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1  Einleitung

1.1 Problemstellung

In Deutschland und Korea werden Ehe und Familie unter den besonderen Schutz der staatlichen Ordnung gestellt 1 . Aber die Zahl der nichtehelichen Partnerschaften und der Scheidungen nimmt zu, sowohl in Deutschland als auch in Korea. Die Richtungen der Veränderungen der Familienbeziehungen in Deutschland und Korea stimmen in etwa überein, wobei dieser Prozess in Deutschland aber viel früher begann und heute weiter fortgeschritten ist. Die traditionelle Familie, bestehend aus drei Generationen, ist sehr selten geworden. Auch die bürgerliche Familie (lebenslange Ehegemeinschaft mit Kindern) wird immer seltener. An deren Stelle treten vermehrt andere Formen des Zusammenlebens wie häufig wechselnde Familienzusammensetzung (Hinzukommen neuer Partner und Kinder eines Elternteils), Ein-Personen-Haushalte, doppelverdienende Paare ohne Kinder, gleichgeschlechtliche Beziehungen, Alleinerziehende 2 . In der Bundesrepublik Deutschland wurden im Jahre 1967 62.835 Ehen und im Jahre 1991 136.317 Ehen geschieden. Die Zahl der Scheidungen hat sich also in diesem Zeitraum mehr als verdoppelt 3 . Es wird vermutet, dass in Deutschland jede dritte Ehe geschieden werden 4 . Auch in Korea sind die Scheidungszahlen stark gestiegen. Im Jahr 1960 wurden 9.877 Ehen 5 geschieden (davon 9.584 einverständliche Scheidungen und 293 gerichtliche Scheidungen), im Jahre 1980 waren es bereits 43.529 6 und im Jahre 1989 wurden sogar 87.124 Ehen 7 geschieden. 1960 wurde also eine von 27 Ehen geschieden, im Jahre 1970 eine von 17 und in 1989 wurde eine von 9 Ehen geschieden.

Durch die zunehmenden Scheidungszahlen ist es für eine zunehmende Anzahl von Menschen wichtig, dass die Scheidungsfolgen gerecht geregelt werden. Es geht darum, [Seite 2↓] wie das Leben nach der Scheidung für beide ehemaligen Ehepartner organisiert wird, wie das gemeinsame Vermögen aufgeteilt wird und welche finanziellen Möglichkeiten die geschiedenen Ehegatten nach der Scheidung haben werden. Besonders wichtig ist dies für die sozial schwächere Ehefrau, weil es für sie oft eine Existenzfrage ist und die Gefahr besteht, dass sie nach der Scheidung wesentlich schlechter lebt als während der Ehe. Auch Männer können jedoch in eine schwierige Lage geraten, insbesondere wenn sie einen Versorgungsausgleich leisten müssen oder ihr Selbstbehalt auf 1.300,-DM abgesenkt wird. Möglicherweise sind sie auf Unterhalt angewiesen, wenn sie kein oder geringes Einkommen haben.

Insbesondere die alleinerziehende Mutter erfährt nach der Scheidung starke finanzielle Nachteile. Im Gegensatz zum Lebensstandard der Männer sinkt der soziale Lebensstandard der Frauen nach der Scheidung zumeist sehr drastisch ab. Eine Studie aus den USA, in der die Einkommensentwicklung alleinerziehender Frauen ein Jahr nach der Scheidung und fünf Jahre nach der Scheidung verglichen wurde, zeigte sich im Ergebnis, dass in allen sozialen Schichten das Einkommen der Frau nach der Scheidung gravierend und anhaltend abgesunken war 8 . Für Deutschland gilt auch grundsätzlich, dass “Armut weiblich ist”, wie Weitzmann 9 es sagte. Alleinerziehende Mütter stehen deutlich am unteren Ende der Einkommenspyramide. 45 % der alleinerziehenden geschiedenen Frauen (10 % der alleinerziehenden Männer) verfügen monatlich über weniger als 1000 DM Nettoeinkommen; nur 16 % der alleinerziehenden geschiedene Frauen (wohl aber 50 % der alleinerziehenden Männer) können mehr als 1800 DM im Monat erwerben. Jede fünfte alleinerziehende geschiedene Frau bezieht Sozialhilfe 10 .

1.2 Unterschiedliche gesellschaftliche Hintergründe des Rechts in Deutschland und Korea

Rechtswissenschaft bedarf der Einbeziehung der Sozialwissenschaften, denn die Kenntnis der Rechtswirklichkeit ist für die Rechtspraxis unverzichtbar, soll das Recht [Seite 3↓] seine soziale Funktion erfüllen 11 . Die sozialen Bedingungen und die Veränderung dieser Bedingungen beeinflussen die Gesetzgebung. Die gesellschaftliche Entwicklung beeinflusst das Familienrecht über den Wandel der Familien, der Scheidungsbedingungen sowie der Regelung der Scheidungsfolgen. Mit Hilfe eines differenzierten Vergleiches zwischen Korea und Deutschland versteht man das jeweilige Rechtssystem besser.

Auch der koreanische Wirtschaftsaufschwung der letzten Jahrzehnte und der gestiegene Lebensstandard haben die koreanische Gesellschaft stark verändert und ihr Rechtssystem beeinflusst. So wurde z.B. das koreanische Familienrecht mehrmals reformiert. Aber die veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse haben sich nicht so schnell im Recht wiedergespiegelt, weil das Recht und die Gesetze - in allen Ländern - meistens etwas “träger” sind als viele andere gesellschaftliche Bereiche. Auch im Rechtssystem gibt es einen ständigen “Kampf” zwischen verschiedenen Traditionen. Meistens verändern sich zuerst massenhaft moralische und andere Vorstellungen und erst danach die Gesetze.

In Bezug auf die finanzielle Versorgung der Ehegatten bzw. eines Ehegatten nach der Scheidung hatte es lange gedauert, die Interessen der sozial schwächeren Partner (meistens die Frauen) gesetzlich stärker zu berücksichtigen. Der Vermögensteilungsanspruch, den es in Korea seit 1991 gilt, verbessert die wirtschaftliche Lage der Frau nach der Scheidung in Korea. Diese Veränderung erfordert eine Reihe von konkreten Regelungen über den nachehelichen Unterhalt, den Versorgungsausgleich und die Hilfe für den sozial schwächeren Ehegatten.

Korea und Deutschland sind Industrieländer und beide zeigen eine ähnliche Tendenz in den Scheidungszahlen. Es gibt auch einige Bestrebungen, die Frauen am Arbeitplatz gleichzustellen und die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frauen nach der Scheidung zu ermöglichen. Allerdings ist die koreanische Gesellschaft noch fest in der Tradition der Unterordnung der Frau verwurzelt. Diese Unterordnung der Frau ist unter anderen ein Element des Konfuzianismus, der in der koreanischen Kultur und Geschichte eine große Rolle spielte und spielt. Der Konfuzianismus wurde aus China übernommen und im 14. Jahrhundert als Staatsreligion anerkannt und unter koreanischen Bedingungen weiterentwickelt. Heute spürt man den Einfluss des [Seite 4↓] Konfuzianismus nicht nur auf politischer und philosophischer Ebene, sondern auch im privaten Lebensbereich. Diese konfuzianische Ethik hat u.a. fünf sittliche Grundprinzipien für das Alltagsleben aufgestellt:

  1. Zwischen Herrscher und Untertan muss ein loyales Verhältnis sein.
  2. Zwischen Ehemann und Ehefrau muss Liebe und Gehorsam sein.
  3. Zwischen Älteren und Jüngeren muss Zuneigung und Respekt sein.
  4. Zwischen Freunden muss Treue sein.
  5. Zwischen Vater und Sohn muss Liebe und Verbindung sein12 .

Dabei wurde die Notwendigkeit der Unterordnung der einen Seite unter die andere (des Untertans unter den Herrscher, der Frau unter den Mann, der Jüngeren unter die Älteren usw.) je nach politischer Einstellung mehr oder weniger stark betont.

Man weiß, dass das Rechtsgefühl und die Rechtskultur der asiatischen Länder sich deutlich von denen der westlichen Länder unterscheidet. In Deutschland denkt man, “Gesetz ist Gesetz”, in Korea und anderen asiatischen Ländern denken viele in etwa: “Lass uns einen vernünftigen Weg ohne Gesetz finden” 13 . In Korea ist die Regelung von Streitigkeiten und Ansprüchen durch das Gesetz und durch gerichtliche Entscheidungen nicht so üblich wie in Deutschland und in anderen westlichen Ländern. In Bezug auf das Thema Scheidung kann man sagen, dass die Scheidung in der koreanischen Gesellschaft noch viel mehr als ein Unglück, als eine “Familienschande” gilt als in Deutschland. In Korea ist der Zusammenhalt der Familie immer noch eines der wichtigsten Dinge im Leben überhaupt.

1.3 Aufbau und Inhalt der Arbeit

Der Teil A der Arbeit ist die Einführung.

Der Teil B der Arbeit ist ein geschichtlicher Überblick der Entwicklung des Scheidungsrechts und der ehelichen güterrechtlichen Verhältnisse und behandelt die Folgen der jeweiligen güterrechtlichen Verhältnisse während der Ehe für die finanzielle Lage des geschiedenen Ehegatten in Korea und Deutschland.

Der Teil C handelt von der finanziellen Versorgung nach der Scheidung im deutschen und koreanischen Recht und von den möglichen güterrechtlichen [Seite 5↓] Auseinandersetzungen. Im Teil D der Arbeit werden die sonstigen Möglichkeiten in Bezug auf die materielle Versorgung nach der Scheidung im deutschen und koreanischen Recht dargestellt (z.B. Teilung des Hausrats und Wohnung).

Im Teil E werden weitere finanzielle Möglichkeiten nach der Scheidung diskutiert. Das deutsche Unterhaltsrecht und der Unterhalt nach der Scheidung in Korea werden dargestellt. In diesem Bereich sind Deutschland und Korea nicht direkt vergleichbar, weil es in Korea kein Gesetz über die nacheheliche Unterhaltszahlung gibt.

Im Teil F wird die Schmerzensgeldregelung bei der Scheidung im koreanischen Recht dargestellt, weil das Schmerzensgeld auch eine wichtige finanzielle Versorgungsmöglichkeit für den an der Scheidung nicht schuldigen Ehegatten ist. Im Bereich Schmerzensgeld als Scheidungsfolge spielt also das Verschuldensprinzip in Korea noch eine Rolle.


Fußnoten und Endnoten

1 Art. 6 GG; Art. 32 Abs. 1 Koreanisches Verfassungsrecht.

2 Hans Bertram, Lebensformen in Deutschland, Humboldt-Spektrum 2/94, S. 30-34.

3  Dabei ist jedoch zu beachten, daß ein Teil dieser Erhöhung durch die Vereinigung beider deutscher Staaten zustande kommt. Die Zahl von 1991 geht also von der größeren Bevölkerungzahl aus.

4 Henrich, Familienrecht, 1995, S. 140; Vgl. Statistisches Jahrbuch für die BRD 1993, S. 85.

5 Jahrbuch der Gerichtsstatistik Koreas, Justizverwaltungsbüro, 1960, S. 169; Cho, Mi-Kyung, Scheidung und Schmerzensgeld, 1991, S. 283.

6 Jahrbuch der Gerichtsstatistik Koreas, JVB, 1970, S. 264; Cho, Mi-Kyung, a.a.O., S. 283.

7 Jahrbuch der Gerichtsstatistik Koreas, JVB, 1990, S. 919; Cho, Mi-Kyung, S. 283.

8 Rottleuther- Lutter, Ehescheidung, Handbuch der Familien- und Jugendforschung, Band I, 1989, S. 618.

9 Zitiert in Fußnote 7; Vgl. Weitzmann, The divorce revoution: The Unexpected Social and Economic Consequences for Women and Children in America, 1985; Lee, Hwa-Suk, Revolution des Scheidungsrechts und Illusion der Gerechtigkeit ( Lee, Hwa-Suk hat den oben genannten Aufsatz von Weitzmann ins koreanische übersetzt), 1994, S. 269-310.

10 Rottleuther Lutter, a.a.O., S. 619; Vgl. Spanier/Casto, Adjustment to separation and divorce, 1979, S. 211-227.

11 Manfred Rehbinder, Rechtssoziologie, 1993, S. 9; Vgl. Andreas Heldrich, Die Bedeutung der Rechtssoziologie für das Zivilrecht, AcP 186 (1986), S. 74-114.

12 Won, Hye-Wook, Neue ambulante Maßnahmen im Jugendstrafrecht, 1996, S. 22.

13 Bernhard Großfeld, Kernfragen der Rechtsvergleichung, 1996, S. 8.



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08.03.2004