2. Einleitung

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Retroelemente machen einen nicht unbedeutenden Teil unseres Genoms aus. Eine Klasse dieser Elemente sind die humanen endogenen Retroviren (HERVs). Sie bestehen aus Resten ehemalig exogener Retroviren, welchen eine Infektion von Zellen der Keimbahn gelang. Auch wenn der Großteil der integrierten HERV-Proviren im Laufe der Zeit durch Mutationen und Deletionen längst inaktiv ist, kann die Expression von Transkripten und Proteinen in verschiedensten gesunden und veränderten Geweben nachgewiesen werden. Dies wirft die bis heute nicht zufriedenstellend geklärte Frage nach einer biologischen Bedeutung von HERVs bei normalen Zellfunktionen oder der Entstehung verschiedenster Krankheiten auf.

2.1  Retroelemente

Seit Veröffentlichung der Daten des Humanen Genom Projekts im Jahre 2001, ist bekannt, dass ein Großteil der humanen DNA scheinbar keine kodierenden Eigenschaften aufweist, allein 45% des Genoms werden von transponierbaren, mobilen Elementen gebildet [Lander et al. 2001]. Diese lassen sich in vier Gruppen einteilen, von denen nur eine direkt als DNA übertragen wird, die DNA-Transposons. Retroelemente, hierzu gehören LINEs (long interspersed elements), SINEs (short interspersed elements) und LTR-Retroposons, vollziehen ihre Replikation über ein RNA-Zwischenprodukt. Die einzelnen Schritte umfassen: Transkription der integrierten DNA durch zelluläre RNA-Polymerasen, reverse Transkription der mRNA durch eine RNA abhängige DNA-Polymerase (Reverse Transkriptase) und anschließende (Re-) Integration der synthetisierten DNA in das Genom mittels einer Integrase. Bedingt durch diesen Integrationsmechanismus wird jedes Retroelement durch kurze Sequenzwiederholungen (direct repeats) begrenzt. Man unterscheidet Elemente ohne LTR, aber mit eigenem Promotor (Retrogene) und ohne eigenen Promotor (Pseudogene). Retroelemente ohne LTR, aber mit eigener Reverser Transkriptase bezeichnet man als Retroposons [Vogt 1997a]. Diese non-LTR Elemente umfassen den größten Anteil der transponierbaren Elemente und mit 33,9%, einen nicht unbeträchtlichen Teil des humanen Genoms [Lander et al. 2001].

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Retroelemente mit LTR und Envelope-Gen werden als Retroviren bezeichnet [Wilkinson et al. 1994, Löwer et al. 1996]. Ungefähr 8% der humanen DNA bestehen aus Retroviren und Retrovirus ähnlichen Elementen [Lander et al. 2001]. Die meisten dieser Retroelemente sind fest im Genom verankert und die Wahrscheinlichkeit von Transpositionen ist gering [Medstrand et al. 2002]. Dennoch wurde geschätzt, dass bei einem von hundert Neugeborenen eine de novo Insertion solcher Retroelemente auftritt [Deiniger und Batzer 2002].

Abb. 2.1: Klassifizierung der Retroelemente.
Elemente, die über ein RNA-Zwischenprodukt übertragen werden, werden als Retroelemente bezeichnet und in Elemente mit und ohne LTR unterteilt. Retroelemente ohne RT werden als Pseudogene (ohne eigenen Promotor) oder als Retrogene (mit eigenem Promotor) bezeichnet, Retroposons besitzen kein LTR aber eine eigene RT. Retroelemente viralen Ursprungs sind Retrotransposons (ohne env Gen) und Retroviren (mit env Gen).

2.2 Retroviren

Retroviren sind die am höchsten organisierte Form der Retroelemente. Man nimmt an, dass exogene Retroviren von endogenen Retroposonen abstammen, indem sie ein zelluläres Envelope-Gen akquiriert haben. Sie wurden erstmals 1908 und 1911 beschrieben, als es sowohl der Arbeitsgruppe um Ellermann und Bang, als auch P. Rous gelang, Leukämien bzw. Tumore bei Geflügel mittels Ultrafiltraten zu übertragen [Modrow et al. 2003]. J.J. Bittner beschrieb 1936 das MMTV (Murine Mammary Tumor Virus) als Erreger der malignen Milchdrüsenerkrankung bei Mäusen, ein weiterer Hinweis auf die Assoziation von Retroviren mit Tumorerkrankungen. Mit dem HTLV (Human T-cell Leukemia Virus) beschrieb R.C. Gallo 1986 das erste humane Retrovirus, welches bei erwachsenen Menschen Krebserkrankungen auslösen kann [Gallo 1986]. Zu den wohl bekanntesten humanen Retroviren zählt das HIV (Human Immunodeficiency Virus), welches von L. Montagier und R.C. Gallo 1983/1984 als Auslöser der erworbenen Immunschwäche AIDS identifiziert wurde.

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Abb. 2.2.: Aufbau eines Retroviruspartikels.

Die Familie der Retroviridae ist in sieben Genera unterteilt: α- β-, γ-, δ-, und ε-Retroviren sowie Lentiviren und Spumaviren. Der Aufbau infektiöser Viruspartikel ist im Allgemeinen sehr ähnlich, die Viruspartikel haben einen Durchmesser von etwa 100nm und sind umgeben von einer Hüllmembran (envelope), die von der Zyto-plasmamembran ab-geleitet ist (siehe Abb. 2.2). Eingelagert in diese Membran ist das transmembrane Hüll-protein (TM-Protein). An den extraviralen Bereich des TM-Proteins ist nicht-kovalent das externe Glykoprotein (SU-Protein, Surface Unit) gebunden. Trans-membranprotein und externes Glykoprotein

liegen als trimere Komplexe in der Hüllmembran vor. Im Innern der Membran angelagert befinden sich die netzartig miteinander verbundenen Matrix-proteine (MA), die über aminoterminal angefügte Myristinsäurereste mit der Innenseite der Hüllmembran verbunden sind. Im Inneren des Partikels befindet sich das Virus-Kapsid, das eine sphärisch-ikosaedrische (bei α-, β-, γ- und δ-Retroviren und Spumaviren) oder konische (bei einigen βViren und Lentiviren) Form besitzt. Die Hülle des Kapsids besteht aus Kapsidproteinen (CA). Im Inneren des Kapsids befinden sich zwei identische Moleküle einzelsträngiger (+) RNA, die mit den Nukleokapsidproteinen (NC) komplexiert sind. Kapsidproteine, Matrixproteine und Nukleokapsidproteine sind Komponenten der gruppenspezifischen Antigene (Gag-Proteine). Im Viruspartikel befinden sich zudem noch die Enzyme Reverse Transkriptase (RT), Integrase (IN) und Protease (PR).

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Das Genom der Retroviren umfasst 7 bis 12kb und kodiert für die vier Proteine: das GagProtein (group specific antigen), ein Polyprotein, welches durch die viruseigene Protease in die verschiedenen Nukleokapsidprotein gespalten wird. Eine Protease (Prt/PR), einen Polymerase-Komplex (Pol) mit Reverser Transkriptase, RNaseH und Integrase sowie das Envelope-Protein (Env), ein Vorläuferprotein, welches durch eine zelluläre Protease in einen aminoterminalen, externen (SU) und einen carboxy-terminalen, transmembranen (TM) Anteil gespalten wird (siehe Abb. 2.3). Die entsprechenden Gene finden sich bei allen einfachen Retroviren. Darüber hinaus besitzen komplexe Retroviren, wie HTLV oder HIV, weitere regulatorische und akzessorische Gene, deren Proteine die Genexpression regulieren.

Abbildung 2.3: Organisation des RNA-Genoms von Retroviren.
Dargestellt sind die Volllängen-mRNA und die env -mRNA mit ihren flankierenden Sequenzen. Die Abkürzungen sind dem Text zu entnehmen. SA = Spleißakzeptor, PA = Polyadenylierungssignal, PBS = Primerbindestelle, LRV = Leserasterverschiebung [modifiziert aus Vogt 1997a].

Die kodierenden Regionen werden am 5‘- und 3‘-Ende von regulatorischen Kontroll-sequenzen flankiert. Die R-Region (R = redundant) liegt in identischer Basenfolge und Orientierung unmittelbar nach der 5‘CAP und vor dem Poly-A am 3‘-Ende. Direkt an die RRegion am 5‘-Ende schließt sich eine als U5 (U = unique) bezeichnete Basenfolge an. Darauf folgt die Primerbindungsstelle (PBS), die über Basenpaarung mit dem 3‘-Ende einer zellulären t-RNA komplexiert ist. Der Genomabschnitt zwischen PBS und dem Beginn des gag-Gens wird als Leader Sequenz bezeichnet, sie beinhaltet eine Spleißdonorstelle (SD) zur Produktion der gespleißten env-mRNA. Im Anschluss an die kodierenden Gene befindet sich der Polypurinbereich (PP) gefolgt von der U3-Region und dem zweiten R-Bereich. U5 und U3 beinhalten Sequenzen, die für die Integration des Proviruses in das Genom der Wirtszelle eine bedeutende Rolle spielen. Der Polypurinbereich ist ein Kontrollelement bei der Initiation der reversen Transkription.

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Retroviren können neben dem exogenen Replikationsweg (horizontale Übertragung) durch Bildung neuer infektiöser Partikel auch endogen (vertikale Übertragung) weitergegeben werden. Hierbei werden die Proviren als Bestandteil von Keimbahnzellen auf die Folgegeneration übertragen. Dies wurde erstmals 1963 von J.J. Bittner für das MMTV beschrieben [Modrow et al. 2003]. Neben den exogenen Viren existieren so auch endogene Viren, die in Zellen der Keimbahn und somit auch in allen somatischen Zellen inseriert sind. Endogene Retroviren (ERV) sind bei verschiedensten Tieren inklusive des Menschen zu finden. Trotz der theoretisch geschätzten Zahl von einer de novo Insertion von Retroelementen pro hundert Geburten [Deiniger und Batzer 2002] wurde beim Menschen bis heute keine Transpositionsaktivität von endogenen Retroviren oder eine neue Endogenisierung exogener Viren dokumentiert, auch wenn sie nicht völlig ausgeschlossen werden kann [Bannert und Kurth 2004]. Beispiele hierfür sind für Retroviren von verschiedenen Säugetieren bekannt. Von dem MMTV und dem murinen Leukämie Virus bei Mäusen, dem JSRV (Jaagsiekte Sheep Retrovirus) bei Schafen, die PERVs (Porcine Endogene Retroviren), dem ALV (Avian Leukemia Virus) bei Hühnern oder dem FeLV (Feline Leukemia Virus) bei Katzen sind aktuell sowohl endogene, wie auch exogenen Stämme bekannt [Boeke und Stoye 1997].

2.3 Humane endogene Retroviren (HERV)

Der Ursprung heutiger humaner endogener Retroviren sind retrovirale Proviren, die vor ca. 40 Millionen Jahren ins Genom unserer Vorfahren eingebaut wurden [Löwer et al. 1996]. Aufgrund des fehlenden Selektionsdrucks bezüglich infektiöser Viruspartikel und der Ansammlung von Mutationen im Laufe der Jahre, wird der Großteil dieser Viren nicht transkribiert und ist nicht mehr replikationskompetent. Nur wenige endogene Retroviren besitzen ein vollständiges Genom vergleichbar mit dem exogener Retroviren [Bannert und Kurth 2004]. Zusätzlich bestehen große Teile dieser Sequenzen aus so genannten solitary LTRs, welche die internen Sequenzen durch holomoge Rekombination der flankierenden LTRs verloren haben [Lander et al. 2001]. Die Nomenklatur beruht auf der Bindungsstelle des Primers, welcher die reverse Transkription initiiert. Dabei wird der Einbuchstabencode der Aminosäure des jeweiligen tRNA-Primers verwendet. Leider stößt diese Methode an ihre Grenzen, wenn entfernt verwandte Viren dieselbe tRNA verwenden. Oft unvollständige Informationen über diese Region, verursacht durch Mutationen oder Deletionen, machen die Klassifikation unmöglich oder zumindest sehr verwirrend [Bannert und Kurth 2004].

Der Grund für die Bemühungen, neue HERVs zu identifizieren, ist vor allem auf die Endeckung zurückzuführen, dass replikationskompetente endogene Retroviren in Mäusen, Schafen und anderen Säugern mit einigen Formen von Krebs assoziiert sind. In neuerer Zeit werden die meisten HERVs oder ihre Reste mit Hilfe der schnell wachsenden Genom-Datenbanken identifiziert, aber nur wenige dieser Proviren besitzen intakte offene Leserahmen für die drei Hauptproteine Gag, Pol und Env [Mayer et al. 1999, Griffiths 2001, Turner et al. 2001].

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Trotz der großen Anzahl an deletierten, mutierten und somit inaktiven Proviren ist die Expression von mRNA und Proteinen von verschiedenen HERV-Sequenzen in humanen Gewebe nachgewiesen worden. So wurde die Expression von HERV-K [Franklin et al. 1988, Simpson et al. 1996,], HERV-H [Johansen et al. 1989], HERV-R (ERV-3) [Larsson et al. 1994, Andersson et al. 1998] und HERV-W [Stauffer et al. 2004] in der Plazenta gezeigt. Bei HERV-W lässt sich eine Beteiligung an der zellulären Differenzierung des Synzytiotrophoblasten über Syncitin, ein Produkt des env-Gens, nachweisen [Mi et al. 2000]. Neuere Techniken wie MicroArrays lassen Analysen der Expressionsmuster von HERVs in einem größeren Umfang und in verschiedensten Geweben zu. So konnte bei einer Studie zur Expression von HERV-K (HML-2), -W, -H und -E in normalem und kanzerogenem Gewebe gezeigt werden, dass HERV-K in Normalgeweben wie Muskelgewebe, Haut und Gehirn, ebenso exprimiert wird, wie in Keimzelltumoren und anderen kanzerogenen Geweben. HERV-H wird vor allem in Krebsarten des Magen-Darm-Traktes exprimiert. Im Gegensatz dazu wird HERV-W in normalem Plazentagewebe exprimiert [Stauffer et al. 2004]. Zu den transkribierten HERVs zählt auch HERV-E auf Chromosom 17q11, in Pankreas und Schildrüsengewebe konnte eine Expression nachgewiesen werden [Shimora et al. 2001].

Da HERV-K vor allem in Keimzelltumoren nachgewiesen werden konnte und mit einer Reihe weiterer Retroviren auch in der Plazenta exprimiert wird, lag es nahe, auch embryonales und fetales Gewebe auf Expression von endogenen Retroviren zu untersuchen. In einer Studie mit normalem fötalem Gewebe zeigte sich, dass HERV-R env vor allem in der Nebennierenrinde exprimiert wird. Eine erhöhte Expression wurde ebenfalls in Ausgangsgeweben von Niere, Zunge, Herz, Leber und zentralem Nerven-system detektiert [Anderson et al. 2002].

2.3.1  Humanes Endogenes Retrovirus K (HERV-K)

Im Gegensatz zu anderen HERV-Familien, die durch Deletionen und andere Mutationen stark geschädigt sind, sind einige Mitglieder der HERV-K-Familie weitestgehend intakt. Sie stellen die biologisch aktivste Familie innerhalb der humanen endogenen Retroviren dar. Die Klassifizierung über Sequenzhomologien im pol-Gen unterteilt sie in sechs Gruppen, HML-1 bis -6. Innerhalb einer Gruppe sind die einzelnen Elemente zu mehr als 85% identisch, zwischen den Gruppen besteht dagegen nur eine Sequenzähnlichkeit von maximal 75% [Medstrand und Blomberg 1993, Seifarth et al. 1998].

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Zur Zeit sind nur Volllängengenome von Proviren der Gruppen HML-2 und -6 vollständig sequenziert worden. Vor allem die Gruppe HERV-K (HML-2) ist gut untersucht, sie besteht aus etwa 30 Proviren, wenn auch einige mit größeren Deletionen, und geschätzten 10.000 bis 25.000 solitary LTRs, die über das gesamte Genom verteilt sind [Seifarth et al. 1998]. Alle scheinbar intakten HERV-K Proviren gehören zu dieser evolutionär jüngsten Gruppe, welche ausschließlich im Genom von Catarrhines (Altwelt-Affen und Hominiden) zu finden ist. Dass Viren dieser Gruppe auch noch vor ca. fünf Millionen Jahren nach der evolutionären Trennung der Menschen von den Affen aktiv waren, zeigen einige wenige Loci, die auf den Menschen beschränkt sind [Barbulescu et al. 1999, Medstrand und Mager 1998, Turner et al. 2001].

Die erste HERV-K Sequenz wurde 1986 von Ono mit einer Sonde gegen eine konservierte Region des pol-Gens im Southern Blot entdeckt. Dieses Provirus, HERV-K10, war auch das erste, welches vollständig sequenziert wurde [Ono et al. 1986]. HERV-K10 und verwandte HERV-K Proviren weisen eine charakteristische Deletion von 292bp auf, die zu einer Fusion des pol-Gens mit dem env-Gen führt (HERV-K Deletionsmutante; ΔHERV-K). Das später sequenzierte HERV-K Provirus (HML-2.HOM) auf Chromosom 7 [Mayer et al. 1999] weist diese Deletion nicht auf und besitzt vollständige Leserahmen für alle viralen Gene (HERV-K Prototyp). Für dieses HERV-K Provirus sind allele Polymorphismen beschrieben, alle Varianten beinhalten aber vorzeitige Stopp-Codone, Deletionen oder eine defekte Reverse Transkriptase [Mayer et al. 1999, Bannert und Kurth 2004].

Weitere, scheinbar intakte, HERV-K Proviren wurden 2001 beschrieben, darunter auch das „jüngste“ HERV-K Provirus, HERV-K 113, sein Alter wird auf weniger als 20.000 Jahre geschätzt. Das Provirus liegt auf Chromosom 19p13.11 und ist noch nicht komplett in der humanen Population fixiert. Genotypisierung mit genetisch unterschiedlichen Individuen zeigt eine allele Häufigkeit von 19% [Turner et al. 2001]. Das Provirus kommt bei kaukasischer Bevölkerung eher selten vor, während es bei afrikanischer Abstammung häufiger zu finden ist. Es besitzt vollständige Leserahmen für alle beschriebenen viralen Gene und alle bekannten funktionellen Domänen sind intakt [Moyes et al. 2005]. Daher ist es denkbar, dass ein replikationskompetentes, HERV-Provirus innerhalb der humanen Population existiert.

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Genomische Organisation von HERV-K

Abb. 2.4: Genomische Organisation von HERV-K und gespleißte mRNA Transkripte.
Organisation von HERV-K Proviren des Prototyps und ΔHERV-K. Exprimierte Transkripte der HERV-K Proviren: Vollängen mRNA und gespeißtes env , rec , np9 und das 1,5kb Transkript. Die Kodierung für die entsprechenden Proteine Gag, Protease, Polymerase, Env, Rec und Np9 sind gekennzeichnet [modifiziert nach Löwer et al 1995].

Die Produktion HERV-K spezifischer Volllängen- und gespleißter mRNA konnte in Teratokarzinomzellen und in Melanomen nachgewiesen werden [Löwer et al. 1993, Muster et al. 2003]. Zusätzlich zur Volllängen-mRNA und der einfach gespleißen env-mRNA, werden noch zwei doppelt gespleißte Transkripte gebildet, die für zwei akzessorische Proteine, Rec und Np9, kodieren [Löwer et al. 1995, Armbrüster et al. 2002]. Des weiteren wird ein einfach gespleißtes 1,5kb großes Transkript, mit bis heute unbekannter Bedeutung, exprimiert (siehe Abb. 2.4). Die Expression und das korrekte Spleißen der unterschiedlichen mRNAs ist von Bedeutung, da nur so Proteine gebildet werden, welche mit einer eventuellen Funktion an zellulären Prozessen beteiligt sein können.

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Im Elektronenmikroskop wurden in verschiedenen Teratokarzinom-Zelllinien Retrovirus-ähnliche Partikel gefunden, die als HTDV-Partikel (Human Teratocarcinoma-Derived Virus) bezeichnet werden und deren Ursprung HERV-K ist [Boller et al. 1983, Löwer et al. 1984]. Ähnliche Partikel wurden in Melanomzellen entdeckt [Muster et al. 2003]. RT-Aktivität wurde sowohl in Teratokarzinom-Zelllinien, als auch in Melanomzellen nachgewiesen [Tönjes et al. 1996, Muster et al. 2003]. Die Produktion der anderen Genprodukte und deren enzymatische Aktivität konnte ebenfalls gezeigt werden. So bilden GH-Zellen ein myristiliertes Gag-Vorläuferprotein, das durch autoproteolytische Aktivität der HERV-K Protease prozessiert wird [Boller et al. 1993, Müller-Lantzsch et al. 1993, Schommer et al. 1996, Kitamura et al. 1996], woraus Matrix-, Kapsid- und Nukleokapsidprotein entstehen. In Melanomzellen konnten sowohl prozessierte Gag-Proteine, eine funktionelle Protease, als auch das Env-Vorläuferprotein und prozessiertes TM- und SU-Protein nachgewiesen werden [Muster et al. 2003]. Vor allem das Vorhandensein des Envelope-Proteins und seiner Spaltprodukte ist von Bedeutung, da sie, wenn sie korrekt prozessiert sind, in den extrazellulären Raum gelangen und zugänglich sind (siehe Abb. 2.5).

Abb. 2.5: Envelope Vorläufer Protein und prozessiertes TM-Peptid von HERV-K.
Schematische Darstellung des Envelope Vorläuferproteins, aus dem durch proteolytische Spaltung das Oberflächenprotein und das Transmembranprotein entstehen. Bei dem TM-Protein ist die Anordnung der strukturellen Domänen, Fusionspeptid, Cysteinschleife und Transmembrandurch-gang, dargestellt.

Zusätzlich zu den strukturellen und enzymatischen Proteinen werden zwei akzessorische Proteine, Rec und Np9 [Löwer et al. 1995, Armbrüster et al. 2002], gebildet. Beide Proteine werden von doppelt gespleißter mRNA, von einem zweiten Spleißdonor und -akzeptor Paar im env-Bereich exprimiert (siehe Abb. 2.4). Das HERV-K Prototyp Provirus kodiert für Rec, ΔHERV-K für Np9. Durch die fehlenden 292bp im env-Gen der deletierten Proviren, ist der ursprüngliche zweite Spleißdonor nicht mehr vorhanden. Hierfür entstand ein neuer, für HERV-K Deletionsmutanten spezifischer, Spleißdonor. Zusätzlich führt bei Np9 eine Leserasterverschiebung am Spleißakzeptor dazu, dass ein neues zweites Exon gebildet wird. Env, Rec und Np9 besitzen so identische 15 Aminosäuren des ersten Exons.

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Abb. 2.6: Schematische Darstellung des Rec- und Np9-Proteins von HERV-K.
Schematische Darstellung der exprimierten Proteine Rec und Np9. Dargestellt sind die funktionellen Domänen. NLS Nukleus Lokalisations Signal, NES Nukleus Export Signal, PLZF Promyelozytische Leukämie Zinkfinger Protein, CKII Casein Kinase II Phosphorylierungsstelle (siehe Text).

Rec, ein 14,7kDa Protein, ist funktionell homolog zu Rev von HIV und Rex von HTLV. Analog zu Rev und Rex vermittelt Rec den Transport von mRNA mit definierten Sequenzen bzw. Sekundärstrukturen (RcRE, Rec-Responsive Element) aus dem Kern ins Cytoplasma [Magin et al. 1999, Boese et al. 2000a]. Rec gelangt aufgrund seiner Kernlokalisationssequenz (NLS, nuclear localisation signal) in den Kern, bindet dort an nicht vollständig gespleißte mRNA mit entsprechendem RcR-Element. Anschließend bindet der Komplex aus Rec und mRNA aufgrund der Kernexportsequenz (NES, nuclear export signal) von Rec an den zellulären Exportrezeptor Crm1 (auch Exportin1) und wird durch diesen zurück ins Cytoplasma geschleust [Boese et al. 2000a]. Somit spielt Rec eine wichtige Rolle bei der effizienten Expression von Strukturproteinen von HERV-K. Neben dieser Funktion bindet Rec an das promyelozytische Leukämie Zinkfinger Protein (PLZF) [Boese et al. 2000b], welches eine Rolle bei Zelldifferenzierung, Apoptose und Spermatogenese spielt (Barna et al. 2000, Boese et al. 2000b, Schaknovich et al. 1998]. Zudem besitzt Rec transformierendes Potential. Es unterstützt die Tumorbildung in Nacktmäusen [Boese et al. 2000b] und transgene Mäuse, die Rec in einem induzierbaren Expressionsystem tragen, zeigen eine gestörte Keimzellentwicklung. Zudem bilden sie Karzinom-ähnliche Veränderungen, ein Vorläufer von klassischen Seminomen beim Menschen [Galli et al. 2005]. Die Expression von Rec-Protein konnte auch zuerst in Keimzelltumor-Zelllinien [Löwer et al. 1995, Magin et al. 1999] und Melanomen [Muster et al. 2003] gezeigt werden. Vor allem sein transformierendes Potential machte die Rec-Expression zum Ziel der Untersuchungen nach einer Bedeutung von HERV-K, auch im malignen Melanom.

Das von der HERV-K Deletionsmutante gespleißte Np9-Protein ist 8,7kDa groß und erst seit kurzem bekannt [Armbrüster et al. 2002]. Durch die 292bp Deletion bei ΔHERV-K ist die Spleißdonorstelle im env-Gen nicht mehr vorhanden. Ein doppelter Nukleotidaustausch bei diesen Proviren (TA zu AG) führte zu einem ΔHERV-K spezifischen Spleißdonor. Np9 besitzt drei potentielle Kernlokalisationssequenzen (NLS I bis III) und ist auch dort lokalisiert. Die Expression von np9-mRNA konnte in über 90% aller untersuchten transformierten Zelllinien und in Biopsien von Primärtumoren, Seminomen, Mammakarzinomen und Lymphozyten von Leukämiepatienten, nachgewiesen werden. Im Gegensatz dazu war in Vergleichsproben aus gesundem Gewebe (aus Darm, Magen und Plazenta), Fibroblasten und Lymphozyten keine np9-Expression nachzuweisen [Armbrüster et al. 2002]. Genauso wie die Expression von rec wurde die Expression von np9 vorwiegend in transformiertem Gewebe nachgewiesen und ist somit Ziel der Untersuchungen.

2.3.2 Biologische Bedeutung von HERV-K

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Indirekte Hinweise auf die Expression von HERV-K konnten zunächst in Untersuchungen mit Seren von verschiedenen Patienten gewonnen werden. Bei Patienten mit Hodentumoren oder Leukämien, aber auch bei Schwangeren konnte eine erhöhte ELISA-Aktivität gegen synthetische Proteine von HERV-K gefunden werden [Denner et al. 1995]. So zeigten 45% aller Patienten mit Hodentumor eine Reaktion gegen synthetische Peptide des transmembranen Hüllproteins von HERV-K, darunter 58% mit Teratokarzinom. Erhöhte Antikörpertiter gegen rekombinantes Env-Protein konnten bei 85% der Patienten mit Seminom oder anderen Keimzelltumoren festgestellt werden, vor allem gegen den Anteil des transmembranen Hüllproteins [Sauter et al. 1996]. Weitere Untersuchungen ergaben, dass in Keimzelltumoren auch Proteine von HERV-K, Gag und ENV, nachgewiesen werden konnten [Phelps 1997, Herbst et al. 1998]. Die Tatsache, dass eine humorale und zelluläre Immunreaktion gegen HERV Proteine in Krebspatienten festgestellt wurde, eröffnet die Möglichkeit, diese Antigene eventuell für eine Immuntherapie oder als diagnostisches Mittel zu nutzen. Auch die Expression der mRNA könnte als Tumormarker eingesetzt werden.

Die Transkription der HERV-K Volllängen-mRNA und gespleißter env- sowie rec- und np9-mRNA konnte vor allem in verschiedenen Tumoren festgestellt werden. So wurden gespleißte env- und rec-Transkripte schon vor einigen Jahren in Teratokarzinomen nachgewiesen [Löwer et al. 1993]. Ebenso konnte in Brustkrebs-Zelllinien [Etkind et al. 1997] und später auch in Brustkrebsgewebe [Wang-Johannig et al. 2001] die Expression von HERV-K gezeigt werden. In Melanomzellen konnte sowohl die Expression von Volllängen und gespleißter mRNA, wie auch prozessierte Gag-Proteine, eine funktionelle Protease, und auch das Env-Vorläuferprotein mit prozessiertem TM- und SU-Protein nachgewiesen werden [Muster et al. 2003]. Bei der Maus und anderen Tieren konnte ein Zusammenhang zwischen der Expression endogener Retroviren und Immun- und Tumorerkrankungen nachgewiesen werden [Übersicht Stoye und Coffin 1985]. Beim Menschen allerdings konnte bislang kein eindeutiger Zusammenhang zwischen der Expression retroviraler Sequenzen und der Tumorentstehung gezeigt werden. Es gibt jedoch, wenn auch kontroverse, Hinweise, dass humane endogene Retroviren in der Ätiologie von Autoimmunerkrankungen wie Diabetes mellitus [Conrad et al. 1997], multiple Sklerose [Sugimoto et al. 2001] oder bei systemisch auftretendem Lupus erythematosus [Ogasawara et al. 2001] eine Rolle spielen könnten.

Häufig wirken exogene Retroviren immunsuppressiv und rufen ähnlich wie HIV und HTLV eine generalisierte Immunsuppression hervor [Denner 1987]. Früh konnte gezeigt werden, dass nicht nur infektiöse Viruspartikel, sondern auch inaktivierte Viren die Immunantwort des Wirtes in vivo beeinträchtigen. Diese Immunsuppression wird möglicherweise durch eine hochkonservierte Region im transmembranen Hüllprotein der Viren (ISU) verursacht. In vitro unterdrücken inaktivierte MuLV-, FeLV- und HIV-Partikel, aufgespaltene Viruspartikel, gereinigte Transmembranproteine wie das p15E von FeLV und MuLV und synthetische Peptide wie CKS-17 von MuLV und FeLV verschiedene Immunreaktionen. In vivo wird durch inaktiviertes FeLV sowohl die Makrophagen-Infiltration als auch die Antikörperantwort gegen Zelloberflächen-Antigene gehemmt und die Tumorprogression durch ein Challenge-Virus stimuliert [Oostendorp et al. 1993]. Auch für inaktivierte HIV-1 Partikel und synthetische Peptide der ISU-Region von HIV-1 konnten immunsuppressive Eigenschaften gezeigt werden [Cianciolo et al. 1985, Pahwa et al. 1985, Oostendorp et al. 1993, Denner et al. 1994]. Die Wirkweise des immunsuppressiven Peptids CKS-17 wurde in verschiedenen Studien untersucht und ein Einfluss auf das cAMP-Level und die Aktivität von MAP-Kinasen festgestellt [Haraguchi et al. 1995, Takahashi et al. 2001]. Zudem werden verschiedene Zytokine beeinflusst, so kommt es zu einem erhöhten Level an Typ2 Zytokinen, wie IL-10 und gleichzeitig zu einem verringerten Level an Typ1 Zytokinen wie IL-2, IL-12, Interferon γ (IFNγ) und Tumor Nekrose Faktor α (TNFα). Dieses Ungleichgewicht an Zytokinen beeinflusst die zellvermittelte Immunität negativ [Haraguchi et al. 1995 a und b].

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Eine Veränderung des Zytokinmilieus hat bedeutenden Einfluss auf die Reifung und die nachfolgende Funktion von dendritischen Zellen. Ein so verändertes Zytokinmillieu konnte bei Patienten mit malignem Melanom in den so genannten Wächter-Lymphknoten (Sentinel nodes, SN), den regionalen Lymphknoten, die dem Primärtumor am nächsten liegen, festgestellt werden. Es wird daher angenommen, dass der Primärtumor mit dem lokalen Immunsystem interagiert. Zudem konnte ein immunsupressiver Effekt in diesen Lymphknoten nachgewiesen werden, für den vermutet wird, die schnelle Metastasierung von malignen Melanom zu begünstigen [Lee et al. 2005, Botella-Estrada et al. 2005].

Der Zusammenhang zwischen Entstehung von Tumoren sowie einer beobachteten Immunsuppression und der Expression von HERV-K Sequenzen, im besonderen von TM und Rec, ist noch nicht geklärt. Ergebnisse der bisherigen Forschung auf diesem Gebiet lassen jedoch darauf schließen, dass zumindest eine Verknüpfung dieser beiden Ereignisse besteht, wobei die Art dieser Verbindungen noch unbekannt ist.

2.4  Malignes Melanom

Das maligne Melanom ist der Hauttumor mit dem höchsten Malignitätsgrad und einer hohen und raschen Metastasierungstendenz. Es entsteht intradermal aus Melanozyten oder bestehenden Naevi. Diese befinden sich in der Epidermis, weshalb 90% der Tumore sich primär an der Haut entwickeln. Die Neigung, bereits bei kleiner Tumorgröße zu metastasieren, und eine geringe Ansprechrate auf eine Therapie, sind der Grund für seine außerordentliche Gefährlichkeit [Berking et al. 2005]. Die Ätiologie der malignen Transformation gesunder Melanozyten ist nur teilweise bekannt und obwohl der Anteil an malignen Hautgeschwülsten nur 3% beträgt, werden nahezu alle Todesfälle an malignen Hauttumoren durch das Melanom bedingt [Balch et al. 1992].

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Weltweit nehmen die Erkrankungsfälle an malignem Melanom um 6% pro Jahr zu [Weinstock 1998]. Es gibt jedoch geographische und ethnische Unterschiede. In der weißen Bevölkerung liegt die Inzidenz des Melanoms um bis zu 100mal höher als bei Afrikanern oder Asiaten [Armstrong und Kricker 1995]. In Mitteleuropa liegt die Inzidenz derzeit bei 10-15 Fällen je 100.000 Einwohner [Armstrong und Kricker 1994]. Seit den 40er Jahren verdoppelten sich die Inzidenzraten des malignen Melanoms ca. alle 15 Jahre [Berking 2005]. Die steigende Inzidenz hat mehrere Ursachen, zum einen ein höheres Durchschnittsalter, genetische Dispositionen, immunsuppressive Faktoren sowie geänderte Reise- und soziale Gewohnheiten, die Zahl erlittener Sonnenbrände und das Lebensalter, in dem erstmals eine starke Sonnenexposition erfolgte [Whiteman et al. 2001], zudem eine verbesserte Diagnostik und eine erhöhte Aufmerksamkeit. Im Unterschied zu anderen, malignen Tumoren ist die frühzeitige Entdeckung eines Melanoms relativ leicht möglich, da es durch seinen Sitz an der Haut leicht diagnostiziert werden kann. Das maligne Melanom kann in allen Altersstufen auftreten, vor dem 15. Lebensjahr ist es allerdings selten, gehäuft tritt es zwischen dem 40. und 55. Lebensjahr auf. Die Letalität des malignen Melanoms zeigte bis Ende der 70er Jahre in den westlichen Industrieländern ebenfalls eine ansteigende Tendenz.

Die Zahl der erlittenen Sonnenbrände steht in direkter Korrelation mit der Entwicklung eines Melanoms. UV-Licht ist der wesentlichste heute bekannte krankheitsauslösende Faktor. UV-B Strahlung (280-315nm) ist besonders schädigend, da sie direkte DNA Schäden verursachen kann. Nicht zu unterschätzen ist jedoch auch das Potential von UV-A Strahlung (315-400nm), welche indirekt wirkt und über freie Radikale Mutationen verursachen [Berking et al. 2005, Hussein 2005] aber auch Wachstumsfaktoren stimulieren kann [Herlyn et al. 2000].

Maligne Melanome haben, wie andere Krebsarten auch, einen genetischen Hintergrund. Etwa 10% aller malignen Melanome treten familiär gehäuft auf. Bei Patienten mit familiärem Melanom wurden verschiedene Gene gefunden, die mit dem dysplastischen Nävuszellnävus Syndrom, und dem damit stark erhöhtem Risiko für die Entwicklung eines Melanoms, verbunden zu sein scheinen [Berking et al. 2005]. Die Gene CDKN2A (Cyclin-dependent kinase inhibitor 2A) und CDK4 (Cyclin-dependent kinase 4) sind in die nähere Betrachtung gerückt. CDKN2A auch p16, ein Gen für ein Tumor Suppressor Protein mit einer wichtigen Rolle bei der Zellzyklus Kontrolle und der Apoptose, ist relativ gut untersucht. Mutationen von p16 treten bei 25% der familiären Melanome auf [Hussusian et al. 1994]. CDK4 Mutationen dagegen wurden nur in wenigen familiären Melanomen gefunden [Zuo et al. 1996]. Allerdings konnte bisher weder für familiär auftretende noch spontane Melanome ein einziges verantwortliches Gen gefunden werden, das in einer Mehrzahl der Melanompatienten mutiert oder verändert exprimiert war [Bataille 2003]. Jedoch treten vermehrt Mutationen von N-Ras und p53 (10-20% aller Fälle) [Polsky und Cordon-Cardo 2003, Chudnovsky et al. 2005] und im BRAF-Gen auf (60%). Dieses hat einen Einfluss auf die RAS-RAF-ERK-MAP Signaltransduktion [Andersen et al. 2004]. Die Expression von endogenen retroviralen Sequenzen ist in diesem Zusammenhang noch nicht untersucht worden.

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Klinische Charakterisierung und Diagnose von malignen Melanomen

Die Eindringtiefe des Tumors beim malignen Melanom stellt den wesentlichen prognostischen Faktor dar. Da die Sterblichkeit nahezu linear mit der Eindringtiefe zunimmt, ist die frühe Erfassung des malignen Melanoms die derzeit effektivste Methode zur Senkung der Sterblichkeitsrate. Zur Metastasierung beim malignen Melanom gehören das Volumen des Tumors und die Berücksichtigung regionärer und sich ausbreitender Tumormetastasen. Zur Einordnung in die jeweilige Kategorie wird der vertikale Tumordurchmesser (Tumordicke) als entscheidender Parameter herangezogen [Balch et al. 2000, Balch et al. 2004]. Mikrometastasen werden nach der Biopsie der Sentinel (Wächter) Lymphknoten oder nach der vollständigen Entfernung ausgewählter Lymphknoten diagnostiziert. Die endgültige Diagnose erfolgt durch histologische Aufarbeitung des kompletten Primärtumors.

Stadieneinteilung nach dem American Joint Committee on Cancer [Balch et al. 2000]:

Stadium I

< 1mm

1 - 2mm

Stadium II

2 - 4mm

Stadium III

> 4mm

eine Lymphknotenmetastase oder kutane Metastase zwischen Primärtumor und nächstgelegenem Lymphknoten

Stadium IV

- alle oberen

- eine Lymphknotenmetastase

Mikrometastase

Makrometastase

- zwei bis drei Lymphknotenmetastasen

Mikrometastase
Makrometastase

- 4 oder mehr Lymphknotenmetastasen, Lymphknotenpakete, Kombination von In-transit Metastasen oder ulzerierte Melanome und
Lymphknotenmetastasen

In-transit Metastase(n) ohne Lymphknotenmetastase
entfernte Haut- oder Lymphknotenmetastasen

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Das maligne Melanom kann sowohl primär lymphogen, als auch primär hämatogen metastasieren. Eine Metastasierung kann praktisch in jedes Organ erfolgen. Etwa zwei Drittel aller ersten Metastasen sind jedoch zunächst auf das regionäre Lymphabflussgebiet beschränkt. Bei Fernmetastasen ist eine operative Entfernung bei solitären Metastasen an Leber, Lunge und Gehirns ratsam, da für adjuvante Therapieformen unter Umständen günstigere Voraussetzungen geschaffen werden. Sonstige Fernmetastasen, beispielsweise an der Haut, sollen nur dann chirurgisch entfernt werden, wenn durch ihre Entfernung eine Verbesserung der Lebensqualität der Patienten zu erwarten ist. Nach wie vor stellt die chirurgische Entfernung des Primärtumors die einzig potentiell erfolgreiche Behandlung dar, jedoch werden die Weite der Tumorentnahme und der prophylaktischen, regionalen Lymphknotenentfernung diskutiert. Die Entnahme der Wächter-Lymphknoten ist derzeit die effektivste Methode, um eine Ausbreitung des Melanoms in die regionalen Lymphknoten festzustellen.

Melanome im Stadium II und III haben das höchste Risiko einer Metastasierung. Das Ziel adjuvanter Therapieformen ist es, bei klinischer und radiologischer Tumorfreiheit, die Bildung von Metastasen zu verhindern. Zu den adjuvanten Therapien, welche Anwedung finden, gehören neben der Chemotherapie mit Dacarbacin oder einer Strahlentherapie (vor allem bei inoprrablen oder mehrfach aufgetretenen Rückfällen), die Immuntherapie mit der Gabe von α-Interferon. In zahlreichen weltweiten Studien erscheinen die Vakzinierung mit dendritischen Zellen und gentherapeutische Verfahren als Erfolg versprechende adjuvante Therapieformen. Die Prognose kann mit Bestimmung der Tumordicke und der klinischen Stadieneinteilung gut beurteilt werden. Die 10-Jahres-Überlebenswahrscheinlichkeit liegt bei Vorliegen von Satelliten und In-transit-Metastasen bei 25-40%, bei Vorliegen von regionären Lymphknotenmetastasen bei 15-30% und bei Vorliegen von Fernmetastasen ist die Prognose aussichtslos. Ohne Behandlung beträgt die Überlebenszeit durchschnittlich sechs Monate. Heute ist, trotz der zahlenmäßigen Zunahme, die generelle Prognose des Melanoms besser, da die Tumoren durch frühe Diagnose zum Zeitpunkt der Operation einen geringen Invasionsgrad aufweisen und somit besser heilbar sind [Rath et al. 2004].

2.5  Embryonale Stammzellen

Bis heute gibt es keine eindeutige Antwort auf die Frage: „Was genau ist eine Stammzelle?“. Die vorherrschende Definition lautet, dass Stammzellen ein theoretisch unlimitiertes Teilungspotential besitzen und ihre Tochterzellen eine irreversible terminale Differenzierung zu reifen Zellen durchführen können [Hall und Watt 1989]. Abhängig vom Differenzierungspotential werden Stammzellen als totipotent (Zygote), pluripotent (embryonale Stammzelle) oder multipotent (z.B. mesenchymale und hämatopoetische Stammzellen) bezeichnet [Gage 2000]. Die Proliferation, die Migration, die Differenzierung und die Reifung von Stammzellen während der Embryonalentwicklung und der Aufrechterhaltung aller Zelllinien des adulten Organismus sind komplexe, hoch geordnete und streng regulierte Prozesse. Erstmals ist es auch beim Menschen möglich, die weitgehend unverstandenen, komplexen Prozesse der Gewebedifferenzierung und Organbildung in vitro zu studieren. Die Möglichkeit, pluripotente embryonale Stammzellen in Kultur zu halten, eröffnet neue Möglichkeiten medizinischer Forschung.

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Murine embryonale Stammzellen (ES) wurden schon von ca. 25 Jahren beschrieben, als sie aus der inneren Zellmasse sich entwickelnder Blastozysten gewonnen wurden und es gelang sie in vitro zu kultivieren [Evans und Kaufmann 1981, Martin 1981]. In vitro konnten murine ES-Zellen in undifferenziertem Zustand aufrechterhalten und vermehrt werden, ohne dass sie ihr Potential, sich bei entsprechender Stimulation in alle somatischen Phänotypen zu differenzieren, verloren. Im folgenden wurden ES-Zellen von verschiedenen weiteren Spezies gewonnen, so dass heute ES Zelllinien von Nagern [Evans und Kaufmann 1981, Martin 1981, Doetschman et al. 1988, Innaconne et al. 1994], Kaninchen [Graves und Moreadith 1993] und Primaten [Thomson et al. 1996 und 1998a] erhältlich sind. Humane embryonale Stammzellen wurden schließlich erstmals 1998 isoliert [Thomson et al. 1998b], bis heute ist eine ständig wachsende Zahl an ES-Zelllinien verfügbar [Thomson et al. 1998b, Amit et al. 2000, Reubinoff et al. 2000, Richards et al. 2002, Hovatta et al. 2003, Mitalipova et al. 2003].

Murine ES-Zellen können in Kultur unendlich vermehrt werden, wenn sie auf so genannten Feederzellen (murine embryonale Fibroblasten, MEF) und/oder bei Zusatz von LIF (leukemia inibitory factor) wachsen [Smith et al. 1987]. Auch wenn murine ES Zellen wertvolle Einblicke in die komplexen Prozesse der Gewebedifferenzierung und Organbildung geben, unterscheiden sie sich von humanen ES Zellkulturen. ES-Zellen sprechen nicht auf LIF an und benötigen daher die Kultivierung auf murinen Feederzellen (MEF) sowie die Zugabe von basic fibroblast growth factor [Thomson et al. 1998b, Amit et al. 2000, Reubinoff et al. 2000, Laslett et al. 2003]. Für therapeutische Ansätze ist es allerdings nicht möglich humane ES-Zellen auf murinen Feederzellen oder mit Medium, welches tierisches Bestandteile enthält, zu kultivieren, da das Risiko Pathogene zu übertragen nicht abschätzbar ist [Rippon und Bishop 2004]. Seit kurzem werden daher humane ES-Zellen auf humanen Feederzellen (HFF) und ohne jegliche tierische Produkte, wie Serum, kultiviert [Richards et al. 2002, Amit et al. 2003, Hovatta et al. 2003, Richards et al. 2003].

Verständlicherweise ist die Charakterisierung und in vitro Differenzierung von murinen ES-Zellen entsprechend weiter fortgeschritten als bei humanen ES-Zellen, aber die Differenzierung in Kardiomyozyten, mit der Expression gewebsspezifischer Marker, Strukturproteine und Rezeptoren [Wobus et al. 2001, Boheler et al. 2002], in Chondrozyten [Kramer et al. 2000], Adipozyten [Dani et al. 1997], endotheliale Zellen [Yamashita et al. 2000], aveolares Epithel [Ali et al. 2002], Hepatozyten [Chinzei et al. 2002, Kuai et al. 2003, Rambhatla et al. 2003], Inselzellen [Lumelsky et al. 2001, Kim et al. 2003] sowie in die neuronale Linie [Stavridis und Smith 2003] sind für murine sowie humane ES Zellen beschrieben worden. Bis jetzt beschränkt sich die Differenzierung zumeist auf adhärente Zellkultur, dennoch wird für die meisten therapeutischen Ansätze der Einsatz von differenzierten ES-Zellen in höher organisierten, dreidimensionalen Strukturen unerlässlich sein.

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Auch wenn das Potential des ES-Zellen in der Medizin riesig ist, muss die Sicherheit der differenzierten ES-Zellen gewährleistet sein. So ist zur Zeit das Hauptproblem, dass die verwendeten Protokolle keine zu 100% ausdifferenzierten Zellen gewährleisten können. Das bedeutet, dass ein Teil der ES-Zellen als pluripotente Zellen in der Kultur verbleibt, was das Risiko der Bildung von Teratomen [Rippon und Bishop 2004] birgt. Alle bis heute durchgeführten Transplantationen mit differenzierten murinen ES-Zellen führten zu der Bildung von Teratomen [Wakitani et al. 2003, Teramoto et al. 2005, Fujikawa et al. 2005] und zur anschließenden Zerstörung des Transplantats bzw. des Organs. Diese Probleme könnten mit besseren Differenzierungsprotokollen und der anschließenden Reinigung der differenzierten Zellen gelöst werden. Zu diesen noch immer unzureichend verstandenen Mechanismen der Differenzierung von Stamm- und Progenitorzellen kommt die, ebenfalls noch unzureichend verstandene, Rolle der endogenen Retroviren. Normalerweise ist die Expression endogener retroviraler Sequenzen unterdrückt, jedoch können exogene Faktoren wie UV-Strahlung oder endogene Faktoren wie Zytokine oder Hormone die Expression dieser Sequenzen aktivieren [Ono et al. 1987, Hohenadl et al. 1999]. Differenzierungsprozesse embryonaler Stammzellen werden in vivo wie auch in vitro mit der Modulation der Zytokin- und Hormonmuster eingeleitet und gesteuert [Baylink 1983, Jaiswal et al. 1997, Pittenger et al. 1999, Soukas et al. 2001]. Die Auswirkungen von experimentell eingeleiteten Differenzierungsprozessen auf die Expression von Nicht-Targetgenen, wie zum Beispiel endogene retrovirale Sequenzen, ist bis heute wenig untersucht. Für die osteogene Differenzierung in vitro ist die Aktivierung von HERV-K gag- und env-Sequenzen jedoch beschrieben [Carricasole et al. 2000]. Zudem weisen Untersuchungen darauf hin, dass retrovirale Sequenzen natürlicherweise während der Embryonalentwicklung exprimiert werden [Andersson et al. 2002]. Zahlreiche veränderte Gewebe, wie Tumorgewebe und insbesondere Teratokarzinome weisen die Expression endogener retoviraler Sequenzen und die Produktion von Viruspartikeln auf [Löwer et al. 1993, Armbrüster et al. 2002, Muster et al. 2003]. Neue Techniken wie die Chiptechnologie ermöglichen es, die Veränderungen während des Differenzierungsprozesses auch auf Expressionsebene einer Vielzahl interessanter Gene nachzuvollziehen.

Parallel zu der Abschätzung der Vor- und Nachteile embryonaler und adulter Stammzellen für die Grundlagenforschung und für den Gewebeersatz im Rahmen des Tissue Engineerings, muss die Sicherheit auch in Bezug auf die Expression potentiell tumorigener retroviraler Sequenzen gewährleistet sein.

2.6  Zielsetzung der Arbeit

Die Funktion der humanen endogenen Retroviren (HERVs) ist noch unklar. Aufgrund verschiedener Hinweise auf eine Assoziation der Expression von HERV-K und der Tumorenstehung stellt sich die Frage, ob virale Proteine, wie das transmembrane Hüllprotein, Rec oder Np9, bei der Tumorentstehung oder bei Metastasierungsprozessen involviert sind. Das transmembrane Hüllprotein zeigt in den Extrazellularraum und ist so dem Immunsystem zugänglich. Für Rec und Np9 wurden transformierende Eigenschaften nachgewiesen. Somit sind vor allem diese viralen Proteine und ihre exprimierte mRNA in dieser Arbeit von Bedeutung. Die Expression von HERV-K konnte in verschiedenen humanen Geweben und Zelllinien nachgewiesen werden und erfolgte sowohl für den Prototyp als auch für die Deletionsmutante von HERV-K. Der differenzierte Nachweis von Volllängentranskripten, wie auch für gespleißte mRNA und die entsprechenden Proteine konnten in verschiedenen Tumoren gezeigt werden. Sogar die Produktion von virusähnlichen Partikeln konnte für die Teratokarzinomzelllinie GH gezeigt werden. Erstmals wurde die Expression von mRNA und Proteinen in Geweben und Zelllinien maligner Melanome beschrieben.

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Ziel der vorliegenden Arbeit war es zunächst Untersuchungen über die Expression der verschiedenen HERV-K mRNA Spezies in Melanomgeweben und Melanomzelllinien durchzuführen. Der Status der Expression von HERV-K in verschiedenen Stadien der Krankheit sollte so bestimmt werden. Zudem beschränken sich die meisten Nachweise von HERV-K auf den semiquantitativen Nachweis von Volllängen und gespleißter mRNA, daher sollte ein real-time PCR-System zum quantitativen Nachweis von HERV-K entwickelt werden, um eine Aussage über die Menge an exprimierter HERV-K mRNA treffen zu können.

Parallel sollte die Expression von HERV-K Proteinen in Melanompatienten direkt, in histologischen Schnitten von Melanomgeweben sowie indirekt, über im Serum vorhandene Antikörper gegen HERV-K Proteine, untersucht werden. Hierzu sollten das transmembrane Hüllprotein und das akzessorische Protein Np9 von HERV-K rekombinant hergestellt und spezifische Antiseren generiert werden.

Da eine Anwendung von embryonalen Stammzellen am Menschen in immer greifbarere Nähe rückt, sollte die Expression von HERV-K in Stammzellen und daraus differenzierten Zellen untersucht werden. Dies stellt zusätzliche Informationen zur Einschätzung der Risiken bei der Verwendung embryonaler Stammzellen dar.


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01.12.2006