfolge weniger regelmäßig konsumiert. Halluzinogene und Amphetamine spielen in diesem Zusammenhang nur eine untergeordnete Rolle.

↓166

Die teilweise offensichtlichen Diskrepanzen zwischen den erfragten und im Urin gemessenen Substanzen (z.B. Benzodiazepine) lassen sich auf die unterschiedliche Pharmakokinetik der Drogen zurückführen. Kokain und Amphetamine werden sehr rasch metabolisiert und lassen sich innerhalb von Stunden bis Tagen nicht mehr im Urin nachweisen. Es verwundert somit nicht, dass weniger Urinproben positiv ausfielen als nach den Interviewergebnissen zu vermuten war. Umgekehrt sind Substanzen wie Methadon bis zu 10 Tage nach Einnahme sowie Benzodiazepine und Cannabis sogar noch nach Wochen im Urin nachweisbar. In diesen Fällen liegen vereinzelt positive Urinbefunde vor, obwohl der regelmäßige Konsum verneint wurde.

Überdies werden den auf der „Drogenszene“ verkauften Opiaten häufig Benzodiazepine beigemischt, wodurch sich insbesondere der Unterschied zwischen erfragtem und gemessenem Benzodiazepinkonsum erklären lässt.

Insgesamt gesehen scheinen die Angaben zum alltäglichen Drogenkonsum den tatsächlichen Prävalenzen zu entsprechen. Dies deckt sich mit dem klinischen Eindruck, dass die Patienten in der Regel wahrheitsgemäße Aussagen machen.

5.6.1.1  Subgruppenvergleich

↓167

Da nahezu alle Suchtpatienten Nikotin und Heroin zu sich nehmen und weniger als 5% der Drogenabhängigen Amphetamine oder Halluzinogene konsumieren, konnte bezüglich dieser vier Substanzklassen erwartungsgemäß kein bedeutsamer Subgruppenunterschied gefunden werden.

Auch für die restlichen Suchtstoffe waren keine signifikanten Häufigkeitsverteilungen der Untergruppen mittels Chi-Quadrat Test zu ermitteln. Rein deskriptiv ist jedoch erwähnenswert, dass die Subgruppe „ADHS & sozialgestörtes Verhalten“ im Gegensatz zu den übrigen Teilgruppen für fast alle Substanzen, mit Ausnahme des Alkohols, mehr Fälle von regelmäßigem Konsum aufwies als erwartet (siehe Tabelle 24).

Tabelle 24: Anzahl und erwartete Anzahl der bestätigten regelmäßigen Drogeneinnahme (Spitzenwerte wurden hervorgehoben)

Subgruppen

Kokain

Methadon

Benzo diazepine

Cannabis

Alkohol

ADHS & SGV / Anzahl

Erwartete Anzahl

7

4,5

9

6,6

7

4,8

7

5,6

3

3,2

ADHS / Anzahl

Erwartete Anzahl

2

2,4

2

3,6

3

2,6

3

3,0

1

1,7

SGV / Anzahl

Erwartete Anzahl

1

4,5

6

6,6

4

4,8

5

5,6

3

3,2

ohne Komorbidität / Anzahl

Erwartete Anzahl

7

5,6

8

8,2

4

5,9

6

6,9

5

3,9

Gesamt / Anzahl

% der Gesamtzahl

17

34,7%

25

51,0%

18

36,7%

21

42,9%

12

24,5%

↓168

Aufgrund der teilweise nur geringen Probandenzahlen innerhalb der einzelnen Untergruppen ist die statistische Aussagekraft der Analysen begrenzt. Es verwundert daher nicht, dass innerhalb der Subgruppenberechnungen keine signifikanten Ergebnisse beobachtet werden konnten. Die observierten Trends ließen sich eventuell durch größere Teilnehmerzahlen bestätigen.

5.6.1.2  Regressionsanalyse

Berechnungen im Hinblick auf mögliche Präferenzen bei der Substanzauswahl ergaben für die beiden unabhängigen Variablen „WURS-Cutoff erfüllt/nicht erfüllt“ und „Störung des Sozialverhaltens erfüllt/nicht erfüllt“ keine signifikanten Resultate.

Hypothese 8, die besagt, dass drogenabhängige Patienten mit hyperkinetischem Verhalten im Vergleich zu Suchtpatienten ohne hyperkinetisches Verhalten spezielle Präferenzen bei der Substanzwahl haben, konnte nicht bestätigt werden.

5.6.2 Alter bei Erstkonsum

↓169

Hier wurde gefragt, wann der Proband eine bestimmte Substanz zum ersten Mal einnahm. Da politoxikomane Patienten im Laufe ihrer „Drogenkarriere“ eine große Anzahl von Suchtmitteln ausprobieren, ist die Summe der in die Analysen eingehenden Fälle größer als in den vorherigen Berechnungen.

5.6.2.1  Verteilungsform

Zunächst wurden die Altersangaben zum Erstkonsum mittels KSA-Test auf Erfüllung der Normalverteilungsannahme überprüft. Wie Tabelle 25 zeigt gab es keine signifikanten Abweichungen von der Normalität, so dass für die nachfolgenden Analysen parametrische Verfahren eingesetzt werden können.

Tabelle 25: KSA-Test zum Alter bei Erstkonsum ausgewählter Substanzen (in Jahren)

n

Parameter der Normalverteilung

Mittelwert (Standardabweichung)

Kolmogorov-Smirnov-Z

Asymptotische Signifikanz
(2-seitig)

Heroin

47

20,6 (5,2)

1.0

.230

Kokain

45

21,2 (5,7)

1.2

.101

Methadon

44

27,4 (8,6)

0.5

.981

Benzodiazepine

35

24,0 (7,9)

1.0

.201

Amphetamine

32

19,9 (5,6)

1.1

.152

Cannabis

44

15,6 (2,4)

1.1

.148

Halluzinogene

39

18,6 (4,8)

1.3

.051

Nikotin

48

13,6 (2,9)

1.1

.180

Alkohol

37

13,2 (2,8)

1.0

.242

5.6.2.2  Subgruppenvergleich

↓170

Anhand der Prozedur „einfaktorielle ANOVA“ sollen die mittleren Einstiegsalter der Subgruppen für jede Substanzklasse auf Unterschied geprüft werden. Dieses Verfahren stellt eine Erweiterung des t-Tests dar für den Fall, dass mehr als zwei Stichproben zu vergleichen sind und überprüft mittels einfaktorieller Varianzanalyse die Hypothese, ob Mittelwertgleichheit besteht. Anschließend kann mit Post-Hoc-Spannweiten-Tests (Scheffé-Prozedur) festgestellt werden, welche Mittelwerte signifikant voneinander abweichen (Bortz & Döring 2002, S. 530f).

In Tabelle 26 sind die einzelnen Mittelwerte für jeden Suchtstoff dargestellt. Es wird deutlich, dass die Subgruppe „ADHS & SGV“ in der Mehrzahl der Fälle das jüngste Alter beim Erstkonsum aufweist. Davon ausgenommen sind lediglich Heroin, Alkohol und Tabak, die schon sehr früh von „nur Sozialgestörten“ konsumiert wurden.

Tabelle 26: Mittleres Alter bei Erstkonsum in Jahren und Subgruppenumfang (die frühesten Erstkonsumalter wurden hervorgehoben)

ADHS & SGV

ADHS

SGV

ohne Komorbidität

 

Heroin

21.3 (11)

21.1 (7)

20.0 (13)

20.4 (16)

20.6 (47)

Kokain

19.3 (11)

20.7 (7)

21.8 (11)

22.1 (16)

21.2 (45)

Methadon

23.6 (10)

28.5 (6)

26.6 (13)

30.2 (15)

27.4 (44)

Benzodiazepine

22.0 (10)

28.2 (6)

24.3 (11)

23.2 (8)

24.0 (35)

Amphetamine

16.8 (7)

22.2 (7)

18.8 (7)

21.1 (11)

19.9 (32)

Cannabis

14.3 (10)

16.6 (7)

15.5 (12)

16.3 (15)

15.6 (44)

Halluzinogene

15.7 (9)

20.0 (6)

19.2 (8)

19.4 (16)

18.6 (39)

Nikotin

12.2 (13)

14.4 (7)

11.8 (13)

16.1 (15)

13.6 (48)

Alkohol

12.7 (8)

12.6 (5)

12.4 (10)

14.3 (14)

13.2 (37)

↓171

Abgesehen von diesem rein deskriptiven Ergebnis, konnte nur im Fall des Nikotin-Erstkonsums eine statistisch signifikante Altersdifferenz zwischen den Subgruppen nachgewiesen werden (df = 3; F = 10.8; p = .000**). Die Post-Hoc-Tests zeigten bedeutsame Unterschiede zwischen den Subgruppen „SGV“ versus „ohne Komorbidität“ (p = .000**) sowie „ADHS & SGV“ versus „ohne Komorbidität“ (p = .001**). Abbildung 18 verdeutlicht diesen Umstand.

Abbildung 18: Nach Subgruppen getrenntes mittleres Alter bei Nikotin-Erstkonsum

5.6.2.3  Regressionsanalyse

Die lineare Regression bezüglich des „Erstkonsumalters“ erbrachte ein signifikantes Ergebnis für den positiven Zusammenhang zwischen frühzeitiger Nikotineinnahme und der Variable „Störung des Sozialverhaltens erfüllt/nicht erfüllt“. Im Gegensatz dazu ließ sich für die Variable „WURS-Cutoff erfüllt/nicht erfüllt“ keine bedeutsame Verbindung nachweisen, wie Tabelle 27 zeigt.

↓172

Tabelle 27: Lineare Regression bezüglich des Merkmals „Nikotin-Erstkonsum“

 

Regressions koeffizient (b)

SD

df

T

Signifikanz

Korrigiertes R-Quadrat

WURS-Cutoff

erfüllt/nicht erfüllt

-.50

.68

2

-.73

.467

_

Störung des Sozialverhaltens erfüllt/nicht erfüllt

-3.46

.67

2

-5.13

.000**

36,7%

Der negative Regressionskoeffizient (b = -3.46) belegt, dass eine Störung des Sozialverhaltens überdurchschnittlich häufig ein frühes Erstkonsum-Alter für Nikotin vorhersagt. Insgesamt beträgt der Vorhersagewert des Modells 36,7% (p = .000**).

Demnach scheint ein früher Nikotin-Erstkonsum eher mit einer komorbiden Störung des Sozialverhaltens und weniger mit einem ADHS-Verhalten assoziiert zu sein. Für alle weiteren Suchtstoffe ließen sich keine signifikanten Vorhersagewerte nachweisen.

↓173

Hypothese 7.1, die besagt, dass hyperkinetisches Verhalten in der Kindheit unabhängig von der Störung des Sozialverhaltens zu einem früheren Drogeneinstiegsalter führt, bestätigt sich nicht.

Hypothese 9.1, derzufolge drogenabhängige Patienten mit sowohl hyperkinetischem als auch sozialgestörtem Verhalten ein früheres Drogeneinstiegsalter haben als Suchtpatienten ohne Komorbidität, scheint hinsichtlich des Suchtstoffes Nikotin zuzutreffen.

5.6.3 Aktuelle Einnahmemenge

Die zuverlässige Quantifizierung der eingenommenen Substanzmengen erwies sich als äußerst schwierig. Maßangaben wie „eine Kugel“ Heroin oder Kokain sind sehr ungenau und können nicht ohne weiteres in Einheiten wie Milligramm transformiert werden. Zudem variiert die Reinheit der auf dem Markt angebotenen Substanzen erheblich, so dass nicht sicher abzuschätzen ist, wie sich die gehandelten Drogen letztendlich zusammensetzen.

↓174

Als genereller Indikator für die Quantität des Drogenkonsums bietet sich jedoch die stationär verabreichte Methadonmenge an. Eine erfahrene Suchtärztin ermittelt im Aufnahmegespräch die bislang eingenommenen Substanzdosen und stellt die Patienten dementsprechend auf Methadon ein. Dabei spiegelt die erste Methadondosis eine „Umrechnung“ des aktuellen Drogenkonsums auf die Einzelsubstanz Methadon wider. Erst in den darauffolgenden Tagen wird mit der Abdosierung begonnen.

Anhand dieser Anfangsdosis sollen die Einnahmemengen innerhalb der Gruppe politoxikomaner Patienten verglichen werden.

5.6.3.1  Verteilungsform

Die Überprüfung der Methadondosen auf Normalverteilung mittels KSA-Test ergab keine Verletzung der geforderten Normalverteilungsannahme, so dass parametrische Verfahren für die nachfolgenden Analysen eingesetzt wurden (Mittelwert = 45.3; SD = 21.2; KSZ = 0.8; p = .456).

5.6.3.2  Subgruppenvergleich

↓175

Die „einfaktorielle ANOVA“ zeigte hinsichtlich der Einnahmemengen einen signifikanten Unterschied zwischen den Subgruppen (df = 3; F = 5.9; p = .002**). Anhand der Post-Hoc-Tests wird deutlich, dass die Subgruppe „ADHS & SGV“ im Vergleich zu den drei anderen Untergruppen mit durchschnittlich 65,4 mg beinahe die doppelte Dosis an Methadon verabreicht bekam. Demgegenüber differierten die mittleren Einnahmemengen der Gruppen „ADHS“, „SGV“ und „ohne Komorbidität“ nur um ein Milligramm (siehe Tabelle 28).

Tabelle 28: Verabreichte Methadondosen (mg) im Vergleich (ngesamt = 44)

ADHS & SGV

n = 11

ADHS

n = 6

SGV

n = 13

ohne

Komorbidität

n = 14

Mittelwert

SD

65.4

18.7

38.3

20.8

38.1

11.3

39.3

21.7

Post-Hoc-

Spannweiten-

Tests

ADHS & sozialgestörtes Verhalten / ADHS (N = 17): p = .050*

ADHS & sozialgestörtes Verhalten / SGV (N = 24): p = .009**

ADHS & SGV / ohne Komorbidität (N = 25): p = .011*

5.6.3.3  Regressionsanalyse

Im Rahmen der linearen Regressionsberechnung ließ sich ein Mehrkonsum von Methadon in 16,7% der Fälle durch die unabhängige Variable „WURS-Cutoff erfüllt/nicht erfüllt“ vorhersagen. Die Variable „Störung des Sozialverhaltens erfüllt/nicht erfüllt“ hatte in diesem Zusammenhang keinen bedeutsamen Effekt (sieheTabelle 29).

↓176

Tabelle 29: Lineare Regression in Bezug auf die verabreichten Methadondosen

 

Regressions koeffizient (b)

SD

df

T

Signifikanz

Korrigiertes R-Quadrat

WURS-Cutoff

erfüllt/nicht erfüllt

15.66

6.07

2

2.5

.014*

16,7%

Störung des Sozialverhaltens erfüllt/nicht erfüllt

9.14

5.93

2

1.5

.131

-

Aus diesen Resultaten lässt sich ableiten, dass vor allem ein ehemals hyperaktives Verhalten mit einem Mehrkonsum an illegalen Drogen assoziiert scheint, auch wenn ein R-Quadrat von 16,7% insgesamt als schwacher Prädiktor einzuschätzen ist. Eine frühere Sozialverhaltensstörung alleine trägt nicht zu diesem Effekt bei.

Interessanterweise scheint eine gemeinsame Komorbidität der Krankheitsbilder ADHS & sozialgestörtes Verhalten besonders häufig mit einer exzessiven Einnahme illegaler Drogen verbunden zu sein, wie aus den Subgruppenberechnungen zu ersehen ist.

5.6.3.4  Tabakkonsum

↓177

Neben dem Methadon konnte auch die Menge an täglich gerauchten Zigaretten mit zufriedenstellender Genauigkeit erfasst werden.

Da die Normalverteilungsannahme im Fall der konsumierten Zigaretten verletzt wurde, kamen verteilungsfreie Verfahren zur Anwendung (Mittelwert = 24.7; SD = 12.1; KSZ = 2.0; p = .000**).

Im Median lag die Anzahl der pro Tag gerauchten Zigaretten in allen Subgruppen bei 20, so dass keine signifikanten Gruppendifferenzen aufgezeigt werden konnten. Gleiches gilt auch für die durchgeführten linearen Regressionsanalysen, in denen weder die WURS- noch die SKID-II Fragebogenergebnisse einen Mehrkonsum von Tabak voraussagten.

↓178

Hypothese 7.2, derzufolge ein hyperkinetisches Verhalten in der Kindheit unabhängig von der Störung des Sozialverhaltens zu einem exzessiveren Drogenkonsum führt, scheint sich zu bestätigen.

Auch Hypothese 9.2 scheint zuzutreffen, die postuliert, dass drogenabhängige Patienten mit ehemals hyperkinetischem und sozialgestörtem Verhalten einen exzessiveren Drogenkonsum im Vergleich zu Suchtpatienten mit nur einer oder ohne Komorbidität aufweisen.

Die Ergebnisse sollen in Abschnitt 6.2.9 eingehender diskutiert werden.

5.7 Conners’ Adult ADHD Rating Scale (CAARS)

↓179

Anhand der CAARS sollen Hinweise auf gegenwärtige hyperkinetische Symptome der Studienteilnehmer gewonnen werden. Die Auswertung erfolgt wie unter Punkt 4.3.5 beschrieben anhand der ermittelten T-Werte aus den einzelnen Subskalen.

Da ein Patient aus der Abhängigengruppe den Fragebogen nicht komplett ausfüllte, standen für die anschließenden Berechnungen 48 Suchtprobanden und 40 Kontrollprobanden zur Verfügung (ngesamt = 88).

5.7.1  Verteilungsform

Um zu überprüfen, ob die ermittelten T-Werte der CAARS einer Normalverteilung entsprechen, kam erneut der KSA-Test zur Anwendung (siehe Tab. 30).

↓180

Aufgrund der nicht durchgängig bei allen Skalen erfüllten Normalverteilungsvoraussetzung wurden non-parametrische Verfahren für die folgenden Untersuchungen eingesetzt.

Tabelle 30: Kolmogorov-Smirnov-Test zur Überprüfung der CAARS Subskalen

n

Parameter der Normalverteilung

Mittelwert (Standardabweichung)

Kolmogorov-Smirnov-Z

Asymptotische Signifikanz
(2-seitig)

Unaufmerksamkeit

88

50,1 (9,4)

0.9

.337

Hyperaktivität

88

47,7 (9,2)

1.2

.101

Impulsivität

88

49,9 (9,6)

1.5

.014*

Unsicherheit

88

51,4 (9,3)

0.7

.643

DSM-IV Unaufmerksamkeit

88

52,2 (10,6)

0.9

.343

DSM-IV Hyperaktivität / Impulsivität

88

49,1 (12,2)

0.9

.376

DSM-IV gesamt ADHS- Symptome

88

51,8 (11,7)

0.8

.576

5.7.2 Conners’ Adult ADHD Rating Scale im Gruppenvergleich

Durch die vorherige Transformation der CAARS-Ergebnisse in standardisierte T-Werte können Skalen mit unterschiedlichen Zusammensetzungen und Summenwerten miteinander verglichen werden, ohne dass deren ursprüngliche Rohwerteverteilung verändert wird (Conners 1999). Laut CAARS Richtlinien kann dabei erst ab einem T-Score > 70 auf eine klinisch bedeutsame Auffälligkeit geschlossen werden.

↓181

Anhand des U-Test nach Mann und Whitney wird im Folgenden überprüft, ob sich die T-Werte von Index- und Kontrollgruppe hinsichtlich ihrer Mediane voneinander unterscheiden. Wie Tab. 31 zeigt, ergab der U-Test beim Medianvergleich für alle sieben Subskalen signifikante Ergebnisse.

Tabelle 31: Vergleich von mittleren T-Werten der CAARS8

Suchtgruppe

n = 48

Kontrollgruppe

n = 40

Unaufmerksamkeit

U-Test nach Mann & Whitney: p = .000**

M = 52,5

SD = 9,4

n (T > 70) = 4

M = 44,0

SD = 7,2

n (T > 70) = 1

Hyperaktivität

U-Test nach Mann & Whitney: p = .001*

M = 50,0

SD = 9,7

n (T > 70) = 3

M = 44,0

SD = 7,3

n (T > 70) = 0

Impulsivität

U-Test nach Mann & Whitney: p = .000**

M = 52,0

SD = 10,1

n (T > 70) = 4

M = 46,0

SD = 6,8

n (T > 70) = 0

Unsicherheit

U-Test nach Mann & Whitney: p = .000**

M = 56,0

SD = 8,8

n (T > 70) = 1

M = 45,5

SD = 7,2

n (T > 70) = 0

DSM-IV Unaufmerksamkeit

U-Test nach Mann & Whitney: p = .002*

M = 56,0

SD = 10,7

n (T > 70) = 5

M = 47,0

SD = 9,2

n (T > 70) = 1

DSM-IV Hyperaktivität/Impulsivität

U-Test nach Mann & Whitney: p = .010*

M = 50,0

SD = 12,0

n (T > 70) = 4

M = 45,0

SD = 11,4

n (T > 70) = 0

DSM-IV gesamt ADHS-Symptome

U-Test nach Mann & Whitney: p = .002*

M = 54,0

SD = 11,9

n (T > 70) = 8

M = 46,0

SD = 10,0

n (T > 70) = 1

Dabei überschritt keiner der T-Scores im Mittel den Cutoff-Wert von 70. Demnach berichten Suchtpatienten auf allen sieben Subskalenebenen über deutlich ausgeprägtere aktuelle ADHS-Symptome als die Kontrollgruppe. Folglich wurde von den Drogenabhängigen auch das Cutoff-Kriterium (T > 70) häufiger erfüllt.

↓182

Abbildung 19 gibt den signifikanten Zusammenhang am Beispiel der Subskala „DSM-IV gesamt ADHS-Symptome“ wieder:

Abbildung 19: T-Werte der CAARS im Gruppenvergleich

Geht man davon aus, dass die Subskala „DSM-IV gesamt ADHS-Symptome“ gegenwärtige ADHS-Symptome in ihrer Gesamtheit am besten widerspiegelt, muss zum Untersuchungszeitpunkt bei mindestens acht Suchtpatienten und einem Kontrollproband mit hyperkinetischen Verhaltensweisen gerechnet werden. Dies entspricht einer ADHS-Prävalenz von 16,7% in der Kriteriumsgruppe im Gegensatz zu 2,5% in der Vergleichspopulation.

↓183

Um zu prüfen, ob der beobachtete Unterschied von 14,2% statistisch signifikant ist, wird erneut das exakte Verfahren nach Fisher und Yates eingesetzt, da die Voraussetzungen zur Durchführung eines Chi-Quadrat-Tests nicht gegeben sind (2 Zellen mit erwarteter Häufigkeit < 5; siehe Tabelle 32):

Tabelle 32: Kreuztabelle „DSM-IV gesamt ADHS-Symptome“ vorhanden/nicht vorhanden

 

Sucht

Kontrolle

Gesamt %

vorhanden / Anzahl

Erwartete Anzahl

8

4,9

1

4,1

9

10,2%

nicht vorhanden / Anzahl

Erwartete Anzahl

40

43,1

39

35,9

79

89,8%

gesamt / Anzahl

% der Gesamtzahl

48

54,5%

40

45,5%

88

100%

Die Analyse ergab ein signifikantes Ergebnis von p = .036*. Dies weist zusammen mit den U-Test Resultaten darauf hin, dass politoxikomane Patienten auch im Erwachsenenalter deutlich häufiger über ADHS-Symptome berichten als die Kontrollprobanden.

↓184

Hypothese 5, derzufolge bei drogenabhängigen Patienten im Vergleich zu Kontrollprobanden die gegenwärtige Prävalenz von hyperkinetischem Verhalten erhöht ist, wurde unter Berücksichtigung der CAARS Ergebnisse bestätigt.

5.7.3 Überprüfung des Zusammenhangs zwischen hyperaktivem Verhalten in der CAARS und im Radar-Aktometer

Analog zu vorherigen Korrelationsberechnungen im Rahmen der WURS-Analyse, soll an dieser Stelle untersucht werden, ob die Selbstbeurteilungen der Suchtpatienten bezüglich ihres hyperkinetischen Verhaltens mit den objektiven Messungen des Radar-Aktometers übereinstimmen.

Um die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Subskalen und den registrierten Aktometerimpulsen zu überprüfen, wurden erneut bivariate Korrelationen nach Spearman (rs) berechnet. Dies erfolgte wiederum als stratifizierte Analyse für die Gruppe der Drogenabhängigen getrennt (ngesamt = 48), da sonst zu hohe Korrelationen geschätzt würden (wie im Rahmen der WURS-Analysen nachgewiesen werden konnte).

↓185

Tabelle 33: Korrelationen nach Spearman zwischen CAARS Subskalen und Aktometerimpulsen

 

Gesamtaktometerimpulse

Unaufmerksamkeit / Gedächtnisprobleme

rs = .116; p = .431

Hyperaktivität / Ruhelosigkeit

rs = .287; p = .048*

Impulsivität / emotionale Labilität

rs = .067; p = .649

Unsicherheit /mangelndes Selbstbewußtsein

rs = -.101; p = .496

DSM-IV Unaufmerksamkeit

rs = .154; p = .295

DSM-IV Hyperaktivität / Impulsivität

rs = .349; p = .015*

DSM-IV gesamt ADHS-Symptome

rs = .336; p = .020*

Laut Tabelle 33, ergaben sich signifikante Ergebnisse für den positiven Zusammenhang zwischen der im Aktometer gemessenen motorischen Aktivität und den beiden Hyperaktivitätssubskalen der CAARS. Das positive Ergebnis der Skala „DSM-IV gesamt ADHS-Symptome“ spiegelt die dort einfließenden Information der Skala „DSM-IV Hyperaktivität“ wider.

Alle weiteren Vergleiche blieben ohne signifikantes Resultat. In Abbildung 20 ist der positive Zusammenhang am Beispiel der Subskala „DSM-IV Hyperaktivität/Impulsivität“ dargestellt. Ein hoher mittlerer T-Wert geht ebenfalls mit einer hohen Gesamtimpulszahl im Radar-Aktometer einher. Dem gegenübergestellt sind auch die Resultate der 40 Kontrollprobanden.

↓186

Abbildung 20: Positiver Zusammenhang zwischen der Subskala „DSM-IV Hyperaktivität/ Impulsivität“ und Gesamtaktometerimpulsen (nach Gruppen getrennt)

Wie zuvor beobachtet sind die Aktometerwerte der Kontrollprobanden so niedrig, dass es zu Floor-Effekten kommt. Valide Aussagen bezüglich der Kontrollgruppe können somit nicht getroffen werden (r = -.004; p = .980; R-Quadrat = .01).

Innerhalb der Suchtpopulation hingegen werden ca. 12,6% der Varianz durch den Zusammenhang zwischen Aktometerimpulsen und der Subskala „Hyperaktivität/ Impulsivität“ erklärt (r = .349; p = .015*; R-Quadrat = .126).

↓187

Die Gesamtheit der Ergebnisse betrachtend lässt sich ableiten, dass die subjektiven Einschätzungen der Drogenabhängigen in Bezug auf ihre gegenwärtige motorische Unruhe, signifikant positiv mit den apparativen Untersuchungsergebnissen korrelieren.

Hypothese 2, die besagt, dass drogenabhängige Patienten mit hyperkinetischem Verhalten in der Radaraktometermessung eine höhere motorische Aktivität zeigen als Suchtpatienten ohne hyperkinetisches Verhalten, bestätigt sich auch hinsichtlich der gegenwärtigen Symptome.

5.7.4 Überprüfung des Zusammenhangs zwischen hyperaktivem Verhalten in der CAARS und im Continuous Performance Test

Zur Untersuchung des Zusammenhangs zwischen den in der CAARS erfragten gegenwärtigen ADHS Symptomen und den im CPT ermittelten Daten wurden innerhalb der Suchtpopulation erneut die entsprechenden Rangkorrelationen nach Spearman berechnet. Die Analyse der CPT-Werte erfolgte getrennt nach den erhobenen Merkmalen „omission errors“, „commission errors“ und Reaktionszeiten.

5.7.4.1  Omission errors

↓188

In keiner der überprüften CAARS-Subskalen ergab sich ein signifikant positiver Zusammenhang in Bezug auf die Anzahl der begangenen „omission errors“. Aus zuvor durchgeführten Analysen (vgl. Abschnitt 5.2.1) ist bekannt, dass die Experimentalgruppe deutlich mehr „omission errors“ während der Untersuchung machte als die Kontrollprobanden und ebenfalls höhere CAARS Subskalenwerte für Unaufmerksamkeit aufwies. Dennoch korreliert die Menge der im CPT begangenen „Aufmerksamkeitsfehler“ anscheinend nicht mit den erfragten subjektiven Unaufmerksamkeitssymptomen der CAARS.

5.7.4.2  Commission errors

Bei Vergleich der „commission errors“ zeigten sich wiederum keine signifikant positiven Zusammenhänge in Verbindung mit den CAARS-Subskalen. Lediglich für die Subskala „Unsicherheit/mangelndes Selbstbewußtsein“ konnte eine signifikant negative Korrelation in Verbindung mit den begangenen „commission errors“ gefunden werden (r = -.317; p = .028). Dies kann einerseits bedeuten, dass Probanden, die sich selber als unsicher einschätzen, während des Testverlaufs weniger impulsiv sind. Andererseits kann es sich hierbei jedoch auch um einen zufälligen Befund handeln.

Hypothesen 3 und 4, denen zufolge drogenabhängige Patienten mit hyperkinetischem Verhalten häufiger aufmerksamkeitsgestörtes oder impulsives Verhalten im CPT zeigen als Suchtpatienten ohne hyperkinetisches Verhalten, konnten auch hinsichtlich der gegenwärtigen Symptome nicht bestätigt werden.

5.7.4.3  Reaktionszeiten

↓189

Bei Vergleich der aufgezeichneten mittleren Antwortlatenzen ergaben sich in keiner der sieben CAARS Subskalen signifikant positive oder negative Korrelationen. Demnach scheinen die Ausprägungsgrade der erfragten ADHS Verhaltensweisen laut CAARS keinen Einfluss auf die Reaktionszeiten der Studienteilnehmer im CPT zu haben.

5.8 DIA-X

Im Rahmen des DIA-X Interviews wurden für Sucht- und Kontrollgruppe die lebenszeitbezogenen Prävalenzen folgender Psychopathologien bestimmt: Phobien/ Angststörungen, Depression/Dysthymie, Manie und psychotische Störungen. Die genannten Diagnosen wurden anhand des DIA-X Auswertungsprogramms nach ICD-10 bzw. DSM-IV Kriterien erstellt und sind nicht mit klinisch ermittelten Diagnosen gleichzusetzen. Tabelle 34 fasst die errechneten Häufigkeiten von Experimental- und Vergleichsgruppe mit entsprechendem Chi-Quadrat-Test (bzw. Fisher & Yates Test) Ergebnis zusammen.

Tabelle 34: Prävalenzen der Psychopathologien von Sucht- und Kontrollgruppe im Vergleich

Sucht

(n = 41) 9

Kontrolle

(n = 40)

Gesamt

(n = 81)

Signifikanz

(2-seitig)

Phobien/Angststörung (Anzahl)

% der Gesamtzahl

18

43,9%

8

20,0%

26

32,1%

.021*

Depression/Dysthymie (Anzahl)

% der Gesamtzahl

17

41,5%

9

22,5%

26

32,1%

.068

manische Episode (Anzahl)

% der Gesamtzahl

4

9,8%

0

4

4,9%

.116

mögliche psychotische (Anzahl)

Störung % der Gesamtzahl

4

9,8%

1

2,5%

5

6,2%

.359

↓190

Auch wenn alle vier untersuchten psychischen Störungen vermehrt unter den politoxikomanen Patienten auftraten war die Differenz im Vergleich zur Kontrolle nur hinsichtlich der Angsterkrankungen statistisch signifikant.

Die festgestellten Prävalenzen liegen nur leicht über denen, die im Rahmen vergleichbarer Studien erhoben wurden. Krausz et al. (1998) ermittelten in einer Untersuchung an 350 Opiatabhängigen Häufigkeiten von 43% Angststörungen, 32% Depressionen/Dysthymie, 2% Manie und 5% psychotischen Störungen. Auf ähnliche Werte kamen auch Schubiner et al. (2000), die bei 201 politoxikomanen Patienten in Suchtbehandlung in 42% der Fälle eine depressive Störung und in 31% eine Angststörung nachwiesen.

Innerhalb der Kontrollgruppe entsprechen die Werte ebenfalls einer für die „Normalbevölkerung“ angenommenen Verteilung. Kessler et al. (1994) ermittelten an einer 8098 US-Bürger umfassenden epidemiologischen Studie mit dem gleichen Erhebungsinstrument (CIDI/Dia-x) lebenszeitbezogene Prävalenzen von 24,9% Angststörungen, 19,3% depressiven Störungen und 0,7% möglichen psychotischen Störungen.

↓191

In Bezug auf die hoch erscheinenden Störungsprävalenzen ist zu beachten, dass zur Diagnosevergabe Forschungskriterien zum Einsatz kamen. Dadurch wurden beispielsweise auch einmalige Panikattacken oder einzelne ausgeprägte depressive Episoden als lebenszeitbezogene Diagnosen kodiert. Es ist durchaus denkbar, dass im Rahmen von klinischen Beurteilungen weniger Diagnosen vergeben worden wären.

5.8.1 Einfluss von psychiatrischen Störungsbildern auf die Höhe der WURS-Summenscores

Im Folgenden soll überprüft werden, ob die Höhe der unterschiedlichen WURS- Summenscores mit dem Vorhandensein einzelner Psychopathologien zusammenhängt. Dabei interessiert vor allem die Frage, ob mittels Wender Utah Rating Scale neben hyperkinetischen Verhaltensweisen möglicherweise auch ehemalige Symptome von Angst- oder depressiven Störungen erfasst werden (McCann 2000; Stein 1995).

Aus den bisherigen Analysen ist bekannt, dass Suchtpatienten sowohl höhere Prävalenzen an psychiatrischen Störungen als auch höhere WURS-Summenscores aufweisen als die Kontrollgruppe. Folglich scheint ein möglicher Zusammenhang zwischen WURS-Summenscore und psychiatrischer Komorbidität ebenfalls von der Gruppenzugehörigkeit der Teilnehmer (Sucht- oder Kontrollgruppe) beeinflusst zu werden.

↓192

Um für diesen Faktor zu kontrollieren, soll anstatt einer einfachen bivariaten Korrelation die erweiterte Partialkorrelation berechnet werden (Bortz 1999, Kap. 13.1). Diese überprüft, ob zwischen zwei Merkmalen X und Y auch dann ein Zusammenhang besteht, wenn der Einfluss einer dritten Variablen Z ausgeschaltet wird. Den Vorgang der „Bereinigung“ der Merkmale X und Y um diejenigen Anteile, die auf eine Kontrollvariable Z zurückgehen, bezeichnet man als Herauspartialisieren von Z (Bortz & Döring 2002, S. 511f).

Nach „Ausschalten“ der Kontrollvariablen ergab sich kein signifikanter Zusammenhang zwischen der Höhe des WURS 6-Item Summenscores und den ausgewählten Psychopathologien. Im Gegensatz dazu war ein hoher WURS 25-Item Summenscore sowohl mit dem Vorhandensein einer depressiven Störung als auch mit einer Angsterkrankung (siehe Tabelle 35) assoziiert.

Tabelle 35: Partialkorrelationen zwischen WURS-Summenscores und ausgewählten Psychopathologien (n = 89)

WURS 6-Item Summenscore

WURS 25-Item Summenscore

Phobien/Angststörung

r = .133; p = .239

r = .221; p = .049*

Depression/Dysthymie

r = .076; p = .502

r = .259; p = .020*

manische Episode

r = .051; p = .650

r = -.008; p = .943

mögliche psychotische Störung

r = .096; p = .396

r = .182; p = .106

↓193

Im Fall manischer oder psychotischer Störungen wies keine der beiden untersuchten Wender Skalen einen bedeutsamen Zusammenhang auf, und es kann davon ausgegangen werden, dass ein hoher WURS-Summenscore nicht mit einer komorbiden manischen- oder psychotischen Erkrankung assoziiert ist.

Die beobachteten Effekte decken sich mit den Hinweisen aus der Literatur, wonach ein hoher WURS 25-Item Summenscore anscheinend nicht nur auf ein mögliches hyperkinetisches Verhalten, sondern auch auf eine mögliche Depression oder Angststörung hinweisen kann.

Für den neu eingeführten WURS 6-Item Summenscore ließ sich keine derartige Assoziation nachweisen.

↓194

Abschließend lässt sich festhalten, dass die hier gezeigten Resultate für den Einsatz der neuen 6-Item Version der Wender Utah Rating Scale, anstatt der 25-Item Version sprechen und das methodische Vorgehen dieser Arbeit bestätigen.


Fußnoten und Endnoten

4  Begangene „commission/omission errors“ im Verlauf der CPT-Untersuchung.

5  Durchschnittliche Antwortlatenzen während der CPT-Durchführung.

6  Gesamtimpulse aus der Radar-Aktometermessung.

7  Die Angaben beziehen sich nicht auf das stationär verabreichte, sondern auf das vor Aufnahme konsumierte Methadon (legal oder illegal).

8  M = Median; SD = Standardabweichung; n (T > 70) = Anzahl der Probanden mit T > 70

9  8 Suchtpatienten brachen die stationäre Behandlung ab, bevor das zeitlich aufwendige DIA-X Interview durchgeführt werden konnte. Damit stehen 41 Drogenabhängige und 40 Kontrollprobanden für die nachfolgenden Analysen zur Verfügung.



© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 4.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
06.09.2006