3  Portugal am Anfang des 21. Jahrhunderts - ein wirtschaftsgeographisches Kurzportrait

↓98

3.1 Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen seit dem Beitritt in die Europäische Gemeinschaft

↓99

Angesichts der Tatsache, dass bereits eine Vielzahl von deutschsprachigen geographischen Publikationen die Entwicklung der portugiesischen Wirtschaft bis in die späten 1980er Jahre charakterisiert haben (vgl. DAVEAU et al., 1987 ;PUDEMAT, 1997 ;SALAVISA LANÇA, 2001 ;1980 ;1981 ), soll an dieser Stelle nach einer Rekapitulation der Schwerpunkt auf die Zeit von den späten 1990er Jahre bis in die Gegenwart gelegt werden, da dies für das Verständnis der aktuellen IT-Branchenentwicklung von besonderer Bedeutung ist.

Portugals wirtschaftliche Entwicklung im 20 Jh. ist im Wesentlichen durch die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen des 18. und 19. Jh. bestimmt. Die industrielle Entwicklung wurde im 19. Jh. durch die für Portugal ungünstigen Staatsverträge mit England als wichtigstem Wirtschaftspartner bestimmt. Der Methuenvertrag von 1703 zerstörte das bis dahin entstandene Textilgewerbe und hatte darüber hinaus auch negativen Einfluss auf die industrielle Entwicklung des Landes insgesamt. Da das Textilgewerbe die entscheidenden industriellen Produktionstechniken im 18. Jh. hervorbrachte, hinderte die ‘Zerstörung’ dieser Basis durch die Dominanz englischer Produktion eine kapitalistische Entwicklung Portugals, wie sie in anderen europäischen Ländern im Rahmen der industriellen Revolution stattfand (vgl. FREUND, 1995: 100).

Auch in der ersten Hälfte des 19. Jh. behinderten verschiedene außenpolitische und -wirtschaftliche Einflussfaktoren, wie die napoleonischen Kriege und die schnellere technologische Entwicklung im Ausland – vor allem in England – eine stärkere Eigenentwicklung des Landes, sodass die meisten Industriebetriebe immer weiter im europäischen Wettbewerb zurückfielen. Durch die Konsolidierung der kolonialen Besitzungen in Afrika kommt es zwar zu geringfügigen Verbesserungen im ausgehenden 19. Jh., indem neue Absatzmöglichkeiten geschaffen wurden, die weitestgehend durch Zollbarrieren nach ‘außen’ geschützt waren. Aber trotzdem verharrt die Volkswirtschaft Portugals in einer fast vorindustriellen peripheren Form.

↓100

Verdeutlicht wird diese schwache wirtschaftliche Entwicklung durch Vergleichswerte zu den führenden Wirtschaftsnationen des 19. (Vereinigtes Königreich) und 20 Jahrhunderts (Vereinigte Staaten). Während Portugal um 1850 noch ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Einwohner von 47 % im Verhältnis zum Vereinigtes Königreich und 60 % zu den Vereinigten Staaten hatte, fällt dieser Wert auf 27 % respektive 26 % im Jahr 1913. Die Vergleichswerte liegen im Jahr 1950 bei 31 % bzw. 22 %. 1973 wurde ein annähernder Wert von 46 % zum nordamerikanischen BIP erreicht (vgl. OECD, 2005a: 198). Es ist daher nicht verwunderlich, dass Hermann Lautensach noch in den 1930er Jahren von einer für das Land wenig bedeutsamen Industrie spricht. Und auch ein Orlando Ribeiro als erster großer portugiesischer Geograph hält sich nicht lange mit der industriellen Entwicklung des Landes auf, da er trotz der positiven wirtschaftlichen Veränderungen, die seit dem Beginn der Rechtsdiktatur 1928 erkennbar wurden, Portugal weiterhin als ein vorrangig agrares Land verstand (vgl. FREUND, 1995: 1193).

Trotz einer sich in den 1950er Jahren beschleunigten Entwicklung der Industrie, die insbesondere durch staatliche Investitionspläne von 1953-58 und 1959-64 für die Basisindustrien forciert wurde, bleibt das nationale Wirtschaftssystem bis in die 1960er Jahre hinein nach Außen hin stark abgeschottet und teilweise auf Importsubstitution ausgerichtet. Veränderungen ergaben sich erst:

↓101

Dies führt in den 1960er Jahren zu einer Öffnung des Landes für ausländische Direktinvestitionen und als Gründungsmitglied (1960) der Europäischen Freihandelszone (EFTA) zu einer Liberalisierung des Außenhandels. Dadurch kommt es bis 1974 zu „ungewohnt vielen und langfristig bedeutenden ausländischen Direktinvestitionen“ (ORLOWSKI, 1982: 286), deren Hauptmotive die extrem niedrigen Löhne in Portugal, die Nutzung Portugals durch die EG-Länder als Tor zum Wirtschaftsraum der EFTA (die anderen Gründungsmitglieder waren Dänemark, Groß Britannien, Norwegen, Österreich, Schweden und Schweiz) und die Belieferung des portugiesischen Marktes mit modernen Verbrauchsgütern und langlebigen Gebrauchsgütern sind (vgl. ebd.).

Mit dem Putsch von 1974 (‘Nelken-Revolution’) und der zum Sozialismus tendierenden Politik der Folgeregierungen kommt es zu einer Verunsicherung der Wirtschaftsakteure durch Verstaatlichungen in Basisindustrien, Banken und Versicherungen, in deren Folge auch die ausländischen Direktinvestitionen (ADI) deutlich zurückgefahren werden (vgl. EUROSTAT, 2007a ). Erst der Politikwechsel in den 1980er Jahren führt vor und mit dem EG-Beitritt des Landes 1986 zu einer deutlichen Belebung der portugiesischen Wirtschaft. Begründet ist dies einerseits durch die Vorbeitrittshilfen der EU und die hohen Strukturbeihilfen nach dem Beitritt, zum anderen durch die wieder verstärkt ins Land kommenden ADIs westeuropäischer Länder (Groß-Britannien, Deutschland, Frankreich, etc.) in lohnkostenintensive Industrien mit ausgereiften Technologien.

Diese waren zwar auch schon in den 1960er Jahren vermehrt ins Land geholt worden, wie z. B. Grundig und Siemens, jedoch stieg das Investitionsvolumen der nach Portugal verlagerten Produktionen noch einmal deutlich an. Die wichtigsten Investitionen finden in den Branchen Chemie und Pharmazie, Elektrotechnik, Nahrungsgüter, Textil–Bekleidung–Schuhe, Automobil- und Maschinenbau, Papier, Glas und Bergbau statt, wobei bei den Investitionssummen insbesondere der Fahrzeug- und Maschinenbau mit ca. einem Drittel aller Investitionen (1986-1992) hervorsticht (vgl. MELRO, 2006: 288).

↓102

Das Land erlebt in den Jahren nach 1986 durch sein günstiges Lohnniveauein stetiges Wachstum. So steigt das BIP in den Jahren 1986-1992 um durchschnittlich 4% und danach bis zum Jahr 2000 noch im Schnitt um mehr als 3% (vgl. BDP, 2006 ).

Tab. 2: Preiswettbewerbsfähigkeit – Effektive Wechselkurse einzelner EU-Mitgliedstaaten - Jährliche Daten

 

1999

2000

2001

2002

2003

2004

2005

EU 15

100

89,25

91,18

96,63

108,6

114,98

113,01

Tsch. Rep.

100

104,99

114,12

131,25

129,63

130,88

139,2

Dänemark

100

94,25

97,58

100,35

105,34

106,55

106,05

Deutschland

100

94,00

93,14

93,52

97,52

97,91

95,10

Griechenland

100

93,44

91,69

96,61

99,31

103,28

105,73

Spanien

100

97,5

98,77

100,68

105,51

108,11

108,62

Frankreich

100

94,76

95,29

97,78

102,24

103,69

104,07

Italien

100

94,51

96,13

99,60

107,36

110,77

112,21

Ungarn

100

107,13

119,2

133,32

133,74

141,5

146,04

Niederlande

100

98,23

101,71

105,78

110,60

110,95

109,14

Österreich

100

95,66

95,06

95,20

97,46

97,32

97,19

Polen

100

109,34

124,64

113,8

94,83

89,63

101,17

Portugal

100

100,08

103,19

105,74

110,41

110,65

110,75

Slowakei

100

111,97

111,81

116,18

124,02

132,1

137,27

Ver. Königreich

100

103,97

103,73

104,8

101,71

107,43

108,73

Quelle: Eurostat (2008): http://epp.eurostat.ec.europa.eu/portal/page?_pageid=1996,45323734&_dad=portal&_schema=PORTAL&screen=welcomeref&open=/ert/ert_eff&language=en&product=EU_MASTER_exchange_rates&root=EU_MASTER_exchange_rates&scrollto=0. Am: 22.05.08

↓103

Die ab 1989 aufkommende Konkurrenz der osteuropäischen postsozialistischen Staaten, aber auch aus China und Indien führen nach der Jahrtausendwende zu einem deutlichen Abschwung der portugiesischen Wirtschaftsleistung. So kommt es in den Jahren 2001 und 2002 zu einem deutlichen Wachstumsrückgang, der sich 2003 zu einer Rezession ausweitet. Nur langsam holt die portugiesische Wirtschaft seitdem wieder auf. Dabei zeigen sich insbesondere Defizite im Bereich der Arbeitsproduktivität.

Tab. 3: Arbeitsproduktivität der Beschäftigten in der Europäischen Union: Indexwerte bezogen auf EU-27 = 100

 

1997

1998

1999

2000

2001

2002

2003

2004

EU (27 Länder)

100.0

100.0

100.0

100.0

100.0

100.0

100.0

100.0

EU (25 Länder)

104.8

104.8

104.8

104.8

104.6

104.5

104.4

104.2

EU (15 Länder)

114.7

114.5

113.7

113.1

112.5

111.8

111.4

110.9

Belgien

137.4

134.4

134.2

137.1

133.9

136.6

134.8

132.2 (b)

Bulgarien

29.2 (e)

30.0 (e)

-

-

31.4

33.1

33.5

33.8

Tschech. Rep.

60.5 (e)

60.1 (e)

61.9

61.9

63.3

63.1

66.6

68.1

Dänemark

109.9

109.1

108.7

110.6

107.7

108.6

106.4

108.8

Deutschland

114.1

112.5

111.9

108.1

106.9

106.5

108.8

108.3

Estland

39.8 (e)

41.2 (e)

43.1

46.5

47.8

50.9

54.5

56.8

Irland

125.4

125.3

125.2

127.2

128.1

133.4

135.4

134.8

Griechenland

93.2 (e)

90.8 (e)

91.1 (e)

93.7

97.2

100.4

100.3

101.8

Spanien

108.3

107.7

105.6

103.8

103.3

104.9

103.9

102.2

Frankreich

125.7

126.3

125.2

125.2

125.1

125.6

121.8

120.8 (b)

Italien

128.8

130.1

127.5

126.1

125.6

117.8

115.7

112.2

Zypern

80.6 (e)

82.3 (e)

83.1

85.0

86.8

84.6

82.6

82.9

Lettland

35.5 (e)

36.8 (e)

37.9

40.1

41.4

43.1

44.3

46.0

Litauen

38.0 (e)

40.6 (e)

40.2

42.7

46.9

48.0

51.9

53.3

Luxemburg

166.2

165.5

176.1

176.1

162.5

163.5

166.8

169.8

Ungarn

61.5 (e)

62.6 (e)

61.8

64.7

68.1

71.0

71.9

72.2

Malta

:

:

:

96.8

90.0

92.1

90.4

89.7

Niederlande

110.2

110.9

111.7

114.5

113.4

113.4

111.0

112.4

Österreich

121.7

122.5

121.9

123.1

118.1

119.1

120.3

120.7

Polen

46.7 (e)

47.7 (e)

49.4

50.9

52.2

54.1

62.5 (b)

65.0

Portugal

68.1

67.8

69.3

68.9

68.0

67.9

68.5

67.2

Rumänien

:

:

:

:

:

:

31.2

34.4

Slowenien

72.3 (e)

74.1 (e)

75.6

75.1

75.5

76.7

78.1

80.9

Slowakei

54.3 (e)

56.2 (e)

56.5

58.0

60.5

62.6

63.4

65.6

Finnland

110.9

114.2

113.4

114.9

112.8

111.6

109.6

112.8

Schweden

113.2

112.0

113.4

113.6

107.7

107.8

110.2

113.5

Ver. Königr.

107.1

107.4

107.1

108.9

109.8

110.2

110.6

112.3

Kroatien

55.4 (e)

58.6 (e)

58.0 (e)

55.8 (e)

61.2 (e)

61.6 (e)

64.0 (e)

64.9

Türkei

40.0 (e)

53.2 (e)

48.9

53.2 (f)

49.1 (f)

49.0 (f)

49.7 (f)

53.9 (f)

Island

:

110.4

107.8

102.9

103.8

104.4

101.4

107.7

Norwegen

122.3

114.0

120.1

138.8

136.7

131.7

135.2

142.5

Schweiz

113.1

112.4

110.8

110.6

107.0

107.5

105.7

105.2

USA

139.0

140.1

142.2

140.2

138.2

138.0

139.7

140.7

Erklärung: Berechnung auf der Basis des Bruttoinlandsproduktes in Kaufkraftstandards je Beschäftigten.

↓104

Quelle: Eurostat (2008): Online-Statistik. http://epp.eurostat.ec.europa.eu/portal/page? _pageid=1996,39140985&_dad=portal&_schema=PORTAL&screen=detailref&language=de&product=EU_strind&root=EU_strind/strind/ecobac/eb021. Am: 21.05.2008

Während Portugals Preiswettbewerbsfähigkeit16 nach der Jahrtausendwende noch kurzfristig ansteigt (vgl. RIBEIRO, 2006 ), erlebt das Land in den Folgejahren eine relative Verschlechterung des Indexwertes auf 110,7 (2005) bezogen auf das Jahr 1999 (Index = 100; vgl. Tab. 2). Damit entspricht es zwar annähernd dem durchschnittlichen EU-25-Wert von 113,0, jedoch verliert es insbesondere in Bezug auf die großen EU-Volkswirtschaften, wie Deutschland (95,1), Frankreich (104,1) und Großbritannien (107,4). Lediglich im Vergleich mit einigen osteuropäischen Neumitgliedern (seit 2004), wie Slowakei (137,3), Tschechische Republik (139,2) und Ungarn (146,0), steht es nun wieder besser da.

Berücksichtigt man auch noch die Arbeitsproduktivität17 der Beschäftigten in Portugal im Vergleich zu den anderen EU-Ländern (EU-25 = 100), ergibt sich auch in dieser Beziehung eine Verschlechterung der Werte zwischen 2000 und 2006 von 72,3 auf ca. 65,0, während direkte Konkurrenten um ADI an die Produktivität Portugals heran kommen (Polen, Slowakei, Tschechische Republik und Ungarn) bzw. deutlich bessere Werte aufweisen (Griechenland und Irland; vgl. Tab. 3). Lediglich die beiden jüngsten Neumitglieder Bulgarien und Rumänien (2007) und das Nichtmitglied Türkei weisen schwächere Werte auf. Damit wird deutlich, dass Portugal im Gegensatz zu den Altmitgliedsländern ‘Boden verloren’ hat, während die neuen osteuropäischen Mitglieder an Portugal teilweise ‘vorbeiziehen’ können (vgl. Tab. 3).

↓105

Für die portugiesische Wirtschaftsentwicklung in den letzten 10 Jahren lassen sich folgende drei Merkmale feststellen:

Von ebenfalls negativer Bedeutung ist Portugals Beitritt zur Wirtschafts- und Währungsunion, was eine faktische Aufwertung des vormaligen Escudo zum Euro bedeutete und damit den Export erschwerte, während gleichzeitig niedrigere Zinssätze zu günstigeren Kreditkonditionen beitrugen. Dies führt zu einem starken Anstieg der Verschuldung der Privathaushalte durch Konsumenten- und Immobilienkredite und zwar von 76 % des Nettojahreseinkommens 1999 auf 117 % im Jahre 2005 oder auch von ca. 33 % des BIP in 1995 auf 84 % in 2005 (FREUND, 1981: 130f.). Der Verlust an Wettbewerbskraft im Export drückt auf die Gewinnmargen des Produzierenden Gewerbes. Darauf reagierten Investoren mit einer breiten Neuorientierung hin zu Gebäudeimmobilien oder landwirtschaftlichen Flächen (vgl. WEBER, 1980 ).

↓106

Die Entwicklung seit 1995 und insbesondere nach 2000 ist insbesondere durch den Einbruch bei den ADI und der Verlagerung von lohnkostenintensiven Industrien vornehmlich nach Mittel- und Osteuropa gekennzeichnet und führt zu einer Schwächung der Exportwirtschaft und dem Verlust an Anteilen im internationalen Markt. Melro (1980 ) erklärt diesen Prozess folgendermaßen:

„Die nationale Exportstruktur hatte eine entscheidende Bedeutung für den Verlust von Marktanteilen. Tatsächlich ist die Spezialisierung der nationalen Exportindustrie derjenigen der Schwellenländer Asiens sehr ähnlich, und daher besonders angreifbar. Dies gilt insbesondere für die Bereiche Textilien, Bekleidung und Schuhe. Auf der anderen Seite ist die Produktion im Automobil- und Elektromaschinensektor weiterhin nicht konkurrenzfähig zu den entsprechenden Sektoren in den Ländern Mittel- und Osteuropas. Sie sind die Hauptverantwortlichen für die Marktanteilsverluste zwischen 2000 und 2005...“ (eigene Übersetzung).

Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist der in den letzten Jahren stark angestiegene Rohölpreis, der zu einem deutlichen höheren Außenhandelsbilanzdefizit führte. Während noch 2004 der Rohölimport einen Anteil von 10,5 % aller Importe ausmachte, wuchs dieser bis Ende 2006 auf ca. 21,5 % (GASPAR et al., 2001 ). Gerade diese im Verhältnis zu anderen europäischen Ländern größere Abhängigkeit von externen Energiequellen macht es dem Land schwer seine Handelsbilanz zu verbessern.

3.2 Die Litoralisierung Portugals und die Bedeutung der beiden Metropolregionen 

↓107

Während im vorherigen Kapitel einige wirtschaftliche Grundzüge Portugals insgesamt dargestellt worden sind, soll in diesem Abschnitt zum einen der Gegensatz „Küstenraum – Binnenland“ und zum anderen die Bedeutung der beiden Metropolregionen thematisiert werden.

Seit Jahrzehnten findet Abwanderung von Bevölkerung (und Unternehmen) aus dem Landesinneren in die Küstenräume statt. Bereits für die 1970er Jahren konstatierten sowohl Bodo Freund (1995: Kap. 6) als auch Peter Weber (2005 ) eine Dominanz des Küstenraumes zwischen Lissabon und Porto in Bezug auf die industrielle Entwicklung und im Kontrast dazu die Rückständigkeit der innerportugiesischen Distrikte. „Deutlich hebt sich der Küstenraum als industrialisierte Zone von dem beinahe industriefreien Hinterland ab: in den sechs Küstendistrikten (Setúbal, Lissabon, Leiria, Aveiro, Porto, Braga), die einen Flächenanteil von 21,6 % einnehmen, arbeiteten (1973) 81,5 % aller Industriebeschäftigten“ (MAYRING, 1993: 112). Und weiter: „Somit lässt sich die Industriestruktur Portugals (...) insgesamt dadurch charakterisieren, dass durch die Öffnung des Marktes nach außen ein modernisierter (häufig vom ausländischen Kapital entscheidend getragener) Sektor verstärkt zu den günstigeren Küstenstandorten zieht, während die traditionellen Wirtschaftsbereiche isoliert (und häufig hoffnungslos veraltet) im portugiesischen Hinterland zurückbleiben“ (ebd. 115). In der portugiesischen Fachliteratur und auch in der medialen Öffentlichkeit wird daher von einer ‘Litoralisierung’ (litoralização) des Landes gesprochen. „In den letzten Jahrzehnten kann man, bezogen auf die räumliche Verteilung, eine ununterbrochene Konzentrationsbewegung der Bevölkerung auf die Küstenzone beobachten, wobei insbesondere die Metropolregionen von Lissabon und Porto vom Wachstum profitierten. Von 1960 bis 1991 haben die NUTS III-Regionen mit positiven Werten ca. 1,8 Millionen Einwohner hinzugewonnen, sodass sie inzwischen 71,6 % der Bevölkerung stellen. Dieser Prozess der Litoralisierung war in einer ersten Phase das Ergebnis der Abwanderung vom Lande, während in jüngerer Zeit stärker das positive natürliche Wachstum dieser Gebiete entscheidend ist, wobei die Migrationssalden weiterhin positiv sind. Während man eine generelle Verstädterung beobachten kann, entvölkern sich die ländlichen Regionen zunehmend. Dabei ist inzwischen eine verstärkte Migration in die wichtigsten städtischen Zentren außerhalb der Metropolregionen zu beobachten“ (FRIEDRICHS, 1990: 233, eigene Übersetzung ).

Neben dem Zustrom in die beiden Metropolen des Landes, Lissabon und Porto, sind in zunehmendem Maße in jüngerer Zeit auch Wanderungen in die suburbanen Räume der Metropolregionen und in die Mittelstädte zu beobachten (vgl. Abb. 7 und Abb. 8). Dabei ist nicht nur die Dynamik der Zuwanderung ungebrochen, innerhalb der Metropolregionen kommt es zugleich zu intraregionalen Verlagerungen von Bevölkerung, Industrie- und Dienstleistungsunternehmen (vgl. Tab. 4). Während die beiden Kernstädte Lissabon und Porto bereits seit mehr als zwei Dekaden an Bevölkerung verlieren, ist die Suburbanisierungstendenz weiterhin ungebrochen.

↓108

Abb. 7: Metropolregion Lissabon (ÁreaMetropolitana): Bevölkerungsentwicklung von 2001 bis 2006 

Quelle: Eigene Darstellung nach Instituto Nacional de Estatística 2007)

Aber auch innerhalb des suburbanen Raumes kommt es zu räumlichen Verschiebungen des Wachstums. Während von den 1950er bis 1970er Jahre insbesondere die industriell geprägte Concelhos 19, wie Amadora, Loures und Barreiro Bevölkerung gewannen, stagnieren sie in den letzten Jahren sogar an Einwohnern20. Hingegen gewinnen die Concelhos Sintra, Cascais, Mafra und Oeiras im nordwestlichen Umland der Hauptstadt Bevölkerung und vor allem wirtschaftliche Bedeutung hinzu. Wesentliche Gründe hierfür sind eine landschaftlich reizvolle Lage, die Wertschätzung der Wohn- und Lebensqualität durch die höheren Einkommens- und Bildungsschichten sowie die Nähe zu den Arbeitsplätzen in den modernen Dienstleistungsunternehmen und High-Tech-Industriebetrieben.

↓109

Tab. 4: Unternehmenssitze in der Metropolregion Lissabon und Halbinsel Setúbal 

Concelho

2005

1999

Grande Lisboa und zwar:

249 063

238.107

Amadora

20 120

21.628

Cascais

22 451

21.022

Lisboa

89 703

93.481

Loures

22 086

21.038

Mafra

8 595

7.165

Odivelas

16 037

15.726

Oeiras

18 005

17.640

Sintra

39 626

35.696

Vila Franca de Xira

12 440

11.876

Península de Set ú bal und zwar:

84 029

80.324

Alcochete

1 464

1.334

Almada

19 947

19.158

Barreiro

8 737

7.943

Moita

6 583

7.243

Montijo

5 598

5.400

Palmela

6 898

6.123

Seixal

15 830

15.616

Sesimbra

4 686

4.685

Setúbal

14 286

12.822

Insgesamt

333092

318431

Quelle: INE 2007: Online-Statistik am 13 Juni 2007

In abgeschwächtem Maße gilt dies auch für die südlich des Tejo gelegenen Concelhos Almada, Seixal und Sesimbra. Almada gewinnt dabei insbesondere durch seine Gemeinden (Freguesias) Caparica und Costa da Caparica. Sie profitieren neben der teilweise landschaftlich reizvollen Lage am Meer auch von der Ansiedlung der Universidade Nova mit ihren technischen Fächern (Informatik, Ingenieurwissenschaften, etc.) in Caparica und damit verbunden auch durch die Ansiedlung von High-Tech-Unternehmen in räumlicher Nähe zum Campus (z. B. NEC, EDISOFT, YDREAMS, etc.). Für die eher südöstlich gelegenen Concelhos Moita und Montijo, vor allem aber Alcochete und Palmela, hat sich die Fertigstellung der Vasco-da-Gama-Brücke 1998 auf das Bevölkerungswachstum ausgewirkt, da diese vorher schlecht mit Lissabon und dem Norden verbundenen Concelhos eine deutliche Reduzierung der Zeitdistanz zu Lissabon erfahren haben und damit als Wohnstandort für Pendler und auch als Produktions- und Dienstleistungsstandort interessant geworden sind.

↓110

Abb. 8: Metropolregion Porto: Bevölkerungsentwicklung von 2001 bis 2006

Quelle: Eigene Darstellung nach Instituto Nacional de Estatística 2007

Eine ähnliche Situation lässt sich für die Metropolregion Porto feststellen (vgl. Abb. 8). Die Kernstadt Porto verliert seit Jahrzehnten Bevölkerung und wurde inzwischen durch den südlich des Douro gelegenen städtisch geprägten Concelho Vila Nova de Gaia demographisch überholt. Anders als Lissabon verliert Porto auch an Bedeutung, was den Sitz von Unternehmen anbetrifft. Während Lissabon mit fast 90.000 Unternehmenssitzen weiterhin doppelt so viele Sitze beherbergt wie der nächst kleinere Concelho Sintra mit annähernd 40.000, wird Porto (33.776) auch in dieser Hinsicht von Vila Nova de Gaia (28.731) fast eingeholt (vgl. Tab. 5).

↓111

Diese Entwicklung ist nicht zuletzt bereits durch die sehr viel stärker flächenhaft-diffuse Streuung von Betrieben im gesamten Großraum zurückzuführen, die, wie Bodo Freund konstatiert, bereits seit 30 (heute 40) Jahren küstenparallel zu einer Ausdehnung dieses Wirtschaftsraumes auf rund 100 km, von Viana do Castelo im Norden bis Aveiro im Süden und ca. 50 km landeinwärts führt (vgl. STERNBERG, 2000: 289). Porto hat somit nie eine vergleichbar dominante Rolle in seiner Region gespielt, wie dies für Lissabon gilt.

Tab. 5: Unternehmenssitze in der Metropolregion Porto

Concelho

2005

1999

Grande Porto

138 115

129 898

Espinho

3 971

3 821

Gondomar

15 834

15 100

Maia

12 507

11 172

Matosinhos

17 493

16 392

Porto

33 776

36 599

Póvoa de Varzim

7 428

6 466

Valongo

9 986

7 797

Vila do Conde

8 389

6 906

Vila Nova de Gaia

28 731

25 645

Quelle: INE 2007: Online-Statistik am 13 Juni 2007

3.3 Zusammenfassung und Bewertung

↓112

Nach Jahren des dynamischen Wachstums in den 1990ern ist Portugals Wirtschaft seit der Jahrtausendwende in zunehmenden Maße durch Konkurrenten aus Osteuropa und Fernost in Wettbewerbsschwierigkeiten geraten, da nicht in ausreichendem Maße eine Reduzierung der arbeitsintensiven traditionellen Industrien erfolgte. Eine sich abschwächende Wettbewerbsfähigkeit im Bereich der tradierten industriellen Produktion und eine zu geringe Dynamik in den ‘neuen Technologien’ bzw. bei den ‘wissensintensiven Dienstleistungen’ werden eine wirtschaftliche Annäherung an das Mittelfeld der EU nur langsam ermöglichen. Lediglich die Metropolregion Lissabon hat das Potential schneller wirtschaftlich zu wachsen, da in dieser Region alle wesentlichen ‘wissensintensiven Dienstleistungen’ und ein Großteil der ‘neuen Technologien’ verfügbar sind.

Mit diesen ‘wissensbasierten’ Teilen der Wirtschaft und seiner systemischen Struktur als Nationalem Innovationssystem (NIS) wird sich der anschließende empirische Teil der Arbeit beschäftigen, um daraus Erkenntnisse bezüglich eines grundsätzlichen Wandels der nationalen Ökonomie gewinnen zu können. Darauf aufbauend könnte durch das Aufdecken von Schwächen und Stärken im Innovationssystem (Kap. 4.7) eine mittelfristige wirtschaftliche Entwicklung des Landes prognostiziert werden.


Fußnoten und Endnoten

16  Mit der Preiswettbewerbsfähigkeit wird über den Preis die Attraktivität eines oder mehrerer Güter bzw. ihrer Anbieter verglichen, dies können z. B. Großhandelspreise oder Exportdurchschnittswerte sein (vgl. Orloswki, 1982)

17  Bei der Messung der allgemeinen Arbeitsproduktivität in einem Land wird das BIP meistens in Verhältnis zur Zahl der Beschäftigten gesetzt (vgl. (http://ec.europa.eu/economy_finance/indicators/annual_macro_economic _database/ameco_contents.htm; am 10.12.07).

18  Mit der Staatsquote wird der Anteil der staatlich bedingten wirtschaftlichen Aktivitäten an der wirtschaftlichen Gesamtleistung einer Volkswirtschaft dargestellt.

19  Die portugiesischen Concelhos stellen funktional und räumlich eine Mischform zwischen Gemeinde und Kreis dar. Sie sind teilweise größer von der Fläche als Gemeinden in Deutschland, aber nicht so groß gefasst, wie es deutsche Kreise sind. Viele Funktionen deutscher Gemeinden fallen in den Kompetenzbereich der Concelho-Verwaltung (município, Câmara Municipal).

20  Vila Franca de Xira und Seixal werden an dieser Stelle nicht genannt obwohl sie ebenfalls in dieser Zeit an Bevölkerung gewannen. Sie haben aber, im Gegensatz zu den anderen industriell geprägten Concelhos, keine Bedeutungsverluste zu verzeichnen, bzw. können sogar von den jüngeren wirtschaftlichen Entwicklungen profitieren.



© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 4.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
26.05.2009