Choi, Soon-Young: Friedrich Nietzsches Moralkritik. Versuch einer Metakritik

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Kapitel 1. Einleitung: Warum wird die Moralkritik immer dringlicher in der Gegenwart?

„Warum tötest du mich --wie? Wohnst du nicht auf der anderen Seite des Wassers? Mein Freund, wenn du auf dieser Seite wohntest, wäre ich ein Mörder, und es wäre ungerecht, dich auf diese Weise zu töten, da du aber auf der anderen Seite wohnst, bin ich ein tapferer Mann und es ist gerecht.“ <1>

Solange die Menschheit in einer geschlossenen Gemeinschaft wohnte, wurde sie glücklicherweise vor der Skepsis an ihrer eigenen Moralität, Wahrheit und Sittlichkeit geschützt. Dagegen lebte Pascal in einer Zeit, in der er eine moralische Vorstellung seiner Gemeinschaft mit der einer anderern Gemeinschaft vergleichen konnte. Pascal kann deswegen ein moderner Denker genannt werden. Denn er hat einen Grundzug der Moderne (die Verschiedenheit der Werte) bemerkt. Wenn er in einer geschlossenen Gemeinschaft gelebt hätte, hätte er nicht die Chance gehabt, seine Skepsis zu erfahren. Also bezieht sich diese Skepsis nicht auf alle Zeiten, sondern sie ist ein spezielles Phänomen der Moderne. Darum kann Pascals Skepsis auch als ein spezielles Phänomen der Moderne betracht werden. In diesem Punkt hat Pascals Skepsis eine Bedeutung für unsere moderne Welt. Seine Skepsis ist immer noch aktuell. In moderner Zeit wird sich die geschlossene Gemeinschaft durch die Industrialisierung und die daraus erfolgende Internationalisierung sowie den wachsenden Verkehr mit anderen Völkern immer mehr der Welt öffnen. Dadurch gewinnt man die Möglichkeit, die Wahrheitsansprüche, Moralität und Sittlichkeit verschiedener Völker zu vergleichen. „Vieles, das diesem Volke gut hiess hiess einem andern Hohn und Schmach: also fand ich hier böse genannt und dort mit purpurnen Ehren geputzt.“ <2> So wird man auch von der engen Perspektive, die einem die eigene Gemeinschaft bietet, befreit. Dieses Phänomen wird von der Individualisierung und Globalisierung beschleunigt. In der Moderne betritt das Individuum die Bühne, das gegenüber seiner Gesellschaft Autonomie erworben hat. Durch die bürgerliche Revolution erkämpft der Bürger eine Autonomie, die der Mensch des Mittelalters nicht hatte. Wenn er gegen die mittelalterliche Gesellschaft eine eigene moralische Vorstellung behauptete, war dies schon ein Verstoß gegen die Gesellschaft. Dieser Verstoß wurde von der Gesellschaft verurteilt. Nachdem das moderne Individuum (der autunome Mensch) auf die Bühne getreten ist, hat der Mensch nun die Chance, die Verschiedenheit der Werte ernstlich zu bedenken.

Die Geburt des autonomen Menschen-mit Nietzsches Worten, des autonomen übersittlichen Individuums (G.M, 293)-kann als Befreiung des modernen Individuums von der alten sozialen Ordnung bewertet werden. Der moderne autonome Mensch muß viele Dinge selbst beurteilen und dabei auch eigene Verantwortung übernehmen. Dagegen braucht der vormoderne Mensch, der keine moderne Autonomie hat, meistenteils nur die angegebene soziale Konvention zu befolgen. Das moderne Individuum ist sowohl freier als sorgenvoller und einsamer. Es muß viele Entscheidungen selbst treffen, insofern es auf seine Autonomie nicht verzichten will. Im Moment der Entscheidung erfährt es die Einsamkeit. Also kann die Freiheit richtig genossen werden, wenn ein Individuum die Einsamkeit der Freiheit bewältigen kann. In diesem Sinne hat Nietzsche die Einsamkeit für eine Tugend des freien Geistes gehalten. (J.G.B, S.232 ) Die Freiheit hat nicht bedingungslos einen positiven Sinn.

Jedenfalls ist das moderne Individuum in der Lage, die verschiedenen Moralvorstellungen zu vergleichen. Dadurch entsteht die Skepsis an der Moral. Aber diese Skepsis wird nicht von allen erfahren. Um sie zu erfahren, braucht man einige intellektuelle Einsicht und auch geistigen Mut: geistige Redlichkeit, weil Skepsis an der eigenen Moral eher das Leben des Menschen benachteiligt. Denn das Leben benötigt eher einen festen Glauben als intellektuelle Skepsis, um gut gedeihen zu können. „Das Leben ist auf die Voraussetzung eines Glaubens an Dauerndes und Regulär-


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Wiederkehrendes gegründet.“ <3>

Um diese Sachlage der Moralforschung nicht zu übersehen, sollten wir einsehen, daß die Fragestellung zur Moral einen ganz anderen Sinn hat als die zum Naturgesetz. Das Naturgesetz wird durch die Fragestellung allmählich erklärt: der Prozeß von Hypothese zu Theorie. Die anfängliche Fragwürdigkeit wird nach und nach durch eine glaubwürdige Theorie ersetzt. Bei der Moralforschung wird der Prozeß umgekehrt. Durch die Fragestellung wird die Moral eher erschüttert als glaubhaft gemacht, die anfängliche Glaubwürdigkeit durch die Fragwürdigkeit ersetzt. Also bringt die Skepsis an der Moral geistige und kulturelle Verwirrung mit sich wie Pascals Leiden. Die Entstehung des autonomen Individuums hat auch einen Schatten, den wir leicht vernachlässigen. Nur wenigen Denkern, die die Moderne als Aufklärungsprozeß aufgefaßt haben, ist dieser dunkle Schatten zum ernsten Problem geworden. Denn die meisten waren zu optimistisch, um diesen Schatten ernst zu nehmen. Wir sollen deshalb den Prozeß der Individualisierung und der Autonomisierung sowohl als Befreiung als auch als Verwirrung begreifen. Kopernikus, Darwin, Freud und Einstein haben z.B die Menschen in Verwirrung gestürzt; die Erde, auf der wir wohnen, ist nicht mehr das Zentrum des Universums, der Mensch ist nicht mehr eine Gott nachgebildete Spezies, die Vernunft, mit der wir uns gerne von dem Tier unterscheiden, ist nicht mehr vertrauenerweckend, die Zeit und der Raum, worin unser Dasein liegen soll, ist nicht mehr etwas Absolutes. Darin liegt die philosophische Spannung des modernen Geistes und die Bedeutung der Philosophie Nietzsches.

Die der anderen philosophischen Tendenz angehörenden Denker, also die modernen Skeptiker, die diesen Schatten ernst genommen haben, sind entweder wieder zu ihrem alten Glauben zurückgekehrt (Pascal, Kierkegaard), wie Nietzsches zu der Ansicht: „Gott ist tot“ gekommen oder pessimistisch (Schopenhauer) bzw. zum zurückscheuenden Hedonisten (Montaigne) geworden, welche alle drei nach Nietzsche als nihilistisches Symptom gezeichnet werden können. Leider gehört dieses Problem nicht nur zur Vergangenheit. Wenn wir vorsichtig beobachten, taucht das gleiche Problem in unserer Gegenwart auf. Der moderne Geist befindet sich mitten in der Krise. Grob gerechnet, gibt es drei verschiedenen Reaktionen auf diese Krise.

Die erste Reaktion ist die Rückkehr zu irgend einem alten Sinnsystem, das unabhängig von einer Person eine Sinnorientierung geben kann, z.B. Religion, Moral und Sitte einer Gemeinschaft sowie Idole (eine Person, Gruppe, Staat oder Volksgemeinschaft). Aus diesem Grund kann man sagen, daß die Behauptung der ersten Reaktion nicht in der rationalen Basis des Individuums begründet liegt, sondern in der Begünstigung der Selbsterhaltung. „Das Urtheil ist ursprünglich nicht der Glaube, daß etwas so und so ist, sondern der Wille daß etwas so und so sein soll.“ <4>

Politisch gesehen, erscheint diese Reaktion als ein Konservativismus, der sich manchmal mit der Reformationsbewegung einer Religion verwickelt. Die starrköpfige Neigung zur eigenen Kultur und der instinktive Abscheu vor etwas Neuem und Fremden wurde durch die Angst bewirkt. Das ist ein psychologischer Hintergrund der Rechtsradikalen und Fundamentalisten. Sie wollen unbemerkt der Verwirrung ausweichen, die der moderne Entzauberungsprozeß mit sich bringt, indem sie zum Glauben der Vergangenheit und zu ihrem Eigensinn zurückkehren. Natürlicherweise ist diese Reaktion kurzsichtig, weil der Prozeß der Ausdifferenzierung, Internationalisierung und Individualisierung unwiderruflich ist, noch dazu überhaupt nicht negativ begriffen zu werden braucht. Sie ist auch politisch gefährlich, denn es ist selbstverständlich, daß der Abscheu vor dem Fremden die Koexistenz der Menschheit gefährdet und eine immanente Potenz des ständigen Zusammenstosses zwischen verschiedenen Kulturen und Personen enthält. Ihre Reaktion ist passiv, ängstlich und eigensinnig-Symptom des ‚passiven Nihilismus’ im Sinne Nietzsches. Der Geist der ersten Reaktion, der aus Angst die Tatsachen nicht richtig einschätzen kann, ist infantil. Er ist unfähig, den eigenen Willen von der Realität zu unterscheiden. Dieser Geist blockiert den Weg, zu vernünftigerem Denken zu gelangen. Er wagt nicht etwas Neues und Fremdes zu verstehen, sondern er bleibt in seinem geschlossenen Zimmer hocken. Dagegen ist das Wagnis unentbehrlich, damit die Menschheit gedeihen und sich besser verstehen kann. Ohne Wagnis ist die Weiterentwicklung des Menschen unmöglich. Daher hat Nietzsche das Wagnis für eine wichtige Tugend des freien Geistes gehalten. (F.W, S. 574) Das Wagnis besagt nicht, daß die Stabilität des Lebens unnötig ist, sondern daß ohne Wagnis die Menschheit nicht gedeihen kann und das gegenseitige Verständnis


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der Menschen beschwert wird.

Zur zweiten Reaktion gehören die modernen Skeptiker. Sie besitzen eine geistige Redlichkeit im Gegensatz zur ersten Reaktion. Aber sie leiden ironischerweise an dieser Redlichkeit, da es ihnen an einem ihr Leben rechtfertigenden Sinn fehlt-Symptom des ‚aktiven Nihilismus’ im Sinne Nietzsches. Über den Nihilismus wird noch ausführlich in Kapitel 3 und 7.1 geredet werden.

„Neue Werthe schaffen - das vermag auch der Löwe noch nicht: aber Freiheit sich schaffen zu neuem Schaffen - das vermag die Macht des Löwen. Freiheit sich schaffen und ein heiliges Nein auch vor der Pflicht: dazu, meine Brüder, bedarf es des Löwen.“ <5>

In der Gegenwart können wir das gleiche Symptom aus der anarchistischen Bewegung herauslesen, z.B. aus dem Avantgardismus und der Bewegung des l´art pour l´art. Sie haben alle den herkömmlichen Glaubensvorstellungen, die nach kritischer Überprüfung keinen klaren Grund haben, widerstrebt. Sie haben die Infantilität der ersten Reaktion überwunden. Aber sie haben noch keinen sich selbst rechtfertigenden Sinn geschaffen. Darum leiden sie daran, daß ihnen der Zweck dieser erworbenen Freiheit fehlt. Ohne Orientierung vagabundieren sie. Sie halten die Kunst für den einzigen Zweck. Aber wir müssen danach fragen, ob die Kunst ohne Bezug auf einen anderen Wert als einziger Zweck betrachtet werden kann. „Der Kampf gegen den Zweck in der Kunst ist immer der Kampf gegen die moralisierende Tendenz der Kunst, gegen ihre Unterordnung unter die Moral: l´art pour l´art heißt: „der Teufel hole die Moral“--Aber selbst noch diese Feindschaft verräth die Übergewalt des Vorurtheils; wenn man den Affekt des Moralpredigens und „Menschenverbesserns“ von der Kunst ausgeschlossen hat, so folgt daraus noch lange nicht, daß die Kunst überhaupt ohne „Affekt“, ohne Zweck“, ohne ein außeraesthetisches Bedürfniß möglich ist.“ <6> L´art pour l´art hat sich von dem Außerästhetischen (Moral, Religion, Nützlichkeit u.s.w.) befreit. Die Freiheit des l´art pour l´art und des Avantgardismus ist negativ: ein heiliges Nein (Z, S.30). Sie hat keine positive Eigenschaft. Es fehlt ihr ein heiliges Ja-sagen (Z, S.31). Darum leidet der Künstler des l´art pour l´art, wie der Löwe heult, an dem Schmerz. Das ist die Grenze dieser Freiheit wie die des Löwen. Im Gegensatz zu der ersten Reaktion hat die zweite die Tugend des Wagnisses und der Redlichkeit erworben. Aber sie hat die Stabilität ihres Lebens verloren, die die erste Reaktion negativ enthält. Wir treffen hier gegensätzliche Figuren beider Reaktion, die wir zu überwinden versuchen sollten.

In der dritten Reaktion gewinnt man endlich die Möglichkeit der Überwindung des Nihilismus. Aber diese Möglichkeit setzt immer voraus, daß man die zweite Reaktion völlig nachvollzogen hat. Hier wird alle Rückkehr zum früheren Glauben ausgeschlossen, und die Angst und das Leiden an der Relativierung der Wertorientierung werden dadurch überwunden, daß das ‚souveräne Individuum’ sich seinen eigenen Wert schafft. Bedauerlicherweise haben wir in unserer modernen Kultur kein Vorbild dafür, das man hier als Beispiel zitieren könnte. Das bedeutet, daß dieser neue Typus des Menschen geschaffen werden sollte. Diesem Projekt ist die ganze Philosophie Nietzsches gewidmet. Und das ist auch die Aufgabe derjenigen, die sich selbst gerne auf ihren freien Geist besinnen und gerne danach streben wollen. Wie wir gesehen haben, ist die Heraufkunft des Nihilismus notwendig, und damit wird auch dessen Überwindung notwendig. „Was ich erzähle, ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte. Ich beschreibe, was kommt, was nicht mehr anders kommen kann: die Heraufkunft des Nihilismus. Diese Geschichte kann jetzt schon erzählt werden: denn die Notwendigkeit selbst ist hier am Werk. Diese Zukunft redet schon in hundert Zeichen, dieses Schicksal kündigt überall sich an; für diese Musik der Zukunft sind alle Ohren bereits gespitzt.“ <7> Solange wir den immer noch wirkenden Schock des Nihilismus nicht überwinden können, können wir auch die daraus folgende Verwirrung und den Ekel unseres Daseins nicht abschaffen. Bei der Diagnose und Überwindung des Nihilismus ist Nietzsches Philosophie behilflich. Wie bei den vor


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liegenden drei Reaktionen und drei Verwandlungen des Geistes (vgl. Z, Von den drei Verwandlungen) ist der Begriff ‚Nihilismus’ ein Kern-Begriff, worauf Nietzsches Diagnose und Kritik sich gründen. Die kritische Überprüpfung dieses Begriffs ist deshalb unentbehrlich, wenn man überhaupt Nietzsches Kritik an Moral und Christentum behandeln möchte. Die Implikation von Nietzsches berühmtem Satz: „Gott ist tot“, wird erklärt, wobei Nietzsches Nihilismus-Begriff kritisch behandelt wird.

Ich befürchte, daß ich Nietzsches Philosophie durch die Systematisierung willkürlich verformen könnte, weil dieser immer einem System aus dem Weg gegangen ist. (N, 1887, S.450) Wir sollten nicht vergessen, daß die Welt immer reicher und breiter als die systematische Wissenschaft ist. Sie ist nur eine menschliche Abstraktion der Welt. Nietzsche schreibt immer im Stil des Aphorismus, nicht nur weil er ein ästhetischer Mensch ist, sondern weil er die Grenze der systematischen Wissenschaft, also die Grenze der Sprache gut erkannt hat. Ein Satz von Werner Stegmaier kann meine Zweifel besänftigen: „Man mußte ihn erst systematisch verstehen, um zu verstehen, daß er nicht systematisch verstanden werden wollte.“<8>


Fußnoten:

<1>

Blaise Pascal, Gedanken, S. 110, Wolfgang Rüttenauer (Hrsg.)

<2>

Friedrich Nietzsche, Z, S. 74. Alle Zitate von Nietzsche sind der KSA G. Colli & M. Montinari (Hrsg.) entnommen.

<3>

Friedrich Nietzsche, N 1887, 9[91]; 12, 385

<4>

Friedrich Nietzsche, N 1886/87, 7[3]; 12, 256

<5>

Friedrich Nietzsche, Z, S. 30

<6>

Friedrich Nietzsche, N1887, 9[119]; 12, 404-405

<7>

Friedrich Nietzsche, N1887/88, 11[411]; 13, 189

<8>

Werner Stegmaier, Nietzsches Genealogie der Moral, S. 9


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