4. Analyse und Strategieentwicklung

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In diesem Abschnitt werden die Ergebnisse der Betriebsuntersuchung mit Fallbeispielen analysiert und darauf aufbauend Strategien zur Weiterentwicklung des "Yuki"-Landbaus vorgestellt. Anschließend erfolgt die Zusammenfassung einzelner Strategien zu einem Masterplan.

Zum besseren Verständnis des Strategieentwicklungsprozesses wird zunächst die hierfür im Wesentlichen verwendete Methode "SWOT" näher erläutert.

4.1 Die Methodik "SWOT"

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Ziel der SWOT-Analyse

SWOT steht im Englischen für S trength, W eaknesses, O pportunities und T hreats. Im Deutschen haben sich die Bezeichnungen Stärken, Schwächen, Chancen und Bedrohungen durchgesetzt. Die Methodik "SWOT" wurde ursprünglich zur Entwicklung von Unternehmensstrategien genutzt. Heute findet SWOT auf allen Gebieten und mit verschiedenem Kontext, z.B. als ein Bezugssystem für Diskussionen im Projektworkshop (Horn et al. 1994) oder als ein Instrumentarium für die Analyse und Planung von Projekten (Horn 2002), Anwendung.

Die SWOT-Analyse ist eine simple aber effektive Untersuchungsmethode, die die gegenwärtigen Fähigkeiten - d.h. Stärken und Schwächen - des eigenen Unternehmens oder Organisation mit denen des wichtigsten Konkurrenten vergleicht. Außerdem bietet sie die Möglichkeit, die noch ungenutzten Potenziale zum Erzielen von Konkurrenzvorteilen zu visualisieren (Hitt et al. 1999). Damit kann die Zielrichtung zur zukünftigen Weiterentwicklung des Unternehmens/Organisation ermittelt werden.

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Grundsätzlich ist SWOT ein Analyseinstrument im strategischen Management. Es wurde von Horn et al. (1994) versucht, mit folgenden zwei Kriterien den Begriff Strategie anzudeuten: "... doing the right thing?" und "... doing things right?". Die SWOT-Analyse und Strategieentwicklung sind somit in Verbindung mit der Bestimmung darüber, wie das Rechte richtig zu tun ist, zu erklären.

Vorgehensweise

Grundlage für die folgende Beschreibung der Vorgehensweise ist eine Arbeit zur Anwendung von SWOT in der Planung von Entwicklungsprojekten von Horn (2002). Die Planung von Entwicklungsprojekten wird in Phasen gegliedert (Abb. 4.1.1). Die verschiedenen Planungsphasen können jedoch je nach Planungssituationen flexibel organisiert werden.

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Abb. 4.1.1: Planungsprozess in Entwicklungsprojekten

Formulierung von Projektobjekt und -ziel

Als Ausgangspunkt für die Strategieentwicklung bietet sich eine genaue Definition des Planungsobjekts an. Dies ermöglicht eine Unterscheidung externer und interner Faktoren, die die Kernkomponenten der SWOT-Analyse sind. In Entwicklungsprojekten können Planungsobjekte Dörfer, Sektoren, Organisationen und Teile von Organisationen etc. sein (Horn 2002).

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Neben dem Projektobjekt muss ein Projekt- bzw. Entwicklungsziel formuliert werden, denn damit kann im nächsten Schritt die strategische Bedeutung der internen und externen Faktoren bewertet werden. In Entwicklungsprojekten wird allgemein eine Erfolgsmaximierung erzielt (Horn et al. 1994). Dabei müssen die Erfolgskriterien für das Projekt, wie z.B. Einkommenssteigerung, Gesundheitssteigerung, Effizienzsteigerung, definiert werden.

SWOT-Analyse

SWOT-Analyse ist die Einschätzung von internen und externen Faktoren des Planungsobjekts. Dabei stehen Stärken und Schwächen für interne Faktoren, Chancen und Bedrohungen für externe Faktoren. Diese Faktoren sollen in einem Diagramm, der sogenannte SWOT-Matrix, zusammengestellt werden (Tab. 4.1.1). Wichtig ist es, dass auf jedem Fall alle vier Dimensionen mit jeweils mindestens zwei Aspekten und konkreten Beispielen bearbeitet werden.

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Bei der Analyse der externen Einflüsse werden alle relevanten Umweltfaktoren, die für die Entwicklung des Unternehmens/Organisation von Bedeutung sind, bewertet. Dadurch kann das Unternehmen oder die Organisation auf veränderte externe Bedingungen adäquat reagieren. Diese werden bezüglich den Entwicklungsziel als Chancen und Bedrohungen klassifiziert. All diese Faktoren sind vom Unternehmen/Organisation nicht oder nur wenig beeinflussbar. Sie lassen sich gliedern sowohl in den gegenwärtigen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Stand als auch in die zukünftigen Trends (Horn 2002).

Bei der Analyse der internen Situation wird die Leistungsfähigkeit des Unternehmens/Organisation systematisch dargestellt. Anhand eines Kriterienkatalogs der einzelnen Unternehmens- und Verantwortungsbereiche (Höft 2001), die von internen Entscheidungen des Unternehmens abhängig sind, wird ein Ressourcenprofil erstellt. Dies wird im Vergleich zum Konkurrenten in eine Stärken-Schwächen-Systematik zugeordnet.

Tab. 4.1.1: SWOT-Matrix

Interne
Situationsanalyse

Stärken

Schwächen

  • ...
  • ...
  • ...

  • ...
  • ...
  • ...

Externe
Situationsanalyse

Chancen

Bedrohungen

  • ...
  • ...
  • ...

  • ...
  • ...
  • ...

Quelle: Horn 2002

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Strategiebildung

Anhand der Ergebnisse der SWOT-Analyse erfolgt dann die Strategiebildung. Zur Strategieentwicklung werden im Allgemeinen Szenarien genutzt (Ringland 1998; van der Heijden 1996). TOWS-Matrix kann zu diesen Szenarien zusätzlich oder alternativ verwendet werden (Weihrich 1990). Da die Methode leichter zu handhaben ist, wurden in der vorliegenden Arbeit die Strategien in der TOWS-Matrix zusammengestellt.

In der TOWS-Matrix werden die internen Stärken und Schwächen den externen Chancen und Bedrohungen gegenübergestellt (Tab. 4.1.2). Dabei sollen durch Bewertung und Auslese nur die Prioritätsfaktoren zusammengestellt werden. Hierfür ist die Verwendung einer Wichtigkeits- und Wahrscheinlichkeitsmatrix, die alle erfassten internen und externen Faktoren einer strategische Wichtigkeit und einer Eintrittswahrscheinlichkeit zuordnet, hilfreich (Horn 2002). Aus diesem Prozess gehen nur solche Analyseelemente in die weitere Planung ein, die sowohl von hoher strategischer Bedeutung sind, als auch eine hohe Eintrittswahrscheinlichkeit aufweisen.

↓297

Anhand der entstehenden Paare werden sodann Strategien formuliert und ein Zeithorizont für ihre Umsetzung vorgegeben (Tab. 4.1.2). Hierbei ist ein wichtiges Prinzip, dass positive Faktoren (Stärken und Chancen) schnell genutzt werden und negative Faktoren (Schwächen und Bedrohungen) langfristig abgebaut werden sollen.

Tab. 4.1.2: TOWS-Matrix

 

Interne Situationsanalyse

Stärken

Schwächen

Externe
Situations-
analyse

Chancen

Kurzfristige Strategieelemente

  • ...
  • ...
  • ...

Mittelfristige Strategieelemente

  • ...
  • ...
  • ...

Bedrohungen

Mittelfristige Strategieelemente

  • ...
  • ...
  • ...

Langfristige Strategieelemente

  • ...
  • ...
  • ...

Quelle: Horn 2002

Aktivitätsplanung

↓298

Zur Implementierung der Strategien, die in TOWS-Matrix herausgearbeitet werden, werden Maßnahmen im logical framework erarbeitet bzw. direkt die Aktivitätsplanung vorgenommen. Die Aktivitätsplanung ist eine Standardmethode im Projektmanagement. In der Aktivitätsplanung werden die Ergebnisse von SWOT-Analyse und Strategieentwicklung als Endresultat des gesamten Projekts dargestellt. Dabei müssen notwendiger Einsatz, Zeitraum für die Implementierung, Verantwortung bzw. Unterstützung und erwartete Ausgaben für jede einzelne Aktivität etc. klar formuliert werden.

4.2 SWOT- Analyse

In der vorliegenden Arbeit besteht das Objekt der SWOT-Analyse aus acht Beispielbetrieben mit kontrolliertem Yuki-Reisanbau in Paldang-Wasserschutzgebieten für Trinkwasserversorgung. Ergebnisse der Analyse sollen zum Aufbau eines Beratungsmodells zur Weiterentwicklung des umweltfreundlichen Landbaus in Südkorea dienen.

Die in der Tab. 4.2.1 zusammengefassten Ergebnisse der SWOT-Analyse resultierten vor allem aus der Auswertung der im Abschnitt 3 dargelegten Betriebsuntersuchungen. Für die externe Situationsanalyse wurden die Studienresultate des gegenwärtigen Entwicklungsstandes der umweltfreundlichen Landwirtschaft in Südkorea aus dem Abschnitt 2 zusätzlich entnommen.

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Interne Situationsanalyse

Stärken

Die bisherigen betriebswirtschaftlichen Erfolge sind vor allem darauf zurückzuführen, dass die Betriebe durch das staatliche Zertifizierungssystem anerkannt sind. Kontrollierter Yuki-Reis wird teurer verkauft als konventioneller und nicht zertifizierter. Bei zertifizierten Produkten sind außerdem die Absatzwege relativ einfach abzusichern.

↓300

Daneben zeigen die soziopersonellen Besonderheiten der befragten Betriebsleiter Vorteile in der Motivation und Erfahrung zum umweltfreundlichen Landbau. Ein weiteres Potenzial liegt in der Zusammenarbeit in den Arbeitsgemeinschaften und Organisationen für umweltfreundlichen Landbau, die es ermöglicht, neue Techniken einzusetzen und Kenntnisse/ bzw. Informationen zu erwerben.

Schwächen

Ein schwerwiegendes Problem ist die mangelnde Kenntnis von umweltfreundlichen (Yuki) innovativen Anbautechniken. Weitere Faktoren sind die hohe Arbeitsbelastung und Kapitalintensität sowie ungünstige Betriebsgrößen. Sie verursachen hohe Produktions- bzw. Vermarktungskosten.

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Tab. 4.2.1: SWOT-Matrix in Fallstudien "Yuki"-Reisanbau

Interne
Situations-
analyse

Stärken

Schwächen

  • Die Beispielbetriebe sind durch das Zertifizierungssystem von NAQS anerkannt.
  • Die befragten Betriebsleiter haben hohe Motivation für die Yuki- Wirtschaftsweise.
  • Die Beispielbetriebe haben mit Yuki bzw. der umweltfreundlichen Wirtschaftsweise relativ mehr Erfahrungen im Vergleich zu anderen Ökobetrieben ("Pionierbetrieb")
  • Die befragten Betriebsleiter verfügen durch die Mitgliedschaft in Arbeitsgemeinschaften sowie in Organisationen für umweltfreundliche Landwirtschaft über Zusammenarbeitsformen.

  • Mangelnde Kenntnisse von Anbautechniken für Yuki-Reisanbau
  • Produktionsmittel sind knapp.
  • Es mangelt den Beispielbetrieben an Arbeitskräften.
  • Kapital für Investitionen fehlt den Betrieben.
  • Die Betriebsgröße ist ungünstig.
  • Produktions- und Vermarktungskosten sind hoch.

Externe
Situations-
analyse

Chancen

Bedrohungen

  • Das Interesse der südkoreanischen Verbraucher an Gesundheits- und Ernährungsfragen ist hoch.
  • Die umweltfreundliche Landwirtschaft wird mit einer Reihe von staatlichen Förderungsmaßnahmen unterstützt.
  • Der Standort liegt in der Nähe des großen Ballungsgebietes Seoul.
  • Die Untersuchungsregion hat bezüglich der staatlichen Natur- und Umweltschutzprogramme ein positives Image für Verbraucher.

  • Ein strukturierter Ökomarkt existiert bislang noch nicht in Südkorea.
  • Aufgrund der steigenden Anzahl umweltfreundlich wirtschaftender Bauern und dem zunehmenden Import von Ökoprodukten wird die Konkurrenz auf dem Markt immer mehr verschärft.
  • Mit "Codex Alimentarius" wird die Kontrolle der Ökoprodukte im internationalen Handel noch strenger.
  • Den Verbrauchern fehlt die Kenntnis über das Zertifizierungssystem von NAQS.

Quelle: Eigene Erhebung

Externe Situationsanalyse

Chancen

↓302

Das Interesse der Koreaner an Gesundheits- und Ernährungsfragen ist außerordentlich hoch. D.h., die Nachfrage der Verbraucher nach hochwertigen, gesundheitlich unbedenklichen Lebensmitteln nimmt immer mehr zu.

Der untersuchte Standort liegt in der Nähe der Hauptstadt Seoul. Sie ist ein Ballungsgebiet mit großer Bevölkerungsdichte und großer Kaufkraft. Außerdem sind dank dem positiven Image, z.B. "naturnahe Landschaft" große Vermarktungsmöglichkeiten zu erwarten.

Weiterhin bieten die verschiedenen staatlichen Förderungsprogramme für umweltfreundlichen Landbau zusätzliche Anreize.

↓303

Bedrohungen

In Südkorea existiert noch kein strukturierter Ökomarkt. Durch zunehmende Eigenproduktion und den Import von Ökoprodukten über Codex-Alimentarius wird die Konkurrenz auf dem Markt verstärkt.

Die meisten Verbraucher sind Stadtbewohner, die kein Wissen über landwirtschaftliche Produktion haben. Die fehlende Kenntnis des Verbrauchers über das Zertifizierungssystem von NAQS verursacht Misstrauen an umweltfreundlich erzeugten Agrarprodukten.

4.3 Strategieentwicklung

↓304

In diesem Abschnitt werden Strategien, deren Umsetzung eine positive Weiterentwicklung der Yuki-Betriebe ermöglicht, vorgeschlagen. Entsprechende Strategien werden in der 4-feldrigen TOWS-Matrix mit unterschiedlichen Zeithorizonten (Tab. 4.3.1) durch Kombination der wesentlichen Stärken, Schwächen, Chancen und Bedrohungen, die aus den in der Tab. 4.2.1 dargestellten Ergebnissen der internen und externen Situationsanalysen der Beispielbetriebe resultieren, gebildet. Im Nachfolgenden werden die einzelnen Strategien nach unterschiedlichen Zeithorizonten im Detail erläutert.

Kurzfristige Strategien

Kurzfristige Strategien werden durch den konsequenten Einsatz von Stärken zur Nutzung von Chancen gebildet.

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- Spezialisierung der Produktion durch "professionelles" Management

Alle befragten Betriebsleiter sind hochmotiviert, ihre Höfe umweltfreundlich (Yuki) zu bewirtschaften. Dies zeigt, dass sie eine große Bereitwilligkeit haben, Innovationen zu übernehmen und Schwierigkeiten zu überwinden. Im Vergleich zu anderen Ökobetrieben haben die Beispielbetriebe relativ mehr Erfahrungen mit der umweltfreundlichen bzw. Yuki-Wirtschaftsweise. Damit haben die meisten Betriebsleiter ein eigenes Know-how.

Als Strategie wird vorgeschlagen, dass die Betriebsleiter nicht ausschließend aus philosophischen Gründen, sondern auf der Basis von professionellem und aktivem Management die Weiterentwicklung ihrer Betriebe fördern. Dazu ist die Spezialisierung der Produktion auf vorteilhafte regionale Besonderheiten, wie z.B. Lage in der Nähe Ballungsgebietes und naturnaher Landschaft, vorzuschlagen. Dadurch kann die Konkurrenzfähigkeit der Betriebe verbessert werden.

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Mittelfristige Strategien

In mittelfristigen Strategien sind die eigenen Schwächen durch Nutzung von Chancen zu überwinden und die internen Stärken zur präventiven Abwehr von Bedrohungen zu nutzen.

- Entwicklung der Produktionstechnik und –mittel durch staatliche Förderprogramme

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Nach Aussagen der befragten Betriebsleiter stellt der Mangel an Produktionstechniken und -mitteln ein wichtiges Hindernis für die Umstellung und Etablierung des Yuki-Bewirtschaftungssystems dar. Die in den Betrieben angewandten Anbautechniken und Betriebsmittel für Yuki-Reisanbau basieren allein auf den eigenen oder von anderen Ökobetrieben erworbenen Erfahrungen. Damit kommt in der Praxis häufig das Prinzip "Trial-and-error" vor. Die Entwicklung der Produktionstechnik und -mittel sind deshalb von besonderer Bedeutung, um die Produktion von Yuki-Reis zu stabilisieren und auszuweiten.

Dies kann durch Forschungsarbeit und finanzielle Hilfe in Bezug auf die staatlichen Förderprogramme für die umweltfreundliche Landwirtschaft unterstützt werden.

- Entwicklung der Verarbeitung und Vermarktung von umweltfreundlichen Agrarprodukten durch staatliche Förderprogramme

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Durch die Verarbeitung und die Vermarktung von Yuki-Reis werden die Balance zwischen Nachfrage und Angebot kontrollieren und neue Absatzmöglichkeiten geschaffen. Dies wird aber in den Beispielbetrieben durch das mangelnde Kapital und hohe Vermarktungskosten, die durch Selbstvermarktung einschließlich Lagerung, Verpackung und Lieferung verursacht werden, erschwert.

Staatliche Förderprogramme für umweltfreundliche Landwirtschaft können hier die Betriebe wirkungsvoll unterstützen.

- Aktive Öffentlichkeitsarbeit und Verbraucheraufklärung über das Yuki-Bewirtschaftungssystem und -Produkte

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Die hohen Produktions- und Vermarktungskosten haben einen hohen Verbraucherpreis zur Folge. Dies ist eine der bekanntesten Schwächen bei der Vermarktung von Agrarprodukten aus umweltfreundlichem Landbau.

Aufgrund niedriger Erträge einerseits und hohem Arbeitsaufwand andererseits ist für die Yuki-Betriebe der hohe Preis unerlässlich, um betriebswirtschaftlich erfolgreich zu sein. Gleichzeitig werden über den höheren Preis Umweltleistungen bezahlt. Ökologisch erzeugte Produkte sind in der Regel schadstofffrei, so dass der Preis auch einen höheren Gesundheitswert widerspiegelt. Aufgrund der Tatsache, dass das Interesse der Koreaner an Gesundheits- und Ernährungsfragen außerordentlich hoch ist, erscheint es daher notwendig, aktive und vielfältige Öffentlichkeitsarbeit und Verbraucheraufklärung zu den Zielen und Prinzipien des umweltfreundlichen Landbaus anzustreben.

- Neustrukturierung der Kategorien bei der Zertifizierung von NAQS

↓310

Die Beispielbetriebe sind durch das staatliche Zertifizierungssystem anerkannt. Das Zertifizierungssystem von NAQS ist aber gegenwärtig bei den Verbrauchern nicht genug bekannt. Außerdem sind die vier Kategorien und deren unterschiedliche Etikette schwer zu unterscheiden.

Aus diesen Gründen wird eine Vereinfachung der gegenwärtigen Zertifizierungskategorien von NAQS und eine bessere Information der Öffentlichkeit empfohlen, um das Vertrauen der Verbraucher in Produkte aus umweltfreundlichem Landbau, besonders Yuki-Agrarprodukten aufzubauen.

- Umsetzung der nationalen Richtlinien für umweltfreundlichen Landbau unter Berücksichtigung von IFOAM-Basisrichtlinien und Codex-Alimentarius

↓311

In den letzten Jahren hat sich in Südkorea die Anzahl der umweltfreundlich wirtschaftenden Betriebe erhöht. Außerdem nahm der Import der Ökoprodukte rasch zu. Hierbei stellte sich die Anerkennung der Betriebe durch das staatliche Zertifizierungssystem als Vorteil heraus, um sowohl mit einheimischen als auch mit ausländischen Anbietern konkurrieren zu können.

Durch die Einführung von Codex-Alimentarius (im Juli 2003) wird in Zukunft die Kontrolle der Ökoprodukte im internationalen Handel noch strenger. Infolgedessen sollten entsprechend den IFOAM-Basisrichtlinien bzw. Codex-Alimentarius die gegenwärtigen Leitlinien von NAQS für die Produktion von umweltfreundlichen Lebensmitteln ergänzt oder angepasst werden.

Langfristige Strategien

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Langfristige Strategien werden durch Einschränkungen der eigenen Schwächen zur Vermeidung von Bedrohungen gebildet.

- Kooperative Produktion und Vermarktung von umweltfreundlich wirtschaftenden Betrieben in der Region

Die hohen Produktions- und Vermarktungskosten wurden in den Beispielbetrieben hauptsächlich durch einen hohen Arbeitsaufwand und Investitionen sowie ungünstige Betriebsgrößen verursacht. Sie können deshalb durch die Verbesserung der Betriebsstruktur reduziert werden. Dies ist aber aufgrund der betriebswirtschaftlichen Situation (mangelndes Kapital) für die nächste Zeit im Einzelbetrieb schwer durchzusetzen.

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Daher wird bei zunehmender Anzahl von umweltfreundlich wirtschaftenden Betrieben die Organisation von Öko-Betrieben in der Region empfohlen. Kooperative Arbeit durch den Zusammenschluss kann sowohl die Effektivität der Produktion und Vermarktung als auch größere umweltschonende Auswirkungen des Yuki-Landbaus ermöglichen.

- Aufbau verschiedener Absatzwege und -formen

Die Abwesenheit eines strukturierten Marktes für umweltfreundlich erzeugte Agrarprodukte und der immer schärfer werdende Konkurrenzdruck auf dem Markt durch die zunehmende Anzahl der umweltfreundlichen Betriebe, stellen eine mögliche Bedrohung dar. Um die Absatzwege sicherzustellen, und um die Vermarktungskosten zu begrenzen, müssen deshalb verschiedene und effiziente Absatzmöglichkeiten aufgebaut werden.

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Tab. 4.3.1: TOWS-Matrix in Fallstudien "Yuki"-Reisanbau

 

Stärken

Schwächen

Chancen

Stärken-Chancen-Strategien

Schwächen-Chancen-Strategien

  • Spezialisierung der Produktion durch professionelles Management

  • Entwicklung von Produktionstechniken und -mitteln
  • Entwicklung der Verarbeitung und Vermarktung von umweltfreundlichen Agrarprodukten
  • Aktive Öffentlichkeitsarbeit und Verbraucheraufklärung über das Yuki-Bewirtschaftungssystem und -Produkte

Bedrohungen

Stärken-Bedrohungen-Strategien

Schwächen-Bedrohungen-Strategien

  • Neustrukturierung der Kategorien bei der Zertifizierung von NAQS
  • Umsetzung der nationalen Richtlinien für umweltfreundlichen Landbau unter Berücksichtigung von IFOAM-Basisrichtlinien und Codex-Alimentarius

  • Kooperative Produktion und Vermarktung von umweltfreundlich wirtschaftenden Betrieben in der Region
  • Aufbau verschiedener Absatzwege und -formen

Quelle: Eigene Erhebung

4.4 Masterplan

Der ökologische/umweltfreundliche Landbau ist ein Bewirtschaftungssystem, bei dem die Förderung des Kreislaufes im Ökosystem betont wird. Neben der landwirtschaftlichen Produktion zielt er damit auch auf die Verbesserung der Qualität der Umwelt in allen Bereichen (IFOAM 2000). Um den umweltfreundlichen Landbau zu entwickeln, wird daher das Interesse und Verständnis jeder Gesellschaftsgruppe gefordert.

In diesem Abschnitt werden deshalb auf den verschiedenen Ebenen von Erzeugern, Verbrauchern bzw. Händlern und von der Agrarpolitik Aktivitäten zur Implementierung der im Abschnitt 4.3 dargestellten Strategien vorgeschlagen.

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Aktivitäten auf Ebene der Erzeuger

Im Hinblick auf die Tatsache, dass sich in den letzten Jahren in Südkorea die umweltfreundliche Landwirtschaft schnell entwickelt hat und dass die Konkurrenzsituation auf dem Öko-Markt immer schärfer wird, können auf der Ebene von Erzeugern vorzugsweise zwei Strategien angewandt werden: "die Spezialisierung der Produktion durch professionelles Management" und "die Organisierung von umweltfreundlich wirtschaftenden Betrieben in der Region".

Zur Spezialisierung der Produktion wird die Herstellung von bestimmten Produkten mit einer Eigenmarke vorgeschlagen, wobei die natürlichen, kulturellen oder gesellschaftlichen Besonderheiten vom Standort berücksichtigt werden. Beispiel hierfür ist ein professionelles Managementsystem des Betriebes, das sowohl die innerliche (z.B. gesundheitliche Unbedenklichkeit, Geschmack) als auch die äußerliche Qualität der Produkte (z.B. Größe, Farbe, Frische) verbessern und damit die Produktionskosten reduzieren kann, erforderlich. Produkte mit einem eigenen Warenzeichen werden von Verbraucher eher wahrgenommen und genießen mehr Verbraucher den Aufbau des Vertrauens der Verbraucher. In den Beispielbetrieben besteht das Vorhaben, durch die Nutzung von natürlichen Vorteilen des Standorts, z.B. Verfügbarkeit einer großen Wassermenge mit guter Qualität und nicht verseuchter Umwelt, Yuki-Reis als regionales Sonderprodukt zu entwickeln.

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Als weiteres Beispiel für eine Spezialisierung der Produktion kann die Landwirtschaft in Verbindung mit dem Tourismus gesehen werden. Beispiele hierfür sind Öko-Höfe für Stadtkinder als Ort zum Lernen über die Natur und verschiedene Verkaufsförderaktionen, wie z.B. Hoffeste und Wochenendfarmen. Dadurch können sich das Interesse und die Kenntnisse der Verbraucher am umweltfreundlichen Landbau erhöhen. Außerdem sind mehr Absatzchancen und eine weitere Verbrauchersensibilisierung zu ermöglichen.

Diese Aktivitäten zur Spezialisierung der Produktion können in Verbindung mit der Strategie "Organisierung von umweltfreundlich wirtschaftenden Betrieben in der Region" effizienter durchgeführt werden, weil dadurch die Probleme, wie mangelnde Arbeitskräfte und Kapital sowie ungünstige Betriebsgröße, zum großen Teil gelöst werden können. Da hinsichtlich der betriebsstrukturellen Bedingungen in der südkoreanischen Landwirtschaft - u.a. kleine Betriebsgrößen - die Kopplung von Pflanzenbau und Tierhaltung schwer zu ermöglichen ist, ist die Zusammenarbeit zwischen den Betrieben mit Pflanzenbau und mit Tierhaltung von besonderer Bedeutung. Außerdem kann dadurch "das regionale Stoffkreislaufsystem" aufgebaut werden.

Aktivitäten auf Ebene der Verbraucher und Händler

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Ein schwerwiegendes Vermarktungsproblem in der umweltfreundlichen Landwirtschaft stellt der bisher begrenzte Kundenkreis dar. Um breitere Verbraucherschichten zu erschließen, sind auf der Ebene von Verbrauchern und Händlern grundsätzlich zwei Strategien einzusetzen: "Aktive Öffentlichkeitsarbeit und Verbraucheraufklärung" und "Aufbau der verschiedenen Absatzmöglichkeiten".

Bei der Vermarktung der Agrarprodukte aus umweltfreundlichem Landbau spielen Verbraucherorganisationen und Vermarktungseinrichtungen eine große Rolle. Insbesondere durch die "Saenghyop-Bewegung26" haben in Südkorea bislang zahlreiche VLK (Verbraucher-Lebens-Kooperativgenossenschaft) einen großen Teil der Vermarktung der umweltfreundlich produzierten Agrarerzeugnisse übernommen. Sie sollten nicht nur Verkaufsvertretung sein, sondern auch Öffentlichkeitsarbeit und Verbraucheraufklärung leisten. Dadurch kann das Vertrauen und die Kenntnisse der Verbraucher über das umweltfreundliche Bewirtschaftungssystem wesentlich gefördert werden und damit die Vermarktung der Produkte aus umweltfreundlichem Landbau verbessert werden. Das Vertrauen und Kenntnisse können dadurch erworben werden, dass die VLK mit verschiedenen Programmen, z.B. Hofbesichtigung, Ausstellung der umweltfreundlichen Produkte in Zusammenarbeit mit den Erzeugerverbänden des umweltfreundlichen Landbaus, ein aktive und dauerhafte Kommunikation von Erzeugern und Verbrauchern vermitteln.

Da die Menge und die Arten der umweltfreundlich hergestellten Lebensmitteln zunehmen, müssen entsprechend der Besonderheiten der einzelnen Produkte verschiedene Absatzwege und Kaufmöglichkeiten für Verbraucher geschaffen werden. Dabei sollte vor allem die Vermarktung über die konventionellen Händler und Vermarktungsunternehmen entwickelt werden, weil dadurch eine breite Kundenschicht zu erschließen ist. Außerdem ist die Belieferung von Kantinen an Schulen, Firmen und Krankenhäusern etc. anzuraten, weil dadurch ein großer und dauerhafter Absatz möglich ist. Weiterhin ist es erforderlich, ein regionales Warenerfassungszentrum einzurichten, wenn die Produktionsregionen vergrößert werden und die Produktionsmenge zunimmt.

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Durch ein solches Warenerfassungszentrum könnte die Kontrolle des Gleichgewichts von Angebot und Nachfrage und eine angemessene Preisgestaltung sowie die Reduzierung der Vermarktungskosten ermöglicht werden. Dazu werden zusätzlich das E-Commerce per Internet und Teleshopping als neue Absatzmöglichkeiten vorgeschlagen.

Aktivitäten auf Ebene der Agrarpolitik

Um die auf den Ebenen von Erzeugern und Verbraucher- bzw. Vermarktungsorganisationen vorgeschlagenen Aktivitäten erfolgreich durchführen zu können, ist staatliche Unterstützung von großer Bedeutung. Die meisten an der umweltfreundlichen Landwirtschaft teilnehmenden Landwirte und Vermarktungsorganisationen sind noch wenig strukturiert. Aus diesem Grund sollten die staatlichen Förderungsprogramme für umweltfreundlichen Landbau grundsätzlich auf "technische bzw. finanzielle Unterstützung" und "Neustrukturierung des Zertifizierungssystems einschließlich der Richtlinien für umweltfreundlichen Landbau" den Schwerpunkt legen.

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Als dringende und wichtigste Förderungsaktivität der Regierung für umweltfreundlich wirtschaftende Bauern ist in Südkorea in erster Linie technische Unterstützung zu nennen, weil der Mangel an Kenntnissen von Anbautechniken und -verfahren häufig das größte Hindernis für die Umstellung und Etablierung des umweltfreundlichen Bewirtschaftungssystems darstellt. Die Anbauverfahren sollten durch Sammlung und Analysen der bäuerlichen Erfahrungen, Bewertung ihrer Wirkungen entwickelt und systematisiert werden. Dabei sind solche Forschungsarbeiten in Kooperation mit Landwirten, Akademien und der Industrie zu leisten. Die entwickelten Techniken sollten dann durch verschiedene staatlich geförderte Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten an die Betriebe weitergegeben werden. Neben der technischen Unterstützung sollte durch die Förderungspolitik finanzielle Hilfe bei der Investition in neuer Anlagen und Mechanisierung gewährleistet werden.

Eine staatliche Unterstützung für die Verarbeitung und Vermarktung der Agrarprodukte aus umweltfreundlichem Landbau ist ebenfalls zur Ausweitung des umweltfreundlichen Bewirtschaftungssystems notwendig. Die Förderungsaktivitäten hierfür sollten vornehmlich im Zusammenhang mit dem Zertifizierungssystem geplant werden, da die Zunahme der Vermarktung über die konventionellen Absatzwege, z.B. Supermärkte, die Zertifizierung der umweltfreundlichen Produkte voraussetzt.

Dabei ist es notwendig, das Zertifizierungssystem von NAQS zu verbessern, weil Öko-Produkte zunehmend importiert werden, aber dem bislang durchgeführten Zertifizierungssystem für umweltfreundliche Produkte die Bestimmungen über die Kontrolle und Anerkennung der verarbeiteten bzw. importierten Öko-Produkte fehlen. Die nationalen Richtlinien für Verarbeitung und Importe sollten deshalb dringend festgelegt werden.

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Dazu sollten die Zertifizierungskategorien vereinfacht werden. Die umweltfreundlich produzierten Agrarerzeugnisse werden gegenwärtig in vier Kategorien zertifiziert. Ihre unterschiedliche Bezeichnungen und Etiketten können zur Verwirrung bei dem Verbraucher führen. Um dies zu vermeiden, sollten die Kategorien Yuki-Agrarerzeugnisse in der Umstellungsphase und Mu-Nongyak- sowie Jeo-Nongyak-Agrarerzeugnisse in eine Kategorie, wie "Yuki-Produkte in der Umstellungsphase" neu strukturiert werden.

Zum Schluss sollten entsprechend der IFOAM-Basisrichtlinien und der Codex-Alimentarius die Richtlinien des Zertifizierungssystems von NAQS verbessert werden, damit südkoreanische umweltfreundliche Produkte sich zukünftig im zunehmenden internationalen Handel behaupten können und sich in der immer schärfer werdenden Konkurrenzsituation schützen können. Mit der Durchführung von einem Codex-Alimentarius kann zum einen die Basis für Produktionssysteme des umweltfreundlichen Landbaus entworfen werden, zum anderen aber die Anerkennung der umweltfreundlich erzeugten Agrarprodukte auf dem internationalen Öko-Markt problematisiert werden, weil der Codex-Alimentarius strenger und ausführlicher als die gegenwärtigen Leitlinien des Zertifizierungssystems von NAQS für umweltfreundliche Produkte ist.

Zur Ergänzung und Verbesserung der Leitlinien von NAQS sollten neben den Anforderungen des Codex-Alimentarius ebenfalls die Besonderheiten der südkoreanischen Landwirtschaft berücksichtigt werden. Dies liegt daran, dass die Entwicklung des ökologischen Landbaus durch die landestypische Agrarstruktur, wie natürliche und betriebsstrukturelle Bedingungen, beeinflusst wird. Darum ist der durch die westeuropäische Landwirtschaft stark geprägte Codex-Alimentarius beispielsweise für Reisanbau in Asien teilweise schwer anzuwenden. Aus diesem Grund sollte die südkoreanische Regierung durch die Zusammenarbeit mit anderen asiatischen Ländern, wo hauptsächlich Reis angebaut wird, gemeinsame Basisrichtlinien für den ökologischen Landbau festsetzen, welche als neue Themengebiete in den IOFAM-Basisrichtlinien und Codex-Alimentarius aufgenommen werden können.


Fußnoten und Endnoten

26  Saenghyop-Bewegung bedeutet die Verbraucherbewegung für ein gemeinsames Leben



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12.12.2005