7 Zusammenfassung

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Ausgehend von neueren, sich widersprechenden Ergebnissen zur Rolle des Hyperkinetischen Syndroms als Risikofaktor für eine Drogenabhängigkeit, war das Ziel der Arbeit, ADHS-Symptome und sozialgestörte Verhaltensweisen bei politoxikomanen Patienten in Suchtbehandlung zu untersuchen und mit gesunden Kontrollprobanden zu vergleichen.

Im Gegensatz zu Forschungsmodellen die eine Suchtentwicklung vor allem auf eine komorbide Störung des Sozialverhaltens zurückführen, sind eine Reihe von Autoren der Auffassung, dass ADHS einen unabhängigen Risikofaktor für eine spätere Drogenabhängigkeit darstellt.

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Ferner sollte ein potenzieller Einfluss von sowohl hyperkinetischem als auch sozialgestörtem Verhalten auf das Drogeneinstiegsalter, die Substanzwahl und die konsumierte Drogenmenge der Teilnehmer analysiert werden.

Zur Bearbeitung der Fragestellung wurden hyperkinetische sowie sozialgestörte Verhaltensweisen retrospektiv erfragt und aktuelle ADHS-Symptome mittels Radar-Aktometer und Continuous Performance Test gemessen. Die Erfassung des Drogenkonsums erfolgte anhand eines klinischen Interviews und wurde zusätzlich mittels Drogenscreening überprüft.

Das Forschungsvorhaben wurde in Kooperation mit der Drogentherapiestation 19 des Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe, Berlin/Kladow durchgeführt. Unter fallweisem Ausschluß der Probanden mit nicht erfüllten Studienkriterien oder fehlenden Daten konnten im zweijährigen Erhebungszeitraum 49 politoxikomane Patienten in Suchtbehandlung untersucht werden. Vergleichsanalysen wurden in Bezug auf eine Kontrollgruppe von 40 gesunden Erwachsenen mit entsprechendem Alter, Geschlecht und sozio-ökonomischen Status berechnet.

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Die anhand von Fragebögen ermittelten Aussagen zu motorischer Aktivität korrelierten signifikant mit den objektiven Aktometermessungen und bestätigen die Validität der eingesetzten Instrumente.

Im querschnittlichen Vergleich war bei politoxikomanen Patienten sowohl die Prävalenz von ehemals hyperkinetischem als auch von sozialgestörtem Verhalten deutlich erhöht. Dies kann im Fall beider Störungsbilder als Indiz für deren Rolle als Prädiktor einer späteren Suchterkrankung angesehen werden. Eine Störung des Sozialverhaltens stellt jedoch im Vergleich zu hyperkinetischem Verhalten den weitaus stärkeren Risikofaktor für eine nachfolgende Drogenabhängigkeit dar. Somit kann eine im Kindes- und Jugendalter bestehende Sozialverhaltensstörung als unabhängiger Risikofaktor für eine Politoxikomanie im Erwachsenenalter gelten. Für eine hyperkinetische Störung alleine konnte diesbezüglich nur ein weniger ausgeprägter Effekt nachgewiesen werden.

Bei Analyse des Drogenkonsummusters ergaben sich Hinweise darauf, dass sozialgestörtes Verhalten mit einem frühen Erstkonsum von illegalen Substanzen assoziiert ist. Anzeichen einer möglichen Selbstmedikation mittels bestimmter Substanzklassen, wie für Amphetamine oder Kokain im Rahmen eines ADHS postuliert, ergaben sich für keine der beiden untersuchten Störungsbilder. Suchtpatienten mit komorbidem hyperkinetischen Verhalten neigten jedoch eher zu einem generellen Mehrkonsum an Drogen, was auf eine potenzielle Selbstmedikation hinweisen könnte.

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Das gemeinsame Auftreten von hyperkinetischem und sozialgestörtem Verhalten schien sowohl mit einem früheren Drogeneinstieg als auch mit einer beschleunigten Drogenkarriere sowie einem vermehrten Substanzkonsum assoziiert zu sein. Dies legt nahe, dass es sich bei Studienteilnehmern, die sowohl hyperkinetisches als auch sozialgestörtes Verhalten aufweisen, um eine „Hochrisikogruppe“ handelt.

Die Ergebnisse wurden im Kontext bisheriger Forschungsergebnisse sowie in Hinblick auf ihre klinische Relevanz diskutiert.


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06.09.2006