III. Reflexion und Negativität

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Die „Grundbestimmung der Hegelschen Philosophie“ ist „die »Negativität«“.248 Hegel begreift „die ungeheure Macht des Negativen“ als „die Energie des Denkens“249, das er als einen objektiven Sachverhalt der Sache selbst bzw. logisch-ontologischen Weltzusammenhang erfaßt. Durch die Fortsetzung der Implikationen der Seinslogik und die Analyse der Genese des Wesens ist das Wesen insofern als selbstbezügliche absolute Negativität bestimmt, als es die erwähnten Bedingungen erfüllt hat, unter denen die Negativität sich auf sich selbst bezieht und mit der Unmittelbarkeit zusammen eine einheitliche Struktur bildet. Als solche selbstbezügliche Negativität ist das Wesen als Nachfolgerbegriff des Seins eine Indiz für die strukturelle Einheit der Grundbestimmungen des Seins.250 Nunmehr ist darzustellen, wie das Wesen nach seinen logisch-ontologischen Möglichkeiten sich als die selbstbezügliche absolute Negativität definiert und damit sich als ›Reflexion‹ bestimmt, so daß diese Reflexion eine objektive, einheitliche Bewegungsstruktur der Grundbestimmungen des Seins ausmacht, die sich ihrerseits zusammen in der Wesenslogik die Reflexion weiter thematisieren lassen und diese Reflexion strukturieren. Im ersten Kapitel der Wesenslogik ›Der Schein‹, das aus den drei Unterkapiteln: ›A. Das Wesentliche und das Unwesentliche‹, ›B. Der Schein‹ und ›C. Die Reflexion‹ besteht und das „Grundlegungskapitel“251 genannt ist, führt Hegel die logisch-ontologischen, dialektischen Möglichkeiten und die gründlichen Gedanken der selbstbezüglichen absoluten Negativität und somit der Reflexion durch, um zur Begründung des logischen notwendigen Übergangs von der Seinslogik in die Wesenslogik „die Resultate in ihrer Wahrheit festzuhalten“252.

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Das Wesen als selbstbezügliche absolute Negativität und somit als Reflexion zu thematisieren, bedeutet, daß die Wesenslogik nicht nur die Reflexion als logische objektive Bewegungsstruktur des Seins zur Darstellung bringt, sondern auch daß sie als „die Sphäre des g e setzten Widerspruchs253 oder der „gesetzten Dialektik ihrer selbst“ (WL II, 562) den Begriff des Widerspruchs und dessen eigene Struktur untersucht. Nach Hegel ist „das Denken des Widerspruchs“ „das wesentliche Moment des Begriffes“. (WL II, 563) Die selbstbezügliche Negativität und der Begriff des Widerspruchs machen in der Wesenslogik einen engen Zusammenhang aus; der Widerspruch ergibt sich zwischen Negativität und Selbstbezüglichkeit, nämlich darin, daß „dasjenige, was negiert wird, nicht irgendeine beiläufige Eigenschaft, sondern die Selbstbeziehung254 ist. Indem die Reflexion die selbstbezügliche Negativität zu ihrem Wesen hat, wird sie als wesenslogische Bewegungsweise des Seins selbst als ein in sich gesetzter Widerspruch bestimmt, während das seinslogische Übergehen in Anderes nur als latenter bzw. impliziter Widerspruch die Selbstbewegung des Seins sicherstellt.

Um die Charaktere der selbstbezüglichen Negativität noch genauer zu verstehen, muß ein Problem, das in Bezug auf den Begriff der Negativität gegeben werden soll, nämlich das Verhältnis von ›Negativität‹ und ›Andersheit‹, auch zur Darstellung kommen. Denn dieses Verhältnisproblem von Negativität und Andersheit hängt von solchen Fragen ab, nämlich ob Hegels Philosophie als monistisch oder dualistisch bzw. pluralistisch verstehbar ist, in welchen Verhältnissen Hegels Dialektik mit den anderen Dialektiken, z. B. von Platon, Aristoteles, Rickert, steht, noch weiter ob Hegels Philosophie subjektivitätstheoretisch oder intersubjektivitäts- bzw. anerkennungstheoretisch oder differenzphilosophisch ist. Hier liegen verschiedene Auffassungen über die methodischen Begriffe ‚Negativität‘, ‚Andersheit‘ und ‚Widerspruch‘ zum Verständnisse der spekulativen Logik Hegels zugrunde. Erst ist zu zeigen, daß die selbstbezügliche Negativität bzw. die selbstreferentielle Andersheit und damit der Widerspruch mit der ‚Produktivität der Antinomie‘255 zum Verständnisse der spekulativen Logik Hegels eine wichtige Rolle spielt.

III.1.  Reflexion und Wesen

III.1.1.  Das Wesen als Reflexion

Das Wesen ist als „die Negation der Sphäre des Seins überhaupt“ „das aufgehobene Sein“. Wenn diese Negation als „eine bestimmte Negation“ (WL II, 18) oder als „ein relatives Negieren“ (WL II, 39) zu verstehen wäre, wodurch das Sein allein nicht an und für sich aufgehoben ist, sondern nur „ein Negatives in Beziehung auf das Wesen“ bleibt und damit noch „ein Sein, eine Unmittelbarkeit“ wie das Wesen hat, beziehen sich diese beiden, das Sein und das Wesen, auf diese Weise der Negation wieder „als Andere überhaupt“ aufeinander. Nach dieser ihrer Seinweise sind sie gegeneinander „gleichgültig“ und stehen „in gleichem Werte“, kann man auch sagen, im horizontalen Verhältnisse zueinander. Aber das Sein ist zugleich „im Gegensatz gegen das Wesen“ und hat die Bedeutung des Negiertseins. Daher ist das Sein als Negiertes „das Unwesentl i che“. Dagegen verhält sich das Wesen als ein Anderes zum Sein und so ist es „ein anders bestimmtes Dasein“. Es ist damit „nicht eigentlich Wesen“, sondern „das W e sentliche“. (WL II, 18) Hier kommt das Verhältnis von Wesen und Sein auch in ein vertikales Verhältnis hinein. Durch diesen Unterschied von Wesentlichem und Unwesentlichem ist das Wesen aber „in die Sphäre des Daseins“ zurückgefallen, indem es nur als „unmittelbares Seiendes“ und damit als „Anderes“ gegen das Sein angenommen ist. (WL II, 18) Diese Sphäre des Daseins liegt nunmehr dem Verhältnisse des Wesens zum Sein zugrunde. Damit ergeben sich hier wieder die folgenden Probleme, die in der Daseinslogik gegeben sind: Das, was das Sein in diesem Dasein wirklich ist, ist „eine weitere, dem Dasein selbst äußerliche Bestimmung“, und daß das Wesen das Anundfürsichsein ist, ist dementsprechend „in bestimmter Rücksicht“; der Unterschied von Wesentlichem und Unwesentlichem ist „ein äußerliches Setzen“ oder „eine Trennung, die in ein Drittes fällt“, und insofern ist es auch „unbestimmt, was zum Wesentlichen oder Unwesentlichen gehört“; „derselbe Inhalt“ kann deswegen dabei „bald als wesentlich, bald als unwesentlich“ anzusehen sein. (WL II, 18f.)256 Durch diese Probleme macht dieses Verfahren das Selbstverhältnis des Wesens unmöglich und enthüllt sich als „kategorialer Fehler“257.

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Das Wesen ist aber als „die absolute Negativität des Seins“ (WL II, 19) „das an und für sich aufgehobene Sein“ (WL II, 17); es ist „das Sein selbst, aber nicht nur als ein Anderes bestimmt, sondern das Sein, das sich sowohl als unmittelbares Sein wie auch als unmittelbare Negation, als Negation, die mit einem Anderssein behaftet ist, aufgehoben hat“ (WL II, 19).258 Durch diese Selbstaufhebung des Seins ist das noch stehengebleibende Verhältnis der Äußerlichkeit und Andersheit zwischen Wesen und Sein bzw. Wesentlichem und Unwesentlichem, aufgehoben. Somit ist das Sein, das noch gegen das Wesen gegenüber steht, nicht mehr „ein unwesentliches Dasein“, sondern „ein Unwesen“ oder „das an und für sich nichtige Unmittelbare“. Dieses Sein erfaßt Hegel als Schein: „Das Sein ist Schein.“ (WL II, 19) Mit Hegels anderen Thesen: „daß das Endliche ideell ist“ (WL I, 172)259 und daß ‚der Form überhaupt alles Bestimmte angehört‘ (WL II, 86), drückt diese These, das Sein sei Schein260, mit P. Rohs zu sprechen, „das allgemeinste Prinzip der ganzen Hegelschen Metaphysik und Transzendentalphilosophie“261 aus; es ist „Bedingung des Philosophierens“, solche Ansicht abzulegen, daß sie den gegebenen Stoff der Anschauung und das Mannigfaltige der Vorstellung als „das Reelle gegen das Gedachte und den Begriff“ annimmt. (WL II, 259) All dies bedeutet hier, daß die Grundbestimmungen des Seins nur der Schein sind, insofern sie noch als vom Wesen als ihrer bisher noch hypostasierten strukturellen Einheit unterschieden betrachtet werden. Das Sein hat sich sowohl als ‚unmittelbares Sein‘ wie auch als ‚Ansichsein‘, die beide zwar die Negation der Negation, aber noch mit einem Anderssein behaftet sind, aufgehoben. Mit dieser Selbstaufhebung hat das Sein jedoch den Schein, „das noch vom Wesen unterschiedene Unmittelbare“ zu sein. Wenn der Schein unmittelbar ist, beruht dieses Sein des Scheins aber nur auf „dem Aufgehobensein des Seins“ oder „seiner Nichtigkeit“, „außer“ dem bzw. der der Schein nicht ist. So ist er „das Negative gesetzt als Negatives“. (WL II, 19)

Diesen Gedanken führt Hegel mit Hilfe eines Rückgriffs auf die Logik des Anderen durch, die in der Logik des Daseins entwickelt ist und hier in die Logik des Scheins umgeformt wird. In der Stufe B.1 des Unterkapitels ›B. Der Schein‹ thematisiert Hegel den Begriff des Anderen zunächst daseinslogisch. Der Schein scheint als „der ganze Rest“ des Seins noch „eine vom Wesen unabhängige unmittelbare Seite“ zu haben und „ein Anderes desselben überhaupt“ zu sein. (WL II, 19) Denn, wenn der Schein „den ganzen mannigfaltigen Reichtum der Welt“ zum Inhalt hat, ist dieser Reichtum nur „aus dem Sein in den Schein übersetzt“, damit der Schein „unmittelbar so mannigfaltig bestimmt“ ist (WL II, 20)262; der Schein ist so selbst „ein unmittelbar Bestimmtes“ (WL II, 20). Das bedeutet für Hegel, daß das Sein als Schein noch nicht als selbstbezügliches Negatives gesetzt ist, was dasselbe ist, daß das Wesen sich als selbstbezügliche Negativität noch nicht zum Sein gemacht hat.263 „Das Andere“ enthält überhaupt daseinslogisch gefaßt „die zwei Momente des Daseins und des Nichtdaseins“. Während in der Logik des Daseins ‚das Moment des Daseins‘, das die Seite der Unmittelbarkeit oder Beziehung auf sich repräsentiert, nach dem seinslogischen Prinzip als die Voraussetzung für ‚das Moment des Nichtdaseins‘, das die Seite der Bestimmtheit, Negativität oder Beziehung auf Anderes ausdrückt, funktioniert, ist nun durch die Dialektik des Verhältnisses von Wesentlichem und Unwesentlichem, durch die Selbstaufhebung des Seins, das Moment des Daseins aufgehoben und dem Unwesentlichen bleibt „vom Anderssein“ nur „das reine M o ment des Nichtdaseins“ übrig. (WL II, 19)

Der Schein ist „dies unmittelbare Nichtdasein“. (WL II, 19) Daß das Moment des Daseins hier aufgehoben ist, bedeutet, daß nicht all seine Funktionen überhaupt, sondern nur seine seinslogische Funktion, nämlich etwas unmittelbar für sich zu sein, aufgehoben ist. Somit besteht die Unmittelbarkeit des Nichtdaseins also darin, daß dieses Nichtdasein nur „in der Beziehung auf Anderes, in seinem Nichtdasein“ „Dasein“ hat. (WL II, 19f.) Durch diese ‚Totalisierung des Differenzverhältnisses des Nichtdaseins zu seinem Nichtdasein‘ sind die Reinheit und die Reflektiertheit jener Unmittelbarkeit des Nichtdaseins gesichert.264 Der Schein ist daher „das Unselbständige“, weil er nur „in seiner Negation“ da „ist“. (WL II, 20)265 Die Unmittelbarkeit des Nichtdaseins ist also „die reine Bestimmtheit der Unmittelbarkeit“. Hegel begreift sie nunmehr als „die reflektierte Unmittelbarkeit“, „welche nur vermittels ihrer Negation ist und die ihrer Vermittlung gegenüber nichts ist als die leere Bestimmung der Unmittelbarkeit des Nichtdaseins“. (WL II, 20) Damit ist „eine wichtige Wendung in der Gedankenführung der Wissenschaft der Logik“ abgezeichnet: „Sie steht vor der Aufgabe, die Unmittelbarkeit nicht als Gegenbegriff zur Negation, sondern als Aspekt eines durch Negation konstituierten Gedankens zu verstehen.“266

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Während im B.1 der Schein in seinem speziellen Sinne, d. i. daseinslogisch thematisiert und daher das Wort ›Nichtdasein‹ gebraucht ist, untersucht Hegel nunmehr im B.2 den Satz ›Das Sein ist Schein‹ als solchen, d. h. er thematisiert den Schein in seinem allgemeinen logischen Sinne im Hinblick auf das Resultat der ganzen Seinslogik und benutzt deswegen das Wort ›Nichtsein‹. Diese Veränderung dürfte bei ihm weder eine Unaufmerksamkeit noch eine Vermutung267 andeuten. Hegel hat auf sie aufmerksam gemacht, indem er beschrieben hat, daß das Sein „in seiner Totalität in das Wesen zurückgegangen“ (WL II, 21) ist; es hat sich nicht nur als ‚unmittelbares Sein‘, sondern auch als ‚Ansichsein‘ aufgehoben. Das Sein ist das Nichtsein und das Wesen ist ‚das an und für sich aufgehobene Sein‘. Das Sein war in der ganzen Seinslogik die genetische und systematische Voraussetzung für die Bestimmtheit bzw. Negativität. Was aber durch sein totales Zurückgegangensein in das Wesen aufgehoben ist, ist diese Voraussetzung, die das seinslogische Prinzip war, nämlich die Abstraktion, die sich die Grundbestimmungen des Seins als für sich getrennt seiend und damit von ihrer strukturellen Einheit unterschieden erscheinen läßt. Dann stellt Hegel im B.2 die zwei Aufgaben auf: Es ist nur „zu zeigen, daß die Bestimmungen, die ihn (sc. Schein) vom Wesen unterscheiden, Bestimmungen des Wesens selbst sind, und ferner, daß diese Bestimmtheit des Wesens, welche der Schein ist, im Wesen selbst aufgehoben ist“ (WL II, 21).268 Anders als in der Seinslogik erfordert diese Thematik „eine völlig neue Semantik“, worin der Schein nicht nur „seinen negativen Charakter“, sondern auch als ‚Schein des Wesens‘ „positive Züge“ annimmt, und sie zielt damit auf „ein Fundierungsverhältnis von Schein und Wesen“ ab.269 Dieses Verhältnis ist als kein statisches zu verstehen. Hegels Dialektik ist „die höhere vernünftige Bewegung, in welche solche schlechthin getrennt Seiende durch sich selbst, durch das, was sie sind, ineinander übergehen, die Voraussetzung ihrer Getrenntheit sich aufhebt“ (WL I, 111). In der Logik des Scheins, die den Anfang der Wesenslogik zur ‚Sphäre der gesetzten Dialektik‘ macht, handelt es sich um das Umschlagen solcher Bestimmungen ineinander und damit deren strukturelle Einheit.

„Es ist die Unmittelbarkeit des Nichtseins, was den Schein ausmacht“. (WL II, 21) Das Sein ist der Schein und der Schein ist die Unmittelbarkeit des Nichtseins. Das Sein besteht aus zwei Seiten, unmittelbarem Sein und Ansichsein, deren seinslogische Bewegungsweise das Übergehen in Anderes bzw. das äußerliche Andersheits- bzw. Bestimmtheitsverhältnis ist. Indem das Sein den Schein hat, vom Wesen unabhängig zu sein, haben das unmittelbare Sein und das Ansichsein jedes nunmehr zwei Momente, nämlich als Aufgehobenes ›Nichtsein‹ bzw. ›Nichtigkeit‹ und als noch vom Wesen Unterschiedenes ›Unmittelbarkeit‹. Insofern ist es zu zeigen, daß diese beiden Momente die Momente des Wesens selbst sind, damit die beiden Grundbestimmungen des Seins die zwei Bestimmungen des Wesens selbst werden, und daß ihre Bewegungsweise in den eigenen Vermittlungszusammenhang des Wesens selbst integriert wird. Indem das Sein ‚in seiner Totalität‘ in das Wesen zurückgegangen ist und das Wesen als ‚die absolute Negativität des Seins selbst‘ definiert ist, ist das Sein in dem Wesen „Nichtsein“ und „seine Nichtigkeit an sich“ ist in „die Negativität des Wesens an ihm selbst“ bzw. in „die negative Natur des Wesens selbst“ transponiert. Und „die Unmittelbarkeit oder Gleichgültigkeit“, welche das Sein als Nichtsein enthält, ist auch in „das eigene absolute Ansichsein des Wesens“ verschoben, weil „die Negativität des Wesens“ als selbstbezügliche Negativität selber „seine Gleichheit mit sich selbst oder seine einfache Unmittelbarkeit und Gleichgültigkeit“ ist. (WL II, 21)270

Durch diese Integration beider Momente des Scheins in das Wesen ist dieses nicht nur ‚das absolute Ansichsein‘, sondern es ist auch bestimmt zu „seiner unendlichen Negativität“, zur selbstb e züglichen absoluten Negativität, wodurch es zugleich die „Gleichheit mit sich selbst“ hat. (WL II, 22)271 Damit einerseits „ist das Wesen selbst das Sein“ und die Grundbestimmungen des Seins, die als Schein bestimmt und aufgehoben sind, „erhalten“ sich jetzt „im Wesen“. (WL II, 21f.) Andererseits hebt sich der seinslogische Gegensatz zwischen Unmittelbarkeit und Negativität selbst auf in eine totale Vermittlung des Wesens; „die Unmittelbarkeit, welche die Bestimmtheit am Schein gegen das Wesen hat“, d. h. wodurch der Schein gegen das Wesen definiert ist, ist überhaupt „die eigene Unmittelbarkeit des Wesens“; sie ist nicht mehr wie in der Seinslogik „die seiende Unmittelbarkeit“ oder „das Sein ... als Sein“, sondern „die schlechthin vermittelte oder reflektierte Unmittelbarkeit“, die „das Sein ... als die Bestimmtheit des Seins“ oder „das Sein als Moment“ genannt ist. Sie steht zwar noch „gegen die Vermittlung“ des Wesens (WL II, 22), indem dieses nur als das absolute Ansichsein angenommen ist, aber sie ist „eine abhängige Funktion der unendlichen Negativität, die allein es ist272. Die Abstraktion, wodurch jenes Gegensatzverhältnis zwischen Unmittelbarkeit und Negativität entsteht, ist damit in die Gesamtstruktur des Wesens überführt und als deren Moment eingeholt; das äußerliche Andersheits- bzw. Bestimmtheitsverhältnis zwischen Unmittelbarkeit und Negativität ist nunmehr ein wesensimmanentes Andersheits- bzw. Bestimmtheitsverhältnis zwischen beiden.273

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So stellt Hegel fest: „Diese beiden Momente, die Nichtigkeit, aber als Bestehen, und das Sein, aber als Moment, oder die an sich seiende Negativität und die reflektierte Unmittelbarkeit, welche die Momente des Scheins ausmachen, sind somit die Momente des Wesens selbst“. Das Wesen ist die negative Einheit dieser Momente, wodurch es auch als eine interne Verhältnisstruktur der Grundbestimmungen des Seins angesehen wird. Darin ist es weder „ein Schein des Seins am Wesen“ noch „ein Schein des Wesens am Sein“ (WL II, 22) vorhanden, als beständen ‚unmittelbares Sein‘ und ‚Ansichsein‘ seinslogisch gegeneinander getrennt.274 Vielmehr ist „der Schein im Wesen“ nicht „der Schein eines Anderen“, sondern „der Schein an sich, der Schein des Wesens selbst“. Er ist das, als was das Wesen „bestimmt in sich“ und damit „von seiner absoluten Einheit unterschieden“ ist; er ist so „das Wesen selbst in der Bestimmtheit des Seins“. Aber er ist als „diese Bestimmtheit“ zugleich an ihm selbst aufgehoben. (WL II, 22)275 Denn das Wesen ist „das Selbständige, das ist als durch seine Negation, welche es selbst ist, sich mit sich vermittelnd“, oder „die identische Einheit der absoluten Negativität und der Unmitt1elbarkeit“. (WL II, 22)276 Diese hier am abstraktesten als die Grundbestimmung des Wesens angedeutete identische Einheit der absoluten Negativität und der Unmittelbarkeit, die als ‚Anundfürsichsein‘ geschildert war, beschreibt Hegel so deswegen negationstheoretisch, weil das Wesen zunächst als ‚die absolute Negativität des Seins‘ ist, die zugleich ‚die Gleichheit mit sich selbst‘ ist: „Die Negativität“ ist erstens „die Negativität an sich“ und ist so als „ihre Beziehung auf sich“ „an sich Unmittelbarkeit“, die ‚das Ansichsein des Wesens‘ ausmacht; aber die Negativität ist zweitens als „negative Beziehung auf sich, abstoßendes Negieren ihrer selbst“ „die an sich seiende Unmittelbarkeit“, die „das Negative oder B e stimmte gegen sie“ oder ‚unmittelbares Sein‘ ist; drittens ist „diese Bestimmtheit“ selbst als Negation der Negation „die absolute Negativität“ und „dies Bestimmen, das unmittelbar als Bestimmen das Aufheben seiner selbst, Rückkehr in sich ist“. (WL II, 22) Die Grundstruktur des Wesens ist die Einheit von Bestimmen und dessen Aufheben aufgrund der selbstbezüglichen Negativität.

Hier ist es noch mit der zweiten Aufgabe zu tun, damit das wesensimmanente Andersheits- bzw. Bestimmtheitsverhältnis zwischen Unmittelbarkeit und Negativität noch genauer erklärt und hiermit das Wesen als ›die Reflexion‹ definiert wird. Der Schein ist ‚ein paradoxer Gedanke‘277. Er ist als „Bestimmtheit des Wesens“ (WL II, 21) erstens „das Negative“, das „in einem Anderen, in seiner Negation“ oder ‚in seinem Ansichsein‘ ein Sein hat, oder ‚das Unselbständige‘, das an ihm selbst aufgehoben und nichtig ist. Zweitens ist er „das in sich zurückgehende Negative“ oder „das an ihm selbst Unselbständige“; „diese Beziehung des Negativen oder der Unselbständigkeit auf sich ist seine Unmittelbarkeit“ oder ‚sein Ansichsein‘. Damit ist das Negative „ein Anderes als es selbst“, „seine Bestimmtheit gegen sich“ oder „die Negation gegen das Negative“. Aber diese Negation ist drittens „die sich nur auf sich beziehende Negativität“ oder „das absolute Aufheben der Bestimmtheit selbst“. (WL II, 22f.) „Die Bestimmtheit“, die der Schein im Wesen ist, ist also „unendliche Bestimmtheit“ oder „das mit sich zusammengehende Negative“. (WL II, 23) Der Schein, der die beiden Strukturmomente ‚das Negative‘ und ‚die Beziehung auf sich‘ in sich vereinigt, hat „die paradoxe Gestalt eines in sich gegen sich bestimmten Negativen, welches zugleich in der Selbstbeziehung des Negativen aufgehoben ist“278. Diesen Gedanken haben wir schon darin gesehen, wo „die Negation“ als selbstbezügliche Negation der Negation an ihr selbst als „die Ausgleichung mit dem Sein“ oder „absolutes Bestimmtsein“ bestimmt war. (WL I, 174) Damit sind unmittelbares Sein als Negatives und Ansichsein als Beziehung auf sich jedes „Anderes an sich selbst“ in einem ganzen Kontexte der „Figur einer internen Andersheitsbeziehung“279. So sagt Hegel: „die Bestimmtheit“ ist als solche „die Selbständigkeit“ und umgekehrt ist „die Selbständigkeit“ als „sich auf sich beziehende Unmittelbarkeit“ oder als Ansichsein, das die selbstbezügliche Negation der Negation ist, selbst „Bestimmtheit und Moment“ und ist als „sich auf sich beziehende Negativität“. (WL II, 23)280

Im Wesen sind so das Bestimmen und die Bestimmtheit eins, d. i. die beiden bestehen nur in der Beziehung aufeinander und zwar im einen Vermittlungsganzen des Wesens, das sich selbst bestimmt und in seiner Bestimmtheit mit sich zusammengeht. Diese Dialektik von Bestimmen und Bestimmtheit, worin sich die Negativität und die Unmittelbarkeit und damit das unmittelbare Sein und das Ansichsein ineinander umschlagen und sie ihre einheitliche Vermittlungsstruktur konstruieren, ist das, wodurch der Begriff des ›Wesens‹ definiert und dessen Selbstbewegung bzw. Selbstbestimmen ermöglicht werden kann; sie ist „der Scheitelpunkt“ oder „der innigste Punkt aller Reflexion, Selbstbewegung, alles Tuns, Beziehens, alles Insichseins, alles Monadischen“281. „Diese Negativität, die identisch mit der Unmittelbarkeit, und so die Unmittelbarkeit, die identisch mit der Negativität ist, ist das Wesen.“ (WL II, 23) Der Schein ist „das eigene Setzen des Wesens“ (WL II, 17) und das Wesen ist „die unendliche Bewegung in sich, welche seine Unmittelbarkeit als die Negativität und seine Negativität als die Unmittelbarkeit bestimmt und so das Scheinen seiner in sich selbst ist“. „Das Wesen in dieser seiner Selbstbewegung ist die Reflexion.“ (WL II, 24)282 Die Erledigung der angegebenen zwei Aufgaben als Fundierungsverhältnis von Schein und Wesen ist also die Konstruktion des Wesens als Selbstbestimmen oder Selbstbewegung, die ›Reflexion‹ ist. Das Wesen ist ‚die identische Einheit der absoluten Negativität und der Unmittelbarkeit‘, worin die Grundbestimmungen des Seins sich ineinander umschlagen und sich als ‚selbstbezügliche Negativität‘ oder ‚Anderes an sich selbst‘ bzw. ‚selbstbezügliche Andersheit‘ erhalten; diese erfaßt Hegel als „Sein der Reflexion283. Das Wesen als Reflexion ist also die totale Einheit der Ei n heit und der Diff e renz von der absoluten Negativität und der Unmittelbarkeit aufgrund „der zweimal verdoppelten Negation“284, nämlich ein nicht mehr seinslogisch aufeinanderfallendes, äußerliches, sondern ihnen eigenes, wesensinternes Bestimmtheits- oder Andersheitsverhältnis285 und in dieser totalen Einheit des Wesens ist alles so bestimmt, „daß es sich auf sich bezieht und daß zugleich darüber hinausgegangen ist“286.

III.1.2. Die Reflexion als objektive Bewegungsstruktur des Seins selbst

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Es ist bisher betrachtet, wie die Grundbestimmungen des Seins und deren seinslogische Bewegungsweise wesenslogisch rekonstruiert werden, die den Schein ausmachen und durch die das Wesen als Reflexion definiert wird. Das Wesen ist die strukturelle Einheit des Identischseins und des Andersseins von Wesen und Schein, absoluter Negativität und Unmittelbarkeit, die beide ihrerseits die beiden Strukturmomente des Scheins vertreten. Das Wesen ist jetzt als Reflexion „die Bewegung des Werdens und Übergehens, das in sich selbst bleibt, worin das Unterschiedene schlechthin nur als das an sich Negative, als Schein bestimmt ist“, oder die Bewegung, worin „das Übergehen oder Werden“ „in seinem Übergehen“ sich aufhebt. (WL II, 24)287 Indem Hegel vermißt, daß „das Werden des Heraklit“ zwar „eine richtige, wesentliche Bestimmung“ ist, aber daß diese Veränderung noch „der Bestimmung der Identität mit sich, der Festigkeit, der Allgemeinheit“ entbehrt, erfaßt er die Reflexionsbewegung des Wesens in Hinsicht auf Aristotelischen Unterschied von energeia und kinesis als „Veränderung als identisch mit sich bleibend“ oder „die sich selbst gleiche Veränderung“, die damit das „Sichselbstbestimmen“ ist.288 Der Schein, der ‚ein Anderes als das Negative selbst‘ war, ist, indem das Wesen als Reflexion gesetzt ist, damit bestimmt als „dasselbe, was die Reflex i on ist“, weil er selbst ‚die sich auf sich beziehende Negativität‘ oder ‚die unendliche Bestimmtheit‘ ist, worin Bestimmtheit und Selbständigkeit bzw. Negativität und Unmittelbarkeit eins sind. Aber er ist als Schein „die Reflexion als unmittelbare“. (WL II, 24) Mit diesem Verhältnisse von Wesen und Schein führt Hegel im ganzen ihr wesenslogisches Andersheitsverhältnis weiter, damit „die absolute Reflexion des Wesens“ (WL II, 25) konstituiert wird.

In der Seinslogik „entsteht dem Sein als unmittelbarem das Nichtsein gleichfalls als u n mittelbares gegenüber, und ihre Wahrheit ist das Werden“ (WL II, 23). Das ›Werden‹ ist als Einheit von Sein und Nichtsein zwar die erste rudimentärste Vermittlungsstruktur der spekulativen Logik289, die Hegel „die ganz abstrakte Vermittlung“ (WL I, 124) nennt, aber es ist eine „haltungslose“ Vermittlungsstruktur, welche daher gerade „in ein ruhiges Resultat zusammensinkt“, das ›das Dasein‹ heißt. (WL I, 113)290 Im Verhältnisse solcher Begriffe zueinander, die in jeder Stufe der Seinslogik Sein und Nichtsein repräsentieren, nämlich in „dem Werden des Seins“, macht das Sein die Grundlage für die Bestimmtheit oder Negativität aus und es wird selbst das Andere zum „Sein mit der Negation oder Grenze“, die in der Seinslogik den Begriff der ›Endlichkeit‹ definiert. Die Beziehung zwischen Bestimmtheiten, die das Sein als ihren Seinsgrund haben, drückt daher „Beziehung auf Anderes“ aus. (WL II, 24)291 Dagegen ist „das Werden im Wesen“ „das Andere als die Negation an sich, die nur als sich auf sich beziehende Negation ein Sein hat“. Es ist dieses „Negieren der Negation“, worin das Negative bzw. Andere nur „als Negat i on“ oder „als Schein“ bestimmt wird. So ist das Werden des Wesens nicht ‚das Sein mit der Negation‘, sondern „die Negation mit der Negation“ (WL II, 24); es ist „die sich verdoppelnde Bewegung des Nichts“292. In dieser Bewegung ist „das Erste“, nämlich „das Unmittelbare oder Sein“, nur als „diese Gleichheit selbst der Negation mit sich, die negierte Negation“, und damit selbst als „die absolute Negativität“. Diese Selbstbezüglichkeit der Negation oder diese „Unmittelbarkeit“ ist daher weder „ein Erstes“ oder das unmittelbare Sein, „von dem angefangen wird und das in seine Negation überginge“, noch „ein seiendes Substrat“ bzw. das Ansichsein oder „das sich durch die Reflexion hindurch bewegte“ (WL II, 24), sondern sie überhaupt ist als selbstbezügliche Negation oder „selbstbezügliche Andersheit“293 bzw. „internalisierte Andersheit“294 „diese Bewegung selbst“ (WL II, 24).Durch diese selbstbezügliche Negativität erhalten sich die Grundbestimmungen des Seins in der reflektierenden Bewegung des Wesens und sie sind darin sie selbst und zugleich ihr Anderes und damit ‚diese Bewegung selbst‘.

Die reflektierende Bewegung des Wesens hat also die einheitliche Struktur des Umschl a gens von Negativität und Unmittelbarkeit ineinander in sich, die beide, wie sie in Wahrheit sind, die selbstbezüglichen Negationen bzw. Anderen sind. Diese einheitliche Struktur der reflektierenden Bewegung erfaßt Hegel daher als „die Bewegung von Nichts zu Nichts und dadurch zu sich selbst zurück“ (WL II, 24). Und das Andere, das in dieser Bewegung „wird“, ist nicht „das Nichtsein eines Seins“, sondern „das Nichts eines Nichts“ und „dies, die Negation eines Nichts zu sein“, macht „das Sein“ aus. (WL II, 25) Diese Bewegung des Wesens schildert J. Simon so: „Die objektive Unterscheidung gemäß der Kategorien ist Schein, der sich in der seinen unvermittelten Stillstand als bestimmte Kategorie negierenden Bewegung des Begriffs als einer Bewegung zur (wahren) Objektivität aufhebt. Die Bewegung des Begriffs ist eine sich selbst als Bewegung aufhebende Bewegung. Sie verläuft ... vom Standpunkt der Unterscheidung zur Aufhebung der Unterscheidung und damit zur Aufhebung der Vorstellung einer von Punkt zu Punkt unvermittelt übergehenden Bewegung. ... Als Aufhebung einer solchen Bewegung ist sie zwar wieder ein Stillstand, aber dieser Stillstand ist zugleich die Bewegung selbst, die als Kritik des bloßen Hinüberwechselns von einer Kategorie zur anderen selbst schon eine Aufhebung von Bewegung ist. Die Bewegung des Begriffs ist zugleich Stillstand oder Kategorie.“295 In diesem Sinne kann man die reflektierende Bewegung des Wesens als ‚die Dialektik im Stillstand‘296 verstehen; sie ist „objektive Bewegung des Denkens“ oder „objektive Bewegung der Kategorien“297. Das Diktum Hegels, daß die Selbstbezüglichkeit der Negativität das Sein ausmacht, könnte hier als „Mythos von der Geburt des Seins aus einer sich aufhebenden Vermittlung“298 verstanden werden. Vielmehr bedeutet es so viel: die reflektierende Bewegung des Wesens, sein Ansichsein durch seine absolute Negativität zu bestimmen, entfaltet sich nicht mehr wie in der Seinslogik nur als ‚das Sein mit der Negat i on‘ und damit als ‚das Sein-für-Anderes‘, sondern das Wesen als Reflexion vollzieht sich im Rahmen seiner Aktivität, sich das Sein „in und aus sich“ (WL II, 263) zu verschaffen, und das Sein, das das Wesen sich verschafft, hat in der Tat die selbstbezügliche Negativität bzw. Andersheit zu seiner Wahrheit, und zwar nach der dialektischen Betrachtung, wie das Sein in Wahrheit ist. Die reflektierende Bewegung des Wesens bezeichnet die Dialektik von Bestimmen und dessen Aufheben aufgrund der selbstbezüglichen Negativität.299

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Das Sein ist als selbstbezügliche Negativität selbst „die Bewegung des Nichts zu Nichts“ und so ist es dasselbe wie das Wesen. Dieses „hat“ aber nicht „diese Bewegung in sich“, sondern es ist selbst diese Bewegung als „der absolute Schein selbst, die reine Negativität, die nichts außer ihr hat, das sie negierte, sondern die nur ihr Negatives selbst negiert, das nur in diesem Negieren ist“. (WL II, 25) Diese reine Negativität hat kein „freie[s] Anderssein ..., das als negatives Ansichsein perenniert“ (WL I, 181), gegen sich. Sie ist ein Gedanke, auf den Henrichs These über ›die ontologisierte, autonome Negation‹ und Theunissens These über ‚die alterierte Negation‘300 abzielen: ein Gedanke von „einer nicht in Anderem fundierten, sich selbst erzeugenden und in unendlicher Bewegung erhaltenden, demiurgischen Negativität“301. An dieser Stelle erreicht das Wesen als Reflexion erstmals eine autonome logische Struktur der selbstbezüglichen Negativität. In dem Wesen als Reflexion ist es die Negation selber, welche sich aufhebt und sich auf sich bezieht; jede Bestimmung des Seins hebt sich selbst auf und zugleich geht mit sich selbst zusammen und zwar in einer Bewegung. Das Wesen als Reflexion ist umgekehrt nicht ein Drittes, außer dem all die Bestimmungen des Seins, einschließlich dessen Grundbestimmungen, sich bewegen und ineinander übergehen könnten, sondern es ist diese Bewegung selbst. Das Wesen als Reflexion ist als „Selbsterfassung des Denkens“ „der Ausdruck einer in Bewegung gekommenen Wirklichkeit“ bzw. wahrhaften Seins302. Dies hat Hegel so beschrieben: Der Schein, als der das Sein bestimmt war, ist die „sich auf sich beziehende Negativität“. Diese Negativität ist durch ihre Selbstbezüglichkeit selbst „das Negieren ihrer selbst“. Sie ist somit sowohl „Negativität“ als auch „aufgehobene Negativität“ bzw. „das Negative“ und zugleich „die einfache Gleichheit mit sich oder Unmittelbarkeit“. Also hat sie solche Struktur in sich, „sie selbst und nicht sie selbst, und zwar in einer Einheit zu sein“. (WL II, 25) In diesem Sinne ist die sich auf sich beziehende Negativität selbst widersprüchlich und zugleich als eine Einheit ausbildend sich aufhebender Widerspruch. Somit wird in der Wesenslogik nicht der Widerspruch überhaupt, sondern der gesetzte Widerspruch303 thematisiert. Die durch diesen widersprüchlichen Wechsel gebildete Struktur als eine Einheit ist „die absolute Reflexion des Wesens“, die den Widerspruch selbst zum Momente in sich hat: „Dieser Wechsel“ der selbstbezüglichen Negativität „mit sich selbst“ konstituiert das Wesen als ‚die absolute Reflexion‘. (WL II, 25)

Es ist hier zunächst zu bemerken: Diese absolute, spekulative Reflexion des Wesens ist von solcher Reflexion zu unterscheiden, die die „reine“ Reflexion (WL II, 80) als „reine B e ziehung, ohne Bezogene“ (WL II, 81) oder „die abstrakte Reflexion“ (WL II, 148f.) genannt ist. Sie bestimmt vielmehr als „das Vehikel der Integration zum spekulativen Ganzen“304 ‚die ontologische Valenz des ganzen Wesensbegriffs‘305 und hat einen nicht nur ‚dualistischen‘, sondern auch ‚monistischen‘ Charakter, und zwar auf diese Weise, daß dieser Charakter im ganzen jenen dualistischen Charakter steuert und als sein Moment in sich hat. Sie liegt der ganzen Wesenslogik zugrunde und erreicht in der Tat ihr eigenes Niveau am Ende der Wesenslogik, wenn auch sie in der ‚Logik der Reflexion‘ im Grunde methodisch thematisiert wird und ihre fundamentale Grundstruktur zuerst in der bestimmenden Reflexion konstituiert wird. Ihre objektive Bewegungsstruktur vollzieht sich durch ihre Bestimmtheiten und die Bedeutungsdifferenzierung ihrer selbst von ihren Bestimmtheiten weiter, und zwar in ihr selbst. Daher ist die Reflexion, die in der Logik der Reflexion thematisiert wird, auf die ganze Wesenslogik anzuwenden, um Hegels Begriff der Reflexion im ganzen zu definieren. In der Logik der Reflexion betrachtet Hegel die Reflexion als setzende, äußere und bestimmende Reflexion, um die Bestimmtheit der Reflexion zu erreichen. „Hegel sucht hier mit der Analyse des Setzens und Voraussetzens sowie deren Trennung und Vereinigung die methodische Bedeutung der Reflexion auszuweisen, die auch schon für den Anfang der Seinslogik gültig ist; in dieser methodischen Bedeutung der Reflexion haben Begriffe wie Unmittelbarkeit, Gesetztsein, Reflexion-in-sich ihren Ort, die aber zugleich von ontologischer Bedeutung sind.“306

Die reine oder die abstrakte Reflexion ist zwar „die Bewegung des Nichts durch Nichts zu sich selbst zurück“, wodurch die reflektierende Bewegung des Wesens definiert ist, aber sie ist in engerem Sinne des Wesens als Reflexion ‚das Scheinen des Wesens in sich selbst‘, wodurch Hegel den ersten Abschnitt der Wesenslogik charakterisiert. So erfaßt Hegel sie auch als „das Scheinen seiner in einem Anderen“, worin „der Gegensatz“ zwischen Wesen als Scheinendem und Schein als Anderem noch „keine Selbständigkeit“ hat und diese beiden nur „Substrate, eigentlich nur der Einbildungskraft“ sind. (WL II, 81) Das Wesen ist hier „eins mit seiner Reflexion und ununterschieden ihre Bewegung selbst“. Aber „ein Bezogenes tritt erst im Grund (Hervorhebung v. Vf.) nach dem Momente der aufgehobenen Reflexion hervor“. (WL II, 85) Diese reine, abstrakte Reflexion hat Chr. Iber, der in Augen des Vfs. den Unterschied von der reinen, abstrakten und der absoluten, spekulativen Reflexion übersehen mag, als „ein in sich bewegtes System absoluter Relationalität“ geschildert, in dem kein prinzipieller Gegensatz zwischen Selbständigkeit und Relativität der Bestimmungen besteht; es soll das System „der Reflexion als einer subjekt- und substratslosen Bewegung“307 oder „reine Prozessualität“308 sein. Das Wesen als solche Reflexion muß sich Sein bzw. Dasein geben oder in ein Anderes scheinen, das aber als sein Anderes in sich zurückkehren muß. Dies bedeutet, daß Hegel mit diesem Ausdruck ‚Scheinen in Anderes‘ die Dialektik der Wesenslogik von der Dialektik der Seinslogik absetzt und zugleich auf ‚ein Zusammenspiel von seinslogischer und wesenslogischer Dialektik‘ abzielt309, deren eine Einheit die absolute spekulative Reflexion ausbildet.

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Die absolute spekulative Reflexion ist noch von solcher Reflexion unterschieden, über die H. Fink-Eitel so beschrieben hat: Die „Andersheit der Reflexion in sich310 oder das „Anderssein der Negation in sich“ ist nicht „aus ihrer reinen Selbstbeziehung zu deduzieren“, sondern es ist „ihre genetische Voraussetzung, von der sie auch logisch noch dependiert“.311 Diese Reflexion spielt zwar auch eine wichtige Rolle in der Darstellung der Wesenslogik. So sagt Hegel selbst, daß die Sphäre des Wesens „eine noch unvollkommene Verknüpfung der Unmitte l barkeit und der Vermittlung312 ist, damit die Reflexion als ‚Scheinen in Anderes‘ bestimmt wird. Aber dies bedeutet, daß solche Reflexion, die ‚die Andersheit‘ als ‚ihre genetische Voraussetzung‘ hat, in der Wesenslogik immer mit der reinen Reflexion zusammenspielt und daß sie noch durch die Einholung ihrer Genese in die reine Reflexion selbst und durch die Setzung ihres Anderen außer sich begründet wird. Die absolute spekulative Reflexion, wie die Natur bzw. der Begriff der Reflexion gezeigt hat, ist „die totale Reflexion“ (WL II, 278) als immanente Reflexion der Reflexion in sich und der Reflexion in anderes, die der ganzen Wesenslogik zugrundeliegt und den dualistisch-monistischen Charakter hat. Z. B. sagt Henrich in Rücksicht auf den Anfang der Wissenschaft der Logik so: Hegels spekulatives Denken läßt sich weder „aus der Unüberholbarkeit des Anfangs“ noch „aus der Bewegung“, die von ihm ausgeht, für sich allein hinreichend interpretieren, sondern „mit dem Blick auf beides zugleich“; es ist „weder Ursprungs-‚ noch Emanzipationsphilosophie“313, sondern Ursprungs- und Emanzipationsphilosophie in Einem.

Die absolute spekulative Reflexion geht in die Erfüllung der Bedingungen, die oben dem Wesen als Nachfolgerbegriff des Seins gegeben sind: Das Wesen als solche Reflexion vollzieht sich als Sich-von-sich-Unterscheiden und als Sich-auf-sich-Beziehen und zwar beides in einer vollkommenen Einheit, damit es im Unterschiedenen mit sich identisch bleibt; so ist es Selbstbestimmen bzw. Selbstbewegung, die von sich ausgeht und in sich zurückkehrt.314 Diese Selbstbewegung des Wesens ist die strukturelle Einheit von in sich gegenläufig verlaufenden Bewegungen, nämlich vom Wesen zum Sein und umgekehrt vom Sein zum Wesen im Wesen selbst, die die objektive Bewegungsstruktur des Seins konstituiert.315 Sie ist bei Hegel als die totale Reflexion „bestimmter Urgrund aller Tätigkeit und Selbstbewegung“ (WL II, 47). Dies ist ‚die Natur der Reflexion‘, die zugleich das ausdrückt, was das Sein in Wahrheit ist. Für Hegel ist „die Dialektik“ der Reflexion beides, „die Struktur, nach welcher eine Bewegung verläuft, und diese selbst: sich bewegende Struktur als die Natur der Wirklichkeit selber“.316 Die Selbstbewegung des Wesens als Reflexion macht die objektive Bewegungsstruktur der Wirklichkeit als Totalität des Seins aus; „Reflexion, Reflexivität“ ermöglicht für Hegel es, „die Wirklichkeit als Zusammenhang zu denken“ und „Seiendes als Zusammenhang zu denken“.317

Mit dem Begriffe der absoluten spekulativen Reflexion wird das Wesen als „ein Ontologiekern“ erstenmal zugleich zum „Methodenbegriff der Theorie jener Bedeutungssequenz, innerhalb deren er (sc. Ontologiekern) sich ergeben“ wird.318 Dies bedeutet, daß die Wesenslogik nur unter Einschluß solcher Selbstbewegung definiert und konzipiert werden kann. Um die Selbstbewegung des Wesens zu sichern, müssen die Unmittelbarkeit aller Bestimmungen des Seins, einschließlich dessen Grundbestimmungen, und deren seinslogische Bewegungsweise als Übergehen vollkommen in die wesenslogische Bewegungsweise als Reflexion rekonstruiert und integriert werden.319 Das Wesen als Reflexion hat die einheitliche Struktur der selbstbezüglichen absoluten Negativität in sich, worin die Grundbestimmungen des Seins als das Andere an sich selbst oder die selbstbezügliche Negativität sind, wie sie in Wahrheit sind. Will man von einem Seienden sprechen, ist dieses nur als Selbstbezüglichkeit der Negativität zu denken; die Grundbestimmungen des Seins sind darin Aspekte jener einen einheitlichen Struktur, damit all die Bestimmungen des Seins wesenslogisch rekonstruiert und integriert werden. Diese objektive Bewegungsstruktur darf so umformuliert werden: Die Gesamtkonstellation des ›Wesens‹ als Quasi-Subjekt-Struktur darf nicht nur als „das Schwanken des Wesens zwischen der ersten und der zweiten Negation“320 oder als „die Zweideutigkeit abgesonderter und übergreifender Einheit des Wesens“ gegen die Eindeutigkeit des Begriffs321 zu verstehen sein, sondern aufgrund des kontrollierten Gebrauchs der selbstbezüglichen Negativität genau als die einheitliche Struktur jener beiden Seiten bzw. die des horizontalen und vertikalen Verhältnisses vom Wesen und Schein322, deren durchsichtige Vollendung ›Begriff‹ ist. Das Wesen als Reflexion hat solche logische Struktur in sich, worin „eine Ontologisierung der Negation“ erst erfolgen kann und eine objektiv-logische „Zusammenstellung von Negation und Reflexion“ konstituiert wird. Diese Zusammenstellung „vollendet sich in der spekulativen Logik durch die Weiterbestimmung der absoluten Reflexion zur Selbstbewegung des Begriffs als der absoluten Negativität, die zugleich – im nicht mehr cartesianischen Sinn – absolute Subjektivität ist“.323

III.2. Negativität, Widerspruch, Andersheit

III.2.1.  Negativität und Widerspruch

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Erst zum Beginn der Wesenslogik ist die Negativität, die das Explikationsmittel der spekulativen Logik genannt werden soll, als solche thematisiert worden. Das Wesen als Reflexion hat die selbstbezügliche absolute Negativität zur Natur und ist als Selbstbewegung die objektive Bewegungsstruktur des Seins selbst, worin seine kategorialen Bestimmungen und deren Verhältnisweisen im ganzen aufgefaßt werden, wie sie in Wahrheit sind. Die selbstbezügliche absolute Negativität konstituiert die Natur der Reflexion; sie ist nicht „ein Tun einer äußerlichen Reflexion“, sondern „das innerste, objektivste Moment des Lebens und Geistes, wodurch ein Subjekt, Person, Freies ist“. (WL II, 563) Indem die Negativität und somit die Reflexion nach Hegel dem Sein als solchem – philosophiegeschichtlich gesehen Substrat, Substanz, Absolutem, Ding an sich usf. – immanent wird, dann konfrontiert sich Hegel nämlich mit der vormaligen Metaphysik, klassischen Logik, Transzendentalphilosophie, Identitätsphilosophie.324 Denn mit dem Immanentwerden der Negativität in das Sein selbst treten Widersprüche notwendig auf, anders gesagt, hat das Ausschließen, wodurch die Selbstidentität des Seins konstituiert werden soll, seine Selbstnegation zur Konsequenz. Es ist schon in der Seinslogik aufgezeigt, wie die Unendlichkeit als ‚schlechte‘ sich zur „Wechselbestimmung des Endlichen und Unendlichen“ bzw. „Progreß ins Unendliche“ (WL I, 155) entwickelt, der selber den noch nicht aufgelösten Widerspruch ausdrückt, und wie in der seinslogischen letzten Kategorie ‚absolute Indifferenz‘ „der allseitige Widerspruch“ sich ergibt, indem sie als „die Totalität des Bestimmens“ bestimmt wird. Dieser Widerspruch hat als „sich selbst aufhebender Widerspruch“ zum Resultate und Wahrheit „die in ihr selbst immanent negative absolute Einheit“, die das Wesen ist. (WL I, 451)

Während in der Seinslogik die Negation einerseits sich als ‚nicht kontrollierbar‘ erweist und daher wieder zu ‚der abstrakten Selbstidentität‘ führt, andererseits die Seinslogik ‚den Selbstwiderspruch des Seins‘ zur Konsequenz hat, meint Hegel in der Wesenslogik, „mit der Struktur absoluter Reflexivität und Negativität die Negation kontrollierbar gemacht, sie in ein geschlossenes System der Negativität eingebracht zu haben“. Die selbstbezügliche Negativität als „das Negativitätsprinzip“ leistet Garantie dafür, daß die Produkte des „Negationsprinzips“, d. h. der seinslogischen bestimmten Negation, nunmehr als die aus dem Reflektiertsein oder der Selbstbezüglichkeit der Negation entstehenden Gesetztsein in ihrer „»Selbständigkeit« oder Selbstidentität“ „nur relativ“ bleiben, d. h. stets „als aufgehobenes »Moment« in die Gesamtstruktur negativer Identität integriert werden“ können. „Ihr oberstes Prinzip ist der W i derspruch, der sie als negative Identität definiert, und zugleich Totalität: diejenige eines wesensbestimmenden Gesamtzusammenhanges.“325 Das Negationsprinzip nimmt darin nicht nur einen „Status operativer Autonomie“, sondern hat auch „abhängige Funktion absoluter Negativität“.326 Dieser Gedanke ist nicht möglich „ohne die ontologische Voraussetzung einer absoluten Negativität“, sei es noch „unexpliziert“ wie in der Seinslogik oder „bestimmt als die Selbstdifferenzierung des Wesens in einer dynamischen Widerspruchseinheit“.327 Er kann erreicht werden unter den zwei Voraussetzungen der „Wesensidentität“ aufgrund der selbstbezüglichen absoluten Negativität und der „Selbstwidersprüchlichkeit“ des Seins: „Denn ohne Wesensidentität keine Beziehung und ohne Selbstwidersprüchlichkeit keine Vermittlung. ... Dort, wo Wesensdifferenz vorliegt, herrscht reine Verschiedenheit oder Wesensaufhebung im Modus der bestimmten Negation.“328 Daher muß nunmehr ein Verhältnis von Negativität und Widerspruch bei Hegel noch betrachtet werden.

Indem die Wesenslogik den Begriff der selbstbezüglichen Negativität als solchen thematisiert, der eine notwendige Bedingung für den echten Widerspruch sein soll, ist sie für Hegel „die Sphäre des gesetzten Widerspruchs, der in der Sphäre des Seins nur an sich ist“329. Der Widerspruch ist „das unentbehrliche movens der Dialektik“ Hegels330. Nach M. Wolff schränkt Hegel den Gegenstand seiner Exposition des Widerspruchsbegriffs „in keinerlei Weise“ auf „eine speziell erdachte Sorte von Widersprüchen“ ein, z. B. auf einen sog. „›dialektischen‹ Widerspruch, der einem besonderen ›logischen‹ Widerspruch entgegengesetzt wäre“. Vielmehr will Hegel „das Wesen ›des‹ Widerspruchs“331 bzw. die „Natur des Widerspruchs“ (WL II, 78f.) erklären. „Hegels systematische Exposition des Widerspruchsbegriffs innerhalb der Wissenschaft der Logik läßt sich als der Versuch verstehen, den gewöhnlichen logischen Begriff des Widerspruchs systematisch zu erklären.“332 Damit will Hegel „weder die traditionelle Logik außer Kurs setzen noch durch eine höhere überbieten, sondern allererst den Gebrauch des Widerspruchsbegriffs rechtfertigen“333. Hegel verstößt damit nicht gegen das Widerspruchsprinzip und zerstört darum auch nicht die Möglichkeit von rationellen Argumentationen.334 Vielmehr versucht er, die Objektivität des Widerspruchbegriffs und dessen eigene Stru k tur aufzufassen.335

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Dem Begriff des Widerspruchs liegen die Begriffe der ‚Identität als Selbstbeziehung‘ und der ‚Negation als Ausschließen‘ zugrunde und es handelt sich darin darum, wie diese beiden Begriffe sich aufeinander beziehen. Indem Hegel wie Kant336 den „Begriff der negativen Bestimmung“ überlegt, wie dieser „in und außerhalb der Mathematik“ vorkommt, legt diese Überlegung uns nahe, nicht nur „vom wechselseitigen Ausschluß logischer Prädikate“, sondern auch „vom wechselseitigen Ausschluß entgegengesetzter Bestimmungen“ zu reden: „Es gibt nicht nur ein Ausschließen auf der logischen Ebene des Urteils, sondern auch ein Ausschließen auf der realen Ebene der beurteilten Gegenstände.“ Insofern kann man auch „vom Begriff eines Widerspruchs zwischen den Bestimmungen eines Gegenstandes“ reden, weil das, was einander ausschließt, auch einander widersprechen kann. Indem ein Widerspruch auf diese Weise „unter der Voraussetzung des uneingeschränkten wechselseitigen Bestimmungsausschlusses“ gedacht wird, gelangt Hegel nach M. Wolff zum „Begriff des realen Widerspruchs“, aber nicht unter „Mißachtung der vorausgesetzten Ausschlußbeziehung“, sondern nur „auf dem Weg ihrer Analyse“. So stellt M. Wolff fest, daß im Begriffe des Widerspruchs Hegels auch „der Ausschluß aus dem Verhältnis zum reflexionslogischen Substrat“ ist. Der Ausschluß kann damit zurückgeführt werden nicht nur auf das Ausschließen zwischen logischen Bestimmungen, sondern auch auf „die Ausschließlichkeit des Verhältnisses zwischen dem Substrat und der ihm zukommenden Bestimmung“.337

In diesem Sinne behauptet M. Wolff, daß die Homonymien den Ausdrucksweisen des Widerspruchs in der älteren Logik nicht zugrundeliegen338; „diese Ausdrucksweisen sind nicht schlechthin bedeutungsverschieden, sondern bedeutungsverwandt: sie sind nicht homonym, sondern paronym.“339 Wahrend der logische Widerspruch „ein Verhältnis von Aussagen“ ist, bezeichnet der Widerspruchsbegriff Hegels „ein objektives Verhältnis von Bestimmungen in deren Beziehung zu einem Substrat“. Trotz dieses Unterschieds zwischen logischem Widerspruch und, so möchte man sagen, dialektischem Widerspruch ist der Sinn des dialektischen Widerspruchsbegriffs „abhängig vom Sinn seines logischen Gegenstücks“.340 Diese Sinnabhängigkeit nennt M. Wolff nicht Homonymie, sondern Paronymie. Hegels dialektischer Widerspruchsbegriff ist als Paronymie zu deuten; diese stellt allerdings „eine ganz neuartige Variante“ in der Geschichte der Logik dar. „Hegels Widerspruch ist weder eine Aussage noch eine Handlung, weder ein Aussagenverhältnis noch ein Verhältnis zwischen Aussagen und Dingbestimmtheiten.“ Er ist vielmehr „ein Verhältnis zwischen den ›Bestimmungen‹ und ›Bestimmtheiten‹ eines Gegenstandes“.341 Also steht Hegels so komplexer Widerspruch zwischen dem Substrat und den ihm zukommenden Bestimmungen, die ihrerseits auch sich einander entgegengesetzt sind.

Diese Auffassung gibt uns nach M. Wolff einerseits „eine ganz neuartige Deutung der Beziehung zwischen Bestimmung und Bestimmungssubstrat“, die von der Metaphysik vor Hegel „stets metaphernreich“ ausgesprochen, aber „nie auf Begriffe gebracht“ worden ist oder bestenfalls als eine Beziehung zwischen zwei selbständigen Korrelaten vorgestellt worden ist, „ohne jedoch zu erläutern, wie die Selbständigkeit der Korrelate mit ihrer Bezogenheit aufeinander vereinbart werden kann“. Hegel versucht „beides, die Selbständigkeit und die Relativität dieser Korrelate, in ihrem Zusammenhang zu thematisieren“342; dies ist „das allerschwerste Problem, mit welchem es die ganze ›Logik‹ (und wohl auch der Leser dieser ›Logik‹) zu tun hat“343. Andererseits verspricht Hegels Logik damit „eine von Kant abweichende Auflösung der Antinomien“ und ermöglicht „eine neue Beurteilung der Voraussetzung von Dingen an sich“.344 In Hegels Begriffsexposition des Widerspruchs liegt also, wie unten weiter gezeigt werden wird, hier vorhergesagt weder ‚die metaphysische, analytische Negation‘ zwischen Realität und Negation als Mangel der Realität noch ‚die transzendentale Negation‘ zwischen Erscheinung und Ding-an-sich zugrunde, sondern ‚die reflexionslogische selbstbezügl i che Negativität‘, wodurch ein Vermittlungszusammenhang von Selbständigkeit und Relativität der Korrelate erklärt wird.345

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Was den eigentlichen Ort betrifft, wo Hegels dialektischer Widerspruch auftritt, ist in den Sekundärliteraturen über Hegels Logik so dargestellt worden: Er entsteht z. B. zwischen reflexionslogischem Substrate und seinen entgegengesetzten Bestimmungen (M. Wolff 1981), zwischen Bezugsbegriff und seinen Entsprechungsbestimmungen (D. Wandschneider 1995) oder steht in der Sphärenvermengung zwischen Formsphäre/Obersphäre und Inhaltssphäre/Untersphäre (Th. Kesselring 1984)346. Hegel versucht aufgrund der reflexionslogischen selbstbezüglichen Negat i vität einen objektiven Vermittlungszusammenhang sowohl zwischen entgegengesetzten Bestimmungen als auch zwischen reflexionslogischem Substrate und seinen entgegengesetzten Bestimmungen zu erklären. „Widerspruch und selbstbezügliche Negativität stehen bei Hegel in einem untrennbaren Zusammenhang. Sie erweisen sich als die beiden Seiten des generativen Charakters der Wissenschaft der Logik“; sie sind „Schlüsselbegriff für das Verständnis der Hegelschen Dialektik“.347 Der dialektische Widerspruch, der mit der selbstbezüglichen Negativität einen internen Zusammenhang ausmacht und damit sich die Identität bzw. die Selbstbeziehung als ‚die negative Einheit mit sich‘ definieren läßt, was ‚Produktivität des antinomischen Widerspruchs‘ heißen soll, ist „das Negative in seiner wesenhaften Bestimmung, das Prinzip aller Selbstbewegung, die in nichts weiter besteht als in einer Darstellung desselben“ (WL II, 76). Hegels System dialektischer Theorien ist so als „ein System von Theorien objektiv widersprüchlicher Beziehungen“ aufgrund der selbstbezüglichen Negativität348 zu verstehen.

Damit erkennt M. Wolff mit Scharfblick, daß Hegel „zwischen Tautologien und Kontradiktionen“ bzw. zwischen Selbstbeziehung und Negativität „ontologische Gemeinsamkeiten“ unterstellt hat.349 Seine Paronymie-These beabsichtigt die Objektivität des Widerspruchsbegriffs und faßt dessen eigentliche Struktur auf. Th. Kesselring, der die Struktur des Widerspruchs in der logisch-epistemologischen Sphärenvermengung sieht, stellt weiter fest, daß „strikte Antinomien sowohl Kontradiktionen als auch Tautologien sind“ und daß sich hieraus „die Gemeinsamkeiten zwischen Tautologien (bzw. Äquivalenz) und Widerspruch“ erklären.350 Dieser Umstand bleibt im Kontexte der formalen Logik „im dunkeln“ und „das Spezifische antinomischer Strukturen“ ist damit „unterbestimmt“. Diesem entspricht, daß die formale Logik nur „an der Verneinung von Antinomien, nicht primär an der Aufklärung ihrer Entst e hungsbedingungen interessiert“ ist.351 Th. Kesselring forscht einem internen Verhältnisse zwischen der selbstbezüglichen Negativität und dem Widerspruchsbegriffe bei Hegel nach und zeigt, daß Hegels Konzept der selbstbezüglichen Negativität der logischen Form nach strikten Antinomien gleicht.352 Er interpretiert damit die selbstbezügliche Negativität bei Hegel als einen strikten antinomischen Zusammenhang. Und er stellt fest, daß „das Charakteristische an strikten Antinomien“ darin besteht, daß „dasjenige, was negiert wird, nicht irgendeine beiläufige Eigenschaft ist, sondern die Selbstbeziehung353; diese beiden Merkmale „Neg a tion“ und „Selbstbezüglichkeit“ sind die „Grundbedingungen für Antinomien“.354 Die Negation, die ‚die Negation von Selbstbeziehung‘ ist, ist genau das, was Hegel sich auf sich beziehende Negativität nennt. Die Negation von Selbstbeziehung ist antinomisch darin, daß sie sich zugleich als „ein Modus von Selbstbeziehung“ erweist: „Die Negation ist als Negation der Selbstbeziehung selbstbezügliche Negation.“ Im antinomischen Widerspruche offenbart sich „der selbstbezügliche Charakter der Negativität“.355 Das Bestehen der selbstbezüglichen N e gativität ist also Grund für die Entstehung der antinomischen Widersprüchen.

Indem D. Wandschneider die Theorie der semantisch-pragmatischen Diskrepanz von W. Wieland und V. Hösle und die ontologische Negationstheorie von D. Henrich in einen Zusammenhang bringen will356, handelt es sich ihm im ganzen gesehen um den „semantisch-pragmatischen Widerspruch“, den der Bezugsbegriff selbst in sich enthält.357 Indem er diese beiden Begriffe des Widerspruchs und des Bezugsbegriffs behandelt, akzentuiert er fernerhin, daß der antinomische Widerspruch auf dem negativen Charakter des Bezugsbegriffs selbst beruht, der sowohl die Negation der Selbstbeziehung als auch die selbstbezügliche Negation bedeutet; „die Eigenschaft negativer Selbstbeziehung“ wie etwa bei Th. Kesselring ist zwar ‚eine notwendige Bedingung antinomischer Strukturen‘, aber „nicht zureichend“, sondern „der Begriff der Nicht-Entsprechung mit eben diesem [Bezugs]Begriff selbst“ führt genauer zu Antinomien.358 Eine notwendig-zureichende Voraussetzung für den antinomischen Widerspruch, der sich „als zentral für die Möglichkeit dialektischer Kategorienentwicklung“ erweist, wird also dann gegeben, „wenn der Bezugsbegriff selbst eine negative Entsprechung s bestimmung bezüglich seiner selbst bedeutet, etwa <B> = <nicht-<B>-entsprechend>“. Das Auftreten einer Antinomie verweist stets auf „einen ihr zugrundeliegenden antinom i schen Begriff dieser Art359. Dieser negative Bezugsbegriff hat damit selbst jenen „Wertumkehr der Entsprechungsbestimmungen“ bzw. uneingeschränkten wechselseitigen Bestimmungsausschluß, der notwendig für die Entstehung des antinomischen Widerspruchs ist, selbst zur Folge und somit „dialektische Relevanz“.360 So sagt Wandschneider, daß nicht nur „die reflexionsinduzierten Entsprechungsbestimmungen einer Entität bezüglich <B>“ kontradiktorisch sind, sondern schon „<B> selbst“ „einen kontradiktorischen Sinngehalt“ repräsentiert; dies erscheint Hegels Terminologie nach als „das Andere seiner selbst“.361 Dieses ganze Entsprechungsverhältnis von Bezugsbegriff und Entsprechungsbestimmungen konstituiert im letzten Ende „einen Bedingungszusammenhang von der Art einer negativen Selbstbedi n gung362.

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Das reflexionslogische Substrat bzw. der Bezugsbegriff und die ihm zukommenden entgegengesetzten Bestimmungen bzw. Entsprechungsbestimmungen haben insofern die selbstbezügliche Negativität bzw. Andersheit zur Natur und machen damit zusammen „den allseitigen Widerspruch“ (WL I, 451) aus. Um sie beide allein nicht nur in logisch-epistemologischer oder in semantisch-pragmatischer Hinsicht, sondern Hegels Absicht nach auch in ontolog i scher Hinsicht in ihren einen internen Vermittlungszusammenhang von Selbstbeziehung und Negativität und damit in die Einheit ihrer Einheit und ihrer Differenz bringen zu können, muß man sich noch mit einem Problem der äußerlichen Reflexion beschäftigen. Hier kann zunächst zu beachten sein: Indem die Wissenschaft der Logik nach Hegel „die Befreiung von dem Gegensatze des Bewußtseins“ (WL I, 43) voraussetzt, d. h. wie Hegel die Begriffe als „objektive, den ›Dingen‹ selbst zukommende Bestimmungen“ versteht, drückt der Begriff des Widerspruchs auch als „objektiver, den Dingen selbst zukommender Widerspruch“ objektive reflexionslogische Beziehung von Dingen und ihren Bestimmungen aus.363 So sagt Hegel, „»Alle Dinge sind an sich selbst widersprechend«“ (WL II, 74). Der Widerspruch ist nicht bloß „in einer äußerlichen Reflexion“ vorhanden, sondern „in ihnen selbst“ (WL II, 76); er ist so keine akzidentelle Bestimmung der Dinge, sondern macht „das Wesen der Dinge“ (WL II, 74) aus.

Die vorstellende Reflexion hat wohl allenthalben „den Widerspruch“ zu ihrem Inhalte, aber sie kommt nicht „zum Bewußtsein desselben“; sie steht nur in der „äußerlichen Reflexion, die von der Gleichheit zur Ungleichheit oder von der negativen Beziehung zum Reflektiertsein der Unterschiedenen in sich übergeht“. Sie hält diese beiden Bestimmungen nur „einander äußerlich gegenüber“. Indem sie zum „Momente der Gleichgültigkeit der Bestimmungen“ übergeht, „vergißt“ sie darin „ihre negative Einheit“ und behält die Bestimmungen nur als „Verschiedene überhaupt“. (WL II, 77)364 Die geistreiche Reflexion, die Verstand genannt wird, besteht dagegen „im Auffassen und Aussprechen des Widerspruchs“. Sie hat die Vorstellungsbestimmungen zu ihrem Inhalte und bringt diese zwar „in eine Beziehung, die reinen Widerspruch enthält und durch diesen hindurch ihren Begriff scheinen läßt“. Aber sie erfaßt nicht „den Begriff der Dinge und ihrer Verhältnisse“ (WL II, 78); sie hat als „unvollendete Reflex i on“ die für den Begriff des Widerspruchs wichtigen beiden Bestimmungen, nämlich „den Gegensatz“ und „die Einheit“ bzw. die Negativität und die Selbstbeziehung, „vollständig vor sich“, aber sie faßt „diese beiden Gedanken nicht zusammen“; sie läßt sie nur „abwec h seln“. (WL I, 166)365

In der Sphäre ‚der äußerlichen formellen Reflexion‘ läßt sich also Hegels Widerspruchsbegriff „gar nicht rechtfertigen“, sondern der Widerspruch gewöhnlich „nur behaupten“366. Denn er wird einerseits „von den Dingen, von dem Seienden und Wahren überhaupt, entfernt“ und es wird behauptet, „daß es nichts Widersprechendes gebe“; das Sein der Dinge wird so nur als ein in sich widerspruchsloses gefaßt. Andererseits wird er „in die subjektive Reflexion geschoben, die durch ihre Beziehung und Vergleichung ihn erst setze“ (WL II, 75); er ist „ein subjektiver Fehler“ (WL II, 70) bzw. „eine Zufälligkeit“ oder „eine Abnormität“. Damit wird es weiter so behauptet: „In dieser Reflexion sei er nicht eigentlich vorhanden, denn das W i dersprechende könne nicht vorgestellt noch gedacht werden.“ (WL II, 75)367 Hier liegt nach Hegel „Zärtlichkeit für die Dinge“ (WL II, 55), die nur dafür sorgt, daß diese Dinge sich nicht widersprechen, oder „horror ... vor dem Widerspruche“ (WL II, 78) zugrunde. So kann in der Sphäre der äußerlichen Reflexion „strenggenommen gar nicht ein Widerspruch ausgesagt werden“, sondern „nur Bestimmtheiten“ können „als gleichgültige Hinsichten verglichen und durch Präzisierung stimmig gehalten werden“. Der Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch gilt hier als „uneingeschränkt gerade deshalb, weil er erklärtermaßen ›nicht ein Gesetz über die Realität‹ aussagt, sondern nur, daß sich bei seiner Nichtbeachtung ein Widerspruch ergäbe, der ›unser Reden aufheben würde‹“.368 Hegels Kritik am Satz des Widerspruchs, der nach Hegel ‚die abstrakte Verstandesidentität‘369 voraussetzt, besteht also darin, „daß diese in der Gleichgültigkeit der Hinsichten nichts über die Realität selbst, sondern nur über die Weise der äußeren Reflexion aussagt, Bestimmungen zu gebrauchen“. Dies bedeutet selbstverständlich auch, „daß auf dieser Ebene Widersprüche nicht vorkommen dürfen, wenn sich die Rede der äußeren Reflexion nicht selbst aufheben soll. Umgekehrt: wenn ein Widerspruch behauptet wird, kann sich dies nur auf die Ebene der ›objektiven‹ Gegensatzbeziehung (im Hegelschen Sinne), also auf die Sphäre der immanenten Reflexion beziehen. Dann hat sich, in der Tat, die äußere Reflexion als Rede von oder über etwas selbst ›aufgehoben‹.“370

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Indem aus „der Betrachtung der Natur des Widerspruchs“ bei Hegel folgt, „daß es für sich noch sozusagen kein Schaden, Mangel oder Fehler einer Sache ist, wenn an ihr ein Widerspruch aufgezeigt werden kann“ (WL II, 78f.), und indem daraus erwiesen wird, daß der Widerspruch die logisch-objektive Struktur der Sache selbst aufgrund der selbstbezüglichen Negativität ausdrückt, sagt Hegel so: „Der Widerspruch löst sich auf.“ (WL II, 67) „Der Widerspruch selbst ist es, der den Widerspruch auflöst.“371 Er löst sich selbst auf, aber nicht wegen seiner formallogischen Falschheit, sondern aufgrund seiner logisch-objektiven Struktur der selbstbezüglichen Negativität. Die selbstbezügliche Negativität ist ohne Bezug zum formallogischen Wahrheitswert, sondern definiert das, was für Hegel die Wahrheit ist, nämlich ‚die negative Einheit mit sich‘ (WL I, 123) bzw. ‚die negative Totalität‘(WL I, 456), wodurch Hegel auch den Begriff bzw. die Subjektivität definiert. Der Widerspruch wird „nicht dadurch aufgelöst, daß er vermieden oder eliminiert wird, sondern dadurch, daß er vollständig, nämlich als Einheit entgegengesetzter Bestimmungen, formuliert wird“372. Die Geltung des Satzes vom Widerspruch beruht nach Hegel so „nicht darauf, daß es falsch wäre, Dingen einender widersprechende Bestimmungen und Bestimmtheiten beizulegen, sondern darauf, daß der objektive Widerspruch nur als ›sich auflösender‹ Widerspruch ein Dasein hat“.373 Hegel versucht, „die Notwendigkeit des Satzes vom ausgeschlossenen Widerspruch“ „aus der logischen Struktur des Widerspruchs selbst“ als der selbstbezüglichen Negativität nachzuweisen. Der Widerspruch ist „aufgrund seiner logischen Struktur an und für sich etwas Unhaltbares“; für Hegel ist der Widerspruch sowohl in der Theorie als auch in der Realität „etwas Negatives, das in sich keinen absoluten Bestand haben kann“.374

Die selbstbezügliche Negativität als die notwendig-zureichende Bedingung für den antinomischen Widerspruch macht also „den Widerspruch“ und zugleich „die Auflösung des Widerspruchs“375 aus und der Widerspruch ist als „der sich aufhebende Widerspruch“ nach Hegels Auffassung auch „diejenige Beziehung, die die Einheit verschiedener, analytisch einander nicht enthaltender Bestimmungen stiftet“.376 Diese so komplexe, logisch-objektive Struktur der selbstbezügliche Negativität stellt nicht nur die objektive Realität des Widerspruchs sicher, sondern sie ist auch das Subjekt der Selbstaufhebung des Widerspruchs; sie erweist sich damit als synthetisches Prinzip innerhalb der Wissenschaft der Logik. Diese ganze Funktionsweise der logisch-objektiven selbstbezüglichen Negativität, die die Einheit der immanenten Reflexion stiftet, kann man die selbstbezügliche absolute Negativität nennen, wodurch das Wesen als Reflexion definiert worden ist; diese Negativität macht das Konstruktionsprinzip der Logik Hegels aus. So sagt Hegel: „Das Ding, das Subjekt, der Begriff ist nun eben diese negative Einheit selbst; es ist ein in sich selbst widersprechendes, aber ebensosehr der aufgelöste W i derspruch; es ist der Grund, der seine Bestimmungen enthält und trägt.“ (WL II, 79) Der g e setzte Widerspruch, den die Wesenslogik aufgrund der selbstbezüglichen Negativität thematisiert, ist so unmittelbar der aufgelöste Widerspruch und damit die negative Einheit der entgegengesetzten Bestimmungen mit sich. Wenn etwas widersprüchlich ist, ist es sowohl als ‚ein in sich selbst widersprechendes‘ wie auch als ‚der aufgelöste Widerspruch‘ „Einheit inkompatibler Bestimmungen“377. „Das spekulative Denken besteht darin, daß das Denken den Widerspruch und in ihm sich selbst festhält, nicht aber, daß es sich, wie es dem Vorstellen geht, von ihm beherrschen und durch ihn sich seine Bestimmungen nur in andere oder in nichts auflösen läßt.“ (WL II, 76)

III.2.2. Negativität und Andersheit

Hegels Philosophie ist als ein subjektivitätsontologischer Monismus378 verstehbar und hat zu ihrem systematischen Prinzip die konkrete Einheit als Totalität, die für Hegel die Wahrheit ist. Diese Einheit, auf die es auch in der reinen Wissenschaft als Logik ankommt, besteht in „dem ganz und gar nicht analytischen, sondern spekulativen Verhältnis der die selbständige Unmittelbarkeit wie die selbständige Vermittlung aufhebenden Koinzidenz“379. Um die Abstraktheit der Einheit zu vermeiden und ihre Konkretheit zu sichern, hat Hegel ein der objekt i ven Reflexion immanentes Bestimmtheits- bzw. Andersheitsverhältnis anzuerkennen, das bei ihm durch die methodischen Begriffe ‚Negativität‘ und ‚Andersheit‘ verstanden wird und zwar zunächst der Einheit äußerlich zu sein scheint, aber als dieser immanent aufzufassen ist; das Bestimmtheitsverhältnis ist ein notwendiges Moment der prinzipiellen Einheit Hegels. Das Negative oder „das Anderssein“, zwar „als aufgehoben“, ist selbst „ein notwendiges Moment der Wahrheit, welche nur ist, indem sie sich zu ihrem eigenen Resultat macht“.380 Hinsichtlich dessen, daß das Aufheben „einen doppelten Sinn“ hat, nämlich „aufbewahren, erha l ten“ und „aufhören lassen, ein Ende machen“ (WL I, 114), wird das Negative oder das Anderssein, wodurch ein Bestimmtheitsverhältnis entsteht, nicht als solches negiert, sondern das, was hier negiert wird, ist nur seine beziehungslose Unmittelbarkeit und Äußerlichkeit. Insofern kann Hegel so feststellen: „Die Kraft des Geistes ist nur so groß als ihre Äußerung, seine Tiefe nur so tief, als er in seiner Auslegung sich auszubreiten und sich zu verlieren getraut“.381 Dies macht die Natur der Reflexion aus, die als die totale Reflexion „immanente Reflexion der Reflexion in sich und Reflexion in anderes“382 ist.

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Es kann hier eine Frage eingestellt werden, wie die Negativität und die Andersheit sich zueinander verhalten, nämlich eine Frage nach der prinzipientheoretischen Rangordnung zwischen Negativität und Andersheit, die auch auf der Tradition des abendländischen Denkens basiert.383 Dafür ist es zunächst von Bedeutung, die Kontroverse zwischen H. Rickert und R. Kroner darzustellen, um Hegels Dialektik noch genauer zu charakterisieren und verstehen. H. Rickert schreibt, mit W. Flach zu reden, Hegel eine entgegengesetzte Absicht zu und vertritt als ein neukantianischer Verfechter des heterothetischen Denkprinzips die These vom Vorrang der Andersheit vor der Negativität, dagegen gibt R. Kroner uns von einem orthodoxen hegelschen Standpunkt aus auf die Rangordnungsfrage eine dialektisch-antithetische Antwort und nimmt die These vom Vorrang der Negativität vor der Andersheit ein.384 Dieser Kontroverse geht es für Flach darum, „geltungslogischer Reflexion“ nach „den reflexionsanalytischen Sinn der Exklusionsstruktur implikativer Letztheitsmomente“ zu untersuchen und „den reflexionsanalytischen Implikationssinn der Hegelschen Negation“ und damit des auf der selbstbezüglichen Negativität beruhenden Widerspruchs freizulegen385, wodurch Hegels ursprüngliche konkrete Einheit konstituiert wird.

Die logischen implikativen Letztheitsmomente bilden „das Minimum der rein logischen Gegenständlichkeit“386. Sie, z. B. das Eine und das Andere, sind logisch gleich ursprünglich, wie auch gleich positiv. Wenn es so ein Denken gibt, „das lediglich mit dem Einen beginnen würde, das also zunächst nur ›thetisch, in der Form der Identität sich bewegte‹“, bestände es nur „in der ›Phantasie einiger Logiker‹“; das Eine enthält vor dem Anderen „keine logische Priorität“.387 Das Andere ist „unableitbar aus dem Einen, wie auch unableitbar aus der Negation dieses Einen“. Es entsteht damit auch „aus dem Widerspruch so wenig wie aus der Identität“. H. Rickert nennt dies „eine ›dialektische Erschleichung‹“ bzw. „einen ›dialektischen Schein‹“, wenn man unter „diesem rein negativen und insofern völligen Nichts als der Negation des Einen“ eigentlich „die positive Andersheit“ versteht; es ist „Verwechselung des rein negativen Nicht-Etwas mit dem gar nicht negativen, sondern durchaus positiven Anderen“.388 Rickert versteht unter der Andersheit nicht „das ›bloß‹ Verschiedene“, sondern „das ›Nur-Verschiedene‹“, weil allein dieses „keine strukturelle Entsprechung“ mehr abgibt, „sei es für die Gleichheit, sei es für die Identität“.389 Die Letztheitsmomente machen also zusammen die Nur-Verschiedenheit aus und „die einzige Übereinstimmung“, die sie zeigen, ist „ihr Momentsein“, welches auch „ihre Ungleichheit“ begründet390; „das Eine und das Andere sind logisch gleich ursprünglich, ›sie gehören nicht nur logisch zusammen, sondern sind auch einander logisch völlig äquivalent‹.“391

Sie stehen damit nicht „im Verhältnis der gegensätzlichen oder ausschließenden Ergänzung“, sondern „im Verhältnis der ›ergänzenden Verbundenheit‹“ zum Ganzen in der Synthese.392 Das Denken der Letztheitsmomente ist so „kein Denken von Gegensätzen“; es ist daher „nicht widerspruchsvoll, nicht dialektisch, sondern heterologisch“.393 Das Denken bewegt sich nicht in Thesis und Antithesis, sondern in Thesis und Heterothesis. Die Letztheitsmomente machen in seinem Momentsein zwar „das Ganze“ aus, aber sie sind jedes „weder zugleich es selbst und sein Gegenteil noch das Ganze, das das Moment und sein anderes (Moment) in sich vermittelt“, was Hegels Strukturaussagen charakterisiert. Dies heißt „›die Doppelung‹ der Momente“.394 Indem der Gedanke von Thesis und Heterothesis zu ihrer Synthesis führt, so sind diese Momente „nur (begrifflich) isolierte Momente des logischen Denkens“ und die Einheit als Synthesis ist „das ›übergreifende Band für das Eine und das Andere‹“. Das bedeutet: Die synthetische Einheit läßt das Eine und das Andere in Beziehung zueinander stehen, das Eine läßt das Eine des Anderen und das Andere das Andere des Einen sein, d. h. die synthetische Einheit läßt „in der Verbundenheit“ zugleich Platz für „die Verschiedenheit des Einen und des Anderen“ zu. Keineswegs also vermag jedes Moment es selbst und sein Gegenteil zu sein. Das hier vorliegende Verhältnis nennt W. Flach „limitierende Exklusion“.395 Keines dieser drei Letztheitsmomente, nämlich das Eine, das Andere und ihre Einheit, besitzt „eine Priorität vor den übrigen beiden“. „Sie sind alle drei gleich ursprünglich, denn der Gegenstand als das Ganze kann immer nur in dieser Dreiheit seiner Momente gedacht werden.“396

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Insofern das Ganzheitsgefüge des rein logischen Gegenstandes als reines heterothetisches Denkprinzips allein „in der Abgrenzung der Momente vom Ganzen, wie auch untereinander“ „bestimmbar“ wird, muß diese Abgrenzung „durch Negation“ geschehen, damit der Gegenstand seine „Bestimmung“ enthält. Aber das Bestimmen durch die Negation kommt nur „in der Sphäre des Urteils“, der Homogeneität, vor. Dagegen ist „das Denken des rein Logischen“ noch „kein bestimmendes Denken“; darin tritt daher „kein Widerspruch“ zutage, der auf der selbstbezüglichen Negativität bzw. Andersheit beruht. In dem bestimmenden Denken hat aber die Negation ihren Platz und ist „unumgängliches Konstitutivum“. Damit entsteht zwangsweise „der Anschein“, daß die Negation „ein logisch Letztes“ sei.397 Insofern das gegensätzliche Verhältnis der Negation einerseits in die Momente selbst hineingenommen wird und andererseits auch zwischen den Momenten selbst besteht, damit ihre ursprüngliche konkrete Einheit konstituiert werden soll, so führt das Denken nur als bestimmendes notwendig zum Widerspruche, weil dabei „das allein als reine Heterogeneitätsstruktur mögliche Verhältnis ergänzender Verbundenheit von äquivalenten Momenten“ im Denken des rein Logischen nunmehr als gegensätzliches Verhältnis „in der ›Homogeneität‹“ gedacht werden muß, worin jedes Moment es selbst und das Andere seiner selbst und damit die Einheit seiner und seines Anderen ist.398 Das Prinzip des Widerspruchs wird zum „Prinzip des bestimmendes Denkens“ und die Negation ist darin als „absolut“.399 Damit wird die Doppelung der Letztheitsmomente bei Hegel als deren „Vertauschbarkeit“ aufgefaßt, während die „Unvertauschbarkeit der Momente“ als „Letztheitskriterium“ gefordert wird; „Exklusion“ der Letztheitsmomente wird damit auch als „Negation“ gedacht.400

W. Flach stellt dies so fest: „Der rein logische Gegenstand oder theoretische Gegenstand überhaupt ist fundamentales und universales Denkprinzip, er ist das heterothetische Den k prinzip. Die Negation ist nicht fundamentales Prinzip; sie ist abgeleitetes und spezielleres Konstituens des Denkens. Das Fundamentalprinzip, das in ihr wirksam ist, muß dem besti m menden Denken eigen sein; es ist das Prinzip des Widerspruchs, das zugleich ein Prinzip des zu ve r meidenden Widerspruchs ist. Die Negation ist im Spiel bei der Bestimmung des rein logischen Gegenstandes überhaupt; gedacht wird dieser aber nur als das Eine und das Andere, d. h. heterothetisch. Für die Negation ist im Denken des rein logischen Gegenstandes überhaupt kein Platz. Das heterothetische Prinzip ist reines Denkprinzip, die Negation dagegen ist Erkenn t nisprinzip.“401 Aufgrund dieses geltungslogischen Unterschiedes behauptet Flach nach H. Rickert, daß die methodische Bedeutung des Widerspruchs „nicht ausreicht, der Negation die Priorität vor der Andersheit zu sichern“; Rickert läßt in der objektiven Sphäre des rein logischen Gegenstandes „dem Widerspruch“ überhaupt „keine methodische Bedeutung“ zu und der Widerspruch wird nur „in die Sphäre des Urteils“ verwiesen. „Die Negation“ hat somit in derselben Sphäre des rein logischen Gegenstandes auch „keine Bedeutung“; sie spielt eine wesentliche Rolle nur „in der Urteilssphäre“402 und „die Zeugungskraft der Negation im Logischen trifft nur für die Sphäre des bestimmenden Denkens zu“403. Nur in der Sphäre des bestimmendes Denkens finden also die Negation und der Widerspruch ihr logisches Feld und mit „dem Wegfall des Widerspruchs im Denken der Momente“ und „dem Nachweis der logischen Priorität der Andersheit vor der Negation“ wird die Heterologie in ihrer Berechtigung „keinem Zweifel“ mehr ausgesetzt.404

Diesen heterologischen Gedanken, den Hegel seiner Absicht nach durch den Gedanken der selbstbezüglichen Negativität ergänzen will, die in seiner Logik eine generelle durchgängige Reflexionsstruktur als Selbstbewegung darstellt und sich das Seiende bzw. die Wirklichkeit als einen systematischen Zusammenhang denken läßt, kann man mit Platons Gedanken im Sophistes vergleichen.405 Hier versucht Platon nach M. Theunissen, das Nichtsein auf die Natur des Anderen zurückzuführen. Damit will er die parmenideische These kritisieren, daß nur das Sein sei und das Nichts nicht sei. Diese Kritik wendet „die Behauptung der Undenkbarkeit und Unsagbarkeit des Nichtseins“ gerade gegen den, der diese aufgestellt hat. Darin meint Platon, daß das parmenideische Nichts oder Nichtsein sich „dem sagenden Denken“ nur darum entzieht, weil der Begriff des Nichtsseins, wie auch der korrelative Begriff des Seins, „unverständlich“ ist406; der Grund ist bei Parmenides: „Denn das Nichtsein kannst du nicht erkennen, noch erreichen, noch aussprechen“ und bei Hegel: „Das Nichts verkehrt sich in der Tat in etwas (eine daseinslogische Kategorie – Hinzufügung v. Vf.), indem es gedacht oder gesagt wird“. Daß das Nichtssein undenkbar bzw. unsagbar ist, heißt ja nicht, daß es schlechthin nicht gedacht werden könnte, sondern daß, indem es als solches zu denken ist, darin etwas Widersprüchliches, wie Hegel sagt, „ein beständiger Widerspruch“407 gedacht wird. „Verstehbar aber wird der Begriff des Nichtseins, wenn man ihn in den der Andersheit übersetzt.“408 Das Nichtsein ist so weder das Andere des Seins noch das undenkbare Nichts, sondern „das schlechthin Andere“ (WL I, 95). Platons These ist also, daß auch das Nichtsein sei. Sie beruht auf der Gleichsetzung des Nichtseins mit dem Anderen, deren Funktion bei Platon darin besteht, verschiedene Arten des Seienden oder der Wirklichkeit überhaupt und ihre Gemeinschaft bzw. Symploke zu etablieren.

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Insofern nimmt der prinzipielle Vorrang der Negation vor der Andersheit bei Hegel nach Theunissen „einen völlig verschiedenen Sinn“409 an. „Daß alles Andere im Nichts gründe“, bedeutet: „Alles andere Andere gründet in demjenigen Anderen, welches das Nichts ist. Noch genauer genommen geht aus dem Nichts freilich nur der Schein hervor, den das unmittelbar aufgelesene Andere an sich hat, so aber, daß seine Auflösung zugleich die Wahrheit rettet, welche die begrifflose Vorstellung des Nichts verfehlt.“410 Damit will M. Theunissen zeigen, daß die wahrhafte Einheit, die durch die Auflösung des Scheins erreicht wird, seinem Ziel nach begriffslogisch gesehen die Einheit der verschiedenen Verwendungsweisen der urteilslogischen Kopula ist, die nicht als die „Bedeutungsidentität“, sondern als „die schon von Aristoteles behauptete pros hen-Homonymie, eine auf einem gemeinsamen Fundament beruhende Zusammengehörigkeit irreduzibler Bedeutungen“ verstehbar ist.411 Mit deren Hilfe erklärt er seinen Kerngedanken der ‚universalen kommunikativen Freiheit‘, der nach ihm nicht als „eine spezielle Intersubjektivitätstheorie“ verstanden werden darf, denn Hegel will in seiner Logik „Strukturen“ aufdecken, „die das Ganze der Wirklichkeit, nicht nur zwischenmenschliche Beziehungen, unter die Forderung absoluter Relationalität stellen“.412 Theunissen will daher in Hegels Begriffslogik erkennen lassen, daß seine kommunikative Freiheitstheorie darin „eine Struktur“ freilegt, die „ihre einzig angemessene Realität in den Verhältnissen menschlicher Subjekte zueinander“ hat413; die universale kommunikative Freiheit als „Maßstab der Kritik“ bedeutet, „daß der eine den andern nicht als Grenze, sondern als die Bedingung der Möglichkeit seiner eigenen Selbstverwirklichung erfährt“.414

Platon versteht unter dem Nichtsein nicht „das dem Sein Entgegengesetzte“, d. i. das Überhaupt-nicht-sein, sondern nur „das von der Gattung ›Sein selbst‹ Verschiedene, an dem jede andere Gattung, sofern sie eben nicht ›Sein selbst‹ sei, teilhabe, ja sogar noch das ›Sein selbst‹, sofern es eben nicht identisch sei mit jeder anderen Gattung“.415 Damit zielt Platon ab nicht auf „die systematische Entwicklung der obersten Gattungen auseinander und den Nachweis, daß sie nur Momente Eines Gedankens sind“, sondern im Gegensatz zu Parmenides auf „die Begründung der mehrfaltigen Bestimmbarkeit des Seienden und Nichtseienden durch das Denken und speziell der des Seins eines Nichtseienden als eines Verschiedenen“. Seine obersten Gattungen, denen alle anderen speziellen Gattungen, die für die Bestimmung der Gegenstände in Urteilen und Theorien erforderlich sind, ihre Bestimmtheit verdanken, behalten nach Platon zwar „in ihren Beziehungen zueinander“ „ihre bestimmte, festgelegte Bedeutung, ohne die eine Wissenschaft vom Seienden, eine reine Ontologie nicht möglich wäre“.416 Aber: „Der entscheidende Grund der Möglichkeit solcher Verbindung der obersten Gattungen untereinander – mit Ausnahme von Bewegung mit Ruhe – ist die Teilhabe der Gattungen aneinander, ohne daß eine in der anderen bedeutungsmäßig enthalten oder gar ihr gleich wäre.“417

Damit entsteht „das Geflecht der Verknüpfung dieser Gattungen“, wodurch diese sich wechselseitig in ihren Verhältnissen erhellen; „jede für sich kann nur noetisch-unmittelbar gefaßt, aber nicht definiert, d. h. aus höheren Bestimmungen begriffen werden.“ Diese dialektische Entwicklung der Verhältnisse der obersten Gattungen untereinander vermeidet durch den Gedanken der Teilhabe, nämlich „vermittels der methodischen Konzeption der Methexis“ „Paradoxien und Widersprüche“. „Die Dialektik der Methexis folgt ... strikt den unterschiedlichen Hinsichten in der Verbindung und Trennung der Gattungen, im ›ist‹- und ›ist nicht‹-Sagen“, d. h. „im Logos“.418 Bei Platon handelt es sich somit nicht um „einen dialekt i schen Widerspruch“, weil in seinem Teilhabengedanken „die Struktur selbstbezüglicher Negation“ und damit „der antinomische Wertumkehrmechanismus“ fehlt; es gibt „keinen Umschlag“ zwischen den obersten Gattungen, sondern sie gehören durch die Hinsichtenunterscheidung der Teilhabe „verschiedenen, aber gleichsam statisch miteinander verklammerten, statischen Stufen“ an.419 Hegel erkennt also nicht „das Spezifikum der Platonischen Dialektik im S o phistes, die Methexis der Gattungen aneinander“, sondern deutet es „in seinem spekulativen Sinn“, nämlich „aufgrund der widersprüchlichen Struktur der Reflexion“420 um.

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Bisher ist dargestellt, wie Hegels Dialektik sich zu neukantianischer Heterologik und Platons Methexisgedanken der obersten Gattungen verhält und wo sie sich von diesen unterscheidet. Hier handelt es sich um „das richtige Verständnis von Negativität“ bei Hegel421, das, mit D. Henrich zu sprechen, dadurch ausgedrückt wird, daß „eines sich von sich unterscheidet und in der Entgegensetzung gegen sich sich nur zu sich selber verhält“422; dieses Selbstverhältnis nennt Hegel die konkrete Einheit. Hegels Gedanke der selbstbezüglichen Negativität, wodurch sein Konzept der konkreten Einheit als Prinzip rechtfertigt werden kann, ist, wie gezeigt, nicht als die Eliminierung bzw. Beseitigung des ersten einfachen Negationsverhältnisses anzusehen, sondern er hat dieses als sein Moment in sich wie auch das zweite doppelte Negationsverhältnis, das wieder in jenes zurückfallen könnte. Das bedeutet, daß die Negation überhaupt nicht mehr das Sein als ihre abstrakte Grundlage hat, sondern das Sein die selbstbezügliche absolute Negativität zu seinem Wesen hat, daß das erwähnte, der prinzipiellen Einheit immanente Bestimmtheitsverhältnis durch das Negationsverhältnis thematisiert wird, und daß die selbstbezügliche absolute Negativität diese beiden, einfache Negation und doppelte Negation, zu ihren strukturellen Momenten in sich hat. Damit sichert die prinzipielle Einheit ihre Konkretheit. Reflexionslogisch gesehen, wenn die Gebrauchsweisen der Negation als an der äußeren Reflexion gebunden erscheinen, bedeutet das, daß die äußere Reflexion immer in ihrer Einheit mit der setzenden Reflexion thematisiert wird und daß sie darum ein notwendiges Moment der bestimmenden Reflexion ausmacht. All dies gilt auch für Hegels Gedanken der selbstreferentiellen Andersheit bzw. des Anderen seiner selbst.

Indem M. Theunissen drei Arten von Anderem unterscheidet, nämlich ein Anderes, sein Anderes bzw. Anderes seiner selbst und alles Andere,423 und indem es sich bei der Beziehung zum Anderen um „ein duales Verhältnis“ handelt, berichtet er uns die von Platon im Sophistes gewählte Alternative: „Der Begriff des heteron, auf den Hegel sich ja beruft, grenzt gegen das Seiende (on), das hier für das Etwas entsteht, nicht nur ein Anderes ab, allo ti (257e2) oder tōn allōn ti (275b10), sondern auch alles Andere, ta alla (257a4) oder talla (257a6), den gesamten Rest als das um das Etwas reduzierte Universum, das zahllose Andere umfaßt; und das on ist, wie Platon ausführt (259b3/4), selber ein heteron, weil es ›nicht jedes von ihnen ist, aber auch nicht alles Andere insgesamt außer ihm selbst‹ (sympanta ta alla plēn auto).“424 Dahingegen ist Hegels Alternative nach Theunissen „Abstraktion von diesem Anderen“. Dies ist bei Hegel „prinzipieller Art“: „Während das vollständig erst in der Reflexionslogik sich erschließende Andere, in dem das Eine sein Anderes findet, das Ziel markiert, auf welches das Korrelat des Etwas sich durchaus zubewegt, und zwar in der Konsequenz seiner eigenen Bewegung, liegen ta alla eigentlich ganz jenseits des Interpretationshorizonts spekulativer Logik, nicht nur der Daseinslogik, sondern der spekulativer Logik überhaupt.“425 Wenn aber die ganze Struktur, die die selbstreferentielle Andersheit konstituiert, eine und dieselbe einheitliche Struktur ausbildet, durch die das Wesen als die selbstbezügliche absolute Negativität definiert worden ist, darf sie so verstanden werden, daß sie auch ta alla in sich zu integrieren hat, und zwar aufgrund deren eigener Reflexivität; „al le machen die Reflexion aus“ und die zerstreute Mannigfaltigkeit „erinnert sich“ somit „an ihr selbst“ (WL II, 122), weil sie „in sich und g e gen Anderes bestimmt“ ist und „die Negation“ an ihr selbst hat, wodurch sie in die Entgege n setzung, den Widerspruch und dann in den Grund übergeht. (WL II, 203) Dies wird nachher in bezug auf die Wesenslogik durch die Thematisierung der äußeren Reflexion und durch die Darstellung der Kategorien ›Verschiedenheit‹, ›Materie‹, ›Bedingung‹ usf. in Betracht gezogen werden.

Wenn die Andersheit wie die Negativität als sich auf sich selbst beziehendes bzw. selbstreferentielles aufgefaßt wird und dieses allein als bloße Selbstbeziehung anzusehen ist, dann kann ein zirkelhaftes Tautologie-Problem der Reflexion entstehen, umgekehrt wenn die Andersheit nicht selbstreferentiell ist und damit nur als der Reflexion äußerlich, selbständig ist, dann ergibt sich ein Problem des Prozesses ins Unendliche der Reflexion; hier beiden liegt ein Problem der Äußerlichkeit der Reflexion zugrunde. Wie Hegel sich mit diesen Problemen konfrontiert, ist daher nochmal darzustellen. Die Andersheit, die am Anfang der Seinslogik durch die Ontologisierung des Nichts, d. h. dadurch, daß das Nichts unmittelbar eins mit dem Sein ist, verstanden wird, thematisiert Hegel in seiner Logik zunächst als „die Bestimmtheit als solche“ (WL I, 116) oder „die erste oder die Negation, welche Bestimmtheit ist, durch welche das Sein nur Dasein oder das Dasein nur ein Anderes wird“ (WL II, 19). Dieses Andere ist ‚der primäre, ontologische Negationsbegriff‘, „was Hegel in der Nachfolge von Platons Heterόtes ›Andersheit‹ oder ›Bestimmtheit‹ nennt“ und dann „der für die wahrheitsfunktionale Negation wohldefinierten Verdopplung unterwirft“, damit die Andersheit als Nachfolge des reinen Nichts aufgrund ihrer Selbstreferenz „eine zweistellige Relation“ darstellt.426

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Hegel entwickelt in seiner Logik nach D. Henrich den Gedanken einer Selbstbeziehung der doppelten Negation am ‚Modell der selbstreferentiellen Andersheit‘; das Andere seiner selbst stellt dann ‚den primären Sinn der selbstbezüglichen doppelten Negation‘ dar.427 Jedoch ist die Andersheit wie die einfache Negation zunächst in der Seinslogik allgemein gesehen als ‚Gleichgültigkeit gegeneinander‘ oder ‚gleiche Wertigkeit beider Anderen‘ charakterisiert,428 weil der Bestimmtheit „das Sein“ zugrundeliegt und sie damit „Beziehung auf And e res“ zeigt. (WL II, 24) Hegels Begriff der einfachen Negation ist teils am Bestimmtheitsbegriff der Spinozistischen Philosophie (omnis determinatio est negatio), teils am heterotes-Begriff der Platonischen und Rickertschen Philosophie orientiert. Dahingegen ist die Andersheit, die als Resultat der Seinslogik gegeben wird und worauf die Wesenslogik abzielt, „absolutes Bestimm t sein“ als Ausgleichung der Negation mit dem Sein (WL I, 174) oder „unendliche Bestimmtheit“ als Schein, was dieser in Wahrheit ist. (WL II, 23) Hegel kennzeichnet dies als die selbstbezügliche Negation oder die selbstreferentielle Andersheit, die die Charaktere „Abstoßen seiner von sich oder Gleichgültigkeit gegen sich, negative Beziehung auf sich“ (WL II, 15) hat und damit zugleich mit sich selbst zusammengeht. „Das Andere seiner selbst und die Negation der Negation, beide als strikte Selbstbeziehung und in einem damit als negative Beziehung auf sich verstanden, sind die generativen Grundformen von Hegels Logik, die Mono-Logik heißen kann, weil sie die Form der Ein-Allheit in ihrer internen Entfaltung verständlich machen soll.“429 Alle Begriffe, in denen sich Hegels System entfaltet, sind somit „Nachfolger und Komplikationen der Grundform von selbstbezüglicher Negation und von selbstbezüglicher Andersheit“; sie sind „Weisen, in denen das Wirkliche als das ›Andere seiner selbst‹ gedacht wird“.430

Indem Hegel „die Grundbegriffe der Ontologie und den Formenbegriff der Subjektivität als Modifikationen eines und desselben mono-logischen Begriffes“431 erfaßt, nämlich als die selbstbezügliche Negation oder das Andere seiner selbst, kann es hinsichtlich seiner Wisse n schaft der Logik wesentlich der Übergang von der Seinslogik durch die Wesenslogik in die Begriffslogik zu verstehen sein, reflexionslogisch gesehen, der Übergang von der Identität durch den Unterschied, dem die Verschiedenheit, der Gegensatz und der Widerspruch angehören, in den Grund; durch die Möglichkeit dieses Übergangs wird bei Hegel geprüft, ob und inwiefern die Selbstbezüglichkeit der Negativität bzw. der Andersheit und damit die negative und somit konkrete Einheit von ihr selbst und ihr Negativem bzw. Anderem ermöglicht wird. So sagt Hegel: Es kann in der Wesenslogik „kein wahrhaft Anderes“, sondern nur „Verschiedenheit, Beziehung des Einen auf sein Anderes“ geben und „die Verschiedenen bleiben in ihrer Beziehung“.432 „Der Zweck der Philosophie“ ist es bei ihm, „die Gleichgültigkeit zu verbannen und die Notwendigkeit der Dinge zu erkennen, so daß das Andere als seinem Anderen gegenüberstehend erscheint“, wenn es auch in unreflektiertem Denken unmöglich zu sein scheint, das Andere dem Etwas als sein Anderes zuzuordnen; „das wahre Denken“ ist also „ein Denken der Notwendigkeit“.433 „Die denkende Vernunft ... spitzt sozusagen den abgestumpften Unterschied des Verschiedenen, die bloße Mannigfaltigkeit der Vorstellung, zum wesentlichen Unterschiede, zum Gegensatze zu. Die Mannigfaltigen werden erst auf die Spitze des Widerspruchs getrieben regsam und lebendig gegeneinander und erhalten in ihm die Negativität, welche die inwohnende Pulsation der Selbstbewegung und Lebendigkeit ist.“ (WL II, 78)

Aufgrund dieser selbstbezüglichen Negation bzw. der selbstreferentiellen Andersheit, die den Widerspruch und zugleich die Auflösung des Widerspruchs ausmacht, sagt Hegel, daß „die tiefere Einsicht in die antinomische oder wahrhafter in die dialektische Natur der Vernunft“ überhaupt „jeden Begriff als Einheit entgegengesetzter Momente“ aufzeigt, der man daher „die Form antinomischer Behauptungen“ geben könnte. „Werden, Dasein usf. und jeder andere Begriff könnte so seine besondere Antinomie liefern und also so viele Antinomien aufgestellt werden, als sich Begriffe ergeben.“ (WL I, 217) Oder „jede Bestimmung, jedes Konkrete, jeder Begriff ist wesentlich eine Einheit unterschiedener und unterscheidbarer Momente, die durch den bestimmten, wesentlichen Unterschied in widersprechende übergehen.“ (WL II, 79) Jedes, was wirklich ist, ist Hegels grundsätzlicher Auffassung nach als „das Ganze und sein eigenes Moment“ zu verstehen, und seine negative Einheit analytisch einander nicht enthaltender, inkompatibler Bestimmungen wird so aufgrund ihrer Selbstbeziehung der doppelten Negation bzw. des Anderen seiner selbst aufgefaßt und gestiftet. Dies macht „die wesentliche Natur der Reflexion“ aus. (WL II, 47) Mit Hilfe der Selbstbezüglichkeit der Negativität bzw. der Andersheit faßt Hegel sein philosophisches System als die negative Einheit solcher negativen Einheiten auf, die die Subjektivität als konkrete Einheit genannt ist: „Die wahre Gestalt, in welcher die Wahrheit existiert, kann allein das wissenschaftliche System derselben sein“, anders gesagt; „das Wahre“ ist „nur als System wirklich“ oder „die Substanz“ ist „wesentlich Subjekt“.434


Fußnoten und Endnoten

248  M. Heidegger 1993, 6

249  PdG, S. 36

250  Vgl. K. J. Schmidt 1997a, 178 Anm. 272: „Die Kategorien der Seinslogik versteht Hegel als Einheiten der Variablen Sein und Nichts. Entsprechend ergeben sich die Bestimmungen der Wesenslogik als Einheiten der Variablen Sein und Wesen. Mit der Idee hat das Sein die ›Bedeutung der Wahrheit erreicht‹ (WL II, 465).“

251  M. Theunissen 1978, 370. Dazu vgl. G. M. Wölfle 1994. Wölfle äußert sich, „daß es sich bei diesen Stufen um Übergangspassagen handelt. Dabei führt die erste Stufe zu dem negativen Resultat, daß das Verhältnis von Sein und Wesen nicht in der Weise der einfachen Negation, wie sie in der Seinslogik auftritt, dargestellt werden kann, sondern daß es dazu der Figur der selbstbezüglichen Negativität bedarf. Die zweite Stufe bildet diese Figur aus, und zwar so, daß dadurch das Sein ins Wesen integriert wird und den Charakter des Scheins annimmt. Damit ist, was das Verhältnis von Wesen und Sein angeht, zum ersten Mal die Struktur des Wesens ausgebildet. Die Stufe der Reflexion wird dieses Verhältnis im Detail vorführen.“ Die dritte Stufe stellt „einen Überhang“ dar und „gehört nicht in den strengen Gang der Wesenslogik“. (ebd., 122, 132) Dahingegen stellt Schmidt (1997a) so hervor: „Im ersten Kapitel des ersten Abschnittes hatte Hegel ganz allgemein den Unterschied des Wesens als ›Schein‹ (WL II, 2319-20) bestimmt, ein Ansatz, der bis zum Schluß der Wesenslogik seine Gültigkeit behält. Auch aus dieser Sicht ist die These Wölfles, das besagte Kapitel liefere nicht die logische Struktur des Wesens, sondern bestehe nur aus Übergangspartien, zu verwerfen. Die Entwicklung der Variablen Wesen und Schein kulminiert in dem Verhältnis von Substanz und Akzidens und letztlich in der Wechselwirkung.“ (ebd., 61 Anm. 82)

252  Enzy. I, § 89 Anm., S. 193f.

253  Enzy. § 114, S. 235

254  Th. Kesselring 1984, 105

255  Es ist dies der Titel von Th. Kesselring 1984

256  Vgl. H. Fink-Eitel 1978, 76: „Die Strategie zur Vermeidung des Zirkels also führt zu einem Trilemma: entweder es ergibt sich ein Zirkel ›höherer Ordnung‹, oder ein infiniter Regreß, oder die Logik ist durch schlechten Dezisionismus in der Setzung eines unqualifizierten Bestimmungsgrundes an ihrem begrifflosen Ende. Muß sich also das Wesen wie Münchhausen aus dem Sumpf seiner seinslogischen Genese am eigenen Schopfe herausziehen? Der Anfang der Wesenslogik ist die Thematisierung des Verhältnisses von Sein und Wesen vor dem Hintergrund dieses Problems.“ Zum ›Münchhausen-Trilemma‹ vgl. H. Albert 1984: Er stellt die drei Schwierigkeiten des allgemeinen Begründungsprinzips, die er ›Münchhausen-Trilemma‹ nennt: 1) ein infiniter Regreß, der sich aber als nicht durchführbar erweist, 2) ein logischer Zirkel, der ebenfalls zu keiner Begründung führen kann, und 3) ein Abbruch des Verfahrens an einem bestimmten Punkt, der sich zwar durchführen läßt, aber eine Suspendierung des Prinzips bedeuten würde, deren Willkür schwerlich bestritten werden kann. (ebd., 35)

257  H. Fink-Eitel 1978, 78

258  Hier ist „die selbstbezügliche Negation“ angelegt, denn „die Negation (die erste oder ›unmittelbare Negation‹) negiert sich“; „die Aufhebung (Negation [2]) der Negation [1] vollzieht sich durch die Negation [1] selbst.“ Das bedeutet: Die Negation, die negiert wird, bezieht sich auf sich selbst. „Doch ist im gegenwärtigen Entwicklungsstadium noch nicht wirklich erkennbar, daß die als doppelte Negation qualifizierte logische Struktur des Seins den Charakter der Selbstbezüglichkeit hat. Der Übergang vom Sein zum Wesen besteht mithin darin, die Bewegung des Sich-Aufhebens des Seins, die an sich selbstbezügliche Negativität ist, als solche zu setzen.“ (Chr. Iber 1990, 65)

259  Im ganzen Satze beschreibt Hegel hier so: „Der Satz, daß das Endliche ideell ist, macht den Idealismus aus. Der Idealismus der Philosophie besteht in nichts anderem als darin, das Endliche nicht als ein wahrhaft Seiendes anzuerkennen. Jede Philosophie ist wesentlich Idealismus oder hat denselben wenigstens zu ihrem Prinzip, und die Frage ist dann nur, inwiefern dasselbe wirklich durchgeführt ist.“

260  Hegel hat im Laufe seiner philosophischen Entwicklung zu dem Begriffe des Scheins „relativ spät“ (K. J. Schmidt 1997a, 24) gelangt. Das Verhältnis von Wesen und Schein, das in der Wesenslogik durch das Setzen des Wesens in den Schein thematisiert wird, vollzieht sich darin erst mit der absoluten Notwendigkeit oder dem absoluten Verhältnis: „Das Wesen als solches ist die Reflexion oder das Scheinen; das Wesen als absolutes Verhältnis aber ist der als Schein gesetzte Schein“ (WL II, 217) oder „das Scheinen ..., das als Schein gesetzt ist“ (WL II, 218). Das Scheinen bzw. Reflexion in sich sowie das Erscheinen machen die anfänglichen Stationen dieses Prozesses aus. Dabei zeigt sich die Erscheinung als „realer Schein, indem die Momente des Scheins Existenz haben“ (WL II, 149). Die Erscheinung ist zwar das „entwickelte Scheinen“ (Enzy. I, § 131, S. 261), aber noch nicht der als Schein gesetzte Schein. Diese Stufe wird durch das Manifestieren bzw. Wirklichwerden des Wesens erreicht. „Im Hinblick auf die ... Bedeutsamkeit des Scheins für die Explikation des Wesens sowie im Hinblick auf die von Wölfle (1994) in Frage gestellte Einheit der Wesenslogik ist es nicht unwichtig festzustellen, daß Hegel die Thematik der Selbstbestimmung des Wesens im Medium des Scheins oder des Scheinens bis zum Ende der Wesenslogik konsequent durchhält.“ (K. J. Schmidt 1997a, 32)

261  P. Rohs 1982³, 142

262  M. Theunissen (1980) vergleicht diese Übersetzung ohne Veränderung mit dem Begriff „Veranderung“ (ebd., 237ff.).

263  In diesem Sinne sagt Hegel: „Der Leibnizische, oder Kantische, Fichtesche Idealismus, wie andere Formen desselben, sind sowenig als der Skeptizismus über das Sein als Bestimmtheit, über diese Unmittelbarkeit hinausgekommen.“ (WL II, 20) In den Begriffen ›Schein des Skeptizismus‹ und ›Erschienung des Idealismus‹ thematisiert Hegel einen Widerspruch, der den im Verhältnisse von Wesentlichem und Unwesentlichem gegebenen Widerspruch vertieft, nämlich den Widerspruch zwischen Wesenlosigkeit und Wesensunabhängigkeit oder Bodenlosigkeit und Vorgegebenheit (vgl. WL II, 20-21), im allgemeinen Hegels Terminologie nach zwischen Negativität/Nichtigkeit und Unmittelbarkeit, mit denen hier der Begriff des ›Scheins‹ definiert wird. Mit den Gedanken, daß das Sein Schein ist und daß das Wesen erscheinen muß (WL II, 124) in das Sein, durch das es uns zugänglich ist, nämlich daß das Wesen und der Schein sich notwendig aufeinander beziehen, vollzieht Hegel die Überwindung sowohl der skeptischen Aphasie als auch der erkenntnistheoretischen Aporie im kritischen Idealismus. Damit gilt der skeptische Grundzug, den alle jene Positionen miteinander teilen, für Hegel als aufgehoben. Hegel nimmt das in ihnen hervorgehobene Moment des ›Negativen‹, des ›Scheins‹, produktiv auf und begreift es als ein wesentliches Moment des Wesens, in dem es sich aufhebt.

264  Vgl. M. Theunissen 1980, 347f.: „Das reine Momenthaftige begründet freilich nur die Reflektiertheit und nicht die Unmittelbarkeit. Was an der Unmittelbarkeit ›wahr‹ ist und nicht dem Schein der Wesensunabhängigkeit zugehört, vermag Hegel also auch hier nicht wirklich zu denken. Was er denkt, wenn er den Schein zu einem unmittelbaren Nichtdasein besonderer Art deklariert, ist im Grunde bereits die Reflektiertheit und allein die Reflektiertheit, deren eigene Reinheit er dann durch die Totalisierung des Differenzverhältnisses sichert. Mit dem Gedanken der reinen Reflektiertheit geht er aber nicht nur über die Daseinslogik hinaus, sondern ineins damit auch über den Punkt, an dem der erste Schritt (WL II,1931-202) auf dem Wege der Entschleierung des Scheins angelangt war. Denn als reine kann die Reflektiertheit letztlich nur die fundierende sein, die selber nicht fundiert ist. Der zweite Schritt (WL II, 202-7) ist also ein Fortschritt, sofern Hegel mit ihm, wiederum bildlich gesprochen, die Gesamtkonstellation aus der Horizontale in die Vertikale dreht.“

265  In diesem Grundlegungskapitel der Lehre vom Wesen gehören nach M. Theunissen die Bestimmungen ›das Unselbständige‹ und ›das Selbständige‹ zu einem ‚vorzeitigen Begriffe‘ an. „Die spätere These »das Wesen ist das Selbständige« (WL II, 22) läßt sich aus ihren Antezedentien im Text nicht ableiten; sie wirkt an Ort und Stelle proklamatorisch. Die Ursache hierfür wie auch für die Chronologie der Begriffe liegt darin, daß die Selbständigkeit des Wesens im Grunde erst aus dem Zusammenbruch der ›unwahren‹ Selbständigkeit der sog. ›selbständigen Reflexionsbestimmungen‹ hervorgeht; erst nach dem »Aufheben der sich an sich selbst widersprechenden Bestimmungen des Wesens« kann man von ihr vollverantwortlich reden, weil das Wesen erst hierdurch die »ausschließende Reflexionseinheit« wird, die seine Selbständigkeit definiert. (WL II, 68f., 85f.).“ (M. Theunissen 1980, 342)

266  D. Henrich 1978a, 241

267  Vgl. Chr. Iber 1990, 86: „Es liegt die Vermutung nahe, daß Hegel glaubt, mit dem geänderten Begriff des ›Nichtseins‹ dem Charakter der Nichtigkeit des zum Schein gewordenen Seins eher gerecht zu werden als mit dem Terminus ›Nichtdasein‹. Denn der Begriff des Nichtdaseins hat noch den Mangel einer dem Scheinbegriff unangemessenen Gegenstandssprache an sich.“

268  Diese zwei Aufgaben, die durch ‚ferner‘ bezeichnet sind, zeichnen sich durch die Unterscheidung von der „Identifikation von Schein und Wesen“ und der Aufhebung des „Bestimmtheitsverhältnis[ses] zwischen Schein und Wesen“ (D. Henrich 1978a, 242, 252) oder durch die Unterscheidung von ‚der Identität‘ und ‚dem wesensinternen Unterschiede von Schein und Wesen‘ (Chr. Iber 1990, 83f.). Zum methodischen Sinne von ›Zeigen‹ oder ›Aufzeigen‹ (WL II, 23) vgl. D. Henrich 1978a, 244: Die Eigentümlichkeit von Hegels Verfahren besteht in einem Aufweisen, statt eines Beweisens, das unter den Regeln deduktiver Ableitung steht.

269  K. J. Schmidt 1997a, 27f.

270  Um das ganze Verhältnis von Wesen und Schein zu erklären, mag meines Erachtens Henrichs These (1978a) über die ›Bedeutungsverschiebung‹ und ›Bedeutungsidentifikation‹ zwischen Unmittelbarkeit1 bzw. einfacher Unmittelbarkeit und Unmittelbarkeit2 bzw. reflektierter Unmittelbarkeit mit Theunissens These (1980) komplementiert werden, die so lautet: Um die Identifikation von Wesen und Schein zu behaupten, ist es auch notwendig, „den Negativitätsbegriff der eigentümlichen Operation zu unterziehen“ (ebd., 353), weil nicht nur die Unmittelbarkeit, sondern auch die Negativität die ›Bedeutungsverschiebung‹ erfährt. Damit meine ich, daß die verschiedenen Weisen der doppelten Negation, als die die Grundbestimmungen des Seins fungieren, die Selbstbezüglichkeit der absoluten Negativität des Wesens strukturieren.

271  Vgl. WL II, 1428-35, 157-11

272  M. Theunissen 1980, 357

273  Diese These beruht darauf: „Der Unterschied kann nicht weggelassen werden; denn er ist.“ (WL I, 123)

274  Vgl. P. Reisinger 1971, 254: „Wäre Negativität als solche neben dem Sein als solchem, dann wäre sie beziehungslos oder einseitig bezogen und nicht Momente. Es ist dies der schlecht durchdachte Standpunk aller Kombinationssysteme mit subjektiv-idealistischer oder realontologischer Priorität einer Komponente. Synkretistisch wäre im ersten Falle ›ein Schein des Seins am Wesen‹, im zweiten ›ein Schein des Wesens am Sein‹ vorhanden. Sein und Wesen lägen mit Akzentunterschieden nebeneinander da. Aber Sein ist im Wesen aufgehoben, denn Wesen ist. Seine Momente, Negativität und Unmittelbarkeit, sind deshalb Momente, weil Negativität ›Bestehen‹ hat, ›an sich seiende Negativität‹ ist, also selber ist, und weil Unmittelbarkeit ›Sein, aber als Moment‹, ›reflektierte Unmittelbarkeit‹ ist.“

275  Vgl. M. Theunissen 1980, 371: „Die Aufgehobenheit dieser Unselbständigkeit, wohlgemerkt verstanden als deren Nichtigkeit, ergibt sich vielmehr einzig und allein aus der Voraussetzung, das Wesen sei in vollkommener Autarkie alles in allem.“

276  Vgl. Chr. Iber 1990, 105: „Die identische Einheit des anfänglichen Wesens ist eine Einheitsform, die zwar Negativität und Unmittelbarkeit als unterschiedene Momente umgreift, aber so, daß diese in ihrer Unterschiedenheit nicht festgehalten werden können, so daß Hegel ganz zu Recht von einer identischen Einheit spricht. Die Entwicklung des Wesens ist nichts anderes als das Setzen dessen, was in dieser Einheit enthalten ist.“

277  D. Henrich 1978a, 237

278  Chr. Iber 1990, 108. Vgl. H. Fink-Eitel 1978, 84: „Der Schein ist innere Negation, dasjenige Negativsein der Unmittelbarkeit gegen die Negation, von dem gilt, daß die negierende und die negierte Negation dasselbe sind.“

279  L. Ellrich 1990, 71: „Gerade die nicht-substantialistische Reformulierung der ›Etwas-Anderes-Dialektik‹ im Scheinbegriff führt zur Figur einer internen Andersheitsbeziehung, d. h.: das ›etwas‹ zeigt sich als Anderes an sich selbst.“

280  Wenn der Titel des ersten Abschnitts der Seinslogik, der aus der Seins-, Daseins- und Fürsichseinslogik besteht, ›Bestimmtheit‹ lautet, bringen diese Ausdrücke ›absolutes Bestimmtsein‹ (WL I, 174), ›unendliche Bestimmtheit‹ und ›sich auf sich beziehende Negativität‹ (WL II, 23) die Wahrheit der Bestimmtheit zur Sprache. In diesem Sinne ist das Konzept ‚Schein‘ der wesenslogische Ort für die Rekonstruktion seinslogischer Bestimmtheit. Vgl. M. Theunissen 1980, 355: „Dabei muß man allerdings beachten, daß die Nichtigkeit von der Negativität bereits das in sich aufgenommen hat, was seinslogisch die ›Bestimmtheit als solche‹ war. Sie macht die gegenwärtige Bestimmtheit dieser Bestimmtheit aus. Hegel unternimmt in unserem Text den Versuch, die in der Seinslogik nicht oder nicht hinreichend vermittelten Bedeutungen des Negativitätsbegriffs auf ihren einheitlichen Grund zurückzuführen.“

281  P. Reisinger 1971, 256f.

282  Vgl. WL I, 390: „Es liegt in dem Maße bereits die Idee des Wesens, nämlich in der Unmittelbarkeit des Bestimmtseins identisch mit sich zu sein, so daß jene Unmittelbarkeit durch diese Identität-mit-sich zu einem Vermittelten herabgesetzt ist, wie diese ebenso nur durch diese Äußerlichkeit vermittelt, aber die Vermittlung mit sich ist, – die Reflexion, deren Bestimmungen sind, aber in diesem Sein schlechthin nur als Momente ihrer negativen Einheit.“

283  Enzy. I, § 114, S. 235

284  D. Henrich 1976, 219

285  Vgl. Chr. Iber 1990, 84 Anm. 17: „Ist das Bestimmtheitsverhältnis zwischen vom Schein und Wesen im Wesen selbst aufgehoben, so ist der Unterschied des Scheins vom Wesen im Wesen ebenso verschwunden wie er fortbesteht. Dann ist auch das Sein als Schein im Wesen sowohl aufgehoben als auch aufbewahrt. Das Sein ist nicht nur auf das Wesen reduziert, sondern es befindet sich auch in Differenz zu ihm in ihm, dem Wesen, das nunmehr das Ganze ist. Die Differenz zwischen Schein und Wesen ist dann eine solche, die nicht mehr zwischen einem und einem anderen Selbständigen besteht, sondern wesensintern ist: Das Sein ist Moment des Wesens.“

286  Enzy. I, § 114, S. 235

287  Vgl. Enzy. I, § 111 Zusatz, S. 229f.: „Im Wesen findet kein Übergehen mehr statt, sondern nur Beziehung. Die Form der Beziehung ist im Sein nur erst unsere Reflexion; im Wesen dagegen ist die Beziehung dessen eigene Bestimmung. Wenn das Etwas zu Anderem wird, so ist hiermit das Etwas verschwunden. Nicht so im Wesen; hier haben wir kein wahrhaft Anderes, sondern nur Verschiedenheit, Beziehung des Einen auf sein Anderes. Das Übergehen des Wesens ist also zugleich kein Übergehen; denn beim Übergehen des Verschiedenen in Verschiedenes verschwindet das Verschiedene nicht, sondern die Verschiedenen bleiben in ihrer Beziehung.“

288  Hegel Bd. 19, S. 153

289  Vgl. D. Henrich 1978a, 220: „Die Überzeugung, daß die Substanz-Subjek-Einheit den einigen Weltprozeß zu denken glaubt, orientiert ihre Analysen von Beginn an auf formalontologische Elementarverhältnisse von Selbstbeziehung und Gegensätzlichkeit. In der Analyse der Einheit von Sein und Nichts glaubte Hegel diese Einheit in ihrer elementarsten Form zu erkennen, die nicht mehr hintergangen werden kann und die somit den Ausgangspunkt für eine festbegründete logische Entwicklung setzt. ... Entspricht nämlich der ‚Substanz‘ die Einheit der Sichselbstgleichheit und dem ‚Subjekt‘ die Gegensätzlichkeit, so ist es Aufgabe der Dialektik, die Einheit der beiden, und das heißt nicht nur die Einheit von Gegensätzen, sondern vielmehr die Einheit von Einheit und Gegensätzlichkeit aufzuweisen.“

290  Vgl. Chr. Iber 1990, 123f. Anm. 5: „Das Werden gehört genau deshalb der Sphäre des Seins an, weil es als diese gedoppelte Bewegung des Entstehens und Vergehens das Übergehen entweder des Nichts in das Sein oder des Seins in das Nichts ist. Aufgrund dieser sich selbst aufhebenden ontologischen Dichotomie lassen sich Entstehen und Vergehen nicht in eine einheitliche, in sich gegenläufige Bewegung – eine Kreisbewegung – zusammenschließen.“

291  Vgl. K. J. Schmidt 1997b, 36f.: „In der Entwicklung des Seins der Seinslogik geht es um die Frage nach grundlegenden Bedingungen, die dafür verantwortlich sind, daß aus unbestimmtem unmittelbarem Sein das ›Andere‹ dieses Seins, also Dasein, Fürsichsein etc. hervorgeht. Um diese Frage zu beantworten, sei an einen der Grundsätze der Seinslogik, nämlich ›omnis determinatio est negatio‹ erinnert. ... Die Zusammenhänge dieser zwei heterogenen Komponenten – Bestimmtheit bzw. Negation einerseits und Sein andererseits – erweisen sich als ein zentrales Element der Konzeption der Seinslogik – ein Ansatz, der für Hegel so bedeutsam ist, daß er in ihm das ›zum Grunde liegende Wahre‹ (WL I, 118) erblickt. Die Heterogeneität der beiden Komponenten, Sein und Negation, ist es, die letztlich den Schlüssel für die Beantwortung der Frage, warum die Seinslogik von einer Dialektik des Übergehens beherrscht wird, liefert.“

292  P. Rohs 1982³, 128

293  D. Henrich 1978a, 263

294  A. Schubert 1985, 53

295  J. Simon 1978, 66f. Nach Simon ist weiter in Hegelscher Theorie des spekulativen Satzes (vgl. PdG, S. 57ff.) „der Grund der Bewegung des Begriffs“ „die wirkliche Bewegung des Satzes“, die wesentlich „eine Bewegung von Kategorie zu Kategorie“ ist. Diese Bewegung des Satzes ist als solche „die Reflexion, die den Unterschied von Subjekt und Prädikat als kategorialen Unterschied aufhebt und damit die Form des Urteils zerstört“. (J. Simon 1978, 72) Sie hebt somit diejenige Urteilstheorie auf, worin ein Urteil wie bei Kant „von einer einzelnen Kategorie als der Form der Synthesis der Begriffe dieses Urteils beherrscht“ wird. Die spekulative Bewegung des Satzes, in der „die kategoriale Bestimmung des Subjekts als eines Zugrundeliegenden“ negiert wird, erweist sich „als rein negativ und in nichts begründet außer im Wesen des Logos selbst, der sich seiner Natur nach von anfänglichen Bestimmungen, die er als Doxa aufnimmt, fortbewegt“ (ebd., 71) in die ›Objektivität‹.

296  A. Schubert (1985) versteht diese ‚Dialektik im Stillstand‘, die den Kern seines Strukturgedankens in Hegels Logik ausmacht, so: „Im Unterschied zur seinslogischen Bewegung bloßen Übergehens sowie zur sinnlichen Bewegung von einem Ort zum anderen in der Zeit stellt die diskursive Bewegung der (Wesens-)Logik gewissermaßen eine Dialektik im Stillstand dar, um einmal den genialen Ausdruck Benjamins zu gebrauchen; eben jene Einheit von System und Bewegtheit, welche der Diskurs ist. Es ist jene Bewegung, die sich, um sich zu bestimmen, als Bewegung negiert, und nur durch diese Negation ihrer selbst überhaupt Bewegung ist. – Es gibt keine Bewegung, die nicht notwendig Stillstand impliziert, sowenig es einen Stillstand gibt, der nicht aufgehobene (im emphatischen Sinne!) Bewegung wäre.“ (ebd., 172f.)

297  Chr. Iber 1990, 119 Anm. 47, 243f.

298  M. Theunissen 1980, 457. Nach Theunissen vermag Hegel zwar davon zu überzeugen, daß die durch die Negation entstandene Unmittelbarkeit nicht mehr „als Vorgegebenheit“ auftritt, weil sie zugleich als absolute Negativität „den totalen Gegensatz zur Positivität“ bildet. Aber mit dem Verschwinden der Vorgegebenheit „entschwindet“ auch bei Hegel „die Unmittelbarkeit selber“. (ebd., 377) Somit stellt Theunissen fest: „Nicht Hegel hat recht, sondern der seit Kierkegaard anhaltende, am leidenschaftlichsten von Adorno vorgetragene Protest gegen die an uns ergehende Zumutung, die Selbstnegierung der autonomen Negation als Affirmation denken zu sollen“, „da es unter der Voraussetzung der schlechthinnigen Ursprünglichkeit von Verneinung nichts gibt, das durch die Verneinung dieser Verneinung bejaht würde“. (ebd., 378) Also nach ihm kann die Frage nach der Gültigkeit der reflexionslogischen Rekonstruktion der Unmittelbarkeit bei Hegel nur „als quaestio facti“ beantwortet werden, aber nicht „als quaestio iuris“. (ebd., 377) „Das Dictum: ›dies, die Negation eines Nichts zu sein, macht das Sein aus‹ ist und bleibt ein Dogma.“ (ebd., 378)

299  Z. B. ist nach W. Flach (1959) Hegels spekulative Reflexion die „Reflexion auf den Sinn des Begriffs Sein“ im Kontrast zur ›abstrakten‹ Reflexion der traditionellen Logik und Hegels spekulative Logik ist im Gegensatz zur traditionellen Logik nicht „Logik des ›toten Seins‹“, sondern „Logik des ›lebendigen Seins‹“, worin das Sein nach seinem Wahrheitsanspruch durch und durch reflexionsanalytisch bestimmt wird und nicht einfach „von den positiven Wissenschaften“ übernommen, sondern „aus der Negativität der konstitutiv-logischen Ordnung“ (ebd., 67) „der Sinn des Seins und selbst noch die Faktizität und Transzendenz des Seins“ deduziert wird. (ebd., 63f.)

300  Vgl. M. Theunissen 1980, 377: „Erstmals an dieser Stelle und in ihrem Kontext, also am Anfang von C, begegnet uns die reine Negativität als die ›autonome Negation‹, die Henrich in ihr erblickt. ... Ich möchte die These aufstellen, daß dies deshalb der Fall ist, weil hier und in der Umgebung erstmals auch der (leitende) Negationsbegriff die Bedeutung von Verneinung annimmt. Sein Wandel und die umrissene Verwandlung des Begriffs ›Schein‹ gehören zusammen, und zwar als Aspekte einer und derselben Umwälzung der Theorie. Der Ontologisierung des verschleiernden Scheins entspricht die Umdeutung der Negation zu einer ›ontologisierten Aussageform‹ (Henrich). ... Erst jetzt nämlich spricht er – nicht nur an der zitierten Stelle, sondern auch direkt vorher und nachher (WL II, 24, 25) – von ›Negieren‹. Die von ihm sonst gemeinte Negation und das Negieren muß man scharf auseinanderhalten, und ich zögere nicht zu behaupten, daß die zum Negieren im Sinne des Verneinens deklarierte eine alterierte Negation ist.“

301  W. Hübener 1975b, 481

302  H. Kimmerle 1986, 267: „Man kann das Resultat dieser Bewegung auch so zusammenfassen: keine der Bestimmungen des Seins läßt sich festhalten als gültiger Ausdruck der Selbsterfassung des Denkens. Stets ist es notwendig, den Übergang zu einer anderen entgegengesetzten und von dieser zu einer weiteren höherstufigen Bestimmung zu vollziehen. Was Hegel hier auf den Begriff bringt, ist der Ausdruck einer in Bewegung gekommenen Wirklichkeit, dynamischer geschichtlicher Verhältnisse, die in einem statischen Ordnungssystem nicht mehr auf befriedigende Weise logisch erfaßt werden können. Der Versuch des Denkens, sich im Durchlaufen seiner einzelnen Bestimmungen selbst zu begreifen, den Hegel unternimmt, führt schließlich dazu, daß er scheitert. Er endet in der absoluten Bestimmungslosigkeit, die als einzige Wahrheit das Fortgetriebenwerden von einer Bestimmung zur anderen übrig behält. Diese Erfahrung des Denkens jedoch, die Bewegung des Übergehens, die alle bestimmten Bestimmungen vernichtet, läßt sich zum Ausgangspunkt eines neuen Versuchs der Selbsterfassung des Denkens machen. Die damit eingenommene, prinzipiell über die einfachen, festzuhaltenden Bestimmungen hinausliegende Position der Selbstvergewisserung des Denkens nennt Hegel dann das Wesen. Den methodischen Schritt des Übergangs vom Sein zum Wesen, der etwas anderes ist als der Übergang von einer Seinsbestimmung zur anderen, untersucht Hegel als Reflexion des Denkens in sich selbst.“

303  Vgl. Enzy. I, § 114, S. 235

304  H. Schmitz 1992, 246

305  Vgl. J. Behrens u. W. Kant 1979, 176: „War die logische Stufe des Seins dadurch zu kennzeichnen, daß dort Momente in ihrer Verselbständigung, als ›Bezogene ohne Beziehung‹ auftraten, so ist in den Ausgangskapiteln der Wesenslogik – laut Hegel – eigentlich nur noch von ›Beziehung ohne Bezogene‹ zu sprechen. Wenn er am Ende des Grundkapitels meint, alle Bedingungen einer Sache versammelt zu haben, damit diese in die Existenz treten könne, so wird man davon ausgehen dürfen, daß im Anfang Beziehungen als Bedingungen der Art und Weise entwickelt werden, wie künftig Bezogene notwendig in ihrem Zusammenhang gedacht werden müssen. ... [Reflexion] gliedert sich in die absolute, wobei die Analyse ihrer Bewegungsformen in der setzenden, äußeren und bestimmenden Reflexion gewissermaßen die ontologische Valenz des Wesensbegriffs definiert, während die reine Reflexion in der Entwicklung ihrer Bestimmungen als Bedingungen, Beziehungen zu denken, gewissermaßen – d. h. ohne daß damit philosophiegeschichtlich inventarisiert werden soll – die transzendentallogische wesenslogische Kategorialität charakterisiert. Dieser Aufbau ist nicht ohne Bezug zur Seinslogik“.

306  K. Düsing 1984², 215. Indem Düsing Hegels spekulative Logik als Theorie ‚der absoluten Subjektivität‘, besonders ‚der Syllogistik‘ (ders. 1986) interpretiert, will er hier trotzdem zeigen „daß die Bewegung und Struktur, die Hegel in der Logik mit ›Reflexion‹ bezeichnet, in sachlicher und methodischer Hinsicht zwar als Basis, aber auch nur als ein Moment des höherstufigen Relationengeflechts des Sich-Denkens der Subjektivität zu verstehen ist.“ (ders. 1984², 214)

307  Chr. Iber 1990, 140

308  Chr. Iber 1990, 129. Nach Iber konstituiert sich der spezifisch Hegelsche Begriff der Reflexion „im Rahmen eines ontologiekritischen Begriffs von Negativität“ (ebd., 135). „Mit der Selbstnegation der endlichen Relate hebt sich für Hegel die faktische Verstandeskorrelation fixer Relate einerseits und fixer Relationen andererseits in ein in sich bewegtes System absoluter Relationalität auf und ist nunmehr aus diesem zu interpretieren. Hegels Begriff der absoluten Reflexion als reiner Beziehung ohne Bezogene, als absoluter Relationalität, ist Kritik des verstandesmäßigen Denkens, in welchem die realen Momente fixe Relate in ebenso fixen Relationen bilden. Sein Begriff des Absoluten ergibt sich aus einer Transformation der ontologisch fundierten Verstandesrelationalität in absolute Relationalität, die kein Sein zugrunde liegen hat. Der Begriff der Relation fällt also bei Hegel im Absoluten nicht völlig weg wie bei Schelling, er nimmt nur einen anderen Sinn an: Das ontologisch fundierte fixe Relationssystem des Verstandes wird zu einem in sich bewegten Relationssystem der Vernunft, das die fixen Verstandesbestimmungen verflüssigt und in einen systematischen Zusammenhang bringt, indem es sie als Bestimmungen konstituiert, statt sie als unmittelbar gegebene zu nehmen.“ (ebd., 140f.) Diese in der Wesenslogik begründete Metaphysik absoluter Relationalität wird in der Begriffslogik zur „Systemtheorie, die die Bestimmungen der Wirklichkeit in ihrer organischen Ganzheit entwickelt“ (ebd., 20).

309  Vgl. K. J. Schmidt 1997b, 40, 47: „Diese ›Natur der Reflexion‹ sprengt die Dialektik der Seinslogik. Für diesen gespiegelten Vorgang wählt Hegel nicht mehr den Ausdruck Scheinen in sich, wie dies bei der absoluten Reflexion geschah, sondern den des Scheinens in Anderes, auch wenn dieser Ausdruck in der Wesenslogik explizit erst bei der bestimmten Verschiedenheit auftritt. Gerade mit der Dialektik des Scheinens in Anderes setzt sich Hegel von der Dialektik der Seinslogik ab. Das Scheinen in Anderes liegt dann vor, wenn der Gegensatz, der sich bereits bei der absoluten Reflexion als der Widerspruch, ›sie selbst und nicht sie selbst‹ (WL II, 25) zu sein, abkündigte, die Gestalt von Momenten annimmt, von denen jedes selbst schon das Ganze ausmacht. Sein eigentliches Niveau erreicht das Scheinen in Anderes mit dem Positiven und Negativen“. In der ›Wirklichkeit‹ ist „der Brennpunkt der Wissenschaft der Logik erreicht, an dem Seins- und Wesenslogik in eigentlicher Weise zusammenlaufen“.

310  H. Fink-Eitel 1978, 85

311  H. Fink-Eitel 1978, 236 Anm. 17. Das Wesen als Reflexion verschärft nach Fink-Eitel sogar noch „die ›Entzweiung‹ von Unmittelbarkeit und Bestimmtheit gegeneinander der der Seinslogik, die in dem Schein einer Selbständigkeit von beidem gegeneinander begründet lag“. Aber es ist „keine autonome Negation“, sondern „ein Selbständiges, das abhängig ist von seinem Anderen, eine Selbstbeziehung, die in sich eine Sich-Äußerlichkeit impliziert“. (ebd., 236 Anm. 17) Die wesenslogische, selbstbezügliche Negation verändert die logischen Beziehungsweisen von Unmittelbarkeit und Bestimmtheit, indem sie gleichsam dazwischen „eine logische Bestimmungstotalität“ herstellt. „Was etwas ist, ist nur noch im Horizont der Negation als solcher angebbar, dergestalt, daß auch sein Dassein noch davon dependiert.“ (ebd., 151)

312  Enzy. I, § 114, S. 235

313  D. Henrich 1967a, 93f. Anm. 25

314  Vgl. R. Wiehl 1978, 106 Anm. 26: „So wird die Form der Selbstbeziehung von Hegel als Prozeß der Reflexion, genauer als ein ›Scheinen‹ gekennzeichnet, ein Prozeß, an dem sich Selbstidentifikation und Selbstunterscheidung als prozessuale Aspekte unterscheiden lassen. Umgekehrt ist der Prozeß als solcher durch die Bestimmung gekennzeichnet, ›das Unterschiedene identisch zu setzen, es zu indifferenzieren, und das Identische zu differenzieren, es zu begeisten und zu scheiden‹ (Enzy. II, § 326, S. 288).“

315  Vgl. H. Marcuse 1975³, 85: „Erst die Fassung des Wesens als ›Selbstbewegung‹ und die Einigung der Dimensionen des Wesens und ›Daseins‹ in der Ganzheit eines Bewegungszusammenhanges (primär durch die Kategorien ›Erinnerung‹, ›Voraussetzung‹ und ›Setzung‹ charakterisiert) macht das in der ›Logik‹ entfaltete Geschehen des Seienden verständlich: wie das Seiende aus dem ›Dasein‹ in das ›Wesen‹ und aus dem ›Wesen‹ in die ›Existenz‹ usw. ›übergehen‹ kann, ohne daß diese Übergänge nacheinander am identisch verharrenden Seienden selbst eintreten, sondern gleichsam in der höheren Gleichzeitigkeit eines sie alle umfassenden Bewegungszusammenhanges gehalten werden. Während das Seiende unmittelbar da ist, erinnert es sich zum Wesen; während es in sich reflektiert ist, bleibt es unmittelbar da-seiend; während es aus dem Wesen in die ›Existenz‹ heraustritt, hört es nicht auf, in der Zweidimensionalität von Dasein und Wesen zu sein. – In diesem Sachverhalt gründet die eigentümliche Nicht-Zeitlichkeit des Geschehens der ›Logik‹, ... Die Bestimmungen des Wesens als ›Identität‹ und ›Grund‹ sind eigentlich in dieser Charakteristik der Reflexion als der Bewegtheit des Wesens schon angelegt und werden jetzt nur aus ihr expliziert.“

316  P. Reisinger 1971, 264

317  J. Behrens u. W. Kant 1979, 183

318  D. Henrich 1978a, 320

319  Vgl. W. Jaeschke 1978, 110: „Ihr (sc. wesenslogischer Reflexion) gegenüber formulieren die seinslogischen Kategorien elementare Verhältnisse der Beziehung auf sich und Beziehung auf anderes, an denen die im Reflexionsbegriff gedachte Vermittlung noch nicht gesetzt ist. Entscheidend für das Verständnis des wesenslogischen Reflexionsbegriffs ist, daß er als Besonderung der umfassenden, gegenüber der Unterscheidung der Teile der Logik und sogar der Trennung von Logik und Metaphysik gleichgültigen internen Reflexion gefaßt wird. Auch die gelegentliche Rede von Reflexion in der Seinslogik muß von diesem frühen, nicht vom wesenslogischen Reflexionsbegriff her verstanden werden. Daß diese Struktur über die Logik und Metaphysik des Systementwurfs II hinaus einer weitgreifenden Differenzierung in setzende, äußere und bestimmende Reflexion bedarf und aufgrund eines entwickelteren Negationsbegriffs auch fähig ist und dennoch zur noch komplexeren Begriffsstruktur weitertreibt, hat Hegel zu Beginn der Wesenslogik gezeigt.“

320  M. Theunissen 1980, 358

321  H. Schmitz 1992, 105f.: „Das Entscheidende ist die Zweideutigkeit abgesonderter und übergreifender Einheit des Wesens, es selbst und über sich hinaus zu sein. Damit kommt es der Aufhebung in eine gegenüberstehende Bestimmung – dem Schicksal der Terme des Seins – zuvor, indem es sich von vorn herein in diese oder über sie erstreckt und nicht als schlichtes Gegenteil zu fassen ist; in diesem Sinn sind die Terme des Wesens selbständig und gleichgültig, weil sie immer auf beiden Seiten eines Gegensatzes stehen, so, daß diese beiden Seiten symmetrisch in einander greifen und sich mit dem Hervorgang aus sich durch Spiegelung von der Gegenseite die Rückkehr in sich, die Reflexion, ergibt. Die Rückkehr in sich ist zugleich ein Sichabstoßen von sich, weil die Zweideutigkeit den absoluten Unterschied seiner von sich selbst überholt und in der Rückkehr einholt; die Einheit, die sich damit ergibt, ist negativ, weil durch den Unterschied von sich gebrochen, und in zweideutiger Weise ebenso die Einheit des Wesens als des Kreislaufs der Reflexion wie die Zweiheit Selbständiger, die in Einheit mit einander sind.“

322  Das horizontale und das vertikale Verhältnis sind nach G. M. Wölfle (1994) in der für den Begriff des Wesens geltenden Struktur „gleichursprünglich“, und „nachdem die horizontale und vertikale Beziehung zunächst für sich selbst ihrer logischen Struktur nach durchleuchtet worden sind, sind nunmehr beide Beziehungen als Totalität einer Vermittlung zu formulieren. Dieses Vermittlungsgefüge stellt sich als Selbstsetzung einer sich als Widerspruch formulierenden Form-Inhalt-Totalität dar.“ (ebd., 133, 145) Diese Struktur ist bei ihm als Maßstab für seine modallogische Korrektur der Wesenslogik unterstellt.

323  W. Jaeschke 1978, 117

324  Z. B. das Sein als solches ist bei Kant „ein transzendentales Objekt“; dies ist „ein Etwas = x, wovon wir gar nichts wissen, noch überhaupt ... wissen können, sondern, welches nur als ein Correlatum der Einheit der Apperzeption zur Einheit des Mannigfaltigen in der sinnlichen Anschauung dienen kann“. (I. Kant, KdrV, A 251) Während die Kategorie ‚der Begriff eines Gegenstandes überhaupt‘ ist, durch den die Anschauung dieses Gegenstandes in Ansehung ‚einer‘ logischen Urteilsfunktionen als ‚bestimmt‘ angesehen wird, läßt sich der Gegenstand überhaupt als transzendentales Objekt seiner Bestimmung keine auf ihn eingehende Reflexion abfordern. Nach Hegel „erweitert“ die kritische Philosophie damit den Gegensatz von Kategorie und Anschauung in den „Gegensatz von Subjektivität und Objektivität überhaupt“. (Enzy. I, § 41, S. 113)

325  J. Behrens u. W. Kant 1979, 184

326  J. Behrens u. W. Kant 1979, 174f.

327  J. Behrens u. W. Kant 1979, 184

328  J. Behrens u. W. Kant 1979, 185

329  Enzy. I, § 114, S. 235

330  K. Brinkmann 1990, 133

331  M. Wolff 1986a, 107f.

332  M. Wolff 1986a, 108

333  A. Arndt 1994, 218

334  Vgl. Enzy. I, § 119 Zusatz 2, S. 247: „Was überhaupt die Welt bewegt, das ist der Widerspruch, und es ist lächerlich zu sagen, der Widerspruch lasse sich nicht denken. Das Richtige in dieser Behauptung ist nur dies, daß es beim Widerspruch nicht sein Bewenden haben kann und daß derselbe sich durch sich selbst aufhebt.“ So ganz und gar positiv der Widerspruch für Hegel verstanden ist, ist jedoch zu sagen, daß auch für ihn er als Kennzeichen der fehlgehenden Denkweisen gilt; sonst hätte Hegel kaum anderen Theorien in kritischer Absicht Widersprüche nachzuweisen versucht. Chr. Iber faßt Hegels Auffassung vom Widerspruchsprinzip so auf dreierlei Weise zusammen: „1. Er akzeptiert nur die argumentationslogische Version des Widerspruchsprinzips, wonach eine Kategorie oder Theorie defizitär oder falsch ist, wenn sie einen unaufgelösten Widerspruch enthält. 2. Gegenstand der Kritik ist dagegen die Verstandeskonzeption des Widerspruchsprinzips, wonach synthetische Sätze der Form ›A und Nicht-A‹ prinzipiell falsch sind. Denkbar sind nach Hegel konsistente Verbindungen der Form ›A und Nicht-A‹ derart, daß daraus nicht mehr die isolierten Bestimmungen ›A‹ und ›Nicht-A‹ hergeleitet werden können. 3. Um einseitige, isolierte Bestimmungen ihrer Unwahrheit überführen zu können, muß Hegel drittens den ontologischen (und zwar nur substanzontologischen – v. Vf.) Satz des Widerspruchs ablehnen, wonach es nichts gibt, was sich widerspricht.“ (ders. 2000, 27 Am. 15) Und er zeigt auf, „daß der argumentationslogische Satz des Widerspruchs insofern die Falschheit der ontologischen Fassung des Widerspruchssatzes voraussetzt, als er nur indirekt – über den Widerspruch in seiner Negation – bewiesen werden kann. Das aber bedeutet, er kann nur darüber bewiesen werden, daß dargelegt wird, daß der Widerspruch aufgrund seiner logischen Struktur an und für sich etwas Unhaltbares ist.“ (ders. 1990, 449 Anm. 3) Zur Differenz zwischen argumentationslogischer und ontologischer Fassung des Satzes vom Widerspruch vgl. auch V. Hösle 1988, 156ff., 161ff.

335  Das Verhältnis, das der formallogische Widerspruch zum Widerspruche Hegels hat, ist in den Sekundärliteraturen über Hegels Logik von so verschiedenen Standpunkten aus interpretiert worden. Um dies Verhältnis von beiden noch verständlich zu machen, werden hier einige Standpunkte informiert. Nach C. R. V. Cirne-Lima (1997) heißt der Satz des zu vermeidenden Widerspruchs „nicht, daß Widersprüche unmöglich sind, sondern bloß, daß Widersprüche nicht sein sollen“. Er drückt also nicht „das Müssen“, sondern „das Sollen“ aus; er ist „ein deontischer Modaloperator“. (ebd., 79f.) Dieser Sollsatz bedeutet „dreierlei“. Erstens: „Der allgemeine Sinn: das Prinzip des zu vermeidenden Widerspruchs besagt, daß es keine Widersprüche geben soll, selbst wenn es sie manchmal de facto gibt: dies ist der allumfassende und der allgemein gültige Sinn vom Widerspruchssatz.“ Wer dies bestreitet und den Satz des Widerspruchs negiert, negiert „die Rationalität des Diskurses“. Wenn jedoch im Diskurs noch faktische Widersprüche gegeben werden, dann kommen „die im Prinzip des zu vermeidenden Widerspruchs leider nur implizit enthaltenen Subprinzipien“ zur Anwendung, die allein nicht eine allumfassende und allgemeingültige Geltung haben. Zweitens: Das erste Subprinzip heißt „die Annullierung eines der beiden Gegensatzpole“, wenn einer Pol davon „wahr“ und der andere „falsch“ ist. In diesem Subprinzip wurzelt all das, was „Analytik“ genannt wird. Diese Annullierung geschieht gemäß „den Regeln des ›Quadratum logicum‹“ wie folgt. (ebd., 80) Wenn zwei entgegengesetzte Sätze „in kontradiktorischer Entgegensetzung zueinander“ stehen, lautet dazu die erste Regel: Sie können „nicht gleichzeitig wahr“ und auch „nicht gleichzeitig falsch“ sein; wenn einer wahr ist, dann ist der andere „immer und notwendigerweise“ falsch. (ebd., 80f.) Wenn aber sie auch „in konträrer Entgegensetzung zueinander“ stehen, dann folgen sie zunächst nach der ersten Regel. Wenn man jedoch von der Falschheit des einen Satzes „nicht“ auf die Wahrheit des ihm konträr entgegengesetzten schließen kann, was die zweite Regel lautet, können sie „nicht gleichzeitig wahr“ sein, aber sie können „gleichzeitig falsch“ sein. Drittens: Wenn beide Sätze gleichzeitig falsch sind und man jedoch weiter kommen will, dann kommt dazu die zweite Subprinzip des Widerspruchssatzes, das „die Anbringung der nötigen Unterscheidungen“ heißt. Dieses Subprinzip enthält „eine für die prozessuale Bewegung des Denkens wichtige Anwendung, die wie folgt formuliert werden: Wenn sowohl Spruch wie auch Widerspruch falsch sind ..., dann soll man verschiedene Rücksichten des Subjekts unterscheiden“. „Durch diese für die Verarbeitung und die Überwindung des Widerspruchs nötigte Unterscheidung von verschiedenen Rücksichten wird das Subjekt der Prädikation verdoppelt“, was im Mittelalter „propositio explicativa“ oder „propositio reduplicativa“ genannt worden ist. Dieses zweite Subprinzip ist „die Grundlage jeder Dialektik“. (ebd., 81) Aufgrund der Verdopplung des Subjekts wird von ein und demselben Subjekt in verschiedenen Rücksichten dasselbe Prädikat ausgesagt und nicht ausgesagt, und zwar in der prozessualen Bewegung des Denkens, die in der Tradition als „modus procedendi“ allgemein bekannt und auch überall gebraucht worden ist. Hier reichen „Analytik und Dialektik“ sich die Hand. Die Analytik macht „die nötigen Unterscheidungen“, aber sie betont dabei nicht „die Einheit des ursprünglichen logischen Subjekts“, sondern „die Verschiedenheit der erarbeiteten Rücksichten“. Dagegen betont die Dialektik „die Einheit des logischen Subjekts“ und auch „den Gegensatz der konträren Pole, ohne aber die Unterscheidung von Rücksichten zu thematisieren und logisch in der expliziten Verdopplung zu stellen“. (ebd., 82) „In den letzten hundert Jahren ist die Analytik in dieser Hinsicht, da sie das logische Subjekt immer nur als etwas bis ins letzte Bestimmtes einfach voraussetzt, noch kurzsichtiger geworden. Analytische Logik in der Gegenwart ignoriert die Tatsache, daß das logische Subjekt sehr oft weiterer Bestimmung bedarf, daß das Subjekt also durch die Erarbeitung von neuen Rücksichten genauer präzisiert werden muß. Dieses logische Subjekt in der Bewegung des Werdens, im Prozeß der weiteren präzisierenden Bestimmung, das im Mittelalter selbstverständlich war, ist leider heute unbekannt. Damit ist auch das Bindeglied zwischen Analytik und Dialektik verlorengegangen.“ Konträre Propositionen können zwar nicht gleichzeitig wahr, können aber wohl gleichzeitig falsch sein. Genau hier liegt der logische Raum der Dialektik. Dialektik ist also „das Spiel der konträren Gegensätze“, nicht „das Spiel zwischen zwei kontradiktorischen Gegensatzpolen“. (ebd., 83) Nach I. S. Narski (1986) verbietet der Satz des zu vermeidenden Widerspruchs so nur die analytischen „formallogischen Widersprüche“ (ebd., 179), die gemäß dem formallogischen Kalküls – sei es zweiwertig oder mehrwertig – falsch sind. Daher negiert er „die dialektischen Widersprüche nicht und gerät mit dem Gesetz des allgemeinen dialektischen Widerspruchs deshalb nicht in Konflikt“. „Die dialektischen Widersprüche beruhen auf der Wirkung spezifischer dialektischer Negationen, welche sich von gewöhnlichen kontradiktorischen und konträren Negationen unterscheiden und sehr variable, veränderliche, konträre Widersprüche sui Generis darstellen.“ (ebd., 181) So sagt Narski, daß „das Gesetz vom ausgeschlossenen Widerspruch und das Gesetz der Dialektik, welches die allgemeine Widersprüchlichkeit (Einheit und Kampf der Gegensätze) der Dinge, Prozesse und Erscheinungen besagt, über verschiedene Dinge Aussagen machen“. (ebd., 188) Diesen Versuch, den formallogischen und den dialektischen Widerspruch zu unterscheiden, übernimmt H. Schmitz (1992), aber in einer anderen Weise. Nach ihm überspielt das dialektische Denken im Still Hegels den Satz vom Widerspruch, weil es gar nicht mehr für „Sätze“, sondern nur für „gleitende Übergänge von Satzsinn zu Satzsinn“ Wahrheit in Anspruch nimmt, worin der Widerspruch als Motor dient. Der Satz des zu vermeidenden Widerspruchs regelt nur „das Denken in Sätzen“, aber nicht „das Satzsinngleiten“ (ebd., 7); „der Satz des Widerspruchs streitet ja nur Sätzen des Typs A und nicht A (für beliebige Sätze A) die Wahrheit ab, die Hegel solchen Sätzen keineswegs zugestehet, da er sie vielmehr einer Satzsinne durchlaufenden dialektischen Bewegung vorbehält.“ (ebd., 13) „Hegels ursprüngliche dialektische Tat ist daher eine Umbestimmung des Substrats der Wahrheit: Nicht mehr Sätzen oder Satzsinnen (Sachverhalten) wird Wahrheit zugetraut, sondern geregelten Übergängen zwischen Satzsinnen.“ (ebd., 7) Wahr ist für Hegel nicht mehr ein Satz, sondern „ein Satzsinngleiten, das durch seine integrierende Dynamik alle Einseitigkeiten möglicher Behauptungen zusammenwachsen läßt zu einem Ganzen, das auf diese Weise als Prozeß allseitig und konkret ist“. „Auf diesem spezifischen Wahrheitsverständnis beruht Hegels Sonderstellung in der Geschichte der Dialektik und die von ihm eröffnete einmalige Aussicht, durch Dialektik eine allumfassende philosophische Systematik garantieren zu können“, was Schmitz allein als ‚Scheitern‘ prognostiziert. (ebd., 8) So muß nach Schmitz „eine formallogische Interpretation der Logik Hegels“ z. B. wie bei V. Hösle scheitern, aber nicht deshalb, „weil Hegel Sätze der konventionellen Logik (mehr als verbal, auch der Sache nach) nicht gelten ließe“, sondern deshalb, „weil er das Substrat der Wahrheit so anders bestimmt, daß er, wenn er etwas Wahres sagen will, in einem so völlig anderen Element als dem von der formalen Logik vorausgesetzten (dem Element von Sätzen und Satzformen mit abgeschlossenem Sinn) arbeitet, daß es gar keine Gelegenheit zur Ausgleichung der Ansprüche beider Seiten gibt“ (ebd., 20). Daher hält Schmitz „neuere Versuche“, nichtklassische Logiken mit mindestens drei Wahrheitswerten, z. B. parakonsistente Logik, zum Verständnis der dialektischen Denkform Hegels zu nützen, auch „für aussichtslos“. (ebd., 13) „Das Konsequenzprinzip der Dialektik Hegels und das der formalen Logik sind so verschieden, daß der Versuch, die andere Seite am Maßstab der eigenen zu prüfen, aussichtslos ist.“ „Unberührt davon aber hält sich Hegel, wo er argumentiert, mit unbefangener Selbstverständlichkeit an die Regeln der konventionellen, zweiwertigen Logik, wenigstens der Intention nach, aber geleitet von der Überzeugung, daß sie ein in sich widerspruchsvolles System ist, dessen Widersprüchlichkeit nur die Anderen nicht durchschauen, während er sie sich für ein Denken mit völlig neuem Typ von Konsequenz zunutze macht; im Zeichen dieser komplizierten Stellungnahme ist es kein Verstoß gegen die Folgerichtigkeit, daß Hegel sich zum Widerspruch bekennt und dennoch Anderen ihre Widersprüche vorhält.“ (ebd., 25) W. K. Essler (1986) definiert in der topologischen Hinsicht die Dialektik als „Theorie des strategischen Vorgehens“ (ebd., 207), die „das Ziel der Entwicklung und Strukturierung der Ontologie“ (ebd., 206) anvisiert. Und er hält die Programme der intuitionistischen Logik (Brouwer), die z. B. etwa für mathematische Grundforschung auf eine ontologisch voraussetzungsarme Theorie des Argumentierens abzielt, und der anti-intuitionistischen bzw. parakonsistenten Logik (Lukasiewicz, da Costa, Routley) – diese beiden Logiken, die Hegel noch nicht erkannt blieben, wollen hinter die Formel der klassischen (zweiwertigen) Logik eingehen – für unzulänglich, Hegels Dialektik zu formulieren.

336  Wie M. Wolff zeigt, unterscheidet Kant drei Arten von Opposition, nämlich die logisch-analytische, die reale und die dialektische Opposition (vgl. ders. 1981, 39ff.). Nach Wolff stellt Kants Theorie der dialektischen Opposition für „Hegels Lehre vom Widerspruch“ „eine Vorstufe in bestimmter Hinsicht“ dar; sie „entzieht der traditionellen (in der herkömmlichen Schullogik üblichen) Unterscheidungsweise zwischen den sogenannten ›konträren‹ und ›kontradiktorischen Begriffen‹ den Boden“. Und Kants Theorie der realen Opposition bereitet „den für Hegels Lehre vom Widerspruch grundlegenden Begriff der Negativität“ vor. „Was nämlich beide Theorien vereint, ist, daß sie gleichermaßen von der Einsicht ausgehen, daß die (arithmetische) Negativität auf die (logische) Negation nicht zurückführbar ist.“ Kant und Hegel versuchen, „den Unterschied zwischen Negation und Negativität begrifflich zu explizieren“. (ders. 1986a, 115) Hegels Begriff des Widerspruchs resultiert so nicht aus „einer Unklarheit über den Unterschied zwischen realer, dialektischer und analytischer Oppositionen“, sondern ist ganz im Gegenteil „eine Konsequenz der kritischen Beurteilung dieses Unterschiedes“. (ders. 1979, 340)

337  M. Wolff 1979, 346

338  Der Satz vom ausgeschossenen Widerspruch fungiert nach M. Wolff für Platon und Aristoteles als Aussagens- bzw. „Handlungsprinzip“ (ders. 1986a, 112). So lauten die klassischen Formulierungen, die sie ihm geben: „Offenbar ist ..., daß dasselbe nie zu gleicher Zeit Entgegengesetztes tun und leiden wird, wenigstens nicht in demselben Sinne genommen und in Beziehung auf eines und dasselbe“ (Platon, Politeia, 436b), und „daß nämlich dasselbe demselben in derselben Beziehung ... unmöglich zugleich zukommen und nicht zukommen kann“. Das ist „das sicherste unter allen Prinzipien“. (Aristoteles, Metaphysik, 1005b). Eine davon abweichende Formulierung liegt vor, wenn Kant behauptet, der Satz des Widerspruchs besage: „Keinem Dinge kommt ein Prädikat zu, welches ihm widerspricht.“ (Kant, KdrV, A 151, B 190) Hier sieht Wolff, daß Kant sich an einem anderen paradigmatischen Sprachgebrauch orientiert als jene; Kant hat offenbar „den Widerspruch“ vor Augen, „der zwischen einer Aussage (einer Prädikation) und einer Tatsache (der Bestimmtheit eines Gegenstandes) besteht“. (M. Wolff 1986a, 112) Wie Kant ist Hegel um „einen nicht bloß formallogischen Widerspruchsbegriff“ bemüht und hat „das Ziel, die Fundamente dieses Begriffs tiefer zu legen, als es innerhalb der formalen Logik möglich und erwünscht ist“. Kants eigentümlicher Sprachgebrauch hängt jedoch mit „seinem auf den Begriff der Analytizität zurückgeführten Widerspruchsbegriff“ zusammen, damit zwischen Analytizität und Widerspruch ‚ein Zirkelproblem‘ entsteht; so sind Kants Begriffe der Analytizität und des Widerspruchs daher von Quine als „the two sides of a single dubious coin“ charakterisiert worden. (ebd., 110) Der Widerspruch besteht so bei Kant noch im Ausschluß zwischen den in einem Ding analytisch enthaltenen Prädikate. Dies Problem vermeidet Hegel; für ihn läßt sich der Widerspruch nicht auf Analytizität zurückführen, sondern nur auf objektive reflexionslogische Beziehungen.

339  M. Wolff 1986a, 112

340  M. Wolff 1979, 348

341  M. Wolff 1986a, 112

342  M. Wolff 1979, 348, 346

343  M. Wolff 1981, 128f.

344  M. Wolff 1979, 348

345  Vgl. M. Wolff 1981, 118ff.

346  „Denken ist zwar stets Denken von Etwas, aber dasjenige, was gedacht wird, und die Bestimmungen, unter denen es gedacht wird, können aus der Perspektive des jeweils mit ihnen umgehenden Denkens nicht hinreichend auseinandergehalten werden und vermischen sich daher. Diese Vermischung der Sphäre des Denkens mit derjenigen des Gedachten ist allgemein eine notwendige (wenn auch nicht hinreichende) Bedingung für Antinomie.“ (Th. Kesselring 1997, 108f.) „Als eine Form von Sphärenvermischung kann auch die Ungetrenntheit und Untrennbarkeit von Anschauung und Anschauungsinhalt (etwa bei Parmenides) betrachtet werden, ebenso die Ineinssetzung von Bestimmung und zu Bestimmendem im Urteil nach Hegel.“ (ebd., 109 Anm. 24) Der Begriff der ‚Sphärenvermengung‘, den Kesselring zur Definition des Widerspruchsbegriffs verwendet, stammt ursprünglich von R. Carnap. Dieser Carnapsche Begriff ist insofern etwas irreführend, als ob es sich dabei um ein Versehen, einen Denkfehler handle. A. Kulenkampff (1970) verwendet auch diesen Begriff ebenfalls, und zwar zur Kennzeichnung einer ‚Reflexion der Reflexion‘, die in einen perennierenden Regreß führt.

347  Chr. Iber 1990, 251f.

348  M. Wolff 1981, 24. Z. B. in der Seinslogik bezeichnet Hegel das Etwas, das als „Insichsein“ bzw. „Negatives des Negativen“ charakterisiert ist, als Vorstufe des ‚Fürsichseins, des Dings, der Substanz und des Subjekts‘. Mit diesen markiert er zentrale Bestimmungen der Wissenschaft der Logik. All diesen Bestimmungen liegt „die Beziehung auf sich durch Negation des Andersseyns“ bzw. „die negative Einheit mit sich“ zugrunde. Dieser Gedanke, der dem Etwas in „nur erst ganz unbestimmter“ Weise zu eigen ist, bestimmt sich so fort, bis er erst im Begriff „die konkrete Identität des Subjekts“ erhält. (GW 11, 66; WL I, 123f.)

349  M. Wolff 1981, 170

350  Th. Kesselring 1984, 373 Anm. 39

351  D. Wandschneider 1995, 30

352  Vgl. Th. Kesselring 1984, 146ff.

353  Th. Kesselring 1984, 105

354  Th. Kesselring 1984, 104

355  Chr. Iber 1990, 482f. Nach Iber definiert Meschkowski die Antinomie im Unterschied zum Paradox bzw. Widerspruch als „eine in sich widerspruchsvolle Behauptung [...], die formal dargestellt werden kann als Äquivalenz zwischen einer Aussage und ihrer Negation“ (H. Meschkowski, Wandlungen des mathematischen Denkens. Braunschweig. 1964, S. 45). Demnach weisen „strikte Antinomien“ zwei Merkmale auf: sie sind sowohl „Kontradiktionen“ als auch „Tautologien (Äquivalenz)“ bzw. „Negation“ und „Selbstbeziehung“. (Chr. Iber 1990, 482) Iber stellt dann weiter fest, daß für Hegels antinomischen Widerspruch „die idealistische Konstruktion der selbstbezüglichen Negation konstitutiv“ (ebd., 482) ist. In diesem Sinne sagt er auch so: Kesselring, dessen Verdienst es ist, „die Beziehung zwischen der selbstbezüglichen Negativität und dem Begriff des Widerspruchs bei Hegel aufgedeckt zu haben“ (ebd., 224 Anm. 5), sieht jedoch „nicht, daß die antinomische Grundstruktur der selbstbezüglichen Negativität den spezifisch idealistische Charakter von Hegels Negativitätstheorie indiziert, der in der Unaufhebbarkeit der ›Selbstbeziehung‹ begründet liegt“. (ebd., 483 Anm. 19)

356  Vgl. D. Wandschneider 1995, 22ff. bes. 26f.

357  D. Wandschneider 1995, 42. Der Bezugsbegriff bedeutet bei Wandschneider das, was pragmatisch als das Wesen eines zu thematisierenden Gegenstandes gewonnen ist.

358  D. Wandschneider 1995, 32

359  D. Wandschneider 1995, 37

360  D. Wandschneider 1995, 147. Nach Wandschneider macht Kutschera ein wichtiges strukturelles Merkmal antinomischer Beziehungen sichtbar, indem er sie als „eine Form des vitiösen Zirkels“ identifiziert (F. v. Kutschera, Die Antinomien der Logik: Semantische Untersuchungen, Freiburg/München 1964). Wesentlich für das Auftreten einer Antinomie ist danach „die Struktur einer negativen Selbstbedingung derart, daß jedes Bedingte wiederum Bedingung seines Gegenteils ist“. (ebd., 30)

361  D. Wandschneider 1995, 38

362  D. Wandschneider 1995, 36

363  A. Arndt 1994, 218

364  Vgl. WL II, 145: „Wo der Unterschied-an-sich, der Widerspruch und die Negation der Negation eintritt, überhaupt wo begriffen werden soll, läßt das Vorstellen sich in den äußerlichen, den quantitativen Unterschied herunterfallen; in Ansehung des Entstehens und Vergehens nimmt es seine Zuflucht zur Allmählichkeit und in Ansehung des Seins zur Kleinheit, worin das Verschwindende zum Unbemerkbaren, der Widerspruch zu einer Verwirrung herabgesetzt und das wahre Verhältnis in ein unbestimmtes Vorstellen hinübergespielt wird, dessen Trübheit das sich Aufhebende rettet.“

365  Vgl. Chr. Iber 1990, 509: „Die Kritik der Aporie (des Verstandes – v. Vf.) besteht für Hegel darin, sie auf den ihr zugrundeliegenden notwendigen Widerspruch zurückzuführen, also nicht in der Auflösung jeglicher Widersprüchlichkeit in Widerspruchsfreiheit, sondern in der logischen Fundierung des Widerspruchs in seiner Notwendigkeit, die aus der unmittelbaren, nicht reflektierten Situation der Aporetik des Verstandes eine Vermittlung der unmittelbar ineinander umschlagenden Bestimmungen zustande bringt. Indem so die Vernunft die Verstandesaporie aus dem logischen Vermittlungszusammenhang der Bestimmungen als notwendigen Widerspruch entwickelt, löst sie ihn zugleich auf.“

366  A. Arndt 1994, 218

367  Vgl. I. Kant, KdrV, A 291f., B 348f.

368  A. Arndt 1994, 219. Hier zitiert Arndt dies von Ernst Tugendhat und Ursula Wolf, Logisch-semantische Propädeutik, Stuttgart, 1983, 63f.

369  Vgl. WL II, 562f.: „Das formelle Denken aber macht sich die Identität zum Gesetze, läßt den widersprechenden Inhalt, den es vor sich hat, in die Sphäre der Vorstellung, in Raum und Zeit herabfallen, worin das Widersprechende im Neben- und Nacheinander außereinander gehalten wird und so ohne die gegenseitige Berührung vor das Bewußtsein tritt. Es macht sich darüber den bestimmten Grundsatz, daß der Widerspruch nicht denkbar sei; in der Tat aber ist das Denken des Widerspruchs das wesentliche Moment des Begriffes. Das formelle Denken denkt denselben auch faktisch, nur sieht es sogleich von ihm weg und geht von ihm in jenem Sagen nur zur abstrakten Negation über.“

370  A. Arndt 1994, 219

371  M. Wolff 1981, 163

372  G. M. Wölfle 1994, 91

373  M. Wolff 1986a, 113. Hinsichtlich dessen, daß die sinnliche Bewegung nach Hegel „der daseiende Widerspruch selbst“ ist, weil sie nicht „in diesem Jetzt hier ist und in einem anderen Jetzt dort“, sondern „in einem und demselben Jetzt hier und nicht hier“ bzw. „in diesem Hier zugleich ist und nicht ist“ (WL II, 76), steht das Dasein des Widerspruchs dem Satz des ausgeschlossenen Widerspruchs in seinem herkömmlichen Sinne entgegen. Chr. Iber stellt allein nach Wolff so fest: „Der Widerspruch der Ortsbewegung ist kein formallogischer. Er ist etwas den bewegten Dingen selbst Zukommendes: ein objektiver oder realer Widerspruch, der seinen Ursprung nicht im Irrtum über die Dinge, sondern im Wesen der Dinge selbst hat. Wolff bezeichnet deshalb den ›objektiven‹ Widerspruch zutreffend als ›Paronymie‹ (M. Wolff 1981, 24). Hegel ist allerdings auch der Meinung, daß der reale Widerspruch unhaltbar ist, aber nicht deshalb, weil er ›undenkbar‹ wäre, sondern weil er aufgrund seiner logischen Struktur nur als sich auflösender ein Dasein hat. Die Unhaltbarkeit des objektiven Widerspruchs ist also anders beschaffen als die auf bloßen Irrtümern beruhende Falschheit von Aussagen. Die Auflösung des Widerspruchs erfolgt durch die Bewegung des Gegenstandes, von dem die kontradiktorischen Prädikate ausgesagt werden. ›Die Bewegung des Gegenstandes ist es, wodurch sich der Widerspruch auflöst‹ (ebd., 34). Doch besteht der Widerspruch, solange auch die Bewegung fortbesteht. Die Bewegung ist also die Auflösung des Widerspruchs, und zwar so, daß der Widerspruch der Grund der Bewegung ist, so daß die Bewegung entfällt, sobald der Widerspruch entfällt. ›Solange daher die Bewegung besteht, entsteht aus jeder Auflösung eines Widerspruchs ein neuer Widerspruch‹ (ebd., 34f.).“ (Chr. Iber 1990, 507)

374  Chr. Iber 1990, 449, 449 Anm. 3

375  M. Wolff 1981, 168

376  M. Wolff 1981, 164

377  R.-P. Horstmann 1984a, 79. Diese einheitliche Struktur begründet seine „organologische“ These über das wirkliche Objekt.

378  Vgl. R.-P. Horstmann 1984a, 36

379  W. Flach 1978, 13. Auch sagt Hegel, daß es darum geht, das Erkennen als etwas zu begreifen, „das weder in einseitiger Unmittelbarkeit noch in einseitiger Vermittlung fortgeht“ (Enzy. I, § 75, S. 165).

380  Enzy. I, § 212 Zusatz, S. 367

381  PdG, S. 18

382  W. Flach 1959, 73. Flach nennt diese Reflexion auch „Vernunftreflexion“, in der als „der Vermittlung in ihrer sich vollbringenden Totalität“ die Negativität „absolut“ ist. Dies ist „der Kerngedanke der Hegelschen Vernunftreflexion“. (ebd., 72) „Für diese immanente Reflexion der Reflexion in sich und Reflexion in anderes steht der Hegelsche Terminus der ›Vermittlung‹. In ihm begreift Hegel die ›manifestierte Beziehung‹, das Allgemeine als ›freie Macht‹, als es selbst seiend und dabei über sein Anderes übergreifend, ›aber nicht als ein Gewaltsames, sondern das vielmehr in demselben ruhig und bei sich selbst ist‹ (WL II, 277).“ (ebd., 73)

383  Z. B. über die Differenz der thomistischen Position, der zufolge die doppelte Negation ‚bloßes Gedankending‘ sei, und der skotistischen Position, die den ‚Negationsrealismus‘ behaupte, vgl. W. Hübener 1975a, 122ff. Hübener beschreibt hier diese Differenz unter Berufung auf Trombeta so deutlich: „Trombeta ... vertritt mit Nachdruck die Auffassung, Dinge verschiedener Art schlössen einander extramental nicht durch eine ihnen wesensmäßig innewohnende Negation in Hinsicht der anderen, sondern vermöge einer mit diesen anderen unverträglichen inkomplexen Realaffirmation aus, die er an anderer Stelle richtiger positio propriae identitais nennt. So ist der Mensch nicht etwa ‚Mensch‘, weil er kein Stein ist, sondern umgekehrt der Mensch kein Stein, weil er Mensch ist, d. h. weil ihm die mit dem Stein unverträgliche Affirmation ‚Mensch‘ extra animam innewohnt und keineswegs irgendeine Negation. Jede negatio extra genus ist vielmehr bloß gedanklicher Natur, und folglich ebenso die mittels ihrer vollzogene divisio formalis von Mensch und Stein.“ (ebd., 126)

384  Nach W. Flach (1959) will H. Rickert „von den Schwierigkeiten, die dem Verständnis des absoluten Verhältnisses im Wege stehen“, dadurch wegräumen, „daß es ihm gelang, in seinem Prinzip der Thesis und der Heterothesis eine Klärung zu geben für fundamentale logische Tatsachen, die man bis dahin immer nur mit Hilfe der bloßen Negation und des Widerspruchs zu verstehen suchen mußte, was natürlich den Irrweg einer falschen Bewertung der Dialektik zur Folge hatte“. (ebd., 8) Dafür zitiert Flach einige Stellen aus Rickert: „Wir müssen Negativität und Andersheit und dementsprechend nichttautologisch und heterologisch auf das schärfste auseinanderhalten, denn es ist zwar gewiß das Eine nicht das Andere, und die Andersheit oder Verschiedenheit ist nicht Identität. Aber es wäre ein Irrtum, zu glauben, es genüge das ‚nicht‘ als bloße Negation oder als im eigentlichen Sinne vernichtendes Nein, um das Andere aus dem Einen entstehen zu lassen oder abzuleiten. Solche Zauberkraft ist der Negation als bloßer Verneinung oder Vernichtung nie gegeben.“ (ebd., 31) Und: „Die Negation macht aus dem Etwas lediglich das Nicht-Etwas oder das Nichts. Sie läßt den Gegenstand überhaupt sozusagen verschwinden, und ebenso kann durch Nicht-Identität niemals Andersheit oder Verschiedenheit entstehen. Das geht schon daraus hervor, daß die Negation selbst, als Gegenstand gedacht, bereits den Unterschied von der Position, also ein Anderes voraussetzt, oder daß das Nichts in seinem Verhältnis zum Etwas nur ein Spezialfall des Anderen in seinem Verhältnis zum Einen ist. Die Andersheit geht der Negation logisch voran. Logisch noch Ursprünglicheres als die Andersheit, die außer der Identität zum rein logischen Gegenstand gehört, kann gar nicht gedacht werden.“ (ebd., 31f.) So stellt Flach fest: „An die Stelle von Hegels Antithesis tritt bei Rickert das heterothetische Prinzip des Denkens: mit dem Einen wird zugleich das Andere gesetzt. Die Beziehung zwischen diesen beiden Momenten ist nicht die der gegenseitigen Ausschließung, sondern die der ergänzenden Verbundenheit zum Ganzen in der Synthese.“ (ebd., 13) Dahingegen versucht R. Kroner in seinen kritischen Bemerkungen zu Rickerts heterothetischem Denkprinzip gerade „diesen irrigen Standpunkt wieder ins Recht zu setzen“, „indem er glaubte, zeigen zu können, daß das heterothetische Denken selbst mit dem Widerspruch belastet sei, und daß außerdem der Negation die logische Priorität gegenüber der Andersheit zukomme“. (ebd., 8f.) So greift er in den Rickertschen Begriff der ›Nur-Verschiedenheit‹ ein, worin jene Letztheitsmomente dem heterothetischen Denkprinzip nach stehen, und faßt diese Nurverschiedenheit als Gegensätzlichkeit. Dafür beweist Flach durch Zitate aus Kroner so: „Das Eine und das Andere ist Eines und das Selbe, weil Eines und das Selbe selbst Eines und das Andere ist. Die Selbigkeit ist sie selbst und die Andersheit, diese aber ebenso sie selbst und die Selbigkeit‹.“ (ebd., 29) Oder: „Das Andere, welches ich mit dem Einen verbinden will, ist nicht ein beliebig Anderes dem Einen gegenüber, sondern es ist sein Anderes, d. h. es steht im Gegensatz zu ihm, es ist ihm entgegengesetzt. Nicht Andersheit also, sondern ... Gegensätzlichkeit, nicht Heterothesis, sondern Antithesis sind die Charaktere der Momente des Gegenstandes und des Denkens.“ (ebd., 32f.) Damit ist der Widerspruch unvermeidlich; so tritt bei Kroner wie bei Hegel der Widerspruch, der den generativen Charakter der spekulativen Logik hat, „an die Stelle der Nur-Verschiedenheit, der limitierenden Exklusion als unendlicher Disjunktion“ ein. Dagegen ist er in heterologischen Hinsicht „ein unhaltbarer Begriff“. (ebd., 53 Anm. 2)

385  W. Flach 1959, 15, 8, 9. Dementsprechend stellt Flach drei „offene Fragen“ auf, die allein oben nur teilweise dargestellt werden: „1. Reine Strukturfragen: Ist das Implikationsverhältnis logischer Letztheitsmomente heterologisch oder heautologisch oder irgendwie anders zu verstehen? 2. Interpretationsfragen: Ist der Hegelsche Begriff der Vermittlung heterologisch oder heautologisch oder weder im Sinne der Heterologie noch im Sinne Heautologie zu denken? 3. Die Gültigkeitsfrage selbst“ (ebd., 9), nämlich ob Hegels spekulative Logik für Strukturformel der absoluten Logik gilt? Danach gibt er uns folgende Antworten: „1. Die Implikationsstruktur des logischen Anfangs ist in radikaler und zureichender Weise allein heterologisch zu denken. 2. Der Hegelsche Begriff der Vermittlung schließt eine heterologische Interpretation nicht schlechterdings und von vornherein aus. Aber eine solche tatsächlich versuchen, hieße die diesbezüglichen Hegelschen Bestimmungen (sc. z. B. Negation, Identität, Widerspruch, Drittes als Synthesis usf.) – vielleicht im Sinne ihrer ursprünglichen Intention – anders (besser) verstehen als sie ihrem manifesten Sinn nach verstanden werden wollen. In solcher Interpretation müßten ihnen also Gewaltsamkeiten widerfahren. Zum Teil und auf gewissen Strecken gestatten sie ohne weiteres heterologische Interpretation; aber eben nicht grundsätzlich. – Die heautologische Deutung Kroners stellt einen Interpretationsversuch dar, der nicht die volle Problemweite und Problemtiefe der ›Vermittlung‹ ausschöpft. 3. Die Gültigkeitsfrage bleibt unlöslich an die Bewältigung der Problematik der geltungslogischen Transzendenz gebunden. Sowohl als echtes prinzipienwissenschaftliches Thema wie als Lösung desselben (oder zumindest Lösungsversuch) liegt sie allein vor in der ›Überbrückung‹ der ›Kluft‹ zwischen der ›reinen Heterogeneität‹ des logischen Ursprungs und der ›Homogeneität‹ des bestimmenden Denkens, das allein sich konkret vollziehen kann.“ Und Flach stellt so fest: Hegel bringt „die ›reine Heterogeneität‹ des Denkens in seinem Ursprung und folglich auch die Kluft zwischen ›reiner Heterogeneität‹ und ›Homogeneität‹ überhaupt nicht zu deutlichem Bewußtsein“. (ebd., 80) Hegel findet „kein logisches Mittel zur Formulierung der strukturalen Bestimmtheit des Absoluten, das der Gesetzlichkeit der Reihe enthoben gewesen wäre“. (ebd., 79) Denn Hegels Konzeption der ‚Vermittlung‘ wird nur „durch die Homogeneitätsstruktur der Reihe“ des bestimmenden Denkens (ebd., 42) bestimmt, sodaß diese allein „unzureichend sein muß für die Formulierung der reinen Heterogeneitätsstruktur“. (ebd., 79) „Sein entscheidender prinzipienwissenschaftlicher Fehler“ ist es, „das Bestimmtheitsproblem des Grundes ausschließlich im Sinne der ›Homogeneität‹“ zu fassen“. (ebd., 77) „Das Absolute in seiner ›reinen Heterogeneität‹ unterscheidet sich von dem Absoluten Hegels durch seine ›reine Heterogeneität‹. Im Ursprungsfalle erweist sich die Unendlichkeit (des Absoluten) als Bestimmtheit selbst. Bestimmtheit in diesem Sinne ist also nicht Negation, sondern ›reine Heterogeneität‹ des Unendlichen an ihm selbst. Sie ist folglich auch nicht Einheit des Moments selbst und seines Anderen; das Anderssein des Moments ist nicht in sich (als Reflexionsbestimmung) zurückgenommen.“ (ebd., 75) Das bedeutet „für das Unternehmen einer absoluten Logik“ nichts weniger als „das Versagen“. (ebd., 76) Dagegen: „Die Logik der Vernunft ist die Logik der ›reinen Heterogeneität‹, d. i. die Logik der ›reflexiven Konstitutivität‹, die Logik der Ursprungssynthesis. Allererst in ihr emanzipiert sich das Denken voll und ganz von der Herrschaft der klassischen formalen Logik (der Endlichkeit) und wird so seinem eigenen Wesen gerecht. In der ›reinen Heterogeneität‹ etabliert sich die Logik der Vernunft, die nun, sofern sie eben Logik des Ursprungs ist, auch die Gesetzlichkeit der Reihe unter ihre Determination bringt.“ (ebd., 43f.) Über die Rollen, die in jener Überbrückung der Kluft das Identitäts- und Widerspruchsprinzip für die Bestimmung des rein logischen Gegenstandes, der als der reine Anfang das fundamentale, universale und heterothetische Denkprinzip konstituiert, und der Begriff der reflexiven Konstitutivität spielen, die als der Abschluß der reflexiven Reihe des bestimmenden Denkens die geltungslogische Transzendenz ausmacht, vgl. ders., S. 42f., 47f., 50ff., 69, 76, 80

386  W. Flach 1959, 17. Nicht nur ‚jeder theoretische Gegenstand‘, sondern auch ‚der rein logische Gegenstand‘ als „Prinzip im Vollsinne“, als „Konstituens eines jeden theoretischen Gegenstandes“ (ebd., 26) lassen sich „in seiner Ganzheit“ nur „als Relation der Relata, als das Eine und das Andere, als Form und Inhalt fassen“ (ebd., 17), d. h. bestehen „aus Form und Inhalt, aus dem Einen und dem Anderen“; sie sind nichts anderes als „die objektive Formulierung des heterothetischen Denkprinzips“ (ebd., 26), „denn das Modell des theoretischen Gegenstandes überhaupt ist je die objektivlogische Fassung des Denkansatzes überhaupt.“ (ebd., 40) „Gegenstände lassen sich nur heterologisch denken.“ „Mit dem heterothetischen Prinzip des Denkens wird das Denken selbst erst ins Spiel, ja erst ins Sein gebracht.“ (ebd., 18)

387  W. Flach 1959, 18

388  W. Flach 1959, 36, 55f.

389  W. Flach 1959, 33

390  W. Flach 1959, 37

391  W. Flach 1959, 18

392  W. Flach 1959, 38. Ähnlicherweise beschreibt D. Wandschneider, daß die Gegensatzbestimmungen „im Sinn des Komplementaritätsprinzips intrinsisch zusammen gehören“, d. h. sie „von vornherein als dichotom-ausschließend – eben als komplementär – charakterisiert“ sind. (ders. 1995, 114)

393  W. Flach 1959, 38

394  W. Flach 1959, 42f., 75. Vgl. auch ders., S. 75f. „Die Tatsache, daß die ›absolute Ungleichheit‹ der Momente (schon dieser Begriff ist bedenklich, weil er immer noch ein Drittes impliziert) als ›Widerspruch an sich‹ gefaßt wird (WL II, 45), daß Identität und Unterschied jeweils zugleich das Ganze und sein Moment sein sollen (WL II, 47), d. h. daß sich das Ganze als Reflexion, als sein eigenes Moment setzt (WL II, 41), zeigt deutlich, daß Hegel nicht ›reine Heterogeneität‹ denkt. Bei Hegel soll jedes Moment zugleich das Ganze sein, und zwar insofern es auch sein anderes Moment enthält. Das aber ist gerade das Entscheidende, daß im Momentsein der Momente gerade die Ganzheit liegt. Das Moment macht in seinem Momentsein zwar wohl das Ganze, die Ursprungseinheit aus, enthält aber gleichwohl nicht das andere Moment als seinen Gegensatz in sich. Hegel sieht deutlich, daß allein in der ›Doppelung‹ der Momente ihr Momentcharakter liegen kann. Aber er vermag diese ›Doppelung‹ des Moments nur als ›Vermittlung‹ dieses Moments mit seinem Gegenteil zu verstehen. Und er muß die Momente derart sich in sich selbst vermitteln lassen, weil Bestimmtheit an ihm selbst für ihn im Grunde immer noch analytische Identität bedeutet. Die ursprünglich synthetische Einheit wird ihm (sozusagen unter der Hand und ohne daß er dessen gewahr wird) zur abgeleitet synthetischen Einheit. Um nun aber noch Bestimmtheit an ihm selbst des Moments konstatieren zu können, muß er immanente Gegensätzlichkeit denken. Das heißt: Weil Bestimmtheit an ihm selbst für Hegel immer noch analytische Identität bedeutet, er analytische Identität aber als widerspruchsvolle Tautologie durchschaut, relativiert er diese analytische Identität im Sinne immanenter Gegensätzlichkeit. Die Momente bleiben insofern negativ gegeneinander und negativ in sich selbst. Ihre Einheit ist zu einem Dritten geworden. Es ist ›Homogeneität‹ vorausgesetzt; denn nur so vermag das Moment als das Ganze es selbst und sein Gegenteil in sich zu enthalten. Betrachten wir dabei dies, daß der Negativität bei Hegel Reflexionssinn zukommt, so heißt dies: die Momente verbleiben in bloßer Reflexivität. ... die für den Unendlichkeitssinn der Momente unbedingt geforderte ›Dopplung‹ derselben, die in der Logik Hegels als Relativierung der Momente gegeneinander in sich selbst verstanden wird, liegt allein in dieser ›reflexiven Konstitutivität‹, in welcher die Momente zwar gegeneinander relativiert sind, aber in der Weise, daß diese Relativierung gerade erst ihr Momentsein begründet. Oder vielmehr umgekehrt: Ihr Momentsein bedingt diese Relativierung, während hingegen bei Hegel die Relativierung gegeneinander erst die Momente zu Momenten werden läßt und demzufolge die Momente sich in sich selbst vermitteln müssen: sie sind das Ganze und sie sind Moment und als Moment zugleich ihr anderes (Moment). Damit ist die ›reine Heterogeneität‹ aufgehoben; denn diese besagt: gerade im Momentsein muß sich die Unterschiedenheit der Momente begründen, die darum nur-verschieden sind.“

395  W. Flach 1959, 19. Vgl. auch ders., S. 38 Anm. 18: „Limitation ist als solche nicht ausreichend in Letztbegründungsaufgaben, weil sie nicht zur vollen Positivität führt. Nur wenn sie als unendliche Limitation auf die volle Disjunktivität führt – diese garantiert die volle Positivität der Glieder (Momente) – und so also das Moment der Negativität in sich völlig relativiert, kommt ihr Rang und Leistung eines echten theoretischen Fundamentalprinzips zu.“

396  W. Flach 1959, 19. Flach beschreibt so weiter: Der Gang der Begriffsbildung ist also nur „eine sukzessive Aufgabe des sachlich Gleichzeitigen, hier gleich Ursprünglichen, ... so daß die verschiedenen Stadien der Begriffsentwicklung nicht den Schein einer Priorität eines oder mehrerer Momente gemäß dieser zeitlichen Herausarbeitung erwecken können“ (ebd., 20). Im Hintergrund dieses ganzen Gedankens interpretiert W. Marx, wenn der Vf. es richtig verstanden hat, in seinem Buch Hegels Theorie logischer Vermittlung (1972) Hegels Logik des Seins, bes. die Logik des Anfangs und vertritt eine radikale Kritik an dieser Logik.

397  W. Flach 1959, 33f.

398  W. Flach 1959, 76

399  W. Flach 1959, 53, 43

400  W. Flach 1959, 77

401  W. Flach 1959, 35. Dies versucht H. Rickert deutlich zu machen „in der Weise, daß er das rein Logische als ›heterogenes‹ Medium, die darüber hinausgehende Sphäre (der Bestimmung) dagegen als ›homogenes‹ Medium kennzeichnet“. „Im rein logischen Anfang, in seiner ›reinen Heterogeneität‹ ist jegliche Reihenstruktur noch völlig ausgeschlossen; eine solche ist erst möglich in der ›homogenen‹ Sphäre der Prädikation.“ (ebd., 35) „In der rein logischen Sphäre gibt es noch kein Bestimmen, kein Prädizieren, sondern bloßes Denken, bloßes Setzen. Bestimmen setzt nämlich Reihenkonstitution voraus; denn die Reihe ist ›das Element‹, in dem die Wissenschaft (= das Bestimmen) ›leben und fortschreiten kann‹. Im rein logischen Minimum ist die Reihenstruktur ausgeschlossen. Wo überhaupt etwas theoretisch gedacht wird, ist dies ein Denken des Einen und des Anderen. Wo aber dieses so Gedachte bestimmt werden soll, da bedarf es u. a. auch der Negation, denn Momente können bestimmt werden nur durch gegenseitige Abgrenzung. Die Abgrenzung aber schließt die Negation ein. Nur insofern können wir überhaupt die Negation mit der Andersheit in Beziehung bringen; denn beide sind radikal getrennt durch die Zugehörigkeit zu verschiedenen logischen Sphären. Die Andersheit gehört in die Sphäre des logischen Anfangs, die Negation gehört in die Urteilssphäre. ... ›Die Andersheit geht der Negation logische voran.‹“ (ebd., 38)

402  W. Flach 1959, 31f.

403  W. Flach 1959, 37

404  W. Flach 1959, 40. Gegen Flach, der die Begriffspaare reines Denken und bestimmendes Denken, Heterogeneität und Homogeneität, Andersheit und Negation usw. als „Alternative gegeneinander“ ausspielt, und zwar „mit der kritischen Pointe, Hegel vernachlässige zugunsten des Negationsbegriffes die begründende Funktion von Andersheit“, kritisiert H. Fink-Eitel (1978) so: „Flachs axiomatische Prinzipstheorie verfehlt a limine Hegels entwicklungslogisches Verfahren.“ (ebd., 229 Anm. 44) Er beschreibt zunächst so über einen verschiedenen Stellenwert der Kategorien ‚Negation‘ und ‚Andersheit‘ in der ersten (A) und der zweiten Auflage (B) der Seinslogik: „Führt B die Kategorie ›Negation‹ als ersten, bestimmten Differenzbegriff ein, so ist sie in A der komplexeste Begriff vor dem Übergang in die ›Unendlichkeit‹, der Schlußpassage der Logik des Daseins. Negation ist also keine Voraussetzung daseinslogischer Bestimmtheit, sondern deren implikationsreiches Resultat. Dem Negationsbegriff in B indessen entsprechen in A die Bedeutungselemente von Andersheit (Anderssein, Sein-für-Anderes). In B wird Andersheit aus der Negation abgeleitet, während in A umgekehrt Andersheit Voraussetzung für die Negation ist.“ (ebd., 42) Dies interpretiert er, daß „im Schwanken zwischen Negation und Andersheit“ „die Zweideutigkeit des spekulativen Anfangs“, nämlich Begriffsimmanenz und Begriffstranszendenz bzw. Negativität und Andersheit, „ihre Fortsetzung“ findet. Es ist bei Hegel „das Ziel der Logik“, „im logisch maximal bestimmten Resultat den Anfang als eine nur mangelhafte Bestimmtheit, Negativität, vollständig einzuholen, um seine Inkompatibilität (d. h. Andersheit) gegenüber negativer Bestimmtheit überhaupt (d. h. Negativität) zu tilgen“. So ist die Negativität zwar als eine selbstbezügliche „das Konstruktionsprinzip der Logik“. (ebd., 43) Aufgrund diesen Verständnisses der Anfangslogik versteht er weiter die Negativität als Prinzip ganz anders als Hegel; „die erste Regeln für den spekulativlogischen Gebrauch des Negationsbegriffs“, worauf seine intersubjektive Interpretation Hegelscher Logik beruht, heißen: „a) Seine genetische Voraussetzung ist Andersheit; b) seine logische Voraussetzung ist Selbstbeziehung; c) seine logische Folge ist Andersheit.“ So sagt er: Im Ausgang von der entwicklungslogisch generierten intersubjektiven Begriffskonstellation, die erstmal in Hegels Logik durch das Verhältnis von Etwas und Anderem entwickelt wird, begründet das Implikationsverhältnis von alternativesetzender Negativität als doppelter Negation und zweistelliger Andersheit, daß „die spekulative Logik ihre Bestimmungen als eine Logik dualer Beziehungen entwickelt“. (ebd., 51) Somit auch führt „die innere Kontingenz der absoluten Negation“ zur „dreifachen Negation des entwicklungslogisch hergestellten Intersubjektivitätsverhältnisses, welches die Spannung zwischen Unmittelbarkeit und Negation, Dassein und Wassein, die innere Spannung des Wesensverhältnisses, zum Ausgleich bringt, – oder vorsichtiger gesagt, welches einen Ausgleich wenigstens absehbar macht“ (ebd., 151); die logische Grundstruktur des Begriffs ist „die dreifache, selbstbestimmte Negation“ (ebd., 203).

405  Vgl. Platon, Sophistes, S. 241d ff.

406  M. Theunissen 1980, 248

407  Hegel Bd. 18, S. 288

408  M. Theunissen 1980, 248. Dies tut nach Theunissen auch Hegel: „So wird auch nach Hegel das für sich undenkbare Nichts der parmenideischen Tradition erst als Anderes faßbar. In diesem Sinne führt auch er ›Negation‹, nämlich ›die abstrakte, unmittelbare Negation, das Nichts rein für sich‹ (WL I, 84), auf Andersheit zurück. Deswegen kann dann die Reflexionslogik, in Entsprechung zur Transformation des Seins in Identität, das Nichts als Unterschied reformieren.“ (ebd., 248f.) Und über „die Nähe der Wissenschaft der Logik zum Sophistes“ sagt Theunissen so: „Nicht das, was sie (, die Hegel auf den Primat der Negation festlegen, – Hinzufügung v. Vf.) fälschlicherweise unter Hegelscher Negation verstehen: die Verneinung, sondern das Nichts gibt den Bezugspunkt ab für einen Vergleich zwischen Hegel und Platon. Zwar legt der Dialog über den Sophisten auch die Verneinung (apophasis) als Setzen von Anderem (heteron) aus (Sophistes, 257 b/c). Aber erstens geschieht diese Auslegung auf dem Boden der ursprünglicheren Identifikation des Nichtseins oder des Nichts mit dem entsprechend ursprünglicher begriffenen Anderen selbst (thateron) und zweitens wird sie von da aus berichtigt. Die apophantische Aussage ist nicht nur Setzen von Anderem, sondern auch und zuvörderst Entgegensetzen (antithesis), das heißt sie setzt dem Sein zunächst das Nichtsein entgegen, sofern sie das jeweils in Rede Stehende ... mit dem davon in bestimmter Negation Ausgeschlossenen konfrontiert ..., und erst aufgrund dieser Entgegensetzung vermag sie Anderes als etwas aus dem Bereich dessen zu setzen, das zusammen mit dem Gegenstand der Rede ein Ganzes ausmacht (257 d/e).“ (ebd., 247f.)

409  M. Theunissen 1980, 246f. Was die Kontroverse von H. Rickert und R. Kroner anbetrifft, stellt Theunissen einen anderen Standpunk ein. Seine Hauptthese heißt, daß bei Hegel das Nichts „totaler Schein“ (ebd., 247) und das Andere „notwendig mit Schein behaftet“ (ebd., 250) ist. Nach seiner Methode der ‚kritischen Darstellung der Metaphysik‘, wodurch deren Schein und Wahrheit dargestellt werden sollen, läßt die „Zwiefalt von Schein und Wahrheit“ „die das Anderssein generierende Negation“ auch „zwiefältig“ sein. „Wahrheitsmäßig“ ist diese Negation erstens „die eigentlich so zu nennende Negation, diejenige, die letztlich sich selbst negiert, weil sie die sich entäußernde und aus ihrer Entäußerung in sich zurückkehrende Tätigkeit ist“. Danach darf man die Frage, ob die Andersheit auch „ein auf Negation irreduzibles Moment“ enthält, entschieden „bejahen“. Denn „die Trennung, die den Negationssinn der Tätigkeit definiert, setzt ihrerseits Anderssein voraus“. Dementsprechend fundiert in Hegels Logik nicht nur die Negation das Andere, sondern auch das Andere die Negation, weil das Andere sich selbst zu „der selbstbezüglichen Negation“ ausbildet, die „die ihm vorhergegangene Negation“ nicht wirklich zu sein vermag. Gegen diese Entstehungsgeschichte ist die „Geburt des Anderen aus dem reinen Nichts“ scharf abzugrenzen. Sie findet „im Element des Scheins“ statt. Seiner These nach ist in dieser Geburt nicht nur „das Resultat“, sondern auch „der Ursprung“ „scheinhaft“. Damit wird zweifelhaft, ob überhaupt von solcher Geburt die Rede sein kann: „Zweifelhaft wird dies nicht nur, sofern das ›Nichts rein für sich‹ (WL I, 84), als Produkt einer Vergegenständlichung, geradezu das Gegenteil der Tätigkeit ist, die im wesentlichsten allein rechtmäßig ›Negation‹ heißt, sondern auch hinsichtlich dessen, daß das ganze Begründungsverhältnis seine Eindeutigkeit verliert.“ (ebd., 247) Wie Platon das parmenideische Nichtsein in das Anderssein zurückführt, bestimmt sich diese scheinhafte Negation zur Andersheit fort. Damit sagt Theunissen, daß sowohl „die wahre“ als auch „die scheinhafte Negation“ ihrerseits „die Andersheit“ voraussetzen, zu der sie sich fortbestimmen.

410  M. Theunissen 1980, 249

411  M. Theunissen 1980, 386

412  M. Theunissen 1980, 46f.

413  M. Theunissen 1980, 463

414  M. Theunissen 1980, 46

415  K. Bärthlein 1990, 20f.

416  K. Düsing 1984², 218

417  K. Düsing 1997b, 8. Neben fünf obersten Gattungen, nämlich Sein, Prozeß und Prozeßlosigkeit bzw. Bewegung und Ruhe, Identität und Verschiedenheit, „von denen keine auf eine andere zurückgeführt wird, die also gleichursprünglich zu sein scheinen“, sind in Platons Sophistes (255-258) noch „das ›Nichtseiende‹ und die Zahl ‚Eins‘ zusammen mit seinem Gegenteil, dem Unbestimmten der Zahl nach“, genannt worden. Damit ist die Anführung dieses ›Nichtseienden‹ als einer eigenen obersten Gattung selbst ebenso „problematisch“ wie die Anführung des ›Seins selbst‹, wenn damit schon ein oberster Inhalt, nicht bloß ein unerläßliches Moment gemeint sein sollte. (K. Bärthlein 1990, 20f.) Daraus folgt nach Düsing, daß Platons Lehre von den obersten Gattungen und von ihrem dialektischen Verhältnis zueinander im Sophistes „in der weiteren Geschichte der Philosophie mehrfach aufgenommen und umgewandelt“ wird: „Für Plotin sind die obersten Gattungen des Sophistes Ideen und zugleich Momente des göttlichen Nous, der sich selbst denkt. Die Verschiedenheit oder Andersheit aber bedeutet dabei nicht mehr spezifisch Nichtseiendes wie bei Platon, da sie im wirklichen sich denkenden Nous als der Einheit dieser höchsten Ideen enthalten ist. Proklos nimmt dies auf und ordnet das Selbe, die Identität, der Verschiedenheit oder Andersheit vor. Die Schule von Chartre aus dem 12. Jahrhundert nimmt die Verschiedenheit oder Andersheit aus dem göttlichen Intellekt heraus und setzt sie als Prinzip des geschaffene veränderlichen Seienden an. Nikolaus Cusanus schließlich konzipiert in De coniecturis die Verschiedenheit oder Andersheit als Prinzip der Unterscheidung der Seins- und Einheitsstufen, so daß mit zunehmendem Abstieg in die Vielheit jeweils Andersheit zunimmt. – Bei Hegel wird sich zeigen, daß in der logischen Abfolge zwar das Selbe als einfache Beziehung auf sich vorausgeht, daß aber die Negativität des Anderen oder des Verschiedenen als eigene Gedankenbestimmung notwendig folgt und daß sie im spekulativen Gedanken des in sich negativen ›Anderen an ihm selbst‹ konstitutive Bedeutung für die Ontologie und Ontotheologie ebenso wie für die Dialektik erhält. Hegel beachtet dabei freilich nicht die skizzierte Vorgeschichte; seine Aufnahme und Umwandlung der Platonischen Lehre von der Dialektik oberster Gattungen erfolgt unmittelbar und autochthon.“ (K. Düsing 1997b, 9 Anm. 7)

418  K. Düsing 1997b, 8f.

419  D. Wandschneider 1995, 110

420  K. Düsing 1997b, 10. Vgl. auch ders. 1984², 219. So sagt Düsing, daß Hegel gerade nicht „die Hinsichtenunterscheidung“ vornimmt, die für Platon „zur Vermeidung des Widerspruchs wesentlich“ ist. Für Hegel ist z. B. das Verhältnis des Selben zum Verschiedenen „spekulativ“; „als Entgegengesetzte sind sie eins in höherer absoluter Identität.“ „Geradezu im Gegensatz zu Platons Dialektik muß in Hegels Dialektik also der Widerspruch begangen und unter Wahrung des Widerspruchs spekulativ eine höhere Einheit daraus entwickelt werden.“ (ders. 1997b, 11)

421  W. Bonsiepen 1977, 17

422  D. Henrich 1967, 134

423  Nach M. Theunissen wird in Hegels Logik „aus der Herkunft des unmittelbar aufgenommenen Anderen aus dem Nichts“ „eine erste Bestimmung“ des Begriffs ‚Andersheit‘ gefolgert. Diese heißt „›ein‹ Anderes“ in seiner Unbestimmtheit. Und er stellt eine Frage auf, „welches bestimmte Andere aus dem Ansatz der Endlichkeitsanalyse ausgeschlossen ist“. Was ausgeschlossen ist, ist „zweierlei“: Einerseits ist es „das Andere in dem qualifizierten Sinne“ bzw. „sein Anderes“, auf das die Reflexionslogik abzielt. Dieses Andere hat auch „zwei Bedeutungsrichtungen“, nämlich ‚eine horizontale‘ und ‚eine vertikale‘. In der horizontalen ist nicht nur das Andere für das Eine, sondern auch das Eine für das Andere „sein Anderes“; beide sind „gleichursprünglich aufeinander angewiesen“. In der vertikalen hat das Eine wie auch das Andere „ihr Anderes“ in „dem, das ihnen ihre Identität verbürgt, ohne daß es sie seinerseits zu diesem Zwecke benötigte“; ihr Anderes nimmt die Stellung ein, welche die Reflexionslogik „dem Grund“ einräumt. „Nach beiden Richtungen liegt das so verstandene Andere außerhalb des Umkreises, in dem der Gedanke ›eines‹ Anderen sich bewegt, wenn dieser auch von sich aus dorthin gedrängt wird.“ Andererseits ist ein Anderes auch nicht „das Andere im Sinne alles Anderen“. Insofern man ein Anderes im Sinne der numerischen Bestimmtheit versteht, ist es „je ein Anderes, dem Etwas gegenübersteht“. „Insofern handelt es sich bei der Beziehung zum Anderen in der Logik Hegels von vornherein um ein duales Verhältnis, in dem formalen Verstande nämlich, daß das Verhältnis von Etwas und einem Anderen durch ›Zweistelligkeit‹ (D. Henrich 1978b, 218) definiert ist.“ (M. Theunissen 1980, 249f.)

424  M. Theunissen 1980, 250

425  M. Theunissen 1980, 250f. Vgl. auch ders., S. 251 Anm. 17: „Die vielen Anderen kommen in Hegels Logik nur als die ›Mannigfaltigen‹ herein, deren Verhältnis zueinander und zur Vorstellung die Reflexionsbestimmung ›Verschiedenheit‹ angibt. Das heißt aber: Relevant werden sie nur unter dem Gesichtspunkt der massivsten Selbstentfremdung von Reflexion.“

426  D. Henrich, 1978a, 262. Henrich faßt auch den ersten Gedanken in Hegels Logik, der der ›Bestimmtheit‹ noch vorangeht, d. h. die Kategorie des ›Nichts‹, als „rudimentäre Form der von der Aussage und zugleich von irgendeinem bestimmten negierten Prädikat abgelösten Form der Verneinung“ (ders. 1978b, 216) auf.

427  Vgl. D. Henrich 1978b, 213-229. Gegen diesen Gedanken wendet Chr. Iber (1990) ein, daß die Andersheit bei Hegel nur „ein aus der Negation als Bestimmtheit abgeleiteter Gedanke von Negation“ und das selbstbezügliche Andere nur „ein abgeleiteter Gedanke der sich auf sich beziehenden Negation“ ist. (ebd., 223, 227 Anm. 6) „Anders als Platon, der im Sophistes (257b 2 - 257c 3) die Negation bzw. das Nichtseiende auf die Andersheit zurückführt, führt Hegel die Andersheit auf die Negation zurück. Hegel geht einen Schritt über Platon hinaus, indem er einen Schritt von der Andersheit zurück in die Negation macht, in welcher sich das Andere als Anderes allererst konstituiert. Negation ist ursprünglicher als Andersheit, und Andersheit wurzelt in Negation, weil das Andere nur ist, insofern es nicht das Eine ist.“ (ebd., 223) Gegen diese These und teilweise gegen Henrichs Theorie der autonomen Negativität (bes. ders. 1976, 1982a) vertritt H. Schmitz (1992) die These des Vorrangs der sich auf sich beziehenden Andersheit vor der sich auf sich beziehenden Negativität; während diese selbstbezügliche Negativität ‚die monistisch-dualistischen zweipoligen Dialektik der Reflexion‘ konstituiere, möge jene selbstbezügliche Andersheit für ‚die dreipolige Dialektik des Begriffs‘ noch mehr geeignet sein (vgl. ebd., 54ff., 345ff.). Z. B. sagt er so: „Der Vorzug an Verständlichkeit, den die so sich auf sich beziehende Andersheit vor der sich auf sich beziehenden Negation besitzt, beruht darauf, daß sie als eine Zweideutigkeit verstanden werden kann, wodurch der Sinn eines Ausdrucks zwischen einer Auffassung und einer dazu korrelativen, die die andere der ersten heißt, offen gehalten wird, ... Eine Negation der Negation, die sich als umgekehrter Münchhausen am Schopf (Negation) des eigenen Sumpfes (Negation) in diesem zum Verschwinden brächte – wenn es so wunderlich zuginge, dürfte der Sumpf auch schon einmal einen Schopf haben –, wäre dagegen nur ein zweckloses Selbstopfer ohne die im Anderen seiner selbst enthaltene Zweideutigkeit, die auch als Zweideutigkeit (dynamische Ambivalenz) von Selbstopfer und Wiedergeburt verstanden werden kann und von Hegel tatsächlich so verstanden wird.“ (ebd., 55f.) „Man hält sich dann nämlich nur an die zweipolige Dialektik der Reflexion, als sei die dreipolige Dialektik des Begriffs nichts weiter als ein Hilfsmittel, die Produktivität der Autoaggressivität der Negation im reinen Unterschied (dem Anderen an sich) besser zum Vorschein zu bringen.“ (ebd., 56f.) Eine Frage, inwiefern dieser Gedanken von Schmitz für Hegels Logik zutreffend sein kann, dürfte hier in der Arbeit von Vf. unbeachtet bleiben lassen, weil sie noch eine genauere Untersuchung der Begriffslogik als solche fordert.

428  Vgl. WL I, 125ff.

429  D. Henrich 1982a, 156

430  D. Henrich 1982b, 201

431  D. Henrich 1982a, 162

432  Enzy. I, § 111 Zusatz, S. 229f.

433  Enzy. I, § 119 Zusatz 1, S. 246

434  PdG, S. 14, 28



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23.01.2007