1  Einleitung

1.1 Problemstellung

↓1

Seit dem Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft 1986 gehört Portugal zu den wirtschaftlichen Schlusslichtern im europäischen Vergleich und hat im Unterschied zu Irland, das heute zur wirtschaftlichen Spitzengruppe gezählt wird, nur geringfügig den Abstand zu den führenden Ländern der Europäischen Union (EU) verringert. Während die Infrastruktur des Landes durch Beihilfen der EU als im Wesentlichen modernisiert gilt und einige bedeutsame Auslandsinvestitionen wie das Autowerk ‘Autoeuropa’ von VW/Ford oder die Chip-Fabrik von Infineon seit Anfang der 1990er Jahre getätigt worden sind, verharrt ein Gutteil der traditionellen Industriebranchen in veralteten Produktions- und Prozessstrukturen. Folge ist eine abnehmende Wettbewerbsfähigkeit des Landes im weltweiten Vergleich, aber auch im innereuropäischen Kontext, da insbesondere die osteuropäischen Beitrittsländer sowohl auf der Kostenseite günstiger als auch in Bezug auf das Bildungsniveau der Beschäftigten bessere Werte vorweisen können und daher für Investoren in lohnkostenintensiven Branchen interessanter sind.

Als Ausweg aus diesen wirtschaftlichen Schwierigkeiten wird allgemein die Förderung von zukunftsträchtigen Wirtschaftsbranchen angesehen. Die IT-Branche gehört, trotz ihrer seit einigen Jahrzehnten andauernden Entwicklung, immer noch zu den stärksten Impulsgebern in einer Volkswirtschaft, da die Penetration der Informationstechnologien in alle Wirtschafts- und Gesellschaftsbereiche hinein zu fortlaufenden Optimierungs- und Veränderungsprozessen führt. Aus wissenschaftlicher und auch wirtschaftspolitischer Perspektive ist es daher von großem Interesse zu verstehen, wie ein Land mit einer eher traditionell geprägten Wirtschaftsstruktur wie Portugal auf die Möglichkeiten der Informationstechnologien reagiert und ob sich daraus ein beschleunigter Konvergenzprozess zur europäischen Spitze ergeben kann.

Auch das Aufkommen der New Economy um die Jahrtausendwende als Begriff und damit verbunden die Erwartung verschiedenster Gesellschaftsakteure wie z. B. des (SACHVERSTÄNDIGENRAT DER BUNDESREGIERUNG, 2000: 127), dass die Wirtschaft fortan nicht mehr zyklisch, sondern kontinuierlich wachsen werde, zeigt die andauernde Bedeutung dieser Branche als Leitbranche für eine Volkswirtschaft. Sowohl in den Medien als auch in Teilen der Wirtschaftswissenschaften wurde angenommen, dass die neuen Informationstechnologien im Gegensatz zu den herkömmlichen Technologien nicht durch die Knappheit ihres Angebots gekennzeichnet seien und ihren Wert darüber definieren würden, sondern gerade durch ihre weltweite massenhafte Verbreitung einen besonderen ökonomischen Wert erlangen und zu einem dauerhaften Wohlstand führen könnten. In Erwartung der starken Verlagerung von den traditionellen Arbeitsweisen (Produktion von Gütern) zu neuen immateriellen Produktionsweisen (Informationsverarbeitung, Kommunikation, Wissensgenerierung) kam es zu einer explosionsartigen Gründungswelle so genannter Dotcoms1, die in einzelnen Fällen innerhalb weniger Jahre manches Unternehmen der so genannten Old Economy an Marktkapitalisierung überholt haben.

↓2

Die erste große Welle von Unternehmensgründungen fand ein jähes Ende kurz nach der Jahrtausendwende (2000/2001). Grund für das Platzen der so genannten ‘Dotcom-Blase’ waren die vielen unausgereiften Geschäftsideen, die zwar in der Anfangseuphorie des Internetbooms hohe Investitionen anziehen konnten, jedoch vielfach nie zu Gewinnen in den Unternehmen führten. Partiell wurden die neuen Technologien überschätzt, daneben in ihrer Breitenwirkung in dieser ersten Phase noch nicht in vollem Umfang verstanden und damit nicht adäquat genutzt. Dennoch zeigt das damalige Geschehen eine grundlegende Veränderung in den Wirtschaftstrukturen der Industrienationen. Nicht nur die reinen Informationstechnologieunternehmen nutzen die neuen Technologien, sondern auch die Unternehmen der Old Economy integrieren diese in zunehmendem Maße in ihre Arbeits- und Produktionsabläufe und verändern damit grundlegend ihre inneren Arbeitsstrukturen.

Mit der zunehmenden Verbreitung des Internets kam es zur gleichen Zeit zu einer breiten wissenschaftlichen Diskussion über das ‘Ende der Distanz’ und auch des ‘Raumes’ in der Geographie (vgl. CAIRNCROSS, 1997 ). Während auf der einen Seite durch die Informationstechnologie Zeit und Raum an Bedeutung zu verlieren scheinen oder zumindest in veränderter Form empfunden werden, erfolgt auf der anderen Seite die verstärkte Wahrnehmung und Diskussion über die Bedeutung physischer Nähe für persönliche Interaktion als wichtiger Faktor für die Innovationsfähigkeit von Unternehmen und Branchen.

Verschiedentlich sind bereits Arbeiten zu Innovationsnetzwerken und in diesem Zusammenhang zur Bedeutung von face-to-face-Kontakten für die Entwicklung nicht kodifizierten Wissens (tacit knowledge) erstellt worden  (vgl. BOSCHMA et al., 2002 ;GLÜCKLER, 2004 ;KIESE, 2004 ). Nicht kodifiziertes Wissen wird im Zeitalter zunehmender Verbreitungsgeschwindigkeit und fast ubiquitärer Verfügbarkeit von Wissen durch das Internet als besonders wertvolles Gut für einen Innovationsvorsprung von Unternehmen angesehen, da dieses in der Regel noch auf einen kleinen Kreis von Personen beschränkt ist. Mit der Vielfalt an neuen Kommunikationsmöglichkeiten wie dem Internet, E-Mail, Skype und anderen Bildübertragungswegen entwickeln sich neue Kommunikationsformen in der Wissensgenerierung zwischen Netzwerkpartnern. Räumliche Nähe der Akteure ist möglicherweise nicht mehr so nötig oder Innovationsnetzwerke können räumlich ausgedehnt werden.

↓3

Die zunehmende Bedeutung von Innovationen und von Wissen dokumentiert sich auch in gesellschaftspolitischen Zielen, wie sie z. B. die Europäische Union (EU) formuliert. So hat die EU in der so genannten Lissabon-Strategie (2000) das Ziel ausgerufen, in den Mitgliedsländern Wissensgesellschaften und Learning econ o mies zu entwickeln. Zentrale Aspekte sind neben den bereits genannten Begriffen wie ‘Innovation(-sfähigkeit)’ und ‘Wissen’ auch der Aspekt des ‘Lernens’, da gerade das ‘lebenslange Lernen’ als Schlüssel für einen Wettbewerbsvorsprung angesehen wird.

Sowohl der Wissensaustausch unter regional vernetzten Wirtschaftsakteuren als auch die damit verbundenen Lern- und Vermittlungsprozesse werden in der aktuellen wirtschaftsgeographischen Forschung als Teilaspekte intensiv diskutiert und in verschiedenen Konzepten, wie dem ‘kreative Milieus-Konzept’, dem ‘Cluster-Konzept’ oder dem ‘Embeddedness-Konzept’ berücksichtigt. Gerade mit dem letztgenannten Ansatz wird versucht, über die Einbeziehung des soziokulturellen Umfeldes, in dem Unternehmen agieren und in dem sie eingebettet sind (lokale embeddedness, vgl. DICKEN et al., 1994 ), die so genannten ‘weichen Standortfaktoren’ in die Erklärung von Wirtschafts- und Innovationsprozessen zu integrieren. Während diese Einbettung durch institutionelle Zusammenhänge wie nationalstaatliche, regionale und lokale Gesetze, Normen und Regeln und durch die Beziehungen zu den anderen Akteuren einer Region charakterisiert werden kann, verbleibt eine deutliche Lücke bei der Berücksichtigung kultureller Einflussfaktoren.

Während allgemein unter Kultur Bräuche, Traditionen, religiöse Überzeugungen und gemeinsame geschichtliche Erfahrungen von Nationen und regionalen Gesellschaften verstanden werden (vgl. KROEBER und KLUCKHOHN, 1952 ), wird im Kontext dieser Arbeit nach den Auswirkungen charakteristischer Verhaltensweisen in ökonomischer Hinsicht gefragt.

↓4

Der Kulturbegriff muss nicht auf nationale oder regionale Aggregate begrenzt bleiben, sondern lässt sich darüber hinaus auch auf die Mikroebene anwenden. So lassen sich oftmals spezifische Unternehmenskulturen feststellen, die nicht nur die innerbetriebliche Organisation und die Arbeitsprozesse prägen, sondern auch im Austausch mit der Umwelt sichtbar werden, indem sie die Beziehungen zu Kunden, Zulieferern, Partnern und Konkurrenten beeinflussen. Gerade im Hinblick auf Netzwerkbeziehungen sind kulturelle Gemeinsamkeiten oder aber Unterschiede oftmals entscheidend für die Intensität und Fruchtbarkeit des Austauschs. Das Scheitern vieler kulturübergreifender Wirtschaftskooperationen belegt dies eindrücklich.

Da in der Politik und Wirtschaftsförderung die Annahme vorherrscht, dass die Informationstechnologiebranche als innovative Branche besondere Bedeutung bei der Wandlung einer nationalen Ökonomie zur Wissensökonomie hat, erscheint es sinnvoll, diese Hypothese an einem geeigneten Beispiel zu überprüfen. Entsprechende Studien liegen für führende Wirtschaftsnationen wie die USA und mehrere europäische Länder bereits vor (vgl. BISCHOFF, 2001 ;CASTELLS, 2001 ;KUHN, 2006: ;OECD, 2001 ). Portugal stellt insofern ein geeignetes Untersuchungsgebiet dar, als es, wie bereits einleitend erwähnt, vielfach zu den Schlusslichtern der EU in Bezug auf den wirtschaftlichen Entwicklungsstand gehört, so dass eine prosperierende IT-Branche einen besonderen Einfluss auf einen wirtschaftlichen Aufholprozess haben könnte.

Zusätzlich wird durch die Berücksichtigung der kulturellen embeddedness von IT-Unternehmen in Portugal eine innovative Betrachtungsweise gewählt, die sowohl was die gängige technisch-ökonomische Perspektive als auch was die Embeddedness-Konzepte anbetrifft eine neue Herangehensweise darstellt. So dominieren bei Länder- oder Regionalanalysen in der Regel die ökonomisch-technischen Einflussfaktoren (Produktionsmittel, natürliche Ressourcen, Infrastruktur, Wirtschaftssystem, Transportkosten etc.), woraus anschließend die Leistungsfähigkeit von z.B. Innovationsnetzwerken oder Innovationssystemen abgeleitet wird. Bei Embeddedness-Untersuchungen werden zusätzlich die institutionellen Einflussfaktoren mit berücksichtigt. Jedoch unterbleibt eine Betrachtung der kulturspezifischen Einflussfaktoren, wie sie in abgewandelter Weise bereits vor mehr als 100 Jahren von Max Weber in seinem berühmten Aufsatz über die ‘protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus’ vorgebracht worden sind (vgl. WEBER, 1904 (1934) ). Erst in jüngerer Zeit werden wieder vermehrt die soziokulturellen Einflussfaktoren bei ökonomischen Entscheidungsprozessen als wichtig angesehen und in die Erklärung ökonomischer Vorgänge integriert (vgl.KLUMP, 1996 ).

1.2 Ziele, Leitfragen und Aufbau der Arbeit

↓5

In erkenntnistheoretischer Hinsicht sind einige Vorbemerkungen zur vorliegenden Arbeit nötig. Da ein Dissertationsprojekt immer auch ein kleines Forschungsabenteuer ist, während dessen neue wie auch teilweise altbekannte oder sogar bereits vergessene Erkenntnisse vom Autor entdeckt und in den Entwicklungsprozess integriert werden, stellt sich am Ende des Weges eine teilweise veränderte Perspektive auf den ursprünglich intendierten Untersuchungsgegenstand dar. Dem sozialgeographischen Hintergrund des Autors ist es zuzuschreiben, dass diese Arbeit einen konstruktivistisch-systemtheoretischen Ansatz verfolgt. Gemäß diesem Verständnis werden ökonomische Innovationsprozesse einerseits durch das Handeln einzelner Akteure auf der Mikroebene ‘konstruiert’ und beeinflusst. Andererseits lassen sich die Akteure auch zu Gruppen zusammenfassen und systemisch begreifen. Diese Gesellschaftssysteme können durch gemeinsame Werte, Normen und Verhaltensweisen im semiologischen Sinne als regionale und nationale Kulturräume bezeichnet werden. So ist zwar der Raum als solcher nicht mehr Explanans oder als Forschungsobjekt konzipierbar (vgl. HARD, 1993 ), aber die systemische Konstruktion Gesellschaften in Regionen und in nationaler Abgrenzung zu anderen Gesellschaftssystemen verlangt den Vergleich zwischen denselben, sodass deren Handlungen möglicherweise in unterschiedlicher physischer Verortung sichtbar und deutbar werden.

In der deutschsprachigen Geographie findet seit Jahren eine intensive Diskussion um Kultur statt, die sich u.a. in dem Begriff des Cultural Turns und zahlreichen Forschungsprojekten zum Thema ausdrückt (vgl. EHLERS, 2007 ;GEBHARDT et al., 2003 ). Zentraler Gedanke dieser ‘neuen Kulturgeographie’ ist die Betonung der konstruierten Wirklichkeit, die sich auf verschiedenen Feldern der Alltagswelt untersuchen und kulturell deuten lässt (vgl. GEBHARDT et al., 2007 ).

In gewisser Hinsicht reiht sich die vorliegende Arbeit in diesen Kontext ein, ohne sich explizit dazu zählen zu wollen. Ein Grund mag sicherlich die Vorsicht des Autors gegenüber wissenschaftlichen Modetrends zu sein, die immer die Gefahr der Überstrapazierung und Überinterpretation von theoretischen Konzepten beinhaltet. Für wesentlich hält er die Frage, wozu diese kulturelle Perspektive in wirtschaftsgeographischer Hinsicht dienlich sein kann. Oder anders ausgedrückt: Wann sind soziokulturelle Einflussfaktoren im ökonomischen Kontext relevant und damit erklärungsbedürftig, und wo lassen sie sich kulturübergreifend beobachten und/oder übertragen?

1.2.1  Ziele und Leitfragen der Arbeit

↓6

Die Arbeit hat drei übergeordnete Ziele:

Erstes Ziel (Empirie): Darstellung und Analyse der Innovationsnetzwerke in der portugiesischen IT-Branche. Lassen sich veränderte Formen des Informations- und Wissensaustauschs beobachten und welche Rolle spielen räumliche und kulturelle Einflussfaktoren?

Zweites Ziel (Theorie): Kritische Analyse von für die Arbeit relevanten wirtschaftsgeographischen Konzepten. Mit welchem Konzept können die empirischen Ergebnisse theoretisch begründet werden und welche Veränderungen bzw. Erweiterungen erscheinen notwendig?

↓7

Drittes Ziel (Politik): Ableitung von Handlungsempfehlungen für die befragten IT-Unternehmen und für die wirtschaftspolitischen Akteure. Wie lässt sich eine höhere Innovativität in den Einzelunternehmen anstoßen und an welchen Stellen müssen gesellschaftliche Veränderungen stattfinden, um wirtschaftlich aufholen zu können bzw. um den Wandel in die Wissensökonomie zu unterstützen?

Vor dem Hintergrund der portugiesischen Situation und der theoriebezogenen Forschungsdefizite lassen sich folgende Leitfragen formulieren:

1. Analyse der IT-Branche Portugals in räumlicher Perspektive:

↓8

2. Weiterentwicklung des embeddedness-Konzepts, um eine umfassendere und realitätsnähere Analyse der Innovationsnetzwerkstrukturen zu ermöglichen:

↓9

3. Analyse der Rahmenbedingungen Bildung, Lernfähigkeit und ‘Nationales Innovationssystem’:

1.2.2  Aufbau der Arbeit

Die Arbeit gliedert sich wie folgt:

↓10

Im ersten Teil wird der theoretische Hintergrund für die vorliegende Analyse der Innovationsnetzwerke von IT-Unternehmen in Portugal erarbeitet (Kap. 2). Ausgehend vom Begriff der New Economy (Kap. 2.1), soll knapp der fundamentale Wandel in den wirtschaftlichen Prozessen und Strukturen nationaler Ökonomien aufgezeigt werden sowie die Schwierigkeiten, diesen Wandel adäquat zu beschreiben und zu erklären. Die durch die Computertechnologien erwachsenen Veränderungen in der Beschaffung, Verarbeitung und Anwendung von Informationen animieren zu neueren, teilweise noch unscharfen bzw. noch nicht befriedigenden Theorieansätzen für die aktuellen Wirtschaftsprozesse und wirtschaftsräumlichen Strukturen.

Nach der Klärung der Begriffe Wissen und Lernen (Kap. 2.2) und deren Relevanz für die Innovativität von Unternehmen und Ökonomien werden im Kapitel 2.3 der Innovationsbegriff und dessen Umfeld näher analysiert. So werden Innovationen durch Lernprozesse und Wissensumsetzung bestimmt und in ihrem Entwicklungsprozess durch wiederholte Überprüfung und einen mehr oder weniger großen Austausch mit der Umgebung beeinflusst. Dieser Innovationsprozess wird von Stephen Kline und Nathan Rosenberg in Form des ‘interaktiven Innovationsmodells’ beschrieben, wobei durch die Berücksichtigung von räumlicher und kultureller Einbettung eine Erweiterung des Modells stattfinden soll. Diese veränderte Perspektive verweist auf die bisher zu wenig berücksichtigten externen Einflussfaktoren, die im bisherigen Modell untersozialisiert und nicht räumlich dargestellt sind.

Neben dem internen Innovationsprozess sind die Netzwerkbeziehungen von Unternehmen ein weiterer entscheidender Faktor für die eigene Innovativität (Kap. 2.3.2). Aufgrund hoher Komplexität bei Produkt- und Prozessinnovationen lassen sich immer seltener Innovationen ohne informelle oder formelle Netzwerke generieren.

↓11

Eine andere Perspektive wird in Kap. 2.3.3 durch die Beschreibung der verschiedenen Innovationssystemtypen eröffnet. Insbesondere die Ergänzung durch Institutionen und sonstige direkt und indirekt beteiligte Akteure im Innovationsprozess von Unternehmen verdeutlicht den systemischen Charakter. Die Fokussierung auf ‘räumliche Innovationssysteme’ ist dabei von besonderem Interesse, da sie auf den verschiedenen geographischen (regionalen/metropolitanen und nationalen) Bezugsebenen die Rückbindung aller unternehmerischer Akteure in den Realraum verdeutlichen und sich daraus zwingend Konsequenzen im Handeln des Einzelnen oder von Gruppen ergeben.

Einen Schritt weiter geht es in Kapitel 2.4, in dem sowohl nach gängigen geographischen Erklärungsansätzen für regionalwirtschaftliche Prozesse gefragt als auch deren Brauchbarkeit für die vorliegende Analyse diskutiert wird. Der Ansatz zu ‘kreativen Milieus’ und der Cluster-Ansatz werden aufgrund ihrer potenziellen Deutungskraft für das vorliegende Beispiel detaillierter dargestellt. Im ersteren Fall stehen hinter dem Milieubegriff ein regionalspezifisches Verhalten und eine sozio-institutionelle Einbettung, welche positiv auf den wirtschaftlichen Erfolg einer Region einwirken sollen. Im zweiten Fall stehen die Agglomeration von Unternehmen und deren Vernetzung untereinander und mit anderen wirtschaftsrelevanten Akteuren in einer Region im Mittelpunkt der Erklärungen. Beide Ansätze sind zwar in der Wirtschaftsgeographie gängig, jedoch erscheint es im Zusammenhang mit der vielfältigen Kritik an ihnen sinnvoll, gerade im konkreten Fall Portugals bzw. Lissabons den Effekt von Agglomerationsvorteilen in Metropolregionen als weiteres potentielles Erklärungselement einzuführen. Es ist zu vermuten, dass in der vorliegenden Analyseregion mehrere Ansätze in Konkurrenz zueinander treten und partielle Erklärungen ermöglichen, während eine einseitige Erklärung und scharfe Trennung unwahrscheinlich ist.

Durch die Berücksichtigung der sozio-institutionellen Einflussfaktoren auf den Innovationsprozess wird ein zusätzliches Erklärungselement eingeführt (Kap. 2.5). Der Fokus wird von der stärker räumlich manifesten Perspektive, dargestellt durch die Agglomeration der Unternehmen in einer Region, um die zwischenmenschliche Perspektive in den Netzwerkbeziehungen erweitert. Deren Funktionieren hängt fundamental von Vertrauen und Reputation auf der einen Seite, sowie räumlicher und kultureller embedde d ness auf der anderen ab.

↓12

Um die IT-Branche Portugals besser einordnen zu können, wird im Vorlauf dazu in Kapitel drei ein kurzes wirtschaftsgeographisches Portrait Portugals entworfen, welches die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung in den letzten drei Dekaden beschreibt.

Der empirische Teil der Arbeit (Kapitel 4) gliedert sich in zwei große Bereiche, die sich sowohl bezüglich der Maßstabsebene als auch der methodischen und theoretischen Vorgehensweise deutlich von einander unterscheiden. Während die Auswertung der statistischen Daten auf nationaler und regionaler Ebene stattfindet, wird bei der Analyse der befragten Unternehmen das Augenmerk auf die Mikroperspektive unternehmerischen Handelns gerichtet.

Zunächst wird die Untersuchungsmethodik dargestellt (Kap. 4.1) und das breite Spektrum der verwendeten Datenquellen für den empirischen Teil der Untersuchung vorgestellt.

↓13

Anschließend wird Kapitel 4.2 in Vorbereitung auf die mikroperspektivische Analyse eine Branchencharakterisierung der Informationstechnologieunternehmen in Portugal vorgenommen.

Die Unterkapitel 4.2.2.1 bis 4.2.2.3 widmen sich einer differenzierten Darstellung der befragten Unternehmen, wobei das Hauptaugenmerk auf die regionale Verteilung der Unternehmenssitze, deren Unternehmensstrukturen und Absatzmärkte und deren Forschungs- und Entwicklungsbemühungen gerichtet wird, da diese Aspekte grundlegende Informationen für eine weitergehende wirtschaftsgeographische Analyse liefern.

Der Prämisse folgend, dass die (Wirtschafts-)Geographie nicht nur durch ihre räumliche Perspektive, sondern auch durch ihre kartographischen Darstellungen aus der Masse der (wirtschafts-)wissenschaftlichen Disziplinen heraussticht und durch die räumliche Fokussierung deren blinde Flecken bei der Analyse wissenschaftlicher Fragestellungen reduzieren hilft, folgen im Kap. 4.2.3 kartographische Darstellungen der IT-Unternehmenssitze in Portugal.

↓14

Während die vorherigen Kapitel die IT-Branche auf der Makro- bzw. Mesoperspektive betrachten, wird in Kapitel 4.3 der Fokus auf die einzelnen analysierten Unternehmen und deren räumliche Verknüpfungen gerichtet. Die Ermittlung der räumlichen Nähe bzw. Distanz zu Kunden, Zulieferern und Konkurrenten ermöglicht es, neben der Frage nach der räumlichen Struktur der Netzwerkbeziehungen und deren Bedeutung für die Innovationsfähigkeit der Unternehmen ergänzend ein vervollständigtes Bild der räumlichen Bezüge der Unternehmen zu zeichnen, da trotz aller Diskussionen über die ‘Vernichtung der Distanz’ durch das Internet weiterhin reale Personen hinter den Unternehmen stehen und agieren.

Bezug nehmend auf die vorangestellte theoretische Diskussion über die Bedeutung von räumlicher und kultureller Nähe bzw. Einbettung der Unternehmen in ihr regionales Umfeld wird in Kapitel 4.4 die Einbettung der IT-Unternehmen in ihre nationale und teilweise sogar regionale Kultur vorgestellt.

Ausgehend von der theoretischen Herausarbeitung von Innovationen und Innovationsprozessen werden im Kapitel 4.5 die Innovationsbemühungen der befragten Unternehmen vorgestellt. Ausgedrückt wird dies in den absoluten Zahlen der geschaffenen Innovationen, den Forschungs- und Entwicklungsausgaben und den beteiligten Mitarbeitern sowie durch Diskussion fördernder oder hemmender Einflussfaktoren. Gleichzeitig bilden diese Informationen zur Innovativität der befragten Unternehmen den Vorlauf für den zentralen Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit, die regionalen Innovationsnetzwerken der IT-Unternehmen in Portugal.

↓15

Zentrales Ziel der Befragung war die Informationsgewinnung zur Charakterisierung der Innovationsnetzwerke in den einzelnen IT-Unternehmen (Kap. 4.6). Deren räumliche Ausdifferenzierung soll Hinweise auf die Relevanz von Nähe für die Innovationsfähigkeit der IT-Unternehmen geben, wobei durch die Unterscheidung zwischen formellen und informellen Partnerschaften auch die Bedeutung der soziopsychologischen Einflussfaktoren auf die Netzwerkbeziehungen herausgearbeitet werden soll.

Wegen der fundamentalen Rolle von Wissen und Lernen bzw. Bildung als Schlüsselfaktoren für die Innovationsfähigkeit nicht nur einzelner Unternehmen, sondern auch von ganzen Regionen und Staaten wird im letzten Teil der Empirie (Kap. 4.7) das Nationale Innovationssystem Portugals (NIS) vorgestellt und ergänzend das portugiesische Wissenschaftssystem als Substruktur mit Stärken und Schwächen. Das ermöglicht es, die Erhebungsergebnisse in den Kontext von Bildung und Innovationsfähigkeit einzuordnen und Schlussfolgerungen für Wirtschaft und Politik zu ziehen.

Im Fazit (Kap. 5) werden durch die Beantwortung der Leitfragen die wesentlichen Ergebnisse des empirischen Teils rekapituliert und in Beziehung zueinander gesetzt. Dabei gilt es zum einen die Übertragbarkeit der wirtschaftsgeographischen Theorien auf den vorliegenden Fall abschließend zu beurteilen, und zum anderen Handlungsvorschläge für die wirtschaftspolitischen Akteure in Portugal zu formulieren.


Fußnoten und Endnoten

1  Mit Dotcoms sind Unternehmen der Informationstechnologiebranche gemeint, die im Zusammenhang mit der Verbreitung des Internet entstanden sind und vorrangig Inhalte und Technologien für oder in Verbindung zu diesem entwickeln.



© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 4.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
26.05.2009