6 Diskussion

↓194

Zunächst soll eine kurze Stellungnahme zum methodischen Vorgehen im Rahmen der Arbeit erfolgen. Anschließend werden die Ergebnisse der Hypothesenprüfung im Detail diskutiert und der Einfluss von hyperkinetischem und sozialgestörtem Verhalten auf die Suchtgenese erörtert.

6.1  Kritik zur Datenerhebung und Methodik

In der vorliegenden prospektiven Arbeit konnten viele Forderungen hinsichtlich der Güte klinischer Studien erfüllt werden. Im Laufe des zweijährigen Erhebungszeitraumes wurden die stationär aufgenommenen drogenabhängigen Probanden konsekutiv untersucht. Es ist anzunehmen, dass die Experimentalgruppe insgesamt einen angemessenen Querschnitt an politoxikomanen Patienten in Suchtbehandlung darstellt. Eine geringfügige Selektion war dennoch unvermeidbar, da nicht alle Befragten der Studienteilnahme zustimmten und einige Probanden frühzeitig die Entzugstherapie abbrachen.

↓195

Es ist zu betonen, dass es sich bei den untersuchten Probanden um eine extreme Randgruppe der Gesellschaft handelt, zu der man nicht ohne weiteres Zugang gewinnt (Gölz 1999). Dieser Umstand erklärt auch, warum Studien an politoxikomanen Patienten so rar sind und bestätigt, dass mit dem hier ausgewählten klinischen Setting angemessene Versuchsbedingungen geschaffen wurden. Außerhalb eines stationären Aufenthaltes wäre eine Untersuchung dieser Intensität nur schwer durchführbar gewesen.

Nur im klinischen Umfeld war es möglich, den Drogenkonsum weitestgehend zu kontrollieren, so dass die Suchtpatienten zum Erhebungszeitpunkt weder unverhältnismäßig intoxikiert, noch akut entzügig waren. Dabei entsprach die eingenommene Methadonmenge annähernd der regelmäßig konsumierten „Steady-State-Dosis“ der Probanden. Störfaktoren wie umweltbedingte Stressoren oder körperliche Entzugssymptome konnten auf diese Weise minimiert werden.

Es erwies sich nicht als ratsam, die einzelnen Tests nach Abschluß des Entzuges durchzuführen, da die Patienten gegen Therapieende erfahrungsgemäß emotional weniger stabil und motiviert sind, als zu Behandlungsbeginn, und die Entzugssymptome auch nach Absetzen des Methadons noch längere Zeit andauern können.

↓196

Im Zuge der retrospektiven Erfassung von hyperkinetischen oder sozialgestörten Verhaltensweisen konnte leider nur auf Selbstbeurteilungen zurückgegriffen werden. Anfängliche Versuche, diesbezüglich Informationen von Familienangehörigen oder aus alten Schulzeugnissen zu gewinnen, scheiterten aufgrund der Tatsache, dass in der Mehrzahl der Fälle kein Kontakt mehr zur Herkunftsfamilie bestand. Studien von Crowley (2001) und Murphy (2000) belegen jedoch, dass Selbstbeurteilungen von Testprobanden gute Übereinstimmungen im Vergleich zu entsprechenden Elternberichten erbringen (vgl. Abschnitt 2.5) und legitimieren deren Einsatz im Rahmen dieser Studie.

Neben der modifizierten WURS 6-Item Fassung, die an einer ADHS-Population validiert wurde, kamen lediglich standardisierte Fragebögen mit geeigneten Testgütekriterien zum Einsatz. Es muss aber darauf hingewiesen werden, dass es sich bei den Selbstbeurteilungen nur um Hinweise auf hyperkinetisches Verhalten in der Kindheit oder im Erwachsenenalter handelt. Von einer definitiven ADHS-Diagnose kann und sollte in diesem Rahmen nicht gesprochen werden, da sie nur auf subjektiven Angaben der Teilnehmer basiert.

Im Gegensatz zu vielen anderen Studien wurden die Symptome von hyperkinetischem Verhalten nicht nur mittels Interviews erfasst sondern ebenfalls durch apparative Verfahren wie Radar-Aktometer und CPT objektiv gemessen. Dieses Vorgehen ermöglichte eine zusätzliche Überprüfung der in den Fragebögen ermittelten Verhaltensweisen und trug im vorliegenden Fall zur Bestätigung der Ergebnisse bei.

↓197

Weiterhin konnten die gewonnenen Daten der Experimentalgruppe mit einer nach Alter, Geschlecht und sozio-ökonomischen Status parallelisierten Kontrollgruppe verglichen werden. Hierdurch ließen sich Unterschiede zwischen Suchtpopulation und „Normalbevölkerung“ mit angemessener Güte nachweisen.

Die zu Studienbeginn geforderten Fallzahlen für die Hauptanalyse konnten erzielt werden. Es war damit möglich die Prävalenzunterschiede von hyperkinetischem Verhalten zwischen Experimental- und Kontrollgruppe mit einer Power von 80% zu berechnen. Die Aussagekraft der darüber hinaus durchgeführten Sekundäranalysen und Subgruppenkalkulationen war zum Teil durch die geringen Probandenzahlen begrenzt. Um eindeutigere Ergebnisse zu erzielen, wären hier größere Teilnehmermengen nötig, die beispielsweise im Rahmen multizentrisch angelegter Studien erzielt werden könnten.

6.2 Ergebnisse der Hypothesenprüfung

6.2.1  Hypothese 1: Prävalenz hyperkinetischen Verhaltens in der Kindheit

Gemäß Hypothese 1 konnte gezeigt werden, dass hyperkinetisches Verhalten in der Kindheit, operationalisiert durch den WURS 6-Item Summenscore, bei drogenabhängigen Patienten signifikant häufiger auftrat als bei den Kontrollprobanden.

↓198

Dies deckt sich mit den Ergebnissen einer Reihe anderer Autoren (vgl. Abschnitt 2.4.8), die unter Suchtpatienten in 19 bis 50% ehemalige hyperkinetische Verhaltensweisen nachwiesen. Interessanterweise fand man die höchsten Prävalenzen ehemals hyperkinetischen Verhaltens in den Studien, in denen die Wender Utah Rating Scale eingesetzt wurde (Milin et al. 1997; Horner & Scheibe 1997). Bei Gebrauch anderer Selbstbeurteilungsbögen waren die Häufigkeiten deutlich geringer (Schubiner et al. 2000; King et al. 1999).

Dieser Umstand könnte daran liegen, dass die bisherige WURS 25-Item Fassung nicht nur ADHS Verhalten, sondern auch andere Störungsbilder erfasst und deckt sich mit den Untersuchungen von McCann (2000) und Stein (1995). Eine Prävalenz von 40% hyperkinetischen Verhaltens, wie sie unter Verwendung der WURS 6-Item Version im Rahmen der vorliegenden Arbeit ermittelte wurde, ist eher mit Ergebnissen anderer Studien vergleichbar. Carroll u. Rounsaville (1993) wiesen z.B. unter Verwendung von DSM-III Kriterien bei 298 Kokainabhängigen in 35% der Fälle eine frühere ADHS-Diagnose nach.

Allen Studien gemeinsam ist jedoch die Tatsache, dass kindliches hyperaktives Verhalten bei Suchtpatienten mit illegalem Drogenkonsum deutlich häufiger auftritt, als in der „Normalpopulation“. Dieser Trend wird mit den Daten aus der vorliegenden Arbeit bestätigt.

↓199

Betrachtet man die innerhalb der Kontrollgruppe ermittelten Prävalenzen, so mag eine Häufigkeit von 7,5% ehemaligen ADHS-Verhaltens für die „Normalbevölkerung“ hoch erscheinen. Laut American Psychiatric Association (1994) ist bei 3 - 5% der US-amerikanischen Kinder mit einem ADHS zu rechen. Wender (2000) hingegen geht von einer ADHS-Prävalenz von 3 - 10% unter schulpflichtigen Kindern aus.

Barkley (1998) macht darauf aufmerksam, dass die anhand von Fragebögen ermittelten Häufigkeiten oft größeren Schwankungen ausgesetzt sind, da die eingesetzten Instrumente meist differieren und sich der kulturelle Hintergrund im internationalen Vergleich erheblich unterscheidet. Werden DSM-III-R Kriterien zur Diagnosestellung in Interviews herangezogen, so liegen die Prävalenzen zwischen 1,3 und 13,3% mit einem Durchschnitt von 5,9% (Vergleich von 8 Studien mit Teilnehmerzahlen von 294 bis 7231 Probanden; Barkley 1998). Es sollte beachtet werden, dass diese Zahlen lediglich Interviewergebnisse widerspiegeln und nicht klinisch gestellte Diagnosen.

Die in der Vergleichsgruppe retrospektiv ermittelte ADHS-Häufigkeit von 7,5%, liegt somit noch im Rahmen des Erwarteten, da unter Berücksichtigung der Teilnehmerzahl von 40 Kontrollprobanden nicht mit exakten Ergebnissen zu rechnen ist.

6.2.2 Hypothese 2: Motorische Aktivität

↓200

Zunächst konnte festgestellt werden, dass Suchtpatienten in der Radar-Aktometer Messung signifikant höhere mittlere Gesamtimpulswerte erzielten als die Vergleichsgruppe und dementsprechend motorisch aktiver waren.

Innerhalb der Suchtpopulation zeigte sich darüber hinaus ein signifikantes Ergebnis bezüglich des Zusammenhangs zwischen motorischer Aktivität, registriert durch das Radar-Aktometer, und hyperaktivem Verhalten, operationalisiert durch den WURS 6-Item Summenscore.

Nach Aufteilung der Studienteilnehmer in einzelne Subgruppen konnte nachgewiesen werden, dass die Subgruppe „ADHS & Sucht“ mit Abstand die höchsten Aktivitätswerte erzielte, gefolgt von den Untergruppen „Sucht“ und „Kontrolle“. Die ermittelten Differenzen waren dabei zwischen allen drei Subgruppen hoch signifikant.

↓201

Lineare Regressionsanalysen bestätigen, dass die Höhe der Aktometerimpulse alleine durch die gemessenen WURS-Ergebnisse und nicht durch sozialgestörtes Verhalten (definiert nach SKID-II) vorhergesagt werden.

Bezogen auf das Vorliegen von kindlichen ADHS-Symptomen erhärtet sich Hypothese 2: drogenabhängige Patienten mit ehemals hyperkinetischem Verhalten scheinen auch Jahre später noch im Erwachsenenalter eine erhöhte motorische Aktivität aufzuweisen. Im Rahmen der CAARS Auswertung konnte dies erwartungsgemäß auch für die derzeitigen ADHS-Symptome nachgewiesen werden, soll jedoch unter Punkt 6.2.4 genauer erläutert werden.

Das Fortbestehen von ehemals hyperaktiven Verhaltensweisen bis ins Erwachsenenalter ist ein häufig beobachtetes Phänomen. Weiß u. Hechtmann (1993) gehen in ihrer Übersichtsarbeit davon aus, dass ADHS Symptome in 50 - 65% der Fälle bis ins Erwachsenenalter andauern.

↓202

Entsprechende Angaben macht auch Wender (2000), der nach Auswertung einer Langzeitstudie an 200 ehemaligen ADHS Patienten resümiert, dass ein- bis zweidrittel der Betroffenen auch im Erwachsenenalter noch über fortwährende hyperkinetische Symptome berichten.

Dies zeigt sich im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht nur anhand von Umfrageergebnissen sondern wird auch durch die quantitative Aktometermessung bestätigt.

Betrachtet man den positiven Zusammenhang zwischen Radar-Aktometer und WURS 6-Item Summenscore genauer, so wird deutlich, dass signifikante Korrelationen nur im Fall der beiden „Hyperaktivität“ widerspiegelnden Items 1 und 3 bestehen. Demnach scheint die in der Wender Utah Rating Scale subjektiv erfragte motorische Unruhe dem zu entsprechen, was im Radar-Aktometer als motorische Aktivität objektiv gemessen wird. Auf ähnliche Übereinstimmungen kamen auch Salbach et al. (2002) im Rahmen ihrer Untersuchung an 62 Schulkindern, die hoch signifikante Korrelationen zwischen den Messwerten des Radar-Aktometers und der Skala „Hyperaktivität“ der Conners Teacher Rating Scale (CTRS) fanden.

↓203

Anhand obiger Resultate scheint sich die Validität der eingesetzten Instrumente im Rahmen der Erfassung von hyperaktivem Verhalten zu bestätigen.

Der eingangs erwähnte Aktivitätsunterschied zwischen Sucht- und Kontrollgruppe kann überdies nicht alleine durch das gehäufte Vorkommen von hyperkinetischem Verhalten innerhalb der Experimentalgruppe erklärt werden. Die Subgruppenanalysen machen deutlich, dass auch die Süchtigen ohne ADHS-Symptome mehr Gesamtimpulse aufwiesen als die Vergleichsgruppe. Dies lässt sich möglicherweise damit erklären, dass politoxikomane Patienten vielfältigen sozialen Stressoren ausgesetzt sind, eine höhere Prävalenz an Psychopathologien aufweisen und unter dem Einfluss von psychoaktiven Substanzen stehen (Gastpar, Mann & Rommelspacher 1999), wobei ein jeder der beschriebenen Umstände mit einer erhöhten motorischen Aktivität assoziiert sein kann. Dementsprechend verwundern die beobachteten Aktivitätsunterschiede zwischen Sucht- und Kontrollgruppe nicht.

Innerhalb der Experimentalgruppe jedoch scheint ein komorbides ADHS-Verhalten im Vergleich zu den genannten Stressoren ein noch bedeutend stärkerer Prädiktor für ausgeprägte motorische Unruhe zu sein.

↓204

Die Subgruppe „ADHS & Sucht“ wies nicht nur die höchsten absoluten Aktivitätswerte auf sondern unterschied sich auch im Zeitverlauf signifikant von den anderen Gruppen. Sie zeigte während der ersten 6 Minuten einen im Vergleich deutlich stärkeren Aktivitätsanstieg. Von Beginn an war die „ADHS & Sucht“ Gruppe sehr unruhig und die Gesamtimpulswerte nahmen mit fortschreitender Testdauer kontinuierlich weiter zu. Auch Salbach et al. (2002) konnten während der Durchführung eines 8 minütigen Tests zum Belohnungsaufschub (Delay of Gratification) bei hyperkinetischen Kindern ähnliche Verlaufseffekte der Aktometerimpulse finden.

6.2.3 Hypothesen 3 + 4: Unaufmerksames und Impulsives Verhalten

Mittels Continuous Performance Test konnte nachgewiesen werden, dass Suchtpatienten im Gegensatz zu Vergleichsprobanden deutlich mehr Fehler begehen, die auf mangelnde Aufmerksamkeit, operationalisiert durch „omission errors“, zurückzuführen sind. Dies überrascht nicht, bedenkt man wiederum die vielfältigen Stressoren und Einflüsse, denen politoxikomane Patienten ausgesetzt sind, und die zu einer Minderung des Konzentrationsvermögens führen können (vgl. letzter Abschnitt).

Betrachten man die Fehler, die auf erhöhte Impulsivität, operationalisiert durch „commission errors“, hinweisen, so liegen die ermittelten Werte ebenfalls über denen von Kontrollprobanden. Der errechnete Unterschied ist jedoch im Vergleich nicht signifikant. Ursächlich hierfür könnten erneut Floor-Effekte sein, da im Testverlauf insgesamt nur 45 mal die Möglichkeit bestand, via den Buchstaben X einen „commission error“ zu begehen, im Gegensatz zu 405 möglichen „omission errors“ (Not-X Buchstaben). Zudem ist Impulsivität ein komplexes und schwer erfassbares Konstrukt, wie Salbach et al. (2002) in ihrer Arbeit zeigen konnten. Das, was in den Fragebögen WURS und CAARS unter impulsivem Handeln erfragt wird, muß nicht dem entsprechen, was der Continuous Performance Test als impulsives Antwortverhalten definiert.

↓205

Innerhalb der Population von drogenabhängigen Patienten konnten keine positiven Korrelationen zwischen unaufmerksamem bzw. impulsivem Verhalten (operationalisiert durch den CPT) und hyperkinetischem Verhalten (operationalisiert durch den WURS 6-Item Summenscore) festgestellt werden. Gleiches galt für die im Rahmen der CAARS ermittelten aktuellen ADHS Verhaltensweisen.

Folglich konnten die Hypothesen 3 und 4 weder in Bezug auf kindliche noch in Bezug auf aktuelle hyperkinetische Symptome bestätigt werden.

Barkley (1996) und Epstein (1998) kommen unter Anwendung des gleichen Not-X-CPT Paradigmas im Rahmen der Untersuchung von erwachsenen ADHS Patienten und gesunden Kontrollen zu anderen Ergebnissen. In beiden Studien konnte innerhalb der Gruppe von hyperkinetischen Patienten sowohl eine höhere Anzahl „omission errors“ als auch „commission errors“ nachgewiesen werden als in der Vergleichspopulation.

↓206

Die zunächst widersprüchlich erscheinenden Resultate sind möglicherweise auf die Tatsache zurückzuführen, dass in der vorliegenden Studie nicht „ADHS versus Normal population“, sondern „ADHS versus Suchtpopulation“ verglichen wurde. Dieser Gedanke soll im Folgenden weiter ausgeführt werden. Riccio und Reynolds (2001) weisen in ihrer 9 Artikel umfassenden Übersichtsarbeit auf die hohe Sensitivität des CPT bei der Registrierung von Aufmerksamkeits- und Impulsivitätsfehlern hin. Gleichzeitig machen die Autoren jedoch auch auf die mangelnde Spezifität des Instrumentes aufmerksam. So werden die CPT-Ergebnisse beispielsweise nicht nur durch hyperkinetisches Verhalten beeinflusst sondern auch durch organische Hirnschäden, depressive Störungen oder die Wirkung psychoaktiver Substanzen. Demnach erfasst das CPT mit großer Sensitivität Funktionsstörungen des zentralen Nervensystems unterschiedlichster Ursache. Treten diese Störungen gemeinsam auf, so kann der Einfluss einzelner Faktoren vom CPT nicht mehr differenziert werden (Seidman et al. 1998; Rund et al. 1998).

In der vorliegenden Arbeit zeichnet sich ein ähnlicher Effekt ab. Von den Suchtpatienten werden bedeutend mehr „omission errors“ begangen, als von den Kontrollprobanden. Dies deutet auf eine erhöhte Störungsprävalenz innerhalb dieser Teilpopulation hin. Innerhalb der Suchtgruppe kann jedoch mittels CPT nicht mehr zwischen den möglichen Einflussfaktoren wie ADHS, Substanzeinnahme oder psychiatrischer Komorbidität diskriminiert werden.

Im Gegensatz dazu konnten King et al. (1999), deren Studie unter Punkt 2.4.8 eingehend beschrieben wurde, auch innerhalb der 117 opiatabhängigen Patienten signifikante Korrelationen bezüglich der begangenen „commission errors“ und ADHS-Verhalten nachweisen. Dabei wurde jedoch das A-X anstatt des Not-X Paradigmas verwandt. Folglich sind die Ergebnisse nicht ohne weiteres vergleichbar.

↓207

Letztendlich gibt es bislang noch zu wenig Erfahrung mit dem Einsatz des Continuous Performance Test in Suchtpopulationen, um definitive Aussagen treffen zu können. Es lässt sich jedoch absehen, dass in einer Vielzahl der Fälle mit Störfaktoren zu rechnen ist, die das CPT Resultat potenziell beeinflussen können.

Darüber hinaus sind weitere Studien nötig, um nachzuweisen, welches Aufgabenparadigma (A-X versus Not-X) am geeignetsten ist, um hyperkinetisches Verhalten bei erwachsenen Probanden korrekt zu diskriminieren.

6.2.4 Hypothese 5: Gegenwärtige Prävalenz hyperkinetischen Verhaltens

Der Vergleich gegenwärtigen hyperkinetischen Verhaltens zwischen Index- und Kontrollgruppe, operationalisiert durch die Conners‘ Adult ADHD Rating Scale, ergab auf allen sieben CAARS Subskalen signifikante Unterschiede. Folglich scheint die ADHS-Symptomausprägung unter den politoxikomanen Patienten deutlich stärker zu sein.

↓208

Legt man die Subskala „DSM-IV gesamt ADHS Symptome“ zugrunde, so ist in der Suchtpopulation mit einer signifikant höheren aktuellen ADHS-Prävalenz von 16,7% zu rechnen im Vergleich zu 2,5% in der Kontrollgruppe. Hypothese 5, die postuliert, dass ein gegenwärtiges hyperkinetisches Verhalten bei drogenabhängigen Patienten häufiger vorkommt als in der Normalpopulation, bestätigt sich.

Berücksichtigt man die aus den WURS Analysen ermittelten kindlichen ADHS- Prävalenzen, so scheint ein hyperkinetisches Verhalten bei 40% der Drogenabhängigen und 33% der Vergleichsprobanden bis ins Erwachsenenalter fortzubestehen. Nach Wender (2000) und Barkley (1998) liegen diese Häufigkeiten im Rahmen des zu Erwartenden und bestätigen die bisherige Forschungsmeinung, dass ADHS-Verhalten oftmals nicht auf das Kindes- und Jugendalter beschränkt bleibt, sondern in vielen Fällen ins Erwachsenenalter fortbesteht (Sobanski 2004; Weiss & Hechtman 1993). Die Autoren betonen jedoch, dass die bislang ermittelten Prävalenzen je nach Studiendesign erheblich differieren. Noch ausstehende Ergebnisse weiterer Längsschnittstudien werden hier in Zukunft genauere Auskunft geben können (Biederman, Fergusson etc.).

Vergleicht man die subjektiv in der CAARS erfragten hyperaktiven Verhaltensweisen mit den gemessenen Aktometerimpulsen, so ergeben sich innerhalb der Suchtpopulation nur für die beiden Hyperaktivität widerspiegelnden Subskalen „Hyperaktivität/ Ruhelosigkeit“ und „DSM-IV Hyperaktivität/Impulsivität“ signifikante Ergebnisse. Wie bereits anhand der WURS-Analysen gezeigt werden konnte scheint das Radar-Aktometer objektiv aufzuzeichnen, was von den Probanden im Fragebogen als motorische Unruhe angegeben wurde.

↓209

Der Einsatz des Radar-Aktometers stellt einen wichtigen neuen Beitrag im Rahmen dieser Arbeit dar und erweist sich als sehr nützlich, um die motorische Aktivität eines Probanden objektiv zu quantifizieren. Dieser Umstand ist gerade in Studien von Vorteil, in denen keine fremdanamnestischen Daten zur Verfügung stehen und man auf die alleinigen Patientenangaben angewiesen ist.

6.2.5 Hypothese 6: Prävalenz sozialgestörten Verhaltens in der Kindheit

Gemäß Hypothese 6 konnte gezeigt werden, dass sozialgestörtes Verhalten in der Kindheit bzw. Adoleszenz, operationalisiert durch den SKID-II, unter den Suchtpatienten mit 53% signifikant häufiger auftrat als bei den Kontrollprobanden mit 2,5%.

Es ist zu betonen, dass sich die hier erfragten Prävalenzen von sozialgestörtem Verhalten auf das Alter vor dem 15. Lebensjahr beziehen. Der hohe Anteil von sozialgestörtem Verhalten in der Suchtgruppe kann somit nicht einfach im Rahmen von Beschaffungskriminalität erklärt werden, da der Konsum von illegalen Drogen erst später beginnt, wie die Ergebnisse zum Drogenerstkonsum zeigen (vgl. Punkt 5.6.2).

↓210

Im Vergleich zu neueren Studien sind die ermittelten Prävalenzen durchaus als realistisch anzusehen. Schubiner et al. (2000) fanden im Rahmen einer Untersuchung an 201 politoxikomanen Patienten in 46% Hinweise auf kindliche Betragensprobleme. Auf ähnliche Resultate kamen auch Darke et al (2003), die bei 181 Suchtpatienten in Methadonbehandlung Prävalenzen von 54% sozialgestörter Verhaltensweisen in der Kindheit nachwiesen.

Bezogen auf die Störungshäufigkeit innerhalb der „Normalpopulation“ dokumentierten Goodwin u. Hamilton (2002) in einer nordamerikanischen, epidemiologischen Studie an 5.877 Erwachsenen in 3,3% der Fälle das Bestehen einer Störung des Sozialverhaltens in Kindheit und Adoleszenz. Diese Angaben decken sich mit der Prävalenz von 2,5% aus der vorliegenden Untersuchung.

Folglich stimmen die ermittelten Resultate mit bisherigen Forschungserkenntnissen überein (Flory & Lynam 2003a) und unterstreichen die Tatsache, dass eine zurückliegende Störung des Sozialverhaltens eine der bedeutendsten Komorbiditäten bei politoxikomanen Patienten darzustellen scheint.

6.2.6 Hypothese 7: Hyperkinetisches Verhalten als Risikofaktor für das Entstehen einer Drogenabhängigkeit

↓211

Bezüglich des Merkmals „Drogenabhängigkeit vorhanden/nicht vorhanden“ stellt eine frühere Störung des Sozialverhaltens (OR = 35.1) im Vergleich zu einem kindlichen hyperkinetischen Verhalten (OR = 5.7) mit Abstand den größeren Risikofaktor dar, wie aus den Regressionsanalysen ersichtlich.

Hypothese 7, die postuliert, dass ein hyperkinetisches Verhalten in der Kindheit einen unabhängigen Risikofaktor für das Entstehen einer Drogenabhängigkeit darstellt, scheint zuzutreffen, jedoch ist der errechnete Einfluss von ehemals sozialgestörtem Verhalten auf eine spätere Suchtentwicklung weitaus größer.

Auf vergleichbare Werte kamen auch Levin et al. (1998) in ihrer Studie an 281 kokainabhängigen Patienten. Allerdings wird von den Autoren die Tatsache, dass bei Kokainabhängigen ein hyperkinetisches Verhalten zu einem Drittel alleine auftritt als Indiz für dessen Rolle als Risikofaktor gedeutet. Dieser Gedankengang mag zunächst plausibel erscheinen. Führt man sich indes die konkreten Häufigkeiten vor Augen, so ergibt sich in der Levin-Studie bei einem gesamt ADHS-Vorkommen von 20% eine ADHS-Prävalenz ohne komorbide Sozialstörung von nur 7%. Dieser Wert entspricht jedoch einer Anzahl, die durchaus auch im Rahmen einer Normalpopulation zu erwarten wäre. Zudem wurde keine Vergleichsgruppe untersucht, um die postulierte These eines erhöhten Risikos zu belegen.

↓212

Auch Milin et al. (1997) gehen von ADHS als unabhängigem Risikofaktor für eine Drogenabhängigkeit aus, da in 9 von insgesamt 36 untersuchten Fällen ein ADHS ohne Betragensstörung alleine auftrat. Diese Studie ist nicht zuletzt durch die geringe Teilnehmerzahl und das Nichtvorhandensein einer Kontrollgruppe zur Überprüfung der Hypothese limitiert.

Biederman u. Wilens (1995; 2003) sehen ADHS als unabhängigen Risikofaktor für einen späteren Substanzmissbrauch vor allem aufgrund der Tatsache, dass medikamentös behandelte ADHS-Patienten ein wesentlich geringeres Risiko für einen Drogenmissbrauch aufwiesen, als nicht medikamentös behandelte Patienten. Die Studienergebnisse unterstreichen jedoch zunächst nur den protektiven Effekt einer medikamentösen Behandlung auf die Suchtentwicklung. Daraus sollte nicht zwangsläufig gefolgert werden, dass ein ADHS einen unabhängigen Risikofaktor für die Suchtentwicklung darstellt. Es ist durchaus denkbar, dass im Rahmen der Behandlung nicht nur ADHS-Symptome sondern auch sozialgestörte Verhaltensweisen gebessert wurden und folglich zu einer Risikoverminderung führte.

Im Gegensatz dazu kommen die im Rahmen der vorliegenden Studie ermittelten Resultate den eingangs zitierten Studienergebnissen von King (1999) und Schubiner (2000) nahe, die keine bedeutsamen Effekte von hyperkinetischem Verhalten auf das Entstehen einer Drogenabhängigkeit finden konnten. In beiden Untersuchungen wiesen Personen mit ADHS-Verhalten zu Zweidrittel ebenfalls eine komorbide Störung des Sozialverhaltens auf, so dass sich keine signifikante Einwirkung von ADHS alleine auf eine Suchtentstehung nachweisen ließ. In der vorliegenden Arbeit trat ein ADHS-Verhalten ebenfalls in 65% zusammen mit einer Sozialstörung auf und nur in 35% ohne Komorbidität.

↓213

Flory u. Lynam (2003a) betonen in ihrer umfassenden Metaanalyse, dass ADHS als Risikofaktor an Gewicht verliert, wenn Sozialstörungen mit in die Berechnungen eingeschlossen werden. Von den 28 untersuchten Studien konnten lediglich Whitmore et al. (1997) im Rahmen einer Befragung an 367 Jugendlichen einen schwachen alleinigen ADHS-Effekt auf die Suchtentwicklung zeigen. Alle weiteren Studien wiesen entweder eine Störung des Sozialverhaltens alleine oder die Kombination aus Sozialstörung und ADHS als bedeutsamen Prädiktor für eine spätere Suchterkrankung nach.

Loeber et al. (1999) fanden z.B. an einer Längsschnittstudie von 1500 Kindern und Jugendlichen, dass beim Vorliegen einer hyperkinetischen Störung keine alleinigen Effekte auf die Suchtentwicklung mehr zu finden waren, wenn der Faktor sozialgestörte Verhaltensweisen kontrolliert wurde.

Burke et al. (2001) wiesen im Rahmen von Nachuntersuchungen an 177 ADHS-Patienten lediglich ein erhöhtes Risiko für vermehrten Tabakkonsum nach. Eine gesteigerte Einnahme an weiteren Suchtstoffen war nicht mit alleinigem ADHS assoziiert sondern mit einer komorbiden Sozialstörung.

↓214

Der bedeutsame Einfluss von sozialgestörtem Verhalten auf die Suchtentwicklung bestätigt sich auch anhand der hiesigen Daten. In der vorliegenden Arbeit wurden anhand von Subgruppenanalysen die Prävalenzen von Drogenabhängigen mit „nur“ hyperkinetischem Verhalten (14,3%) mit denen der Kontrollgruppe (7,5%) verglichen. Hierbei ergab sich ein nicht signifikantes Ergebnis, so dass statistisch mit keinem erhöhten Suchtrisiko bei alleinigem Vorliegen eines hyperkinetischen Verhaltens zu rechnen ist.

Die ermittelten Untersuchungsergebnisse spiegeln zum einen den starken Einfluss einer ehemaligen Sozialverhaltensstörung auf die Suchtentstehung wider und veranschaulichen zum anderen die diesbezüglich untergeordnete Rolle eines hyperkinetischen Verhaltens. Folglich entsprechen die gewonnen Daten mehrheitlich den geschilderten Forschungserkenntnissen aus der Literatur.

Abschließend sollte beachtet werden, dass die Berechnungen der vorliegenden Studie teilweise an sehr kleinen Fallzahlen durchgeführt wurden, so dass die statistische Aussagekraft, insbesondere der Subgruppenanalysen, begrenzt ist. Genauere Daten in Bezug auf mögliche Risikofaktoren könnten eventuell durch die Untersuchung einer größeren Anzahl von Drogenabhängigen erzielt werden.

6.2.7 Hypothese 8: Präferenzen bei der Substanzauswahl

↓215

Der regelmäßige Konsum von Suchtstoffen wurde subjektiv erfragt und mittels Urinproben gemessen. Berücksichtigt man die Pharmakokinetik der Substanzen (siehe Punkt 5.6.1), so stimmen die Interviewergebnisse größtenteils mit den objektiven Analysen überein. Auch Brown et al. (1992) fanden im Rahmen einer Studie an 234 Suchtpatienten in stationärer Behandlung sehr gute Übereinstimmungen von 84 – 97% bezüglich der gemachten Angaben zum Drogenkonsum. Dies deckt sich mit klinischen Erfahrungen aus der Entzugspraxis, wonach es keinen offensichtlichen Grund gäbe, warum die Substanzeinnahme von den Patienten verheimlicht werden sollte.

Betrachtet man die einzelnen Substanzgruppen, so zeigt sich, dass Amphetamine und Halluzinogene von politoxikomanen Patienten ausgesprochen selten regelmäßig eingenommen werden. Studien von King (1999) und Schubiner (2000) bestätigen diesen Sachverhalt, wonach Amphetamine und Halluzinogene nur eine untergeordnete Rolle im Konsumverhalten dieser Patienten zu spielen scheinen.

Bezüglich der Einnahme von Kokain, Methadon, Benzodiazepinen oder Cannabis zeigen Regressionsanalysen, dass weder ein hoher WURS 6-Item Summenscore noch eine Störung des Sozialverhaltens einen Mehrgebrauch der Substanzen vorhersagt. Es lässt sich zwar ein Trend ablesen, demnach alle vier Suchtstoffe gehäuft von der Subgruppe „ADHS & sozialgestörtes Verhalten“ konsumiert werden, jedoch sind die Unterschiede nicht statistisch signifikant.

↓216

Hypothese 8, derzufolge Suchtpatienten mit hyperkinetischem Verhalten, operationalisiert durch den WURS 6-Item Summenscore, spezielle Präferenzen bei der Substanzwahl haben, konnte nicht bestätigt werden.

Eyre et al. (1982) fanden in ihrer Erhebung an 157 Opiatabhängigen unter den ehemals hyperkinetischen Probanden lediglich einen Mehrkonsum von Cannabisprodukten. Für Opiate, Kokain, Amphetamine, Sedativa und Halluzinogene ergab sich diesbezüglich kein signifikanter Unterschied. Eine Störung des Sozialverhaltens wurde dabei nicht mit in Betracht gezogen.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommen auch King et al. (1999), die bei 125 politoxikomanen Patienten zwar Tendenzen für einen Mehrkonsum an Kokain, Cannabis und Sedativa in der ADHS-Gruppe fanden, jedoch keine statistisch signifikanten Präferenzen im Konsummuster feststellen konnten. Leider wurden auch in diesen Berechnungen kindliche Betragensprobleme außer Acht gelassen.

↓217

Schubiner et al. (2000) wiesen unter 201 Opiatabhängigen weder in der ADHS-Gruppe, noch in der Gruppe der „Sozialgestörten“ bedeutsame Unterschiede im gegenwärtigen Drogenkonsummuster nach.

Unter Berücksichtigung bisheriger Forschungsergebnisse und der in dieser Arbeit erhobenen Daten scheint sich eine mögliche Selbstmedikation bezogen auf den Substanztyp bei politoxikomanen Patienten nicht zu bestätigen.

Auch klinisch ergibt sich eher der Eindruck, dass politoxikomane Drogenabhängige vom Suchtdruck getrieben alles einnehmen, was „turnt“, um möglichen Entzugssymptomen vorzubeugen. Theoretische Modelle einer Selbstmedikation mit gezielter Substanzauswahl (nach Khantzian 1985) sind im Falle von politoxikomanen Patienten nur schwer vorstellbar. Die Komplexität menschlichen Verhaltens lässt sich in diesem Zusammenhang nur begrenzt erfassen. Laut Tretter (2002), gibt es kein Modell für den „Alkohol konsumierenden, Methadon am Schwarzmarkt einnehmenden, Benzodiazepine faustvoll einwerfenden und schließlich am Wochenende Heroin injizierenden Junkie“.

↓218

Politoxikomanen Patienten stellen somit eine Extremgruppe an Drogenkonsumenten dar, innerhalb derer nicht mit einer gezielten Substanzauswahl im Sinne einer Selbstmedikation zu rechnen ist.

Demgegenüber gibt es möglicherweise andere Kriterien, wie das Alter bei Substanzeinstieg oder die Menge des konsumierten Suchtstoffes, die mit Risikofaktoren wie hyperkinetischem oder sozialgestörtem Verhalten assoziiert sein könnten.

6.2.8 Hypothesen 7.1 + 9.1: Alter bei Erstkonsum

Anhand des mittleren Alters bei Erstkonsum kann zunächst die „Drogenkarriere“ der Teilnehmer allgemein nachvollzogen werden. Mit ca. 13 Jahren wurden erstmalig Alkohol und Nikotin konsumiert, darauf Cannabis (15,6 Jahre), gefolgt von Halluzinogenen (18,6 Jahre) und Amphetaminen (19,9 Jahre).

↓219

Erst danach erfolgt der Griff zu den sogenannten „harten Drogen“ mit hohem Abhängigkeitspotential wie Heroin (20,6 Jahre) und Kokain (21,2 Jahre). Benzodiazepine (24,0 Jahre) stellen den nächsten Schritt dar und spiegeln den weiteren Suchtverfall mit starkem Suchtdruck wider, so dass alles eingenommen wird, was auf dem „Markt“ zu haben ist.

Die erstmalige Methadoneinnahme (27,4 Jahre) ist häufig ein Ausdruck für das weitere Fortschreiten der Drogenkarriere. Den Betroffenen geht es so schlecht, dass nach Ausstiegsmöglichkeiten in Form einer Methadonsubstitution gesucht wird. Unter Umständen bedeutet dies auch, dass kein venöser Zugang mehr gefunden werden kann oder dass nach begangener Straftat die Option „Therapie statt Knast“ gewählt wurde.

Die ermittelten Zahlen decken sich mit Angaben von Gastpar, Mann u. Rommelspacher (1999) und entsprechen der Repräsentativerhebung zum Gebrauch psychoaktiver Substanzen in Berlin (Kraus et al. 2000).

↓220

Bezogen auf die Subgruppenanalysen fällt auf, dass Nikotin und Alkohol zwar auch von „nur Sozialgestörten“ schon in jungen Jahren eingenommen wurden, jedoch vor allem ein gemeinsames Auftreten von hyperkinetischem und sozialgestörtem Verhalten mit einem frühen Erstkonsum von illegalen Drogen assoziiert scheint. Demnach wird die Drogenkarriere von dieser „Hochrisikogruppe“ sowohl am frühesten begonnen als auch am schnellsten durchlaufen (Cannabis Erstkonsum mit 14,3 Jahren und Methadon mit 23,6 Jahren) und lässt allgemein eine schlechtere Prognose vermuten.

Auf ähnliche Resultate kamen auch Schubiner et al. (2000), die deskriptiv zeigen konnten, dass eine Komorbidität von hyperkinetischem und sozialgestörtem Verhalten mit einem frühen Einstiegsalter für Alkohol, Cannabis, Stimulanzien und Kokain assoziiert ist. Es ließ sich jedoch, wie auch in der vorliegenden Arbeit, kein statistisch bedeutsamer Altersunterschied nachweisen.

King et al. (1999) ermittelten in der Gruppe von hyperkinetischen Probanden signifikant frühere Drogeneinstiegsalter für Alkohol, Kokain und Opiate, ließen dabei jedoch sozialgestörtes Verhalten vollkommen außer acht.

↓221

Somit gibt es zwar Hinweise darauf, dass eine Hochrisikogruppe „ADHS & sozialgestörtes Verhalten“ zu einem frühen Drogeneinstieg prädisponiert, jedoch lässt sich dies im Rahmen der vorliegenden Studie nur für den Suchtstoff Nikotin statistisch nachweisen. Hypothese 9.1, derzufolge drogenabhängige Patienten mit beiden Komorbiditäten ein früheres Drogeneinstiegsalter haben, scheint demnach vor allem für den Suchtstoff Nikotin zuzutreffen.

Darüber hinaus bestätigen Regressionsanalysen, dass besonders eine Störung des Sozialverhaltens einen frühen Nikotin-Erstkonsum voraussagt. Ein ehemals hyperkinetisches Verhalten alleine kann dies im Rahmen der vorliegenden Studie nicht erklären. Hypothese 7.1, derzufolge ein hyperkinetisches Verhalten in der Kindheit zu einem frühen Drogeneinstiegsalter prädisponiert, ließ sich nicht bestätigen.

Die Tatsache, dass eine juvenile Sozialstörung zu einem frühen Nikotineinstieg führt, deckt sich mit einer Vielzahl weiterer Studienergebnisse. Riggs et al. (1999) zeigten an 367 Jugendlichen Straftätern mit illegalem Drogenabusus, dass ADHS und Störungen des Sozialverhaltens unabhängig voneinander mit signifikant früherem Zigarettenrauchen verbunden sind. Lambert u. Hartsough (1998) sowie Milberger et al. (1997) kamen in ihren Studien auf vergleichbare Ergebnisse.

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Auch klinisch lässt sich nachvollziehen, dass Kinder und Jugendliche mit Betragensproblemen im Vergleich zu „normalen“ Kindern eher grenzüberschreitende Handlungen begehen und sehr früh das Zigarettenrauchen ausprobieren.

6.2.9 Hypothesen 7.2 + 9.2: Aktuelle Einnahmemenge

Wenn man die bei stationärer Aufnahme verabreichte Methadondosis als Indikator für die Quantität des illegalen Drogenkonsums zu Grunde legt, so ergeben sich Hinweise darauf, dass ein ehemaliges ADHS-Verhalten den Mehrkonsum von illegalen Substanzen voraussagt und gemäß Hypothese 7.2 zu einem exzessiveren Drogenkonsum prädisponiert.

Die Variable „Störung des Sozialverhaltens erfüllt/nicht erfüllt“ hatte diesbezüglich laut durchgeführter Regressionsanalysen keinen signifikanten Effekt.

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Vor allem die kombinierte Subgruppe „ADHS & sozialgestörtes Verhalten“ war im Vergleich deutlich häufiger mit einem Drogenmehrkonsum assoziiert und bestätigt das Zutreffen von Hypothese 9.2, die aussagt, dass drogenabhängige Patienten mit ehemals hyperkinetischem und sozialgestörtem Verhalten einen exzessiveren Drogenkonsum aufweisen. Folglich könnte es sich dabei um eine „Hochrisikogruppe“ innerhalb der Population von politoxikomanen Patienten handeln.

Auch Horner u. Scheibe (1997) fanden bei dreißig jugendlichen Suchtpatienten innerhalb der ADHS-Gruppe (50% der Teilnehmer) signifikant höhere Drogeneinnahmemengen im Vergleich zu den übrigen Probanden. Eine Störung des Sozialverhaltens wurde allerdings in dieser Arbeit nicht mit berücksichtigt.

In einer Gruppe von 298 kokainabhängigen Patienten wiesen Carroll u. Rounsaville (1993) für die Teilnehmer mit lebenszeitbezogener ADHS-Diagnose einen signifikanten Mehrkonsum an Kokain nach, unabhängig von einer komorbiden Sozialstörung. Ob eine Störung des Sozialverhaltens an sich ebenfalls mit einer verstärkten Kokaineinnahme einher geht wurde von den Autoren nicht untersucht.

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Die eingangs zitierten Arbeiten von King und Schubiner ließen in ihren Analysen die Menge der konsumierten Substanzen außer Acht, so dass keine Vergleichswerte aus diesen Studien angeführt werden können.

Fasst man die gewonnenen Resultate zusammen, so ergeben sich Hinweise auf einen generellen Mehrkonsum an illegalen Drogen innerhalb der Gruppe von ehemals hyperkinetischen Suchtpatienten. Für eine gezielte Substanzauswahl von z.B. Amphetaminen oder Kokain gibt es bei politoxikomanen Patienten, wie unter Punkt 5.6.1 gezeigt werden konnte, keinen Anhalt.

Levin et al. (1998) weisen in ihrer Untersuchung an 281 Patienten mit Kokainmissbrauch ebenfalls darauf hin, dass hyperkinetische Probanden neben Kokain auch vermehrt andere Suchtstoffe wie z.B. Cannabinoide einnehmen. Aufgrund dieses Sachverhalts schlussfolgern die Autoren, dass Probanden mit komorbidem ADHS nicht primär eine bestimmte Substanzklasse auswählen, sondern vielmehr eine Vulnerabilität gegenüber Drogenmissbrauch allgemein besteht.

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Demnach schlägt sich eine Selbstmedikation möglicherweise nicht in der Substanzwahl sondern in der Menge der konsumierten Drogen nieder. Es ist denkbar, dass Probanden mit hyperkinetischen Verhaltensweisen zur Symptomlinderung generell eine größere Quantität an Drogen zu sich nehmen. Laut Subgruppenanalysen scheint dies besonders auf den Fall eines ADHS mit komorbider Sozialstörung zuzutreffen.

Barkley (2004), Flory (2003b) und Biederman (1995) weisen in mehreren Längsschnittstudien an ADHS-Patienten auf die Tatsache hin, dass hyperkinetische Kinder mit komorbider Sozialstörung einem höheren Suchtrisiko ausgesetzt sind als hyperkinetische Kinder ohne Betragensauffälligkeiten. Dabei konnten sowohl Flory als auch Barkley zeigen, dass ein kombiniertes Auftreten von ADHS- und Sozialstörung vor allem mit einer gesteigerten Einnahmefrequenz harter Drogen assoziiert war. Zudem berichteten Probanden mit kombinierter ADHS- und Sozialstörung über ausgeprägtere Abhängigkeitssymptome als Studienteilnehmer mit nur einer der beiden Komorbiditäten.

Auch die hier ermittelten Studienergebnisse lassen darauf schließen, dass drogenabhängige Patienten mit ehemals hyperkinetischem und sozialgestörtem Verhalten eine „Hochrisikogruppe“ in Bezug auf den Drogenkonsum darstellen. Dies scheint sich besonders anhand des Alters bei Erstkonsum und anhand der Einnahmemenge zu manifestieren. Ein solcher Zusammenhang sollte jedoch an einer größeren Anzahl von drogenabhängigen Patienten überprüft werden.

6.3 Fazit der Diskussion und Ausblick auf weitere Forschung

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In der vorliegenden Arbeit wurden retrospektiv die Prävalenzen von hyperkinetischem und sozialgestörtem Verhalten bei politoxikomanen Patienten in Suchtbehandlung und gesunden Kontrollprobanden bestimmt. Die Erfassung von ADHS-Symptomen erfolgte dabei nicht nur anhand von subjektiven Fragebogenangaben sondern auch mittels objektiver Verfahren wie Radar-Aktometer Messung und Continuous Performance Test.

Es konnte gezeigt werden, dass es signifikant positive Korrelationen zwischen den Hyperaktivitäts-Items aus WURS bzw. CAARS und der gemessenen motorischen Unruhe gibt. Dies entspricht den Ergebnissen von Jenetzky, Huss u. Lehmkuhl (1999) und Salbach et al. (2002), die nachweisen konnten, dass die Aktometrie ein effektives Verfahren zur Messung hyperaktiven Verhaltens darstellt.

Die im CPT ermittelten Daten zu Unaufmerksamkeit und Impulsivität der Suchtpopulation korrelierten indes nicht mit den entsprechenden Fragebogenaussagen. Zum einen scheinen Unaufmerksamkeit und Impulsivität im Gegensatz zur Eigenschaft Hyperaktivität als Konstrukt schwerer erfassbar zu sein (Salbach et al. 2002), und zum anderen stößt die Anwendung des sensitiven CPTs bei politoxikomanen Patienten aufgrund diverser Störfaktoren an ihre Grenzen (Seidman 1998; Rund 1998).

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Ein zentraler Punkt dieser Arbeit bestand in der Identifizierung von Risikofaktoren für eine spätere Drogenabhängigkeit. In mehreren anderen Studien wurde diesbezüglich insbesondere die Rolle des ADHS als unabhängiger Risikofaktor kontrovers diskutiert.

Anhand der hier durchgeführten Studie konnte gezeigt werden, dass sowohl kindliches hyperkinetisches Verhalten als auch ehemals sozialgestörtes Verhalten in der Gruppe von Suchtpatienten deutlich häufiger vertreten war als in der gesunden Kontrollpopulation. Betrachtet man beide Störungsbilder getrennt voneinander so scheint jedes für sich ein eigenständiger Prädiktor für eine spätere Substanzabhängigkeit zu sein. Eine Störung des Sozialverhaltens stellt im Vergleich jedoch den weitaus stärkeren Risikofaktor dar. Diese Resultate entsprechen der Auffassung einer Reihe von Autoren (Flory & Lynam 2003a; Schubiner 2000; King 1999), die sozialgestörtes Verhalten ebenfalls als bedeutendsten Prädiktor für eine spätere Drogenabhängigkeit ansehen.

Darüber hinaus scheint sich das gemeinsame Auftreten von sozialgestörtem- und hyperkinetischem Verhalten besonders unvorteilhaft auf die Menge des Drogenkonsums und die Progression der Suchtentwicklung auszuwirken.

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Bezogen auf die beiden untersuchten Risikofaktoren lassen sich die Studienresultate wie folgt resümieren:

Hyperkinetisches Verhalten wurde mittels WURS bzw. CAARS erfragt und konnte zusätzlich anhand von Aktometermessungen bestätigt werden. In Bezug auf das Vorliegen einer Politoxikomanie stellt ein hyperkinetisches Verhalten im Gegensatz zu sozialgestörtem Verhalten nur einen schwachen Risikofaktor dar. Im Falle einer bestehenden Abhängigkeit scheint hyperkinetisches Verhalten jedoch mit einem vermehrten Drogenkonsum assoziiert zu sein. Es ist denkbar, dass die Betroffenen auf diese Weise im Sinne einer Selbstmedikation versuchen, ihre Unruhe besser zu kontrollieren.

Eine Störung des Sozialverhaltens hat mit Abstand den größten Einfluss auf das Vorhandensein einer späteren Drogenabhängigkeit. Überdies tendieren ehemals Sozialgestörte zu einem deutlich früheren Erstkonsum von Tabakprodukten. Ganz offensichtlich werden gesellschaftliche Normen von sozialgestörten Kindern und Jugendlichen schon in sehr jungen Jahren missachtet. Interessanterweise scheint dies jedoch nicht mit einem Mehrkonsum an Drogen verbunden zu sein und spricht gegen eine Selbstmedikation bei sozialgestörten Suchtpatienten.

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Treten hyperkinetisches und sozialgestörtes Verhalten gemeinsam auf scheint dies rein deskriptiv mit einer häufigeren regelmäßigen Drogeneinnahme assoziiert zu sein. Die Komorbidität von hyperkinetischem und sozialgestörtem Verhalten kann als ein „Hochrisikofaktor“ gedeutet werden und geht sowohl mit einem früheren Drogeneinstieg als auch mit einer beschleunigten Drogenkarriere sowie einem vermehrten Substanzkonsum einher.

In diesem Zusammenhang wird deutlich, dass innerhalb des Konstruktes „Sucht“ neben der reinen Substanzabhängigkeit auch Elemente wie Einstieg, konsumierte Menge und unter Umständen auch Substanzwahl von Interesse sind (siehe Abbildung 21).

Abbildung 21: Einflussfaktoren auf das Entstehen einer Drogenabhängigkeit

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Ehemals Sozialgestörte greifen zwar früher zu Drogen und sind allgemein einem höheren Abhängigkeitsrisiko ausgesetzt, jedoch scheinen es eher die hyperkinetischen Suchtpatienten zu sein, die mit größeren Substanzmengen ihre Symptome zu kontrollieren versuchen. Offensichtlich spielt die Substanzwahl in diesem Zusammenhang kein Rolle.

Dieses Erklärungsmodell entspricht am ehesten dem der Arbeitsgruppe um Biederman et al. (1997), welches unter Punkt 2.4.4 wiedergegeben ist. In einer Längsschnittstudie an 303 sechzehn- bis achzehnjährigen Jugendlichen konnten Milberger und Biederman bei gemeinsamem Auftreten von hyperkinetischem und sozialgestörtem Verhalten in 89% der Fälle einen Drogenmissbrauch nachweisen. Eine solche „Hochrisikogruppe“ war ebenfalls mit einem früheren Drogeneinstieg assoziiert.

Ganz offensichtlich sind hyperkinetisches Verhalten und sozialgestörtes Verhalten nur zwei von einer Vielzahl möglicher Faktoren, die zu Drogenabhängigkeit prädisponieren können. Wie Lynam (1996) in seinem „Stepping-stone“ Modell zur Entstehung von Drogenabhängigkeit verdeutlicht, gibt es bedeutsame andere Prädiktoren wie z.B. eine dysfunktionale Erziehung, Schulversagen oder ein dissozialer Freundeskreis. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit war es nicht möglich, all dies miteinzubeziehen. Jedoch konnte gezeigt werden, dass sich eine Komorbidität von hyperkinetischem und sozialgestörtem Verhalten besonders ungünstig auf eine Suchterkrankung auswirkt.

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Auch Fergusson (1993) sieht Betragensprobleme und antisoziales Verhalten als hauptverantwortlich für einen späteren Substanzmissbrauch, geht aber nicht im Detail auf eine komorbide hyperkinetische Störung im Sinne eines „Hochrisikotypus“ ein.

Bei abschließender Betrachtung leuchtet ein, dass hyperaktive Kinder aufgrund ihres aufgedrehten und impulsiven Verhaltens in ihrem Lebensumfeld schnell an Grenzen stoßen und Gefahr laufen eine Außenseiterrolle einzunehmen (Barkley 1998).

Cantwell (1994) beschreibt dies auch als „lack of social savoir-faire“ und macht darauf aufmerksam, dass die Betroffenen große Schwierigkeiten haben, stabile zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen. In Anlehnung an Loebers Entwicklungsmodell für Störungen des Sozialverhaltens (1990) sind bei diesen Kindern und Jugendlichen viele Risikofaktoren gegeben, die dazu beitragen, dass dissoziale Verhaltensweisen gebildet werden, die zu weiterem sozialen Verfall und eventueller Drogenabhängigkeit führen können.

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Die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit machen auf das hohe Risiko aufmerksam, dem diese Kinder und Jugendlichen ausgesetzt sind. Sie verdeutlichen darüber hinaus, wie wichtig eine frühzeitige professionelle Intervention ist, um im familiären und schulischen Umfeld protektive Rahmenbedingungen zu schaffen.

In Zukunft sollten die in dieser Studie aufgezeigten Tendenzen anhand größerer Teilnehmerzahlen überprüft werden. Aufgrund der erheblichen organisatorischen und personellen Widerstände, die in der Regel mit einer Erhebung an politoxikomanen Suchtpatienten verbunden sind, würden multizentrische Studien dafür die besten Voraussetzungen bieten.

Eingehendere Untersuchungen sind auch bezüglich der retrospektiven Erfragung von ADHS-Symptomen notwendig, da sich die Anwendung der bislang zur Verfügung stehenden Instrumente vor allem in psychiatrischen Populationen zur Zeit noch als schwierig erweist.

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Ebenso sollten der Continuous Performance Test wie auch das Radar-Aktometer auf ihre Einsetzbarkeit bei verschiedenen ZNS-Funktionsstörungen weiter evaluiert werden.


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06.09.2006