2 Von der Wissensökonomie zur embeddedness von Unternehmen

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Volkswirtschaftliche Veränderungsprozesse lassen sich auf unterschiedlichen Maßstabsebenen untersuchen. Auf der Makroebene werden die gesamtwirtschaftlichen Zusammenhänge, wie z. B. Arbeitsmarktveränderungen oder Finanzmarktbewegungen dargestellt und analysiert. Dadurch lassen sich Trends erkennen und Prognosen wagen, auf deren Basis wiederum einzelwirtschaftliche Entscheidungen auf der Mikroebene getroffen werden können. Auf der Mikro- bzw. Betriebswirtschaftlichen Ebene werden die Interdependenzen zwischen einzelnen Wirtschaftssubjekten, wie den Unternehmen, den Haushalten und dem Staat untersucht. Die Interdependenzen auf den Ebenen und auch zwischen denselben lassen sich zumeist räumlich-geographisch abbilden, wobei es zu gegenseitigen Einflüssen zwischen den volks- und einzelwirtschaftlichen Subjekten und den Räumen kommt, in denen sie agieren.

Um zu verstehen, wie ein Segment der Wirtschaft, in diesem Fall die Informationstechnologiebranche (IT-Branche), sich entwickelt und inwieweit dies durch einzelwirtschaftliche Einflussfaktoren beeinflusst wird, z. B. durch die Innovationsbereitschaft und -fähigkeit der Unternehmen, ist es notwendig sich von mehreren Seiten dem Analysegegenstand zu nähern. Vorab sollen aber zuerst die volkswirtschaftlichen Veränderungen, die sich durch die Informationstechnologie ergeben haben, vorgestellt und gesamtwirtschaftlich eingeordnet werden (Kap. 2.1). Anschließend soll im Kap. 2.2 mit dem Wissensbegriff die Schlüsselressource zum Verständnis der sich herausbildenden Wissensökonomie vorgestellt werden. Dabei soll auf die besondere Bedeutung der Wissensaneignung für die Innovationsfähigkeit von Gesellschaften bzw. Unternehmen hingewiesen werden. Im dritten Teil (Kap. 2.3) soll der Innovationsbegriff, dessen räumlich-geographischen Netzwerkbeziehungen und systemische Ausprägungen beschrieben werden. Danach (Kap. 2.4) soll eine Verknüpfung zur regionalen Mesoebene hergestellt werden, indem jüngere wirtschaftsgeographische Theorieansätze vorgestellt und auf ihre Brauchbarkeit für das vorliegende Beispiel geprüft werden. Der letzte Theorieteil (Kap. 2.4.4) wiederum wendet sich der Frage zu, inwieweit Unternehmen lokal und regional eingebettet sind und welche Bedeutung diese Einbettung auf die Innovationsfähigkeit der Unternehmen hat.

2.1 Was ist von der New Economy übrig geblieben?

Die mediale Euphorie über die New Economy in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre und die Diskussionen nach dem Platzen der sog. Dotcom-Blase 2001 animierten dazu, dieses Phänomen wirtschaftlichen Wandels näher zu untersuchen. Auch in Portugal wurde in den Medien, in der Wirtschaft und in der Wissenschaft über diesen Wandel diskutiert und dessen Bedeutung für das eigene Land herausgestellt (vgl.BARATA SALGUEIRO et al., 2002 ).

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Bei der näheren Beschäftigung mit dem Begriff New Economy fällt auf, dass eine Präzisierung recht schwierig ist. Das hängt damit zusammen, dass andere konkurrierende Begriffe ebenfalls dazu dienen, die Veränderungen der wirtschaftlichen Vorgänge in den letzten 15-20 Jahren zu beschreiben. Informationswirtschaft oder -gesellschaft und Wissensökonomie oder -gesellschaft, um nur einige zu nennen, werden ebenfalls als Bezeichnungen für diese Veränderungen geführt.

Der Begriff New Economy kam in den 1990er Jahren auf und setzte sich insbesondere in den Medien schnell durch, da er in seiner Kürze und Einfachheit eine vermeintlich eingängige Erfassung der rasanten Entwicklung des Informationstechnologiesektors (IT-Sektor)2 ermöglichte. Eine fundamentale Rolle wurde dabei dem Internet zugewiesen, das sich immer mehr zum weltweiten Massenphänomen entwickelte und dabei vermeintlich völlig neue Wirtschaftsprozesse geschaffen hat.

Der französische Ökonom Jean Gadrey beschreibt anschaulich in seinem Buch ‘New Economy – New Myth’, wie diese ‘neuen’ Technologien zu großer Beliebtheit in Wirtschaft und Politik kamen:

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The new economy became the darling of the business media, and the government (USA) in turn made it its hobby-horse, its efforts culminating in the publication in June 1999 of the Department of Commerce report“ (GADREY, 2003: 7).

Die Verfechter der New Economy charakterisieren diese sogar als Sinnbild eines neuen Paradigmas, wonach nicht mehr die materiellen Güter als wichtigste wirtschaftliche Grundlage zu betrachten seien, sondern Information und Wissen als Basis aktuellen wirtschaftlichen Geschehens anzusehen seien (vgl. WIRTZ, 2001: 16f.). Der Wirtschaftssoziologe Manuel Castells beschreibt Mitte der 1990er Jahre das Aufkommen der New Economy als ein historisches Ereignis, das vergleichbar mit der industriellen Revolution sei und eine veränderte Basis für Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur darstelle (vgl.CASTELLS, 1996: 29f.).

Bereits in den 1970er Jahren haben Autoren wie Daniel Bell (1975 ) in seinem, inzwischen zum Wirtschaftsklassiker gewordenen Buch ‘Die nachindustrielle Gesellschaft’ und Marc Uri Porat (1977 ) in seiner Dissertation zur Information Economy auf die steigende ökonomische Relevanz von Information und Wissen hingewiesen. Aber erst durch die unvorhergesehen schnelle Expansion des Internets in den 1990er Jahren als ‘Trägermedium’ von Informationen und Wissen und den daraus folgenden neuen Anwendungen, Produkten und Dienstleistungen wurde vermeintlich eine qualitativ neue Form der Wirtschaft sichtbar (vgl.SCHMIDT, 1999 ).

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Auch in Portugal findet eine intensive Rezeption des New Economy-Begriffs in der wissenschaftlichen Community statt. So erschien z. B. im Jahr 2002 eine Studie über die zu erwartenden ‘Herausforderungen der New Economy für Lissabon’ unter der Koordination der Stadtgeographin Teresa Barata Salgueiro (vgl. BARATA SALGUEIRO et al., 2002 ). Darin beschreiben die Autoren die Veränderungen der Wirtschaftsprozesse allgemein, die sich aus den Informationstechnologien und der wachsenden Bedeutung von Wissen für die Gesellschaft ergeben. Für sie steht aber weniger eine rein ökonomische Betrachtung im Vordergrund als vielmehr der Wandel zu einer Wissensgesellschaft, die durch die neuen Technologien und Wirtschaftsprozesse ermöglicht wird.

Inzwischen wird nur noch eingeschränkt von einer ‘neuen Ökonomie’ gesprochen und noch weniger von einem neuen Paradigma. So widerlegt Dirk Pauschert (2005 ) in seiner volkswirtschaftlichen Dissertation recht deutlich die Darstellung, die New Economy stelle ein neues Paradigma dar bzw. sie habe durch ihre inneren Strukturen und Gesetze eine völlig neue Form des wirtschaftlichen Handelns hervorgebracht. In seiner gründlichen Analyse kommt er zu zweierlei Ergebnissen: zum einen, dass „das alte und neue vorherrschende wissenschaftliche Paradigma in der Wirtschaftswissenschaft (...) die Neoklassik“ ist (Kursiv im O., ebd. 284;ALBERT, 1998) 3, und zum anderen, dass auch aus der historisch-dialektischen Perspektive4 nicht von einem neuen Paradigma gesprochen werden kann, da Wissen und Information in denselben neoklassischen Denkformen verwendet werden wie in den vorhergehenden Jahrzehnten.

Was seiner Meinung nach zumindest teilweise auf eine wesentlich neue Situation durch die New Economy hinweist, sei die Höherentwicklung der bestehenden Industriewirtschaft und somit „diese stetige Veränderung (...) aus Perspektive des historisch-dialektischen Paradigmas auf die sukzessive dialektische Aufhebung der Industriewirtschaft hin“ (Kursiv im O., ebd. 287). Als Fazit kommt er zu der Feststellung:

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Es ist „uns bisher aber unmöglich, diese Höherentwicklung begrifflich auf den Punkt zu bringen. Die New Economy ist in ihrer Form nicht Industriewirtschaft. Der Begriff der New Economy ist – als realwirtschaftliche und wirtschaftswissenschaftliche Veränderung – jedoch auch nicht zutreffend. Wissen wir also nur, was wir nicht wissen?“ ( Kursiv im O., 289)

Eine mögliche Antwort auf diese Frage kann lauten, dass man zumindest von einem grundlegenden strukturellen Wechsel des bisherigen Akkumulationsregimes und seiner Regulation sprechen kann. So steht für den Ökonomen Kurt Hübner (2005 ) das Platzen der so genannten ‘Internet-Blase’ weniger für ein vorzeitiges Ende einer New Economy als vielmehr für die fehlenden Regulationsweisen für ein neues sich entwickelndes Akkumulationsregime.

In the best case, this type of crisis leads to a new socio-economic technological paradigm, which is characterized by a complementarity between the mode of regulation and the regime of accumulation.” (ebd.10 )

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Somit geht es eher um ein besseres Verständnis dieser Veränderungen und der davon betroffenen bzw. daran beteiligten Faktoren und Institutionen. Insbesondere soll es um die analytische und empirische Klärung der Beziehungen zwischen technologischen und sozialen Innovationen gehen, da diese sich in einem veränderten wirtschaftlichen Umfeld neu (zueinander) positionieren müssen. Zum anderen soll es um eine Verknüpfung von Wirtschaftstheorien über Innovationen mit der räumlichen Dimension ökonomischer Aktivitäten gehen:

„In such a perspective it comes as no surprise that a careful analysis of the spatiality of economic globalization shows that the free movement of finance, capital, goods and services has not resulted in the death of distance but given the notion of space an even higher relevance than before. This seems particularly true for the process of innovation. Despite the fact that information can flow across borders faster and cheaper than ever before, knowledge still keeps its sticky character due to much of its tacit properties. Geographic proximity may be essential at least for some forms of knowledge-based production.” (ebd. 13f.)

Besser ist es daher von der Wissensökonomie zu sprechen, wobei auch dieser Begriff zuerst einer Definition bzw. Eingrenzung bedarf.

2.2 Auf dem Weg in die Wissensökonomie

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Wie bereits im vorhergehenden Kapitel angedeutet, verdeutlichen eine ganze Reihe von Be-griffen den Wandel von Gesellschaft und Wirtschaft in den letzten drei bis vier Jahrzehnten: Der Weg geht von einer fordistischen Industriegesellschaft hin zu einer flexiblen Dienstleistungs-, Wissens-, oder Informationsgesellschaft bzw. Dienstleistungs-, Wissens- oder Informationsökonomie (vgl. CASTELLS, 2001 ;MEUSBURGER, 1998 ;OECD, 1996 ).

Um sich nicht in der Vielfalt der Begriffe und Definitionen zu verstricken, erscheinen im Hinblick auf die beabsichtigte Untersuchung Beschränkungen und Präzisierungen nötig. Da im vorliegenden Fall die Perspektive auf die geographisch-ökonomischen Innovationsprozesse und deren Dimensionen in der Informationstechnologiebranche gerichtet ist, kann der Fokus der theoretischen Betrachtung auf die ökonomischen Implikationen von Wissen gelegt werden. Da jedoch wirtschaftliche Prozesse immer auch als Prozesse im System ‘Gesellschaft’ betrachtet werden können, beziehen sich die definierten Begrifflichkeiten größtenteils auch auf gesellschaftliche Prozesse und Phänomene.

Wenn im Folgenden über Wissen und seine Funktion in ökonomischen Zusammenhängen diskutiert wird, dann soll vorab angemerkt werden, dass der Wissensbegriff weiter gefasst werden kann als es in den meisten wirtschaftswissenschaftlichen Publikationen und in der Wirtschaftspolitik getan wird. Oftmals wird Wissen mit Information gleichgesetzt, obwohl Wissen sehr viel mehr ist als Information oder vielmehr Information als eine „Vorstufe oder Rohstoff des Wissens“ betrachtet werden muss (MALECKI, 2000: 70). Malecki grenzt daher den Begriff knowledge von data und information auf der einen und competence, creativity und wisdom or nirvana auf der anderen Seite ab. Bezogen auf knowledge schreibt er: „Structurally ordered information includes reflection, synthesis, and context. Information laden with experience, truth, judgment, intuition and values. Concepts, ideas and patterns are subsets of knowledge. Often tacit, hard to transfer“ (KUHN, 2006: 335).

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Wissen wird im Zusammenhang mit ökonomischen Prozessen als ein immer wichtigerer Bestandteil erkannt und als eine der verschiedenen Kapitalformen (Humankapital) definiert. In Bezug auf die wissensbasierte Ökonomie wird Wissen nach zwei Arten differenziert, implizitem bzw. stillem Wissen (tacit knowledge) und explizitem bzw. kodifiziertem Wissen (codified knowledge). Eingeführt vom Philosophen Polanyi (1962, zit. in: NONAKA undTAKEUCHI, 1997: 23) und weiter entwickelt bzw. verändert von den japanischen Managementforschern Ikujiro Nonaka und Hirotaka Takeuchi (2006 ), drückt implizites Wissen nicht bereits artikuliertes bzw. ausformuliertes Wissen aus. Explizites Wissen beschreibt hingegen Wissen, welches bereits in gedruckter oder anderer Form festgehalten ist und somit auch leichter zu verbreiten ist.

In der Regel wird davon ausgegangen, dass implizites Wissen, da nicht bereits formuliert bzw. noch in einer Person gebunden, nur durch individuelle Aktivität übertragbar ist und damit einen ‘Seltenheitswert’ gegenüber explizitem Wissen hat, das reproduzierbar und käuflich erwerbbar ist und in der heutigen Zeit durch das Internet sogar rasch ubiquitären Charakter erhält und damit keinen größeren Wettbewerbsvorteil darstellt. Tatsächlich ist die Abgrenzung zwischen implizitem und explizitem Wissen nicht so eindeutig, wie es scheint. So weist Michael Kuhn (2000: 25ff.) darauf hin, dass implizites Wissen durchaus oft übertragen wird, da es in vielen alltäglichen Situationen benutzt wird. Wenn z. B. ein Trainer seinem Trainee sein implizites Wissen mitteilt, wird daraus nicht automatisch dauerhaft explizites kodifiziertes Wissen, da es beim Trainee ebenfalls in Verbindung zu anderem bereits vorhandenen implizitem Wissen hinzugewonnen wird und damit auch weiterhin als implizites Wissen in der Person verbleibt. Der Ökonom Ernst Helmstädter (2000: 121) präzisiert diesen Vorgang in seinem Modell der Wissensdiffusion und des Lernens (Abb. 1). Die Tatsache, dass in diesem Modell in einem Zwischenschritt auch explizites Wissen erzeugt wird, bedeutet nicht automatisch, dass es auch, wie allgemein behauptet, leicht verfügbar bzw. leicht zu übertragen ist. Die Vorbildung des Senders und auch die des Empfängers, beeinflussen die Übertragbarkeit vom Sender bzw. Aufnahmefähigkeit des Empfängers.

Abb. 1: Modell der Wissensdiffusion und des Lernens 

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Quelle: (KUHN, 2006: 121)

Kuhn (2006: 26) kommt daher zu dem Schluss, dass es weniger um die Differenzierung dieser beiden Wissensarten gehen muss, sondern eher um die Lernprozesse, die dabei eine Rolle spielen:

This is somewhat confusing: Firstly, we were told, in contrast to codified knowledge, tacit knowledge is not easily transferable; now we are told that it ‘can be learnt’ or ‘shared’ trough ‘interactive learning’. But is learning not by its nature ‘interactive’ and is interactive learning not the most normal, or even the only possible way to ‘transfer’ knowledge? What is the problem with tacit knowledge? Who does not want to say that learning of any knowledge is ‘not easy’? Learning is learning and always requires some intellectual ‘loops’, as not only pedagogies know. Any learning is ‘not easy’ and any knowledge must be acquired, because the learner does not have it, so it needs to be ‘transferred’” (ebd. 27).

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Weiter stellt er in Frage, dass tacit knowledge, wenn es nicht übertragbar ist, tatsächlich als solches bezeichnet werden kann, jedoch wenn es doch übertragbar wäre, es dann keinen Sinn machen würde, zwischen tacit kno w ledge und codified knowledge zu differenzieren, da sie dann beide mehr oder weniger schwer zu übertragen sind. Er stellt somit eine verbreitete Definition der beiden Begriffe zur Disposition und sieht eher die ‘Lernprozesse’ als das Schlüsselelement bei der Wissensverbreitung bzw. dessen Nutzung an.

Aber auch beim expliziten Wissen merkt Kuhn an, dass dieses z. B. von den Wirtschaftswissenschaftlern Bengt-Åke Lundvall und Susanna Borras (2002 ) falsch interpretiert wird. Während von diesen und auch allgemein in der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur von einer leichten Übertragbarkeit und Verfügbarkeit von kodifiziertem Wissen ausgegangen wird (BATHELT und GLÜCKLER, 2002: 57)5, bezweifelt er diese Annahme. So sind seiner Meinung nach in erster Linie Informationen gemeint, die leicht weitergegeben werden können. Jedoch ist kodifiziertes Wissen vielfach kontextualisiert und erfordert somit ‘Vorwissen’ um es verstehen bzw. nutzen zu können. Dafür sind wiederum Lernprozesse Voraussetzung, sodass für Kuhn diese Lernprozesse wichtiger als die Informationen an sich sind. Da jedoch ‘nur’ die Informationen handelbar bzw. übertragbar sind, werden diese, im Verhältnis zum ‘körperlich gebundenen’ Wissen in einem viel deutlicherem Maße monetär bewertet.

Das Dilemma für ein Unternehmen besteht zumeist darin, auf der einen Seite möglichst gute Mitarbeiter mit einem großen Maß an implizitem Wissen beschäftigen zu wollen, jedoch auf der anderen Seite mit der Gefahr zu leben, dass diese das Unternehmen verlassen und damit gerade dieses für den Betriebserfolg relevante Wissen (an andere Unternehmen) verloren gehen könnte. Der Versuch wiederum dieses Wissen in kodifizierter Form zu fassen ermöglicht zwar anschließend eine Übertragbarkeit und die Reduktion der Kosten, da die Informationserfassung nur einmal als Kostenfaktor auftaucht – im Gegensatz zum Mitarbeiter, der permanent einen Kostenfaktor darstellt – es verliert jedoch rapide an Wert, sobald es die eigenen ‘Mauern’ verlässt bzw. wenn es nicht weiter entwickelt wird6. Ebenso ist zu berücksichtigen, dass implizites Wissen teilweise nur schwer in explizites Wissen umgewandelt werden kann, da es sich z. B. um unbewusste Routinen handelt.

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„Menschen wenden fortwährend etablierte Routinen an, die sie wie im Beispiel des Anlagen- und des Autofahrers nicht mehr reflektieren und folglich auch nicht mehr explizit erläutern können“ (LUNDVALL und JOHNSON, 1994: 57).

Zurückkehrend zum Ausgangspunkt der beiden Wissensarten, lassen sich nach B-Å. Lundvall und Björn Johnson (1994: 27f.) das implizite und explizite Wissen in weitere Untertypen unterteilen. Implizites Wissen wird dabei differenziert nach dem, was an Fähigkeiten und Kenntnissen zum Handeln vorhanden ist (Know-how), sowie nach dem, wie (über soziale Netzwerke) an Kenntnisse gelangt werden kann (Know-who). Beim kodifizierten Wissen gibt es zum einen das Faktenwissen bzw. die Information (Know-what) und zum anderen die (wissenschaftlichen) Erkenntnisse über das Warum bzw. Wie von Natur und Gesellschaft (Know-why). Während das Know-how sowohl im Individuum bzw. in einem Unternehmen gebunden ist, gewinnt in Zeiten der Komplexitätszunahme wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Prozesse das Know-who an Bedeutung, da sich insbesondere Innovationen in zunehmenden Maße nur noch im Verbund mit anderen Akteuren generieren lassen (vgl. Kap. 2.3.2).

Die unterschiedlichen Wissensarten weisen in ihrer Differenziertheit auf die Prozesse der Wissensgenerierung und -übertragung hin. Lehr- bzw. Lernprozesse spielen dabei eine immer wichtigere Rolle. Lundvall und Johnson (1962 ) sprechen daher auch lieber von einer Learning econ o my im Gegensatz zu einer Knowledge economy, da sich damit die Dynamik des Lernprozesses deutlicher dokumentieren lässt als im eher statischen Begriff der Knowledge economy. Verschiedene Typen von Lernprozessen lassen sich dabei im ökonomischen Ablauf dokumentieren.

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Der erste Lernprozess wird durch learning by searching charakterisiert. Für die Erweiterung der unternehmenseigenen Wissensbasis sind Such- und Forschungsprozesse notwendig. Das Suchen von Informationsquellen über neues Wissen und Technologien sowie damit verbunden die systematische Forschung und Entwicklung im Unternehmen und in Kooperation mit anderen Akteuren kennzeichnen diesen Typ.

Als zweiten Lernprozess hat der bekannte Ökonom und Nobelpreisträger Kenneth J. Arrow bereits (1962) das learning by doing beschrieben. Es bezieht sich auf das produktionsbezogene Lernen, welches als Nebenprodukt der alltäglichen Produktionserfahrungen ‘abfällt’. Davon wäre als dritter noch das Learning by using zu unterscheiden, welches vom Innovationsforscher Nathan Rosenberg (1992: 120f.) als das Ergebnis von Lernprozessen in der Anwendung von Innovationen in der Praxis anzusehen ist und somit zu weiteren inkrementalen7 Innovationen führt (z. B. im Produktdesign oder der Prozessoptimierung). Neben den produktionsbezogenen Lernprozessen gibt es noch den Bereich des qualifikationsbezogenen Lernens, das sich in die beiden Teilbereiche learning through training und learning by hiring gliedern lässt. So können sich aus der Fortbildung der Mitarbeiter und der Rekrutierung neuer Arbeitskräfte Lernprozesse ergeben, die zum Aufholen von technologischen Lücken oder Rückständen dienen.

Als letzten zunehmend wichtigen Lernprozess ist das learning by interacting zu nennen, welches insbesondere die Innovationsnetzwerke in den Vordergrund stellt (vgl. Kap. 2.3.2). Der Wissensaustausch zwischen den Akteuren führt zur Bildung neuen Wissens im Unternehmen und wird damit zur Basis neuer Innovationen (vgl. OECD, 1996 ).

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Neben einer eher individuellen Wissensaneignung und -verwendung lässt sich Wissen auch gesamtgesellschaftlich betrachten bzw. in seiner Wirkung diskutieren. In einer Veröffentlichung der OECD (2000: 7) werden in diesem Zusammenhang Ökonomien als wissensbasiert definiert, wenn deren Hauptbasis die Produktion, Distribution und Anwendung von Wissen und Informationen ist. Welche Probleme eine solch allgemeine Definition hervorruft, zeigt Keith Smith in seiner Publikation für die Europäische Kommission:

This definition is a good example of the problems of the term, for it seems to cover everything and nothing: all economies are in some way based on knowledge, but it is hard to think that any are directly based on knowledge, if that means the production and distribution of knowledge and information products.” (KIESE, 2004: 2).

Für ihn lassen sich dennoch vier Perspektiven in Bezug auf die Wissensökonomie bzw. auf die wissensbasierte Ökonomie herausarbeiten:

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Sowohl die gesamtwirtschaftliche als auch die individuelle Perspektive in Bezug auf Wissen und dessen Aneignung bzw. Verwertung zeigt dessen zunehmende Bedeutung im unternehmensinternen Kontext. Es ist wesentliche Basis für die Generierung von Innovationen und nimmt insbesondere in der analysierten Informationstechnologiebranche eine Schlüsselposition im Innovationsprozess ein.

Auch zeigt die Diskussion um die verschiedenen Wissensarten und deren Wert bzw. deren immer schnelleren Entwertung durch permanente Lernprozesse, dass der Fokus von der Betrachtung des Wissens auf die Betrachtung der Lernprozesse gerichtet werden muss. Gerade in einer Branche, in der Produkt- und Prozessneuerungen eher in Wochen und Monaten als in Jahren zu beobachten sind, ist die Fähigkeit zur optimalen Nutzung der verschiedenen Lernvarianten (learning by searching, learning by doing, learning by using, learning by hiring, learning by interacting und learning through training) überlebensnotwendig.

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Zu vermuten ist daher, dass durch die detaillierte Beobachtung der verschiedenen Aneignungsprozesse in den IT-Unternehmen Portugals sichtbar wird, inwieweit diese Einfluss auf die Innovativität und damit auch auf den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens selbst haben können (vgl. Kurzdefinitionen S. 3 und 5 des Fragebogen; im Anhang 4).

Nicht zuletzt verweisen die Lernprozesse in den Unternehmen auf die Bildungsvoraussetzungen bei den Mitarbeitern bzw. der gesamten Gesellschaft hin. Ohne zu ‘lernen’ wie man lernt, kann kein Unternehmen auf Dauer erfolgreich sein. Die (Vor-)Bildung der Mitarbeiter ist daher auch von besonderem Untersuchungsinteresse und soll ebenfalls analysiert werden.

2.3 Innovationen – Motoren in der Wissensökonomie

Die Fülle an wissenschaftlicher Literatur über Innovationen und Innovationssysteme, die in den letzten 20 bis 30 Jahren erschienen ist, verdeutlicht den hohen Stellenwert, der von der scientific community diesem Aspekt in der Welt der Ökonomie beigemessen wird. Die Bedeutung von Innovationen für den dauerhaften Erfolg von Unternehmen ist bereits seit langem bekannt. Dass darüber hinaus Innovationen entscheidend in der zunehmenden globalen Vernetzung von Unternehmen und Ökonomien mitbeteiligt sind, wird erst langsam von den Akteuren begriffen. Daher wird diesem Aspekt in der Unternehmens- und Marktanalyse von Ökonomen, Sozialwissenschaftlern und natürlich auch Wirtschaftsgeographen ein großer Teil der Forschungsbemühungen gewidmet.

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Trotz der vielfältigen wirtschaftsgeographischen Literatur gibt es noch Forschungsbedarf zu den unterschiedlichen Wirkzusammenhängen von Innovationen und ihren räumlichen Ausprägungen und ihren gegenseitigen Beeinflussungen. Insbesondere die veränderten Rahmenbedingungen durch eine weiterhin zunehmende internationale Vernetzung und die anhaltende Weiterentwicklung von Volkswirtschaften zu Informations-/Wissensökonomien mit neuartigen Unternehmensstrukturen und auch -kulturen animieren zu einer genaueren Analyse und Suche nach befriedigenden Erklärungsansätzen dieser ‘neuen‘ Ökonomien aus räumlicher Perspektive. Vorab soll in den folgenden Unterkapiteln eine Präzisierung der Begriffe Innovation, Innovationsnetzwerke und -systeme erfolgen. Im letzten Unterkapitel wird das Innovationsmodell nach Rosenberg und Kline in erweiterter Form vorgestellt. Vorgreifend auf das Kapitel 2.4.8 wird ein Zusammenhang zwischen dem Innovationsprozess und der Bedeutung der sozialen Einflussfaktoren hergestellt, um so den Innovationsprozess realitätsnäher und vollständiger abzubilden.

2.3.1  Unternehmens-Innovationen

Innovation sind elementare Voraussetzungen für einen dauerhaften Erfolg von konkurrierenden Unternehmen und damit auch von Volkswirtschaften. Porter stellt z. B. im Zusammenhang mit der Entwicklung von Wettbewerbsvorteilen fest, dass diese „grundsätzlich aus Verbesserung, Innovation und Veränderung“ erwachsen (kursiv im O.,KIESE, 2004: 596). Der Rahmen, in dem sich Innovationsprozesse in Unternehmen abspielen, und welche Elemente daran beteiligt sind, sollen daher im Folgenden näher beschrieben werden.

Eine erste grundlegende Definition von Innovation im Zusammenhang mit wirtschaftlichem Handeln hat der Wirtschaftsklassiker Joseph A. Schumpeter (1934) gegeben. Nach ihm sind Innovationen:

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Ausgehend von seiner Definition wurden in den letzten Jahrzehnten eine Fülle von Ansätzen und Theorien entwickelt, die ein besseres Verständnis von Innovationsprozessen geben können. Einen guten Überblick gibt es hierzu im Oecd – Oslo Manual von (2005b: 29), das fünf entscheidende Faktoren für den Innovationsprozess nennt. So ist es unerlässlich zu verstehen:

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„The ultimate reason is to improve firm performance, for example by increasing demand or reducing costs“ (ebd. 29). Dazu dienen entweder neue Produkte, die es einem Unternehmen ermöglichen einen Wettbewerbsvorteil gegenüber seinen Konkurrenten zu erzielen, indem es eine neue oder höhere Nachfrage am Markt induziert, oder die Produktivität wird durch Prozessinnovationen erhöht, sodass in beiden Fällen ein größerer Gewinnanteil erzielt werden kann. Auch kann durch Produktdifferenzierung oder durch die Eroberung neuer Märkte ein Wettbewerbsvorteil erzielt werden.

Innovationen sind nicht nur das Ergebnis der Umsetzung von Kenntnissen, sie können selbst zur Herausbildung von neuem Wissen in Unternehmen beitragen und somit Anstoß zu neuen Innovationen geben. Dass dieser Prozess nicht linear verläuft, wird in dem Modell von Kline u. Rosenberg (2005a ) deutlich (s.u.). Die Produktion und Verwaltung neuen Wissens hat aber auch noch andere Aspekte. Während der Weg zu einer Innovation zumeist mit deutlichen Kosten verbunden ist, ist oftmals die Verbreitung derselben kaum mehr zu verhindern, sobald eine Innovation die Öffentlichkeit erreicht hat. Folge ist, dass Unternehmen versuchen diese Verbreitung zu kontrollieren bzw. zu begrenzen, indem sie z. B. Patente erwirken.

„Appropriation is an important factor in innovation, given that research results and new technologies often have aspects of a public good, as the costs of making them available to many users are low compared to their development costs. (...) Therefore, the ability to protect innovations will have an important influence on innovation activity“ (KLINE und ROSENBERG, 1986: 30).

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Einerseits entsteht durch Innovationen die Hoffnung auf Wettbewerbsvorteile, andererseits verbleibt eine große Unsicherheit bezüglich des Erfolgs einer Innovation (vgl. PORTER, 1991 ). Neben einer Vielzahl von externen Unsicherheitsfaktoren, wie beispielsweise bezüglich Nachfragepotential, Akzeptanz und eventuell konkurrierender Neuerungen, bestehen auch interne Unsicherheiten wie z. B. bezüglich Dauer und Kosten der Produkt- oder Prozessentwicklung. Porter verweist in diesem Zusammenhang auf die innovationshemmenden Faktoren in einem Unternehmen, wie z. B. bisher erfolgreiche Organisationsrichtlinien, denen eine Innovation zwangsläufig zuwider laufen muss. „Vor allem in einem erfolgreichen Unternehmen wirken starke Kräfte gegen eine Veränderungsstrategie.“ (2005: 598)

Neben den Produkt- und Prozessinnovationen stellen neue Marketingstrategien einen weiteren wichtigen Innovationsbereich dar. Hier spielen Gestaltung/Design, Verpackung und Preis des Produktes eine wichtige Rolle (vgl. FISCHER undFRÖHLICH, 2001 ).

Wie bereits in Kapitel 2.2 herausgearbeitet hat bereits kodifiziertes Wissen in der Regel einen geringeren Wert für Innovationsprozesse, da potentielle Mitbewerber ebenfalls darauf zugreifen können. Eine große, bisweilen entscheidende Bedeutung hat bei der Nutzbarmachung die Frage, wie groß der finanzielle oder personelle Aufwand für ein Unternehmen ist, um diese Art von Wissen zu erlangen. Dem impliziten Wissen kommt dagegen eine bedeutendere Rolle im Innovationsprozess zu, da es durch seine nicht-kodifzierte Form nur dem jeweiligen Unternehmen zur Verfügung steht. In der Realität ist die scharfe theoretische Trennung zwischen allgemein verfügbarem expliziten Kenntnissen und unausgedrücktem Insider-Wissen oft gar nicht so scharf gegeben. Deshalb kommt den Kontakten, der ‘Nähe’ zu Wissensträgern im Innovationsprozess oft eine hohe Bedeutung zu.

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“In most cases, a piece of knowledge can be located somewhere in a range between the completely tacit and the completely codified. Knowledge is always at least partly tacit in the minds of those who create it. (…) Knowledge closer to the frontier, and thus more recent, is likely to be more tacit than knowledge that is already established. The partly tacit character of knowledge is likely to be responsible for the importance that localised networks of personal contacts have for innovation activities of firms in some metropolitan regions” (ESSLETZBICHLER, 2002: 3).

Aus ökonomisch-evolutionärer Perspektive muss betont werden, dass Innovationen in der Regel nicht reine Zufallserscheinungen sind, wie sie als Mutationen in einer biologistischen Evolutionstheorie vertreten werden, sondern Neuheiten, die aktiv gesucht werden (vgl. DOSI, 1997 ). Firmen, die Innovationen schaffen möchten, müssen technische und wirtschaftliche Potentiale identifizieren (vgl. ANDERSEN, 1995 ), wobei sie dabei in einem pfadabhängigen Prozess stehen, in dem Wissen und Technologie, wie in der folgenden Aufzählung vom dänischen Ökonom Esben Sloth Andersen (1988 ) beschrieben, durch Interaktion zwischen den verschiedenen Akteuren und anderen Faktoren entwickelt werden. Er betont, dass:

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Neben der Frage nach den Akteuren sind Ablauf und Resultat ‘normaler’ Innovationsprozesse von Interesse, um den Weg von Innovationen besser beschreiben und wenn möglich auch vorhersagen bzw. unterstützen zu können. Giovanni Dosi (1997 ), einer der bedeutendsten Innovationsforscher, identifiziert fünf Elemente, die im Innovationsprozess eine Rolle spielen. Diese sind:

Aus dieser postulierten Pfadabhängigkeit des Innovationsprozesses ergibt sich die Frage nach der Möglichkeit für technologisch rückständige Regionen und Länder, wie sie aufholen bzw. zu den führenden Nationen aufschließen können. Manche Autoren geben Belege dafür, dass Länder auch ‘Sprünge’ machen können, sodass ein Land oder eine Region von einer niedrigeren – in diesem Fall – technologischen Entwicklungsstufe auf eine höhere Stufe springen kann, wobei mögliche Zwischenstufen übersprungen werden (Leapfrogging-Hypothese). Dies wird z. B. vom Wirtschaftsgeographen Sam Ock Park (1989 ) für Süd-Korea beschrieben. Unter räumlichem Aspekt gleichermaßen relevant ist die Hypothese vom Zeitfenster möglicher Standortbildung (windows of locational opportunity) nach Michael Storper und Richard Walker (1986 ), wonach Unternehmen mit neuen Fertigungen aufgrund ihrer temporären Monopolmacht die freie Standortwahl haben, sodass sich bisher benachteiligte Regionen eine Chance schnellen Aufholens (catching-up) eröffnet. Umgekehrt bedeutet es aber nicht, dass dies für jede rückständige Region zutreffen muss. Nicht industrialisierte, periphere Regionen mit z. B. niedrigem Arbeitskräfte- und Absatzpotential werden in der Regel keine Chance auf Entwicklung bekommen.

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Während für Schumpeter der Innovationsprozess eine lineare Entwicklung darstellte, ist heute unbestritten, dass dieser keineswegs planmäßig und linear verlaufen muss, sondern vielmehr durch Wiederholungsroutinen und Rückkoppelungen geprägt ist. Ergänzend stellt Kondratieffs ‘Modell der langen Wellen’ den Einfluss von Basisinnovationen auf den gesamtwirtschaftlichen bzw. -gesellschaftlichen Entwicklung dar und verdeutlicht damit die mögliche Breitenwirkung einer Innovation.

Kline und Rosenberg (2002: 290) haben aus dieser Kritik heraus das interaktive Innovationsmodell entwickelt, welches in verschiedenen Abwandlungen eine große Verbreitung und Akzeptanz im wissenschaftlichen Bereich gefunden hat (vgl. MALECKI, 1991, 116 zit. in: BATHELT und GLÜCKLER, 2002: 242). Grundlage des (veränderten) Modells (Abb. 2 ) ist die zentrale Innovationskette, die vom potentiellen Markt ausgehend über Ideengenerierung und Produktentwurf, Prototyp-Test, Pilotproduktion bis zur Markteinführung bzw. Distribution geht. Innovationen werden demnach durch einen potentiellen Markt ‚hervorgerufen’ (demand pull), während im linearen Modell noch von einem Ursprung in der wissenschaftlichen Forschung ausgegangen wird (science push).

Abb. 2 Interaktives Innovationsmodell adaptiert nach Kline und Rosenberg

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Quelle: verändert nach Kline und Rosenberg 1986, 290

Dabei spielen mögliche Rückkoppelungen zwischen den einzelnen Innovationsschritten eine wichtige Rolle, da sie helfen, das entstehende Produkt zu verbessern bzw. durch die Berücksichtigung von nachgelagerten Entwicklungsstufen Produktspezifizierungen zu antizipieren. Eine weitere wichtige Rolle spielen die potentiellen Kunden, die ebenfalls in den verschiedenen Entwicklungsstufen Einfluss nehmen und damit eine bessere Adaptation des Produkts für die eigenen Bedürfnisse ermöglichen.

Entscheidende Einflussfaktoren sind in dem Modell das existierende Wissen innerhalb und außerhalb des Unternehmens und die Möglichkeit, darauf und auf das bestehende Forschungssystem zurückgreifen zu können, wenn es keine unternehmensinternen Lösungen für Probleme im Innovationsprozess gibt. Betont wird auch, dass sich durch diese Prozesse auch radikale Innovationen bilden können, die dann eventuell sogar zu neuen technologischen Entwicklungspfaden führen können.

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Bei der Präsentation dieses veränderten interaktiven Innovationsmodells muss auf zweierlei Einflussfaktoren hingewiesen werden, die den Innovationsprozess maßgeblich beeinflussen. Erstens steht jedes Unternehmen in einem geographischen Kontext, der z. B. durch räumliche, zeitdistanzielle oder soziale Nähe bzw. Ferne den Zugriff auf Wissenschaft und Forschung erleichtern oder aber beschränken kann. Zweitens beeinflusst die kulturelle Einbettung des Unternehmens die Fähigkeit, Wissen zu akquirieren bzw. in den Innovationsprozess zu integrieren. Beide Faktoren bewirken eine Beschränkung des Unternehmens in seiner Entwicklung, sodass auch von einem „technologischen oder unternehmensspezifischen Entwicklungspfad“ gesprochen werden kann (vgl. CANTWELL und FAI, 1999, zit. in: KIESE, 2004: 243f.).

Das interaktive Innovationsmodell weist durch seinen systemischen Charakter auf die Notwendigkeit hin, sowohl die Netzwerke des innovierenden Unternehmens zu berücksichtigen als auch die räumlichen und sektoralen Innovationssysteme (vgl. Kap. 2.3.3) mit einzubeziehen. Darüber hinaus müssen die dahinter liegenden verschiedenen räumlichen und kulturellen Einbettungsebenen, wie sie später vorgestellt werden, im Verlauf der Innovationskette berücksichtigt werden (vgl. Kap. 2.4.7).

2.3.2  Innovationsnetzwerke

Ähnlich wie beim New Economy-Ansatz ist als erstes festzustellen, dass der Begriff Netzwerk geradezu inflationär und dabei oft in terminologischer Unschärfe verwendet wird. Beispielsweise wird oftmals von Netzwerken gesprochen, obwohl die Beziehungen zwischen den Akteuren eher als feste Kooperationen bzw. sonstige Austauschformen bestehen, sei es, dass marktmäßige oder auch hierarchische Steuerungsmodi vorliegen (vgl. SCHENK, 1984 ). Die vielfältigen Ansätze zur Theorie der Netzwerke machen es dabei notwendig, nach einer kurzen allgemeinen Definition von Netzwerken sich speziell auf Innovationsnetzwerke von Unternehmen zu beschränken.

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Die verschiedenen Netzwerkdefinitionen können durch einen gemeinsamen Kern charakterisiert werden. So werden Netzwerke als soziale Organisationsform beschrieben, die sich von physischen Netzen, wie z. B. Computernetzen oder Telekommunikationsnetzen unterscheiden (vgl. JANSEN, 1999 ). Beteiligt an diesen Netzwerken sind Akteure, z. B. Personen oder korporativ verfasste Personengemeinschaften, wie Unternehmen, staatliche oder private Institutionen (vgl. BUTZIN, 2000 ). Differenzieren lassen sich diese Netzwerke nach ihren Funktionen und unterschiedlichen Organisations-, Steuerungs- und Wirkungsstrukturen (vgl. SCHENK, 1984 ). Es gibt soziale (vgl. MAYNTZ, 1997 ), politische (vgl. SYDOW, 1992 ) und wirtschaftliche Netzwerke (vgl. SCHENK, 1984 ).

Soziale Netzwerke heben sich nach dem Soziologen Michael Schenk von Verhaltens- oder Handlungsweisen einzelner Individuen dadurch ab, dass sie die Beziehungen zwischen Personen beschreiben. Dabei ist von besonderem Erkenntnisinteresse, inwieweit das Netzwerk als solches das Handeln des Einzelnen oder der Gruppe beeinflusst (vgl. MAYNTZ, 1997: 30f.).

Was die politischen Netzwerke anbetrifft, sieht die Soziologin Renate Mayntz deren Hauptentstehungsgrund in der gewachsenen Bedeutung von formalen Organisationen in fast allen Sektoren der Gesellschaft. Die damit verbundene zunehmende Fragmentierung von Macht auf verschiedene korporative Akteure, wie große Unternehmen, Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften, etc. führt zu einer Machterosion in der Legislative und Exekutive. Durch Politik-Netzwerke versucht man dieser Entwicklung gerecht zu werden, indem man z. B. die verschiedenen gesellschaftlichen Akteure im politischen Entscheidungsprozess zusammenbringt. „Das Aufkommen von Policy-Netzwerken hat daher zwei wichtige Implikationen: es ist ein Zeichen für einen ‘schwachen’ Staat, aber es signalisiert gleichzeitig Sensibilität für die erhöhte Komplexität politischer Herrschaft und für zunehmende Konsensbedürfnisse in modernen demokratischen Gesellschaften“ (FRITSCH, 2001: 241f.).

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Während bei sozialen Netzwerken die Beziehungen zwischen drei9 oder mehr individuellen Akteuren im Vordergrund stehen, erweitert sich diese Beziehungsfunktion bei ‘Unternehmensnetzwerken’ um den Leistungs- und Ressourcen-Austausch und die daraus entstehenden gegenseitigen Abhängigkeiten (vgl. HÅKANSSON und JOHANSON, 1993 ). Sie werden jeweils durch mehrere Akteure in den beteiligten Unternehmen kontrolliert und gelenkt, wobei sich daraus indirekt auch die übrigen Netzwerkpartner beeinflussen lassen (vgl. BUTZIN, 2000: 44).

Unternehmensnetzwerke können als eine Hybridorganisation bezeichnet werden, da sie eine Transaktionsform zwischen den beiden Polen ‘Markt’ (potentiellen, aber persönlich ungebundenen Akteuren) und ‘Hierarchie’ (weisungsgebundenen Akteuren) darstellen. Das ‘Hybride’ daran ist nach Håkansson das Zusammenwirken von ‘Persönlichem’ und ‘Allgemeinen’ (Markt, Betriebsorganisation). Beide Extreme sind in der realen Welt nicht in ‘Reinform’ anzutreffen, bzw. würden in ihrer Logik zu erheblichen Nachteilen für die Unternehmen führen, da sie destabilisierende und dysfunktionale Folgen hervorbringen. Das könnten beispielsweise durch Hierarchien hervorgerufene Verhaltenszwänge für den rangniedrigeren Akteur im Netzwerk sein oder soziale und umweltbezogene Verwerfungen, die durch einzelne Netzwerkakteure hervorgerufen werden (vgl. KIESE, 2004 ;MAYNTZ, 1997 ).

„Demgegenüber scheint das Netzwerk mindestens potentiell in der Lage zu sein, Dysfunktionen zu vermeiden, indem es die für Marktteilnehmer typische Autonomie mit der Fähigkeit von Hierarchien kombiniert, bewusst Ziele zu verfolgen und ihre Handlungen im Hinblick auf ihre antizipierten Folgen bewusst zu kontrollieren“ (SYDOW, 1992: 247).

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Neben diesem Verständnis von Unternehmensnetzwerken als einer intermediären Organisationsform zwischen Markt und Hierarchie lassen sich nach Jörg Sydow Unterne h mensnetzwerke auch in strategische und regionale Netzwerke differenzieren (vgl. PIORE und SABEL, 1984 ). Ein strategisches Netzwerk ist für ihn vorwiegend hierarchisch-pyramidaler Natur und wird von einem (oder einigen wenigen) Unternehmen dominiert. Der Zweck von strategischen Netzwerken ist, durch die strategische Metakoordination der ökonomischen Aktivitäten im Netzwerk eine Optimierung der Individual- und Kollektivziele und damit eine partielle Potentialerweiterung zu erreichen.

Ausgehend von der Beobachtung, dass weltweit Regionen zu finden sind, die sich durch flexible Kooperationen von kleinen und mittleren Unternehmen charakterisieren lassen, beschreibt Sydow zusätzlich den Typus des regionalen Netzwerks (vgl. ebd.). Im Vergleich zu strategischen Netzwerken sind die geschäftsbezogenen Beziehungen bei den regionalen Netzwerken weniger langfristig ausgerichtet und stärker auftragsbezogen, wodurch es gegebenenfalls auch zu simultanen Wettbewerbs- und Kooperationsverhältnissen kommen kann (vgl. SAXENIAN, 1991: 294). Weitere wichtige Merkmale sind die über die reinen sozioökonomischen Verbindungen hinaus reichenden politischen, religiösen und kulturellen Bande. Sie führen zu einer gemeinsamen regionalen Identität und üben gleichzeitig kontrollierende Funktionen aus, indem bei Fehlverhalten von Einzelnen soziale Sanktionen ausgeübt werden und in wirtschaftlichen Notsituationen fürsorgend tätig werden. Darüber hinaus scheinen regionale Netzwerke geeignet zu sein, die Kosten und Risiken bei Produktinnovationen zu reduzieren, indem diese auf mehrere Akteure im Netz verteilt werden (vgl. COOKE, 2002: 424).

Beide Netzwerktypen stehen nicht zwingend im Widerspruch zueinander, sondern können auch parallel vorhanden sein, so ist eine Trennung zwischen diesen beiden Typen gerade bei größeren Konzernen aufgrund ihrer vielen Netzwerkbeziehungen kaum möglich.

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Ergänzend sieht Philip Cooke (1992: 112) in seinem Standardwerk zur Knowledge Economy, Unternehmensnetzwerke durch weitere Aspekte gekennzeichnet:

Während Unternehmensnetzwerke umfassend die Beziehungen eines Unternehmens zu allen unternehmensrelevanten Akteuren beschreibt, fokussiert sich der Blick bei der Beschreibung von Innovation s netzwerken auf die für die eigene Innovativität bedeutsamen Akteure und vor allem auf die Interaktion mit diesen. Innovationsnetzwerke lassen sich daher in Anlehnung an die in Kap. 2.3.1 bereits beschriebenen Unternehmensinnovationen durch Learning by interacting charakterisieren (vgl. FISCHER und FRÖHLICH, 2001 ). Den Netzwerkpartnern kommt dabei eine wichtige Rolle zu, da sie durch den wechselseitigen Austausch von ‘kodifiziertem’ und insbesondere ‘implizitem’ Wissen (tacit knowledge) zur Generierung von Produkt- und Prozessinnovationen beitragen (vgl. KOSCHATZKY, 2001 ).

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Neben dem Austausch von Wissen und dem gemeinsamen Learning by Interacting sind weitere wichtige Verbund-, Größen- und Spezialisierungsvorteile zu benennen (GRABHER, 1993: 141f.):

Während durch eine optimale Netzwerkeinbettung die beteiligten Unternehmen einen maximalen Nutzen für die eigene Innovationsfähigkeit erreichen können, bestehen andererseits erhebliche Gefahren durch potentielle Nachteile für ein Unternehmen, dessen Interaktion zu stark auf das gewohnte Netzwerk eingeengt ist. Ähnlich wie im Fall von overembeddedness können sich nämlich verkrustende Netzwerkstrukturen zu lock-in-Prozessen führen (vgl. KOSCHATZKY, 2001 ). Dabei werden durch übermäßiges Vertrauen auf bisher bewährte Verhältnisse (Produkte, Verfahren, Standards) andernorts aufkommende Innovationen unzureichend wahrgenommen, sodass zum eigenen Schaden nicht adäquat reagiert wird. Der intensive Wissensaustausch birgt andererseits immer das Risiko, dass die Kontrolle des Wissensabflusses schwierig ist, also Vertrauensbrüche stattfinden können und somit eigenes tacit knowledge von anderen unsolidarisch zum eigenen Nutzen verwertet werden kann. Ein weiteres Problem entsteht oft im Fall von unterschiedlich großen Netzwerkpartnern, da hier die Gefahr der Dominanz durch den größeren Partner besteht (vgl. FREEMAN, 1991 ).

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Die ‘Innovationsnetzwerke’ lassen sich nach Christopher Freeman (1992: 502) nach unterschiedlichen Zielen und Erscheinungsformen differenzieren:

Für Freeman, der einer der bedeutendsten aktuellen Wirtschaftstheoretiker ist, spielt insbesondere der letzte Netzwerktyp eine fundamentale Rolle für Innovationen, da gerade in den informellen Netzwerken ‘implizites Wissen’ am ehesten verbreitet wird, obwohl es schwer zu erfassen und zu klassifizieren ist. Er betont auch, dass viele Unternehmen in verschiedenen Netzwerken gleichzeitig engagiert sind. So kommen große Unternehmen oft auf mehrere Dutzend bis zu mehr als 100 Kooperationen. Der vermeintliche Widerspruch, der sich aus dieser Feststellung und der von Cooke (s. o) vorgebrachten These, Unternehmensnetzwerke seien eher von geringer Akteurszahl, ergibt, wird dadurch entschärft, dass große Unternehmen in den verschiedenen Unternehmensteilen und -funktionen jeweils ‘eigenständige’ Strukturen entwickeln. Einzelne Mitarbeiter oder Abteilungen können so für ihren Bereich bzw. für ihre Aufgabe im Konzern selbständige Netzwerke nach Außen bilden.

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In der gemeinsamen Betrachtung von Unternehmens- und Innovationsnetzwerken wird deutlich, dass die breiter gefassten Charakteristika der Unternehmensnetzwerke nicht ohne weiteres komplett auf Innovationsnetzwerke zu übertragen sind. Wenn die Voraussetzung für erfolgreiche Innovationsnetzwerke ein intensiver Wissensaustausch ist, dann ist einerseits fraglich, ob dies bei eher marktnahen Netzwerken mit geringerer Verbindlichkeit möglich ist. Andererseits erzeugt eine deutlich hierarchische Netzwerkstruktur unter Umständen größere Vorbehalte beim Wissensaustausch von den niedriger stehenden Unternehmen zum dominierenden Akteur, da er seine Macht missbrauchen könnte.

In der Diskussion um strategische und regionale Netzwerke beschreibt Sydow (2001 ) strategische Netzwerke als dauerhafter und verbindlicher als regionale Netzwerke. Es stellt sich daher die Frage, in welchem Verhältnis in Unternehmen diese (marktnah – hierarchischen bzw. strategisch – regionalen) Netzwerktypisierungen auftreten und wie sie im Hinblick auf die eigene Innovationsfähigkeit wirksam werden. Schließlich zeigt die Diskussion auch, dass für den Erklärungszusammenhang weitere unternehmensexterne Einflussfaktoren relevant sind, die sich nicht allein mit der Netzwerkperspektive erschließen lassen, sondern eine systemische Herangehensweise erfordern.

2.3.3  Räumlich-geographische und sektorale Innovationssysteme

Unternehmen nutzen ihre Vernetzung zu anderen Akteuren, wie Zulieferern, Kunden und Forschungseinrichtungen, um neues Wissen und Innovationen zu generieren. Diese Zusammenhänge lassen sich auch in Form von Innovationssystemen (IS) beschreiben. Zwar gibt es nach mehr als zwanzig Jahren Forschung noch immer keine feststehende Theorie zu Innovationssystemen, und es sollte eher von konzeptionellen Ansätzen gesprochen werden (vgl. OECD, 2005a ). Gleichwohl ermöglicht diese Herangehensweise eine systemische Perspektive auf die Generierung von Innovationen und auf die Entwicklung einer wissensbasierten Ökonomie.

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„Systems approaches to innovation shift the focus of policy towards an emphasis on the inte r play of institutions and look at interactive processes in the creation, diffusion and application of knowledge. They emphasize the importance of the conditions, regulations and policies in which markets operate and hence the role of governments in monitoring and seeking to fine tune this overall framework.“ (LUNDVALL, 1992 )

Zu einem Innovationssystem werden alle Akteure wie Unternehmen, Organisationen und Institutionen gezählt, die an der Generierung, der Diffusion und der Nutzung von neuem ökonomisch verwertbarem Wissen beteiligt sind. Diese Akteure bestimmen das Ausmaß und die Richtung des technischen Fortschritts (vgl. FISCHER et al., 2001 ;HALL, 1994;NELSON, 1993). Es ist daher sinnvoll, die wichtigsten beteiligten Gruppen eines IS zu charakterisieren. Diese sind nach Fischer et al. (2001: 12) der Produktionssektor, der Forschungs- und Entwicklungssektor, die Innovationen unterstützenden Akteure und der Institutionelle Sektor, wobei deren Stärkepositionen und Beziehungen untereinander den Systemcharakter definieren (vgl. auch im Folgenden EDQUIST und JOHNSON, 1997 ).

Der Produktionssektor enthält die wichtigsten Akteure im IS, da diese entscheidend sind für den wirtschaftlichen Erfolg einer Region oder eines Landes. Die Fähigkeit der Unternehmen, neue Produkte und Dienstleistungen zu generieren, ermöglicht es erst, dass eine Volkswirtschaft dauerhaft erfolgreich ist. Ihre Forschungs- und Entwicklungslabore stellen eine Basis für technologischen Fortschritt dar und bilden oftmals die Bezugspunkte für andere Akteure im System.

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Der Forschungs- und Entwicklungssektor außerhalb der anwendenden Unternehmen spielt eine ebenfalls sehr bedeutende Rolle. Man unterscheidet dabei zwischen einer eher auf Forschung und Entwicklung ausgerichteten Gruppe von Akteuren und einer eher lehrenden bzw. ausbildenden Gruppe. Während Universitäten sowohl lehren als auch forschen, gibt es andere staatliche und private Forschungseinrichtungen, die sich fast ausschließlich der Forschung und Entwicklung widmen. Die Ergebnisse werden dabei vorrangig über Publikationen weitergegeben.

Innovationen unterstützende Akteure sind solche unternehmensorientierte Dienstleister, die Unterstützung für die Entwicklung und/oder Einführung neuer Produkte und Prozesse anbieten. Dazu zählen Hersteller und Händler von Spezialgeräten und Software, Experten für technische Hilfe, Kreditinstitute (Wagniskapitalgeber) Firmen für Marketing oder für Training.

Was den institutionellen Bereich anbetrifft, lassen sich zwei Formen differenzieren (vgl. GLÜCKLER, 2004 ), zum einen formale Institutionen, wie Rahmengesetzgebungen und Regularien, und zum anderen informelle Institutionen, wie ungeschriebene Verhaltensweisen, Normen und Regeln, die das Miteinander bestimmen und Verhalten voraussehbar machen, was wiederum als Vorbedingung für Vertrauen und Reputation gilt (vgl. CARLSSON, 1995 ). Gerade im Hinblick auf die Kommunikation zwischen den Akteuren im System sind die institutionellen Rahmenbedingungen wichtig. Ohne ein gemeinsames Wertesystem ist Zusammenarbeit mit erhöhtem Koordinierungsaufwand verbunden, da z. B. unterschiedliche Mentalitäten oder andere kulturelle Prägungen schnell zu Missverständnissen, bzw. zu falschen oder überhöhten Erwartungen an den Partner führen können.

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Für das Verständnis von Innovationssystemen sind auch deren Erscheinungsformen differenziert zu betrachten. So lassen sich IS unter technologisch-sektoralem oder räumlich-geographischem Aspekt betrachten.

In technologischer Perspektive werden spezifische Wirtschaftssektoren oder Technikbereiche analysiert, wie z. B. das IS der Chemischen Industrie oder das der Verbrennungsmotoren (vgl. BRESCHI und MALERBA, 1997 ;CARLSSON und STANKIEWICZ, 1991 ;MALERBA, 2004 ). Sie lassen sich dabei eher nach ihrem Wissens- und Kompetenzfluss denn nach dem Fluss von Gütern oder Dienstleistungen charakterisieren. Weiter sind sie durch dynamische Wissens- und Kompetenznetzwerke zu beschreiben (vgl. DALUM et al., 1999 ).

Technologische Systeme sind nach Dalum et al (1998 ) gekennzeichnet durch drei Elemente, nämlich:

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  1. der ‘Kompetenz’ in Form von technologischer, finanzieller und/oder politischer Macht, die es erlaubt, initiativ oder aber zumindest wesentlich zur Entwicklung und Verbreitung einer neuen Technologie beizutragen;
  2. einem ‘Netzwerkcharakter’, der förderlich bei der Identifikation von neuen Problemen und deren technologischer Lösung ist, sei es allgemeinen Netzwerken der Informationsverbreitung oder speziellen Nutzer-Zulieferer Netzwerke
  3. dem ‘Institutionstypus’, welcher ‘hart’ sein kann in Form von Gesetzen, Kapitalmarkt oder Bildungssystem, oder auch ‘weich’, z. B. als ‘Kultur’. Die allgemeine Rolle dieser Institutionen ist es, eine hohe Konnektivität im System zu ermöglichen bzw. in Teilen als Brücke zwischen den Unternehmen zu dienen. Die Finanzgesetzgebung kann durch Anreizstrukturen Einfluss ausüben.

Räumlich-geographische Innovationssysteme basieren im weitesten Sinne auf Näherelationen und werden auf verschiedenen räumlichen Maßstabsebenen dargestellt bzw. analysiert. Sie können differenziert werden in Regionale Innovationssysteme (FISCHER et al., ; vgl. LUNDVALL, 1992 ), Metropolitane Innovationssysteme ( vgl. GREGERSEN und JOHNSON, 1997: ;NELSON ) und Nationale Innovationssysteme (FRITSCH et al., ; vgl. KOSCHATZKY und STERNBERG, 2000 ;TÖDTLING und KAUFMANN, 1999 ). Die technologisch-sektoralen Innovationssysteme sind dabei ein Teil der räumlichen Innovationssysteme und werden als komplementär zu ihnen gesehen (vgl.COOKE et al., 1997 ). Was die Metropolitanen Innovationssysteme anbetrifft, werden zwar in der Publikation von Fischer et al. (2001) drei Metropolregionen und ihre Innovationssysteme vorgestellt und verglichen, jedoch bleibt ungeklärt, was sie nun in ihrem Charakter von einem Regionalen Innovationssystem unterscheidet. Die Tatsache, dass es sich hier um Metropolregionen handelt, bedeutet nicht automatisch, dass es typische metropolitane Arten von Innovationen oder deren Entstehungsweisen im Unterschied zu sonstigen Regionen gibt.

Seit Ende der neunziger Jahre gibt es eine Diskussion um die Bedeutung von RIS für den Innovationsprozess in Unternehmen, da es schwierig scheint, regionsspezifische Einflussfaktoren zu definieren, die nicht auch gleichzeitig national wirksam sein können. Viele empirische Untersuchungen wurden seitdem angestoßen. Was die spezifisch regionalen Komponenten betrifft, gelangten sie zu keinem einheitlichen Ergebnis (vgl. BATHELT und DEPNER, 2003 ;BRACZYK et al., 1998 ;HEIDENREICH, 2004 ). Auf der anderen Seite gibt es allerdings zahlreiche Befunde, die zumindest auf eine wachsende Bedeutung von lokalen und regionalen Fertigkeiten und Institutionen hindeuten und die Herausbildung von lokalen oder regionalen Innovationsnetzwerken belegen (vgl. BATHELT und DEPNER, 2003 ;EVANGELISTA et al., 2002 ;MAILLAT, 1998 ).

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Eine Lösung dieser Problematik versuchen Bathelt und Depner (1999 ), indem sie nach den jeweiligen Systemverständnissen fragen. Diese werden anscheinend von den ‘RIS-Befürwortern‘ und ‘RIS-Gegnern’ in unterschiedlicher Form instrumentalisiert. Während Erstere den subnationalen oder regionalen Wirtschafts- und Branchenstrukturen, Akteuren und Institutionen eine höhere Bedeutung beimessen, bezweifeln die Gegner eine tatsächliche Eigenständigkeit und Unabhängigkeit der Subsysteme vom nationalen Innovationssystem (vgl. BATHELT und DEPNER, 2003: 138). Da eine räumliche Abgrenzung dieser Subsysteme nicht durch administrative oder andere Grenzen möglich ist, kann ein räumlicher Bezug nur durch die Aktionsradien der Netzwerke und der Reichweite der lokalen und regionalen Institutionen definiert werden.

Einige Beispiele hierfür finden sich zwar bei dem ‘Modell des Industriedistrikts’ und dem ‘Modell der kreativen Milieus’ (vgl. LUHMANN, 2001 (1984): s.u.). Die Begrenztheit ihrer Aussagekraft durch die geringe Zahl an Beispielregionen lässt daran zweifeln, dass eine ausreichend große Grundlage für ein eigenständiges Modell vorliegt und dass dies gegebenenfalls auf andere Regionen übertragbar wäre.

Die Tatsache, dass intensive regionale oder lokale Vernetzung der Akteure im Innovationsprozess empirisch nachgewiesen wurden (vgl. CAETANO, 1995 ;KULKE, 2004 ) und dass es unterstützende regionale Institutionen geben kann, widerlegt für Bathelt und Depner nicht, dass „Einflüsse der nationalstaatlichen Institutionen (durch Arbeitsrecht, Tarifverträge, Aus- und Weiterbildungsstrukturen usw.) und der regionsextern angesiedelten Abschnitte der Wertschöpfungskette“ (1985: 139) im regionalen Wirtschaftskreislauf entscheidend sind.

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Abschließend sei darauf hingewiesen, dass es sich bei einem RIS jedenfalls nicht um ein selbstreferenzielles System handelt (FREUND, 1981 ), da es sich in seiner (Selbst-) Steuerung nicht autonom und unabhängig von der Umwelt, in diesem Fall dem NIS, reproduzieren kann. Zu deutlich wird das RIS in seinen ökonomischen Prozessen von nationalstaatlichen institutionellen Bedingungen beeinflusst.

2.4 Innovative Milieus und regionale Cluster oder metropolitane Konzentration?

Betrachtet man aus geographischer Perspektive eine Branche bzw. einzelne räumliche Unternehmenskonzentrationen, stellt sich notwendigerweise auch die Frage nach einer theoretischen Erklärung der wahrgenommenen Strukturen. In der erkannten Konfiguration von Portugals IT-Branche drängt sich geradezu die Frage nach der Begründung regionaler Cluster, der Existenz innovativer/kreativer Milieus oder doch einer spezifisch ‘metropolitanen’ Konzentration für eine nähere Analyse auf, da bei näherer Betrachtung die meisten Unternehmen der Branche im Großraum Lissabon konzentriert sind. Ältere Erklärungsansätze, wie die der Industriedistrikte von Marshall (vgl.REIS, 1992: 113f.) oder das Konzept der geographischen Industrialisierung (ebd. 118f.), dürften durch ihre spezifischen Begründungen kaum auf die untersuchte Branche und deren räumliche Strukturierung in Portugal anwendbar sein. So kann man zwar in Portugal viele Beispiele für das Industriedistrikt-Modell finden, die insbesondere zu den traditionellen Branchen, wie Textil und Bekleidung, Lederwaren, Spritzgussformen, Möbel, Korkverarbeitung oder Glasindustrie gehören (vgl. AYDALOT, 1986 ;CREVOISIER und MAILLAT, 1991 ;KULKE, 2004 ;STORPER und WALKER, 1989 ), jedoch ist zu vermuten, dass sich die komplexen Verflechtungs- und Innovationsnetzwerke innerhalb der Informationstechnologiebranche nicht befriedigend durch dieses Modell abbilden lassen. Auch Storper und Walkers (2001 ) Konzept der geographischen Industrialisierung passt kaum auf die untersuchte Branche, da die beteiligten Unternehmen eben nicht „eine hohe Wahlfreiheit (...) in ihrer Standortwahl“ (PORTER, 1991: 118) haben und sich ihre Standorte selbst schaffen, sondern in der Regel Regionen bevorzugen, die bereits eine Grundausstattung an existenznotwendigen Standortfaktoren vorweisen, wie z. B. Universitäten (Arbeitskräftereservoir), potentielle Netzwerkpartner und in den meisten Fällen auch den eigenen Hauptabsatzmarkt. Nicht zuletzt spielt bei der Standortwahl der Unternehmen auch die Lebensqualität eine Rolle, da diese sich für hochqualifizierte Mitarbeiter in peripheren Regionen kaum finden lässt.

Im Folgenden soll daher anhand des Cluster-, Milieu- und Metropolenkonzeptes überprüft werden, inwieweit diese für die vorliegende Arbeit von Nutzen sein können bzw. anwendbar sind. Mit dem Konzept der innovativen/kreativen Milieus und auch dem Cluster-Konzept werden zwei noch immer aktuelle Ansätze vorgestellt, die dazu dienen können, regionale Wirtschaftsstrukturen und -entwicklungen zu erklären. Danach sollen wesentliche Merkmale von metropolitanen Regionen vorgestellt werden, um zu vermeiden, dass typische metropolitane Merkmale im untersuchten Falle falsch gedeutet und stattdessen z. B. einem Clusterungsprozess zugerechnet werden.

2.4.1  Innovative Milieus und regionale Cluster

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Sehr häufig wird in der wirtschaftsgeographischen Literatur auf räumliche Konzentrationen von Unternehmen und deren Verbindungen sowohl untereinander als auch zu regionalen Institutionen hingewiesen. Mit verschiedenen ‘systemischen’ Modellansätzen wird versucht dieses Phänomen aus unterschiedlichen Perspektiven zu erklären. Innovative bzw. kreative Milieus (vgl. PLATTNER, 2003 ;PORTER, 1999 ) und regionale Cluster (vgl. KULKE, 2004 ;MAILLAT, 1998 ) spielen in der Diskussion eine wichtige Rolle. Diesen Ansätzen ist das Bestreben gemeinsam, die räumliche Konzentration von Betrieben einer Indu-striebranche, ihre Genese zu erklären sowie die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit einzuschätzen (vgl. MAILLAT, 1998: 27).

Eine frühe Form der Erklärung räumlicher Branchenkonzentrationen ist der Industriedistriktansatz von Marshall aus den 1920er Jahren. Er beschreibt die räumliche Agglomeration von überwiegend kleinen und mittleren selbständigen Betrieben einer Branche, die eng miteinander verflochten sind und dabei eine ausgeprägte unternehmensübergreifende Arbeitsteilung und gegenseitige Auftragsvergabe bei der Bearbeitung von Produkten aufweisen.

„Durch die räumliche Ballung und die ständigen Interaktionen entwickelt sich eine ‘industrielle Atmos-phäre’, welche den gesamten Raum prägt.“ (BATHELT und GLÜCKLER, 2002: 113).

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Da sich dieser Ansatz – auch in seinen jüngeren Weiterentwicklungen – auf die Produktionssysteme innerhalb einer Region konzentriert und deren Bedeutung für den Erfolg einer Region herausstellt, kritisieren z. B. die Vertreter des kreativen bzw. innovativen Milieus die Unterbewertung bzw. Nichtberücksichtigung des sozio-institutionellen Umfeldes der Unternehmen (vgl. MAILLAT, 1998 ).

Gemäß dem Konzept des innovativen (oder kreativen) Milieus bilden kreativitätsfördernde Netzwerke die Grundlage für den Erfolg einer Region (vgl. Abb. 3, S. 34). Diese Netzwerke sind in der Regel informell, ermöglichen aber einen intensiven Austausch von Informationen und Wissen, sodass daraus Lernprozesse gefördert werden, die wiederum Innovationen hervorbringen können und somit die Wettbewerbsfähigkeit einer Region erhöhen (vgl. BATHELT und GLÜCKLER, 2002: 116f.).

In diesem Konzept werden daher der Ebene des lokalisierten Produktionssystems zwei weitere Ebenen hinzugefügt. Zum einen ist es die sozio-institutionelle Einbettung und zum anderen sind es die Innovations- und Lernprozesse (vgl. Abb. 1, S. 1616 ). Während das lokalisierte Produktionssystem ähnlich wie im Industriedistriktmodell von der Ballung und Verflechtung von Unternehmen in einer Region ausgeht, wodurch es insbesondere zu Transaktionskostenvorteilen kommt, werden durch die sozio-institutionelle Einbettung weitere Einflussfaktoren, wie gemeinsame Wissens- und Wertebasis, Verhaltensnormen, Vertrauensbeziehungen und Gewohnheiten benannt.

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Daneben spielen zur besseren Einbindung der Akteure im Milieu auch formelle Institutionen wie Schulungs- und Forschungseinrichtungen sowie öffentliche und private Förderprogramme eine wichtige Rolle (vgl. BUTZIN, 2000 ;HELLMER et al., 1999 ). Auf der Ebene der Innovations- und Lernprozesse werden die förderlichen Beziehungen für die Kreativität des Milieus verdeutlicht. Eine gemeinsame Wissensbasis bildet die Grundlage auf der durch einen intensiven Austausch zwischen den Akteuren neues Wissen bzw. Innovationen entstehen. Dem einzelnen Unternehmen, aber auch indirekt der Gemeinschaft kommen wiederum diese Prozesse zugute. Es entstehen außergewöhnliche Qualifikationen als spezielle Ressourcen, die eine Region zu etwas ‘Besonderem’ machen. Dabei wird den Beteiligten klar, dass sie nur im Verbund in der Region dauerhaft erfolgreich sein können.

„Tatsächlich werden die Akteure veranlasst, Innovationsnetze zu bilden, um die Komplexität des Innovationsprozesses sowie die Restriktionen, mit denen sie bei ihrem Innovationsvorgehen konfrontiert sind, zu meistern“ (KRUMBEIN et al., 1994: 11).

Abb. 3: Das Modell des innovativen Milieus

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Quelle: Bathelt und Glückler 2002, 191

Die beiden Konzepte der Industriedistrikte und der innovativen Milieus haben aufgrund ihrer partiellen Ähnlichkeit, nämlich der räumlichen Konfiguration des Untersuchungsgegenstandes bzw. der regionalen Produktionssysteme, auch in der empirischen Verifizierung zu Überschneidungen geführt, indem manchmal dieselben untersuchten Regionen sowohl für das eine als auch für das andere Konzept herhalten mussten (vgl. BUTZIN, 2000 ). Ebenso pro-blematisch erscheint die Verallgemeinerbarkeit der Ansätze, da verschiedene Untersuchungen dagegen sprechen (vgl. PORTER, 1991 ;PORTER, 1999 ;PORTER, 2004 ).

Auch verweist Butzin (1995: 153f.) auf erhebliche methodische Mängel, die eine Nutzung des Innovative-Milieu-Konzepts einschränken bzw. dessen prognostische Qualität für regionale Wirtschaftspolitik faktisch wertlos macht, da bisher keine (erfolgreichen) Anleitungen zur Bildung innovativer Regionen gegeben wurden, sondern lediglich bereits erfolgreiche Regionen beschrieben werden (z. B. das ‘Dritte Italien’).

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Abb. 4: Die Bedeutung von Clustern im ‘Diamant’ der Wettbewerbsvorteile

Quelle: verändert nach Porter 2004

Einen anderen Weg versucht der in den 1990er Jahren populär gewordene Cluster-Ansatz (vgl Abb. 4). Michael Porter beschreibt den Grundgedanken von Cluster folgendermaßen:

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„Bei einem Cluster handelt es sich um eine geographische Konzentration von Unternehmen, spezialisierten Lieferanten, Dienstleistungsanbietern, Unternehmen in verwandten Branchen und verbundenen Einrichtungen (zum Beispiel Universitäten, Normungsinstitute und Wirtschaftsverbände), die in bestimmten Feldern untereinander verbunden sind und gleichzeitig miteinander konkurrieren und kooperieren. Cluster bilden eine kritische Masse ungewöhnlichen Wettbewerbserfolgs in bestimmten Geschäftsbereichen und prägen insbesondere in weit entwickelten Ländern die Wirtschaft auf nationaler, regionaler und sogar städtischer Ebene“ (1997: 207).

Damit werden zwei wichtige Kernelemente von Clustern herausgestellt. So muss sowohl eine hohe Konzentration von Unternehmen einer Branche bestehen, als auch deren Verflechtung untereinander und mit regionalen Einrichtungen zu beobachten sein.

Porter erweitert und präzisiert sein Cluster-Konzept durch die Zusammenstellung von vier Faktorbündeln und deren Zusammenwirken in Form eines Diamanten (vgl. BATHELT und GLÜCKLER, 2000 ;2001 ). Durch diesen soll das Entstehen von Wettbewerbsvorteilen in den Clustern erklärt und veranschaulicht werden.

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  1. Faktorbedingungen: Für Porter ist nicht die Grundausstattung an Faktorbedingungen entscheidend, sondern der unternehmerische Einsatz von speziellen und qualitativ hochwertigen Inputs. Selbst Nachteile in der Faktorausstattung können zu einer höheren Wettbewerbsfähigkeit führen, wenn dies den Druck auf eigene Investitionen erhöht und zu besserer Ressourcennutzung führt.
  2. Nachfragebedingungen: Eine wichtige Rolle spielt für Porter die Nachfrage nach den Produkten einer Branche, da daraus Investition und Innovationskraft entstehen. Die Nachfrage lässt sich nach Porter in zwei Typen differenzieren. Zum einen ist es die ‘Zusammensetzung’ der Inlandsnachfrage, durch deren spezifische Bedürfnisse die Spezialisierungen in den Unternehmen geprägt werden, und zum anderen die ‘Quantität’ und die ‘Dynamik’ der Inlandsnachfrage. Die Bedürfnisse der lokalen Kunden erleichtert dabei die Antizipation auswärtiger Bedürfnisse. Beide Typen bilden die Voraussetzung für eine spätere Internationalisierung der Branche.
  3. Verwandte und unterstützende Branchen: Die teilweise engen Beziehungen zu Unternehmen aus nahen oder unterstützenden Branchen (Zulieferern) können einen positiven Effekt auf Kosten, Koordinierung und Innovationen haben. Insbesondere in regionalen Clustern führt die räumliche Nähe zur Bildung von informellen Netzwerken, die durch unterstützende Institutionen wie regionale Verbände ergänzt werden können.
  4. Inlandswettbewerb und Unternehmensstrategie: Ein harter Wettbewerb mit lokalen Rivalen ist nach Porter besonders wichtig für die Ursache und Entstehung von nationalen Wettbewerbsvorteilen in einer Branche. Dieser führt zu einer stärkeren strategischen Unternehmensführung und Produktplanung, um auf dem Markt bestehen zu können.

Alle vier Seiten des Diamanten wirken aufeinander; ein ‘richtiges’ Zusammenwirken stärkt das System, Defizite führen zur Schwächung bis hin zur Auflösung.

Die Bedeutung und Variationsbreite der Cluster-Thematik zeigt sich in den vielfältigen Publikationen, in denen u.a. auf die Entstehung von Innovationsclustern (vgl. REHFELD, 1994 ), räumlichen Clustern der Industrieforschung (vgl. HUTSCHENREITER, 1994 ), Organisationsclustern (vgl. GORDON und McCANN, 2000 ), Produktionsclustern (vgl. MENZEL und FORNAHL, 2005 ;STERNBERG et al., 2004 ) und technologischen Clustern (vgl. BATHELT undTAYLOR, 2002 ) eingegangen wird. Es sind aber auch kritische Artikel publiziert worden, in denen der Frage nachgegangen wird, wie sich diese teils perspektivischen Unterschiede, teils auch inhaltlich-systemischen Differenzen ordnen bzw. abgrenzen lassen (vgl. GORDON und McCANN, 2000 ;MARTIN und SUNLEY, 2003 ). Denn trotz der vielfältigen Diskussionen und Publikationen über den Cluster-Begriff und seiner Popularität in der Wirtschaftsförderung und Regionalpolitik seit Mitte der 1990er Jahre verbleiben auch bei diesem Ansatz Fragen bezüglich seiner prognostischen Kraft und wie Clusterbildung in zeitlicher Perspektive darstellbar ist (vgl. GORDON und McCANN, 2000: 97). So stellen Martin und Sunley (2000 ) in ihrer Fundamentalkritik am Porterschen Clusterkonzept insbesondere die Unschärfe des Clusterbegriffs heraus und auch die mangelnde räumlich-geographische Präzision seiner Definition. Für sie führt der extrem breite Clusteransatz zu einer Überfrachtung der Clusterbegriffs und zu einer leich

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tfertigen Übertragung auf alles und jedes. Insbesondere, dass für das starke Wachstum einer bestimmten Branche deren räumliche Konzentration verantwortlich gemacht wird, wird von ihnen als ein vielfach von Geographen widerlegtes Phänomen bezeichnet. Sie kommen daher zu dem deutlichen Urteil: “The empirical case for cluste r ing remains in its infancy and repeatedly makes the mistake of jumping from particular associ a tions to general causality and applicability.” (GORDON und McCANN, 2000: 28f.)

Die Geographen Ian R. Gordon und Philip McCann (2001 ) versuchen daher als Lösung für einen Teil der Probleme eine Abgrenzung des Clusterbegriffs zu den anderen Erklärungsmodellen industrieller Agglomerationen. Der Unschärfe des Cluster-Ansatzes setzen sie eine Dreigliederung der Clusterformen entgegen. Das erste idealtypische Modell nennen sie das ‘Modell der reinen Agglomeration’ (The Model of Pure Agglomeration), das zweite ist das ‘Industrie-Komplex-Modell’ (The Industrial-Complex Model) und das dritte, das ‘soziale Netzwerk-Modell’ (The Social-Network Model). Während die ersten beiden auf den neo-klassischen Wirtschaftstheorien basieren, berücksichtigt das dritte Modell stärker wirtschaftssoziologische Aspekte.

Im Modell der reinen Agglomeration wird angenommen, dass über die marktbasierte Beziehungen hinaus keine weiteren Kooperationen zwischen Unternehmen bestehen.

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„Profitable local interaction is made possible through a combination of chance, the law of large numbers (increasing of the probability of suitable partners being available) and the natural selection of businesses benefiting from the opportunities on offer“ (BATHELT und GLÜCKLER, 2002: 517).

Zu finden sind solche Formen der Clusterung nach Gordon und McCann am ehesten in metropolitanen Räumen und solchen Regionen mit hohem Dienstleistungsbedarf.

Hingegen stehen beim Industrie-Komplex-Modell die räumlichen Transaktionskosten im Vordergrund, wie es in den neoklassischen Standorttheorien beschrieben wird. Bei der Standortwahl eines Unternehmens(-komplexes) wird daher die Kostenminimierung Priorität erhalten und versucht werden Monopol-Profite zu erzeugen.

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„The notion of space in these models is not explicitly urban or related to the potential for new forms of e x change, but is rather concerned with the minimisation of distance costs in the formation of crucial, pre-planned linkages. (...) The complex is in effect a ‚closed club’, and in the same way that the individual organisation monopolises the ability to innovate in certain products or processes, the organisation of the complex monopolises the ability of the firms to realise the benefits of those innovations.“ (ebd. 519)

Typische Beispiele für diese Art von Cluster sind Ölraffinerien und chemische oder pharmazeutische Komplexe.

Im sozialen Netzwerk-Modell werden im Wesentlichen die Erkenntnisse aus der wirtschaftsoziologischen Kritik am neo-klassischen Transaktionskostenmodell berücksichtigt. So wird neben den unternehmensinternen Innovationsfaktoren den Netzwerkbeziehungen eine wichtige Rolle für den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens bzw. des Cluster beigemessen.

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„Industrial clusters differ from the agglomeration model in that there is a belief that such clusters reflect not simply ec o nomic responses to the pattern of available opportunities and complementarities, but also an unusual level of embeddedness and social integration” (ebd. 520).

Dieses Modell bezieht somit im Wesentlichen seine theoretischen Grundlagen aus dem embeddedness-Ansatz (vgl. Kap. 2.4.7), welcher nach der Qualität und Quantität der Beziehungen zwischen den Unternehmen und ihren Netzwerkpartnern fragt und diesen Verflechtungen eine wichtige Rolle für die Prosperität einer Region zuweist. Beispiele hierfür sind das ‘Dritte-Italien’ oder ‘Silicon Valley’.

Die beiden langjährig in der Innovationsforschung tätigen Geographen Anders Malmberg und Peter Maskell (2002 ) hingegen versuchen durch die Beschreibung von drei verschiedenen Clusterdimensionen ein umfassendes Konzept zum Entstehungsprozess, zur inneren Differenzierung und zum lokalen Umfeld zu entwerfen.

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In einer horizontalen Clusterdimension geht es um die Unternehmen in einer Region, die im Wettbewerb miteinander stehen, wobei sie nicht unbedingt miteinander kooperieren müssen, sondern von der Co-Präsenz an einem Standort profitieren, da sie durch die Beobachtung der Konkurrenz und durch Produktvergleich zu eigenen Lern- und Verbesserungsprozessen (Innovationsprozessen) angestoßen werden. Für die Entstehung eines Clusters und für seinen Spezialisierungsprozess ist die horizontale Clusterdimension von zentraler Bedeutung (vgl. GRABHER, 1993: 212f.).

Die vertikale Clusterdimension beschreibt die Zulieferer- und Absatzbeziehungen zwischen komplementären Unternehmen. Für das wirtschaftliche Wachstum der Agglomeration spielen diese Beziehungen eine wichtige Rolle, da durch das spezialisierte Cluster weitere Zulieferer, Dienstleister und Abnehmer angezogen werden, um Kompetenzvorteile und Mengenvorteile (economies of scale) zu nutzen (vgl. MARTIN und SUNLEY, 2003 ). Insbesondere durch die sich entwickelnden localised capabilities entstehen spezialisierte Ressourcen in einer Region, die wiederum weitere Unternehmen anziehen, die von diesen Ressourcen profitieren möchten (vgl. FREUND, 1981 ).

Die institutionelle Clusterdimension beschreibt die Herausbildung von formellen und informellen Institutionen, wie spezifische Normen- und Regelsysteme, Werte und Konventionen und die Existenz von Vertrauen (vgl. Kap. 2.4.6) in den Beziehungen untereinander.

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„Hierbei ist festzustellen, dass sich Institutionen nicht unabhängig von ökonomischen Strukturen entwickeln, sondern dass es eine fundamentale Interdependenz zwischen den Institutionen und der Clusterstruktur gibt.“ (HOOVER, 1937: 213).

Bathelt und Glückler erweitern dieses Konzept um eine vierte Dimension, die externe Clusterdimension. Den internen Vernetzungen werden externe Kontakte und Verbindungen zur Seite gestellt, um die Gefahren der overembeddedness und des lock-in zu vermeiden. So würde durch zu enge interne Netzwerkbeziehungen die Bereitschaft schwinden ‘Neues’ zu integrieren. Eine bleibende Offenheit nach außen der im Cluster beteiligten Unternehmen und sonstigen Akteure wird als überlebensnotwendig angesehen, wenn nicht eine Verkrustung der Strukturen und eine Niedergang des Clusters stattfinden soll (vgl. BLOTEVOGEL, 2001 ).

Trotz der verschiedenen vorgestellten Modellansätze zur Clusterbildung und -existenz, stellt sich weiterhin die Frage nach den Vorzügen des Cluster-Konzepts im Verhältnis zu anderen geographischen Konzepten. Die Kritik setzt bereits bei der von Porter formulierten Definition eines Clusters ein. Seine Beschreibung eines Clusters als eine geographische Konzentration von Unternehmen, spezialisierten Lieferanten, Dienstleistungsanbietern, Unternehmen in verwandten Branchen und verbundenen Einrichtungen, die in einer, wie auch immer gearteten Form, miteinander verbunden sind und gleichzeitig konkurrieren und kooperieren, beschreibt Charakteristika, die auch dem Industriedistriktmodell, dem innovativen (oder kreativen) Milieu oder auch regionale Innovationsnetzwerken zugerechnet werden. Was also ist der Zugewinn durch diese Definition? Sicherlich nicht die Beobachtung, dass Cluster eine ‘kritische Masse ungewöhnlichen Wettbewerbserfolges in bestimmten Geschäftsbereichen’ bilden, denn dadurch ist immer nur eine ex-post-Beobachtung gemeint, die keinerlei prognostische Funktion erfüllt. Ebenso wenig wird klar, wann das Level der kritischen Masse erreicht ist, das für einen positiven Zusammenhang im Sinne wirtschaftlichen Prosperität stehen würde. Außerdem erzeugt die Integration von Kooperationspartnern, Konkurrenten, komplementären Einrichtungen usw. letztlich eine (fast) unüberschaubare Zahl an Akteuren und möglichen Wirkzusammenhängen, sodass am Ende alles in irgendeiner Form zur wirtschaftlichen Prosperität beitragen kann.

↓66

Aber auch die Aussage, dass es ‘insbesondere in weit entwickelten Ländern die Wirtschaft auf nationaler, regionaler und sogar städtischer Ebene‘ prägt, hilft nicht weiter. Denn dadurch sind alle räumlichen Bezugsgrößen, mit Ausnahme der Internationalen, genannt, sodass ein Cluster je nach Perspektive, lokal, regional und national bestehen kann, ohne dass klar wird, was eine sinnvolle räumliche Begrenzung ausmachen muss. Eine Verflechtung sowohl in lokaler als auch in regionaler und nationaler Hinsicht zu konstruieren ermöglicht die Berücksichtigung jedweder Art von Kontakten zwischen möglichen Akteuren im zu bezeichnenden Cluster und würde so nicht mehr zwischen den verschiedenen räumlichen Bezugsebenen differenzieren und damit z. B. auf die Wichtigkeit von räumlich gebundenen Wissensaustausch (tacit knowledge) hinweisen können.

Auch die Betrachtung des Porterschen ‘Diamanten der Wettbewerbsvorteile’ verspricht keine wirkliche Hilfe bei der Identifizierung oder Förderung eines Clusters (vgl. Abb. 4). Beginnend mit den Faktorbedingungen können annähernd alle der beschriebenen Bedingungen und Typisierung im Diamanten z. B. auch auf Ursachen der Metropolbildung bzw. Urbanisationsvorteile zurückgeführt werden (vgl. folgendes Kapitel). Sowohl die ‘Faktorbedingungen’ mit ihren spezialisierten Inputs, als auch die ‘Nachfragebedingungen’ sind für viele Metropolen ebenso typisch. Ähnliches gilt auch für die häufige ‘Ballung von unterschiedlichen Branchen, lokalen Zulieferern und komplementären Unternehmen’ in Metropolregionen. Ebenso ist der ‘harte Inlandswettbewerb’ gerade für Unternehmen in metropolitanen Räumen sehr typisch und erzeugt Veränderungsdruck bei den betroffenen Unternehmen, weil sie räumlich geballt mit ihren Konkurrenten auftreten. Damit wäre eine mögliche Voraussage von Wettbewerbsvorteilen, wie sie Porter in seinem Diamanten beschreibt, vor allem auf Urbanisationsvorteile zurückzuführen.

Der Lösungsansatz von Gordon und McCann (s. o.) hilft zwar bei der Differenzierung bzw. Identifizierung von Clusterformen, jedoch erklärt er nicht, wie Cluster entstehen oder welche Faktoren begünstigend einwirken. Dies versuchen Malmberg und Maskell (s. o.) in ihrem Modell zu berücksichtigen, indem sie auf die verschiedenen Dimensionen im Clusterungsprozess eingehen. Aber bei beiden Erweiterungsansätzen wird nicht geklärt, warum die genannten Einflussfaktoren einem Cluster(-prozess) zugeschrieben werden sollen, obwohl sie bereits in anderen Modellen und Ansätzen Berücksichtigung finden. In der Quintessenz erscheint lediglich der Erfolg des Clusterbegriffs in der Zusammenführung der verschiedenen Teile aus Vorgängermodellen zu bestehen und weniger darin, dass er eine Hilfe für wirtschaftspolitische Prognosen und Entscheidungen darstellt. Denn von größtem Interesse ist für wirtschaftspolitische Akteure, selbst wenn ein potentielles Cluster identifiziert würde, welche ‘Stellschrauben’ Wirtschaft und Politik verändern müssen, um solch einen entstehenden Cluster unterstützen zu können. Und genau diese Stellschrauben liefert das Clusterkonzept in nur unzureichendem Maße.

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Schlussendlich sind es auch die fehlenden empirischen Belege für eine positive Beziehung zwischen einem ‘ermittelten’ Cluster und einem positiven Innovationseffekt, die andere theoretische Herangehensweisen brauchbarer erscheinen lassen (vgl. KEMPER, 2006: 22).

In der vorliegenden Arbeit wird daher anderen Modellerklärungen Vorzug bei der Deutung wirtschaftsgeographischer Zusammenhänge gegeben. Bevor jedoch als theoretische Deutungsalternative zum Cluster- und dem ‘innovative Milieu-Ansatz’ das erweiterte embeddedness-Modell mit seinen Voraussetzungen (Vertrauen und Reputation) vorgestellt wird, soll im folgenden Kapitel die Charakterisierung von Metropolregionen und deren Urbanisationsvorteile als ergänzendes Element für die potentielle Erklärung von räumlicher Ballung und höherer Innovationsfähigkeit bei (IT-)Unternehmen beschrieben werden.

2.4.2  Urbanization Economies und Metropolregionen

Betrachtet man aus wirtschaftsgeographischer Perspektive Standortentscheidungen von Unternehmen und deren räumliche Konzentration, sind seit jeher urbane Räume bevorzugte Niederlassungsziele (vgl. für Portugal BLOTEVOGEL, 2001 ). Während in vergangenen Jahrhunderten Produktion und Verkauf zumeist räumlich eng beieinander liegen mussten, weil der Transport oftmals teuer und die Lagerungsfähigkeit vieler Produkte gering war, ermöglichen die neuen Transport- und Informationstechniken ab Mitte des 20. Jahrhundert auch weiter entfernt liegende Produktionsstandorte. Die Abwanderung von Industrien aus den städtischen Zentren an die Peripherie – oder gar in ländliche Räume – wird dabei aber vielfach durch nicht-emittierenden Produktions- und Dienstleistungsunternehmen kompensiert, die gerade im Hinblick auf moderne hochqualifizierte Arbeitskräfte städtische oder zumindest suburbane Räume bevorzugen.

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Gründe für die Ansiedlung von Betrieben in urbanen Räumen sind im Wesentlichen auf die positiven Effekte, wie leistungsfähige und gut ausgebaute Verkehrs- und Kommunikationsinfrastruktur, großer potentieller Absatzmarkt, eine hohe Konzentration an potentiellen gut ausgebildeten Arbeitskräfte, hohe Bevölkerungsdichte, Vielfalt der Bildungseinrichtungen und einem quantitativ und qualitativ höherwertigem Kultur- und Freizeitangebot zurückzuführen. Diese auch als Urbanisationsvorteile (urbanization economies) bezeichneten Wirkungen werden noch durch die räumliche Nähe zu anderen Betrieben ergänzt. Durch die räumliche Nähe zu Zulieferern, Dienstleistern und Weiterverarbeitern werden sog. Lokalisationsvorteile (localization economies) erzielt. Lokalisationsvorteile wirken darüber hinaus auch dahingehend ballungsverstärkend, dass sie einen Anreiz für weitere Unternehmensansiedlungen und Neugründungen darstellen. Bemerkenswert ist, dass bei diesen beiden von Edgar M. Hoover erstmals beschriebenen Begriffen, urbanization economies und localization econonomies, er bereits die Bedeutung der urbanen Zentren als Lebensorte der qualifizierten Arbeitskräfte erkennt, während er die Industrien mit den tendenziell niedrig qualifizierten Berufen aus den Zentren an die Peripherie verdrängt werden sieht (vgl. KEMPER, 2006: 108).

Neben den harten Standortvorteilen gibt es aber auch weiche Standortvorteile. Diese ergeben sich aus den intensivierten Informations- und Wissensflüssen, den Kommunikations- und Abstimmungsprozessen zwischen lokalen Akteuren und den bereits genannten informellen face-to-face-Kontakten, die für die eigene Innovationsfähigkeit der Betriebe von zunehmender Bedeutung sind. Und weil diese Agglomerationsvorteile erst ab einer gewissen Mindestverdichtung auftreten, indem der Nutzen der räumlichen Konzentration die aufzuwendenden Kosten übersteigt, profitieren insbesondere Metropolen und -regionen von den Urbanisationsvorteilen, weil sie eine hohe Auslastung von Infrastruktureinrichtungen gewährleisten und vielfältige Verflechtungen aufweisen. Dass diese Ballung von Bevölkerung, Infrastruktur und Industrie auch negative Auswirkungen hat, ist unbestritten. Gerade weil aber durch die vielfache Verdrängung und Verlagerung der stark emittierenden Industrien aus diesen Ballungsräumen, der Wiedereroberung von obsoleten innerstädtischen Industrieflächen, Güterbahnhöfen und Hafenflächen, eine Verbesserung der Kerngebiete in den Ballungsräumen erreicht werden konnte, erleben diese eine Revitalisierung und einen Attraktivitätsschub. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Metropolen und Metropolregionen seit Mitte der 1980er Jahre ein breit diskutierter Untersuchungsgegenstand in Politik, Wissenschaft und Öffentlichkeit geworden sind (vgl. CASTELLS, 2001: 1;SASSEN, 2000: 157).

Tab. 1: Konzeptionelle Ansätze der Metropolenforschung 

Ansätze

Leitautoren

Beschreibende, systemanalytische Ansätze

D. Pumain, N. Cattan, D. Rebitzer

Geopolitische Ansätze

R. Brunet, K. Kunzmann

Neoklassisch-institutionenökonomische Ansätze

P. Hall, S. Sassen, Ch. Jensen-Butler, R. Camagni, A. Shachar

Polit-ökonomische Ansätze

Welthierarchie (Weltsystemtheorie)

Globalisierungstheoretische Ansätze

Regulationstheoretische Ansätze

Globale Hierarchien im „Raum der Flüsse“

I. Wallerstein, Ch. Chase-Dunn, P. Taylor

J. Friedmann, R. Cohen, D. Meyer

P. Knox, St. Krätke

D. Smith, M. Timberlake, P. Taylor,

J. Beaverstock, M. Castells

Kulturalistische Ansätze

A. King, G. Fuchs

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Quelle: verändert nach Blotevogel 2001, 161

Verschiedene Definitionen dienen heute als Grundlage für die Bestimmung und Analyse von Metropolen und auch Metropolregionen. Blotevogel (2000: 161) gruppiert die aktuellen Be-griffsdefinitionen in beschreibend-systemanalytische, geopolitische, neoklassisch-institutionenökonomische, polit-ökonomische, globalisierungstheoretische, regulationstheoretische und kulturalistische Ansätze (Tab. 1).

Ohne auf alle Ansätze einzeln eingehen zu können, soll zumindest auf die ökonomisch orientierten Ansätze näher eingegangen werden. Insbesondere die Arbeiten von Friedmann, Taylor und Sassen haben, aufbauend auf dem Weltstadtbegriff von Peter Hall, die Diskussion um Metropolen und deren Bedeutung in den 1980er und 1990er Jahren maßgeblich beeinflusst.

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„Grundlage dieser neuen Metropolen-Diskurse ist die Erkenntnis, dass die ökonomische Globalisierung und die neuen Informationstechnologien keineswegs räumliche Gebundenheiten und Konzentrationen völlig aufgelöst haben, sondern dass große Städte zu Knotenpunkten der weltweiten Ströme der Austauschbeziehungen, zu Zentren von Kontroll-, Macht- und Regulierungsfunktionen wurden. Multinationale Wirtschaftsunternehmen benötigen die Infrastruktur der spezialisierten Dienstleistungen dieser Knotenpunkte.“ (YEOH, 2005: 12f.)

Während John Friedmann (1986) noch mit dem Begriff ‘Weltstadt’ arbeitet, wo sich die Hauptquartiere des Finanzsektors, von multinationalen Unternehmen und wissensintensiver unternehmensorientierter Dienste konzentrieren, benutzt Saskia Sassen (1991) den neuen Begriff der Global City. In ihrer Definition nehmen die ‘Kommandofunktionen’ an Bedeutung ab, während sie insbesondere die ‘Kontroll- und Dienstleistungsfunktionen’ als wichtig erachtet. Daher spricht sie auch von global service centres’, da es die hochrangigen unternehmensbezogenen Dienstleistungen (darunter besonders die Finanzdienste) sind, die in diesen Städten zu finden sind und sie aus der Masse an demographisch großen Städten herausragen lassen. Eines der Charakteristika dieser Städte ist, dass sie in hohem Maß untereinander vernetzt sind.

„Yet beyond these long-standing functions, today’s global cities are (1) command points in the organization of the world economy; (2) key locations and marketplaces for the leading industries of the current period – finance and specialized services for firms; and (3) major sites of the smaller geographic scales of both trans- and subnational regions. Furthermore, whether at the global or at the regional level, these cities must inevitably engage each other in fulfilling their functions, as the new forms of growth seen in these cities are a result of these networks of cities. There is no such entity as a single global city” (FREUND, 2002: 4).

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Einen Schritt weiter geht die Gruppe von Forschern um Peter Taylor. Sie entwickelten eine Systematik, mit der sie die Vernetzung von über 200 Städten weltweit analysierten. Ihre These ist, dass es zu den von Sassen benannten Faktoren noch weitere wichtige Charakteristika gibt, die diese Städte vom Rest unterscheidet. Erstens wird in Anlehnung an Castells (2002: Kap. 6) bei den weltweiten Unternehmensnetzwerken, von spaces of flows statt von spaces of places gesprochen, da es die Ströme zwischen den beteiligten Städten sind, die deren Konnektivität zueinander belegen. Solche Ströme betreffen Kapital, Information, Technologie, organisatorische Interaktion, Bilder, Töne und Symbole. Zweitens wird wie bei Sassen ein Schwerpunkt auf die Gruppe der hochrangigen unternehmensbezogenen Dienstleistungen gelegt und drittens deren Rolle als Zen-trum für Innovation und Kreativität in den wissensbasierten Ökonomien.

Allen drei Ansätzen gemeinsam ist, dass sie Rankings für die Städte aufstellen. Dabei ist das Ranking von der Taylor-Gruppe am elaboriertesten und berücksichtigt stärker Städte aus der ‘zweiten’, ‘dritten’ und ‘vierten Reihe’, denen bei Friedmann und in Teilen bei Sassen eine geringere Bedeutung in der weltweiten Vernetzung beigemessen wird. Lissabon taucht zum Beispiel in diesem Ranking in der Gruppe der Städte auf, die Teilfunktionen einer World-City aufweisen (vgl. DORNER und KLUMP, 1996 ).

Kritisch anzumerken ist, dass diese Ansätze sich mehrheitlich im wesentlichen auf die Steuerung und Kontrolle in den Dienstleistungsbranchen beschränken, sodass z. B. von Edward Soja (2000, 224f.) zu recht kritisiert wird, dass der sich ebenfalls stark globalisierende sekundäre Wirtschaftssektor keine Berücksichtigung findet, obwohl es weltweit sehr bedeutsame und dynamische Stadtregionen gibt, in denen diese Industrien vorherrschend sind (vgl. NORTH, 1992 )11.

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Auffallend in dieser Metropolendebatte ist, dass für viele Metropolen aus der zweiten, dritten oder vierten Reihe das Umland eine fundamentale Bedeutung für die Metropolfunktion hat. Eine Reihe von europäischen Metropolen qualifiziert sich nicht durch die demographische Größe der Kernstadt zu einer Global City, sondern erst im Zusammenhang mit dem Umland. Bespiele sind Frankfurt als Zentrum der Metropolregion Rhein-Main oder Düsseldorf, das oft stellvertretend für Rhein-Ruhr genannt wird, aber auch Lissabon, wie in dieser Arbeit verdeutlicht werden soll, oder Zürich. So belegt dies Bodo Freund für Frankfurt:

„Typically, the Rhine-Main region has been taken as the example of a region where city and suburbs form a conti n uum. In this respect, and not only for high-rise office towers in downtown Frankfurt, Rhine-Main is the most ‘Americanised’ R e gion of Germany. (…) Frankfurt is a dwarf global city (650.000 inhabitants), drawing its strength from ec o nomic activities in suburban municipal i ties and even from other towns in the region” (GEBHARDT et al., 2007: 130).

2.4.3  Zusammenfassung und Bewertung

Eines der wesentlichen Ziele wirtschaftsgeographischer Theorie- und Modellbildung ist die Darstellung verallgemeinerbarer Wirkmechanismen, die lokal, regional und/oder national wirtschaftlichen Erfolg oder Misserfolg erklären, im besten Fall sogar prognostizieren können. Eine wichtige Funktion ist dabei die Feststellung der Schlüsselfaktoren, die für den Erfolg/Misserfolg entscheidend sind und die sich möglicherweise selbst herstellen lassen. Erst mit strategisch einsetzbaren Instrumentarien kann Wirtschaftspolitik Impulse auf die Wirtschaftsakteure ausüben und auf die allgemeine Wirtschaftsentwicklung förderlich wirken.

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Während die sachliche und räumliche Definition einer Metropolregion und deren Urbanisationsvorteilen von eher zweitrangiger Bedeutung ist, erfordern das ‘innovative Milieu-Konzept’ und das ‘Clusterkonzept’ deutlich größere Anstrengungen, um sie im konkreten Fall identifizieren und beschreiben zu können. Insbesondere die teilweise Ähnlichkeit der die Konzepte charakterisierenden Systemprozesse, wie der ‘Milieucharakter’ in den Netzwerken des ersten Konzepts und die Verflechtung der Unternehmen im zweiten, erschweren den Abgrenzungs- bzw. Definitionsprozess.

Erschwerend wirkt außerdem, dass gerade der Clusterbegriff weite Verbreitung in der ‘Wirtschaftswelt’ gefunden hat, wobei oftmals leichtfertig von Clustern gesprochen wird, ohne dass im jeweils konkreten Fall vorher eine tatsächliche Analyse stattgefunden hätte. Oder es wird geradezu jeder Industriezweig zum potentiellen Cluster erhoben, wie z. B. in einer Studie des portugiesischen Wirtschaftsministeriums von einem ‘portugiesischen Softwarecluster’ zu lesen ist, welches daher weiter zu stärken und zu fördern sei (vgl. BELINA, 2003: 7).

Die definitorischen Unschärfen und teilweise missbräuchlichen Begriffsnutzungen des innovative Milieu- und des Clusterkonzeptes sowie deren mangelnde prognostische Wirksamkeit bestärken die Suche nach alternativen Lösungsansätzen. Im folgenden Kapitel soll daher die ‘Einbettung’ von Unternehmen (embeddedness) in ihr räumliches und kulturelles Umfeld als Konzept vorgestellt und weiter entwickelt werden.

2.4.4  Die Bedeutung von Kultur, Vertrauen und embeddedness für unternehmerischen Erfolg

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In zunehmenden Maße wird erkannt, dass Kultur im weitesten Sinne, d.h. die Traditionen und Bräuche des jeweiligen Landes, in dem das Unternehmen sich befindet, ebenso wie die Unternehmenskultur erheblichen Einfluss auf das Handeln wirtschaftlicher Akteure hat. Unterschiedliche nationale Wirtschaftsstile und auch die Beobachtung, dass Kapitalismus nicht gleich Kapitalismus ist, werfen die Frage auf, welchen Einfluss die jeweilige Landeskultur auf Unternehmen und Ökonomien hat.

Als ein wichtiges Erklärungselement in diesem Zusammenhang ist der Vertrauensbegriff identifiziert worden. Insbesondere die zunehmende Komplexität der Arbeitsprozesse und Produkte und die daraus folgende Notwendigkeit, in hohem Maße mit unternehmensexternen Akteuren zusammenzuarbeiten um Innovationen zu schaffen, setzt vertrauensvolle Beziehungen voraus. Dieses Vertrauen kann, ebenso wie andere soziale und kulturelle Einflussfaktoren, als die Grundlage identifiziert werden, in das Unternehmen eingebettet sind. Eine Einbettung (embeddedness) wird insbesondere in lokaler und regionaler Perspektive als wichtig erachtet, da die Qualität und Quantität der Verflechtung zwischen Unternehmen und anderen lokalen und regionalen Akteuren und Institutionen entscheidenden Einfluss auf das wirtschaftliche Wachstum einer Region hat. Im Folgenden soll daher, nach der Definition des Kulturbegriffs und des Vertrauensbegriffs (Kap. 2.4.6), das Embeddedness-Konzept (Kap. 2.4.7) vorgestellt werden. In einer Modelldarstellung (Kap. 2.4.8) soll abschließend die Bedeutung von Kultur und Vertrauen für die Einbettung von Unternehmen veranschaulicht werden.

Es gibt keine einzelne allgemein anerkannte Definition für den Begriff ‘Kultur’. Bereits 1952 werden in einer Literaturanalyse von Alfred Louis Kroeber und Clyde Kluckhohn mehr als 150 Begriffsvarianten genannt, deren Komponenten als ein Bündel von charakteristischen Verhaltensweisen erscheinen, die durch religiöse Überzeugungen, geschichtliche Erfahrungen und Traditionen geprägt werden und deren Wertvorstellungen in einem lebenslangen Lernprozess internalisiert werden (vgl. KUNZ, 2000: 40f.). Oder, wie der Nobelpreisträger Douglass North Kultur definiert, als eine „Übertragung von Wissen, Werten und anderen verhaltensrelevanten Faktoren vermittels Lehre und Nachahmung von einer Generation auf die nächste“ (KUNZ, 2000: 44).

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Auch in der Geographie sind verschiedene Deutungsebenen identifizierbar, so wird der Kulturbegriff als ‘vieldeutig und ambivalent’ angesehen und erzeugt vor allem auf seinen Wirkungsebenen und gesellschaftlichen Praktiken ein besonderes Erkenntnisinteresse (vgl. KUNZ, 2000: 15). Bernd Belina z.B. teilt die New Cultural Geography in zweierlei Interpretationsrichtungen: eine marxistische bzw. polit-ökonomische und eine postmoderne bzw. kulturalistische. Die erste Richtung will seiner Meinung nach Kultur primär politisch-ökonomisch erklären und deuten, während die Zweite die Tendenz zeige, alles als Kultur zu interpretieren, was wiederum dazu führe, dass sie alles und damit nichts erklären könne (vgl. KAUFHOLD, 1996: 85). Einen anderen Blickwinkel auf die ‘neue Kulturgeographie’ in Deutschland werfen die Autoren Gebhardt et al. in einem Themenheft ‘Kulturgeographie’ der Geographischen Rundschau (7/2007). Für sie steht im Forschungsvordergrund die spezifische Art des wissenschaftlichen Blicks, gemeint ist ein konstruktivistischer, und erst an zweiter Stelle stehen die konkreten Untersuchungsfelder wie:

Die ökonomische Perspektive ergibt sich aus unterschiedlichen Forschungsansätzen, wobei für die genannten Autoren ‘kulturelle Geographien der Ökonomie’ den Versuch darstellen ökonomische Prozesse und Erscheinungen als ‘zutiefst kulturalisiert’ zu begreifen und Märkte als Systeme zu verstehen sind, die durch sozio-technische Arrangements geprägt und gleichsam situierte Kontexte bilden, in denen nur bestimmte Logiken zugelassen sind (vgl. ebd. 17).

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Entsprechend lässt sich auch im Hinblick auf kulturelle Bestimmungsfaktoren in der Wirtschaftsentwicklung keine einheitliche Definition finden. Dennoch kann man nach dem Soziologen Volker Kunz (1904 (1934) ) zumindest drei typische Sichtweisen von Kultur in wirtschaftlicher Hinsicht unterscheiden:

Die Beobachtung, dass Kultur einen wesentlichen Einfluss auf das wirtschaftliche Geschehen hat, ist keine neue Entdeckung, sondern findet bereits im 19. Jahrhundert durch die Postulierung einer Wirtschaftsstufenlehre eine erste Blüte (vgl. FUKUYAMA, 1995b: 23). In ihr wird die wirtschaftliche Entwicklung als eine Folge wirtschaftlicher Zustände (Stufen) erklärt, die jeweils durch hervorstechende Merkmale gekennzeichnet seien und die im Sinne einer Höherentwicklung aufeinander folgen müssten. Dass dabei die kulturelle Entwicklung der jeweiligen Nation eine entscheidende Rolle spielen sollte, ist auf den charakteristischen Einfluss des Entwicklungsgedankens zurückzuführen, der ausgehend von den Naturwissenschaften auch die Gesellschaftswissenschaften im 19. Jahrhundert beherrschte.

2.4.5  Wirtschaftsstil und Unternehmenskultur

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In veränderter Form greifen Max Weber (1996 ) und Werner Sombart (1928) in ihren Erkenntnissen zum ‘modernen Kapitalismus’ die Thematik wieder auf. Weber weist in seinem klassisch gewordenen Aufsatz ‘Die protestantische Ethik und der ‘Geist’ des Kapitalismus’ auf den wesentlichen Einfluss einer einheitlichen Ethik und der daraus folgenden Lebensführung für die Herausbildung des ‘modernen Kapitalismus’ hin. Sombart geht sogar einen Schritt weiter und prägt in seiner Methodologie zum ‘modernen Kapitalismus’ drei Grundbegriffe: Wirtschaftsgeist (Wirtschaftsgesinnung), Wirtschaftsordnung und Technik. Deren Zusammenspiel und die Einordnung der Wirtschaft als Teil der Kultur sind wesentliche Erkenntnisse seiner Arbeit und bilden die Voraussetzung für die Lehre vom Wirtschaftsstil in den 1920er und 1930er Jahren (vgl. INGLEHART, 1998: 26).

Die Wirtschaftsstilforschung in dieser Zeit kann im Wesentlichen durch zwei Hauptzweige charakterisiert werden:

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Und obwohl diese Forschung durch den Krieg und durch die Übernahme angelsächsischer Wirtschaftstheorien in den 1960er Jahren fast vollständig verschwunden ist, hat sie bis heute nichts von ihrer Bedeutung verloren. So wird in zunehmenden Maße erkannt, dass neben den bisherigen zumeist untersozialisierten Wirtschaftstheorien vor allem die kulturellen Einflussfaktoren für den wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen und auch von Nationalstaaten von besonderer Bedeutung sind. Gerade nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Gesellschaften und nach dem Aufstieg Südostasiens zu einer mächtigen Wirtschaftsregion ist eine neue Debatte über die Bedeutung kultureller Eigenheiten nationaler Gesellschaften entstanden (vgl. JOCHHEIM, 2002 ;STADLER, 2004 ).

Für den Volkswirtschaftler Rainer Klump bietet die Wirtschaftsstilforschung in Ergänzung zu sonstigen ökonomischen Theorien den Vorteil, dass sie sich im Gegensatz zu diesen nicht auf den engeren wirtschaftlichen Bereich beschränkt, sondern durch die Erfassung der gesellschaftlichen wie kulturellen Veränderungen eine befriedigendere Antwort auf mittel- und langfristige Wirtschaftsentwicklungen geben kann (vgl. JOCHHEIM, 2002: 16f.).

Ein ähnliches Resümee zieht auch Ronald Inglehart aus Max Webers Konzept der protestantischen Ethik, welches er zwar in seiner damaligen Ausprägung als überholt ansieht, dessen generelle Erkenntnis, dass ‘Kultur das Wirtschaftswachstum prägt’ aber weiterhin gültig ist (vgl.STADLER, 2004: 108).

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Die Darstellung der Genese des Wirtschaftsstilbegriffs dient an dieser Stelle weniger dazu eine Beschreibung des portugiesischen Wirtschaftsstils zu initiieren als vielmehr zu zeigen, dass es einen engen Zusammenhang zwischen nationalem wirtschaftlichen Erfolg und den räumlich-zeitlich spezifischen kulturellen Bedingungen gibt. Insofern ist es legitim zu fragen, inwiefern die kulturellen Rahmenbedingungen in Portugal die untersuchten Innovationsnetzwerke der IT-Unternehmen beeinflussen.

Neben einer gesamtwirtschaftlichen Bedeutung von Kultur z. B. für den generellen Wirtschaftsstil von Unternehmen wird der Kulturbegriff auch im Zusammenhang mit dem Handeln einzelner Unternehmen benutzt. Dieser als ‘Unternehmenskultur’ bezeichnete Begriff lässt sich jedoch wie der allgemeine Kulturbegriff kaum einheitlich definieren. Wie unterschiedlich der Begriff benutzt und verstanden wird, zeigen die verschiedenen Unternehmenskulturkonzeptionen, die Sandra Jochheim in ihrer Dissertation (1995 ) ‘Von der Unternehmenskultur zum Netzwerk von Subkulturen’ vorstellt und kritisiert.

Grundlegende Voraussetzung für ein Bestehen von Unternehmenskulturen ist die Annahme, dass Unternehmen eine Art Mikrogesellschaft darstellen, sodass bei den Mitarbeitern gewisse gemeinsame Verhaltensweisen beobachtet werden können, die das Unternehmen von anderen unterscheiden (vgl. COLEMAN, 1990: 16).

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Je nach theoretischem Ansatz lassen sich in Anlehnung an Jochheim (1993: 140) und Stadler (1995a: 16) im Kern folgende Bestimmungsfaktoren für eine spezifische Unternehmenskultur beschreiben:

Vergleicht man den allgemeinen Kulturbegriff und den Unternehmenskulturbegriff, so wird deutlich, dass die Definitionsschwierigkeiten innerhalb der Unternehmenskulturkonzeptionen wesentlich durch die theoretische Brille der jeweiligen Betrachter bedingt sind. Gerade im Hinblick auf die Einbettung von Unternehmen in ihr gesellschaftliches Umfeld erscheint eine systemtheoretische Herabstufung der Unternehmenskultur zur Unternehmenssubkultur sinnvoll. Weder konstruiert ein Unternehmen seine eigene Unternehmenskultur, losgelöst von seinem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umfeld, noch lassen sich Unternehmenskulturen ohne Anpassung in Betriebe übertragen, die sich an anderen Standorten befinden, da sie dort zwangsläufig in Interaktion mit der umgebenden Gesellschaft treten müssen.

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Dennoch ist eine unternehmensspezifische Betrachtung sinnvoll, da gerade dieser letzte Übertragungsweg von Werten, Prozessen und Verhaltensweisen die Chance bietet, innovationsunterstützende Faktoren in anderen Betrieben des gleichen Konzerns zu übertragen und damit auch die jeweils umgebende fremde Makrokultur zu beeinflussen. Zudem erleichtert es die Interaktion zwischen den verschiedenen Konzernteilen und reduziert Reibungsverluste, wenn möglichst viele Teile eines Konzerns die gleiche Sprache benutzen. Schließlich stellen Unternehmenssubkultur und die sie umgebende Makrokultur wesentliche Grundlagen für die Einbettung der Unternehmen in einer Region dar.

Um die Bedeutung von kulturellen Einflussfaktoren auf die Innovativität von Unternehmen empirisch untersuchen zu können, ist eine Beschränkung auf einen aussagekräftigen Indikator notwendig. Der im nächsten Kapitel vorgestellte Vertrauensbegriff verspricht ein wirksamer Indikator sein zu können.

2.4.6  Vertrauen und Reputation

Vertrauen ist als ein Kernelement von Sozialkapital zu verstehen (vgl. 1983 ;HARDIN, 1993 ;KERN, 1996 ;LUHMANN, 2000 (1968) ;SCHNUR, 2003 ;SZTOMPKA, 1999 )12. Es gehört dabei zu den Grundlagen des menschlichen Verhaltens, da ohne Vertrauen das Leben in einer potentiell ‘unsicheren’ Umwelt kaum möglich wäre (GAMBETTA, 1988: 519). Nur durch Vertrauen sind die meisten Situationen des Alltagslebens routinemäßig zu bewältigen. Vertrauen ist dabei eine in die Zukunft gerichtete ‘Erwartung’.

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„Wer Vertrauen erweist, nimmt Zukunft vorweg. Er handelt so, als ob er der Zukunft sicher wäre“ (GAMBETTA, 1988: 9). Da wir aber theoretisch einer Vielzahl von Zukünften gegenüberstehen, hat Vertrauen auch noch eine weitere Funktion. „Vertrauen braucht man zur Reduktion einer Zukunft von mehr oder weniger unbestimmt bleibender Komplexität“ (ebd. 19). Während in diesem Fall Vertrauen noch vage und allgemein auf die persönliche Situation bezogen ist, wird es vom polnischen Soziologen Piotr Sztompka in seiner Definition auf die Fähigkeit Anderer bezogen, inwieweit sie ‘mir’ eine verlässliche Zukunft bieten können. „Trust is a bet about the f u ture contingent actions of others“ (SZTOMPKA, 1999: 25). Voraussetzung für ein Vertrauen auf die Ungefährlichkeit und Verlässlichkeit bestehender Produkte, Dienstleistungen, Normen und Werte ist ein mehr oder weniger starkes ‘generalisiertes Vertrauen’ des Individuums auf das Handeln Anderer.

Einen anderen Ansatz zu der Thematik Vertrauen entwickelt der Sozialwissenschaftler Horst Kern (1996: 12), der intensiv über Unternehmenskulturen und Vertrauensformen geforscht hat. Für ihn ist, neben dem Vertrauen (können) ein gesundes ‘Misstrauen’ geradezu förderlich für die Innovationskraft eines Unternehmens in einem Unternehmensnetzwerk. Er belegt, dass die traditionellen starken Vertrauensbande zwischen Netzwerkpartnern in der deutschen Industrie oftmals dazu führen, dass neue Wege (Basisinnovationen) nicht beschritten werden, weil es die erstarrten Netze nicht erlauben oder zumindest nicht fördern (lock-in-Prozess). Das Paradoxon liegt nun darin, dass auf der einen Seite Vertrauen für wirtschaftliche Interaktion als positiv erachtet wird, auf der anderen Seite ein gesundes Misstrauen empfohlen wird, das es immer wieder erlaubt auch bestehende Entwicklungspfade kritisch zu hinterfragen und zu durchbrechen.

Grundlegende Bedeutung erlangt der Prozess der Vertrauensbildung im Zusammenhang mit einer entstehenden Kooperation zwischen zwei Parteien. Diego Gambetta, ein italienischer Soziologe, der sich intensiv mit unterschiedlichen Vertrauensformen und Kooperationen beschäftigt hat, versteht dabei unter Kooperation den Vorgang, dass zwei Akteure explizit und implizit Regeln vereinbaren, die im Verlauf der Kooperation auch eingehalten werden (CASTELFRANCHI et al., 2006: 213). Das Gegenteil davon wäre eine totale Konkurrenz zwischen zwei oder mehr Akteuren. Beide Seiten sind für sich allein kaum in einer Gesellschaft überlebensfähig, vielmehr kann Konkurrenz nur dann existieren, wenn auch ein gewisser Grad an Vertrauen besteht, dass andere Akteure sich an die allgemeinen Regeln halten. Ein vertrauenswürdiger Kooperationspartner ist für Gambetta ein Akteur, der durch seine zu erwartenden Handlungen seinem Gegenüber nützt oder zumindest nicht schadet, sodass eine Kooperation in Betracht gezogen werden kann. Ein weiteres wichtiges Element ist dabei der Freiheitsgrad in dieser Kooperation. Vertrauen ist nur dann möglich, wenn es zumindest theoretisch die Möglichkeit gibt, dass einer der Akteure den Anderen auch enttäuschen kann (vgl. INGLEHART, 1977: 219). Dagegen ist in einer restriktiven Form von Vertragskooperation Vertrauen nicht mehr nötig, da alles potentielle Fehlverhalten bereits schriftlich antizipiert sind. Diese Form der Kooperation wird aber in der Regel nicht bevorzugt, da es die Handlungsspielräume der Partner stark einengt und unflexibel macht. Durch das dem potentiellen Kooperationspartner entgegengebrachte Vertrauen entsteht aber auch das Risiko enttäuscht bzw. betrogen werden zu können.

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Jedoch besteht oftmals nicht die ausreichende Möglichkeit alle Risiken vor einer Kooperation zu ermitteln bzw. zu bewerten. Daher spielt die Reputation einer Person bzw. eines Unternehmens eine entscheidende Rolle bei der Zubilligung von Vertrauen. Sztompka definiert Reputation, als „record of past deeds“ (2001: 71), womit er das Wesentliche von Reputation herausstellt. Es sind in der Vergangenheit erlangte positive oder negative ‘Meriten’, die einer Person oder einem Unternehmen einen gewissen Ruf verschaffen. Die polnische Soziologin Barbara Misztal betont in ihrem Buch ‘Trust in modern Soci e ties’, dass diese Reputation aber nicht zwangsläufig an Personen gebunden ist, sondern auch durch Beitritt in eine Organisation oder Gruppe übertragen werden kann (KUNZ, 2000: 120f.).

Castelfranchi, Falcone et Al. (2001 ) weisen auf eine weitere Bedeutungsvariante von Vertrauen und Reputation hin. Durch entgegengebrachtes Vertrauen können Wettbewerbsvorteile für Unternehmen entstehen. So ist es für ein Unternehmen, dem vertraut wird, möglich, diese Reputation als (Sozial-) Kapital einzusetzen. Dabei ist aber der Kontext zu berücksichtigen, in dem das Vertrauen eingesetzt werden kann, da sich Vertrauen und Reputation nicht beliebig in verschiedenen Kontexten einsetzen bzw. nutzen lassen.

Abb. 5: Die Bedeutung unterschiedlicher Bildungsniveaus für die Entwicklung von generalisiertem Vertrauen im Ländervergleich (1999)

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Quelle: Eigener Entwurf nach World Values Survey (2000)

Ebenfalls wichtig ist die Differenzierung nach individuellem und generalisiertem Vertrauen. Während individuelles Vertrauen einer Person oder einem Unternehmen entgegengebracht wird, werden im generalisierten Vertrauen die gesellschaftlich-kulturelle Prägung und wirtschaftlich-politische Situation sichtbar. Neben den bestehenden Regeln und Normen und der wirtschaftlichen und politischen Einschätzung in der Gesellschaft ist es insbesondere die kulturelle Prägung, die zur Entstehung von unterschiedlichem generalisiertem Vertrauen beiträgt. Für einen transnationalen Vergleich wird daher seit den 1980er Jahren in einem zehnjährigen Rhythmus durch das World Values Survey unter anderem nach ‘generalisiertem Vertrauen’ gefragt13. Dabei werden erhebliche Gesellschaftsunterschiede im durchschnittlichen Niveau des generalisierten Vertrauens beobachtet (vgl.Abb. 5).

Bemerkenswert ist das durchschnittlich hohe generalisierte Vertrauen in den nordeuropäischen Ländern wie Dänemark (66 %)14, Finnland (58 %) und Schweden (66 %). Umgekehrt auffällig ist das extrem niedrige generalisierte Vertrauen in Portugal und Rumänien mit jeweils 10 % oder auch in Frankreich mit ca. 22 %. Versucht man eine Interpretation dieser Werte, fällt als erstes der positive Zusammenhang zwischen Bildung und Vertrauen ins Auge. Eine höhere Bildung führt allgemein zu einem höheren Vertrauensniveau, auch wenn dieses in den dargestellten Ländern höchst unterschiedlich ausfällt. Während in einigen Ländern wie Portugal, Rumänien, Slowakei, Litauen, Polen und Russland die Differenz zwischen der gering gebildeten Bevölkerungsgruppe und der Hochgebildeten Gruppe weniger als 10 % beträgt, erreicht die Differenz zwischen den beiden Bildungsextremen in Ländern wie Frankreich, Belgien, Vereinigtes Königreich, Italien, Österreich und Niederlande Werte zwischen 26 und 40 %. Worauf diese höchst unterschiedlichen Werte in den jeweiligen Staaten zurückzuführen sind, kann an dieser Stelle nicht ermittelt werden, ohne weitere Informationen und Indikatoren über die jeweiligen nationalen Gesellschaften heranzuziehen. Zumindest auf zwei wesentliche Einflussfaktoren sei aber hingewiesen. So hat Max Weber in seinen Arbeiten zur protestantischen Ethik auf die Bedeutung religiös-kultureller Faktoren im Hinblick auf die wirtschaftliche Entwicklung hingewiesen und ähnlich auch Ronald Inglehart über den Wertewandel von materialistischen zu post-materialistischen Zielen geschrieben (vgl. BORNSCHIER, 2005 ). Es ist auffällig, dass insbesondere die (ehemals) protestantisch geprägten Länder Nordeuropas die höchsten Werte für generalisiertes Vertrauen aufweisen, während die mehrheitlich katholisch geprägten Länder deutlich niedrigere Durchschnittswerte besitzen. Daneben zeigt aber auch ein Vergleich der im Jahr 1999/2000 erhobenen Werte mit denen der 1990/91 erhobenen, dass innerhalb von zehn Jahren Niveauveränderungen von bis zu +19 % (für Ost-Deutschland), -14 % in Russland und -11,4 % für Portugal stattfinden können. Somit lässt sich vermuten, dass neben den zeitlich langfristig wirkenden Komponenten wie Glaube, Werte und Normen auch kürzer wirkende Einflussfaktoren eine Rolle spielen müssen. Auf einer weitergehende Analyse der portugalspezifischen Daten wird an dieser Stelle verzichtet, da im empirischen Teil ausführlicher auf die Thematik Kultur bzw. Vertrauen in Portugal eingegangen wird.

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Während in der Abb. 5 der signifikante Zusammenhang zwischen unterschiedlichen Bildungsniveaus und der Höhe des generalisierten Vertrauens dargestellt ist, belegen anderen Studien den klaren Zusammenhang zwischen generalisiertem Vertrauen und ökonomischen Wachstum bzw. unternehmerischen Erfolg (vgl. BATHELT und DEPNER, 2003 ;BORNSCHIER, 2005 ;LANE und LUBATKIN, 1998 ). Der Soziologe Volker Bornschier (2006: 94f.) nennt in diesem Zusammenhang sechs verschiedene Aspekte, in denen sich Vertrauen positiv auf den Unternehmenserfolg auswirkt:

Deutlich wird bei den einzelnen Zusammenhängen, dass Vertrauen die Kooperationsbasis für Akteure fördert bzw. erleichtert. Sowohl bei den Lernallianzen, die in der Netzwerkökonomie immer wichtiger werden, als auch beim Austausch von Informationen zwischen den Akteuren, die ein hohes Maß an Absicherung erfordern, ist Vertrauen der Impulsgeber und von fundamentaler Bedeutung.

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Bei den grenzüberschreitenden Kooperationen betont Bornschier die Horizonterweiterung und Bereitschaft zur interkulturellen Zusammenarbeit, die sich aus dem entstehenden Vertrauen entwickeln können.

„Because competition is becoming more intense as borders wither away and barriers to entry for foreign competitors become lower, trust and, more generally, social capital may become a competitive resource that is valuable and very hard to imitate. The general ability to extend trust to members of neighbouring nationalities may for instance considerably reduce coordination costs in cross-country business interaction, and therefore enhance overall competitiveness by pushing the limits of cooperation much further.” ( BORNSCHIER, 2005: 95 )

In einem Kontext mit generalisiertem Vertrauen ist der Erfolg einer Innovation größer, da nicht nur der Unternehmer dem Marktumfeld vertrauen kann, sondern auch die Abnehmer von neuen Produkten eher positiv gestimmt sind als eine mit Misstrauen besetzte Umwelt.

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Ähnlich verhält es sich mit dem generalisierten Vertrauen in einer Gesellschaft, das grundlegende ökonomische Veränderungen erleichtert. Insbesondere in Zeiten kreativer Zerstörung, wenn auch soziale Subsysteme neu ausgebildet werden müssen, um z. B. eine neue ‘Kondratieff-Welle’ zu fördern, ist Vertrauen eine notwendige Voraussetzung. Deswegen kann man nach Bornschier verstehen, warum in Gesellschaften mit niedrigem ‘Vertrauensniveau’ wenig in Humankapital investiert wird, obwohl dieses ein Schlüsselfaktor in der Entstehung der Wissensökonomie ist. „So genannte Low Trust-Gesellschaften, in denen kein derartiger Wissensaustausch zwischen den Akteuren stattfindet, können das intellektuelle Potential ihrer Bevölkerung somit nicht vollständig ausschöpfen.“ (GRANOVETTER, 1985: 133)

Unternehmer sind aber abhängig von einer großen Zahl von ‘Wissensarbeitern’ und gleichzeitig auch einer großen Zahl von Konsumenten, die in der Lage sind propagierte Innovationen auch in ihren Alltag zu integrieren.

Welche Konsequenzen ergeben sich aus diesen Ausführungen für die vorliegende Untersuchung? Neben der allgemeinen positiven Bedeutung, die Vertrauen und Reputation für das Handeln von Akteuren in ökonomischen Zusammenhängen hat, stehen insbesondere zwei Aspekte im Vordergrund. Erstens ist auf der individuellen Ebene von Vertrauen nicht die Tatsache entscheidend, dass ein Akteur zu einem Netzwerk gehört, sondern vielmehr, dass das ihm entgegengebrachte Vertrauen sich als relationales Kapital benutzen lässt und somit einen Wettbewerbsvorteil erbringt.

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 “What does imply to be trusted for the trustee? As we said, the intuitive answer could be that: the probability to be chosen for exchange or for partnership will grow; the negotiation power of that agent will increase.” ( GRANOVETTER, 1985: 21 )

Davon zu unterscheiden ist zweitens die kollektive Vertrauensebene, nämlich das nicht hoch genug zu schätzende ‘generalisierte Vertrauen’, das einer Gesellschaft oder Kultur inhärent ist. So betonen die Kulturwissenschaftler Hofstede, Jonker et al. die Abhängigkeit von Handelssituationen von spezifischen kulturellen Normen und Verhaltensweisen.

Trade situations in the real world can be better understood by taking into account the cultural background of the traders. Concepts like trust and honesty do not mean the same in different cultures, nor do practical aspects such as cheating, negotiation time and good relationships.“ ( DICKEN et al., 1994: 132 )

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Die Stärke von Vertrauen als Sozialkapital wird daher von Bornschier eher innerhalb einer Kultur gesehen, als kulturübergreifend.

Generalized trust in a context should, for the above reasons, be considered by theories of entrepreneurship and innovation as a cultural resource that unfolds its powers both by influencing the opportunity structure and the capabilities and resources of the entrepreneur. As a cultural resource, trust is bound to the very structure from which it originates. It is hard, if not impossible, to move or export it, so it can be regarded as a competitive advantage of the social context as a whole.” (BATHELT undGLÜCKLER, 2002: 96 ).

Auch wenn Bornschier an dieser Stelle auf die enge Anbindung von Vertrauen an die jeweilige Kultur hinweist, bleibt insbesondere die Frage nach der ‘Exportierbarkeit’ von Vertrauen und Reputation, bzw. nach ‘Transport-Medien’ in der Wirtschaft, die diese Übertragbarkeit von Vertrauen und Reputation ermöglichen bzw. kulturübergreifend werden lassen können. Für eine mögliche Antwort ist aber, neben der Analyse des Vertrauens- und Kulturbegriffs, eine Beschreibung des sozialräumlichen Gefüges notwendig. Erst durch ein besseres Verständnis der Einbettung von Akteuren in ihr Umfeld lassen sich deren Handlungen sinnvoll erklären. Der Embeddedness-Ansatz verspricht dabei Erklärungshilfen für das Zusammenspiel von Unternehmern untereinander und ihrem institutionellen Umfeld zu geben.

2.4.7  Räumliche und kulturelle embeddedness

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Seit den Publikationen Marc Granovetters (1998 ) zur Bedeutung von embeddedness für ökonomische Prozesse und Strukturen sind eine Fülle von Arbeiten aus den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften und der Geographie erschienen, in denen ‘Cluster’, ‘Industriedistrikte’, ‘Regionale Innovatio nssysteme’ und ‘Innovative Milieus’ mit embeddedness in Verbindung gebracht wurden.

Ausgangspunkt der embeddedness-Forschung ist die Erkenntnis Granovetters, dass Handlungen nie ohne soziale Verknüpfungen stattfinden. Vielmehr sind sie in ihrem zumeist lokalen Umfeld in Systeme sozialer Beziehungen eingebettet, die dieses Handeln stark beeinflussen15. Granovetter (2002 ) unterscheidet hierbei zwischen ‘relationaler’ und ‘struktureller’ embeddedness.

Relationale embeddedness kennzeichnet dabei die Beziehung zwischen zwei Akteuren, die in der Regel nicht opportunistisch ist, sondern eher in Form von Win-Win-Situationen charakterisiert werden kann.

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 „The embeddedness argument stresses instead the role of concrete personal relations and structures (or „networks“) of such relations in generating trust and discouraging malfeasance.“ (ebd. 486)

Vertrauen ist somit in diesem Zusammenhang ein Schlüsselbegriff und bildet damit eine der Grundlagen für Unternehmen, um durch Partnerschaften bzw. Kooperationen den eigenen wirtschaftlichen Erfolg zu erhöhen.

Strukturelle embeddedness beschreibt hingegen die Einbettung der Beziehungen eines Akteurs in ein Beziehungsgeflecht mit mehreren Akteuren und deren institutionelles Umfeld. Während diese Definition noch nicht zwingend einen räumlichen Bezug impliziert, wird sie von Geographen dahingehend interpretiert, dass jede dieser Beziehungen durch die räumliche Nähe oder Entfernung beeinflusst wird. Insbesondere beim Austausch von so genanntem tacit knowledge, welcher vorrangig durch die häufige Interaktion von Personen gefördert wird, ist eine räumliche Nähe fast zwingend für die Akteure, sodass in manchen Fällen auch von local embe d dedness gesprochen wird (vgl. GLÜCKLER, 2001 ).

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Harald Bathelt und Johannes Glückler (1996: 161f.) weisen dabei auf die Gefahren einer Überbewertung des Räumlichen als Bedingung des Sozialen und der oftmals a priori unterstellten Bedingung eines lokalen oder regionalen Bezugs bei embeddedness hin. Eine Lösung besteht für sie darin, weniger den Raum zu betrachten, in dem embeddedness stattfindet, als vielmehr die „Komponenten der embeddedness (zu analysieren), die lokalisierbar sind und in räumlicher Perspektive verschiedenen Maßstabsebenen zugeordnet werden können“ (ebd. 162). Der räumliche Bezug ergibt sich hierbei aus der Einbettung der Unternehmen in institutionelle Zusammenhänge, wie z. B. auf nationalstaatlicher, regionaler oder lokaler Ebene und der Übernahme gemeinsamer Normen, Routinen, Einstellungen und Ziele der Akteure des jeweiligen Raumes.

Probleme ergeben sich allerdings aus der großen Plausibilität dieses Ansatzes, was in den letzten Jahren dazu geführt hat, dass er inzwischen für fast alles als Erklärungsmuster ‘herhalten muss’. So kommt der Ökonom Päivi Oinas (1996 ) nach Durchsicht der einschlägigen Literatur zu dem Schluss, dass „...just about any interpretation seems to be legitimate. This renders the term next to meaningless. Der Grund dieser problematischen Entwicklung ist in der nicht ausreichenden theoretischen Durchdringung des Begriffs zu finden. Als Lösung führen die Wirtschaftsgeographen Boschma, Lambooy et al. (2002: 23) zum einen verschiedene Betrachtungsebenen ein, indem sie eine Mikro-, eine Meso- und eine Makro-Ebene von embeddedness unterscheiden, und zum anderen differenzieren sie nach marktbasierten oder embedded-Beziehungen.

Auf der Mikro-Ebene wird lediglich deutlich, dass Akteure mehr als nur ökonomische Beweggründe für ihr strategisches Handeln haben. Sie ermöglicht aber keine Interpretation von sich verändernden wirtschaftlichen Zusammenhängen. Die Makro-Ebene hingegen beschreibt den soziokulturellen Kontext, in dem ein Unternehmen agiert. Der Kontext ist dabei eng an die regionalen Institutionen gebunden, die sich nicht so sehr auf den Markt fokussieren, sondern vielmehr auf diejenigen Transaktionen zwischen den Teilnehmern des Marktes schauen, die durch Normen und Werte der umgebenden Gesellschaft geprägt sind. Im Ergebnis kann dieser soziale Kontext den Grad der Einbettung zwischen den Unternehmensakteuren auf der Mikro-Ebene erklären. Zwischen der Mikro- und Makro-Ebene kann man aber auch eine Mesoebene identifizieren. In ihr fokussiert sich der Blick für Embeddedness auf die Unternehmensnetzwerke.

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Marktbasierte Beziehungen kennzeichnen in der Regel reine Geschäftsbeziehungen ohne weiteren Wissensaustausch, insbesondere fehlt im Gegensatz zu embedded-Beziehungen der Austausch von tacit knowledge. Wie wichtig diese Differenzierung ist, verdeutlicht Johannes Glückler (2006 ), der basierend auf der Untersuchung von Brian Uzzi (2004 ) sowohl overembeddedness als auch underembeddedness als negativ für ein Unternehmen charakterisiert. Im ersten Fall sind die Netzwerkbeziehungen des Akteurs so starr, das er nicht offen für neue Kontakte ist und damit ein lock-in droht (vgl. Grabher, 1993), während im zweiten Fall der Akteur annähernd reine Marktbeziehungen zu anderen hat, sodass ihm wichtige Informationen vorenthalten werden, die aufgrund von Vertrauen und Reziprozität zu erwarten wären (vgl. ANNEN, 2004: 677).

Als weiterer wichtiger Einflussfaktor in der embeddedness-Forschung wird von Michael Taylor und Simon Leonard (2004 ) ‘Macht’ angegeben. Diese wirkt auf verschiedene Weisen zwischen einem dominanten Unternehmen und seiner Umgebung, so z. B. durch verschiedene Formen der Verdrängung, indem die Handlungsfreiheit anderer Unternehmen beschränkt wird, sodass sie in ihrer Kapitalakkumulation behindert werden. Dies hängt vor allem von der eigenen Position in der Netzwerkhierarchie ab. Je größer die Dominanz eines oder mehrerer Netzwerkteilnehmer ist, umso größer wird die Gefahr einer Abhängigkeit für die anderen Netzwerkteilnehmer. Im schlimmsten Fall entstehen lock-in-Strukturen, die dazu führen, dass hierarchische Netzwerke regional die wirtschaftliche Entwicklung behindern, indem sie Neuerungen im regionalen Wirtschaftskreislauf verhindern. Dadurch kann es innerhalb eines Landes zu ungleichen wirtschaftsräumlichen Entwicklungen kommen, die Gewinner- und Verliererregionen entstehen lassen, wie es z. B. für das Ruhrgebiet (‘Verliererregion’) und für München (‘Gewinnerregion’) zu beobachten ist.

Zuletzt soll auf die ‘kulturelle’ Komponente bei embeddedness von Unternehmen hingewiesen werden. Nimmt man die Definitionen von Kultur, wie sie oben beschrieben wurden, als Grundlage, dann ergeben sich im Hinblick auf die Rolle von Kultur im Bereich der embeddedness von Unternehmen einige entscheidende Fragen. Während konventionell in den wirtschaftswissenschaftlichen Theorien zumeist mit einem Modell des Homo oeconomicus und in den Sozialwissenschaften mit dem des Homo sociologicus gearbeitet wird, bleibt die Frage nach der Konstitution eines Homo culturalis. Wie bereits beschrieben, wird er in seinem Handeln durch vielfältige unbewusste Prägungen von der ihn umgebenden Kultur beeinflusst. Solange der Homo culturalis dabei in seiner ihm vertrauten Kultur lebt und arbeitet, mögen diese kulturellen Einflüsse noch unproblematisch sein. Das gilt dann auch für die Wirtschaftstheorien, die im Umfeld ihrer Entstehung genutzt werden. Schwierig wird es hingegen, wenn Erklärungsansätze mit impliziten Handlungsanweisungen in andere Kulturen übertragen werden, sei es räumlich-geographisch als auch historisch-zeitlich. Leipold schreibt dazu:

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„Viele der gelebten Regeln sind impliziter Natur, die weder den unmittelbaren Individuen und noch weniger den externen Forschern bewusst sind. Die implizite Natur der Regeln ist dann unproblematisch, wenn Individuen oder Forscher sie aufgrund ihrer eigenen kulturellen Sozialisation kennen und teilen. Problematisch sind die Fälle, in denen ein Forscher entweder eine ihm fremde, oder aber eine historisch zurückliegende Kultur untersucht und bewertet. Im ersten Fall besteht die Gefahr, dass Eigenarten der anderen Kulturen an der eigenen gemessen werden, im zweiten Fall, dass historische Weltbilder unangemessen berücksichtigt oder aber modernistisch fehl interpretiert werden“ (SENNETT, 2005: 9) (vgl. auch PLATTNER, 2003 ).

Im Hinblick auf ökonomische Theorien stellt sich daher die Problematik ihrer Verallgemeinerbarkeit, wenn sie durch Kultur kontextualisiert werden, da gerade ökonomischen Theorien den Anspruch haben universell anwendbar zu sein, also unabhängig von Kultur, Zeit und Raum Wirksamkeit zu besitzen (vgl. TAYLOR und LEONARD, 2002 ). Wenn nun diese Theorien in unterschiedlichen Kulturen zum Einsatz kommen, dann ist ein Weg zu wählen, bei dem die Modelle und Ansätze in ihrer Basisstruktur weitestgehend kulturunspezifisch wären, um dann den jeweiligen Kulturräumen angepasst zu werden.

Letztlich muss jede ökonomische Theorie auf den kulturellen Kontext Rücksicht nehmen, will sie nicht zu falschen Ergebnissen kommen. Denn abgesehen von den von Fall zu Fall bestehenden, ‘objektiven’ nämlich materiellen und institutionellen Verhältnissen, gibt es noch die „verarbeitenden und steuernden mentalen Strukturen der betroffenen Akteure“ (FREUND, 1981: 49), die durch unterschiedliche mentale Selektions-, Bewertungs- und Verarbeitungsmechanismen das Entstehen, Zulassen und Berücksichtigen mehrerer unterschiedlicher Lösungs- und Handlungswege in ökonomischen Zusammenhängen möglich machen und dadurch nicht zuletzt auf die Wirkmächtigkeit von ‘Kultur’ hinweisen.

2.4.8  Das Modell des ‘kulturell eingebetteten Unternehmens’

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Als Ergebnis der vorangegangenen Erörterungen wird es möglich, ein Modell (Abb. 6) zu entwerfen, das die verschiedenen Einflussfaktoren auf die Innovationsbereitschaft eines Unternehmens identifizieren lässt. Dabei sollen die Bezüge verdeutlicht werden, die durch die räumlich-kulturelle Einbettung geschaffen werden. Als Grundlage der Modellbildung dienen die in den vorhergehenden Kapiteln näher behandelten Begriffe.

Abb. 6: Das Modell des kulturell eingebetteten Unternehmens 

Quelle: Eigener Entwurf

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Die Bereitschaft zur Innovation, zur Kooperation bzw. Netzwerkbildung und zur Eroberung neuer Märkte wird entscheidend durch das Sozialkapital eines Unternehmens und seine kulturelle Einbettung beeinflusst. Grundlagen sind einerseits die das Unternehmen umgebende (lokale/regionale/nationale) Kultur und Gesellschaft, andererseits die eigene Unternehmenskultur. Die umgebende Kultur wird durch Werte, Normen und Praktiken auf den verschiedenen räumlichen Ebenen geprägt. Dabei ist in den meisten westlich geprägten Ländern eine zunehmende Angleichung nach internationalen Standards festzustellen. So wirken z. B. das westliche Demokratieverständnis oder das institutionalisierte ‘neoliberale’ Wirtschaftssystem mit ähnlicher Macht auf zahlreiche Gesellschaften und verändern damit auch indirekt deren Kultur(en) (vgl. FREUND, 1987 ).

Geographisch manifestieren sich diese Einflussfaktoren durch Geltungsbereiche von Gesetzen und Verordnungen und durch Institutionen in ihren Ausstrahlungsbereichen wie Behörden, Verbänden, Universitäten, Forschungseinrichtungen. Letztere wirken auf die lokale und regionale Kultur, in denen ein Unternehmen angesiedelt ist.

Einerseits wird die Unternehmenskultur im Zeitalter der Internationalisierung vor allem durch folgende Faktoren bestimmt, nämlich:

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Andererseits beeinflussen die Unternehmenskulturen in begrenztem Maße auch die sie umgebende Kultur, indem sie z. B. neue Werte, Normen, Standards und Praktiken schaffen und diese über Institutionen (z. B. Verbände) in ein größeres Umfeld übertragen.

Die kulturelle Einbettung beeinflusst sowohl in der regionalen Gesellschaft als auch im einzelnen Unternehmen die Generierung von generalisiertem und individuellem Vertrauen. Das Bestehen von generalisiertem Vertrauen ist dabei wichtiger für das Unternehmen als das individuelle Vertrauen der Mitarbeiter (unternehmensinternes Sozialkapital), da die Möglichkeiten eines Unternehmens begrenzt bleiben, das unternehmensinterne Vertrauensniveau im lokalen oder regionalen Kontext einbringen zu können. In den so genannten Low Trust-Gesellschaften würde z. B. die Gefahr groß sein, dass ein der Umwelt entgegengebrachtes individuelles Vertrauen nicht als solches erkannt und honoriert wird, sondern lediglich als Gelegenheit von Anderen gesehen wird, um sich persönlich einen Vorteil zu verschaffen.

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Wie bereits im Kapitel 2.4.6 beschrieben, gibt es eine große Spannbreite zwischen völligem Vertrauen und absolutem Nichtvertrauen. Je nach Tendenz zur einen oder an deren Seite bewirkt es Sicherheit bzw. Unsicherheit bei den Entscheidungsträgern eines Unternehmens, sodass daraus wiederum eine unterschiedlich große Bereitschaft zur Bildung von Kooperationen, zu Netzwerken, zum Innovieren und zu ‘Markteroberungen’ entsteht.

Ein ‘kulturell eingebettetes Unternehmen’ wird aufgrund der Fähigkeit seiner Mitarbeiter zu vertrauen und seiner Initiativkraft die eigene Reputation positiv beeinflussen. Die gute Bewertung durch Andere, seien es Kunden, Netzwerkpartner oder sonstige Akteure, hat dabei wiederum Rückwirkungen auf die eigene Unternehmenskultur.

Wie dargestellt worden ist, lassen sich aus den beschriebenen Erkenntnissen vorteilhafte Handlungsperspektiven für die jeweiligen Akteure erschließen. Jedoch stellt sich auch die Frage nach der Möglichkeit die Erkenntnisse zielgerichtet und mit Erfolgswahrscheinlichkeit anzuwenden, und zwar auf ein Unternehmen, eine Branche oder Wirtschaftsregion. Wie lassen sich lock-in-Effekte, abträgliches Misstrauen und fehlende oder unzureichende embeddedness vermeiden bzw. verhindern? Oder positiv ausgedrückt, wie kann Vertrauen aufgebaut werden und die Einbettung von Unternehmen in einer Region verbessert werden? Dieser Frage soll nach Präsentation und Analyse der empirischen Ergebnisse im Kap. 5 (S. 161) nachgegangen werden, um anschließend Handlungsvorschläge für die Politik zu entwickeln. Zunächst wird aber im nächsten Abschnitt eine kurze Einführung in die wirtschaftsgeographische Entwicklung Portugals gegeben, um die aktuellen Wirtschaftszusammenhänge und -akteure verstehen zu können.


Fußnoten und Endnoten

2  Nach dem European Information Technology Observatory werden zum IT-Sektor folgende Bereiche gezählt: Hardwareproduktion und -vertrieb, Softwareproduktion und -vertrieb und auf Informationstechnologie bezogene Dienstleistungen. Diese Definition wird auch von anderen europäischen oder internationalen Organisationen benutzt (vgl. OECD, 2007a).

3  Der neoklassische Denkansatz geht von einer mathematischen Erklärbarkeit der wirtschaftlichen Zusammenhänge aus, indem Gesetzmäßigkeiten entdeckt und in Modellen dargestellt werden können, die zur Beschreibung aktueller wirtschaftlicher Vorgänge und zur Vorhersage zukünftiger Entwicklungen brauchbar sind (vgl. ALBERT, 1998).

4  Das historisch-dialektische Paradigma geht von einem Wissenschaftsverständnis aus, in dem es unmöglich ist, sich außerhalb der realwirtschaftlichen Verhältnisse zu stellen, sodass alle Erkenntnis und Modellerstellung immer auch durch realwirtschaftliche Einflüsse beeinflusst wird. Daneben spielen die historischen Entwicklungen und Einflüsse auf das aktuelle Geschehen eine wichtige Rolle, aber auch dass im dialektischen Sinne strukturelle Widersprüche in der Geschichte der ökonomischen Entwicklung gesucht werden müssen (vgl. Pauschert, 2005).

5  Bei Bathelt und Glückler wird exemplarisch die Widersprüchlichkeit bzw. Problematik dieser Begriffsabgrenzung sichtbar. Während sie an einer Stelle von der leichten Weitergabe von kodifiziertem (explizitem) Wissen sprechen, führen sie im weiteren Verlauf des Abschnitts eine veränderte Deutung des Begriffs ein, indem sie von der Kontextualisierung des kodifizierten Wissens sprechen, welche dazu führt, dass dieses Wissen „nicht leicht in andere räumliche Zusammenhänge übertragen werden kann“ (BATHELT und GLÜCKLER, 2002: 57).

6  Kuhns lesenswerter Beitrag zur Knowledge-based economy bzw. learning economy geht über eine einfache Kritik an der falschen Begriffsverwertung von implizitem und kodifiziertem Wissen deutlich hinaus. Für ihn besteht ein Widerspruch zwischen der Behauptung, Europa würde sich zu einer Wissensgesellschaft entwickeln, und der Erkenntnis, dass es eigentlich lediglich immer nur um eine monetäre bzw. ökonomische Verwertung und Bewertung von Wissen bzw. Lernen geht und nicht um Wissen als allgemeines Gut. „The knowledge-based economy reduces the contents of knowledge in the life of European citizens as on a functional ingredient of an economic growth. It excludes societal and political aspects of the life of European citizens or worse: It subordinates even any societal and political aspects of life under the criteria of economic growth” (Kuhn 2006: 53).

7  Damit sind Innovationen gemeint, die auf bestehenden Produkten oder Prozessen aufbauen und diese weiter entwickeln.

8  Die Relation wäre zwischen beiden Kapitalformen ausgeglichen, wenn es den Wert Eins annehmen würde.

9  Jansen (1999) nennt als Mindestzahl für ein Netzwerk zwei Akteure, andere wiederum betonen, dass erst bei einer triadischen Beziehung von einem Netzwerk gesprochen werden kann (vgl. Butzin 2000; Fritsch 2001).

10  Damit ist gemeint, dass die Lizenz für ein Produkt oftmals nicht nur an einen Produzenten vergeben wird, sondern an zwei, sodass die Abhängigkeiten reduziert werden.

11  Ebenso zu kritisieren ist die Vernachlässigung der kulturellen, sozialen aber auch politischen Vernetzungen wie sie z. B. Yeoh (2005, 955f.) für Südostasien beschreibt: „... urban imagineering as a form of cultural globalis a tion has brought to the fore not only new urban discourses but also oppositional tactics which chisel away at the image and edifice of ‘the global cultural city’. (…) Yet, what remains at large (…) is the broad question of cu l tural justice, involving a fundamental revaluing of d i verse peoples – not only across divisions of race, class, gender, religion and language, but also across nationality and citizenship lines – encompassing both cultural and economic dimensions in order to achieve greater inclusion of cultural diffe r ence – which is, after all, the hallmark of a global city.”

12 

Vertrauen steht in engem Zusammenhang zum so genannten ‘Sozialkapital’, welches als eine Variante der verschiedenen Kapitalarten in Wirtschaft und Gesellschaft angesehen wird (Fukuyama, 1995a). Für Pierre Bourdieu ist z. B. Sozialkapital die „Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von mehr oder weniger institutionalisierten Beziehungen gegenseitigen Kennens oder Anerkennens verbunden sind; oder, anders ausgedrückt, es handelt sich dabei um Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen“ (1983, 190f; Kursiv im O.) Ein weiterer Soziologe, Robert Putnam sieht Sozialkapital als ‘Schmiermittel’ zwischen den Gruppen und Individuen einer Gesellschaft. „Social capital here refers to features of social organisation, such as trust, norms and networks, that can improve the efficiency of society by facil i tating coordinated actions“. (Putnam, 1993, 167)

Deutlich wird bei beiden Definitionen, dass sich Sozialkapital in der Eigenschaft Vertrauen und – indirekt durch die Netzwerke – auch in der embeddedness wiederfinden lässt. Somit kann auf eine tiefer gehende Darstellung und Problematisierung des Sozialkapital-Begriffs verzichtet werden, da er soweit notwendig in den jeweiligen Teilbereichen Berücksichtigung finden wird. Für eine ausführliche geographische Einordnung des Begriffs Sozialkapital, siehe Schnur (2003).

13  Die Frage lautet: „Generally speaking, would you say that most people can be trusted, or that you can’t be too careful in dealing with people?“ Indikator für die Antwort ist: „Most people can be trusted.“

14  Dies sind jeweils Durchschnittswerte bezogen auf alle Befragte eines Landes.

15  In diesem Zusammenhang lässt sich auch die Pfad-Abhängigkeit der Handlungen deutlich dokumentieren.



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26.05.2009