Choi, Soon-Young: Friedrich Nietzsches Moralkritik. Versuch einer Metakritik

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Kapitel 2. Die Problemstellung mit Blick auf die Moral

Normalerweise glaubt ein Volk an seine eigene Moral als eine gegebene Wahrheit. Es glaubt sie nicht, weil sie, nach kritischer Prüfung, einen besseren logischen Grund als andere Moral hat. Hier kann man die Gegebenheit der Moral begreifen. Wie die Eigenschaft der Moralforschung in der Einleitung gezeigt hat, fängt die Moral mit der Glaubwürdigkeit an, im Gegensatz zu der Wissenschaft: Fragwürdigkeit. Wenn die Moral diese anfängliche Glaubwürdigkeit nicht hat, kann sie nicht existieren. Also wird Moral geglaubt, weil man daran lange geglaubt hat. Diese fraglose Gegebenheit der Moral hat Nietzsche der kritischen Prüfung unterzogen. Moral hat eine kulturelle und historische Bedingtheit, die meistens vergessen wird - es gibt auch einige Moralsysteme, die diese Bedingtheit anerkennen, z.B. der Ehrenkodex der Samurai und die kommunitaristische Moral. Hier wird hauptsächlich die Gegebenheit und Unbedingtheit der Moral kritisiert. Deshalb sind jene Moralsysteme ausgenommen. Genauer gesagt, ist Moral nicht gegeben, sondern wird gemacht. Die historische Entwicklung der Moral wird in diesem Kapitel behandelt.

Wir können verschiedene Moralvorstellungen finden, die eigene Ansprüche haben. Dadurch können wir den Widerspruch finden, daß der Anspruch einer Moral auf Allgemeinheit Unbedingheit fordert und die Verschiedenheit der Moralvorstellungen sich ausschließen. Natürlich ist es kein automatischer Prozeß, diesen Widerspruch zu begreifen, weil das Erkennen dieses Widerspruchs sich nicht nur auf den Logos des Erkennenden bezieht, sondern auch auf dessen Pathos: Tugend des Wagnisses und geistige Redlichkeit. Um diesen Widerspruch begreifen zu können, soll der Erkennende mindestens wahrhaftig und mutig sein. In diesem Punkt ist darüber nachzudenken, warum Nietzsche folgendes gesagt hat: „Ja es könnte selbst zur Grundbeschaffenheit des Daseins gehören, dass man an seiner völligen Erkenntnis zur Grunde gienge.“ <9> Durch den synchronen und historischen Vergleich der Moralvorstellungen kann dieser Widerspruch zum Vorschein kommen. Die beiden Vergleiche werden nur hier zum analytischen Zweck getrennt beschrieben. Zusammen helfen sie uns, kritischen Zweifel an der Moral zu erheben.

„Zeitalter der Vergleichung....Ein solches Zeitalter bekommt seine Bedeutung dadurch, dass in ihm die verschiedenen Weltbetrachtungen, Sitten, Culturen verglichen und neben einander durchlebt werden können; was früher, bei der immer localisirten Herrschaft jeder Cultur, nicht möglich war, entsprechend der Gebundenheit aller künstlerischen Stilarten an Ort und Zeit.“ <10>

2.1 Der synchrone Vergleich

Es ist nicht so schwer, in unserem Alltag die Moralvorstellungen räumlich zu vergleichen. In einer modernen Stadt wohnen verschiedene Völker zusammen, die jeweils eigene Sitten und Moralvorstellungen haben. Jeder behauptet, daß seine eigene Moral die Beste oder zumindest besser als die anderen ist. „Vieles, das diesem Volke gut hiess hiess einem andern Hohn und Schmach: also fand ich hier böse genannt und dort mit purpurnen Ehren geputzt.“ <11> Aber wir sollten uns fragen, mit welchem Grund man so etwas behaupten kann. Man kann gleich ersehen, daß es an der klaren Begründung fehlt. Denn eine Moral wird nicht deshalb geglaubt, weil sie einen besseren logischen Grund als die anderen hat, sondern weil sie einfach lange Zeit geglaubt wurde. Hier erscheint die Moralität als Resultat ihrer Umgebung, ihres Standes, ihrer Kirche, ihres Zeitgeistes, ihres Klimas und Erdstriches (J.G.B, S. 106). Durch die Fragestellung ist die genealogische Bedingheit der Moral zum Vorschein gekommen. Damit wird die unbedingte Glaubwürdigkeit der Moral erschüttert. Die vergessene genealogische Bedingtheit der Moral wird enthüllt. Aber wir müssen auch fragen, ob diese Bedingtheit eine Möglichkeit der universalen Moral ausschließt, ob der Kantische Wille zum allgemeinen Gesetz (Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft, S. 51) nur eine Behauptung ist. Die genealogische Bedingtheit der Moral beeinträchtigt nicht die Möglichkeit einer universalen Moral. Das ethische Problem Sokrates kann nicht bloß auf das griechische Pro


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blem zurückgeführt werden. Sonst kann man nicht die gegenwärtige Aktualität Sokrates Ethik erklären. Dazu fordert Realität eher universale Moral, damit man unter den verschiedenen Meinungen einen Kompromiß schließen kann. Darum darf man nicht übertreiben, daß Moral, wie Kultur, vollkommen geographisch bedingt ist. Eine Moral hängt zwar eng mit der Kultur zusammen, ist jedoch nicht bloß ein Teil der Kultur. Eine eigene Ebene der Ethik existiert doch über die Kulturebene hinaus. Sie ist nicht bloß ein kulturelles Phänomen. Deshalb kann die Ethik der metaphysischen Untersuchung gehören. Wenn Nietzsche die Möglichkeit der metaphysischen Ethik verneint, ist seine Kritik an der Moral übertrieben. Im Gegenteil, nachdem Nietzsche die genealogische Bedingtheit der Moral erklärt hat, nimmt er in seinem freien Geist metaphysische Ansprüche in seiner Ethik wieder auf. (In Kapitel 7.3: Die Tugend des freien Geistes, wird dies gründlich behandelt.) Nietzsche hat die kulturelle und metaphysische Ebene der Moral nicht klar unterschieden. Das verwirrt uns, als ob die Moral auf die Kulturebene zurückgeführt werden könnte, als ob die Metaphysik keinen Bezug auf die Moral hätte. Um diese Verwirrung zu vermeiden, muß man beide Ebenen unterscheiden. Die geographische Bedingheit der Moral sollte nicht verallgemeinert werden. Sonst wird Nietzsches freier Geist ein Selbstwiderspruch.

2.2 Der historische Vergleich

Um die Moralvorstellungen zeitlich zu vergleichen, sollte man nicht nur wahrhaftig sein, sondern man sollte auch das historische Wissen über die Entwicklung der Moralvorstellungen zur Verfügung stellen. Der Aphorismus 32 in J.G.B ist ein gutes Beispiel dafür. Nietzsche hat anhand eines Maßstabes drei Perioden, mit dem man die Handlung moralisch beurteilt, unterschieden: die vormoralische Periode, die moralische Periode und die aussermoralische Periode. In der ersten Periode wird der Wert der Handlung aus ihren Folgen abgeleitet. In der zweiten Periode dagegen wird die Folge als Maßstab des moralischen Urteils durch die Herkunft der Handlung, die in der Absicht gesucht wird, ersetzt. In der letzten Periode wird die Absicht der Handlung nicht als die Herkunft vorgestellt, sondern bloß als ein Zeichen und Symptom begriffen, und das der Auslegung bedarf und für sich allein fast nichts bedeutet. (Nietzsches Kritik an der Absichten-Moral spielt eine wichtige Rolle in seiner Moralkritik. Diese Kritik der Absichten-Moral wird gründlich im Kapitel 5.5: Die Kritik des freien Willens und die Unverantwortlichkeit der moralischen Handlungen, behandelt).

Diese historische Analyse bezieht sich zwar nicht auf die konkrete Historie, aber sie zeigt mindestens, daß sich die Moral im Lauf der Zeit verwandelt. Diese Analyse bedeutet, daß die Moral nicht eine Tatsache, sondern eine menschliche Interpretation der Handlung ist. Das besagt, daß es kein ’Gut an sich und Böse an sich‘ gibt. Aber wenn die Moral bloß eine Interpretation menschlicher Handlung wäre, würde die Moral ihre Autorität verlieren. Eine Moral wird verehrt, insofern sie als Wahrheit gilt. Moral kann überleben, wenn sie etwas Wahres über die Interpretation hinaus enthält. Wenn die Moral bloß eine Interpretation wäre, sollte Ethik sich auf die Analyse dieser Interpretation beschränken und dürfte nicht ethische Anweisungen geben, weil Interpretation nichts mit der wahren Handlung zu tun hat. Obwohl Moral sich historisch wandelt, dürfen wir nicht damit abschließen, daß Moral auf Interpretation zurückgeführt werden kann. Moral kann von der historischen Bedingtheit nicht vollkommen erklärt werden. Das Studium der griechischen Ethik ist z.B. nicht bloß eine archäologische Arbeit. Jedenfalls bezieht es sich auf aktuelle Realität. Wie im Kapitel 2.1. sollte hier auch die metaphysische Ebene der Moral anerkannt werden. Die geographische und historische Bedingheit der Moral Nietzsches sollte nicht übertrieben werden. Der freie Geist kann nur existieren, wenn er über diese Bedingtheit hinaus etwas Moralisches enthält. Denn wie sollten wir Nietzsches Kritik an der Bedingtheit der Moral verstehen? Hat Nietzsche scheinbar die Allgemeinheit der Moral kritisiert, damit er noch klarer seine ethische Aufgabe (Freier Geist) formulieren kann? Dies gilt unabhängig davon, ob er diesen Tatbestand gewußt hat oder nicht.

2.3 Die Genealogie der Moral

Im Gegensatz zu den synchronen und historischen Vergleichen, die uns den Widerspruch der Moral indirekt vor Augen geführt haben, untersucht die Genealogie diesen Widerspruch direkt in der Herkunft einer Moral, indem sie die Moralität von der Immoralität ableitet. (Wir werden die immoralische Herkunft der Moralität im Kapitel 5.4: Die Rolle der Gewalt für die Gestaltung des moralischen Menschen: die Genealogie des Schuldbewußtseins und des schlechten Gewissens, deutlich


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sehen).

Nicht nur Nietzsche hat versucht, eine Sache durch ihre Herkunft zu erklären, sondern zum Beispiel auch die üblichen historischen oder ethnologischen Untersuchungen. Um die Einzigartigkeit der Genealogie Nietzsches zu erkennen, müssen wir begreifen, was die historische Untersuchung der Genealogie bedeutet. Diese Einzigartigkeit wird dadurch klar, daß wir die Genealogie von der üblichen historischen Untersuchung unterscheiden. Mit der Antwort auf diese Frage wird die Bedeutung der Genealogie Nietzsches ans Licht kommen. Gewöhnlich versucht man etwas mit dem Wissen der Herkunft zu erklären, das heißt, um die Gegenwart besser zu verstehen, untersucht man die Vergangenheit. Hier setzt man voraus, daß es zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart eine unveränderliche Kohärenz gibt. Aber wenn es überhaupt diese Kohärenz geben könnte, muß ein Wesen der Historie auch vorausgesetzt werden, das zeitlich, also historisch nicht begrenzt ist und sich immer seine Identität bewahrt. Aber nach der Genealogie Nietzsches gibt es kein solches Wesen in der Welt, das von Kampf um die Überwältigung befreit wäre. „Entwicklung eines Dings, eines Brauchs, eines Organs ist demgemäss nichts weniger als ein progressus auf ein Ziel hin, noch weniger ein logischer und kürzester, mit dem kleinsten Aufwand von Kraft und Kosten erreichter progressus, sondern die Aufeinanderfolge von mehr oder minder tiefgehenden, mehr oder minder von einander unabhängigen, an ihm sich abspielenden Überwältigungsprozessen, hinzugerechnet die dagegen jedes Mal aufgewendeten Widerstände, die versuchten Form-Verwandlungen zum Zweck der Vertheidigung und Reaktion, auch die Resultate gelungener Gegenreaktion.“ <12> Hier treffen wir einen wichtigen Begriff von Nietzsches Philosophie, den ‚Willen zur Macht.’ Alles ist Nietzsche zufolge im Kampf zu mehr Macht. Nichts kann außer diesem Kampf sein: „Aller Sinn ist Wille zur Macht (alle Beziehungs-Sinne lassen sich in ihn auflösen).“ (N, 1885/86, 2[77];12, 97) Die Interpretation eines Geschehens oder eines Dinges ist deshalb ein Ausdruck dieses Kampfes, und Interpretation ist selbst ein Kampf, die mit diesem Kampfprozeß zusammenhängt. In der genealogischen Welt existieren der Allmächtige und der ewige Sieger nicht. Der Kampfprozeß wird endlos fortgesetzt. Nach Nietzsche sind Interpretation und Position eines Dinges immer veränderlich. Darum kann eine ewig unveränderliche Interpretation nicht existieren. Nietzsches genealogische Weltanschauung basiert auf Nietzsches Weltkonzeption: die Welt als Werden und Wille zur Macht. Genealogie hängt also eng mit anderen philosophischen Begriffen Nietzsches zusammen: das Werden, der Wille zur Macht. Genealogie ist anti-teleologisch, weil sie das unveränderliche Wesen verneint. Im theologischen Gedanke ist dieses Wesen der Kern der unveränderlichen ewigen Wahrheit: „Ich bin das A und das O, spricht Gott der Herr, der da ist und der da war und der da kommt, der Allmächtige.“ (Offenbarung 1:8). Die Genealogie versucht die Historie, die das Christentum und die Metaphysik mit dem ursprünglichen unveränderlichen Wesen verformt haben, zu restaurieren, indem sie die Historie zum Werden zurückbringt. „Der historische Sinn -- und hierin praktiziert er die >wirkliche Historie< - führt alles wieder dem Werden zu, was man am Menschen für unsterblich gehalten hat.“ <13>

Der Genealoge verfolgt die Herkunft nicht, um dem Ursprung nachzuspüren, der von Anfang her auf alles Geschehen sein Licht ausstrahlt und ihm einen Sinn gibt, sondern er erschüttert eher die scheinbare Identität, die wir hinter der Historie und dem Geschehen suchen. Der Genealoge versucht nicht die bewahrte Identität des Ursprungs zu finden, sondern er findet die Unstimmigkeit der verschiedenen Anderen. Zwei gegensätzliche Prinzipien können hier gegenüber gestellt werden: die genealogische Unstimmigkeit der Anderen gegen die Identität des Wesens. (Nietzsches genealogische Gleichsetzung moralischer Geltung mit ihrer Entstehungsgeschichte wird in Kapitel 5.2 kritisch behandelt.) Zusammengefaßt ist die Genealogie anti-substantiell und anti-teleologisch. Deshalb darf die Genealogie nicht bloß auf eine wissenschaftliche Methodologie beschränkt werden, weil wir bei ihr viele wichtige philosophische Gedanken Nietzsches bemerken können: das Werden, den Willen zur Macht, die Möglichkeit der Umwertung aller Werte. Die ersten beiden haben wir schon betrachtet, wie sie von der Genealogie angedeutet werden. Dann soll die Frage, wie die Genealogie die Möglichkeit der Umwertung aller Werte andeuten kann, beantwortet werden. Warum versucht die Genealogie die Identität der Historie zu erschüttern, die doch mindestens dem Menschen das Gleichgewicht ihres Daseins gibt, gleichgültig ob sie falsch oder richtig ist? Ist der Genealoge ein boshafter Mensch, der darin seinen Spaß sucht, daß er den Menschen weh tut? Wahrscheinlich nicht. Hiermit sollen wir danach fragen, warum Pascal und die anderen wahrhafti


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gen Moralisten Pessimisten geworden sind. Sie sind pessimistisch geworden, da sie durch den Vergleich der Moralvorstellungen nicht mehr den Sinn der Welt und des Lebens finden konnten. Sie erfuhren nur die Verderbnis der Vernunft und der Welt. Sie sind unfähig einzusehen, daß der Sinn der Moral und der Welt eine Interpretation ist, die durch den Kampfprozeß des Willens zur Macht entsteht. Sie wurden dadurch Pessimisten, daß sie nach dem Sinn der Welt gesucht, ihn aber nicht als eine Interpretation, nicht einmal das daraus folgende auf das Schaffen der Werte bezogene Problem verstanden haben. „All die Schönheit und Erhabenheit, die wir den wirklichen und eingebildeten Dingen geliehen haben, will ich zurückfordern als Eigentum und Erzeugniß des Menschen: als seine schönste Apologie. Der Mensch als Dichter, als Denker, als Gott, als Liebe, als Macht--:oh über seine königliche Freigebigkeit, mit der er die Dinge beschenkt hat, um sich zu verarmen und sich elend zu fühlen! Das war bisher seine größte Selbstlosigkeit, daß er bewunderte und anbetete und sich zu verbergen wußte, daß er es war, der das geschaffen hat, was er bewunderte.“ <14>

Wie wir gesehen, lehnt die Genealogie das unveränderliche Wesen der Historie entschieden ab, nicht um Pessimismus zu verbreiten, sondern um den Weg zu eröffnen, den Pessimismus durch das Schaffen der neuen Werte zu überwinden. Damit bietet uns die Genealogie eine Ansicht jenes freien Raumes, wo wir eine Umwertung aller Werte schöpferisch wagen können. „Die Genealogie der Moral kann und soll, wie schon Also sprach Zarathustra, nicht vorhersagen oder fordern, was aus dem Menschen werden wird. Sie kann und soll nur zeigen, daß aus ihm noch anderes werden kann, als er jetzt ist, und dazu zeigt sie, daß er schon einmal anders gewesen sein könnte, als er jetzt ist. Durch die Genealogie als Kritik wird also nicht schon ein neues Ideal des Menschen gewonnen, sondern mit Hilfe eines Gegen-Ideals ein Spielraum gegenüber dem alten Ideal eröffnet, in dem sich der Mensch dann zu einem neuen Ideal entscheiden kann.“ <15> Die Genealogie gibt uns die Einsicht, daß alles im Kampf liegt. Sie besagt, daß alles veränderlich ist. Diese Einsicht zeigt schon die Möglichkeit der neuen Umwertung.

Bisher haben wir nicht nur den Widerspruch der Moral getroffen, sondern auch den Widerspruch zwischen der Erkenntnis und dem Leben (vgl. Zitat 1), der auch untersucht werden soll. Mit dem Erkennen dieses Widerspruches ist uns eine wichtige Frage gestellt worden: ob das Leben bedroht werden kann zugunsten der wahrhaftigen Erkenntnis, die nach Nietzsche eigentlich dem Leben dienen soll, und ob auf die wahrhaftige Erkenntnis verzichtet werden soll zugunsten des irrtümlichen Lebens. Statt direkt diese Frage zu beantworten, möchte ich die darauf bezogene Frage Nietzsches stellen: „Inwieweit verträgt die Wahrheit die Einverleibung?“ <16> Diese Frage spielt auf zwei wichtige Bedeutungen an. Erstens auf die Kritik Nietzsches an der Metaphysik: Philosophieren am Leitfaden des Leibes. Der Prozeß der menschlichen Wahrnehmungen kann nicht über den Leib hinaus gehen, wie die Metaphysiker glauben. Die Bedeutung des Leibes und die damit verbundene Kritik der Metaphysik in der Philosophie Nietzsches wird im Kapitel 5.3: Nietzsches Kritik der Metaphysik im Hinblick auf den Anti-Intellektualismus: erkenntnistheoretische Betonung der Einheit des menschlichen Daseins als metaphysischer Zwiespalt zwischen Geist und Körper, eingehend untersucht. Zweitens auf den Spielraum der Experimental-Philosophie: „Inwieweit verträgt die Wahrheit die Einverleibung?--das ist die Frage, das ist das Experiment“ <17> Dieses Thema wird im Kapitel 7.3: Die Tugend des freien Geistes, ausführlich vorgestellt. Durch diese zwei Untersuchungen nähern wir uns der Perspektive, in der die Möglichkeit der Auflösung des Widerspruches zwischen der wahrhaftigen Erkenntnis und dem Leben sichtbar wird.


Fußnoten:

<9>

Friedrich Nietzsche, J.G.B, S. 56-57

<10>

Friedrich Nietzsche, M.A.M, S. 44

<11>

Friedrich Nietzsche, Z, S.74

<12>

Friedrich Nietzsche, G.M, S. 314-315

<13>

Michel Foucault, Nietzsche, die Genealogie, die Historie. in Michel Foucault, Von der Subversion des Wissens, S. 79

<14>

Friedrich Nietzsche, N 1887/88, 11[87]; 13, 41

<15>

Werner Stegmaier, Nietzsches Genealogie der Moral, S. 66

<16>

Friedrich Nietzsche, F.W, S. 471

<17>

Ebd.


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