II. Übergang von der Seinslogik in die Wesenslogik

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Wesenslogik thematisiert mit Hilfe der selbstbezüglichen Negativität und des Begriffs der Reflexion das Verhältnis von Unmittelbarkeit und Negativität bzw. Reflexion als so l ches, wodurch das Sein so erfaßt wird, wie es in Wahrheit ist. Bevor wir eben direkt in die Wesenslogik hineinkommen und sie thematisieren, möchten wir zunächst fragen, welche Probleme die Seinslogik, indem sie auch das Verhältnis von Unmittelbarkeit und Negativität oder von Sein und Bestimmtheit thematisiert, in sich hat, warum und wie sie in die Wesenslogik übergehen muß und welche Aufgaben sie damit der Wesenslogik übergibt. Von dem Anfangsproblem spekulativer Logik Hegels selbst einmal abgesehen,147 hat die Seinslogik im allgemeinen gesehen das Sein so zu ihrem Besti m mungsprinzip, daß das Sein als die Grundlage aller Bestimmtheit durch deren Abstraktion gilt, was dasselbe ist, sie hat einen fundamentalen Unterschied von Unmittelbarkeit und Negativität oder Sein und Bestimmtheit zum Prinzip, selbst wenn in der fortgehenden Darstellung der Seinslogik das Verhältnis von diesen beiden Komponenten zueinander als solches immer mehr in ihre Thematik eingestellt wird. Diese beiden Gedanken, die abstrakte Identität bzw. der abstrakte Unterschied von den beiden Komponenten und das Verhältnis von diesen, treten in jeder Bestimmung des Seins in der Seinslogik damit als impliziter Widerspruch zwischen Prinzip und Prinzipiatum oder zwischen Sein und Bestimmtheit hervor, wodurch jedoch ein Übergehen von jeder Bestimmung des Seins in ihre andere als seinslogische Bewegungsweise148 ermöglicht wird.

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Da es sich jetzt um den Übergang von der Seinslogik in die Wesenslogik handelt, beschränken wir unsere Analyse dieses Übergangsproblems auf die zwei seinslogischen Begriffe ›die affirmative Unendlichkeit‹ und ›die absolute Indifferenz‹, die von Hegel am Ende der Daseinslogik und am Ende der ganzen Seinslogik abgehandelt worden sind. Denn sie beide antizipieren schon in der Seinslogik die ganze Struktur des Wesens, die durch den Begriff der Reflexion aufgrund der selbstbezüglichen Negativität thematisiert wird. Hier wird zu zeigen sein, wie und warum in ihnen solche Probleme sich ergeben, nämlich Probleme der abstrakten Identität bzw. Allgemeinheit, des Prozesses ins Unendliche und der Wechselbeziehung entgegengesetzter Bestimmungen, die sich die Seinslogik in die Wesenslogik übergehen lassen und mit denen Hegels spekulative Reflexionstheorie sich konfrontieren muß, und welcher Grundgedanke diesen Problemen zugrundeliegt. Damit wird gezeigt, daß die Begriffe der affirmativen Unendlichkeit und der absoluten Indifferenz insofern noch die seinslogischen Begriffe sind, als dieser ihnen zugrundeliegende Gedanke nicht als solcher thematisiert wird; er bleibt in der Seinslogik nur als unterbestimmt, mit Hegel zu reden, an sich.

Dieser Grundgedanke wird am Anfang der Wesenslogik, den man im allgemeinen die Logik der Reflexion nennt, als Gedanke der Selbstbezüglichkeit der doppelten Negation thematisiert; diese selbstbezügliche Negativität macht bei Hegel aus „die abstracte Grundlage aller philosophischen Ideen, und des speculativen Denkens überhaupt, von der man sagen muß, daß sie erst die neuere Zeit in ihrer Wahrheit aufzufassen begonnen hat“ (GW 11, 77). Die Wesenslogik beginnt ohne Titel mit dem Satz, der „das Proömium der Wesenslogik“149 kennzeichnet; er heißt: „Die Wah r heit des Seins ist das Wesen.“ (WL II, 13) Zur Rechtfertigung dafür, daß das Wesen wirklich die Wahrheit des Seins ist, muß aufgezeigt werden, wie die Wesenslogik jene von der Seinslogik überlieferten Probleme neu formuliert und weiter thematisiert, welche Bedingungen der Begriff des Wesens als Reflexion erfüllen muß, um als „Nachfolger des Seins“150 zu fungieren, oder unter welchen Bedingungen die doppelte Negation sich als selbstbezüglich erweisen kann, wodurch das Wesen als die selbstbezügliche absolute Negativität definiert wird, und welche Aufgaben die Wesenslogik von der Seinslogik übernimmt.

II.1.  Das Sein als Grundlage der Negativität

II.1.1.  Die affirmative Unendlichkeit

Die ursprüngliche Einheit von Sein und Nichts als solche macht in der spekulativen Logik Hegels „das Element von allem Folgenden“ (WL I, 86)151 aus. Aber es kommt darauf an, zu zeigen, wie und inwiefern diese ursprüngliche Einheit „in den verschiedenen Kreisen der Bestimmung und besonders im Fortgange der Exposition oder näher im Fortgange des Begriffs zu seiner Exposition“ (WL I, 131) sich als Element erweisen und realisieren kann. Darin ist es wichtig: „Beides ist immer sehr wohl voneinander zu unterscheiden; das nur, was gesetzt ist an einem Begriffe, gehört in die entwickelnde Betrachtung desselben, zu seinem Inhalte. Die noch nicht an ihm selbst gesetzte Bestimmtheit aber gehört unserer Reflexion.“ Im ganzen Paragraphen, worin dieser Unterschied zwischen gesetzter Bestimmtheit und noch nicht gesetzter Bestimmtheit zitiert ist, unterscheidet Hegel noch zwischen „unserer Reflexion“, die „die Natur des Begriffs selbst“ betrifft, und unserer Reflexion, die „äußere Vergleichung“ ist. (WL I, 117) Diese methodischen Unterschiede, die nicht als Indiz dafür zu werten sind, „daß die Wissenschaft der Logik etwa der Phänomenologie noch nahe stünde“152, kennen „das metaphysische Philosophieren“ und auch „das kritische“ (WL I, 131)153 insofern nicht, als diese „nur Seiendes und zwar Ansic h seiendes behaupten und hervorbringen“ (WL I, 131)154. Diese Unterschiede, die in der zweiten Ausgabe der Seinslogik hinzugefügt worden sind,155 spielen in „der dialektischen Entwicklung“ des Begriffs (WL I, 131) oder „im Fortgange der Sache selbst“ (WL I, 117) eine wichtige Rolle.

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In Rücksicht auf die ganze ‚Logik des Daseins‘ ist daraus von Hegel gefolgert: Die Logik des Daseins ist „die Sphäre der Differenz, des Dualismus, das Feld der Endlichkeit“; hier sind das Sein und das Nichts noch „ungleich“, die Bestimmtheit ist „ein relatives“ Bestimmtsein und ihre Einheit ist noch „nicht gesetzt“. Daher bezeichnen die Bestimmungen, die in der Logik des Daseins abgehandelt worden sind, noch „die unvollkommenen Einbildungen der Negation in das Sein“, in denen „die Differenz“ von Sein und Negation herrscht. Indem die Negation dagegen in die Unendlichkeit als „gesetzte Negation der Negation“, die auch als „einfache Beziehung auf sich“ (WL I, 174) das Fürsichsein156 wird, hineingeht, ist „der Unterschied“ von Sein und Negation „gesetzt und ausgeglichen“. Hier drückt die Bestimmtheit bzw. die Negation nicht ‚ein relatives‘, sondern „die Ausgleichung mit dem Sein, – absolutes Bestimmtsein“ aus. (WL I, 174) Dies faßt Hegel selber so zusammen: Die „unvollendete Reflexion hat die Negativität jenseits, das Positive oder Reale aber diesseits. Obwohl die Erhebung des Endlichen ins Unendliche und die Zurückrufung des Jenseits in das Diesseits, oder das Aufheben dieser beyden unvollkommenen Bestimmungen vorhanden ist, bringt sie doch diese Gedanken nicht zusammen.“ (GW 11, 83) Dahingegen besteht „die Natur des spekulativen Denkens ... in dem Auffassen der entgegengesetzten Momente in ihrer Einheit. Indem jedes, und zwar faktisch, sich an ihm zeigt, sein Gegenteil an ihm selbst zu haben und in diesem mit sich zusammenzugehen, so ist die affirmative Wahrheit diese sich in sich bewegende Einheit, das Zusammenfassen beider Gedanken, ihre Unendlichkeit, – die Beziehung auf sich selbst, nicht die unmittelbare, sondern die unendliche.“ (WL I, 168)

In Anbetracht jener methodischen Unterschiede und deren Folgen muß hier der Übergang der Seinslogik in die Wesenslogik untersucht werden. Zunächst gibt die Kategorie ›Unendlichkeit‹ eine Möglichkeit dieses Übergangs. Diese Übergangsweise können wir in den verschiedenen Logik-Entwürfen in Nürnberger Zeit Hegels sehen; mit Ausnahme des Entwurfs von 1810/11, wo die Kategorie ›Unendlichkeit‹ die Quantitätskategorien vollendet, und wo die Kategorie ›Maß‹ erstemal in die Seinslogik hineingeführt ist und die letzte seinslogische Bestimmung ausmacht, bildet in den Entwürfen von 1808ff. und 1808/09 die Unendlichkeit nach den Kategorien ›Qualität‹ und ›Quantität‹ die Abschlußkategorie der Seinslogik und bereitet den Übergang in die Wesenslogik vor.157 Eine Reminiszenz ergibt sich auch in Jenaer Systementwürfe II von 1804/5; hier macht die Unendlichkeit den Widerspruch und die Dialektik des ersten Abschnitts »[I. Einfache Beziehung]« thematisch und geht in den zweiten Abschnitt »Das Verhältnis« über.158 Es ist für diesen Übergang noch wichtiger, daß die Unendlichkeit in der Seinslogik selbst die Struktur des Wesens als absolute Reflexion präfiguriert; das Wesen ist die reine absolute Reflexion und seine „Bestimmtheit“ ist wie das absolute Bestimmtsein der Unendlichkeit „unendliche Bestimmtheit“ oder „das mit sich zusammengehende Negative“. (WL II, 23)

Die Unendlichkeit ist die gesetzte Negation der Negation. Der Gedanke ‚Negation der Negation‘159 hat sich nach der Darstellung der Seinslogik erstemal schon in der Kategorie ›Etwas‹ gezeigt: Das Etwas ist „die erste Negation der Negation, als einfache seiende Beziehung auf sich“. Diese Negation der Negation ist als Etwas nur „der Anfang des Subjekts“ oder „das Insichsein nur erst ganz unbestimmt“. Hier liegt „die negative Einheit mit sich“ zugrunde. (WL I, 123) Dieser Gedanke ist mit der Kategorie ›Unendlichkeit‹ so beschrieben: Die Unendlichkeit ist die „Negation der Negation“, aber diese ist darin nur „an sich Beziehung auf sich selbst, die Affirmation“. Als diese Affirmation ist die Unendlichkeit „Rückkehr zu sich selbst, d. i. durch die Vermittlung, welche die Negation der Negation ist.“ (WL I, 160f.)160 So ist sie „die abstracte Grundlage aller philosophischen Ideen, und des speculativen Denkens überhaupt“ (GW 11, 77). Hier, vom Unterschiede der seinslogischen Stellenwerten von Etwas und Unendlichkeit abgesehen, ist es zu fragen, wie sich die Negation der Negation und die Selbstbezüglichkeit der Negation als Affirmation zueinander verhalten und welche Struktur die negative Einheit mit sich oder die Rückkehr zu sich selbst durch die Vermittlung in sich hat, die in jenem Verhältnisse von Negation und Selbstbezüglichkeit zugrundeliegt und im ›Etwas‹ nur der unbestimmte Anfang des Subjekts ist und hier in der ›Unendlichkeit‹ nur als an sich oder „unmittelbar“ (WL I, 151) angedeutet ist; diese Struktur wird in der Wesenslogik mit Hilfe der Strukturen der ›Reflexion‹ weiter thematisiert und als ›Subjekt‹ bzw. ›Subjektivität‹ erklärt wird. Dies macht Ansatzfragen aus, die in meiner ganzen Arbeit abgehandelt werden. Zunächst ist es hier die Hauptsache, „den wahrhaften Begriff der Unendlichkeit von der schlechten Unendlichkeit, das Unendliche der Vernunft von dem Unendlichen des Verstandes zu unterscheiden“. (WL I, 149)

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Zunächst abzusehen davon, wie ein hier entstehender Widerspruch bzw. ein unendlicher Prozeß aufgelöst werden kann, muß der Übergang von der Endlichkeit zur Unendlichkeit untersucht werden. Das Endliche ist Hegels Darstellung nach durch das Verhältnis von Bestimmung und Grenze oder von Sollen und Schranke definiert.161 Diese Momente sind in dem Endlichen „sich qualitativ entgegengesetzt“ (WL I, 148) und machen eine Verhältnisstruktur aus, worin ein Widerspruch entsteht.162 Das Endliche ist „der Widerspruch seiner in sich“ (WL I, 148), der sich aufhebt, und es ist so „die Negation seiner an ihm selbst“ (WL I, 157) oder „das Hinausgehen über sich“ (WL I, 160). Das Endliches negiert sich und geht über sich in ein anderes Endliches hinaus, das auf gleiche Weise wie jenes sich negiert und über sich noch in ein anderes Endliches hinausgeht, und so ins Unendl i che. Hier ergibt sich jedes Resultat des Hinausgehens des Endlichen über sich als ein Endliches oder ein Negatives eines Negativen. So, selbst wenn ein Endliches vergeht und ein anderes Endliches entsteht, ist das Endliche selbst in seinem Hinausgehen über sich nicht vergangen, sondern es entsteht wieder, und das Resultat ist zuerst „seine Bestimmung selbst“. Wenn dieses unendliche Hinausgehen über sich weiter eine relationale Struktur der Endlichen konstruiert, die im unendlichen Hinausgehen über sich vergehen und zugleich entstehen, macht diese Struktur selber ihres „Ansichsein“ aus. Darin ist so das Endliche in seinem Hinausgehen über sich noch „mit sich zusammengegangen“; es ist die „Negation der Negation“. Diese eine Struktur, die als Negation der Negation auch „affirmatives Sein“ ist, erfaßt Hegel als „das Unendliche“. (WL I, 148f.) Das Unendliche ist als wiederhergestelltes Sein „das wahrhafte Sein“ oder „affirmative Bestimmung“ des Endlichen selbst. (WL I, 150)

Wenn die relationale Struktur des Unendlichen allein nur als das Ansichsein bzw. das Affirmative gesehen und das Endliche nur als das Negative des Negativen angenommen ist, dann bleibt hier noch eine Differenz vom Unendlichen und Endlichen stehen. Daher muß das Verhältnis von beiden noch betrachtet werden. Wenn das Endliche seiner Bestimmung nach das Hinausgehen über sich oder die Negation seiner an ihm selbst ist, wodurch das Unendliche erfaßt wird, und wenn das Unendliche „das Hinausgehen über das Endliche“ oder „die Negation des Endlichen“ ist, dann ist in jedem „die Bestimmtheit des Anderen“ immer „mit ausgesprochen“. So besteht jedes nur in Beziehung auf das Andere oder in Einheit mit dem Anderen. Dahingegen könnten sie beide jedes nur als „beziehungslos“ (WL I, 157) oder als für sich isoliert von dem Anderen angenommen werden.163 In diesem Falle ist einerseits das Unendliche als „eines der beiden“ und wird damit selber „das endliche Unendl i che“. Andererseits hat das Endliche nur als „Beziehung auf sich“ (WL I, 157f.) dieselbe Selbständigkeit wie das Unendliche in sich und wird damit selbst „das verunendlichte Endliche“ (WL I, 159). Diese beiden Betrachtungsweisen haben nach Hegel „ein und dasselbe Resultat“ (WL I, 158); jedes hat „das Andere seiner selbst“ (WL I, 160) an ihm selbst oder jedes ist es selbst und das Andere seiner selbst. Hier könnte es zwei Einheiten geben, weil jedes eine Einheit seiner selbst und seines Anderen ist.

Aber, indem dieser Prozeß noch genau einzusehen ist, kann man sehen, daß jedes nur durch „Aufheben seiner selbst“ seine Einheit mit dem Anderen erreicht, die selbst das Unendliche ist. Jedes ist nur insofern die Einheit seiner selbst und seines Anderen, als es sich selbst aufhebt. Das Endliche hebt als Negation der Negation sich selbst auf und geht in das Unendliche über. Dieses war als die Negation des Endlichen zunächst das Ansichsein oder Affirmative. Aber es gilt in dieser Bestimmung nur als „das leere Jenseits“ oder die „leere Flucht“. (WL I, 160)164 Sonst muß es sich selbst aufheben, damit es die Einheit seiner und seines Anderen erreichen kann, die aber es selbst ist. Durch sein Selbstaufheben kehrt es zu sich selbst zurück. Dies Aufheben ist somit „ein Zurückkehren aus der leeren Flucht, Negation des Jenseits, das ein Negatives an ihm selbst ist“. (WL I, 160) „Dies zweifache Aufheben“ macht „eine Einheit“ aus (WL I, 161), worin das Endliche und das ihm entgegengesetzte Unendliche „ihre qualitative Natur“ (WL I, 158) verlieren und damit die zwischen ihnen noch stehenbleibende qualitative Differenz aufgehoben wird. Diese eine Einheit als „dieselbe Negation der Negation“, wodurch beide ihre Einheit mit dem Anderen erreicht haben, ist die Beziehung auf sich selbst als „Rückkehr zu sich selbst, d. h. durch die Vermittlung, welche die Negation der Negation ist“. (WL I, 160f.) Als solche eine Einheit hat das jetzt erreichte Unendliche einen ganz anderen Sinn als das Unendliche, das noch dem Endlichen entgegengesetzt ist. Dies ‚wahrhaft‘ Unendliche hat eine totale relationale Struktur, wodurch die beiden, es selbst und das Endliche, die jedes selber die Einheit seiner und seines Anderen sind, in einem bestim m ten Verhältnisse des Übergehens in Anderes stehen.165

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Welchen Charakter hat dieses Unendliche in sich? Es und das Endliche haben darin „den Doppelsinn“ (WL I, 163), nämlich sie sind jedes die doppelte Negation der Negation: Jedes ist als Negatives des Negativen es selbst und zugleich das Andere seiner selbst und tritt nur „vermittels ihres Gegenteils“, aber wesentlich ebensosehr „vermittels des Aufhebens ihres Gegenteils“ (WL I, 162) hervor. In diesem genauen Sinne ist jedes nach Hegel „ideell“ und „nicht selbständig seiend, sondern als Moment“. (WL I, 165)166 Das wahrhaft Unendliche, das diese beiden zu seinen Momenten hat, ist so beschaffen einerseits, „der Prozeßzu sein, in welchem es sich herabsetzt, nur eine seiner Bestimmungen, dem Endlichen gegenüber und damit selbst nur eines der Endlichen zu sein“, und andererseits, „diesen Unterschied seiner von sich selbst zur Affirmation seiner aufzuheben und durch diese Vermittlung als wahrhaft Unendliches zu sein“; es ist die Einheit von Prozeß und Affirmation. Diese Bestimmung des wahrhaft Unendlichen kann nicht durch „die schon gerügte Formel einer Einheit des Endlichen und Unendlichen“ dargestellt werden; „die Einheit ist abstrakte bewegungslose Sichselbstgleichheit, und die Momente sind ebenso als unbewegte Seiende.“ Das wahrhaft Unendliche aber „ist, wie seine beiden Momente, vielmehr wesentlich nur als We r den, aber das nun in seinen Momenten weiter bestimmte Werden“. (WL I, 163f.)167 So ist es als „sich in sich bewegende Einheit“ (WL I, 168) „die Negation als sich auf sich selbst bezi e hend“ (GW 11, 82), nämlich die durch das Übergehen in Anderes selbstbegründete Selbstn e gation.

Unter der Voraussetzung, daß die Negation der Negation und die Selbstbezüglichkeit der Negation als Affirmation Hegels Absicht nach eine einheitliche relationale Struktur des wahrhaft Unendlichen konstruieren, haben wir bis jetzt die Struktur des wahrhaft Unendlichen dargestellt, die in der Seinslogik über das Niveau des Seins erhebt und die Struktur der reinen absoluten Reflexion präfiguriert. Aber, wenn diese Voraussetzung selbst in Frage gestellt wird, so ist diese Struktur, die das wahrhaft Unendliche in sich hat, noch nicht an ihm selbst gesetzt, sondern „in einer einfachen Reflexion von uns“ (WL I, 161), und zwar, wenn auch diese Reflexion ‚die Natur des Begriffs selbst‘ betrifft.168 Daher deutet Hegel die Struktur des wahrhaft Unendlichen in der Seinslogik nur als „an sich“ (WL I, 160), „die innerliche“ (WL I, 154), die „verrufene“ Einheit des Endlichen und Unendlichen (WL I, 158) an. Denn sie ist „in dem qualitativen Anderssein derselben verborgen“ (WL I, 154) und auf diese Einheit wird noch „nicht reflektiert“ (WL I, 156). Hier liegt es zugrunde, daß die Seinslogik das Sein nur als Grundlage der Negativität hat, d. h. sie den fundamentalen Unterschied von Negation der Negation und Selbstbezüglichkeit der Negation zu ihrem Prinzip hat, damit das Unendliche wieder ins Sein und hierbei speziell ins ›Fürsichsein‹ zurückfällt.

Dadurch kommt es vielmehr hier auf „die Wechselbestimmung des Endlichen und Unendlichen“ oder den „Progreß ins Unendliche“ an (WL I, 155), was Spinoza mit Recht als „eine bloß eingebildete Unendlichkeit (infinitum imaginationis)“169 bezeichnet; dies Problem, dem „der Widerspruch eines qualitativen Seins und eines darüber hinausgehenden, ohnmächtigen Sollens“ (WL II, 363) zugrundeliegt, entsteht, indem die Negation der Negation und die Selbstbezüglichkeit der Negation nicht eine einheitliche Struktur ausmachen können, damit die „negative Natur“ des wahrhaften Unendlichen wieder nur als „die seiende, hiermit erste und unmittelbare Negation“ (WL I, 152) angenommen oder „zur einfachen ersten Negation herabgesetzt“ (GW 11, 79) wird. Dies Problem ergibt sich „allenthalben“, „wo relative Bestimmungen bis zu ihrer Entgegensetzung getrieben sind, so daß sie in untrennbarer Einheit sind und doch jeder gegen die andere ein selbständiges Dasein zugeschrieben wird“ (WL I, 155). Wir können hier zunächst erkennen, daß dies Problem zwischen untrennbarer Einheit der in Beziehung aufeinander stehenden Bestimmungen einerseits, die auch „ein eigenes u n mittelbares Entstehen an dem Anderen“ (WL I, 154) genannt ist, und ihrer qualitativen Entgegensetzung andererseits gegeben wird, wodurch jede Bestimmung als ein selbständiges Dasein angenommen ist, indem diese beiden Gedanken nicht zusammengebracht werden, sondern nur sich abwechseln lassen. Während dies Problem im gewöhnlichen „als ein Let z tes“ angesehen wird, „über das nicht mehr hinausgegangen wird“, drück es in Hegels Augen einen „Widerspruch“ aus, „der nicht aufgelöst ist, sondern immer nur als vorhanden ausgesprochen wird“. (WL I, 155)

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Dies ist seit Trendelenburgs Kritik an Hegel in Sekundärliteraturen über Hegels Logik sehr oft gegeben. Z. B. so kritisiert M. Theunissen, daß Hegel die positive Auflösung des Widerspruchs ‚zutraue‘, und daß sein Programm einer „Stabilisierung der selbstbezüglichen Negation“ ‚scheitere‘ und damit auch die Rückkehr des Unendlichen zu sich selbst wegen der „Differenz zwischen der verdoppelten Negation des Negativen und der Rückkehr zu sich selbst“ ‚undenkbar‘ sei, und daß die Negation des Negativen nur „in der Bedeutung des Nichtigen“ sei.170 Auch so äußert P. U. Philipsen, daß „die Spezifik der Hegelschen Unendlichkeitskonstruktion ... in einem Nicht-Verhältnis von ›wahrer‹ zu ›schlechter‹ Unendlichkeit“ bestehe und es dazwischen „ein[en] Bruch“ oder „kein[en] Übergang“ gebe, und daß Hegel „nicht bestrebt“ sei, „einen der ›schlechten Unendlichkeit‹ spezifischen Schein zu destruieren“, sondern sein Programm „ein relativ gewaltsamer Versuch“ sei, die Eigenständigkeit endlicher Bestimmtheit zu „eliminieren“ oder Endlichkeit zu „tilgen“.171

Was es betrifft, daß Hegel die Endlichkeit nur in der Bedeutung des Nichtigen sehe oder sie eliminiere oder tilge, stellt D. Henrich fest, daß Hegelscher monistischer Ontologie nach das Unendliche „in einer doppelten Beziehung zum Endlichen“ stehe, nämlich „Konstituieren und Aufheben, Setzen und Negieren in Einem“, und daß dieses Verhältnis „gegen die Gefahr gefeit“ sei, „den Bestand von Endlichem rein als solchen leugnen zu müssen“.172 Hegel eliminiert oder tilgt nicht das Endliche, sondern er zeigt, daß das Endliche wie auch das ihm entgegengesetzte Unendliche selbständig und zugleich unselbständig bzw. in Beziehung auf Anderes ist und somit selbst widersprüchlich ist: „»Alle Dinge sind an sich selbst widersprechend«“ und dies drückt „die Wahrheit und das Wesen der Dinge“ aus. (WL II, 74)173 Durch diesen Widerspruch nimmt das Endliche in der totalen relationalen Struktur des wahrhaft Unendlichen seinen Stellenwert. Damit kritisiert Hegel auch an vorstellenden oder verständigen Denkweisen, die einerseits das Endliche nur als seiend ansehen und andererseits nicht erke n nen, welches Problem in ihrem Verfahren sich ergibt. Dies bedeutet Hegels These, daß „das Endliche“ als Negation der Negation „ideell ist“ (WL I, 172) und daß das, was durch seinen Widerspruch aufgehoben wird, „ein zugleich Aufbewahrtes“ ist, „das nur seine Unmittelbarkeit verloren hat, aber darum nicht vernichtet ist“. (WL I, 114)

In Bezug auf erwähnte andere Probleme, die sich, wie gezeigt, eng auf den Begriff des Widerspruchs aufgrund der Selbstbezüglichkeit der Negativität beziehen, ist es hier genug, R.-P. Horstmann zu zitieren, weil der Widerspruch als ein so komplexer Relationsbegriff nicht hier in der Seinslogik, sondern in der Wesenslogik als solcher explizit thematisiert werden kann: Hegel kommt „zu seiner Bestimmung des wahrhaften Unendlichen dadurch, daß er die in dem einfachen Begriff des Unendlichen gelegenen Momente in einen Widerspruch verwickelt, dessen Analyse (nicht: dessen Auflösung) zu der Einsicht in die Struktur führt, die den wahren Begriff der Unendlichkeit auszeichnet“174.

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Die totale relationale Struktur des wahrhaft Unendlichen, die allein vom Vorstellen und Verstande „verfälscht“ (WL I, 159) wird, ist nach Hegel „an sich schon vorhanden“ (WL I, 156) in dem Prozeß ins Unendliche, das durch diese Verfälschung entsteht, nämlich dadurch, daß das Vorstellen und der Verstand hartnäckig die qu a litativen Bestimmtheiten derer behaupten, die vielmehr nur als die Momente jener Struktur sind; diese Verfälschung beruht auf dem „Vergessen dessen, was ... der Begriff dieser Momente ist“ (WL I, 160). Hier ist es zu zeigen, wie diese Momente beschaffen sind, wie ihre Widersprüche, die im Prozeß ins Unendliche ausgedrückt sind, analysiert werden und wie darin „mehr“ (WL I, 161) ausgesprochen werden kann, damit das Vorhandensein jener strukturellen Einheit gesetzt wird.

Das Endliche und das Unendliche heben einmal sich selbst auf und stehen in Beziehung aufeinander, andermal werden sie jedes „als für sich positive“ angesehen. Dazwischen entstand der Prozeß ins Unendliche, der ein Ausdruck des Widerspruchs ist. Aber, wie gezeigt, haben diese beiden Betrachtungsweisen dasselbe Resultat: Jedes ist es selbst und das Andere seiner selbst und damit die Einheit seiner und seines Anderen. So ist im Prozeß ins Unendliche auch „der Z u sammenhang der auch Unterschiedenen“ gesetzt. Diesen Zusammenhang konnte jedes nur durch das Aufheben seines Anderen und damit seiner selbst errechen. Dies zweifache Aufheben wird im Prozeß ins Unendliche vielmehr nur „als auseinander, nur aufeinander folgend“ angenommen. Daher bildet es nicht „eine Einheit“, sondern wird nur als „ein äußerliches Geschehen und Abwechseln der Momente“ angesehen. So ist das zweifache Aufheben „ein eigener Ansatz, ein neuer Akt“, so daß die Momente, das Endliche und das Unendliche, „auseinanderfallen“. Aber im Prozeß ins Unendliche ist auch „deren Bezi e hung“ angezeigt. (WL I, 161) Zunächst entsteht darin jedes als „dasselbe“ wieder, von dem ausgegangen worden ist, oder findet jedes „sich“ wieder. Aber jedes ergibt sich zugleich als „diese Bewegung, zu sich durch seine Negation zurückzukehren“, auch als „Resultat“ dieser Bewegung. Als Resultat ist jedes von dem unterschieden, was es in der Bestimmtheit seines „Anfangs“ ist (WL I, 162); am Anfang war jedes als getrennt vom Anderen anzusehen, aber es ist jetzt es selbst und zugleich das Andere seiner selbst.175

In diesem Rückkehren jedes zu sich könnte auch „eine Unrichtigkeit“ entstehen: einmal würde das Endliche und ein andermal das Unendliche nicht nur als Ausgang, sondern auch als Resultat angenommen, damit eine zweifache Zweiheit sich ergibt. (WL I, 162) Aber jedes hebt sich nicht nur „in ihm“, nämlich als getrennt von Anderem, sondern auch „im Resultat“, nämlich als Einheit seiner selbst und seines Anderen, auf und weist auf ein Ganzes hin, worin jedes selbst nur ein Moment ist. Dieses Ganze als „Negation jeder Endlichkeit beider“ kann als eine strukturelle Einheit oder eine Bewegungsstruktur anzusehen sein, die aus den in sich gegenläufig verlaufenden Bewegungen besteht und in der Wesenslogik durch den Begriff der Reflexion weiter thematisiert wird. Daran ist es „völlig gleichgültig“, welches von beiden als Ausgang bzw. als Resultat angenommen wird, und damit ist verschwunden „der Unterschied“ (WL I, 163), der die zweifache Zweiheit hervorbringt haben könnte.

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In diesem ganzen Sinne macht diese eine Bewegungsstruktur ‚den wahrhaften Begriff der Unendlichkeit‘ aus und dahingegen ist der unendliche Prozeß selbst als ihr Moment nur „die äußere Realisation des Begriffes“ (WL I, 156), ohne die der Begriff der Unendlichkeit allein nur eine abstrakte Einheit und damit nicht selbstbeweglich wäre. Hegel begreift diese Einheit als die affirmative Unendlichkeit. Wenn man aber sie von dem „wahrhaften Begriff der Unendlichkeit“ bzw. „Unendlichen der Vernunft“ (WL I, 149) unterscheidet, muß auch gesagt werden, daß die affirmative Unendlichkeit genau deshalb der Sphäre des Seins angehört, weil sie zwar aus der doppelten Negation der Negation hervorgeht, in der die negierende und die negierte Negation aber verschi e dene Negationen sind, „was dem traditionellen logischen Gebrauch der doppelten Negation entspricht, aber eine Selbstbeziehung der Negation verunmöglicht“176. Wenn diese Selbstbezüglichkeit der Negativität möglich ist, dann ist das, was Hegel mit der Unendlichkeit eigentlich intendiert, „der Zusammenhang einer umfassenden, sich selbst konstituierenden, fürsichseienden Einheit“, nämlich hier „eine Art Abschluß der Kategorienentwicklung in qualitätslogischer Perspektive“177; Hegel begreift so die wahrhafte Unendlichkeit, daß sie nicht „die gerade Linie“ ist, sondern „der Kreis, die sich erreicht habende Linie, die geschlossen und ganz gegenwärtig ist, ohne Anfang s punkt und Ende“ (WL I, 164).

II.1.2. Die absolute Indifferenz

Im Begriffe der absoluten Indifferenz als „die letzte Bestimmung des Seins“ (WL I, 456) können wir eine andere Möglichkeit des Übergangs von der Seinslogik in die Wesenslogik haben. Hegel macht mit Hilfe dieses Begriffs die seinslogische Bestimmungsweise überhaupt thematisch, die das Sein als Grundlage der Negativität und den fundamentalen Unterschied zwischen Sein und Nichts oder Ansichsein und Dasein bzw. Bestimmtheit zu ihrem Prinzip hat; die absolute Indifferenz bezeichnet „die Selbstapplikation des universalen seinslogischen Bestimmungsprinzips“178, deren Resultat im voraus gesagt „der allseitige Widerspruch“ (WL I, 451)179 ist, dessen Struktur analysiert werden soll. Dahingegen bestimmt Hegel das Wesen als Wahrheit des Seins so: Das Wesen ist „das unmittelbare Seyn als ... Nichtseyn“, „das Ansichseyn als B e stimmtheit“, „das Seyn ... als diese einfache Negativität seiner selbst“ (GW 11, 232) oder „das Sein als durch Aufheben des Seins einfaches Sein mit sich“ (WL I, 457).180 In dieser Definition des Wesens können wir eine strukturelle Einheit von Sein und Nichts bzw. Negativität sehen. Für das Verständnis dieses Übergangs des Seins zum Wesen muß aber, wie es gezeigt werden wird, noch die Rede sein von der Selbstbeziehung der doppelten Negation der Negation, wodurch jene strukturelle Einheit des Wesens erklärt werden kann, und damit auch von dem Begriffe des Widerspruchs bzw. der Wide r spruchsstruktur als solcher, die auf jener Selbstbezüglichkeit der Negativität basiert; diese beiden Grundgedanken Hegels sind auf dem Niveau der Seinslogik nicht thematisch, sondern nur implizit angezeigt. In diesem Sinne stellt Hegel fest: Die Wesenslogik ist „die Sphäre des g e setzten Widerspruchs, der in der Sphäre des Seins nur an sich ist“.181

Das Sein als absolute Indifferenz begreift Hegel am Ende der Seinslogik als das „absolute“, „an-sich-seyende“ Selbständige (GW 11, 224) oder das „Substrat“ (WL I, 446) und er thematisiert hier das totale Verhältnis von dem Sein und seinem Unterschiede, der die Bestimmtheit oder der Zustand genannt wird. In Anbetracht jener erwähnten Ansatzfragen können wir dies nach der zweiten Ausgabe der Seinslogik so umformieren: Die absolute Indifferenz „vermittelt“ „sich mit sich“ „durch die Negation aller Bestimmtheiten des Seins“, die als „Zustand“ oder „ein qualitatives Äußerliches“ angenommen sind und insofern selbst als „das Gegenteil seiner selbst“ nur „das sich Aufhebende“ sind; die absolute Indifferenz ist als diese Vermittlung mit sich „einfache Einheit“, die ‚Substrat aller Bestimmtheiten des Seins‘ ist. (WL I, 445f.) Indem die Bestimmtheit überhaupt „die Negation als affirmativ gesetzt“ (WL I, 121) ist, ist es zu fragen, wie die Negation aller Negationen des Seins und ihre einfache Einheit sich zueinander verhalten und welche Struktur „das Konkrete“ (WL I, 446) als ein einheitliches Verhältnis von Negation und Einheit bzw. „die negative Totalität“(WL I, 456)182 in sich hat, das bzw. die aber an der absoluten Indifferenz nur als „abstrakt“ (WL I, 455) oder „an sich“ (WL I, 456) angedeutet ist. Hier ist es daher zu zeigen, wie die absolute Indifferenz als Substrat gesetzt wird, und wie und unter welchen Bedingungen sie jedoch sich „an ihr selbst“ oder sich „als fürsichseiend“ setzen kann, damit die Bestimmtheiten „ihr immanentes, sich auf sich beziehendes Unterscheiden“ sind. (WL I, 446)

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Indem die selbständigen Maße bzw. Maßverhältnisse, die Qualitatives und Quantitatives zu ihren beiden Momenten haben, in ihrer Wechselbeziehung jedes sich in einem Anderen kontinuieren, nennt Hegel die sich in ihrem Wechsel in sich selbst kontinuierende Einheit „die wahrhaft bestehenbleibende selbständige Materie, S a che“ (WL I, 443).183 Diese ist als das ansichseiende Selbständige dasjenige, was zwar gegen alle Bestimmtheiten des Seins gleichgültig ist, weil es durch deren Negation in sich zurückgekehrt ist, aber was als ihre Kontinui e rung ineinander in ihnen „ganz vorhanden“ (WL I, 446) ist. So erfaßt Hegel das ansichseiende Selbständige als „die in ihnen gegen sie gleichgültige Einheit“ (GW 11, 224). Dies Selbständige ist also einerseits als die gleichgültige Einheit von seinen Bestimmtheiten und den Unterschieden derselben gegeneinander verschieden und andererseits als „Resultat“ der Kontinuierung seiner Bestimmtheiten ineinander auch von ihrer Vermittlung durch diese unterschieden. Es ist hiermit als die absolute Indifferenz gesetzt, die als Substrat aller Bestimmtheiten des Seins gilt. Zugleich ist es „an sich die Vermittlung“, weil es selbst die Kontinuierung seiner Bestimmtheiten ineinander ist. Aber diese Vermittlung ist „an ihm noch nicht ... gesetzt“. (WL I, 446) Daher muß das Verhältnis von absoluter Indifferenz bzw. Substrat und Vermittlung näher zu betrachten sein, um zu sehen, wie diese Vermittlung an dem Substrate selbst gesetzt wird.

Der Unterschied, der die Bestimmtheiten des Substrats ausmacht und an diesem wesentlich möglich ist, ist zunächst „der nur quantitative äußerliche“ Unterschied, weil seine Kontinuierung ineinander d. h. seine Quantitativität zuerst das Substrat begründet. Es sind „zwei unterschiedene Quanta eines und desselben Substrats“ und dieses Substrat mag auf diese Weise „die Summe derselben“ sein, die hiermit selbst „als Quantum“ ist. Aber das Substrat ist an ihm selbst nicht mehr Summe oder Quantum, sondern es ist als die absolute Indifferenz „die abstrakte Bestimmtheit“. Es kann nur eine Summe sein, insofern es nur in Beziehung auf jene quantitativen Unterschiede besteht. Diese Unterschiede können als Quanta gegeneinander gleichgültig und veränderlich sein. Sie sind aber zugleich von qualitativer Natur, indem sie durch „die feste Grenze ihrer Summe“ beschränkt werden und somit in dieser festen Grenze sich „negativ gegeneinander“ verhalten. Damit ergibt sich zwischen ihnen ein umgekehrtes Verhältnis. Nach dieser qualitativen Bestimmung sind es „zwei Qualitäten“. Ihr Unterschied beruht aber auf ihrer Quantitativität, nämlich sie sind durch „ein Mehr der einen Qualität und das Weniger der anderen und umgekehrt“ zu unterscheiden. Sie heben sich in diesem umgekehrten Verhältnisse gegenseitig auf, aber als „in einer Einheit gehalten und sie ausmachend“ sind sie nicht voneinander trennbar. Diese Untrennbarkeit oder ihre Einheit, die mit der Einheit des Substrats gleich ist, macht nunmehr ihre Selbständigkeit aus und das Substrat ist als dieses umgekehrte Verhältnis als solches „die Einheit der beiden Qualitäten“. (WL I, 447)

Die beiden Seiten des umgekehrten Verhältnisses sind nach ihrer Qualitativität aufgrund ihrer Quantitativität sowohl als selbständig wie auch als sich gegeneinander gesetzt. Wenn man dieses umgekehrte Verhältnis genau überlegt, dann kann man einsehen, daß jede Seite, trotz ihres umgekehrten Verhältnisses zu der anderen, auch mit dieser Seite gleich ist, (z. B. 1:3, 2:6, 3:9 ... und umgekehrt 3:1, 6.2, 9:3 ..., Proportion: 3). Jede Seite nimmt die gleiche Stelle der anderen Seite und ist somit selber die Einheit beider Seiten und macht in ihr selbst ein umgekehrtes Verhältnis von beiden Seiten aus. Damit ist das umgekehrte Verhältnis an seinen beiden Seiten ‚zurückgekehrt‘, d. h. realisiert. Für dieses umgekehrte Verhältnis, das nunmehr nicht ‚formell‘, sondern ‚real‘ genannt wird,184 ist charakteristisch, daß das Substrat als „das Ganze“ „ein reales Substrat“ (WL I, 447) ist und daß die beiden Seiten dieses Verhältnisses185, die die Bestimmtheiten des Substrats bilden, jede selbst „dies Ganze“ (WL I, 447) bzw. „dies ganze umgekehrte Verhältnis“ (WL I, 453) ist. Man könnte diese Struktur des realen Substrats so verstehen, daß dieses in Russellscher mengen- bzw. typentheoretischer Weise das ganze umgekehrte Verhältnis ihrer Seiten ist, die ihrerseits jede selbst das ganze umgekehrte Verhältnis beider sind, das allein, um das Problem der Selbstapplikation zu vermeiden, eben von dem umgekehrten Verhältnisse der absoluten Indifferenz als so l cher unterschieden sein soll; auf diese Weise kann nicht der Unterschied von Ganzem und den Seiten verschwunden sein, sondern auf ein bestimmtes Verhältnis von Ganzem und den Seiten kann abgezielt sein, aber zwischen diesen entsteht wieder das Problem des unendlichen Prozesses.186

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Diesen aus der Selbstapplikation resultierenden Widerspruch will Hegel dadurch auflösen, daß die „Voraussetzungen“, die zu diesem Widerspruche führen, „revidiert“ werden; „Beziehung“ heißt von nun an nicht mehr, daß die Relata, nämlich hier das Ganze und die Seiten, „sich äußerlich aufeinander beziehen“, sondern vielmehr, daß diese „Folgen ihrer Beziehung“ sind, und zwar so, daß sie „ihr als einer negativen Beziehung auf sich immanent“ sind.187 Während „Russells Kritik an internen Relationen“ auf einem Modell beruht, worin „die Natur oder das Wesen der Relata als Seinsgrund für die jeweiligen Relationen fungiert, in denen die Relata zueinander stehen“, stellt Hegel dahingegen so „das relationsontologische Modell“ ein, daß in ihm „ein relationaler Sachverhalt“, der die konkrete, negative Einheit mit sich als die negative Beziehung auf sich selbst ist, „der Seinsgrund alles dessen ist, was überhaupt eine Natur oder ein Wesen hat“.188 Das reale Substrat, das die Wahrheit der absoluten Indifferenz ist, ist „das Ganze der Bestimmungen des Seins“ (WL I, 448), die jede selbst das ganze umgekehrte Verhältnis sind, und die Seiten als sein „immanentes, sich auf sich beziehendes Unterscheiden“ (WL I, 446) machen selbst „Totalität der gesetzten Realisation“ aus. Damit ist das reale Substrat „immanent in allen seinen Bestimmungen und bleibt in ihnen in der Einheit mit sich ungetrübt von ihnen“. (WL I, 448)

Indem seine Bestimmungen aber nur „an sich“ (WL I, 447) dies Ganze, nämlich noch nicht „als fürsichse i end, ... an ihnen selbst und durch einander sich zur Einheit aufhebend“ gesetzt sind, und indem das Substrat nur „an sich“ das Ganze seiner Bestimmungen ist, so ist es als die absolute Indifferenz „überhaupt die Gleichgülti g keit ihrer selbst gegen sich als entwickelte Bestimmtheit“. Als solche Gleichgültigkeit enthält die absolute Indifferenz ihre Bestimmungen als „nur grundlos an ihr hervortretend“, denn ihr „Ansich“ ist noch gegen ihre Bestimmungen gleichgültig, die ihr „Dasein“ ausmachen; sie ist noch nicht als „das Abstoßen ihrer von sich selbst“ oder „selbstbestimmend“ gesetzt, sondern nur „als äußerlich bestimmtseiend und bestimmtwerdend“ durch ihre Bestimmungen. (WL I, 448) Diese machten die beiden Seiten des umgekehrten Verhältnisses aus. Darin sind sie ihrer Quantitativität nach veränderlich und werden jede größer oder kleiner als die andere. Aber dies ihr „Hin- und Hergehen an der Größe“ wird auch nicht durch das Substrat, sondern nur „äußerlich“ bestimmt (WL I, 449), weil dieses als die absolute Indifferenz selbst gegen dies Hin- und Hergehen gleichgültig ist. Sie sind ferner von der qualitativen Natur und damit an ihnen selbst als selbständig „die Einheit der beiden Qualitäten“; als diese Einheiten sind sie selbst dasselbe, was „die Totalität der Indifferenz“ ist. (WL I, 449) Ihr Unterschied beruht auf ihrer Quantitativität, d. h. auf dem Mehr-Weniger im umgekehrten Verhältnisse. Wenn beide Qualitäten nur selbständig und damit als für sich voneinander getrennt angenommen sind, dann sind etwa zwei verschiedene Materien vorhanden und ihre Einheit und Totalität sind nur „leere Namen“. (WL I, 450)

Aber beide Qualitäten sind vielmehr so bestimmt, „daß sie in einer Einheit befaßt, daß sie untrennbar sind, jede nur Sinn und Realität in dieser einen qualitativen Beziehung auf die andere hat“. In diesem realen umgekehrten Verhältnisse ist „ihre Quantitativität“ „schlechthin von dieser qualitativen Natur“, weil sie selbst dieselbe Einheit von beiden Qualitäten sind, wodurch sie auch ihre Selbständigkeit in sich enthalten. Jede Qualität setzt so als selbständig die Selbständigkeit ihrer anderen voraus, sonst wäre sie nicht selbständig und seiend wie im Verhältnisse von Zentripetal- und Zentrifugalkraft, worin eine Kraft ohne die andere nicht seiend ist. Somit „reicht jede nur so weit als die andere“ oder sie sind „im Gleichgewicht“. Daher kann sich aufgrund dieser qualitativen Beziehung „kein quantitativer Unterschied“ und „kein Mehr der einen Qualität“ ergeben. Insofern ist keine von beiden Qualitäten vorhanden, weil ihr Dasein auf „der Ungleichheit ihres Quantums“ basiert. Aber im anderen Falle, nämlich wenn eine Qualität z. B. durch ihr Mehr „über“ die andere „hinaus“ ist, kann auch keine von beiden vorhanden sein. Denn durch ihr Mehr wird sie ein Überwiegendes, so daß die andere von ihr „überwältigt“ ist und daß sie hiermit ein einziges Selbständiges ist und es kein zwei mehr gibt, damit aber zugleich keine von beiden vorhanden ist. In bedien Fällen muß es also nur „das eine Ganze“ geben (WL I, 450), das den beiden Qualitäten ein Bestehen bzw. Dasein sichern kann, die ihrerseits selbst dasselbe Ganze sind, und zwar als gesetzte Realis a tionen.

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Somit, indem die absolute Indifferenz aber nur als das formelle umgekehrte Verhältnis der quantitativen Unterschiede, die zugleich die qualitativen Selbständigen sind, und damit als deren Substrat, aber nicht als jenes eine Ganze, verstanden ist, begreift Hegel sie als „den allseitigen Widerspruch“ (WL I, 451).189 Dieser allseitige Widerspruch kann so verstanden werden. Einerseits sind die Unterschiede nicht nur selbständig, sondern sie treten auch jeder immer in Beziehung auf seinen anderen, seine Negation, und damit in seine Einheit mit dieser, damit sie allein nicht selbständig werden. Andererseits, indem die absolute Indifferenz als „die Totalität des Bestimmens“ (WL I, 451) oder als das seinslogische Bestimmungsprinzip ihrer Unterschiede verstanden ist, in dem diese Unterschiede ihre Selbständigkeit bzw. ihr Bestehen haben sollen, ist sie sowohl „gegen das Anderssein“, das ihre Unterschiede bildet, gleichgültig, als auch ist sie „gegen sich selbst, gegen ihre eigene Gleichgültigkeit“, gegen das Anderssein gleichgültig zu sein, gleichgültig; sie ist damit als „die Unverträglichkeit ihrer mit ihr selbst“ gesetzt. (WL I, 456) D. h. die absolute Indifferenz als das seinslogische Bestimmungsprinzip verdient in diesem Verhältnisse von Substrat und den Selbständigen nicht einen Namen des Prinzips, weil sie selbst ein Vermitteltes durch ihre selbständigen Unterschiede ist; ‚gegen sich selbst gleichgültig sein‘ bedeutet ‚nicht Prinzip sein‘, das gegen das Anderssein gleichgültig sein muß und insofern Prinzip ist. Nicht nur die Unterschiede, sondern auch die absolute Indifferenz selbst ist also selbstwidersprüchlich. Diesem allseitigen Widerspruche liegen die abstrakte Identität des Substrats und der fundamentale Unterschied von Ansichsein und Dasein bzw. von Substrat und Bestimmtheit190 zugrunde, die beide das seinslogische Denken als sein Prinzip hat.

Mit dem allseitigen Widerspruche ist aber auch Folgendes gesetzt. Die Unterschiede negieren sich selbst und sich gegeneinander und bilden eine Einheit aus, die die absolute Indifferenz ist. Diese zweifache gegenseitige Negation ist von nun an nicht mehr „die Negation eines Unmittelbaren, so daß sie selbst nur eine unmittelbare und bestimmt durch ein anderes wäre“, sondern „Negation der eignen specifischen Selbständigkeit gegen das andere“ (GW 11, 230), so daß die Unterschiede in ihrem ganzen zu Momenten der einen Einheit werden. Somit treten sie nicht mehr mit ihrer „Selbständigkeit oder Äußerlichkeit“ hervor, sondern sie sind „statt Se i ender“ „als Moment“ oder „als Gesetzte, schlechthin mit der Bestimmung und Bedeutung, auf ihre Einheit, somit jede auf ihre andere und Negation bezogen zu sein“ (WL I, 457); daß sie sich selbst aufheben, macht „die eigene Bestimmung der Unterschiede jener Einheit“ aus. Und die absolute Indifferenz ist auch so gesetzt; sie ist als die Gleichgültigkeit nicht nur gegen das Anderssein, sondern auch gegen sich selbst „die absolute Negativität“ (WL I, 456), „einfache und unendliche negative Beziehung auf sich“ bzw. „Abstoßen ihrer von sich selbst“ (WL I, 456f.); sie stößt sich von sich selbst und setzt ihre unterschiedenen Bestimmungen. Das, was in diesem Verhältnisse von Substrat und den Selbständigen in Wahrheit ist, muß die eine Einheit von Bestimmen der absoluten Indifferenz und Bestimmtwerden der Unterschiede sein, und zwar unter der Voraussetzung: „Das Bestimmen und das Bestimmtwerden ist nicht ein Übergehen, noch äußerliche Veränderung, noch ein Hervortreten der Bestimmungen an ihr (sc. der absoluten Indifferenz), sondern ihr eigenes Beziehen auf sich, das die Negativität ihrer selbst, ihres Ansichseins ist.“ (WL I, 457)191 Die absolute Indifferenz muß so in ihrer Wahrheit als „das Uebergehen in sich selbst“ (GW 11, 230) aufgefaßt werden, das Hegel wesenslogisch die absolute Reflexion nennt.192

Aber ist hier zu fragen, ob und wie diese beiden Bewegungen, das Abstoßen der absoluten Indifferenz von sich selbst und das Sich-Aufheben der Unterschiede bzw. das Bestimmen und das Bestimmtwerden, eine strukturelle Einheit ausbilden können, worin einerseits die abstrakte Identität des Substrats und der fundamentale Unterschied von Bestimmungsgrund und Bestimmtsein bzw. von Selbstbeziehung und Bestimmtheit aufgehoben werden und andererseits ihre Bestimmtheit gegeneinander, ihr Verhältnis zueinander und damit ihr systematisches Vermittlungsgefüge gesetzt wird, oder unter welchen Bedingungen diese strukturelle Einheit vollständig ermöglicht werden kann.193 Die absolute Indifferenz gehört zum Trotz ihrer Gleichgültigkeit nicht nur gegen das Anderssein, sondern auch gegen sich selbst noch „der Sphäre des Seins“ (WL I, 456) an. Um auf jene Fragen zu antworten, muß das Verhältnis von jenen beiden entgegengesetzten Bewegungen weiter betrachtet werden. Die Wesenslogik thematisiert dieses Verhältnis weiter mit Hilfe ihrer eigenen Begriffsmitteln. Das Verhältnis ist die „eigene Bestimmung“ des Wesens194. Wenn die Wesenslogik als Verhältnislogik den Begriff des Verhältnisses zuspitzt und die verschiedenen Verhältnisweisen strukturiert, thematisiert sie als die Sphäre des gesetzten Widerspruchs „die gesetzte Dialektik ihrer selbst“ (WL II, 562).

II.2. Die Selbstbezüglichkeit der doppelten Negation

II.2.1.  Das Wesen als die Wahrheit des Seins

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Es ist gezeigt, welche Probleme sich in den seinslogischen Kategorien ›die affirmative Unendlichkeit‹ und ›die absolute Indifferenz‹ ergeben, wenn diese Kategorien nach dem seinslogischen Prinzip, nämlich nach der abstrakten Identität des Seins und dem fundamentalen Unterschiede von Prinzip und Prinzipiatum oder von Sein und Bestimmtheit betrachtet werden; die affirmative Unendlichkeit hat den unendlichen Prozeß bzw. die Wechselbeziehung und die absolute Indifferenz den allseitigen Widerspruch erbracht. Außerdem ist es auch angedeutet, daß die zwei von den Grundbestimmungen, die die „Metaphysik des Seins“ (WL I, 121) in sich enthält, nämlich eines das bestimmte Sein als Dasein, das das unbestimmte Sein zum Prinzip hat und als Negation der Negation Endliches und Zustand war, und anderes das A n sichsein als unbestimmtes Sein, das auch als Negation der Negation das leere Jenseits und Substrat genannt wurde, daß diese beiden Grundbestimmungen sich selbst aufheben und jedes nur in Beziehung auf anderes und damit in seiner Einheit mit anderem besteht, daß diese Beziehung und ihre Einheit die andere Grundbestimmung des Seins ausmacht und als seinslogische Bewegungsweise „Werden und Übergehen in Anderes“ (WL II, 201) ermöglicht, und daß jene zwei Grundbestimmungen durch ihr zweifaches Aufheben bzw. ihre doppelte Negation der Negation auf ihre eine strukturelle Einheit hinweisen, die das Werden und Übergehen in Anderes auch zum Moment hat und damit selbstbeweglich bzw. selbstbestimmend ist.

Diese strukturelle Einheit bleibt in der ganzen Seinslogik eben nur an sich oder unterbestimmt.195 Sie war die „verrufene“ Einheit (WL I, 158) oder „unmittelbare vorausgesetzte Totalität“ (WL I, 457). Somit ist die Notwendigkeit des Übergangs von der Seinslogik in die Wesenslogik, die mit dem „Totalitätsanspruch der Wesenskategorie“196 jene strukturelle Einheit zum Prinzip haben will, noch nicht gesetzt, weil das verrufene, unmittelbar Vorausgesetzte nicht direkt als Prinzip angenommen werden kann. Um diese Notwendigkeit nachzuweisen197, muß zuerst die Genese vom Begriff des ›Wesens‹ noch genauer betrachtet werden, nämlich die Reflexion auf die äußerliche, abstrahierende Reflexion, die das seinslogische Denken198 charakterisiert und deren Überwindung die Selbstreflexion des Wesens voraussetzt, also die Reflexion der Reflexion als Selbstreflexion, die Hegel „Denken des Denkens“199 oder „Vergleichung seiner mit sich selbst“200 nennt. Dies bedeutet auch, Bedingungen zu untersuchen, ohne deren Erfüllung jene erwähnten Probleme wieder entstehen und unter welchen die doppelte Negation sich auf sich selbst beziehen kann, damit der Begriff des Wesens als selbstbezügliche absolute Negativität definiert wird. Dadurch wird das seinslogische Prinzip, die abstrakte Identität und der fundamentale Unterschied von Prinzip und Prinzipiatum, aufgehoben und die Wesenslogik wird sich so erweisen, daß darin Prinzip und Prinzipiatum im Einen thematisiert werden201. Somit werden auch jene Probleme kontrolliert, nämlich als ein Moment des Wesens selbst dargestellt und die selbstbezügliche absolute Negativität des Wesens als „die konkrete, absol u te Negativität“ (WL I, 124) enthält sog. die erste, einfache Negation und die zweite Negation, die wieder in die erste Negation zurückgefallen werden könnte, als ihre Momente in sich und wird damit als selbstbezüglich gesetzt; ohne diesen Zusammenhang von beiden Negationen ergaben sich jene Probleme und ergeben sich wieder.

Diese Aufgaben übernimmt im ganzen der Satz, der als Titel der Einleitung in die Wesenslogik gelten könnte: „Die Wahrheit des Seins ist das Wesen.“ (WL II, 13) Wie dieser Satz zeigt, ist es am Anfang der Wesenslogik eigentlich um das Verhältnis von Sein und Wesen zu tun. Hier werden die Implikationen, die in der Seinslogik aufgezeigt sind, nämlich die Grundbestimmungen des Seins und die operativen Begriffsmittel der Seinslogik, nicht wieder in seinslogischer Weise, sondern in Ansehung der Genese des Wesens nochmal im ganzen abgehandelt. Das Sein ist zunächst das bestimmte Sein oder „das Unmittelbare“. Solches Sein hebt sich selbst auf. Das Sein ist so wesentlich das „Hinausgehen über das Sein“ und geht über in das, was „hinter diesem Sein“ „die Wahrheit des Seins“ ausmacht. Dieses bezeichnet Hegel als das Wesen. Wenn das Wesen aber seinem Anspruch nach als solches ist, „was das Sein an und für sich ist“, dann muß es nicht hinter, sondern in dem Sein selbst sein. Somit muß jenes Hinausgehen über das Sein ebensosehr als das „Hineingehen in dasselbe“ zu verstehen sein. Diese Genese des Wesens erfaßt Hegel im allgemeinen als „Erinnerung202. (WL II, 13) Das Wesen ist damit das „erinnerte Seyn“ (GW 11, 232) oder „das in sich gegangene oder in sich seiende Sein“203. Diese Erinnerung des Seins in sich könnte „eine Tätigkeit des Erkennens“ sein, „die dem Sein äußerlich sei und dessen eigene Natur nichts angehe“. Aber sie ist nach Hegel als Selbstaufheben des unmittelbaren Seins, als „die Bewegung des Seins selbst“ zu verstehen. (WL II, 13)

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Das Sein ist auch das Ansichsein als Abstraktion, das so wird, daß „dieses reine Sein, die Negation alles Endlichen, eine Erinnerung und Bewegung vorausgesetzt, welche das unmittelbare Dasein zum reinen Sein gereinigt hat“. (WL II, 13f.) Dieses reine Sein ist das Wesen, in das alles Bestimmte negiert ist und das „ein Resultat jener Bewegung“ (WL II, 17) ist. Hiermit ist das Wesen zuerst als „die bestimmungslose einfache Einheit“ oder „die in sich tote, leere Bestimmungslosigkeit“ bestimmt, von der alles Bestimmte nur „auf eine äuße r liche Weise“ hinweggenommen wird. Damit stehen sich das Sein als Bestimmtes und das reine Sein als Wesen noch gegenüber, weil das Sein auf diese äußerliche Weise „nicht an sich, sondern relativ, nur in Beziehung auf diese Einheit“ aufgehoben ist. Durch diese „äußerliche Negation, welche Abstraktion ist“, werden einerseits das Sein und das Wesen beide „als seiende vor wie nach“ angesehen und nehmen gegeneinander “einen anderen Ort“ auf, andererseits bleibt dazwischen eben noch ein Äußerlichkeits- bzw. Andersheitsverhältnis stehen; jedes ist „durch ein Anderes, die äußerliche, abstrahierende Reflexion“ und damit selbst seinslogisch gesagt ‚ein Sein-für-Anderes‘. Das Wesen ist aber auf diese Weise „weder an sich noch für sich selbst“. (WL II, 14)204

Dieselbe Situation haben wir schon darin gesehen, wo zwischen dem Endlichen und dem Unendlichen ihre „qualitative Verschiedenheit“ festzuhalten war und dadurch der Prozeß ins Unendliche entstand. Sie beruhte darin auf dem „Vergessen dessen“, was „der Begriff dieser Momente“ ist. (WL I, 160)Diese Vergessenheit des seinslogischen Denkens impliziert „den Ausfall des Bewußtseins darüber, daß es sich bei seinem Tun in Wirklichkeit um die Negation des Negativen durch sich selbst handelt“205. Sie kann sich auch an den Anfang der Logik selbst zurückführen lassen, wo Hegel so beschrieben hat: „Beim Sein als jenem Einfachen, Unmittelbaren wird die Erinnerung, daß es Resultat der vollkommenen Abstraktion, also schon von daher abstrakte Negativität, Nichts ist, hinter der Wissenschaft zurückgelassen, welche innerhalb ihrer selbst, ausdrücklich vom Wesen aus, jene einseitige Unmittelbarkeit als eine vermittelte darstellen wird“ (WL I, 104).206 Hier am Anfang der Wesenslogik wird auf die Genese des Wesens als Erinnerung und Bewegung des Seins selbst reflektiert. Durch diese Reflexion folgt, daß „das Wesen als Resultat“ „seine Geneseein holt 207; seine Genese wird zu einer Wesensbestimmung dessen, das durch die Genese generiert wird.208 Diese Reflexion nennt Hegel „die imm a nente Deduktion“, „welche seine Genesis enthält“. (WL II, 252) Dadurch werden die Negativität, die das Sein als Selbstaufhebung in sich hat, und das noch stehenbleibende Andersheitsverhältnis zwischen Sein und Wesen dem Wesensbegriffe selbst immanent, der aber bisher nur als das reine Sein bzw. das Ansichsein bestimmt ist. Außer der ursprünglichen Einheit des Seins und der Negativität ist diese Einholung seiner Genese in sich selbst eine von den Bedingungen, worunter die doppelte Negation sich auf sich selbst beziehen kann und die der Wesensbegriff erfüllen muß, um der Nachfolgerbegriff des Seins zu sein.

Das Wesen ist durch die Einholung seiner Genese nunmehr als dasjenige bestimmt, „was es ist, nicht durch eine ihm fremde Negativität, sondern durch seine eigene, die unendliche Bewegung des Seins“ (WL II, 14).209 Diese eigene unendliche Bewegung des Seins selbst, wodurch der Wesensbegriff neu definiert wird, ist bei Hegel „eine universale ontologische Kategorie“210. Das Wesen ist als die eigene unendliche Bewegung des Seins selbst nicht „bloßes Ansichsein“, sondern zunächst „absolutes Ansichsein“, das „gleichgültig gegen alle Bestimmtheit des Seins“ ist und worin „das Anderssein und die Beziehung auf Anderes“ an sich aufgehoben ist. Zugleich ist das Wesen „Fürsichsein“, weil es selbst „diese Negativität, das Sich-Aufheben des Andersseins und der Bestimmtheit“ ist. So ist es „Anundfürsichsein“. (WL II, 14) Indem die Negativität des Seins in das bloße Ansichsein integriert wird und die abstrakte Sichselbstgleichheit, die die Metaphysik und die Philosophie des Absoluten211 vertreten haben, durch das Wesen als Anundfürsichsein ersetzt wird, enthält das Wesen die Grundbestimmungen des Seins in sich, nämlich das bestimmte Sein, das Ansichsein und die Negativität als Selbstaufhebung des Seins, die zusammen jetzt eine strukturelle Einheit des Wesens ausmachen werden212; diese Einheit lag in der Seinslogik vorausgesetzt zugrunde. „Diese Ei n heit mit sich der Bestimmtheit und der Gleichgültigkeit gegen sie (sc. die Bestimmtheit) ist die Wah r heit des Seyns.“ (GW 11, 231)

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Das Wesen ist als solche Einheit, wie Hegel an dem sog. Methodenkapitel ›Die absolute Idee‹ gesagt hat, nicht mehr „das Vermittelte“ (WL II, 561) wie das Ansichsein als Negation der Negation, sondern „das vermi t telnde“ oder „eine Beziehung oder Verhältnis“. Denn es ist nicht das Andere gegen das Sein, wogegen es „gleichgültig“ wäre, sondern es „schließt“ das Sein als sein eigenes Anderes in sich und ist „das Andere an sich selbst, das Andere eines A n deren“ (WL II, 562) oder „das zweite Negative, das Negative des Negativen“. Dies macht nach Hegel „den Wendungspunkt der Bewegung des Begriffes“ aus und ist „der einfache Punkt der neg a tiven Beziehung auf sich, der innerste Quell aller Tätigkeit, lebendiger und geistiger Selbstbewegung, die dialektische Seele“. (WL II, 563) Als solcher Wendungspunkt der Bewegung des Begriffs ist das Wesen „Abstoßen seiner von sich oder Gleichgültigkeit gegen sich“ (WL II, 15)213, „negative Beziehung auf sich“. Es bestimmt sich somit „sich selbst gegenüber“ und ist nur „unendliches Fürsichsein“, insofern es „die Einheit mit sich in diesem seinem Unterschiede von sich“ ist. So ist es „absolute Einheit des An- und [des] Fürsichseins“. (WL II, 15)214 Dies ist eine andere Bedingung, die der Wesensbegriff erfüllen muß, d. h. daß das Wesen als negative Beziehung auf sich selbst der Grund sowohl seines Unterscheidens als auch des Unterschiedenen bzw. der Bestimmungen sein muß, damit es die Einheit mit sich in seinem Unterschiede von sich ist; sonst würde es wieder in eine seinslogische Kategorie zurückgefallen. Das Wesen ist also „das resultierende, unendliche Zusammengehen mit sich“ (WL I, 457).215

Das Wesen bestimmt die Bestimmungen, die zuerst in sein Ansichsein negiert sind und zugleich durch die Reflexion auf seine Genese eingeholt sind, durch seine Negativität sich gegenüber. Diese Bestimmungen haben „einen anderen Charakter als die Bestimmtheiten des Seins“, die das Sein als ihre Grundlage haben und selbst als seiende gelten. Sie sind weder „ein And e res als Anderes, noch Beziehungen auf Anderes“, sondern sie sind als „durch das Wesen selbst gesetzt“. Sie sind also „Selbständige“, aber „als solche, die in ihrer Einheit miteinander sind“. (WL II, 15) „In der Sphäre des Seins ist die Bezogenheit nur an sich; im Wesen dagegen ist dieselbe gesetzt. Dies ist also überhaupt der Unterschied der Formen des Seins und des Wesens. Im Sein ist alles unmittelbar, im Wesen dagegen ist alles relativ.“216 Die Seinslogik hat die Funktion, an den als seiend gedachten Bestimmungen deren immanente Negativität und Relativität zu entfalten und ihr Übergehen ineinander darzustellen. Die Wesenslogik erweitert diesen Gedanken und stellt „die Objektivität des Scheins und Notwendigkeit des W i derspruchs, der zur Natur der Denkbestimmungen gehört“ (WL I, 52), dar. Die Bestimmungen des Seins erwiesen sich jede als die Einheit ihrer und ihres Anderen, die Hegel als das Andere an sich selbst erfaßt. Indem sie aber als selbständig seiende angenommen sind, sind sie der Schein, dessen das Wesen aber auch bedarf, um nicht mehr das bloße Ansichsein, sondern das Anundfürsichsein zu sein.217 Das Wesen bestimmt sie durch sich selbst „in seiner Sphäre“. Damit ist das Bestimmen des Wesens auch „anderer Natur als das Bestimmen des Seins“. Das Bestimmen des Wesens ist „kein Werden noch Übergehen“ in Anderes, sondern bleibt innerhalb seiner selbst. „Die Negativität des Wesens ist die Reflexion, und die Bestimmungen [sind] reflektierte, durch das Wesen selbst gesetzte und in ihm als aufgehoben bleibende.“ (WL II, 15) Die logische Struktur des Wesens als selbstbezügliche absolute Negativität besteht so aus der Selbstaufhebung des Seins, der negativen Beziehung des Wesens auf sich selbst und der Einheit mit sich in seinen Bestimmungen, die zusammen die Natur der Reflexion ausmacht; darin haben die Bestimmungen des Wesens sowohl die Selbständigkeit als auch den Charakter des Aufeinanderbezogenseins und machen durch ihren eigenen Widerspruch ihre systematische Einheit aus, wodurch die Grundstruktur des Seins in Wahrheit dargestellt wird.

II.2.2. Die Aufgaben der Wesenslogik

Die logische Struktur des Wesens als selbstbezügliche absolute Negativität ist nichts anders als die Natur der Reflexion, die, wie gezeigt, die immanente Reflexion der Reflexion in sich und der Reflexion in anderes ist. Nunmehr ist darzustellen, welche Aufgaben die Wesenslogik hat. Sie hat folgende Aufgaben. Sie muß erstens einen neuen Begriff des Wesens konstituieren, der die oben erwähnten Bedingungen, Einholung seiner Genese in sich und Grundsein seines Unterscheidens und seiner Unterschiedenen, erfüllen kann. Zweitens muß sie damit die Seinslogik rekonstruieren.218 Dies wird durch die weitere Thematisierung der Gedanken gemacht, die in der Seinslogik implizit gegeben wurden, damit die darin gegebenen Probleme wesenslogisch analysiert und in ihrem positiven Sinne aufgelöst werden können; die Seinslogik wird damit nicht beseitigt, sondern zu einem Moment der Wesenslogik.219 Drittens muß die Wesenslogik ihre Einheit mit der Seinslogik begründen und die Begriffslogik generieren: „Die objektive Logik, welche das Sein und Wesen betrachtet, macht daher eigentlich die gen e tische Exposition des Begriffs aus“ (WL II, 245); „das Sein ist überhaupt nur das Werden zum Wesen“ (WL II, 116) und „die Bewegung des Wesens ist überhaupt das Werden zum Begri f fe.“ (WL II, 182) Diese Aufgaben kann man zusammen so reformulieren, wie die selbstbezügliche absolute Negativität verstanden wird und wie sie ihre strukturelle Einheit im Verlauf der Darstellung der Wesenslogik entwickelt und realisiert, damit das Wesen sich selbst realisiert.

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Die Negation bzw. Negativität spielt methodisch eine wichtige Rolle für die Konstruktion des Hegelschen Wesensbegriffs und das Verständnis der Wesenslogik. Da aber alle doppelte Negation bzw. die Negation der Negation nicht die Selbstbezüglichkeit zum Resultat hat, wie z. B. bei dem altgrammatischen Satze ›Duplex negatio est affirmatio‹220, müssen die Bedingungen untersucht werden, worunter die doppelte Negation sich auf sich selbst beziehen kann oder die negierende Negation und die negierte Negation tatsächlich in ein Verhältnis zueinander gebracht werden können. In der Seinslogik liegt der Negation der von Spinoza übernommene Gedanke „Omnis determinatio est negatio“ zugrunde, wo die Negation der Negation allein nur als „die formlose Abstraktion“ bzw. Grundlage aller Bestimmtheiten gilt. (WL I, 121)221 In der spekulativen Philosophie, die „das Prinzip der Totalität“222 der Bestimmtheiten des Seins hat, hebt sich ein Negatives als Bestimmtheit selbst auf; sonst wäre es nicht ein Negatives, sondern ein Selbständiges, damit es zwischen den Selbständigen kein immanentes, nur äußerliches Verhältnis gäbe. Durch dieses Selbstaufheben des Negativen entsteht erstens ein Anderes, das als Negatives jenes Negativen aber selbst wieder ein Negatives als Bestimmtheit ist und damit sich selbst aufhebt, und so ins Unendliche. Zweitens ergibt sich durch die Negation der Negation auch ein Ansichsein als Abstraktion, worin alles Negative aufgehoben ist und das selbst die Negation der Negation bedeutet. Wenn man aber hieran stehenbleibt, fiele das Wesen wieder zurück in „die erste oder die Negation, welche Bestimmtheit ist, durch welche das Sein nur Dasein oder das Dasein nur ein Anderes wird“ (WL II, 19)223; als solche Negation der Negation bestände das Wesen zum Sein im Verhältnis der Äußerlichkeit und Andersheit.224 Drittens, indem diesem Ansichsein noch die Negativität des Negativen immanent wird, hebt das Ansichsein selbst als ein Negatives sich auf. So negiert das ansichseiende Wesen als „die absolute Negativität des Seins“ sich selbst. (WL II, 19) Wenn sich diese Weisen der Negation der Negation in einer strukturellen Einheit zusammenbewegen, die nun das Wesen als Nachfolger des Seins macht, kann man sagen, daß die Negation der Negation darin sich auf sich selbst bezieht.225 In diesem Sinne hat das Wesen die einheitliche Struktur der selbstbezüglichen absoluten Negativität in sich, wodurch das Sein in Wahrheit dargestellt wird.

Das Wesen, das diese Bedingung erfüllt, negiert das unerfüllte, inhaltslose leere Sein sowie die gesamte qualitative und quantitative Verfaßtheit der Seinslogik, um sich als ursprüngliches Sein oder ursprüngliche Sache selbst auszulegen. Es ist als die selbstbezügliche absolute Negativität und auch wie gezeigt als das Anundfürsichsein der Grund sowohl seines Unterscheidens von sich als auch seiner Unterschiedenen, Bestimmtheiten. Insofern hat das Wesen die einheitliche Struktur der selbstbezüglichen absoluten Negativität: Es ist „die reine Negativität, die nichts außer ihr hat, das sie negierte, sondern die nur ihr Negatives selbst negiert, das nur in diesem Negieren ist“ (WL II, 25). In dieser einheitlichen Struktur des Wesens schlagen Negativität bzw. Bestimmtheit und Unmittelbarkeit oder das bestimmte Sein und das Ansichsein ineinander um und stehen schlechthin „im einen Verhältnis negativer Selbstimplikation“226, damit die seinslogischen Charaktere Selbständigkeit und Gleichgültigkeit gegen Negativität aufgehoben sind. Aber es ist hier zu fragen, welchen Sinn dieser neue Wesensbegriff als Anundfürsichsein hat und inwiefern das Wesen in Wahrheit an und für sich ist.

Dadurch, daß das Wesen als die selbstbezügliche absolute Negativität definiert ist, will Hegel die Metaphysik des Seins und die traditionellen Ontologien kritisieren, die auf dem Modell der sog. Substanzmetaphysik basieren.227 Dies bedeutet aber nicht, daß alle Ontologien überhaupt bei Hegel kritisiert sind. Vielmehr, indem das Wesen als einheitliche Relationsstruktur der Grundbestimmungen des Seins erklärt ist, ist die Wesenslogik als ‚die Relationsontologie als Binnentopologie reiner Beziehungen‘228 zu verstehen, die nicht auf der Substanzmetaphysik, sondern auf der Subjektivitätsmetaphysik beruht. Diese Ontologie ist nichts anders als das, was D. Henrich ‚dynamisierten Platonismus‘, ‚Ontologie als konstitutive Theorie‘ oder ‚dynamischen Monismus‘ nennt.229 Hegel selber benutzt die Struktur der selbstbezüglichen absoluten Negativität so für die Definition der ›Idee‹, daß die Idee „reines Unterscheiden innerhalb ihrer selbst ist, sie für sich sie selbst und ihre andere“ in Einem ist.230 Diese Ontologie konfrontiert sich in ihrer eigenen Weise neu mit Problemen, die in den oben exemplarisch thematisierten Ontologien, nämlich Metaphysik des Seins, traditioneller Metaphysik und Philosophie des Absoluten gegeben wurden, und sie will damit diese Ontologien neu begründen und in sich integrieren. Dies ist nur insofern nachzuweisen, als die einheitliche Relationsstruktur der Grundbestimmungen des Seins dargestellt und deren strukturelle Einheit aufgrund der selbstbezüglichen absoluten Negativität erklärt wird. Diese Aufgaben übernimmt die Wesenslogik.

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Indem das Wesen aus dem Sein herkommt, ist es „die erste Negation des Seins“ und macht selber „den Ü bergang vom Sein in den Begriff“ (WL II, 16) oder „eine Sphäre der Vermittlung“ (WL I, 58) aus; dahingegen ist der Begriff „die zweite Negation dieser Negation“, also „das wiederhergestellte Sein, aber als die unendliche Vermittlung und Negativität desselben in sich selbst“ (WL II, 269).231 Hier ist zu beachten, daß es zwischen der ersten und der zweiten Negation keinesfalls um „eine lineare Entwicklung“ geht, „in der Sein, Wesen und Begriff sozusagen als Substrate liegen bleiben, d. h. sich nur seinslogisch aufeinander beziehen, während der einzige Fortschritt in einer sukzessiven Zunahme der Reflexionsstruktur an einem jeweils wechselnden Substrat bestünde“.232 Denn für die Deutung der systematischen Gliederung der Logik selbst ist bei Hegel „die Struktur des Begriffs selbst“233 in Anspruch genommen und Hegel selber hat auch seiner Logik „durch die Kombination seins-, wesens- und begriffslogischer Verhältnisse im Begriff selbst“ eine „enorme Flexibilität“ gegeben.234 Das Wesen ist „der Begriff als System der Reflexionsbestimmungen, d. i. des zum Insichsein des Begriffs übergehenden Seins, der auf diese Weise noch nicht als solcher für sich gesetzt ist, sondern mit dem unmittelbaren Sein als einem ihm auch Äußeren zugleich behaftet ist“ (WL I, 58). Es ist „das Anundfürsichsein, aber dasselbe in der Bestimmung des Ansichseins“ (WL II, 16). Als Anundfürsichsein hat es die einheitliche Struktur der Grundbestimmungen des Seins in sich, nur als Ansichsein steht es zugleich im Andersheitsverhältnis gegen das Sein. Diese, das Sein und das Wesen als Ansichsein, sind aber als die beiden eigenen Seiten des Wesens selbst anzusehen. So ist die Sphäre des Wesens zwar „eine noch unvollkommene Verknüpfung der Unmittelbarkeit und der Vermittlung235. Aber die beiden Seiten des Wesens beziehen sich nicht wieder zurück seinslogisch aufeinander, sondern sie stehen in einer Relationsstruktur des Wesens selbst. Die Logik des Wesens macht zwar noch nicht die vollkommene Subjektsstruktur zu eigen, aber das Wesen kann seinem Anspruch nach als Quasi-Subjektivitäts-Struktur verstanden werden, worin jene beiden Seiten des Wesens kontrolliert dargestellt werden.236 Das Wesen schließt als „das Vermi t telnde“ „sich selbst“ und „das Unmittelbare“, dessen Negation es ist, in sich; diese beiden Bestimmungen, Vermittlung und Unmittelbarkeit, werden im ihm nicht „nach irgendeinem Verhältnisse als äußerlich bezogen“ genommen, damit es nur „das vermittelnde Formelle“ ist, sondern es ist als „die absolute Negativität“ „die Einheit“ von beiden, welche „die Subjektivität“ ist. (WL II, 564)

Das Wesen ist als die Wahrheit des Seins zuerst „die vollkommene Rückkehr des Seins in sich“; damit ist es als die einfache Gleichheit mit sich selbst das Ansichsein bzw. „das unbestimmte Wesen“; daher enthält es die Bestimmungen des Seins nur „an sich“ (WL II, 14f.), d. i. nur als aufgehoben. Aber als die selbstbezügliche absolute Negativität negiert es als die einfache Gleichheit mit sich sich selbst und es setzt damit auch das, was es nur an sich enthält. Jenes Negieren bzw. dieses Setzen des Wesens kann als sein Realisierungsprozeß, sich Dasein zu geben, verstanden werden. Auf ähnliche Weise wird in der Seinslogik das Verhältnis von Sein und Bestimmtheit und in der Begriffslogik das von Begriff und Realität thematisiert. Dieser Prozeß muß, wie Hegel über den ›Begriff‹ spricht, „nach wissenschaftlicher Forderung“ (WL II, 258) oder „durch die in ihm selbst gegründete Dialektik“ (WL II, 264) ausgeführt werden. Das Wesen setzt durch seine eigene Negativität seine Bestimmungen und realisiert sich darin. Dies ist der Wahrheitsanspruch des Wesensbegriffs, um das Anundfürsichsein zu sein. Aber das Wesen ist zunächst das Anundfürsichsein nur in der Bestimmung des Ansichseins. Es ist daher zu fragen, wie es in seinem Realisierungsprozesse an und für sich sein wird oder mit sich selbst, d. h. mit seinem Begriff übereinstimmen kann,237 damit es „die wirkliche Wirklichkeit“238 und dann der ›Begriff‹ wird. Um auf diese Frage zu antworten, sind die Realisierungsweisen des Wesens voneinander zu unterscheiden und deren strukturelle Einheit ist darzustellen.

Seine Realisierungsweisen sind von Hegel in der Wesenslogik als Scheinen in sich selbst oder Reflektieren, Erscheinen und Manifestieren oder Offenbaren, die Themen der drei Abschnitte der Wesenslogik ausmachen, im allgemeinen als Setzen angedeutet; „Setzen fällt eigentlich erst in die Sphäre des Wesens, der objektiven Reflexion.“ (WL I, 130) In dieser Realisierung verschwindet das Wesen als solches nicht, weil es „wesentlich seine Position oder schlechthin positive Kontinuität mit sich selbst“ (WL II, 128) oder ‚die Einheit mit sich in diesem seinem Unterschiede von sich‘ ist. Durch seine Realisierungsweisen bezieht es sich auf die Sphäre des Seins. Somit werden die Unmittelbarkeit des Seins, die Äußerlichkeit oder Gleichgültigkeit der Beziehung der Seienden aufeinander und deren Werden bzw. Übergehen in Anderes wesenslogisch neu thematisiert.239 Die Realisierung des Wesens bedeutet damit einerseits einen Rekonstruktionsprozeß der Seinslogik und andererseits die Genesis des Begriffs. Indem die Negativität dem Sein selbst immanent wird, was dasselbe ist, der Begriff der ›Beziehung‹, der in der Seinslogik verborgen ist, dem Begriff der ›Substanz‹ immanent wird und in der Wesenslogik die Begriffe Negativität und Beziehung als solche thematisiert wird, wodurch die strukturelle Einheit von Unmittelbarkeit und Negativität bzw. Substanz und Beziehung, im allgemeinen von Sein und Wesen, konstituiert wird, geht die Wesenslogik in die Begriffslogik über: Der Begriff ist „die Wahrheit des Seins und des Wesens240 und diese sind „die Momente seines Werdens“ (WL II, 245).

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Über die Realisierungsweisen des Wesens beschreibt Hegel: „Seine Bewegung besteht darin, die Negation oder Bestimmung an ihm zu setzen, dadurch sich Dasein zu geben und das als unendliches Fürsichsein zu werden, was es an sich ist.“ (WL II, 16) Es ist also darzustellen, wie das Wesen sein Dasein „in und aus sich bildet“ (WL II, 263), und wie die Andersheits- bzw. Bestimmtheitsverhältnisse, die in seiner Realisierung gegeben werden, durch „die Natur des Wesens“ (WL II, 249) zu erzeugen sind; das Wesen geht „durch die in ihm selbst gegründete Dialektik“ zum Dasein so über, daß es dieses „aus sich erzeugt“, aber nicht so, daß es in „ein fertiges, ihm gegenüber gefundenes“ Dasein wieder zurückfällt und im etwas, das sich als „das Unwesentliche der Erscheinung“ kundgibt, „seine Zuflucht“ nimmt. (WL II, 264)241 Dieses Dasein-Geben in und aus sich, das der ganzen Struktur der Reflexion, Reflexion nach innen und Reflexion nach außen, und zwar in einer Reflexion, entspricht, macht strukturell im allgemeinen gesehen die wesenslogischen Kategorien aus, nämlich ›Reflexionsbestimmung‹, ›Erscheinung‹ und ›Wirklichkeit‹, die die allgemeinen Inhalte der drei Abschnitte der Wesenslogik sind. Es könnte auch den allgemeinen Formen der Reflexion, nämlich der setzenden, der äußeren und der bestimmenden Reflexion, entsprechen.242 Die Seinslogik enthält „den ersten Satz ›Das Sein ist das Wesen‹“ und der erste Abschnitt der Wesenslogik beinhaltet „den zweiten Satz, ›Das Wesen ist das Sein‹“. (WL II, 124) Dieses Sein ist „das in die Unmittelbarkeit hervorgegangene Wesen“ (WL II, 125). Darin scheint zunächst die Negativität des Wesens „erloschen“ (WL II, 124) zu sein. Aber sie wuchert wieder, weil das Sein überhaupt „das Werden zum Wesen“ (WL II, 116) und „das Zurückgehen in den Grund“ (WL II, 120) ist.243 In der ›Erscheinung‹ werden so „die Momente der Reflexion-in-sich und der Reflexion-in-Anderes“ „in sich vereinigt“.244 Aber diese Vereinigung ist noch nicht vollkommen. Die ›Wirklichkeit‹ ist als die Manifestation des Wesens „die vollkommene Durchdringung beider“ (WL II, 125): Sie ist „die Einheit des Wesens und der Existenz“ (WL II, 186).

Damit ist „der Brennpunkt der Wissenschaft der Logik erreicht, an dem Seins- und Wesenslogik in eigentlicher Weise zusammenlaufen“245. Das Wesen gibt sich so „sein Dasein, das seinem Ansichsein gleich ist“ (WL II, 16). Dies ist als die letzte Seinsweise des Wesens „das reale Wesen“ oder der Begriff „an sich“, das bzw. den der Begriff als seine „unmittelbare Genesis“ hat, wodurch „sein Werden“ dargestellt wird. (WL II, 245f.) Vorhergesehen kann gemäß der erwähnten Natur der Reflexion die ganze Struktur des Wesens dargestellt werden als dasjenige, das „sich zum Dasein bringt, indem es sich sowohl den Schein der Zufälligkeit, Spaltung und Entzweiung gibt, diesen Schein aber eben dadurch wieder tilgt, daß es darin sich erscheinen läßt“246, ja sogar sich manifestiert. Diese entwickelnde Darstellung der Wesenslogik folgt der Frage, inwiefern in diesem Dasein-Geben des Wesens, wodurch sich seine Bestimmtheit ergibt, die Selbstbezüglichkeit des Wesens, die Einheit von Wesen und Sein und somit die Genese des Begriffs sich als vollständig realisiert erweist; die Suche nach dieser ganzen Struktur ist für Hegel nur in einem systematischen Ganzen erfolgversprechend. Das Dasein des Wesens ist jedoch noch nicht „das Dasein, wie es an und für sich ist“, und ist daher von „dem Dasein des Begriffs“ unterschieden. (WL II, 16) Über diesen Unterschied sagt Hegel: „Der Begriff nun ist diese absolute Einheit des Seins und der Reflex i on, daß das Anundfürsichsein erst dadurch ist, daß es ebensosehr Reflexion oder Gesetztsein ist und daß das G e setztsein das Anundfürsichsein ist.“ Zu diesem Totalitätscharakter ist noch ein Freiheitscharakter des Begriffs hinzuzufügen: Die Freiheit ist „die Verhältnisweise des Begriffs“ (WL II, 246) und als „manifestierte oder geset z te Identität“ „die Identität des Begriffs“ (WL II, 251).247 In diesem Sinne ist der ›Begriff‹ die wahrhafte Einheit mit sich in seinem Unterschiede von sich.


Fußnoten und Endnoten

147  Zu Problemen des Anfangs der Logik selbst vgl. bes. D. Henrich 1967a, W. Wieland 1978, H. F. Fulda 1975², 1978a, R. Bubner 1978, 1980, F. Schick 1994. Z. B. stellt F. Schick (1994) in Bezug auf den Anfang der Logik eine systematische Frage, „ob er die Kontroverse (von Affirmation und Kritik des reinen Seins) aushalte, d. h. ob die Logik eine konsistente Synthese von Affirmation und Kritik des reinen Seins hervorbringt.“ Behauptend, daß diese Frage nur „negativ zu beantworten“ sei, beschreibt er: „Die Ambivalenz des Anfangs der Logik läßt sich so auch im nachhinein nur beschreiben, aber nicht lösen. Der Anfang wird von zwei gedanklichen Motiven bestimmt, die einander unvermeidlich widersprechen: von der Einsicht in das Dilemma des bestimmungslosen Anfangs – und von dem Entschluß, gerade so, in Bestimmungslosigkeit, anzufangen.“ (ebd., 153) Dagegen wolle die Hegelsche Logik die Autonomie und Absolutheit des Denkens „– ganz im Sinn neuzeitlicher Erkenntnistheorie und neuzeitlichen Metaphysikverständnisses – als creatio ex nihilo, den Gedanken als bedingungslosen Schöpfer seiner selbst und seines Gegenstandes“ (ebd., 154), worin jene konsistente Synthese hervorgebracht werden kann.

148  Hegel nennt das seinslogische „Sichbestimmen des Begriffs“ „ein Übergehen“ (WL I, 131). Im Jenaer Systementwurf II tritt an die Stelle des „Übergehens in ein Anderes“ in der Logik die „absolute Sichselbstgleichheit“ in der Metaphysik ein, als „eine Negation der Reflexion überhaupt, des Übergehens in ein Anderes“ (JS II, S. 137). In diesem Sinne kann man auch eine systematische Identität aufgrund der Bezeichnung zwischen dem ersten Teil, der Logik im Jenaer Systementwurf II und der Seinslogik in der Wissenschaft der Logik sehen.

149  M. Theunissen 1980, 303, 306 Anm. 3

150  D. Henrich 1978a, 230

151  Zur Bedeutungen des Begriffs ›Element‹ vgl. A. Nuzzo 1997, 54f. Mit aristotelischen Bedeutungen dieses Begriffs vergleichend sind Hegelsche Bedeutungen trotz der Gleichheiten mit aristotelischen noch an „denjenigen ‚monistischen‘ Ansatz gebunden, den Aristoteles verworfen hatte“, nämlich das Element sei bei Hegel „eins und einziges“ (A. Nuzzo 1997, 54 Anm. 5).

152  K. Düsing 1984², 333. Düsing schreibt hier so weiter: „Die Unterscheidung der erwähnten Positionen (sc. zwischen ‚für uns‘ und ‚gesetzt‘) geht in diesem früheren Entwurf Hegels wie auch in der Phänomenologie offensichtlich auf die Ausführung des transzendentalen Idealismus als Geschichte des Selbstbewußtseins zurück, wie sie der frühe Fichte und der junge Schelling unternahmen. In diesen Theorien bestand ein zentrales subjektivitätstheoretisches Problem darin, in Korrelation zu den Bewußtseins- und Erkenntnisleistungen als spezifischen Inhalt und Gegenstand des Erkennens das reine Subjekt selbst in Konstitutionsstufen aufzuweisen. In Hegels spekulativer Logik dagegen, in der der Inhalt schon der Begriff oder die Methode als Subjektivität selbst in absoluter Gültigkeit und ohne Korrelation zu einem vorausgesetzten Erkennenden ist, liegt das entsprechende Problem in der genetischen Darstellung des gesamten Beziehungsgefüge der Subjektivität, das Hegel durch die Differenzierung der Methode, nämlich durch die Architektonik der Stufen von Relationen und Einheiten löst, aus denen der Begriff der denkenden Selbstbeziehung hervorgeht.“ (ebd., 334)

153  Diese Philosophieren haben für Hegel die gleiche Bedeutung wie ‚das sog. seinslogische Denken‘, das das Sein zu seinem Prinzip bzw. Grundlage hat und im allgemeinen das ‚abstrahierende‘ oder ‚vergegenständlichte‘ Denken genannt werden soll. Darüber sagt Hegel, daß es nicht nur „vormalige Metaphysik“, sondern auch überhaupt „die bloße Verstandesansicht der Vernunftgegenstände“ (Enzy. I, § 27, S. 93) sei.

154  Vgl. Chr. Weckwerth 2000, 47: „Seine Logik des Daseins stellt in dieser Hinsicht eine grundlegende Kritik am traditionellen Dingbegriff bzw. an der Auffassung dar, das Seiende als gleichgültiges Nebeneinander einzelner, selbständiger Gegenstände zu begreifen. Hegel selbst faßt das Seiende dagegen bereits auf dieser Elementarebene als ein relationales Gefüge (Hervorhebung v. Vf.), in dem Bestimmtheiten (Qualitäten) nur in Beziehung auf andere Bestimmtheiten gedacht werden kann.“

155  Chronologisch und in Anbetracht der Entwicklung des Gedankens Hegels gesehen, mag die erste Ausgabe wichtiger als die zweite sein, aber der hier zitierte Paragraph ist meines Erachtens methodisch zu dem Verständnisse der Seinslogik und deren Übergangs in die Wesenslogik bedeutungsvoll. Zur Vergleichung der ersten und der zweiten Ausgabe vgl. H. Kimmerle 2000, 158-172

156  Zur Schwierigkeiten der Auffassung des Fürsichseins als selbstbezügliche absolute Negativität vgl. D. Henrich 1967b, 147f. Anm. 14: „Das Kapitel »Fürsichsein« in der Seinslogik enthält Passagen, die durchaus mit Hilfe der Begriffe ›Setzen‹ und ›Voraussetzen‹ aufgebaut sind. Hegel leitet in dieses Kapitel auch so ein, daß es schwierig wird, die Dynamik seiner Entwicklung von der des Wesens zu unterscheiden. Daraus ergibt sich die Interpretationsaufgabe, das Verhältnis des Fürsichseins zum Wesen aufzuklären. Durch folgende Beobachtung wird diese Aufgabe noch kompliziert: Hegel hat die Terminologie der bestimmenden Reflexion erst in der zweiten Auflage in das Kapitel »Fürsichsein« eingearbeitet. ... Das könnte zu der Vermutung führen, Hegel habe zur Zeit der Neuauffassung der Logik die Strukturen der Reflexion in das Fürsichsein übertragen wollen; ... Doch läßt sich zeigen, daß Hegel selber darauf beacht war, den Unterschied zum Wesen festzuhalten. ... In welcher Beziehung aber logische Explikationsform und Unmittelbarkeit der Momente im rekonstruierten »Fürsichsein« zu einander stehen, das auszumachen, bleibt eine der erheblichsten Schwierigkeiten für das Verständnis der Seinslogik.“ Mit dem Fürsichsein erreicht mit G. M. Wölfle (1994) zu sprechen „die Negation der Negation“ zum ersten Mal „eine Stufe ..., in der die Reflexion ›als unendliche Rückkehr in sich‹ im Sinne der ›negativen Beziehung auf sich‹ herausgebildet ist“. „Im Zusammenhang des Fürsichseins kann dann auch schon vom ›Setzen‹ z. B. der ›vielen Eins‹ die Rede sein. Aber beide, sowohl die ›negative Beziehung auf sich‹ wie auch das ›Setzen‹, sind noch von der ›sich auf sich beziehenden Negativität‹ des Wesens und vom ›Setzen‹ und ›Gesetztsein‹ des Wesens zu unterscheiden, denn sie sind noch einbegriffen in die Artikulationsweise des Übergehens und gehören noch nicht in die Artikulationsweise der Analyse, die für das Wesen charakteristisch ist.“ (ebd., 104)

157  Vgl. Hegel Bd. 4: Philosophische Enzyklopädie für die Oberklasse (1808ff.), Logik für die Mittelklasse (1808/09) und Logik für die Mittelklasse (1810/11). Dazu auch vgl. K. Düsing 1984², 185, 209ff.

158  Neben dieser Funktion hat die Kategorie ›Unendlichkeit‹ auch die andere, die R.-P. Horstmann in seiner »Einleitung« dieser Entwürfe so beschrieben hat: „Was zunächst die Logik betrifft, so hat sie hier neben der in der Systemskizze angedeuteten destruktiven Aufgabe die Funktion, auf einen Standpunkt zu führen, der die begrifflichen und operativen Mittel bereithält, um das Absolute als Idee zu explizieren. ... Die Logik unseres Systementwurfs hat genau die Funktion, diesen Nachweis zu erbringen, und sie tut dies mittels der Ausfaltung einer relationalen Struktur, die Hegel mit dem Terminus ›Unendlichkeit‹ beschreibt.“ (ebd., Xf.)

159  Zur Frage, wie und unter welchen Bedingungen das Nichts sich über die „Negation überhaupt“ (WL I, 118) zur ‚Negation der Negation‘ bestimmt, vgl. D. Henrich 1978b

160  Vgl. GW 11, 78: „Wie sich also der Begriff des Unendlichen ergeben hat, so ist es das Andersseyn des Andersseyns, die Negation der Negation, die Beziehung auf sich, durch Aufheben der Bestimmtheit.“

161  Vgl. WL I, 143: „Das Endliche hat sich so als die Beziehung seiner Bestimmung auf seine Grenze bestimmt; jene ist in dieser Beziehung Sollen, diese ist Schranke. Beide sind so Momente des Endlichen, somit beide selbst endlich, sowohl das Sollen als die Schranke.“

162  Zur Frage, wie ein Widerspruch bzw. der unendliche Prozeß entsteht, vgl. GW 11, 77: „Hier ist die an-sich-seyende Negation nur erst Sollen, zwar Negation der Negation, aber so daß diß Negiren selbst noch die Bestimmtheit ist. Es ist nemlich die Grenze oder Negation, welche sich als Ansichseyn auf sich als Nichtseyn bezieht. Beyde Negationen, welche sich aufeinander beziehen, machen die Beziehung der Negation auf sich selbst aus, aber sie sind noch andre für einander; sie begrenzen sich gegenseitig. Diese Negationen nun, die sich noch als andere aufeinander beziehen, – die als Nichtseyn gesetzte Negation und die ansichseyende Negation – die Schranke und das Sollen, machen das (qualitativ) Endliche und (qualitativ) Unendliche, und deren Beziehung aufeinander aus.“ Dies ist in der zweiten Ausgabe durch „Entzweiung des Ansichseins und des Daseins“ (WL I, 148) beschrieben, wodurch zwischen Sollen und Schranke ein Widerspruch entsteht.

163  Hegel erklärt dies mit Hilfe der Begriffe ›Absonderung‹ und ›Grenze‹. Zu den seinslogischen Funktionen des Begriffs ›Grenze‹ vgl. bes. J. Behrens u. W. Kant 1979, 171: „Die Grenze ist 1. definiens bestimmter Selbständigkeit von Etwas, wodurch dieses Anderes von sich abhält; und 2. definiens sowohl von Etwas als auch für Anderes, also Grund ihrer Unterscheidung und Beziehung, d.h. die Grenze macht beide zu Implikaten und ist damit zugleich die Selbständigkeit beider. Hat das Etwas sowohl wie das Andere seinen Bestand nur aus der Grenze, so weisen das Etwas wie auch das Andere von sich her schon immer über sich hinaus auf ihr definiens. Wird nun in abstrakter Isolierung von der Doppelseitigkeit des definiens, der Verdopplung von Implikaten, abgesehen, entstehen über den bestimmten Negationstyp Selbstnegation und einfacher Selbstwiderspruch: denn die Grenze ist 3. principium differentiae, mithin Allgemeines und allgemeine Bedingung abstrakter Isolierung.“ Dazu vgl. auch Önay Sözer 2000, 173-185

164  Vgl. WL I, 166: „Das Unendliche – nach dem gewöhnlichen Sinne der schlechten Unendlichkeit – und der Prozeß ins Unendliche, wie das Sollen, sind der Ausdruck eines Widerspruchs, der sich selbst für die Auflösung und für das Letzte gibt. Dies Unendliche ist eine erste Erhebung des sinnlichen Vorstellens über das Endliche in den Gedanken, der aber nur den Inhalt von Nichts, dem ausdrücklich als nichtseiend Gesetzten, hat, – eine Flucht über das Beschränkte, die sich nicht in sich sammelt und das Negative nicht zum Positiven zurückzubringen weiß.“

165  Vgl. H. Fink-Eitel 1978, 56: „Das unendliche Bestimmtheitsverhältnis des Übergehens kann sich dann nur so zu sich verhalten, daß es in ein ihm gegenüber Anderes übergeht, in das unmittelbare Reale, welches dadurch seinerseits zum Übergehen in sein Anderes gebracht wird, das selber ein Übergehendes ist. Auf der Grundlage des Verhältnisses zu Anderem und wieder Anderem und wieder Anderem ... hatte die Endlichkeit zuvor die endlichen ›Etwasse‹ in ihrer Verhältnisweise der Selbstnegation wechselseitig begründet. Genau diese Differenz zwischen Relation und Relat ist nunmehr aufgehoben (Hervorhebung v. Vf.): das Verhältnis ist dasselbe wie das, was es zum Übergehen bringt: Übergehen in Anderes. Indem das Endliche in Anderes übergeht, geht es mit sich zusammen, ist es selbst doch dasselbe, wie seine Beziehungsweise, – Übergehen. Es ist also nicht nur eine durch Anderes begründete Selbstnegation, sondern eine durch das Übergehen in es selbstbegründete Selbstnegation. Das Zusammengehen des Endlichen mit sich kraft Selbstnegation der Endlichkeit aber nennt Hegel »affirmative Unendlichkeit«.“

166  Vgl. WL I, 113f.: „Aufheben und das Aufgehobene (das Ideelle) ist einer der wichtigsten Begriffe der Philosophie, eine Grundbestimmung, die schlechthin allenthalben wiederkehrt, deren Sinn bestimmt aufzufassen und besonders vom Nichts zu unterscheiden ist. .... Etwas ist nur insofern aufgehoben, als es in die Einheit mit seinem Entgegengesetzten getreten ist; in dieser näheren Bestimmung als ein Reflektiertes kann es passend Moment genannt werden.“

167  Vgl. H. Marcuse 1975³, 68: „Die Unendlichkeit ist nur der konsequente Ausdruck für die absolute und universale Immanenz der Bewegtheit, der ›Unruhe der Selbstbewegung‹ (WL I, 186) im Sein des Seienden: als ›ewiges‹ Bei-sich-selbst-sein im Sein-für-Anderes, als ›In-sich-zurückgekehrtsein, Beziehung seiner auf sich selbst‹ (WL I, 164). Und in der Jenenser Logik wird die Unendlichkeit geradezu definiert als ›diese absolute Unruhe‹ des Endlichen, ›nicht zu sein, was es ist‹. ›Die Unendlichkeit ... ist hiermit die einzige Realität des Bestimmten, und nicht ein Jenseits, sondern einfache Beziehung, die reine absolute Bewegung, das Außersichsein in dem Insichsein‹. (JS II, S. 33) Und in der Enzyklopädie: das wahrhaft Unendliche besteht darin, ›in seinem Anderen bei sich selbst zu sein oder, als Prozeß ausgesprochen, in seinem Anderen zu sich selbst zu kommen‹ (Enzy. I, § 94 Zusatz, S. 199). ... Die Bewegtheit als Sein des endlichen Seienden hat also als immer nur Zurückkehren zu sich selbst, Beziehung auf sich selbst, den Charakter der Unendlichkeit.“

168  Dies Problem bezieht sich auch eng auf ein sachliches Problem, wie das Übergehen als „der dialektische Prozeß in der Sphäre des Seins“ (Enzy. I, § 161 Zusatz, S. 308) ermöglicht wird.

169  Enzy. I, § 104 Zusatz 2, S. 119

170  M. Theunissen 1980, 293

171  P. U. Philipsen 2000, 191f.

172  D. Henrich 1982b, 150f. In ähnlichem Sinne besteht umgekehrt die Endlichkeit der Dinge nach Hegel darin, „daß ihr Dasein und ihre allgemeine Natur (ihr Leib und ihre Seele) zwar vereinigt sind, sonst wären die Dinge nichts, aber daß diese ihre Momente sowohl bereits verschieden als überhaupt trennbar sind“ (Enzy. I, § 168, S. 319). So haben alle endlichen Dinge „eine Unwahrheit“ an sich, sie haben „einen Begriff und eine Existenz, die aber ihrem Begriff unangemessen ist“. „Deshalb müssen sie zugrunde gehen, wodurch die Unangemessenheit ihres Begriffs und ihrer Existenz manifestiert wird.“ (ebd., § 24 Zusatz 2, S. 86)

173  In diesem Sinne ist der Begriff des Dinges für Hegel „ein widersprüchlicher Begriff“, dagegen ist der Begriff des Dings oder der Substanz als mit der festgelegten Unterscheidung Ding-Eigenschaft oder Substanz-Akzidenz verbunden „ontologisch ohne jede Bedeutung“ (R.-P. Horstmann 1984a, 43f.).

174  H. F. Fulda u. R.-P. Horstmann u. M. Theunissen 1980, 114

175  Hier kann es auch zu bemerken sein, daß es bei Hegel um „das spekulative Interesse“ (WL I, 171) geht, zu erkennen, ob die Bestimmungen, wie sie vorausgesetzt sind, an und für sich selbst etwas Wahres sind, und daß sein dialektisches Verfahren sowohl „analytisch“ als auch „synthetisch“ (WL II, 557) ist. So sagt Hegel, „daß im Resultate wesentlich das enthalten ist, wodurch es resultiert, – was eigentlich eine Tautologie ist, denn sonst wäre es ein Unmittelbares, nicht ein Resultat“. „Indem das Resultierende, die Negation, bestimmte Negation ist, hat sie einen Inhalt. Sie ist ein neuer Begriff, aber der höhere, reichere Begriff als der vorhergehende; denn sie ist um dessen Negation oder Entgegengesetztes reicher geworden, enthält ihn also, aber auch mehr als ihn, und ist die Einheit seiner und seines Entgegengesetzen.“ Dies ist synthetisch. In diesem dialektischen Wege hat sich „das System der Begriffe“ zu bilden. (WL I, 49) Im ähnlichen Sinne schlägt H. Kimmerle (2000) vor, „daß der Genitiv in dem Ausdruck ‚Negation der Negation‘ als genitivus subjektivus zu verstehen ist“; die ‚erste Negation‘ bestimmt sich fort zu einer ‚zweiten Negation‘, in der nicht die ‚erste Negation‘ negiert wird, – wenn es der Fall wäre, entstände der unendliche Prozeß, – sondern nur der ‚Widerspruch‘, die Entgegensetzung von ‚Position und Negation‘, mit der das ‚speculative Denken‘ seinen Anfang nimmt. (ebd., 165)

176  H. Fink-Eitel 1978, 83. Wäre diese Selbstbezüglichkeit der Negativität unmöglich, dann ist die Unendlichkeit der Vernunft zwar „die Figur der Bemeisterung resistenter endlicher Vermittlung und systemische Klammer der seinslogischen Abschnitte Qualität, Quantität und Maß“, „Bedingung und Subtext der Hegelschen Erörterung von ›Bestimmtheit‹“, aber sie wäre nur „eine nicht eingelöste, logische Prämisse der Hegelschen Wissenschaft der Logik“. (P. U. Philipsen 2000, 192, 192 Anm. 28)

177  D. Wandschneider 1995, 93

178  H. Fink-Eitel 1978, 67: „Die Indifferenz ist als einfache Grundlage seinslogischer Bestimmtheit überhaupt die Menge aller Mengen, die sich selbst nicht enthalten. Sie ist die Selbstapplikation des universalen seinslogischen Bestimmungsprinzips, dem die Andersheit von Bestimmungsfunktion und zu Bestimmendem zugrundeliegt, und damit eine vollständige Antinomie.“ Diese Entstehung der Antinomie erklärt Fink-Eitel auf Russellsche mengentheoretische Weise: „Denn enthält sich die Menge aller Mengen, die sich selbst nicht enthalten, dann enthält sie sich nicht; enthält sie sich aber nicht, dann enthält sie sich, weil sie die Menge der Mengen ist, die sich selbst nicht enthalten.“

179  Dieser Gedanke ist in der zweiten Ausgabe der Seinslogik hinzugefügt. Aber, indem der Widerspruch bei Hegel auf der Selbstbezüglichkeit der Negativität beruht und in der ersten Ausgabe der Unterschied zwischen der ersten Negation und der absoluten Negativität und der Übergang von jener in diese abgehandelt ist, sind in beiden Ausgaben trotz ihrer Differenz die Grundgedanken meines Erachtens ähnlich.

180  Ähnlich wird die wesenslogische Kategorie ›Identität‹ als „die einfache Unmittelbarkeit als aufgehobene Unmittelbarkeit“ (WL II, 38) definiert. Zum Argumente gegen McTaggart, der das erste Kapitel der Wesenslogik als ‚Interludien‘ auffaßte und so vorgeschlagen hat, daß die Wesenslogik wie in der Enzyklopädie mit der Kategorie ›Identität‹ beginnen sollte (McTaggart 1931, 99), vgl. D. Henrich 1978a, 231f. Die absolute Indifferenz setzt sich insofern als Identität, als sie nicht nur als ‚Substrat aller Bestimmungen des Seins‘, sondern auch als „immanentes, sich auf sich beziehendes Unterscheiden“ oder „das Abstoßen ihrer von sich selbst, ... selbstbestimmend“ (WL I, 446, 448) bestimmt wird. Dazu muß aber der Gedanken der Selbstbezüglichkeit der Negativität entwickelt werden und sich beweisen.

181  Enzy. I, § 114, S. 235

182  Diese erfaßt Hegel in der ersten Ausgabe als „die Unendlichkeit ihrer Selbständigkeit, die absolute Negativität“ (GW 11, 230) oder „die negative Indifferenz“ (GW 11, 231).

183  Da hier vorzüglich der Begriff ›Substrat‹ und dessen Verhältnis zu Bestimmtheit bzw. Negation behandelt werden und dazwischen wieder das Problem des unendlichen Prozesses sich ergibt, bedarf es einer Erklärung; dafür ist es hier genug, von H. Schmitz zu zitieren: „Die unendliche Knotenlinie der Maßverhältnisse hat also dieselbe Funktion wie die ›Wechselbestimmung des Endlichen und Unendlichen‹ im qualitativen und der unendliche Progreß im quantitativen Bereich: Durch wechselseitige dialektische Aufhebung der zunächst nur abwechselnden Gegenteile gelingt diesen die Aneignung und Selbstgestaltung der Rolle, die ihnen durch ihre Position auf dem jeweiligen Niveau der dialektischen Bewegung zugewiesen ist: beim qualitativ Unendlichen die Aneignung der Reflexion in einander scheinender Qualitäten (endlich und unendlich) bis hin zur Beruhigung der Negativität ihrer wechselseitigen Aufhebung im affirmativ Unendlichen, das sich zum Begriff erhöbe, wenn nicht das Sein mit seiner unvermittelten Unmittelbarkeit den Prozeß zum Fürsichsein und zum Eins herabzöge; beim Quantum die Aneignung der Gleichgültigkeit und Äußerlichkeit an die bestimmte Begrenztheit, die dadurch den Unterschied, der keiner ist, und also den reflektierenden Doppelsinn des Wesens aufnimmt; in der Knotenlinie der Maße die Aneignung der in quantitative Gleichgültigkeit transzendierenden qualitativen Bestimmtheit an die auf spezifische Qualitäten festgelegte und im ausschließenden Maß durch Wahlverwandtschaft sich befestigende sowie dieser an jene mit der Folge, daß auch für die fixe, eindeutige Bestimmtheit, die den Termen im Sein das Gepräge gibt, die Auflösung in die reflektierende, zweideutige Bestimmtheit der Terme des Wesens eingeleitet ist. Noch aber ist der Bann des Seins nicht abgeschüttelt; die Depotenzierung der eindeutigen, spezifischen Qualität durch ihre Auflösung in der Knotenlinie der Maße, vermittelt durch die quantitative, in sich gleichgültig verlaufende Bestimmtheit, führt daher zunächst nur zum Verblassen des Spezifischen in der Indifferenz, die als ›wahrhaft bestehen bleibende selbständige Materie, Sache‹ (WL I, 443) eingeführt wird. Die durch Quantität zu unendlich fortschreitendem Übergang nivellierte Qualität rettet sich nicht sogleich in die Zweideutigkeit der Reflexion, sondern verliert gewissermaßen das Gesicht an die indifferente Sache, die sich als Substrat durch den quantitativ vermittelten Wechsel der Qualitäten hindurchzieht.“ (Alles wird v. Vf. hervorgehoben.) (H. Schmitz 1992, 101)

184  Vgl. GW 11, 225

185  Hegel nennt ‚Seiten‘ auch „Factoren“ (GW 11, 226) oder „die Spezifischen“ (WL I, 456).

186  Vgl. H. Fink-Eitel 1978, 234 Anm. 71: „Als eine solche – das letztere betreffende – Defensivstrategie kann die Russellsche Typentheorie angesehen werden. Sie will jede Form von Selbstapplikation ausschließen, indem sie die Stufenhierarchie wissenschaftlicher Systeme (Objekts-, Meta-, Meta-Meta-Ebene usf.) so konzipiert, daß keine Stufe etwas über sich selbst, sondern nur über die ihr zu begründend-untergeordnete Stufe aussagt. Will man jedoch den dann drohenden infiniten Regreß vermeiden, indem man nach dem grundsätzlichen Begründungsverhältnis der Ebenen fragt, das schon mitverstanden sein muß, wenn man in ihnen denkt, dann resultiert die semantische Antinomie selbstprädikativer Allsätze (vgl. Kulenkampff 1970, 47ff., 75)“.

187  H. Fink-Eitel 1978, 68

188  R.-P. Horstmann 1984a, 250

189  In demselben Sinne äußert sich Hegel in der Anmerkung (WL I, 451ff.) über den Widerspruch zwischen ‚Faktum‘ und ‚Theorie‘. Dementsprechend kann man auch über den Widerspruch von ‚der Sache selbst‘ und ‚der auf dem seinslogischen Prinzip beruhenden Wissenschaft‘ sprechen.

190  Hegel nennt diesen Unterschied „Widerspruch ihrer (sc. der Indifferenz) selbst und ihres Bestimmtseins, ihrer an sich seienden Bestimmung und ihrer gesetzten Bestimmtheit“ (WL I, 456); für diesen Unterschied gilt nach Hegel: „Der Unterschied überhaupt ist schon der Widerspruch an sich“ (WL II, 65).

191  Vgl. Enzy. I, § 240, S. 391: „Die abstrakte Form des Fortgangs ist im Sein ein Anderes und Übergehen in ein Anderes, im Wesen Scheinen in dem Entgegengesetzten, im Begriffe die Unterschiedenheit des Einzelnen von der Allgemeinheit, welche sich als solche in das von ihr Unterschiedene kontinuiert und als Identität mit ihm ist.“ Und auch Enzy. I, § 161, S. 308: „Das Fortgehen des Begriffs ist nicht mehr Übergehen noch Scheinen in Anderes, sondern Entwicklung, indem das Unterschiedene unmittelbar zugleich als das Identische miteinander und mit dem Ganzen gesetzt, die Bestimmtheit als ein freies Sein des ganzen Begriffs ist.“

192  Nach J. Behrens u. W. Kant (1979) ist die logische Stufe des Seins charakterisiert einerseits durch „abstrakte, qualitative Selbstidentität“ des Seins, andererseits durch „Hegels ontologische Interpretation der negativen Aussageform in dem, was er Bestimmtheit nennt: ein Seiendes mit einer Negation“. Darin erzeugt die bestimmte Negation zunächst „Verschiebungs- und Verdrängungsmechanismen mit dem Resultat schlechter Unendlichkeit und abstrakter Indifferenz“; das heißt, daß die Negation „nicht kontrollierbar“ ist und zur „Unbestimmtheit“ führt. Auch hat das Bestimmen der bestimmten Negation am Sein „die Auflösung und Zerstörung qualitativer Selbstidentität im Selbstwiderspruch“ zur Konsequenz. Dieser Widerspruch hat außer der Funktion, den seinslogischen Bestimmungsprozeß in Gang zu halten, die Funktion, „als Indikator dafür zu dienen, daß dem Sein eine andere Struktur zugrunde liegen muß: die des Wesens und einer immanenten Reflexivität“. Die Seinslogik muß die dem Sein selbst versteckte Reflexivität freilegen. Dies bewirkt, daß „die gegenständliche ›Grundlage‹ neu bestimmt werden“ und „das ›Übergehen‹ durch andere Bewegungsformen ersetzt werden“ muß. Als Resultat wird festgehalten: „Die Bestimmtheit, das Sein mit der Negation“, entwickelt Hegel zum „Gesetztsein der Negation oder als mit der Negation“, und „die bestimmte Negation“ wird damit „bestimmende Reflexion“. (ebd., 183) „Hegel meint, mit der Struktur absoluter Reflexivität und Negativität die Negation kontrollierbar gemacht, sie in ein geschlossenes System der Negativität eingebracht zu haben.“ (ebd., 184)

193  Vgl. D. Henrich 1978a, 230f.: „Schon dort hatte Hegel eine Situation erreicht, in der das Postulat fest bestimmt erschien, das Verhältnis von Selbstbeziehung und Bestimmtheit als vollständige Einheit zu fassen. (Hervorhebung v. Vf.) Denn der Gedanke der ›absoluten Indifferenz‹ hatte sich als unhaltbar gerade deshalb erwiesen, weil in ihm zwischen dem Wechselverhältnis einander bestimmender Faktoren und dem Prinzip ihrer Einheit, in dem sie bestehen, zugleich eine Beziehung von Äußerlichkeit und bloßer Unmittelbarkeit zu denken war. ... Eine solche Indifferenz muß sich also aus sich selbst heraus in Differenz zu sich bringen und darin eine Bestimmtheit gewinnen, die nicht an ihr statthat, sondern Ergebnis ihrer Selbstbestimmung ist. ... Diese Formulierung benutzt zwar noch nicht den Begriff des Wesens, das als Negation sich auf sich selbst bezieht, das auf diese Weise nur sich selbst bestimmt und somit absolute Negativität ist. Sie nennt aber doch schon formale Bedingungen (Hervorhebung v. Vf.), denen jeder mögliche Wesensbegriff entsprechen müßte.“

194  Enzy. I, § 111 Zusatz, S. 229: „Die Form der Beziehung ist im Sein nur erst unsere Reflexion; im Wesen dagegen ist die Beziehung dessen eigene Bestimmung.“

195  Im ähnlichen Sinne spricht H. Schmitz (1992), daß diese Einheit für die Seinslogik „fehlt“, „weil die bloße Eindeutigkeit von Termen kein Konstruktionsprinzip für fortgesetztes Verfallen der Terme an dialektische Aufhebung durch Widersprüche liefert“. Er findet dieses „in der Feststellung, daß die Dialektik auf der Stufe des Seins proleptisch oder antizipatorisch in dem Sinne ist, daß sie verknappt immer wieder das Wesen oder gar den Begriff mit deren spezifisch dialektischen Geneigtheiten vorwegnimmt, bloß so, daß Wesen und Begriff – in Hegels Ausdrucksweise – im Sein erst an sich und noch nicht gesetzt sind“. (ebd., 77) „Es ist ein echt Hegelsches Leitbild, daß die Makrostruktur in vielen zugehörigen Mikrostrukturen vorweggenommen oder nachgezeichnet wird, so daß dieselbe Trias (sc. die Trias Sein-Wesen-Begriff) schon im Sein, dann im Wesen und im Begriff als organisierendes Prinzip vielfältig wiederkehrt, nur gebrochen und akzentuiert durch das jeweils dominante Glied der Trias.“ (ebd., 30)

196  J. Behrens u. W. Kant 1979, 184

197  „Der ganze Fortgang des Philosophierens als methodischer, d. h. als notwendiger“ ist nichts anderes als „das Setzen desjenigen, was in einem Begriffe schon enthalten ist“. (Enzy. I, § 88 Anm., S. 188)

198  Dieses seinslogische Denken charakterisiert Th. Kesselring (1997) als „Ununterscheidbarkeit“ von Denken und Denkinhalt bzw. der subjektiven und der objektiven Seite im Denken, wodurch die Antinomie entsteht. Der Grund für diese Ununterscheidbarkeit besteht darin: „Das Denken ist zwar nicht wirklich in der Lage, von sich selbst zu abstrahieren, doch ist es sich seiner selbst nicht bewußt und legt, ohne darauf aufmerksam zu werden, seine Strukturen in das Gedachte: es vergegenständlicht sie also.“ (ebd., 100f.) „Was in Wahrheit Strukturen des Denkens sind, wird als vom Denken unabhängig (als positiv vorgegeben) mißverstanden.“ Der Charakter der Gleichgültigkeit gegen sich selbst und gegen anderes erklärt sich damit „aus der zur Vergegenständlichung führenden, weil mißlingenden Abstraktion des Denkens von sich selbst“ bzw. „aus der Unreflektiertheit dieses Denkens“. (ebd., 101 Anm. 17)

199  Enzy. I, § 19 Anm., S. 68

200  PdG, S. 76

201  Zum Probleme dieser Selbstanwendung oder Selbstapplikation bes. vgl. W. Becker 1978 und R. Wiehl 1978. Z. B. hebt Becker hervor, daß die traditionelle Philosophie gewiß den Fall kennt, „daß Prinzipien prinzipiierend für andere Prinzipien sind“, so „in Platos Vorstellung“ über die obersten Ideen und auch „im Fall der klassisch-logischen Lehre von der Klassifikation gemäß dem Gattung-Art-Verhältnis“. Dennoch kommt in diesen Vorstellungsweisen nicht der Fall vor, „daß das Prinzip selber das Prinzipiatum dessen ist, was es prinzipiiert“. Genauso aber verhält es sich „bei Begriffen der Hegelschen Wesenslogik“. „Das dialektische Verhältnis zwischen ‚Sein‘ und ‚Wesen‘ ist anders, denn das ‚Wesen‘ ist das ‚aufgehobene Sein‘, und das heißt auf jeden Fall, daß eine Differenz wie die von Prinzip und Prinzipiatum nicht einfach als Voraussetzung der Beziehung von ‚Wesen‘ und ‚Sein‘ anerkannt wird, sondern im ‚Wesen‘ ebenfalls ‚aufgehoben‘ ist.“ (ebd., 77f.) „Sofern ich selber mich weigere, solche Selbstanwendung oder Selbstbeziehung als eine unausweichlich-affirmative Denknotwendigkeit zu konzedieren, habe ich allerdings weniger das bekannte Zirkelargument im Auge, obgleich ich der Ansicht bin, daß die Dialektik in Hinsicht auf den Zirkeleinwand nach wie vor unter Legitimationszwang steht.“ (ebd., 78) Das Problem der Selbstanwendung dialektischer Kategorien, das von Becker diskutiert ist, verlangt damit in jedem Fall „eine zumindest vorläufige Analyse der Universalität der Dialektik hinsichtlich ihres Anspruchs und Sinnes“ (R. Wiehl 1978, 85 Anm. 5).

202  Zum Begriffe der ›Erinnerung‹ vgl. A. Schubert 1985, 44 und Chr. Iber 1990, 30. Bei ihnen ist der Erinnerungsbegriff dreiartig: 1. der gewöhnliche im zeitlichen Sinne, wodurch die früheren Zustände reproduziert werden, 2. der ontologisch-metaphysische, der am quasi-räumlichen Modell des Heruntersteigens von der Erscheinungsoberfläche des Seins in die Tiefe des Wesens orientiert ist, und der der Gegenstand von Hegels Kritik in der Wesenslogik ist, 3. der kritische, der die nicht-affirmativ-anamnetische unendliche Bewegung des Seins selbst ist.

203  Enzy. I, § 112 Anm., S. 231

204  Vgl. WL II, 275f.: „Aber auch schon das Abstrakte enthält dies, daß, um es zu erhalten, erfordert werde, andere Bestimmungen des Konkreten wegzulassen. Diese Bestimmungen sind als Determinationen überhaupt Negationen; ebenso ist ferner das Weglassen derselben ein Negieren. Es kommt also beim Abstrakten gleichfalls die Negation der Negation vor. Diese gedoppelte Negation aber wird vorgestellt, als ob sie demselben äußerlich sei und sowohl die weggelassenen weiteren Eigenschaften des Konkreten von der beibehaltenen, welche der Inhalt des Abstrakten ist, verschieden seien, als auch diese Operation des Weglassens der übrigen und des Beibehaltens der einen außer derselben vorgehe. Zu solcher Äußerlichkeit hat sich das Allgemeine gegen jene Bewegung noch nicht bestimmt; es ist noch selbst in sich jene absolute Vermittlung, welche eben die Negation der Negation oder absolute Negativität ist.“

205  M. Theunissen 1980, 308

206  Vgl. Chr. Iber 1990, 33 Anm. 8: „Der Anfang der Wesenslogik ist nun der Ort, an dem diese ›Vermittlung‹, die ›vollkommene Abstraktion‹, durch die das reine Sein entstanden ist, innerhalb der Logik zur Darstellung kommt. Warum mußte aber diese ›vollkommene Abstraktion‹ hinter der Wissenschaft der Logik zurückgelassen werden? Offenkundig deshalb, weil das von der Bestimmtheit alles Seienden abstrahierende Denken in Bewußtlosigkeit gegenüber seinem eigenen Abstraktionsakt verbleibt. Denn um reines Sein als absolut Unmittelbares denken zu können, muß das Denken nicht nur von der Bestimmtheit alles Seienden abstrahieren, es muß auch und vor allem von sich selbst abstrahieren. ... Damit beantwortet sich die Frage nach der Bewußtlosigkeit über die Genese des Seinsbegriffs am Anfang der Logik. Sie rührt daher, daß das Denken auch von sich selbst abstrahieren muß, um Sein als absolut Unmittelbares denken zu können. Zum Denken des reinen Seins gehört also auch die Vergessenheit dieser seiner Herkunft aus der Abstraktion von der Bestimmtheit alles Seienden.“

207  Chr. Iber 1990, 65

208  In Bezug auf den Begriff des Resultats greift Hegel auf den platonisch-aristotelischen Grundgedanken zurück, daß das Resultat das eigentlich Wahre ist.

209  Vgl. Enzy. I, § 112, S. 231: „Indem das Absolute als Wesen bestimmt wird, wird aber die Negativität häufig nur in dem Sinne einer Abstraktion von allen bestimmten Prädikaten genommen. Dieses negative Tun, das Abstrahieren, fällt dann außerhalb des Wesens, und das Wesen selbst ist so nur als ein Resultat ohne diese seine Prämisse, das caput mortuum der Abstraktion. Aber da diese Negativität dem Sein nicht äußerlich, sondern seine eigene Dialektik ist, so ist seine Wahrheit, das Wesen, als das in sich gegangene oder in sich seiende Sein; seinen Unterschied vom unmittelbaren Sein macht jene Reflexion, sein Scheinen in sich selbst, aus, und sie ist die eigentümliche Bestimmung des Wesens selbst.“

210  H. Marcuse 1975³, 77

211  Diesen Metaphysiken des Absoluten entspricht nach M. Theunissen (1980) ‚die erklärte Metaphysik‘, besonders von Platon, Aristoteles, Spinoza, und der Metaphysik des Seins ‚das vormetaphysische Denken des frühen Griechentums‘ und ‚der moderne Positivismus‘. Er ist dann der Auffassung einerseits: „Hinter dieser Konzeption des Zusammenhangs von Seins- und Wesenslogik steht unausgesprochen die Auffassung, daß Metaphysik und Positivismus untergründig ineinander umschlagen. Die Seinslogik entlarvt den Positivismus als Metaphysik, die Wesenslogik die Metaphysik als Positivismus.“ Und andererseits: In der Wesenslogik „muß die Kritik der Metaphysik nun zur Selbstkritik werden.“ (ebd., 32f., 329)

212  Vgl. WL II, 561: „Das Positive in seinem Negativen, dem Inhalt der Voraussetzung, im Resultate festzuhalten, dies ist das Wichtigste im vernünftigen Erkennen“.

213  Vgl. M. Theunissen, 1980, 363: „Nun läuft die Geschichte der Fremdheit von deren Anfängen in der Gleichgültigkeit gegen Anderes bis zu ihrer dialektischen Selbstaufhebung in der Gleichgültigkeit gegen sich parallel mit dem Prozeß, der das Andere in das Andere seiner selbst hineintreibt. Die Gleichgültigkeit gegen sich ist zumindest die Verfassung des Anderen seiner selbst in einer bestimmten Ausprägung, nämlich in der, in der es sein Anderssein an sich vollzieht. Wenn die Charakterisierung des Wesens durch Gleichgültigkeit über die daseinsmäßige Indifferenz hinaus auch die reflektierte ins Spiel bringt, dann deshalb, weil das Wesen das Andere und als dieses das Andere seiner selbst ist.“ Zum Verhältnisse der Ethik Hegels zur stoischen Moralphilosophie in bezug auf den Begriff ›Gleichgültigkeit‹ vgl. D. Henrich 1973, 177f.

214  Dies erreicht das Wesen eigentlich im dritten Abschnitt ›Die Wirklichkeit‹.

215  Vgl. Chr. Iber 1990, 227: „Absolute Negativität dient so zur Charakterisierung des generativen Prinzips, aus dem der Prozeß der Gedankenbestimmungen erfolgt.“

216  Enzy. I, § 111 Zusatz, S. 230

217  Vgl. Hegel Bd. 13, S. 21: „Doch der Schein selbst ist dem Wesen wesentlich, die Wahrheit wäre nicht, wenn sie nicht scheine und erscheine, wenn sie nicht für Eines wäre, für sich sowohl als auch für den Geist überhaupt.“

218  Z. B. sagt Hegel so: „Es kommen in der Entwicklung des Wesen, weil der eine Begriff in allem das Substantielle ist, dieselben Bestimmungen vor als in der Entwicklung des Seins, aber in reflektierter Form. Also statt des Seins und Nichts treten jetzt die Formen des Positiven und Negativen ein, jenes zunächst dem gegensatzlosen Sein als Identität entsprechend, dieses entwickelt (in sich scheinend) als der Unterschied; – so ferner das Werden als Grund sogleich selbst des Daseins, das, als auf den Grund reflektiert, Existenz ist usf.“ (Enzy. I, § 114 Anm., S. 235f.)

219  Indem Hegel den ‚Begriff‘ als „absolute Einheit des Seins und der Reflexion“ (WL II, 246) oder „die Einheit des Seins und des Wesens“ (Enzy. I, § 159 Zusatz, S. 306) definiert, darf man in diesem Sinne sagen, daß die Wesenslogik die Begriffslogik antizipiert.

220  Vgl. auch W. Hübener 1975a, 136: „Was die Proklos-Forschung unter dem Namen der Negation der Negation führt, ist ... das apophatische Jenseits (Hervorhebung v. Vf.) zum Seienden und dem ihm zugeordneten Nichtseienden. Wenn Thomas später das mit dem Seienden vertauschbare Eine im Blick auf die Glieder eines kontradiktorischen Gegensatzes als negatio negationis et rei simul charakterisiert, steht er der proklischen Ansicht, insofern hier wie dort eine komplette Opposition negiert wird, strukturell sicherlich näher als Meister Eckhart, der in der Formel von der doppelten Negation den Ausschluß aller Unvollkommenheit und so die purissima et plenissima affirmatio des ‚ego sum qui sum‘ ausdrücken will. Die negatio negationis soll bekräftigen, daß in Gott keinerlei Negation (Hervorhebung v. Vf.) statthat: ... Die Negation ist Gott daher fremd.“

221  Vgl. Enzy. I, § 91 Zusatz, S. 196 „Die Grundlage aller Bestimmtheit ist die Negation (omnis determinatio est negatio, wie Spinoza sagt).“

222  Enzy. I, § 32 Zusatz, S. 99

223  Vgl. Chr. Iber 1990, 64 Anm. 5: „Der Begriff der ersten oder einfachen Negation (bestimmte Negation) hat bei Hegel drei Grundbestimmungen: a) Negation im Sinne von Unterscheiden bzw. Unterschied (vgl. Phän., 36), b) Negation als Bestimmtheit (vgl. WL I, 121) und c) Negation als Negatives oder Anderes (vgl. WL I, 124 und Enzy. I, § 91).“

224  Vgl. WL II, 195: „›Die Bestimmtheit ist Negation‹ ist das absolute Prinzip der spinozistischen Philosophie; diese wahrhafte und einfache Einsicht begründet die absolute Einheit der Substanz. Aber Spinoza bleibt bei der Negation als Bestimmtheit oder Qualität stehen; er geht nicht zur Erkenntnis derselben als absoluter, d. h. sich negierender Negation fort; somit enthält seine Substanz nicht selbst die absolute Form, und das Erkennen derselben ist kein immanentes Erkennen.“ Dazu vgl. auch M. Damnjanović 1979, 423: „Die doppelte Negation oder die Selbstnegation Hegels ist zunächst in Bezug auf Spinoza zu verdeutlichen. Da die Substanz bei Spinoza keine Reflexion-in-sich kennt, so ist da auch keine Selbstnegation möglich, sondern einzig und allein die Negation von etwas anderem, was positiv gegeben ist. Der wesentliche Unterschied zwischen Hegel und Spinoza gilt auch in Bezug auf die ganze lateinische Tradition. ›Die Scholastik geht vom Primat des Positiven aus, das nicht das reale Resultat einer dialektischen Vermittlung ist, Hegel dagegen von der Negativität als der immanenten Bewegung des Wirklichen, in deren Prozeß das Positive nur der Durchgangspunkt ist, der in Gestalt des bestimmten Negativen aus ihr resultiert und alsbald wieder negiert wird‹ (W. Hübener 1975a, 140). Für sein Prinzip der Negativität fand Hegel in der Antike, und zwar in Platons Sophistes, einen wichtigsten Stützpunkt.“

225  Das Konzept der Negation der Negation dient zur „Charakterisierung des Gedankens der Selbstaufhebung von Bestimmtheit“. Es erhellt auch den „Zusammenhang zwischen der ersten oder einfachen Negation und der doppelten Negation“. Diese beiden Formen der Negation sind bei Hegel nicht etwa „zwei voneinander verschiedene Negationen“, sondern sie sind nur „unterschiedliche Aspekte ein und derselben Negation“; „es ist die Negation selbst, die einmal für den Charakter der Bestimmtheit eines Unmittelbaren steht, und zum anderen als das Sich-Aufheben der Bestimmtheit zu begreifen ist.“ (Chr. Iber 1990, 226f.) Diese Vereinigung von Negation und Selbstbeziehung in der sich auf sich beziehenden Negation konstituiert bei Hegel „die spezifisch idealistische Konstruktion der selbstbezüglichen Negation“ (ebd., 225).

226  H. Fink-Eitel 1978, 74

227  Vgl. A. Schubert 1985, 161 Anm. 23: „Sollte die Indifferenz nämlich als Identität gesetzt werden, so mußte zuerst die logische Funktion der Differenz – oder um in der Hegelschen Terminologie zu bleiben, der selbstbezüglichen Negativität als differenter Beziehung – entfaltet werden: jene Struktur je vermittelter Unmittelbarkeit und einer substratfreier Negativität, auf welche der Terminus der reinen Bewegung von Nichts zu Nichts abzielt. Es hatte mithin zugleich ein Übergang zwischen zwei logischen Sphären stattfinden, der die Auflösung des substanzialen Substrats in den funktionalen Bewegungszusammenhang reiner Negativität beinhaltet.“ Und vgl. auch Chr. Iber 1990, 44: „Mit dem Übergang von der Indifferenz zum Wesen findet zugleich ein Übergang zwischen zwei logischen Sphären statt, der die Auflösung des substantialen Substrats der ontologisch ausgerichteten Metaphysik in den substratslosen Bewegungszusammenhang reiner Negativität beinhaltet. Die weitere Aufgabe der Wesenslogik ist es, das Wesen in seiner selbstbezüglichen Negativität zu entwickeln und damit als autonome logische Struktur gegen eine wie auch immer geartete ontologische Fundamentalbestimmung zu sichern.“

228  L. Ellrich 1990, 77, 73. Der Wesensbegriff „fordert 1. die Erarbeitung der Figur innerer Negativität und 2. die Ersetzung einer Beschreibung, die bloß externe Beziehungen und Übergänge auf der Folie von Veränderungs-Prozessen erfaßt, durch die Binnentopologie reiner Beziehungen“ (ebd., 73) und die Wesenslogik setzt „an die Stelle des alten Substanzmodells des Wesens“ „einen relationalen Wesensbegriff“, hat das „Ziel eines über entfaltete Binnennegativität stabilisierten Wesens“ (ebd., 75) und macht „den Übergang von einer Substanz- zu einer Relationsontologie“ (ebd., 77) aus.

229  D. Henrich 1982b, 190, 196, 199

230  Enzy. I, § 224, S. 378. Dahingegen stellt H. Schmitz (1992) in Bezug auf den Unterschied von Wesenslogik und Begriffslogik so ein: „Der Einstieg in das Formengebäude der Dialektik Hegels gelingt über die Trias Sein-Wesen-Begriff, woraus eine fundamentale Alternative dialektischer Formgebung mit Hilfe des neu eingeführten Begriffspaars von Poligkeit und Phasigkeit hergeleitet wird: Hegels Dialektik verläuft zwar stets dreiphasig, aber mit unstetem Wechsel zweier einander ausschließender Typen, von denen der eine zweipolig, der andere dreipolig ist.“ (ebd., 3) Jene Zweipolig-Dreiphasigkeit ist nach Schmitz wesenslogisch und diese Dreipolig-Dreiphasigkeit ist begriffslogisch. Im zweideutigen Milieu des Wesens ist es so, daß „die Notwendigkeit als die Ironie der immanenten Kehrseite herrscht, der die Freiheit erst abgerungen wird, wenn es gelingt, die zweipolige Negation der Negation durch konsolidierende Affirmation im dreipoligen Begriff zu überholen. Daß Hegel Wesen und Begriff nicht genügend auseinanderhält, ... [zeigt sich dadurch,] daß für Hegel das Subjekt, gleich ob er es gegen die Substanz ausspielt oder diese in es (und es in diese, bis zum Rollentausch) gleichsam hineinschlüpfen läßt, mit dem absoluten Unterschied, der Reflexion des Wesens in kinetischer (›Vermittlung des Sichanderswerdens mit sich selbst‹) oder statischer (›reine Sichselbstgleichheit im Anderssein‹) Auffassung, gleichbedeutend ist“. (ebd., 173f.) „Der Vorrang des Begriffs als neues und höheres Niveau gegenüber dem Wesen wird erst einsichtig, wenn es gelingt, den Dualismus der Zweideutigkeit, der als Reflexion des absoluten Unterschiedes dem Wesen den Stempel aufdrückt, in einer triadischen Struktur aufzuheben, so daß das zweideutige Scheinen von einer Einheit höherer Stufe abgefangen und konsolidiert wird.“ (ebd., 147) Damit stellt Schmitz hervor: Hegel „hält ... fortan bis zum Ende seines Lebens im Aufbau seiner Logik daran fest, daß die dreipolige Logik des Begriffs die zweipolige Logik der Reflexion (des Anderen an sich, das das Andere seiner selbst ist) überholt“; anders gesagt: „Fast könnte man meinen, eine unüberwindliche, fast automatische Anhänglichkeit an die Logik der Reflexion lasse ihn das sacrificium intellectus bringen.“ (ebd., 347)

231  Vgl. WL II, 274: „Das Wesen ist aus dem Sein und der Begriff aus dem Wesen, somit auch aus dem Sein geworden. Dies Werden hat aber die Bedeutung des Gegenstoßes seiner selbst, so daß das Gewordene vielmehr das Unbedingte und Ursprüngliche ist. Das Sein ist in seinem Übergange zum Wesen zu einem Schein oder Gesetztsein und das Werden oder das Übergehen in Anderes zu einem Setzen geworden, und umgekehrt hat das Setzen oder die Reflexion des Wesens sich aufgehoben und sich zu einem Nichtgesetzten, einem ursprünglichen Sein hergestellt. Der Begriff ist die Durchdringung dieser Momente, daß das Qualitative und ursprünglich Seiende nur als Setzen und nur als Rückkehr-in-sich ist und diese reine Reflexion-in-sich schlechthin das Anderswerden oder die Bestimmtheit ist, welche ebenso daher unendliche, sich auf sich beziehende Bestimmtheit ist.“

232  K. Brinkmann 1990, 147

233  K. Brinkmann 1990, 145

234  K. Brinkmann 1990, 147. Vgl. auch P.-J. Labarrière 1986, 96f.: „Gleichzeitig aber wird das lineare Schema (Sein – Wesen als erste Negation des Seins – Begriff als zweite Negation) in Frage gestellt, und dies durch eine doppelte implizite Betrachtung. An erster Stelle eine formellidentische Definition der Problematik eines jeden drei Teile: was in jedem dieser drei Teile auf alle Fälle für wichtig gehalten werden muß, ist eben die Identität zwischen dem, was jeweils in Frage steht, und seinem eigenen Dasein: ... Aus dieser ersten Betrachtung schließe ich zweierlei. Erstens: die drei Etappen sind auf der Ebene des gesamten Werkes eine Illustration der drei Momente, die zum Schema der Reflexion gehört. ... Zweitens: so wie die bestimmende Reflexion die Einheit der setzenden und der äußerlichen ist, so ist auch der Begriff die Einheit von Sein und Wesen. Hier ist der erste Bruch der linearen Verkettung: er macht darauf aufmerksam, daß es sich durch alle drei Teile hindurch immer um den Begriff handelt. ... Die zweite Betrachtung ... da der Begriff unter seinen verschiedenen Formen das einzige Subjekt des gesamten logischen Prozesses ist, kann er und soll er an sich selbst als der ›Grund‹ gesetzt sein, in welchem die zwei ersten Teile zugleich die Auflösung ihres ersten Gegensatzes und die konkrete Möglichkeit einer strukturellen Weiterentwicklung finden, und die ihrer begrifflichen Komplementarität nach.“

235  Enzy. I, § 114, S. 235

236  Vgl. D. Henrich 1976, 224: „So ist z. B. Hegels Definition dessen, was er ‚Begriff‘ nennt, ein Versuch, über die Operation mit der Negation vollständig und wohlbestimmt zu sprechen. ... Der Gedanke des ‚Begriffs‘ als Einzelheit und Allgemeinheit hat gegenüber dem der zweifachen doppelten Negation den Vorteil, die Einheit und die Differenz der beiden Fällen von doppelter Negation und dazu noch ihre Ungleichwertigkeit festzuhalten. Damit bringt er auf bestimmte Weise zusammen, was in der Minimalbedingung negativer Selbstreferenz nur unbestimmt postuliert war. Es ist aber auch deutlich, daß, was hier ‚Begriff‘ heißt, die Grundoperation mit der autonomen Negation voraussetzt und nicht etwa ersetzt. Die Weise, in der ‚Allgemeines‘ und ‚Einzelnes‘ aufeinander bezogen werden, ist von der Aufgabe gesteuert, welche diese Begriffsbildung lösen soll: autonome Negation zu begreifen.“ Und vgl. auch K. Düsing 1986, 23f.: „Der Begriff ist nun nicht nur solche positiv bestehende Identität, die sich in ihren Akzidenzien manifestiert, sondern zugleich, nämlich sich negativ auf sich beziehende Identität in Beziehung auf ineinander scheinende Relationsbestimmungen, deren eigene Gültigkeit jedoch aufgehoben ist. Diese Einheit jener Bestimmungen setzt sich selbst als Anderes, als Gegenteil und ist darin erst eins mit sich. Dies ist für Hegel die Struktur der in sich negativen Selbstbeziehung. Sie kommt nur im Hinblick auf die unterschiedenen Beziehungskomplexe zustande, in denen sie sich selbst als deren die Unterschiedenheit wahrende Einheit, und zwar als in sich negative Selbstbeziehung manifestiert. Der Begriff ist also in ontologischer Hinsicht auch Substanz, aber zugleich als in sich negative Selbstbeziehung Subjekt. Im Gedanken dieser in sich negativen Identität und Selbstbeziehung als solcher ist implizit der Widerspruch als wesentliches Kennzeichen der Dialektik enthalten.“

237  Bei Hegel besteht „die Wahrheit in der Übereinstimmung des Gegenstandes mit sich selbst, d. h. mit seinem Begriff“ (Enzy. I, § 172 Zusatz, S. 323).

238  M. Theunissen 1980, 45

239  Vgl. J. Behrens u. W. Kant 1979, 176f.: „Wenn nämlich die Autonomie des ›Wesens‹ glaubhaft behauptet werden soll, ist die ›seinslogische‹ Reflexion – soll sie jene Autonomie nicht in Frage stellen – in zweifacher Weise erklärungsbedürftig: nämlich einmal hinsichtlich der Herkunft oder Entstehung dessen, was ihr Bestimmungsgegenstand und seine überwundene ›Form der Unmittelbarkeit‹ gewesen ist und zweitens hinsichtlich der an jene Form gebundenen operativen Funktion der bestimmten Negation bzw. äußerlichen Reflexion. Es werden demnach sowohl Äußerlichkeit wie Beziehungslosigkeit der seinslogischen Stufe wesenslogisch begründet: und zwar indem sowohl Bestimmungsgegenstand wie Funktion in ihrem Entstehen aus der Reflexion wie in ihrem Zusammenhang ›gezeigt‹, reproduziert werden. Die Demonstration der Genesis des seinslogischen Formobjekts bietet Hegel in der Entwicklung der äußeren Reflexion; dieser Beweisgang leitet aus der absoluten Reflexion die Seins-Unmittelbarkeit ab. Explikation des bestimmten Negationstyps ist die Reflexionsbestimmung ›Verschiedenheit‹. In dieser Argumentation wird von Hegel aus der Etwas-Anderes-Struktur noch einmal die Reflexion abgeleitet. Als Auflösung jenes Selbstwiderspruchs aus Selbstnegation, der am Etwas entstanden war, gilt der reflexionslogische Widerspruch. Dabei zeigt sich, daß die bestimmte Negation (äußere Negation) ein neues Korrelat hat: das Gesetztsein.“

240  Enzy. I, § 159, S. 304

241  Vgl. F. Schick 1994, 183f.: „Die allgemeine Frage der Wesenslogik [ist]: Wenn Denken heißt, die wesentliche Identität der Sache mit sich zu fassen, wie verhält sich diese Identität dann zu der damit notwendig gesetzten Differenz der Sache von sich? Es [ist] das immanente Movens der wesenslogischen Übergänge, der Unterscheidung in Wesen und Nichtwesen (Erscheinung) eine Form zu geben, in der sie als Selbstunterscheidung, Restitution der Einheit der Sache in ihrem Wesensunterschied gedacht werden kann.“

242  Diese Ordnung der Reflexion könnte meines Erachtens nicht in einer gleichmäßigen Weise wie bei G. M. Wölfle (1994) auf die Kapiteln, Unterkapiteln und die Stufen, Unterstufen der Wesenslogik angewendet werden. Denn sie macht mit der Ordnung der Reflexionsbestimmungen immer zusammen verschiedenere, komplexere Strukturen in der ganzen Wesenslogik aus.

243  Vgl. K. J. Schmidt 1997a, 120: „Die Integration der Seins- in die Wesenslogik vollzieht sich über eine Analyse der ›Natur‹ des Seins (WL II, 116). Zu Beginn der Wesenslogik wurde die ›Natur‹ des Seins in der ›Bewegung des Seins‹ erblickt, sich zu erinnern, um ›durch dieses Insichgehen zum Wesen‹ zu werden (WL II, 13). Auf dem Hintergrund der Natur der Reflexion, sich zum Gesetztsein zu machen (WL II, 47), kann Hegel noch einen Schritt weitergehen. Weil das Sein Werden zum Wesen, das Wesen aber Reflexion ist, deshalb besitzt auch das ›Sein‹ die ›Natur, sich zum Gesetzten und zur Identität zu machen‹ (WL II, 116). In der Seinslogik werden das anfängliche Sein, wie auch das Nichts, als solche gesehen, die sich an ihnen selbst aufheben. Auf der Ebene des bedingten Grundes lautet der entsprechende Satz über das Dasein: das Dasein ist ›an ihm selbst nur dies, in seiner Unmittelbarkeit sich aufzuheben und zugrunde zu gehen‹. Wenn aber das Dasein sich an ihm selbst in den Grund aufhebt, so kann ihm das Gesetztsein wie auch das Ansichsein, mithin die ›Form, wodurch‹ es ›Bedingung ist‹, ›nicht äußerlich‹ sein, vielmehr macht die Bedingung den wesentlichen Charakter des Daseins aus (WL II, 116).“

244  Enzy. I, § 131 Zusatz, S. 262

245  K. J. Schmidt 1997b, 47. Auf ähnliche Weise sagt A. Schubert (1985) so: Die strukturelle Einheit, worin ›das wesentliche Verhältnis‹ zusammen eintritt, ist „die eigentliche Pointe der Hegelschen Logik“ oder „die Grundvoraussetzung des Gedankens strukturaler Relationalität.“ (ebd., 207)

246  Hegel Bd. 13, S. 260

247  Dies bedeutet aber nicht, daß die objektive Logik überhaupt nicht die Freiheitslogik sei. Hegel benützt selbst für den Begriff der ‚Freiheit‘ auch die Struktur der selbstbezüglichen absoluten Negativität: „Diese rein negative Freiheit, die in der Abstraktion von dem natürlichen Dasein besteht, entspricht jedoch dem Begriff der Freiheit nicht, denn diese ist die Sichselbstgleichheit im Anderssein, teils der Anschauung seines Selbsts im anderen Selbst, teils der Freiheit nicht vom Dasein, sondern im Dasein überhaupt, eine Freiheit, die selbst Dasein hat.“ (Hegel Bd. 4, § 35, S. 120f.) „Die höchste Form des Nichts für sich wäre die Freiheit, aber sie ist die Negativität, insofern sie sich zur höchsten Intensität in sich vertieft und selbst, und zwar absolute, Affirmation ist.“ (Enzy. I, § 87 Anm., S. 187) H. Ottmann (1979) definiert in der Tradition von Feuerbach, Kierkegaard und Adorno „Herrschaftslogik“ als solche Logik, „in der die Vermittlung die Unmittelbarkeit, das Allgemeine das Einzelne oder die Identität die Nicht-Identität beherrscht“, und dagegen „Freiheitslogik“ als die, „die weder die Unmittelbarkeit der Vermittlung, noch das Einzelne dem Allgemeinen oder die Nicht-Identität der Identität zu opfern bereit ist“. Für Feuerbach, Kierkegaard und Adorno ist die Herrschaftslogik die Logik Hegels. Denn „die spekulative Identität war Herrschaft und Zwang, weil sie das Andere des reinen Denkens nicht frei ließ, sondern sich als sein Anderes subordinierte.“ Dagegen ist die Freiheitslogik das, was sich in Antithese zu Hegels Logik ergibt: „Feuerbachs naturalistischer Positivismus der Unmittelbarkeit, Kierkegaards Existenzphilosophie des unvermittelbar existierenden Einzelnen, Adornos negative Dialektik der Nicht-Identität“. (ebd., 315) Aber diese Antithese von Freiheitslogik und Herrschaftslogik „läßt sich als simpler Gegensatz nicht zureichend begründen“, weil diese Philosophien selber „Herrschaftslogik mit umgekehrtem Vorzeichen“ sind, nämlich „Logik, die den Primat der Vermittlung, des Allgemeinen und der Identität nur in den Primat der Unmittelbarkeit, des Einzelnen und der Nicht-Identität verkehrt“. Für Ottmann ist Hegels Logik selbst „Kritik der Herrschaftslogik“ und „eine Logik der Freiheit“. „Der kategorische Imperativ der Logikinterpretation ist nicht in der Entgegensetzung von Herrschaftslogik und Freiheitslogik zu suchen. Er ist vielmehr das Gebot, Hegels Logik so weit wie möglich als Logik der Freiheit zu lesen und sie so spät wie möglich als Logik der Herrschaft zu verwerfen.“ Hegels Logik ist „mehr als eine nur negative Dialektik“ und selbst „Emanzipations- und Ursprungsphilosophie in einem“. (ebd., 316) Hegel entwirft „eine ›offene‹ Dialektik“ (ebd., 317) – Ottmann nennt sie auch „Dialektik offener Totalität“ (ebd., 323) –, worin kein Primat erlaubt werden kann; vielmehr wird jeder Primat in die Gleichursprünglichkeit oder Gleichwertigkeit von Sein und Nichts, von Identität und Nicht-Identität aufgelöst.



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23.01.2007